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WIEN 1911. - - - - -Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem -inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch -mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in -unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen. - -Lou Andreas-Salomé. - - - - -IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET - -EINEM UNGENANNTEN - - - - -INHALTS-VERZEICHNISS. - - - -Sein Wesen - -Seine Wandlungen - -Das »System Nietzsche« - - -[Illustration] - - -Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort. - - - - -I. ABSCHNITT - -SEIN WESEN. - - - -MOTTO: - -»Der Mensch mag sich noch so -weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, -sich selber noch so objectiv Vorkommen: -zuletzt trägt er doch Nichts davon, -als seine eigene Biographie.« - -(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.) - - - -»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen -wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas -zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber -sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner -Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden -Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist -es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit -an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die -sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für -sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein -eignes Selbst in Gedanken umsetzte. - - * * * * * - -Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem -vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet: - - - »Ich kenne mancher Menschen Sinn - Und weiss nicht, "Wer ich selber bin! - Mein Auge ist mir viel zu nah-- - Ich bin nicht, was ich seh und sah. - Ich wollte mir schon besser nützen, - Könnt' ich mir selber ferner sitzen. - Zwar nicht so ferne wie mein Feind! - Zu fern sitzt schon der nächste Freund-- - Doch zwischen dem und mir die Mitte! - Errathet ihr, um was ich bitte?« - - (Scherz, List und Rache 25.) - - - -Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch -den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse -für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und -inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz -besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen -überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer -Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den -Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was -jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres -Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits -von Gut und Böse 6.) - -Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden -Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den -ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit -enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und -einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das -eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe -der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander -folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus -ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.[1] Es -handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von -Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine -Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem -Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der -rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein -persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt -werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten -sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen -wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen -vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner -Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht -in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch -begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen -Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit -redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen, -aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches -äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der -würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher -der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er -nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein -so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund, -und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen, -aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen -bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein -Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu -zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung für -Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie. - -Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend -ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind, -theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so -ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu -unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner -Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, -zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite -Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, -welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem -Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und -Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von -Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand. -Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen -Lärm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen -und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht -übersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch -tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn -zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit, -doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der -Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur -Lob--« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm -wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit -und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat -diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen -Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem -ungeheuren Wahn zusammenbrach. - -Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten -preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren -Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel -gehoben,--ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf -den Lippen: - - - »Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, - aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die - ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine - Gedanken.« - - -_Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der -einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo -sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung -empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student -der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der -berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich -unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm -im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt -Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er -1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen -lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut -gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität -Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen -Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche -erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche -Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig -verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen -Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen -in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,--einer -Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,--an welcher noch -andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob -Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen -Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an -sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu -voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer -habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten -Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz -Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den -beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach -Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler -Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss -seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner -einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später -seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach -Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als -freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten -drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch -wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will -man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken, -so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben -erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank, -dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab -verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem -Tode nahe war. - -»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich -gequält,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine -Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem -Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre -zugebracht hat. - -Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von -Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom -war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin -der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners) -zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon -damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem -kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger -brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf -starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine -Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium -und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem -führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in -Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner -Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes. - -Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam -beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: -so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen -haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich -entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und -Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit -der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher -zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache -in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt -umfassen: - -Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel; -diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig -zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und -mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik -Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in -welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung -Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches, -Allzumenschliches« übersandte. - -Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul -Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der -Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke -Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen. - -Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre -lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser -Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich -zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als -ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt, -sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene -Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm -angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch -seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel. - -Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur -und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum -ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als -Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von -Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg. - -Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche -inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die -Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere, -am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher -der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten -Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, -was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene, -die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke -Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen -Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner -überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit -den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar -konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen -Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart -fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose -Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei -er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer -diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das -Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön -und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen, -waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie -seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in -»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine -unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, -wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten ---als ob die Hand kein Verräther wäre!--.«[3] - -Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen -sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen -vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer -eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick -streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz -besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere -Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres -zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit über die -nächsten Gegenstände hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere -wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung -nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten -Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits -von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er -sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu -Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen -und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach -die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen -Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er -mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen -erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank. - -Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte -auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser -Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, -wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im -Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an -der _Verkleidung_,--Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes -Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten -Male sprach,--es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche -zu Rom,--während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm -mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem -Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der -aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr -bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst -hat: »Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lässt, kann man -fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken? -Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht -die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?« - -Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher -Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich -stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich. - -In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein -zum Schein,--zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe -nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche -zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als -Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst -eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches -II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich -theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter -der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie -entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber -noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er -»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter -seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet -eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von -den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut -und Böse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhüllen. - -In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche -in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es, -welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt. -»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht -eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine -Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40). - -»Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole -Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- --« »Zur Erholung? Zur -Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich -bitte-- --« »Was? Was? sprich es aus!--»Eine Maske mehr! Eine zweite -Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278). - -Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als -seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf -sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen -Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner -Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein -immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein -Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die -Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist -tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, -nicht an Maskirung denken lässt--: und doch nimmt er sie gerade -ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid -und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu -der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt: -»--bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu -gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),--und endlich bis zu -einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz -in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner -letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit -versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns -nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken -und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem -geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt: -»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus -Sils-Maria.) - -Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen -Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns -anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trägt -er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, -wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es -drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein -seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde -schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.) - -»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer -deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand, -in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele -Opfer dafür bringen können.« - -Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie -möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein _körperliches -Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr -mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu -Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte. - -Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszüge -in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt, -je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes -wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich _gegebenes -Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine -_gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein -physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, -reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so -unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie -einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er -einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus -Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass -Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während bei -mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehören und nicht, wie bei Ihnen, -zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.« - -Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten -Aphorismen über den _Werth des Leidens für die Erkenntniss_. - -Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des -Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge -solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch -wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig -eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der -vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen -und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer -wieder auch dem Geiste neu werden,--»_neu schmecken_« nennt er es -einmal höchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch für das -Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der -Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil _eine Nacht_ -es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm -zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um -ihn,--und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«. - -Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen -Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle, -so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger -hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes -betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des -Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner -natürlichen Grösse entgegenwächst,-- nicht den Wandlungen des -_Wachsthums_: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast -rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes -nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an -Gedanken und einem Genesen an Gedanken_. - -Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus -dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue -Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat -er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da -ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein -unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen -Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt. -»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche -im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine -Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen, -reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist -fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht -umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8) -geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber -eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses -Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte -Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es -am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber -ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne -Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt -zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das -schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss -nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also -sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,-- --- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre -Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen -des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, -List, Grösse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden, -unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von -Gut und Böse 225.) - -Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig -hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben -in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen -und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus -dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben -müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu -höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber -nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss -verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier -gehört,--wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,--»das -Leiden zur Sache«. - -Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren -Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand -einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten -Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als -des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des -»Einzelnen« ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend -welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet -viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »_Selbsterduldung«_.Betrachtet -man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann -liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es -verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn -Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker -braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der -Wanderer und sein Schatten 249.) - -Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste -Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder -heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom -Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme! -brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist, -und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von -Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf -den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten -Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich -nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,--weil es mich nicht -halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer -Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst -sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe -hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)[5] - -Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der -Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für -die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied -von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst -bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen -Sieg verwundet und gehemmt.« - -Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben, -nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der -_Ueberzeugungstreue_[6] ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen -nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten -(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass -wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der -Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten -aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen -Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten -Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug -gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind -nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch -Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht -als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese -Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger -Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue -Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets -gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche -Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der Geist ist es, der uns -rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.-- --Vom Feuer -erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung -zu Meinung,-- --als _edle Verräther_ aller Dinge.« (Menschliches, -Allzumenschliches, I 637.) »--wir _müssen_ Verräther werden, -Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches, -Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich -selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in -dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte -er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art -seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in -Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich -allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Gräber sind, gibt es -Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra;« (II 46)--Er, zu dem das -Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das, -was sich immer selber überwinden muss« (II 49).[7] - -Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht, -wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können -wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade -hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts -anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser -wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung -seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als -solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre -eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so -verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild -zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen -Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht. -Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo -Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet -wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in -einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und -der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen -nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller -Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und -sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein -Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein -geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit -seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in -eingehenden Gesprächen darüber. - -Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche, -deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander -stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und -Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe -verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande -der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen -Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein -Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier -die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren -Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben -in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle -leben würden;--die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in -eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine -Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen -her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann, -die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher -Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den -zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht--die -Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den -tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich -feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der -Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit einer Selbstbehauptung als_ -Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt -wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner -späteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit -eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden -und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des -_Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit -riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: »Unsere Mängel -sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« (Menschliches, -Allzumenschliches, II 86). - -»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten -Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich -füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, -und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen -scheinen: - -»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen -Allentwicklung,--ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! -Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9] - -Weiter: »Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel -erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. -Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.« - -Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich -böse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_.« Das Wort -»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des -landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen -werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine -solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer -Menschenseele,--dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten« -nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege -einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes -bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen -da: Innenkrieg = Décadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit -zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es -sich für ihn um sein eigenes Seelenbild. - -Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die -heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des -_handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den -Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen. - -Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte, -der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen -Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester -zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen. -Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt, -enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist -ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts -erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner -Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem -Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was -ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht -entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen. - -Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen -Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält, -lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter -das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der -Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie -betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine -Zwecke,--für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben -ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft -seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen -unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst -freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber -ist es ihm: - - - »Scharf und milde, grob und fein, - Vertraut und seltsam, schmutzig und rein, - Der Narren und Weisen Stelldichein: - Dies Alles bin ich, will ich sein, - Taube zugleich, Schlange und Schwein!« - - (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.) - - -Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott, -Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen, -denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- -und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die -geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --«. -(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche -»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die -_umfänglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und -schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im -weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am -süssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge -ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --.« (Also -sprach Zarathustra III 82.) - -Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn« -(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu -entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn -man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit -zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass -man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine -Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das -Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und -Rache 33): - - - »Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen! - Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren, - Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren, - In holder Irrniss grüblerisch zu hocken. - Von ferne her mich endlich heimzulocken, - Mich selber zu mir selber--zu verführen.« - - -Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den -Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene; -denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem -Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von -den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner -eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und -Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte -vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht -es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem -Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der beständig -ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; -der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von -_seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen_ getroffen wird.« (Jenseits -von Gut und Böse 292.) - -Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern -ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die -Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade -hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde--) ihr Spiel -getrieben haben mögen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne -von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und -als berechtigten _Herrn_ aller übrigen Triebe darstellen möchte. -Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und _als solcher_ versucht er zu -philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6). - -Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes -Zeugniss dafür ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung -die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind« -(ebendaselbst). - -Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine -Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine -rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen -Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von -ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen. -Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit -gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber -sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern -und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie -werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen -und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer -Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg -zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines -sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«. - -Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr -bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und -Tiefe seiner Natur ausdrückt,--die Lust, die daraus entspringt, dass -er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche -Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg -gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in -meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz -hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht -gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht -aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können? -sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?« - -Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249) -der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des -Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine -Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches -durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit -_seinen_ Händen greifen möchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch -zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt -gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in -hundert Wesen wiedergeboren würde!« - -Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der -unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug: -»Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,-- --- -- -- so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe -169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, -sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man -muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären -zu können«,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die -zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten -Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem -Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und -sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet -sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist -gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.« - -Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger, -also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich -gleichsam in ihr verbrennen lässt,--alle ihre Neigungen als Brennstoff -in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, -wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches -Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen -Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich -auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt, -innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man -kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen -sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, -bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich -in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und -Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen -werden. - -Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen -hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter, -so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,« -sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist sein -typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder -aufrichtete, über sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in -sich selbst überschlug und zu Grunde ging. - -Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen -Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag -auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung -verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte -vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss, -müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen -Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit -grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was -Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu -beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_ -für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für -ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf -solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er -am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen: -alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige -Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem -Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach -erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der -Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung -geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich -selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu -ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten -Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht, -kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward -ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), -und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«[10] (Also sprach -Zarathustra II 2). »_Sich Schmerzen machen_. Rücksichtslosigkeit des -Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, -welche Betäubung begehrt.« Menschliches, Allzumenschliches I 581. - -Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende, -welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug -für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich -gegenseitig,--beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche -_Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar. - -Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten -Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die -Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten -Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel -aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_ -der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich -alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit -wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig -wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit _umfasst_, -so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das -gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt: -der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst -wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen -Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie -hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt, -eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe -der Trennung erweckt den _Schein_, als läge das Ziel aller Regungen -_ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte -begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und -ihrem Zwiespalt zu entlaufen. - -Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von -Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen -Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick, -zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das -Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung -erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem -der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_, -die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des -Gedankens beständig _lockern_. So durchdringt thatsächlich die Spaltung -des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer. - -Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende -Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen -lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein, -wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen -und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen -Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des -Gesunden und Pathologischen in ihm. - -Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei -einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen -die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermöglicht, -zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu -einem _höhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst -sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religiösen Exaltation_ -nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das -heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen -wähnt, bringt er _an sich selbst einen religiösen Affect_ zum Ausbruch. - -Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer -und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden -gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit, -in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn -sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den -Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die -Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn -instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck -seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das -heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich -selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende -Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten: -nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste -Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu -einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »_Dividuum_«. -Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln -der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der -Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch -mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen -religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss -hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_ -und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und -Wollust der eignen _Vergötterung_, leidvolles Siechen und siegende -Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die -enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen: -man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs -Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle, -Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte, -Zarteste,--das Drängen eines Willens, der sich«-- --von der Noth der -Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze -löst«,[11]--ein Chaos, das den Gott gebären möchte,--gebären _muss_. - -»Im Menschen ist _Geschöpf_ und _Schöpfer_ vereint: im Menschen -ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; -aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, -Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut -und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und -unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem -ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es -Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet, -»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und -Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu -bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut -hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle...« (Genealogie der -Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht -in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung -jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer -Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des -Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, -welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden -zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um -aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese -letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine -Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- --« Dieser Abschnitt, -der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält, -schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf -im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt -und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang -an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen -und zugleich des mitleidenden Gottes?« - -In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt -einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen -manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein -so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass -sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen -Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst, -dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni, -aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein -sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre -Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen -und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu -vergöttern_.«--und 138: »-- --Eigentlich liegt ihm also nur an der -Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu -erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine -Brust,«--und 142: »-- --er geisselt seine Selbstvergötterung mit -Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre -seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel -dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er -in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele -durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im -Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht -jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen -sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch -Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver -Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association -von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre -innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« - -In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache -eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das -Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen -auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines -Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging -gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der -»Emotion über den Tod Gottes«,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in -das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle -des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: »Also -sprach Zarathustra«. _Die Möglichkeit, einen Ersatz[12] »für den -verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_ -zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner -Erkrankung. Es ist die Geschichte des »_religiösen Nachtriebes im -Denker_«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, -auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden -können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist -schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und -leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man -lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in -der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich -will es Euch sagen! _Wir haben ihn getödtet_!--ihr und ich! Wir Alle -sind seine Mörder!-- -- -- -- -- --Hören wir noch nichts vom Lärm der -Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der -göttlichen Verwesung?--auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt -todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller -Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist -unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab? -Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die -Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern -werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grössere -That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That -willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«-- -- - -Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich -Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten -Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass -der Uebermensch lebe!«--und sprach damit den innersten Seelengrund -seiner Philosophie aus. - -Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung, -und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern. -Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die -ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur -höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in -allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem -Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen -gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, -dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er -dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem -vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »_Wenn_ es Götter gäbe, wie -hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese -Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie -lassen sich jene anderen anschliessen (55): »_Und Anbetung wird noch in -Deiner Eitelkeit sein_!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, -die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und -verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal -Eins--das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.) - -Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen -sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal -suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die -Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine -Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften -Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand -erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren: -Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit -des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen -will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte -sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung -sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine -Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. -Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst -zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle -werden muss--jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte -Tiefe und in seinen Untergang. - -Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des -zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und -Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer -brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen -Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder -auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen -geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös -veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist -auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer -Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, -was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten« -schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung -begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch -der modernen Erkenntniss für sie abfallen. Dass sie sich nicht mit -ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss -preisgeben,-- gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen -wie unermüdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und -erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch, -was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von -gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der -modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen. - -Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_, -auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken -Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das -Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein -neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern -das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse -und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung -in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich -jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft -und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das -Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie -sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung -wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören, -sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf -beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das -Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse -bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich -ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die -wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren -Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden. -Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und -Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt -haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu -gelangen.[13] Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte, -um in ihm eine Fülle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulösen. -Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches -vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern -befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.) -Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger -Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er -ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig -erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles -zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige -unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie -eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt -uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine -Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein -Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des -echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer -urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten -118.) - - -[1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten -Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und -bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der -Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die »Freie -Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel »Zum -Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg. -III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur 1892, October, »Ein -Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal und Askese«. - -[2] Was das Leben--, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,-- wer von uns -hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen -waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir haben eben unser -Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr!« (Zur Genealogie der -Moral, Vorrede III.) - -[3] Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und -feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren -»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.) - -[4] »Giebt es--eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, -Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, -aus der Ueberfülle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage für -Irrenärzte--_Neurosen der Gesundheit_?« (Versuch einer Selbstkritik zur -neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« IV u. -IX.) - -[5] Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages erreichen -wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange -Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir -an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.« - -[6] Daher nennt er die Ueberzeugungen _Feinde der Wahrheit_: -»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, I 483). - -[7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr -haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er (Morgenröthe -327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und Genuss an -Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die höchsten und fernsten -Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen -übrig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich -dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet -es ihn am Ende nach der Hölle,--es ist die letzte Erkenntniss, die -ihn _verführt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles -Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die -Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit -einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie -mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen -keinen Bissen mehr zu reichen.« - -[8] »Die Instincte bekämpfen _müssen_--das ist die Formel für -décadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glück gleich Instinct«, -sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und -unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur. - -[9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders -auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier sieht er -noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--später -hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war, -sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum -Harmonischen _umschuf_. - -[10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir-- -- --sind erst -dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind.« - -[11] »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der »Geburt der -Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI. - -[12] Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38) -über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des -Menschen: - - - »Der Fromme spricht: - »Gott liebt uns, weil er uns erschuf!« - »Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen. - Und soll nicht lieben, was er schuf? - Soll's gar, weil er es schuf, verneinen? - Das hinkt, das trägt des Teufels Huf. - - - -[13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die -verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben, -lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen -nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus -unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten -hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere -philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden -Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte -der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende -systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven -Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit -Vorbehalten bleiben muss. - -[14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das -weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere denken -anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als -das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber -milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht; -und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des -Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind -die männlichen Mütter.--« (Die fröhliche Wissenschaft 72.) - - - - -II. ABSCHNITT - - -SEINE WANDLUNGEN. - - -MOTTO: - - - »Die Schlange, welche sich nicht - häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso - die Geister, welche man verhindert, - ihre Meinungen zu wechseln; sie hören - auf, Geist zu sein.