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-*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 50525 ***
-
-FRIEDRICH NIETZSCHE
-
-IN SEINEN
-
-WERKEN
-
-VON
-
-LOU ANDREAS-SALOMÉ.
-
-MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.
-
-
-ZWEITE AUFLAGE.
-
-
-MOTTO:
-
-
-NIETZSCHES WAHLSPRUCH:
-
-»Increscunt animi, virescit volnere virtus.--«
- Furius Antias bei Gellius.
-
-
-VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN
-
-(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.
-
-
-
-
-Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem
-inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch
-mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in
-unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.
-
-Lou Andreas-Salomé.
-
-
-
-
-IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET
-
-EINEM UNGENANNTEN
-
-
-
-
-INHALTS-VERZEICHNISS.
-
-
-
-Sein Wesen
-
-Seine Wandlungen
-
-Das »System Nietzsche«
-
-
-[Illustration]
-
-
-Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.
-
-
-
-
-I. ABSCHNITT
-
-SEIN WESEN.
-
-
-
-MOTTO:
-
-»Der Mensch mag sich noch so
-weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,
-sich selber noch so objectiv Vorkommen:
-zuletzt trägt er doch Nichts davon,
-als seine eigene Biographie.«
-
-(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)
-
-
-
-»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen
-wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas
-zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber
-sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner
-Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden
-Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist
-es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit
-an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die
-sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für
-sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein
-eignes Selbst in Gedanken umsetzte.
-
- * * * * *
-
-Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem
-vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:
-
-
- »Ich kenne mancher Menschen Sinn
- Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!
- Mein Auge ist mir viel zu nah--
- Ich bin nicht, was ich seh und sah.
- Ich wollte mir schon besser nützen,
- Könnt' ich mir selber ferner sitzen.
- Zwar nicht so ferne wie mein Feind!
- Zu fern sitzt schon der nächste Freund--
- Doch zwischen dem und mir die Mitte!
- Errathet ihr, um was ich bitte?«
-
- (Scherz, List und Rache 25.)
-
-
-
-Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch
-den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse
-für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und
-inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz
-besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen
-überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer
-Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den
-Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was
-jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres
-Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits
-von Gut und Böse 6.)
-
-Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden
-Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den
-ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit
-enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und
-einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das
-eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe
-der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander
-folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus
-ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.[1] Es
-handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von
-Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine
-Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem
-Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der
-rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein
-persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt
-werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten
-sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen
-wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen
-vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner
-Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht
-in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch
-begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen
-Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit
-redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,
-aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches
-äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der
-würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher
-der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er
-nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein
-so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund,
-und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen,
-aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen
-bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein
-Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu
-zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung für
-Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie.
-
-Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend
-ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind,
-theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so
-ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu
-unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner
-Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand,
-zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite
-Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren,
-welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem
-Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und
-Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von
-Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand.
-Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen
-Lärm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen
-und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht
-übersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch
-tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn
-zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit,
-doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der
-Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur
-Lob--« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm
-wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit
-und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat
-diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen
-Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem
-ungeheuren Wahn zusammenbrach.
-
-Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten
-preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren
-Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel
-gehoben,--ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf
-den Lippen:
-
-
- »Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen,
- aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die
- ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine
- Gedanken.«
-
-
-_Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der
-einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo
-sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung
-empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student
-der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der
-berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich
-unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm
-im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt
-Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er
-1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen
-lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut
-gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität
-Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen
-Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche
-erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche
-Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig
-verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen
-Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen
-in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,--einer
-Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,--an welcher noch
-andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob
-Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen
-Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an
-sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu
-voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer
-habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten
-Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz
-Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den
-beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach
-Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler
-Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss
-seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner
-einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später
-seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach
-Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als
-freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten
-drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch
-wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will
-man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken,
-so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben
-erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank,
-dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab
-verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem
-Tode nahe war.
-
-»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich
-gequält,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine
-Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem
-Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre
-zugebracht hat.
-
-Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von
-Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom
-war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin
-der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners)
-zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon
-damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem
-kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger
-brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf
-starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine
-Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium
-und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem
-führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in
-Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner
-Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.
-
-Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam
-beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt:
-so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen
-haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich
-entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und
-Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit
-der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher
-zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache
-in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt
-umfassen:
-
-Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel;
-diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig
-zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und
-mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik
-Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in
-welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung
-Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches,
-Allzumenschliches« übersandte.
-
-Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul
-Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der
-Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke
-Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.
-
-Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre
-lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser
-Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich
-zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als
-ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt,
-sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene
-Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm
-angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch
-seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.
-
-Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur
-und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum
-ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als
-Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von
-Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.
-
-Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche
-inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die
-Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere,
-am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher
-der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten
-Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb,
-was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene,
-die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke
-Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen
-Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner
-überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit
-den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar
-konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen
-Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart
-fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose
-Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei
-er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer
-diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das
-Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön
-und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen,
-waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie
-seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in
-»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine
-unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden,
-wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten
---als ob die Hand kein Verräther wäre!--.«[3]
-
-Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen
-sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen
-vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer
-eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick
-streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz
-besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere
-Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres
-zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit über die
-nächsten Gegenstände hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere
-wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung
-nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten
-Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits
-von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er
-sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu
-Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen
-und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach
-die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen
-Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er
-mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen
-erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank.
-
-Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte
-auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser
-Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen,
-wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im
-Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an
-der _Verkleidung_,--Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes
-Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten
-Male sprach,--es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche
-zu Rom,--während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm
-mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem
-Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der
-aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr
-bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst
-hat: »Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lässt, kann man
-fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken?
-Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht
-die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«
-
-Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher
-Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich
-stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.
-
-In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein
-zum Schein,--zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe
-nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche
-zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als
-Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst
-eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches
-II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich
-theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter
-der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie
-entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber
-noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er
-»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter
-seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet
-eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von
-den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut
-und Böse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhüllen.
-
-In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche
-in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es,
-welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt.
-»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht
-eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine
-Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).
-
-»Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole
-Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- --« »Zur Erholung? Zur
-Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich
-bitte-- --« »Was? Was? sprich es aus!--»Eine Maske mehr! Eine zweite
-Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).
-
-Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als
-seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf
-sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen
-Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner
-Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein
-immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein
-Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die
-Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist
-tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren,
-nicht an Maskirung denken lässt--: und doch nimmt er sie gerade
-ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid
-und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu
-der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt:
-»--bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu
-gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),--und endlich bis zu
-einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz
-in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner
-letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit
-versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns
-nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken
-und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem
-geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt:
-»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus
-Sils-Maria.)
-
-Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen
-Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns
-anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trägt
-er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich,
-wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es
-drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein
-seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde
-schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)
-
-»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer
-deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand,
-in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele
-Opfer dafür bringen können.«
-
-Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie
-möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein _körperliches
-Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr
-mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu
-Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.
-
-Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszüge
-in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt,
-je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes
-wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich _gegebenes
-Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine
-_gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein
-physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit,
-reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so
-unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie
-einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er
-einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus
-Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass
-Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während bei
-mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehören und nicht, wie bei Ihnen,
-zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«
-
-Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten
-Aphorismen über den _Werth des Leidens für die Erkenntniss_.
-
-Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des
-Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge
-solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch
-wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig
-eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der
-vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen
-und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer
-wieder auch dem Geiste neu werden,--»_neu schmecken_« nennt er es
-einmal höchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch für das
-Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der
-Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil _eine Nacht_
-es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm
-zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um
-ihn,--und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.
-
-Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen
-Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle,
-so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger
-hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes
-betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des
-Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner
-natürlichen Grösse entgegenwächst,-- nicht den Wandlungen des
-_Wachsthums_: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast
-rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes
-nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an
-Gedanken und einem Genesen an Gedanken_.
-
-Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus
-dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue
-Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat
-er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da
-ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein
-unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen
-Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt.
-»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche
-im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine
-Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen,
-reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist
-fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht
-umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8)
-geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber
-eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses
-Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte
-Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es
-am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber
-ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne
-Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt
-zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das
-schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss
-nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also
-sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,--
--- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre
-Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen
-des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist,
-List, Grösse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden,
-unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von
-Gut und Böse 225.)
-
-Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig
-hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben
-in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen
-und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus
-dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben
-müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu
-höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber
-nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss
-verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier
-gehört,--wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,--»das
-Leiden zur Sache«.
-
-Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren
-Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand
-einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten
-Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als
-des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des
-»Einzelnen« ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend
-welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet
-viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »_Selbsterduldung«_.Betrachtet
-man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann
-liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es
-verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn
-Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker
-braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der
-Wanderer und sein Schatten 249.)
-
-Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste
-Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder
-heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom
-Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme!
-brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist,
-und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von
-Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf
-den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten
-Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich
-nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,--weil es mich nicht
-halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer
-Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst
-sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe
-hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)[5]
-
-Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der
-Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für
-die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied
-von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst
-bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen
-Sieg verwundet und gehemmt.«
-
-Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben,
-nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der
-_Ueberzeugungstreue_[6] ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen
-nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten
-(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass
-wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der
-Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten
-aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen
-Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten
-Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug
-gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind
-nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch
-Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht
-als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese
-Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger
-Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue
-Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets
-gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche
-Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der Geist ist es, der uns
-rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.-- --Vom Feuer
-erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung
-zu Meinung,-- --als _edle Verräther_ aller Dinge.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 637.) »--wir _müssen_ Verräther werden,
-Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich
-selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in
-dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte
-er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art
-seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in
-Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich
-allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Gräber sind, gibt es
-Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra;« (II 46)--Er, zu dem das
-Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das,
-was sich immer selber überwinden muss« (II 49).[7]
-
-Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht,
-wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können
-wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade
-hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts
-anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser
-wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung
-seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als
-solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre
-eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so
-verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild
-zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen
-Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht.
-Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo
-Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet
-wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in
-einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und
-der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen
-nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller
-Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und
-sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein
-Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein
-geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit
-seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in
-eingehenden Gesprächen darüber.
-
-Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche,
-deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander
-stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und
-Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe
-verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande
-der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen
-Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein
-Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier
-die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren
-Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben
-in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle
-leben würden;--die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in
-eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine
-Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen
-her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann,
-die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher
-Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den
-zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht--die
-Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den
-tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich
-feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der
-Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit einer Selbstbehauptung als_
-Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt
-wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner
-späteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit
-eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden
-und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des
-_Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit
-riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: »Unsere Mängel
-sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, II 86).
-
-»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten
-Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich
-füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb,
-und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen
-scheinen:
-
-»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen
-Allentwicklung,--ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther!
-Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9]
-
-Weiter: »Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel
-erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt.
-Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«
-
-Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich
-böse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_.« Das Wort
-»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des
-landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen
-werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine
-solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer
-Menschenseele,--dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten«
-nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege
-einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes
-bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen
-da: Innenkrieg = Décadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit
-zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es
-sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.
-
-Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die
-heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des
-_handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den
-Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.
-
-Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte,
-der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen
-Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester
-zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen.
-Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt,
-enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist
-ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts
-erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner
-Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem
-Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was
-ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht
-entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.
-
-Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen
-Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält,
-lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter
-das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der
-Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie
-betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine
-Zwecke,--für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben
-ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft
-seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen
-unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst
-freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber
-ist es ihm:
-
-
- »Scharf und milde, grob und fein,
- Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,
- Der Narren und Weisen Stelldichein:
- Dies Alles bin ich, will ich sein,
- Taube zugleich, Schlange und Schwein!«
-
- (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)
-
-
-Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott,
-Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen,
-denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder-
-und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die
-geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --«.
-(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche
-»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die
-_umfänglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
-schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im
-weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am
-süssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge
-ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --.« (Also
-sprach Zarathustra III 82.)
-
-Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn«
-(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu
-entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn
-man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit
-zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass
-man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine
-Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das
-Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und
-Rache 33):
-
-
- »Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!
- Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,
- Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
- In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.
- Von ferne her mich endlich heimzulocken,
- Mich selber zu mir selber--zu verführen.«
-
-
-Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den
-Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene;
-denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem
-Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von
-den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner
-eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und
-Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte
-vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht
-es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem
-Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der beständig
-ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;
-der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von
-_seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen_ getroffen wird.« (Jenseits
-von Gut und Böse 292.)
-
-Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern
-ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die
-Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
-hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde--) ihr Spiel
-getrieben haben mögen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne
-von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und
-als berechtigten _Herrn_ aller übrigen Triebe darstellen möchte.
-Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und _als solcher_ versucht er zu
-philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).
-
-Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes
-Zeugniss dafür ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung
-die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind«
-(ebendaselbst).
-
-Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine
-Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine
-rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen
-Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von
-ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen.
-Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit
-gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber
-sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern
-und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie
-werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen
-und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer
-Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg
-zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines
-sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.
-
-Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr
-bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und
-Tiefe seiner Natur ausdrückt,--die Lust, die daraus entspringt, dass
-er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche
-Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg
-gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in
-meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz
-hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht
-gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht
-aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können?
-sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«
-
-Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249)
-der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des
-Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine
-Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches
-durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit
-_seinen_ Händen greifen möchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch
-zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt
-gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in
-hundert Wesen wiedergeboren würde!«
-
-Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der
-unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug:
-»Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,--
--- -- -- so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe
-169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert,
-sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man
-muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären
-zu können«,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die
-zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten
-Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem
-Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und
-sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet
-sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist
-gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«
-
-Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger,
-also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich
-gleichsam in ihr verbrennen lässt,--alle ihre Neigungen als Brennstoff
-in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht,
-wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches
-Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen
-Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich
-auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt,
-innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man
-kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen
-sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt,
-bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich
-in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und
-Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen
-werden.
-
-Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen
-hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter,
-so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,«
-sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist sein
-typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder
-aufrichtete, über sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in
-sich selbst überschlug und zu Grunde ging.
-
-Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen
-Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag
-auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung
-verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte
-vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss,
-müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen
-Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit
-grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was
-Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu
-beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_
-für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für
-ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf
-solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er
-am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen:
-alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige
-Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem
-Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach
-erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der
-Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung
-geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich
-selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu
-ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten
-Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht,
-kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward
-ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47),
-und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«[10] (Also sprach
-Zarathustra II 2). »_Sich Schmerzen machen_. Rücksichtslosigkeit des
-Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung,
-welche Betäubung begehrt.« Menschliches, Allzumenschliches I 581.
-
-Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende,
-welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug
-für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich
-gegenseitig,--beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche
-_Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.
-
-Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten
-Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die
-Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten
-Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel
-aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_
-der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich
-alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit
-wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig
-wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit _umfasst_,
-so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das
-gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt:
-der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst
-wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen
-Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie
-hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt,
-eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe
-der Trennung erweckt den _Schein_, als läge das Ziel aller Regungen
-_ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte
-begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und
-ihrem Zwiespalt zu entlaufen.
-
-Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von
-Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen
-Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick,
-zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das
-Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung
-erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem
-der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_,
-die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des
-Gedankens beständig _lockern_. So durchdringt thatsächlich die Spaltung
-des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.
-
-Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende
-Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen
-lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein,
-wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen
-und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen
-Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des
-Gesunden und Pathologischen in ihm.
-
-Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei
-einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen
-die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermöglicht,
-zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu
-einem _höhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst
-sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religiösen Exaltation_
-nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das
-heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen
-wähnt, bringt er _an sich selbst einen religiösen Affect_ zum Ausbruch.
-
-Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer
-und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden
-gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit,
-in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn
-sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den
-Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die
-Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn
-instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck
-seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das
-heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich
-selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende
-Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten:
-nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste
-Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu
-einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »_Dividuum_«.
-Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln
-der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der
-Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch
-mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen
-religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss
-hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_
-und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und
-Wollust der eignen _Vergötterung_, leidvolles Siechen und siegende
-Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die
-enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen:
-man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs
-Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle,
-Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte,
-Zarteste,--das Drängen eines Willens, der sich«-- --von der Noth der
-Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze
-löst«,[11]--ein Chaos, das den Gott gebären möchte,--gebären _muss_.
-
-»Im Menschen ist _Geschöpf_ und _Schöpfer_ vereint: im Menschen
-ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos;
-aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte,
-Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut
-und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und
-unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem
-ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es
-Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet,
-»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und
-Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu
-bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut
-hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle...« (Genealogie der
-Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht
-in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung
-jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer
-Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des
-Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge,
-welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden
-zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um
-aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese
-letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine
-Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- --« Dieser Abschnitt,
-der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält,
-schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf
-im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt
-und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang
-an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen
-und zugleich des mitleidenden Gottes?«
-
-In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt
-einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen
-manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein
-so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass
-sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen
-Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst,
-dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni,
-aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein
-sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre
-Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen
-und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu
-vergöttern_.«--und 138: »-- --Eigentlich liegt ihm also nur an der
-Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu
-erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine
-Brust,«--und 142: »-- --er geisselt seine Selbstvergötterung mit
-Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre
-seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel
-dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er
-in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele
-durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im
-Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht
-jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen
-sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch
-Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver
-Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association
-von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre
-innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«
-
-In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache
-eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das
-Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen
-auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines
-Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging
-gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der
-»Emotion über den Tod Gottes«,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in
-das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle
-des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: »Also
-sprach Zarathustra«. _Die Möglichkeit, einen Ersatz[12] »für den
-verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_
-zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner
-Erkrankung. Es ist die Geschichte des »_religiösen Nachtriebes im
-Denker_«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach,
-auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden
-können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist
-schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und
-leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man
-lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in
-der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich
-will es Euch sagen! _Wir haben ihn getödtet_!--ihr und ich! Wir Alle
-sind seine Mörder!-- -- -- -- -- --Hören wir noch nichts vom Lärm der
-Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der
-göttlichen Verwesung?--auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt
-todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller
-Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist
-unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab?
-Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die
-Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern
-werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grössere
-That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That
-willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«-- --
-
-Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich
-Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten
-Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass
-der Uebermensch lebe!«--und sprach damit den innersten Seelengrund
-seiner Philosophie aus.
-
-Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung,
-und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern.
-Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die
-ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur
-höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in
-allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem
-Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen
-gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm,
-dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er
-dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem
-vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »_Wenn_ es Götter gäbe, wie
-hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese
-Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie
-lassen sich jene anderen anschliessen (55): »_Und Anbetung wird noch in
-Deiner Eitelkeit sein_!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen,
-die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und
-verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal
-Eins--das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)
-
-Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen
-sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal
-suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die
-Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine
-Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften
-Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand
-erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren:
-Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit
-des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen
-will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte
-sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung
-sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine
-Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt.
-Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst
-zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle
-werden muss--jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte
-Tiefe und in seinen Untergang.
-
-Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des
-zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und
-Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer
-brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen
-Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder
-auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen
-geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös
-veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist
-auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer
-Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen,
-was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten«
-schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung
-begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch
-der modernen Erkenntniss für sie abfallen. Dass sie sich nicht mit
-ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss
-preisgeben,-- gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen
-wie unermüdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und
-erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch,
-was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von
-gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der
-modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.
-
-Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_,
-auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken
-Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das
-Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein
-neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern
-das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse
-und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung
-in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich
-jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft
-und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das
-Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie
-sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung
-wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören,
-sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf
-beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das
-Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse
-bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich
-ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die
-wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren
-Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden.
-Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und
-Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt
-haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu
-gelangen.[13] Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte,
-um in ihm eine Fülle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulösen.
-Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches
-vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern
-befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.)
-Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger
-Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er
-ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig
-erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles
-zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige
-unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie
-eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt
-uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine
-Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein
-Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des
-echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer
-urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten
-118.)
-
-
-[1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten
-Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und
-bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der
-Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die »Freie
-Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel »Zum
-Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg.
-III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur 1892, October, »Ein
-Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal und Askese«.
-
-[2] Was das Leben--, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,-- wer von uns
-hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen
-waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir haben eben unser
-Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr!« (Zur Genealogie der
-Moral, Vorrede III.)
-
-[3] Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und
-feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren
-»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)
-
-[4] »Giebt es--eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse,
-Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit,
-aus der Ueberfülle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage für
-Irrenärzte--_Neurosen der Gesundheit_?« (Versuch einer Selbstkritik zur
-neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« IV u.
-IX.)
-
-[5] Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages erreichen
-wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange
-Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir
-an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«
-
-[6] Daher nennt er die Ueberzeugungen _Feinde der Wahrheit_:
-»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).
-
-[7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr
-haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er (Morgenröthe
-327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und Genuss an
-Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die höchsten und fernsten
-Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen
-übrig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich
-dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet
-es ihn am Ende nach der Hölle,--es ist die letzte Erkenntniss, die
-ihn _verführt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles
-Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die
-Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit
-einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie
-mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen
-keinen Bissen mehr zu reichen.«
-
-[8] »Die Instincte bekämpfen _müssen_--das ist die Formel für
-décadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glück gleich Instinct«,
-sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und
-unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.
-
-[9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders
-auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier sieht er
-noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--später
-hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war,
-sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum
-Harmonischen _umschuf_.
-
-[10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir-- -- --sind erst
-dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind.«
-
-[11] »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der »Geburt der
-Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.
-
-[12] Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38)
-über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des
-Menschen:
-
-
- »Der Fromme spricht:
- »Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«
- »Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.
- Und soll nicht lieben, was er schuf?
- Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?
- Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.
-
-
-
-[13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die
-verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben,
-lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen
-nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus
-unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten
-hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere
-philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden
-Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte
-der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende
-systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven
-Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit
-Vorbehalten bleiben muss.
-
-[14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das
-weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere denken
-anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als
-das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber
-milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht;
-und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des
-Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind
-die männlichen Mütter.--« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)
-
-
-
-
-II. ABSCHNITT
-
-
-SEINE WANDLUNGEN.
-
-
-MOTTO:
-
-
- »Die Schlange, welche sich nicht
- häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso
- die Geister, welche man verhindert,
- ihre Meinungen zu wechseln; sie hören
- auf, Geist zu sein.«
-
-(Morgenröthe 573)
-
-
-
-Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte,
-liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens
-seiner Knabenjahre.
-
-Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen
-Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als
-der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon
-von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner
-Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich
-besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich
-die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten
-religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle
-Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren
-Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen,
-die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der
-Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur,
-was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall
-fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt:
-weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den
-anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube
-aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr
-betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen
-Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen
-habe--»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all
-seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen
-Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu
-aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm
-ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch
-eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.
-
-Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer
-gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem
-Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches
-Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich
-selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe,
-Schmerzen und Erschütterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemüth
-sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil
-seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern
-abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_
-in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.
-
-»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
-selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in
-eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne
-Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun
-an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen
-Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt,
-sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.
-
-Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte
-Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird
-fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin läuft man
-alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,--was
-folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen?
-Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben?« Und der Hintergedanke,
-der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten
-Worten aus seinem Versteck:
-
-»_In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der
-Stillstand._«
-
-Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende
-Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart
-Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich,
-sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende,
-selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt,
-ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so
-weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch
-stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder
-zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen,
-inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt,
-und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und
-verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nähert,
-so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen
-Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach
-Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner
-letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen
-Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels
-in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und
-Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.
-
-Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral,
-Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit,
-»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott
-»zum _Vater_ des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er
-diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit
-philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem
-philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.
-
-Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in
-die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen
-wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein
-äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft.
-Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für
-den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte
-dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung
-seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk,
-sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale
-Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere
-Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart
-aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich
-der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem
-Psychologischen unterzuordnen.
-
-Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem
-steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und
-Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer
-Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis
-zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine
-zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch
-das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu
-jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten
-Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle
-Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und
-zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte,
-zur Fessel wurde.
-
-In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente
-ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das
-empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war
-es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft
-musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine
-tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein
-Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.
-
-Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum
-zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an
-zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der
-andern überleiten.
-
-Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen
-scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart
-sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte
-und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell
-künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher
-Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und
-Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das
-Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer
-Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu
-bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über
-das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig
-Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist
-ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den
-für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich
-aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und
-Böse 80)--könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird
-thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache,
-die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief
-verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen,
-und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier
-die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu
-berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten
-Verkleidung,--der nüchtern philologischen,-- in dieser äussersten
-geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.
-
-Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern
-Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und
-wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung
-der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung
-mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich
-erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete
-ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,--»über den Haufen geworfen
-werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein
-Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann
-schlägt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte,
-aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so
-maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,-- und, gleich
-einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab.
-Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen
-Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein
-intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar
-nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem
-Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach
-immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn
-vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss
-und Erschöpfung.
-
-Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine _Probleme_
-nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lösungen_, durch welche die
-Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die
-gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem
-_Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die
-Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher
-Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte,
-sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört,
-uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der
-endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das
-scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck
-bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte
-nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten,
-ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im
-Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen
-der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich
-jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner
-Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des
-Schadens, den er sich damit zufügte, froh!--ihm seine Probleme wieder
-herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen
-Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer
-Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten,
-was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im
-letzten Grunde _unaufklärbar_ für ihn bleiben, es muss der Energie
-aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen
-Räthseln aufreiben,--an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in
-der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker
-geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da
-erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da
-verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss:
-in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die
-einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.
-
-Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an
-diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung
-und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik
-hinabstürzt.--
-
-Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei
-Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später
-dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für
-Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die
-von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht
-verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später
-nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_
-erscheinen lässt,--oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten
-von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er
-einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem
-Blick des Erkennenden darstellen: »Das _Filigran_ der Dinge«.
-
-In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und
-Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der
-Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und
-Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von
-Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit
-seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick
-für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen,
-freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im
-Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt,
-um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft
-herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über
-seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem
-dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen
-Arbeit, zu der Arbeit über die Quellen des Diogenes Laertius.
-
-Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass,
-dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung
-zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken
-kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches
-I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung
-gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten
-Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend
-und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem
-Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine
-Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich
-vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch
-höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen
-Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr
-als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich
-da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er
-gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und
-höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen,
-dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter
-philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen
-Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung.
-Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen
-hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten
-wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten
-Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit
-des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)
-
-So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der
-späteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte
-vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie
-öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume,
-bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen
-bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht
-ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte:
-einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum
-ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen
-Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die
-dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem
-Werke weiter schuf.
-
-An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung
-seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel
-seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf
-dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das
-ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder
-einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen
-er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er
-seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer,
-ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren
-Formalismus.
-
-Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der
-Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine
-Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen
-Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben
-und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und
-erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen,
-glücklichen Zauberlandes«.
-
-Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler
-Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen,
-die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre
-später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben
-Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche
-indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des
-Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere
-philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem
-Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3]
-aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine
-culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer
-Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter
-den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie
-schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch
-Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich
-in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie
-einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung
-seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk
-aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von
-Bayreuth.
-
-Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung
-von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr,
-womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem
-er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae
-philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede
-philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer
-philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte
-als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche
-bestehen bleibt.«
-
-Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners
-machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des
-germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen
-wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als
-Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im
-Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins
-Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent,
-den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens
-und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am
-deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie«
-vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem
-Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«
-erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung
-auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur«
-zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen
-als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem
-versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen
-Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und
-Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste
-auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des
-Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen
-zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der
-Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt
-offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch
-die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende
-Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb,
-der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In
-ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen
-Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck,
-als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet
-weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen
-desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des
-durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem
-schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des
-Bildners.
-
-In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich
-bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen
-Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden
-Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk
-ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des
-Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch
-die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass
-sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als
-solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision,
-die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer
-Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer
-Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit
-denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der
-Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische
-Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil
-bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die
-apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische
-Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die
-Gottheit steckt.
-
-Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher
-Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken
-zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden
-und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie
-nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern
-gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische
-Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich
-überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser
-Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.
-
-Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist
-charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit
-seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der
-Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner
-ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem
-Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode
-wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der
-Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch
-gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen
-Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie
-zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten
-Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des
-Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene
-geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung
-und Selbstvergötterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in
-welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir
-immer wieder zurückkommen werden.
-
-Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen
-Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller
-Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates
-getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die
-Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die
-Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit
-in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre
-sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um
-sie zu zügeln,--»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
-Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das
-durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen
-und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat
-erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des
-theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig
-bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die
-gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht
-zum Eintritt _verweigert_« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch
-schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie
-durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein
-und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss
-erschlossen habe.
-
-In den Jahren 1873--1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn
-seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »_Unzeitgemässe
-Betrachtungen_«, vier kleinere Schriften,--bestimmt: »gegen die Zeit,
-und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden
-Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »_David
-Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_«, bestand in einer
-vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte
-und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen
-Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse
-ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »_Vom Nutzen und Nachtheil
-der Historie für das Leben_«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten
-Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich
-wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie
-bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst,
-im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen
-vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen
-und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen
-dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des
-Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient,
-wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber
-den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des
-Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig
-intact geblieben ist. »-- --die _plastische Kraft_ eines Menschen,
-eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich
-heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und
-einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene
-Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos
-fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen,
-nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit
-daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit
-schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz
-durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten
-Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden
-unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne
-im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.
-
-Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so
-viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen späteren Werken
-eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste
-Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung
-seines eignen Seelenzustandes;--wir können hier schon den seelischen
-Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die
-es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang
-überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,--
-Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben
-einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender
-Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen
-drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »--Auch soll--
--- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir
-jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und
-nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«[4] Was er in sich
-selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen
-Zeitalters,--und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr
-für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter
-aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher
-Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem
-kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am
-herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich
-Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne
-Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal
-gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den
-erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der
-moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen
-Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich
-im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht
-dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen
-verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und
-alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der
-vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung«
-nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).--Das andere Mal
-aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische
-Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch
-hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.
-
-Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und
-Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken
-sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und
-unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde
-unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten
-Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von
-ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen
-ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es
-handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse,
-nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige,
-sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse
-längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle
-entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen
-in uns leben.
-
-Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die
-von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die
-mit ihr geboren ist,--jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das
-Erbe aller Spätlinge ist, denn--Spätlinge sind Mischlinge.
-
-Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem
-Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung
-auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche
-die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum
-Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige
-kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar
-werden« (11),-- --»Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre
-ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.-- --Es ist wahr: erst
-dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend,
-zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst
-dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller,
-blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das
-Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder
-Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem,
-Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine
-Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und
-besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln
-die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der
-Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die
-mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen,
-dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde,
-an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles
-Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich
-hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche
-Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,
-der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu
-erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften,
-Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle
-drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr
-nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie
-an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen
-Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein
-Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde
-Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_,
-indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen
-Vorlebens,--wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt,
-an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:--
---»--er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung,
-das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet
-sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust,
-sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben,
-sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen,
-denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit
-diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und
-fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er
-wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um
-zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu
-bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein
-Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu
-bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst
-gefährlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate
-früherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht möglich sich ganz
-von dieser Kette zu lösen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu
-einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer
-Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen
-Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es
-ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu
-geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man
-stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt--
--- -- -- --einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch
-jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass
-jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).--Man kann
-diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei
-Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit
-der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht,
-darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als
-Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere
-positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber
-Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle
-drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird,
-die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und
-ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen
-Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen
-Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke
-Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist
-somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle
-des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu
-machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,--nicht
-von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling
-ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als
-Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den
-er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer
-von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit
-niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber
-immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre
-höchste Kraft sammelt und ausgibt.
-
-Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten
-Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten
-Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als
-Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis
-in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.
-
-Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung
-hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich
-alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner
-geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer
-Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn
-quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz
-von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber
-auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die
-Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem
-Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling
-neuer Cultur werden.[5]
-
-Zweien solcher »Unzeitgemässen«,--das ist Vorzeitgemässen und
-Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« geweiht: »_Schopenhauer als Erzieher_«, und »_Richard
-Wagner in Bayreuth_«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung
-aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis
-zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem
-Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur
-ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren
-eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den
-»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare
-der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen
-Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas
-in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der
-ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das
-darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten
-Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner
-mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen
-Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund
-eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in
-übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus
-der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg
-einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit
-einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat.
-Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der
-_positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch über Schopenhauers
-Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches
-Gegenbild zu der seinen bietet.
-
-Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der
-menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende
-Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und
-Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als
-Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet,
-sie: »--setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben
-zeitlos-gleichzeitig«,--sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten
-Strom des Werdens«. »-- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die
-öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges,
-lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das
-hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil
-es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl
-in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins
-sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur
-in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)
-
-Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen,
-was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches
-Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen
-weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine
-_Wesensenthüllung_, durch eine göttliche Nacktheit,--während der
-Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten
-trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich
-hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse
-Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn
-ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher
-nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich
-bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle
-Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die
-im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in
-jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von
-Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.
-
-Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische
-Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das
-unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über
-die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem
-höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz
-dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst
-in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und
-bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser
-Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen
-Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er
-selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus
-übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer
-und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu
-ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander
-ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher
-zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt
-es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen,
-der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch
-viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das
-höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und
-herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder
-metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan
-eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum
-erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung
-der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von
-vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur
-durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.
-
-Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode
-Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung
-bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das
-Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch
-sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst
-immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet
-er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in
-ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast
-unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen
-herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt
-man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein
-Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.
-
-Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe
-Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen
-und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus
-sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe
-seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in
-ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum
-erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem
-die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden
-gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit.
-Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der
-Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und
-moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser
-Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes
-gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner
-Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person
-das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende
-Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden,
-des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe
-des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur
-den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen
-Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist.
-Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt
-hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war
-hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss
-ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken
-durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen
-Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das
-er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische
-Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser
-Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«
-
-Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben
-und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben
-auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach
-persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich
-später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die
-Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise
-nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das
-Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der
-unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin
-an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam
-das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das
-Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten
-philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives,
-das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist,
-als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen
-Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn
-mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes
-Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden«
-zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden
-sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und
-verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch
-sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das
-bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein
-quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben
-und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam
-hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt
-ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der
-Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu:
-»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich
-beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir
-auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz
-deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,-- --
---wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir
-selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief
-verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir -- -- --.« (A. a.
-O.)
-
-Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster
-Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen
-es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft
-verlangt habe--nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und
-Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »-- --darf ich ein wenig
-bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig
-und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach
-Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die
-schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen,
-durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten
-Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen,
-dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr
-vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es
-ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem
-Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken
-sucht,[6] und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft
-ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die
-Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen
-Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie
-sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard
-Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene,
-alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und
-für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der
-Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.
-
-Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit
-Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich
-zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint
-in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären
-auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher
-Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans
-Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte
-Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in
-die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen
-Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm-- --« (12.) »Wir thun einen
-Blick in die _andere_ Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung,
-welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss
-verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass
-die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die
-schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen,
-tyrannischen.« (13.)
-
-»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung
-der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er
-allein ganz und er selbst bleiben konnte.« (13.)
-
-Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners
-aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem
-er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von
-dessen seelischen Zuständen auffasste:
-
-»-- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des
-Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich
-ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt,
-einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.«
-(82.)
-
-»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer
-Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,--
---ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege
-fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)
-
-»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich
-verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des
-Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen
-Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von
-Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«--. (80.)
-
-Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste
-Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes
-auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von
-Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt
-erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn
-unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige
-Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten
-Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war
-eine _Genesung_. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.)
-Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem
-Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem
-Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe.
-Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören:
-dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht
-habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.
-
-Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der
-Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein
-Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit
-nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die
-eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,--
-sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften
-Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse
-gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins
-beschlossen!«
-
-Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten
-Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen
-Beweggründen--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus
-menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In
-Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher
-Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner
-Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass
-er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte,
-dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine
-»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein
-»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von
-seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen
-Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei«
-überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch
-allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung
-erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den
-Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf
-die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich
-greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth
-der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«
-
-Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem
-Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen
-seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine
-Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich
-aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese
-Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man
-unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.
-
-Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet,
-als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen
-angelangt--war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen
-Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und
-Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete
-aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein
-Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur
-der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen,
-ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882,
-ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther
-Festspiele,--der Erstaufführung des Parsifal--, der Versuch gemacht,
-Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der
-Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine
-alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass
-im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth
-zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch
-misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot,
-den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben
-Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der
-seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor
-mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die
-Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an
-welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange
-sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken;
-dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser
-Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte
-er.
-
-Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der
-Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches
-Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter
-Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen
-Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in
-den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und
-aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen,
-philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart,
-der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht
-zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines
-Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode
-ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn
-er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner
-Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten;
-und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer
-wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.
-
-Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich
-pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder,
-welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren
-Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen
-Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.
-
-Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft
-in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen
-Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12.
-Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus
-Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber--fast hätte ich
-gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«
-
-Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den
-voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein
-Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen.
-_Wahrscheinlich_ hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf,
-_vielleicht_ mit der Thätigkeit überhaupt, _möglicherweise_ mit--
---u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr
-zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es:
-Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die
-Geduld zur Geduld nöthig!«
-
-Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:
-
-»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter
-Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,--aber _nicht_
-mehr lange, so hoffe ich!«
-
-Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing
-ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel
-ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere
-strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst
-einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder
-ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein
-Viertelstündchen« (Brief an Rée)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an
-einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien.
-Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte,
-zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am
-Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.
-
-Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des
-Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten
-metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom
-Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so
-günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus
-dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge
-des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich
-ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem
-Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität
-seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft
-war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen
-im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden,
-sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals
-selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher
-geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff
-sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher
-begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten
-fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein
-Denken wissenschaftlich zu begründen,--es ist etwas vom vergeblichen
-Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine
-Gesundheit _genöthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu
-nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen
-und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte
-er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz
-Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht
-ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches
-Schicksal zurückzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur
-Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefühl
-nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten
-war, _vorübergeht_.
-
-An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale,
-seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was
-seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm
-eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen
-Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »_Dunkel-Zeiten_.«
-(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)
-
-Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus
-einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag,
-von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie
-erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und
-langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich
-sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.
-
-»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später
-(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches,
-Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange
-darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der
-unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen
-zur Begeisterung übrig blieb-- --«. Aber nicht als einen Klagenden
-sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,--und mit Recht
-bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein
-Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender
-und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)
-
-Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden.
-Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und
-unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem
-Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern
-aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er
-auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben
-und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an
-der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er
-langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne
-dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung
-von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene
-zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte,
-und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns
-beantworten soll: »--Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine
-eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes,
-Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen
-Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende
-Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte
-Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr
-stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die
-Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung
-anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich
-alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich
-daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst
-aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der
-Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen
-zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein
-erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund
-einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt
-stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu
-nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die
-intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger bedingten als
-begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen
-Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie
-gerade vorfindet,--dass er sie zunächst wieder kritiklos empfängt; denn
-seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von
-den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche
-bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur
-eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen
-Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich
-entscheidende Process abspielt.
-
-Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung
-ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden
-verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So
-kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere
-Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise
-vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt.
-Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich
-wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling,
-ja insgeheim noch als Gegner fühlt,--aber mit jenem schönen Wort im
-Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine
-Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage
-ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der
-Denker seinen Feind liebt.«)
-
-Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem
-Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines
-positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes,
-welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst
-im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«,
-das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard
-Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877
-entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches,
-Allzumenschliches_. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken
-Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30.
-Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche.
-(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt
-mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode
-schrieb: »Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_:
-ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,--
---nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _für_ Alles, was gerade mir
-wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von
-Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den
-damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei
-völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint:
-einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns
-in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern
-uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche
-neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits
-den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den
-ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende
-Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart,
-mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich
-selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit
-und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen
-Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender
-Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade
-vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern
-selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner
-eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so
-heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in
-schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt
-und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt,
-dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.
-
-Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung
-Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem
-_persönlichen Verhältniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf
-gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so
-verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum
-in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche
-der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann
-Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist
-der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée
-einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)
-
-War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit
-gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah:
-durch seine _Jüngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée
-mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert
-wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise
-seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an
-verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt
-Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen
-lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung
-Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:
-
-»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen
-Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr
-neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der
-Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,--
--- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem
-Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt
-habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden,
-was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so
-wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen
-dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf
-dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit
-den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer
-Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig
-mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung
-zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen?
-Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht
-um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte
-unbescheiden ist--ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge,
-ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer
-untauglicher werde.«-- -- -- -- --
-
-Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang,
-je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um
-dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er
-nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen
-solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.«
-(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine
-Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele
-Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen
-zusammenzuleben,--mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten
-October 1879.)
-
-Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten
-damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen
-eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie
-min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er
-nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so
-gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein
-beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe
-Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung
-meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir
-alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es
-noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu
-haben, mein herzlich geliebter Freund.«-- -- --
-
-Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so
-übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame
-waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er
-bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem
-ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und
-Gedankenaustausch.
-
-
- »Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer
- etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,--
- falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist
- viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht
- für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind
- gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden.
- Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer
- Abkunft,[7] aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem,
- grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bücher, als
- Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene
- Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es
- nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum
- Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von
- Herzen Ihnen nahe
-
- Ihr
-
- Friedrich Nietzsche.
-
-
-
-So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen:
-»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der
-Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Réealismus_, das
-wissen Sie!«
-
-So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche
-den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus
-begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin,
-Carl Duncker, 1875), dessen »_Psychologische Beobachtungen_«--
-Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schätzte Nietzsche
-nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt
-erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren
-wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die
-La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten
-um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den
-philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée,
-Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von
-ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »_Der
-Ursprung der moralischen Empfindungen_« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner,
-1877)[8], das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches
-positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu
-den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen
-hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken
-vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn
-ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die
-Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des
-moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage
-_nach den Gründen der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine
-Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme
-der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers
-auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so
-musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem
-Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der
-moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner
-Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch
-bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen
-Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_.
-Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und
-Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker
-wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden
-eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs
-Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten
-Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den
-_Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprünglichen
-Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung
-seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er
-sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches,
-Allzumenschliches«: »Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen
-verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen
-gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein
-der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man
-die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen
-an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut«
-oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die
-Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass
-Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
-der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die
-sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den
-Worten bezeichnen:«--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung,
-_ursprünglich_, weil (es)--_nützlicher_ und _ehrebringender_ ist.«
-(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung
-des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen,
-welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf
-gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf
-andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen,
-die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie
-von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil
-ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder
-aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen
-das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen
-dann _moralische_.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in
-den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig _gefordert_
-wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte
-der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert
-wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter
-Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer
-Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,--aber _das
-Gefühl für die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene
-Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die
-Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).
-
-So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel
-charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die
-rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher
-heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen
-Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst
-wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug
-auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden
-philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten:
-in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«,
-des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos
-steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und
-Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird
-die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber
-die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und
-wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss
-des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates,
-benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten
-philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen
-der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft
-und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude
-am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- --« (Der Wanderer
-und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft
-und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die
-Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in
-dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung
-des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und
-alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht,
-denn: »an sich ist-- --der Künstler schon ein zurückbleibendes
-Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für
-Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren
-Fortschritt_. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,
-aber zum schönsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen,
-nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,-- --
---ordnen, verschönern, verflachen--so geht es fort von Homer bis
-zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen
-Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte
-Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und
-effect-lüsterne Seelen wenden.--Und nun würdige man die Grösse jener
-Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen
-erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen
-Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch
-Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung
-des _vernünftigen_ Denkens.») Die _Abkunft alles Gefühlsmässigen_
-von _Urtheilen_ und _ursprünglichen Gedankenschlüssen_ wird deshalb
-Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das
-Wort reden. »--Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter
-den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form
-von Gefühlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefühle
-stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und
-jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen--das heisst
-seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern
-mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft
-und unserer Erfahrung._« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«,
-welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu
-verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »_Lasterhaftigkeit
-des Intellectes._« (Morgenröthe 543). »_Diesen schwärmerischen
-Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel Übles:-- -- --Zu alledem
-pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben _an den
-Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie
-die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und
-zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und gründlich
-durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle_-- --
---_verdorben worden:_« (Morgenröthe 50).-- -- --daran denken sie
-nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hässlichsten Wirklichkeit schön
-ist,-- -- --Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt-- --
---;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles,
-kamen in dem überein, was _das höchste Glück_ ausmache,-- --: sie
-fanden es im _Erkennen_, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden
-und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der »Intuition,« _nicht_
-in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)--« (Morgenröthe
-550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:[9] »Ach, um den
-wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet,
-seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft
-auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist,
-wenn der Grad von _Verehrungswürdigkeit_ festgestellt werden soll,
-nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenröthe
-548).--Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten
-Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität
-steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie
-wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich
-die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht
-nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden
-und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden
-»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine
-diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146).
-Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass
-nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls
-nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk
-erzeugt,--»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,
-dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus
-vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die
-künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und
-mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches
-I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade _erlernbar_, als meist
-angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten!
-Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren.
-Aber sie _bekamen_ Grösse, wurden »Genie's«,-- -- --: sie hatten Alle
-jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile
-vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen;
-sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen,
-Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der
-Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches
-Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner
-letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_
-Genie--das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren.
-Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss,
-weil sie »_viele schwächere Kräfte_ und _Keime zu erdrücken_« sucht,
-während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne
-Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »_schwächeren und zarteren
-Naturen auch Luft und Licht gegönnt_« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen
-überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die
-extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist
-auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu
-lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).
-
-Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein,
-die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist
-Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
-sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man
-soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei
-beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive
-unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so
-starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt
-ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten
-Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht
-ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und
-sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu
-erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des
-Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth
-sich _über_ den Menschen und Dingen fühlt,--wo der Weise als der am
-meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_
-sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung,
-die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen:
-»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit,
-mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.«
-(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als
-eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und
-erwogen,--wie ihr auch in _Rées_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet
-war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so
-brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich
-nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38).
-»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.«
-(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der
-Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus
-ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch
-das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein
-inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss
-der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten,
-als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er
-merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt,
-ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse
-Nützlichkeit.«),--wo Nietzsche den _Mächtigen_ gleichsetzt mit dem
-Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit
-dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen
-Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem
-Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen
-Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des
-ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.)
-Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende
-Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive
-bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden
-»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.
-
-Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen
-liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen
-Vermögens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als
-_Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt
-aus als _böse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch
-geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse
-genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich
-für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern
-zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in
-seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam
-und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so
-kämpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _böse_
-nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines
-Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen,
-welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen _früherer Culturen_
-gelten,------. Es sind _zurückgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch
-alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und
-vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I
-43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein
-Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen
-die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch
-die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.--»Gute Handlungen sind
-sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute.
--- -- --Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand
-sich-- -- --hinziehen lässt.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne
-sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der höchste Grad von
-menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch überboten werden:
-und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus
-einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln könne_«.
-(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird
-sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«,
-»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei«
-aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth
-sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung
-ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »_Die
-Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine
-einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt
-den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet,
-fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden,
-boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf
-in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich
-um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das
-beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran
-zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage
-eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse
-Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei
-dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen
-Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der
-begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches
-klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist
-nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete
-Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen
-1129).[10]
-
-Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie
-gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des
-Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende
-Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen
-Triebe und Instincte in sich birgt,--also der »böse« Mensch. Noch ist
-ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth
-denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit
-darstellen.
-
-Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht
-weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die
-ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und
-dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist
-(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit
-des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft
-des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt
-die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer
-mehr-- -- --die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der
-Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter
-Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches
-nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle
-menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen;
-der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen,
-als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das
-»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des
-Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich
-anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).
-
-Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen
-und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete
-Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher
-Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen
-sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der
-Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die
-Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission
-zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte
-man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf
-seine göttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener
-Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem
-greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu
-sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in
-der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht,
-soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit
-ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt
-haben möge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang
-stehen!--es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung,
-so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur
-Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt
-das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen
-Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!«
-(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen,
-so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das
-Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden,
-er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn
-die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der
-Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine
-Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet
-»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das
-Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das
-Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der
-Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar
-der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und,
-anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu
-schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich
-verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener
-phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige
-ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte
-zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter
-Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass
-ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre
-Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne
-ein »Decadenz-Symptom« ist,--aber hier deckt sich der Begriff der
-Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die
-Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- --
---Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle
-lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!«
-(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss«
-(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu
-gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches
-Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch
-kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur
-wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die
-_Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen
-als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden
-Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die »neue
-Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte,
-deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In
-der Reife--des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das
-Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit
-des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).
-
-Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so
-kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er
-sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade
-von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des
-_Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten
-Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für
-ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren,
-von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der
-Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu
-einem enthusiastischen,--fast _religiösen_ Verhalten und ermöglichte
-ihm jene 'religiös motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche
-bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein
-eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf
-ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer
-Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser
-Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie
-sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern
-Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser
-Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine
-ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch,
-sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.
-
-Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man
-könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten,
-rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur
-den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre
-tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte
-und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff
-für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie
-nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als
-eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen
-Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und
-auch wohl thun,--denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als
-ein hoher Wärmegrad«.
-
-Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends
-so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches,
-Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter
-seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess
-er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der
-persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben
-ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die
-Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller
-Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und
-rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm
-als ein _neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh
-seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.
-
-Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem
-Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu
-denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten
-Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und
-marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass
-er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner
-Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch
-hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit
-aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder
-unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder
-im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen
-Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr
-rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an
-einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem
-»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu
-denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung
-seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen
-gehört's,--den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen:
-»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen
-geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft
-gratulire! Es lebe der Réealismus!«
-
-Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche
-Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war,
-welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für
-Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende
-sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt
-hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte
-ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und
-ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An
-diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige
-Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing.
-Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche
-Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische,
-religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von
-Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie
-seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches
-Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für
-Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer
-und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine
-Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth
-verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend,
-dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten
-aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen
-Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind
-besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen
-erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der
-Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine
-Lücken zu lassen.
-
-Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des
-Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war,
-bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und
-bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden.
-Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen
-Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen
-liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht
-hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten
-Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der
-Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine
-Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens,
-in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr
-Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade
-in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit
-seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines
-Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen
-Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien,
-schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf
-und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart
-hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an
-Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat
-seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm
-blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte
-demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus,
-und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem
-Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens,
-deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz
-standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche
-aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst
-so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast
-mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels
-und Bekehrers gegenübertritt.
-
-So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine
-um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle
-verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart
-des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen;
-aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und
-überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für
-ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner
-Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb
-in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu
-Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und
-in einer erhöhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstück--
--- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land
-hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«
-
-Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf
-dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen
-neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er
-den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen
-Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die
-Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen,
-dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr;
-ausleben und erneuern wird.
-
-Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt
-und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines
-innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen
-Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches,
-Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung
-der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden
-Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet.
-In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild
-und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in
-seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch
-mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung,
-aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich
-jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im
-Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder
-abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer
-Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt
-seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in
-wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes
-schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst
-Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist
-er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger
-wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene
-Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach
-durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht
-auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt
-mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich
-selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie
-einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie
-unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen
-sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend
-emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im
-Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen
-allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose
-Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies
-doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen
-und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller
-Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die
-düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu
-nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch
-zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem
-Doppel-Selbst.
-
-In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem
-ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als
-sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben
-sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt:
-hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt
-heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner
-Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter
-Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des
-Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will _das Seine_:
-dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch
-den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut
-gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas
-kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber
-beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran
-ist hundertmal mehr gelegen.«
-
-In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität
-seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten
-Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht
-begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den
-hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der
-Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf,
-ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.
-
-Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit
-noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die
-sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente
-allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht
-worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs
-gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör
-zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;--
---dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer
-Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der
-Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen
-hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken
-untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen
-belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die
-opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer
-Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_
-dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber
-nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester
-Nüancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und
-erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und
-Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode
-in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er,
-sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein
-goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner
-Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen
-Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der
-Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die
-dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil
-des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen,
-sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz
-ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein
-Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht
-nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher
-Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen
-lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.
-
-In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu
-etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines
-Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern
-Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich
-nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen
-Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige
-Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenüber erschien ihm
-auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und
-leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
-Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von
-»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr
-noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen,
-dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche
-Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem
-Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was
-vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk
-werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende
-und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel,
-die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen
-lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr
-meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben
-habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig
-Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:--aber Niemand erräth mir daraus,
-wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder
-meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken!«
-
-Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei
-seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar
-Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer
-Selbstunterhaltung,--nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der
-Feder in der Hand:
-
-
- »Ich schreib nicht mit der Hand allein:
- Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«
-
-
-singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52).
-Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der
-wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen
-von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten
-Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines
-Zarathustra (II 5): »-- --aus dem Überflüsse heraus ist es schön
-hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte
-er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth,
-aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen
-waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit
-angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon
-(Der Wanderer und sein Schatten 338), »-- -- --in dem gesammten--
--- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die
-Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien
-und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller
-silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit
-seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit
-selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe:
-»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über
-einander, sondern sind vertraulich zusammen.«
-
-Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden
-gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen
-Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der
-fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch
-arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem
-Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder
-aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen »Ohren
-für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich
-gesprochenem Wort.
-
-»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,«
-schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die
-_Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich
-förmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich
-ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen
-und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen
-Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner
-Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt;
-die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören«
-von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«
-
-Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer
-Grundlage, die »_Morgenröthe_« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner),
-vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und
-Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen
-zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das
-nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und
-gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist
-es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu
-überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch
-ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,--
-es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen
-und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage,
-auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,--ohne
-die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen
-Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen,
-die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu
-widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus
-den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die
-Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir
-sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an
-das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung
-des Affectlebens für das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob
-sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang
-auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der
-nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil
-sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der
-Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des
-Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf
-diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche
-aufgehen musste,--einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden
-Philosophie.
-
-In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe«
-die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von
-seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer
-mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der _Uebergang_ von
-einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen,
-Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber
-in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der
-vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den
-sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier
-dagegen wird jede Möglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit
-Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen
-Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre
-Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr
-der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen
-Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir
-ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand
-eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche
-sonst vollständig abgeht. Hier _verräth_ er sich fortwährend, ohne
-es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und
-tadelt,--er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens,
-sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges
-Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten
-Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens
-austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und
-Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum
-Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh,
-ihr-- -- --edlen Schwärmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass
-gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!--
--- --Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht
-der Ausdrücke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu
-verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie dürstet ihr
-darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit
-des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu
-entzünden!-- -- --« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift
-man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet:
-»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über
-die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,--
--- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben
-zu wollen, ist ein _religiöser Nachtrieb_, nichts Besseres,--« (Der
-Wanderer und sein Schatten 16).
-
-Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst,
-bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen
-Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--»der Tyrannei
-des Wahren«:--»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und
-Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;-- -- -- --man muss sich
-von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ können,--sonst wird sie uns
-langweilig,--« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den
-von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder
-werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas
-von dem _Möglichen_ erzählen! Wollten sie uns von den _zukünftigen
-Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf
-Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,--von
-purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo
-seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).
-
-So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich
-in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch
-schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in
-der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides
-ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja
-die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal
-aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben
-Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung
-von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt
-hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund
-eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben
-aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt.
-Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist
-diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt
-er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche
-langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben
-nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,--sodass
-zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«
-
-Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und
-unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,-- diese überschäumende
-Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen
-Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher
-verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende
-»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen
-grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand«
-sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da
-einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen
-hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges
-Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche
-Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als
-Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren!
-Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der
-»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«:
-»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist
-es unbeschreiblich angenehm, sich _überwältigt_ zu fühlen! Plötzlich
-und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die
-Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss
-wohin? zuzusehen!«
-
-In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses,
-langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und
-angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung
-nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik
-hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene
-Sieg den Sieger. Es ist das »_Glück des Gegensatzes_«, das er darin
-sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der
-positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die
-begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan
-gemacht dem Schaffensdrang des Willens.
-
-Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes
-Aufklärungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende,
-lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht
-der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen
-hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele
-Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den
-Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch
-zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am
-Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über
-die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist,
-und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste
-der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein
-träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck
-findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen
-_Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es
-möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch
-alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der
-Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral
-im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann?«
-(Morgenröthe 96.)
-
-Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein
-Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es
-kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch!« verspricht die
-Morgenröthe und wird immer heller und röther.
-
-Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn
-auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und
-Fempläne:
-
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- »Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes
- Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen
- zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung,
- welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine
- asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel,
- die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als
- das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig
- sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich
- bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere
- Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand
- kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen
- gethan und geplant wird!
-
- Treulich Ihr Freund
-
- F. N.«
-
-
-Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:
-
-»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten!
-Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als
-möglich,--als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines
-zukünftigen Lebens-- -- --.«
-
-Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt
-fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was
-Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den
-Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und
-negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen
-aufzufassen sucht:
-
-»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen
-der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals
-nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu
-erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu
-scheitern? Oder, meine Brüder? Oder--? (Morgenröthe, Schluss.)
-
-Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete,
-da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte
-gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen,
-ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie
-jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten,
-von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses
-Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen
-Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.
-
-Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder,
-die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft«
-schrieb:
-
-
- »Freundin, sprach Columbus, traue
- Keinem Genuesen mehr!
- Immer starrt er in das Blaue
- Fernstes zieht ihn allzusehr!
- Wen er liebt, den lockt er gerne
- Weit hinaus in Raum und Zeit,--
- Üeber uns glänzt Stern bei Sterne
- Um uns braust die Ewigkeit.«
-
-
-Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit
-des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das
-Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne
-es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten
-Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem
-er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken
-gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte.
-Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen,
-in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind,
-wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch
-die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth
-der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass
-sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für
-alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten
-vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn
-nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte,
-sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein
-Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue
-Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von
-ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie
-war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen
-und Sich-Verlaufen,--»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth
-war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will
-mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen
-gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie
-sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende
-Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner
-Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet,
-musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie
-der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der
-ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte
-sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er
-sich wieder dorthin zurückschleichen würde,--wo die Götter und die
-Uebermenschen hausen.
-
-Nietzsche schreibt einmal an Rée:
-
-»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese
-ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden,
-wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will
-uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere
-Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_
-Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir
-die Geduld verlören--.«
-
-Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!«
-sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen
-Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen
-Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem
-heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens,
-des ewigen Lebens, schrieb.
-
-Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--.
-
-Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als
-das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden
-könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche
-Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn
-daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen
-zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen
-Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil
-verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um
-durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches
-zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte,
-dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe,
-empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das
-Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und
-der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf!
-Welches herrliche Jahr 1881!«
-
-Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin
-1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem
-Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von
-sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen
-Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so
-lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte
-Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt
-nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er
-sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der
-moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt
-ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und
-der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf
-beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit
-zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung
-eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen,
-Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn
-dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden
-zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses
-inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und
-Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder
-umzusetzen.
-
-Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt,
-sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen,
-das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie«
-unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er
-wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris,
-Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede
-schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm
-nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege
-als richtig erwiesen wäre.
-
-Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit
-den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher
-fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum
-Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern
-hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei
-auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete
-herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch
-einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der
-Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem
-Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen
-sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch
-einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander
-entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das
-spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn
-Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten
-Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht
-erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins
-verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.
-
-Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner
-Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand
-ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer
-Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche
-befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem
-der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig
-unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um
-noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu
-schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner
-Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei
-es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer
-solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der
-Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint
-er--einmal befruchtet--um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er
-ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm
-gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so
-geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden
-soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine
-Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.
-
-Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene
-Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal
-zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches
-und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung,
-dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen
-aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen
-festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die
-ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten.
-Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches:
-das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den
-verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines
-schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein
-gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben
-seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu
-einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.
-
-Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox
-dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je
-allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung
-sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so
-vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass
-die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder
-und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur
-Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,--»Mein Urtheil
-ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht«
-(Jenseits von Gut und Böse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses
-Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze
-Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse
-innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben
-das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise
-den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären
-glaubt.« Für mich--wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!«
-(Also sprach Zarathustra III 95.)
-
-Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz
-und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens
-besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches
-sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter
-meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen
-Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich
-seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi
-scribo!«
-
-In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst
-geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner
-ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus
-seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen
-Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen
-im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen
-bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst
-irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«,
-ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr
-verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie«
-reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich
-verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns
-ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen
-zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse
-entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und
-Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint
-Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass
-er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.
-
-Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil
-auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein
-Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel
-schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie
-Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens,
-sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen
-seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen
-werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da
-Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen
-ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine
-Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig
-entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung
-unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass
-diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem
-Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_
-treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er
-in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch
-zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch
-den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des
-theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der
-praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche
-sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht
-freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört
-man endlich den Schrei nach _Erlösung von sich selbst_,--nach seinem
-_Wesens-Gegensatz_, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung,
-Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des
-innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung,
-aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden
-Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht.
-Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt
-frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben
-die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches
-Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden
-als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung
-hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar
-nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren,
-Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle.
-Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu
-Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.
-
-Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig
-klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein
-Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien
-sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein
-mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine
-letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht
-vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken
-wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des
-Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so
-gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der
-Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine
-menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen,
-kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den
-tragischen Conflict seines Lebens löst,--den Conflict, des Gottes zu
-bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet
-er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen,
-visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um
-sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren
-Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu
-einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster,
-lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere
-als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch
-gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber
-zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung
-hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man
-gedenkt seines Wortes, »-- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in
-allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
-anbetete,--und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits
-von Gut und Böse 269.)
-
-»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der
-letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den
-inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation
-von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander
-fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung
-war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,--
-eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen
-jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den
-Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem
-Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer
-Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber
-nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und
-Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch
-jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh,
-von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt
-entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in
-diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein;
-Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen
-Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu
-Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist
-in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.
-
-Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines
-Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte,
-zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren
-Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«
-
-Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth,
-von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten
-Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche
-Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss
-der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List
-und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches
-Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem
-persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein
-Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum
-Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle
-sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen
-Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune
-bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind
-es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der
-seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei.
-Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will,
-während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen
-seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.
-
-Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner
-höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt
-auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns
-zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes
-Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig
-hervorleuchten:
-
-
- »Incipit tragoedia!«
-
-
-
-
-[1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte
-der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22;
-_Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von
-Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_,
-im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus.,
-Bd. 25; _Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_,
-Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen
-quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum
-denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed.
-Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat über _Homer und
-Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25
-und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 Bänden des
-Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls
-Disposition zusammenstellte.
-
-[2] Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: »--das
-heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken,
-mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen--«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)
-
-[3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste
-Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch
-gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten
-Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen
-Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers«
-Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer
-Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den
-hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland
-gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller
-Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des
-Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der
-Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte
-auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken
-derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner,
-der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom
-23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche,
-und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des
-griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte.
-In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie.
-Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872,
-stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die
-von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v.
-Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites
-Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1873, antwortete.
-
-[4] Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten
-Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: »--was ich
-gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer,
-der von ihr langsam, mühsam genesen lernte-- -- --.
-
-[5] Vorwort V: »Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass
-ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal der griechischen
-bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemässen
-Erfahrungen komme.«
-
-[6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm jenen
-Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte.
-Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte
-ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen
-Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte,
-und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr
-sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne und
-Zöglinge.
-
-[7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen
-Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in
-Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen,
-vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die
-englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen
-Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was
-er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch
-hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu
-Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lässt.«
-(Fröhliche Wissenschaft 99.)
-
-[8] Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, Allzumenschliches«
-I 37.
-
-[9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen über
-»Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im
-Cultus des Genius'.« (164).
-
-[10] Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten Kräuter und
-Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48)
-ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung;
-noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes immerwährende
-freundliche Wohlwollen, das des Lebens »_Behagen_« schafft.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 49)
-
-[11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal
-aufschrieb:
-
-_Zur Lehre vom Stil._
-
-1.
-
-Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_.
-
-2.
-
-Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte
-Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten
-Relation_.)
-
-3.
-
-Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und
-_vortragen_«--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung
-sein.
-
-4.
-
-Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so
-muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag
-zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon
-nothwendig viel blässer ausfallen.
-
-5.
-
-Der Reichthum an Leben verräth sich durch _Reichthum an Gebärden_. Man
-muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl
-der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebärden
-empfinden _lernen_.
-
-6.
-
-Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht,
-die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die
-Periode eine Affectation.
-
-7.
-
-Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie
-nicht nur denkt, sondern _empfindet_.
-
-8.
-
-Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss
-man erst die _Sinne_ zu ihr verführen.
-
-9.
-
-Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin,
-dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr überzutreten.
-
-10.
-
-Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände
-vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser
-zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber
-auszusprechen_.
-
-[12] Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der
-Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen
-Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.
-
-
-
-
-III. ABSCHNITT.
-
-
-DAS "SYSTEM NIETZSCHE"
-
-
-
-MOTTO:
-
-»Schaffen wollt ihr noch die Welt,
-vor der ihr knien könnt.«
-
-(Also sprach Zarathustra II. 47).
-
-
-
-
- Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich
- schätze nichts als _Antriebe_,--und ich möchte schwören,
- dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch
- diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren
- gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht
- über mich täuschen--glauben doch nicht, dass »der Freigeist«
- mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou!
-
- F. N.
-
-
-In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief
-Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der
-»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung
-»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind
-bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches
-angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem
-bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen
-Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der
-Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der
-Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle
-einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von
-_Rückkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase,
-die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nämlich zur
-Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre
-vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als
-auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer
-ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zögernden Wort »Ich
-bin«--sich noch scheut auszusprechen.
-
-Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige
-Dichtung »_Also sprach Zarathustra_« (I und II 1883; III 1884,
-Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann);
-_Jenseits von Gut und Böse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft
-(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie
-der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der
-Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann);
-endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Götzen-Dämmerung_ oder _Wie
-man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann).
-Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens
-Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie
-die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines
-Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind,
-der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems,
-das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit
-begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine
-Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein
-unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher,
-als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine
-vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen
-jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen
-und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das
-reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien,
-sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden
-Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als
-auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im
-Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer
-wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in
-der Genealogie der Moral,--den Versuch, über das Rein--Aphoristische
-hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen,
-weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.
-
-Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art
-von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den
-erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem
-er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt
-gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege
-beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der
-praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf
-die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische
-Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen
-gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den
-verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber
-höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der
-Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest
-entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen
-könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der
-Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.
-
-Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers
-diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung
-Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten
-Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern
-durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens.
-Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme
-der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der
-Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf
-den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese
-Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen
-Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn
-begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille
-und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft
-hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe
-nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er
-derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In
-diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht
-auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die
-Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens
-auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es
-entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.
-
-Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen
-vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen,
-um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte
-zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche
-Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche
-die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar
-nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen
-Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben
-Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes
-Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes
-und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.
-
-Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur
-seine _Gefühlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt für
-Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden
-Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue
-Weltanschauung.
-
-Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken
-in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner
-Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie
-in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei
-Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne
-letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein
-Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse,
-ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich,
-daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.
-
-Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden,
-einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils
-Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich
-in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft.
-Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches
-zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist.
-Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine
-kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches
-Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit
-genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen
-Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem
-
-Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung
-des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin
-Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von
-Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen
-könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am
-ausführlichsten die _Unberechtigung der Werthgegensätze_ »wahr und
-unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig
-werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe
-der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich »»zur
-Wahrheit««?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber
-Unwahrheit?_-- --« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
-dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt?
-Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --?« (34.) »In
-welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!-- -- --
-erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit
-durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem
-Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen,
-zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als
-seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend
-einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das
-meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
-heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik
-ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention«
-(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache
-der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf
-können als gerade zur Realität unserer Triebe--denn Denken ist nur ein
-Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36).
-Und daraus folgt denn schon: »-- --_je mehr_ Affekte wir über eine
-Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir
-uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird
-unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen
-aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen,
-gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt
-_castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12).
-
-Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von
-seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt.
-Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil
-derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich
-irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die
-uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und
-degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des
-Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung
-noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich
-neben einander besteht,--die Relativität des Denkens und diejenige
-des Affektlebens,-- --das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche
-Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene
-Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den
-er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan
-machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste
-gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung
-rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem
-fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«
-
-Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch
-kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es
-lebenfördernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf
-falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung
-des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der
-dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wäre möglich,
-dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein
-für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben
-werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, _was_ den Werth
-jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit
-jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche
-Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu
-sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »-- -- --wir sind von Grund
-aus, von Alters her--_ans Lügen gewöhnt_. Oder, um es tugendhafter
-und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr
-Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere
-der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen
-Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »--die Kunst, in der
-gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen
-zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um
-derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten
-Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als
-die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und
-»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)
-
-An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst
-der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem
-neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen
-ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen
-»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als
-eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten
-und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu _reduciren_ suchen: die
-Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade
-bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen Steigerung. Die Einsicht
-in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der
-Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur
-Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die
-demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche
-der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine
-Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches
-Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in
-dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens.
-Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer
-letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so
-öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch
-Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und
-Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden
-Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber
-hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt
-hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen
-Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und
-Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten
-Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus
-dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die
-nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert
-er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet
-und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der
-Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch
-keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und
-gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches
-Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft
-für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins
-Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene,
-Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit
-Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit
-_feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ könnt, da
-hasst ihr es, zu _erschliessen_.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.)
-»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust
-(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!«
-(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender,
-bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille
-zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!«
-(Ebendaselbst II 50)
-
-Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und
-Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens,
-eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich
-selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches,
-Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist
-verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden,
-so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die
-Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und
-Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild
-auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts
-ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.)
-und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des
-Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden,
-willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten
-Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die
-Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser
-Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der
-Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem
-Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen
-hat. »Warum dürfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine
-Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem
-Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_?
-
-Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der
-»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit
-den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand
-ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt«
-endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine
-Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu
-uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise,
-den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als
-identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato,
-_bin_ die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren,
-scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den
-Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_.« Im Christenthum trennt sich die
-Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem
-sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als
-Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe
-von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem
-blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«--bis sie
-sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts
-verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei
-des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr
-gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist:
-»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
-Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der
-Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir
-zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss
-überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre«
-Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen,
-uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren
-Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als
-deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst
-zurückgeworfen als auf den _Selbstschöpfer aller Dinge_. Wieder ist die
-alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht
-als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in
-der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit,
-von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte
-Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat.
-»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin,
-sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den
-geheimnissvollen Schlussworten: »_Mittag; Augenblick des kürzesten
-Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit;
-Incipit Zarathustra_.«
-
-Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins
-Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen
-und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt.
-Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine
-neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse
-Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn
-aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen
-Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens
-gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des
-Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen
-Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das
-Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte
-sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt,
-was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt
-sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er
-auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen
-alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt
-und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der
-Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass
-er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande
-wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern
-in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt
-ergeht. »--_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und
-Gesetzgeber_: sie sagen »_so soll_ es sein!« sie bestimmen erst das
-Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schöpferischer
-Hand nach der Zukunft-- --. Ihr »Erkennen« ist _Schaffen_, ihr
-Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur
-Macht_.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft
-immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie
-ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht,
-zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die
-»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207)
-sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze
-Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter
-Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden
-bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden
-immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und
-Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.
-
-Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses
-Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen
-nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren
-wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen«
-Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen
-des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt
-mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis
-in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt
-»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_
-für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen.
-Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die
-Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem
-Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er
-gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem Ȇberreichen
-des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und
-Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d.
-h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen
-nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_
-noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er
-sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu
-einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse
-Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.
-
-In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das
-Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer
-Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und
-Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein
-innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des
-strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit
-ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt
-er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens
-Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung
-durch den Gedanken verlangt,--es ist der »tropische« Mensch, auf den
-die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf
-Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste
-Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen
-kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten
-Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
-zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
-Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III
-82).
-
-Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion
-gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste
-Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste
-Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen
-unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in
-der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner
-Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die
-Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt
-er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem
-Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen
-seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den
-erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph
-des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes
-wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste
-Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der
-Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts
-gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der _gegen sich selbst_
-gewendeten Grausamkeit«.--er muss als »Künstler und Verklärer der
-Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche
-Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so
-empfängt er die höchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose,
-Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er
-sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches,
-in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken
-wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung
-einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches
-Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persönlicher Mystik aus, in
-der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das
-»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und
-tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden
-soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
-gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!--
---Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
-geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des
-Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne
-zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon?« (Also sprach
-Zarathustra II 33).
-
-Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des
-Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik
-und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den
-abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es
-endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in
-seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.
-
-Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung
-und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden
-als des wahren Trägers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des
-Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von
-Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen
-überhaupt aussagt: »dass die moralischen-- --Absichten-- --den
-eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
-gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang
-des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten
-und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen
-trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll
-der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine
-Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder
-»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der
-Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen
-Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und
-überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,--einen Klang
-voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand
-gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge
-der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens,
-der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war
-es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen
-zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen,
-vom _Pöbel_, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier
-hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf
-die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der
-Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als
-die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden
-Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph,
-der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über
-die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder
-zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für
-Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der
-Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen,
-trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte
-und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem
-er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II
-»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker,
-die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle
-beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das
-Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des
-Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen
-haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also
-geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie
-mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines
-Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden
-Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst
-Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge
-niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die
-sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden
-und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung
-weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie
-vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?
-ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den
-ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)
-
-Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die
-äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit
-gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen
-Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung
-seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen,
-in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu
-einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und
-Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,--? er ist
-der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch
-nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das
-krankhafteste,--»das noch nicht _festgestellte_ Thier.« (Jenseits von
-Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als
-solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet
-desselben.
-
-Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges
-ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die
-wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten
-socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene
-furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen
-die alten Instinkte der Freiheit schützte-- -- --brachten zu Wege,
-dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich
-rückwärts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten.« »Alle Instinkte,
-welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_--
-ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit
-wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele«
-nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei
-Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung
-des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist.« »Der Mensch, der
-sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in
-eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst
-zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den
-Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit
-ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von
-welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des
-Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von
-der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten
-Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit
-beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)
-
-Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen
-sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist,
-und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch
-gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am _Ausgang_ einer
-langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als
-Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die
-Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form
-auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht
-und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen,
-sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung
-reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch
-eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind,
-beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu
-machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere,
-Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der
-grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln
-zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's,
-keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit
-einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden
-schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des
-Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von
-Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)
-
-Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die
-Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen
-und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht
-wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde
-in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse
-mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte,
-nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte.
-Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark
-verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner
-ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er
-wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten,
-gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt
-gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle
-Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium
-bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen
-Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind,
-als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen,
-moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu
-lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.
-
-Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der
-menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für
-deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine
-dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände
-unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu
-verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige
-Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt
-wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form,
-zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die
-Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist«
-auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle
-Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das
-Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit«
-dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre
-Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in
-der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum
-durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren
-werde.
-
-»Man ist nur _fruchtbar_ um den Preis, an Gegensätzen reich zu
-sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende
-Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu _ertragen_. Dann ist scheinbare
-Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur
-ein Schimpfname für die Herbstzeiten«,--d. h. für die Zeiten der
-abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann
-Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem
-nothwendigen Ende zu,--»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen
-_Schritt für Schritt weiter in der décadence_.-- -- --Man kann diese
-Entwicklung _hemmen_ und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen,
-aufsammeln, vehementer und _plötzlicher_ machen: mehr kann man nicht.«
-(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische
-Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der
-Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich
-selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der
-Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, -- --Thierseele auf Erden
-etwas so Neues, Tiefes,-- --Widerspruchsvolles und _Zukunftsvolles_
-gegeben«,--dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art
-des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit
-»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel,
-sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses
-Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein
-Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,--ein Seil über einem
-Abgrunde.-- --Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke
-und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass
-er ein _Übergang_ und ein _Untergang_ ist.« (Also sprach Zarathustra
-I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu
-Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden
-Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die
-Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »-- -- --als
-welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«
-
-Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe,
-die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht
-aufgegeben, sondern noch möglichst _verschärft_ und zum Ausgangspunkt
-seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten
-Einsicht hat sie sich ihm zu einem _Gemüthsaffekt_ gesteigert, und
-als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle
-seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram
-und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach
-Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt.
-Aus dem _Accent_, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus
-den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die
-übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken
-einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.
-
-Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches
-neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des
-Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem
-Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt
-die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung
-durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft.
-Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit,
-eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr
-gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die
-schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die _Ursache_
-und _Begleiterscheinung_ der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren,
-werden nunmehr zum _Erkenntniss_-inhalt selbst.
-
-Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit
-ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen
-Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war
-jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig,
-obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr
-schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit
-der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann
-zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte
-nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille,
-als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen
-zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen _längeren_
-und _tieferen_ Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick
-beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für
-sein Wollen einstehen--er wurde »das Thier, das _versprechen darf_«.
-Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von _Mnemotechnik_:
-sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein _Gedächtniss
-einzuverleiben_ sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also
-auch zu sich _Ja sagen dürfen_--das ist--- eine _späte_ Frucht:--wie
-lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir
-uns--ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich
-seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte
-endlich zu Tage bringt, _wozu_ sie nur das Mittel war: so finden wir
-als reifste Frucht-- --das souveraine _Individuum_, das nur sich
-selbst gleiche,-- --, kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen
-Willens, der _versprechen darf_.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.)
-Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums
-entspricht eine neue Art von _Gewissen_, nachdem der Mensch den Moral
-Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens--seinen strengen,
-nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern--entwachsen ist, und damit das
-alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.
-
-Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner
-ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen
-Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche
-gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die
-Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen,
-wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt.
-Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und
-Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits
-des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die
-einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des
-unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem
-Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus
-gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der
-»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen
-erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich
-der mysteriösen _Herkunft_ und Abstammung des Willens leugnet, das
-versucht er dafür an das _Ziel_ und _Ende_ der Willensentwicklung
-zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten
-langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein
-reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben
-beherrschender Wille allmählich _geschaffen worden_, so ist er damit
-in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht
-bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus
-einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts
-mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine _gewaltig angewachsene
-und rücksichtslos explodirende Stärke_ bestimmt,--er ist reines, von
-der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen
-nicht mehr _metaphysischer_ Natur, denn es ist geworden, es ist das
-_Resultat_ einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des
-Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit
-des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit,
-denn sie wendet sich nunmehr als eine _unbedingte_ Macht umgestaltend
-und umschaffend _gegen_ eben die natürlichen Bedingungen, denen
-sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein
-zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in
-seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt,
-indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort
-kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende
-unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)--blos weil man
-die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht
-mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen
-des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende
-erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist.
-Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden,
-aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle
-Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller
-Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen
-Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die
-Dinge hineinerschaffen; darum will Nietzsche an Stelle des »freien«
-und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck »_starker_
-und _schwacher_ Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21)
-und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und
-_Entwicklungslehre des Willens zur Macht_«. (Ebendas. 23.)
-
-Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade
-»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem _Genie_ geworden ist, was
-sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat.
-Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und
-Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen
-eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer,
-historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt,
-gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,-- -- --die Zeit, in der sie
-erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr
-werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie _älter_ sind, dass
-länger auf sie hin gesammelt worden ist;-- -- --die Zeit ist relativ
-immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.«-- --
---»Der grosse Mensch ist ein Ende;-- -- --Das Genie--in Werk, in That--
-ist nothwendig ein Verschwender: _dass es sich ausgiebt_, ist seine
-Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt;
-der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede
-solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)
-
-Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in
-ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen
-soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine
-Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer
-Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert
-hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden
-ist,--Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das
-nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem
-oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte
-Menschheitsbewusstsein,--so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig
-ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie
-wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es
-würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen,
-ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst
-hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der
-Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den
-Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung
-Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige
-Bedeutsamkeit:--mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der
-Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als
-der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich
-Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt
-sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein
-Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen
-uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
-herausgewachsen sind:--Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus
-höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine
-Art von Atavismus,--darin liegt der wunderlich _reaktionäre_ Charakter
-der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von
-der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch,
-an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und
-Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft
-zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur
-deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer
-lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und
-übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem
-Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,[2] dass
-Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden
-seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie
-sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die
-guten Dinge) _hat_, ist ein Andrer, als wer sie erwirbt. Alles Gute
-ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ...
-« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren
-lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende
-und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der
-moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz
-und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm
-Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst
-ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.
-
-»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden
-Kraft:-- -- --Damit es Institutionen giebt, muss es-- --Wille,
-Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen
-zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte
-hinaus, zur _Solidarität_ von Geschlechter-Ketten vorwärts und
-rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant,
-durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches
-vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer
-Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und
-wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt
-geisselt er die »pöbelhafte[3] Gleichmacherei« aller Menschen und
-die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten
-mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die
-ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren
-sind »die _ganzeren_ Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit
-bedeutet, als »die ganzeren Bestien«--).« (Jenseits von Gut und Böse
-257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem
-solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu
-Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,-- ja, sie _sind_ kraft
-ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der
-bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des
-starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,-- -- --Ihm fehlt die
-Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform,
-in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist,
-_zu Recht besteht_. Seine _Tugenden_ sind von der Gesellschaft in Bann
-gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem
-_Jeden_ eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten
-und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem
-seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer
-die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich
-und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der
-Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass
-er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres
-Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem
-Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt
-ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich
-noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen
-Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff
-darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der
-Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und
-ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende
-Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und
-das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen.
-Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie
-Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass
-Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist,
-der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der
-dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren
-konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu
-unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung
-bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches
-Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode
-an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders
-auffasste.[4]
-
-In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines
-rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild
-der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch
-heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur
-der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen
-Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches
-viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen
-Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von
-positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im
-Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass,
-mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen
-Zwecke bedurfte, durchzusprechen,--namentlich auch den etymologischen
-und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut,
-niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen
-vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und
-gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen
-wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch
-jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den
-Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da
-die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber
-hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.
-
-In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten
-aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher
-und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen
-aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft
-und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und
-Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die
-Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint.
-In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war
-Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen
-Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen
-Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte
-sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des
-Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden
-verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei
-unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral
-und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht.
-Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und
-Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig
-mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung
-wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze
-Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller
-moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das
-Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr
-als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die
-Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung
-gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den
-Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur:
-sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen
-als »gut« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also
-auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und
-halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz
-anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser
-»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus,
-sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt
-alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und
-erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, _ihren_ Begriff
-»gut« für sämmtliche jenen _entgegengesetzte_ Eigenschaften,--also für
-das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin
-das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«,
-das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem
-»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen
-Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen
-Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach
-Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden
-Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild
-ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das
-Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums
-an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den
-Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet
-haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein,
-damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.[5]
-Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen
-und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen,
-weil die eigentliche _Bedeutsamkeit_ dieser Anschauung für seine
-Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht.
-Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich
-zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für
-ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der
-Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb
-ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang
-verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont:
-die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches
-gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch
-nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht
-was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene
-Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen
-sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der
-philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen
-auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie
-interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung
-keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,--und
-sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war,
-wissenschaftlich zu arbeiten.
-
-Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher
-seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)--dass wir »_Immer
-in unserer Gesellschaft« bleiben_, auch wo wir wähnen, Fremdes
-aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet
-zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich--: das Andere
-höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »_Grenze unseres Hörsinns_:
-Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort
-zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner
-Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen,
-als was mir schon gehört,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen
-zurück.« (Ebendaselbst 242.)
-
-Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner
-philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher
-Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in
-seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch
-bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem
-innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende
-und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit
-seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
-ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also
-sprach Zarathustra III 74.)
-
-Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein
-weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral
-geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache,
-dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist,
-_beide_ Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer
-solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von
-Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung
-entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur,
-d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet
-und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch
-die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche
-beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen
-des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang,
-ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche
-Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche
-Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur
-Weiterentwickelung erst befähigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft
-beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen,
-sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre
-Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles
-dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_.
-»Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass
-lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf
-die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf
-Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser
-Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar,
-sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu
-züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen,
-aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften
-und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven
-Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um
-sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren
-Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie
-wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den
-Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas
-Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch
-ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr
-ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter
-Kräfte,--»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra
-III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes,
-Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu
-Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den
-alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral
-I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er
-denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender
-Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung
-hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von
-Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch
-den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine
-Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist
-kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender
-und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund
-seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit
-genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch
-Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir
-finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
-Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
-widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
-Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen,
-diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich
-selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust
-am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die
-vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf
-lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen,
-welches heisst: »Ich bin das, _was sich immer selber überwinden muss_«.
-(Also sprach Zarathustra II 49.)
-
-Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen
-Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes
-Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten
-Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen
-hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame
-»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen
-beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde
-der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und
-Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er
-von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden
-und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem
-Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können.
-Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist
-liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte
-muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal«;
-(Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in
-der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur,
-dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die
-Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als
-solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze
-immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie
-als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch
-betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch
-betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen
-Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen
-Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung
-nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten
-Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser
-sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.
-
-Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches
-»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen
-bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhält, in
-dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche
-zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings
-damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,--beginnt mit
-einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das
-bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und
-Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand,
-an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte.
-Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend
-ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es müsste denn erst _geschaffen_
-werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein
-andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie
-sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres
-Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle
-eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits
-hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefürchteten,
-misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von
-keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit
-der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen
-Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der
-Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen
-höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen
-sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,--dass alles Böseste seine
-beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden;
-und dass der Mensch besser _und_ böser werden muss«. (Also sprach
-Zarathustra III 97.)
-
-Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend
-ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst
-zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich
-steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss:
-er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so
-kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und
-seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt
-sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet:
-»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst
-du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«.
-(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass
-er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle
-Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)
-
-So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_
-im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in
-Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied
-zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral
-als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative
-verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das
-Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder
-einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit
-der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der
-Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so
-gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst
-III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb
-geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit
-seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden
-müsstet?--Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz,
-der ist dieser Wahnsinn!--« (Ebendaselbst I 11.)
-
-Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines
-Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er
-betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein
-Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht
-und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein
-»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare
-Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der
-»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel;
-er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert
-wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese
-Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur
-von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei
-wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in
-der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur
-eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während
-Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart,
-geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu
-Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen
-im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch,
-als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein
-Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen«
-Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei
-Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen
-und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den
-_Moral-Weg_, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings
-das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und
-steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine
-tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man
-hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich
-als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben,
-sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern,
-sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft
-Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters,
-wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen
-Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth
-zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht
-minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er
-wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob
-auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele
-nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung
-unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer
-blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich
-einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen:
-allzuähnlich einander,--allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also
-sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen
-einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung
-auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist
-deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten,
-aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser
-Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.«
-(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich
-fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)
-
-Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt
-der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches
-Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang
-des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer
-hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und
-auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung
-der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am
-Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben,
-damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der
-Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es
-schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,--alle
-erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um
-sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.
-
-So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik
-auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in
-dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln
-eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 =
-Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der
-That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen
-voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart
-werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und
-wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss,
-kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht;
-das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den
-Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die
-Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler
-zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines
-nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst
-ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten
-Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man
-hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen
-Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche
-Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des
-Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der
-Zukunftsschöpfer, »--zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein
-inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
-Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
-Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
-Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
-stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)
-
-Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den
-Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des
-Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn
-Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung
-dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches
-Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden,
-gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine
-Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische
-Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für
-sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit
-damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller
-wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische
-Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem
-_Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens
-heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem
-_eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmässigen,
-Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der
-Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten
-Reinheit,--die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben
-besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich,
-dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz
-durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So
-erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten
-Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der
-sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der
-Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser
-schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr »über sich«,
-wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit
-dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines
-eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen
-Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für
-eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das
-eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen
-Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwäche, zügele, massige,
-»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen.
-Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen
-es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in
-sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner
-Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der
-Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines,
-sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen
-Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da
-keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander
-nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit
-bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund
-zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren
-gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der
-menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine
-leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche _Maske_,
-der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich
-gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf
-erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass
-es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln:
-der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber
-eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu
-einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen
-hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung
-zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten
-zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am
-grundsätzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den äussersten
-Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel
-zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich,
-um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man
-kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse
-verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie
-tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen
-Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.
-
-Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der
-von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe
-als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im
-vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fähigkeit_
-zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine
-Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.
-
-Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung
-glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche,
-Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«;
-(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden,
-der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und
-die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und
-gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,--die Kunst, sich vor
-sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige
-niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der
-Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche
-angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem
-Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert,
-seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich
-entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als
-Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung
-bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von
-Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug,
-hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit
-nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches
-Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein
-_Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: »--
---man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen,
-als ihren _höchsten_ Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das
-künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen
-und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits
-von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht
-Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu
-diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das
-_Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen,
-so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in
-seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte,
-wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der
-Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen,
-welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden
-sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das
-Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken
-gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt
-werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das
-Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich
-selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung
-ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der
-griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die
-apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen
-Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so
-verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild
-des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol
-im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner
-Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des
-Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.
-
-So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in
-die Aesthetik überfliesst,--in eine Art von religiöser Aesthetik,--und
-dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des
-Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen
-muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer
-phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer
-und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade
-dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die
-Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen
-vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er
-von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem--Unvermögen,
-als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lüsternheit nach
-dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er
-seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.«
-(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung
-des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen
-Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung,
-auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,--als ein _ästhetisches
-Phänomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des
-Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine
-geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. »-- --von Niemandem
-will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst
-es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen,
-»aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes.
-Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.-- --Diess nämlich
-ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat,
-naht ihr, im _Traume_,--der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach
-Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein
-Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu
-mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn
-»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«--»Was wäre denn schön, wenn
-nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre,
-wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin
-hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis
-zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht
-er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund
-aus hässlichen. »Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da
-aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist
-Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den
-es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_....« (Götzen-Dämmerung
-IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die
-grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des
-schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins
-ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang
-weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur
-»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich
-seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft
-bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand
-der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen
-Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl
-der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die
-Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt
-sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_.« (Götzen-Dämmerung IX
-8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle:
-was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,
-überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,
-bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_müssen_ in's
-Vollkommne ist--Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)
-
-Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter,
-indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein
-ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem
-Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die
-Menschen und Dinge zu _vergöttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulösen,
-um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche
-nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen
-angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das
-grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat
-des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten
-Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach
-Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung
-Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle
-in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon
-bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus
-dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch,
-er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen
-täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein
-ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt
-aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in
-einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religiösen
-Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum
-ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das
-Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern
-Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden
-ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen,
-was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In
-Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke;
-denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie
-gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie
-hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem
-mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das
-tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der
-Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man
-den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und
-religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde
-liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem
-Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,--aus dem Sehnen,
-seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben,
-den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und
-Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott
-oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen
-Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die
-Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten«
-anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm
-gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen
-der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra
-keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf
-sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »--was sagte dir einst
-Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?--Aber auch Zarathustra
-ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches
-Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich
-als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle höchste Wahrheit in der
-_Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner
-mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden,
-sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts
-Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von
-Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler
-ernst,--sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)
-
-Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen
-Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass
-es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten
-nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte
-Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«,
-der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu
-überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht
-vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine
-Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend
-eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber
-spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken
-abliest: »--warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern--als
-zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu:
-»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
-Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! _Vielleicht betrog er
-euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines
-Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!«
-(I 111.)
-
-Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und
-Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht
-wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm _religiös_ eine Wahrheit
-zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und
-hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich
-selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu
-entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in
-dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt
-unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive
-Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und
-ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die
-wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu
-malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die
-Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen
-Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang
-hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich
-selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen
-Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf
-der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft
-werden, als auf der anderen--der übermenschlichen--das Licht heller
-hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer
-Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen
-der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten
-Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen
-Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich
-derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen
-Gottschöpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen,
-»ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner
-absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies
-Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen
-düsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_,
-es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im
-Menschen gewüthet hat:--und wer es noch zu hören vermag-- -- --wie in
-dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des
-sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der _Liebe_ geklungen hat,
-der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im
-Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II
-22.)
-
-Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des
-Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime
-Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten
-die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip
-gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht
-geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft
-und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,--und
-so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten
-Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische
-Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere
-als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem
-tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift
-Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder
-seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das
-ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den
-metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges
-an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten
-Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus.
-Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und
-wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer
-Lebenskräfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung
-die gerade _entgegengesetzte_: das Schöne soll das Willensleben im
-Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und
-zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische
-Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung
-von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist
-daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche
-gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das
-Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt,
-ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als
-eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch
-das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider
-Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer
-Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«[7]
-hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des
-Lebens. Das Leben, als »das, _was sich immer selber überwinden muss_«,
-fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den
-Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem
-solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher
-Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen,
-der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem
-er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer
-Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der
-»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der
-»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des
-tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der
-dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die
-für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille
-hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens
-selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus
-das Lichte und Göttliche zu gestalten.[8] Ursprünglich war er ihm ein
-Zeugniss für die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische
-Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich
-als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als
-der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass
-genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der
-triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in
-den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_
-des hellenischen Instinkts aus--sein »Wille zum Leben«. _Was_ verbürgte
-sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige
-Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und
-geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;
--- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig
-gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,--
--- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille
-zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die »Qual der
-Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --«.
-(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX
-22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene
-schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische,
-denn in ihr zeugt der Künstler aus dem _Furchtbaren das Schöne_. »_Was
-theilt der tragische Künstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der
-Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er
-zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem
-mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das
-Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische
-Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das
-Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist,
-wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragödie sein
-Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten
-Grausamkeit.--« (IX 24.)
-
-»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und
-Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans
-wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des _tragischen_ Gefühls,--
---Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten
-Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner höchsten Typen der
-eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch,
-_das_ errieth ich als die Brücke zur Psychologie des _tragischen_
-Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- --
---: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust
-des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am
-Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- --« (X 5.)
-
-Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten
-Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner
-Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und
-der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von
-der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System
-»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte,
-ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens,
-denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts
-anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt
-und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen
-Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl
-sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament,
-als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der
-er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist,
-und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle
-findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen
-verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und
-Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den
-Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf
-des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im
-vorletzten Aphorismus des Buches »_Das grösste Schwergewicht_«, als
-eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts,
-ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:
-»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch
-einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues
-daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und
-Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir
-wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese
-Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser
-Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer
-wieder umgedreht--und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«--Würdest du
-dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon
-verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren
-Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott
-und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt
-bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht
-zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal
-und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf
-deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben
-gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten
-ewigen Bestätigung und Besiegelung?--«
-
-Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und
-unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es
-nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und
-erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen
-Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz
-unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle
-hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der
-ernsten Schlussbetrachtung »_Incipit tragoedia_« nicht merkt,--»so
-heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt _uns_ überhört!«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er
-denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste
-unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch
-am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat
-der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist
-Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.
-
-Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit
-einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen«
-wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als
-unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen.
-Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein
-Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm
-unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen
-Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der
-That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr
-für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der
-Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche
-nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen
-qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche
-Maske.
-
-Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich
-ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu
-wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung
-des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren
-Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch,
-der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung
-seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt
-diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit
-knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der
-Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft
-giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«
-
-Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der
-Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner
-eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen
-letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen
-lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik
-zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte,
-während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der
-Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle
-unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den
-»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett.
-Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N.« So lautete einer der
-Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und
-dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach
-Vollendung jener Composition schrieb:
-
-
- »Meine liebe Lou,
-
- Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens
- _bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden!
-
- Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik
- zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden
- Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort
- noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich
- habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- --
-
- _Vorwärts_------_und aufwärts_!-- --«
-
-
-Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch
-keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte
-die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie
-weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten
-eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus
-Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es
-möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine
-wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es,
-wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre
-ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren
-absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges,
-als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.
-
-Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten
-Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem
-Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber
-wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein
-oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche
-Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen
-Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der
-verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig
-beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe
-seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal
-befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon
-entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt
-sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an,
-wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es
-entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in
-dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar
-wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer
-unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit
-werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung
-an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als
-endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere
-Eingebung--seine eigene persönliche Eingebung.
-
-Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und
-des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden
-Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt
-uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die
-Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit
-der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten
-Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als
-Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die
-Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre
-mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar
-zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der
-Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem
-Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug
-sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und
-zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten
-Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man
-sein _warum_? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem _wie_?«
-sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als
-die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen
-Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.
-
-So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual
-einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an
-ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so
-inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen
-Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine
-schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.
-
-Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens
-eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass
-und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen
-Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche
-scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere
-Voraussetzung für ihn bilden.
-
-In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das
-Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der
-Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels,
-um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und
-Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu,
-dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen
-könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss
-sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung
-dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als
-zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese
-Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender
-Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige
-Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das
-sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen
-durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess
-nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch
-eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über
-das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später,
-als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und
-unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm
-jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den
-Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab,
-ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins
-Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren
-verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete
-Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer
-Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches.
-Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das
-in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt,
-gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben
-zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten
-That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss
-und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn,
-dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die
-thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.
-
-So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus
-seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik
-zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste
-steigert,--dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und
-Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die
-Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.
-
-In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet,
-eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben
-eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende
-Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem
-Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend
-gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer
-aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen
-zu können;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine
-Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird
-in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem
-schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue
-Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.
-
-In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie
-das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung
-des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung
-und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen
-Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder
-verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist
-von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem
-Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel
-des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära
-der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen
-ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen
-Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der
-Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der
-Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen
-liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet
-worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch
-betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken
-und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte.
-Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der
-Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten
-Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_,
-den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des
-Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir
-»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur
-durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns
-mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir
-uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen
-selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die
-_auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das
-einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch
-_entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religiösen
-_Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus.
-
-Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue
-Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und
-Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer
-räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus
-in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen
-Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt
-dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie;
-wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller möglichen
-Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat
-vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen
-für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten,
-lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem,
-was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es,
-_so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus,
-_unersättlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
-Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
-Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat--und nöthig macht:
-weil er immer wieder sich nöthig hat--und nöthig macht-- --Wie? Und
-dies wäre nicht--circulus vitiosus deus?«
-
-In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der
-Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus
-hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie
-ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.
-
-Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen
-mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene
-Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,--und andererseits
-wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen,
-Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es
-zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem
-einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie
-aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen:
-eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der
-ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine
-Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d.
-h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem
-schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt
-sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um
-den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als
-solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende
-und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das
-heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als
-ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum
-wird Alles--wie? vielleicht zur »Welt«?--« (das heisst: durch die
-vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur
-er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch
-dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die
-Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen
-äussert).
-
-Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches
-Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in
-ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des
-Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie,
-und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein
-Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir
-haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu
-einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie,
-das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in
-Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart
-zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und
-als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund
-der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen
-Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein
-_unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig
-wiederholender_ ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren,
-in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein
-solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_
-auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese
-letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_.
-Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und
-zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen
-vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und
-Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie
-in beseligende Erlösung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je
-einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt
-er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was
-rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu
-schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein
-freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,--was
-allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ...« (Zur
-Genealogie der Moral II 25.)
-
-Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches
-Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als
-Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten
-wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen
-und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen
-Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände
-und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche
-sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu
-bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das,
-nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit
-aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--für den
-fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit
-der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich
-zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform
-geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem
-übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden
-und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die
-Welt erlösen sollte:--»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das
-neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der
-Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)
-
-Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches,
-sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die
-Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch,
-mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«,
-der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche
-Nietzsche-Erscheinung überragt,--er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus
-ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines
-Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen
-fernsten Ursprüngen an,-- --daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu
-Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben
-von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen
-erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch
-meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)
-
-So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein
-Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder
-von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies
-für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen
-Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und
-bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium
-steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein,
-mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte
-ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus
-verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen
-erhebt!«
-
-War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem
-Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er
-sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk
-»Der Wille zur Macht« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt
-geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien,
-dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er
-ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin
-Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist
-Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen:
-»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
-meinen _Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste_.--«
-Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des
-Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits
-frei schaffend über demselben.
-
-So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer
-Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich
-doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das
-Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als
-des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat
-gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens
-hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich
-in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später,
-aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch
-seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um
-schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt
-zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei
-Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit
-und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue,
-aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende
-ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der
-thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit.
-Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht,
-braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten
-Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und
-die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in
-sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt
-er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in
-positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers
-Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an
-das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des
-gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialität
-der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte
-Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die
-nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34)
-den Aphorismus _Historia abscondita_: »Jeder grosse Mensch hat eine
-rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die
-Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus
-ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne.« Ferner (337): »-- --
---wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_
-zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung
-allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der
-an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt
-wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend
-der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und
-den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von
-?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein,
-der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein
-Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor
-sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen
-Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten
-Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen
-noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen,
-Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der
-Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl
-zusammendrängen:--diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der
-Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glück voller Macht und Liebe,
-voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am
-Abend, ? fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt
-und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt,
-wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses
-göttliche Gefühl hiesse dann--Menschlichkeit!«
-
-Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem
-Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des
-historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt
-im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung
-hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in
-»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft
-des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das
-vergangenen Zuständen angehört: »Alle _stärkeren_ Stimmungen bringen
-ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie
-wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der
-individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig
-auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der
-Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein
-Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch
-fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54)
-Bezug genommen, in dem Aphorismus »_Das Bewusstsein vom Scheine_«: »Wie
-wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich
-mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für
-mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte
-Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet,
-fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin plötzlich mitten in
-diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume
-und dass ich weiterträumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie
-der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was
-ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines
-Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben
-nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske,
-die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte!
-Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in
-seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein
-und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen
-diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass
-der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu
-ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die
-erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das
-höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und
-die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben
-damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_.«
-
-Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu
-seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer
-Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem
-Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und
-Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes
-gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung,
-dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer
-schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke
-später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten
-Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in
-tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf
-Schläge verkündet:
-
-
- _Eins_!
-
- Oh Mensch! gieb Acht!
-
- _Zwei_!
-
- Was spricht die tiefe Mitternacht?
-
- _Drei_!
-
- »Ich schlief, ich schlief--,
-
- _Vier_!
-
- »Aus tiefem Traum bin ich erwacht:--
-
- _Fünf_!
-
- »Die Welt ist tief,
-
- _Sechs_!
-
- »Und tiefer als der Tag gedacht.
-
- _Sieben_!
-
- »Tief ist ihr Weh--,
-
- _Acht_!
-
- »Lust--tiefer noch als Herzeleid:
-
- _Neun_!
-
- »Weh spricht: Vergeh!
-
- _Zehn_!
-
- »Doch alle Lust will Ewigkeit--,
-
- _Elf_!
-
- »--will tiefe, tiefe Ewigkeit!
-
- _Zwölf_!
-
-
-Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum
-starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an
-die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen
-Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im
-_Lebenserlöschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie
-sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems
-einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass,
-nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser
-extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich
-nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung
-vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist
-schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den
-übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben
-hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht
-werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller
-Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen,
-als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit
-denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.[10]
-
-Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von
-Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines
-Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der
-That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss
-oder Analogon,--denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen
-des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen
-zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets
-eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten
-Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt
-seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also
-sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst
-1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit
-sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden
-glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und
-förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit
-diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte
-Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an
-verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen.
-(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »_Traum und
-Kultur_« und 113 »_Logik der Traumes_«.) Dort meint er noch, dass
-die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der
-Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der
-im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an
-die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch
-heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt
-im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr
-von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen
-Reproducirung eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der
-»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum
-schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im
-Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten
-Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass
-im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das
-Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion
-zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der
-Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen
-Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum,
-dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben.
-Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von
-allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle,
-Unergründliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen
-Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch
-sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht
-aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren
-Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer
-Dionysos-Zustände,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurücksinken
-in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien
-ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener
-Menschheitsschichten.
-
-Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer
-möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin
-gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung
-ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf:
-»Nur wer schreckt--führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die
-folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines
-die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius
-erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren
-des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der
-Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedächtniss _greift
-einmal weit genug rückwärts_, während sein civilisirter Zustand sich
-aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen
-jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster
-Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht
-die Menschen nicht_.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein
-solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im
-»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft
-geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung
-ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der
-Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »-- --wenn--trotzdem
-neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer
-wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften
-Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen
-Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches
-und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn
-sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und
-Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger
-Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt
-als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?--
--- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen
-Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend
-einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb,
-_wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts übrig, als sich
-wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. »Wie macht man sich
-wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --?« diesem entsetzlichen
-Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren
-Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die
-Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in
-welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten
-geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören:
-»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich
-endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche
-Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie
-kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten,
-lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich
-bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe
-das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen
-Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der
-Verworfenste von Allen.-- -- -- --.« (Morgenröthe 14.)
-
-Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich
-auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt
-werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später
-Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging
-aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden,
-von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des
-Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle
-ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene
-ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit
-seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden.
-Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen
-sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank;
-unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden
-Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen
-Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem
-auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang
-zufallen,--für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung;
-mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu
-seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,--für diesen war es nur der
-Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in
-sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung«
-(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung
-von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem
-Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits
-von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als
-Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor
-den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn
-in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen
-Glanz: »Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein,
-in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und
-Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei
-Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske.
-Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen,
-während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt,
-das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins
-Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »_Hier ist
-die Aussicht frei_« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung,
-dass es Grösse der Seele sein könne, »_dem Unwürdigsten_« ohne
-Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein
-Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit;
-ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«
-
-So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte
-Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das
-Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste.
-Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer
-selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persönlichem Handeln
-und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich
-verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre
-in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt
-gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben
-zurückverwandelt,--entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen
-in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II
-35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich,
-anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer
-Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen,
-so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die
-_rein menschliche Lebenstragödie_. Zarathustras erlösende Weltthat
-ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der
-Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis
-erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches
-Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer
-aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer
-solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst
-du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins
-beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen
-Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich
-Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar
-verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die
-Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.
-
-»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich--hörte
-nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
-Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde
-ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis
-zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein
-Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch
-wagte ich niemals, dich _herauf_ zü rufen: genug schon, dass ich dich
-mit mir--trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden
-Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die
-Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst
-befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,--das lachende
-selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht,
-weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:
-
-»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
-weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss.
-Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.
-Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hörte ich
-solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es
-ohne Stimme zu mir: »_Du weisst es, Zarathustra_?«--Und ich schrie
-vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem
-Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah
-ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss
-und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und
-floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich
-aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- --
---« Also sprach Zarathustra II 97 ff.
-
-Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:
-
-»Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie
-ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als _ob
-noch Einer_[11] auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle;--
--- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte:
-
-Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
-Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
-schon wach krähen!
-
-Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
-Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Gräber horchen lernen_![12]
-
-Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
-mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
-Blindgeborne.
-
-Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist
-das _meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie
-heisse--weiterschlafen![13]
-
-Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln--reden
-sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
-
-Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher
-des Leidens, der Fürsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen
-abgründlichsten Gedanken!
-
-Heil mir! Du kommst--ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte
-Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!
-
-Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel,
-Ekel-- -- --wehe mir!«
-
-Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als
-eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen
-Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn
-den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch
-die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und
-Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft
-hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung
-einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du
-geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise
-mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals
-und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung
-überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben,
-das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das
-eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess:
-gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr
-das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen
-soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet
-ihr das schon?«
-
-So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an
-deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in
-die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,--nicht hineinklettern lässt es
-sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir
-nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen
-eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwärts steigen?--
--- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun
-und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,--hinan,
-hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!« (Also sprach
-Zarathustra III 2 f.)
-
-Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen
-nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche
-Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt
-und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden,
-umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine
-Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken,
-die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes
-Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur _können_
-wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen,
-welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch
-nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die
-völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten
-seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns
-zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang
-aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht
-worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein
-bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier
-soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den
-Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach
-Zarathustra III 2.)
-
-Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns
-unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen
-her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach,
-ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte
-Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese
-schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch
-muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als
-ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es
-mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.
-
-Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
-dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein
-geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das
-Höchste zu seiner Höhe kommen_.--« (III 2 ff.)
-
-So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des
-Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge
-stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg«
-(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren
-vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und
-Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um
-Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem
-Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm
-treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein,
-gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich
-denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn
-mich einst meine Klugheit verlässt:-- --möge mein Stolz dann noch mit
-meiner Thorheit fliegen!
-
---Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)
-
-So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang
-und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.
-
-Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr
-eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der
-es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und
-Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise
-durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu
-finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der
-Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt
-(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen
-ist,--wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim
-Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem
-Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_.«
-In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis.
-Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem
-ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher
-bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen _glaubenheischenden_
-Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere
-Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die
-Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt
-und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt.
-Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner
-pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches
-hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng
-individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem
-eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit
-sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die
-je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand
-selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab,
-_absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem
-Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch
-eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in
-dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er
-seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:
-
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....
-
- Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,
- Das Fest der Feste:
- Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!
- Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
- Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss
-
-
-wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem
-wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.
-
-Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein,
-diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem
-Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die
-Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger
-Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des
-Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie.
-Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben
-und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und
-dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von
-mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schöpfer-Philosoph
-dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich
-selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle
-vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet.
-»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch,
-also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner
-Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder
-rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen
-Zukunft zu trennen.
-
-Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte
-auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er
-den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder
-von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien
-ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere
-angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit,
-dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst
-und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb dürfen sie nunmehr
-auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden
-sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen
-er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so
-häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick
-und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten
-seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit
-seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen
-entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er
-seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein
-individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt,
-dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern
-Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als
-unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte
-dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in
-cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut
-und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu
-Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals
-ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der
-im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr
-nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles
-um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche
-jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die
-er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und
-Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit
-dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim--mein
-eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut
-unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)
-
-Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren
-Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines
-Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das
-Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die
-»_Moral für Häuserbauer_«, so dachte er und ignorirte, dass es für
-seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist
-also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen
-Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die
-abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran
-glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können.
-Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz
-besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie
-an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,--Wagner gegenüber in
-der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem
-interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und
-wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem
-Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem
-Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges
-Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.
-
-Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig
-und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom
-September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von
-»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren
-Schriften seien »_zurückzudatiren_«, sie redeten _nur_ von dem,
-was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _überwunden_, was bereits
-_hinter_ ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden,
-habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die
-vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer
-Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen
-ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen
-Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die
-nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen
-Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam
-mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort
-anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten
-Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass
-man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere
-Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den
-vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine
-Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und
-verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener
-Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze
-zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche
-Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung
-nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur
-der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich
-geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche
-nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und
-Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der,
-wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer
-zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber
-durchzusetzen.
-
-Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »_Umwerthung
-aller Werthe_« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht
-worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig,
-abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede
-vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer
-Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte
-heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster
-Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie
-geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter
-Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist,
-in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen
-seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon
-stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen«
-und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden
-Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich
-mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch
-abfindet,--und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein
-Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt
-und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie
-fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig
-verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde
-Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die
-Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschütterung sehen wir
-ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung
-hinübergleiten.
-
-Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885
-entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung,
-der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus
-seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und
-da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten
-Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht
-das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den
-Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen
-verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen
-Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag,
-dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen
-Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte,
-dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit
-für immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren höchsten Gedanken
-die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen
-wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken
-ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite
-das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten
-Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen
-nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst
-du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt
-Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher
-als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7).
-Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
-mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also
-sprach Zarathustra IV 87.)
-
-Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied
-er--lachenden Mundes, »rosenumkränzt«--das Leben entschuldigend,
-rechtfertigend, verklärend--. In dionysischen Dithyramben klang sein
-Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein
-Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch
-Zarathustra.
-
-Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst:
-schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft
-200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens
-froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als
-ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch
-Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber,
-durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag,
-psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als
-mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn
-und Werth seiner Werke.
-
-Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen
-entgegen: das Gelächter eines Irrenden--und das Lächeln des
-Ueberwinders.
-
-
-[1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken
-seiner vorhergehenden Periode:
-
-»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten«
-Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese
-dem Bedürfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren
-Wunsch, dass es so sein möge,--also dass das Beseligende auch das
-Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
-einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon
-_verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals für ihn geradezu
-die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir-- --Feinheit und Genie,
-wenn der Mensch-- --schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei
-sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die
-innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die höheren
-Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft
-2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen _der
-wahren Grösse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen
-Genialität, »das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem
-Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst
-von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine
-Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre
-»Vernünftigkeit«--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend
-fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens
-beleidigt oder beschämt wurden,-- -- --: so wäre die Menschheit längst
-zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als
-ihre grösste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das
-Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in
-der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande.
-Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des
-Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines
-Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste
-Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander
-übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen--
--- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube)
--- -- --verlangt,-- -- -- --macht Künstler und Dichter zu
-Ueberläufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine
-förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches
-Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte
-sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und
-Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich
-von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des
-Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Kräftigenden_ machen.« Gleich
-ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber
-einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche
-Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten
-Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird
-überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und
-bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität
-zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen
-unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn
-der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich
-auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 635.)
-
-[2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147
-Nietzsches Protest gegen »_die Kunst als Todtenbeschwörerin_«, weil sie
-die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen
-will. »Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und
-macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben
-wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch wirkt dasselbe
-schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und »Todtenbeschwörer«
-dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle Menschen«, denn sie
-»schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem
-an sie es nachzuempfinden vermögen«. (Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so
-meinte er, dem Gefühlsüberschwang möglichst entgegenwirken, der uns in
-verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmählich überkommen
-ist; sich darin gehen lassen, käme einer Annäherung an Wahnsinn und
-Krankheit gleich: »-- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross
-geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die
-allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europäischen
-Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien
-in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.-- -- --dennoch macht sich
-eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden
-Kultur-Last nöthig,-- -- -- --wir müssen den Geist der Wissenschaft
-beschwören, welcher kälter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --«.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der
-höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen,
-welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse
-am Wahren hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der
-Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten
-Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist
-die nächste Folge.« (I 251.)
-
-[3] Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die
-demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte
-Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)--Unmöglichkeit fürderhin, dass die
-Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen
-Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen
-Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_!«
-(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »-- --die wildesten
-Kräfte brechen Bahn,-- -- --damit später eine mildere Gesittung hier
-ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Böse
-nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I
-246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren
-Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner
-Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen
-Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später
-ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und
-Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die
-Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende
-Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer
-früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn
-die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und
-zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein
-_zurückgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an
-Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende
-liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen,
-beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist
-ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen
-entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die
-rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der
-andere lebt auf deren _höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von
-dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der
-Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)
-
-[4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): »Die
-italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten,
-welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des
-Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den
-Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft_.«
-
-Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und
-Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »--
---Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen
-jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte
-Cäsaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu
-schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.--
--- -- -- --In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn
-wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach
-allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch
-im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth
-von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich,
-bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem
-Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's
-erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich
-und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der
-Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen
-modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in
-einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und
-Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.«
-
-In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des
-Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition
-zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit«
-dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.
-
-[5] Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen Charakters
-lese man in der _Morgenröthe_ (205) seinen Aphorismus »_Vom Volke
-Israel_«: »-- --Wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser
-Eindrücke,-- -- --, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden,
-Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,--wohin soll
-sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen
-und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene
-Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen
-Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen
-vermögen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da
-sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schöpfung und
-seines auserwählten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen
-uns mit ihm freun!«
-
-[6] Für diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualität
-hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied
-modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten Worte gefunden.
-Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden Aussprüche
-gelten:
-
-»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
-Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
-
-Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
-Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der
-Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie
-nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände
-schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
-
-Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück--ja,
-zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
-Menschen-Sinn!-- -- -- --
-
-Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
-Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
-unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.)
-
--- --»Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- --
-
--- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- --
-
-Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
-nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- --
-
-Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
-künden: frei wozu?
-
-Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
-über dich aufhängen wie ein Gesetz?-- -- --« (I 87 f.)
-
-»-- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde
-ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.)
-
-»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.)
-
-»--von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe
-zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand
-ich's.« (III 14.)
-
-»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
-hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: »-- -- -- --
-
-Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
-Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- --
-
-Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
-ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«-- --
-
-Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
-du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
-
-Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden
-sie deine Tugenden und Freudenschaften.
-
-Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
-Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
-
-Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
-Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)
-
-[7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des Dinges
-an sich.
-
-[8] Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen Wissenschaft«
-(84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin
-sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren Leidenschaften
-befreit wurden, indem »man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer
-Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen
-rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer
-Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher
-sich freier und ruhiger fühle«.
-
-[9] Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung der
-ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom Gesicht
-und Räthsel«.
-
-»Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege
-kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
-
-Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
-hinaus--das ist eine andre Ewigkeit.
-
-Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
-Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
-Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.«
-
-Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer
-ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?«-- -- --
-
-Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse
-gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon
-einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
-
-Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du--von diesem
-Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein?
-
-Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
-Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber
-noch?
-
-Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
-_hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!--
-
-Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
-Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von
-ewigen Dingen flüsternd--müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
-
---und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,
-in dieser langen schaurigen Gasse--müssen wir nicht ewig wiederkommen?--
-
-Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
-eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- --
-
-Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen
-Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine
-Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen.
-
-»Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange
-nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den
-Kopf ab! Beiss zu!«--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
-Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem
-Schrei aus mir.-- -- --
-
---Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
-Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.--
-
-Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein
-Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein
-Mensch, wie ei lachte!
-
-Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen
-war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer
-stille wird.«
-
-Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von
-der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst:
-indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen
-zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden
-Uebermenschen:
-
-»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
-doch das Gesicht des Einsamsten!
-
-Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im
-Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?«
-
-Vgl. (III 96): »-- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und
-mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«
-
-[10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten
-wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend
-beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster
-Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis
-seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte.
-Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ »_Das System des
-Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare
-des Çankara über dieselben_.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der
-Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt,
-ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist
-unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss
-dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung
-des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten,
-allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung,
-dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem
-seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt
-einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man
-die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in
-ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur
-Erklärung an den Rand zu schreiben.
-
-[11] Nietzsche--Zarathustra.
-
-[12] Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.
-
-[13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des
-Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen vermag.
-
-[14] Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in den um
-dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile
-von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«.
-Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.):
-
-
- Jetzt--einsam
- mit dir,
- _zwiesam im eignen Wissen_,
- _zwischen hundert Spiegeln_
- _vor dir selber falsch_,
- _zwischen hundert Erinnerungen_
- _ungewiss_,
- an jeder Wunde müd,
- an jedem Froste kalt,
- in eignen Stricken gewürgt,
- _Selbstkenner!_
- _Selbsthenker!_
-
- Ein Kranker nun,
- der an Schlangengift krank ist;
- ein Gefangner nun,
- der das härteste Loos zog:
- im eignen Schachte
- gebückt arbeitend,
- _in dich selber eingehöhlt_,
- _dich selber an grabend_,
- _unbehülflich_,
- _steif_,
- _ein Leichnam_--,
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Lauernd,
- kauernd,
- Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!
- _Du verwächst mir noch mit deinem Grabe_,
- _verwachsener Geist!_...
-
-
-
-
-
-
-DIE BRIEFE
-
-
-Erster Briefe
-
-
-An Lou von Salome
-
-[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]
-
-Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen
-Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus
-dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne
-Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen
-Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter
-ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«--Zum
-Beispiel Plato.
-
-Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie
-ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in
-seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker
-ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser
-ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu
-gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame
-Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen
-und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie;
-vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?--
-Aber über mein Leben ist schon verfügt.--
-
-Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen
-Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr
-»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist
-nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten
-Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das
-wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt
-gelangten--andre Wege vorbehalten.--
-
-Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist,
-wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen
-Wissenschaft« ein--[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten
-Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: »Was ist
-Wahrheit!«--
-
-Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft
-mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte.
-Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres,
-zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und
-dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht
-irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein.
-Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter
-in Tränen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden
-Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner
-selber« machen.--
-
-Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2.
-Oktober? Adieu,
-
-
-
-
-Zweiter Briefe
-
-
-An Lou von Salome: 16-07-1882.
-
-Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend
-über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an
-Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.
-
-Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu
-müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte,
-dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum
-Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich
-möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in
-Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in
-Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange
-Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.
-
-Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem
-schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde
-Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu
-gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches
-Allzumenschliches« ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu
-Ende.
-
-Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des
-Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit
-meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie
-neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich
-über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden
-damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft
-in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte
-mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir
-nicht erträglich.)
-
-Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug
-auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!«
-Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für
-Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.
-
-
-
-
-Dritter Briefe
-
-
-Tautenburg bei Dornburg Thüringen.
-
-3. Juli 1882
-
-Meine liebe Freundin,
-
-Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir
-zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste
-Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können--meine Schwester
-sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der
-»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte
-Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6
-Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre!
-Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse!
-Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir
-diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen
-kleinen Streifen _unbewölkten Himmels_ über sich:--oh liebe Freundin,
-so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und
-weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das
-Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein
-vollständiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich
-weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich
-sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!--Aber
-von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein
-und brauche mich nicht zu fürchten.--
-
-Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschließlich_
-an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig
-von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Süden
-Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam
-sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe
-ich fast Alles noch zu lernen!--
-
-Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es
-gesagt haben.
-
-Unserem Rée das Herzlichste!
-
-Ganz _Ihr_ F.N.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-
-*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 50525 ***
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- The Project Gutenberg eBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by Lou Andreas-Salomé.
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-Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken
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-Author: Lou Andreas-Salomé
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-Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525]
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-Language: German
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-Character set encoding: UTF-8
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-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
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-Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
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-<div class="figcenter" style="width: 500px;">
-<img src="images/cover.jpg" width="500" alt="" />
-</div>
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-<h1>FRIEDRICH NIETZSCHE</h1>
-
-<h4>IN SEINEN</h4>
-
-<h4>WERKEN</h4>
-
-<h5>VON</h5>
-
-<h2>LOU ANDREAS-SALOMÉ.</h2>
-
-<h4>MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.</h4>
-
-
-<h5>ZWEITE AUFLAGE.</h5>
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:
-<br />
-<span style="font-size: 0.8em;">NIETZSCHES WAHLSPRUCH:</span><br />
-»Increscunt animi, virescit volnere virtus.&mdash;«<br />
-<span style="margin-left: 10%;">Furius Antias bei Gellius.</span><br />
-</p>
-<hr class="r5" />
-<h5>VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN</h5>
-
-<h5>(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.</h5>
-<hr class="full" />
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-<blockquote>
-
-<p>Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem
-inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch
-mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in
-unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.</p>
-
-<p style="margin-left: 65%;">Lou Andreas-Salomé.</p></blockquote>
-<hr class="r5" />
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/nietzsche_001.jpg" width="475" alt="" />
-<div class="caption">Friedrich Nietzsche</div>
-</div>
-<hr class="tb" />
-<h5>IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET</h5>
-
-<h4>EINEM UNGENANNTEN</h4>
-<hr class="tb" />
-
-<p style="font-size: 0.8em; margin-left: 30%;">INHALTS-VERZEICHNISS.</p>
-
-<p style="margin-left: 30%;">
-<a href="#I_ABSCHNITT">Sein Wesen</a><br />
-<a href="#II_ABSCHNITT">Seine Wandlungen</a><br />
-<a href="#III_ABSCHNITT">Das »System Nietzsche«</a><br />
-</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/nietzsche_002.jpg" width="475" alt="" />
-<div class="caption">F. Nietzsche. Zeichnung: Hans Olde.</div>
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<p style="margin-left: 20%;">Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.</p>
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/briefe_001.jpg" width="475" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/briefe_002.jpg" width="475" alt="" />
-</div>
-
-<p style="margin-left: 30%;">(<a href="#Erster_Briefe">Gedruckter text.</a>)</p>
-
-<p class="p2" style="font-size: 0.8em; margin-left: 20%;">[Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem
-vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Ich kenne mancher Menschen Sinn<br />
-Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!<br />
-Mein Auge ist mir viel zu nah&mdash;<br />
-Ich bin nicht, was ich seh und sah.<br />
-Ich wollte mir schon besser nützen,<br />
-Könnt' ich mir selber ferner sitzen.<br />
-Zwar nicht so ferne wie mein Feind!<br />
-Zu fern sitzt schon der nächste Freund&mdash;<br />
-Doch zwischen dem und mir die Mitte!<br />
-Errathet ihr, um was ich bitte?«<br />
-<br />
-(Scherz, List und Rache 25.)]<br />
-</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h4><a name="I_ABSCHNITT" id="I_ABSCHNITT">I. ABSCHNITT</a></h4>
-
-
-<h3>SEIN WESEN.</h3>
-<hr class="r5" />
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;">
-<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Der Mensch mag sich noch so<br />
-weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,<br />
-sich selber noch so objectiv Vorkommen:<br />
-zuletzt trägt er doch Nichts davon,<br />
-als seine eigene Biographie.«<br />
-(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)<br />
-</p>
-
-
-<p class="p2">»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen
-wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas
-zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber
-sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner
-Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden
-Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist
-es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit
-an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die
-sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für
-sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein
-eignes Selbst in Gedanken umsetzte.</p>
-
-<p>Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch
-den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse
-für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und
-inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz
-besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen
-überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer
-Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den
-Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was
-jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres
-Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits
-von Gut und Böse 6.)</p>
-
-<p>Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden
-Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den
-ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit
-enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und
-einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,&mdash;der Inhalt des dritten, das
-eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe
-der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander
-folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus
-ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Es
-handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von
-Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine
-Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem
-Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der
-rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein
-persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt
-werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten
-sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen
-wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen
-vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner
-Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht
-in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch
-begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen
-Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit
-redet,&mdash;in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,
-aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches
-äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der
-würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher
-der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er
-nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> all sein Erleben war ein
-so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund,
-und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen,
-aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen
-bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein
-Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu
-zeichnen versuche: das <span class="gesperrt">Gedanken-Erlebniss</span> in seiner Bedeutung für
-Nietzsches Geisteswesen&mdash;das <span class="gesperrt">Selbstbekenntniss</span> in seiner Philosophie.</p>
-
-<p>Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend
-ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind,
-theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so
-ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu
-unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner
-Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand,
-zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite
-Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren,
-welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem
-Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und
-Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von
-Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand.
-Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen
-Lärm um seinen stillen Namen,&mdash;aber im Besten, durchaus Einzigartigen
-und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht
-übersehen worden und unbeachtet geblieben,&mdash;ja in eine vielleicht noch
-tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn
-zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit,
-doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der
-Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur
-Lob&mdash;« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm
-wahrhaft nachgegangen,&mdash;fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit
-und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat
-diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen
-Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem
-ungeheuren Wahn zusammenbrach.</p>
-
-<p>Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten
-preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren
-Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel
-gehoben,&mdash;ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf
-den Lippen:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>»Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen,
-aber Niemand&mdash;denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die
-ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine
-Gedanken.«</p></blockquote>
-
-<p><span class="gesperrt">Friedrich Wilhelm Nietzsche</span> ist am 15. October 1844 als der
-einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo
-sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung
-empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student
-der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der
-berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich
-unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm
-im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt
-Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er
-1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen
-lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut
-gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität
-Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen
-Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche
-erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche
-Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig
-verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen
-Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen
-in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,&mdash;einer
-Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,&mdash;an welcher noch
-andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob
-Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen
-Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an
-sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu
-voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer
-habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten
-Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz
-Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den
-beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach
-Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler
-Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss
-seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner
-einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später
-seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach
-Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als
-freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten
-drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch
-wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will
-man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken,
-so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben
-erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank,
-dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab
-verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem
-Tode nahe war.</p>
-
-<p>»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich
-gequält,&mdash;so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine
-Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem
-Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre
-zugebracht hat.</p>
-
-<p>Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von
-Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom
-war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin
-der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners)
-zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon
-damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem
-kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger
-brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf
-starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine
-Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium
-und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem
-führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien&mdash;meistens in
-Genua&mdash;theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner
-Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.</p>
-
-<p>Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam
-beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt:
-so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen
-haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich
-entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und
-Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit
-der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher
-zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache
-in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt
-umfassen:</p>
-
-<p>Zehn Jahre, 1869-1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel;
-diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig
-zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und
-mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik
-Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in
-welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung
-Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches,
-Allzumenschliches« übersandte.</p>
-
-<p>Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul
-Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,&mdash;gleichzeitig mit der
-Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke
-Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.</p>
-
-<p>Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre
-lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser
-Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich
-zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als
-ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt,
-sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene
-Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm
-angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch
-seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.</p>
-
-<p>Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur
-und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum
-ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879-1889. Seitdem lebt Nietzsche als
-Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von
-Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.</p>
-
-<p>Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche
-inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die
-Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere,
-am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher
-der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten
-Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb,
-was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene,
-die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,&mdash;das war der erste, starke
-Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen
-Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner
-überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit
-den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar
-konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen
-Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart
-fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose
-Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei
-er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer
-diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,&mdash;sie trug das
-Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön
-und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen,
-waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie
-seinen Geist verriethen,&mdash;eine darauf zielende Bemerkung findet sich in
-»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine
-unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden,
-wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten
-&mdash;als ob die Hand kein Verräther wäre!&mdash;.«<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<p>Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen
-sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen
-vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer
-eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick
-streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz
-besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere
-Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres
-zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,&mdash;weit über die
-nächsten Gegenstände hinweg,&mdash;in die Ferne, oder besser: in das Innere
-wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung
-nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten
-Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits
-von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er
-sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu
-Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen
-und schwinden;&mdash;wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach
-die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen
-Tiefen,&mdash;aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er
-mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen
-erfasste,&mdash;und in die sein Geist zuletzt versank.</p>
-
-<p>Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte
-auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser
-Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen,
-wohlwollenden Gleichmuth,&mdash;er hatte Freude an den vornehmen Formen im
-Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an
-der <span class="gesperrt">Verkleidung</span>,&mdash;Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes
-Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten
-Male sprach,&mdash;es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche
-zu Rom,&mdash;während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm
-mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem
-Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der
-aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr
-bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst
-hat: »Bei Allem, was ein Mensch <span class="gesperrt">sichtbar werden</span> lässt, kann man
-fragen: was soll es <span class="gesperrt">verbergen</span>? Wovon soll es den Blick ablenken?
-Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht
-die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«</p>
-
-<p>Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher
-Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,&mdash;einer sich
-stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.</p>
-
-<p>In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein
-zum Schein,&mdash;zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe
-nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche
-zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als
-Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst
-eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches
-II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich
-theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter
-der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie
-entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber
-noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er
-»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter
-seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet
-eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von
-den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut
-und Böse 44),&mdash;von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit <span class="gesperrt">verhüllen</span>.</p>
-
-<p>In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche
-in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es,
-welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt.
-»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht
-eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine
-Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).</p>
-
-<p>»Wanderer, wer bist Du?... Ruhe Dich hier aus ... erhole
-Dich!... Was dient Dir zur Erholung?...« »Zur Erholung? Zur
-Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich
-bitte....« »Was? Was? sprich es aus!&mdash;»Eine Maske mehr! Eine zweite
-Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).</p>
-
-<p>Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als
-seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf
-sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen
-Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner
-Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein
-immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein
-Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die
-Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist
-tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren,
-nicht an Maskirung denken lässt&mdash; und doch nimmt er sie gerade
-ihretwegen vor,&mdash;um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid
-und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu
-der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich <span class="gesperrt">verbirgt</span>:
-»&mdash;bisweilen ist die <span class="gesperrt">Narrheit selbst</span> die Maske für ein unseliges allzu
-gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),&mdash;und endlich bis zu
-einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz
-in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner
-letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit
-versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns
-nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken
-und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem
-geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt:
-»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus
-Sils-Maria.)</p>
-
-<p>Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen
-Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns
-anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,&mdash;immer trägt
-er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich,
-wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es
-drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein
-seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde
-schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)</p>
-
-<p>»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer
-deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,&mdash;und den Zustand,
-in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele
-Opfer dafür bringen können.«</p>
-
-<p>Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie
-möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein <span class="gesperrt">körperliches
-Leiden</span>, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr
-mit einzelnen seiner Freunde,&mdash;immer einen seltenen Verkehr zu
-Zweien,&mdash;nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.</p>
-
-<p>Leiden und Einsamkeit,&mdash;das sind also die beiden grossen Schicksalszüge
-in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt,
-je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes
-wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich <span class="gesperrt">gegebenes
-Lebenslos</span>, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine
-<span class="gesperrt">gewollte innere</span> Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein
-physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit,
-reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches&mdash;und dies so
-unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie
-einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er
-einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus
-Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass
-Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während <span class="gesperrt">bei
-mir</span> Leiden und Entbehrung <span class="gesperrt">zur Sache</span> gehören und nicht, wie bei Ihnen,
-zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«</p>
-
-<p>Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten
-Aphorismen über den <span class="gesperrt">Werth des Leidens für die Erkenntniss</span>.</p>
-
-<p>Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des
-Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge
-solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch
-wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig
-eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der
-vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen
-und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer
-wieder auch dem Geiste neu werden,&mdash;»<span class="gesperrt">neu schmecken</span>« nennt er es
-einmal höchst treffend,&mdash;und setzt ganz neue Augen auch noch für das
-Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der
-Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil <span class="gesperrt">eine Nacht</span>
-es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm
-zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um
-ihn,&mdash;und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.</p>
-
-<p>Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen
-Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle,
-so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger
-hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes
-betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des
-Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner
-natürlichen Grösse entgegenwächst,&mdash; nicht den Wandlungen des
-<span class="gesperrt">Wachsthums</span>: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast
-rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes
-nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem <span class="gesperrt">Erkranken an
-Gedanken und einem Genesen an Gedanken</span>.</p>
-
-<p>Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus
-dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue
-Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat
-er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,&mdash;da
-ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein
-unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen
-Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt.
-»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche
-im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);&mdash;in diesem Zuviel thut seine
-Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen,
-reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist
-fruchtbar werden will.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht
-umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8)
-geisselt er sich,&mdash;nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber
-eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses
-<span class="gesperrt">Schmerzheischende</span> zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte
-Nietzsches als die eigentliche <span class="gesperrt">Geistesquelle</span> in ihr; er spricht es
-am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber
-ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne
-Wissen,&mdash;wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt
-zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,&mdash; wusstet ihr das
-schon?... Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss
-nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also
-sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,...
-ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre
-Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen
-des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist,
-List, Grösse geschenkt worden ist:&mdash;ist es nicht ihr unter Leiden,
-unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von
-Gut und Böse 225.)</p>
-
-<p>Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig
-hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben
-in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen
-und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus
-dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben
-müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu
-höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,&mdash;aber
-nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss
-verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier
-gehört,&mdash;wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,&mdash;»das
-Leiden zur Sache«.</p>
-
-<p>Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren
-Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand
-einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten
-Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als
-des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des
-»Einzelnen« ist durchaus eine <span class="gesperrt">Leidensgeschichte</span> und nicht irgend
-welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,&mdash;ihr Inhalt lautet
-viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »<span class="gesperrt">Selbsterduldung</span>«.Betrachtet
-man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann
-liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es
-verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn
-Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker
-braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der
-Wanderer und sein Schatten 249.)</p>
-
-<p>Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste
-Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder
-heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom
-Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme!
-brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist,
-und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von
-Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf
-den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten
-Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich
-nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,&mdash;<span class="gesperrt">weil</span> es mich nicht
-halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer
-Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst
-sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe
-hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p>Der <span class="gesperrt">Meinungswechsel</span>, der <span class="gesperrt">Wandlungsdrang</span> stecken daher der
-Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für
-die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied
-von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst
-bezwungen,&mdash;Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt.... Durch eignen
-Sieg verwundet und gehemmt.«</p>
-
-<p>Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben,
-nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der
-<span class="gesperrt">Ueberzeugungstreue</span><a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen
-nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten
-(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass
-wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der
-Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten
-aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was <span class="gesperrt">gegen Deinen
-Gedanken</span> gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten
-Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug
-gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind
-nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,&mdash;aber auch
-Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht
-als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese
-Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger
-Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue
-Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets
-gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche
-Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der <span class="gesperrt">Geist</span> ist es, der uns
-rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.... Vom Feuer
-erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung
-zu Meinung,... als <span class="gesperrt">edle Verräther</span> aller Dinge.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 637.) »&mdash;wir <span class="gesperrt">müssen</span> Verräther werden,
-Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich
-selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in
-dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;&mdash;nur so vermochte
-er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art
-seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in
-Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich
-allein an meiner Ferse!... Und nur wo Gräber sind, gibt es
-Auferstehungen!... Also sang Zarathustra;« (II 46).&mdash;Er, zu dem das
-Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das,
-was sich immer selber überwinden muss« (II 49).<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<p>Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht,
-wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können
-wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade
-hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts
-anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser
-wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung
-seines Selbstbildes,&mdash;und desto naiver legte er es dem Allbilde als
-solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre
-eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so
-verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild
-zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen
-Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht.
-Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo
-Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet
-wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in
-einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und
-der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen
-nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller
-Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und
-sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein
-Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein
-geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit
-seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in
-eingehenden Gesprächen darüber.</p>
-
-<p>Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche,
-deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander
-stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und
-Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe
-verglich er,&mdash;innerhalb des einzelnen Individuums,&mdash;mit dem Zustande
-der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen
-Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein
-Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier
-die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren
-Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben
-in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle
-leben würden;&mdash;die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in
-eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine
-Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen
-her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann,
-die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher
-Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den
-zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht&mdash;die
-Einordnung des Einzelnen ins Ganze,&mdash;das muss hier erst erobert und den
-tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich
-feste Rangordnung der Triebe untereinander.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>
-</p>
-
-<p>Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit
-einer <span class="gesperrt">Selbstbehauptung als Ganzes durch das
-Leiden alles Einzelnen</span> aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer
-Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner späteren
-Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit eines
-höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden und
-Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des <span
-class="gesperrt">Heroismus als Ideal</span> auf. Die eigene qualvolle
-Unvollkommenheit riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen:
-»Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, II 86).</p>
-
-<p>»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten
-Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich
-füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb,
-und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen
-scheinen:</p>
-
-<p>»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen
-Allentwicklung,&mdash;ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther!
-Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p>Weiter: »Heroismus&mdash;das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel
-erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt.
-Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«</p>
-
-<p>Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich
-böse Menschen; es ist ihre <span class="gesperrt">einzige Art, sich zu ertragen</span>.« Das Wort
-»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des
-landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen
-werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine
-solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer
-Menschenseele,&mdash;dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten«
-nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege
-einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes
-bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen
-da: Innenkrieg=Décadence, und Sieg<span class="gesperrt">=</span>Selbstuntergang der Menschheit
-zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es
-sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.</p>
-
-<p>Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die
-heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des
-<span class="gesperrt">handelnden</span> und des <span class="gesperrt">erkennenden</span> Menschen, mit anderen Worten: den
-Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.</p>
-
-<p>Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte,
-der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen
-Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester
-zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen.
-Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt,
-enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist
-ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts
-erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner
-Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem
-Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was
-ihr wohl thut und noth thut,&mdash;er hat sich ihr in seinen Zielen nicht
-entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.</p>
-
-<p>Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen
-Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält,
-lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter
-das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der
-Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie
-betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine
-Zwecke,&mdash;für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben
-ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft
-seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen
-unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst
-freiwillig als Einheit auf,&mdash;je polyphoner sein Subject, desto lieber
-ist es ihm:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Scharf und milde, grob und fein,<br />
-Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,<br />
-Der Narren und Weisen Stelldichein:<br />
-Dies Alles bin ich, will ich sein,<br />
-Taube zugleich, Schlange und Schwein!«<br />
-(Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)<br />
-</p>
-
-<p>Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott,
-Teufel, Schaf und Wurm in uns,... mit Vorder- und Hinterseelen,
-denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder-
-und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die
-geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der <span class="gesperrt">Einsamkeit</span>....«
-(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche
-»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,... die
-<span class="gesperrt">umfänglichste</span> Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
-schweifen kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im
-weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am
-süssesten zuredet: ... die sich selber bebendste, in der alle Dinge
-ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben....« (Also
-sprach Zarathustra III 82.)</p>
-
-<p>Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn«
-(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu
-entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn
-man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit
-zu Zeit zu <span class="gesperrt">verlieren</span>&mdash;und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass
-man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine
-Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das
-Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und
-Rache 33):</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!<br />
-Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,<br />
-Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,<br />
-In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.<br />
-Von ferne her mich endlich heimzulocken,<br />
-Mich selber zu mir selber&mdash;zu verführen.«<br />
-</p>
-
-<p>Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den
-Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene;
-denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem
-Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von
-den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner
-eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und
-Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte
-vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,&mdash;steht
-es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem
-Erkennenden die Schilderung:&mdash;das ist ein Mensch, der beständig
-ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;
-der von <span class="gesperrt">seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her</span>,... als von
-<span class="gesperrt">seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen</span> getroffen wird.« (Jenseits
-von Gut und Böse 292.)</p>
-
-<p>Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern
-ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die
-Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
-hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde&mdash;) ihr Spiel
-getrieben haben mögen, wird finden,... dass jeder Einzelne
-von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und
-als berechtigten <span class="gesperrt">Herrn</span> aller übrigen Triebe darstellen möchte.
-Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und <span class="gesperrt">als solcher</span> versucht er zu
-philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).</p>
-
-<p>Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes
-Zeugniss dafür ab, <span class="gesperrt">wer er ist</span>,&mdash;das heisst, in welcher Rangordnung
-die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind«
-(ebendaselbst).</p>
-
-<p>Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine
-Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,&mdash;eine
-rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen
-Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von
-ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen.
-Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit
-gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber
-sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern
-und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie
-werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen
-und zu bluten berufen sind;&mdash;das heroische Ideal ist inmitten ihrer
-Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg
-zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines
-sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr
-bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und
-Tiefe seiner Natur ausdrückt,&mdash;die Lust, die daraus entspringt, dass
-er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche
-Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg
-gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in
-meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz
-hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht
-gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht
-aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können?
-sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«</p>
-
-<p>Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249)
-der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des
-Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine
-Selbstlosigkeit,&mdash; vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches
-durch viele Individuen wie durch <span class="gesperrt">seine</span> Augen sehen und wie mit
-<span class="gesperrt">seinen</span> Händen greifen möchte,&mdash;ein auch die ganze Vergangenheit noch
-zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt
-gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in
-hundert Wesen wiedergeboren würde!«</p>
-
-<p>Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der
-unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug:
-»Wollten und wagten wir eine Architektur nach <span class="gesperrt">unserer</span> Seelen-Art,...
-so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe
-169.)&mdash;aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert,
-sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man
-muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären
-zu können«,&mdash; dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die
-zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten
-Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem
-Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und
-sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet
-sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist
-gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«</p>
-
-<p>Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger,
-also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich
-gleichsam in ihr verbrennen lässt,&mdash;alle ihre Neigungen als Brennstoff
-in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht,
-wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches
-Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen
-Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich
-auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt,
-innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man
-kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen
-sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt,
-bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich
-in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und
-Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen
-werden.</p>
-
-<p>Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen
-hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter,
-so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,«
-sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist <span class="gesperrt">sein</span>
-typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder
-aufrichtete, über sich selbst erhob,&mdash;an dem er auch endlich sich in
-sich selbst überschlug und zu Grunde ging.</p>
-
-<p>Und daran <span class="gesperrt">musste</span> er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen
-Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag
-auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung
-verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte
-vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss,
-müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen
-Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit
-grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was
-Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu
-beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem <span class="gesperrt">Stimulans</span>
-für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für
-ihre Zwecke,&mdash;sie <span class="gesperrt">umfasst</span> also schadlos Kampf und Krankheit. Auf
-solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er
-am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen:
-alseine <span class="gesperrt">Genesungs</span>geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige
-Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem
-Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach
-erlangter Genesung, <span class="gesperrt">bedurfte</span> sie wiederum ebenso nothwendig der
-Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung
-geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich
-selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu
-ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten
-Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht,
-kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward
-ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47),
-und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> (Also sprach
-Zarathustra II 2). »<span class="gesperrt">Sich Schmerzen machen</span>. Rücksichtslosigkeit des
-Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung,
-welche Betäubung begehrt.» Menschliches, Allzumenschliches I 581.</p>
-
-<p>Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende,
-welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug
-für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja <span class="gesperrt">enthalten</span> sich
-gegenseitig,&mdash;beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche
-<span class="gesperrt">Selbstspaltung</span> innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.</p>
-
-<p>Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten
-Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die
-Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten
-Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel
-aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang <span class="gesperrt">innerhalb</span>
-der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich
-alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit
-wird auf eine um so tiefer gehende <span class="gesperrt">Zweispaltung</span> reducirt. So wenig
-wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit <span class="gesperrt">umfasst</span>,
-so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das
-gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt:
-der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst
-wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen
-Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie
-hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt,
-eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,&mdash;aber die Tiefe
-der Trennung erweckt den <span class="gesperrt">Schein</span>, als läge das Ziel aller Regungen
-<span class="gesperrt">ausser ihnen</span>. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte
-begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und
-ihrem Zwiespalt zu entlaufen.</p>
-
-<p>Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von
-Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen
-Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick,
-zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,&mdash;dass auf der anderen das
-Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung
-erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem
-der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen <span class="gesperrt">zersetzt</span>,
-die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des
-Gedankens beständig <span class="gesperrt">lockern</span>. So durchdringt thatsächlich die Spaltung
-des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.</p>
-
-<p>Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende
-Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen
-lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein,
-wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen
-und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen
-Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des
-Gesunden und Pathologischen in ihm.</p>
-
-<p>Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei
-einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen
-die Eine herrscht, die Andere dient,&mdash;wird es dem Menschen ermöglicht,
-zu sich selber nicht nur wie zu einem <span class="gesperrt">anderen</span>, sondern auch wie zu
-einem <span class="gesperrt">höhern</span> Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst
-sich selber zum Opfer bringt, ist er einer <span class="gesperrt">religiösen Exaltation</span>
-nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das
-heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen
-wähnt, bringt er <span class="gesperrt">an sich selbst einen religiösen Affect</span> zum Ausbruch.</p>
-
-<p>Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer
-und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden
-gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit,
-in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn
-sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den
-Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die
-Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn
-instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck
-seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,&mdash;das
-heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich
-selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende
-Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten:
-nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste
-Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu
-einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »<span class="gesperrt">Dividuum</span>«.
-Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,&mdash;doch mit den Mitteln
-der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der
-Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch
-mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen
-religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss
-hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne <span class="gesperrt">Aufopferung</span>
-und <span class="gesperrt">eigne Apotheose</span>, Grausamkeit der eignen <span class="gesperrt">Vernichtung</span> und
-Wollust der eignen <span class="gesperrt">Vergötterung</span>, leidvolles Siechen und siegende
-Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die
-enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen:
-man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs
-Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle,
-Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte,
-Zarteste,&mdash;das Drängen eines Willens, der sich« ...von der Noth der
-Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze
-löst«,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>&mdash;ein Chaos, das den Gott gebären möchte,&mdash;gebären <span class="gesperrt">muss</span>.</p>
-
-<p>»Im Menschen ist <span class="gesperrt">Geschöpf</span> und <span class="gesperrt">Schöpfer</span> vereint: im Menschen
-ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos;
-aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte,
-Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut
-und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und
-unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem
-ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,&mdash; wie es
-Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet,
-»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und
-Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen <span class="gesperrt">neuen Himmel</span> zu
-bauen:... Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut
-hat, fand die Macht dazu erst in der <span class="gesperrt">eigenen Hölle</span>...« (Genealogie der
-Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht
-in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung
-jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer
-Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des
-Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge,
-welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden
-zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um
-aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese
-letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine
-Person gibt, welche in sich selber <span class="gesperrt">verkohlt</span>....« Dieser Abschnitt,
-der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält,
-schliesst mit der Bemerkung:... ja, ist denn wirklich der Kreislauf
-im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt
-und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang
-an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen
-und zugleich des mitleidenden Gottes?«</p>
-
-<p>In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt
-einen <span class="gesperrt">Trotz gegen sich selbst</span>, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen
-manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein
-so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass
-sie ... endlich darauf verfallen, <span class="gesperrt">gewisse Theile ihres eigenen
-Wesens</span> ... zu tyrannisiren.... Dieses Zerbrechen seiner selbst,
-dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni,
-aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich <span class="gesperrt">ein
-sehr hoher Grad der Eitelkeit</span>.... Der Mensch hat eine wahre
-Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen
-und <span class="gesperrt">dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu
-vergöttern</span>.«&mdash;und 138: »... Eigentlich liegt ihm also nur an der
-Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu
-erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine
-Brust,«&mdash;und 142: »... er geisselt seine Selbstvergötterung mit
-Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre
-seiner Begierden,... er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel
-dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er
-in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele
-durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;... es ist im
-Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht
-jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen
-sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch
-Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver
-Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association
-von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre
-innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«</p>
-
-<p>In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache
-eine <span class="gesperrt">religionspsychologische</span> Studie, und nur insoweit als das
-Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen
-auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines
-Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging
-gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der
-»Emotion über den Tod Gottes«,&mdash;dieser ungeheuren Emotion, die bis in
-das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle
-des Wahnsinns verfasste,&mdash; bis in den vierten Theil seines: »Also
-sprach Zarathustra«. <span class="gesperrt">Die Möglichkeit, einen Ersatz</span><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> »<span class="gesperrt">für den
-verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung</span>
-zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner
-Erkrankung. Es ist die Geschichte des »<span class="gesperrt">religiösen Nachtriebes im
-Denker</span>«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach,
-auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden
-können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist
-schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und
-leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man
-lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in
-der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich
-will es Euch sagen! <span class="gesperrt">Wir haben ihn getödtet</span>!&mdash;ihr und ich! Wir Alle
-sind seine Mörder!... Hören wir noch nichts vom Lärm der
-Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der
-göttlichen Verwesung?&mdash;auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt
-todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller
-Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist
-unter unseren Messern verblutet,&mdash;wer wischt dies Blut von uns ab?
-Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?... <span class="gesperrt">Ist nicht die
-Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern
-werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen</span>? Es gab nie eine grössere
-That,&mdash;und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That
-willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«&mdash;</p>
-
-<p>Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich
-Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten
-Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass
-der Uebermensch lebe!«&mdash;und sprach damit den innersten Seelengrund
-seiner Philosophie aus.</p>
-
-<p>Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung,
-und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern.
-Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die
-ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur
-höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in
-allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem
-Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen
-gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm,
-dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er
-dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem
-vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »<span class="gesperrt">Wenn</span> es Götter gäbe, wie
-hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese
-Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie
-lassen sich jene anderen anschliessen (55): »<span class="gesperrt">Und Anbetung wird noch in
-Deiner Eitelkeit sein</span>!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen,
-die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und
-verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.... Immer Einmal
-Eins&mdash;das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)</p>
-
-<p>Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen
-sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal
-suchte,&mdash;das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die
-Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden&mdash;bis endlich seine
-Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften
-Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand
-erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren:
-Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit
-des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen
-will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte
-sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung
-sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine
-Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt.
-Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst
-zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle
-werden muss&mdash;jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte
-Tiefe und in seinen Untergang.</p>
-
-<p>Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des
-zugleich <span class="gesperrt">Raffinirten</span> und <span class="gesperrt">Exaltirten</span>, das auch dem Grossen und
-Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer
-brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen
-Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,&mdash;oder
-auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen
-geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös
-veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist
-auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer
-Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen,
-was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten«
-schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung
-begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch
-der modernen Erkenntniss für sie abfallen. <span class="gesperrt">Dass</span> sie sich nicht mit
-ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss
-preisgeben,&mdash; gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen
-wie unermüdlich im Darben und Entbehren,&mdash;das ist der grosse und
-erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch,
-was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:&mdash;eine Reihe von
-gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der
-modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.</p>
-
-<p>Aber deshalb ist es eben der <span class="gesperrt">Mensch</span> und nicht der <span class="gesperrt">Theoretiker</span>,
-auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken
-Nietzsches zurechtzufinden,&mdash;und deshalb wird auch der Gewinn, das
-Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein
-neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern
-das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse
-und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung
-in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich
-jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft
-und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das
-Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie
-sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung
-wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören,
-sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf
-beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das
-Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse
-bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich
-ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die
-wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren
-Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden.
-Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und
-Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt
-haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu
-gelangen.<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte,
-um in ihm eine Fülle innern Lebens,&mdash;Gedanken-Erlebens, auszulösen.
-Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches
-vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern
-befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.)
-Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger
-Natur lag&mdash;ins Grosse gesteigert&mdash;etwas Weibliches;<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> aber er
-ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig
-erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles
-zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige
-unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie
-eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt
-uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine
-Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein
-Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des
-echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer
-urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten
-118.)</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in
-der zum ersten Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung
-unterschieden und bestimmt charakterisirt sind, erschien in der
-Sonntags-Beilage der Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem
-brachte die »Freie Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte
-unter dem Titel »Zum Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft
-3, 4 und 5, Jahrg. III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur
-1892, October, »Ein Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal
-und Askese«.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Was das Leben&mdash;, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,&mdash;
-wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei
-solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir
-haben eben unser Herz nicht dort&mdash;und nicht einmal unser Ohr!« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede III.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und
-feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren
-»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Giebt es&mdash;eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche,
-Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender
-Gesundheit, aus der Ueberfülle selbst?... Giebt es vielleicht&mdash;eine
-Frage für Irrenärzte&mdash;<span class="gesperrt">Neurosen der Gesundheit</span>?« (Versuch einer
-Selbstkritik zur neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste
-der Musik« IV u. IX.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages
-erreichen wir unser Ziel&mdash;und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was
-für lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so
-weit, dass wir an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Daher nennt er die Ueberzeugungen <span class="gesperrt">Feinde der Wahrheit</span>:
-»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es
-selbst wahr haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er
-(Morgenröthe 327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und
-Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss&mdash;bis an die höchsten und
-fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!&mdash;bis ihm zuletzt Nichts mehr zu
-erjagen übrig bleibt, als das absolut <span class="gesperrt">Wehethuende</span> der Erkenntniss,
-glefich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So
-gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle,&mdash;es ist die letzte Erkenntniss,
-die ihn <span class="gesperrt">verführt</span>. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles
-Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die
-Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit
-einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie
-mehr zu Theil wird!&mdash;denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen
-keinen Bissen mehr zu reichen.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> »Die Instincte bekämpfen <span class="gesperrt">müssen</span>&mdash;das ist die Formel
-für décadence: so lange das Leben <span class="gesperrt">aufsteigt</span>, ist Glück gleich
-Instinct«, sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und
-unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus
-anders auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier
-sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen
-Natur&mdash;später hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht
-harmonisch war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner
-selbst zum Harmonischen <span class="gesperrt">umschuf</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir ... sind
-erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten&mdash;in Gefahr
-sind.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der
-»Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List
-und Rache 38) über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der
-Gottschöpfung des Menschen:
-</p>
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Der Fromme spricht:<br />
-»Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«<br />
-»Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.<br />
-Und soll nicht lieben, was er schuf?<br />
-Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?<br />
-Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.<br />
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche
-die verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt
-haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen
-nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus
-unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten
-hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere
-philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden
-Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte
-der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende
-systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven
-Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit
-Vorbehalten bleiben muss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt,
-das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere
-denken anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das
-Weibchen als das productive Wesen.... Die Schwangerschaft
-hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger
-gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter
-des Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:&mdash;es
-sind die männlichen Mütter.&mdash;« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h3><a name="II_ABSCHNITT" id="II_ABSCHNITT">II. ABSCHNITT</a></h3>
-
-
-<h4>SEINE WANDLUNGEN.</h4>
-
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Die Schlange, welche sich nicht<br />
-häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso<br />
-die Geister, welche man verhindert,<br />
-ihre Meinungen zu wechseln; sie hören<br />
-auf, Geist zu sein.«<br />
-(Morgenröthe 573)<br />
-</p>
-
-
-<p class="p2">Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte,
-liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens
-seiner Knabenjahre.</p>
-
-<p>Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen
-Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als
-der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon
-von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner
-Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich
-besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich
-die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten
-religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle
-Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren
-Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen,
-die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der
-Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur,
-was schon vorher abgestorben,&mdash;eine Leiche war. In Nietzsches Fall
-fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt:
-weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den
-anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube
-aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr
-betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen
-Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen
-habe&mdash;»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all
-seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen
-Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu
-aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm
-ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch
-eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.</p>
-
-<p>Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer
-gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem
-Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches
-Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich
-selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe,
-Schmerzen und Erschütterungen,&mdash;er bedurfte dessen, dass sein Gemüth
-sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand <span class="gesperrt">anthat</span>, weil
-seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern
-abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des <span class="gesperrt">Schmerzheischenden</span>
-in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.</p>
-
-<p>»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
-selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in
-eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne
-Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun
-an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen
-Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt,
-sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.</p>
-
-<p>Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte
-Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird
-fortgesetzt,&mdash;bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,&mdash;wohin läuft man
-alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,&mdash;was
-folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen?
-Vielleicht bei einem <span class="gesperrt">katholischen</span> Glauben?« Und der Hintergedanke,
-der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten
-Worten aus seinem Versteck:</p>
-
-<p>»<span class="gesperrt">In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der
-Stillstand.</span>«</p>
-
-<p>Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende
-Bewegung,&mdash;das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart
-Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich,
-sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende,
-selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt,
-ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so
-weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch
-stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder
-zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen,
-inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt,
-und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und
-verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem <span class="gesperrt">Knaben</span> nähert,
-so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen
-Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach
-Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner
-letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen
-Wiederkunft gelangte: das Bild des <span class="gesperrt">Kreises,&mdash;eines ewigen Wechsels
-in einer ewigen Wiederholung,</span>&mdash;steht wie ein wundersames Symbol und
-Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.</p>
-
-<p>Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral,
-Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit,
-»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott
-»zum <span class="gesperrt">Vater</span> des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er
-diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit
-philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem
-philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.</p>
-
-<p>Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in
-die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen
-wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein
-äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft.
-Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für
-den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte
-dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung
-seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk,
-sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale
-Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere
-Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart
-aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich
-der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem
-Psychologischen unterzuordnen.</p>
-
-<p>Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem
-steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und
-Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer
-Untersuchungen<a name="FNAnker_1_15" id="FNAnker_1_15"></a><a href="#Fussnote_1_15" class="fnanchor">[1]</a> bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis
-zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine
-zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch
-das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu
-jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten
-Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle
-Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und
-zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte,
-zur Fessel wurde.</p>
-
-<p>In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente
-ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das
-empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war
-es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft
-musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine
-tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein
-Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.</p>
-
-<p>Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum
-zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an
-zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der
-andern überleiten.</p>
-
-<p>Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen
-scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart
-sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte
-und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell
-künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher
-Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und
-Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das
-Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer
-Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu
-bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über
-das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig
-Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist
-ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,&mdash;den
-für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich
-aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und
-Böse 80)&mdash;könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird
-thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache,
-die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief
-verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen,
-und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier
-die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu
-berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten
-Verkleidung,&mdash;der nüchtern philologischen,&mdash; in dieser äussersten
-geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.</p>
-
-<p>Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern
-Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und
-wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung
-der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung
-mit einem Problem, bedeutete <span class="gesperrt">erkennen</span>, vor allem andren: sich
-erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete
-ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,&mdash;»über den Haufen geworfen
-werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein
-Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann
-schlägt: er <span class="gesperrt">lebte</span> den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte,
-aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so
-maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,&mdash; und, gleich
-einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab.
-Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen
-Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein
-intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar
-nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem
-Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach
-immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn
-vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss
-und Erschöpfung.</p>
-
-<p>Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine <span class="gesperrt">Probleme</span>
-nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren <span class="gesperrt">Lösungen</span>, durch welche die
-Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die
-gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem
-<span class="gesperrt">Gesinnungswechsel</span>, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die
-Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem <span class="gesperrt">Hass</span> verfolgte er hinterher
-Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte,
-sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört,
-uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der
-endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das
-scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck
-bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte
-nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten,
-ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im
-Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen
-der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich
-jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner
-Skepsis und zwang sie schadenfroh,&mdash;seines eigenen Leids und des
-Schadens, den er sich damit zufügte, froh!&mdash;ihm seine Probleme wieder
-herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen
-Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer
-Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten,
-was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im
-letzten Grunde <span class="gesperrt">unaufklärbar</span> für ihn bleiben, es muss der Energie
-aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen
-Räthseln aufreiben,&mdash;an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in
-der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker
-geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da
-erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da
-verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss:
-in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die
-einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.</p>
-
-<p>Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an
-diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung
-und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik
-hinabstürzt.&mdash;</p>
-
-<p>Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei
-Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später
-dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für
-Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die
-von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht
-verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später
-nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr <span class="gesperrt">fein</span> als <span class="gesperrt">gross</span>
-erscheinen lässt,&mdash;oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten
-von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er
-einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem
-Blick des Erkennenden darstellen: »Das <span class="gesperrt">Filigran</span> der Dinge«.</p>
-
-<p>In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und
-Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen&mdash;; der
-Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und
-Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von
-Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit
-seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick
-für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen,
-freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im
-Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt,
-um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft
-herauszulesen,<a name="FNAnker_2_16" id="FNAnker_2_16"></a><a href="#Fussnote_2_16" class="fnanchor">[2]</a>&mdash;aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über
-seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem
-dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen
-Arbeit, zu der Arbeit über <span class="gesperrt">die Quellen des Diogenes Laertius</span>.</p>
-
-<p>Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass,
-dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung
-zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken
-kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches
-I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung
-gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten
-Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend
-und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem
-Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine
-Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich
-vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch
-höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen
-Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr
-als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich
-da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er
-gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und
-höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen,
-dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter
-philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen
-Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung.
-Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen
-hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten
-wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten
-Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit
-des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)</p>
-
-<p>So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der
-späteren Werke,&mdash;einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte
-vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie
-öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume,
-bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen
-bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht
-ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte:
-einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum
-ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen
-Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,&mdash;und die
-dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem
-Werke weiter schuf.</p>
-
-<p>An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung
-seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel
-seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf
-dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das
-ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder
-einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen
-er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er
-seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer,
-ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren
-Formalismus.</p>
-
-<p>Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der
-Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine
-Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen
-Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben
-und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und
-erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen,
-glücklichen Zauberlandes«.</p>
-
-<p>Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler
-Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen,
-die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre
-später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben
-Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche
-indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des
-Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere
-philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem
-Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)<a name="FNAnker_3_17" id="FNAnker_3_17"></a><a href="#Fussnote_3_17" class="fnanchor">[3]</a>
-aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine
-culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer
-Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter
-den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie
-schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch
-Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich
-in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie
-einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung
-seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk
-aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von
-Bayreuth.</p>
-
-<p>Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung
-von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr,
-womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem
-er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae
-philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede
-philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer
-philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte
-als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche
-bestehen bleibt.«</p>
-
-<p>Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners
-machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des
-germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen
-wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als
-Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im
-Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins
-Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,&mdash;gleichsam ein Accent,
-den es durch die <span class="gesperrt">metaphysische Interpretation</span> alles Kunsterlebens
-und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am
-deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie«
-vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem
-Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«
-erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung
-auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur«
-zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen
-als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem
-versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen
-Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und
-Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste
-auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des
-Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen
-zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der
-Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt
-offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch
-die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende
-Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb,
-der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In
-ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen
-Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck,
-als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet
-weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen
-desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des
-durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem
-schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des
-Bildners.</p>
-
-<p>In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich
-bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen
-Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden
-Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk
-ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des
-Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch
-die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass
-sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als
-solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision,
-die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer
-Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer
-Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit
-denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der
-Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische
-Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil
-bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die
-apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische
-Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die
-Gottheit steckt.</p>
-
-<p>Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher
-Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken
-zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden
-und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie
-nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern
-gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische
-Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich
-überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser
-Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.</p>
-
-<p>Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist
-charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit
-seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der
-Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner
-ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem
-Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode
-wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der
-Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch
-gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen
-Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie
-zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten
-Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des
-Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene
-geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung
-und Selbstvergötterung,&mdash;jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in
-welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir
-immer wieder zurückkommen werden.</p>
-
-<p>Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen
-Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller
-Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates
-getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die
-Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die
-Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit
-in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre
-sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um
-sie zu zügeln,&mdash;»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
-Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das
-durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen
-und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat
-erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des
-theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig
-bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die
-gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht
-zum Eintritt <span class="gesperrt">verweigert</span>« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch
-schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie
-durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein
-und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss
-erschlossen habe.</p>
-
-<p>In den Jahren 1873-1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn
-seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »<span class="gesperrt">Unzeitgemässe
-Betrachtungen</span>«, vier kleinere Schriften,&mdash;bestimmt: »gegen die Zeit,
-und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden
-Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »<span class="gesperrt">David
-Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller</span>«, bestand in einer
-vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte
-und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen
-Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse
-ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »<span class="gesperrt">Vom Nutzen und Nachtheil
-der Historie für das Leben</span>«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten
-Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich
-wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie
-bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst,
-im Gegensatz zum Instinctleben;&mdash;Erkennen des Vergangenen, Wissen
-vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen
-und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen
-dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des
-Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient,
-wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber
-den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des
-Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig
-intact geblieben ist. »... die <span class="gesperrt">plastische Kraft</span> eines Menschen,
-eines Volkes, einer Cultur,... ich meine jene Kraft, aus sich
-heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und
-einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene
-Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos
-fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen,
-nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit
-daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit
-schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz
-durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten
-Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden
-unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne
-im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.</p>
-
-<p>Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so
-viel besprochenen <span class="gesperrt">Decadenzbegriff</span>, der in seinen späteren Werken
-eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste
-Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung
-seines eignen Seelenzustandes;&mdash;wir können hier schon den seelischen
-Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die
-es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang
-überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,&mdash;
-Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben
-einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender
-Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen
-drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »&mdash;Auch soll ... nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir
-jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und
-nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«<a name="FNAnker_4_18" id="FNAnker_4_18"></a><a href="#Fussnote_4_18" class="fnanchor">[4]</a> Was er in sich
-selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen
-Zeitalters,&mdash;und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr
-für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter
-aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher
-Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem
-kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am
-herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich
-Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne
-Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal
-gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den
-erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der
-moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen
-Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich
-im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht
-dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen
-verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und
-alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.... Jeder, der
-vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung«
-nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).&mdash;Das andere Mal
-aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische
-Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch
-hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.</p>
-
-<p>Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und
-Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken
-sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und
-unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde
-unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten
-Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von
-ihnen,&mdash;auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,&mdash;verschmolzen
-ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es
-handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse,
-nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige,
-sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse
-längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle
-entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen
-in uns leben.</p>
-
-<p>Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die
-von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die
-mit ihr geboren ist,&mdash;jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das
-Erbe aller Spätlinge ist, denn&mdash;Spätlinge sind Mischlinge.</p>
-
-<p>Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem
-Sinn,&mdash;erlernt oder erlebt,&mdash;bringen kann, liegt in der Hinwendung
-auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche
-die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum
-Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige
-kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar
-werden« (11),... »Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre
-ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.... Es ist wahr: erst
-dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend,
-zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst
-dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller,
-blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das
-Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder
-Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem,
-Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine
-Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und
-besiegt,&mdash;an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln
-die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der
-Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die
-mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen,
-dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde,
-an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles
-Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich
-hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche
-Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,
-der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu
-erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften,
-Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle
-drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr
-nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie
-an als <span class="gesperrt">Monumentalgeschichte</span>, indem er seinen Blick auf den grossen
-Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein
-Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde
-Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in <span class="gesperrt">antiquarische Geschichte</span>,
-indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen
-Vorlebens,&mdash;wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt,
-an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:&mdash;»&mdash;er
-versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung,
-das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet
-sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust,
-sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben,
-sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen,
-denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit
-diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und
-fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er
-wird endlich drittens auch <span class="gesperrt">kritisch</span> auf die Geschichte blicken, um
-zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu
-bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein
-Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu
-bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst
-gefährlicher Process:... Denn da wir nun einmal die Resultate
-früherer Geschlechter sind,... ist (es) nicht möglich sich ganz
-von dieser Kette zu lösen.... Wir bringen es im besten Falle zu
-einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer
-Erkenntniss,... wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen
-Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es
-ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu
-geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man
-stammt.... Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es
-gibt ... einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch
-jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass
-jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).&mdash;Man kann
-diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei
-Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit
-der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht,
-darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als
-Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere
-positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber
-Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle
-drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird,
-die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und
-ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen
-Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen
-Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.&mdash;Die starke
-Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist
-somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle
-des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu
-machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,&mdash;nicht
-von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling
-ist dann immer zugleich der <span class="gesperrt">Erstling</span> einer neuen Cultur und, als
-Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den
-er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer
-von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit
-niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber
-immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre
-höchste Kraft sammelt und ausgibt.</p>
-
-<p>Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten
-Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten
-Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als
-Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis
-in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.</p>
-
-<p>Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung
-hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich
-alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner
-geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer
-Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn
-quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz
-von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber
-auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die
-Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem
-Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling
-neuer Cultur werden.<a name="FNAnker_5_19" id="FNAnker_5_19"></a><a href="#Fussnote_5_19" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p>Zweien solcher »Unzeitgemässen«,&mdash;das ist Vorzeitgemässen und
-Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« geweiht: »<span class="gesperrt">Schopenhauer als Erzieher</span>«, und »<span class="gesperrt">Richard
-Wagner in Bayreuth</span>«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung
-aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis
-zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem
-Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur
-ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren
-eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den
-»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare
-der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen
-Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas
-in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der
-ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das
-darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten
-Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner
-mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen
-Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund
-eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in
-übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,&mdash;wie eine Gestalt aus
-der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg
-einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit
-einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat.
-Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der
-<span class="gesperrt">positive Lebenswerth</span> des Genies noch so hoch über Schopenhauers
-Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches
-Gegenbild zu der seinen bietet.</p>
-
-<p>Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der
-menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende
-Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und
-Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als
-Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet,
-sie: »&mdash;setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben
-zeitlos-gleichzeitig«,&mdash;sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten
-Strom des Werdens«. »... ein Riese ruft dem anderen durch die
-öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges,
-lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das
-hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil
-es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl
-in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins
-sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur
-in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)</p>
-
-<p>Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen,
-was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches
-Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen
-weniger durch eine Wesens<span class="gesperrt">verschiedenheit</span>, als vielmehr durch eine
-Wesens<span class="gesperrt">enthüllung</span>, durch eine göttliche Nacktheit,&mdash;während der
-Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten
-trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich
-hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse
-Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn
-ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.... Der Mensch, welcher
-nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich
-bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle
-Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die
-im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in
-jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von
-Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.</p>
-
-<p>Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische
-Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das
-unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über
-die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem
-höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz
-dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst
-in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und
-bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser
-Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen
-Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er
-selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus
-übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer
-und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu
-ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander
-ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher
-zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt
-es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen,
-der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch
-viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das
-höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und
-herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder
-metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan
-eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum
-erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung
-der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von
-vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur
-durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.</p>
-
-<p>Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode
-Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung
-bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das
-Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch
-sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst
-immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet
-er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in
-ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast
-unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen
-herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt
-man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein
-Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.</p>
-
-<p>Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe
-Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen
-und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus
-sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe
-seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in
-ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum
-erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem
-die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden
-gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit.
-Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der
-Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und
-moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser
-Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes
-gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner
-Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person
-das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende
-Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden,
-des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe
-des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur
-den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen
-Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist.
-Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt
-hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war
-hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss
-ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken
-durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen
-Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das
-er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische
-Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser
-Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«</p>
-
-<p>Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben
-und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben
-auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach
-persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich
-später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die
-Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise
-nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das
-Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der
-unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin
-an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam
-das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das
-Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten
-philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives,
-das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist,
-als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen
-Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn
-mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes
-Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden«
-zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden
-sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und
-verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch
-sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das
-bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein
-quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben
-und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam
-hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt
-ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der
-Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu:
-»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich
-beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir
-auf, und vielleicht ergeben sie dir ... ein Gesetz, das Grundgesetz
-deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,...
-wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir
-selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief
-verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir....« (A. a.
-O.)</p>
-
-<p>Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster
-Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen
-es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft
-verlangt habe&mdash;nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und
-Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »... darf ich ein wenig
-bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig
-und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach
-Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die
-schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen,
-durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten
-Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen,
-dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr
-vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es
-ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem
-Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken
-sucht,<a name="FNAnker_6_20" id="FNAnker_6_20"></a><a href="#Fussnote_6_20" class="fnanchor">[6]</a> und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft
-ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die
-Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen
-Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie
-sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard
-Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene,
-alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und
-für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der
-Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.</p>
-
-<p>Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit
-Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich
-zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint
-in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären
-auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher
-Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans
-Licht will und nach Macht verlangt. (10.).... Der gesammte
-Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in
-die dunkelsten Schluchten:&mdash;in der Nacht dieses halb unterirdischen
-Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm....« (12.) »Wir thun einen
-Blick in die <span class="gesperrt">andere</span> Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung,
-welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss
-verehrt:... jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass
-die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,... die
-schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen,
-tyrannischen.« (13.)</p>
-
-<p>»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung
-der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er
-allein <span class="gesperrt">ganz</span> und <span class="gesperrt">er selbst</span> bleiben konnte.« (13.)</p>
-
-<p>Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners
-aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem
-er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von
-dessen seelischen Zuständen auffasste:</p>
-
-<p>»&mdash;wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des
-Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich
-ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt,
-einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.«
-(82.)</p>
-
-<p>»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer
-Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,...
-ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege
-fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)</p>
-
-<p>»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich
-verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des
-Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen
-Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von
-Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«&mdash;. (80.)</p>
-
-<p>Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste
-Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes
-auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von
-Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt
-erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn
-unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige
-Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten
-Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war
-eine <span class="gesperrt">Genesung</span>. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.)
-Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem
-Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem
-Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe.
-Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören:
-dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht
-habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.</p>
-
-<p>Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der
-Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein
-Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit
-nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die
-eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,&mdash;
-sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften
-Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse
-gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund&mdash;das ist jetzt in Eins
-beschlossen!«</p>
-
-<p>Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten
-Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen
-Beweggründen&mdash;unwiderstehlichem Wahrheitsdrang&mdash;und auch aus
-menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In
-Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher
-Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner
-Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass
-er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte,
-dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine
-»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein
-»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von
-seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen
-Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei«
-überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch
-allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung
-erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den
-Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf
-die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich
-greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth
-der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«</p>
-
-<p>Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem
-Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen
-seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine
-Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich
-aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese
-Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man
-unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.</p>
-
-<p>Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet,
-als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen
-angelangt&mdash;war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen
-Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und
-Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete
-aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein
-Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur
-der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen,
-ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882,
-ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther
-Festspiele,&mdash;der Erstaufführung des Parsifal&mdash;, der Versuch gemacht,
-Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der
-Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine
-alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass
-im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth
-zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch
-misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot,
-den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben
-Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der
-seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_003.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_004.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_005.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_006.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<p>(<a href="#Zweiter_Briefe">Gedruckter Text.</a>)</p>
-
-
-<p>Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor
-mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die
-Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an
-welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange
-sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken;
-dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser
-Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte
-er.</p>
-
-<p>Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der
-Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches
-Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter
-Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen
-Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in
-den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und
-aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen,
-philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart,
-der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht
-zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines
-Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode
-ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn
-er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner
-Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten;
-und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer
-wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.</p>
-
-<p>Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich
-pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder,
-welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren
-Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen
-Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.</p>
-
-<p>Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft
-in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen
-Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12.
-Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus
-Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber&mdash;fast hätte ich
-gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«</p>
-
-<p>Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den
-voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein
-Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen.
-<span class="gesperrt">Wahrscheinlich</span> hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf,
-<span class="gesperrt">vielleicht</span> mit der Thätigkeit überhaupt, <span class="gesperrt">möglicherweise</span> mit....
-u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr
-zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.... Immer heisst es:
-Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die
-Geduld zur Geduld nöthig!«</p>
-
-<p>Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:</p>
-
-<p>»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter
-Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,&mdash;aber <span class="gesperrt">nicht</span>
-mehr lange, so hoffe ich!«</p>
-
-<p>Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing
-ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel
-ihm schwer,&mdash;war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere
-strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,&mdash;er nennt sich selbst
-einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder
-ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein
-Viertelstündchen« (Brief an Rée)&mdash;, hinderten ihn nunmehr dauernd an
-einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien.
-Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte,
-zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am
-Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.</p>
-
-<p>Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des
-Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten
-metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom
-Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so
-günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus
-dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge
-des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich
-ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem
-Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität
-seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft
-war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen
-im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden,
-sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals
-selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher
-geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff
-sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher
-begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten
-fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein
-Denken wissenschaftlich zu begründen,&mdash;es ist etwas vom vergeblichen
-Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine
-Gesundheit <span class="gesperrt">genöthigt, sich selbst</span> zum Stoff seiner Gedanken zu
-nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen
-und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte
-er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,&mdash;und daher so ganz
-Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht
-ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches
-Schicksal zurückzublicken,&mdash;auf diesen unheimlichen <span class="gesperrt">Zwang</span> zur
-Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,&mdash;man vermag sich dem Gefühl
-nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten
-war, <span class="gesperrt">vorübergeht</span>.</p>
-
-<p>An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale,
-seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,&mdash;Alles, was
-seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm
-eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen
-Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »<span class="gesperrt">Dunkel-Zeiten</span>.«
-(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)</p>
-
-<p>Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus
-einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag,
-von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,&mdash;sie
-erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und
-langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich
-sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.</p>
-
-<p>»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später
-(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches,
-Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange
-darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der
-unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen
-zur Begeisterung übrig blieb....« Aber nicht als einen Klagenden
-sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,&mdash;und mit Recht
-bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein
-Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er <span class="gesperrt">nicht</span> ein Leidender
-und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)</p>
-
-<p>Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden.
-Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und
-unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem
-Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern
-aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er
-auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben
-und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an
-der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,... wie er
-langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne
-dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung
-von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene
-zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte,
-und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns
-beantworten soll: »&mdash;Scheint es nicht, dass ... er vielleicht seine
-eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes,
-Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen
-Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende
-Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_007.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_008.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
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-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_009.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_010.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<p><a href="#Dritter_Briefe">(Gedruckter Text.)</a></p>
-
-<p>Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte
-Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr
-stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die
-Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung
-anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich
-alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich
-daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst
-aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der
-Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen
-zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein
-erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund
-einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt
-stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu
-nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die
-intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger <span class="gesperrt">bedingten</span> als
-begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen
-Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie
-gerade vorfindet,&mdash;dass er sie zunächst wieder <span class="gesperrt">kritiklos</span> empfängt; denn
-seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von
-den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche
-bilden,&mdash;um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,&mdash;nur
-eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen
-Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich
-entscheidende Process abspielt.</p>
-
-<p>Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung
-ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden
-verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So
-kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere
-Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise
-vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt.
-Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich
-wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling,
-ja insgeheim noch als Gegner fühlt,&mdash;aber mit jenem schönen Wort im
-Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine
-Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,&mdash;aber auch deine Niederlage
-ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der
-Denker seinen Feind liebt.«)</p>
-
-<p>Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem
-Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines
-positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,&mdash;dieses Werkes,
-welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst
-im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«,
-das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard
-Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877
-entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: <span class="gesperrt">Menschliches,
-Allzumenschliches</span>. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken
-Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30.
-Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche.
-(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt
-mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode
-schrieb: »Meine Schriften reden <span class="gesperrt">nur</span> von meinen <span class="gesperrt">Ueberwindungen</span>:
-ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.... Einsam nunmehr,...
-nahm ich ... Partei <span class="gesperrt">gegen</span> mich und <span class="gesperrt">für</span> Alles, was gerade mir
-wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von
-Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den
-damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei
-völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint:
-einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns
-in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern
-uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,&mdash;in welche
-neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits
-den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den
-ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende
-Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart,
-mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich
-selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit
-und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen
-Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender
-Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade
-vollzieht,&mdash;und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern
-selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner
-eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so
-heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in
-schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt
-und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt,
-dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.</p>
-
-<p>Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung
-Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem
-<span class="gesperrt">persönlichen Verhältniss</span> nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf
-gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so
-verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum
-in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche
-der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann
-Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist
-der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée
-einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)</p>
-
-<p>War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit
-gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah:
-durch seine <span class="gesperrt">Jüngerschaft</span>,&mdash;so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée
-mehr eine geistige <span class="gesperrt">Genossenschaft</span>, die selbst dadurch nicht behindert
-wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise
-seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an
-verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt
-Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen
-lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung
-Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:</p>
-
-<p>»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen
-Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr
-neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der
-Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,...
-ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem
-Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt
-habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden,
-was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so
-wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen
-dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf
-dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit
-den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer
-Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig
-mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung
-zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen?
-Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht
-um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte
-unbescheiden ist&mdash;ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge,
-ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer
-untauglicher werde....«</p>
-
-<p>Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang,
-je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um
-dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er
-nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen
-solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.«
-(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine
-Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele
-Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals <span class="gesperrt">den</span>, mit Ihnen
-zusammenzuleben,&mdash;mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten
-October 1879.)</p>
-
-<p>Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten
-damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen
-eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie
-min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er
-nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so
-gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein
-beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe
-Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung
-meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir
-alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es
-noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu
-haben, mein herzlich geliebter Freund.«&mdash;</p>
-
-<p>Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so
-übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame
-waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er
-bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem
-ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und
-Gedankenaustausch.</p>
-
-<p>»Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer
-etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,&mdash;
-falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist
-viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht
-für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind
-gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden.
-Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer
-Abkunft,<a name="FNAnker_7_21" id="FNAnker_7_21"></a><a href="#Fussnote_7_21" class="fnanchor">[7]</a> aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem,
-grossem Druck zusenden?&mdash;Ich lebe ganz ohne Bücher, als
-Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene
-Frucht aus Ihrer Hand.&mdash;Es lebe das <span class="gesperrt">Gewissen</span>, weil es
-nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum
-Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von
-Herzen Ihnen nahe</p>
-
-<p style="margin-left: 55%;">Ihr<br />
-<span style="margin-left: 5%;">Friedrich Nietzsche.</span></p>
-
-
-<p>So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen:
-»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der
-Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach <span class="gesperrt">Réealismus</span>, das
-wissen Sie!«</p>
-
-<p>So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche
-den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus
-begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin,
-Carl Duncker, 1875), dessen »<span class="gesperrt">Psychologische Beobachtungen</span>«&mdash;
-Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds&mdash; schätzte Nietzsche
-nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt
-erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren
-wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die
-La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten
-um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den
-philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée,
-Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von
-ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »<span class="gesperrt">Der
-Ursprung der moralischen Empfindungen</span>« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner,
-1877)<a name="FNAnker_8_22" id="FNAnker_8_22"></a><a href="#Fussnote_8_22" class="fnanchor">[8]</a>, das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches
-positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu
-den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen
-hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken
-vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn
-ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die
-Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des
-moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage
-<span class="gesperrt">nach den Gründen der Sanction</span> altruistischer Empfindungen; seine
-Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme
-der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers
-auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so
-musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem
-Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der
-moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner
-Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch
-bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen
-Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre <span class="gesperrt">Entstehungsgeschichte</span>.
-Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und
-Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker
-wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden
-eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs
-Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten
-Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den
-<span class="gesperrt">Nutzen</span>, die <span class="gesperrt">Gewohnheit</span> und das <span class="gesperrt">Vergessen</span> der ursprünglichen
-Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung
-seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er
-sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches,
-Allzumenschliches«: »Die Geschichte der ... moralischen Empfindungen
-verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen
-gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein
-der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man
-die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen
-an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut«
-oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die
-Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass
-Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
-der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die
-sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den
-Worten bezeichnen:«&mdash;<span class="gesperrt">jetzt</span> aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung,
-<span class="gesperrt">ursprünglich</span>, weil (es)&mdash;<span class="gesperrt">nützlicher</span> und <span class="gesperrt">ehrebringender</span> ist.«
-(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung
-des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen,
-welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf
-gemeinsamen <span class="gesperrt">Nutzen</span> eingab, sind später von anderen Generationen auf
-andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen,
-die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie
-von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil
-ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder
-aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen
-das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, <span class="gesperrt">vergessen</span> worden ist, heissen
-dann <span class="gesperrt">moralische</span>.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in
-den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig <span class="gesperrt">gefordert</span>
-wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte
-der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert
-wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter
-Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer
-Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,&mdash;aber <span class="gesperrt">das
-Gefühl für die Sitte</span> (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene
-Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die
-Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).</p>
-
-<p>So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel
-charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die
-rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher
-heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen
-Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst
-wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug
-auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden
-philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten:
-in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«,
-des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos
-steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und
-Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird
-die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber
-die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und
-wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss
-des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates,
-benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten
-philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen
-der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft
-und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude
-am Leben und am eignen Selbst gerichtet....« (Der Wanderer
-und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft
-und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die
-Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in
-dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung
-des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und
-alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht,
-denn: »an sich ist ... der Künstler schon ein zurückbleibendes
-Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für
-Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen <span class="gesperrt">ungeheuren
-Fortschritt</span>. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,
-aber zum schönsten Schein umbilden&mdash;das ist griechisch: nachahmen,
-nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,... ordnen, verschönern, verflachen&mdash;so geht es fort von Homer bis
-zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen
-Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte
-Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und
-effect-lüsterne Seelen wenden.&mdash;Und nun würdige man die Grösse jener
-Ausnahme Griechen, welche die <span class="gesperrt">Wissenschaft</span> schufen. Wer von ihnen
-erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen
-Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch
-Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung
-des <span class="gesperrt">vernünftigen</span> Denkens.») Die <span class="gesperrt">Abkunft alles Gefühlsmässigen</span>
-von <span class="gesperrt">Urtheilen</span> und <span class="gesperrt">ursprünglichen Gedankenschlüssen</span> wird deshalb
-Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das
-Wort reden. »&mdash;Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter
-den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form
-von Gefühlen uns vererbt sind. <span class="gesperrt">Die Inspiration, die aus dem Gefühle
-stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils&mdash;und oft eines falschen!&mdash;und
-jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen&mdash;das heisst
-seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern
-mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft
-und unserer Erfahrung.</span>« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«,
-welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu
-verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »<span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit
-des Intellectes.</span>« (Morgenröthe 543). »<span class="gesperrt">Diesen schwärmerischen
-Trunkenbolden</span> verdankt die Menschheit viel Übles: ... Zu alledem
-pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben <span class="gesperrt">an den
-Rausch als an das Leben im Leben</span>: einen furchtbaren Glauben! <span class="gesperrt">Wie
-die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und
-zu Grunde gehen, so ist die Menschheit</span> ... <span class="gesperrt">langsam und gründlich
-durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle</span> ... <span class="gesperrt">verdorben worden:...</span>« (Morgenröthe 50) ... »daran denken sie
-nicht, dass die <span class="gesperrt">Erkenntniss</span> auch der hässlichsten Wirklichkeit schön
-ist,... Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt...; ... zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles,
-kamen in dem überein, was <span class="gesperrt">das höchste Glück</span> ausmache,...: sie
-fanden es im <span class="gesperrt">Erkennen</span>, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden
-und erfindenden <span class="gesperrt">Verstandes</span> (<span class="gesperrt">nicht</span> etwa in der »Intuition,« <span class="gesperrt">nicht</span>
-in der Vision, und ebenfalls <span class="gesperrt">nicht</span> im Schaffen,&mdash;)&mdash;« (Morgenröthe
-550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:<a name="FNAnker_9_23" id="FNAnker_9_23"></a><a href="#Fussnote_9_23" class="fnanchor">[9]</a> » Ach, um den
-wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet,
-seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft
-auf den Knieen&mdash;nach alter <span class="gesperrt">Sclaven-Gewohnheit</span> &mdash;und doch ist,
-wenn der Grad von <span class="gesperrt">Verehrungswürdigkeit</span> festgestellt werden soll,
-nur <span class="gesperrt">der Grad der Vernunft in der Kraft</span> entscheidend. (Morgenröthe
-548).&mdash;Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten
-Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität
-steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie
-wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich
-die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht
-nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden
-und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden
-»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine
-diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146).
-Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass
-nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls
-nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk
-erzeugt,&mdash;»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,
-dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus
-vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat ... die
-künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und
-mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches
-I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade <span class="gesperrt">erlernbar</span>, als meist
-angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten!
-Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren.
-Aber sie <span class="gesperrt">bekamen</span> Grösse, wurden »Genie's«,&mdash; &mdash; &mdash;: sie hatten Alle
-jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile
-vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen;
-sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen,
-Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der
-Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches
-Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner
-letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie&mdash;diesmal dem <span class="gesperrt">eigenen</span>
-Genie&mdash;das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren.
-Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss,
-weil sie »<span class="gesperrt">viele schwächere Kräfte</span> und <span class="gesperrt">Keime zu erdrücken</span>« sucht,
-während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne
-Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »<span class="gesperrt">schwächeren und zarteren
-Naturen auch Luft und Licht gegönnt</span>« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen
-überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.... Die
-extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist
-auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu
-lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).</p>
-
-<p>Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein,
-die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist
-Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
-sei und dass die gesammte Menschheit <span class="gesperrt">unsere</span> Strasse ziehe. Man
-soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei
-beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive
-unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so
-starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt
-ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten
-Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht
-ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und
-sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu
-erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des
-Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth
-sich <span class="gesperrt">über</span> den Menschen und Dingen fühlt,&mdash;wo der Weise als der am
-meisten Muthige <span class="gesperrt">sich selber</span> und das Dasein am meisten <span class="gesperrt">unter sich</span>
-sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung,
-die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen:
-»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit,
-mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.«
-(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als
-eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und
-erwogen,&mdash;wie ihr auch in Rées Buch ein besonderes Capitel gewidmet
-war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so
-brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich
-nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38).
-»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.«
-(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der
-Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus
-ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch
-das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein
-inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss
-der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten,
-als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er
-merkt zeitig, dass nicht Das, was er <span class="gesperrt">ist</span>, sondern Das, was er gilt,
-ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der <span class="gesperrt">Eitelkeit</span>.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse
-Nützlichkeit.«),&mdash;wo Nietzsche den <span class="gesperrt">Mächtigen</span> gleichsetzt mit dem
-Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit
-dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen
-Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem
-Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen
-Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des
-ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.)
-Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende
-Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive
-bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden
-»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.</p>
-
-<p>Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen
-liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen
-Vermögens; die Menschen <span class="gesperrt">veredeln</span> heisst demnach nichts anderes, als
-<span class="gesperrt">Einsicht</span> unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt
-aus als <span class="gesperrt">böse</span> bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch
-geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse
-genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich
-für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern
-zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in
-seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam
-und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so
-kämpft, dass die Menschen ihn <span class="gesperrt">gut</span>, oder so, dass sie ihn <span class="gesperrt">böse</span>
-nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines
-Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen,
-welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen <span class="gesperrt">früherer Culturen</span>
-gelten,... Es sind <span class="gesperrt">zurückgebliebene</span> Menschen, deren Gehirn, durch
-alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und
-vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I
-43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein
-Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen
-die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch
-die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.&mdash;»Gute Handlungen sind
-sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute....
-Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand
-sich ... hinziehen lässt.... Ja, in einem bestimmten Sinne
-sind auch jetzt noch <span class="gesperrt">alle</span> Handlungen dumm, denn der höchste Grad von
-menschlicher Intelligenz ... wird sicherlich noch überboten werden:
-und dann ... wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus
-einer moralischen sich in eine <span class="gesperrt">weise Menschheit umwandeln könne</span>«.
-(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird
-sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«,
-»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei«
-aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth
-sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung
-ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »<span class="gesperrt">Die
-Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine
-einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt
-den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet,
-fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden,
-boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren</span>? Kann er darauf
-in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich
-um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das
-beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran
-zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage
-eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse
-Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei
-dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen
-Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der
-begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches
-klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist
-nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete
-Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen
-1129).<a name="FNAnker_10_24" id="FNAnker_10_24"></a><a href="#Fussnote_10_24" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie
-gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des
-Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende
-Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen
-Triebe und Instincte in sich birgt,&mdash;also der »böse« Mensch. Noch ist
-ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth
-denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit
-darstellen.</p>
-
-<p>Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht
-weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die
-ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und
-dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist
-(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit
-des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft
-des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt
-die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer
-mehr ... die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der
-Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter
-Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches
-nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle
-menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen;
-der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen,
-als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das
-»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des
-Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich
-anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).</p>
-
-<p>Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von <span class="gesperrt">positiven</span> neuen
-und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete
-Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher
-Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen
-sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der
-Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die
-Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission
-zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte
-man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf
-seine göttliche <span class="gesperrt">Abkunft</span> hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener
-Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem
-greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu
-sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in
-der entgegengesetzten Richtung: der Weg, <span class="gesperrt">wohin</span> die Menschheit geht,
-soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit ... dienen. Ach, auch damit
-ist es Nichts!... Wie hoch die Menschheit sich entwickelt
-haben möge&mdash;und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang
-stehen!&mdash;es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung,
-so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur
-Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt
-das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen
-Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!«
-(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen,
-so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das
-Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden,
-er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,&mdash;denn
-die Menschheit hat im Ganzen <span class="gesperrt">keine</span> Ziele, folglich kann der
-Mensch ... nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine
-Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet
-»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das
-Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das
-Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der
-Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar
-der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und,
-anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu
-schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich
-verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener
-phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige
-ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte
-zu&mdash;deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss&mdash;dein letzter
-Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass
-ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre
-Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne
-ein »Decadenz-Symptom« ist,&mdash;aber hier deckt sich der Begriff der
-Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die
-Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!...
-Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?... wir wollen Alle
-lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!«
-(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss«
-(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu
-gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches
-Erkenntnissideal zusammen,&mdash; dasselbe Wort, gegen das er sich noch
-kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur
-wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die
-<span class="gesperrt">Umkehrung</span> desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen
-als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das <span class="gesperrt">Lebenwollen</span> um jeden
-Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, &mdash;das ist die »neue
-Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte,
-deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In
-der Reife&mdash;des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das
-Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit
-des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).</p>
-
-<p>Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so
-kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er
-sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade
-von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des
-<span class="gesperrt">Gegensatzes</span>, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten
-Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für
-ihn zu einem <span class="gesperrt">Ideal</span>,&mdash;gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren,
-von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der
-Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu
-einem enthusiastischen,&mdash;fast <span class="gesperrt">religiösen</span> Verhalten und ermöglichte
-ihm jene 'religiös motivirte <span class="gesperrt">Selbstspaltung</span>, deren Nietzsche
-bedurfte,&mdash;jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein
-eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf
-ein <span class="gesperrt">zweites</span> Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer
-Idealmacht <span class="gesperrt">opferte</span>, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser
-Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie
-sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern
-Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser
-Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf <span class="gesperrt">wider den Rausch</span>, seine
-ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch,
-sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.</p>
-
-<p>Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man
-könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten,
-rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur
-den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre
-tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte
-und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff
-für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie
-nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als
-eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen
-Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),&mdash;und
-auch wohl thun,&mdash;denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als
-ein hoher Wärmegrad«.</p>
-
-<p>Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R<sup>e</sup>s Gedankenrichtung nirgends
-so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches,
-Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter
-seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess
-er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der
-persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben
-ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die
-Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller
-Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und
-rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm
-als ein <span class="gesperrt">neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen</span> und verlieh
-seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.</p>
-
-<p>Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem
-Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu
-denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten
-Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und
-marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass
-er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner
-Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch
-hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit
-aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder
-unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder
-im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen
-Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr
-rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an
-einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem
-»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu
-denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung
-seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen
-gehört's,&mdash;den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen:
-»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen
-geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft
-gratulire! Es lebe der Réealismus!«</p>
-
-<p>Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche
-Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war,
-welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für
-Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende
-sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt
-hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte
-ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und
-ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An
-diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige
-Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing.
-Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche
-Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische,
-religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von
-Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie
-seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches
-Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für
-Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer
-und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine
-Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth
-verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend,
-dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten
-aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen
-Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind
-besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen
-erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der
-Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine
-Lücken zu lassen.</p>
-
-<p>Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des
-Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war,
-bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und
-bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden.
-Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen
-Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen
-liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht
-hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten
-Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der
-Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine
-Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens,
-in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr
-Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade
-in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit
-seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines
-Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen
-Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien,
-schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf
-und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart
-hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an
-Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat
-seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm
-blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte
-demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus,
-und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem
-Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens,
-deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz
-standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche
-aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst
-so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast
-mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels
-und Bekehrers gegenübertritt.</p>
-
-<p>So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine
-um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle
-verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart
-des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen;
-aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und
-überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für
-ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner
-Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb
-in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu
-Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und
-in einer erhöhtem Form zu sehen,&mdash;ich, der ich selber Bruchstück ...
-bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land
-hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«</p>
-
-<p>Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf
-dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen
-neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er
-den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen
-Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die
-Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen,
-dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr;
-ausleben und erneuern wird.</p>
-
-<p>Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt
-und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines
-innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen
-Werken,&mdash;von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches,
-Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung
-der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden
-Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet.
-In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild
-und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in
-seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch
-mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung,
-aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich
-jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im
-Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder
-abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer
-Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt
-seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in
-wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes
-schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst
-Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist
-er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger
-wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene
-Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach
-durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht
-auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt
-mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich
-selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie
-einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie
-unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen
-sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend
-emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im
-Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen
-allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose
-Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies
-doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen
-und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller
-Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die
-düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu
-nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch
-zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem
-Doppel-Selbst.</p>
-
-<p>In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem
-ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als
-sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben
-sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt:
-hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt
-heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner
-Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter
-Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des
-Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will <span class="gesperrt">das Seine</span>:
-dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch
-den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut
-gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas
-kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,&mdash;aber
-beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran
-ist hundertmal mehr gelegen.«</p>
-
-<p>In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität
-seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten
-Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht
-begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den
-hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der
-Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf,
-ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.</p>
-
-<p>Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit
-noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die
-sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente
-allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht
-worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs
-gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör
-zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;&mdash;
-&mdash;dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer
-Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der
-Gegenwart erhoben haben.<a name="FNAnker_11_25" id="FNAnker_11_25"></a><a href="#Fussnote_11_25" class="fnanchor">[11]</a> Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen
-hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken
-untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen
-belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die
-opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer
-Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,&mdash;durch das Bestreben, <span class="gesperrt">nur</span>
-dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber
-nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester
-Nüancirung,&mdash;so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und
-erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und
-Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode
-in vollendete Form zu giessen verstanden,&mdash;aber erst jetzt lernte er,
-sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein
-goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner
-Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen
-Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen <span class="gesperrt">neuen Stil</span> in der
-Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die
-dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil
-des <span class="gesperrt">Charakteristischen</span>, der den Gedanken nicht nur als solchen,
-sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz
-ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein
-Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht
-nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher
-Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen
-lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.</p>
-
-<p>In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu
-etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines
-Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern
-Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich
-nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen
-Ereignissen <span class="gesperrt">ab</span>: sie <span class="gesperrt">machten</span> vielmehr das eigentliche und einzige
-Lebensereigniss dieses Einsamen <span class="gesperrt">aus</span>. Und dem gegenüber erschien ihm
-auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und
-leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
-Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von
-»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr
-noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen,
-dass ihr mich niesen und lachen machtet&mdash;und jetzt?... Welche
-Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem
-Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben <span class="gesperrt">lassen</span>, was
-vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk
-werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende
-und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel,
-die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen
-lassen,&mdash;mit <span class="gesperrt">unserer</span> Hand!&mdash;Und nur euer <span class="gesperrt">Nachmittag</span> ist es, ihr
-meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben
-habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig
-Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:&mdash;aber Niemand erräth mir daraus,
-wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder
-meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten ... <span class="gesperrt">schlimmen</span> Gedanken!«</p>
-
-<p>Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei
-seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar
-Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer
-Selbstunterhaltung,&mdash;nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der
-Feder in der Hand:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Ich schreib nicht mit der Hand allein:<br />
-Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«<br />
-</p>
-
-<p>singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52).
-Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der
-wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen
-von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten
-Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines
-Zarathustra (II 5): »&mdash; &mdash;aus dem Überflüsse heraus ist es schön
-hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte
-er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth,
-aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen
-waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit
-angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon
-(Der Wanderer und sein Schatten 338), »... in dem gesammten ... Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die
-Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien
-und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller
-silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit
-seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit
-selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe:
-»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über
-einander, sondern sind vertraulich zusammen.«</p>
-
-<p>Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden
-gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen
-Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der
-fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch
-arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem
-Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder
-aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,&mdash;der seinen »Ohren
-für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich
-gesprochenem Wort.</p>
-
-<p>»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,«
-schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die
-<span class="gesperrt">Augen</span>! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich
-förmlich <span class="gesperrt">mit Gewalt ferne</span> von der Wissenschaft&mdash;und was habe ich
-ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen
-und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen
-Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner
-Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt;
-die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören«
-von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«</p>
-
-<p>Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer
-Grundlage, die »<span class="gesperrt">Morgenröthe</span>« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner),
-vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und
-Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen
-zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das
-nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und
-gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist
-es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu
-überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch
-ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,&mdash;es
-ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen
-und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage,
-auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,&mdash;ohne
-die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen
-Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen,
-die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu
-widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus
-den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die
-Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir
-sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an
-das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die <span class="gesperrt">Bedeutung
-des Affectlebens für das Denken aufgehen musste</span>. Unmerklich verschob
-sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang
-auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der
-nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil
-sie <span class="gesperrt">Wahrheiten</span> sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der
-Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des
-Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf
-diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche
-aufgehen musste,&mdash;einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden
-Philosophie.</p>
-
-<p>In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe«
-die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von
-seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer
-mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der <span class="gesperrt">Uebergang</span> von
-einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen,
-Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber
-in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir <span class="gesperrt">theoretisch</span> der
-vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den
-sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier
-dagegen wird jede Möglichkeit einer <span class="gesperrt">Theorien-Aenderung</span> noch mit
-Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen
-Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre
-Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr
-der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen
-Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir
-ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand
-eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche
-sonst vollständig abgeht. Hier <span class="gesperrt">verräth</span> er sich fortwährend, ohne
-es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und
-tadelt,&mdash;er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens,
-sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges
-Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten
-Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens
-austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und
-Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum
-Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh,
-ihr ... edlen Schwärmer, ich kenne euch!... Bis zum Hass
-gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!...
-Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht
-der Ausdrücke!... Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu
-verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!... Wie dürstet ihr
-darnach, Menschen in diesem Zustande&mdash;es ist der der <span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit
-des Intellectes</span>&mdash;zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu
-entzünden!...« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift
-man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet:
-»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über
-die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,...
-Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus <span class="gesperrt">nur Sicherheiten</span> haben
-zu wollen, ist ein <span class="gesperrt">religiöser Nachtrieb</span>, nichts Besseres,&mdash;« (Der
-Wanderer und sein Schatten 16).</p>
-
-<p>Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst,
-bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen
-Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an&mdash;»der Tyrannei
-des Wahren«:&mdash;»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und
-Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;... muss sich
-von ihr im Unwahren ab und zu <span class="gesperrt">erholen</span> können,&mdash;sonst wird sie uns
-langweilig,&mdash;« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den
-von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder
-werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:&mdash;<span class="gesperrt">Seher</span>, die uns Etwas
-von dem <span class="gesperrt">Möglichen</span> erzählen! Wollten sie uns von den <span class="gesperrt">zukünftigen
-Tugenden</span> etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf
-Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,&mdash;von
-purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo
-seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).</p>
-
-<p>So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich
-in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch
-schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in
-der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides
-ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja
-die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal
-aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben
-Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung
-von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt
-hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund
-eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben
-aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt.
-Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist
-diese ..., wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt
-er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche
-langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben
-nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,&mdash;sodass
-zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«</p>
-
-<p>Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und
-unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,&mdash;diese überschäumende
-Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen
-Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher
-verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende
-»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen
-grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand«
-sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da
-einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen
-hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges
-Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche
-Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als
-Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren!
-Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der
-»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«:
-»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist
-es unbeschreiblich angenehm, sich <span class="gesperrt">überwältigt</span> zu fühlen! Plötzlich
-und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die
-Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss
-wohin? zuzusehen!«</p>
-
-<p>In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses,
-langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und
-angesammelt,&mdash;in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung
-nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik
-hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene
-Sieg den Sieger. Es ist das »<span class="gesperrt">Glück des Gegensatzes</span>«, das er darin
-sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der
-positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die
-begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan
-gemacht dem Schaffensdrang des Willens.</p>
-
-<p>Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes
-Aufklärungslicht mehr,&mdash;hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende,
-lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht
-der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen
-hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele
-Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den
-Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch
-zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am
-Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über
-die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist,
-und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste
-der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein
-träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck
-findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen
-<span class="gesperrt">Vorurtheilen</span> heraus zu neuen <span class="gesperrt">Werthurtheilen</span> zu gelangen, wie es
-möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch
-alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der
-Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral
-im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt&mdash;ja was kommt dann?«
-(Morgenröthe 96.)</p>
-
-<p>Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein
-Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es
-kommt eben noch etwas,&mdash;die Hauptsache kommt noch!« verspricht die
-Morgenröthe und wird immer heller und röther.</p>
-
-<p>Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn
-auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und
-Fempläne:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-»Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes
-Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen
-zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung,
-welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine
-asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel,
-die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als
-das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig
-sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich
-bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere
-Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand
-kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen
-gethan und geplant wird!</p>
-
-<p style="margin-left: 35%;">Treulich Ihr Freund</p>
-
-<p style="margin-left: 70%; font-size: 0.8em;">F. N.«</p></blockquote>
-
-<p>Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:</p>
-
-<p>»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten!
-Was ich nie mehr glaubte,... das erscheint mir jetzt als
-möglich,&mdash;als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines
-zukünftigen Lebens....«</p>
-
-<p>Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt
-fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was
-Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den
-Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und
-negirende Denkrichtung selber als einen <span class="gesperrt">Wegweiser</span> zu neuen Idealen
-aufzufassen sucht:</p>
-
-<p>»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen
-der Menschheit <span class="gesperrt">untergegangen</span> sind? Wird man vielleicht uns einstmals
-nachsagen, dass auch wir, <span class="gesperrt">nach Westen steuernd, ein Indien zu
-erreichen hofften</span>,&mdash;dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu
-scheitern? Oder, meine Brüder? Oder&mdash;? (Morgenröthe, Schluss.)</p>
-
-<p>Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete,
-da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte
-gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen,
-ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie
-jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten,
-von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses
-Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen
-Kritik,&mdash;jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.</p>
-
-<p>Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder,
-die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft«
-schrieb:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Freundin, sprach Columbus, traue<br />
-Keinem Genuesen mehr!<br />
-Immer starrt er in das Blaue<br />
-Fernstes zieht ihn allzusehr!<br />
-Wen er liebt, den lockt er gerne<br />
-Weit hinaus in Raum und Zeit,&mdash;<br />
-Üeber uns glänzt Stern bei Sterne<br />
-Um uns braust die Ewigkeit.«<br />
-</p>
-
-<p>Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit
-des Landes,&mdash;es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das
-Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne
-es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten
-Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem
-er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken
-gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte.
-Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen,
-in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind,
-wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch
-die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth
-der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass
-sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für
-alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten
-vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn
-nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte,
-sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein
-Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue
-Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von
-ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie
-war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen
-und Sich-Verlaufen,&mdash;»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth
-war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:&mdash;<span class="gesperrt">fliegen</span> allein will
-mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen
-gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie
-sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende
-Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner
-Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet,
-musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie
-der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der
-ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte
-sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er
-sich wieder dorthin zurückschleichen würde,&mdash;wo die Götter und die
-Uebermenschen hausen.</p>
-
-<p>Nietzsche schreibt einmal an Rée:</p>
-
-<p>»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese
-ich&mdash; &mdash; &mdash;die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden,
-wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?&mdash; &mdash; &mdash;<span class="gesperrt">Will
-uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere
-Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?</span>
-Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir
-die Geduld verlören&mdash;.«</p>
-
-<p>Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!«
-sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen
-Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen
-Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem
-heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens,
-des ewigen Lebens, schrieb.</p>
-
-<p>Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen&mdash;.</p>
-
-<p>Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als
-das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden
-könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche
-Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn
-daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen
-zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen
-Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil
-verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um
-durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches
-zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte,
-dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe,
-empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das
-Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und
-der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf!
-Welches herrliche Jahr 1881!«</p>
-
-<p>Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin
-1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem
-Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von
-sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen
-Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so
-lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte
-Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt
-nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er
-sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der
-moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt
-ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und
-der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf
-beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit
-zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung
-eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen,
-Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn
-dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden
-zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses
-inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und
-Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder
-umzusetzen.</p>
-
-<p>Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt,
-sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen,
-das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie«
-unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er
-wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris,
-Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede
-schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm
-nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege
-als richtig erwiesen wäre.</p>
-
-<p>Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit
-den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher
-fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum
-Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern
-hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei
-auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete
-herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch
-einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der
-Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem
-Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen
-sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch
-einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander
-entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.<a name="FNAnker_12_26" id="FNAnker_12_26"></a><a href="#Fussnote_12_26" class="fnanchor">[12]</a> Das
-spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn
-Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten
-Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht
-erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins
-verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.</p>
-
-<p>Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner
-Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand
-ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer
-Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche
-befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem
-der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig
-unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um
-noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu
-schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner
-Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei
-es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer
-solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der
-Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint
-er&mdash;einmal befruchtet&mdash;um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er
-ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm
-gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so
-geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden
-soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine
-Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.</p>
-
-<p>Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene
-Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal
-zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches
-und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung,
-dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen
-aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen
-festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die
-ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten.
-Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches:
-das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den
-verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines
-schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein
-gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben
-seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu
-einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.</p>
-
-<p>Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox
-dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je
-allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung
-sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so
-vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass
-die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder
-und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur
-Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,&mdash;»Mein Urtheil
-ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht«
-(Jenseits von Gut und Böse 43)&mdash;und doch wird gleichzeitig dieses
-Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze
-Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse
-innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben
-das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise
-den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären
-glaubt.« Für mich&mdash;wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!«
-(Also sprach Zarathustra III 95.)</p>
-
-<p>Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz
-und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens
-besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches
-sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter
-meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen
-Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich
-seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi
-scribo!«</p>
-
-<p>In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst
-geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner
-ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus
-seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen
-Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen
-im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen
-bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst
-irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute &gt;Zwischenreden«,
-ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr
-verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie«
-reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich
-verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns
-ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen
-zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse
-entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und
-Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint
-Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass
-er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.</p>
-
-<p>Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil
-auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein
-Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel
-schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie
-Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens,
-sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen
-seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen
-werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da
-Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen
-ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine
-Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig
-entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung
-unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass
-diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem
-Eigenbild zu construiren, Nietzsches <span class="gesperrt">Leiden an sich selbst zu Tage</span>
-treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er
-in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch
-zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch
-den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des
-theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der
-praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche
-sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht
-freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört
-man endlich den Schrei nach <span class="gesperrt">Erlösung von sich selbst</span>,&mdash;nach seinem
-<span class="gesperrt">Wesens-Gegensatz</span>, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung,
-Umwandlung,&mdash;nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des
-innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung,
-aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden
-Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht.
-Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt
-frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben
-die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches
-Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden
-als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung
-hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar
-nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren,
-Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle.
-Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu
-Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.</p>
-
-<p>Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig
-klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein
-Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien
-sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein
-mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine
-letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht
-vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken
-wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des
-Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so
-gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der
-Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine
-menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen,
-kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den
-tragischen Conflict seines Lebens löst,&mdash;den Conflict, des Gottes zu
-bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet
-er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen,
-visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um
-sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren
-Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu
-einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster,
-lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere
-als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch
-gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber
-zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung
-hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man
-gedenkt seines Wortes,... wer weiss, ob sich nicht bisher in
-allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
-anbetete,&mdash;und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits
-von Gut und Böse 269.)</p>
-
-<p>»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der
-letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den
-inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,&mdash;jene Exaltation
-von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander
-fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung
-war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,&mdash;
-eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen
-jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den
-Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem
-Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer
-Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber
-nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und
-Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch
-jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh,
-von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt
-entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in
-diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein;
-Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen
-Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu
-Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist
-in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.</p>
-
-<p>Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines
-Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte,
-zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren
-Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«</p>
-
-<p>Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth,
-von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten
-Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche
-Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss
-der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List
-und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches
-Schriften,&mdash;sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem
-persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein
-Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum
-Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle
-sich zu Gedichten wandelten;&mdash;zum Theil von einer so wunderlichen
-Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune
-bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind
-es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der
-seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei.
-Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will,
-während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen
-seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.</p>
-
-<p>Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner
-höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt
-auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns
-zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes
-Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig
-hervorleuchten:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»<span class="gesperrt">Incipit tragoedia!</span>«<br />
-</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_15" id="Fussnote_1_15"></a><a href="#FNAnker_1_15"><span class="label">[1]</span></a> Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: <span class="gesperrt">Zur
-Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung</span>, im Rheinischen Museum,
-Bd. 22; <span class="gesperrt">Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae
-Klage von Simonides</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23; <span class="gesperrt">De Laertii Diogenis
-Fontibus</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; <span class="gesperrt">Analecta Laertiana</span>,
-im Rhein. Mus., Bd. 25; <span class="gesperrt">Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des
-Laertius Diogenes</span>, Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel
-1870.&mdash;<span class="gesperrt">Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino
-post H. Stephanum denuo</span> ed. F. N., in den Acta societatis philologae
-Lipsiensis ed. Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat
-über <span class="gesperrt">Homer und Hesiod</span>, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein.
-Mus, Bd. 25 und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24
-Bänden des Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach
-Ritschls Disposition zusammenstellte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_16" id="Fussnote_2_16"></a><a href="#FNAnker_2_16"><span class="label">[2]</span></a> Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt:
-»&mdash;das heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken,
-mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen&mdash;«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_17" id="Fussnote_3_17"></a><a href="#FNAnker_3_17"><span class="label">[3]</span></a> Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste
-Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch
-gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten
-Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen
-Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers«
-Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer
-Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den
-hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland
-gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller
-Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des
-Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der
-Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte
-auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken
-derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner,
-der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom
-23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche,
-und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des
-griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte.
-In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie.
-Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872,
-stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die
-von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v.
-Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites
-Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1873, antwortete.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_18" id="Fussnote_4_18"></a><a href="#FNAnker_4_18"><span class="label">[4]</span></a> Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des
-zweiten Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst:
-»&mdash;was ich gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich
-als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte&mdash;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_19" id="Fussnote_5_19"></a><a href="#FNAnker_5_19"><span class="label">[5]</span></a> Vorwort V: »Auch soll ... nicht verschwiegen
-werden,... dass ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal
-der griechischen bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so
-unzeitgemässen Erfahrungen komme.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_20" id="Fussnote_6_20"></a><a href="#FNAnker_6_20"><span class="label">[6]</span></a> Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm
-jenen Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange
-suchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr
-strengte ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den
-lebendigen Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen
-hatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche
-mehr sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne
-und Zöglinge.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_21" id="Fussnote_7_21"></a><a href="#FNAnker_7_21"><span class="label">[7]</span></a> Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen
-Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in
-Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen,
-vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die
-englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen
-Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was
-er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch
-hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu
-Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch&mdash;erscheinen lässt.«
-(Fröhliche Wissenschaft 99.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_22" id="Fussnote_8_22"></a><a href="#FNAnker_8_22"><span class="label">[8]</span></a> Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches,
-Allzumenschliches« I 37.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_23" id="Fussnote_9_23"></a><a href="#FNAnker_9_23"><span class="label">[9]</span></a> Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen
-über »Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im
-Cultus des Genius'.« (164).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_24" id="Fussnote_10_24"></a><a href="#FNAnker_10_24"><span class="label">[10]</span></a> Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten
-Kräuter und Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches,
-Allzumenschliches I 48) ist noch mehr werth als die gepriesene grosse
-einzelne Aufopferung; noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes
-immerwährende freundliche Wohlwollen, das des Lebens »<span class="gesperrt">Behagen</span>«
-schafft. (Menschliches, Allzumenschliches I 49)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_25" id="Fussnote_11_25"></a><a href="#FNAnker_11_25"><span class="label">[11]</span></a> Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir
-einmal aufschrieb:
-</p>
-<p>
-<span class="gesperrt">Zur Lehre vom Stil.</span>
-</p>
-<p class="center">
-1.
-</p>
-<p>
-Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll <span class="gesperrt">leben</span>.
-</p>
-<p class="center">
-2.
-</p>
-<p>
-Der Stil soll <span class="gesperrt">dir</span> angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte
-Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der <span class="gesperrt">doppelten
-Relation</span>.)
-</p>
-<p class="center">
-3.
-</p>
-<p>
-Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und
-<span class="gesperrt">vortragen</span>«&mdash;bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung
-sein.
-</p>
-<p class="center">
-4.
-</p>
-<p>
-Weil dem Schreibenden viele <span class="gesperrt">Mittel</span> des Vortragenden <span class="gesperrt">fehlen</span>, so
-muss er im Allgemeinen eine <span class="gesperrt">sehr ausdrucksvolle</span> Art von Vortrag
-zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon
-nothwendig viel blässer ausfallen.
-</p>
-<p class="center">
-5.
-</p>
-<p>
-Der Reichthum an Leben verräth sich durch <span class="gesperrt">Reichthum an Gebärden</span>. Man
-muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl
-der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente&mdash;als Gebärden
-empfinden <span class="gesperrt">lernen</span>.
-</p>
-<p class="center">
-6.
-</p>
-<p>
-Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht,
-die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die
-Periode eine Affectation.
-</p>
-<p class="center">
-7.
-</p>
-<p>
-Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken <span class="gesperrt">glaubt</span>, und sie
-nicht nur denkt, sondern <span class="gesperrt">empfindet</span>.
-</p>
-<p class="center">
-8.
-</p>
-<p>
-Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss
-man erst die <span class="gesperrt">Sinne</span> zu ihr verführen.
-</p>
-<p class="center">
-9.
-</p>
-<p>
-Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin,
-dicht an die Poesie heranzutreten, aber <span class="gesperrt">niemals</span> zu ihr überzutreten.
-</p>
-<p class="center">
-10.
-</p>
-<p>
-Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände
-vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und <span class="gesperrt">sehr klug</span>, seinem Leser
-zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit <span class="gesperrt">selber
-auszusprechen</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_26" id="Fussnote_12_26"></a><a href="#FNAnker_12_26"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der
-Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen
-Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h3><a name="III_ABSCHNITT" id="III_ABSCHNITT">III. ABSCHNITT.</a></h3>
-
-
-<h4>DAS "SYSTEM NIETZSCHE"</h4>
-
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;">
-<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Schaffen wollt ihr noch die Welt,<br />
-vor der ihr knien könnt.«<br />
-(Also sprach Zarathustra II. 47).<br />
-</p>
-
-
-<blockquote>
-
-<p class="p2">Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich
-schätze nichts als <span class="gesperrt">Antriebe</span>,&mdash;und ich möchte schwören,
-dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch
-diese Phase <span class="gesperrt">hindurch</span>, in der ich seit einigen Jahren
-gelebt habe,&mdash;sehen Sie <span class="gesperrt">dahinter</span>! Lassen <span class="gesperrt">Sie</span> sich nicht
-über mich täuschen&mdash;glauben doch nicht, dass »der Freigeist«
-mein Ideal ist!! <span class="gesperrt">Ich bin</span>.... Verzeihung! Liebste Lou!</p>
-
-<p style="margin-left: 65%; font-size: 0.8em;">F. N.</p></blockquote>
-
-<p>In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief
-Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der
-»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung
-»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind
-bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches
-angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem
-bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen
-Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der
-Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der
-Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle
-einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von
-<span class="gesperrt">Rückkehr</span> zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase,
-die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,&mdash;nämlich zur
-Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen <span class="gesperrt">Aesthetik</span> und ihrer Lehre
-vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als
-auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, <span class="gesperrt">das Mysterium einer
-ungeheuren Selbst-Apotheose</span>, das er in dem zögernden Wort »Ich
-bin«&mdash;sich noch scheut auszusprechen.</p>
-
-<p>Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige
-Dichtung »<span class="gesperrt">Also sprach Zarathustra</span>« (I und II 1883; III 1884,
-Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann);
-<span class="gesperrt">Jenseits von Gut und Böse</span>, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft
-(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); <span class="gesperrt">Zur Genealogie
-der Moral</span>, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); <span class="gesperrt">Der
-Fall Wagner</span>, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann);
-endlich die kleine Aphorismen-Sammlung <span class="gesperrt">Götzen-Dämmerung</span> oder <span class="gesperrt">Wie
-man mit dem Hammer philosophirt</span> (1889, Leipzig, C. G. Naumann).
-Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens
-Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie
-die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines
-Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind,
-der Darlegung eines <span class="gesperrt">Systems</span> zu dienen, wenn auch nur eines Systems,
-das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit
-begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine
-Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein
-unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher,
-als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine
-vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen
-jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen
-und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das
-reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien,
-sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden
-Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als
-auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im
-Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer
-wieder macht er,&mdash;sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in
-der Genealogie der Moral,&mdash;den Versuch, über das Rein&mdash;Aphoristische
-hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen,
-weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.</p>
-
-<p>Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art
-von <span class="gesperrt">Erkenntnisstheorie</span>, einen Ansatz dazu, sich mit den
-erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem
-er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt
-gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege
-beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der
-praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf
-die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische
-Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen
-gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den
-verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber
-höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der
-Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest
-entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen
-könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der
-Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.</p>
-
-<p>Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers
-diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung
-Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten
-Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern
-durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens.
-Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme
-der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der
-Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf
-den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese
-Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen
-Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn
-begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille
-und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft
-hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe
-nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er
-derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In
-diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht
-auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die
-Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens
-auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es
-entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.</p>
-
-<p>Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen
-vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen,
-um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte
-zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche
-Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche
-die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar
-nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen
-Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben
-Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes
-Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes
-und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.</p>
-
-<p>Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine <span class="gesperrt">Stimmung</span>, nur
-seine <span class="gesperrt">Gefühlsauffassung</span> der Sachlage, aber eben dies besagt für
-Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden
-Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue
-Weltanschauung.</p>
-
-<p>Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken
-in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner
-Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie
-in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei
-Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne
-letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein
-Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse,
-ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich,
-daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.</p>
-
-<p>Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden,
-einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils
-Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich
-in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft.
-Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches
-zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist.
-Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine
-kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches
-Geistesentwicklung,&mdash;als ein Muster von zwei verschiedenen mit
-genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen
-Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem</p>
-
-<p>Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung
-des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin
-Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von
-Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen
-könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am
-ausführlichsten die <span class="gesperrt">Unberechtigung der Werthgegensätze</span> »wahr und
-unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig
-werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe
-der Wahrheit trat vor uns hin,... Was in uns will eigentlich »»zur
-Wahrheit««?... Gesetzt, wir wollen Wahrheit: <span class="gesperrt">warum nicht lieber</span>
-Unwahrheit?...« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
-dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt?
-Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen...?« (34.) »In
-welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!...
-erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit
-durfte sich&mdash;die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem
-Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen,
-zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern&mdash;als
-seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend
-einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven <span class="gesperrt">entgegengesetzt</span>,&mdash;das
-meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
-heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik
-ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention«
-(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache
-der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf
-können als gerade zur Realität unserer Triebe&mdash;denn Denken ist nur ein
-Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36).
-Und daraus folgt denn schon: »... <span class="gesperrt">je mehr</span> Affekte wir über eine
-Sache zu Worte kommen lassen, <span class="gesperrt">je mehr</span> Augen, verschiedne Augen wir
-uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird
-unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen
-aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen,
-gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt
-<span class="gesperrt">castriren</span>?... (Zur Genealogie der Moral III 12).</p>
-
-<p>Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von
-seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt.
-Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil
-derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich
-irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die
-uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und
-degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des
-Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung
-noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich
-neben einander besteht,&mdash;die Relativität des Denkens und diejenige
-des Affektlebens,... das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche
-Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene
-Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den
-er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan
-machen wollte,&mdash;auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste
-gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung
-rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem
-fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«</p>
-
-<p>Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch
-kein Einwand gegen ein Urtheil;... Die Frage ist, wie weit es
-lebenfördernd, lebenerhaltend ... ist;... Verzichtleisten auf
-falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung
-des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der
-dem Wahren, dem Wahrhaftigen,... zukommen mag: es wäre möglich,
-dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein
-für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben
-werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, <span class="gesperrt">was</span> den Werth
-jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit
-jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche
-Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu
-sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »... wir sind von Grund
-aus, von Alters her&mdash;<span class="gesperrt">ans Lügen gewöhnt</span>. Oder, um es tugendhafter
-und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr
-Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere
-der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen
-Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »&mdash;die Kunst, in der
-gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen
-zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um
-derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten
-Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als
-die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und
-»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)</p>
-
-<p>An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst
-der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem
-neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen
-ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen
-»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als
-eine unvermeidliche <span class="gesperrt">Zugabe</span> zum erkennenden Denken betrachten
-und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu <span class="gesperrt">reduciren</span> suchen: die
-Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,&mdash;das gerade
-bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen <span class="gesperrt">Steigerung</span>. Die Einsicht
-in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der
-Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur
-Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die
-demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche
-der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine
-Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches
-Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in
-dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens.
-Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer
-letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so
-öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch
-Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und
-Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden
-Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber
-hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt
-hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen
-Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und
-Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten
-Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus
-dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die
-nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert
-er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet
-und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der
-Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch
-keine Richtung gewiesen ist,&mdash;dass Alles in ihr noch herrenlos und
-gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches
-Schaffen,&mdash;gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft
-für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins
-Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene,
-Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit
-Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:&mdash;denn nicht wollt ihr mit
-<span class="gesperrt">feiger Hand einem Faden nachtasten</span>; und, wo ihr <span class="gesperrt">errathen</span> könnt, da
-hasst ihr es, zu <span class="gesperrt">erschliessen</span>.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.)
-»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust
-(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!«
-(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender,
-bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille
-zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!«
-(Ebendaselbst II 50)</p>
-
-<p>Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und
-Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens,
-eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich
-selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches,
-Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist
-verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden,
-so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die
-Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und
-Erkennenwollen ausschweift.<a name="FNAnker_1_27" id="FNAnker_1_27"></a><a href="#Fussnote_1_27" class="fnanchor">[1]</a> In einem solchen Verlangen wild
-auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts
-ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.)
-und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des
-Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden,
-willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten
-Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die
-Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser
-Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der
-Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem
-Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen
-hat. »Warum dürfte die Welt, <span class="gesperrt">die uns etwas angeht</span>&mdash;, nicht eine
-Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem
-Hintergedanken: <span class="gesperrt">und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein</span>?</p>
-
-<p>Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der
-»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit
-den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand
-ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt«
-endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine
-Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu
-uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise,
-den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als
-identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato,
-<span class="gesperrt">bin</span> die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren,
-scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den
-Weisen,&mdash;lebt in ihr, <span class="gesperrt">er ist sie</span>.« Im Christenthum trennt sich die
-Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem
-sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als
-Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe
-von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem
-blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«&mdash;bis sie
-sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts
-verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei
-des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr
-gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist:
-»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
-Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der
-Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir
-zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss
-überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre«
-Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen,
-uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren
-Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als
-deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst
-zurückgeworfen als auf den <span class="gesperrt">Selbstschöpfer aller Dinge</span>. Wieder ist die
-alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht
-als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in
-der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit,
-von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte
-Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat.
-»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin,
-sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den
-geheimnissvollen Schlussworten: »<span class="gesperrt">Mittag; Augenblick des kürzesten
-Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit;
-Incipit Zarathustra</span>.«</p>
-
-<p>Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins
-Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen
-und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt.
-Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine
-neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse
-Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn
-aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen
-Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens
-gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des
-Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen
-Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das
-Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte
-sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt,
-was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt
-sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er
-auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen
-alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt
-und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der
-Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass
-er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande
-wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern
-in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt
-ergeht. »&mdash;<span class="gesperrt">Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und
-Gesetzgeber</span>: sie sagen »<span class="gesperrt">so soll</span> es sein!« sie bestimmen erst das
-Wohin? und Wozu? des Menschen..., ... sie greifen mit schöpferischer
-Hand nach der Zukunft.... Ihr »Erkennen« ist <span class="gesperrt">Schaffen</span>, ihr
-Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist&mdash;<span class="gesperrt">Wille zur
-Macht</span>.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft
-immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie
-ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht,
-zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die
-»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207)
-sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze
-Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter
-Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden
-bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden
-immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und
-Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.</p>
-
-<p>Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses
-Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen
-nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren
-wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen«
-Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen
-des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt
-mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis
-in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt
-»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen <span class="gesperrt">Ersatz</span>
-für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen.
-Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die
-Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem
-Wahrheits-<span class="gesperrt">Entdecker</span>, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er
-gewissermassen zum Wahrheits-<span class="gesperrt">Erfinder</span> geworden, zu einem Ȇberreichen
-des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und
-Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d.