« - -(Morgenröthe 573) - - - -Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte, -liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens -seiner Knabenjahre. - -Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen -Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als -der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon -von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner -Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich -besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich -die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten -religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle -Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren -Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen, -die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der -Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur, -was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall -fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt: -weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den -anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube -aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr -betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen -Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen -habe--»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all -seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen -Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu -aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm -ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch -eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war. - -Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer -gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem -Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches -Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich -selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe, -Schmerzen und Erschütterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemüth -sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil -seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern -abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_ -in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen. - -»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich -selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in -eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne -Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun -an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen -Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt, -sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen. - -Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte -Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird -fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin läuft man -alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,--was -folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen? -Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben?« Und der Hintergedanke, -der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten -Worten aus seinem Versteck: - -»_In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der -Stillstand._« - -Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende -Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart -Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich, -sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende, -selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt, -ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so -weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch -stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder -zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen, -inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt, -und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und -verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nähert, -so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen -Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach -Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner -letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen -Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels -in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und -Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken. - -Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral, -Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit, -ȟber den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott -»zum _Vater_ des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er -diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit -philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem -philologischen Schulzwang der Schulpforte befand. - -Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in -die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen -wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein -äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft. -Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für -den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte -dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung -seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk, -sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale -Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere -Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart -aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich -der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem -Psychologischen unterzuordnen. - -Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem -steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und -Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer -Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis -zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine -zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch -das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu -jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten -Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle -Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und -zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte, -zur Fessel wurde. - -In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente -ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das -empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war -es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft -musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine -tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein -Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte. - -Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum -zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an -zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der -andern überleiten. - -Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen -scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart -sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte -und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell -künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher -Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und -Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das -Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer -Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu -bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über -das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig -Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist -ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den -für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich -aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und -Böse 80)--könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird -thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache, -die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief -verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen, -und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier -die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu -berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten -Verkleidung,--der nüchtern philologischen,-- in dieser äussersten -geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte. - -Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern -Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und -wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung -der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung -mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich -erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete -ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,--ȟber den Haufen geworfen -werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein -Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann -schlägt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte, -aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so -maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,-- und, gleich -einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab. -Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen -Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein -intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar -nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem -Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach -immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn -vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss -und Erschöpfung. - -Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine _Probleme_ -nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lösungen_, durch welche die -Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die -gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem -_Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die -Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher -Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte, -sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört, -uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der -endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das -scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck -bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte -nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten, -ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im -Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen -der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich -jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner -Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des -Schadens, den er sich damit zufügte, froh!--ihm seine Probleme wieder -herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen -Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer -Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten, -was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im -letzten Grunde _unaufklärbar_ für ihn bleiben, es muss der Energie -aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen -Räthseln aufreiben,--an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in -der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker -geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da -erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da -verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss: -in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die -einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen. - -Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an -diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung -und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik -hinabstürzt.-- - -Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei -Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später -dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für -Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die -von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht -verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später -nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_ -erscheinen lässt,--oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten -von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er -einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem -Blick des Erkennenden darstellen: »Das _Filigran_ der Dinge«. - -In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und -Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der -Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und -Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von -Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit -seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick -für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen, -freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im -Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt, -um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft -herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über -seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem -dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen -Arbeit, zu der Arbeit über die Quellen des Diogenes Laertius. - -Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass, -dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung -zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken -kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches -I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung -gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten -Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend -und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem -Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine -Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich -vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch -höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen -Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr -als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich -da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er -gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und -höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen, -dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter -philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen -Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung. -Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen -hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten -wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten -Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit -des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.) - -So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der -späteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte -vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie -öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume, -bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen -bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht -ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte: -einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum -ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen -Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die -dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem -Werke weiter schuf. - -An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung -seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel -seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf -dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das -ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder -einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen -er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er -seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer, -ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren -Formalismus. - -Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der -Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine -Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen -Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben -und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und -erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen, -glücklichen Zauberlandes«. - -Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler -Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen, -die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre -später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben -Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche -indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des -Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere -philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem -Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3] -aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine -culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer -Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter -den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie -schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch -Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich -in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie -einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung -seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk -aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von -Bayreuth. - -Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung -von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr, -womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem -er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae -philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede -philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer -philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte -als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche -bestehen bleibt.« - -Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners -machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des -germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen -wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als -Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im -Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins -Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent, -den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens -und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am -deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie« -vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem -Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« -erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung -auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur« -zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen -als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem -versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen -Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und -Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste -auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des -Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen -zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der -Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt -offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch -die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende -Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb, -der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In -ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen -Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck, -als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet -weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen -desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des -durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem -schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des -Bildners. - -In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich -bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen -Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden -Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk -ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des -Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch -die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass -sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als -solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision, -die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer -Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer -Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit -denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der -Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische -Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil -bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die -apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische -Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die -Gottheit steckt. - -Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher -Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken -zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden -und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie -nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern -gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische -Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich -überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser -Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen. - -Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist -charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit -seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der -Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner -ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem -Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode -wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der -Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch -gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen -Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie -zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten -Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des -Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene -geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung -und Selbstvergötterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in -welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir -immer wieder zurückkommen werden. - -Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen -Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller -Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates -getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die -Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die -Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit -in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre -sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um -sie zu zügeln,--»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der -Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das -durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen -und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat -erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des -theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig -bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die -gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht -zum Eintritt _verweigert_« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch -schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie -durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein -und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss -erschlossen habe. - -In den Jahren 1873--1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn -seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »_Unzeitgemässe -Betrachtungen_«, vier kleinere Schriften,--bestimmt: »gegen die Zeit, -und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden -Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »_David -Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_«, bestand in einer -vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte -und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen -Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse -ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »_Vom Nutzen und Nachtheil -der Historie für das Leben_«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten -Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich -wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie -bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst, -im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen -vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen -und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen -dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des -Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient, -wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber -den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des -Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig -intact geblieben ist. »-- --die _plastische Kraft_ eines Menschen, -eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich -heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und -einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene -Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos -fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen, -nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit -daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit -schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz -durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten -Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden -unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne -im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen. - -Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so -viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen späteren Werken -eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste -Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung -seines eignen Seelenzustandes;--wir können hier schon den seelischen -Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die -es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang -überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,-- -Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben -einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender -Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen -drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »--Auch soll-- --- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir -jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und -nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«[4] Was er in sich -selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen -Zeitalters,--und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr -für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter -aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher -Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem -kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am -herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich -Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne -Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal -gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den -erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der -moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen -Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich -im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht -dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen -verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und -alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der -vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung« -nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).--Das andere Mal -aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische -Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch -hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte. - -Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und -Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken -sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und -unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde -unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten -Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von -ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen -ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es -handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse, -nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige, -sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse -längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle -entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen -in uns leben. - -Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die -von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die -mit ihr geboren ist,--jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das -Erbe aller Spätlinge ist, denn--Spätlinge sind Mischlinge. - -Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem -Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung -auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche -die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum -Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige -kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar -werden« (11),-- --»Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre -ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.-- --Es ist wahr: erst -dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, -zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst -dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller, -blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das -Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder -Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem, -Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine -Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und -besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln -die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der -Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die -mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen, -dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde, -an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles -Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich -hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche -Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, -der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu -erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, -Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle -drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr -nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie -an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen -Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein -Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde -Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_, -indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen -Vorlebens,--wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt, -an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:-- ---»--er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung, -das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet -sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, -sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben, -sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen, -denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit -diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und -fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er -wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um -zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu -bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein -Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu -bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst -gefährlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate -früherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht möglich sich ganz -von dieser Kette zu lösen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu -einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer -Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen -Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es -ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu -geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man -stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt-- --- -- -- --einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch -jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass -jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).--Man kann -diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei -Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit -der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht, -darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als -Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere -positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber -Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle -drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird, -die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und -ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen -Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen -Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke -Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist -somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle -des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu -machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,--nicht -von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling -ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als -Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den -er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer -von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit -niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber -immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre -höchste Kraft sammelt und ausgibt. - -Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten -Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten -Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als -Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis -in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen. - -Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung -hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich -alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner -geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer -Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn -quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz -von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber -auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die -Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem -Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling -neuer Cultur werden.[5] - -Zweien solcher »Unzeitgemässen«,--das ist Vorzeitgemässen und -Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen -Betrachtungen« geweiht: »_Schopenhauer als Erzieher_«, und »_Richard -Wagner in Bayreuth_«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung -aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis -zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem -Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur -ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren -eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den -»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare -der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen -Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas -in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der -ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das -darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten -Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner -mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen -Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund -eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in -übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus -der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg -einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit -einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat. -Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der -_positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch über Schopenhauers -Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches -Gegenbild zu der seinen bietet. - -Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der -menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende -Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und -Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als -Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet, -sie: »--setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben -zeitlos-gleichzeitig«,--sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten -Strom des Werdens«. »-- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die -öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges, -lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das -hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil -es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl -in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins -sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur -in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.) - -Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen, -was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches -Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen -weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine -_Wesensenthüllung_, durch eine göttliche Nacktheit,--während der -Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten -trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich -hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse -Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn -ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher -nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich -bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle -Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die -im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in -jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von -Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei. - -Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische -Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das -unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über -die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem -höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz -dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst -in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und -bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser -Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen -Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er -selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus -übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer -und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu -ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander -ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher -zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt -es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen, -der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch -viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das -höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und -herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder -metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan -eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum -erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung -der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von -vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur -durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen. - -Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode -Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung -bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das -Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch -sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst -immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet -er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in -ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast -unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen -herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt -man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein -Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen. - -Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe -Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen -und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus -sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe -seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in -ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum -erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem -die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden -gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit. -Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der -Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und -moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser -Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes -gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner -Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person -das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende -Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden, -des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe -des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur -den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen -Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist. -Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt -hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war -hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss -ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken -durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen -Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das -er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische -Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser -Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!« - -Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben -und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben -auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach -persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich -später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die -Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise -nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das -Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der -unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin -an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam -das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das -Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten -philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives, -das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist, -als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen -Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn -mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes -Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden« -zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden -sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und -verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch -sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das -bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein -quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben -und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam -hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt -ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der -Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu: -»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich -beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir -auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz -deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,-- -- ---wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir -selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief -verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir -- -- --.« (A. a. -O.) - -Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster -Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen -es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft -verlangt habe--nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und -Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »-- --darf ich ein wenig -bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig -und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach -Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die -schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen, -durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten -Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen, -dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr -vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es -ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem -Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken -sucht,[6] und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft -ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die -Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen -Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie -sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard -Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene, -alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und -für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der -Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«. - -Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit -Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich -zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint -in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären -auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher -Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans -Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte -Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in -die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen -Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm-- --« (12.) »Wir thun einen -Blick in die _andere_ Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung, -welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss -verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass -die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die -schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen, -tyrannischen.« (13.) - -»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung -der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er -allein ganz und er selbst bleiben konnte.« (13.) - -Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners -aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem -er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von -dessen seelischen Zuständen auffasste: - -»-- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des -Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich -ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, -einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.« -(82.) - -»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer -Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,-- ---ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege -fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.) - -»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich -verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des -Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen -Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von -Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«--. (80.) - -Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste -Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes -auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von -Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt -erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn -unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige -Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten -Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war -eine _Genesung_. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.) -Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem -Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem -Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe. -Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören: -dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht -habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei. - -Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der -Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein -Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit -nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die -eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,-- -sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften -Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse -gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins -beschlossen!« - -Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten -Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen -Beweggründen--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus -menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In -Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher -Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner -Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass -er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte, -dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine -»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein -»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von -seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen -Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei« -überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch -allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung -erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den -Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf -die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich -greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth -der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.« - -Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem -Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen -seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine -Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich -aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese -Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man -unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat. - -Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet, -als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen -angelangt--war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen -Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und -Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete -aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein -Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur -der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen, -ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882, -ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther -Festspiele,--der Erstaufführung des Parsifal--, der Versuch gemacht, -Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der -Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine -alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass -im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth -zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch -misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot, -den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben -Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der -seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert: - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor -mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die -Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an -welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange -sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken; -dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser -Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte -er. - -Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der -Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches -Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter -Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen -Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in -den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und -aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, -philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart, -der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht -zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines -Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode -ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn -er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner -Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten; -und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer -wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten. - -Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich -pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder, -welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren -Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen -Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch. - -Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft -in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen -Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12. -Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus -Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber--fast hätte ich -gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?« - -Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den -voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein -Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen. -_Wahrscheinlich_ hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf, -_vielleicht_ mit der Thätigkeit überhaupt, _möglicherweise_ mit-- ---u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr -zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es: -Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die -Geduld zur Geduld nöthig!« - -Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879: - -»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter -Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,--aber _nicht_ -mehr lange, so hoffe ich!« - -Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing -ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel -ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere -strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst -einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder -ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein -Viertelstündchen« (Brief an Rée)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an -einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien. -Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte, -zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am -Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen. - -Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des -Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten -metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom -Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so -günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus -dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge -des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich -ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem -Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität -seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft -war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen -im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden, -sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals -selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher -geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff -sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher -begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten -fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein -Denken wissenschaftlich zu begründen,--es ist etwas vom vergeblichen -Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine -Gesundheit _genöthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu -nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen -und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte -er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz -Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht -ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches -Schicksal zurückzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur -Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefühl -nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten -war, _vorübergeht_. - -An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale, -seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was -seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm -eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen -Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »_Dunkel-Zeiten_.« -(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.) - -Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus -einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag, -von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie -erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und -langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich -sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin. - -»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später -(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches, -Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange -darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der -unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen -zur Begeisterung übrig blieb-- --«. Aber nicht als einen Klagenden -sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,--und mit Recht -bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein -Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender -und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.) - -Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden. -Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und -unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem -Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern -aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er -auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben -und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an -der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er -langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne -dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung -von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene -zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte, -und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns -beantworten soll: »--Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine -eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, -Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen -Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende -Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.) - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte -Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr -stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die -Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung -anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich -alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich -daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst -aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der -Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen -zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein -erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund -einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt -stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu -nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die -intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger bedingten als -begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen -Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie -gerade vorfindet,--dass er sie zunächst wieder kritiklos empfängt; denn -seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von -den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche -bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur -eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen -Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich -entscheidende Process abspielt. - -Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung -ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden -verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So -kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere -Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise -vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt. -Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich -wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling, -ja insgeheim noch als Gegner fühlt,--aber mit jenem schönen Wort im -Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine -Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage -ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der -Denker seinen Feind liebt.«) - -Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem -Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines -positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes, -welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst -im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«, -das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard -Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877 -entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches, -Allzumenschliches_. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken -Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30. -Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche. -(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt -mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode -schrieb: »Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_: -ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,-- ---nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _für_ Alles, was gerade mir -wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von -Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den -damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei -völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint: -einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns -in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern -uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche -neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits -den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den -ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende -Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart, -mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich -selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit -und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen -Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender -Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade -vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern -selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner -eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so -heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in -schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt -und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt, -dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe. - -Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung -Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem -_persönlichen Verhältniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf -gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so -verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum -in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche -der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann -Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist -der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée -einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.) - -War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit -gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah: -durch seine _Jüngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée -mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert -wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise -seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an -verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt -Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen -lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung -Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt: - -»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen -Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr -neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der -Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,-- --- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem -Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt -habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden, -was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so -wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen -dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf -dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit -den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer -Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig -mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung -zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen? -Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht -um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte -unbescheiden ist--ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge, -ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer -untauglicher werde.«-- -- -- -- -- - -Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang, -je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um -dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er -nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen -solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.« -(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine -Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele -Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen -zusammenzuleben,--mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten -October 1879.) - -Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten -damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen -eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie -min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er -nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so -gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein -beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe -Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung -meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir -alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es -noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu -haben, mein herzlich geliebter Freund.«-- -- -- - -Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so -übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame -waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er -bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem -ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und -Gedankenaustausch. - - - »Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer - etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,-- - falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist - viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht - für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind - gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden. - Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer - Abkunft,[7] aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem, - grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bücher, als - Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene - Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es - nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum - Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von - Herzen Ihnen nahe - - Ihr - - Friedrich Nietzsche. - - - -So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen: -»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der -Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Réealismus_, das -wissen Sie!« - -So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche -den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus -begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin, -Carl Duncker, 1875), dessen »_Psychologische Beobachtungen_«-- -Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schätzte Nietzsche -nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt -erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren -wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die -La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten -um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den -philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée, -Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von -ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »_Der -Ursprung der moralischen Empfindungen_« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner, -1877)[8], das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches -positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu -den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen -hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken -vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn -ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die -Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des -moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage -_nach den Gründen der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine -Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme -der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers -auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so -musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem -Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der -moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner -Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch -bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen -Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_. -Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und -Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker -wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden -eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs -Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten -Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den -_Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprünglichen -Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung -seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er -sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches, -Allzumenschliches«: »Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen -verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen -gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein -der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man -die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen -an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut« -oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die -Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass -Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle -der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die -sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den -Worten bezeichnen:«--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, -_ursprünglich_, weil (es)--_nützlicher_ und _ehrebringender_ ist.« -(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung -des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen, -welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf -gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf -andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, -die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie -von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil -ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder -aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen -das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen -dann _moralische_.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in -den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig _gefordert_ -wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte -der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert -wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter -Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer -Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,--aber _das -Gefühl für die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene -Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die -Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19). - -So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel -charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die -rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher -heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen -Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst -wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug -auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden -philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten: -in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«, -des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos -steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und -Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird -die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber -die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und -wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss -des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, -benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten -philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen -der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft -und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude -am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- --« (Der Wanderer -und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft -und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die -Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in -dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung -des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und -alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht, -denn: »an sich ist-- --der Künstler schon ein zurückbleibendes -Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für -Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren -Fortschritt_. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, -aber zum schönsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen, -nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,-- -- ---ordnen, verschönern, verflachen--so geht es fort von Homer bis -zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen -Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte -Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und -effect-lüsterne Seelen wenden.--Und nun würdige man die Grösse jener -Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen -erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen -Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch -Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung -des _vernünftigen_ Denkens.») Die _Abkunft alles Gefühlsmässigen_ -von _Urtheilen_ und _ursprünglichen Gedankenschlüssen_ wird deshalb -Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das -Wort reden. »--Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter -den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form -von Gefühlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefühle -stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und -jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen--das heisst -seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern -mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft -und unserer Erfahrung._« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«, -welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu -verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »_Lasterhaftigkeit -des Intellectes._« (Morgenröthe 543). »_Diesen schwärmerischen -Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel Übles:-- -- --Zu alledem -pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben _an den -Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie -die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und -zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und gründlich -durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle_-- -- ---_verdorben worden:_« (Morgenröthe 50).-- -- --daran denken sie -nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hässlichsten Wirklichkeit schön -ist,-- -- --Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt-- -- ---;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, -kamen in dem überein, was _das höchste Glück_ ausmache,-- --: sie -fanden es im _Erkennen_, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden -und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der »Intuition,« _nicht_ -in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)--« (Morgenröthe -550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:[9] »Ach, um den -wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet, -seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft -auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist, -wenn der Grad von _Verehrungswürdigkeit_ festgestellt werden soll, -nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenröthe -548).--Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten -Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität -steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen. -(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie -wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich -die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht -nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden -und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden -»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine -diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146). -Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass -nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls -nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk -erzeugt,--»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht, -dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus -vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die -künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und -mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches -I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade _erlernbar_, als meist -angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! -Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. -Aber sie _bekamen_ Grösse, wurden »Genie's«,-- -- --: sie hatten Alle -jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile -vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; -sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, -Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.« -(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der -Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches -Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner -letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_ -Genie--das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren. -Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss, -weil sie »_viele schwächere Kräfte_ und _Keime zu erdrücken_« sucht, -während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne -Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »_schwächeren und zarteren -Naturen auch Luft und Licht gegönnt_« (Menschliches, Allzumenschliches -I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen -überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die -extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist -auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu -lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260). - -Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein, -die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist -Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus -sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man -soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden« -(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei -beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive -unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so -starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt -ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten -Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht -ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und -sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu -erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des -Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth -sich _über_ den Menschen und Dingen fühlt,--wo der Weise als der am -meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_ -sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung, -die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen: -»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, -mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.« -(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als -eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und -erwogen,--wie ihr auch in _Rées_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet -war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so -brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich -nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38). -»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches, -Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.« -(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der -Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus -ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch -das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein -inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss -der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten, -als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er -merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt, -ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_.« -(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse -Nützlichkeit.«),--wo Nietzsche den _Mächtigen_ gleichsetzt mit dem -Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit -dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen -Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem -Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen -Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des -ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.) -Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende -Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive -bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden -»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt. - -Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen -liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen -Vermögens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als -_Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt -aus als _böse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch -geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse -genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich -für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches -I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern -zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in -seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam -und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so -kämpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _böse_ -nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines -Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen, -welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen _früherer Culturen_ -gelten,------. Es sind _zurückgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch -alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und -vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I -43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein -Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen -die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch -die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.--»Gute Handlungen sind -sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute. --- -- --Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand -sich-- -- --hinziehen lässt.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne -sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der höchste Grad von -menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch überboten werden: -und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus -einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln könne_«. -(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird -sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«, -»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei« -aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth -sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung -ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »_Die -Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine -einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt -den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet, -fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden, -boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf -in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich -um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das -beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran -zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage -eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse -Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei -dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen -Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der -begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches -klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist -nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete -Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen -1129).[10] - -Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie -gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des -Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende -Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen -Triebe und Instincte in sich birgt,--also der »böse« Mensch. Noch ist -ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth -denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit -darstellen. - -Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht -weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die -ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und -dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist -(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit -des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft -des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt -die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer -mehr-- -- --die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der -Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter -Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches -nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle -menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen; -der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen, -als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das -»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches, -Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des -Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich -anpflanzen kann (Ebendaselbst 107). - -Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen -und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete -Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher -Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen -sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der -Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die -Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission -zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte -man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf -seine göttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener -Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem -greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu -sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in -der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht, -soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit -ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt -haben möge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang -stehen!--es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung, -so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur -Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt -das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen -Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!« -(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen, -so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das -Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, -er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn -die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der -Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine -Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet -»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das -Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das -Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der -Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar -der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und, -anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu -schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich -verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener -phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige -ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte -zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter -Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass -ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre -Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne -ein »Decadenz-Symptom« ist,--aber hier deckt sich der Begriff der -Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die -Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- -- ---Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle -lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!« -(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss« -(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu -gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches -Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch -kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur -wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die -_Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen -als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden -Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die »neue -Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte, -deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In -der Reife--des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das -Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches, -Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit -des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33). - -Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so -kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er -sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade -von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des -_Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten -Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für -ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren, -von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der -Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu -einem enthusiastischen,--fast _religiösen_ Verhalten und ermöglichte -ihm jene 'religiös motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche -bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein -eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf -ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer -Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser -Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie -sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern -Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser -Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine -ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch, -sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen. - -Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man -könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten, -rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur -den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre -tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte -und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff -für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie -nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als -eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen -Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und -auch wohl thun,--denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als -ein hoher Wärmegrad«. - -Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends -so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches, -Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter -seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess -er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der -persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben -ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die -Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller -Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und -rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm -als ein _neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh -seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge. - -Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem -Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu -denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten -Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und -marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass -er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner -Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch -hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit -aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder -unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder -im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen -Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr -rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an -einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem -»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu -denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung -seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen -gehört's,--den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen: -»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen -geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft -gratulire! Es lebe der Réealismus!« - -Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche -Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war, -welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für -Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende -sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt -hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte -ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und -ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An -diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige -Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing. -Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche -Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische, -religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von -Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie -seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches -Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für -Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer -und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine -Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth -verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend, -dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten -aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen -Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind -besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen -erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der -Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine -Lücken zu lassen. - -Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des -Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war, -bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und -bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden. -Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen -Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen -liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht -hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten -Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der -Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine -Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens, -in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr -Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade -in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit -seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines -Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen -Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien, -schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf -und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart -hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an -Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat -seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm -blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte -demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus, -und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem -Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens, -deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz -standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche -aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst -so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast -mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels -und Bekehrers gegenübertritt. - -So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine -um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle -verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart -des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen; -aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und -überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für -ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner -Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb -in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu -Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und -in einer erhöhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstück-- --- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land -hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!« - -Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf -dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen -neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er -den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen -Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die -Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen, -dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr; -ausleben und erneuern wird. - -Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt -und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines -innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen -Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches, -Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung -der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden -Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet. -In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild -und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in -seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch -mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung, -aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich -jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im -Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder -abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer -Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt -seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in -wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes -schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst -Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist -er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger -wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene -Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach -durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht -auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt -mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich -selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie -einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie -unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen -sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend -emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im -Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen -allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose -Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies -doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen -und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller -Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die -düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu -nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch -zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem -Doppel-Selbst. - -In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem -ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als -sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben -sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt: -hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt -heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner -Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter -Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des -Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will _das Seine_: -dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch -den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut -gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas -kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber -beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran -ist hundertmal mehr gelegen.« - -In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität -seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten -Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht -begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den -hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der -Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf, -ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen. - -Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit -noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die -sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente -allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht -worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs -gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör -zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;-- ---dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer -Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der -Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen -hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken -untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen -belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die -opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer -Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_ -dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber -nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester -Nüancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und -erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und -Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode -in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er, -sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein -goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner -Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen -Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der -Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die -dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil -des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen, -sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz -ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein -Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht -nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher -Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen -lässt, was sonst im Worte stumm bleibt. - -In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu -etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines -Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern -Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich -nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen -Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige -Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenüber erschien ihm -auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und -leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten -Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von -»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr -noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, -dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche -Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem -Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was -vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk -werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende -und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel, -die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen -lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr -meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben -habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig -Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:--aber Niemand erräth mir daraus, -wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder -meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken!« - -Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei -seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar -Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer -Selbstunterhaltung,--nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der -Feder in der Hand: - - - »Ich schreib nicht mit der Hand allein: - Der Fuss will stets mit Schreiber sein.« - - -singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52). -Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der -wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen -von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten -Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines -Zarathustra (II 5): »-- --aus dem Überflüsse heraus ist es schön -hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte -er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth, -aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen -waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit -angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon -(Der Wanderer und sein Schatten 338), »-- -- --in dem gesammten-- --- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die -Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien -und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller -silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit -seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit -selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe: -»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über -einander, sondern sind vertraulich zusammen.« - -Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden -gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen -Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der -fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch -arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem -Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder -aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen »Ohren -für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich -gesprochenem Wort. - -»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,« -schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die -_Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich -förmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich -ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen -und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen -Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner -Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; -die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören« -von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.« - -Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer -Grundlage, die »_Morgenröthe_« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner), -vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und -Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen -zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das -nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und -gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist -es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu -überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch -ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,-- -es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen -und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage, -auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,--ohne -die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen -Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen, -die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu -widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus -den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die -Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir -sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an -das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung -des Affectlebens für das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob -sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang -auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der -nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil -sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der -Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des -Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf -diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche -aufgehen musste,--einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden -Philosophie. - -In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe« -die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von -seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer -mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der _Uebergang_ von -einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen, -Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber -in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der -vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den -sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier -dagegen wird jede Möglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit -Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen -Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre -Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr -der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen -Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir -ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand -eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche -sonst vollständig abgeht. Hier _verräth_ er sich fortwährend, ohne -es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und -tadelt,--er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens, -sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges -Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten -Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens -austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und -Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum -Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh, -ihr-- -- --edlen Schwärmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass -gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!-- --- --Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht -der Ausdrücke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu -verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie dürstet ihr -darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit -des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu -entzünden!-- -- --« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift -man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet: -»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über -die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,-- --- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben -zu wollen, ist ein _religiöser Nachtrieb_, nichts Besseres,--« (Der -Wanderer und sein Schatten 16). - -Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst, -bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen -Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--»der Tyrannei -des Wahren«:--»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und -Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;-- -- -- --man muss sich -von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ können,--sonst wird sie uns -langweilig,--« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den -von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder -werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas -von dem _Möglichen_ erzählen! Wollten sie uns von den _zukünftigen -Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf -Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,--von -purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo -seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551). - -So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich -in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch -schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in -der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides -ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja -die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal -aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben -Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung -von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt -hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund -eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben -aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. -Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist -diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.« -(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt -er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche -langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben -nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,--sodass -zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.« - -Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und -unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,-- diese überschäumende -Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen -Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher -verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende -»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen -grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand« -sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da -einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen -hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges -Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche -Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als -Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren! -Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der -»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«: -»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist -es unbeschreiblich angenehm, sich _überwältigt_ zu fühlen! Plötzlich -und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die -Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss -wohin? zuzusehen!« - -In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses, -langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und -angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung -nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik -hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene -Sieg den Sieger. Es ist das »_Glück des Gegensatzes_«, das er darin -sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der -positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die -begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan -gemacht dem Schaffensdrang des Willens. - -Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes -Aufklärungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende, -lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht -der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen -hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele -Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den -Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch -zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am -Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über -die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist, -und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste -der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein -träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck -findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen -_Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es -möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch -alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der -Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral -im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann?« -(Morgenröthe 96.) - -Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein -Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es -kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch!« verspricht die -Morgenröthe und wird immer heller und röther. - -Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn -auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und -Fempläne: - - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - »Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes - Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen - zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung, - welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine - asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel, - die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als - das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig - sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich - bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere - Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand - kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen - gethan und geplant wird! - - Treulich Ihr Freund - - F. N.« - - -Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus: - -»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten! -Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als -möglich,--als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines -zukünftigen Lebens-- -- --.« - -Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt -fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was -Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den -Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und -negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen -aufzufassen sucht: - -»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen -der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals -nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu -erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu -scheitern? Oder, meine Brüder? Oder--? (Morgenröthe, Schluss.) - -Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete, -da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte -gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen, -ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie -jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten, -von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses -Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen -Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben. - -Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder, -die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft« -schrieb: - - - »Freundin, sprach Columbus, traue - Keinem Genuesen mehr! - Immer starrt er in das Blaue - Fernstes zieht ihn allzusehr! - Wen er liebt, den lockt er gerne - Weit hinaus in Raum und Zeit,-- - Üeber uns glänzt Stern bei Sterne - Um uns braust die Ewigkeit.« - - -Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit -des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das -Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne -es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten -Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem -er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken -gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte. -Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen, -in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind, -wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch -die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth -der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass -sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für -alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten -vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn -nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte, -sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein -Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue -Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von -ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie -war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen -und Sich-Verlaufen,--»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth -war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will -mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen -gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie -sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende -Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner -Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet, -musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie -der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der -ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte -sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er -sich wieder dorthin zurückschleichen würde,--wo die Götter und die -Uebermenschen hausen. - -Nietzsche schreibt einmal an Rée: - -»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese -ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden, -wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will -uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere -Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_ -Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir -die Geduld verlören--.« - -Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!« -sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen -Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen -Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem -heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens, -des ewigen Lebens, schrieb. - -Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--. - -Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als -das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden -könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche -Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn -daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen -zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen -Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil -verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um -durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches -zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte, -dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe, -empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das -Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und -der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf! -Welches herrliche Jahr 1881!« - -Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin -1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem -Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von -sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen -Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so -lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte -Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt -nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er -sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der -moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt -ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und -der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf -beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit -zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung -eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen, -Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn -dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden -zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses -inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und -Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder -umzusetzen. - -Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt, -sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen, -das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie« -unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er -wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris, -Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede -schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm -nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege -als richtig erwiesen wäre. - -Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit -den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher -fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum -Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern -hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei -auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete -herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch -einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der -Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem -Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen -sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch -einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander -entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das -spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn -Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten -Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht -erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins -verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen. - -Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner -Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand -ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer -Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche -befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem -der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig -unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um -noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu -schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner -Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei -es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer -solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der -Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint -er--einmal befruchtet--um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er -ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm -gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so -geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden -soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine -Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen. - -Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene -Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal -zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches -und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung, -dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen -aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen -festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die -ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten. -Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches: -das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den -verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines -schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein -gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben -seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu -einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet. - -Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox -dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je -allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung -sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so -vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass -die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder -und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur -Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,--»Mein Urtheil -ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht« -(Jenseits von Gut und Böse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses -Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze -Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse -innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben -das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise -den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären -glaubt.« Für mich--wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!« -(Also sprach Zarathustra III 95.) - -Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz -und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens -besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches -sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter -meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen -Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich -seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi -scribo!