-h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen
-nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen <span class="gesperrt">Sinn</span>
-noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er
-sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu
-einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse
-Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.</p>
-
-<p>In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das
-Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer
-Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und
-Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein
-innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des
-strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit
-ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt
-er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens
-Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung
-durch den Gedanken verlangt,&mdash;es ist der »tropische« Mensch, auf den
-die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf
-Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste
-Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen
-kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten
-Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
-zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
-Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III
-82).</p>
-
-<p>Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion
-gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste
-Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste
-Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen
-unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in
-der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner
-Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die
-Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt
-er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem
-Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen
-seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den
-erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph
-des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes
-wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste
-Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,&mdash;der
-Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts
-gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der <span class="gesperrt">gegen sich selbst</span>
-gewendeten Grausamkeit«.&mdash;er muss als »Künstler und Verklärer der
-Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche
-Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so
-empfängt er die höchste Offenbarung,&mdash;er taucht hinab ins Grenzenlose,
-Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er
-sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches,
-in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken
-wiederfinden: <span class="gesperrt">dass der Untergang durch das Uebermass</span> die Bedingung
-einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches
-Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich&mdash;persönlicher Mystik aus, in
-der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das
-»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und
-tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden
-soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
-gingen!...Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!...
-Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
-geweiht zum Opferthier,&mdash;wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des
-Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne
-zeugen, in die er schaute,&mdash;wusstet ihr das schon?« (Also sprach
-Zarathustra II 33).</p>
-
-<p>Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des
-Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik
-und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den
-abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es
-endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in
-seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.</p>
-
-<p>Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung
-und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden
-als des wahren Trägers des Lebenswillens,&mdash;des Erkennenden als des
-Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von
-Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen
-überhaupt aussagt: »dass die moralischen&mdash; &mdash;Absichten ... den
-eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
-gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang
-des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten
-und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen
-trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll
-der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine
-Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder
-»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der
-Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen
-Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: <span class="gesperrt">es taugt nichts</span>.... Immer und
-überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,&mdash;einen Klang
-voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand
-gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge
-der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens,
-der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,&mdash;war
-es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen
-zugleich ihr <span class="gesperrt">Adelszeichen</span>, das sie von den geistig rohen Menschen,
-vom <span class="gesperrt">Pöbel</span>, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier
-hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf
-die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der
-Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als
-die Kranken und Entnervten, als die <span class="gesperrt">Niedergangstypen</span> eines jeden
-Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph,
-der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über
-die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder
-zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für
-Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der
-Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen,
-trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte
-und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem
-er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II
-»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker,
-die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle
-beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das
-Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des
-Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen
-haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also
-geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie
-mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines
-Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden
-Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst
-Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge
-niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die
-sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden
-und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung
-weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie
-vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?
-ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den
-ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)</p>
-
-<p>Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die
-äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit
-gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen
-Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung
-seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen,
-in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu
-einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und
-Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,&mdash;? er ist
-der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch
-nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das
-krankhafteste,&mdash;»das <span class="gesperrt">noch nicht festgestellte</span> Thier.« (Jenseits von
-Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als
-solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet
-desselben.</p>
-
-<p>Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges
-ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,&mdash;da wo sich die
-wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten
-socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene
-furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen
-die alten Instinkte der Freiheit schützte ... brachten zu Wege,
-dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich
-rückwärts, sich <span class="gesperrt">gegen den Menschen selbst</span> wandten.« »Alle Instinkte,
-welche sich nicht nach Aussen entladen, <span class="gesperrt">wenden sich nach Innen</span>&mdash;
-ist das, was ich die <span class="gesperrt">Verinnerlichung</span> des Menschen nenne: damit
-wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele«
-nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei
-Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung
-des Menschen <span class="gesperrt">nach Aussen gehemmt</span> worden ist.« »Der Mensch, der
-sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in
-eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst
-zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den
-Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,... Mit
-ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von
-welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des
-Menschen&mdash;<span class="gesperrt">an sich</span>: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von
-der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten
-Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit
-beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)</p>
-
-<p>Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen
-sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist,
-und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch
-gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am <span class="gesperrt">Ausgang</span> einer
-langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als
-Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die
-Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form
-auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht
-und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen,
-sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung
-reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch
-eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind,
-beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu
-machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere,
-Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der
-grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln
-zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's,
-keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit
-einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden
-schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des
-Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von
-Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)</p>
-
-<p>Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die
-Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen
-und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht
-wehren kann,&mdash;so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde
-in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse
-mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte,
-nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte.
-Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark
-verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner
-ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er
-wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten,
-gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt
-gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle
-Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium
-bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen
-Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind,
-als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen,
-moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu
-lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.</p>
-
-<p>Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der
-menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für
-deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine
-dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände
-unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu
-verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige
-Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt
-wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form,
-zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die
-Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist«
-auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle
-Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das
-Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit«
-dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre
-Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in
-der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum
-durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren
-werde.</p>
-
-<p>»Man ist nur <span class="gesperrt">fruchtbar</span> um den Preis, an Gegensätzen reich zu
-sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende
-Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu <span class="gesperrt">ertragen</span>. Dann ist scheinbare
-Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur
-ein <span class="gesperrt">Schimpfname für die Herbstzeiten</span>«,&mdash;d. h. für die Zeiten der
-abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann
-Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem
-nothwendigen Ende zu,&mdash;»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen
-<span class="gesperrt">Schritt für Schritt weiter in der décadence</span>.... Man kann diese
-Entwicklung <span class="gesperrt">hemmen</span> und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen,
-aufsammeln, vehementer und <span class="gesperrt">plötzlicher</span> machen: mehr kann man nicht.«
-(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische
-Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der
-Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich
-selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der
-Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten,... Thierseele auf Erden
-etwas so Neues, Tiefes,... Widerspruchsvolles und <span class="gesperrt">Zukunftsvolles</span>
-gegeben«,&mdash;dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art
-des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit
-»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel,
-sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses
-Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein
-Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,&mdash;ein Seil über einem
-Abgrunde.... Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke
-und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass
-er ein <span class="gesperrt">Übergang</span> und ein <span class="gesperrt">Untergang</span> ist.« (Also sprach Zarathustra
-I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu
-Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden
-Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die
-Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »... als
-welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«</p>
-
-<p>Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe,
-die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht
-aufgegeben, sondern noch möglichst <span class="gesperrt">verschärft</span> und zum Ausgangspunkt
-seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten
-Einsicht hat sie sich ihm zu einem <span class="gesperrt">Gemüthsaffekt</span> gesteigert, und
-als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle
-seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram
-und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach
-Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt.
-Aus dem <span class="gesperrt">Accent</span>, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus
-den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die
-übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken
-einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.</p>
-
-<p>Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches
-neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des
-Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem
-Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt
-die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung
-durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft.
-Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit,
-eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr
-gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die
-schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die <span class="gesperrt">Ursache</span>
-und <span class="gesperrt">Begleiterscheinung</span> der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren,
-werden nunmehr zum <span class="gesperrt">Erkenntniss</span>-inhalt selbst.</p>
-
-<p>Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit
-ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen
-Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war
-jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig,
-obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr
-schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit
-der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann
-zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte
-nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille,
-als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen
-zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen <span class="gesperrt">längeren</span>
-und <span class="gesperrt">tieferen</span> Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick
-beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für
-sein Wollen einstehen&mdash;er wurde »das Thier, das <span class="gesperrt">versprechen darf</span>«.
-Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von <span class="gesperrt">Mnemotechnik</span>:
-sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein <span class="gesperrt">Gedächtniss
-einzuverleiben</span> sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also
-auch zu sich <span class="gesperrt">Ja sagen dürfen</span>&mdash;das ist&mdash;eine <span class="gesperrt">späte</span> Frucht:&mdash;wie
-lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir
-uns&mdash;ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich
-seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte
-endlich zu Tage bringt, <span class="gesperrt">wozu</span> sie nur das Mittel war: so finden wir
-als reifste Frucht ... das souveraine <span class="gesperrt">Individuum</span>, das nur sich
-selbst gleiche,..., kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen
-Willens, der <span class="gesperrt">versprechen darf</span>.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.)
-Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums
-entspricht eine neue Art von <span class="gesperrt">Gewissen</span>, nachdem der Mensch den Moral
-Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens&mdash;seinen strengen,
-nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern&mdash;entwachsen ist, und damit das
-alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.</p>
-
-<p>Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner
-ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen
-Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche
-gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die
-Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen,
-wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt.
-Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und
-Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits
-des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die
-einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des
-unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem
-Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus
-gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der
-»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen
-erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich
-der mysteriösen <span class="gesperrt">Herkunft</span> und Abstammung des Willens leugnet, das
-versucht er dafür an das <span class="gesperrt">Ziel</span> und <span class="gesperrt">Ende</span> der Willensentwicklung
-zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten
-langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein
-reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben
-beherrschender Wille allmählich <span class="gesperrt">geschaffen worden</span>, so ist er damit
-in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht
-bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus
-einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts
-mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine <span class="gesperrt">gewaltig angewachsene
-und rücksichtslos explodirende Stärke</span> bestimmt,&mdash;er ist reines, von
-der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen
-nicht mehr <span class="gesperrt">metaphysischer</span> Natur, denn es ist geworden, es ist das
-<span class="gesperrt">Resultat</span> einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des
-Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit
-des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit,
-denn sie wendet sich nunmehr als eine <span class="gesperrt">unbedingte</span> Macht umgestaltend
-und umschaffend <span class="gesperrt">gegen</span> eben die natürlichen Bedingungen, denen
-sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein
-zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in
-seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt,
-indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort
-kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende
-unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)&mdash;blos weil man
-die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht
-mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen
-des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende
-erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist.
-Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden,
-aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle
-Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller
-Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen
-Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die
-Dinge <span class="gesperrt">hineinerschaffen</span>; darum will Nietzsche an Stelle des »freien«
-und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck» <span class="gesperrt">starker</span>
-und <span class="gesperrt">schwacher</span> Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21)
-und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und
-<span class="gesperrt">Entwicklungslehre des Willens zur Macht</span>«. (Ebendas. 23.)</p>
-
-<p>Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade
-»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem <span class="gesperrt">Genie</span> geworden ist, was
-sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat.
-Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und
-Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen
-eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer,
-historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt,
-gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,... die Zeit, in der sie
-erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr
-werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie <span class="gesperrt">älter</span> sind, dass
-länger auf sie hin gesammelt worden ist;... die Zeit ist relativ
-immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer....
-»Der grosse Mensch ist ein Ende;... Das Genie&mdash;in Werk, in That&mdash;
-ist nothwendig ein Verschwender: <span class="gesperrt">dass es sich ausgiebt</span>, ist seine
-Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt;
-der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede
-solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)</p>
-
-<p>Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in
-ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen
-soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine
-Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer
-Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert
-hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden
-ist,&mdash;Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das
-nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem
-oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte
-Menschheitsbewusstsein,&mdash;so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig
-ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie
-wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es
-würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen,
-ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst
-hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der
-Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den
-Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung
-Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige
-Bedeutsamkeit:&mdash;mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der
-Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als
-der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich
-Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt
-sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein
-Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen
-uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
-herausgewachsen sind:&mdash;Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus
-höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine
-Art von Atavismus,&mdash;darin liegt der wunderlich <span class="gesperrt">reaktionäre</span> Charakter
-der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von
-der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch,
-an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und
-Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft
-zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur
-deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer
-lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und
-übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem
-Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,<a name="FNAnker_2_28" id="FNAnker_2_28"></a><a href="#Fussnote_2_28" class="fnanchor">[2]</a> dass
-Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden
-seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie
-sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die
-guten Dinge) <span class="gesperrt">hat</span>, ist ein Andrer, als wer sie <span class="gesperrt">erwirbt</span>. Alles Gute
-ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ...
-« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren
-lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende
-und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der
-moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz
-und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm
-Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst
-ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.</p>
-
-<p>»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden
-Kraft:... Damit es Institutionen giebt, muss es ... Wille,
-Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen
-zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte
-hinaus, zur <span class="gesperrt">Solidarität</span> von Geschlechter-Ketten vorwärts und
-rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant,
-durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches
-vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer
-Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und
-wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt
-geisselt er die »pöbelhafte<a name="FNAnker_3_29" id="FNAnker_3_29"></a><a href="#Fussnote_3_29" class="fnanchor">[3]</a> Gleichmacherei« aller Menschen und
-die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten
-mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die
-ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren
-sind »die <span class="gesperrt">ganzeren</span> Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit
-bedeutet, als »die ganzeren Bestien«&mdash;).« (Jenseits von Gut und Böse
-257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem
-solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu
-Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,&mdash; ja, sie <span class="gesperrt">sind</span> kraft
-ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der
-bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des
-starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,... Ihm fehlt die
-Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform,
-in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist,
-<span class="gesperrt">zu Recht besteht</span>. Seine <span class="gesperrt">Tugenden</span> sind von der Gesellschaft in Bann
-gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem
-<span class="gesperrt">Jeden</span> eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten
-und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem
-seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer
-die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich
-und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der
-Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass
-er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres
-Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem
-Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt
-ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich
-noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen
-Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff
-darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der
-Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und
-ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende
-Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und
-das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen.
-Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie
-Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass
-Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist,
-der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der
-dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren
-konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu
-unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung
-bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches
-Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode
-an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders
-auffasste.<a name="FNAnker_4_30" id="FNAnker_4_30"></a><a href="#Fussnote_4_30" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p>In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines
-rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild
-der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch
-heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur
-der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen
-Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches
-viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen
-Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von
-positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im
-Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass,
-mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen
-Zwecke bedurfte, durchzusprechen,&mdash;namentlich auch den etymologischen
-und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut,
-niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen
-vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und
-gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen
-wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch
-jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den
-Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da
-die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber
-hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.</p>
-
-<p>In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten
-aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher
-und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen
-aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft
-und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und
-Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die
-Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint.
-In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war
-Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen
-Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen
-Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte
-sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des
-Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden
-verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei
-unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral
-und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht.
-Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und
-Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig
-mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung
-wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze
-Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller
-moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das
-Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr
-als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die
-Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung
-gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den
-Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur:
-sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen
-als »<span class="gesperrt">gut</span>« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also
-auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und
-halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz
-anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser
-»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus,
-sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt
-alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und
-erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, <span class="gesperrt">ihren</span> Begriff
-»gut« für sämmtliche jenen <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span> Eigenschaften,&mdash;also für
-das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin
-das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«,
-das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem
-»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen
-Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen
-Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach
-Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden
-Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild
-ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das
-Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums
-an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den
-Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet
-haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein,
-damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.<a name="FNAnker_5_31" id="FNAnker_5_31"></a><a href="#Fussnote_5_31" class="fnanchor">[5]</a>
-Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen
-und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen,
-weil die eigentliche <span class="gesperrt">Bedeutsamkeit</span> dieser Anschauung für seine
-Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht.
-Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich
-zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für
-ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der
-Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb
-ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang
-verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont:
-die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches
-gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch
-nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht
-was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene
-Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen
-sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der
-philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen
-auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie
-interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung
-keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,&mdash;und
-sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war,
-wissenschaftlich zu arbeiten.</p>
-
-<p>Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher
-seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)&mdash;dass wir »<span class="gesperrt">Immer
-in unserer Gesellschaft« bleiben</span>, auch wo wir wähnen, Fremdes
-aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet
-zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich&mdash;: das Andere
-höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »<span class="gesperrt">Grenze unseres Hörsinns</span>:
-Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort
-zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner
-Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen,
-als was mir schon gehört,&mdash; das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen
-zurück.« (Ebendaselbst 242.)</p>
-
-<p>Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner
-philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher
-Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in
-seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch
-bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem
-innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende
-und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit
-seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
-ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also
-sprach Zarathustra III 74.)</p>
-
-<p>Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein
-weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral
-geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache,
-dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist,
-<span class="gesperrt">beide</span> Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer
-solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von
-Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung
-entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur,
-d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet
-und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch
-die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche
-beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen
-des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang,
-ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche
-Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche
-Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur
-Weiterentwickelung erst befähigt durch die <span class="gesperrt">Wunden</span>, die ihrer Kraft
-beigebracht werden,&mdash;denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen,
-sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre
-Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: <span class="gesperrt">alles
-dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment</span>.
-»Das Wesentliche,... wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass
-lange und in Einer Richtung <span class="gesperrt">gehorcht</span> werde: dabei kommt ... auf
-die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf
-Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser
-Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar,
-sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu
-züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen,
-aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften
-und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven
-Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um
-sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren
-Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie
-wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den
-Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas
-Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch
-ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr
-ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter
-Kräfte,&mdash;»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra
-III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes,
-Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu
-Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den
-alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral
-I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er
-denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender
-Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung
-hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von
-Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch
-den Andren,&mdash;woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine
-Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist
-kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender
-und Selbst-Untergang. Er wiederholt also <span class="gesperrt">in sich</span> und auf Grund
-seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit
-genau dasselbe, was einst auf die Menschheit <span class="gesperrt">von Aussen her</span>, durch
-Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,&mdash;wir
-finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
-Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
-widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
-Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen,
-diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich
-selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust
-am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die
-vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf
-lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen,
-welches heisst: »Ich bin das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«.
-(Also sprach Zarathustra II 49.)</p>
-
-<p>Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen
-Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes
-Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten
-Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen
-hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame
-»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen
-beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde
-der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und
-Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er
-von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden
-und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem
-Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können.
-Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist
-liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte
-muthet ihn an als <span class="gesperrt">seine</span> Welt, <span class="gesperrt">seine</span> Sicherheit, <span class="gesperrt">sein</span> Labsal«;
-(Zur Genealogie der Moral I 10)&mdash;und er beschreibt sein Gegenbild in
-der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur,
-dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die
-Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als
-solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze
-immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie
-als <span class="gesperrt">Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens</span>, die, historisch
-betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch
-betrachtet, als eine <span class="gesperrt">Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen
-Menschen</span> erweisen. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen
-Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung
-nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten
-Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser
-sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/nietzsche_003.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<p>Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches
-»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen
-bedeutet, und wie sie sich zum <span class="gesperrt">asketischen Ideal</span> verhält, in
-dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche
-zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings
-damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,&mdash;beginnt mit
-einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das
-bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und
-Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand,
-an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte.
-Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend
-ein Uebermenschenthum <span class="gesperrt">gegeben</span> sei, es müsste denn erst <span class="gesperrt">geschaffen</span>
-werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein
-andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie
-sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres
-Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle
-eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits
-hervorzulocken.<a name="FNAnker_6_32" id="FNAnker_6_32"></a><a href="#Fussnote_6_32" class="fnanchor">[6]</a> Daher giebt er den verachteten, gefürchteten,
-misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von
-keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit
-der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen
-Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der
-Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen
-höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen
-sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,&mdash;dass alles Böseste seine
-beste <span class="gesperrt">Kraft</span> ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden;
-und dass der Mensch besser <span class="gesperrt">und</span> böser werden muss«. (Also sprach
-Zarathustra III 97.)</p>
-
-<p>Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend
-ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst
-zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich
-steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss:
-er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so
-kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und
-seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,&mdash;wandelt
-sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet:
-»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst
-du deine Tugenden lieben,&mdash;denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«.
-(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass
-er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle
-Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)</p>
-
-<p>So gleichbedeutend hiernach <span class="gesperrt">egoistische Kraftauslebung</span> und <span class="gesperrt">Tugend</span>
-im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in
-Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied
-zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral
-als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative
-verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das
-Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder
-einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit
-der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der
-Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so
-gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst
-III 97.) Das <span class="gesperrt">Uebermaass</span> ist der Weg <span class="gesperrt">zum Uebermenschlichen</span>, deshalb
-geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit
-seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden
-müsstet?&mdash;Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz,
-der ist dieser Wahnsinn!&mdash;« (Ebendaselbst I 11.)</p>
-
-<p>Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines
-Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er
-betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein
-Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht
-und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein
-»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare
-Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der
-»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel;
-er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert
-wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese
-Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur
-von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei
-wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in
-der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur
-eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während
-Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart,
-geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu
-Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen
-im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch,
-als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein
-Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen«
-Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei
-Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen
-und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den
-<span class="gesperrt">Moral-Weg</span>, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings
-das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und
-steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine
-tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man
-hingegen Nietzsches <span class="gesperrt">Moral-Ziel</span> genauer ins Auge, so erweist es sich
-als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben,
-sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern,
-sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft
-Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters,
-wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen
-Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth
-zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht
-minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er
-wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob
-auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele
-nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung
-unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer
-blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich
-einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen:
-allzuähnlich einander,&mdash;allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also
-sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen
-einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung
-auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist
-deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten,
-aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser
-Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.«
-(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich
-fand immer nur die <span class="gesperrt">Affen</span> ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)</p>
-
-<p>Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt
-der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches
-Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang
-des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer
-hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und
-auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung
-der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am
-Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben,
-damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der
-Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es
-schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,&mdash;alle
-erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um
-sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.</p>
-
-<p>So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik
-auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,&mdash;in
-dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln
-eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 =
-Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der
-That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen
-voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart
-werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und
-wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss,
-kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht;
-das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den
-Untergehenden, der zermalmt werden muss,&mdash;es bedeutet: Euch adelt die
-Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler
-zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines
-nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst
-ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten
-Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man
-hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen
-Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche
-Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des
-Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der
-Zukunftsschöpfer, »&mdash;zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein
-inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
-Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
-Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
-Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
-stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)</p>
-
-<p>Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den
-Lehren Nietzsches,&mdash;vor der Frage: Wie denn die Entstehung des
-Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn
-Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung
-dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches
-Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden,
-gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine
-Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische
-Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für
-sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit
-damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller
-wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische
-Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem
-<span class="gesperrt">Leiden am eignen Selbst</span> wird. Aus der Qual eines solchen Leidens
-heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem
-<span class="gesperrt">eignen Gegensatz</span> erwachsen,&mdash;die Sehnsucht des Starken, Unmässigen,
-Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der
-Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten
-Reinheit,&mdash;die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben
-besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich,
-dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz
-durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So
-erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten
-Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der
-sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen <span class="gesperrt">schon in der
-Vorstellung</span> austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser
-schnellen Ausschweifung folgt,&mdash;er erhebt sich nunmehr »über sich«,
-wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit
-dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines
-eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen
-Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für
-eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das
-eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen
-Uebermaasses bewahre,&mdash;dass es sie nicht schwäche, zügele, massige,
-»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen.
-Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen
-es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in
-sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner
-Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der
-Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines,
-sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen
-Wesens, &mdash;aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da
-keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander
-nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit
-bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund
-zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren
-gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der
-menschlichen Triebe,&mdash;auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine
-leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche <span class="gesperrt">Maske</span>,
-der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich
-gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf
-erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass
-es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln:
-der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber
-eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu
-einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen
-hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung
-zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten
-zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am
-grundsätzlichsten in seine Theorien auf,&mdash;aber nur in den äussersten
-Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel
-zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich,
-um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man
-kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse
-verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie
-tief&mdash;tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen
-Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.</p>
-
-<p>Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der
-von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe
-als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im
-vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine <span class="gesperrt">Fähigkeit</span>
-zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine
-Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.</p>
-
-<p>Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung
-glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche,
-Farbenspiel ... werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«;
-(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden,
-der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und
-die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und
-gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,&mdash;die Kunst, sich vor
-sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige
-niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der
-Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche
-angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem
-Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert,
-seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich
-entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als
-Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung
-bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von
-Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug,
-hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit
-nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches
-Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein
-<span class="gesperrt">Kunstwerk</span> ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt:
-»... man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen,
-als ihren <span class="gesperrt">höchsten</span> Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das
-künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen
-und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits
-von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht
-Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu
-diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das
-<span class="gesperrt">Kunstwerk des Menschen</span>. Und wollen wir uns davon ein Bild machen,
-so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in
-seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte,
-wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der
-Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen,
-welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden
-sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das
-Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken
-gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt
-werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das
-Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich
-selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung
-ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der
-griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die
-apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen
-Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so
-verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild
-des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol
-im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner
-Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des
-Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.</p>
-
-<p>So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in
-die Aesthetik überfliesst,&mdash;in eine Art von religiöser Aesthetik,&mdash;und
-dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des
-Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen
-muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer
-phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer
-und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade
-dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die
-Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen
-vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er
-von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem&mdash;Unvermögen,
-als von seiner reichen Kraft.... eine ungeheure Lüsternheit nach
-dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er
-seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.«
-(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung
-des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen
-Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung,
-auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,&mdash;als ein <span class="gesperrt">ästhetisches
-Phänomen</span> denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des
-Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine
-geschaute und nachgelebte <span class="gesperrt">Vision</span> hervortreibt. »... von Niemandem
-will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst
-es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen,
-»aber gerade dem Helden ist das <span class="gesperrt">Schöne</span> aller Dinge Schwerstes.
-Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.... Diess nämlich
-ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat,
-naht ihr, im <span class="gesperrt">Traume</span>,&mdash;der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach
-Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann:&mdash;ein
-Schatten kam zu mir&mdash;aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam&mdash;zu
-mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn
-»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«&mdash;»Was wäre denn schön, wenn
-nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre,
-wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin
-hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis
-zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht
-er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund
-aus hässlichen. »Ein <span class="gesperrt">Hass</span> springt da hervor:... Er hasst da
-aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist
-Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,&mdash;es ist der tiefste Hass, den
-es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst <span class="gesperrt">tief</span>....« (Götzen-Dämmerung
-IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die
-grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des
-schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins
-ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang
-weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur
-»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich
-seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft
-bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand
-der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen
-Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl
-der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die
-Dinge ab, man <span class="gesperrt">zwingt</span> sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt
-sie,&mdash;man heisst diesen Vorgang <span class="gesperrt">Idealisiren</span>.« (Götzen-Dämmerung IX
-8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle:
-was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,
-überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,
-bis sie seine Macht wiederspiegeln,... Dies Verwandeln-<span class="gesperrt">müssen</span> in's
-Vollkommne ist&mdash;Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)</p>
-
-<p>Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter,
-indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein
-ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem
-Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die
-Menschen und Dinge zu <span class="gesperrt">vergöttlichen</span>, sie ins Gotthafte aufzulösen,
-um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche
-nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen
-angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das
-grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat
-des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,&mdash;zum ersten
-Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach
-Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung
-Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle
-in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon
-bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus
-dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch,
-er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen
-täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein
-ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt
-aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in
-einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,&mdash;im Sinn eines religiösen
-Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum
-ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das
-Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern
-Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden
-ist, es enthalte in dichterischer Form eine <span class="gesperrt">Popularisirung</span> dessen,
-was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In
-Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke;
-denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie
-gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie
-hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem
-mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das
-tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der
-Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man
-den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und
-religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde
-liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem
-Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,&mdash;aus dem Sehnen,
-seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben,
-den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und
-Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott
-oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen
-Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die
-Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten«
-anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm
-gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen
-der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra
-keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf
-sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »&mdash;was sagte dir einst
-Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?&mdash;Aber auch Zarathustra
-ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches
-Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich
-als Sein und Wesen zu geben,&mdash;ja, dass alle höchste Wahrheit in der
-<span class="gesperrt">Scheinwirkung</span>, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner
-mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden,
-sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts
-Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von
-Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler
-ernst,&mdash;sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)</p>
-
-<p>Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen
-Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass
-es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten
-nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte
-Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«,
-der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu
-überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht
-vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine
-Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend
-eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber
-spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken
-abliest: »&mdash;warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern&mdash;als
-zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu:
-»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
-Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! <span class="gesperrt">Vielleicht betrog er
-euch</span>.... Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines
-Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!«
-(I 111.)</p>
-
-<p>Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und
-Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht
-wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm <span class="gesperrt">religiös</span> eine Wahrheit
-zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und
-hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich
-selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu
-entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in
-dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt
-unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive
-Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und
-ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die
-wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu
-malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die
-Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen
-Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang
-hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich
-selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen
-Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf
-der einen&mdash;der menschlichen&mdash;Seite in demselben Maasse vertieft
-werden, als auf der anderen&mdash;der übermenschlichen&mdash;das Licht heller
-hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer
-Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen
-der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten
-Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen
-Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich
-derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der <span class="gesperrt">christlich-asketischen
-Gottschöpfung</span> gemacht hat: es sei in ihr des Menschen <span class="gesperrt">Wille</span> gewesen,
-»ein Ideal aufzurichten..., um angesichts desselben seiner
-absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies
-Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen
-düsteren entnervenden Traurigkeit.... Hier ist <span class="gesperrt">Krankheit</span>,
-es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im
-Menschen gewüthet hat:&mdash;und wer es noch zu hören vermag ... wie in
-dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei <span class="gesperrt">Liebe</span>, der Schrei des
-sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe geklungen hat,
-der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im
-Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II
-22.)</p>
-
-<p>Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des
-Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime
-Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten
-die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip
-gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht
-geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft
-und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,&mdash;und
-so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten
-Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische
-Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere
-als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem
-tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift
-Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder
-seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das
-ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den
-metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges
-an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten
-Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus.
-Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und
-wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer
-Lebenskräfte heraus zu <span class="gesperrt">schaffen</span>, ist die psychische Voraussetzung
-die gerade <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span>: das Schöne soll das Willensleben im
-Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und
-zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische
-Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung
-von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist
-daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche
-gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das
-Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt,
-ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als
-eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch
-das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider
-Anschauungen: beide gehen durch das <span class="gesperrt">Tragische</span> in das Selige ihrer
-Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«<a name="FNAnker_7_33" id="FNAnker_7_33"></a><a href="#Fussnote_7_33" class="fnanchor">[7]</a>
-hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des
-Lebens. Das Leben, als »das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«,
-fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den
-Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem
-solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher
-Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen,
-der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem
-er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer
-Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der
-»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der
-»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des
-tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der
-dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die
-für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille
-hergestellt wurde,&mdash;jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens
-selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus
-das Lichte und Göttliche zu gestalten.<a name="FNAnker_8_34" id="FNAnker_8_34"></a><a href="#Fussnote_8_34" class="fnanchor">[8]</a> Ursprünglich war er ihm ein
-Zeugniss für die&mdash;in Schopenhauerischem Sinne&mdash;tief pessimistische
-Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich
-als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als
-der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass
-genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der
-triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:... in
-den dionysischen Mysterien ... spricht sich die <span class="gesperrt">Grundthatsache</span>
-des hellenischen Instinkts aus&mdash;sein »Wille zum Leben«. <span class="gesperrt">Was</span> verbürgte
-sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das <span class="gesperrt">ewige</span> Leben, die ewige
-Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und
-geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;...
-In der Mysterienlehre ist der <span class="gesperrt">Schmerz</span> heilig
-gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,...
-Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille
-zum Leben sich ewig selbst bejaht, <span class="gesperrt">muss</span> es auch ewig die »Qual der
-Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:....«
-(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX
-22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene
-schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische,
-denn in ihr zeugt der Künstler aus dem <span class="gesperrt">Furchtbaren das Schöne</span>. »<span class="gesperrt">Was
-theilt der tragische Künstler von sich mit</span>? Ist es nicht gerade der
-Zustand <span class="gesperrt">ohne</span> Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er
-zeigt?... Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem
-mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das
-Grauen erweckt&mdash;dieser <span class="gesperrt">siegreiche</span> Zustand ist es, den der tragische
-Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das
-Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist,
-wer Leid aufsucht, der <span class="gesperrt">heroische</span> Mensch preist mit der Tragödie sein
-Dasein,&mdash;ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten
-Grausamkeit.&mdash;« (IX 24.)</p>
-
-<p>»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und
-Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans
-wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des <span class="gesperrt">tragischen</span> Gefühls,...
-Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten
-Problemen; der Wille zum Leben, im <span class="gesperrt">Opfer</span>seiner höchsten Typen der
-eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend&mdash;<span class="gesperrt">das</span> nannte ich dionysisch,
-<span class="gesperrt">das</span> errieth ich als die Brücke zur Psychologie des <span class="gesperrt"><span class="gesperrt">tragischen</span></span>
-Dichters. <span class="gesperrt">Nicht</span> um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,...: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust
-des Werdens <span class="gesperrt">selbst zu sein</span>,&mdash;jene Lust, die auch noch die <span class="gesperrt">Lust am
-Vernichten</span> in sich schliesst....« (X 5.)</p>
-
-<p>Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten
-Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner
-Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und
-der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,&mdash;seine Lehre von
-der <span class="gesperrt">ewigen Wiederkunft aller Dinge</span>. So sehr Nietzsches System
-»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte,
-ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens,
-denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts
-anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt
-und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen
-Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl
-sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament,
-als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der
-er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist,
-und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle
-findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen
-verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und
-Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den
-Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf
-des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im
-vorletzten Aphorismus des Buches »<span class="gesperrt">Das grösste Schwergewicht</span>«, als
-eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts,
-ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:
-»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch
-einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues
-daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und
-Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir
-wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge&mdash;und ebenso diese
-Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser
-Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer
-wieder umgedreht&mdash;und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«&mdash;Würdest du
-dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon
-verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren
-Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott
-und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt
-bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht
-zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal
-und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf
-deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben
-gut werden, um nach nichts <span class="gesperrt">mehr zu verlangen</span>, als nach dieser letzten
-ewigen Bestätigung und Besiegelung?&mdash;«</p>
-
-<p>Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor&mdash;fast deutlicher und
-unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es
-nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und
-erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen
-Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz
-unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle
-hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der
-ernsten Schlussbetrachtung »<span class="gesperrt">Incipit tragoedia</span>« nicht merkt,&mdash;»so
-heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt <span class="gesperrt">uns</span> überhört!«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er
-denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste
-unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch
-am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat
-der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist
-Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.</p>
-
-<p>Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit
-einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen«
-wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als
-unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen.
-Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein
-Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm
-unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen
-Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der
-That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr
-für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der
-Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche
-nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen
-qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche
-Maske.</p>
-
-<p>Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich
-ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu
-wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung
-des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren
-Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,&mdash;einen Widerspruch,
-der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung
-seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt
-diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit
-knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der
-Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft
-giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«</p>
-
-<p>Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der
-Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner
-eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen
-letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen
-lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik
-zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte,
-während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der
-Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle
-unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den
-»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett.
-Heftiger Anfall. <span class="gesperrt">Ich verachte das Leben</span>. F. N.« So lautete einer der
-Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und
-dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach
-Vollendung jener Composition schrieb:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>»Meine liebe Lou,</p>
-
-<p>Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens
-<span class="gesperrt">bedarf</span> ich etwas des Wohlthuenden!</p>
-
-<p>Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik
-zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei&mdash;Sie werden
-Ihre Nebengedanken dabei haben. <span class="gesperrt">Es kostet mich immerfort
-noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich
-habe viel vor mir, auf mir</span>, hinter mir;...</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Vorwärts</span> ... <span class="gesperrt">und aufwärts</span>!...«</p></blockquote>
-
-<p>Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch
-keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte
-die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie
-weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten
-eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus
-Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es
-möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine
-wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es,
-wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre
-ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren
-absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges,
-als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.</p>
-
-<p>Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten
-Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem
-Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber
-wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein
-oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche
-Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen
-Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der
-verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig
-beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe
-seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal
-befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon
-entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt
-sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an,
-wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es
-entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in
-dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar
-wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer
-unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit
-werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung
-an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als
-endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere
-Eingebung&mdash;seine eigene persönliche Eingebung.</p>
-
-<p>Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und
-des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden
-Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt
-uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die
-Entstehungsursache seiner Theorien. Eine <span class="gesperrt">neue tiefere Bedeutsamkeit
-der Dinge</span>, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten
-Problemen&mdash;dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als
-Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die
-Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre
-mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar
-zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der
-Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem
-Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,&mdash;ja er ertrug
-sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und
-zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem <span class="gesperrt">Sinn</span>, nach dem tiefsten
-Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man
-sein <span class="gesperrt">warum</span>? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem <span class="gesperrt">wie</span>?«
-sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als
-die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen
-Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.</p>
-
-<p>So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual
-einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an
-ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,&mdash;und er begehrte dies so
-inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen
-Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine
-schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.</p>
-
-<p>Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens
-eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass
-und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen
-Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche
-scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere
-Voraussetzung für ihn bilden.</p>
-
-<p>In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das
-Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der
-Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels,
-um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und
-Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu,
-dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen
-könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss
-sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung
-dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als
-zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese
-Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender
-Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige
-Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das
-sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen
-durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess
-nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch
-eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über
-das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später,
-als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und
-unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm
-jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den
-Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab,
-ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins
-Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren
-verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete
-Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer
-Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches.
-Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das
-in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt,
-gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben
-zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten
-That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss
-und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn,
-dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die
-thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.</p>
-
-<p>So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus
-seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik
-zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste
-steigert,&mdash;dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und
-Lebensschmerz als ein <span class="gesperrt">Sprungbrett</span> zu benutzen, von dem er sich in die
-Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.</p>
-
-<p>In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet,
-eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben
-eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende
-Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem
-Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend
-gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer
-aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen
-zu können;&mdash;damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine
-Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird
-in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem
-schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue
-Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.</p>
-
-<p>In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie
-das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung
-des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung
-und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen
-Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder
-verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist
-von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht <span class="gesperrt">Befreiung</span> von dem
-Wiederkunftszwange, sondern freudige <span class="gesperrt">Bekehrung zu ihm</span> ist das Ziel
-des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära
-der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen
-ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen
-Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der
-Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der
-Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen
-liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet
-worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch
-betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken
-und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte.
-Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der
-Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten
-Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten <span class="gesperrt">Accent</span>,
-den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des
-Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir
-»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur
-durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns
-mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir
-uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen
-selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die
-<span class="gesperrt">auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe</span> ist deshalb das
-einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die <span class="gesperrt">bis zum Rausch
-entfesselte Lebens-Exaltation</span> nimmt die Stelle ein der religiösen
-<span class="gesperrt">Erhebung</span>, ja, eines Gottes-Kultus.</p>
-
-<p>Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue
-Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und
-Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer
-räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus
-in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen
-Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt
-dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie;
-wer wirklich einmal ... in die weltverneinendste aller möglichen
-Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat..., der hat
-vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen
-für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten,
-lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem,
-was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es,
-<span class="gesperrt">so wie es war und ist</span>, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus,
-<span class="gesperrt">unersättlich da capo</span> rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
-Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
-Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat&mdash;und nöthig macht:
-weil er immer wieder sich nöthig hat&mdash;und nöthig macht.... Wie? Und
-dies wäre nicht&mdash;circulus vitiosus deus?«</p>
-
-<p>In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der
-Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus
-hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie
-ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.</p>
-
-<p>Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen
-mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene
-Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,&mdash;und andererseits
-wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen,
-Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es
-zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem
-einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie
-aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen:
-eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der
-ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine
-Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d.
-h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem
-schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt
-sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um
-den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als
-solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende
-und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das
-heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als
-ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum
-wird Alles&mdash;wie? vielleicht zur »Welt«?&mdash;« (das heisst: durch die
-vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur
-er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch
-dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die
-Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen
-äussert).</p>
-
-<p>Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches
-Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in
-ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des
-Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie,
-und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein
-Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir
-haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu
-einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie,
-das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in
-Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart
-zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und
-als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund
-der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen
-Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein
-<span class="gesperrt">unendlicher</span>, sondern ein sich in seiner Begrenzung <span class="gesperrt">stetig
-wiederholender</span> ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren,
-in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein
-solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die <span class="gesperrt">Richtung</span>
-auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,&mdash;nur so wird diese
-letztere zu mehr als einer Hypothese,&mdash;wird sie zu einer <span class="gesperrt">That</span>.
-Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und
-zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen
-vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und
-Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie
-in beseligende Erlösung umzusetzen.<a name="FNAnker_9_35" id="FNAnker_9_35"></a><a href="#Fussnote_9_35" class="fnanchor">[9]</a> Streift aber Nietzsche je
-einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt
-er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:&mdash;Aber was
-rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu
-schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein
-freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,&mdash;was
-allein <span class="gesperrt">Zarathustra</span> freisteht, <span class="gesperrt">Zarathustra</span> dem <span class="gesperrt">Gottlosen</span> ...« (Zur
-Genealogie der Moral II 25.)</p>
-
-<p>Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches
-Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als
-Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten
-wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen
-und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen
-Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände
-und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche
-sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu
-bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das,
-nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit
-aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,&mdash;für den
-fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit
-der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich
-zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform
-geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem
-übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden
-und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die
-Welt erlösen sollte:&mdash;»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das
-neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der
-Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)</p>
-
-<p>Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches,
-sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die
-Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch,
-mit dem <span class="gesperrt">Menschheitssinn</span> selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«,
-der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche
-Nietzsche-Erscheinung überragt,&mdash;er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus
-ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines
-Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen
-fernsten Ursprüngen an,... daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu
-Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben
-von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen
-erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch
-meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)</p>
-
-<p>So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein
-Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder
-von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies
-für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen
-Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und
-bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium
-steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein,
-mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte
-ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus
-verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen
-erhebt!«</p>
-
-<p>War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem
-Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er
-sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk
-»<span class="gesperrt">Der Wille zur Macht</span>« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt
-geschaffen gedacht haben,&mdash;d. h. von einem Ewigen und Freien,
-dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er
-ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin
-Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist
-Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen:
-»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
-meinen <span class="gesperrt">Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste</span>.&mdash;«
-Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des
-Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits
-frei schaffend über demselben.</p>
-
-<p>So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer
-Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich
-doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das
-Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als
-des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat
-gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens
-hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich
-in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später,
-aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch
-seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um
-schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt
-zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei
-Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit
-und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue,
-aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende
-ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der
-thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit.
-Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht,
-braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten
-Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und
-die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in
-sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt
-er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in
-positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers
-Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an
-das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des
-gesammten historischen Gewordenseins ... ein Streben nach Genialität
-der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte
-Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die
-nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34)
-den Aphorismus <span class="gesperrt">Historia abscondita</span>: »Jeder grosse Mensch hat eine
-rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die
-Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus
-ihren Schlupfwinkeln&mdash;hinein in <span class="gesperrt">seine</span> Sonne.« Ferner (337): »... wer die Geschichte der Menschen insgesammt als <span class="gesperrt">eigene</span> <span class="gesperrt">Geschichte</span>
-zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung
-allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der
-an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt
-wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend
-der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und
-den Verlust des Freundes brachte&mdash;; aber diese ungeheure Summe von
-?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein,
-der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein
-Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor
-sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen
-Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten
-Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen
-noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen,
-Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der
-Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl
-zusammendrängen:&mdash;diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der
-Mensch noch nicht kannte,&mdash;eines Gottes Glück voller Macht und Liebe,
-voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am
-Abend, fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt
-und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt,
-wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses
-göttliche Gefühl hiesse dann&mdash;Menschlichkeit!«</p>
-
-<p>Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem
-Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des
-historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt
-im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung
-hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in
-»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft
-des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das
-vergangenen Zuständen angehört: »Alle <span class="gesperrt">stärkeren</span> Stimmungen bringen
-ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie
-wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der
-individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig
-auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der
-Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,&mdash;denn der Einzelne ist ein
-Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch
-fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54)
-Bezug genommen, in dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Das Bewusstsein vom Scheine</span>«: »Wie
-wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich
-mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für
-mich <span class="gesperrt">entdeckt</span>, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte
-Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet,
-fortliebt, forthasst, fortschliesst,&mdash;ich bin plötzlich mitten in
-diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume
-und dass ich weiterträumen <span class="gesperrt">muss</span>, um nicht zu Grunde zu gehen: wie
-der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was
-ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines
-Wesens,&mdash;was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben
-nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske,
-die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte!
-Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in
-seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein
-und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,&mdash;dass unter allen
-diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass
-der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu
-ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die
-erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das
-höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und
-die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben
-damit <span class="gesperrt">die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten</span>.«</p>
-
-<p>Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu
-seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer
-Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem
-Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und
-Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes
-gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung,
-dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer
-schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke
-später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten
-Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in
-tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf
-Schläge verkündet:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Eins</span>!<br />
-Oh Mensch! gieb Acht!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwei</span>!<br />
-Was spricht die tiefe Mitternacht?<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Drei</span>!<br />
-»Ich schlief, ich schlief&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Vier</span>!<br />
-»Aus tiefem Traum bin ich erwacht:&mdash;<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Fünf</span>!<br />
-»Die Welt ist tief,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sechs</span>!<br />
-»Und tiefer als der Tag gedacht.<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sieben</span>!<br />
-»Tief ist ihr Weh&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Acht</span>!<br />
-»Lust&mdash;tiefer noch als Herzeleid:<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Neun</span>!<br />
-»Weh spricht: Vergeh!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zehn</span>!<br />
-»Doch alle Lust will Ewigkeit&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Elf</span>!<br />
-»&mdash;will tiefe, tiefe Ewigkeit!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwölf</span>!<br />
-</p>
-
-<p>Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum
-starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an
-die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen
-Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im
-<span class="gesperrt">Lebenserlöschen</span>, in der <span class="gesperrt">Lebenssteigerung</span> zu suchen sei. Aber wie
-sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems
-einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass,
-nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser
-extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich
-nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung
-vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist
-schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den
-übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben
-hat;&mdash;es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht
-werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller
-Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen,
-als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit
-denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.<a name="FNAnker_10_36" id="FNAnker_10_36"></a><a href="#Fussnote_10_36" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von
-Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines
-Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der
-That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss
-oder Analogon,&mdash;denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen
-des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen
-zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets
-eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten
-Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt
-seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also
-sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst
-1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit
-sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden
-glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und
-förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit
-diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte
-Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an
-verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen.
-(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »<span class="gesperrt">Traum und
-Kultur</span>« und 113 »<span class="gesperrt">Logik der Traumes</span>«.) Dort meint er noch, dass
-die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der
-Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der
-im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an
-die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch
-heute die Wilden, <span class="gesperrt">auch im Wachen</span> so verfahren habe, wie wir jetzt
-im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr
-von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen
-<span class="gesperrt">Reproducirung</span> eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der
-»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum
-schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im
-Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten
-Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass
-im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,&mdash;den anderen, dass das
-Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion
-zu vergleichen sei,&mdash;aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der
-Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen
-Lebens sei,&mdash;das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum,
-dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben.
-Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von
-allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle,
-Unergründliche des Lebens-Untergrundes,&mdash;nicht nur der gewesenen
-Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch
-sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht
-aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren
-Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer
-Dionysos-Zustände,... ja, <span class="gesperrt">der Wahnsinn selbst</span>, als ein Zurücksinken
-in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien
-ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener
-Menschheitsschichten.</p>
-
-<p>Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer
-möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin
-gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung
-ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf:
-»Nur wer schreckt&mdash;führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die
-folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines
-die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius
-erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren
-des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der
-Menschheit Vorgeschichte wieder: ...; sein Gedächtniss <span class="gesperrt">greift
-einmal weit genug rückwärts</span>, während sein civilisirter Zustand sich
-aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen
-jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster
-Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, <span class="gesperrt">versteht
-die Menschen nicht</span>.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein
-solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im
-»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft
-geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung
-ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der
-Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »... wenn&mdash;trotzdem
-neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer
-wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften
-Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen
-Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches
-und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn
-sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und
-Unberechenbares...? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger
-Unfreiwilligkeit trug, ..., das den Wahnsinnigen dergestalt
-als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?...
-Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen
-Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend
-einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb,
-<span class="gesperrt">wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren</span>, Nichts übrig, als sich
-wahnsinnig zu machen oder zu stellen.... »Wie macht man sich
-wahnsinnig, wenn man es nicht ist...?« diesem entsetzlichen
-Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren
-Civilisation nachgehangen;... Wer wagt es, einen Blick in die
-Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in
-welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten
-geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören:
-»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich
-endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche
-Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie
-kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten,
-lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich
-bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe
-das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen
-Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der
-Verworfenste von Allen....« (Morgenröthe 14.)</p>
-
-<p>Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich
-auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt
-werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später
-Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging
-aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden,
-von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des
-Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle
-ein Neues und Herrliches <span class="gesperrt">schaffen</span>. Aber da dieses Geschaffene
-ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit
-seiner eigenen Zuversicht,&mdash;an sich war es ja gar nicht vorhanden.
-Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen
-sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank;
-unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden
-Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen
-Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem
-auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang
-zufallen,&mdash;für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung;
-mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu
-seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,&mdash;für diesen war es nur der
-Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in
-sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung«
-(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung
-von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem
-Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits
-von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als
-Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor
-den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn
-in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen
-Glanz: »Sollte nicht erst der <span class="gesperrt">Gegensatz</span> die rechte Verkleidung sein,
-in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und
-Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei
-Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske.
-Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen,
-während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt,
-das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins
-Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Hier ist
-die Aussicht frei</span>« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung,
-dass es Grösse der Seele sein könne, »<span class="gesperrt">dem Unwürdigsten</span>« ohne
-Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein
-Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit;
-ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«</p>
-
-<p>So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte
-Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das
-Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste.
-Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer
-selbstvernichtenden <span class="gesperrt">That</span>, durch welche, in persönlichem Handeln
-und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich
-verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre
-in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt
-gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben
-zurückverwandelt,&mdash;entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen
-in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II
-35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich,
-anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer
-Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen,
-so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die
-<span class="gesperrt">rein menschliche Lebenstragödie</span>. Zarathustras erlösende Weltthat
-ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der
-Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis
-erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches
-Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer
-aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer
-solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst
-du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund&mdash;das ist jetzt in Eins
-beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen
-Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich
-Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar
-verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die
-Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.</p>
-
-<p>»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich&mdash;hörte
-nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
-Ach, abgründlicher Gedanke, der du <span class="gesperrt">mein</span> Gedanke bist! Wann finde
-ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis
-zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein
-Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch
-wagte ich niemals, dich <span class="gesperrt">herauf</span> zü rufen: genug schon, dass ich dich
-mit mir&mdash;trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden
-Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die
-Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst
-befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,&mdash;das lachende
-selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht,
-weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:</p>
-
-<p>»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
-weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss.
-Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.
-Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem&mdash;, nie hörte ich
-solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es
-ohne Stimme zu mir: »<span class="gesperrt">Du weisst es, Zarathustra</span>?«&mdash;Und ich schrie
-vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem
-Gesichte:... Da geschah
-ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss
-und das Herz aufschlitzte!... Und wieder lachte es und
-floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich
-aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern....« Also sprach Zarathustra II 97 ff.</p>
-
-<p>Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:</p>
-
-<p>»Eines Morgens, ..., sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie
-ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als <span class="gesperrt">ob
-noch Einer</span><a name="FNAnker_11_37" id="FNAnker_11_37"></a><a href="#Fussnote_11_37" class="fnanchor">[11]</a> auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle....
-Zarathustra aber redete diese Worte:</p>
-
-<p>Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
-Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
-schon wach krähen!</p>
-
-<p>Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
-Auf! Auf! Hier ist Donners genug, <span class="gesperrt">dass auch Gräber horchen lernen</span>!<a name="FNAnker_12_38" id="FNAnker_12_38"></a><a href="#Fussnote_12_38" class="fnanchor">[12]</a></p>
-
-<p>Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
-mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
-Blindgeborne.</p>
-
-<p>Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist
-das <span class="gesperrt">meine</span> Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie
-heisse&mdash;weiterschlafen!<a name="FNAnker_13_39" id="FNAnker_13_39"></a><a href="#Fussnote_13_39" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p>Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln&mdash;reden
-sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!</p>
-
-<p>Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher
-des Leidens, der Fürsprecher des Kreises&mdash;dich rufe ich, meinen
-abgründlichsten Gedanken!</p>
-
-<p>Heil mir! Du kommst&mdash;ich höre dich! Mein Abgrund <span class="gesperrt">redet</span>, meine letzte
-Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!</p>
-
-<p>Heil mir! Heran! Gieb die Hand ... ha! lass! Haha!... Ekel, Ekel,
-Ekel ... wehe mir!«</p>
-
-<p>Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als
-eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen
-Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn
-den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch
-die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und
-Sinn ist,&mdash;die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft
-hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung
-einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du
-geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise
-mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals
-und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung
-überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben,
-das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das
-eigne Wissen,&mdash;wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess:
-gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,&mdash;wusstet ihr
-das schon? <span class="gesperrt">Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen
-soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute</span>,&mdash;wusstet
-ihr das schon?«</p>
-
-<p>So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an
-deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in
-die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,&mdash;nicht hineinklettern lässt es
-sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir
-nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, <span class="gesperrt">noch auf deinen
-eigenen Kopf zu steigen</span>: wie wolltest du anders aufwärts steigen?...
-Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun
-und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,&mdash;hinan,
-hinauf, bis du auch deine Sterne noch <span class="gesperrt">unter</span> dir hast!« (Also sprach
-Zarathustra III 2 f.)</p>
-
-<p>Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen
-nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche
-Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt
-und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden,
-umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine
-Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken,
-die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes
-Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur <span class="gesperrt">können</span>
-wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen,
-welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir <span class="gesperrt">sollen</span> ihm auch
-nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die
-völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten
-seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns
-zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang
-aber leuchten uns die Worte entgegen:&mdash;nun ist deine letzte Zuflucht
-worden, was bisher deine <span class="gesperrt">letzte Gefahr</span> hiess! das muss nun dein
-bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!... hier
-soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den
-Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach
-Zarathustra III 2.)</p>
-
-<p>Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns
-unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen
-her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach,
-ich begann meine einsamste Wanderung!... Eben begann meine letzte
-Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese
-schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch
-muss ich nun <span class="gesperrt">hinab</span> steigen!... tiefer hinab in den Schmerz als
-ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es
-mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.</p>
-
-<p>Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
-dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein
-geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. <span class="gesperrt">Aus dem Tiefsten muss das
-Höchste zu seiner Höhe kommen</span>.&mdash;« (III 2 ff.)</p>
-
-<p>So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des
-Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge
-stehe ich : <span class="gesperrt">darum</span> muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg«
-(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren
-vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und
-Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um
-Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem
-Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm
-treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein,
-gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich
-denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn
-mich einst meine Klugheit verlässt:... möge mein Stolz dann noch mit
-meiner Thorheit fliegen!</p>
-
-<p>&mdash;Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)</p>
-
-<p>So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang
-und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.</p>
-
-<p>Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr
-eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der
-es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und
-Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise
-durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu
-finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der
-Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt
-(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen
-ist,&mdash;wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim
-Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? <span class="gesperrt">In jedem
-Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand</span>.«
-In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis.
-Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem
-ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher
-bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen <span class="gesperrt">glaubenheischenden</span>
-Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere
-Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die
-Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt
-und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt.
-Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner
-pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches
-hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng
-individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem
-eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit
-sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die
-je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,&mdash;bis er den Verstand
-selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab,
-<span class="gesperrt">absetzt</span> und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem
-Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch
-eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in
-dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er
-seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....<br />
-<br />
-Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,<br />
-Das Fest der Feste:<br />
-Freund <span class="gesperrt">Zarathustra</span> kam, der Gast der Gäste!<br />
-Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,<br />
-Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss....<br />
-</p>
-
-<p>wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem
-wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.</p>
-
-<p>Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein,
-diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem
-Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die
-Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger
-Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des
-Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie.
-Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben
-und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und
-dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von
-mystischer Bedeutung untergelegt,&mdash;gerade so wie der Schöpfer-Philosoph
-dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich
-selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle
-vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet.
-»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch,
-also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner
-Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder
-rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen
-Zukunft zu trennen.</p>
-
-<p>Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte
-auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er
-den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder
-von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien
-ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere
-angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit,
-dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst
-und dessen Sinn festgehalten werde,&mdash;aber deshalb dürfen sie nunmehr
-auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden
-sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen
-er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so
-häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick
-und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten
-seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit
-seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen
-entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er
-seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein
-individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt,
-dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern
-Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als
-unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte
-dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in
-cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut
-und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu
-Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals
-ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der
-im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr
-nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles
-um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche
-jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die
-er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und
-Gewollten, eine <span class="gesperrt">Summirung</span> des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit
-dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim&mdash;mein
-eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut
-unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)</p>
-
-<p>Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren
-Ueberzeugungen; er <span class="gesperrt">wollte</span> vergessen, wie oft sie die Richtung seines
-Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das
-Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die
-»<span class="gesperrt">Moral für Häuserbauer</span>«, so dachte er und ignorirte, dass es für
-seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist
-also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen
-Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die
-abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran
-glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können.
-Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz
-besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie
-an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,&mdash;Wagner gegenüber in
-der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem
-interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und
-wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem
-Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem
-Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges
-Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.</p>
-
-<p>Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig
-und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom
-September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von
-»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren
-Schriften seien »<span class="gesperrt">zurückzudatiren</span>«, sie redeten <span class="gesperrt">nur</span> von dem,
-was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits <span class="gesperrt">überwunden</span>, was bereits
-<span class="gesperrt">hinter</span> ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden,
-habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die
-vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer
-Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen
-ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen
-Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die
-nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen
-Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam
-mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort
-anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten
-Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass
-man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere
-Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den
-vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine
-Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und
-verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener
-Maske nur <span class="gesperrt">sich selbst</span>, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze
-zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche
-Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung
-nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,&mdash;das vermochte nur
-der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich
-geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche
-nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und
-Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der,
-wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer
-zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber
-durchzusetzen.</p>
-
-<p>Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »<span class="gesperrt">Umwerthung
-aller Werthe</span>« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht
-worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig,
-abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede
-vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer
-Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte
-heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster
-Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie
-geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter
-Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist,
-in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen
-seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon
-stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen«
-und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden
-Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich
-mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch
-abfindet,&mdash;und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein
-Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt
-und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie
-fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig
-verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde
-Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die
-Erwartung des Kommenden mischt.<a name="FNAnker_14_40" id="FNAnker_14_40"></a><a href="#Fussnote_14_40" class="fnanchor">[14]</a> In dieser Erschütterung sehen wir
-ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung
-hinübergleiten.</p>
-
-<p>Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885
-entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung,
-der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus
-seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und
-da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten
-Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht
-das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den
-Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen
-verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen
-Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag,
-dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen
-Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte,
-dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit
-für immer zu rechtfertigen,&mdash;und dass er als ihren höchsten Gedanken
-die <span class="gesperrt">ewige Wiederkunft</span> des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen
-wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken
-ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite
-das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten
-Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen
-nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst
-du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt
-Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher
-als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7).
-Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
-mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also
-sprach Zarathustra IV 87.)</p>
-
-<p>Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied
-er&mdash;lachenden Mundes, »rosenumkränzt«&mdash;das Leben entschuldigend,
-rechtfertigend, verklärend&mdash;. In dionysischen Dithyramben klang sein
-Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein
-Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch
-Zarathustra.</p>
-
-<p>Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst:
-schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft
-200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens
-froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als
-ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch
-Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber,
-durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag,
-psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als
-mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn
-und Werth seiner Werke.</p>
-
-<p>Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen
-entgegen: das Gelächter eines Irrenden&mdash;und das Lächeln des
-Ueberwinders.</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_27" id="Fussnote_1_27"></a><a href="#FNAnker_1_27"><span class="label">[1]</span></a> Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den
-Werken seiner vorhergehenden Periode:
-</p>
-<p>
-»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten«
-Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese
-dem Bedürfniss verdankt werden.... man hat nur den inneren
-Wunsch, dass es so sein möge,&mdash;also dass das Beseligende auch das
-Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
-einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon
-<span class="gesperrt">verleiten lassen</span> oder nicht,&mdash;das bestimmte damals für ihn geradezu
-die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir ... Feinheit und Genie,
-wenn der Mensch ... schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei
-sich duldet, wenn <span class="gesperrt">das Verlangen nach Gewissheit</span> ihm nicht als die
-innerste Begierde und tiefste Noth gilt,&mdash;als Das, was die höheren
-Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft
-2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen <span class="gesperrt">der
-wahren Grösse</span> des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen
-Genialität, »das <span class="gesperrt">reine, reinmachende Auge</span>, das nicht aus ihrem
-Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst
-von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine
-Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes&mdash;ihre
-»Vernünftigkeit«&mdash;als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend
-fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens
-beleidigt oder beschämt wurden,...: so wäre die Menschheit längst
-zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als
-ihre grösste Gefahr der ausbrechende <span class="gesperrt">Irrsinn</span>&mdash;das heisst eben das
-Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in
-der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande.
-Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des
-Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines
-Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste
-Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander
-übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen....
-schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube)
- ... verlangt,... macht Künstler und Dichter zu
-Ueberläufern:&mdash;diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine
-förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches
-Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte
-sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und
-Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich
-von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des
-Geistreichen, Hinreissenden, <span class="gesperrt">Belebenden, Kräftigenden</span> machen.« Gleich
-ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber
-einen <span class="gesperrt">Kraftzuwachs</span> zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche
-Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten
-Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird
-überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und
-bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität
-zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen
-unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn
-der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,&mdash;wenn es sich
-auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 635.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_28" id="Fussnote_2_28"></a><a href="#FNAnker_2_28"><span class="label">[2]</span></a> Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I
-147 Nietzsches Protest gegen »<span class="gesperrt">die Kunst als Todtenbeschwörerin</span>«,
-weil sie die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen
-beeinflussen will. »Sie flicht, ..., ein Band um verschiedene
-Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein
-Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch
-wirkt dasselbe schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und
-»Todtenbeschwörer« dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle
-Menschen«, denn sie »schätzen ein Stück Vergangenheit von dem
-Augenblick an höher, von dem an sie es nachzuempfinden vermögen«.
-(Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so meinte er, dem Gefühlsüberschwang
-möglichst entgegenwirken, der uns in verschiedenster Art von aller
-vergangenen Kultur allmählich überkommen ist; sich darin gehen lassen,
-käme einer Annäherung an Wahnsinn und Krankheit gleich: »... die
-ganze Last unsrer Kultur ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung
-der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die
-kultivirten Klassen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind
-und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn
-nahe gerückt ist.... dennoch macht sich eine <span class="gesperrt">Verminderung</span> jener
-Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Kultur-Last nöthig,...
-wir müssen den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher
-kälter und skeptischer macht....« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der höheren Kultur
-nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf
-diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse am Wahren
-hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die
-Phantastik erkämpfen sich ... ihren ehemals behaupteten Boden: der
-Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist die nächste
-Folge.« (I 251.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_29" id="Fussnote_3_29"></a><a href="#FNAnker_3_29"><span class="label">[3]</span></a> Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die
-demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte
-Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)&mdash;Unmöglichkeit fürderhin, dass die
-Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen
-Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen
-Barbaren, gegen Seuchen, gegen <span class="gesperrt">leibliche und geistige Verknechtung</span>!«
-(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »... die wildesten
-Kräfte brechen Bahn,... damit später eine mildere Gesittung hier
-ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien&mdash;Das, was man das Böse
-nennt&mdash;sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I
-246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren
-Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es ... keiner
-Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen
-Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später
-ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und
-Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die
-Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der..., gegen abweichende
-Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer
-früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn
-die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und
-zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein
-<span class="gesperrt">zurückgebliebener</span> Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an
-Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, <span class="gesperrt">alles Wachsende und Werdende
-liebevoll empfindet</span>,&mdash;kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen,
-beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,&mdash;das ist
-ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen
-entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die
-rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der
-andere lebt auf deren <span class="gesperrt">höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von
-dem wilden Thier</span>, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der
-Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_30" id="Fussnote_4_30"></a><a href="#FNAnker_4_30"><span class="label">[4]</span></a> So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237):
-»Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven
-Gewalten, welchen man die <span class="gesperrt">moderne Kultur</span> verdankt: also <span class="gesperrt">Befreiung
-des Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den
-Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft</span>.«
-</p>
-<p>
-Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und
-Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »...
-Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen
-jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte
-Cäsaren-Schauder oder der ... Genie Schauder;... so dass er zu
-schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt....
-In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn
-wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach
-allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch
-im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth
-von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich,
-bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem
-Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's
-erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich
-und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der
-Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen
-modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in
-einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und
-Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.«
-</p>
-<p>
-In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des
-Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition
-zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit«
-dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_31" id="Fussnote_5_31"></a><a href="#FNAnker_5_31"><span class="label">[5]</span></a> Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen
-Charakters lese man in der <span class="gesperrt">Morgenröthe</span> (205) seinen Aphorismus
-»<span class="gesperrt">Vom Volke Israel</span>«: »... Wohin soll auch diese Fülle angesammelter
-grosser Eindrücke, ..., diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden,
-Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,&mdash;wohin soll
-sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen
-und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene
-Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen
-Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen
-vermögen&mdash;,... dann wird jener siebente Tag wieder einmal da
-sein, an dem der alte Judengott sich..., seiner Schöpfung und
-seines auserwählten Volkes <span class="gesperrt">freuen</span> darf,&mdash;und wir Alle, Alle wollen
-uns mit ihm freun!«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_32" id="Fussnote_6_32"></a><a href="#FNAnker_6_32"><span class="label">[6]</span></a> Für diesen Zustand einer freien Auslebung der
-Individualität hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man
-das Hohe Lied modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten
-Worte gefunden. Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden
-Aussprüche gelten:
-</p>
-<p>
-»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
-Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
-</p>
-<p>
-Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
-Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!... Bleibt mir der
-Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!... Lasst sie
-nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände
-schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
-</p>
-<p>
-Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück&mdash;ja,
-zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
-Menschen-Sinn!...
-</p>
-<p>
-Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
-Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
-unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.)
-</p>
-<p>
-... »Willst du den Weg zu dir selber suchen?...
-</p>
-<p>
-... So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!...
-</p>
-<p>
-Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
-nicht, dass du einem Joche entronnen bist....
-</p>
-<p>
-Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
-künden: frei wozu?
-</p>
-<p>
-Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
-über dich aufhängen wie ein Gesetz?...« (I 87 f.)
-</p>
-<p>
-»... Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde
-ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.)
-</p>
-<p>
-»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.)
-</p>
-<p>
-»&mdash;von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe
-zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand
-ich's.« (III 14.)
-</p>
-<p>
-»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
-hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle:«....
-</p>
-<p>
-Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
-Menschen-Satzung und Nothdurft:...
-</p>
-<p>
-Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
-ich ihn,&mdash;nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«&mdash;
-</p>
-<p>
-Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
-du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
-</p>
-<p>
-Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden
-sie deine Tugenden und Freudenschaften.
-</p>
-<p>
-Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
-Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
-</p>
-<p>
-Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
-Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_33" id="Fussnote_7_33"></a><a href="#FNAnker_7_33"><span class="label">[7]</span></a> Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des
-Dinges an sich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_34" id="Fussnote_8_34"></a><a href="#FNAnker_8_34"><span class="label">[8]</span></a> Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen
-Culte darin sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren
-Leidenschaften befreit wurden, indem »man den Taumel und die
-Ausgelassenheit ihrer Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden
-toll, den Rachsüchtigen rachetrunken machte:&mdash;alle orgiastischen Culte
-wollen die ferocia einer Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie
-machen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fühle«.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_35" id="Fussnote_9_35"></a><a href="#FNAnker_9_35"><span class="label">[9]</span></a> Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung
-der ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom
-Gesicht und Räthsel«.
-</p>
-<p>
-»Siehe diesen Thorweg!...: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege
-kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
-</p>
-<p>
-Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
-hinaus&mdash;das ist eine andre Ewigkeit.
-</p>
-<p>
-Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
-Kopf:&mdash;und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
-Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.«
-</p>
-<p>
-Aber wer Einen von ihnen weiter gienge&mdash;und immer weiter und immer
-ferner: glaubst du,&mdash;dass diese Wege sich ewig widersprechen?«...
-</p>
-<p>
-Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse
-gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon
-einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
-</p>
-<p>
-Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du&mdash;von diesem
-Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon&mdash;dagewesen sein?
-</p>
-<p>
-Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
-Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? <span class="gesperrt">Also</span>&mdash;sich selber
-noch?
-</p>
-<p>
-Denn, was laufen <span class="gesperrt">kann</span> von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
-<span class="gesperrt">hinaus</span>&mdash;<span class="gesperrt">muss</span> es einmal noch laufen!&mdash;
-</p>
-<p>
-Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
-Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von
-ewigen Dingen flüsternd&mdash;müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
-</p>
-<p>
-&mdash;und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,
-in dieser langen schaurigen Gasse&mdash;müssen wir nicht ewig wiederkommen?&mdash;
-</p>
-<p>
-Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
-eignen Gedanken und Hintergedanken....
-</p>
-<p>
-Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen
-Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine
-Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen.
-</p>
-<p>
-»Meine Hand riss die Schlange und riss:&mdash;umsonst! sie riss die Schlange
-nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den
-Kopf ab! Beiss zu!«&mdash;so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
-Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem
-Schrei aus mir....
-</p>
-<p>
-&mdash;Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
-Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange&mdash;: und sprang empor.&mdash;
-</p>
-<p>
-Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,&mdash;ein Verwandelter, ein
-Umleuchteter, welcher <span class="gesperrt">lachte</span>! Niemals noch auf Erden lachte je ein
-Mensch, wie ei lachte!
-</p>
-<p>
-Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen
-war,... und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer
-stille wird.«
-</p>
-<p>
-Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von
-der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst:
-indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen
-zu ihrem Herrn macht&mdash;zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden
-Uebermenschen:
-</p>
-<p>
-»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
-doch das Gesicht des Einsamsten!
-</p>
-<p>
-Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:&mdash;<span class="gesperrt">was</span> sah ich damals im
-Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?«
-</p>
-<p>
-Vgl. (III 96): »... wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und
-mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_36" id="Fussnote_10_36"></a><a href="#FNAnker_10_36"><span class="label">[10]</span></a> Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten
-wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend
-beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster
-Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis
-seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte.
-Es ist das vortreffliche Buch von <span class="gesperrt">Paul Deussen</span> »<span class="gesperrt">Das System des
-Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare
-des Çankara über dieselben</span>.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der
-Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt,
-ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist
-unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss
-dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung
-des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten,
-allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung,
-dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem
-seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt
-einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man
-die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in
-ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur
-Erklärung an den Rand zu schreiben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_37" id="Fussnote_11_37"></a><a href="#FNAnker_11_37"><span class="label">[11]</span></a> Nietzsche&mdash;Zarathustra.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_38" id="Fussnote_12_38"></a><a href="#FNAnker_12_38"><span class="label">[12]</span></a> Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_39" id="Fussnote_13_39"></a><a href="#FNAnker_13_39"><span class="label">[13]</span></a> Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen
-Erkennen des Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen
-vermag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_40" id="Fussnote_14_40"></a><a href="#FNAnker_14_40"><span class="label">[14]</span></a> Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in
-den um dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten
-Theile von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«.
-Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.):
-</p>
-<p>
-Jetzt&mdash;einsam<br />
-mit dir,<br />
-<span class="gesperrt">zwiesam im eignen Wissen</span>,<br />
-<span class="gesperrt">zwischen hundert Spiegeln</span><br />
-<span class="gesperrt">vor dir selber falsch</span>,<br />
-<span class="gesperrt">zwischen hundert Erinnerungen</span><br />
-<span class="gesperrt">ungewiss</span>,<br />
-an jeder Wunde müd,<br />
-an jedem Froste kalt,<br />
-in eignen Stricken gewürgt,<br />
-<span class="gesperrt">Selbstkenner!</span><br />
-<span class="gesperrt">Selbsthenker!</span><br />
-</p>
-<p>
-Ein Kranker nun,<br />
-der an Schlangengift krank ist;<br />
-ein Gefangner nun,<br />
-der das härteste Loos zog:<br />
-im eignen Schachte<br />
-gebückt arbeitend,<br />
-<span class="gesperrt">in dich selber eingehöhlt</span>,<br />
-<span class="gesperrt">dich selber an grabend</span>,<br />
-<span class="gesperrt">unbehülflich</span>,<br />
-<span class="gesperrt">steif</span>,<br />
-<span class="gesperrt">ein Leichnam</span>&mdash;,<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Lauernd,<br />
-kauernd,<br />
-Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!<br />
-<span class="gesperrt">Du verwächst mir noch mit deinem Grabe</span>,<br />
-<span class="gesperrt">verwachsener Geist!</span>...<br />
-</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h4><a name="DIE_BRIEFE" id="DIE_BRIEFE">Die Briefe von Manuscript</a></h4>
-<hr class="r5" />
-
-<p style="font-weight: bold;"><a id="Erster_Briefe"></a>Erster Briefe</p>
-
-
-<p>An Lou von Salome</p>
-
-<p>[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]</p>
-
-<p>Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen
-Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus
-dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne
-Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen
-Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot&mdash;aber die Person dahinter
-ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«&mdash;Zum
-Beispiel Plato.</p>
-
-<p>Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie
-ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in
-seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker
-ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser
-ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu
-gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame
-Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen
-und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie;
-vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?&mdash;
-Aber über mein Leben ist schon verfügt.&mdash;</p>
-
-<p>Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen
-Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr
-»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen&mdash;er will es durchaus haben, und es ist
-nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten
-Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das
-wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt
-gelangten&mdash;andre Wege vorbehalten.&mdash;</p>
-
-<p>Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist,
-wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen
-Wissenschaft« ein&mdash;[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten
-Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?&mdash;Aber Pilatus sagt: »Was ist
-Wahrheit!«&mdash;</p>
-
-<p>Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft
-mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte.
-Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres,
-zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und
-dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht
-irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein.
-Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter
-in Tränen und Klopfen des Herzens.&mdash;Wenn Sie aber dies lesen, werden
-Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner
-selber« machen.&mdash;</p>
-
-<p>Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2.
-Oktober? Adieu,</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p style="font-weight: bold;"><a name="Zweiter_Briefe" id="Zweiter_Briefe">Zweiter Briefe</a></p>
-
-
-<p>An Lou von Salome: 16-07-1882.</p>
-
-<p>Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend
-über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an
-Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.</p>
-
-<p>Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu
-müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte,
-dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum
-Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich
-möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in
-Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in
-Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt&mdash;es war eine ganze lange
-Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.</p>
-
-<p>Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem
-schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde
-Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu
-gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches
-Allzumenschliches« ein&mdash;und damit war Alles klar, aber auch Alles zu
-Ende.</p>
-
-<p>Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des
-Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit
-meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie
-neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!&mdash;Wie oft habe ich
-über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden
-damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft
-in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte
-mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir
-nicht erträglich.)</p>
-
-<p>Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug
-auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!«
-Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für
-Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p style="font-weight: bold;"><a name="Dritter_Briefe" id="Dritter_Briefe">Dritter Briefe</a></p>
-
-
-<p>Tautenburg bei Dornburg Thüringen.</p>
-
-<p>3. Juli 1882</p>
-
-<p>Meine liebe Freundin,</p>
-
-<p>Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir
-zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste
-Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können&mdash;meine Schwester
-sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der
-»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte
-Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6
-Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre!
-Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse!
-Und gegen Alles das, gleichsam gegen <span class="gesperrt">Tod und</span> Leben, habe ich mir
-diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen
-kleinen Streifen <span class="gesperrt">unbewölkten Himmels</span> über sich:&mdash;oh liebe Freundin,
-so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und
-weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das
-Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein
-vollständiger&mdash;denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich
-weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich
-sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!&mdash;Aber
-von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein
-und brauche mich nicht zu fürchten.&mdash;</p>
-
-<p>Was den <span class="gesperrt">Winter</span> betrifft, so habe ich <span class="gesperrt">ernstlich</span> und <span class="gesperrt">ausschließlich</span>
-an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig
-von den meinigen, es giebt dabei <span class="gesperrt">keine</span> Nebengedanken. Der Süden
-Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam
-sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an <span class="gesperrt">diesem</span> Pensum habe
-ich fast Alles noch zu lernen!&mdash;</p>
-
-<p>Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird <span class="gesperrt">Alles</span> gut, wie Sie es
-gesagt haben.</p>
-
-<p>Unserem Rée das Herzlichste!</p>
-
-<p>Ganz <span class="gesperrt">Ihr</span> F.N.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<div>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
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@@ -1,7822 +0,0 @@
-The Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken
-
-Author: Lou Andreas-Salomé
-
-Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
-
-
-
-
-Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
-
-
-
-
-FRIEDRICH NIETZSCHE
-
-IN SEINEN
-
-WERKEN
-
-VON
-
-LOU ANDREAS-SALOMÉ.
-
-MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.
-
-
-ZWEITE AUFLAGE.
-
-
-MOTTO:
-
-
-NIETZSCHES WAHLSPRUCH:
-
-»Increscunt animi, virescit volnere virtus.--«
- Furius Antias bei Gellius.
-
-
-VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN
-
-(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.
-
-
-
-
-Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem
-inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch
-mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in
-unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.
-
-Lou Andreas-Salomé.
-
-
-
-
-IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET
-
-EINEM UNGENANNTEN
-
-
-
-
-INHALTS-VERZEICHNISS.
-
-
-
-Sein Wesen
-
-Seine Wandlungen
-
-Das »System Nietzsche«
-
-
-[Illustration]
-
-
-Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.