« - -In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst -geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner -ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus -seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen -Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen -im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen -bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst -irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«, -ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr -verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie« -reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich -verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns -ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen -zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse -entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und -Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint -Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass -er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht. - -Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil -auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein -Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel -schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie -Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens, -sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen -seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen -werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da -Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen -ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine -Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig -entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung -unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass -diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem -Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_ -treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er -in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch -zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch -den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des -theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der -praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche -sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht -freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört -man endlich den Schrei nach _Erlösung von sich selbst_,--nach seinem -_Wesens-Gegensatz_, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung, -Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des -innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung, -aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden -Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht. -Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt -frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben -die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches -Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden -als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung -hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar -nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren, -Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle. -Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu -Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals. - -Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig -klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein -Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien -sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein -mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine -letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht -vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken -wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des -Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so -gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der -Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine -menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen, -kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den -tragischen Conflict seines Lebens löst,--den Conflict, des Gottes zu -bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet -er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen, -visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um -sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren -Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu -einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster, -lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere -als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch -gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber -zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung -hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man -gedenkt seines Wortes, »-- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in -allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott -anbetete,--und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits -von Gut und Böse 269.) - -»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der -letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den -inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation -von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander -fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung -war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,-- -eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen -jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den -Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem -Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer -Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber -nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und -Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch -jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh, -von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt -entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in -diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein; -Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen -Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu -Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist -in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte. - -Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines -Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte, -zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren -Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!« - -Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth, -von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten -Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche -Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss -der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List -und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches -Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem -persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein -Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum -Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle -sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen -Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune -bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind -es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der -seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei. -Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will, -während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen -seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten. - -Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner -höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt -auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns -zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes -Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig -hervorleuchten: - - - »Incipit tragoedia!« - - - - -[1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte -der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22; -_Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von -Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_, -im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus., -Bd. 25; _Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_, -Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen -quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum -denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed. -Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat über _Homer und -Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25 -und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 Bänden des -Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls -Disposition zusammenstellte. - -[2] Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: »--das -heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken, -mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen--« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.) - -[3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste -Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch -gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten -Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen -Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers« -Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer -Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den -hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland -gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller -Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des -Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der -Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte -auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken -derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner, -der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom -23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche, -und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des -griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte. -In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie. -Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872, -stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die -von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v. -Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites -Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1873, antwortete. - -[4] Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten -Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: »--was ich -gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer, -der von ihr langsam, mühsam genesen lernte-- -- --. - -[5] Vorwort V: »Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass -ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal der griechischen -bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemässen -Erfahrungen komme.« - -[6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm jenen -Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte. -Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte -ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen -Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte, -und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr -sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne und -Zöglinge. - -[7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen -Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in -Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen, -vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die -englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen -Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was -er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch -hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu -Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lässt.« -(Fröhliche Wissenschaft 99.) - -[8] Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, Allzumenschliches« -I 37. - -[9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen über -»Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im -Cultus des Genius'.« (164). - -[10] Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten Kräuter und -Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48) -ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung; -noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes immerwährende -freundliche Wohlwollen, das des Lebens »_Behagen_« schafft. -(Menschliches, Allzumenschliches I 49) - -[11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal -aufschrieb: - -_Zur Lehre vom Stil._ - -1. - -Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_. - -2. - -Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte -Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten -Relation_.) - -3. - -Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und -_vortragen_«--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung -sein. - -4. - -Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so -muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag -zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon -nothwendig viel blässer ausfallen. - -5. - -Der Reichthum an Leben verräth sich durch _Reichthum an Gebärden_. Man -muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl -der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebärden -empfinden _lernen_. - -6. - -Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, -die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die -Periode eine Affectation. - -7. - -Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie -nicht nur denkt, sondern _empfindet_. - -8. - -Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss -man erst die _Sinne_ zu ihr verführen. - -9. - -Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, -dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr überzutreten. - -10. - -Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände -vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser -zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber -auszusprechen_. - -[12] Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der -Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen -Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm. - - - - -III. ABSCHNITT. - - -DAS "SYSTEM NIETZSCHE" - - - -MOTTO: - -»Schaffen wollt ihr noch die Welt, -vor der ihr knien könnt.« - -(Also sprach Zarathustra II. 47). - - - - - Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich - schätze nichts als _Antriebe_,--und ich möchte schwören, - dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch - diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren - gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht - über mich täuschen--glauben doch nicht, dass »der Freigeist« - mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou! - - F. N. - - -In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief -Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der -»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung -»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind -bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches -angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem -bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen -Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der -Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der -Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle -einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von -_Rückkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase, -die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nämlich zur -Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre -vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als -auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer -ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zögernden Wort »Ich -bin«--sich noch scheut auszusprechen. - -Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige -Dichtung »_Also sprach Zarathustra_« (I und II 1883; III 1884, -Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann); -_Jenseits von Gut und Böse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft -(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie -der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der -Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann); -endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Götzen-Dämmerung_ oder _Wie -man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann). -Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens -Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie -die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines -Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind, -der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems, -das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit -begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine -Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein -unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher, -als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine -vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen -jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen -und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das -reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien, -sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden -Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als -auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im -Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer -wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in -der Genealogie der Moral,--den Versuch, über das Rein--Aphoristische -hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen, -weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist. - -Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art -von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den -erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem -er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt -gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege -beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der -praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf -die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische -Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen -gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den -verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber -höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der -Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest -entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen -könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der -Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen. - -Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers -diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung -Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten -Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern -durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens. -Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme -der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der -Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf -den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese -Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen -Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn -begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille -und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft -hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe -nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er -derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In -diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht -auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die -Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens -auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es -entstammt und von dem es dauernd abhängig ist. - -Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen -vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen, -um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte -zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche -Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche -die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar -nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen -Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben -Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes -Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes -und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren. - -Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur -seine _Gefühlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt für -Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden -Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue -Weltanschauung. - -Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken -in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner -Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie -in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei -Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne -letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein -Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse, -ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich, -daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien. - -Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden, -einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils -Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich -in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft. -Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches -zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist. -Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine -kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches -Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit -genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen -Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem - -Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung -des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin -Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von -Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen -könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am -ausführlichsten die _Unberechtigung der Werthgegensätze_ »wahr und -unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig -werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe -der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich »»zur -Wahrheit««?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber -Unwahrheit?_-- --« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, -dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt? -Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --?« (34.) »In -welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!-- -- -- -erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit -durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem -Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, -zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als -seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend -einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das -meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte -heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik -ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention« -(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache -der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf -können als gerade zur Realität unserer Triebe--denn Denken ist nur ein -Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36). -Und daraus folgt denn schon: »-- --_je mehr_ Affekte wir über eine -Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir -uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird -unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen -aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, -gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt -_castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12). - -Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von -seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt. -Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil -derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich -irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die -uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und -degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des -Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung -noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich -neben einander besteht,--die Relativität des Denkens und diejenige -des Affektlebens,-- --das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche -Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene -Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den -er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan -machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste -gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung -rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem -fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!« - -Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch -kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es -lebenfördernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf -falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung -des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der -dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wäre möglich, -dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein -für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben -werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, _was_ den Werth -jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit -jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche -Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu -sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »-- -- --wir sind von Grund -aus, von Alters her--_ans Lügen gewöhnt_. Oder, um es tugendhafter -und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr -Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere -der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen -Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »--die Kunst, in der -gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen -zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um -derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten -Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als -die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und -»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.) - -An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst -der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem -neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen -ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen -»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als -eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten -und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu _reduciren_ suchen: die -Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade -bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen Steigerung. Die Einsicht -in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der -Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur -Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die -demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche -der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine -Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches -Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in -dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens. -Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer -letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so -öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch -Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und -Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden -Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber -hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt -hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen -Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und -Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten -Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus -dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die -nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert -er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet -und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der -Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch -keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und -gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches -Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft -für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins -Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene, -Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit -Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit -_feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ könnt, da -hasst ihr es, zu _erschliessen_.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.) -»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust -(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!« -(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender, -bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille -zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!« -(Ebendaselbst II 50) - -Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und -Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens, -eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich -selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches, -Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist -verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, -so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die -Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und -Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild -auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts -ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.) -und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des -Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden, -willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten -Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die -Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser -Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der -Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem -Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen -hat. »Warum dürfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine -Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem -Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_? - -Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der -»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit -den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand -ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt« -endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine -Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu -uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise, -den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als -identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato, -_bin_ die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren, -scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den -Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_.« Im Christenthum trennt sich die -Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem -sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als -Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe -von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem -blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«--bis sie -sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts -verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei -des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr -gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist: -»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit; -Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der -Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir -zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss -überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre« -Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen, -uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren -Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als -deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst -zurückgeworfen als auf den _Selbstschöpfer aller Dinge_. Wieder ist die -alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht -als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in -der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit, -von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte -Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat. -»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin, -sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den -geheimnissvollen Schlussworten: »_Mittag; Augenblick des kürzesten -Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit; -Incipit Zarathustra_.« - -Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins -Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen -und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt. -Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine -neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse -Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn -aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen -Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens -gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des -Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen -Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das -Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte -sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt, -was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt -sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er -auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen -alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt -und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der -Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass -er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande -wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern -in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt -ergeht. »--_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und -Gesetzgeber_: sie sagen »_so soll_ es sein!« sie bestimmen erst das -Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schöpferischer -Hand nach der Zukunft-- --. Ihr »Erkennen« ist _Schaffen_, ihr -Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur -Macht_.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft -immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie -ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, -zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die -»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207) -sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze -Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter -Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden -bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden -immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und -Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen. - -Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses -Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen -nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren -wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen« -Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen -des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt -mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis -in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt -»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_ -für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen. -Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die -Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem -Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er -gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem Ȇberreichen -des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und -Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d. -h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen -nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_ -noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er -sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu -einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse -Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths. - -In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das -Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer -Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und -Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein -innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des -strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit -ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt -er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens -Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung -durch den Gedanken verlangt,--es ist der »tropische« Mensch, auf den -die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf -Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste -Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen -kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten -Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten -zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und -Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III -82). - -Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion -gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste -Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste -Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen -unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in -der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner -Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die -Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt -er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem -Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen -seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den -erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph -des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes -wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste -Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der -Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts -gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der _gegen sich selbst_ -gewendeten Grausamkeit«.--er muss als »Künstler und Verklärer der -Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche -Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so -empfängt er die höchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose, -Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er -sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, -in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken -wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung -einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches -Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persönlicher Mystik aus, in -der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das -»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und -tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden -soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde -gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!-- ---Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen -geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des -Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne -zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon?« (Also sprach -Zarathustra II 33). - -Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des -Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik -und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den -abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es -endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in -seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht. - -Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung -und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden -als des wahren Trägers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des -Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von -Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen -überhaupt aussagt: »dass die moralischen-- --Absichten-- --den -eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze -gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang -des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten -und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen -trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll -der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine -Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder -»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der -Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). Ȇber das Leben haben zu allen -Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und -überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,--einen Klang -voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand -gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge -der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens, -der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war -es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen -zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen, -vom _Pöbel_, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier -hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf -die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der -Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als -die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden -Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph, -der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über -die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder -zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für -Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der -Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen, -trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte -und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem -er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II -»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker, -die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle -beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das -Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des -Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen -haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also -geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie -mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines -Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden -Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst -Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge -niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die -sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden -und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung -weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie -vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? -ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den -ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.) - -Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die -äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit -gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen -Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung -seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen, -in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu -einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und -Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,--? er ist -der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch -nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das -krankhafteste,--»das noch nicht _festgestellte_ Thier.« (Jenseits von -Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als -solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet -desselben. - -Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges -ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die -wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten -socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene -furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen -die alten Instinkte der Freiheit schützte-- -- --brachten zu Wege, -dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich -rückwärts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten.« »Alle Instinkte, -welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_-- -ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit -wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« -nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei -Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung -des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist.« »Der Mensch, der -sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in -eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst -zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den -Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit -ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von -welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des -Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von -der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten -Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit -beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) - -Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen -sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist, -und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch -gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am _Ausgang_ einer -langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als -Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die -Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form -auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht -und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen, -sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung -reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch -eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind, -beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu -machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, -Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der -grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln -zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, -keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit -einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden -schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des -Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von -Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.) - -Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die -Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen -und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht -wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde -in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse -mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte, -nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte. -Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark -verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner -ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er -wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten, -gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt -gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle -Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium -bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen -Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind, -als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen, -moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu -lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit. - -Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der -menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für -deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine -dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände -unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu -verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige -Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt -wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form, -zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die -Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist« -auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle -Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das -Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit« -dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre -Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in -der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum -durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren -werde. - -»Man ist nur _fruchtbar_ um den Preis, an Gegensätzen reich zu -sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende -Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu _ertragen_. Dann ist scheinbare -Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur -ein Schimpfname für die Herbstzeiten«,--d. h. für die Zeiten der -abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann -Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem -nothwendigen Ende zu,--»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen -_Schritt für Schritt weiter in der décadence_.-- -- --Man kann diese -Entwicklung _hemmen_ und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, -aufsammeln, vehementer und _plötzlicher_ machen: mehr kann man nicht.« -(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische -Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der -Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich -selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der -Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, -- --Thierseele auf Erden -etwas so Neues, Tiefes,-- --Widerspruchsvolles und _Zukunftsvolles_ -gegeben«,--dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art -des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit -»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, -sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses -Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein -Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,--ein Seil über einem -Abgrunde.-- --Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke -und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass -er ein _Übergang_ und ein _Untergang_ ist.« (Also sprach Zarathustra -I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu -Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden -Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die -Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »-- -- --als -welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.« - -Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe, -die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht -aufgegeben, sondern noch möglichst _verschärft_ und zum Ausgangspunkt -seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten -Einsicht hat sie sich ihm zu einem _Gemüthsaffekt_ gesteigert, und -als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle -seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram -und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach -Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt. -Aus dem _Accent_, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus -den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die -übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken -einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche. - -Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches -neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des -Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem -Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt -die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung -durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft. -Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit, -eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr -gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die -schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die _Ursache_ -und _Begleiterscheinung_ der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren, -werden nunmehr zum _Erkenntniss_-inhalt selbst. - -Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit -ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen -Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war -jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig, -obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr -schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit -der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann -zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte -nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille, -als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen -zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen _längeren_ -und _tieferen_ Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick -beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für -sein Wollen einstehen--er wurde »das Thier, das _versprechen darf_«. -Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von _Mnemotechnik_: -sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein _Gedächtniss -einzuverleiben_ sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also -auch zu sich _Ja sagen dürfen_--das ist--- eine _späte_ Frucht:--wie -lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir -uns--ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich -seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte -endlich zu Tage bringt, _wozu_ sie nur das Mittel war: so finden wir -als reifste Frucht-- --das souveraine _Individuum_, das nur sich -selbst gleiche,-- --, kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen -Willens, der _versprechen darf_.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.) -Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums -entspricht eine neue Art von _Gewissen_, nachdem der Mensch den Moral -Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens--seinen strengen, -nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern--entwachsen ist, und damit das -alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat. - -Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner -ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen -Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche -gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die -Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen, -wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt. -Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und -Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits -des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die -einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des -unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem -Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus -gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der -»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen -erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich -der mysteriösen _Herkunft_ und Abstammung des Willens leugnet, das -versucht er dafür an das _Ziel_ und _Ende_ der Willensentwicklung -zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten -langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein -reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben -beherrschender Wille allmählich _geschaffen worden_, so ist er damit -in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht -bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus -einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts -mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine _gewaltig angewachsene -und rücksichtslos explodirende Stärke_ bestimmt,--er ist reines, von -der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen -nicht mehr _metaphysischer_ Natur, denn es ist geworden, es ist das -_Resultat_ einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des -Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit -des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit, -denn sie wendet sich nunmehr als eine _unbedingte_ Macht umgestaltend -und umschaffend _gegen_ eben die natürlichen Bedingungen, denen -sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein -zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in -seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt, -indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort -kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende -unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)--blos weil man -die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht -mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen -des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende -erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist. -Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden, -aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle -Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller -Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen -Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die -Dinge hineinerschaffen; darum will Nietzsche an Stelle des »freien« -und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck »_starker_ -und _schwacher_ Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21) -und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und -_Entwicklungslehre des Willens zur Macht_«. (Ebendas. 23.) - -Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade -»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem _Genie_ geworden ist, was -sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat. -Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und -Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen -eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, -historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, -gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,-- -- --die Zeit, in der sie -erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr -werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie _älter_ sind, dass -länger auf sie hin gesammelt worden ist;-- -- --die Zeit ist relativ -immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.«-- -- ---»Der grosse Mensch ist ein Ende;-- -- --Das Genie--in Werk, in That-- -ist nothwendig ein Verschwender: _dass es sich ausgiebt_, ist seine -Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; -der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede -solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.) - -Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in -ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen -soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine -Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer -Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert -hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden -ist,--Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das -nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem -oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte -Menschheitsbewusstsein,--so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig -ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie -wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es -würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen, -ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst -hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der -Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den -Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung -Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige -Bedeutsamkeit:--mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der -Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als -der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich -Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt -sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein -Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen -uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals -herausgewachsen sind:--Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus -höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine -Art von Atavismus,--darin liegt der wunderlich _reaktionäre_ Charakter -der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von -der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch, -an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und -Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft -zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur -deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer -lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und -übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem -Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,[2] dass -Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden -seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie -sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die -guten Dinge) _hat_, ist ein Andrer, als wer sie erwirbt. Alles Gute -ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ... -« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren -lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende -und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der -moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz -und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm -Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst -ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist. - -»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden -Kraft:-- -- --Damit es Institutionen giebt, muss es-- --Wille, -Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen -zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte -hinaus, zur _Solidarität_ von Geschlechter-Ketten vorwärts und -rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant, -durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches -vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer -Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und -wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt -geisselt er die »pöbelhafte[3] Gleichmacherei« aller Menschen und -die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten -mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die -ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren -sind »die _ganzeren_ Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit -bedeutet, als »die ganzeren Bestien«--).« (Jenseits von Gut und Böse -257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem -solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu -Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,-- ja, sie _sind_ kraft -ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der -bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des -starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,-- -- --Ihm fehlt die -Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, -in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, -_zu Recht besteht_. Seine _Tugenden_ sind von der Gesellschaft in Bann -gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem -_Jeden_ eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten -und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem -seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer -die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich -und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der -Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass -er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres -Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem -Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt -ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich -noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen -Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff -darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der -Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und -ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende -Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und -das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen. -Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie -Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass -Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist, -der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der -dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren -konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu -unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung -bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches -Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode -an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders -auffasste.[4] - -In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines -rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild -der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch -heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur -der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen -Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches -viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen -Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von -positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im -Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass, -mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen -Zwecke bedurfte, durchzusprechen,--namentlich auch den etymologischen -und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut, -niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen -vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und -gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen -wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch -jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den -Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da -die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber -hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen. - -In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten -aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher -und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen -aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft -und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und -Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die -Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint. -In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war -Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen -Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen -Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte -sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des -Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden -verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei -unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral -und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht. -Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und -Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig -mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung -wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze -Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller -moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das -Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr -als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die -Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung -gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den -Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur: -sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen -als »gut« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also -auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und -halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz -anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser -»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus, -sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt -alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und -erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, _ihren_ Begriff -»gut« für sämmtliche jenen _entgegengesetzte_ Eigenschaften,--also für -das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin -das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«, -das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem -Ȇbermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen -Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen -Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach -Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden -Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild -ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das -Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums -an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den -Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet -haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein, -damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.[5] -Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen -und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen, -weil die eigentliche _Bedeutsamkeit_ dieser Anschauung für seine -Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht. -Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich -zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für -ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der -Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb -ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang -verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont: -die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches -gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch -nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht -was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene -Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen -sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der -philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen -auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie -interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung -keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,--und -sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war, -wissenschaftlich zu arbeiten. - -Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher -seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)--dass wir »_Immer -in unserer Gesellschaft« bleiben_, auch wo wir wähnen, Fremdes -aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet -zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich--: das Andere -höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »_Grenze unseres Hörsinns_: -Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort -zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner -Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, -als was mir schon gehört,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen -zurück.« (Ebendaselbst 242.) - -Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner -philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher -Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in -seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch -bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem -innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende -und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit -seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es -ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also -sprach Zarathustra III 74.) - -Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein -weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral -geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache, -dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, -_beide_ Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer -solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von -Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung -entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur, -d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet -und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch -die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche -beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen -des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang, -ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche -Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche -Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur -Weiterentwickelung erst befähigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft -beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen, -sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre -Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles -dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_. -»Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass -lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf -die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf -Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser -Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar, -sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu -züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen, -aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften -und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven -Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um -sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren -Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie -wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den -Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas -Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch -ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr -ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter -Kräfte,--»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra -III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, -Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu -Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den -alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral -I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er -denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender -Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung -hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von -Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch -den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine -Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist -kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender -und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund -seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit -genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch -Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir -finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese -Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren -widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine -Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, -diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich -selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust -am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die -vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf -lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen, -welches heisst: »Ich bin das, _was sich immer selber überwinden muss_«. -(Also sprach Zarathustra II 49.) - -Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen -Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes -Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten -Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen -hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame -»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen -beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde -der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und -Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er -von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden -und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem -Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können. -Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist -liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte -muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal«; -(Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in -der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur, -dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die -Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als -solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze -immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie -als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch -betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch -betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen -Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen -Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung -nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten -Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser -sich in Opfergott und Opferthier spalten muss. - -Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches -»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen -bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhält, in -dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche -zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings -damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,--beginnt mit -einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das -bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und -Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand, -an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte. -Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend -ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es müsste denn erst _geschaffen_ -werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein -andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie -sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres -Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle -eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits -hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefürchteten, -misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von -keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit -der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen -Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der -Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen -höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen -sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,--dass alles Böseste seine -beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden; -und dass der Mensch besser _und_ böser werden muss«. (Also sprach -Zarathustra III 97.) - -Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend -ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst -zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich -steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss: -er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so -kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und -seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt -sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet: -»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst -du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«. -(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass -er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle -Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.) - -So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_ -im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in -Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied -zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral -als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative -verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das -Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder -einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit -der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der -Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so -gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst -III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb -geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit -seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden -müsstet?--Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, -der ist dieser Wahnsinn!--« (Ebendaselbst I 11.) - -Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines -Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er -betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein -Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht -und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein -»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare -Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der -»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel; -er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert -wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese -Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur -von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei -wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in -der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur -eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während -Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart, -geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu -Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen -im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch, -als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein -Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen« -Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei -Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen -und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den -_Moral-Weg_, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings -das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und -steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine -tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man -hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich -als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben, -sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern, -sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft -Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters, -wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen -Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth -zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht -minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er -wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob -auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele -nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung -unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer -blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich -einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: -allzuähnlich einander,--allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also -sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen -einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung -auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist -deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten, -aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser -Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.« -(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich -fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.) - -Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt -der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches -Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang -des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer -hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und -auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung -der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am -Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben, -damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der -Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es -schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,--alle -erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um -sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten. - -So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik -auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in -dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln -eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 = -Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der -That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen -voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart -werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und -wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss, -kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht; -das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den -Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die -Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler -zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines -nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst -ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten -Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man -hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen -Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche -Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des -Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der -Zukunftsschöpfer, »--zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein -inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. -Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner -Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! -Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine -stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.) - -Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den -Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des -Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn -Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung -dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches -Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden, -gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine -Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische -Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für -sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit -damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller -wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische -Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem -_Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens -heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem -_eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmässigen, -Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der -Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten -Reinheit,--die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben -besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich, -dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz -durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So -erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten -Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der -sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der -Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser -schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr ȟber sich«, -wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit -dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines -eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen -Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für -eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das -eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen -Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwäche, zügele, massige, -»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen. -Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen -es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in -sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner -Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der -Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines, -sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen -Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da -keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander -nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit -bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund -zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren -gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der -menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine -leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche _Maske_, -der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich -gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf -erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass -es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln: -der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber -eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu -einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen -hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung -zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten -zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am -grundsätzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den äussersten -Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel -zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich, -um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man -kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse -verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie -tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen -Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien. - -Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der -von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe -als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im -vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fähigkeit_ -zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine -Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion. - -Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung -glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche, -Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«; -(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden, -der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und -die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und -gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,--die Kunst, sich vor -sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige -niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der -Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche -angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem -Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert, -seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich -entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als -Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung -bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von -Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug, -hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit -nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches -Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein -_Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: »-- ---man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, -als ihren _höchsten_ Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das -künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen -und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits -von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht -Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu -diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das -_Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen, -so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in -seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte, -wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der -Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen, -welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden -sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das -Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken -gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt -werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das -Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich -selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung -ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der -griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die -apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen -Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so -verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild -des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol -im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner -Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des -Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf. - -So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in -die Aesthetik überfliesst,--in eine Art von religiöser Aesthetik,--und -dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des -Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen -muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer -phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer -und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade -dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die -Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen -vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er -von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem--Unvermögen, -als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lüsternheit nach -dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er -seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.« -(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung -des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen -Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung, -auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,--als ein _ästhetisches -Phänomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des -Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine -geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. »-- --von Niemandem -will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst -es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen, -»aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes. -Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.-- --Diess nämlich -ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, -naht ihr, im _Traume_,--der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach -Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein -Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu -mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn -»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«--»Was wäre denn schön, wenn -nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre, -wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin -hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis -zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht -er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund -aus hässlichen. »Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da -aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist -Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den -es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_....« (Götzen-Dämmerung -IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die -grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des -schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins -ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang -weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur -»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich -seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft -bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand -der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen -Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl -der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die -Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt -sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_.« (Götzen-Dämmerung IX -8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: -was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, -überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, -bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_müssen_ in's -Vollkommne ist--Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.) - -Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter, -indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein -ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem -Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die -Menschen und Dinge zu _vergöttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulösen, -um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche -nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen -angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das -grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat -des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten -Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach -Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung -Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle -in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon -bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus -dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch, -er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen -täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein -ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt -aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in -einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religiösen -Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum -ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das -Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern -Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden -ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen, -was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In -Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke; -denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie -gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie -hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem -mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das -tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der -Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man -den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und -religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde -liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem -Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,--aus dem Sehnen, -seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben, -den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und -Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott -oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen -Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die -Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten« -anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm -gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen -der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra -keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf -sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »--was sagte dir einst -Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?--Aber auch Zarathustra -ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches -Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich -als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle höchste Wahrheit in der -_Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner -mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden, -sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts -Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von -Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler -ernst,--sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.) - -Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen -Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass -es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten -nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte -Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«, -der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu -überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht -vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen -Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine -Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend -eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber -spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken -abliest: »--warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern--als -zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu: -»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen -Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! _Vielleicht betrog er -euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines -Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« -(I 111.) - -Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und -Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht -wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm _religiös_ eine Wahrheit -zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und -hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich -selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu -entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in -dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt -unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive -Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und -ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die -wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu -malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die -Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen -Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang -hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich -selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen -Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf -der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft -werden, als auf der anderen--der übermenschlichen--das Licht heller -hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer -Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen -der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten -Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen -Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich -derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen -Gottschöpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen, -»ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner -absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies -Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen -düsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_, -es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im -Menschen gewüthet hat:--und wer es noch zu hören vermag-- -- --wie in -dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des -sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der _Liebe_ geklungen hat, -der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im -Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II -22.) - -Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des -Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime -Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten -die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip -gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht -geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft -und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,--und -so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten -Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische -Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere -als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem -tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift -Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder -seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das -ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den -metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges -an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten -Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus. -Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und -wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer -Lebenskräfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung -die gerade _entgegengesetzte_: das Schöne soll das Willensleben im -Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und -zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische -Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung -von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist -daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche -gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das -Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt, -ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als -eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch -das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider -Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer -Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«[7] -hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des -Lebens. Das Leben, als »das, _was sich immer selber überwinden muss_«, -fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den -Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem -solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher -Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen, -der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem -er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer -Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der -»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der -»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des -tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der -dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die -für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille -hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens -selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus -das Lichte und Göttliche zu gestalten.[8] Ursprünglich war er ihm ein -Zeugniss für die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische -Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich -als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als -der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass -genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der -triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in -den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_ -des hellenischen Instinkts aus--sein »Wille zum Leben«. _Was_ verbürgte -sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige -Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und -geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus; --- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig -gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,-- --- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille -zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die »Qual der -Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --«. -(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX -22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene -schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische, -denn in ihr zeugt der Künstler aus dem _Furchtbaren das Schöne_. »_Was -theilt der tragische Künstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der -Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er -zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem -mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das -Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische -Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das -Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, -wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragödie sein -Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten -Grausamkeit.--« (IX 24.) - -»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und -Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans -wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des _tragischen_ Gefühls,-- ---Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten -Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner höchsten Typen der -eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch, -_das_ errieth ich als die Brücke zur Psychologie des _tragischen_ -Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- -- ---: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust -des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am -Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- --« (X 5.) - -Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten -Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner -Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und -der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von -der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System -»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte, -ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens, -denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts -anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt -und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen -Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl -sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament, -als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der -er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist, -und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle -findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen -verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und -Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den -Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf -des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im -vorletzten Aphorismus des Buches »_Das grösste Schwergewicht_«, als -eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, -ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: -»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch -einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues -daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und -Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir -wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese -Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser -Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer -wieder umgedreht--und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«--Würdest du -dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon -verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren -Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott -und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt -bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht -zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal -und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf -deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben -gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten -ewigen Bestätigung und Besiegelung?--« - -Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und -unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es -nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und -erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen -Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz -unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle -hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der -ernsten Schlussbetrachtung »_Incipit tragoedia_« nicht merkt,--»so -heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt _uns_ überhört!« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er -denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste -unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch -am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat -der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist -Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt. - -Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit -einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen« -wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als -unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen. -Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein -Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm -unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen -Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der -That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr -für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der -Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche -nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen -qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche -Maske. - -Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich -ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu -wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung -des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren -Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch, -der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung -seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt -diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit -knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der -Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft -giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!« - -Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der -Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner -eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen -letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen -lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik -zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte, -während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der -Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle -unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den -»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett. -Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N.« So lautete einer der -Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und -dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach -Vollendung jener Composition schrieb: - - - »Meine liebe Lou, - - Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens - _bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden! - - Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik - zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden - Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort - noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich - habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- -- - - _Vorwärts_------_und aufwärts_!-- --« - - -Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch -keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte -die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie -weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten -eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus -Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es -möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine -wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es, -wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre -ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren -absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges, -als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten. - -Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten -Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem -Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber -wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein -oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche -Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen -Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der -verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig -beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe -seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal -befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon -entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt -sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, -wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es -entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in -dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar -wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer -unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit -werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung -an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als -endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere -Eingebung--seine eigene persönliche Eingebung. - -Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und -des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden -Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt -uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die -Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit -der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten -Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als -Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die -Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre -mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar -zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der -Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem -Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug -sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und -zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten -Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man -sein _warum_? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem _wie_?« -sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als -die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen -Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung. - -So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual -einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an -ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so -inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen -Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine -schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern. - -Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens -eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass -und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen -Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche -scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere -Voraussetzung für ihn bilden. - -In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen -Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das -Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der -Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels, -um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und -Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu, -dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen -könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss -sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung -dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als -zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese -Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender -Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige -Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das -sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen -durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess -nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch -eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über -das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später, -als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und -unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm -jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den -Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab, -ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins -Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren -verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete -Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer -Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches. -Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das -in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt, -gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben -zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten -That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss -und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn, -dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die -thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen. - -So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus -seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik -zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste -steigert,--dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und -Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die -Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will. - -In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet, -eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben -eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende -Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem -Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend -gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer -aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen -zu können;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine -Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird -in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem -schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue -Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen. - -In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie -das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung -des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung -und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen -Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder -verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist -von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem -Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel -des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära -der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen -ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen -Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der -Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der -Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen -liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet -worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch -betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken -und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte. -Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der -Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten -Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_, -den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des -Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir -»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur -durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns -mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir -uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen -selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die -_auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das -einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch -_entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religiösen -_Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus. - -Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue -Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und -Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer -räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus -in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen -Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt -dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; -wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller möglichen -Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat -vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen -für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten, -lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, -was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, -_so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, -_unersättlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen -Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im -Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat--und nöthig macht: -weil er immer wieder sich nöthig hat--und nöthig macht-- --Wie? Und -dies wäre nicht--circulus vitiosus deus?« - -In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der -Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus -hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie -ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist. - -Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen -mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene -Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,--und andererseits -wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen, -Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es -zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem -einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie -aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen: -eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der -ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine -Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d. -h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem -schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt -sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um -den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als -solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende -und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das -heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als -ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum -wird Alles--wie? vielleicht zur »Welt«?--« (das heisst: durch die -vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur -er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch -dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die -Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen -äussert). - -Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches -Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in -ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des -Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie, -und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein -Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir -haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu -einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie, -das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in -Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart -zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und -als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund -der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen -Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein -_unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig -wiederholender_ ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren, -in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein -solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_ -auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese -letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_. -Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und -zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen -vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und -Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie -in beseligende Erlösung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je -einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt -er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was -rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu -schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein -freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,--was -allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ...« (Zur -Genealogie der Moral II 25.) - -Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches -Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als -Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten -wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen -und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen -Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände -und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche -sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu -bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das, -nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit -aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--für den -fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit -der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich -zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform -geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem -übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden -und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die -Welt erlösen sollte:--»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das -neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der -Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.) - -Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches, -sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die -Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch, -mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«, -der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche -Nietzsche-Erscheinung überragt,--er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus -ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines -Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen -fernsten Ursprüngen an,-- --daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu -Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben -von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen -erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch -meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.) - -So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein -Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder -von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies -für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen -Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und -bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium -steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein, -mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte -ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus -verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen -erhebt!« - -War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem -Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er -sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk -»Der Wille zur Macht« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt -geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien, -dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er -ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin -Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist -Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen: -»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, -meinen _Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste_.--« -Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des -Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits -frei schaffend über demselben. - -So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer -Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich -doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das -Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als -des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat -gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens -hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich -in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später, -aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch -seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um -schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt -zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei -Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit -und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue, -aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende -ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der -thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit. -Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht, -braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten -Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und -die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in -sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt -er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in -positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers -Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an -das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des -gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialität -der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte -Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die -nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34) -den Aphorismus _Historia abscondita_: »Jeder grosse Mensch hat eine -rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die -Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus -ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne.« Ferner (337): »-- -- ---wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_ -zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung -allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der -an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt -wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend -der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und -den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von -?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein, -der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein -Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor -sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen -Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten -Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen -noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen, -Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der -Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl -zusammendrängen:--diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der -Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, -voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am -Abend, ? fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt -und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt, -wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses -göttliche Gefühl hiesse dann--Menschlichkeit!