-
-
-
-
-I. ABSCHNITT
-
-SEIN WESEN.
-
-
-
-MOTTO:
-
-»Der Mensch mag sich noch so
-weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,
-sich selber noch so objectiv Vorkommen:
-zuletzt trägt er doch Nichts davon,
-als seine eigene Biographie.«
-
-(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)
-
-
-
-»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen
-wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas
-zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber
-sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner
-Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden
-Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist
-es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit
-an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die
-sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für
-sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein
-eignes Selbst in Gedanken umsetzte.
-
- * * * * *
-
-Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem
-vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:
-
-
- »Ich kenne mancher Menschen Sinn
- Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!
- Mein Auge ist mir viel zu nah--
- Ich bin nicht, was ich seh und sah.
- Ich wollte mir schon besser nützen,
- Könnt' ich mir selber ferner sitzen.
- Zwar nicht so ferne wie mein Feind!
- Zu fern sitzt schon der nächste Freund--
- Doch zwischen dem und mir die Mitte!
- Errathet ihr, um was ich bitte?«
-
- (Scherz, List und Rache 25.)
-
-
-
-Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch
-den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse
-für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und
-inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz
-besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen
-überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer
-Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den
-Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was
-jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres
-Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits
-von Gut und Böse 6.)
-
-Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden
-Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den
-ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit
-enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und
-einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das
-eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe
-der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander
-folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus
-ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.[1] Es
-handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von
-Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine
-Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem
-Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der
-rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein
-persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt
-werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten
-sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen
-wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen
-vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner
-Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht
-in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch
-begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen
-Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit
-redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,
-aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches
-äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der
-würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher
-der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er
-nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein
-so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund,
-und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen,
-aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen
-bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein
-Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu
-zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung für
-Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie.
-
-Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend
-ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind,
-theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so
-ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu
-unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner
-Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand,
-zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite
-Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren,
-welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem
-Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und
-Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von
-Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand.
-Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen
-Lärm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen
-und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht
-übersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch
-tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn
-zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit,
-doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der
-Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur
-Lob--« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm
-wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit
-und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat
-diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen
-Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem
-ungeheuren Wahn zusammenbrach.
-
-Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten
-preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren
-Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel
-gehoben,--ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf
-den Lippen:
-
-
- »Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen,
- aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die
- ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine
- Gedanken.«
-
-
-_Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der
-einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo
-sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung
-empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student
-der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der
-berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich
-unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm
-im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt
-Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er
-1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen
-lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut
-gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität
-Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen
-Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche
-erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche
-Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig
-verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen
-Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen
-in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,--einer
-Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,--an welcher noch
-andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob
-Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen
-Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an
-sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu
-voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer
-habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten
-Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz
-Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den
-beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach
-Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler
-Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss
-seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner
-einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später
-seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach
-Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als
-freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten
-drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch
-wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will
-man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken,
-so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben
-erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank,
-dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab
-verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem
-Tode nahe war.
-
-»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich
-gequält,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine
-Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem
-Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre
-zugebracht hat.
-
-Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von
-Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom
-war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin
-der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners)
-zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon
-damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem
-kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger
-brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf
-starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine
-Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium
-und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem
-führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in
-Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner
-Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.
-
-Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam
-beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt:
-so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen
-haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich
-entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und
-Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit
-der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher
-zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache
-in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt
-umfassen:
-
-Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel;
-diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig
-zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und
-mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik
-Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in
-welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung
-Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches,
-Allzumenschliches« übersandte.
-
-Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul
-Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der
-Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke
-Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.
-
-Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre
-lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser
-Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich
-zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als
-ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt,
-sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene
-Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm
-angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch
-seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.
-
-Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur
-und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum
-ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als
-Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von
-Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.
-
-Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche
-inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die
-Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere,
-am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher
-der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten
-Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb,
-was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene,
-die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke
-Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen
-Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner
-überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit
-den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar
-konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen
-Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart
-fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose
-Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei
-er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer
-diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das
-Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön
-und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen,
-waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie
-seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in
-»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine
-unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden,
-wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten
---als ob die Hand kein Verräther wäre!--.«[3]
-
-Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen
-sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen
-vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer
-eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick
-streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz
-besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere
-Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres
-zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit über die
-nächsten Gegenstände hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere
-wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung
-nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten
-Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits
-von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er
-sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu
-Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen
-und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach
-die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen
-Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er
-mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen
-erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank.
-
-Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte
-auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser
-Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen,
-wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im
-Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an
-der _Verkleidung_,--Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes
-Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten
-Male sprach,--es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche
-zu Rom,--während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm
-mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem
-Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der
-aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr
-bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst
-hat: »Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lässt, kann man
-fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken?
-Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht
-die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«
-
-Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher
-Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich
-stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.
-
-In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein
-zum Schein,--zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe
-nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche
-zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als
-Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst
-eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches
-II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich
-theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter
-der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie
-entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber
-noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er
-»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter
-seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet
-eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von
-den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut
-und Böse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhüllen.
-
-In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche
-in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es,
-welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt.
-»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht
-eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine
-Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).
-
-»Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole
-Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- --« »Zur Erholung? Zur
-Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich
-bitte-- --« »Was? Was? sprich es aus!--»Eine Maske mehr! Eine zweite
-Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).
-
-Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als
-seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf
-sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen
-Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner
-Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein
-immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein
-Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die
-Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist
-tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren,
-nicht an Maskirung denken lässt--: und doch nimmt er sie gerade
-ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid
-und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu
-der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt:
-»--bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu
-gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),--und endlich bis zu
-einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz
-in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner
-letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit
-versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns
-nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken
-und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem
-geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt:
-»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus
-Sils-Maria.)
-
-Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen
-Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns
-anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trägt
-er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich,
-wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es
-drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein
-seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde
-schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)
-
-»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer
-deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand,
-in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele
-Opfer dafür bringen können.«
-
-Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie
-möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein _körperliches
-Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr
-mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu
-Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.
-
-Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszüge
-in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt,
-je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes
-wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich _gegebenes
-Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine
-_gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein
-physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit,
-reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so
-unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie
-einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er
-einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus
-Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass
-Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während bei
-mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehören und nicht, wie bei Ihnen,
-zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«
-
-Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten
-Aphorismen über den _Werth des Leidens für die Erkenntniss_.
-
-Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des
-Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge
-solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch
-wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig
-eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der
-vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen
-und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer
-wieder auch dem Geiste neu werden,--»_neu schmecken_« nennt er es
-einmal höchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch für das
-Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der
-Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil _eine Nacht_
-es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm
-zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um
-ihn,--und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.
-
-Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen
-Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle,
-so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger
-hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes
-betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des
-Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner
-natürlichen Grösse entgegenwächst,-- nicht den Wandlungen des
-_Wachsthums_: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast
-rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes
-nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an
-Gedanken und einem Genesen an Gedanken_.
-
-Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus
-dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue
-Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat
-er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da
-ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein
-unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen
-Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt.
-»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche
-im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine
-Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen,
-reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist
-fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht
-umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8)
-geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber
-eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses
-Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte
-Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es
-am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber
-ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne
-Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt
-zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das
-schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss
-nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also
-sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,--
--- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre
-Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen
-des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist,
-List, Grösse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden,
-unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von
-Gut und Böse 225.)
-
-Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig
-hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben
-in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen
-und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus
-dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben
-müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu
-höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber
-nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss
-verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier
-gehört,--wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,--»das
-Leiden zur Sache«.
-
-Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren
-Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand
-einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten
-Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als
-des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des
-»Einzelnen« ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend
-welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet
-viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »_Selbsterduldung«_.Betrachtet
-man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann
-liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es
-verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn
-Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker
-braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der
-Wanderer und sein Schatten 249.)
-
-Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste
-Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder
-heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom
-Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme!
-brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist,
-und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von
-Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf
-den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten
-Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich
-nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,--weil es mich nicht
-halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer
-Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst
-sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe
-hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)[5]
-
-Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der
-Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für
-die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied
-von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst
-bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen
-Sieg verwundet und gehemmt.«
-
-Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben,
-nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der
-_Ueberzeugungstreue_[6] ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen
-nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten
-(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass
-wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der
-Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten
-aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen
-Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten
-Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug
-gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind
-nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch
-Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht
-als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese
-Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger
-Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue
-Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets
-gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche
-Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der Geist ist es, der uns
-rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.-- --Vom Feuer
-erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung
-zu Meinung,-- --als _edle Verräther_ aller Dinge.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 637.) »--wir _müssen_ Verräther werden,
-Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich
-selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in
-dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte
-er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art
-seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in
-Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich
-allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Gräber sind, gibt es
-Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra;« (II 46)--Er, zu dem das
-Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das,
-was sich immer selber überwinden muss« (II 49).[7]
-
-Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht,
-wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können
-wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade
-hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts
-anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser
-wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung
-seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als
-solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre
-eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so
-verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild
-zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen
-Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht.
-Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo
-Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet
-wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in
-einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und
-der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen
-nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller
-Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und
-sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein
-Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein
-geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit
-seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in
-eingehenden Gesprächen darüber.
-
-Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche,
-deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander
-stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und
-Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe
-verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande
-der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen
-Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein
-Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier
-die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren
-Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben
-in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle
-leben würden;--die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in
-eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine
-Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen
-her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann,
-die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher
-Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den
-zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht--die
-Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den
-tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich
-feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der
-Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit einer Selbstbehauptung als_
-Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt
-wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner
-späteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit
-eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden
-und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des
-_Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit
-riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: »Unsere Mängel
-sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, II 86).
-
-»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten
-Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich
-füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb,
-und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen
-scheinen:
-
-»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen
-Allentwicklung,--ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther!
-Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9]
-
-Weiter: »Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel
-erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt.
-Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«
-
-Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich
-böse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_.« Das Wort
-»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des
-landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen
-werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine
-solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer
-Menschenseele,--dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten«
-nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege
-einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes
-bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen
-da: Innenkrieg = Décadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit
-zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es
-sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.
-
-Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die
-heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des
-_handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den
-Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.
-
-Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte,
-der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen
-Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester
-zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen.
-Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt,
-enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist
-ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts
-erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner
-Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem
-Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was
-ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht
-entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.
-
-Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen
-Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält,
-lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter
-das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der
-Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie
-betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine
-Zwecke,--für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben
-ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft
-seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen
-unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst
-freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber
-ist es ihm:
-
-
- »Scharf und milde, grob und fein,
- Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,
- Der Narren und Weisen Stelldichein:
- Dies Alles bin ich, will ich sein,
- Taube zugleich, Schlange und Schwein!«
-
- (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)
-
-
-Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott,
-Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen,
-denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder-
-und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die
-geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --«.
-(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche
-»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die
-_umfänglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
-schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im
-weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am
-süssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge
-ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --.« (Also
-sprach Zarathustra III 82.)
-
-Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn«
-(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu
-entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn
-man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit
-zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass
-man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine
-Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das
-Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und
-Rache 33):
-
-
- »Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!
- Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,
- Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,
- In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.
- Von ferne her mich endlich heimzulocken,
- Mich selber zu mir selber--zu verführen.«
-
-
-Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den
-Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene;
-denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem
-Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von
-den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner
-eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und
-Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte
-vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht
-es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem
-Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der beständig
-ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;
-der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von
-_seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen_ getroffen wird.« (Jenseits
-von Gut und Böse 292.)
-
-Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern
-ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die
-Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
-hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde--) ihr Spiel
-getrieben haben mögen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne
-von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und
-als berechtigten _Herrn_ aller übrigen Triebe darstellen möchte.
-Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und _als solcher_ versucht er zu
-philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).
-
-Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes
-Zeugniss dafür ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung
-die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind«
-(ebendaselbst).
-
-Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine
-Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine
-rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen
-Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von
-ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen.
-Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit
-gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber
-sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern
-und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie
-werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen
-und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer
-Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg
-zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines
-sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.
-
-Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr
-bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und
-Tiefe seiner Natur ausdrückt,--die Lust, die daraus entspringt, dass
-er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche
-Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg
-gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in
-meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz
-hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht
-gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht
-aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können?
-sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«
-
-Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249)
-der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des
-Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine
-Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches
-durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit
-_seinen_ Händen greifen möchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch
-zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt
-gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in
-hundert Wesen wiedergeboren würde!«
-
-Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der
-unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug:
-»Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,--
--- -- -- so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe
-169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert,
-sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man
-muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären
-zu können«,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die
-zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten
-Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem
-Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und
-sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet
-sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist
-gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«
-
-Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger,
-also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich
-gleichsam in ihr verbrennen lässt,--alle ihre Neigungen als Brennstoff
-in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht,
-wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches
-Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen
-Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich
-auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt,
-innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man
-kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen
-sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt,
-bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich
-in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und
-Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen
-werden.
-
-Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen
-hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter,
-so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,«
-sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist sein
-typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder
-aufrichtete, über sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in
-sich selbst überschlug und zu Grunde ging.
-
-Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen
-Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag
-auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung
-verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte
-vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss,
-müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen
-Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit
-grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was
-Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu
-beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_
-für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für
-ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf
-solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er
-am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen:
-alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige
-Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem
-Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach
-erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der
-Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung
-geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich
-selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu
-ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten
-Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht,
-kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward
-ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47),
-und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«[10] (Also sprach
-Zarathustra II 2). »_Sich Schmerzen machen_. Rücksichtslosigkeit des
-Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung,
-welche Betäubung begehrt.« Menschliches, Allzumenschliches I 581.
-
-Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende,
-welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug
-für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich
-gegenseitig,--beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche
-_Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.
-
-Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten
-Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die
-Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten
-Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel
-aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_
-der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich
-alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit
-wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig
-wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit _umfasst_,
-so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das
-gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt:
-der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst
-wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen
-Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie
-hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt,
-eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe
-der Trennung erweckt den _Schein_, als läge das Ziel aller Regungen
-_ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte
-begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und
-ihrem Zwiespalt zu entlaufen.
-
-Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von
-Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen
-Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick,
-zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das
-Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung
-erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem
-der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_,
-die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des
-Gedankens beständig _lockern_. So durchdringt thatsächlich die Spaltung
-des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.
-
-Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende
-Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen
-lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein,
-wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen
-und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen
-Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des
-Gesunden und Pathologischen in ihm.
-
-Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei
-einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen
-die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermöglicht,
-zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu
-einem _höhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst
-sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religiösen Exaltation_
-nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das
-heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen
-wähnt, bringt er _an sich selbst einen religiösen Affect_ zum Ausbruch.
-
-Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer
-und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden
-gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit,
-in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn
-sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den
-Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die
-Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn
-instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck
-seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das
-heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich
-selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende
-Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten:
-nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste
-Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu
-einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »_Dividuum_«.
-Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln
-der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der
-Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch
-mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen
-religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss
-hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_
-und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und
-Wollust der eignen _Vergötterung_, leidvolles Siechen und siegende
-Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die
-enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen:
-man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs
-Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle,
-Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte,
-Zarteste,--das Drängen eines Willens, der sich«-- --von der Noth der
-Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze
-löst«,[11]--ein Chaos, das den Gott gebären möchte,--gebären _muss_.
-
-»Im Menschen ist _Geschöpf_ und _Schöpfer_ vereint: im Menschen
-ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos;
-aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte,
-Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut
-und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und
-unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem
-ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es
-Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet,
-»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und
-Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu
-bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut
-hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle...« (Genealogie der
-Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht
-in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung
-jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer
-Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des
-Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge,
-welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden
-zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um
-aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese
-letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine
-Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- --« Dieser Abschnitt,
-der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält,
-schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf
-im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt
-und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang
-an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen
-und zugleich des mitleidenden Gottes?«
-
-In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt
-einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen
-manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein
-so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass
-sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen
-Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst,
-dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni,
-aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein
-sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre
-Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen
-und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu
-vergöttern_.«--und 138: »-- --Eigentlich liegt ihm also nur an der
-Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu
-erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine
-Brust,«--und 142: »-- --er geisselt seine Selbstvergötterung mit
-Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre
-seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel
-dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er
-in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele
-durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im
-Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht
-jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen
-sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch
-Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver
-Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association
-von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre
-innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«
-
-In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache
-eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das
-Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen
-auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines
-Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging
-gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der
-»Emotion über den Tod Gottes«,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in
-das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle
-des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: »Also
-sprach Zarathustra«. _Die Möglichkeit, einen Ersatz[12] »für den
-verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_
-zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner
-Erkrankung. Es ist die Geschichte des »_religiösen Nachtriebes im
-Denker_«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach,
-auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden
-können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist
-schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und
-leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man
-lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in
-der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich
-will es Euch sagen! _Wir haben ihn getödtet_!--ihr und ich! Wir Alle
-sind seine Mörder!-- -- -- -- -- --Hören wir noch nichts vom Lärm der
-Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der
-göttlichen Verwesung?--auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt
-todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller
-Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist
-unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab?
-Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die
-Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern
-werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grössere
-That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That
-willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«-- --
-
-Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich
-Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten
-Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass
-der Uebermensch lebe!«--und sprach damit den innersten Seelengrund
-seiner Philosophie aus.
-
-Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung,
-und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern.
-Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die
-ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur
-höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in
-allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem
-Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen
-gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm,
-dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er
-dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem
-vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »_Wenn_ es Götter gäbe, wie
-hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese
-Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie
-lassen sich jene anderen anschliessen (55): »_Und Anbetung wird noch in
-Deiner Eitelkeit sein_!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen,
-die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und
-verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal
-Eins--das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)
-
-Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen
-sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal
-suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die
-Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine
-Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften
-Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand
-erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren:
-Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit
-des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen
-will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte
-sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung
-sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine
-Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt.
-Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst
-zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle
-werden muss--jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte
-Tiefe und in seinen Untergang.
-
-Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des
-zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und
-Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer
-brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen
-Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder
-auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen
-geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös
-veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist
-auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer
-Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen,
-was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten«
-schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung
-begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch
-der modernen Erkenntniss für sie abfallen. Dass sie sich nicht mit
-ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss
-preisgeben,-- gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen
-wie unermüdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und
-erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch,
-was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von
-gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der
-modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.
-
-Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_,
-auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken
-Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das
-Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein
-neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern
-das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse
-und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung
-in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich
-jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft
-und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das
-Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie
-sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung
-wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören,
-sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf
-beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das
-Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse
-bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich
-ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die
-wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren
-Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden.
-Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und
-Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt
-haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu
-gelangen.[13] Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte,
-um in ihm eine Fülle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulösen.
-Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches
-vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern
-befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.)
-Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger
-Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er
-ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig
-erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles
-zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige
-unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie
-eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt
-uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine
-Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein
-Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des
-echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer
-urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten
-118.)
-
-
-[1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten
-Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und
-bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der
-Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die »Freie
-Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel »Zum
-Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg.
-III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur 1892, October, »Ein
-Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal und Askese«.
-
-[2] Was das Leben--, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,-- wer von uns
-hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen
-waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir haben eben unser
-Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr!« (Zur Genealogie der
-Moral, Vorrede III.)
-
-[3] Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und
-feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren
-»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)
-
-[4] »Giebt es--eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse,
-Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit,
-aus der Ueberfülle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage für
-Irrenärzte--_Neurosen der Gesundheit_?« (Versuch einer Selbstkritik zur
-neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« IV u.
-IX.)
-
-[5] Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages erreichen
-wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange
-Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir
-an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«
-
-[6] Daher nennt er die Ueberzeugungen _Feinde der Wahrheit_:
-»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).
-
-[7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr
-haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er (Morgenröthe
-327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und Genuss an
-Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die höchsten und fernsten
-Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen
-übrig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich
-dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet
-es ihn am Ende nach der Hölle,--es ist die letzte Erkenntniss, die
-ihn _verführt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles
-Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die
-Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit
-einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie
-mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen
-keinen Bissen mehr zu reichen.«
-
-[8] »Die Instincte bekämpfen _müssen_--das ist die Formel für
-décadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glück gleich Instinct«,
-sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und
-unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.
-
-[9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders
-auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier sieht er
-noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--später
-hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war,
-sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum
-Harmonischen _umschuf_.
-
-[10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir-- -- --sind erst
-dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind.«
-
-[11] »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der »Geburt der
-Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.
-
-[12] Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38)
-über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des
-Menschen:
-
-
- »Der Fromme spricht:
- »Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«
- »Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.
- Und soll nicht lieben, was er schuf?
- Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?
- Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.
-
-
-
-[13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die
-verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben,
-lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen
-nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus
-unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten
-hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere
-philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden
-Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte
-der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende
-systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven
-Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit
-Vorbehalten bleiben muss.
-
-[14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das
-weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere denken
-anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als
-das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber
-milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht;
-und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des
-Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind
-die männlichen Mütter.--« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)
-
-
-
-
-II. ABSCHNITT
-
-
-SEINE WANDLUNGEN.
-
-
-MOTTO:
-
-
- »Die Schlange, welche sich nicht
- häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso
- die Geister, welche man verhindert,
- ihre Meinungen zu wechseln; sie hören
- auf, Geist zu sein.«
-
-(Morgenröthe 573)
-
-
-
-Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte,
-liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens
-seiner Knabenjahre.
-
-Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen
-Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als
-der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon
-von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner
-Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich
-besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich
-die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten
-religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle
-Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren
-Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen,
-die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der
-Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur,
-was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall
-fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt:
-weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den
-anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube
-aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr
-betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen
-Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen
-habe--»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all
-seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen
-Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu
-aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm
-ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch
-eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.
-
-Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer
-gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem
-Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches
-Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich
-selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe,
-Schmerzen und Erschütterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemüth
-sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil
-seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern
-abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_
-in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.
-
-»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
-selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in
-eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne
-Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun
-an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen
-Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt,
-sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.
-
-Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte
-Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird
-fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin läuft man
-alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,--was
-folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen?
-Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben?« Und der Hintergedanke,
-der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten
-Worten aus seinem Versteck:
-
-»_In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der
-Stillstand._«
-
-Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende
-Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart
-Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich,
-sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende,
-selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt,
-ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so
-weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch
-stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder
-zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen,
-inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt,
-und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und
-verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nähert,
-so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen
-Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach
-Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner
-letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen
-Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels
-in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und
-Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.
-
-Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral,
-Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit,
-»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott
-»zum _Vater_ des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er
-diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit
-philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem
-philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.
-
-Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in
-die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen
-wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein
-äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft.
-Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für
-den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte
-dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung
-seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk,
-sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale
-Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere
-Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart
-aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich
-der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem
-Psychologischen unterzuordnen.
-
-Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem
-steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und
-Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer
-Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis
-zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine
-zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch
-das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu
-jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten
-Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle
-Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und
-zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte,
-zur Fessel wurde.
-
-In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente
-ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das
-empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war
-es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft
-musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine
-tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein
-Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.
-
-Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum
-zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an
-zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der
-andern überleiten.
-
-Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen
-scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart
-sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte
-und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell
-künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher
-Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und
-Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das
-Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer
-Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu
-bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über
-das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig
-Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist
-ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den
-für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich
-aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und
-Böse 80)--könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird
-thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache,
-die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief
-verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen,
-und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier
-die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu
-berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten
-Verkleidung,--der nüchtern philologischen,-- in dieser äussersten
-geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.
-
-Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern
-Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und
-wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung
-der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung
-mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich
-erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete
-ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,--»über den Haufen geworfen
-werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein
-Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann
-schlägt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte,
-aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so
-maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,-- und, gleich
-einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab.
-Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen
-Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein
-intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar
-nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem
-Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach
-immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn
-vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss
-und Erschöpfung.
-
-Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine _Probleme_
-nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lösungen_, durch welche die
-Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die
-gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem
-_Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die
-Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher
-Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte,
-sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört,
-uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der
-endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das
-scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck
-bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte
-nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten,
-ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im
-Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen
-der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich
-jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner
-Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des
-Schadens, den er sich damit zufügte, froh!--ihm seine Probleme wieder
-herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen
-Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer
-Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten,
-was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im
-letzten Grunde _unaufklärbar_ für ihn bleiben, es muss der Energie
-aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen
-Räthseln aufreiben,--an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in
-der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker
-geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da
-erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da
-verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss:
-in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die
-einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.
-
-Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an
-diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung
-und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik
-hinabstürzt.--
-
-Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei
-Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später
-dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für
-Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die
-von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht
-verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später
-nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_
-erscheinen lässt,--oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten
-von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er
-einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem
-Blick des Erkennenden darstellen: »Das _Filigran_ der Dinge«.
-
-In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und
-Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der
-Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und
-Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von
-Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit
-seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick
-für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen,
-freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im
-Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt,
-um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft
-herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über
-seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem
-dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen
-Arbeit, zu der Arbeit über die Quellen des Diogenes Laertius.
-
-Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass,
-dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung
-zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken
-kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches
-I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung
-gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten
-Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend
-und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem
-Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine
-Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich
-vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch
-höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen
-Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr
-als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich
-da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er
-gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und
-höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen,
-dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter
-philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen
-Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung.
-Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen
-hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten
-wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten
-Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit
-des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)
-
-So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der
-späteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte
-vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie
-öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume,
-bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen
-bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht
-ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte:
-einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum
-ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen
-Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die
-dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem
-Werke weiter schuf.
-
-An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung
-seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel
-seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf
-dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das
-ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder
-einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen
-er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er
-seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer,
-ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren
-Formalismus.
-
-Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der
-Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine
-Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen
-Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben
-und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und
-erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen,
-glücklichen Zauberlandes«.
-
-Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler
-Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen,
-die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre
-später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben
-Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche
-indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des
-Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere
-philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem
-Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3]
-aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine
-culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer
-Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter
-den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie
-schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch
-Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich
-in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie
-einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung
-seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk
-aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von
-Bayreuth.
-
-Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung
-von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr,
-womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem
-er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae
-philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede
-philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer
-philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte
-als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche
-bestehen bleibt.«
-
-Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners
-machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des
-germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen
-wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als
-Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im
-Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins
-Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent,
-den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens
-und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am
-deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie«
-vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem
-Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«
-erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung
-auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur«
-zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen
-als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem
-versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen
-Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und
-Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste
-auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des
-Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen
-zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der
-Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt
-offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch
-die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende
-Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb,
-der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In
-ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen
-Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck,
-als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet
-weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen
-desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des
-durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem
-schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des
-Bildners.
-
-In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich
-bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen
-Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden
-Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk
-ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des
-Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch
-die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass
-sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als
-solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision,
-die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer
-Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer
-Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit
-denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der
-Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische
-Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil
-bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die
-apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische
-Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die
-Gottheit steckt.
-
-Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher
-Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken
-zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden
-und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie
-nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern
-gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische
-Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich
-überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser
-Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.
-
-Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist
-charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit
-seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der
-Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner
-ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem
-Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode
-wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der
-Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch
-gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen
-Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie
-zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten
-Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des
-Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene
-geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung
-und Selbstvergötterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in
-welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir
-immer wieder zurückkommen werden.
-
-Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen
-Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller
-Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates
-getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die
-Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die
-Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit
-in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre
-sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um
-sie zu zügeln,--»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
-Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das
-durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen
-und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat
-erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des
-theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig
-bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die
-gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht
-zum Eintritt _verweigert_« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch
-schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie
-durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein
-und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss
-erschlossen habe.
-
-In den Jahren 1873--1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn
-seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »_Unzeitgemässe
-Betrachtungen_«, vier kleinere Schriften,--bestimmt: »gegen die Zeit,
-und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden
-Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »_David
-Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_«, bestand in einer
-vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte
-und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen
-Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse
-ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »_Vom Nutzen und Nachtheil
-der Historie für das Leben_«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten
-Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich
-wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie
-bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst,
-im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen
-vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen
-und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen
-dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des
-Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient,
-wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber
-den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des
-Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig
-intact geblieben ist. »-- --die _plastische Kraft_ eines Menschen,
-eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich
-heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und
-einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene
-Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos
-fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen,
-nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit
-daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit
-schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz
-durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten
-Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden
-unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne
-im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.
-
-Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so
-viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen späteren Werken
-eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste
-Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung
-seines eignen Seelenzustandes;--wir können hier schon den seelischen
-Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die
-es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang
-überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,--
-Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben
-einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender
-Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen
-drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »--Auch soll--
--- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir
-jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und
-nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«[4] Was er in sich
-selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen
-Zeitalters,--und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr
-für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter
-aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher
-Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem
-kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am
-herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich
-Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne
-Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal
-gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den
-erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der
-moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen
-Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich
-im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht
-dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen
-verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und
-alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der
-vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung«
-nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).--Das andere Mal
-aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische
-Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch
-hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.
-
-Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und
-Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken
-sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und
-unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde
-unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten
-Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von
-ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen
-ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es
-handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse,
-nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige,
-sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse
-längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle
-entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen
-in uns leben.
-
-Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die
-von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die
-mit ihr geboren ist,--jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das
-Erbe aller Spätlinge ist, denn--Spätlinge sind Mischlinge.
-
-Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem
-Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung
-auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche
-die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum
-Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige
-kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar
-werden« (11),-- --»Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre
-ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.-- --Es ist wahr: erst
-dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend,
-zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst
-dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller,
-blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das
-Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder
-Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem,
-Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine
-Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und
-besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln
-die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der
-Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die
-mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen,
-dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde,
-an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles
-Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich
-hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche
-Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,
-der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu
-erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften,
-Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle
-drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr
-nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie
-an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen
-Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein
-Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde
-Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_,
-indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen
-Vorlebens,--wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt,
-an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:--
---»--er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung,
-das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet
-sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust,
-sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben,
-sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen,
-denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit
-diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und
-fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er
-wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um
-zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu
-bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein
-Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu
-bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst
-gefährlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate
-früherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht möglich sich ganz
-von dieser Kette zu lösen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu
-einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer
-Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen
-Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es
-ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu
-geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man
-stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt--
--- -- -- --einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch
-jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass
-jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).--Man kann
-diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei
-Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit
-der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht,
-darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als
-Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere
-positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber
-Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle
-drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird,
-die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und
-ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen
-Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen
-Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke
-Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist
-somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle
-des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu
-machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,--nicht
-von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling
-ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als
-Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den
-er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer
-von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit
-niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber
-immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre
-höchste Kraft sammelt und ausgibt.
-
-Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten
-Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten
-Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als
-Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis
-in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.
-
-Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung
-hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich
-alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner
-geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer
-Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn
-quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz
-von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber
-auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die
-Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem
-Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling
-neuer Cultur werden.[5]
-
-Zweien solcher »Unzeitgemässen«,--das ist Vorzeitgemässen und
-Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« geweiht: »_Schopenhauer als Erzieher_«, und »_Richard
-Wagner in Bayreuth_«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung
-aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis
-zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem
-Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur
-ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren
-eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den
-»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare
-der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen
-Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas
-in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der
-ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das
-darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten
-Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner
-mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen
-Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund
-eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in
-übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus
-der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg
-einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit
-einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat.
-Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der
-_positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch über Schopenhauers
-Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches
-Gegenbild zu der seinen bietet.
-
-Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der
-menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende
-Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und
-Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als
-Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet,
-sie: »--setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben
-zeitlos-gleichzeitig«,--sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten
-Strom des Werdens«. »-- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die
-öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges,
-lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das
-hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil
-es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl
-in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins
-sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur
-in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)
-
-Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen,
-was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches
-Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen
-weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine
-_Wesensenthüllung_, durch eine göttliche Nacktheit,--während der
-Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten
-trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich
-hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse
-Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn
-ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher
-nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich
-bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle
-Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die
-im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in
-jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von
-Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.
-
-Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische
-Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das
-unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über
-die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem
-höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz
-dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst
-in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und
-bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser
-Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen
-Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er
-selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus
-übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer
-und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu
-ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander
-ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher
-zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt
-es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen,
-der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch
-viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das
-höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und
-herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder
-metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan
-eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum
-erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung
-der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von
-vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur
-durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.
-
-Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode
-Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung
-bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das
-Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch
-sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst
-immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet
-er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in
-ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast
-unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen
-herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt
-man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein
-Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.
-
-Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe
-Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen
-und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus
-sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe
-seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in
-ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum
-erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem
-die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden
-gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit.
-Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der
-Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und
-moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser
-Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes
-gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner
-Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person
-das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende
-Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden,
-des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe
-des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur
-den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen
-Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist.
-Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt
-hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war
-hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss
-ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken
-durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen
-Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das
-er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische
-Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser
-Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«
-
-Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben
-und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben
-auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach
-persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich
-später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die
-Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise
-nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das
-Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der
-unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin
-an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam
-das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das
-Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten
-philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives,
-das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist,
-als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen
-Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn
-mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes
-Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden«
-zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden
-sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und
-verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch
-sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das
-bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein
-quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben
-und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam
-hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt
-ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der
-Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu:
-»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich
-beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir
-auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz
-deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,-- --
---wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir
-selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief
-verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir -- -- --.« (A. a.
-O.)
-
-Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster
-Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen
-es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft
-verlangt habe--nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und
-Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »-- --darf ich ein wenig
-bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig
-und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach
-Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die
-schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen,
-durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten
-Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen,
-dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr
-vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es
-ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem
-Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken
-sucht,[6] und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft
-ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die
-Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen
-Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie
-sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard
-Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene,
-alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und
-für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der
-Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.
-
-Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit
-Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich
-zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint
-in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären
-auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher
-Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans
-Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte
-Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in
-die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen
-Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm-- --« (12.) »Wir thun einen
-Blick in die _andere_ Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung,
-welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss
-verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass
-die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die
-schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen,
-tyrannischen.« (13.)
-
-»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung
-der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er
-allein ganz und er selbst bleiben konnte.« (13.)
-
-Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners
-aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem
-er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von
-dessen seelischen Zuständen auffasste:
-
-»-- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des
-Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich
-ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt,
-einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.«
-(82.)
-
-»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer
-Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,--
---ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege
-fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)
-
-»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich
-verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des
-Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen
-Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von
-Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«--. (80.)
-
-Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste
-Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes
-auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von
-Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt
-erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn
-unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige
-Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten
-Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war
-eine _Genesung_. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.)
-Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem
-Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem
-Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe.
-Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören:
-dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht
-habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.
-
-Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der
-Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein
-Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit
-nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die
-eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,--
-sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften
-Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse
-gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins
-beschlossen!«
-
-Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten
-Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen
-Beweggründen--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus
-menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In
-Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher
-Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner
-Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass
-er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte,
-dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine
-»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein
-»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von
-seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen
-Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei«
-überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch
-allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung
-erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den
-Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf
-die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich
-greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth
-der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«
-
-Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem
-Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen
-seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine
-Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich
-aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese
-Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man
-unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.
-
-Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet,
-als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen
-angelangt--war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen
-Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und
-Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete
-aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein
-Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur
-der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen,
-ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882,
-ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther
-Festspiele,--der Erstaufführung des Parsifal--, der Versuch gemacht,
-Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der
-Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine
-alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass
-im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth
-zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch
-misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot,
-den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben
-Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der
-seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor
-mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die
-Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an
-welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange
-sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken;
-dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser
-Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte
-er.
-
-Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der
-Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches
-Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter
-Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen
-Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in
-den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und
-aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen,
-philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart,
-der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht
-zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines
-Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode
-ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn
-er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner
-Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten;
-und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer
-wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.
-
-Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich
-pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder,
-welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren
-Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen
-Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.
-
-Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft
-in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen
-Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12.
-Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus
-Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber--fast hätte ich
-gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«
-
-Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den
-voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein
-Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen.
-_Wahrscheinlich_ hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf,
-_vielleicht_ mit der Thätigkeit überhaupt, _möglicherweise_ mit--
---u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr
-zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es:
-Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die
-Geduld zur Geduld nöthig!«
-
-Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:
-
-»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter
-Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,--aber _nicht_
-mehr lange, so hoffe ich!«
-
-Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing
-ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel
-ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere
-strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst
-einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder
-ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein
-Viertelstündchen« (Brief an Rée)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an
-einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien.
-Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte,
-zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am
-Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.
-
-Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des
-Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten
-metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom
-Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so
-günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus
-dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge
-des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich
-ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem
-Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität
-seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft
-war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen
-im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden,
-sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals
-selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher
-geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff
-sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher
-begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten
-fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein
-Denken wissenschaftlich zu begründen,--es ist etwas vom vergeblichen
-Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine
-Gesundheit _genöthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu
-nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen
-und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte
-er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz
-Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht
-ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches
-Schicksal zurückzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur
-Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefühl
-nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten
-war, _vorübergeht_.
-
-An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale,
-seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was
-seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm
-eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen
-Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »_Dunkel-Zeiten_.«
-(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)
-
-Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus
-einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag,
-von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie
-erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und
-langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich
-sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.
-
-»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später
-(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches,
-Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange
-darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der
-unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen
-zur Begeisterung übrig blieb-- --«. Aber nicht als einen Klagenden
-sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,--und mit Recht
-bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein
-Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender
-und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)
-
-Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden.
-Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und
-unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem
-Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern
-aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er
-auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben
-und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an
-der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er
-langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne
-dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung
-von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene
-zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte,
-und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns
-beantworten soll: »--Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine
-eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes,
-Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen
-Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende
-Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)
-
-[Illustration]
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-[Illustration]
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-[Illustration]
-
-[Illustration]
-
-Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte
-Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr
-stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die
-Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung
-anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich
-alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich
-daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst
-aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der
-Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen
-zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein
-erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund
-einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt
-stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu
-nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die
-intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger bedingten als
-begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen
-Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie
-gerade vorfindet,--dass er sie zunächst wieder kritiklos empfängt; denn
-seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von
-den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche
-bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur
-eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen
-Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich
-entscheidende Process abspielt.
-
-Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung
-ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden
-verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So
-kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere
-Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise
-vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt.
-Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich
-wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling,
-ja insgeheim noch als Gegner fühlt,--aber mit jenem schönen Wort im
-Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine
-Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage
-ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der
-Denker seinen Feind liebt.«)
-
-Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem
-Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines
-positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes,
-welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst
-im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«,
-das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard
-Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877
-entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches,
-Allzumenschliches_. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken
-Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30.
-Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche.
-(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt
-mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode
-schrieb: »Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_:
-ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,--
---nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _für_ Alles, was gerade mir
-wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von
-Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den
-damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei
-völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint:
-einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns
-in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern
-uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche
-neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits
-den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den
-ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende
-Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart,
-mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich
-selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit
-und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen
-Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender
-Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade
-vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern
-selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner
-eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so
-heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in
-schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt
-und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt,
-dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.
-
-Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung
-Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem
-_persönlichen Verhältniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf
-gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so
-verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum
-in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche
-der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann
-Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist
-der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée
-einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)
-
-War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit
-gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah:
-durch seine _Jüngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée
-mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert
-wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise
-seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an
-verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt
-Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen
-lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung
-Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:
-
-»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen
-Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr
-neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der
-Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,--
--- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem
-Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt
-habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden,
-was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so
-wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen
-dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf
-dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit
-den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer
-Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig
-mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung
-zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen?
-Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht
-um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte
-unbescheiden ist--ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge,
-ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer
-untauglicher werde.«-- -- -- -- --
-
-Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang,
-je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um
-dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er
-nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen
-solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.«
-(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine
-Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele
-Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen
-zusammenzuleben,--mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten
-October 1879.)
-
-Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten
-damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen
-eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie
-min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er
-nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so
-gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein
-beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe
-Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung
-meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir
-alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es
-noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu
-haben, mein herzlich geliebter Freund.«-- -- --
-
-Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so
-übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame
-waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er
-bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem
-ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und
-Gedankenaustausch.
-
-
- »Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer
- etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,--
- falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist
- viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht
- für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind
- gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden.
- Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer
- Abkunft,[7] aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem,
- grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bücher, als
- Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene
- Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es
- nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum
- Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von
- Herzen Ihnen nahe
-
- Ihr
-
- Friedrich Nietzsche.
-
-
-
-So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen:
-»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der
-Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Réealismus_, das
-wissen Sie!«
-
-So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche
-den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus
-begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin,
-Carl Duncker, 1875), dessen »_Psychologische Beobachtungen_«--
-Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schätzte Nietzsche
-nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt
-erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren
-wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die
-La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten
-um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den
-philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée,
-Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von
-ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »_Der
-Ursprung der moralischen Empfindungen_« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner,
-1877)[8], das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches
-positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu
-den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen
-hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken
-vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn
-ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die
-Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des
-moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage
-_nach den Gründen der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine
-Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme
-der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers
-auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so
-musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem
-Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der
-moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner
-Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch
-bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen
-Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_.
-Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und
-Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker
-wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden
-eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs
-Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten
-Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den
-_Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprünglichen
-Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung
-seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er
-sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches,
-Allzumenschliches«: »Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen
-verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen
-gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein
-der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man
-die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen
-an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut«
-oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die
-Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass
-Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
-der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die
-sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den
-Worten bezeichnen:«--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung,
-_ursprünglich_, weil (es)--_nützlicher_ und _ehrebringender_ ist.«
-(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung
-des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen,
-welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf
-gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf
-andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen,
-die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie
-von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil
-ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder
-aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen
-das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen
-dann _moralische_.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in
-den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig _gefordert_
-wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte
-der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert
-wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter
-Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer
-Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,--aber _das
-Gefühl für die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene
-Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die
-Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).
-
-So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel
-charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die
-rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher
-heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen
-Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst
-wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug
-auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden
-philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten:
-in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«,
-des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos
-steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und
-Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird
-die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber
-die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und
-wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss
-des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates,
-benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten
-philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen
-der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft
-und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude
-am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- --« (Der Wanderer
-und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft
-und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die
-Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in
-dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung
-des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und
-alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht,
-denn: »an sich ist-- --der Künstler schon ein zurückbleibendes
-Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für
-Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren
-Fortschritt_. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,
-aber zum schönsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen,
-nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,-- --
---ordnen, verschönern, verflachen--so geht es fort von Homer bis
-zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen
-Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte
-Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und
-effect-lüsterne Seelen wenden.--Und nun würdige man die Grösse jener
-Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen
-erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen
-Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch
-Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung
-des _vernünftigen_ Denkens.») Die _Abkunft alles Gefühlsmässigen_
-von _Urtheilen_ und _ursprünglichen Gedankenschlüssen_ wird deshalb
-Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das
-Wort reden. »--Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter
-den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form
-von Gefühlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefühle
-stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und
-jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen--das heisst
-seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern
-mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft
-und unserer Erfahrung._« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«,
-welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu
-verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »_Lasterhaftigkeit
-des Intellectes._« (Morgenröthe 543). »_Diesen schwärmerischen
-Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel Übles:-- -- --Zu alledem
-pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben _an den
-Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie
-die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und
-zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und gründlich
-durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle_-- --
---_verdorben worden:_« (Morgenröthe 50).-- -- --daran denken sie
-nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hässlichsten Wirklichkeit schön
-ist,-- -- --Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt-- --
---;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles,
-kamen in dem überein, was _das höchste Glück_ ausmache,-- --: sie
-fanden es im _Erkennen_, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden
-und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der »Intuition,« _nicht_
-in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)--« (Morgenröthe
-550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:[9] »Ach, um den
-wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet,
-seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft
-auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist,
-wenn der Grad von _Verehrungswürdigkeit_ festgestellt werden soll,
-nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenröthe
-548).--Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten
-Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität
-steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie
-wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich
-die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht
-nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden
-und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden
-»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine
-diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146).
-Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass
-nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls
-nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk
-erzeugt,--»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,
-dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus
-vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die
-künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und
-mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches
-I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade _erlernbar_, als meist
-angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten!
-Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren.
-Aber sie _bekamen_ Grösse, wurden »Genie's«,-- -- --: sie hatten Alle
-jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile
-vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen;
-sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen,
-Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der
-Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches
-Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner
-letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_
-Genie--das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren.
-Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss,
-weil sie »_viele schwächere Kräfte_ und _Keime zu erdrücken_« sucht,
-während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne
-Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »_schwächeren und zarteren
-Naturen auch Luft und Licht gegönnt_« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen
-überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die
-extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist
-auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu
-lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).
-
-Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein,
-die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist
-Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
-sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man
-soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei
-beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive
-unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so
-starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt
-ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten
-Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht
-ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und
-sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu
-erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des
-Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth
-sich _über_ den Menschen und Dingen fühlt,--wo der Weise als der am
-meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_
-sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung,
-die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen:
-»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit,
-mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.«
-(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als
-eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und
-erwogen,--wie ihr auch in _Rées_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet
-war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so
-brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich
-nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38).
-»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.«
-(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der
-Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus
-ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch
-das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein
-inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss
-der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten,
-als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er
-merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt,
-ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse
-Nützlichkeit.«),--wo Nietzsche den _Mächtigen_ gleichsetzt mit dem
-Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit
-dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen
-Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem
-Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen
-Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des
-ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.)
-Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende
-Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive
-bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden
-»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.
-
-Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen
-liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen
-Vermögens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als
-_Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt
-aus als _böse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch
-geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse
-genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich
-für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern
-zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in
-seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam
-und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so
-kämpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _böse_
-nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines
-Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen,
-welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen _früherer Culturen_
-gelten,------. Es sind _zurückgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch
-alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und
-vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I
-43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein
-Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen
-die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch
-die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.--»Gute Handlungen sind
-sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute.
--- -- --Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand
-sich-- -- --hinziehen lässt.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne
-sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der höchste Grad von
-menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch überboten werden:
-und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus
-einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln könne_«.
-(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird
-sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«,
-»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei«
-aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth
-sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung
-ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »_Die
-Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine
-einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt
-den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet,
-fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden,
-boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf
-in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich
-um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das
-beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran
-zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage
-eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse
-Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei
-dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen
-Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der
-begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches
-klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist
-nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete
-Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen
-1129).[10]
-
-Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie
-gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des
-Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende
-Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen
-Triebe und Instincte in sich birgt,--also der »böse« Mensch. Noch ist
-ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth
-denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit
-darstellen.
-
-Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht
-weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die
-ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und
-dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist
-(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit
-des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft
-des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt
-die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer
-mehr-- -- --die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der
-Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter
-Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches
-nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle
-menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen;
-der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen,
-als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das
-»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des
-Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich
-anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).
-
-Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen
-und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete
-Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher
-Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen
-sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der
-Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die
-Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission
-zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte
-man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf
-seine göttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener
-Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem
-greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu
-sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in
-der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht,
-soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit
-ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt
-haben möge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang
-stehen!--es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung,
-so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur
-Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt
-das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen
-Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!«
-(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen,
-so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das
-Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden,
-er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn
-die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der
-Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine
-Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet
-»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das
-Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das
-Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der
-Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar
-der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und,
-anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu
-schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich
-verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener
-phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige
-ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte
-zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter
-Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass
-ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre
-Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne
-ein »Decadenz-Symptom« ist,--aber hier deckt sich der Begriff der
-Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die
-Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- --
---Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle
-lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!«
-(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss«
-(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu
-gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches
-Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch
-kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur
-wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die
-_Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen
-als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden
-Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die »neue
-Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte,
-deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In
-der Reife--des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das
-Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit
-des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).
-
-Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so
-kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er
-sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade
-von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des
-_Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten
-Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für
-ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren,
-von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der
-Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu
-einem enthusiastischen,--fast _religiösen_ Verhalten und ermöglichte
-ihm jene 'religiös motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche
-bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein
-eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf
-ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer
-Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser
-Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie
-sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern
-Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser
-Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine
-ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch,
-sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.
-
-Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man
-könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten,
-rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur
-den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre
-tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte
-und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff
-für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie
-nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als
-eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen
-Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und
-auch wohl thun,--denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als
-ein hoher Wärmegrad«.
-
-Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends
-so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches,
-Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter
-seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess
-er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der
-persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben
-ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die
-Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller
-Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und
-rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm
-als ein _neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh
-seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.
-
-Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem
-Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu
-denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten
-Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und
-marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass
-er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner
-Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch
-hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit
-aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder
-unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder
-im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen
-Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr
-rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an
-einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem
-»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu
-denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung
-seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen
-gehört's,--den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen:
-»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen
-geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft
-gratulire! Es lebe der Réealismus!«
-
-Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche
-Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war,
-welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für
-Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende
-sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt
-hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte
-ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und
-ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An
-diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige
-Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing.
-Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche
-Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische,
-religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von
-Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie
-seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches
-Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für
-Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer
-und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine
-Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth
-verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend,
-dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten
-aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen
-Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind
-besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen
-erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der
-Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine
-Lücken zu lassen.
-
-Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des
-Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war,
-bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und
-bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden.
-Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen
-Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen
-liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht
-hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten
-Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der
-Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine
-Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens,
-in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr
-Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade
-in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit
-seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines
-Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen
-Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien,
-schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf
-und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart
-hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an
-Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat
-seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm
-blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte
-demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus,
-und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem
-Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens,
-deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz
-standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche
-aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst
-so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast
-mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels
-und Bekehrers gegenübertritt.
-
-So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine
-um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle
-verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart
-des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen;
-aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und
-überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für
-ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner
-Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb
-in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu
-Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und
-in einer erhöhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstück--
--- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land
-hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«
-
-Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf
-dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen
-neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er
-den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen
-Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die
-Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen,
-dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr;
-ausleben und erneuern wird.
-
-Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt
-und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines
-innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen
-Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches,
-Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung
-der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden
-Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet.
-In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild
-und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in
-seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch
-mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung,
-aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich
-jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im
-Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder
-abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer
-Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt
-seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in
-wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes
-schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst
-Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist
-er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger
-wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene
-Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach
-durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht
-auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt
-mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich
-selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie
-einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie
-unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen
-sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend
-emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im
-Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen
-allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose
-Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies
-doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen
-und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller
-Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die
-düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu
-nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch
-zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem
-Doppel-Selbst.
-
-In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem
-ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als
-sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben
-sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt:
-hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt
-heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner
-Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter
-Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des
-Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will _das Seine_:
-dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch
-den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut
-gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas
-kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber
-beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran
-ist hundertmal mehr gelegen.«
-
-In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität
-seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten
-Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht
-begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den
-hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der
-Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf,
-ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.
-
-Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit
-noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die
-sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente
-allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht
-worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs
-gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör
-zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;--
---dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer
-Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der
-Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen
-hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken
-untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen
-belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die
-opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer
-Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_
-dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber
-nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester
-Nüancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und
-erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und
-Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode
-in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er,
-sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein
-goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner
-Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen
-Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der
-Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die
-dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil
-des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen,
-sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz
-ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein
-Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht
-nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher
-Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen
-lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.
-
-In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu
-etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines
-Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern
-Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich
-nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen
-Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige
-Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenüber erschien ihm
-auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und
-leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
-Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von
-»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr
-noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen,
-dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche
-Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem
-Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was
-vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk
-werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende
-und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel,
-die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen
-lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr
-meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben
-habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig
-Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:--aber Niemand erräth mir daraus,
-wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder
-meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken!«
-
-Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei
-seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar
-Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer
-Selbstunterhaltung,--nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der
-Feder in der Hand:
-
-
- »Ich schreib nicht mit der Hand allein:
- Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«
-
-
-singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52).
-Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der
-wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen
-von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten
-Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines
-Zarathustra (II 5): »-- --aus dem Überflüsse heraus ist es schön
-hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte
-er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth,
-aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen
-waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit
-angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon
-(Der Wanderer und sein Schatten 338), »-- -- --in dem gesammten--
--- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die
-Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien
-und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller
-silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit
-seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit
-selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe:
-»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über
-einander, sondern sind vertraulich zusammen.«
-
-Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden
-gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen
-Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der
-fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch
-arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem
-Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder
-aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen »Ohren
-für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich
-gesprochenem Wort.
-
-»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,«
-schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die
-_Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich
-förmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich
-ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen
-und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen
-Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner
-Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt;
-die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören«
-von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«
-
-Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer
-Grundlage, die »_Morgenröthe_« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner),
-vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und
-Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen
-zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das
-nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und
-gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist
-es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu
-überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch
-ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,--
-es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen
-und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage,
-auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,--ohne
-die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen
-Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen,
-die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu
-widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus
-den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die
-Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir
-sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an
-das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung
-des Affectlebens für das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob
-sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang
-auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der
-nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil
-sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der
-Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des
-Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf
-diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche
-aufgehen musste,--einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden
-Philosophie.
-
-In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe«
-die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von
-seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer
-mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der _Uebergang_ von
-einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen,
-Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber
-in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der
-vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den
-sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier
-dagegen wird jede Möglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit
-Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen
-Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre
-Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr
-der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen
-Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir
-ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand
-eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche
-sonst vollständig abgeht. Hier _verräth_ er sich fortwährend, ohne
-es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und
-tadelt,--er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens,
-sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges
-Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten
-Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens
-austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und
-Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum
-Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh,
-ihr-- -- --edlen Schwärmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass
-gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!--
--- --Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht
-der Ausdrücke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu
-verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie dürstet ihr
-darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit
-des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu
-entzünden!-- -- --« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift
-man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet:
-»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über
-die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,--
--- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben
-zu wollen, ist ein _religiöser Nachtrieb_, nichts Besseres,--« (Der
-Wanderer und sein Schatten 16).
-
-Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst,
-bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen
-Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--»der Tyrannei
-des Wahren«:--»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und
-Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;-- -- -- --man muss sich
-von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ können,--sonst wird sie uns
-langweilig,--« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den
-von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder
-werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas
-von dem _Möglichen_ erzählen! Wollten sie uns von den _zukünftigen
-Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf
-Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,--von
-purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo
-seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).
-
-So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich
-in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch
-schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in
-der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides
-ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja
-die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal
-aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben
-Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung
-von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt
-hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund
-eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben
-aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt.
-Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist
-diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt
-er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche
-langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben
-nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,--sodass
-zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«
-
-Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und
-unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,-- diese überschäumende
-Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen
-Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher
-verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende
-»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen
-grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand«
-sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da
-einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen
-hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges
-Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche
-Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als
-Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren!
-Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der
-»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«:
-»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist
-es unbeschreiblich angenehm, sich _überwältigt_ zu fühlen! Plötzlich
-und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die
-Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss
-wohin? zuzusehen!«
-
-In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses,
-langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und
-angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung
-nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik
-hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene
-Sieg den Sieger. Es ist das »_Glück des Gegensatzes_«, das er darin
-sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der
-positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die
-begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan
-gemacht dem Schaffensdrang des Willens.
-
-Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes
-Aufklärungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende,
-lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht
-der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen
-hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele
-Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den
-Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch
-zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am
-Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über
-die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist,
-und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste
-der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein
-träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck
-findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen
-_Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es
-möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch
-alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der
-Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral
-im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann?«
-(Morgenröthe 96.)
-
-Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein
-Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es
-kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch!« verspricht die
-Morgenröthe und wird immer heller und röther.
-
-Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn
-auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und
-Fempläne:
-
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- »Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes
- Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen
- zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung,
- welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine
- asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel,
- die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als
- das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig
- sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich
- bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere
- Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand
- kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen
- gethan und geplant wird!
-
- Treulich Ihr Freund
-
- F. N.«
-
-
-Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:
-
-»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten!
-Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als
-möglich,--als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines
-zukünftigen Lebens-- -- --.«
-
-Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt
-fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was
-Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den
-Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und
-negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen
-aufzufassen sucht:
-
-»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen
-der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals
-nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu
-erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu
-scheitern? Oder, meine Brüder? Oder--? (Morgenröthe, Schluss.)
-
-Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete,
-da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte
-gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen,
-ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie
-jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten,
-von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses
-Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen
-Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.
-
-Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder,
-die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft«
-schrieb:
-
-
- »Freundin, sprach Columbus, traue
- Keinem Genuesen mehr!
- Immer starrt er in das Blaue
- Fernstes zieht ihn allzusehr!
- Wen er liebt, den lockt er gerne
- Weit hinaus in Raum und Zeit,--
- Üeber uns glänzt Stern bei Sterne
- Um uns braust die Ewigkeit.«
-
-
-Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit
-des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das
-Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne
-es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten
-Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem
-er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken
-gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte.
-Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen,
-in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind,
-wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch
-die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth
-der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass
-sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für
-alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten
-vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn
-nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte,
-sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein
-Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue
-Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von
-ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie
-war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen
-und Sich-Verlaufen,--»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth
-war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will
-mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen
-gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie
-sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende
-Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner
-Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet,
-musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie
-der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der
-ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte
-sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er
-sich wieder dorthin zurückschleichen würde,--wo die Götter und die
-Uebermenschen hausen.
-
-Nietzsche schreibt einmal an Rée:
-
-»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese
-ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden,
-wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will
-uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere
-Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_
-Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir
-die Geduld verlören--.«
-
-Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!«
-sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen
-Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen
-Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem
-heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens,
-des ewigen Lebens, schrieb.
-
-Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--.
-
-Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als
-das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden
-könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche
-Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn
-daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen
-zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen
-Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil
-verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um
-durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches
-zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte,
-dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe,
-empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das
-Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und
-der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf!
-Welches herrliche Jahr 1881!«
-
-Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin
-1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem
-Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von
-sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen
-Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so
-lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte
-Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt
-nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er
-sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der
-moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt
-ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und
-der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf
-beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit
-zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung
-eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen,
-Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn
-dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden
-zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses
-inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und
-Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder
-umzusetzen.
-
-Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt,
-sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen,
-das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie«
-unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er
-wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris,
-Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede
-schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm
-nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege
-als richtig erwiesen wäre.
-
-Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit
-den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher
-fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum
-Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern
-hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei
-auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete
-herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch
-einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der
-Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem
-Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen
-sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch
-einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander
-entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das
-spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn
-Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten
-Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht
-erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins
-verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.
-
-Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner
-Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand
-ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer
-Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche
-befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem
-der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig
-unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um
-noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu
-schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner
-Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei
-es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer
-solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der
-Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint
-er--einmal befruchtet--um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er
-ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm
-gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so
-geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden
-soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine
-Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.
-
-Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene
-Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal
-zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches
-und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung,
-dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen
-aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen
-festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die
-ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten.
-Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches:
-das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den
-verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines
-schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein
-gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben
-seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu
-einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.
-
-Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox
-dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je
-allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung
-sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so
-vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass
-die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder
-und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur
-Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,--»Mein Urtheil
-ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht«
-(Jenseits von Gut und Böse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses
-Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze
-Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse
-innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben
-das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise
-den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären
-glaubt.« Für mich--wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!«
-(Also sprach Zarathustra III 95.)
-
-Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz
-und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens
-besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches
-sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter
-meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen
-Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich
-seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi
-scribo!«
-
-In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst
-geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner
-ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus
-seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen
-Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen
-im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen
-bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst
-irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«,
-ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr
-verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie«
-reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich
-verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns
-ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen
-zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse
-entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und
-Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint
-Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass
-er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.
-
-Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil
-auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein
-Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel
-schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie
-Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens,
-sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen
-seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen
-werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da
-Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen
-ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine
-Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig
-entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung
-unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass
-diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem
-Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_
-treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er
-in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch
-zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch
-den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des
-theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der
-praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche
-sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht
-freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört
-man endlich den Schrei nach _Erlösung von sich selbst_,--nach seinem
-_Wesens-Gegensatz_, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung,
-Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des
-innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung,
-aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden
-Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht.
-Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt
-frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben
-die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches
-Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden
-als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung
-hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar
-nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren,
-Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle.
-Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu
-Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.
-
-Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig
-klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein
-Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien
-sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein
-mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine
-letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht
-vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken
-wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des
-Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so
-gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der
-Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine
-menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen,
-kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den
-tragischen Conflict seines Lebens löst,--den Conflict, des Gottes zu
-bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet
-er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen,
-visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um
-sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren
-Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu
-einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster,
-lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere
-als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch
-gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber
-zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung
-hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man
-gedenkt seines Wortes, »-- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in
-allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
-anbetete,--und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits
-von Gut und Böse 269.)
-
-»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der
-letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den
-inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation
-von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander
-fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung
-war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,--
-eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen
-jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den
-Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem
-Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer
-Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber
-nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und
-Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch
-jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh,
-von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt
-entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in
-diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein;
-Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen
-Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu
-Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist
-in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.
-
-Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines
-Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte,
-zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren
-Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«
-
-Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth,
-von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten
-Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche
-Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss
-der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List
-und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches
-Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem
-persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein
-Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum
-Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle
-sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen
-Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune
-bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind
-es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der
-seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei.
-Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will,
-während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen
-seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.
-
-Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner
-höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt
-auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns
-zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes
-Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig
-hervorleuchten:
-
-
- »Incipit tragoedia!«
-
-
-
-
-[1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte
-der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22;
-_Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von
-Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_,
-im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus.,
-Bd. 25; _Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_,
-Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen
-quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum
-denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed.
-Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat über _Homer und
-Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25
-und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 Bänden des
-Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls
-Disposition zusammenstellte.
-
-[2] Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: »--das
-heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken,
-mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen--«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)
-
-[3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste
-Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch
-gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten
-Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen
-Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers«
-Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer
-Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den
-hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland
-gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller
-Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des
-Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der
-Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte
-auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken
-derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner,
-der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom
-23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche,
-und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des
-griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte.
-In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie.
-Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872,
-stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die
-von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v.
-Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites
-Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1873, antwortete.
-
-[4] Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten
-Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: »--was ich
-gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer,
-der von ihr langsam, mühsam genesen lernte-- -- --.
-
-[5] Vorwort V: »Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass
-ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal der griechischen
-bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemässen
-Erfahrungen komme.«
-
-[6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm jenen
-Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte.
-Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte
-ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen
-Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte,
-und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr
-sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne und
-Zöglinge.
-
-[7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen
-Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in
-Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen,
-vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die
-englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen
-Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was
-er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch
-hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu
-Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lässt.«
-(Fröhliche Wissenschaft 99.)
-
-[8] Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, Allzumenschliches«
-I 37.
-
-[9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen über
-»Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im
-Cultus des Genius'.« (164).
-
-[10] Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten Kräuter und
-Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48)
-ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung;
-noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes immerwährende
-freundliche Wohlwollen, das des Lebens »_Behagen_« schafft.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 49)
-
-[11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal
-aufschrieb:
-
-_Zur Lehre vom Stil._
-
-1.
-
-Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_.
-
-2.
-
-Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte
-Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten
-Relation_.)
-
-3.
-
-Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und
-_vortragen_«--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung
-sein.
-
-4.
-
-Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so
-muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag
-zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon
-nothwendig viel blässer ausfallen.
-
-5.
-
-Der Reichthum an Leben verräth sich durch _Reichthum an Gebärden_. Man
-muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl
-der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebärden
-empfinden _lernen_.
-
-6.
-
-Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht,
-die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die
-Periode eine Affectation.
-
-7.
-
-Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie
-nicht nur denkt, sondern _empfindet_.
-
-8.
-
-Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss
-man erst die _Sinne_ zu ihr verführen.
-
-9.
-
-Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin,
-dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr überzutreten.
-
-10.
-
-Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände
-vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser
-zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber
-auszusprechen_.
-
-[12] Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der
-Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen
-Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.
-
-
-
-
-III. ABSCHNITT.
-
-
-DAS "SYSTEM NIETZSCHE"
-
-
-
-MOTTO:
-
-»Schaffen wollt ihr noch die Welt,
-vor der ihr knien könnt.«
-
-(Also sprach Zarathustra II. 47).
-
-
-
-
- Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich
- schätze nichts als _Antriebe_,--und ich möchte schwören,
- dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch
- diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren
- gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht
- über mich täuschen--glauben doch nicht, dass »der Freigeist«
- mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou!
-
- F. N.
-
-
-In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief
-Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der
-»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung
-»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind
-bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches
-angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem
-bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen
-Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der
-Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der
-Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle
-einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von
-_Rückkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase,
-die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nämlich zur
-Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre
-vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als
-auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer
-ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zögernden Wort »Ich
-bin«--sich noch scheut auszusprechen.
-
-Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige
-Dichtung »_Also sprach Zarathustra_« (I und II 1883; III 1884,
-Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann);
-_Jenseits von Gut und Böse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft
-(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie
-der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der
-Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann);
-endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Götzen-Dämmerung_ oder _Wie
-man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann).
-Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens
-Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie
-die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines
-Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind,
-der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems,
-das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit
-begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine
-Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein
-unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher,
-als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine
-vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen
-jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen
-und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das
-reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien,
-sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden
-Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als
-auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im
-Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer
-wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in
-der Genealogie der Moral,--den Versuch, über das Rein--Aphoristische
-hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen,
-weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.
-
-Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art
-von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den
-erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem
-er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt
-gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege
-beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der
-praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf
-die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische
-Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen
-gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den
-verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber
-höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der
-Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest
-entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen
-könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der
-Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.
-
-Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers
-diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung
-Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten
-Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern
-durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens.
-Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme
-der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der
-Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf
-den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese
-Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen
-Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn
-begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille
-und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft
-hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe
-nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er
-derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In
-diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht
-auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die
-Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens
-auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es
-entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.
-
-Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen
-vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen,
-um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte
-zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche
-Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche
-die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar
-nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen
-Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben
-Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes
-Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes
-und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.
-
-Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur
-seine _Gefühlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt für
-Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden
-Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue
-Weltanschauung.
-
-Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken
-in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner
-Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie
-in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei
-Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne
-letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein
-Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse,
-ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich,
-daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.
-
-Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden,
-einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils
-Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich
-in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft.
-Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches
-zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist.
-Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine
-kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches
-Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit
-genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen
-Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem
-
-Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung
-des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin
-Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von
-Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen
-könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am
-ausführlichsten die _Unberechtigung der Werthgegensätze_ »wahr und
-unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig
-werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe
-der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich »»zur
-Wahrheit««?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber
-Unwahrheit?_-- --« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
-dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt?
-Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --?« (34.) »In
-welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!-- -- --
-erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit
-durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem
-Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen,
-zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als
-seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend
-einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das
-meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
-heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik
-ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention«
-(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache
-der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf
-können als gerade zur Realität unserer Triebe--denn Denken ist nur ein
-Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36).
-Und daraus folgt denn schon: »-- --_je mehr_ Affekte wir über eine
-Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir
-uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird
-unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen
-aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen,
-gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt
-_castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12).
-
-Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von
-seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt.
-Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil
-derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich
-irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die
-uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und
-degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des
-Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung
-noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich
-neben einander besteht,--die Relativität des Denkens und diejenige
-des Affektlebens,-- --das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche
-Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene
-Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den
-er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan
-machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste
-gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung
-rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem
-fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«
-
-Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch
-kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es
-lebenfördernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf
-falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung
-des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der
-dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wäre möglich,
-dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein
-für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben
-werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, _was_ den Werth
-jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit
-jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche
-Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu
-sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »-- -- --wir sind von Grund
-aus, von Alters her--_ans Lügen gewöhnt_. Oder, um es tugendhafter
-und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr
-Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere
-der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen
-Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »--die Kunst, in der
-gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen
-zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um
-derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten
-Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als
-die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und
-»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)
-
-An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst
-der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem
-neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen
-ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen
-»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als
-eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten
-und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu _reduciren_ suchen: die
-Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade
-bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen Steigerung. Die Einsicht
-in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der
-Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur
-Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die
-demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche
-der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine
-Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches
-Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in
-dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens.
-Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer
-letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so
-öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch
-Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und
-Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden
-Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber
-hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt
-hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen
-Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und
-Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten
-Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus
-dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die
-nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert
-er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet
-und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der
-Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch
-keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und
-gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches
-Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft
-für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins
-Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene,
-Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit
-Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit
-_feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ könnt, da
-hasst ihr es, zu _erschliessen_.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.)
-»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust
-(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!«
-(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender,
-bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille
-zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!«
-(Ebendaselbst II 50)
-
-Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und
-Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens,
-eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich
-selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches,
-Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist
-verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden,
-so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die
-Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und
-Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild
-auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts
-ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.)
-und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des
-Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden,
-willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten
-Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die
-Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser
-Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der
-Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem
-Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen
-hat. »Warum dürfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine
-Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem
-Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_?
-
-Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der
-»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit
-den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand
-ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt«
-endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine
-Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu
-uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise,
-den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als
-identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato,
-_bin_ die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren,
-scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den
-Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_.« Im Christenthum trennt sich die
-Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem
-sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als
-Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe
-von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem
-blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«--bis sie
-sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts
-verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei
-des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr
-gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist:
-»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
-Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der
-Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir
-zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss
-überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre«
-Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen,
-uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren
-Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als
-deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst
-zurückgeworfen als auf den _Selbstschöpfer aller Dinge_. Wieder ist die
-alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht
-als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in
-der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit,
-von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte
-Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat.
-»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin,
-sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den
-geheimnissvollen Schlussworten: »_Mittag; Augenblick des kürzesten
-Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit;
-Incipit Zarathustra_.«
-
-Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins
-Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen
-und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt.
-Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine
-neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse
-Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn
-aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen
-Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens
-gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des
-Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen
-Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das
-Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte
-sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt,
-was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt
-sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er
-auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen
-alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt
-und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der
-Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass
-er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande
-wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern
-in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt
-ergeht. »--_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und
-Gesetzgeber_: sie sagen »_so soll_ es sein!« sie bestimmen erst das
-Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schöpferischer
-Hand nach der Zukunft-- --. Ihr »Erkennen« ist _Schaffen_, ihr
-Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur
-Macht_.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft
-immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie
-ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht,
-zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die
-»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207)
-sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze
-Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter
-Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden
-bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden
-immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und
-Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.
-
-Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses
-Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen
-nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren
-wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen«
-Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen
-des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt
-mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis
-in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt
-»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_
-für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen.
-Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die
-Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem
-Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er
-gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem Ȇberreichen
-des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und
-Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d.
-h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen
-nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_
-noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er
-sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu
-einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse
-Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.
-
-In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das
-Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer
-Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und
-Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein
-innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des
-strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit
-ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt
-er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens
-Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung
-durch den Gedanken verlangt,--es ist der »tropische« Mensch, auf den
-die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf
-Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste
-Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen
-kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten
-Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
-zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
-Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III
-82).
-
-Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion
-gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste
-Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste
-Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen
-unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in
-der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner
-Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die
-Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt
-er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem
-Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen
-seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den
-erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph
-des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes
-wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste
-Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der
-Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts
-gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der _gegen sich selbst_
-gewendeten Grausamkeit«.--er muss als »Künstler und Verklärer der
-Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche
-Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so
-empfängt er die höchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose,
-Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er
-sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches,
-in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken
-wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung
-einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches
-Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persönlicher Mystik aus, in
-der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das
-»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und
-tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden
-soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
-gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!--
---Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
-geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des
-Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne
-zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon?« (Also sprach
-Zarathustra II 33).
-
-Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des
-Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik
-und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den
-abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es
-endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in
-seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.
-
-Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung
-und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden
-als des wahren Trägers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des
-Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von
-Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen
-überhaupt aussagt: »dass die moralischen-- --Absichten-- --den
-eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
-gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang
-des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten
-und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen
-trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll
-der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine
-Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder
-»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der
-Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen
-Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und
-überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,--einen Klang
-voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand
-gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge
-der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens,
-der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war
-es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen
-zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen,
-vom _Pöbel_, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier
-hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf
-die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der
-Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als
-die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden
-Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph,
-der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über
-die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder
-zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für
-Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der
-Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen,
-trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte
-und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem
-er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II
-»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker,
-die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle
-beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das
-Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des
-Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen
-haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also
-geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie
-mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines
-Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden
-Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst
-Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge
-niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die
-sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden
-und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung
-weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie
-vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?
-ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den
-ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)
-
-Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die
-äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit
-gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen
-Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung
-seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen,
-in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu
-einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und
-Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,--? er ist
-der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch
-nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das
-krankhafteste,--»das noch nicht _festgestellte_ Thier.« (Jenseits von
-Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als
-solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet
-desselben.
-
-Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges
-ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die
-wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten
-socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene
-furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen
-die alten Instinkte der Freiheit schützte-- -- --brachten zu Wege,
-dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich
-rückwärts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten.« »Alle Instinkte,
-welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_--
-ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit
-wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele«
-nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei
-Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung
-des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist.« »Der Mensch, der
-sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in
-eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst
-zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den
-Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit
-ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von
-welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des
-Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von
-der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten
-Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit
-beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)
-
-Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen
-sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist,
-und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch
-gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am _Ausgang_ einer
-langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als
-Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die
-Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form
-auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht
-und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen,
-sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung
-reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch
-eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind,
-beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu
-machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere,
-Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der
-grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln
-zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's,
-keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit
-einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden
-schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des
-Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von
-Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)
-
-Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die
-Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen
-und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht
-wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde
-in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse
-mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte,
-nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte.
-Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark
-verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner
-ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er
-wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten,
-gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt
-gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle
-Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium
-bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen
-Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind,
-als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen,
-moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu
-lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.
-
-Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der
-menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für
-deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine
-dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände
-unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu
-verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige
-Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt
-wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form,
-zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die
-Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist«
-auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle
-Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das
-Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit«
-dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre
-Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in
-der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum
-durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren
-werde.
-
-»Man ist nur _fruchtbar_ um den Preis, an Gegensätzen reich zu
-sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende
-Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu _ertragen_. Dann ist scheinbare
-Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur
-ein Schimpfname für die Herbstzeiten«,--d. h. für die Zeiten der
-abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann
-Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem
-nothwendigen Ende zu,--»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen
-_Schritt für Schritt weiter in der décadence_.-- -- --Man kann diese
-Entwicklung _hemmen_ und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen,
-aufsammeln, vehementer und _plötzlicher_ machen: mehr kann man nicht.«
-(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische
-Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der
-Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich
-selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der
-Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, -- --Thierseele auf Erden
-etwas so Neues, Tiefes,-- --Widerspruchsvolles und _Zukunftsvolles_
-gegeben«,--dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art
-des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit
-»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel,
-sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses
-Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein
-Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,--ein Seil über einem
-Abgrunde.-- --Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke
-und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass
-er ein _Übergang_ und ein _Untergang_ ist.« (Also sprach Zarathustra
-I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu
-Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden
-Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die
-Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »-- -- --als
-welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«
-
-Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe,
-die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht
-aufgegeben, sondern noch möglichst _verschärft_ und zum Ausgangspunkt
-seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten
-Einsicht hat sie sich ihm zu einem _Gemüthsaffekt_ gesteigert, und
-als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle
-seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram
-und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach
-Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt.
-Aus dem _Accent_, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus
-den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die
-übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken
-einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.
-
-Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches
-neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des
-Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem
-Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt
-die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung
-durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft.
-Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit,
-eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr
-gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die
-schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die _Ursache_
-und _Begleiterscheinung_ der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren,
-werden nunmehr zum _Erkenntniss_-inhalt selbst.
-
-Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit
-ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen
-Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war
-jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig,
-obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr
-schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit
-der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann
-zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte
-nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille,
-als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen
-zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen _längeren_
-und _tieferen_ Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick
-beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für
-sein Wollen einstehen--er wurde »das Thier, das _versprechen darf_«.
-Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von _Mnemotechnik_:
-sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein _Gedächtniss
-einzuverleiben_ sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also
-auch zu sich _Ja sagen dürfen_--das ist--- eine _späte_ Frucht:--wie
-lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir
-uns--ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich
-seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte
-endlich zu Tage bringt, _wozu_ sie nur das Mittel war: so finden wir
-als reifste Frucht-- --das souveraine _Individuum_, das nur sich
-selbst gleiche,-- --, kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen
-Willens, der _versprechen darf_.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.)
-Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums
-entspricht eine neue Art von _Gewissen_, nachdem der Mensch den Moral
-Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens--seinen strengen,
-nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern--entwachsen ist, und damit das
-alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.
-
-Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner
-ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen
-Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche
-gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die
-Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen,
-wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt.
-Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und
-Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits
-des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die
-einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des
-unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem
-Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus
-gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der
-»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen
-erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich
-der mysteriösen _Herkunft_ und Abstammung des Willens leugnet, das
-versucht er dafür an das _Ziel_ und _Ende_ der Willensentwicklung
-zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten
-langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein
-reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben
-beherrschender Wille allmählich _geschaffen worden_, so ist er damit
-in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht
-bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus
-einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts
-mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine _gewaltig angewachsene
-und rücksichtslos explodirende Stärke_ bestimmt,--er ist reines, von
-der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen
-nicht mehr _metaphysischer_ Natur, denn es ist geworden, es ist das
-_Resultat_ einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des
-Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit
-des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit,
-denn sie wendet sich nunmehr als eine _unbedingte_ Macht umgestaltend
-und umschaffend _gegen_ eben die natürlichen Bedingungen, denen
-sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein
-zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in
-seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt,
-indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort
-kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende
-unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)--blos weil man
-die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht
-mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen
-des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende
-erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist.
-Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden,
-aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle
-Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller
-Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen
-Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die
-Dinge hineinerschaffen; darum will Nietzsche an Stelle des »freien«
-und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck »_starker_
-und _schwacher_ Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21)
-und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und
-_Entwicklungslehre des Willens zur Macht_«. (Ebendas. 23.)
-
-Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade
-»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem _Genie_ geworden ist, was
-sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat.
-Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und
-Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen
-eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer,
-historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt,
-gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,-- -- --die Zeit, in der sie
-erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr
-werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie _älter_ sind, dass
-länger auf sie hin gesammelt worden ist;-- -- --die Zeit ist relativ
-immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.«-- --
---»Der grosse Mensch ist ein Ende;-- -- --Das Genie--in Werk, in That--
-ist nothwendig ein Verschwender: _dass es sich ausgiebt_, ist seine
-Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt;
-der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede
-solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)
-
-Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in
-ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen
-soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine
-Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer
-Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert
-hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden
-ist,--Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das
-nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem
-oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte
-Menschheitsbewusstsein,--so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig
-ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie
-wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es
-würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen,
-ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst
-hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der
-Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den
-Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung
-Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige
-Bedeutsamkeit:--mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der
-Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als
-der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich
-Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt
-sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein
-Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen
-uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
-herausgewachsen sind:--Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus
-höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine
-Art von Atavismus,--darin liegt der wunderlich _reaktionäre_ Charakter
-der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von
-der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch,
-an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und
-Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft
-zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur
-deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer
-lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und
-übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem
-Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,[2] dass
-Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden
-seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie
-sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die
-guten Dinge) _hat_, ist ein Andrer, als wer sie erwirbt. Alles Gute
-ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ...
-« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren
-lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende
-und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der
-moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz
-und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm
-Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst
-ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.
-
-»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden
-Kraft:-- -- --Damit es Institutionen giebt, muss es-- --Wille,
-Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen
-zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte
-hinaus, zur _Solidarität_ von Geschlechter-Ketten vorwärts und
-rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant,
-durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches
-vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer
-Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und
-wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt
-geisselt er die »pöbelhafte[3] Gleichmacherei« aller Menschen und
-die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten
-mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die
-ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren
-sind »die _ganzeren_ Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit
-bedeutet, als »die ganzeren Bestien«--).« (Jenseits von Gut und Böse
-257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem
-solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu
-Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,-- ja, sie _sind_ kraft
-ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der
-bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des
-starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,-- -- --Ihm fehlt die
-Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform,
-in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist,
-_zu Recht besteht_. Seine _Tugenden_ sind von der Gesellschaft in Bann
-gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem
-_Jeden_ eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten
-und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem
-seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer
-die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich
-und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der
-Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass
-er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres
-Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem
-Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt
-ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich
-noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen
-Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff
-darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der
-Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und
-ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende
-Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und
-das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen.
-Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie
-Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass
-Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist,
-der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der
-dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren
-konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu
-unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung
-bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches
-Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode
-an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders
-auffasste.[4]
-
-In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines
-rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild
-der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch
-heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur
-der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen
-Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches
-viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen
-Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von
-positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im
-Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass,
-mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen
-Zwecke bedurfte, durchzusprechen,--namentlich auch den etymologischen
-und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut,
-niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen
-vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und
-gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen
-wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch
-jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den
-Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da
-die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber
-hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.
-
-In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten
-aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher
-und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen
-aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft
-und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und
-Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die
-Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint.
-In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war
-Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen
-Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen
-Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte
-sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des
-Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden
-verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei
-unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral
-und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht.
-Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und
-Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig
-mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung
-wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze
-Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller
-moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das
-Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr
-als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die
-Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung
-gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den
-Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur:
-sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen
-als »gut« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also
-auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und
-halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz
-anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser
-»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus,
-sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt
-alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und
-erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, _ihren_ Begriff
-»gut« für sämmtliche jenen _entgegengesetzte_ Eigenschaften,--also für
-das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin
-das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«,
-das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem
-»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen
-Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen
-Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach
-Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden
-Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild
-ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das
-Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums
-an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den
-Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet
-haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein,
-damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.[5]
-Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen
-und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen,
-weil die eigentliche _Bedeutsamkeit_ dieser Anschauung für seine
-Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht.
-Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich
-zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für
-ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der
-Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb
-ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang
-verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont:
-die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches
-gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch
-nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht
-was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene
-Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen
-sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der
-philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen
-auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie
-interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung
-keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,--und
-sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war,
-wissenschaftlich zu arbeiten.
-
-Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher
-seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)--dass wir »_Immer
-in unserer Gesellschaft« bleiben_, auch wo wir wähnen, Fremdes
-aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet
-zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich--: das Andere
-höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »_Grenze unseres Hörsinns_:
-Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort
-zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner
-Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen,
-als was mir schon gehört,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen
-zurück.« (Ebendaselbst 242.)
-
-Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner
-philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher
-Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in
-seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch
-bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem
-innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende
-und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit
-seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
-ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also
-sprach Zarathustra III 74.)
-
-Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein
-weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral
-geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache,
-dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist,
-_beide_ Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer
-solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von
-Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung
-entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur,
-d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet
-und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch
-die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche
-beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen
-des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang,
-ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche
-Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche
-Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur
-Weiterentwickelung erst befähigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft
-beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen,
-sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre
-Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles
-dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_.
-»Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass
-lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf
-die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf
-Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser
-Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar,
-sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu
-züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen,
-aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften
-und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven
-Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um
-sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren
-Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie
-wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den
-Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas
-Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch
-ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr
-ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter
-Kräfte,--»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra
-III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes,
-Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu
-Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den
-alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral
-I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er
-denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender
-Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung
-hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von
-Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch
-den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine
-Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist
-kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender
-und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund
-seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit
-genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch
-Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir
-finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
-Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
-widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
-Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen,
-diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich
-selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust
-am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die
-vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf
-lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen,
-welches heisst: »Ich bin das, _was sich immer selber überwinden muss_«.
-(Also sprach Zarathustra II 49.)
-
-Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen
-Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes
-Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten
-Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen
-hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame
-»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen
-beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde
-der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und
-Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er
-von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden
-und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem
-Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können.
-Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist
-liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte
-muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal«;
-(Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in
-der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur,
-dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die
-Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als
-solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze
-immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie
-als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch
-betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch
-betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen
-Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen
-Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung
-nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten
-Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser
-sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.
-
-Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches
-»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen
-bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhält, in
-dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche
-zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings
-damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,--beginnt mit
-einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das
-bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und
-Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand,
-an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte.
-Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend
-ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es müsste denn erst _geschaffen_
-werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein
-andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie
-sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres
-Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle
-eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits
-hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefürchteten,
-misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von
-keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit
-der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen
-Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der
-Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen
-höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen
-sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,--dass alles Böseste seine
-beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden;
-und dass der Mensch besser _und_ böser werden muss«. (Also sprach
-Zarathustra III 97.)
-
-Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend
-ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst
-zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich
-steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss:
-er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so
-kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und
-seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt
-sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet:
-»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst
-du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«.
-(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass
-er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle
-Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)
-
-So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_
-im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in
-Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied
-zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral
-als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative
-verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das
-Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder
-einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit
-der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der
-Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so
-gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst
-III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb
-geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit
-seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden
-müsstet?--Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz,
-der ist dieser Wahnsinn!--« (Ebendaselbst I 11.)
-
-Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines
-Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er
-betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein
-Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht
-und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein
-»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare
-Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der
-»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel;
-er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert
-wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese
-Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur
-von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei
-wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in
-der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur
-eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während
-Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart,
-geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu
-Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen
-im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch,
-als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein
-Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen«
-Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei
-Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen
-und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den
-_Moral-Weg_, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings
-das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und
-steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine
-tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man
-hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich
-als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben,
-sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern,
-sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft
-Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters,
-wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen
-Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth
-zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht
-minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er
-wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob
-auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele
-nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung
-unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer
-blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich
-einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen:
-allzuähnlich einander,--allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also
-sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen
-einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung
-auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist
-deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten,
-aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser
-Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.«
-(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich
-fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)
-
-Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt
-der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches
-Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang
-des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer
-hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und
-auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung
-der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am
-Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben,
-damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der
-Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es
-schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,--alle
-erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um
-sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.
-
-So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik
-auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in
-dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln
-eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 =
-Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der
-That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen
-voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart
-werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und
-wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss,
-kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht;
-das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den
-Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die
-Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler
-zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines
-nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst
-ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten
-Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man
-hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen
-Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche
-Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des
-Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der
-Zukunftsschöpfer, »--zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein
-inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
-Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
-Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
-Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
-stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)
-
-Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den
-Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des
-Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn
-Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung
-dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches
-Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden,
-gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine
-Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische
-Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für
-sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit
-damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller
-wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische
-Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem
-_Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens
-heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem
-_eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmässigen,
-Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der
-Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten
-Reinheit,--die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben
-besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich,
-dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz
-durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So
-erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten
-Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der
-sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der
-Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser
-schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr »über sich«,
-wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit
-dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines
-eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen
-Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für
-eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das
-eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen
-Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwäche, zügele, massige,
-»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen.
-Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen
-es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in
-sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner
-Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der
-Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines,
-sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen
-Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da
-keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander
-nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit
-bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund
-zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren
-gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der
-menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine
-leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche _Maske_,
-der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich
-gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf
-erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass
-es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln:
-der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber
-eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu
-einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen
-hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung
-zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten
-zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am
-grundsätzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den äussersten
-Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel
-zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich,
-um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man
-kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse
-verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie
-tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen
-Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.
-
-Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der
-von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe
-als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im
-vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fähigkeit_
-zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine
-Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.
-
-Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung
-glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche,
-Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«;
-(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden,
-der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und
-die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und
-gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,--die Kunst, sich vor
-sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige
-niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der
-Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche
-angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem
-Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert,
-seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich
-entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als
-Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung
-bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von
-Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug,
-hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit
-nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches
-Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein
-_Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: »--
---man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen,
-als ihren _höchsten_ Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das
-künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen
-und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits
-von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht
-Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu
-diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das
-_Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen,
-so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in
-seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte,
-wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der
-Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen,
-welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden
-sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das
-Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken
-gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt
-werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das
-Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich
-selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung
-ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der
-griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die
-apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen
-Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so
-verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild
-des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol
-im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner
-Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des
-Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.
-
-So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in
-die Aesthetik überfliesst,--in eine Art von religiöser Aesthetik,--und
-dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des
-Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen
-muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer
-phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer
-und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade
-dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die
-Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen
-vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er
-von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem--Unvermögen,
-als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lüsternheit nach
-dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er
-seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.«
-(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung
-des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen
-Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung,
-auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,--als ein _ästhetisches
-Phänomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des
-Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine
-geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. »-- --von Niemandem
-will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst
-es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen,
-»aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes.
-Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.-- --Diess nämlich
-ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat,
-naht ihr, im _Traume_,--der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach
-Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein
-Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu
-mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn
-»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«--»Was wäre denn schön, wenn
-nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre,
-wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin
-hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis
-zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht
-er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund
-aus hässlichen. »Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da
-aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist
-Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den
-es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_....« (Götzen-Dämmerung
-IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die
-grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des
-schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins
-ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang
-weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur
-»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich
-seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft
-bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand
-der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen
-Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl
-der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die
-Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt
-sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_.« (Götzen-Dämmerung IX
-8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle:
-was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,
-überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,
-bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_müssen_ in's
-Vollkommne ist--Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)
-
-Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter,
-indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein
-ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem
-Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die
-Menschen und Dinge zu _vergöttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulösen,
-um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche
-nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen
-angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das
-grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat
-des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten
-Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach
-Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung
-Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle
-in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon
-bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus
-dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch,
-er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen
-täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein
-ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt
-aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in
-einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religiösen
-Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum
-ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das
-Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern
-Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden
-ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen,
-was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In
-Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke;
-denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie
-gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie
-hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem
-mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das
-tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der
-Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man
-den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und
-religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde
-liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem
-Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,--aus dem Sehnen,
-seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben,
-den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und
-Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott
-oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen
-Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die
-Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten«
-anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm
-gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen
-der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra
-keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf
-sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »--was sagte dir einst
-Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?--Aber auch Zarathustra
-ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches
-Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich
-als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle höchste Wahrheit in der
-_Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner
-mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden,
-sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts
-Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von
-Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler
-ernst,--sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)
-
-Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen
-Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass
-es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten
-nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte
-Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«,
-der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu
-überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht
-vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine
-Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend
-eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber
-spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken
-abliest: »--warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern--als
-zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu:
-»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
-Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! _Vielleicht betrog er
-euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines
-Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!«
-(I 111.)
-
-Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und
-Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht
-wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm _religiös_ eine Wahrheit
-zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und
-hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich
-selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu
-entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in
-dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt
-unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive
-Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und
-ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die
-wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu
-malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die
-Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen
-Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang
-hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich
-selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen
-Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf
-der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft
-werden, als auf der anderen--der übermenschlichen--das Licht heller
-hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer
-Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen
-der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten
-Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen
-Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich
-derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen
-Gottschöpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen,
-»ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner
-absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies
-Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen
-düsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_,
-es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im
-Menschen gewüthet hat:--und wer es noch zu hören vermag-- -- --wie in
-dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des
-sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der _Liebe_ geklungen hat,
-der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im
-Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II
-22.)
-
-Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des
-Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime
-Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten
-die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip
-gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht
-geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft
-und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,--und
-so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten
-Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische
-Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere
-als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem
-tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift
-Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder
-seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das
-ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den
-metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges
-an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten
-Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus.
-Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und
-wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer
-Lebenskräfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung
-die gerade _entgegengesetzte_: das Schöne soll das Willensleben im
-Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und
-zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische
-Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung
-von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist
-daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche
-gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das
-Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt,
-ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als
-eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch
-das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider
-Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer
-Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«[7]
-hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des
-Lebens. Das Leben, als »das, _was sich immer selber überwinden muss_«,
-fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den
-Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem
-solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher
-Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen,
-der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem
-er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer
-Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der
-»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der
-»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des
-tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der
-dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die
-für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille
-hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens
-selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus
-das Lichte und Göttliche zu gestalten.[8] Ursprünglich war er ihm ein
-Zeugniss für die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische
-Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich
-als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als
-der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass
-genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der
-triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in
-den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_
-des hellenischen Instinkts aus--sein »Wille zum Leben«. _Was_ verbürgte
-sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige
-Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und
-geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;
--- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig
-gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,--
--- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille
-zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die »Qual der
-Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --«.
-(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX
-22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene
-schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische,
-denn in ihr zeugt der Künstler aus dem _Furchtbaren das Schöne_. »_Was
-theilt der tragische Künstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der
-Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er
-zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem
-mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das
-Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische
-Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das
-Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist,
-wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragödie sein
-Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten
-Grausamkeit.--« (IX 24.)
-
-»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und
-Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans
-wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des _tragischen_ Gefühls,--
---Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten
-Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner höchsten Typen der
-eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch,
-_das_ errieth ich als die Brücke zur Psychologie des _tragischen_
-Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- --
---: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust
-des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am
-Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- --« (X 5.)
-
-Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten
-Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner
-Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und
-der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von
-der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System
-»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte,
-ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens,
-denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts
-anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt
-und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen
-Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl
-sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament,
-als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der
-er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist,
-und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle
-findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen
-verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und
-Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den
-Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf
-des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im
-vorletzten Aphorismus des Buches »_Das grösste Schwergewicht_«, als
-eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts,
-ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:
-»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch
-einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues
-daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und
-Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir
-wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese
-Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser
-Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer
-wieder umgedreht--und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«--Würdest du
-dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon
-verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren
-Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott
-und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt
-bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht
-zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal
-und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf
-deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben
-gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten
-ewigen Bestätigung und Besiegelung?--«
-
-Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und
-unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es
-nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und
-erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen
-Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz
-unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle
-hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der
-ernsten Schlussbetrachtung »_Incipit tragoedia_« nicht merkt,--»so
-heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt _uns_ überhört!«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er
-denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste
-unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch
-am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat
-der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist
-Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.
-
-Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit
-einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen«
-wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als
-unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen.
-Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein
-Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm
-unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen
-Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der
-That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr
-für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der
-Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche
-nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen
-qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche
-Maske.
-
-Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich
-ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu
-wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung
-des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren
-Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch,
-der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung
-seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt
-diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit
-knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der
-Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft
-giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«
-
-Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der
-Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner
-eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen
-letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen
-lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik
-zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte,
-während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der
-Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle
-unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den
-»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett.
-Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N.« So lautete einer der
-Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und
-dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach
-Vollendung jener Composition schrieb:
-
-
- »Meine liebe Lou,
-
- Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens
- _bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden!
-
- Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik
- zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden
- Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort
- noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich
- habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- --
-
- _Vorwärts_------_und aufwärts_!-- --«
-
-
-Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch
-keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte
-die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie
-weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten
-eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus
-Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es
-möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine
-wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es,
-wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre
-ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren
-absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges,
-als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.
-
-Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten
-Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem
-Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber
-wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein
-oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche
-Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen
-Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der
-verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig
-beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe
-seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal
-befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon
-entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt
-sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an,
-wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es
-entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in
-dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar
-wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer
-unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit
-werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung
-an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als
-endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere
-Eingebung--seine eigene persönliche Eingebung.
-
-Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und
-des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden
-Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt
-uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die
-Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit
-der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten
-Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als
-Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die
-Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre
-mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar
-zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der
-Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem
-Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug
-sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und
-zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten
-Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man
-sein _warum_? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem _wie_?«
-sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als
-die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen
-Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.
-
-So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual
-einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an
-ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so
-inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen
-Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine
-schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.
-
-Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens
-eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass
-und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen
-Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche
-scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere
-Voraussetzung für ihn bilden.
-
-In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das
-Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der
-Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels,
-um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und
-Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu,
-dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen
-könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss
-sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung
-dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als
-zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese
-Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender
-Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige
-Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das
-sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen
-durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess
-nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch
-eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über
-das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später,
-als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und
-unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm
-jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den
-Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab,
-ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins
-Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren
-verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete
-Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer
-Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches.
-Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das
-in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt,
-gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben
-zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten
-That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss
-und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn,
-dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die
-thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.
-
-So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus
-seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik
-zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste
-steigert,--dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und
-Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die
-Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.
-
-In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet,
-eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben
-eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende
-Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem
-Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend
-gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer
-aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen
-zu können;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine
-Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird
-in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem
-schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue
-Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.
-
-In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie
-das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung
-des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung
-und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen
-Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder
-verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist
-von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem
-Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel
-des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära
-der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen
-ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen
-Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der
-Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der
-Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen
-liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet
-worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch
-betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken
-und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte.
-Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der
-Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten
-Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_,
-den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des
-Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir
-»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur
-durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns
-mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir
-uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen
-selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die
-_auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das
-einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch
-_entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religiösen
-_Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus.
-
-Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue
-Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und
-Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer
-räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus
-in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen
-Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt
-dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie;
-wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller möglichen
-Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat
-vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen
-für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten,
-lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem,
-was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es,
-_so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus,
-_unersättlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
-Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
-Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat--und nöthig macht:
-weil er immer wieder sich nöthig hat--und nöthig macht-- --Wie? Und
-dies wäre nicht--circulus vitiosus deus?«
-
-In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der
-Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus
-hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie
-ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.
-
-Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen
-mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene
-Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,--und andererseits
-wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen,
-Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es
-zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem
-einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie
-aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen:
-eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der
-ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine
-Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d.
-h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem
-schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt
-sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um
-den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als
-solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende
-und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das
-heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als
-ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum
-wird Alles--wie? vielleicht zur »Welt«?--« (das heisst: durch die
-vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur
-er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch
-dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die
-Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen
-äussert).
-
-Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches
-Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in
-ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des
-Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie,
-und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein
-Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir
-haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu
-einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie,
-das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in
-Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart
-zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und
-als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund
-der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen
-Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein
-_unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig
-wiederholender_ ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren,
-in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein
-solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_
-auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese
-letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_.
-Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und
-zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen
-vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und
-Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie
-in beseligende Erlösung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je
-einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt
-er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was
-rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu
-schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein
-freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,--was
-allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ...« (Zur
-Genealogie der Moral II 25.)
-
-Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches
-Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als
-Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten
-wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen
-und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen
-Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände
-und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche
-sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu
-bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das,
-nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit
-aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--für den
-fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit
-der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich
-zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform
-geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem
-übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden
-und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die
-Welt erlösen sollte:--»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das
-neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der
-Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)
-
-Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches,
-sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die
-Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch,
-mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«,
-der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche
-Nietzsche-Erscheinung überragt,--er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus
-ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines
-Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen
-fernsten Ursprüngen an,-- --daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu
-Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben
-von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen
-erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch
-meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)
-
-So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein
-Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder
-von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies
-für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen
-Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und
-bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium
-steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein,
-mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte
-ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus
-verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen
-erhebt!«
-
-War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem
-Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er
-sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk
-»Der Wille zur Macht« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt
-geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien,
-dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er
-ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin
-Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist
-Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen:
-»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
-meinen _Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste_.--«
-Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des
-Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits
-frei schaffend über demselben.
-
-So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer
-Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich
-doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das
-Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als
-des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat
-gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens
-hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich
-in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später,
-aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch
-seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um
-schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt
-zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei
-Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit
-und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue,
-aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende
-ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der
-thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit.
-Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht,
-braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten
-Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und
-die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in
-sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt
-er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in
-positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers
-Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an
-das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des
-gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialität
-der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte
-Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die
-nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34)
-den Aphorismus _Historia abscondita_: »Jeder grosse Mensch hat eine
-rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die
-Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus
-ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne.« Ferner (337): »-- --
---wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_
-zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung
-allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der
-an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt
-wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend
-der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und
-den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von
-?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein,
-der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein
-Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor
-sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen
-Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten
-Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen
-noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen,
-Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der
-Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl
-zusammendrängen:--diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der
-Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glück voller Macht und Liebe,
-voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am
-Abend, ? fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt
-und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt,
-wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses
-göttliche Gefühl hiesse dann--Menschlichkeit!«
-
-Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem
-Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des
-historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt
-im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung
-hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in
-»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft
-des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das
-vergangenen Zuständen angehört: »Alle _stärkeren_ Stimmungen bringen
-ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie
-wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der
-individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig
-auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der
-Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein
-Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch
-fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54)
-Bezug genommen, in dem Aphorismus »_Das Bewusstsein vom Scheine_«: »Wie
-wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich
-mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für
-mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte
-Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet,
-fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin plötzlich mitten in
-diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume
-und dass ich weiterträumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie
-der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was
-ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines
-Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben
-nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske,
-die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte!
-Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in
-seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein
-und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen
-diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass
-der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu
-ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die
-erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das
-höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und
-die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben
-damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_.«
-
-Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu
-seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer
-Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem
-Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und
-Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes
-gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung,
-dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer
-schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke
-später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten
-Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in
-tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf
-Schläge verkündet:
-
-
- _Eins_!
-
- Oh Mensch! gieb Acht!
-
- _Zwei_!
-
- Was spricht die tiefe Mitternacht?
-
- _Drei_!
-
- »Ich schlief, ich schlief--,
-
- _Vier_!
-
- »Aus tiefem Traum bin ich erwacht:--
-
- _Fünf_!
-
- »Die Welt ist tief,
-
- _Sechs_!
-
- »Und tiefer als der Tag gedacht.
-
- _Sieben_!
-
- »Tief ist ihr Weh--,
-
- _Acht_!
-
- »Lust--tiefer noch als Herzeleid:
-
- _Neun_!
-
- »Weh spricht: Vergeh!
-
- _Zehn_!
-
- »Doch alle Lust will Ewigkeit--,
-
- _Elf_!
-
- »--will tiefe, tiefe Ewigkeit!
-
- _Zwölf_!
-
-
-Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum
-starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an
-die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen
-Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im
-_Lebenserlöschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie
-sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems
-einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass,
-nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser
-extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich
-nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung
-vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist
-schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den
-übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben
-hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht
-werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller
-Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen,
-als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit
-denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.[10]
-
-Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von
-Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines
-Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der
-That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss
-oder Analogon,--denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen
-des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen
-zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets
-eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten
-Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt
-seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also
-sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst
-1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit
-sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden
-glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und
-förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit
-diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte
-Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an
-verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen.
-(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »_Traum und
-Kultur_« und 113 »_Logik der Traumes_«.) Dort meint er noch, dass
-die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der
-Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der
-im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an
-die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch
-heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt
-im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr
-von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen
-Reproducirung eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der
-»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum
-schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im
-Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten
-Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass
-im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das
-Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion
-zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der
-Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen
-Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum,
-dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben.
-Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von
-allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle,
-Unergründliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen
-Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch
-sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht
-aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren
-Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer
-Dionysos-Zustände,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurücksinken
-in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien
-ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener
-Menschheitsschichten.
-
-Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer
-möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin
-gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung
-ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf:
-»Nur wer schreckt--führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die
-folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines
-die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius
-erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren
-des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der
-Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedächtniss _greift
-einmal weit genug rückwärts_, während sein civilisirter Zustand sich
-aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen
-jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster
-Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht
-die Menschen nicht_.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein
-solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im
-»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft
-geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung
-ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der
-Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »-- --wenn--trotzdem
-neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer
-wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften
-Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen
-Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches
-und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn
-sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und
-Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger
-Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt
-als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?--
--- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen
-Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend
-einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb,
-_wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts übrig, als sich
-wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. »Wie macht man sich
-wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --?« diesem entsetzlichen
-Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren
-Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die
-Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in
-welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten
-geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören:
-»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich
-endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche
-Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie
-kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten,
-lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich
-bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe
-das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen
-Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der
-Verworfenste von Allen.-- -- -- --.« (Morgenröthe 14.)
-
-Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich
-auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt
-werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später
-Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging
-aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden,
-von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des
-Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle
-ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene
-ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit
-seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden.
-Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen
-sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank;
-unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden
-Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen
-Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem
-auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang
-zufallen,--für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung;
-mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu
-seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,--für diesen war es nur der
-Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in
-sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung«
-(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung
-von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem
-Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits
-von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als
-Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor
-den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn
-in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen
-Glanz: »Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein,
-in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und
-Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei
-Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske.
-Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen,
-während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt,
-das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins
-Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »_Hier ist
-die Aussicht frei_« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung,
-dass es Grösse der Seele sein könne, »_dem Unwürdigsten_« ohne
-Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein
-Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit;
-ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«
-
-So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte
-Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das
-Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste.
-Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer
-selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persönlichem Handeln
-und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich
-verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre
-in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt
-gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben
-zurückverwandelt,--entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen
-in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II
-35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich,
-anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer
-Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen,
-so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die
-_rein menschliche Lebenstragödie_. Zarathustras erlösende Weltthat
-ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der
-Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis
-erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches
-Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer
-aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer
-solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst
-du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins
-beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen
-Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich
-Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar
-verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die
-Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.
-
-»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich--hörte
-nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
-Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde
-ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis
-zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein
-Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch
-wagte ich niemals, dich _herauf_ zü rufen: genug schon, dass ich dich
-mit mir--trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden
-Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die
-Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst
-befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,--das lachende
-selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht,
-weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:
-
-»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
-weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss.
-Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.
-Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hörte ich
-solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es
-ohne Stimme zu mir: »_Du weisst es, Zarathustra_?«--Und ich schrie
-vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem
-Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah
-ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss
-und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und
-floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich
-aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- --
---« Also sprach Zarathustra II 97 ff.
-
-Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:
-
-»Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie
-ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als _ob
-noch Einer_[11] auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle;--
--- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte:
-
-Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
-Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
-schon wach krähen!
-
-Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
-Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Gräber horchen lernen_![12]
-
-Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
-mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
-Blindgeborne.
-
-Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist
-das _meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie
-heisse--weiterschlafen![13]
-
-Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln--reden
-sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!
-
-Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher
-des Leidens, der Fürsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen
-abgründlichsten Gedanken!
-
-Heil mir! Du kommst--ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte
-Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!
-
-Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel,
-Ekel-- -- --wehe mir!«
-
-Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als
-eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen
-Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn
-den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch
-die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und
-Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft
-hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung
-einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du
-geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise
-mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals
-und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung
-überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben,
-das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das
-eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess:
-gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr
-das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen
-soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet
-ihr das schon?«
-
-So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an
-deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in
-die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,--nicht hineinklettern lässt es
-sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir
-nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen
-eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwärts steigen?--
--- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun
-und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,--hinan,
-hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!« (Also sprach
-Zarathustra III 2 f.)
-
-Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen
-nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche
-Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt
-und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden,
-umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine
-Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken,
-die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes
-Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur _können_
-wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen,
-welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch
-nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die
-völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten
-seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns
-zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang
-aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht
-worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein
-bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier
-soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den
-Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach
-Zarathustra III 2.)
-
-Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns
-unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen
-her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach,
-ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte
-Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese
-schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch
-muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als
-ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es
-mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.
-
-Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
-dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein
-geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das
-Höchste zu seiner Höhe kommen_.--« (III 2 ff.)
-
-So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des
-Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge
-stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg«
-(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren
-vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und
-Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um
-Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem
-Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm
-treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein,
-gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich
-denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn
-mich einst meine Klugheit verlässt:-- --möge mein Stolz dann noch mit
-meiner Thorheit fliegen!
-
---Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)
-
-So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang
-und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.
-
-Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr
-eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der
-es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und
-Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise
-durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu
-finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der
-Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt
-(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen
-ist,--wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim
-Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem
-Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_.«
-In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis.
-Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem
-ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher
-bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen _glaubenheischenden_
-Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere
-Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die
-Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt
-und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt.
-Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner
-pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches
-hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng
-individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem
-eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit
-sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die
-je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand
-selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab,
-_absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem
-Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch
-eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in
-dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er
-seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:
-
-
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....
-
- Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,
- Das Fest der Feste:
- Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste!
- Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,
- Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss
-
-
-wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem
-wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.
-
-Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein,
-diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem
-Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die
-Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger
-Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des
-Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie.
-Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben
-und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und
-dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von
-mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schöpfer-Philosoph
-dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich
-selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle
-vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet.
-»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch,
-also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner
-Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder
-rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen
-Zukunft zu trennen.
-
-Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte
-auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er
-den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder
-von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien
-ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere
-angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit,
-dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst
-und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb dürfen sie nunmehr
-auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden
-sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen
-er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so
-häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick
-und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten
-seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit
-seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen
-entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er
-seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein
-individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt,
-dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern
-Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als
-unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte
-dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in
-cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut
-und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu
-Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals
-ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der
-im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr
-nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles
-um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche
-jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die
-er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und
-Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit
-dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim--mein
-eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut
-unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)
-
-Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren
-Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines
-Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das
-Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die
-»_Moral für Häuserbauer_«, so dachte er und ignorirte, dass es für
-seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist
-also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen
-Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die
-abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran
-glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können.
-Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz
-besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie
-an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,--Wagner gegenüber in
-der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem
-interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und
-wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem
-Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem
-Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges
-Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.
-
-Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig
-und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom
-September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von
-»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren
-Schriften seien »_zurückzudatiren_«, sie redeten _nur_ von dem,
-was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _überwunden_, was bereits
-_hinter_ ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden,
-habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die
-vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer
-Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen
-ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen
-Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die
-nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen
-Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam
-mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort
-anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten
-Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass
-man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere
-Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den
-vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine
-Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und
-verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener
-Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze
-zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche
-Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung
-nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur
-der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich
-geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche
-nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und
-Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der,
-wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer
-zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber
-durchzusetzen.
-
-Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »_Umwerthung
-aller Werthe_« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht
-worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig,
-abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede
-vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer
-Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte
-heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster
-Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie
-geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter
-Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist,
-in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen
-seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon
-stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen«
-und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden
-Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich
-mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch
-abfindet,--und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein
-Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt
-und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie
-fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig
-verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde
-Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die
-Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschütterung sehen wir
-ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung
-hinübergleiten.
-
-Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885
-entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung,
-der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus
-seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und
-da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten
-Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht
-das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den
-Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen
-verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen
-Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag,
-dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen
-Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte,
-dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit
-für immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren höchsten Gedanken
-die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen
-wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken
-ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite
-das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten
-Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen
-nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst
-du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt
-Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher
-als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7).
-Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
-mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also
-sprach Zarathustra IV 87.)
-
-Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied
-er--lachenden Mundes, »rosenumkränzt«--das Leben entschuldigend,
-rechtfertigend, verklärend--. In dionysischen Dithyramben klang sein
-Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein
-Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch
-Zarathustra.
-
-Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst:
-schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft
-200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens
-froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als
-ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch
-Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber,
-durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag,
-psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als
-mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn
-und Werth seiner Werke.
-
-Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen
-entgegen: das Gelächter eines Irrenden--und das Lächeln des
-Ueberwinders.
-
-
-[1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken
-seiner vorhergehenden Periode:
-
-»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten«
-Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese
-dem Bedürfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren
-Wunsch, dass es so sein möge,--also dass das Beseligende auch das
-Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
-einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon
-_verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals für ihn geradezu
-die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir-- --Feinheit und Genie,
-wenn der Mensch-- --schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei
-sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die
-innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die höheren
-Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft
-2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen _der
-wahren Grösse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen
-Genialität, »das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem
-Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst
-von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine
-Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre
-»Vernünftigkeit«--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend
-fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens
-beleidigt oder beschämt wurden,-- -- --: so wäre die Menschheit längst
-zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als
-ihre grösste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das
-Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in
-der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande.
-Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des
-Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines
-Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste
-Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander
-übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen--
--- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube)
--- -- --verlangt,-- -- -- --macht Künstler und Dichter zu
-Ueberläufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine
-förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches
-Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte
-sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und
-Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich
-von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des
-Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Kräftigenden_ machen.« Gleich
-ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber
-einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche
-Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten
-Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird
-überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und
-bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität
-zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen
-unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn
-der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich
-auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 635.)
-
-[2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147
-Nietzsches Protest gegen »_die Kunst als Todtenbeschwörerin_«, weil sie
-die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen
-will. »Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und
-macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben
-wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch wirkt dasselbe
-schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und »Todtenbeschwörer«
-dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle Menschen«, denn sie
-»schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem
-an sie es nachzuempfinden vermögen«. (Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so
-meinte er, dem Gefühlsüberschwang möglichst entgegenwirken, der uns in
-verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmählich überkommen
-ist; sich darin gehen lassen, käme einer Annäherung an Wahnsinn und
-Krankheit gleich: »-- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross
-geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die
-allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europäischen
-Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien
-in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.-- -- --dennoch macht sich
-eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden
-Kultur-Last nöthig,-- -- -- --wir müssen den Geist der Wissenschaft
-beschwören, welcher kälter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --«.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der
-höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen,
-welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse
-am Wahren hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der
-Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten
-Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist
-die nächste Folge.« (I 251.)
-
-[3] Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die
-demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte
-Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)--Unmöglichkeit fürderhin, dass die
-Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen
-Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen
-Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_!«
-(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »-- --die wildesten
-Kräfte brechen Bahn,-- -- --damit später eine mildere Gesittung hier
-ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Böse
-nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I
-246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren
-Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner
-Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen
-Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später
-ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und
-Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die
-Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende
-Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer
-früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn
-die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und
-zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein
-_zurückgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an
-Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende
-liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen,
-beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist
-ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen
-entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die
-rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der
-andere lebt auf deren _höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von
-dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der
-Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)
-
-[4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): »Die
-italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten,
-welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des
-Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den
-Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft_.«
-
-Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und
-Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »--
---Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen
-jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte
-Cäsaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu
-schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.--
--- -- -- --In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn
-wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach
-allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch
-im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth
-von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich,
-bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem
-Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's
-erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich
-und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der
-Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen
-modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in
-einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und
-Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.«
-
-In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des
-Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition
-zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit«
-dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.
-
-[5] Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen Charakters
-lese man in der _Morgenröthe_ (205) seinen Aphorismus »_Vom Volke
-Israel_«: »-- --Wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser
-Eindrücke,-- -- --, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden,
-Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,--wohin soll
-sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen
-und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene
-Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen
-Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen
-vermögen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da
-sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schöpfung und
-seines auserwählten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen
-uns mit ihm freun!«
-
-[6] Für diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualität
-hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied
-modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten Worte gefunden.
-Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden Aussprüche
-gelten:
-
-»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
-Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
-
-Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
-Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der
-Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie
-nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände
-schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
-
-Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück--ja,
-zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
-Menschen-Sinn!-- -- -- --
-
-Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
-Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
-unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.)
-
--- --»Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- --
-
--- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- --
-
-Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
-nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- --
-
-Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
-künden: frei wozu?
-
-Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
-über dich aufhängen wie ein Gesetz?-- -- --« (I 87 f.)
-
-»-- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde
-ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.)
-
-»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.)
-
-»--von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe
-zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand
-ich's.« (III 14.)
-
-»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
-hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: »-- -- -- --
-
-Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
-Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- --
-
-Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
-ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«-- --
-
-Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
-du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
-
-Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden
-sie deine Tugenden und Freudenschaften.
-
-Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
-Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
-
-Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
-Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)
-
-[7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des Dinges
-an sich.
-
-[8] Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen Wissenschaft«
-(84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin
-sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren Leidenschaften
-befreit wurden, indem »man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer
-Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen
-rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer
-Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher
-sich freier und ruhiger fühle«.
-
-[9] Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung der
-ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom Gesicht
-und Räthsel«.
-
-»Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege
-kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
-
-Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
-hinaus--das ist eine andre Ewigkeit.
-
-Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
-Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
-Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.«
-
-Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer
-ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?«-- -- --
-
-Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse
-gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon
-einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
-
-Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du--von diesem
-Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein?
-
-Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
-Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber
-noch?
-
-Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
-_hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!--
-
-Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
-Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von
-ewigen Dingen flüsternd--müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
-
---und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,
-in dieser langen schaurigen Gasse--müssen wir nicht ewig wiederkommen?--
-
-Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
-eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- --
-
-Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen
-Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine
-Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen.
-
-»Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange
-nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den
-Kopf ab! Beiss zu!«--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
-Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem
-Schrei aus mir.-- -- --
-
---Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
-Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.--
-
-Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein
-Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein
-Mensch, wie ei lachte!
-
-Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen
-war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer
-stille wird.«
-
-Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von
-der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst:
-indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen
-zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden
-Uebermenschen:
-
-»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
-doch das Gesicht des Einsamsten!
-
-Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im
-Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?«
-
-Vgl. (III 96): »-- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und
-mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«
-
-[10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten
-wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend
-beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster
-Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis
-seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte.
-Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ »_Das System des
-Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare
-des Çankara über dieselben_.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der
-Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt,
-ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist
-unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss
-dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung
-des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten,
-allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung,
-dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem
-seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt
-einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man
-die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in
-ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur
-Erklärung an den Rand zu schreiben.
-
-[11] Nietzsche--Zarathustra.
-
-[12] Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.
-
-[13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des
-Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen vermag.
-
-[14] Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in den um
-dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile
-von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«.
-Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.):
-
-
- Jetzt--einsam
- mit dir,
- _zwiesam im eignen Wissen_,
- _zwischen hundert Spiegeln_
- _vor dir selber falsch_,
- _zwischen hundert Erinnerungen_
- _ungewiss_,
- an jeder Wunde müd,
- an jedem Froste kalt,
- in eignen Stricken gewürgt,
- _Selbstkenner!_
- _Selbsthenker!_
-
- Ein Kranker nun,
- der an Schlangengift krank ist;
- ein Gefangner nun,
- der das härteste Loos zog:
- im eignen Schachte
- gebückt arbeitend,
- _in dich selber eingehöhlt_,
- _dich selber an grabend_,
- _unbehülflich_,
- _steif_,
- _ein Leichnam_--,
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
- Lauernd,
- kauernd,
- Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!
- _Du verwächst mir noch mit deinem Grabe_,
- _verwachsener Geist!_...
-
-
-
-
-
-
-DIE BRIEFE
-
-
-Erster Briefe
-
-
-An Lou von Salome
-
-[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]
-
-Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen
-Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus
-dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne
-Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen
-Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter
-ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«--Zum
-Beispiel Plato.
-
-Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie
-ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in
-seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker
-ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser
-ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu
-gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame
-Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen
-und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie;
-vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?--
-Aber über mein Leben ist schon verfügt.--
-
-Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen
-Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr
-»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist
-nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten
-Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das
-wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt
-gelangten--andre Wege vorbehalten.--
-
-Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist,
-wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen
-Wissenschaft« ein--[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten
-Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: »Was ist
-Wahrheit!«--
-
-Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft
-mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte.
-Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres,
-zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und
-dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht
-irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein.
-Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter
-in Tränen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden
-Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner
-selber« machen.--
-
-Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2.
-Oktober? Adieu,
-
-
-
-
-Zweiter Briefe
-
-
-An Lou von Salome: 16-07-1882.
-
-Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend
-über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an
-Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.
-
-Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu
-müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte,
-dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum
-Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich
-möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in
-Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in
-Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange
-Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.
-
-Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem
-schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde
-Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu
-gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches
-Allzumenschliches« ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu
-Ende.
-
-Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des
-Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit
-meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie
-neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich
-über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden
-damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft
-in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte
-mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir
-nicht erträglich.)
-
-Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug
-auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!«
-Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für
-Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.
-
-
-
-
-Dritter Briefe
-
-
-Tautenburg bei Dornburg Thüringen.
-
-3. Juli 1882
-
-Meine liebe Freundin,
-
-Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir
-zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste
-Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können--meine Schwester
-sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der
-»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte
-Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6
-Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre!
-Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse!
-Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir
-diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen
-kleinen Streifen _unbewölkten Himmels_ über sich:--oh liebe Freundin,
-so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und
-weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das
-Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein
-vollständiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich
-weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich
-sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!--Aber
-von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein
-und brauche mich nicht zu fürchten.--
-
-Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschließlich_
-an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig
-von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Süden
-Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam
-sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe
-ich fast Alles noch zu lernen!--
-
-Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es
-gesagt haben.
-
-Unserem Rée das Herzlichste!
-
-Ganz _Ihr_ F.N.
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
-
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-
-
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- The Project Gutenberg eBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by Lou Andreas-Salomé.
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-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken
-
-Author: Lou Andreas-Salomé
-
-Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
-
-
-
-
-Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org
-
-
-
-
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-
-
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-</div>
-
-<h1>FRIEDRICH NIETZSCHE</h1>
-
-<h4>IN SEINEN</h4>
-
-<h4>WERKEN</h4>
-
-<h5>VON</h5>
-
-<h2>LOU ANDREAS-SALOMÉ.</h2>
-
-<h4>MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.</h4>
-
-
-<h5>ZWEITE AUFLAGE.</h5>
-<hr class="r5" />
-
-<p class="center"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:
-<br />
-<span style="font-size: 0.8em;">NIETZSCHES WAHLSPRUCH:</span><br />
-»Increscunt animi, virescit volnere virtus.&mdash;«<br />
-<span style="margin-left: 10%;">Furius Antias bei Gellius.</span><br />
-</p>
-<hr class="r5" />
-<h5>VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN</h5>
-
-<h5>(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.</h5>
-<hr class="full" />
-
-
-<blockquote>
-
-<p>Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem
-inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch
-mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in
-unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.</p>
-
-<p style="margin-left: 65%;">Lou Andreas-Salomé.</p></blockquote>
-<hr class="r5" />
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/nietzsche_001.jpg" width="475" alt="" />
-<div class="caption">Friedrich Nietzsche</div>
-</div>
-<hr class="tb" />
-<h5>IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET</h5>
-
-<h4>EINEM UNGENANNTEN</h4>
-<hr class="tb" />
-
-<p style="font-size: 0.8em; margin-left: 30%;">INHALTS-VERZEICHNISS.</p>
-
-<p style="margin-left: 30%;">
-<a href="#I_ABSCHNITT">Sein Wesen</a><br />
-<a href="#II_ABSCHNITT">Seine Wandlungen</a><br />
-<a href="#III_ABSCHNITT">Das »System Nietzsche«</a><br />
-</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/nietzsche_002.jpg" width="475" alt="" />
-<div class="caption">F. Nietzsche. Zeichnung: Hans Olde.</div>
-</div>
-<hr class="chap" />
-
-<p style="margin-left: 20%;">Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.</p>
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/briefe_001.jpg" width="475" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 475px;">
-<img src="images/briefe_002.jpg" width="475" alt="" />
-</div>
-
-<p style="margin-left: 30%;">(<a href="#Erster_Briefe">Gedruckter text.</a>)</p>
-
-<p class="p2" style="font-size: 0.8em; margin-left: 20%;">[Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem
-vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Ich kenne mancher Menschen Sinn<br />
-Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!<br />
-Mein Auge ist mir viel zu nah&mdash;<br />
-Ich bin nicht, was ich seh und sah.<br />
-Ich wollte mir schon besser nützen,<br />
-Könnt' ich mir selber ferner sitzen.<br />
-Zwar nicht so ferne wie mein Feind!<br />
-Zu fern sitzt schon der nächste Freund&mdash;<br />
-Doch zwischen dem und mir die Mitte!<br />
-Errathet ihr, um was ich bitte?«<br />
-<br />
-(Scherz, List und Rache 25.)]<br />
-</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h4><a name="I_ABSCHNITT" id="I_ABSCHNITT">I. ABSCHNITT</a></h4>
-
-
-<h3>SEIN WESEN.</h3>
-<hr class="r5" />
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;">
-<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Der Mensch mag sich noch so<br />
-weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,<br />
-sich selber noch so objectiv Vorkommen:<br />
-zuletzt trägt er doch Nichts davon,<br />
-als seine eigene Biographie.«<br />
-(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)<br />
-</p>
-
-
-<p class="p2">»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen
-wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas
-zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber
-sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner
-Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden
-Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist
-es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit
-an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die
-sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für
-sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein
-eignes Selbst in Gedanken umsetzte.</p>
-
-<p>Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch
-den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse
-für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und
-inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz
-besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen
-überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer
-Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den
-Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was
-jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres
-Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits
-von Gut und Böse 6.)</p>
-
-<p>Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden
-Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den
-ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit
-enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und
-einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,&mdash;der Inhalt des dritten, das
-eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe
-der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander
-folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus
-ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Es
-handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von
-Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine
-Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem
-Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der
-rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein
-persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt
-werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten
-sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen
-wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen
-vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner
-Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht
-in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch
-begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen
-Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit
-redet,&mdash;in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen,
-aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches
-äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der
-würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher
-der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er
-nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> all sein Erleben war ein
-so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund,
-und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen,
-aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen
-bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein
-Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu
-zeichnen versuche: das <span class="gesperrt">Gedanken-Erlebniss</span> in seiner Bedeutung für
-Nietzsches Geisteswesen&mdash;das <span class="gesperrt">Selbstbekenntniss</span> in seiner Philosophie.</p>
-
-<p>Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend
-ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind,
-theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so
-ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu
-unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner
-Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand,
-zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite
-Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren,
-welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem
-Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und
-Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von
-Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand.
-Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen
-Lärm um seinen stillen Namen,&mdash;aber im Besten, durchaus Einzigartigen
-und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht
-übersehen worden und unbeachtet geblieben,&mdash;ja in eine vielleicht noch
-tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn
-zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit,
-doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der
-Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur
-Lob&mdash;« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm
-wahrhaft nachgegangen,&mdash;fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit
-und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat
-diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen
-Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem
-ungeheuren Wahn zusammenbrach.</p>
-
-<p>Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten
-preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren
-Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel
-gehoben,&mdash;ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf
-den Lippen:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>»Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen,
-aber Niemand&mdash;denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die
-ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine
-Gedanken.«</p></blockquote>
-
-<p><span class="gesperrt">Friedrich Wilhelm Nietzsche</span> ist am 15. October 1844 als der
-einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo
-sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung
-empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student
-der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der
-berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich
-unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm
-im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt
-Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er
-1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen
-lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut
-gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität
-Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen
-Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche
-erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche
-Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig
-verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen
-Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen
-in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,&mdash;einer
-Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,&mdash;an welcher noch
-andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob
-Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen
-Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an
-sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu
-voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer
-habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten
-Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz
-Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den
-beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach
-Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler
-Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss
-seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner
-einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später
-seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach
-Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als
-freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten
-drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch
-wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will
-man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken,
-so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben
-erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank,
-dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab
-verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem
-Tode nahe war.</p>
-
-<p>»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich
-gequält,&mdash;so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine
-Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem
-Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre
-zugebracht hat.</p>
-
-<p>Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von
-Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom
-war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin
-der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners)
-zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon
-damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem
-kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger
-brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf
-starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine
-Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium
-und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem
-führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien&mdash;meistens in
-Genua&mdash;theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner
-Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.</p>
-
-<p>Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam
-beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt:
-so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen
-haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich
-entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und
-Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit
-der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher
-zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache
-in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt
-umfassen:</p>
-
-<p>Zehn Jahre, 1869-1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel;
-diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig
-zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und
-mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik
-Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in
-welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung
-Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches,
-Allzumenschliches« übersandte.</p>
-
-<p>Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul
-Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,&mdash;gleichzeitig mit der
-Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke
-Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.</p>
-
-<p>Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre
-lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser
-Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich
-zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als
-ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt,
-sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene
-Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm
-angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch
-seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.</p>
-
-<p>Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur
-und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum
-ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879-1889. Seitdem lebt Nietzsche als
-Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von
-Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.</p>
-
-<p>Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche
-inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die
-Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere,
-am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher
-der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten
-Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb,
-was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene,
-die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,&mdash;das war der erste, starke
-Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen
-Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner
-überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit
-den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar
-konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen
-Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart
-fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose
-Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei
-er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer
-diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,&mdash;sie trug das
-Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön
-und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen,
-waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie
-seinen Geist verriethen,&mdash;eine darauf zielende Bemerkung findet sich in
-»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine
-unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden,
-wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten
-&mdash;als ob die Hand kein Verräther wäre!&mdash;.«<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p>
-
-<p>Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen
-sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen
-vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer
-eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick
-streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz
-besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere
-Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres
-zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,&mdash;weit über die
-nächsten Gegenstände hinweg,&mdash;in die Ferne, oder besser: in das Innere
-wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung
-nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten
-Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits
-von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er
-sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu
-Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen
-und schwinden;&mdash;wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach
-die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen
-Tiefen,&mdash;aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er
-mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen
-erfasste,&mdash;und in die sein Geist zuletzt versank.</p>
-
-<p>Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte
-auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser
-Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen,
-wohlwollenden Gleichmuth,&mdash;er hatte Freude an den vornehmen Formen im
-Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an
-der <span class="gesperrt">Verkleidung</span>,&mdash;Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes
-Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten
-Male sprach,&mdash;es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche
-zu Rom,&mdash;während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm
-mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem
-Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der
-aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr
-bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst
-hat: »Bei Allem, was ein Mensch <span class="gesperrt">sichtbar werden</span> lässt, kann man
-fragen: was soll es <span class="gesperrt">verbergen</span>? Wovon soll es den Blick ablenken?
-Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht
-die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«</p>
-
-<p>Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher
-Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,&mdash;einer sich
-stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.</p>
-
-<p>In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein
-zum Schein,&mdash;zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe
-nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche
-zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als
-Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst
-eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches
-II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich
-theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter
-der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie
-entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber
-noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er
-»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter
-seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet
-eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von
-den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut
-und Böse 44),&mdash;von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit <span class="gesperrt">verhüllen</span>.</p>
-
-<p>In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche
-in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es,
-welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt.
-»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht
-eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine
-Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).</p>
-
-<p>»Wanderer, wer bist Du?... Ruhe Dich hier aus ... erhole
-Dich!... Was dient Dir zur Erholung?...« »Zur Erholung? Zur
-Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich
-bitte....« »Was? Was? sprich es aus!&mdash;»Eine Maske mehr! Eine zweite
-Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).</p>
-
-<p>Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als
-seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf
-sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen
-Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner
-Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein
-immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein
-Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die
-Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist
-tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren,
-nicht an Maskirung denken lässt&mdash; und doch nimmt er sie gerade
-ihretwegen vor,&mdash;um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid
-und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu
-der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich <span class="gesperrt">verbirgt</span>:
-»&mdash;bisweilen ist die <span class="gesperrt">Narrheit selbst</span> die Maske für ein unseliges allzu
-gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),&mdash;und endlich bis zu
-einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz
-in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner
-letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit
-versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns
-nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken
-und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem
-geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt:
-»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus
-Sils-Maria.)</p>
-
-<p>Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen
-Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns
-anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,&mdash;immer trägt
-er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich,
-wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es
-drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein
-seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde
-schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)</p>
-
-<p>»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer
-deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,&mdash;und den Zustand,
-in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele
-Opfer dafür bringen können.«</p>
-
-<p>Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie
-möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein <span class="gesperrt">körperliches
-Leiden</span>, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr
-mit einzelnen seiner Freunde,&mdash;immer einen seltenen Verkehr zu
-Zweien,&mdash;nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.</p>
-
-<p>Leiden und Einsamkeit,&mdash;das sind also die beiden grossen Schicksalszüge
-in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt,
-je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes
-wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich <span class="gesperrt">gegebenes
-Lebenslos</span>, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine
-<span class="gesperrt">gewollte innere</span> Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein
-physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit,
-reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches&mdash;und dies so
-unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie
-einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er
-einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus
-Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass
-Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während <span class="gesperrt">bei
-mir</span> Leiden und Entbehrung <span class="gesperrt">zur Sache</span> gehören und nicht, wie bei Ihnen,
-zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«</p>
-
-<p>Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten
-Aphorismen über den <span class="gesperrt">Werth des Leidens für die Erkenntniss</span>.</p>
-
-<p>Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des
-Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge
-solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch
-wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig
-eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der
-vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen
-und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer
-wieder auch dem Geiste neu werden,&mdash;»<span class="gesperrt">neu schmecken</span>« nennt er es
-einmal höchst treffend,&mdash;und setzt ganz neue Augen auch noch für das
-Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der
-Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil <span class="gesperrt">eine Nacht</span>
-es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm
-zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um
-ihn,&mdash;und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.</p>
-
-<p>Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen
-Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle,
-so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger
-hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes
-betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des
-Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner
-natürlichen Grösse entgegenwächst,&mdash; nicht den Wandlungen des
-<span class="gesperrt">Wachsthums</span>: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast
-rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes
-nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem <span class="gesperrt">Erkranken an
-Gedanken und einem Genesen an Gedanken</span>.</p>
-
-<p>Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus
-dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue
-Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat
-er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,&mdash;da
-ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein
-unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen
-Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt.
-»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche
-im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);&mdash;in diesem Zuviel thut seine
-Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen,
-reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist
-fruchtbar werden will.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht
-umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8)
-geisselt er sich,&mdash;nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber
-eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses
-<span class="gesperrt">Schmerzheischende</span> zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte
-Nietzsches als die eigentliche <span class="gesperrt">Geistesquelle</span> in ihr; er spricht es
-am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber
-ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne
-Wissen,&mdash;wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt
-zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,&mdash; wusstet ihr das
-schon?... Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss
-nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also
-sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,...
-ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre
-Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen
-des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist,
-List, Grösse geschenkt worden ist:&mdash;ist es nicht ihr unter Leiden,
-unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von
-Gut und Böse 225.)</p>
-
-<p>Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig
-hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben
-in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen
-und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus
-dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben
-müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu
-höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,&mdash;aber
-nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss
-verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier
-gehört,&mdash;wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,&mdash;»das
-Leiden zur Sache«.</p>
-
-<p>Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren
-Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand
-einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten
-Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als
-des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des
-»Einzelnen« ist durchaus eine <span class="gesperrt">Leidensgeschichte</span> und nicht irgend
-welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,&mdash;ihr Inhalt lautet
-viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »<span class="gesperrt">Selbsterduldung</span>«.Betrachtet
-man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann
-liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es
-verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn
-Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker
-braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der
-Wanderer und sein Schatten 249.)</p>
-
-<p>Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste
-Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder
-heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom
-Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme!
-brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist,
-und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von
-Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf
-den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten
-Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich
-nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,&mdash;<span class="gesperrt">weil</span> es mich nicht
-halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer
-Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst
-sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe
-hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p>Der <span class="gesperrt">Meinungswechsel</span>, der <span class="gesperrt">Wandlungsdrang</span> stecken daher der
-Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für
-die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied
-von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst
-bezwungen,&mdash;Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt.... Durch eignen
-Sieg verwundet und gehemmt.«</p>
-
-<p>Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben,
-nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der
-<span class="gesperrt">Ueberzeugungstreue</span><a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen
-nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten
-(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass
-wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der
-Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten
-aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was <span class="gesperrt">gegen Deinen
-Gedanken</span> gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten
-Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug
-gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind
-nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,&mdash;aber auch
-Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht
-als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese
-Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger
-Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue
-Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets
-gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche
-Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der <span class="gesperrt">Geist</span> ist es, der uns
-rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.... Vom Feuer
-erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung
-zu Meinung,... als <span class="gesperrt">edle Verräther</span> aller Dinge.« (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 637.) »&mdash;wir <span class="gesperrt">müssen</span> Verräther werden,
-Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches,
-Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich
-selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in
-dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;&mdash;nur so vermochte
-er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art
-seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in
-Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich
-allein an meiner Ferse!... Und nur wo Gräber sind, gibt es
-Auferstehungen!... Also sang Zarathustra;« (II 46).&mdash;Er, zu dem das
-Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das,
-was sich immer selber überwinden muss« (II 49).<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p>
-
-<p>Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht,
-wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können
-wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade
-hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts
-anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser
-wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung
-seines Selbstbildes,&mdash;und desto naiver legte er es dem Allbilde als
-solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre
-eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so
-verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild
-zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen
-Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht.
-Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo
-Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet
-wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in
-einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und
-der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen
-nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller
-Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und
-sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein
-Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein
-geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit
-seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in
-eingehenden Gesprächen darüber.</p>
-
-<p>Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche,
-deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander
-stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und
-Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe
-verglich er,&mdash;innerhalb des einzelnen Individuums,&mdash;mit dem Zustande
-der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen
-Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein
-Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier
-die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren
-Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben
-in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle
-leben würden;&mdash;die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in
-eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine
-Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen
-her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann,
-die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher
-Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den
-zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht&mdash;die
-Einordnung des Einzelnen ins Ganze,&mdash;das muss hier erst erobert und den
-tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich
-feste Rangordnung der Triebe untereinander.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a>
-</p>
-
-<p>Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit
-einer <span class="gesperrt">Selbstbehauptung als Ganzes durch das
-Leiden alles Einzelnen</span> aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer
-Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner späteren
-Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit eines
-höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden und
-Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des <span
-class="gesperrt">Heroismus als Ideal</span> auf. Die eigene qualvolle
-Unvollkommenheit riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen:
-»Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, II 86).</p>
-
-<p>»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten
-Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich
-füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb,
-und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen
-scheinen:</p>
-
-<p>»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen
-Allentwicklung,&mdash;ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther!
-Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p>
-
-<p>Weiter: »Heroismus&mdash;das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel
-erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt.
-Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«</p>
-
-<p>Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich
-böse Menschen; es ist ihre <span class="gesperrt">einzige Art, sich zu ertragen</span>.« Das Wort
-»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des
-landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen
-werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine
-solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer
-Menschenseele,&mdash;dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten«
-nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege
-einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes
-bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen
-da: Innenkrieg=Décadence, und Sieg<span class="gesperrt">=</span>Selbstuntergang der Menschheit
-zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es
-sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.</p>
-
-<p>Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die
-heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des
-<span class="gesperrt">handelnden</span> und des <span class="gesperrt">erkennenden</span> Menschen, mit anderen Worten: den
-Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.</p>
-
-<p>Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte,
-der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen
-Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester
-zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen.
-Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt,
-enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist
-ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts
-erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner
-Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem
-Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was
-ihr wohl thut und noth thut,&mdash;er hat sich ihr in seinen Zielen nicht
-entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.</p>
-
-<p>Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen
-Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält,
-lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter
-das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der
-Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie
-betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine
-Zwecke,&mdash;für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben
-ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft
-seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen
-unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst
-freiwillig als Einheit auf,&mdash;je polyphoner sein Subject, desto lieber
-ist es ihm:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Scharf und milde, grob und fein,<br />
-Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,<br />
-Der Narren und Weisen Stelldichein:<br />
-Dies Alles bin ich, will ich sein,<br />
-Taube zugleich, Schlange und Schwein!«<br />
-(Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)<br />
-</p>
-
-<p>Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott,
-Teufel, Schaf und Wurm in uns,... mit Vorder- und Hinterseelen,
-denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder-
-und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die
-geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der <span class="gesperrt">Einsamkeit</span>....«
-(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche
-»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,... die
-<span class="gesperrt">umfänglichste</span> Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und
-schweifen kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im
-weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am
-süssesten zuredet: ... die sich selber bebendste, in der alle Dinge
-ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben....« (Also
-sprach Zarathustra III 82.)</p>
-
-<p>Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn«
-(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu
-entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn
-man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit
-zu Zeit zu <span class="gesperrt">verlieren</span>&mdash;und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass
-man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine
-Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das
-Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und
-Rache 33):</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!<br />
-Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,<br />
-Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,<br />
-In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.<br />
-Von ferne her mich endlich heimzulocken,<br />
-Mich selber zu mir selber&mdash;zu verführen.«<br />
-</p>
-
-<p>Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den
-Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene;
-denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem
-Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von
-den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner
-eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und
-Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte
-vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,&mdash;steht
-es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem
-Erkennenden die Schilderung:&mdash;das ist ein Mensch, der beständig
-ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt;
-der von <span class="gesperrt">seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her</span>,... als von
-<span class="gesperrt">seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen</span> getroffen wird.« (Jenseits
-von Gut und Böse 292.)</p>
-
-<p>Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern
-ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die
-Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade
-hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde&mdash;) ihr Spiel
-getrieben haben mögen, wird finden,... dass jeder Einzelne
-von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und
-als berechtigten <span class="gesperrt">Herrn</span> aller übrigen Triebe darstellen möchte.
-Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und <span class="gesperrt">als solcher</span> versucht er zu
-philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).</p>
-
-<p>Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes
-Zeugniss dafür ab, <span class="gesperrt">wer er ist</span>,&mdash;das heisst, in welcher Rangordnung
-die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind«
-(ebendaselbst).</p>
-
-<p>Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine
-Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,&mdash;eine
-rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen
-Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von
-ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen.
-Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit
-gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber
-sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern
-und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie
-werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen
-und zu bluten berufen sind;&mdash;das heroische Ideal ist inmitten ihrer
-Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg
-zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines
-sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.</p>
-
-<p>Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr
-bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und
-Tiefe seiner Natur ausdrückt,&mdash;die Lust, die daraus entspringt, dass
-er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche
-Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg
-gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in
-meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz
-hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht
-gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht
-aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können?
-sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«</p>
-
-<p>Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249)
-der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des
-Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine
-Selbstlosigkeit,&mdash; vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches
-durch viele Individuen wie durch <span class="gesperrt">seine</span> Augen sehen und wie mit
-<span class="gesperrt">seinen</span> Händen greifen möchte,&mdash;ein auch die ganze Vergangenheit noch
-zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt
-gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in
-hundert Wesen wiedergeboren würde!«</p>
-
-<p>Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der
-unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug:
-»Wollten und wagten wir eine Architektur nach <span class="gesperrt">unserer</span> Seelen-Art,...
-so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe
-169.)&mdash;aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert,
-sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man
-muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären
-zu können«,&mdash; dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die
-zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten
-Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem
-Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und
-sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet
-sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist
-gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«</p>
-
-<p>Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger,
-also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich
-gleichsam in ihr verbrennen lässt,&mdash;alle ihre Neigungen als Brennstoff
-in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht,
-wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches
-Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen
-Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich
-auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt,
-innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man
-kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen
-sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt,
-bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich
-in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und
-Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen
-werden.</p>
-
-<p>Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen
-hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter,
-so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,«
-sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist <span class="gesperrt">sein</span>
-typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder
-aufrichtete, über sich selbst erhob,&mdash;an dem er auch endlich sich in
-sich selbst überschlug und zu Grunde ging.</p>
-
-<p>Und daran <span class="gesperrt">musste</span> er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen
-Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag
-auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung
-verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte
-vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss,
-müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen
-Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit
-grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was
-Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu
-beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem <span class="gesperrt">Stimulans</span>
-für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für
-ihre Zwecke,&mdash;sie <span class="gesperrt">umfasst</span> also schadlos Kampf und Krankheit. Auf
-solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er
-am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen:
-alseine <span class="gesperrt">Genesungs</span>geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige
-Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem
-Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach
-erlangter Genesung, <span class="gesperrt">bedurfte</span> sie wiederum ebenso nothwendig der
-Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung
-geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich
-selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu
-ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten
-Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht,
-kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward
-ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47),
-und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> (Also sprach
-Zarathustra II 2). »<span class="gesperrt">Sich Schmerzen machen</span>. Rücksichtslosigkeit des
-Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung,
-welche Betäubung begehrt.» Menschliches, Allzumenschliches I 581.</p>
-
-<p>Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende,
-welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug
-für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja <span class="gesperrt">enthalten</span> sich
-gegenseitig,&mdash;beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche
-<span class="gesperrt">Selbstspaltung</span> innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.</p>
-
-<p>Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten
-Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die
-Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten
-Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel
-aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang <span class="gesperrt">innerhalb</span>
-der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich
-alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit
-wird auf eine um so tiefer gehende <span class="gesperrt">Zweispaltung</span> reducirt. So wenig
-wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit <span class="gesperrt">umfasst</span>,
-so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das
-gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt:
-der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst
-wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen
-Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie
-hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt,
-eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,&mdash;aber die Tiefe
-der Trennung erweckt den <span class="gesperrt">Schein</span>, als läge das Ziel aller Regungen
-<span class="gesperrt">ausser ihnen</span>. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte
-begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und
-ihrem Zwiespalt zu entlaufen.</p>
-
-<p>Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von
-Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen
-Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick,
-zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,&mdash;dass auf der anderen das
-Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung
-erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem
-der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen <span class="gesperrt">zersetzt</span>,
-die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des
-Gedankens beständig <span class="gesperrt">lockern</span>. So durchdringt thatsächlich die Spaltung
-des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.</p>
-
-<p>Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende
-Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen
-lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein,
-wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen
-und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen
-Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des
-Gesunden und Pathologischen in ihm.</p>
-
-<p>Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei
-einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen
-die Eine herrscht, die Andere dient,&mdash;wird es dem Menschen ermöglicht,
-zu sich selber nicht nur wie zu einem <span class="gesperrt">anderen</span>, sondern auch wie zu
-einem <span class="gesperrt">höhern</span> Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst
-sich selber zum Opfer bringt, ist er einer <span class="gesperrt">religiösen Exaltation</span>
-nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das
-heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen
-wähnt, bringt er <span class="gesperrt">an sich selbst einen religiösen Affect</span> zum Ausbruch.</p>
-
-<p>Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer
-und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden
-gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit,
-in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn
-sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den
-Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die
-Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn
-instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck
-seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,&mdash;das
-heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich
-selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende
-Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten:
-nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste
-Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu
-einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »<span class="gesperrt">Dividuum</span>«.
-Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,&mdash;doch mit den Mitteln
-der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der
-Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch
-mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen
-religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss
-hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne <span class="gesperrt">Aufopferung</span>
-und <span class="gesperrt">eigne Apotheose</span>, Grausamkeit der eignen <span class="gesperrt">Vernichtung</span> und
-Wollust der eignen <span class="gesperrt">Vergötterung</span>, leidvolles Siechen und siegende
-Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die
-enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen:
-man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs
-Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle,
-Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte,
-Zarteste,&mdash;das Drängen eines Willens, der sich« ...von der Noth der
-Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze
-löst«,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>&mdash;ein Chaos, das den Gott gebären möchte,&mdash;gebären <span class="gesperrt">muss</span>.</p>
-
-<p>»Im Menschen ist <span class="gesperrt">Geschöpf</span> und <span class="gesperrt">Schöpfer</span> vereint: im Menschen
-ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos;
-aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte,
-Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut
-und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und
-unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem
-ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,&mdash; wie es
-Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet,
-»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und
-Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen <span class="gesperrt">neuen Himmel</span> zu
-bauen:... Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut
-hat, fand die Macht dazu erst in der <span class="gesperrt">eigenen Hölle</span>...« (Genealogie der
-Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht
-in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung
-jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer
-Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des
-Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge,
-welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden
-zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um
-aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese
-letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine
-Person gibt, welche in sich selber <span class="gesperrt">verkohlt</span>....« Dieser Abschnitt,
-der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält,
-schliesst mit der Bemerkung:... ja, ist denn wirklich der Kreislauf
-im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt
-und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang
-an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen
-und zugleich des mitleidenden Gottes?«</p>
-
-<p>In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt
-einen <span class="gesperrt">Trotz gegen sich selbst</span>, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen
-manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein
-so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass
-sie ... endlich darauf verfallen, <span class="gesperrt">gewisse Theile ihres eigenen
-Wesens</span> ... zu tyrannisiren.... Dieses Zerbrechen seiner selbst,
-dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni,
-aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich <span class="gesperrt">ein
-sehr hoher Grad der Eitelkeit</span>.... Der Mensch hat eine wahre
-Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen
-und <span class="gesperrt">dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu
-vergöttern</span>.«&mdash;und 138: »... Eigentlich liegt ihm also nur an der
-Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu
-erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine
-Brust,«&mdash;und 142: »... er geisselt seine Selbstvergötterung mit
-Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre
-seiner Begierden,... er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel
-dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er
-in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele
-durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;... es ist im
-Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht
-jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen
-sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch
-Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver
-Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association
-von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre
-innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«</p>
-
-<p>In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache
-eine <span class="gesperrt">religionspsychologische</span> Studie, und nur insoweit als das
-Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen
-auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines
-Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging
-gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der
-»Emotion über den Tod Gottes«,&mdash;dieser ungeheuren Emotion, die bis in
-das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle
-des Wahnsinns verfasste,&mdash; bis in den vierten Theil seines: »Also
-sprach Zarathustra«. <span class="gesperrt">Die Möglichkeit, einen Ersatz</span><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> »<span class="gesperrt">für den
-verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung</span>
-zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner
-Erkrankung. Es ist die Geschichte des »<span class="gesperrt">religiösen Nachtriebes im
-Denker</span>«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach,
-auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden
-können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist
-schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und
-leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man
-lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in
-der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich
-will es Euch sagen! <span class="gesperrt">Wir haben ihn getödtet</span>!&mdash;ihr und ich! Wir Alle
-sind seine Mörder!... Hören wir noch nichts vom Lärm der
-Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der
-göttlichen Verwesung?&mdash;auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt
-todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller
-Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist
-unter unseren Messern verblutet,&mdash;wer wischt dies Blut von uns ab?
-Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?... <span class="gesperrt">Ist nicht die
-Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern
-werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen</span>? Es gab nie eine grössere
-That,&mdash;und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That
-willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«&mdash;</p>
-
-<p>Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich
-Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten
-Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass
-der Uebermensch lebe!«&mdash;und sprach damit den innersten Seelengrund
-seiner Philosophie aus.</p>
-
-<p>Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung,
-und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern.
-Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die
-ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur
-höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in
-allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem
-Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen
-gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm,
-dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er
-dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem
-vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »<span class="gesperrt">Wenn</span> es Götter gäbe, wie
-hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese
-Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie
-lassen sich jene anderen anschliessen (55): »<span class="gesperrt">Und Anbetung wird noch in
-Deiner Eitelkeit sein</span>!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen,
-die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und
-verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.... Immer Einmal
-Eins&mdash;das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)</p>
-
-<p>Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen
-sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal
-suchte,&mdash;das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die
-Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden&mdash;bis endlich seine
-Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften
-Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand
-erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren:
-Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit
-des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen
-will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte
-sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung
-sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine
-Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt.
-Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst
-zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle
-werden muss&mdash;jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte
-Tiefe und in seinen Untergang.</p>
-
-<p>Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des
-zugleich <span class="gesperrt">Raffinirten</span> und <span class="gesperrt">Exaltirten</span>, das auch dem Grossen und
-Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer
-brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen
-Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,&mdash;oder
-auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen
-geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös
-veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist
-auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer
-Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen,
-was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten«
-schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung
-begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch
-der modernen Erkenntniss für sie abfallen. <span class="gesperrt">Dass</span> sie sich nicht mit
-ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss
-preisgeben,&mdash; gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen
-wie unermüdlich im Darben und Entbehren,&mdash;das ist der grosse und
-erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch,
-was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:&mdash;eine Reihe von
-gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der
-modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.</p>
-
-<p>Aber deshalb ist es eben der <span class="gesperrt">Mensch</span> und nicht der <span class="gesperrt">Theoretiker</span>,
-auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken
-Nietzsches zurechtzufinden,&mdash;und deshalb wird auch der Gewinn, das
-Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein
-neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern
-das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse
-und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung
-in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich
-jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft
-und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das
-Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie
-sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung
-wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören,
-sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf
-beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das
-Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse
-bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich
-ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die
-wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren
-Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden.
-Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und
-Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt
-haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu
-gelangen.<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte,
-um in ihm eine Fülle innern Lebens,&mdash;Gedanken-Erlebens, auszulösen.
-Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches
-vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern
-befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.)
-Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger
-Natur lag&mdash;ins Grosse gesteigert&mdash;etwas Weibliches;<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> aber er
-ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig
-erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles
-zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige
-unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie
-eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt
-uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine
-Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein
-Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des
-echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer
-urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten
-118.)</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in
-der zum ersten Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung
-unterschieden und bestimmt charakterisirt sind, erschien in der
-Sonntags-Beilage der Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem
-brachte die »Freie Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte
-unter dem Titel »Zum Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft
-3, 4 und 5, Jahrg. III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur
-1892, October, »Ein Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal
-und Askese«.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Was das Leben&mdash;, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,&mdash;
-wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei
-solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir
-haben eben unser Herz nicht dort&mdash;und nicht einmal unser Ohr!« (Zur
-Genealogie der Moral, Vorrede III.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und
-feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren
-»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Giebt es&mdash;eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche,
-Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender
-Gesundheit, aus der Ueberfülle selbst?... Giebt es vielleicht&mdash;eine
-Frage für Irrenärzte&mdash;<span class="gesperrt">Neurosen der Gesundheit</span>?« (Versuch einer
-Selbstkritik zur neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste
-der Musik« IV u. IX.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages
-erreichen wir unser Ziel&mdash;und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was
-für lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so
-weit, dass wir an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Daher nennt er die Ueberzeugungen <span class="gesperrt">Feinde der Wahrheit</span>:
-»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es
-selbst wahr haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er
-(Morgenröthe 327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und
-Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss&mdash;bis an die höchsten und
-fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!&mdash;bis ihm zuletzt Nichts mehr zu
-erjagen übrig bleibt, als das absolut <span class="gesperrt">Wehethuende</span> der Erkenntniss,
-glefich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So
-gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle,&mdash;es ist die letzte Erkenntniss,
-die ihn <span class="gesperrt">verführt</span>. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles
-Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die
-Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit
-einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie
-mehr zu Theil wird!&mdash;denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen
-keinen Bissen mehr zu reichen.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> »Die Instincte bekämpfen <span class="gesperrt">müssen</span>&mdash;das ist die Formel
-für décadence: so lange das Leben <span class="gesperrt">aufsteigt</span>, ist Glück gleich
-Instinct«, sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und
-unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus
-anders auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier
-sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen
-Natur&mdash;später hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht
-harmonisch war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner
-selbst zum Harmonischen <span class="gesperrt">umschuf</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir ... sind
-erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten&mdash;in Gefahr
-sind.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der
-»Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List
-und Rache 38) über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der
-Gottschöpfung des Menschen:
-</p>
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Der Fromme spricht:<br />
-»Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«<br />
-»Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.<br />
-Und soll nicht lieben, was er schuf?<br />
-Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?<br />
-Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.<br />
-</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche
-die verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt
-haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen
-nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus
-unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten
-hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere
-philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden
-Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte
-der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende
-systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven
-Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit
-Vorbehalten bleiben muss.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt,
-das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere
-denken anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das
-Weibchen als das productive Wesen.... Die Schwangerschaft
-hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger
-gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter
-des Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:&mdash;es
-sind die männlichen Mütter.&mdash;« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h3><a name="II_ABSCHNITT" id="II_ABSCHNITT">II. ABSCHNITT</a></h3>
-
-
-<h4>SEINE WANDLUNGEN.</h4>
-
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Die Schlange, welche sich nicht<br />
-häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso<br />
-die Geister, welche man verhindert,<br />
-ihre Meinungen zu wechseln; sie hören<br />
-auf, Geist zu sein.«<br />
-(Morgenröthe 573)<br />
-</p>
-
-
-<p class="p2">Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte,
-liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens
-seiner Knabenjahre.</p>
-
-<p>Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen
-Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als
-der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon
-von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner
-Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich
-besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich
-die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten
-religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle
-Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren
-Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen,
-die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der
-Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur,
-was schon vorher abgestorben,&mdash;eine Leiche war. In Nietzsches Fall
-fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt:
-weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den
-anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube
-aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr
-betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen
-Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen
-habe&mdash;»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all
-seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen
-Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu
-aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm
-ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch
-eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.</p>
-
-<p>Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer
-gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem
-Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches
-Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich
-selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe,
-Schmerzen und Erschütterungen,&mdash;er bedurfte dessen, dass sein Gemüth
-sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand <span class="gesperrt">anthat</span>, weil
-seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern
-abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des <span class="gesperrt">Schmerzheischenden</span>
-in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.</p>
-
-<p>»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich
-selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in
-eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne
-Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun
-an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen
-Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt,
-sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.</p>
-
-<p>Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte
-Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird
-fortgesetzt,&mdash;bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,&mdash;wohin läuft man
-alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,&mdash;was
-folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen?
-Vielleicht bei einem <span class="gesperrt">katholischen</span> Glauben?« Und der Hintergedanke,
-der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten
-Worten aus seinem Versteck:</p>
-
-<p>»<span class="gesperrt">In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der
-Stillstand.</span>«</p>
-
-<p>Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende
-Bewegung,&mdash;das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart
-Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich,
-sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende,
-selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt,
-ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so
-weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch
-stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder
-zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen,
-inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt,
-und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und
-verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem <span class="gesperrt">Knaben</span> nähert,
-so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen
-Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach
-Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner
-letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen
-Wiederkunft gelangte: das Bild des <span class="gesperrt">Kreises,&mdash;eines ewigen Wechsels
-in einer ewigen Wiederholung,</span>&mdash;steht wie ein wundersames Symbol und
-Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.</p>
-
-<p>Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral,
-Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit,
-»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott
-»zum <span class="gesperrt">Vater</span> des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er
-diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit
-philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem
-philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.</p>
-
-<p>Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in
-die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen
-wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein
-äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft.
-Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für
-den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte
-dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung
-seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk,
-sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale
-Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere
-Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart
-aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich
-der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem
-Psychologischen unterzuordnen.</p>
-
-<p>Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem
-steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und
-Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer
-Untersuchungen<a name="FNAnker_1_15" id="FNAnker_1_15"></a><a href="#Fussnote_1_15" class="fnanchor">[1]</a> bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis
-zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine
-zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch
-das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu
-jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten
-Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle
-Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und
-zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte,
-zur Fessel wurde.</p>
-
-<p>In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente
-ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das
-empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war
-es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft
-musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine
-tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein
-Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.</p>
-
-<p>Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum
-zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an
-zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der
-andern überleiten.</p>
-
-<p>Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen
-scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart
-sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte
-und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell
-künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher
-Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und
-Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das
-Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer
-Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu
-bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über
-das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig
-Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist
-ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,&mdash;den
-für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich
-aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und
-Böse 80)&mdash;könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird
-thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache,
-die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief
-verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen,
-und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier
-die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu
-berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten
-Verkleidung,&mdash;der nüchtern philologischen,&mdash; in dieser äussersten
-geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.</p>
-
-<p>Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern
-Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und
-wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung
-der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung
-mit einem Problem, bedeutete <span class="gesperrt">erkennen</span>, vor allem andren: sich
-erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete
-ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,&mdash;»über den Haufen geworfen
-werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein
-Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann
-schlägt: er <span class="gesperrt">lebte</span> den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte,
-aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so
-maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,&mdash; und, gleich
-einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab.
-Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen
-Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein
-intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar
-nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem
-Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach
-immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn
-vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss
-und Erschöpfung.</p>
-
-<p>Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine <span class="gesperrt">Probleme</span>
-nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren <span class="gesperrt">Lösungen</span>, durch welche die
-Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die
-gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem
-<span class="gesperrt">Gesinnungswechsel</span>, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die
-Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem <span class="gesperrt">Hass</span> verfolgte er hinterher
-Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte,
-sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört,
-uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der
-endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das
-scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck
-bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte
-nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten,
-ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im
-Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen
-der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich
-jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner
-Skepsis und zwang sie schadenfroh,&mdash;seines eigenen Leids und des
-Schadens, den er sich damit zufügte, froh!&mdash;ihm seine Probleme wieder
-herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen
-Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer
-Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten,
-was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im
-letzten Grunde <span class="gesperrt">unaufklärbar</span> für ihn bleiben, es muss der Energie
-aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen
-Räthseln aufreiben,&mdash;an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in
-der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker
-geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da
-erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da
-verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss:
-in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die
-einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.</p>
-
-<p>Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an
-diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung
-und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik
-hinabstürzt.&mdash;</p>
-
-<p>Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei
-Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später
-dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für
-Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die
-von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht
-verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später
-nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr <span class="gesperrt">fein</span> als <span class="gesperrt">gross</span>
-erscheinen lässt,&mdash;oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten
-von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er
-einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem
-Blick des Erkennenden darstellen: »Das <span class="gesperrt">Filigran</span> der Dinge«.</p>
-
-<p>In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und
-Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen&mdash;; der
-Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und
-Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von
-Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit
-seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick
-für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen,
-freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im
-Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt,
-um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft
-herauszulesen,<a name="FNAnker_2_16" id="FNAnker_2_16"></a><a href="#Fussnote_2_16" class="fnanchor">[2]</a>&mdash;aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über
-seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem
-dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen
-Arbeit, zu der Arbeit über <span class="gesperrt">die Quellen des Diogenes Laertius</span>.</p>
-
-<p>Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass,
-dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung
-zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken
-kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches
-I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung
-gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten
-Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend
-und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem
-Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine
-Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich
-vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch
-höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen
-Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr
-als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich
-da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er
-gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und
-höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen,
-dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter
-philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen
-Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung.
-Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen
-hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten
-wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten
-Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit
-des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)</p>
-
-<p>So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der
-späteren Werke,&mdash;einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte
-vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie
-öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume,
-bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen
-bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht
-ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte:
-einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum
-ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen
-Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,&mdash;und die
-dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem
-Werke weiter schuf.</p>
-
-<p>An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung
-seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel
-seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf
-dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das
-ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder
-einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen
-er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er
-seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer,
-ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren
-Formalismus.</p>
-
-<p>Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der
-Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine
-Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen
-Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben
-und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und
-erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen,
-glücklichen Zauberlandes«.</p>
-
-<p>Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler
-Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen,
-die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre
-später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben
-Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche
-indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des
-Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere
-philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem
-Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)<a name="FNAnker_3_17" id="FNAnker_3_17"></a><a href="#Fussnote_3_17" class="fnanchor">[3]</a>
-aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine
-culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer
-Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter
-den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie
-schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch
-Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich
-in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie
-einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung
-seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk
-aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von
-Bayreuth.</p>
-
-<p>Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung
-von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr,
-womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem
-er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae
-philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede
-philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer
-philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte
-als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche
-bestehen bleibt.«</p>
-
-<p>Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners
-machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des
-germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen
-wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als
-Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im
-Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins
-Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,&mdash;gleichsam ein Accent,
-den es durch die <span class="gesperrt">metaphysische Interpretation</span> alles Kunsterlebens
-und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am
-deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie«
-vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem
-Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«
-erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung
-auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur«
-zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen
-als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem
-versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen
-Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und
-Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste
-auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des
-Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen
-zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der
-Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt
-offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch
-die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende
-Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb,
-der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In
-ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen
-Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck,
-als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet
-weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen
-desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des
-durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem
-schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des
-Bildners.</p>
-
-<p>In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich
-bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen
-Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden
-Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk
-ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des
-Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch
-die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass
-sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als
-solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision,
-die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer
-Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer
-Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit
-denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der
-Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische
-Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil
-bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die
-apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische
-Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die
-Gottheit steckt.</p>
-
-<p>Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher
-Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken
-zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden
-und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie
-nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern
-gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische
-Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich
-überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser
-Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.</p>
-
-<p>Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist
-charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit
-seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der
-Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner
-ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem
-Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode
-wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der
-Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch
-gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen
-Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie
-zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten
-Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des
-Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene
-geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung
-und Selbstvergötterung,&mdash;jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in
-welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir
-immer wieder zurückkommen werden.</p>
-
-<p>Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen
-Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller
-Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates
-getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die
-Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die
-Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit
-in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre
-sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um
-sie zu zügeln,&mdash;»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der
-Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das
-durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen
-und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat
-erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des
-theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig
-bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die
-gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht
-zum Eintritt <span class="gesperrt">verweigert</span>« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch
-schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie
-durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein
-und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss
-erschlossen habe.</p>
-
-<p>In den Jahren 1873-1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn
-seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »<span class="gesperrt">Unzeitgemässe
-Betrachtungen</span>«, vier kleinere Schriften,&mdash;bestimmt: »gegen die Zeit,
-und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden
-Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »<span class="gesperrt">David
-Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller</span>«, bestand in einer
-vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte
-und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen
-Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse
-ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »<span class="gesperrt">Vom Nutzen und Nachtheil
-der Historie für das Leben</span>«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten
-Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich
-wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie
-bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst,
-im Gegensatz zum Instinctleben;&mdash;Erkennen des Vergangenen, Wissen
-vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen
-und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen
-dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des
-Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient,
-wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber
-den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des
-Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig
-intact geblieben ist. »... die <span class="gesperrt">plastische Kraft</span> eines Menschen,
-eines Volkes, einer Cultur,... ich meine jene Kraft, aus sich
-heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und
-einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene
-Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos
-fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen,
-nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit
-daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit
-schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz
-durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten
-Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden
-unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne
-im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.</p>
-
-<p>Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so
-viel besprochenen <span class="gesperrt">Decadenzbegriff</span>, der in seinen späteren Werken
-eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste
-Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung
-seines eignen Seelenzustandes;&mdash;wir können hier schon den seelischen
-Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die
-es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang
-überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,&mdash;
-Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben
-einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender
-Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen
-drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »&mdash;Auch soll ... nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir
-jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und
-nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«<a name="FNAnker_4_18" id="FNAnker_4_18"></a><a href="#Fussnote_4_18" class="fnanchor">[4]</a> Was er in sich
-selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen
-Zeitalters,&mdash;und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr
-für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter
-aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher
-Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem
-kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am
-herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich
-Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne
-Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal
-gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den
-erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der
-moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen
-Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich
-im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht
-dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen
-verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und
-alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.... Jeder, der
-vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung«
-nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).&mdash;Das andere Mal
-aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische
-Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch
-hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.</p>
-
-<p>Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und
-Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken
-sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und
-unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde
-unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten
-Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von
-ihnen,&mdash;auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,&mdash;verschmolzen
-ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es
-handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse,
-nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige,
-sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse
-längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle
-entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen
-in uns leben.</p>
-
-<p>Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die
-von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die
-mit ihr geboren ist,&mdash;jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das
-Erbe aller Spätlinge ist, denn&mdash;Spätlinge sind Mischlinge.</p>
-
-<p>Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem
-Sinn,&mdash;erlernt oder erlebt,&mdash;bringen kann, liegt in der Hinwendung
-auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche
-die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum
-Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige
-kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar
-werden« (11),... »Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre
-ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.... Es ist wahr: erst
-dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend,
-zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst
-dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller,
-blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das
-Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder
-Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem,
-Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine
-Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und
-besiegt,&mdash;an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln
-die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der
-Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die
-mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen,
-dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde,
-an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles
-Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich
-hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche
-Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da,
-der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu
-erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften,
-Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle
-drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr
-nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie
-an als <span class="gesperrt">Monumentalgeschichte</span>, indem er seinen Blick auf den grossen
-Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein
-Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde
-Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in <span class="gesperrt">antiquarische Geschichte</span>,
-indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen
-Vorlebens,&mdash;wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt,
-an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:&mdash;»&mdash;er
-versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung,
-das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet
-sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust,
-sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben,
-sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen,
-denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit
-diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und
-fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er
-wird endlich drittens auch <span class="gesperrt">kritisch</span> auf die Geschichte blicken, um
-zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu
-bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein
-Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu
-bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst
-gefährlicher Process:... Denn da wir nun einmal die Resultate
-früherer Geschlechter sind,... ist (es) nicht möglich sich ganz
-von dieser Kette zu lösen.... Wir bringen es im besten Falle zu
-einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer
-Erkenntniss,... wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen
-Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es
-ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu
-geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man
-stammt.... Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es
-gibt ... einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch
-jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass
-jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).&mdash;Man kann
-diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei
-Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit
-der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht,
-darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als
-Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere
-positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber
-Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle
-drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird,
-die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und
-ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen
-Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen
-Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.&mdash;Die starke
-Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist
-somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle
-des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu
-machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,&mdash;nicht
-von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling
-ist dann immer zugleich der <span class="gesperrt">Erstling</span> einer neuen Cultur und, als
-Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den
-er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer
-von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit
-niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber
-immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre
-höchste Kraft sammelt und ausgibt.</p>
-
-<p>Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten
-Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten
-Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als
-Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis
-in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.</p>
-
-<p>Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung
-hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich
-alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner
-geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer
-Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn
-quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz
-von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber
-auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die
-Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem
-Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling
-neuer Cultur werden.<a name="FNAnker_5_19" id="FNAnker_5_19"></a><a href="#Fussnote_5_19" class="fnanchor">[5]</a></p>
-
-<p>Zweien solcher »Unzeitgemässen«,&mdash;das ist Vorzeitgemässen und
-Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« geweiht: »<span class="gesperrt">Schopenhauer als Erzieher</span>«, und »<span class="gesperrt">Richard
-Wagner in Bayreuth</span>«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung
-aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis
-zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem
-Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur
-ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren
-eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den
-»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare
-der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen
-Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas
-in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der
-ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das
-darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten
-Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner
-mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen
-Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund
-eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in
-übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,&mdash;wie eine Gestalt aus
-der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg
-einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit
-einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat.
-Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der
-<span class="gesperrt">positive Lebenswerth</span> des Genies noch so hoch über Schopenhauers
-Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches
-Gegenbild zu der seinen bietet.</p>
-
-<p>Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der
-menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende
-Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und
-Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als
-Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet,
-sie: »&mdash;setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben
-zeitlos-gleichzeitig«,&mdash;sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten
-Strom des Werdens«. »... ein Riese ruft dem anderen durch die
-öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges,
-lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das
-hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil
-es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl
-in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins
-sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur
-in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)</p>
-
-<p>Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen,
-was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches
-Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen
-weniger durch eine Wesens<span class="gesperrt">verschiedenheit</span>, als vielmehr durch eine
-Wesens<span class="gesperrt">enthüllung</span>, durch eine göttliche Nacktheit,&mdash;während der
-Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten
-trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich
-hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse
-Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn
-ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.... Der Mensch, welcher
-nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich
-bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle
-Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die
-im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in
-jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von
-Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.</p>
-
-<p>Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische
-Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das
-unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über
-die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem
-höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz
-dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst
-in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und
-bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser
-Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen
-Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er
-selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus
-übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer
-und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu
-ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander
-ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher
-zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt
-es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen,
-der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch
-viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das
-höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und
-herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder
-metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan
-eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum
-erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung
-der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von
-vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur
-durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.</p>
-
-<p>Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode
-Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung
-bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das
-Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch
-sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst
-immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet
-er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in
-ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast
-unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen
-herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt
-man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein
-Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.</p>
-
-<p>Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe
-Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen
-und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus
-sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe
-seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in
-ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum
-erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem
-die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden
-gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit.
-Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der
-Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und
-moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser
-Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes
-gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner
-Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person
-das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende
-Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden,
-des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe
-des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur
-den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen
-Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist.
-Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt
-hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war
-hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss
-ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken
-durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen
-Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das
-er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische
-Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser
-Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«</p>
-
-<p>Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben
-und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben
-auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach
-persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich
-später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die
-Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise
-nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das
-Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der
-unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin
-an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam
-das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das
-Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten
-philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives,
-das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist,
-als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen
-Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn
-mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes
-Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden«
-zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden
-sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und
-verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch
-sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das
-bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein
-quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben
-und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam
-hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt
-ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der
-Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu:
-»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich
-beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir
-auf, und vielleicht ergeben sie dir ... ein Gesetz, das Grundgesetz
-deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,...
-wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir
-selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief
-verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir....« (A. a.
-O.)</p>
-
-<p>Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster
-Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen
-es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft
-verlangt habe&mdash;nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und
-Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »... darf ich ein wenig
-bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig
-und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach
-Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die
-schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen,
-durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten
-Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen,
-dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr
-vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es
-ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem
-Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken
-sucht,<a name="FNAnker_6_20" id="FNAnker_6_20"></a><a href="#Fussnote_6_20" class="fnanchor">[6]</a> und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft
-ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die
-Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen
-Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie
-sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard
-Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene,
-alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und
-für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der
-Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.</p>
-
-<p>Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit
-Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich
-zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint
-in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären
-auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher
-Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans
-Licht will und nach Macht verlangt. (10.).... Der gesammte
-Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in
-die dunkelsten Schluchten:&mdash;in der Nacht dieses halb unterirdischen
-Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm....« (12.) »Wir thun einen
-Blick in die <span class="gesperrt">andere</span> Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung,
-welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss
-verehrt:... jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass
-die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,... die
-schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen,
-tyrannischen.« (13.)</p>
-
-<p>»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung
-der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er
-allein <span class="gesperrt">ganz</span> und <span class="gesperrt">er selbst</span> bleiben konnte.« (13.)</p>
-
-<p>Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners
-aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem
-er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von
-dessen seelischen Zuständen auffasste:</p>
-
-<p>»&mdash;wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des
-Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich
-ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt,
-einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.«
-(82.)</p>
-
-<p>»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer
-Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,...
-ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege
-fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)</p>
-
-<p>»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich
-verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des
-Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen
-Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von
-Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«&mdash;. (80.)</p>
-
-<p>Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste
-Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes
-auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von
-Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt
-erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn
-unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige
-Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten
-Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war
-eine <span class="gesperrt">Genesung</span>. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.)
-Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem
-Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem
-Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe.
-Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören:
-dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht
-habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.</p>
-
-<p>Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der
-Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein
-Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit
-nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die
-eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,&mdash;
-sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften
-Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse
-gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund&mdash;das ist jetzt in Eins
-beschlossen!«</p>
-
-<p>Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten
-Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen
-Beweggründen&mdash;unwiderstehlichem Wahrheitsdrang&mdash;und auch aus
-menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In
-Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher
-Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner
-Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass
-er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte,
-dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine
-»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein
-»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von
-seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen
-Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei«
-überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch
-allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung
-erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den
-Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf
-die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich
-greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth
-der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«</p>
-
-<p>Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem
-Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen
-seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine
-Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich
-aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese
-Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man
-unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.</p>
-
-<p>Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet,
-als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen
-angelangt&mdash;war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen
-Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und
-Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete
-aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein
-Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur
-der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen,
-ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882,
-ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther
-Festspiele,&mdash;der Erstaufführung des Parsifal&mdash;, der Versuch gemacht,
-Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der
-Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine
-alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass
-im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth
-zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch
-misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot,
-den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben
-Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der
-seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_003.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_004.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
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-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/briefe_005.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
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-<img src="images/briefe_006.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<p>(<a href="#Zweiter_Briefe">Gedruckter Text.</a>)</p>
-
-
-<p>Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor
-mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die
-Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an
-welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange
-sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken;
-dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser
-Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte
-er.</p>
-
-<p>Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der
-Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches
-Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter
-Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen
-Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in
-den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und
-aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen,
-philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart,
-der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht
-zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines
-Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode
-ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn
-er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner
-Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten;
-und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer
-wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.</p>
-
-<p>Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich
-pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder,
-welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren
-Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen
-Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.</p>
-
-<p>Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft
-in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen
-Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12.
-Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus
-Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber&mdash;fast hätte ich
-gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«</p>
-
-<p>Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den
-voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein
-Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen.
-<span class="gesperrt">Wahrscheinlich</span> hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf,
-<span class="gesperrt">vielleicht</span> mit der Thätigkeit überhaupt, <span class="gesperrt">möglicherweise</span> mit....
-u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr
-zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.... Immer heisst es:
-Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die
-Geduld zur Geduld nöthig!«</p>
-
-<p>Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:</p>
-
-<p>»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter
-Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,&mdash;aber <span class="gesperrt">nicht</span>
-mehr lange, so hoffe ich!«</p>
-
-<p>Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing
-ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel
-ihm schwer,&mdash;war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere
-strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,&mdash;er nennt sich selbst
-einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder
-ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein
-Viertelstündchen« (Brief an Rée)&mdash;, hinderten ihn nunmehr dauernd an
-einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien.
-Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte,
-zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am
-Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.</p>
-
-<p>Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des
-Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten
-metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom
-Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so
-günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus
-dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge
-des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich
-ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem
-Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität
-seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft
-war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen
-im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden,
-sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals
-selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher
-geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff
-sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher
-begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten
-fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein
-Denken wissenschaftlich zu begründen,&mdash;es ist etwas vom vergeblichen
-Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine
-Gesundheit <span class="gesperrt">genöthigt, sich selbst</span> zum Stoff seiner Gedanken zu
-nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen
-und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte
-er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,&mdash;und daher so ganz
-Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht
-ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches
-Schicksal zurückzublicken,&mdash;auf diesen unheimlichen <span class="gesperrt">Zwang</span> zur
-Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,&mdash;man vermag sich dem Gefühl
-nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten
-war, <span class="gesperrt">vorübergeht</span>.</p>
-
-<p>An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale,
-seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,&mdash;Alles, was
-seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm
-eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen
-Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »<span class="gesperrt">Dunkel-Zeiten</span>.«
-(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)</p>
-
-<p>Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus
-einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag,
-von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,&mdash;sie
-erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und
-langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich
-sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.</p>
-
-<p>»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später
-(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches,
-Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange
-darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der
-unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen
-zur Begeisterung übrig blieb....« Aber nicht als einen Klagenden
-sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,&mdash;und mit Recht
-bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein
-Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er <span class="gesperrt">nicht</span> ein Leidender
-und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)</p>
-
-<p>Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden.
-Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und
-unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem
-Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern
-aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er
-auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben
-und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an
-der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,... wie er
-langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne
-dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung
-von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene
-zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte,
-und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns
-beantworten soll: »&mdash;Scheint es nicht, dass ... er vielleicht seine
-eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes,
-Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen
-Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende
-Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)</p>
-
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-<img src="images/briefe_007.jpg" width="450" alt="" />
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-<img src="images/briefe_009.jpg" width="450" alt="" />
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-</div>
-
-<p><a href="#Dritter_Briefe">(Gedruckter Text.)</a></p>
-
-<p>Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte
-Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr
-stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die
-Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung
-anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich
-alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich
-daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst
-aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der
-Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen
-zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein
-erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund
-einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt
-stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu
-nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die
-intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger <span class="gesperrt">bedingten</span> als
-begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen
-Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie
-gerade vorfindet,&mdash;dass er sie zunächst wieder <span class="gesperrt">kritiklos</span> empfängt; denn
-seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von
-den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche
-bilden,&mdash;um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,&mdash;nur
-eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen
-Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich
-entscheidende Process abspielt.</p>
-
-<p>Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung
-ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden
-verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So
-kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere
-Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise
-vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt.
-Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich
-wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling,
-ja insgeheim noch als Gegner fühlt,&mdash;aber mit jenem schönen Wort im
-Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine
-Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,&mdash;aber auch deine Niederlage
-ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der
-Denker seinen Feind liebt.«)</p>
-
-<p>Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem
-Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines
-positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,&mdash;dieses Werkes,
-welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst
-im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«,
-das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard
-Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877
-entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: <span class="gesperrt">Menschliches,
-Allzumenschliches</span>. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken
-Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30.
-Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche.
-(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt
-mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode
-schrieb: »Meine Schriften reden <span class="gesperrt">nur</span> von meinen <span class="gesperrt">Ueberwindungen</span>:
-ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.... Einsam nunmehr,...
-nahm ich ... Partei <span class="gesperrt">gegen</span> mich und <span class="gesperrt">für</span> Alles, was gerade mir
-wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von
-Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den
-damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei
-völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint:
-einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns
-in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern
-uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,&mdash;in welche
-neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits
-den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den
-ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende
-Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart,
-mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich
-selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit
-und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen
-Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender
-Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade
-vollzieht,&mdash;und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern
-selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner
-eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so
-heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in
-schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt
-und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt,
-dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.</p>
-
-<p>Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung
-Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem
-<span class="gesperrt">persönlichen Verhältniss</span> nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf
-gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so
-verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum
-in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche
-der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann
-Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist
-der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée
-einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)</p>
-
-<p>War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit
-gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah:
-durch seine <span class="gesperrt">Jüngerschaft</span>,&mdash;so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée
-mehr eine geistige <span class="gesperrt">Genossenschaft</span>, die selbst dadurch nicht behindert
-wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise
-seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an
-verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt
-Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen
-lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung
-Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:</p>
-
-<p>»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen
-Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr
-neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der
-Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,...
-ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem
-Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt
-habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden,
-was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so
-wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen
-dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf
-dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit
-den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer
-Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig
-mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung
-zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen?
-Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht
-um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte
-unbescheiden ist&mdash;ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge,
-ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer
-untauglicher werde....«</p>
-
-<p>Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang,
-je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um
-dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er
-nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen
-solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.«
-(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine
-Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele
-Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals <span class="gesperrt">den</span>, mit Ihnen
-zusammenzuleben,&mdash;mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten
-October 1879.)</p>
-
-<p>Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten
-damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen
-eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie
-min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er
-nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so
-gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein
-beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe
-Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung
-meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir
-alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es
-noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu
-haben, mein herzlich geliebter Freund.«&mdash;</p>
-
-<p>Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so
-übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame
-waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er
-bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem
-ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und
-Gedankenaustausch.</p>
-
-<p>»Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer
-etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,&mdash;
-falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist
-viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht
-für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind
-gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden.
-Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer
-Abkunft,<a name="FNAnker_7_21" id="FNAnker_7_21"></a><a href="#Fussnote_7_21" class="fnanchor">[7]</a> aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem,
-grossem Druck zusenden?&mdash;Ich lebe ganz ohne Bücher, als
-Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene
-Frucht aus Ihrer Hand.&mdash;Es lebe das <span class="gesperrt">Gewissen</span>, weil es
-nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum
-Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von
-Herzen Ihnen nahe</p>
-
-<p style="margin-left: 55%;">Ihr<br />
-<span style="margin-left: 5%;">Friedrich Nietzsche.</span></p>
-
-
-<p>So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen:
-»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der
-Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach <span class="gesperrt">Réealismus</span>, das
-wissen Sie!«</p>
-
-<p>So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche
-den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus
-begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin,
-Carl Duncker, 1875), dessen »<span class="gesperrt">Psychologische Beobachtungen</span>«&mdash;
-Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds&mdash; schätzte Nietzsche
-nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt
-erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren
-wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die
-La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten
-um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den
-philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée,
-Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von
-ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »<span class="gesperrt">Der
-Ursprung der moralischen Empfindungen</span>« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner,
-1877)<a name="FNAnker_8_22" id="FNAnker_8_22"></a><a href="#Fussnote_8_22" class="fnanchor">[8]</a>, das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches
-positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu
-den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen
-hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken
-vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn
-ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die
-Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des
-moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage
-<span class="gesperrt">nach den Gründen der Sanction</span> altruistischer Empfindungen; seine
-Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme
-der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers
-auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so
-musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem
-Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der
-moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner
-Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch
-bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen
-Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre <span class="gesperrt">Entstehungsgeschichte</span>.
-Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und
-Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker
-wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden
-eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs
-Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten
-Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den
-<span class="gesperrt">Nutzen</span>, die <span class="gesperrt">Gewohnheit</span> und das <span class="gesperrt">Vergessen</span> der ursprünglichen
-Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung
-seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er
-sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches,
-Allzumenschliches«: »Die Geschichte der ... moralischen Empfindungen
-verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen
-gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein
-der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man
-die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen
-an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut«
-oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die
-Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass
-Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle
-der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die
-sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den
-Worten bezeichnen:«&mdash;<span class="gesperrt">jetzt</span> aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung,
-<span class="gesperrt">ursprünglich</span>, weil (es)&mdash;<span class="gesperrt">nützlicher</span> und <span class="gesperrt">ehrebringender</span> ist.«
-(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung
-des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen,
-welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf
-gemeinsamen <span class="gesperrt">Nutzen</span> eingab, sind später von anderen Generationen auf
-andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen,
-die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie
-von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil
-ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder
-aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen
-das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, <span class="gesperrt">vergessen</span> worden ist, heissen
-dann <span class="gesperrt">moralische</span>.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in
-den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig <span class="gesperrt">gefordert</span>
-wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte
-der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert
-wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter
-Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer
-Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,&mdash;aber <span class="gesperrt">das
-Gefühl für die Sitte</span> (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene
-Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die
-Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).</p>
-
-<p>So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel
-charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die
-rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher
-heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen
-Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst
-wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug
-auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden
-philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten:
-in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«,
-des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos
-steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und
-Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird
-die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber
-die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und
-wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss
-des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates,
-benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten
-philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen
-der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft
-und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude
-am Leben und am eignen Selbst gerichtet....« (Der Wanderer
-und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft
-und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die
-Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in
-dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung
-des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und
-alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht,
-denn: »an sich ist ... der Künstler schon ein zurückbleibendes
-Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für
-Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen <span class="gesperrt">ungeheuren
-Fortschritt</span>. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen,
-aber zum schönsten Schein umbilden&mdash;das ist griechisch: nachahmen,
-nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,... ordnen, verschönern, verflachen&mdash;so geht es fort von Homer bis
-zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen
-Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte
-Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und
-effect-lüsterne Seelen wenden.&mdash;Und nun würdige man die Grösse jener
-Ausnahme Griechen, welche die <span class="gesperrt">Wissenschaft</span> schufen. Wer von ihnen
-erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen
-Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch
-Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung
-des <span class="gesperrt">vernünftigen</span> Denkens.») Die <span class="gesperrt">Abkunft alles Gefühlsmässigen</span>
-von <span class="gesperrt">Urtheilen</span> und <span class="gesperrt">ursprünglichen Gedankenschlüssen</span> wird deshalb
-Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das
-Wort reden. »&mdash;Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter
-den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form
-von Gefühlen uns vererbt sind. <span class="gesperrt">Die Inspiration, die aus dem Gefühle
-stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils&mdash;und oft eines falschen!&mdash;und
-jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen&mdash;das heisst
-seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern
-mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft
-und unserer Erfahrung.</span>« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«,
-welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu
-verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »<span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit
-des Intellectes.</span>« (Morgenröthe 543). »<span class="gesperrt">Diesen schwärmerischen
-Trunkenbolden</span> verdankt die Menschheit viel Übles: ... Zu alledem
-pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben <span class="gesperrt">an den
-Rausch als an das Leben im Leben</span>: einen furchtbaren Glauben! <span class="gesperrt">Wie
-die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und
-zu Grunde gehen, so ist die Menschheit</span> ... <span class="gesperrt">langsam und gründlich
-durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle</span> ... <span class="gesperrt">verdorben worden:...</span>« (Morgenröthe 50) ... »daran denken sie
-nicht, dass die <span class="gesperrt">Erkenntniss</span> auch der hässlichsten Wirklichkeit schön
-ist,... Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt...; ... zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles,
-kamen in dem überein, was <span class="gesperrt">das höchste Glück</span> ausmache,...: sie
-fanden es im <span class="gesperrt">Erkennen</span>, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden
-und erfindenden <span class="gesperrt">Verstandes</span> (<span class="gesperrt">nicht</span> etwa in der »Intuition,« <span class="gesperrt">nicht</span>
-in der Vision, und ebenfalls <span class="gesperrt">nicht</span> im Schaffen,&mdash;)&mdash;« (Morgenröthe
-550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:<a name="FNAnker_9_23" id="FNAnker_9_23"></a><a href="#Fussnote_9_23" class="fnanchor">[9]</a> » Ach, um den
-wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet,
-seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft
-auf den Knieen&mdash;nach alter <span class="gesperrt">Sclaven-Gewohnheit</span> &mdash;und doch ist,
-wenn der Grad von <span class="gesperrt">Verehrungswürdigkeit</span> festgestellt werden soll,
-nur <span class="gesperrt">der Grad der Vernunft in der Kraft</span> entscheidend. (Morgenröthe
-548).&mdash;Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten
-Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität
-steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen.
-(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie
-wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich
-die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht
-nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden
-und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden
-»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine
-diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146).
-Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass
-nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls
-nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk
-erzeugt,&mdash;»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht,
-dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus
-vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat ... die
-künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und
-mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches
-I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade <span class="gesperrt">erlernbar</span>, als meist
-angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten!
-Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren.
-Aber sie <span class="gesperrt">bekamen</span> Grösse, wurden »Genie's«,&mdash; &mdash; &mdash;: sie hatten Alle
-jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile
-vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen;
-sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen,
-Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der
-Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches
-Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner
-letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie&mdash;diesmal dem <span class="gesperrt">eigenen</span>
-Genie&mdash;das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren.
-Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss,
-weil sie »<span class="gesperrt">viele schwächere Kräfte</span> und <span class="gesperrt">Keime zu erdrücken</span>« sucht,
-während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne
-Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »<span class="gesperrt">schwächeren und zarteren
-Naturen auch Luft und Licht gegönnt</span>« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen
-überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.... Die
-extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist
-auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu
-lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).</p>
-
-<p>Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein,
-die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist
-Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus
-sei und dass die gesammte Menschheit <span class="gesperrt">unsere</span> Strasse ziehe. Man
-soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden«
-(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei
-beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive
-unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so
-starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt
-ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten
-Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht
-ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und
-sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu
-erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des
-Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth
-sich <span class="gesperrt">über</span> den Menschen und Dingen fühlt,&mdash;wo der Weise als der am
-meisten Muthige <span class="gesperrt">sich selber</span> und das Dasein am meisten <span class="gesperrt">unter sich</span>
-sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung,
-die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen:
-»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit,
-mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.«
-(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als
-eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und
-erwogen,&mdash;wie ihr auch in Rées Buch ein besonderes Capitel gewidmet
-war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so
-brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich
-nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38).
-»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.«
-(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der
-Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus
-ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch
-das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein
-inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss
-der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten,
-als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er
-merkt zeitig, dass nicht Das, was er <span class="gesperrt">ist</span>, sondern Das, was er gilt,
-ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der <span class="gesperrt">Eitelkeit</span>.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse
-Nützlichkeit.«),&mdash;wo Nietzsche den <span class="gesperrt">Mächtigen</span> gleichsetzt mit dem
-Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit
-dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen
-Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem
-Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen
-Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des
-ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.)
-Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende
-Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive
-bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden
-»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.</p>
-
-<p>Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen
-liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen
-Vermögens; die Menschen <span class="gesperrt">veredeln</span> heisst demnach nichts anderes, als
-<span class="gesperrt">Einsicht</span> unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt
-aus als <span class="gesperrt">böse</span> bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch
-geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse
-genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich
-für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches
-I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern
-zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in
-seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam
-und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so
-kämpft, dass die Menschen ihn <span class="gesperrt">gut</span>, oder so, dass sie ihn <span class="gesperrt">böse</span>
-nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines
-Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen,
-welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen <span class="gesperrt">früherer Culturen</span>
-gelten,... Es sind <span class="gesperrt">zurückgebliebene</span> Menschen, deren Gehirn, durch
-alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und
-vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I
-43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein
-Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen
-die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch
-die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.&mdash;»Gute Handlungen sind
-sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute....
-Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand
-sich ... hinziehen lässt.... Ja, in einem bestimmten Sinne
-sind auch jetzt noch <span class="gesperrt">alle</span> Handlungen dumm, denn der höchste Grad von
-menschlicher Intelligenz ... wird sicherlich noch überboten werden:
-und dann ... wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus
-einer moralischen sich in eine <span class="gesperrt">weise Menschheit umwandeln könne</span>«.
-(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird
-sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«,
-»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei«
-aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth
-sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung
-ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »<span class="gesperrt">Die
-Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine
-einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt
-den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet,
-fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden,
-boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren</span>? Kann er darauf
-in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich
-um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das
-beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran
-zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage
-eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse
-Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei
-dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen
-Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der
-begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches
-klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist
-nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete
-Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen
-1129).<a name="FNAnker_10_24" id="FNAnker_10_24"></a><a href="#Fussnote_10_24" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie
-gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des
-Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende
-Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen
-Triebe und Instincte in sich birgt,&mdash;also der »böse« Mensch. Noch ist
-ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth
-denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit
-darstellen.</p>
-
-<p>Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht
-weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die
-ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und
-dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist
-(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit
-des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft
-des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt
-die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer
-mehr ... die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der
-Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter
-Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches
-nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle
-menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen;
-der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen,
-als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das
-»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des
-Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich
-anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).</p>
-
-<p>Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von <span class="gesperrt">positiven</span> neuen
-und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete
-Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher
-Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen
-sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der
-Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die
-Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission
-zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte
-man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf
-seine göttliche <span class="gesperrt">Abkunft</span> hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener
-Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem
-greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu
-sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in
-der entgegengesetzten Richtung: der Weg, <span class="gesperrt">wohin</span> die Menschheit geht,
-soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit ... dienen. Ach, auch damit
-ist es Nichts!... Wie hoch die Menschheit sich entwickelt
-haben möge&mdash;und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang
-stehen!&mdash;es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung,
-so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur
-Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt
-das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen
-Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!«
-(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen,
-so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das
-Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden,
-er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,&mdash;denn
-die Menschheit hat im Ganzen <span class="gesperrt">keine</span> Ziele, folglich kann der
-Mensch ... nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine
-Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet
-»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das
-Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das
-Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der
-Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar
-der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und,
-anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu
-schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich
-verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener
-phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige
-ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte
-zu&mdash;deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss&mdash;dein letzter
-Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass
-ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre
-Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne
-ein »Decadenz-Symptom« ist,&mdash;aber hier deckt sich der Begriff der
-Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die
-Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!...
-Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?... wir wollen Alle
-lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!«
-(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss«
-(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu
-gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches
-Erkenntnissideal zusammen,&mdash; dasselbe Wort, gegen das er sich noch
-kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur
-wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die
-<span class="gesperrt">Umkehrung</span> desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen
-als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das <span class="gesperrt">Lebenwollen</span> um jeden
-Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, &mdash;das ist die »neue
-Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte,
-deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In
-der Reife&mdash;des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das
-Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit
-des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).</p>
-
-<p>Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so
-kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er
-sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade
-von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des
-<span class="gesperrt">Gegensatzes</span>, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten
-Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für
-ihn zu einem <span class="gesperrt">Ideal</span>,&mdash;gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren,
-von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der
-Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu
-einem enthusiastischen,&mdash;fast <span class="gesperrt">religiösen</span> Verhalten und ermöglichte
-ihm jene 'religiös motivirte <span class="gesperrt">Selbstspaltung</span>, deren Nietzsche
-bedurfte,&mdash;jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein
-eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf
-ein <span class="gesperrt">zweites</span> Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer
-Idealmacht <span class="gesperrt">opferte</span>, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser
-Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie
-sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern
-Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser
-Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf <span class="gesperrt">wider den Rausch</span>, seine
-ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch,
-sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.</p>
-
-<p>Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man
-könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten,
-rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur
-den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre
-tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte
-und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff
-für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie
-nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als
-eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen
-Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),&mdash;und
-auch wohl thun,&mdash;denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als
-ein hoher Wärmegrad«.</p>
-
-<p>Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R<sup>e</sup>s Gedankenrichtung nirgends
-so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches,
-Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter
-seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess
-er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der
-persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben
-ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die
-Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller
-Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und
-rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm
-als ein <span class="gesperrt">neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen</span> und verlieh
-seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.</p>
-
-<p>Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem
-Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu
-denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten
-Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und
-marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass
-er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner
-Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch
-hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit
-aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder
-unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder
-im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen
-Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr
-rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an
-einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem
-»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu
-denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung
-seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen
-gehört's,&mdash;den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen:
-»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen
-geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft
-gratulire! Es lebe der Réealismus!«</p>
-
-<p>Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche
-Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war,
-welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für
-Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende
-sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt
-hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte
-ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und
-ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An
-diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige
-Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing.
-Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche
-Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische,
-religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von
-Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie
-seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches
-Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für
-Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer
-und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine
-Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth
-verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend,
-dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten
-aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen
-Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind
-besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen
-erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der
-Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine
-Lücken zu lassen.</p>
-
-<p>Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des
-Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war,
-bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und
-bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden.
-Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen
-Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen
-liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht
-hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten
-Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der
-Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine
-Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens,
-in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr
-Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade
-in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit
-seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines
-Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen
-Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien,
-schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf
-und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart
-hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an
-Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat
-seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm
-blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte
-demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus,
-und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem
-Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens,
-deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz
-standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche
-aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst
-so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast
-mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels
-und Bekehrers gegenübertritt.</p>
-
-<p>So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine
-um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle
-verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart
-des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen;
-aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und
-überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für
-ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner
-Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb
-in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu
-Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und
-in einer erhöhtem Form zu sehen,&mdash;ich, der ich selber Bruchstück ...
-bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land
-hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«</p>
-
-<p>Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf
-dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen
-neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er
-den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen
-Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die
-Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen,
-dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr;
-ausleben und erneuern wird.</p>
-
-<p>Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt
-und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines
-innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen
-Werken,&mdash;von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches,
-Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung
-der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden
-Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet.
-In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild
-und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in
-seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch
-mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung,
-aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich
-jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im
-Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder
-abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer
-Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt
-seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in
-wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes
-schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst
-Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist
-er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger
-wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene
-Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach
-durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht
-auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt
-mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich
-selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie
-einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie
-unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen
-sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend
-emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im
-Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen
-allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose
-Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies
-doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen
-und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller
-Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die
-düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu
-nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch
-zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem
-Doppel-Selbst.</p>
-
-<p>In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem
-ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als
-sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben
-sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt:
-hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt
-heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner
-Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter
-Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des
-Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will <span class="gesperrt">das Seine</span>:
-dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch
-den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut
-gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas
-kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,&mdash;aber
-beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran
-ist hundertmal mehr gelegen.«</p>
-
-<p>In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität
-seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten
-Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht
-begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den
-hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der
-Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf,
-ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.</p>
-
-<p>Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit
-noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die
-sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente
-allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht
-worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs
-gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör
-zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;&mdash;
-&mdash;dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer
-Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der
-Gegenwart erhoben haben.<a name="FNAnker_11_25" id="FNAnker_11_25"></a><a href="#Fussnote_11_25" class="fnanchor">[11]</a> Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen
-hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken
-untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen
-belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die
-opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer
-Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,&mdash;durch das Bestreben, <span class="gesperrt">nur</span>
-dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber
-nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester
-Nüancirung,&mdash;so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und
-erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und
-Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode
-in vollendete Form zu giessen verstanden,&mdash;aber erst jetzt lernte er,
-sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein
-goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner
-Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen
-Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen <span class="gesperrt">neuen Stil</span> in der
-Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die
-dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil
-des <span class="gesperrt">Charakteristischen</span>, der den Gedanken nicht nur als solchen,
-sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz
-ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein
-Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht
-nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher
-Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen
-lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.</p>
-
-<p>In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu
-etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines
-Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern
-Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich
-nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen
-Ereignissen <span class="gesperrt">ab</span>: sie <span class="gesperrt">machten</span> vielmehr das eigentliche und einzige
-Lebensereigniss dieses Einsamen <span class="gesperrt">aus</span>. Und dem gegenüber erschien ihm
-auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und
-leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten
-Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von
-»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr
-noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen,
-dass ihr mich niesen und lachen machtet&mdash;und jetzt?... Welche
-Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem
-Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben <span class="gesperrt">lassen</span>, was
-vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk
-werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende
-und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel,
-die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen
-lassen,&mdash;mit <span class="gesperrt">unserer</span> Hand!&mdash;Und nur euer <span class="gesperrt">Nachmittag</span> ist es, ihr
-meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben
-habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig
-Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:&mdash;aber Niemand erräth mir daraus,
-wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder
-meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten ... <span class="gesperrt">schlimmen</span> Gedanken!«</p>
-
-<p>Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei
-seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar
-Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer
-Selbstunterhaltung,&mdash;nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der
-Feder in der Hand:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Ich schreib nicht mit der Hand allein:<br />
-Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«<br />
-</p>
-
-<p>singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52).
-Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der
-wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen
-von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten
-Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines
-Zarathustra (II 5): »&mdash; &mdash;aus dem Überflüsse heraus ist es schön
-hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte
-er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth,
-aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen
-waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit
-angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon
-(Der Wanderer und sein Schatten 338), »... in dem gesammten ... Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die
-Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien
-und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller
-silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit
-seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit
-selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe:
-»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über
-einander, sondern sind vertraulich zusammen.«</p>
-
-<p>Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden
-gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen
-Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der
-fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch
-arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem
-Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder
-aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,&mdash;der seinen »Ohren
-für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich
-gesprochenem Wort.</p>
-
-<p>»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,«
-schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die
-<span class="gesperrt">Augen</span>! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich
-förmlich <span class="gesperrt">mit Gewalt ferne</span> von der Wissenschaft&mdash;und was habe ich
-ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen
-und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen
-Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner
-Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt;
-die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören«
-von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«</p>
-
-<p>Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer
-Grundlage, die »<span class="gesperrt">Morgenröthe</span>« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner),
-vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und
-Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen
-zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das
-nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und
-gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist
-es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu
-überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch
-ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,&mdash;es
-ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen
-und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage,
-auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,&mdash;ohne
-die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen
-Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen,
-die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu
-widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus
-den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die
-Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir
-sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an
-das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die <span class="gesperrt">Bedeutung
-des Affectlebens für das Denken aufgehen musste</span>. Unmerklich verschob
-sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang
-auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der
-nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil
-sie <span class="gesperrt">Wahrheiten</span> sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der
-Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des
-Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf
-diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche
-aufgehen musste,&mdash;einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden
-Philosophie.</p>
-
-<p>In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe«
-die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von
-seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer
-mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der <span class="gesperrt">Uebergang</span> von
-einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen,
-Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber
-in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir <span class="gesperrt">theoretisch</span> der
-vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den
-sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier
-dagegen wird jede Möglichkeit einer <span class="gesperrt">Theorien-Aenderung</span> noch mit
-Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen
-Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre
-Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr
-der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen
-Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir
-ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand
-eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche
-sonst vollständig abgeht. Hier <span class="gesperrt">verräth</span> er sich fortwährend, ohne
-es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und
-tadelt,&mdash;er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens,
-sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges
-Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten
-Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens
-austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und
-Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum
-Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh,
-ihr ... edlen Schwärmer, ich kenne euch!... Bis zum Hass
-gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!...
-Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht
-der Ausdrücke!... Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu
-verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!... Wie dürstet ihr
-darnach, Menschen in diesem Zustande&mdash;es ist der der <span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit
-des Intellectes</span>&mdash;zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu
-entzünden!...« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift
-man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet:
-»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über
-die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,...
-Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus <span class="gesperrt">nur Sicherheiten</span> haben
-zu wollen, ist ein <span class="gesperrt">religiöser Nachtrieb</span>, nichts Besseres,&mdash;« (Der
-Wanderer und sein Schatten 16).</p>
-
-<p>Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst,
-bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen
-Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an&mdash;»der Tyrannei
-des Wahren«:&mdash;»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und
-Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;... muss sich
-von ihr im Unwahren ab und zu <span class="gesperrt">erholen</span> können,&mdash;sonst wird sie uns
-langweilig,&mdash;« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den
-von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder
-werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:&mdash;<span class="gesperrt">Seher</span>, die uns Etwas
-von dem <span class="gesperrt">Möglichen</span> erzählen! Wollten sie uns von den <span class="gesperrt">zukünftigen
-Tugenden</span> etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf
-Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,&mdash;von
-purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo
-seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).</p>
-
-<p>So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich
-in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch
-schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in
-der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides
-ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja
-die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal
-aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben
-Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung
-von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt
-hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund
-eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben
-aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt.
-Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist
-diese ..., wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.«
-(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt
-er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche
-langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben
-nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,&mdash;sodass
-zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«</p>
-
-<p>Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und
-unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,&mdash;diese überschäumende
-Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen
-Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher
-verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende
-»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen
-grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand«
-sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da
-einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen
-hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges
-Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche
-Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als
-Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren!
-Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der
-»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«:
-»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist
-es unbeschreiblich angenehm, sich <span class="gesperrt">überwältigt</span> zu fühlen! Plötzlich
-und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die
-Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss
-wohin? zuzusehen!«</p>
-
-<p>In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses,
-langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und
-angesammelt,&mdash;in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung
-nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik
-hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene
-Sieg den Sieger. Es ist das »<span class="gesperrt">Glück des Gegensatzes</span>«, das er darin
-sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der
-positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die
-begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan
-gemacht dem Schaffensdrang des Willens.</p>
-
-<p>Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes
-Aufklärungslicht mehr,&mdash;hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende,
-lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht
-der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen
-hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele
-Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den
-Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch
-zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am
-Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über
-die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist,
-und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste
-der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein
-träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck
-findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen
-<span class="gesperrt">Vorurtheilen</span> heraus zu neuen <span class="gesperrt">Werthurtheilen</span> zu gelangen, wie es
-möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch
-alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der
-Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral
-im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt&mdash;ja was kommt dann?«
-(Morgenröthe 96.)</p>
-
-<p>Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein
-Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es
-kommt eben noch etwas,&mdash;die Hauptsache kommt noch!« verspricht die
-Morgenröthe und wird immer heller und röther.</p>
-
-<p>Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn
-auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und
-Fempläne:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-»Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes
-Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen
-zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung,
-welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine
-asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel,
-die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als
-das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig
-sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich
-bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere
-Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand
-kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen
-gethan und geplant wird!</p>
-
-<p style="margin-left: 35%;">Treulich Ihr Freund</p>
-
-<p style="margin-left: 70%; font-size: 0.8em;">F. N.«</p></blockquote>
-
-<p>Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:</p>
-
-<p>»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten!
-Was ich nie mehr glaubte,... das erscheint mir jetzt als
-möglich,&mdash;als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines
-zukünftigen Lebens....«</p>
-
-<p>Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt
-fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was
-Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den
-Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und
-negirende Denkrichtung selber als einen <span class="gesperrt">Wegweiser</span> zu neuen Idealen
-aufzufassen sucht:</p>
-
-<p>»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen
-der Menschheit <span class="gesperrt">untergegangen</span> sind? Wird man vielleicht uns einstmals
-nachsagen, dass auch wir, <span class="gesperrt">nach Westen steuernd, ein Indien zu
-erreichen hofften</span>,&mdash;dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu
-scheitern? Oder, meine Brüder? Oder&mdash;? (Morgenröthe, Schluss.)</p>
-
-<p>Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete,
-da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte
-gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen,
-ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie
-jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten,
-von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses
-Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen
-Kritik,&mdash;jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.</p>
-
-<p>Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder,
-die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft«
-schrieb:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»Freundin, sprach Columbus, traue<br />
-Keinem Genuesen mehr!<br />
-Immer starrt er in das Blaue<br />
-Fernstes zieht ihn allzusehr!<br />
-Wen er liebt, den lockt er gerne<br />
-Weit hinaus in Raum und Zeit,&mdash;<br />
-Üeber uns glänzt Stern bei Sterne<br />
-Um uns braust die Ewigkeit.«<br />
-</p>
-
-<p>Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit
-des Landes,&mdash;es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das
-Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne
-es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten
-Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem
-er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken
-gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte.
-Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen,
-in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind,
-wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch
-die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth
-der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass
-sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für
-alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten
-vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn
-nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte,
-sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein
-Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue
-Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von
-ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie
-war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen
-und Sich-Verlaufen,&mdash;»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth
-war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:&mdash;<span class="gesperrt">fliegen</span> allein will
-mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen
-gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie
-sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende
-Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner
-Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet,
-musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie
-der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der
-ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte
-sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er
-sich wieder dorthin zurückschleichen würde,&mdash;wo die Götter und die
-Uebermenschen hausen.</p>
-
-<p>Nietzsche schreibt einmal an Rée:</p>
-
-<p>»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese
-ich&mdash; &mdash; &mdash;die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden,
-wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?&mdash; &mdash; &mdash;<span class="gesperrt">Will
-uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere
-Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?</span>
-Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir
-die Geduld verlören&mdash;.«</p>
-
-<p>Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!«
-sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen
-Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen
-Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem
-heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens,
-des ewigen Lebens, schrieb.</p>
-
-<p>Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen&mdash;.</p>
-
-<p>Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als
-das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden
-könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche
-Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn
-daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen
-zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen
-Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil
-verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um
-durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches
-zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte,
-dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe,
-empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das
-Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und
-der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf!
-Welches herrliche Jahr 1881!«</p>
-
-<p>Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin
-1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem
-Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von
-sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen
-Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so
-lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte
-Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt
-nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er
-sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der
-moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt
-ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und
-der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf
-beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit
-zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung
-eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen,
-Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn
-dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden
-zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses
-inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und
-Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder
-umzusetzen.</p>
-
-<p>Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt,
-sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen,
-das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie«
-unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er
-wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris,
-Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede
-schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm
-nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege
-als richtig erwiesen wäre.</p>
-
-<p>Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit
-den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher
-fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum
-Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern
-hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei
-auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete
-herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch
-einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der
-Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem
-Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen
-sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch
-einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander
-entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.<a name="FNAnker_12_26" id="FNAnker_12_26"></a><a href="#Fussnote_12_26" class="fnanchor">[12]</a> Das
-spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn
-Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten
-Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht
-erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins
-verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.</p>
-
-<p>Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner
-Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand
-ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer
-Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche
-befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem
-der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig
-unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um
-noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu
-schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner
-Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei
-es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer
-solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der
-Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint
-er&mdash;einmal befruchtet&mdash;um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er
-ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm
-gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so
-geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden
-soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine
-Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.</p>
-
-<p>Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene
-Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal
-zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches
-und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung,
-dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen
-aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen
-festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die
-ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten.
-Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches:
-das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den
-verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines
-schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein
-gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben
-seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu
-einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.</p>
-
-<p>Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox
-dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je
-allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung
-sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so
-vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass
-die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder
-und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur
-Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,&mdash;»Mein Urtheil
-ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht«
-(Jenseits von Gut und Böse 43)&mdash;und doch wird gleichzeitig dieses
-Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze
-Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse
-innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben
-das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise
-den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären
-glaubt.« Für mich&mdash;wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!«
-(Also sprach Zarathustra III 95.)</p>
-
-<p>Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz
-und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens
-besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches
-sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter
-meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen
-Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich
-seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi
-scribo!«</p>
-
-<p>In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst
-geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner
-ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus
-seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen
-Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen
-im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen
-bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst
-irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute &gt;Zwischenreden«,
-ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr
-verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie«
-reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich
-verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns
-ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen
-zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse
-entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und
-Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint
-Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass
-er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.</p>
-
-<p>Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil
-auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein
-Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel
-schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie
-Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens,
-sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen
-seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen
-werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da
-Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen
-ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine
-Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig
-entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung
-unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass
-diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem
-Eigenbild zu construiren, Nietzsches <span class="gesperrt">Leiden an sich selbst zu Tage</span>
-treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er
-in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch
-zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch
-den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des
-theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der
-praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche
-sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht
-freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört
-man endlich den Schrei nach <span class="gesperrt">Erlösung von sich selbst</span>,&mdash;nach seinem
-<span class="gesperrt">Wesens-Gegensatz</span>, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung,
-Umwandlung,&mdash;nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des
-innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung,
-aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden
-Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht.
-Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt
-frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben
-die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches
-Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden
-als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung
-hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar
-nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren,
-Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle.
-Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu
-Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.</p>
-
-<p>Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig
-klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein
-Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien
-sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein
-mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine
-letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht
-vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken
-wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des
-Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so
-gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der
-Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine
-menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen,
-kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den
-tragischen Conflict seines Lebens löst,&mdash;den Conflict, des Gottes zu
-bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet
-er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen,
-visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um
-sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren
-Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu
-einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster,
-lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere
-als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch
-gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber
-zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung
-hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man
-gedenkt seines Wortes,... wer weiss, ob sich nicht bisher in
-allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott
-anbetete,&mdash;und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits
-von Gut und Böse 269.)</p>
-
-<p>»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der
-letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den
-inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,&mdash;jene Exaltation
-von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander
-fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung
-war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,&mdash;
-eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen
-jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den
-Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem
-Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer
-Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber
-nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und
-Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch
-jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh,
-von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt
-entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in
-diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein;
-Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen
-Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu
-Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist
-in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.</p>
-
-<p>Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines
-Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte,
-zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren
-Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«</p>
-
-<p>Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth,
-von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten
-Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche
-Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss
-der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List
-und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches
-Schriften,&mdash;sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem
-persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein
-Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum
-Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle
-sich zu Gedichten wandelten;&mdash;zum Theil von einer so wunderlichen
-Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune
-bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind
-es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der
-seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei.
-Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will,
-während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen
-seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.</p>
-
-<p>Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner
-höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt
-auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns
-zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes
-Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig
-hervorleuchten:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»<span class="gesperrt">Incipit tragoedia!</span>«<br />
-</p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_15" id="Fussnote_1_15"></a><a href="#FNAnker_1_15"><span class="label">[1]</span></a> Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: <span class="gesperrt">Zur
-Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung</span>, im Rheinischen Museum,
-Bd. 22; <span class="gesperrt">Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae
-Klage von Simonides</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23; <span class="gesperrt">De Laertii Diogenis
-Fontibus</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; <span class="gesperrt">Analecta Laertiana</span>,
-im Rhein. Mus., Bd. 25; <span class="gesperrt">Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des
-Laertius Diogenes</span>, Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel
-1870.&mdash;<span class="gesperrt">Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino
-post H. Stephanum denuo</span> ed. F. N., in den Acta societatis philologae
-Lipsiensis ed. Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat
-über <span class="gesperrt">Homer und Hesiod</span>, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein.
-Mus, Bd. 25 und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24
-Bänden des Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach
-Ritschls Disposition zusammenstellte.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_16" id="Fussnote_2_16"></a><a href="#FNAnker_2_16"><span class="label">[2]</span></a> Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt:
-»&mdash;das heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken,
-mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen&mdash;«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_17" id="Fussnote_3_17"></a><a href="#FNAnker_3_17"><span class="label">[3]</span></a> Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste
-Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch
-gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten
-Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen
-Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers«
-Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer
-Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den
-hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland
-gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller
-Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des
-Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der
-Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte
-auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken
-derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner,
-der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom
-23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche,
-und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des
-griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte.
-In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie.
-Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872,
-stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die
-von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v.
-Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites
-Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der
-tragödie«, Berlin 1873, antwortete.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_18" id="Fussnote_4_18"></a><a href="#FNAnker_4_18"><span class="label">[4]</span></a> Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des
-zweiten Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst:
-»&mdash;was ich gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich
-als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte&mdash;.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_19" id="Fussnote_5_19"></a><a href="#FNAnker_5_19"><span class="label">[5]</span></a> Vorwort V: »Auch soll ... nicht verschwiegen
-werden,... dass ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal
-der griechischen bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so
-unzeitgemässen Erfahrungen komme.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_20" id="Fussnote_6_20"></a><a href="#FNAnker_6_20"><span class="label">[6]</span></a> Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm
-jenen Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange
-suchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr
-strengte ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den
-lebendigen Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen
-hatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche
-mehr sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne
-und Zöglinge.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_21" id="Fussnote_7_21"></a><a href="#FNAnker_7_21"><span class="label">[7]</span></a> Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen
-Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in
-Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen,
-vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die
-englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen
-Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was
-er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch
-hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu
-Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch&mdash;erscheinen lässt.«
-(Fröhliche Wissenschaft 99.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_22" id="Fussnote_8_22"></a><a href="#FNAnker_8_22"><span class="label">[8]</span></a> Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches,
-Allzumenschliches« I 37.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_23" id="Fussnote_9_23"></a><a href="#FNAnker_9_23"><span class="label">[9]</span></a> Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen
-über »Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im
-Cultus des Genius'.« (164).</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_24" id="Fussnote_10_24"></a><a href="#FNAnker_10_24"><span class="label">[10]</span></a> Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten
-Kräuter und Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches,
-Allzumenschliches I 48) ist noch mehr werth als die gepriesene grosse
-einzelne Aufopferung; noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes
-immerwährende freundliche Wohlwollen, das des Lebens »<span class="gesperrt">Behagen</span>«
-schafft. (Menschliches, Allzumenschliches I 49)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_25" id="Fussnote_11_25"></a><a href="#FNAnker_11_25"><span class="label">[11]</span></a> Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir
-einmal aufschrieb:
-</p>
-<p>
-<span class="gesperrt">Zur Lehre vom Stil.</span>
-</p>
-<p class="center">
-1.
-</p>
-<p>
-Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll <span class="gesperrt">leben</span>.
-</p>
-<p class="center">
-2.
-</p>
-<p>
-Der Stil soll <span class="gesperrt">dir</span> angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte
-Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der <span class="gesperrt">doppelten
-Relation</span>.)
-</p>
-<p class="center">
-3.
-</p>
-<p>
-Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und
-<span class="gesperrt">vortragen</span>«&mdash;bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung
-sein.
-</p>
-<p class="center">
-4.
-</p>
-<p>
-Weil dem Schreibenden viele <span class="gesperrt">Mittel</span> des Vortragenden <span class="gesperrt">fehlen</span>, so
-muss er im Allgemeinen eine <span class="gesperrt">sehr ausdrucksvolle</span> Art von Vortrag
-zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon
-nothwendig viel blässer ausfallen.
-</p>
-<p class="center">
-5.
-</p>
-<p>
-Der Reichthum an Leben verräth sich durch <span class="gesperrt">Reichthum an Gebärden</span>. Man
-muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl
-der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente&mdash;als Gebärden
-empfinden <span class="gesperrt">lernen</span>.
-</p>
-<p class="center">
-6.
-</p>
-<p>
-Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht,
-die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die
-Periode eine Affectation.
-</p>
-<p class="center">
-7.
-</p>
-<p>
-Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken <span class="gesperrt">glaubt</span>, und sie
-nicht nur denkt, sondern <span class="gesperrt">empfindet</span>.
-</p>
-<p class="center">
-8.
-</p>
-<p>
-Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss
-man erst die <span class="gesperrt">Sinne</span> zu ihr verführen.
-</p>
-<p class="center">
-9.
-</p>
-<p>
-Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin,
-dicht an die Poesie heranzutreten, aber <span class="gesperrt">niemals</span> zu ihr überzutreten.
-</p>
-<p class="center">
-10.
-</p>
-<p>
-Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände
-vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und <span class="gesperrt">sehr klug</span>, seinem Leser
-zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit <span class="gesperrt">selber
-auszusprechen</span>.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_26" id="Fussnote_12_26"></a><a href="#FNAnker_12_26"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der
-Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen
-Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h3><a name="III_ABSCHNITT" id="III_ABSCHNITT">III. ABSCHNITT.</a></h3>
-
-
-<h4>DAS "SYSTEM NIETZSCHE"</h4>
-
-
-<p class="p2" style="margin-left: 45%;">
-<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br />
-»Schaffen wollt ihr noch die Welt,<br />
-vor der ihr knien könnt.«<br />
-(Also sprach Zarathustra II. 47).<br />
-</p>
-
-
-<blockquote>
-
-<p class="p2">Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich
-schätze nichts als <span class="gesperrt">Antriebe</span>,&mdash;und ich möchte schwören,
-dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch
-diese Phase <span class="gesperrt">hindurch</span>, in der ich seit einigen Jahren
-gelebt habe,&mdash;sehen Sie <span class="gesperrt">dahinter</span>! Lassen <span class="gesperrt">Sie</span> sich nicht
-über mich täuschen&mdash;glauben doch nicht, dass »der Freigeist«
-mein Ideal ist!! <span class="gesperrt">Ich bin</span>.... Verzeihung! Liebste Lou!</p>
-
-<p style="margin-left: 65%; font-size: 0.8em;">F. N.</p></blockquote>
-
-<p>In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief
-Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der
-»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung
-»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind
-bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches
-angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem
-bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen
-Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der
-Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der
-Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle
-einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von
-<span class="gesperrt">Rückkehr</span> zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase,
-die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,&mdash;nämlich zur
-Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen <span class="gesperrt">Aesthetik</span> und ihrer Lehre
-vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als
-auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, <span class="gesperrt">das Mysterium einer
-ungeheuren Selbst-Apotheose</span>, das er in dem zögernden Wort »Ich
-bin«&mdash;sich noch scheut auszusprechen.</p>
-
-<p>Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige
-Dichtung »<span class="gesperrt">Also sprach Zarathustra</span>« (I und II 1883; III 1884,
-Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann);
-<span class="gesperrt">Jenseits von Gut und Böse</span>, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft
-(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); <span class="gesperrt">Zur Genealogie
-der Moral</span>, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); <span class="gesperrt">Der
-Fall Wagner</span>, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann);
-endlich die kleine Aphorismen-Sammlung <span class="gesperrt">Götzen-Dämmerung</span> oder <span class="gesperrt">Wie
-man mit dem Hammer philosophirt</span> (1889, Leipzig, C. G. Naumann).
-Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens
-Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie
-die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines
-Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind,
-der Darlegung eines <span class="gesperrt">Systems</span> zu dienen, wenn auch nur eines Systems,
-das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit
-begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine
-Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein
-unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher,
-als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine
-vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen
-jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen
-und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das
-reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien,
-sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden
-Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als
-auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im
-Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer
-wieder macht er,&mdash;sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in
-der Genealogie der Moral,&mdash;den Versuch, über das Rein&mdash;Aphoristische
-hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen,
-weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.</p>
-
-<p>Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art
-von <span class="gesperrt">Erkenntnisstheorie</span>, einen Ansatz dazu, sich mit den
-erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem
-er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt
-gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege
-beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der
-praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf
-die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische
-Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen
-gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den
-verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber
-höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der
-Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest
-entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen
-könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der
-Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.</p>
-
-<p>Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers
-diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung
-Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten
-Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern
-durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens.
-Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme
-der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der
-Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf
-den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese
-Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen
-Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn
-begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille
-und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft
-hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe
-nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er
-derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In
-diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht
-auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die
-Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens
-auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es
-entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.</p>
-
-<p>Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen
-vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen,
-um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte
-zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche
-Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche
-die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar
-nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen
-Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben
-Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes
-Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes
-und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.</p>
-
-<p>Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine <span class="gesperrt">Stimmung</span>, nur
-seine <span class="gesperrt">Gefühlsauffassung</span> der Sachlage, aber eben dies besagt für
-Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden
-Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue
-Weltanschauung.</p>
-
-<p>Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken
-in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner
-Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie
-in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei
-Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne
-letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein
-Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse,
-ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich,
-daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.</p>
-
-<p>Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden,
-einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils
-Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich
-in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft.
-Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches
-zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist.
-Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine
-kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches
-Geistesentwicklung,&mdash;als ein Muster von zwei verschiedenen mit
-genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen
-Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem</p>
-
-<p>Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung
-des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin
-Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von
-Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen
-könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am
-ausführlichsten die <span class="gesperrt">Unberechtigung der Werthgegensätze</span> »wahr und
-unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig
-werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe
-der Wahrheit trat vor uns hin,... Was in uns will eigentlich »»zur
-Wahrheit««?... Gesetzt, wir wollen Wahrheit: <span class="gesperrt">warum nicht lieber</span>
-Unwahrheit?...« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme,
-dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt?
-Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen...?« (34.) »In
-welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!...
-erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit
-durfte sich&mdash;die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem
-Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen,
-zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern&mdash;als
-seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend
-einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven <span class="gesperrt">entgegengesetzt</span>,&mdash;das
-meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte
-heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik
-ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention«
-(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache
-der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf
-können als gerade zur Realität unserer Triebe&mdash;denn Denken ist nur ein
-Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36).
-Und daraus folgt denn schon: »... <span class="gesperrt">je mehr</span> Affekte wir über eine
-Sache zu Worte kommen lassen, <span class="gesperrt">je mehr</span> Augen, verschiedne Augen wir
-uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird
-unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen
-aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen,
-gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt
-<span class="gesperrt">castriren</span>?... (Zur Genealogie der Moral III 12).</p>
-
-<p>Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von
-seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt.
-Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil
-derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich
-irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die
-uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und
-degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des
-Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung
-noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich
-neben einander besteht,&mdash;die Relativität des Denkens und diejenige
-des Affektlebens,... das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche
-Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene
-Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den
-er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan
-machen wollte,&mdash;auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste
-gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung
-rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem
-fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«</p>
-
-<p>Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch
-kein Einwand gegen ein Urtheil;... Die Frage ist, wie weit es
-lebenfördernd, lebenerhaltend ... ist;... Verzichtleisten auf
-falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung
-des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der
-dem Wahren, dem Wahrhaftigen,... zukommen mag: es wäre möglich,
-dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein
-für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben
-werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, <span class="gesperrt">was</span> den Werth
-jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit
-jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche
-Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu
-sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »... wir sind von Grund
-aus, von Alters her&mdash;<span class="gesperrt">ans Lügen gewöhnt</span>. Oder, um es tugendhafter
-und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr
-Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere
-der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen
-Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »&mdash;die Kunst, in der
-gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen
-zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um
-derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten
-Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als
-die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und
-»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)</p>
-
-<p>An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst
-der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem
-neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen
-ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen
-»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als
-eine unvermeidliche <span class="gesperrt">Zugabe</span> zum erkennenden Denken betrachten
-und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu <span class="gesperrt">reduciren</span> suchen: die
-Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,&mdash;das gerade
-bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen <span class="gesperrt">Steigerung</span>. Die Einsicht
-in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der
-Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur
-Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die
-demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche
-der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine
-Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches
-Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in
-dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens.
-Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer
-letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so
-öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch
-Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und
-Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden
-Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber
-hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt
-hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen
-Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und
-Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten
-Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus
-dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die
-nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert
-er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet
-und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der
-Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch
-keine Richtung gewiesen ist,&mdash;dass Alles in ihr noch herrenlos und
-gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches
-Schaffen,&mdash;gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft
-für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins
-Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene,
-Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit
-Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:&mdash;denn nicht wollt ihr mit
-<span class="gesperrt">feiger Hand einem Faden nachtasten</span>; und, wo ihr <span class="gesperrt">errathen</span> könnt, da
-hasst ihr es, zu <span class="gesperrt">erschliessen</span>.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.)
-»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust
-(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!«
-(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender,
-bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille
-zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!«
-(Ebendaselbst II 50)</p>
-
-<p>Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und
-Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens,
-eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich
-selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches,
-Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist
-verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden,
-so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die
-Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und
-Erkennenwollen ausschweift.<a name="FNAnker_1_27" id="FNAnker_1_27"></a><a href="#Fussnote_1_27" class="fnanchor">[1]</a> In einem solchen Verlangen wild
-auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts
-ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.)
-und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des
-Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden,
-willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten
-Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die
-Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser
-Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der
-Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem
-Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen
-hat. »Warum dürfte die Welt, <span class="gesperrt">die uns etwas angeht</span>&mdash;, nicht eine
-Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem
-Hintergedanken: <span class="gesperrt">und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein</span>?</p>
-
-<p>Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der
-»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit
-den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand
-ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt«
-endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine
-Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu
-uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise,
-den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als
-identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato,
-<span class="gesperrt">bin</span> die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren,
-scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den
-Weisen,&mdash;lebt in ihr, <span class="gesperrt">er ist sie</span>.« Im Christenthum trennt sich die
-Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem
-sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als
-Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe
-von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem
-blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«&mdash;bis sie
-sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts
-verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei
-des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr
-gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist:
-»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit;
-Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der
-Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir
-zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss
-überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre«
-Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen,
-uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren
-Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als
-deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst
-zurückgeworfen als auf den <span class="gesperrt">Selbstschöpfer aller Dinge</span>. Wieder ist die
-alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht
-als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in
-der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit,
-von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte
-Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat.
-»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin,
-sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den
-geheimnissvollen Schlussworten: »<span class="gesperrt">Mittag; Augenblick des kürzesten
-Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit;
-Incipit Zarathustra</span>.«</p>
-
-<p>Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins
-Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen
-und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt.
-Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine
-neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse
-Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn
-aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen
-Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens
-gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des
-Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen
-Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das
-Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte
-sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt,
-was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt
-sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er
-auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen
-alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt
-und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der
-Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass
-er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande
-wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern
-in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt
-ergeht. »&mdash;<span class="gesperrt">Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und
-Gesetzgeber</span>: sie sagen »<span class="gesperrt">so soll</span> es sein!« sie bestimmen erst das
-Wohin? und Wozu? des Menschen..., ... sie greifen mit schöpferischer
-Hand nach der Zukunft.... Ihr »Erkennen« ist <span class="gesperrt">Schaffen</span>, ihr
-Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist&mdash;<span class="gesperrt">Wille zur
-Macht</span>.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft
-immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie
-ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht,
-zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die
-»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207)
-sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze
-Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter
-Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden
-bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden
-immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und
-Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.</p>
-
-<p>Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses
-Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen
-nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren
-wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen«
-Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen
-des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt
-mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis
-in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt
-»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen <span class="gesperrt">Ersatz</span>
-für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen.
-Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die
-Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem
-Wahrheits-<span class="gesperrt">Entdecker</span>, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er
-gewissermassen zum Wahrheits-<span class="gesperrt">Erfinder</span> geworden, zu einem Ȇberreichen
-des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und
-Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d.
-h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen
-nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen <span class="gesperrt">Sinn</span>
-noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er
-sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu
-einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse
-Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.</p>
-
-<p>In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das
-Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer
-Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und
-Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein
-innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des
-strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit
-ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt
-er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens
-Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung
-durch den Gedanken verlangt,&mdash;es ist der »tropische« Mensch, auf den
-die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf
-Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste
-Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen
-kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten
-Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten
-zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und
-Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III
-82).</p>
-
-<p>Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion
-gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste
-Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste
-Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen
-unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in
-der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner
-Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die
-Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt
-er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem
-Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen
-seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den
-erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph
-des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes
-wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste
-Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,&mdash;der
-Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts
-gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der <span class="gesperrt">gegen sich selbst</span>
-gewendeten Grausamkeit«.&mdash;er muss als »Künstler und Verklärer der
-Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche
-Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so
-empfängt er die höchste Offenbarung,&mdash;er taucht hinab ins Grenzenlose,
-Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er
-sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches,
-in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken
-wiederfinden: <span class="gesperrt">dass der Untergang durch das Uebermass</span> die Bedingung
-einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches
-Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich&mdash;persönlicher Mystik aus, in
-der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das
-»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und
-tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden
-soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde
-gingen!...Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!...
-Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen
-geweiht zum Opferthier,&mdash;wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des
-Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne
-zeugen, in die er schaute,&mdash;wusstet ihr das schon?« (Also sprach
-Zarathustra II 33).</p>
-
-<p>Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des
-Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik
-und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den
-abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es
-endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in
-seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.</p>
-
-<p>Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung
-und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden
-als des wahren Trägers des Lebenswillens,&mdash;des Erkennenden als des
-Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von
-Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen
-überhaupt aussagt: »dass die moralischen&mdash; &mdash;Absichten ... den
-eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze
-gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang
-des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten
-und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen
-trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll
-der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine
-Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder
-»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der
-Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen
-Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: <span class="gesperrt">es taugt nichts</span>.... Immer und
-überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,&mdash;einen Klang
-voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand
-gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge
-der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens,
-der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,&mdash;war
-es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen
-zugleich ihr <span class="gesperrt">Adelszeichen</span>, das sie von den geistig rohen Menschen,
-vom <span class="gesperrt">Pöbel</span>, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier
-hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf
-die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der
-Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als
-die Kranken und Entnervten, als die <span class="gesperrt">Niedergangstypen</span> eines jeden
-Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph,
-der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über
-die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder
-zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für
-Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der
-Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen,
-trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte
-und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem
-er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II
-»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker,
-die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle
-beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das
-Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des
-Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen
-haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also
-geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie
-mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines
-Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden
-Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst
-Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge
-niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die
-sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden
-und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung
-weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie
-vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig?
-ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den
-ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)</p>
-
-<p>Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die
-äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit
-gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen
-Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung
-seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen,
-in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu
-einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und
-Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,&mdash;? er ist
-der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch
-nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das
-krankhafteste,&mdash;»das <span class="gesperrt">noch nicht festgestellte</span> Thier.« (Jenseits von
-Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als
-solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet
-desselben.</p>
-
-<p>Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges
-ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,&mdash;da wo sich die
-wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten
-socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene
-furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen
-die alten Instinkte der Freiheit schützte ... brachten zu Wege,
-dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich
-rückwärts, sich <span class="gesperrt">gegen den Menschen selbst</span> wandten.« »Alle Instinkte,
-welche sich nicht nach Aussen entladen, <span class="gesperrt">wenden sich nach Innen</span>&mdash;
-ist das, was ich die <span class="gesperrt">Verinnerlichung</span> des Menschen nenne: damit
-wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele«
-nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei
-Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung
-des Menschen <span class="gesperrt">nach Aussen gehemmt</span> worden ist.« »Der Mensch, der
-sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in
-eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst
-zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den
-Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,... Mit
-ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von
-welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des
-Menschen&mdash;<span class="gesperrt">an sich</span>: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von
-der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten
-Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit
-beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)</p>
-
-<p>Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen
-sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist,
-und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch
-gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am <span class="gesperrt">Ausgang</span> einer
-langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als
-Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die
-Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form
-auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht
-und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen,
-sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung
-reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch
-eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind,
-beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu
-machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere,
-Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der
-grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln
-zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's,
-keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit
-einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden
-schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des
-Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von
-Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)</p>
-
-<p>Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die
-Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen
-und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht
-wehren kann,&mdash;so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde
-in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse
-mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte,
-nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte.
-Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark
-verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner
-ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er
-wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten,
-gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt
-gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle
-Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium
-bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen
-Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind,
-als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen,
-moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu
-lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.</p>
-
-<p>Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der
-menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für
-deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine
-dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände
-unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu
-verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige
-Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt
-wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form,
-zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die
-Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist«
-auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle
-Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das
-Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit«
-dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre
-Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in
-der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum
-durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren
-werde.</p>
-
-<p>»Man ist nur <span class="gesperrt">fruchtbar</span> um den Preis, an Gegensätzen reich zu
-sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende
-Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu <span class="gesperrt">ertragen</span>. Dann ist scheinbare
-Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur
-ein <span class="gesperrt">Schimpfname für die Herbstzeiten</span>«,&mdash;d. h. für die Zeiten der
-abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann
-Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem
-nothwendigen Ende zu,&mdash;»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen
-<span class="gesperrt">Schritt für Schritt weiter in der décadence</span>.... Man kann diese
-Entwicklung <span class="gesperrt">hemmen</span> und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen,
-aufsammeln, vehementer und <span class="gesperrt">plötzlicher</span> machen: mehr kann man nicht.«
-(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische
-Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der
-Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich
-selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der
-Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten,... Thierseele auf Erden
-etwas so Neues, Tiefes,... Widerspruchsvolles und <span class="gesperrt">Zukunftsvolles</span>
-gegeben«,&mdash;dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art
-des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit
-»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel,
-sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses
-Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein
-Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,&mdash;ein Seil über einem
-Abgrunde.... Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke
-und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass
-er ein <span class="gesperrt">Übergang</span> und ein <span class="gesperrt">Untergang</span> ist.« (Also sprach Zarathustra
-I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu
-Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden
-Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die
-Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »... als
-welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«</p>
-
-<p>Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe,
-die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht
-aufgegeben, sondern noch möglichst <span class="gesperrt">verschärft</span> und zum Ausgangspunkt
-seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten
-Einsicht hat sie sich ihm zu einem <span class="gesperrt">Gemüthsaffekt</span> gesteigert, und
-als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle
-seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram
-und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach
-Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt.
-Aus dem <span class="gesperrt">Accent</span>, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus
-den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die
-übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken
-einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.</p>
-
-<p>Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches
-neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des
-Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem
-Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt
-die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung
-durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft.
-Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit,
-eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr
-gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die
-schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die <span class="gesperrt">Ursache</span>
-und <span class="gesperrt">Begleiterscheinung</span> der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren,
-werden nunmehr zum <span class="gesperrt">Erkenntniss</span>-inhalt selbst.</p>
-
-<p>Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit
-ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen
-Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war
-jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig,
-obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr
-schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit
-der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann
-zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte
-nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille,
-als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen
-zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen <span class="gesperrt">längeren</span>
-und <span class="gesperrt">tieferen</span> Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick
-beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für
-sein Wollen einstehen&mdash;er wurde »das Thier, das <span class="gesperrt">versprechen darf</span>«.
-Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von <span class="gesperrt">Mnemotechnik</span>:
-sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein <span class="gesperrt">Gedächtniss
-einzuverleiben</span> sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also
-auch zu sich <span class="gesperrt">Ja sagen dürfen</span>&mdash;das ist&mdash;eine <span class="gesperrt">späte</span> Frucht:&mdash;wie
-lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir
-uns&mdash;ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich
-seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte
-endlich zu Tage bringt, <span class="gesperrt">wozu</span> sie nur das Mittel war: so finden wir
-als reifste Frucht ... das souveraine <span class="gesperrt">Individuum</span>, das nur sich
-selbst gleiche,..., kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen
-Willens, der <span class="gesperrt">versprechen darf</span>.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.)
-Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums
-entspricht eine neue Art von <span class="gesperrt">Gewissen</span>, nachdem der Mensch den Moral
-Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens&mdash;seinen strengen,
-nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern&mdash;entwachsen ist, und damit das
-alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.</p>
-
-<p>Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner
-ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen
-Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche
-gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die
-Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen,
-wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt.
-Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und
-Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits
-des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die
-einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des
-unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem
-Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus
-gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der
-»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen
-erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich
-der mysteriösen <span class="gesperrt">Herkunft</span> und Abstammung des Willens leugnet, das
-versucht er dafür an das <span class="gesperrt">Ziel</span> und <span class="gesperrt">Ende</span> der Willensentwicklung
-zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten
-langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein
-reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben
-beherrschender Wille allmählich <span class="gesperrt">geschaffen worden</span>, so ist er damit
-in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht
-bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus
-einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts
-mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine <span class="gesperrt">gewaltig angewachsene
-und rücksichtslos explodirende Stärke</span> bestimmt,&mdash;er ist reines, von
-der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen
-nicht mehr <span class="gesperrt">metaphysischer</span> Natur, denn es ist geworden, es ist das
-<span class="gesperrt">Resultat</span> einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des
-Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit
-des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit,
-denn sie wendet sich nunmehr als eine <span class="gesperrt">unbedingte</span> Macht umgestaltend
-und umschaffend <span class="gesperrt">gegen</span> eben die natürlichen Bedingungen, denen
-sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein
-zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in
-seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt,
-indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort
-kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende
-unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)&mdash;blos weil man
-die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht
-mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen
-des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende
-erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist.
-Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden,
-aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle
-Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller
-Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen
-Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die
-Dinge <span class="gesperrt">hineinerschaffen</span>; darum will Nietzsche an Stelle des »freien«
-und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck» <span class="gesperrt">starker</span>
-und <span class="gesperrt">schwacher</span> Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21)
-und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und
-<span class="gesperrt">Entwicklungslehre des Willens zur Macht</span>«. (Ebendas. 23.)</p>
-
-<p>Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade
-»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem <span class="gesperrt">Genie</span> geworden ist, was
-sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat.
-Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und
-Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen
-eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer,
-historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt,
-gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,... die Zeit, in der sie
-erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr
-werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie <span class="gesperrt">älter</span> sind, dass
-länger auf sie hin gesammelt worden ist;... die Zeit ist relativ
-immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer....
-»Der grosse Mensch ist ein Ende;... Das Genie&mdash;in Werk, in That&mdash;
-ist nothwendig ein Verschwender: <span class="gesperrt">dass es sich ausgiebt</span>, ist seine
-Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt;
-der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede
-solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)</p>
-
-<p>Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in
-ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen
-soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine
-Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer
-Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert
-hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden
-ist,&mdash;Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das
-nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem
-oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte
-Menschheitsbewusstsein,&mdash;so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig
-ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie
-wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es
-würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen,
-ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst
-hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der
-Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den
-Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung
-Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige
-Bedeutsamkeit:&mdash;mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der
-Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als
-der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich
-Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt
-sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein
-Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen
-uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals
-herausgewachsen sind:&mdash;Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus
-höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine
-Art von Atavismus,&mdash;darin liegt der wunderlich <span class="gesperrt">reaktionäre</span> Charakter
-der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von
-der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch,
-an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und
-Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft
-zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur
-deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer
-lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und
-übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem
-Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,<a name="FNAnker_2_28" id="FNAnker_2_28"></a><a href="#Fussnote_2_28" class="fnanchor">[2]</a> dass
-Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden
-seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie
-sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die
-guten Dinge) <span class="gesperrt">hat</span>, ist ein Andrer, als wer sie <span class="gesperrt">erwirbt</span>. Alles Gute
-ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ...
-« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren
-lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende
-und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der
-moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz
-und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm
-Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst
-ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.</p>
-
-<p>»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden
-Kraft:... Damit es Institutionen giebt, muss es ... Wille,
-Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen
-zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte
-hinaus, zur <span class="gesperrt">Solidarität</span> von Geschlechter-Ketten vorwärts und
-rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant,
-durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches
-vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer
-Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und
-wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt
-geisselt er die »pöbelhafte<a name="FNAnker_3_29" id="FNAnker_3_29"></a><a href="#Fussnote_3_29" class="fnanchor">[3]</a> Gleichmacherei« aller Menschen und
-die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten
-mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die
-ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren
-sind »die <span class="gesperrt">ganzeren</span> Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit
-bedeutet, als »die ganzeren Bestien«&mdash;).« (Jenseits von Gut und Böse
-257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem
-solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu
-Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,&mdash; ja, sie <span class="gesperrt">sind</span> kraft
-ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der
-bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des
-starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,... Ihm fehlt die
-Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform,
-in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist,
-<span class="gesperrt">zu Recht besteht</span>. Seine <span class="gesperrt">Tugenden</span> sind von der Gesellschaft in Bann
-gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem
-<span class="gesperrt">Jeden</span> eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten
-und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem
-seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer
-die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich
-und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der
-Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass
-er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres
-Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem
-Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt
-ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich
-noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen
-Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff
-darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der
-Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und
-ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende
-Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und
-das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen.
-Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie
-Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass
-Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist,
-der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der
-dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren
-konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu
-unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung
-bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches
-Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode
-an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders
-auffasste.<a name="FNAnker_4_30" id="FNAnker_4_30"></a><a href="#Fussnote_4_30" class="fnanchor">[4]</a></p>
-
-<p>In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines
-rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild
-der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch
-heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur
-der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen
-Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches
-viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen
-Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von
-positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im
-Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass,
-mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen
-Zwecke bedurfte, durchzusprechen,&mdash;namentlich auch den etymologischen
-und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut,
-niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen
-vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und
-gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen
-wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch
-jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den
-Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da
-die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber
-hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.</p>
-
-<p>In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten
-aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher
-und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen
-aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft
-und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und
-Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die
-Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint.
-In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war
-Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen
-Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen
-Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte
-sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des
-Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden
-verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei
-unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral
-und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht.
-Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und
-Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig
-mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung
-wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze
-Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller
-moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das
-Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr
-als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die
-Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung
-gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den
-Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur:
-sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen
-als »<span class="gesperrt">gut</span>« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also
-auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und
-halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz
-anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser
-»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus,
-sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt
-alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und
-erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, <span class="gesperrt">ihren</span> Begriff
-»gut« für sämmtliche jenen <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span> Eigenschaften,&mdash;also für
-das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin
-das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«,
-das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem
-»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen
-Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen
-Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach
-Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden
-Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild
-ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das
-Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums
-an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den
-Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet
-haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein,
-damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.<a name="FNAnker_5_31" id="FNAnker_5_31"></a><a href="#Fussnote_5_31" class="fnanchor">[5]</a>
-Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen
-und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen,
-weil die eigentliche <span class="gesperrt">Bedeutsamkeit</span> dieser Anschauung für seine
-Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht.
-Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich
-zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für
-ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der
-Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb
-ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang
-verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont:
-die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches
-gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch
-nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht
-was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene
-Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen
-sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der
-philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen
-auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie
-interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung
-keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,&mdash;und
-sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war,
-wissenschaftlich zu arbeiten.</p>
-
-<p>Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher
-seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)&mdash;dass wir »<span class="gesperrt">Immer
-in unserer Gesellschaft« bleiben</span>, auch wo wir wähnen, Fremdes
-aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet
-zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich&mdash;: das Andere
-höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »<span class="gesperrt">Grenze unseres Hörsinns</span>:
-Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort
-zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner
-Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen,
-als was mir schon gehört,&mdash; das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen
-zurück.« (Ebendaselbst 242.)</p>
-
-<p>Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner
-philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher
-Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in
-seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch
-bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem
-innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende
-und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit
-seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es
-ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also
-sprach Zarathustra III 74.)</p>
-
-<p>Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein
-weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral
-geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache,
-dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist,
-<span class="gesperrt">beide</span> Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer
-solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von
-Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung
-entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur,
-d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet
-und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch
-die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche
-beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen
-des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang,
-ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche
-Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche
-Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur
-Weiterentwickelung erst befähigt durch die <span class="gesperrt">Wunden</span>, die ihrer Kraft
-beigebracht werden,&mdash;denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen,
-sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre
-Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: <span class="gesperrt">alles
-dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment</span>.
-»Das Wesentliche,... wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass
-lange und in Einer Richtung <span class="gesperrt">gehorcht</span> werde: dabei kommt ... auf
-die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf
-Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser
-Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar,
-sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu
-züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen,
-aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften
-und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven
-Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um
-sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren
-Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie
-wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den
-Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas
-Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch
-ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr
-ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter
-Kräfte,&mdash;»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra
-III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes,
-Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu
-Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den
-alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral
-I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er
-denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender
-Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung
-hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von
-Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch
-den Andren,&mdash;woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine
-Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist
-kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender
-und Selbst-Untergang. Er wiederholt also <span class="gesperrt">in sich</span> und auf Grund
-seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit
-genau dasselbe, was einst auf die Menschheit <span class="gesperrt">von Aussen her</span>, durch
-Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,&mdash;wir
-finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese
-Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren
-widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine
-Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen,
-diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich
-selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust
-am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die
-vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf
-lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen,
-welches heisst: »Ich bin das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«.
-(Also sprach Zarathustra II 49.)</p>
-
-<p>Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen
-Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes
-Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten
-Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen
-hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame
-»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen
-beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde
-der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und
-Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er
-von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden
-und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem
-Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können.
-Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist
-liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte
-muthet ihn an als <span class="gesperrt">seine</span> Welt, <span class="gesperrt">seine</span> Sicherheit, <span class="gesperrt">sein</span> Labsal«;
-(Zur Genealogie der Moral I 10)&mdash;und er beschreibt sein Gegenbild in
-der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur,
-dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die
-Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als
-solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze
-immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie
-als <span class="gesperrt">Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens</span>, die, historisch
-betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch
-betrachtet, als eine <span class="gesperrt">Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen
-Menschen</span> erweisen. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen
-Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung
-nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten
-Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser
-sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.</p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 450px;">
-<img src="images/nietzsche_003.jpg" width="450" alt="" />
-</div>
-
-<p>Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches
-»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen
-bedeutet, und wie sie sich zum <span class="gesperrt">asketischen Ideal</span> verhält, in
-dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche
-zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings
-damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,&mdash;beginnt mit
-einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das
-bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und
-Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand,
-an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte.
-Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend
-ein Uebermenschenthum <span class="gesperrt">gegeben</span> sei, es müsste denn erst <span class="gesperrt">geschaffen</span>
-werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein
-andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie
-sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres
-Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle
-eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits
-hervorzulocken.<a name="FNAnker_6_32" id="FNAnker_6_32"></a><a href="#Fussnote_6_32" class="fnanchor">[6]</a> Daher giebt er den verachteten, gefürchteten,
-misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von
-keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit
-der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen
-Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der
-Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen
-höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen
-sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,&mdash;dass alles Böseste seine
-beste <span class="gesperrt">Kraft</span> ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden;
-und dass der Mensch besser <span class="gesperrt">und</span> böser werden muss«. (Also sprach
-Zarathustra III 97.)</p>
-
-<p>Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend
-ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst
-zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich
-steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss:
-er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so
-kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und
-seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,&mdash;wandelt
-sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet:
-»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst
-du deine Tugenden lieben,&mdash;denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«.
-(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass
-er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle
-Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)</p>
-
-<p>So gleichbedeutend hiernach <span class="gesperrt">egoistische Kraftauslebung</span> und <span class="gesperrt">Tugend</span>
-im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in
-Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied
-zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral
-als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative
-verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das
-Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder
-einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit
-der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der
-Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so
-gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst
-III 97.) Das <span class="gesperrt">Uebermaass</span> ist der Weg <span class="gesperrt">zum Uebermenschlichen</span>, deshalb
-geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit
-seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden
-müsstet?&mdash;Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz,
-der ist dieser Wahnsinn!&mdash;« (Ebendaselbst I 11.)</p>
-
-<p>Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines
-Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er
-betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein
-Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht
-und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein
-»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare
-Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der
-»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel;
-er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert
-wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese
-Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur
-von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei
-wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in
-der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur
-eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während
-Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart,
-geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu
-Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen
-im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch,
-als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein
-Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen«
-Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei
-Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen
-und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den
-<span class="gesperrt">Moral-Weg</span>, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings
-das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und
-steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine
-tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man
-hingegen Nietzsches <span class="gesperrt">Moral-Ziel</span> genauer ins Auge, so erweist es sich
-als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben,
-sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern,
-sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft
-Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters,
-wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen
-Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth
-zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht
-minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er
-wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob
-auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele
-nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung
-unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer
-blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich
-einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen:
-allzuähnlich einander,&mdash;allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also
-sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen
-einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung
-auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist
-deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten,
-aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser
-Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.«
-(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich
-fand immer nur die <span class="gesperrt">Affen</span> ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)</p>
-
-<p>Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt
-der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches
-Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang
-des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer
-hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und
-auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung
-der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am
-Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben,
-damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der
-Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es
-schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,&mdash;alle
-erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um
-sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.</p>
-
-<p>So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik
-auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,&mdash;in
-dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln
-eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 =
-Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der
-That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen
-voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart
-werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und
-wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss,
-kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht;
-das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den
-Untergehenden, der zermalmt werden muss,&mdash;es bedeutet: Euch adelt die
-Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler
-zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines
-nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst
-ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten
-Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man
-hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen
-Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche
-Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des
-Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der
-Zukunftsschöpfer, »&mdash;zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein
-inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine.
-Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner
-Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss!
-Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine
-stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)</p>
-
-<p>Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den
-Lehren Nietzsches,&mdash;vor der Frage: Wie denn die Entstehung des
-Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn
-Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung
-dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches
-Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden,
-gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine
-Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische
-Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für
-sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit
-damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller
-wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische
-Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem
-<span class="gesperrt">Leiden am eignen Selbst</span> wird. Aus der Qual eines solchen Leidens
-heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem
-<span class="gesperrt">eignen Gegensatz</span> erwachsen,&mdash;die Sehnsucht des Starken, Unmässigen,
-Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der
-Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten
-Reinheit,&mdash;die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben
-besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich,
-dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz
-durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So
-erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten
-Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der
-sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen <span class="gesperrt">schon in der
-Vorstellung</span> austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser
-schnellen Ausschweifung folgt,&mdash;er erhebt sich nunmehr »über sich«,
-wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit
-dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines
-eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen
-Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für
-eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das
-eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen
-Uebermaasses bewahre,&mdash;dass es sie nicht schwäche, zügele, massige,
-»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen.
-Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen
-es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in
-sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner
-Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der
-Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines,
-sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen
-Wesens, &mdash;aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da
-keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander
-nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit
-bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund
-zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren
-gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der
-menschlichen Triebe,&mdash;auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine
-leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche <span class="gesperrt">Maske</span>,
-der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich
-gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf
-erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass
-es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln:
-der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber
-eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu
-einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen
-hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung
-zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten
-zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am
-grundsätzlichsten in seine Theorien auf,&mdash;aber nur in den äussersten
-Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel
-zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich,
-um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man
-kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse
-verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie
-tief&mdash;tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen
-Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.</p>
-
-<p>Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der
-von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe
-als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im
-vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine <span class="gesperrt">Fähigkeit</span>
-zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine
-Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.</p>
-
-<p>Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung
-glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche,
-Farbenspiel ... werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«;
-(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden,
-der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und
-die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und
-gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,&mdash;die Kunst, sich vor
-sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige
-niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der
-Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche
-angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem
-Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert,
-seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich
-entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als
-Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung
-bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von
-Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug,
-hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit
-nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches
-Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein
-<span class="gesperrt">Kunstwerk</span> ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt:
-»... man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen,
-als ihren <span class="gesperrt">höchsten</span> Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das
-künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen
-und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits
-von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht
-Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu
-diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das
-<span class="gesperrt">Kunstwerk des Menschen</span>. Und wollen wir uns davon ein Bild machen,
-so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in
-seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte,
-wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der
-Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen,
-welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden
-sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das
-Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken
-gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt
-werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das
-Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich
-selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung
-ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der
-griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die
-apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen
-Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so
-verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild
-des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol
-im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner
-Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des
-Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.</p>
-
-<p>So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in
-die Aesthetik überfliesst,&mdash;in eine Art von religiöser Aesthetik,&mdash;und
-dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des
-Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen
-muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer
-phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer
-und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade
-dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die
-Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen
-vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er
-von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem&mdash;Unvermögen,
-als von seiner reichen Kraft.... eine ungeheure Lüsternheit nach
-dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er
-seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.«
-(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung
-des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen
-Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung,
-auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,&mdash;als ein <span class="gesperrt">ästhetisches
-Phänomen</span> denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des
-Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine
-geschaute und nachgelebte <span class="gesperrt">Vision</span> hervortreibt. »... von Niemandem
-will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst
-es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen,
-»aber gerade dem Helden ist das <span class="gesperrt">Schöne</span> aller Dinge Schwerstes.
-Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.... Diess nämlich
-ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat,
-naht ihr, im <span class="gesperrt">Traume</span>,&mdash;der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach
-Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann:&mdash;ein
-Schatten kam zu mir&mdash;aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam&mdash;zu
-mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn
-»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«&mdash;»Was wäre denn schön, wenn
-nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre,
-wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin
-hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis
-zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht
-er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund
-aus hässlichen. »Ein <span class="gesperrt">Hass</span> springt da hervor:... Er hasst da
-aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist
-Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,&mdash;es ist der tiefste Hass, den
-es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst <span class="gesperrt">tief</span>....« (Götzen-Dämmerung
-IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die
-grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des
-schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins
-ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang
-weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur
-»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich
-seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft
-bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand
-der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen
-Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl
-der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die
-Dinge ab, man <span class="gesperrt">zwingt</span> sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt
-sie,&mdash;man heisst diesen Vorgang <span class="gesperrt">Idealisiren</span>.« (Götzen-Dämmerung IX
-8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle:
-was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark,
-überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge,
-bis sie seine Macht wiederspiegeln,... Dies Verwandeln-<span class="gesperrt">müssen</span> in's
-Vollkommne ist&mdash;Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)</p>
-
-<p>Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter,
-indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein
-ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem
-Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die
-Menschen und Dinge zu <span class="gesperrt">vergöttlichen</span>, sie ins Gotthafte aufzulösen,
-um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche
-nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen
-angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das
-grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat
-des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,&mdash;zum ersten
-Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach
-Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung
-Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle
-in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon
-bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus
-dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch,
-er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen
-täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein
-ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt
-aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in
-einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,&mdash;im Sinn eines religiösen
-Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum
-ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das
-Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern
-Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden
-ist, es enthalte in dichterischer Form eine <span class="gesperrt">Popularisirung</span> dessen,
-was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In
-Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke;
-denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie
-gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie
-hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem
-mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das
-tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der
-Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man
-den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und
-religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde
-liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem
-Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,&mdash;aus dem Sehnen,
-seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben,
-den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und
-Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott
-oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen
-Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die
-Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten«
-anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm
-gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen
-der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra
-keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf
-sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »&mdash;was sagte dir einst
-Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?&mdash;Aber auch Zarathustra
-ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches
-Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich
-als Sein und Wesen zu geben,&mdash;ja, dass alle höchste Wahrheit in der
-<span class="gesperrt">Scheinwirkung</span>, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner
-mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden,
-sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts
-Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von
-Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler
-ernst,&mdash;sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)</p>
-
-<p>Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen
-Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass
-es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten
-nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte
-Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«,
-der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu
-überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht
-vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine
-Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend
-eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber
-spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken
-abliest: »&mdash;warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern&mdash;als
-zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu:
-»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen
-Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! <span class="gesperrt">Vielleicht betrog er
-euch</span>.... Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines
-Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!«
-(I 111.)</p>
-
-<p>Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und
-Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht
-wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm <span class="gesperrt">religiös</span> eine Wahrheit
-zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und
-hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich
-selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu
-entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in
-dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt
-unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive
-Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und
-ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die
-wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu
-malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die
-Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen
-Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang
-hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich
-selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen
-Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf
-der einen&mdash;der menschlichen&mdash;Seite in demselben Maasse vertieft
-werden, als auf der anderen&mdash;der übermenschlichen&mdash;das Licht heller
-hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer
-Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen
-der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten
-Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen
-Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich
-derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der <span class="gesperrt">christlich-asketischen
-Gottschöpfung</span> gemacht hat: es sei in ihr des Menschen <span class="gesperrt">Wille</span> gewesen,
-»ein Ideal aufzurichten..., um angesichts desselben seiner
-absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies
-Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen
-düsteren entnervenden Traurigkeit.... Hier ist <span class="gesperrt">Krankheit</span>,
-es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im
-Menschen gewüthet hat:&mdash;und wer es noch zu hören vermag ... wie in
-dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei <span class="gesperrt">Liebe</span>, der Schrei des
-sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe geklungen hat,
-der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im
-Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II
-22.)</p>
-
-<p>Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des
-Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime
-Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten
-die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip
-gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht
-geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft
-und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,&mdash;und
-so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten
-Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische
-Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere
-als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem
-tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift
-Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder
-seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das
-ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den
-metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges
-an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten
-Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus.
-Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und
-wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer
-Lebenskräfte heraus zu <span class="gesperrt">schaffen</span>, ist die psychische Voraussetzung
-die gerade <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span>: das Schöne soll das Willensleben im
-Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und
-zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische
-Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung
-von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist
-daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche
-gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das
-Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt,
-ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als
-eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch
-das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider
-Anschauungen: beide gehen durch das <span class="gesperrt">Tragische</span> in das Selige ihrer
-Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«<a name="FNAnker_7_33" id="FNAnker_7_33"></a><a href="#Fussnote_7_33" class="fnanchor">[7]</a>
-hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des
-Lebens. Das Leben, als »das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«,
-fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den
-Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem
-solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher
-Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen,
-der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem
-er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer
-Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der
-»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der
-»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des
-tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der
-dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die
-für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille
-hergestellt wurde,&mdash;jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens
-selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus
-das Lichte und Göttliche zu gestalten.<a name="FNAnker_8_34" id="FNAnker_8_34"></a><a href="#Fussnote_8_34" class="fnanchor">[8]</a> Ursprünglich war er ihm ein
-Zeugniss für die&mdash;in Schopenhauerischem Sinne&mdash;tief pessimistische
-Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich
-als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als
-der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass
-genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der
-triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:... in
-den dionysischen Mysterien ... spricht sich die <span class="gesperrt">Grundthatsache</span>
-des hellenischen Instinkts aus&mdash;sein »Wille zum Leben«. <span class="gesperrt">Was</span> verbürgte
-sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das <span class="gesperrt">ewige</span> Leben, die ewige
-Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und
-geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;...
-In der Mysterienlehre ist der <span class="gesperrt">Schmerz</span> heilig
-gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,...
-Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille
-zum Leben sich ewig selbst bejaht, <span class="gesperrt">muss</span> es auch ewig die »Qual der
-Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:....«
-(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX
-22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene
-schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische,
-denn in ihr zeugt der Künstler aus dem <span class="gesperrt">Furchtbaren das Schöne</span>. »<span class="gesperrt">Was
-theilt der tragische Künstler von sich mit</span>? Ist es nicht gerade der
-Zustand <span class="gesperrt">ohne</span> Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er
-zeigt?... Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem
-mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das
-Grauen erweckt&mdash;dieser <span class="gesperrt">siegreiche</span> Zustand ist es, den der tragische
-Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das
-Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist,
-wer Leid aufsucht, der <span class="gesperrt">heroische</span> Mensch preist mit der Tragödie sein
-Dasein,&mdash;ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten
-Grausamkeit.&mdash;« (IX 24.)</p>
-
-<p>»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und
-Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans
-wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des <span class="gesperrt">tragischen</span> Gefühls,...
-Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten
-Problemen; der Wille zum Leben, im <span class="gesperrt">Opfer</span>seiner höchsten Typen der
-eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend&mdash;<span class="gesperrt">das</span> nannte ich dionysisch,
-<span class="gesperrt">das</span> errieth ich als die Brücke zur Psychologie des <span class="gesperrt"><span class="gesperrt">tragischen</span></span>
-Dichters. <span class="gesperrt">Nicht</span> um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,...: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust
-des Werdens <span class="gesperrt">selbst zu sein</span>,&mdash;jene Lust, die auch noch die <span class="gesperrt">Lust am
-Vernichten</span> in sich schliesst....« (X 5.)</p>
-
-<p>Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten
-Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner
-Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und
-der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,&mdash;seine Lehre von
-der <span class="gesperrt">ewigen Wiederkunft aller Dinge</span>. So sehr Nietzsches System
-»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte,
-ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens,
-denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts
-anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt
-und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen
-Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl
-sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament,
-als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der
-er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist,
-und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle
-findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen
-verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und
-Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den
-Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf
-des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im
-vorletzten Aphorismus des Buches »<span class="gesperrt">Das grösste Schwergewicht</span>«, als
-eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts,
-ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte:
-»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch
-einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues
-daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und
-Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir
-wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge&mdash;und ebenso diese
-Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser
-Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer
-wieder umgedreht&mdash;und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«&mdash;Würdest du
-dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon
-verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren
-Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott
-und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt
-bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht
-zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal
-und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf
-deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben
-gut werden, um nach nichts <span class="gesperrt">mehr zu verlangen</span>, als nach dieser letzten
-ewigen Bestätigung und Besiegelung?&mdash;«</p>
-
-<p>Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor&mdash;fast deutlicher und
-unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es
-nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und
-erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen
-Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz
-unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle
-hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der
-ernsten Schlussbetrachtung »<span class="gesperrt">Incipit tragoedia</span>« nicht merkt,&mdash;»so
-heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt <span class="gesperrt">uns</span> überhört!«
-(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er
-denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste
-unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch
-am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat
-der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist
-Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.</p>
-
-<p>Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit
-einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen«
-wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als
-unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen.
-Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein
-Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm
-unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen
-Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der
-That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr
-für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der
-Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche
-nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen
-qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche
-Maske.</p>
-
-<p>Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich
-ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu
-wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung
-des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren
-Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,&mdash;einen Widerspruch,
-der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung
-seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt
-diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit
-knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der
-Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft
-giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«</p>
-
-<p>Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der
-Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner
-eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen
-letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen
-lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik
-zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte,
-während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der
-Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle
-unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den
-»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett.
-Heftiger Anfall. <span class="gesperrt">Ich verachte das Leben</span>. F. N.« So lautete einer der
-Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und
-dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach
-Vollendung jener Composition schrieb:</p>
-
-<blockquote>
-
-<p>»Meine liebe Lou,</p>
-
-<p>Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens
-<span class="gesperrt">bedarf</span> ich etwas des Wohlthuenden!</p>
-
-<p>Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik
-zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei&mdash;Sie werden
-Ihre Nebengedanken dabei haben. <span class="gesperrt">Es kostet mich immerfort
-noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich
-habe viel vor mir, auf mir</span>, hinter mir;...</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Vorwärts</span> ... <span class="gesperrt">und aufwärts</span>!...«</p></blockquote>
-
-<p>Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch
-keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte
-die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie
-weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten
-eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus
-Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es
-möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine
-wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es,
-wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre
-ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren
-absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges,
-als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.</p>
-
-<p>Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten
-Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem
-Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber
-wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein
-oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche
-Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen
-Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der
-verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig
-beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe
-seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal
-befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon
-entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt
-sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an,
-wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es
-entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in
-dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar
-wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer
-unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit
-werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung
-an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als
-endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere
-Eingebung&mdash;seine eigene persönliche Eingebung.</p>
-
-<p>Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und
-des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden
-Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt
-uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die
-Entstehungsursache seiner Theorien. Eine <span class="gesperrt">neue tiefere Bedeutsamkeit
-der Dinge</span>, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten
-Problemen&mdash;dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als
-Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die
-Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre
-mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar
-zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der
-Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem
-Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,&mdash;ja er ertrug
-sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und
-zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem <span class="gesperrt">Sinn</span>, nach dem tiefsten
-Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man
-sein <span class="gesperrt">warum</span>? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem <span class="gesperrt">wie</span>?«
-sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als
-die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen
-Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.</p>
-
-<p>So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual
-einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an
-ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,&mdash;und er begehrte dies so
-inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen
-Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine
-schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.</p>
-
-<p>Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens
-eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass
-und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen
-Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche
-scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere
-Voraussetzung für ihn bilden.</p>
-
-<p>In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen
-Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das
-Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der
-Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels,
-um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und
-Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu,
-dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen
-könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss
-sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung
-dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als
-zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese
-Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender
-Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige
-Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das
-sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen
-durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess
-nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch
-eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über
-das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später,
-als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und
-unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm
-jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den
-Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab,
-ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins
-Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren
-verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete
-Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer
-Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches.
-Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das
-in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt,
-gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben
-zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten
-That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss
-und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn,
-dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die
-thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.</p>
-
-<p>So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus
-seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik
-zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste
-steigert,&mdash;dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und
-Lebensschmerz als ein <span class="gesperrt">Sprungbrett</span> zu benutzen, von dem er sich in die
-Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.</p>
-
-<p>In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet,
-eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben
-eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende
-Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem
-Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend
-gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer
-aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen
-zu können;&mdash;damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine
-Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird
-in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem
-schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue
-Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.</p>
-
-<p>In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie
-das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung,
-der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung
-des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung
-und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen
-Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder
-verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist
-von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht <span class="gesperrt">Befreiung</span> von dem
-Wiederkunftszwange, sondern freudige <span class="gesperrt">Bekehrung zu ihm</span> ist das Ziel
-des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära
-der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen
-ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen
-Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der
-Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der
-Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen
-liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet
-worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch
-betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken
-und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte.
-Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der
-Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten
-Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten <span class="gesperrt">Accent</span>,
-den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des
-Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir
-»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur
-durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns
-mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir
-uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen
-selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die
-<span class="gesperrt">auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe</span> ist deshalb das
-einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die <span class="gesperrt">bis zum Rausch
-entfesselte Lebens-Exaltation</span> nimmt die Stelle ein der religiösen
-<span class="gesperrt">Erhebung</span>, ja, eines Gottes-Kultus.</p>
-
-<p>Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue
-Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und
-Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer
-räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus
-in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen
-Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt
-dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie;
-wer wirklich einmal ... in die weltverneinendste aller möglichen
-Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat..., der hat
-vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen
-für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten,
-lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem,
-was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es,
-<span class="gesperrt">so wie es war und ist</span>, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus,
-<span class="gesperrt">unersättlich da capo</span> rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen
-Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im
-Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat&mdash;und nöthig macht:
-weil er immer wieder sich nöthig hat&mdash;und nöthig macht.... Wie? Und
-dies wäre nicht&mdash;circulus vitiosus deus?«</p>
-
-<p>In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der
-Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus
-hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie
-ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.</p>
-
-<p>Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen
-mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene
-Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,&mdash;und andererseits
-wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen,
-Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es
-zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem
-einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie
-aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen:
-eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der
-ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine
-Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d.
-h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem
-schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt
-sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um
-den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als
-solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende
-und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das
-heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als
-ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum
-wird Alles&mdash;wie? vielleicht zur »Welt«?&mdash;« (das heisst: durch die
-vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur
-er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch
-dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die
-Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen
-äussert).</p>
-
-<p>Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches
-Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in
-ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des
-Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie,
-und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein
-Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir
-haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu
-einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie,
-das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in
-Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart
-zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und
-als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund
-der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen
-Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein
-<span class="gesperrt">unendlicher</span>, sondern ein sich in seiner Begrenzung <span class="gesperrt">stetig
-wiederholender</span> ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren,
-in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein
-solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die <span class="gesperrt">Richtung</span>
-auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,&mdash;nur so wird diese
-letztere zu mehr als einer Hypothese,&mdash;wird sie zu einer <span class="gesperrt">That</span>.
-Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und
-zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen
-vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und
-Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie
-in beseligende Erlösung umzusetzen.<a name="FNAnker_9_35" id="FNAnker_9_35"></a><a href="#Fussnote_9_35" class="fnanchor">[9]</a> Streift aber Nietzsche je
-einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt
-er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:&mdash;Aber was
-rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu
-schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein
-freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,&mdash;was
-allein <span class="gesperrt">Zarathustra</span> freisteht, <span class="gesperrt">Zarathustra</span> dem <span class="gesperrt">Gottlosen</span> ...« (Zur
-Genealogie der Moral II 25.)</p>
-
-<p>Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches
-Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als
-Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten
-wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen
-und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen
-Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände
-und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche
-sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu
-bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das,
-nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit
-aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,&mdash;für den
-fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit
-der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich
-zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform
-geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem
-übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden
-und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die
-Welt erlösen sollte:&mdash;»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das
-neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der
-Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)</p>
-
-<p>Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches,
-sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die
-Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch,
-mit dem <span class="gesperrt">Menschheitssinn</span> selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«,
-der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche
-Nietzsche-Erscheinung überragt,&mdash;er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus
-ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines
-Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen
-fernsten Ursprüngen an,... daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu
-Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben
-von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen
-erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch
-meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)</p>
-
-<p>So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein
-Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder
-von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies
-für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen
-Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und
-bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium
-steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein,
-mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte
-ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus
-verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen
-erhebt!«</p>
-
-<p>War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem
-Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er
-sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk
-»<span class="gesperrt">Der Wille zur Macht</span>« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt
-geschaffen gedacht haben,&mdash;d. h. von einem Ewigen und Freien,
-dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er
-ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin
-Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist
-Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen:
-»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt,
-meinen <span class="gesperrt">Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste</span>.&mdash;«
-Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des
-Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits
-frei schaffend über demselben.</p>
-
-<p>So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer
-Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich
-doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das
-Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als
-des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat
-gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens
-hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich
-in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später,
-aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch
-seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um
-schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt
-zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei
-Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit
-und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue,
-aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende
-ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der
-thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit.
-Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht,
-braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten
-Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und
-die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in
-sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt
-er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in
-positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers
-Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an
-das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des
-gesammten historischen Gewordenseins ... ein Streben nach Genialität
-der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte
-Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die
-nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34)
-den Aphorismus <span class="gesperrt">Historia abscondita</span>: »Jeder grosse Mensch hat eine
-rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die
-Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus
-ihren Schlupfwinkeln&mdash;hinein in <span class="gesperrt">seine</span> Sonne.« Ferner (337): »... wer die Geschichte der Menschen insgesammt als <span class="gesperrt">eigene</span> <span class="gesperrt">Geschichte</span>
-zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung
-allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der
-an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt
-wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend
-der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und
-den Verlust des Freundes brachte&mdash;; aber diese ungeheure Summe von
-?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein,
-der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein
-Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor
-sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen
-Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten
-Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen
-noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen,
-Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der
-Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl
-zusammendrängen:&mdash;diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der
-Mensch noch nicht kannte,&mdash;eines Gottes Glück voller Macht und Liebe,
-voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am
-Abend, fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt
-und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt,
-wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses
-göttliche Gefühl hiesse dann&mdash;Menschlichkeit!«</p>
-
-<p>Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem
-Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des
-historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt
-im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung
-hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in
-»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft
-des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das
-vergangenen Zuständen angehört: »Alle <span class="gesperrt">stärkeren</span> Stimmungen bringen
-ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie
-wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der
-individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig
-auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der
-Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,&mdash;denn der Einzelne ist ein
-Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch
-fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54)
-Bezug genommen, in dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Das Bewusstsein vom Scheine</span>«: »Wie
-wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich
-mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für
-mich <span class="gesperrt">entdeckt</span>, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte
-Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet,
-fortliebt, forthasst, fortschliesst,&mdash;ich bin plötzlich mitten in
-diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume
-und dass ich weiterträumen <span class="gesperrt">muss</span>, um nicht zu Grunde zu gehen: wie
-der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was
-ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines
-Wesens,&mdash;was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben
-nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske,
-die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte!
-Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in
-seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein
-und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,&mdash;dass unter allen
-diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass
-der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu
-ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die
-erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das
-höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und
-die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben
-damit <span class="gesperrt">die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten</span>.«</p>
-
-<p>Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu
-seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer
-Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem
-Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und
-Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes
-gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung,
-dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer
-schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke
-später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten
-Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in
-tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf
-Schläge verkündet:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Eins</span>!<br />
-Oh Mensch! gieb Acht!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwei</span>!<br />
-Was spricht die tiefe Mitternacht?<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Drei</span>!<br />
-»Ich schlief, ich schlief&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Vier</span>!<br />
-»Aus tiefem Traum bin ich erwacht:&mdash;<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Fünf</span>!<br />
-»Die Welt ist tief,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sechs</span>!<br />
-»Und tiefer als der Tag gedacht.<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sieben</span>!<br />
-»Tief ist ihr Weh&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Acht</span>!<br />
-»Lust&mdash;tiefer noch als Herzeleid:<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Neun</span>!<br />
-»Weh spricht: Vergeh!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zehn</span>!<br />
-»Doch alle Lust will Ewigkeit&mdash;,<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Elf</span>!<br />
-»&mdash;will tiefe, tiefe Ewigkeit!<br />
-<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwölf</span>!<br />
-</p>
-
-<p>Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum
-starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an
-die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen
-Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im
-<span class="gesperrt">Lebenserlöschen</span>, in der <span class="gesperrt">Lebenssteigerung</span> zu suchen sei. Aber wie
-sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems
-einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass,
-nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser
-extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich
-nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung
-vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist
-schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den
-übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben
-hat;&mdash;es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht
-werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller
-Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen,
-als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit
-denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.<a name="FNAnker_10_36" id="FNAnker_10_36"></a><a href="#Fussnote_10_36" class="fnanchor">[10]</a></p>
-
-<p>Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von
-Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines
-Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der
-That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss
-oder Analogon,&mdash;denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen
-des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen
-zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets
-eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten
-Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt
-seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also
-sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst
-1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit
-sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden
-glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und
-förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit
-diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte
-Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an
-verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen.
-(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »<span class="gesperrt">Traum und
-Kultur</span>« und 113 »<span class="gesperrt">Logik der Traumes</span>«.) Dort meint er noch, dass
-die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der
-Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der
-im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an
-die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch
-heute die Wilden, <span class="gesperrt">auch im Wachen</span> so verfahren habe, wie wir jetzt
-im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr
-von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen
-<span class="gesperrt">Reproducirung</span> eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der
-»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum
-schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im
-Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten
-Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass
-im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,&mdash;den anderen, dass das
-Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion
-zu vergleichen sei,&mdash;aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der
-Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen
-Lebens sei,&mdash;das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum,
-dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben.
-Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von
-allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle,
-Unergründliche des Lebens-Untergrundes,&mdash;nicht nur der gewesenen
-Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch
-sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht
-aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren
-Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer
-Dionysos-Zustände,... ja, <span class="gesperrt">der Wahnsinn selbst</span>, als ein Zurücksinken
-in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien
-ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener
-Menschheitsschichten.</p>
-
-<p>Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer
-möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin
-gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung
-ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf:
-»Nur wer schreckt&mdash;führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die
-folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines
-die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius
-erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren
-des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der
-Menschheit Vorgeschichte wieder: ...; sein Gedächtniss <span class="gesperrt">greift
-einmal weit genug rückwärts</span>, während sein civilisirter Zustand sich
-aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen
-jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster
-Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, <span class="gesperrt">versteht
-die Menschen nicht</span>.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein
-solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im
-»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft
-geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung
-ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der
-Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »... wenn&mdash;trotzdem
-neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer
-wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften
-Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen
-Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches
-und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn
-sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und
-Unberechenbares...? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger
-Unfreiwilligkeit trug, ..., das den Wahnsinnigen dergestalt
-als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?...
-Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen
-Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend
-einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb,
-<span class="gesperrt">wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren</span>, Nichts übrig, als sich
-wahnsinnig zu machen oder zu stellen.... »Wie macht man sich
-wahnsinnig, wenn man es nicht ist...?« diesem entsetzlichen
-Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren
-Civilisation nachgehangen;... Wer wagt es, einen Blick in die
-Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in
-welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten
-geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören:
-»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich
-endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche
-Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie
-kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten,
-lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich
-bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe
-das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen
-Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der
-Verworfenste von Allen....« (Morgenröthe 14.)</p>
-
-<p>Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich
-auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt
-werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später
-Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging
-aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden,
-von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des
-Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle
-ein Neues und Herrliches <span class="gesperrt">schaffen</span>. Aber da dieses Geschaffene
-ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit
-seiner eigenen Zuversicht,&mdash;an sich war es ja gar nicht vorhanden.
-Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen
-sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank;
-unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden
-Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen
-Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem
-auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang
-zufallen,&mdash;für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung;
-mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu
-seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,&mdash;für diesen war es nur der
-Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in
-sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung«
-(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung
-von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem
-Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits
-von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als
-Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor
-den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn
-in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen
-Glanz: »Sollte nicht erst der <span class="gesperrt">Gegensatz</span> die rechte Verkleidung sein,
-in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und
-Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei
-Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske.
-Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen,
-während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt,
-das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins
-Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Hier ist
-die Aussicht frei</span>« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung,
-dass es Grösse der Seele sein könne, »<span class="gesperrt">dem Unwürdigsten</span>« ohne
-Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein
-Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit;
-ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«</p>
-
-<p>So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte
-Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das
-Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste.
-Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer
-selbstvernichtenden <span class="gesperrt">That</span>, durch welche, in persönlichem Handeln
-und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich
-verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre
-in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt
-gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben
-zurückverwandelt,&mdash;entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen
-in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II
-35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich,
-anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer
-Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen,
-so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die
-<span class="gesperrt">rein menschliche Lebenstragödie</span>. Zarathustras erlösende Weltthat
-ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der
-Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis
-erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches
-Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer
-aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer
-solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst
-du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund&mdash;das ist jetzt in Eins
-beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen
-Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich
-Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar
-verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die
-Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.</p>
-
-<p>»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich&mdash;hörte
-nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss.
-Ach, abgründlicher Gedanke, der du <span class="gesperrt">mein</span> Gedanke bist! Wann finde
-ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis
-zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein
-Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch
-wagte ich niemals, dich <span class="gesperrt">herauf</span> zü rufen: genug schon, dass ich dich
-mit mir&mdash;trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden
-Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die
-Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst
-befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,&mdash;das lachende
-selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht,
-weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:</p>
-
-<p>»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden
-weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss.
-Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann.
-Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem&mdash;, nie hörte ich
-solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es
-ohne Stimme zu mir: »<span class="gesperrt">Du weisst es, Zarathustra</span>?«&mdash;Und ich schrie
-vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem
-Gesichte:... Da geschah
-ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss
-und das Herz aufschlitzte!... Und wieder lachte es und
-floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich
-aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern....« Also sprach Zarathustra II 97 ff.</p>
-
-<p>Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:</p>
-
-<p>»Eines Morgens, ..., sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie
-ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als <span class="gesperrt">ob
-noch Einer</span><a name="FNAnker_11_37" id="FNAnker_11_37"></a><a href="#Fussnote_11_37" class="fnanchor">[11]</a> auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle....
-Zarathustra aber redete diese Worte:</p>
-
-<p>Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und
-Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich
-schon wach krähen!</p>
-
-<p>Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören!
-Auf! Auf! Hier ist Donners genug, <span class="gesperrt">dass auch Gräber horchen lernen</span>!<a name="FNAnker_12_38" id="FNAnker_12_38"></a><a href="#Fussnote_12_38" class="fnanchor">[12]</a></p>
-
-<p>Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre
-mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für
-Blindgeborne.</p>
-
-<p>Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist
-das <span class="gesperrt">meine</span> Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie
-heisse&mdash;weiterschlafen!<a name="FNAnker_13_39" id="FNAnker_13_39"></a><a href="#Fussnote_13_39" class="fnanchor">[13]</a></p>
-
-<p>Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln&mdash;reden
-sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!</p>
-
-<p>Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher
-des Leidens, der Fürsprecher des Kreises&mdash;dich rufe ich, meinen
-abgründlichsten Gedanken!</p>
-
-<p>Heil mir! Du kommst&mdash;ich höre dich! Mein Abgrund <span class="gesperrt">redet</span>, meine letzte
-Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!</p>
-
-<p>Heil mir! Heran! Gieb die Hand ... ha! lass! Haha!... Ekel, Ekel,
-Ekel ... wehe mir!«</p>
-
-<p>Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als
-eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen
-Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn
-den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch
-die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und
-Sinn ist,&mdash;die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft
-hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung
-einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du
-geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise
-mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals
-und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung
-überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben,
-das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das
-eigne Wissen,&mdash;wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess:
-gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,&mdash;wusstet ihr
-das schon? <span class="gesperrt">Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen
-soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute</span>,&mdash;wusstet
-ihr das schon?«</p>
-
-<p>So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an
-deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in
-die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,&mdash;nicht hineinklettern lässt es
-sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir
-nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, <span class="gesperrt">noch auf deinen
-eigenen Kopf zu steigen</span>: wie wolltest du anders aufwärts steigen?...
-Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun
-und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,&mdash;hinan,
-hinauf, bis du auch deine Sterne noch <span class="gesperrt">unter</span> dir hast!« (Also sprach
-Zarathustra III 2 f.)</p>
-
-<p>Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen
-nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche
-Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt
-und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden,
-umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine
-Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken,
-die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes
-Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur <span class="gesperrt">können</span>
-wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen,
-welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir <span class="gesperrt">sollen</span> ihm auch
-nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die
-völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten
-seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns
-zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang
-aber leuchten uns die Worte entgegen:&mdash;nun ist deine letzte Zuflucht
-worden, was bisher deine <span class="gesperrt">letzte Gefahr</span> hiess! das muss nun dein
-bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!... hier
-soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den
-Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach
-Zarathustra III 2.)</p>
-
-<p>Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns
-unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen
-her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach,
-ich begann meine einsamste Wanderung!... Eben begann meine letzte
-Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese
-schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch
-muss ich nun <span class="gesperrt">hinab</span> steigen!... tiefer hinab in den Schmerz als
-ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es
-mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.</p>
-
-<p>Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich,
-dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein
-geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. <span class="gesperrt">Aus dem Tiefsten muss das
-Höchste zu seiner Höhe kommen</span>.&mdash;« (III 2 ff.)</p>
-
-<p>So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des
-Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge
-stehe ich : <span class="gesperrt">darum</span> muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg«
-(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren
-vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und
-Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um
-Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem
-Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm
-treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein,
-gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich
-denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn
-mich einst meine Klugheit verlässt:... möge mein Stolz dann noch mit
-meiner Thorheit fliegen!</p>
-
-<p>&mdash;Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)</p>
-
-<p>So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang
-und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.</p>
-
-<p>Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr
-eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der
-es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und
-Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise
-durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu
-finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der
-Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt
-(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen
-ist,&mdash;wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim
-Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? <span class="gesperrt">In jedem
-Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand</span>.«
-In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis.
-Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem
-ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher
-bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen <span class="gesperrt">glaubenheischenden</span>
-Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere
-Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die
-Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt
-und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt.
-Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner
-pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches
-hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng
-individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem
-eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit
-sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die
-je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,&mdash;bis er den Verstand
-selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab,
-<span class="gesperrt">absetzt</span> und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem
-Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch
-eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in
-dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er
-seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:</p>
-
-<p style="margin-left: 20%;">
-»&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....<br />
-<br />
-Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,<br />
-Das Fest der Feste:<br />
-Freund <span class="gesperrt">Zarathustra</span> kam, der Gast der Gäste!<br />
-Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,<br />
-Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss....<br />
-</p>
-
-<p>wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem
-wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.</p>
-
-<p>Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein,
-diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem
-Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die
-Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger
-Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des
-Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie.
-Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben
-und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und
-dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von
-mystischer Bedeutung untergelegt,&mdash;gerade so wie der Schöpfer-Philosoph
-dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich
-selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle
-vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet.
-»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch,
-also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner
-Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder
-rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen
-Zukunft zu trennen.</p>
-
-<p>Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte
-auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er
-den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder
-von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien
-ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere
-angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit,
-dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst
-und dessen Sinn festgehalten werde,&mdash;aber deshalb dürfen sie nunmehr
-auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden
-sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen
-er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so
-häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick
-und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten
-seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit
-seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen
-entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er
-seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein
-individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt,
-dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern
-Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als
-unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte
-dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in
-cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut
-und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu
-Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals
-ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der
-im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr
-nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles
-um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche
-jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die
-er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und
-Gewollten, eine <span class="gesperrt">Summirung</span> des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit
-dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim&mdash;mein
-eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut
-unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)</p>
-
-<p>Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren
-Ueberzeugungen; er <span class="gesperrt">wollte</span> vergessen, wie oft sie die Richtung seines
-Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das
-Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die
-»<span class="gesperrt">Moral für Häuserbauer</span>«, so dachte er und ignorirte, dass es für
-seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist
-also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen
-Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die
-abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran
-glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können.
-Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz
-besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie
-an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,&mdash;Wagner gegenüber in
-der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem
-interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und
-wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem
-Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem
-Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges
-Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.</p>
-
-<p>Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig
-und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom
-September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von
-»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren
-Schriften seien »<span class="gesperrt">zurückzudatiren</span>«, sie redeten <span class="gesperrt">nur</span> von dem,
-was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits <span class="gesperrt">überwunden</span>, was bereits
-<span class="gesperrt">hinter</span> ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden,
-habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die
-vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer
-Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen
-ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen
-Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die
-nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen
-Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam
-mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort
-anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten
-Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass
-man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere
-Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den
-vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine
-Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und
-verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener
-Maske nur <span class="gesperrt">sich selbst</span>, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze
-zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche
-Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung
-nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,&mdash;das vermochte nur
-der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich
-geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche
-nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und
-Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der,
-wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer
-zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber
-durchzusetzen.</p>
-
-<p>Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »<span class="gesperrt">Umwerthung
-aller Werthe</span>« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht
-worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig,
-abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede
-vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer
-Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte
-heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster
-Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie
-geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter
-Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist,
-in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen
-seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon
-stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen«
-und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden
-Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich
-mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch
-abfindet,&mdash;und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein
-Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt
-und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie
-fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig
-verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde
-Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die
-Erwartung des Kommenden mischt.<a name="FNAnker_14_40" id="FNAnker_14_40"></a><a href="#Fussnote_14_40" class="fnanchor">[14]</a> In dieser Erschütterung sehen wir
-ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung
-hinübergleiten.</p>
-
-<p>Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885
-entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung,
-der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus
-seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und
-da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten
-Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht
-das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den
-Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen
-verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen
-Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag,
-dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen
-Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte,
-dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit
-für immer zu rechtfertigen,&mdash;und dass er als ihren höchsten Gedanken
-die <span class="gesperrt">ewige Wiederkunft</span> des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen
-wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken
-ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite
-das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten
-Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen
-nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst
-du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt
-Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher
-als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7).
-Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte
-mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also
-sprach Zarathustra IV 87.)</p>
-
-<p>Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied
-er&mdash;lachenden Mundes, »rosenumkränzt«&mdash;das Leben entschuldigend,
-rechtfertigend, verklärend&mdash;. In dionysischen Dithyramben klang sein
-Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein
-Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch
-Zarathustra.</p>
-
-<p>Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst:
-schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft
-200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens
-froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als
-ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch
-Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber,
-durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag,
-psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als
-mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn
-und Werth seiner Werke.</p>
-
-<p>Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen
-entgegen: das Gelächter eines Irrenden&mdash;und das Lächeln des
-Ueberwinders.</p>
-<hr class="r5" />
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_1_27" id="Fussnote_1_27"></a><a href="#FNAnker_1_27"><span class="label">[1]</span></a> Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den
-Werken seiner vorhergehenden Periode:
-</p>
-<p>
-»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten«
-Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese
-dem Bedürfniss verdankt werden.... man hat nur den inneren
-Wunsch, dass es so sein möge,&mdash;also dass das Beseligende auch das
-Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute
-einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon
-<span class="gesperrt">verleiten lassen</span> oder nicht,&mdash;das bestimmte damals für ihn geradezu
-die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir ... Feinheit und Genie,
-wenn der Mensch ... schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei
-sich duldet, wenn <span class="gesperrt">das Verlangen nach Gewissheit</span> ihm nicht als die
-innerste Begierde und tiefste Noth gilt,&mdash;als Das, was die höheren
-Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft
-2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen <span class="gesperrt">der
-wahren Grösse</span> des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen
-Genialität, »das <span class="gesperrt">reine, reinmachende Auge</span>, das nicht aus ihrem
-Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst
-von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine
-Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes&mdash;ihre
-»Vernünftigkeit«&mdash;als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend
-fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens
-beleidigt oder beschämt wurden,...: so wäre die Menschheit längst
-zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als
-ihre grösste Gefahr der ausbrechende <span class="gesperrt">Irrsinn</span>&mdash;das heisst eben das
-Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in
-der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande.
-Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des
-Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines
-Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste
-Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander
-übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen....
-schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube)
- ... verlangt,... macht Künstler und Dichter zu
-Ueberläufern:&mdash;diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine
-förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches
-Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte
-sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und
-Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich
-von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des
-Geistreichen, Hinreissenden, <span class="gesperrt">Belebenden, Kräftigenden</span> machen.« Gleich
-ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber
-einen <span class="gesperrt">Kraftzuwachs</span> zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche
-Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten
-Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird
-überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und
-bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität
-zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen
-unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn
-der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,&mdash;wenn es sich
-auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 635.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_2_28" id="Fussnote_2_28"></a><a href="#FNAnker_2_28"><span class="label">[2]</span></a> Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I
-147 Nietzsches Protest gegen »<span class="gesperrt">die Kunst als Todtenbeschwörerin</span>«,
-weil sie die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen
-beeinflussen will. »Sie flicht, ..., ein Band um verschiedene
-Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein
-Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch
-wirkt dasselbe schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und
-»Todtenbeschwörer« dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle
-Menschen«, denn sie »schätzen ein Stück Vergangenheit von dem
-Augenblick an höher, von dem an sie es nachzuempfinden vermögen«.
-(Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so meinte er, dem Gefühlsüberschwang
-möglichst entgegenwirken, der uns in verschiedenster Art von aller
-vergangenen Kultur allmählich überkommen ist; sich darin gehen lassen,
-käme einer Annäherung an Wahnsinn und Krankheit gleich: »... die
-ganze Last unsrer Kultur ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung
-der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die
-kultivirten Klassen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind
-und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn
-nahe gerückt ist.... dennoch macht sich eine <span class="gesperrt">Verminderung</span> jener
-Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Kultur-Last nöthig,...
-wir müssen den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher
-kälter und skeptischer macht....« (Menschliches,
-Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der höheren Kultur
-nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf
-diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse am Wahren
-hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die
-Phantastik erkämpfen sich ... ihren ehemals behaupteten Boden: der
-Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist die nächste
-Folge.« (I 251.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_3_29" id="Fussnote_3_29"></a><a href="#FNAnker_3_29"><span class="label">[3]</span></a> Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die
-demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte
-Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)&mdash;Unmöglichkeit fürderhin, dass die
-Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen
-Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen
-Barbaren, gegen Seuchen, gegen <span class="gesperrt">leibliche und geistige Verknechtung</span>!«
-(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »... die wildesten
-Kräfte brechen Bahn,... damit später eine mildere Gesittung hier
-ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien&mdash;Das, was man das Böse
-nennt&mdash;sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I
-246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren
-Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es ... keiner
-Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen
-Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später
-ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und
-Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die
-Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der..., gegen abweichende
-Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer
-früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn
-die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und
-zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein
-<span class="gesperrt">zurückgebliebener</span> Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an
-Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, <span class="gesperrt">alles Wachsende und Werdende
-liebevoll empfindet</span>,&mdash;kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen,
-beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,&mdash;das ist
-ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen
-entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die
-rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der
-andere lebt auf deren <span class="gesperrt">höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von
-dem wilden Thier</span>, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der
-Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_4_30" id="Fussnote_4_30"></a><a href="#FNAnker_4_30"><span class="label">[4]</span></a> So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237):
-»Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven
-Gewalten, welchen man die <span class="gesperrt">moderne Kultur</span> verdankt: also <span class="gesperrt">Befreiung
-des Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den
-Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft</span>.«
-</p>
-<p>
-Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und
-Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »...
-Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen
-jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte
-Cäsaren-Schauder oder der ... Genie Schauder;... so dass er zu
-schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt....
-In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn
-wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach
-allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch
-im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth
-von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich,
-bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem
-Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's
-erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich
-und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der
-Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen
-modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in
-einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und
-Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.«
-</p>
-<p>
-In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des
-Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition
-zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit«
-dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_5_31" id="Fussnote_5_31"></a><a href="#FNAnker_5_31"><span class="label">[5]</span></a> Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen
-Charakters lese man in der <span class="gesperrt">Morgenröthe</span> (205) seinen Aphorismus
-»<span class="gesperrt">Vom Volke Israel</span>«: »... Wohin soll auch diese Fülle angesammelter
-grosser Eindrücke, ..., diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden,
-Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,&mdash;wohin soll
-sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen
-und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene
-Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen
-Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen
-vermögen&mdash;,... dann wird jener siebente Tag wieder einmal da
-sein, an dem der alte Judengott sich..., seiner Schöpfung und
-seines auserwählten Volkes <span class="gesperrt">freuen</span> darf,&mdash;und wir Alle, Alle wollen
-uns mit ihm freun!«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_6_32" id="Fussnote_6_32"></a><a href="#FNAnker_6_32"><span class="label">[6]</span></a> Für diesen Zustand einer freien Auslebung der
-Individualität hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man
-das Hohe Lied modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten
-Worte gefunden. Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden
-Aussprüche gelten:
-</p>
-<p>
-»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch
-Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend.
-</p>
-<p>
-Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes
-Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!... Bleibt mir der
-Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!... Lasst sie
-nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände
-schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend!
-</p>
-<p>
-Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück&mdash;ja,
-zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen
-Menschen-Sinn!...
-</p>
-<p>
-Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend
-Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und
-unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.)
-</p>
-<p>
-... »Willst du den Weg zu dir selber suchen?...
-</p>
-<p>
-... So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!...
-</p>
-<p>
-Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und
-nicht, dass du einem Joche entronnen bist....
-</p>
-<p>
-Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge
-künden: frei wozu?
-</p>
-<p>
-Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen
-über dich aufhängen wie ein Gesetz?...« (I 87 f.)
-</p>
-<p>
-»... Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde
-ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.)
-</p>
-<p>
-»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.)
-</p>
-<p>
-»&mdash;von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe
-zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand
-ich's.« (III 14.)
-</p>
-<p>
-»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so
-hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle:«....
-</p>
-<p>
-Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine
-Menschen-Satzung und Nothdurft:...
-</p>
-<p>
-Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze
-ich ihn,&mdash;nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«&mdash;
-</p>
-<p>
-Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast
-du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften.
-</p>
-<p>
-Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden
-sie deine Tugenden und Freudenschaften.
-</p>
-<p>
-Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der
-Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen:
-</p>
-<p>
-Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine
-Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_7_33" id="Fussnote_7_33"></a><a href="#FNAnker_7_33"><span class="label">[7]</span></a> Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des
-Dinges an sich.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_8_34" id="Fussnote_8_34"></a><a href="#FNAnker_8_34"><span class="label">[8]</span></a> Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen
-Wissenschaft« (84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen
-Culte darin sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren
-Leidenschaften befreit wurden, indem »man den Taumel und die
-Ausgelassenheit ihrer Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden
-toll, den Rachsüchtigen rachetrunken machte:&mdash;alle orgiastischen Culte
-wollen die ferocia einer Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie
-machen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fühle«.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_9_35" id="Fussnote_9_35"></a><a href="#FNAnker_9_35"><span class="label">[9]</span></a> Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung
-der ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom
-Gesicht und Räthsel«.
-</p>
-<p>
-»Siehe diesen Thorweg!...: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege
-kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende.
-</p>
-<p>
-Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse
-hinaus&mdash;das ist eine andre Ewigkeit.
-</p>
-<p>
-Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den
-Kopf:&mdash;und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen.
-Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.«
-</p>
-<p>
-Aber wer Einen von ihnen weiter gienge&mdash;und immer weiter und immer
-ferner: glaubst du,&mdash;dass diese Wege sich ewig widersprechen?«...
-</p>
-<p>
-Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse
-gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon
-einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein?
-</p>
-<p>
-Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du&mdash;von diesem
-Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon&mdash;dagewesen sein?
-</p>
-<p>
-Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser
-Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? <span class="gesperrt">Also</span>&mdash;sich selber
-noch?
-</p>
-<p>
-Denn, was laufen <span class="gesperrt">kann</span> von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse
-<span class="gesperrt">hinaus</span>&mdash;<span class="gesperrt">muss</span> es einmal noch laufen!&mdash;
-</p>
-<p>
-Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser
-Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von
-ewigen Dingen flüsternd&mdash;müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein?
-</p>
-<p>
-&mdash;und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns,
-in dieser langen schaurigen Gasse&mdash;müssen wir nicht ewig wiederkommen?&mdash;
-</p>
-<p>
-Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen
-eignen Gedanken und Hintergedanken....
-</p>
-<p>
-Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen
-Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine
-Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen.
-</p>
-<p>
-»Meine Hand riss die Schlange und riss:&mdash;umsonst! sie riss die Schlange
-nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den
-Kopf ab! Beiss zu!«&mdash;so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein
-Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem
-Schrei aus mir....
-</p>
-<p>
-&mdash;Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem
-Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange&mdash;: und sprang empor.&mdash;
-</p>
-<p>
-Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,&mdash;ein Verwandelter, ein
-Umleuchteter, welcher <span class="gesperrt">lachte</span>! Niemals noch auf Erden lachte je ein
-Mensch, wie ei lachte!
-</p>
-<p>
-Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen
-war,... und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer
-stille wird.«
-</p>
-<p>
-Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von
-der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst:
-indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen
-zu ihrem Herrn macht&mdash;zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden
-Uebermenschen:
-</p>
-<p>
-»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir
-doch das Gesicht des Einsamsten!
-</p>
-<p>
-Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:&mdash;<span class="gesperrt">was</span> sah ich damals im
-Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?«
-</p>
-<p>
-Vgl. (III 96): »... wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und
-mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_10_36" id="Fussnote_10_36"></a><a href="#FNAnker_10_36"><span class="label">[10]</span></a> Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten
-wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend
-beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster
-Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis
-seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte.
-Es ist das vortreffliche Buch von <span class="gesperrt">Paul Deussen</span> »<span class="gesperrt">Das System des
-Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare
-des Çankara über dieselben</span>.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der
-Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt,
-ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist
-unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss
-dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung
-des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten,
-allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung,
-dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem
-seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt
-einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man
-die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in
-ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur
-Erklärung an den Rand zu schreiben.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_11_37" id="Fussnote_11_37"></a><a href="#FNAnker_11_37"><span class="label">[11]</span></a> Nietzsche&mdash;Zarathustra.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_12_38" id="Fussnote_12_38"></a><a href="#FNAnker_12_38"><span class="label">[12]</span></a> Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_13_39" id="Fussnote_13_39"></a><a href="#FNAnker_13_39"><span class="label">[13]</span></a> Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen
-Erkennen des Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen
-vermag.</p></div>
-
-<div class="footnote">
-
-<p><a name="Fussnote_14_40" id="Fussnote_14_40"></a><a href="#FNAnker_14_40"><span class="label">[14]</span></a> Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in
-den um dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten
-Theile von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«.
-Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.):
-</p>
-<p>
-Jetzt&mdash;einsam<br />
-mit dir,<br />
-<span class="gesperrt">zwiesam im eignen Wissen</span>,<br />
-<span class="gesperrt">zwischen hundert Spiegeln</span><br />
-<span class="gesperrt">vor dir selber falsch</span>,<br />
-<span class="gesperrt">zwischen hundert Erinnerungen</span><br />
-<span class="gesperrt">ungewiss</span>,<br />
-an jeder Wunde müd,<br />
-an jedem Froste kalt,<br />
-in eignen Stricken gewürgt,<br />
-<span class="gesperrt">Selbstkenner!</span><br />
-<span class="gesperrt">Selbsthenker!</span><br />
-</p>
-<p>
-Ein Kranker nun,<br />
-der an Schlangengift krank ist;<br />
-ein Gefangner nun,<br />
-der das härteste Loos zog:<br />
-im eignen Schachte<br />
-gebückt arbeitend,<br />
-<span class="gesperrt">in dich selber eingehöhlt</span>,<br />
-<span class="gesperrt">dich selber an grabend</span>,<br />
-<span class="gesperrt">unbehülflich</span>,<br />
-<span class="gesperrt">steif</span>,<br />
-<span class="gesperrt">ein Leichnam</span>&mdash;,<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
-Lauernd,<br />
-kauernd,<br />
-Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!<br />
-<span class="gesperrt">Du verwächst mir noch mit deinem Grabe</span>,<br />
-<span class="gesperrt">verwachsener Geist!</span>...<br />
-</p></div>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<h4><a name="DIE_BRIEFE" id="DIE_BRIEFE">Die Briefe von Manuscript</a></h4>
-<hr class="r5" />
-
-<p style="font-weight: bold;"><a id="Erster_Briefe"></a>Erster Briefe</p>
-
-
-<p>An Lou von Salome</p>
-
-<p>[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]</p>
-
-<p>Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen
-Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus
-dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne
-Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen
-Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot&mdash;aber die Person dahinter
-ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«&mdash;Zum
-Beispiel Plato.</p>
-
-<p>Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie
-ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in
-seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker
-ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser
-ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu
-gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame
-Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen
-und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie;
-vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?&mdash;
-Aber über mein Leben ist schon verfügt.&mdash;</p>
-
-<p>Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen
-Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr
-»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen&mdash;er will es durchaus haben, und es ist
-nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten
-Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das
-wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt
-gelangten&mdash;andre Wege vorbehalten.&mdash;</p>
-
-<p>Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist,
-wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen
-Wissenschaft« ein&mdash;[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten
-Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?&mdash;Aber Pilatus sagt: »Was ist
-Wahrheit!«&mdash;</p>
-
-<p>Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft
-mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte.
-Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres,
-zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und
-dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht
-irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein.
-Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter
-in Tränen und Klopfen des Herzens.&mdash;Wenn Sie aber dies lesen, werden
-Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner
-selber« machen.&mdash;</p>
-
-<p>Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2.
-Oktober? Adieu,</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p style="font-weight: bold;"><a name="Zweiter_Briefe" id="Zweiter_Briefe">Zweiter Briefe</a></p>
-
-
-<p>An Lou von Salome: 16-07-1882.</p>
-
-<p>Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend
-über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an
-Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.</p>
-
-<p>Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu
-müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte,
-dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum
-Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich
-möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in
-Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in
-Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt&mdash;es war eine ganze lange
-Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.</p>
-
-<p>Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem
-schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde
-Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu
-gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches
-Allzumenschliches« ein&mdash;und damit war Alles klar, aber auch Alles zu
-Ende.</p>
-
-<p>Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des
-Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit
-meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie
-neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!&mdash;Wie oft habe ich
-über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden
-damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft
-in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte
-mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir
-nicht erträglich.)</p>
-
-<p>Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug
-auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!«
-Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für
-Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.</p>
-
-
-
-<hr class="chap" />
-<p style="font-weight: bold;"><a name="Dritter_Briefe" id="Dritter_Briefe">Dritter Briefe</a></p>
-
-
-<p>Tautenburg bei Dornburg Thüringen.</p>
-
-<p>3. Juli 1882</p>
-
-<p>Meine liebe Freundin,</p>
-
-<p>Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir
-zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste
-Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können&mdash;meine Schwester
-sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der
-»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte
-Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6
-Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre!
-Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse!
-Und gegen Alles das, gleichsam gegen <span class="gesperrt">Tod und</span> Leben, habe ich mir
-diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen
-kleinen Streifen <span class="gesperrt">unbewölkten Himmels</span> über sich:&mdash;oh liebe Freundin,
-so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und
-weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das
-Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein
-vollständiger&mdash;denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich
-weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich
-sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!&mdash;Aber
-von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein
-und brauche mich nicht zu fürchten.&mdash;</p>
-
-<p>Was den <span class="gesperrt">Winter</span> betrifft, so habe ich <span class="gesperrt">ernstlich</span> und <span class="gesperrt">ausschließlich</span>
-an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig
-von den meinigen, es giebt dabei <span class="gesperrt">keine</span> Nebengedanken. Der Süden
-Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam
-sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an <span class="gesperrt">diesem</span> Pensum habe
-ich fast Alles noch zu lernen!&mdash;</p>
-
-<p>Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird <span class="gesperrt">Alles</span> gut, wie Sie es
-gesagt haben.</p>
-
-<p>Unserem Rée das Herzlichste!</p>
-
-<p>Ganz <span class="gesperrt">Ihr</span> F.N.</p>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by
-Lou Andreas-Salomé
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN ***
-
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Binary files differ
diff --git a/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg b/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg
deleted file mode 100644
index 2dab219..0000000
--- a/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg
+++ /dev/null
Binary files differ