« - -Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem -Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des -historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt -im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung -hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in -»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft -des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das -vergangenen Zuständen angehört: »Alle _stärkeren_ Stimmungen bringen -ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie -wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der -individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig -auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der -Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein -Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch -fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54) -Bezug genommen, in dem Aphorismus »_Das Bewusstsein vom Scheine_«: »Wie -wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich -mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für -mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte -Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, -fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin plötzlich mitten in -diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume -und dass ich weiterträumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie -der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was -ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines -Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben -nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske, -die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte! -Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in -seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein -und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen -diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass -der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu -ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die -erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das -höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und -die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben -damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_.« - -Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu -seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer -Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem -Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und -Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes -gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung, -dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer -schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke -später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten -Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in -tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf -Schläge verkündet: - - - _Eins_! - - Oh Mensch! gieb Acht! - - _Zwei_! - - Was spricht die tiefe Mitternacht? - - _Drei_! - - »Ich schlief, ich schlief--, - - _Vier_! - - »Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-- - - _Fünf_! - - »Die Welt ist tief, - - _Sechs_! - - »Und tiefer als der Tag gedacht. - - _Sieben_! - - »Tief ist ihr Weh--, - - _Acht_! - - »Lust--tiefer noch als Herzeleid: - - _Neun_! - - »Weh spricht: Vergeh! - - _Zehn_! - - »Doch alle Lust will Ewigkeit--, - - _Elf_! - - »--will tiefe, tiefe Ewigkeit! - - _Zwölf_! - - -Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum -starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an -die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen -Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im -_Lebenserlöschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie -sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems -einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass, -nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser -extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich -nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung -vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist -schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den -übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben -hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht -werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller -Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen, -als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit -denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.[10] - -Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von -Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines -Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der -That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss -oder Analogon,--denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen -des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen -zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets -eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten -Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt -seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also -sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst -1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit -sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden -glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und -förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit -diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte -Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an -verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen. -(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »_Traum und -Kultur_« und 113 »_Logik der Traumes_«.) Dort meint er noch, dass -die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der -Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der -im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an -die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch -heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt -im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr -von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen -Reproducirung eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der -»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum -schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im -Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten -Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass -im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das -Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion -zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der -Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen -Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum, -dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben. -Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von -allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle, -Unergründliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen -Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch -sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht -aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren -Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer -Dionysos-Zustände,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurücksinken -in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien -ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener -Menschheitsschichten. - -Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer -möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin -gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung -ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf: -»Nur wer schreckt--führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die -folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines -die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius -erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren -des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der -Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedächtniss _greift -einmal weit genug rückwärts_, während sein civilisirter Zustand sich -aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen -jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster -Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht -die Menschen nicht_.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein -solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im -»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft -geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung -ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der -Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »-- --wenn--trotzdem -neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer -wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften -Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen -Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches -und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn -sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und -Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger -Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt -als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?-- --- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen -Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend -einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, -_wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts übrig, als sich -wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. »Wie macht man sich -wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --?« diesem entsetzlichen -Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren -Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die -Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in -welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten -geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören: -»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich -endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche -Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie -kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten, -lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich -bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe -das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen -Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der -Verworfenste von Allen.-- -- -- --.« (Morgenröthe 14.) - -Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich -auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt -werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später -Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging -aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden, -von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des -Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle -ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene -ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit -seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden. -Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen -sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank; -unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden -Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen -Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem -auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang -zufallen,--für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung; -mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu -seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,--für diesen war es nur der -Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in -sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung« -(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung -von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem -Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits -von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als -Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor -den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn -in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen -Glanz: »Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein, -in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und -Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei -Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske. -Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen, -während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt, -das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins -Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »_Hier ist -die Aussicht frei_« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung, -dass es Grösse der Seele sein könne, »_dem Unwürdigsten_« ohne -Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein -Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit; -ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...« - -So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte -Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das -Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste. -Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer -selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persönlichem Handeln -und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich -verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre -in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt -gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben -zurückverwandelt,--entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen -in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II -35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich, -anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer -Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen, -so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die -_rein menschliche Lebenstragödie_. Zarathustras erlösende Weltthat -ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der -Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis -erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches -Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer -aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer -solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst -du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins -beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen -Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich -Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar -verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die -Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums. - -»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich--hörte -nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss. -Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde -ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis -zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein -Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch -wagte ich niemals, dich _herauf_ zü rufen: genug schon, dass ich dich -mit mir--trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden -Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die -Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst -befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,--das lachende -selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht, -weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist: - -»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden -weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss. -Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. -Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hörte ich -solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es -ohne Stimme zu mir: »_Du weisst es, Zarathustra_?«--Und ich schrie -vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem -Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah -ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss -und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und -floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich -aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- -- ---« Also sprach Zarathustra II 97 ff. - -Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«: - -»Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie -ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als _ob -noch Einer_[11] auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle;-- --- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte: - -Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und -Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich -schon wach krähen! - -Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! -Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Gräber horchen lernen_![12] - -Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre -mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für -Blindgeborne. - -Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist -das _meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie -heisse--weiterschlafen![13] - -Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln--reden -sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose! - -Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher -des Leidens, der Fürsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen -abgründlichsten Gedanken! - -Heil mir! Du kommst--ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte -Tiefe habe ich an's Licht gestülpt! - -Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel, -Ekel-- -- --wehe mir!« - -Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als -eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen -Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn -den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch -die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und -Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft -hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung -einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du -geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise -mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals -und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung -überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben, -das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das -eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: -gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr -das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen -soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet -ihr das schon?« - -So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an -deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in -die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,--nicht hineinklettern lässt es -sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir -nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen -eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwärts steigen?-- --- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun -und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,--hinan, -hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!« (Also sprach -Zarathustra III 2 f.) - -Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen -nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche -Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt -und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden, -umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine -Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken, -die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes -Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur _können_ -wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen, -welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch -nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die -völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten -seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns -zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang -aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht -worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein -bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier -soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den -Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach -Zarathustra III 2.) - -Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns -unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen -her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach, -ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte -Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese -schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch -muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als -ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es -mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit. - -Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, -dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein -geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das -Höchste zu seiner Höhe kommen_.--« (III 2 ff.) - -So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des -Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge -stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg« -(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren -vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und -Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um -Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem -Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm -treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, -gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich -denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn -mich einst meine Klugheit verlässt:-- --möge mein Stolz dann noch mit -meiner Thorheit fliegen! - ---Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.) - -So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang -und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit. - -Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr -eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der -es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und -Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise -durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu -finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der -Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt -(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen -ist,--wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim -Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem -Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_.« -In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis. -Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem -ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher -bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen _glaubenheischenden_ -Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere -Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die -Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt -und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt. -Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner -pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches -hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng -individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem -eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit -sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die -je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand -selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab, -_absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem -Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch -eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in -dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er -seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben: - - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei.... - - Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss, - Das Fest der Feste: - Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste! - Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss, - Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss - - -wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem -wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst. - -Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein, -diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem -Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die -Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger -Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des -Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie. -Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben -und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und -dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von -mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schöpfer-Philosoph -dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich -selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle -vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet. -»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch, -also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner -Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder -rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen -Zukunft zu trennen. - -Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte -auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er -den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder -von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien -ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere -angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit, -dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst -und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb dürfen sie nunmehr -auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden -sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen -er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so -häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick -und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten -seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit -seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen -entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er -seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein -individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt, -dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern -Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als -unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte -dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in -cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut -und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu -Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals -ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der -im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr -nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles -um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche -jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die -er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und -Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit -dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim--mein -eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut -unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.) - -Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren -Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines -Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das -Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die -»_Moral für Häuserbauer_«, so dachte er und ignorirte, dass es für -seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist -also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen -Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die -abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran -glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können. -Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz -besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie -an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,--Wagner gegenüber in -der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem -interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und -wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem -Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem -Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges -Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben. - -Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig -und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom -September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von -»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren -Schriften seien »_zurückzudatiren_«, sie redeten _nur_ von dem, -was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _überwunden_, was bereits -_hinter_ ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden, -habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die -vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer -Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen -ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen -Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die -nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen -Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam -mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort -anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten -Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass -man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere -Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den -vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine -Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und -verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener -Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze -zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche -Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung -nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur -der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich -geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche -nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und -Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der, -wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer -zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber -durchzusetzen. - -Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »_Umwerthung -aller Werthe_« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht -worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig, -abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede -vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer -Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte -heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster -Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie -geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter -Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist, -in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen -seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon -stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen« -und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden -Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich -mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch -abfindet,--und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein -Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt -und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie -fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig -verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde -Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die -Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschütterung sehen wir -ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung -hinübergleiten. - -Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885 -entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung, -der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus -seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und -da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten -Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht -das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den -Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen -verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen -Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag, -dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen -Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte, -dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit -für immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren höchsten Gedanken -die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen -wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken -ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite -das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten -Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen -nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst -du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt -Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher -als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7). -Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte -mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also -sprach Zarathustra IV 87.) - -Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied -er--lachenden Mundes, »rosenumkränzt«--das Leben entschuldigend, -rechtfertigend, verklärend--. In dionysischen Dithyramben klang sein -Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein -Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch -Zarathustra. - -Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst: -schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft -200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens -froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als -ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch -Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber, -durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag, -psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als -mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn -und Werth seiner Werke. - -Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen -entgegen: das Gelächter eines Irrenden--und das Lächeln des -Ueberwinders. - - -[1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken -seiner vorhergehenden Periode: - -»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten« -Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese -dem Bedürfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren -Wunsch, dass es so sein möge,--also dass das Beseligende auch das -Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute -einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon -_verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals für ihn geradezu -die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir-- --Feinheit und Genie, -wenn der Mensch-- --schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei -sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die -innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die höheren -Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft -2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen _der -wahren Grösse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen -Genialität, »das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem -Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst -von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine -Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre -»Vernünftigkeit«--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend -fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens -beleidigt oder beschämt wurden,-- -- --: so wäre die Menschheit längst -zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als -ihre grösste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das -Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in -der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande. -Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des -Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines -Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste -Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander -übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen-- --- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube) --- -- --verlangt,-- -- -- --macht Künstler und Dichter zu -Ueberläufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine -förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches -Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte -sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und -Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich -von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des -Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Kräftigenden_ machen.« Gleich -ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber -einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche -Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten -Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird -überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und -bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität -zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen -unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn -der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich -auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches, -Allzumenschliches I 635.) - -[2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147 -Nietzsches Protest gegen »_die Kunst als Todtenbeschwörerin_«, weil sie -die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen -will. »Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und -macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben -wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch wirkt dasselbe -schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und »Todtenbeschwörer« -dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle Menschen«, denn sie -»schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem -an sie es nachzuempfinden vermögen«. (Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so -meinte er, dem Gefühlsüberschwang möglichst entgegenwirken, der uns in -verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmählich überkommen -ist; sich darin gehen lassen, käme einer Annäherung an Wahnsinn und -Krankheit gleich: »-- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross -geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die -allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europäischen -Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien -in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.-- -- --dennoch macht sich -eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden -Kultur-Last nöthig,-- -- -- --wir müssen den Geist der Wissenschaft -beschwören, welcher kälter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --«. -(Menschliches, Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der -höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, -welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse -am Wahren hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der -Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten -Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist -die nächste Folge.« (I 251.) - -[3] Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die -demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte -Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)--Unmöglichkeit fürderhin, dass die -Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen -Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen -Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_!« -(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »-- --die wildesten -Kräfte brechen Bahn,-- -- --damit später eine mildere Gesittung hier -ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Böse -nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I -246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren -Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner -Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen -Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später -ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und -Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die -Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende -Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer -früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn -die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und -zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein -_zurückgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an -Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende -liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, -beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist -ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen -entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die -rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der -andere lebt auf deren _höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von -dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der -Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.) - -[4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): »Die -italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, -welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des -Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den -Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft_.« - -Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und -Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »-- ---Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen -jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte -Cäsaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu -schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.-- --- -- -- --In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn -wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach -allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch -im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth -von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, -bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem -Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's -erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich -und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der -Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen -modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in -einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und -Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.« - -In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des -Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition -zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit« -dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat. - -[5] Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen Charakters -lese man in der _Morgenröthe_ (205) seinen Aphorismus »_Vom Volke -Israel_«: »-- --Wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser -Eindrücke,-- -- --, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, -Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,--wohin soll -sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen -und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene -Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen -Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen -vermögen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da -sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schöpfung und -seines auserwählten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen -uns mit ihm freun!« - -[6] Für diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualität -hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied -modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten Worte gefunden. -Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden Aussprüche -gelten: - -»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch -Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. - -Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes -Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der -Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie -nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände -schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! - -Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück--ja, -zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen -Menschen-Sinn!-- -- -- -- - -Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend -Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und -unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.) - --- --»Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- -- - --- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- -- - -Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und -nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- -- - -Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge -künden: frei wozu? - -Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen -über dich aufhängen wie ein Gesetz?-- -- --« (I 87 f.) - -»-- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde -ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.) - -»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.) - -»--von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe -zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand -ich's.« (III 14.) - -»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so -hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: »-- -- -- -- - -Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine -Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- -- - -Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze -ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«-- -- - -Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast -du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften. - -Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden -sie deine Tugenden und Freudenschaften. - -Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der -Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen: - -Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine -Teufel zu Engeln.« (I 45 f.) - -[7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des Dinges -an sich. - -[8] Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen Wissenschaft« -(84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin -sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren Leidenschaften -befreit wurden, indem »man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer -Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen -rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer -Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher -sich freier und ruhiger fühle«. - -[9] Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung der -ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom Gesicht -und Räthsel«. - -»Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege -kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. - -Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse -hinaus--das ist eine andre Ewigkeit. - -Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den -Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. -Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.« - -Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer -ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?«-- -- -- - -Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse -gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon -einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein? - -Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du--von diesem -Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein? - -Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser -Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber -noch? - -Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse -_hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!-- - -Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser -Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von -ewigen Dingen flüsternd--müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? - ---und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, -in dieser langen schaurigen Gasse--müssen wir nicht ewig wiederkommen?-- - -Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen -eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- -- - -Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen -Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine -Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen. - -»Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange -nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den -Kopf ab! Beiss zu!«--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein -Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem -Schrei aus mir.-- -- -- - ---Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem -Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.-- - -Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein -Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein -Mensch, wie ei lachte! - -Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen -war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer -stille wird.« - -Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von -der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst: -indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen -zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden -Uebermenschen: - -»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir -doch das Gesicht des Einsamsten! - -Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im -Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?« - -Vgl. (III 96): »-- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und -mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.« - -[10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten -wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend -beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster -Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis -seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte. -Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ »_Das System des -Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare -des Çankara über dieselben_.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der -Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt, -ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist -unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss -dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung -des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten, -allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung, -dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem -seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt -einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man -die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in -ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur -Erklärung an den Rand zu schreiben. - -[11] Nietzsche--Zarathustra. - -[12] Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen. - -[13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des -Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen vermag. - -[14] Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in den um -dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile -von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«. -Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.): - - - Jetzt--einsam - mit dir, - _zwiesam im eignen Wissen_, - _zwischen hundert Spiegeln_ - _vor dir selber falsch_, - _zwischen hundert Erinnerungen_ - _ungewiss_, - an jeder Wunde müd, - an jedem Froste kalt, - in eignen Stricken gewürgt, - _Selbstkenner!_ - _Selbsthenker!_ - - Ein Kranker nun, - der an Schlangengift krank ist; - ein Gefangner nun, - der das härteste Loos zog: - im eignen Schachte - gebückt arbeitend, - _in dich selber eingehöhlt_, - _dich selber an grabend_, - _unbehülflich_, - _steif_, - _ein Leichnam_--, - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Lauernd, - kauernd, - Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht! - _Du verwächst mir noch mit deinem Grabe_, - _verwachsener Geist!_... - - - - - - -DIE BRIEFE - - -Erster Briefe - - -An Lou von Salome - -[Leipzig, vermutlich 16. September 1882] - -Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen -Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus -dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne -Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen -Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter -ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«--Zum -Beispiel Plato. - -Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie -ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in -seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker -ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser -ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu -gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame -Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen -und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; -vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?-- -Aber über mein Leben ist schon verfügt.-- - -Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen -Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr -»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist -nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten -Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das -wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt -gelangten--andre Wege vorbehalten.-- - -Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist, -wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen -Wissenschaft« ein--[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten -Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: »Was ist -Wahrheit!«-- - -Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft -mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. -Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, -zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und -dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht -irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein. -Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter -in Tränen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden -Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner -selber« machen.-- - -Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2. -Oktober? Adieu, - - - - -Zweiter Briefe - - -An Lou von Salome: 16-07-1882. - -Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend -über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an -Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen. - -Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu -müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte, -dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum -Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich -möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in -Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in -Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange -Passion: ich finde kein anderes Wort dafür. - -Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem -schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde -Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu -gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches -Allzumenschliches« ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu -Ende. - -Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des -Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit -meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie -neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich -über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden -damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft -in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte -mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir -nicht erträglich.) - -Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug -auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!« -Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für -Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche. - - - - -Dritter Briefe - - -Tautenburg bei Dornburg Thüringen. - -3. Juli 1882 - -Meine liebe Freundin, - -Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir -zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste -Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können--meine Schwester -sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der -»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte -Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 -Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre! -Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! -Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir -diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen -kleinen Streifen _unbewölkten Himmels_ über sich:--oh liebe Freundin, -so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und -weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das -Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein -vollständiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich -weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich -sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!--Aber -von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein -und brauche mich nicht zu fürchten.-- - -Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschließlich_ -an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig -von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Süden -Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam -sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe -ich fast Alles noch zu lernen!-- - -Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es -gesagt haben. - -Unserem Rée das Herzlichste! - -Ganz _Ihr_ F.N. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by -Lou Andreas-Salomé - - -*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK 50525 *** diff --git a/old/50525-h/50525-h.htm b/old/50525-h/50525-h.htm deleted file mode 100644 index 89275e3..0000000 --- a/old/50525-h/50525-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8136 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=UTF-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by Lou Andreas-Salomé. - </title> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; - margin-right: 10%; -} - - h1,h2,h3,h4,h5,h6 { - text-align: center; /* all headings centered */ - clear: both; -} - -p { - margin-top: .51em; - text-align: justify; - margin-bottom: .49em; -} - -.p2 {margin-top: 2em;} -.p4 {margin-top: 4em;} -.p6 {margin-top: 6em;} - -hr { - width: 33%; - margin-top: 2em; - margin-bottom: 2em; - margin-left: auto; - margin-right: auto; - clear: both; -} - -hr.tb {width: 45%;} -hr.chap {width: 65%} -hr.full {width: 95%;} - -hr.r5 {width: 5%; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} -hr.r65 {width: 65%; margin-top: 3em; margin-bottom: 3em;} - - -table { - margin-left: auto; - margin-right: auto; -} - - .tdl {text-align: left;} - .tdr {text-align: right;} - .tdc {text-align: center;} - - -.blockquot { - margin-left: 5%; - margin-right: 10%; -} - -a:link {color: #800000; text-decoration: none; } - -v:link {color: #800000; text-decoration: none; } - - -.center {text-align: center;} - -.right {text-align: right;} - -.smcap {font-variant: small-caps;} - -.u {text-decoration: underline;} - -.gesperrt -{ - letter-spacing: 0.175em; - margin-right: -0.175em; -} - -em.gesperrt -{ - font-style: normal; -} - -.caption {font-weight: bold; - font-size: 0.8em; - font-family: arial; - text-align: center;} - -/* Images */ -.figcenter { - margin: auto; - text-align: center; -} - -.figleft { - float: left; - clear: left; - margin-left: 0; - margin-bottom: 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 1em; - padding: 0; - text-align: center; -} - -.figright { - float: right; - clear: right; - margin-left: 1em; - margin-bottom: - 1em; - margin-top: 1em; - margin-right: 0; - padding: 0; - text-align: center; -} - -/* Footnotes */ -.footnotes {border: dashed 1px;} - -.footnote {margin-left: 10%; margin-right: 10%; font-size: 0.9em;} - -.footnote .label {position: absolute; right: 84%; text-align: right;} - -.fnanchor { - vertical-align: super; - font-size: .8em; - text-decoration: - none; -} - - </style> - </head> -<body> - - -<div> - -The Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by -Lou Andreas-Salomé - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken - -Author: Lou Andreas-Salomé - -Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - - - - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org - - - - - -</div> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 500px;"> -<img src="images/cover.jpg" width="500" alt="" /> -</div> - -<h1>FRIEDRICH NIETZSCHE</h1> - -<h4>IN SEINEN</h4> - -<h4>WERKEN</h4> - -<h5>VON</h5> - -<h2>LOU ANDREAS-SALOMÉ.</h2> - -<h4>MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.</h4> - - -<h5>ZWEITE AUFLAGE.</h5> -<hr class="r5" /> - -<p class="center"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>: -<br /> -<span style="font-size: 0.8em;">NIETZSCHES WAHLSPRUCH:</span><br /> -»Increscunt animi, virescit volnere virtus.—«<br /> -<span style="margin-left: 10%;">Furius Antias bei Gellius.</span><br /> -</p> -<hr class="r5" /> -<h5>VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN</h5> - -<h5>(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.</h5> -<hr class="full" /> - - -<blockquote> - -<p>Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem -inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch -mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in -unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.</p> - -<p style="margin-left: 65%;">Lou Andreas-Salomé.</p></blockquote> -<hr class="r5" /> -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/nietzsche_001.jpg" width="475" alt="" /> -<div class="caption">Friedrich Nietzsche</div> -</div> -<hr class="tb" /> -<h5>IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET</h5> - -<h4>EINEM UNGENANNTEN</h4> -<hr class="tb" /> - -<p style="font-size: 0.8em; margin-left: 30%;">INHALTS-VERZEICHNISS.</p> - -<p style="margin-left: 30%;"> -<a href="#I_ABSCHNITT">Sein Wesen</a><br /> -<a href="#II_ABSCHNITT">Seine Wandlungen</a><br /> -<a href="#III_ABSCHNITT">Das »System Nietzsche«</a><br /> -</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/nietzsche_002.jpg" width="475" alt="" /> -<div class="caption">F. Nietzsche. Zeichnung: Hans Olde.</div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<p style="margin-left: 20%;">Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.</p> - - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/briefe_001.jpg" width="475" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/briefe_002.jpg" width="475" alt="" /> -</div> - -<p style="margin-left: 30%;">(<a href="#Erster_Briefe">Gedruckter text.</a>)</p> - -<p class="p2" style="font-size: 0.8em; margin-left: 20%;">[Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem -vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Ich kenne mancher Menschen Sinn<br /> -Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!<br /> -Mein Auge ist mir viel zu nah—<br /> -Ich bin nicht, was ich seh und sah.<br /> -Ich wollte mir schon besser nützen,<br /> -Könnt' ich mir selber ferner sitzen.<br /> -Zwar nicht so ferne wie mein Feind!<br /> -Zu fern sitzt schon der nächste Freund—<br /> -Doch zwischen dem und mir die Mitte!<br /> -Errathet ihr, um was ich bitte?«<br /> -<br /> -(Scherz, List und Rache 25.)]<br /> -</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h4><a name="I_ABSCHNITT" id="I_ABSCHNITT">I. ABSCHNITT</a></h4> - - -<h3>SEIN WESEN.</h3> -<hr class="r5" /> - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"> -<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Der Mensch mag sich noch so<br /> -weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,<br /> -sich selber noch so objectiv Vorkommen:<br /> -zuletzt trägt er doch Nichts davon,<br /> -als seine eigene Biographie.«<br /> -(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)<br /> -</p> - - -<p class="p2">»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen -wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas -zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber -sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner -Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden -Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist -es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit -an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die -sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für -sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein -eignes Selbst in Gedanken umsetzte.</p> - -<p>Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch -den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse -für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und -inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz -besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen -überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer -Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den -Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was -jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres -Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits -von Gut und Böse 6.)</p> - -<p>Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden -Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den -ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit -enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und -einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,—der Inhalt des dritten, das -eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe -der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander -folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus -ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Es -handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von -Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine -Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem -Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der -rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein -persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt -werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten -sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen -wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen -vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner -Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht -in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch -begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen -Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit -redet,—in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen, -aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches -äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der -würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher -der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er -nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> all sein Erleben war ein -so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund, -und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen, -aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen -bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein -Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu -zeichnen versuche: das <span class="gesperrt">Gedanken-Erlebniss</span> in seiner Bedeutung für -Nietzsches Geisteswesen—das <span class="gesperrt">Selbstbekenntniss</span> in seiner Philosophie.</p> - -<p>Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend -ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind, -theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so -ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu -unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner -Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, -zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite -Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, -welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem -Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und -Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von -Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand. -Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen -Lärm um seinen stillen Namen,—aber im Besten, durchaus Einzigartigen -und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht -übersehen worden und unbeachtet geblieben,—ja in eine vielleicht noch -tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn -zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit, -doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der -Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur -Lob—« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm -wahrhaft nachgegangen,—fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit -und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat -diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen -Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem -ungeheuren Wahn zusammenbrach.</p> - -<p>Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten -preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren -Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel -gehoben,—ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf -den Lippen:</p> - -<blockquote> - -<p>»Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, -aber Niemand—denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die -ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine -Gedanken.«</p></blockquote> - -<p><span class="gesperrt">Friedrich Wilhelm Nietzsche</span> ist am 15. October 1844 als der -einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo -sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung -empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student -der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der -berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich -unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm -im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt -Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er -1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen -lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut -gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität -Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen -Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche -erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche -Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig -verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen -Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen -in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,—einer -Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,—an welcher noch -andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob -Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen -Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an -sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu -voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer -habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten -Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz -Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den -beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach -Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler -Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss -seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner -einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später -seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach -Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als -freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten -drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch -wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will -man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken, -so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben -erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank, -dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab -verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem -Tode nahe war.</p> - -<p>»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich -gequält,—so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine -Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem -Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre -zugebracht hat.</p> - -<p>Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von -Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom -war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin -der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners) -zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon -damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem -kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger -brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf -starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine -Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium -und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem -führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien—meistens in -Genua—theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner -Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.</p> - -<p>Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam -beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: -so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen -haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich -entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und -Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit -der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher -zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache -in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt -umfassen:</p> - -<p>Zehn Jahre, 1869-1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel; -diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig -zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und -mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik -Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in -welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung -Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches, -Allzumenschliches« übersandte.</p> - -<p>Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul -Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,—gleichzeitig mit der -Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke -Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.</p> - -<p>Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre -lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser -Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich -zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als -ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt, -sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene -Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm -angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch -seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.</p> - -<p>Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur -und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum -ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879-1889. Seitdem lebt Nietzsche als -Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von -Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.</p> - -<p>Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche -inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die -Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere, -am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher -der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten -Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, -was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene, -die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,—das war der erste, starke -Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen -Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner -überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit -den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar -konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen -Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart -fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose -Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei -er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer -diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,—sie trug das -Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön -und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen, -waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie -seinen Geist verriethen,—eine darauf zielende Bemerkung findet sich in -»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine -unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, -wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten -—als ob die Hand kein Verräther wäre!—.«<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> - -<p>Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen -sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen -vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer -eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick -streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz -besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere -Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres -zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,—weit über die -nächsten Gegenstände hinweg,—in die Ferne, oder besser: in das Innere -wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung -nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten -Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits -von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er -sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu -Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen -und schwinden;—wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach -die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen -Tiefen,—aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er -mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen -erfasste,—und in die sein Geist zuletzt versank.</p> - -<p>Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte -auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser -Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, -wohlwollenden Gleichmuth,—er hatte Freude an den vornehmen Formen im -Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an -der <span class="gesperrt">Verkleidung</span>,—Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes -Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten -Male sprach,—es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche -zu Rom,—während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm -mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem -Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der -aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr -bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst -hat: »Bei Allem, was ein Mensch <span class="gesperrt">sichtbar werden</span> lässt, kann man -fragen: was soll es <span class="gesperrt">verbergen</span>? Wovon soll es den Blick ablenken? -Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht -die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«</p> - -<p>Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher -Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,—einer sich -stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.</p> - -<p>In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein -zum Schein,—zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe -nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche -zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als -Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst -eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches -II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich -theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter -der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie -entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber -noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er -»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter -seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet -eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von -den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut -und Böse 44),—von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit <span class="gesperrt">verhüllen</span>.</p> - -<p>In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche -in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es, -welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt. -»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht -eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine -Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).</p> - -<p>»Wanderer, wer bist Du?... Ruhe Dich hier aus ... erhole -Dich!... Was dient Dir zur Erholung?...« »Zur Erholung? Zur -Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich -bitte....« »Was? Was? sprich es aus!—»Eine Maske mehr! Eine zweite -Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).</p> - -<p>Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als -seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf -sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen -Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner -Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein -immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein -Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die -Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist -tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, -nicht an Maskirung denken lässt— und doch nimmt er sie gerade -ihretwegen vor,—um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid -und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu -der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich <span class="gesperrt">verbirgt</span>: -»—bisweilen ist die <span class="gesperrt">Narrheit selbst</span> die Maske für ein unseliges allzu -gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),—und endlich bis zu -einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz -in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner -letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit -versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns -nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken -und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem -geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt: -»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus -Sils-Maria.)</p> - -<p>Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen -Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns -anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,—immer trägt -er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, -wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es -drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein -seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde -schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)</p> - -<p>»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer -deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,—und den Zustand, -in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele -Opfer dafür bringen können.«</p> - -<p>Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie -möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein <span class="gesperrt">körperliches -Leiden</span>, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr -mit einzelnen seiner Freunde,—immer einen seltenen Verkehr zu -Zweien,—nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.</p> - -<p>Leiden und Einsamkeit,—das sind also die beiden grossen Schicksalszüge -in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt, -je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes -wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich <span class="gesperrt">gegebenes -Lebenslos</span>, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine -<span class="gesperrt">gewollte innere</span> Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein -physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, -reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches—und dies so -unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie -einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er -einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus -Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass -Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während <span class="gesperrt">bei -mir</span> Leiden und Entbehrung <span class="gesperrt">zur Sache</span> gehören und nicht, wie bei Ihnen, -zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«</p> - -<p>Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten -Aphorismen über den <span class="gesperrt">Werth des Leidens für die Erkenntniss</span>.</p> - -<p>Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des -Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge -solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch -wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig -eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der -vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen -und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer -wieder auch dem Geiste neu werden,—»<span class="gesperrt">neu schmecken</span>« nennt er es -einmal höchst treffend,—und setzt ganz neue Augen auch noch für das -Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der -Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil <span class="gesperrt">eine Nacht</span> -es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm -zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um -ihn,—und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.</p> - -<p>Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen -Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle, -so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger -hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes -betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des -Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner -natürlichen Grösse entgegenwächst,— nicht den Wandlungen des -<span class="gesperrt">Wachsthums</span>: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast -rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes -nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem <span class="gesperrt">Erkranken an -Gedanken und einem Genesen an Gedanken</span>.</p> - -<p>Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus -dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue -Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat -er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,—da -ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein -unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen -Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt. -»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche -im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);—in diesem Zuviel thut seine -Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen, -reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist -fruchtbar werden will.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht -umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8) -geisselt er sich,—nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber -eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses -<span class="gesperrt">Schmerzheischende</span> zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte -Nietzsches als die eigentliche <span class="gesperrt">Geistesquelle</span> in ihr; er spricht es -am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber -ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne -Wissen,—wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt -zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,— wusstet ihr das -schon?... Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss -nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also -sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,... -ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre -Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen -des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, -List, Grösse geschenkt worden ist:—ist es nicht ihr unter Leiden, -unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von -Gut und Böse 225.)</p> - -<p>Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig -hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben -in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen -und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus -dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben -müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu -höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,—aber -nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss -verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier -gehört,—wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,—»das -Leiden zur Sache«.</p> - -<p>Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren -Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand -einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten -Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als -des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des -»Einzelnen« ist durchaus eine <span class="gesperrt">Leidensgeschichte</span> und nicht irgend -welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,—ihr Inhalt lautet -viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »<span class="gesperrt">Selbsterduldung</span>«.Betrachtet -man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann -liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es -verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn -Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker -braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der -Wanderer und sein Schatten 249.)</p> - -<p>Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste -Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder -heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom -Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme! -brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist, -und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von -Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf -den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten -Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich -nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,—<span class="gesperrt">weil</span> es mich nicht -halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer -Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst -sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe -hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<p>Der <span class="gesperrt">Meinungswechsel</span>, der <span class="gesperrt">Wandlungsdrang</span> stecken daher der -Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für -die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied -von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst -bezwungen,—Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt.... Durch eignen -Sieg verwundet und gehemmt.«</p> - -<p>Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben, -nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der -<span class="gesperrt">Ueberzeugungstreue</span><a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen -nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten -(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass -wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der -Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten -aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was <span class="gesperrt">gegen Deinen -Gedanken</span> gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten -Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug -gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind -nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,—aber auch -Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht -als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese -Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger -Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue -Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets -gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche -Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der <span class="gesperrt">Geist</span> ist es, der uns -rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.... Vom Feuer -erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung -zu Meinung,... als <span class="gesperrt">edle Verräther</span> aller Dinge.« (Menschliches, -Allzumenschliches, I 637.) »—wir <span class="gesperrt">müssen</span> Verräther werden, -Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches, -Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich -selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in -dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;—nur so vermochte -er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art -seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in -Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich -allein an meiner Ferse!... Und nur wo Gräber sind, gibt es -Auferstehungen!... Also sang Zarathustra;« (II 46).—Er, zu dem das -Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das, -was sich immer selber überwinden muss« (II 49).<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<p>Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht, -wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können -wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade -hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts -anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser -wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung -seines Selbstbildes,—und desto naiver legte er es dem Allbilde als -solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre -eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so -verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild -zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen -Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht. -Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo -Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet -wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in -einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und -der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen -nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller -Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und -sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein -Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein -geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit -seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in -eingehenden Gesprächen darüber.</p> - -<p>Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche, -deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander -stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und -Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe -verglich er,—innerhalb des einzelnen Individuums,—mit dem Zustande -der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen -Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein -Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier -die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren -Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben -in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle -leben würden;—die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in -eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine -Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen -her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann, -die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher -Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den -zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht—die -Einordnung des Einzelnen ins Ganze,—das muss hier erst erobert und den -tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich -feste Rangordnung der Triebe untereinander.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> -</p> - -<p>Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit -einer <span class="gesperrt">Selbstbehauptung als Ganzes durch das -Leiden alles Einzelnen</span> aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer -Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner späteren -Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit eines -höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden und -Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des <span -class="gesperrt">Heroismus als Ideal</span> auf. Die eigene qualvolle -Unvollkommenheit riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: -»Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, II 86).</p> - -<p>»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten -Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich -füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, -und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen -scheinen:</p> - -<p>»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen -Allentwicklung,—ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! -Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<p>Weiter: »Heroismus—das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel -erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. -Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«</p> - -<p>Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich -böse Menschen; es ist ihre <span class="gesperrt">einzige Art, sich zu ertragen</span>.« Das Wort -»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des -landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen -werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine -solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer -Menschenseele,—dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten« -nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege -einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes -bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen -da: Innenkrieg=Décadence, und Sieg<span class="gesperrt">=</span>Selbstuntergang der Menschheit -zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es -sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.</p> - -<p>Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die -heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des -<span class="gesperrt">handelnden</span> und des <span class="gesperrt">erkennenden</span> Menschen, mit anderen Worten: den -Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.</p> - -<p>Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte, -der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen -Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester -zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen. -Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt, -enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist -ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts -erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner -Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem -Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was -ihr wohl thut und noth thut,—er hat sich ihr in seinen Zielen nicht -entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.</p> - -<p>Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen -Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält, -lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter -das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der -Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie -betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine -Zwecke,—für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben -ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft -seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen -unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst -freiwillig als Einheit auf,—je polyphoner sein Subject, desto lieber -ist es ihm:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Scharf und milde, grob und fein,<br /> -Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,<br /> -Der Narren und Weisen Stelldichein:<br /> -Dies Alles bin ich, will ich sein,<br /> -Taube zugleich, Schlange und Schwein!«<br /> -(Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)<br /> -</p> - -<p>Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott, -Teufel, Schaf und Wurm in uns,... mit Vorder- und Hinterseelen, -denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- -und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die -geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der <span class="gesperrt">Einsamkeit</span>....« -(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche -»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,... die -<span class="gesperrt">umfänglichste</span> Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und -schweifen kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im -weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am -süssesten zuredet: ... die sich selber bebendste, in der alle Dinge -ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben....« (Also -sprach Zarathustra III 82.)</p> - -<p>Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn« -(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu -entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn -man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit -zu Zeit zu <span class="gesperrt">verlieren</span>—und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass -man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine -Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das -Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und -Rache 33):</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!<br /> -Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,<br /> -Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,<br /> -In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.<br /> -Von ferne her mich endlich heimzulocken,<br /> -Mich selber zu mir selber—zu verführen.«<br /> -</p> - -<p>Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den -Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene; -denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem -Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von -den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner -eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und -Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte -vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,—steht -es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem -Erkennenden die Schilderung:—das ist ein Mensch, der beständig -ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; -der von <span class="gesperrt">seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her</span>,... als von -<span class="gesperrt">seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen</span> getroffen wird.« (Jenseits -von Gut und Böse 292.)</p> - -<p>Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern -ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die -Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade -hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde—) ihr Spiel -getrieben haben mögen, wird finden,... dass jeder Einzelne -von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und -als berechtigten <span class="gesperrt">Herrn</span> aller übrigen Triebe darstellen möchte. -Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und <span class="gesperrt">als solcher</span> versucht er zu -philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).</p> - -<p>Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes -Zeugniss dafür ab, <span class="gesperrt">wer er ist</span>,—das heisst, in welcher Rangordnung -die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind« -(ebendaselbst).</p> - -<p>Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine -Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,—eine -rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen -Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von -ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen. -Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit -gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber -sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern -und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie -werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen -und zu bluten berufen sind;—das heroische Ideal ist inmitten ihrer -Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg -zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines -sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.</p> - -<p>Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr -bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und -Tiefe seiner Natur ausdrückt,—die Lust, die daraus entspringt, dass -er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche -Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg -gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in -meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz -hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht -gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht -aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können? -sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«</p> - -<p>Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249) -der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des -Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine -Selbstlosigkeit,— vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches -durch viele Individuen wie durch <span class="gesperrt">seine</span> Augen sehen und wie mit -<span class="gesperrt">seinen</span> Händen greifen möchte,—ein auch die ganze Vergangenheit noch -zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt -gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in -hundert Wesen wiedergeboren würde!«</p> - -<p>Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der -unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug: -»Wollten und wagten wir eine Architektur nach <span class="gesperrt">unserer</span> Seelen-Art,... -so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe -169.)—aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, -sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man -muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären -zu können«,— dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die -zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten -Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem -Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und -sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet -sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist -gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«</p> - -<p>Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger, -also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich -gleichsam in ihr verbrennen lässt,—alle ihre Neigungen als Brennstoff -in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, -wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches -Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen -Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich -auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt, -innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man -kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen -sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, -bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich -in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und -Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen -werden.</p> - -<p>Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen -hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter, -so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,« -sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist <span class="gesperrt">sein</span> -typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder -aufrichtete, über sich selbst erhob,—an dem er auch endlich sich in -sich selbst überschlug und zu Grunde ging.</p> - -<p>Und daran <span class="gesperrt">musste</span> er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen -Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag -auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung -verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte -vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss, -müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen -Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit -grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was -Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu -beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem <span class="gesperrt">Stimulans</span> -für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für -ihre Zwecke,—sie <span class="gesperrt">umfasst</span> also schadlos Kampf und Krankheit. Auf -solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er -am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen: -alseine <span class="gesperrt">Genesungs</span>geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige -Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem -Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach -erlangter Genesung, <span class="gesperrt">bedurfte</span> sie wiederum ebenso nothwendig der -Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung -geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich -selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu -ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten -Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht, -kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward -ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), -und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> (Also sprach -Zarathustra II 2). »<span class="gesperrt">Sich Schmerzen machen</span>. Rücksichtslosigkeit des -Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, -welche Betäubung begehrt.» Menschliches, Allzumenschliches I 581.</p> - -<p>Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende, -welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug -für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja <span class="gesperrt">enthalten</span> sich -gegenseitig,—beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche -<span class="gesperrt">Selbstspaltung</span> innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.</p> - -<p>Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten -Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die -Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten -Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel -aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang <span class="gesperrt">innerhalb</span> -der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich -alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit -wird auf eine um so tiefer gehende <span class="gesperrt">Zweispaltung</span> reducirt. So wenig -wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit <span class="gesperrt">umfasst</span>, -so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das -gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt: -der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst -wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen -Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie -hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt, -eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,—aber die Tiefe -der Trennung erweckt den <span class="gesperrt">Schein</span>, als läge das Ziel aller Regungen -<span class="gesperrt">ausser ihnen</span>. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte -begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und -ihrem Zwiespalt zu entlaufen.</p> - -<p>Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von -Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen -Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick, -zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,—dass auf der anderen das -Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung -erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem -der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen <span class="gesperrt">zersetzt</span>, -die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des -Gedankens beständig <span class="gesperrt">lockern</span>. So durchdringt thatsächlich die Spaltung -des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.</p> - -<p>Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende -Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen -lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein, -wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen -und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen -Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des -Gesunden und Pathologischen in ihm.</p> - -<p>Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei -einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen -die Eine herrscht, die Andere dient,—wird es dem Menschen ermöglicht, -zu sich selber nicht nur wie zu einem <span class="gesperrt">anderen</span>, sondern auch wie zu -einem <span class="gesperrt">höhern</span> Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst -sich selber zum Opfer bringt, ist er einer <span class="gesperrt">religiösen Exaltation</span> -nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das -heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen -wähnt, bringt er <span class="gesperrt">an sich selbst einen religiösen Affect</span> zum Ausbruch.</p> - -<p>Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer -und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden -gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit, -in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn -sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den -Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die -Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn -instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck -seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,—das -heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich -selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende -Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten: -nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste -Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu -einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »<span class="gesperrt">Dividuum</span>«. -Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,—doch mit den Mitteln -der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der -Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch -mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen -religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss -hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne <span class="gesperrt">Aufopferung</span> -und <span class="gesperrt">eigne Apotheose</span>, Grausamkeit der eignen <span class="gesperrt">Vernichtung</span> und -Wollust der eignen <span class="gesperrt">Vergötterung</span>, leidvolles Siechen und siegende -Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die -enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen: -man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs -Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle, -Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte, -Zarteste,—das Drängen eines Willens, der sich« ...von der Noth der -Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze -löst«,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>—ein Chaos, das den Gott gebären möchte,—gebären <span class="gesperrt">muss</span>.</p> - -<p>»Im Menschen ist <span class="gesperrt">Geschöpf</span> und <span class="gesperrt">Schöpfer</span> vereint: im Menschen -ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; -aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, -Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut -und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und -unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem -ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,— wie es -Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet, -»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und -Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen <span class="gesperrt">neuen Himmel</span> zu -bauen:... Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut -hat, fand die Macht dazu erst in der <span class="gesperrt">eigenen Hölle</span>...« (Genealogie der -Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht -in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung -jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer -Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des -Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, -welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden -zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um -aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese -letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine -Person gibt, welche in sich selber <span class="gesperrt">verkohlt</span>....« Dieser Abschnitt, -der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält, -schliesst mit der Bemerkung:... ja, ist denn wirklich der Kreislauf -im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt -und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang -an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen -und zugleich des mitleidenden Gottes?«</p> - -<p>In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt -einen <span class="gesperrt">Trotz gegen sich selbst</span>, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen -manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein -so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass -sie ... endlich darauf verfallen, <span class="gesperrt">gewisse Theile ihres eigenen -Wesens</span> ... zu tyrannisiren.... Dieses Zerbrechen seiner selbst, -dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni, -aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich <span class="gesperrt">ein -sehr hoher Grad der Eitelkeit</span>.... Der Mensch hat eine wahre -Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen -und <span class="gesperrt">dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu -vergöttern</span>.«—und 138: »... Eigentlich liegt ihm also nur an der -Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu -erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine -Brust,«—und 142: »... er geisselt seine Selbstvergötterung mit -Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre -seiner Begierden,... er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel -dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er -in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele -durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;... es ist im -Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht -jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen -sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch -Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver -Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association -von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre -innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«</p> - -<p>In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache -eine <span class="gesperrt">religionspsychologische</span> Studie, und nur insoweit als das -Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen -auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines -Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging -gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der -»Emotion über den Tod Gottes«,—dieser ungeheuren Emotion, die bis in -das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle -des Wahnsinns verfasste,— bis in den vierten Theil seines: »Also -sprach Zarathustra«. <span class="gesperrt">Die Möglichkeit, einen Ersatz</span><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> »<span class="gesperrt">für den -verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung</span> -zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner -Erkrankung. Es ist die Geschichte des »<span class="gesperrt">religiösen Nachtriebes im -Denker</span>«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, -auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden -können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist -schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und -leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man -lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in -der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich -will es Euch sagen! <span class="gesperrt">Wir haben ihn getödtet</span>!—ihr und ich! Wir Alle -sind seine Mörder!... Hören wir noch nichts vom Lärm der -Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der -göttlichen Verwesung?—auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt -todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller -Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist -unter unseren Messern verblutet,—wer wischt dies Blut von uns ab? -Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?... <span class="gesperrt">Ist nicht die -Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern -werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen</span>? Es gab nie eine grössere -That,—und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That -willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«—</p> - -<p>Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich -Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten -Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass -der Uebermensch lebe!«—und sprach damit den innersten Seelengrund -seiner Philosophie aus.</p> - -<p>Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung, -und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern. -Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die -ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur -höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in -allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem -Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen -gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, -dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er -dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem -vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »<span class="gesperrt">Wenn</span> es Götter gäbe, wie -hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese -Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie -lassen sich jene anderen anschliessen (55): »<span class="gesperrt">Und Anbetung wird noch in -Deiner Eitelkeit sein</span>!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, -die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und -verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.... Immer Einmal -Eins—das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)</p> - -<p>Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen -sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal -suchte,—das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die -Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden—bis endlich seine -Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften -Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand -erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren: -Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit -des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen -will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte -sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung -sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine -Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. -Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst -zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle -werden muss—jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte -Tiefe und in seinen Untergang.</p> - -<p>Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des -zugleich <span class="gesperrt">Raffinirten</span> und <span class="gesperrt">Exaltirten</span>, das auch dem Grossen und -Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer -brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen -Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,—oder -auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen -geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös -veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist -auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer -Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, -was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten« -schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung -begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch -der modernen Erkenntniss für sie abfallen. <span class="gesperrt">Dass</span> sie sich nicht mit -ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss -preisgeben,— gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen -wie unermüdlich im Darben und Entbehren,—das ist der grosse und -erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch, -was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:—eine Reihe von -gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der -modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.</p> - -<p>Aber deshalb ist es eben der <span class="gesperrt">Mensch</span> und nicht der <span class="gesperrt">Theoretiker</span>, -auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken -Nietzsches zurechtzufinden,—und deshalb wird auch der Gewinn, das -Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein -neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern -das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse -und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung -in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich -jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft -und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das -Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie -sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung -wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören, -sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf -beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das -Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse -bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich -ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die -wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren -Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden. -Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und -Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt -haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu -gelangen.<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte, -um in ihm eine Fülle innern Lebens,—Gedanken-Erlebens, auszulösen. -Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches -vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern -befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.) -Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger -Natur lag—ins Grosse gesteigert—etwas Weibliches;<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> aber er -ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig -erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles -zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige -unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie -eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt -uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine -Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein -Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des -echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer -urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten -118.)</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in -der zum ersten Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung -unterschieden und bestimmt charakterisirt sind, erschien in der -Sonntags-Beilage der Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem -brachte die »Freie Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte -unter dem Titel »Zum Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft -3, 4 und 5, Jahrg. III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur -1892, October, »Ein Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal -und Askese«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Was das Leben—, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,— -wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei -solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir -haben eben unser Herz nicht dort—und nicht einmal unser Ohr!« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede III.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und -feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren -»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Giebt es—eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, -Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender -Gesundheit, aus der Ueberfülle selbst?... Giebt es vielleicht—eine -Frage für Irrenärzte—<span class="gesperrt">Neurosen der Gesundheit</span>?« (Versuch einer -Selbstkritik zur neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste -der Musik« IV u. IX.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages -erreichen wir unser Ziel—und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was -für lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so -weit, dass wir an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Daher nennt er die Ueberzeugungen <span class="gesperrt">Feinde der Wahrheit</span>: -»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es -selbst wahr haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er -(Morgenröthe 327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und -Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss—bis an die höchsten und -fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!—bis ihm zuletzt Nichts mehr zu -erjagen übrig bleibt, als das absolut <span class="gesperrt">Wehethuende</span> der Erkenntniss, -glefich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So -gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle,—es ist die letzte Erkenntniss, -die ihn <span class="gesperrt">verführt</span>. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles -Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die -Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit -einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie -mehr zu Theil wird!—denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen -keinen Bissen mehr zu reichen.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> »Die Instincte bekämpfen <span class="gesperrt">müssen</span>—das ist die Formel -für décadence: so lange das Leben <span class="gesperrt">aufsteigt</span>, ist Glück gleich -Instinct«, sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und -unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus -anders auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier -sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen -Natur—später hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht -harmonisch war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner -selbst zum Harmonischen <span class="gesperrt">umschuf</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir ... sind -erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten—in Gefahr -sind.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der -»Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List -und Rache 38) über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der -Gottschöpfung des Menschen: -</p> -<p style="margin-left: 20%;"> -»Der Fromme spricht:<br /> -»Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«<br /> -»Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.<br /> -Und soll nicht lieben, was er schuf?<br /> -Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?<br /> -Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.<br /> -</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche -die verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt -haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen -nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus -unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten -hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere -philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden -Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte -der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende -systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven -Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit -Vorbehalten bleiben muss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, -das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere -denken anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das -Weibchen als das productive Wesen.... Die Schwangerschaft -hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger -gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter -des Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:—es -sind die männlichen Mütter.—« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h3><a name="II_ABSCHNITT" id="II_ABSCHNITT">II. ABSCHNITT</a></h3> - - -<h4>SEINE WANDLUNGEN.</h4> - - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Die Schlange, welche sich nicht<br /> -häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso<br /> -die Geister, welche man verhindert,<br /> -ihre Meinungen zu wechseln; sie hören<br /> -auf, Geist zu sein.«<br /> -(Morgenröthe 573)<br /> -</p> - - -<p class="p2">Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte, -liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens -seiner Knabenjahre.</p> - -<p>Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen -Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als -der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon -von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner -Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich -besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich -die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten -religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle -Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren -Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen, -die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der -Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur, -was schon vorher abgestorben,—eine Leiche war. In Nietzsches Fall -fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt: -weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den -anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube -aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr -betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen -Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen -habe—»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all -seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen -Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu -aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm -ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch -eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.</p> - -<p>Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer -gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem -Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches -Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich -selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe, -Schmerzen und Erschütterungen,—er bedurfte dessen, dass sein Gemüth -sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand <span class="gesperrt">anthat</span>, weil -seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern -abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des <span class="gesperrt">Schmerzheischenden</span> -in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.</p> - -<p>»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich -selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in -eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne -Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun -an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen -Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt, -sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.</p> - -<p>Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte -Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird -fortgesetzt,—bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,—wohin läuft man -alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,—was -folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen? -Vielleicht bei einem <span class="gesperrt">katholischen</span> Glauben?« Und der Hintergedanke, -der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten -Worten aus seinem Versteck:</p> - -<p>»<span class="gesperrt">In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der -Stillstand.</span>«</p> - -<p>Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende -Bewegung,—das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart -Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich, -sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende, -selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt, -ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so -weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch -stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder -zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen, -inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt, -und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und -verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem <span class="gesperrt">Knaben</span> nähert, -so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen -Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach -Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner -letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen -Wiederkunft gelangte: das Bild des <span class="gesperrt">Kreises,—eines ewigen Wechsels -in einer ewigen Wiederholung,</span>—steht wie ein wundersames Symbol und -Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.</p> - -<p>Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral, -Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit, -ȟber den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott -»zum <span class="gesperrt">Vater</span> des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er -diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit -philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem -philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.</p> - -<p>Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in -die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen -wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein -äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft. -Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für -den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte -dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung -seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk, -sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale -Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere -Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart -aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich -der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem -Psychologischen unterzuordnen.</p> - -<p>Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem -steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und -Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer -Untersuchungen<a name="FNAnker_1_15" id="FNAnker_1_15"></a><a href="#Fussnote_1_15" class="fnanchor">[1]</a> bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis -zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine -zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch -das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu -jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten -Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle -Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und -zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte, -zur Fessel wurde.</p> - -<p>In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente -ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das -empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war -es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft -musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine -tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein -Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.</p> - -<p>Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum -zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an -zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der -andern überleiten.</p> - -<p>Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen -scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart -sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte -und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell -künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher -Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und -Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das -Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer -Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu -bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über -das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig -Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist -ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,—den -für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich -aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und -Böse 80)—könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird -thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache, -die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief -verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen, -und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier -die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu -berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten -Verkleidung,—der nüchtern philologischen,— in dieser äussersten -geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.</p> - -<p>Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern -Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und -wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung -der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung -mit einem Problem, bedeutete <span class="gesperrt">erkennen</span>, vor allem andren: sich -erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete -ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,—ȟber den Haufen geworfen -werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein -Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann -schlägt: er <span class="gesperrt">lebte</span> den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte, -aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so -maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,— und, gleich -einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab. -Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen -Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein -intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar -nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem -Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach -immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn -vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss -und Erschöpfung.</p> - -<p>Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine <span class="gesperrt">Probleme</span> -nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren <span class="gesperrt">Lösungen</span>, durch welche die -Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die -gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem -<span class="gesperrt">Gesinnungswechsel</span>, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die -Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem <span class="gesperrt">Hass</span> verfolgte er hinterher -Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte, -sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört, -uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der -endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das -scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck -bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte -nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten, -ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im -Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen -der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich -jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner -Skepsis und zwang sie schadenfroh,—seines eigenen Leids und des -Schadens, den er sich damit zufügte, froh!—ihm seine Probleme wieder -herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen -Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer -Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten, -was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im -letzten Grunde <span class="gesperrt">unaufklärbar</span> für ihn bleiben, es muss der Energie -aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen -Räthseln aufreiben,—an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in -der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker -geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da -erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da -verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss: -in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die -einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.</p> - -<p>Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an -diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung -und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik -hinabstürzt.—</p> - -<p>Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei -Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später -dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für -Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die -von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht -verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später -nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr <span class="gesperrt">fein</span> als <span class="gesperrt">gross</span> -erscheinen lässt,—oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten -von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er -einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem -Blick des Erkennenden darstellen: »Das <span class="gesperrt">Filigran</span> der Dinge«.</p> - -<p>In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und -Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen—; der -Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und -Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von -Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit -seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick -für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen, -freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im -Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt, -um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft -herauszulesen,<a name="FNAnker_2_16" id="FNAnker_2_16"></a><a href="#Fussnote_2_16" class="fnanchor">[2]</a>—aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über -seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem -dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen -Arbeit, zu der Arbeit über <span class="gesperrt">die Quellen des Diogenes Laertius</span>.</p> - -<p>Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass, -dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung -zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken -kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches -I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung -gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten -Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend -und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem -Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine -Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich -vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch -höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen -Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr -als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich -da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er -gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und -höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen, -dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter -philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen -Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung. -Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen -hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten -wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten -Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit -des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)</p> - -<p>So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der -späteren Werke,—einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte -vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie -öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume, -bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen -bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht -ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte: -einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum -ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen -Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,—und die -dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem -Werke weiter schuf.</p> - -<p>An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung -seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel -seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf -dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das -ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder -einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen -er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er -seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer, -ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren -Formalismus.</p> - -<p>Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der -Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine -Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen -Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben -und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und -erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen, -glücklichen Zauberlandes«.</p> - -<p>Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler -Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen, -die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre -später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben -Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche -indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des -Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere -philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem -Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)<a name="FNAnker_3_17" id="FNAnker_3_17"></a><a href="#Fussnote_3_17" class="fnanchor">[3]</a> -aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine -culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer -Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter -den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie -schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch -Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich -in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie -einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung -seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk -aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von -Bayreuth.</p> - -<p>Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung -von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr, -womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem -er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae -philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede -philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer -philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte -als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche -bestehen bleibt.«</p> - -<p>Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners -machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des -germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen -wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als -Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im -Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins -Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,—gleichsam ein Accent, -den es durch die <span class="gesperrt">metaphysische Interpretation</span> alles Kunsterlebens -und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am -deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie« -vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem -Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« -erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung -auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur« -zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen -als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem -versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen -Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und -Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste -auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des -Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen -zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der -Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt -offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch -die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende -Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb, -der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In -ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen -Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck, -als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet -weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen -desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des -durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem -schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des -Bildners.</p> - -<p>In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich -bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen -Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden -Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk -ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des -Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch -die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass -sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als -solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision, -die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer -Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer -Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit -denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der -Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische -Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil -bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die -apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische -Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die -Gottheit steckt.</p> - -<p>Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher -Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken -zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden -und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie -nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern -gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische -Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich -überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser -Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.</p> - -<p>Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist -charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit -seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der -Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner -ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem -Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode -wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der -Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch -gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen -Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie -zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten -Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des -Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene -geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung -und Selbstvergötterung,—jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in -welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir -immer wieder zurückkommen werden.</p> - -<p>Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen -Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller -Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates -getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die -Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die -Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit -in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre -sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um -sie zu zügeln,—»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der -Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das -durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen -und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat -erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des -theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig -bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die -gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht -zum Eintritt <span class="gesperrt">verweigert</span>« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch -schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie -durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein -und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss -erschlossen habe.</p> - -<p>In den Jahren 1873-1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn -seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »<span class="gesperrt">Unzeitgemässe -Betrachtungen</span>«, vier kleinere Schriften,—bestimmt: »gegen die Zeit, -und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden -Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »<span class="gesperrt">David -Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller</span>«, bestand in einer -vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte -und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen -Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse -ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »<span class="gesperrt">Vom Nutzen und Nachtheil -der Historie für das Leben</span>«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten -Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich -wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie -bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst, -im Gegensatz zum Instinctleben;—Erkennen des Vergangenen, Wissen -vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen -und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen -dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des -Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient, -wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber -den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des -Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig -intact geblieben ist. »... die <span class="gesperrt">plastische Kraft</span> eines Menschen, -eines Volkes, einer Cultur,... ich meine jene Kraft, aus sich -heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und -einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene -Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos -fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen, -nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit -daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit -schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz -durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten -Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden -unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne -im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.</p> - -<p>Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so -viel besprochenen <span class="gesperrt">Decadenzbegriff</span>, der in seinen späteren Werken -eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste -Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung -seines eignen Seelenzustandes;—wir können hier schon den seelischen -Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die -es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang -überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,— -Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben -einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender -Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen -drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »—Auch soll ... nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir -jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und -nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«<a name="FNAnker_4_18" id="FNAnker_4_18"></a><a href="#Fussnote_4_18" class="fnanchor">[4]</a> Was er in sich -selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen -Zeitalters,—und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr -für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter -aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher -Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem -kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am -herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich -Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne -Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal -gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den -erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der -moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen -Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich -im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht -dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen -verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und -alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.... Jeder, der -vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung« -nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).—Das andere Mal -aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische -Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch -hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.</p> - -<p>Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und -Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken -sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und -unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde -unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten -Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von -ihnen,—auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,—verschmolzen -ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es -handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse, -nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige, -sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse -längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle -entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen -in uns leben.</p> - -<p>Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die -von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die -mit ihr geboren ist,—jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das -Erbe aller Spätlinge ist, denn—Spätlinge sind Mischlinge.</p> - -<p>Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem -Sinn,—erlernt oder erlebt,—bringen kann, liegt in der Hinwendung -auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche -die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum -Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige -kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar -werden« (11),... »Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre -ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.... Es ist wahr: erst -dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, -zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst -dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller, -blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das -Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder -Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem, -Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine -Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und -besiegt,—an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln -die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der -Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die -mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen, -dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde, -an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles -Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich -hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche -Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, -der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu -erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, -Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle -drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr -nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie -an als <span class="gesperrt">Monumentalgeschichte</span>, indem er seinen Blick auf den grossen -Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein -Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde -Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in <span class="gesperrt">antiquarische Geschichte</span>, -indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen -Vorlebens,—wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt, -an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:—»—er -versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung, -das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet -sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, -sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben, -sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen, -denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit -diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und -fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er -wird endlich drittens auch <span class="gesperrt">kritisch</span> auf die Geschichte blicken, um -zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu -bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein -Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu -bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst -gefährlicher Process:... Denn da wir nun einmal die Resultate -früherer Geschlechter sind,... ist (es) nicht möglich sich ganz -von dieser Kette zu lösen.... Wir bringen es im besten Falle zu -einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer -Erkenntniss,... wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen -Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es -ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu -geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man -stammt.... Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es -gibt ... einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch -jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass -jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).—Man kann -diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei -Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit -der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht, -darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als -Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere -positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber -Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle -drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird, -die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und -ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen -Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen -Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.—Die starke -Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist -somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle -des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu -machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,—nicht -von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling -ist dann immer zugleich der <span class="gesperrt">Erstling</span> einer neuen Cultur und, als -Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den -er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer -von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit -niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber -immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre -höchste Kraft sammelt und ausgibt.</p> - -<p>Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten -Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten -Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als -Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis -in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.</p> - -<p>Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung -hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich -alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner -geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer -Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn -quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz -von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber -auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die -Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem -Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling -neuer Cultur werden.<a name="FNAnker_5_19" id="FNAnker_5_19"></a><a href="#Fussnote_5_19" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<p>Zweien solcher »Unzeitgemässen«,—das ist Vorzeitgemässen und -Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen -Betrachtungen« geweiht: »<span class="gesperrt">Schopenhauer als Erzieher</span>«, und »<span class="gesperrt">Richard -Wagner in Bayreuth</span>«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung -aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis -zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem -Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur -ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren -eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den -»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare -der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen -Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas -in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der -ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das -darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten -Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner -mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen -Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund -eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in -übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,—wie eine Gestalt aus -der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg -einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit -einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat. -Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der -<span class="gesperrt">positive Lebenswerth</span> des Genies noch so hoch über Schopenhauers -Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches -Gegenbild zu der seinen bietet.</p> - -<p>Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der -menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende -Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und -Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als -Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet, -sie: »—setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben -zeitlos-gleichzeitig«,—sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten -Strom des Werdens«. »... ein Riese ruft dem anderen durch die -öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges, -lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das -hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil -es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl -in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins -sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur -in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)</p> - -<p>Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen, -was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches -Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen -weniger durch eine Wesens<span class="gesperrt">verschiedenheit</span>, als vielmehr durch eine -Wesens<span class="gesperrt">enthüllung</span>, durch eine göttliche Nacktheit,—während der -Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten -trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich -hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse -Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn -ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.... Der Mensch, welcher -nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich -bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle -Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die -im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in -jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von -Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.</p> - -<p>Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische -Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das -unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über -die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem -höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz -dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst -in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und -bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser -Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen -Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er -selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus -übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer -und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu -ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander -ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher -zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt -es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen, -der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch -viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das -höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und -herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder -metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan -eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum -erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung -der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von -vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur -durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.</p> - -<p>Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode -Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung -bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das -Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch -sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst -immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet -er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in -ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast -unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen -herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt -man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein -Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.</p> - -<p>Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe -Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen -und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus -sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe -seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in -ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum -erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem -die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden -gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit. -Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der -Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und -moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser -Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes -gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner -Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person -das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende -Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden, -des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe -des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur -den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen -Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist. -Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt -hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war -hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss -ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken -durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen -Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das -er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische -Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser -Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«</p> - -<p>Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben -und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben -auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach -persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich -später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die -Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise -nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das -Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der -unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin -an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam -das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das -Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten -philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives, -das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist, -als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen -Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn -mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes -Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden« -zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden -sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und -verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch -sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das -bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein -quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben -und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam -hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt -ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der -Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu: -»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich -beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir -auf, und vielleicht ergeben sie dir ... ein Gesetz, das Grundgesetz -deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,... -wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir -selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief -verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir....« (A. a. -O.)</p> - -<p>Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster -Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen -es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft -verlangt habe—nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und -Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »... darf ich ein wenig -bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig -und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach -Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die -schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen, -durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten -Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen, -dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr -vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es -ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem -Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken -sucht,<a name="FNAnker_6_20" id="FNAnker_6_20"></a><a href="#Fussnote_6_20" class="fnanchor">[6]</a> und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft -ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die -Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen -Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie -sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard -Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene, -alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und -für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der -Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.</p> - -<p>Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit -Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich -zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint -in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären -auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher -Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans -Licht will und nach Macht verlangt. (10.).... Der gesammte -Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in -die dunkelsten Schluchten:—in der Nacht dieses halb unterirdischen -Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm....« (12.) »Wir thun einen -Blick in die <span class="gesperrt">andere</span> Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung, -welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss -verehrt:... jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass -die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,... die -schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen, -tyrannischen.« (13.)</p> - -<p>»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung -der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er -allein <span class="gesperrt">ganz</span> und <span class="gesperrt">er selbst</span> bleiben konnte.« (13.)</p> - -<p>Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners -aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem -er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von -dessen seelischen Zuständen auffasste:</p> - -<p>»—wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des -Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich -ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, -einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.« -(82.)</p> - -<p>»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer -Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,... -ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege -fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)</p> - -<p>»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich -verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des -Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen -Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von -Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«—. (80.)</p> - -<p>Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste -Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes -auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von -Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt -erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn -unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige -Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten -Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war -eine <span class="gesperrt">Genesung</span>. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.) -Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem -Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem -Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe. -Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören: -dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht -habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.</p> - -<p>Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der -Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein -Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit -nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die -eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,— -sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften -Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse -gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund—das ist jetzt in Eins -beschlossen!«</p> - -<p>Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten -Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen -Beweggründen—unwiderstehlichem Wahrheitsdrang—und auch aus -menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In -Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher -Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner -Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass -er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte, -dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine -»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein -»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von -seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen -Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei« -überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch -allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung -erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den -Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf -die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich -greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth -der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«</p> - -<p>Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem -Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen -seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine -Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich -aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese -Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man -unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.</p> - -<p>Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet, -als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen -angelangt—war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen -Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und -Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete -aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein -Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur -der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen, -ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882, -ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther -Festspiele,—der Erstaufführung des Parsifal—, der Versuch gemacht, -Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der -Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine -alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass -im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth -zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch -misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot, -den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben -Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der -seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_003.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_004.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_005.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_006.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p>(<a href="#Zweiter_Briefe">Gedruckter Text.</a>)</p> - - -<p>Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor -mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die -Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an -welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange -sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken; -dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser -Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte -er.</p> - -<p>Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der -Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches -Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter -Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen -Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in -den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und -aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, -philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart, -der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht -zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines -Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode -ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn -er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner -Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten; -und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer -wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.</p> - -<p>Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich -pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder, -welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren -Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen -Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.</p> - -<p>Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft -in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen -Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12. -Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus -Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber—fast hätte ich -gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«</p> - -<p>Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den -voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein -Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen. -<span class="gesperrt">Wahrscheinlich</span> hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf, -<span class="gesperrt">vielleicht</span> mit der Thätigkeit überhaupt, <span class="gesperrt">möglicherweise</span> mit.... -u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr -zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.... Immer heisst es: -Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die -Geduld zur Geduld nöthig!«</p> - -<p>Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:</p> - -<p>»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter -Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,—aber <span class="gesperrt">nicht</span> -mehr lange, so hoffe ich!«</p> - -<p>Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing -ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel -ihm schwer,—war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere -strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,—er nennt sich selbst -einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder -ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein -Viertelstündchen« (Brief an Rée)—, hinderten ihn nunmehr dauernd an -einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien. -Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte, -zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am -Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.</p> - -<p>Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des -Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten -metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom -Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so -günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus -dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge -des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich -ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem -Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität -seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft -war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen -im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden, -sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals -selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher -geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff -sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher -begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten -fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein -Denken wissenschaftlich zu begründen,—es ist etwas vom vergeblichen -Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine -Gesundheit <span class="gesperrt">genöthigt, sich selbst</span> zum Stoff seiner Gedanken zu -nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen -und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte -er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,—und daher so ganz -Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht -ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches -Schicksal zurückzublicken,—auf diesen unheimlichen <span class="gesperrt">Zwang</span> zur -Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,—man vermag sich dem Gefühl -nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten -war, <span class="gesperrt">vorübergeht</span>.</p> - -<p>An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale, -seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,—Alles, was -seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm -eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen -Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »<span class="gesperrt">Dunkel-Zeiten</span>.« -(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)</p> - -<p>Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus -einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag, -von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,—sie -erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und -langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich -sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.</p> - -<p>»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später -(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches, -Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange -darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der -unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen -zur Begeisterung übrig blieb....« Aber nicht als einen Klagenden -sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,—und mit Recht -bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein -Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er <span class="gesperrt">nicht</span> ein Leidender -und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)</p> - -<p>Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden. -Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und -unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem -Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern -aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er -auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben -und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an -der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,... wie er -langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne -dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung -von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene -zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte, -und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns -beantworten soll: »—Scheint es nicht, dass ... er vielleicht seine -eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, -Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen -Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende -Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_007.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_008.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_009.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_010.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p><a href="#Dritter_Briefe">(Gedruckter Text.)</a></p> - -<p>Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte -Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr -stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die -Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung -anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich -alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich -daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst -aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der -Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen -zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein -erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund -einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt -stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu -nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die -intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger <span class="gesperrt">bedingten</span> als -begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen -Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie -gerade vorfindet,—dass er sie zunächst wieder <span class="gesperrt">kritiklos</span> empfängt; denn -seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von -den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche -bilden,—um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,—nur -eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen -Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich -entscheidende Process abspielt.</p> - -<p>Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung -ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden -verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So -kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere -Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise -vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt. -Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich -wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling, -ja insgeheim noch als Gegner fühlt,—aber mit jenem schönen Wort im -Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine -Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,—aber auch deine Niederlage -ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der -Denker seinen Feind liebt.«)</p> - -<p>Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem -Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines -positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,—dieses Werkes, -welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst -im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«, -das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard -Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877 -entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: <span class="gesperrt">Menschliches, -Allzumenschliches</span>. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken -Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30. -Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche. -(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt -mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode -schrieb: »Meine Schriften reden <span class="gesperrt">nur</span> von meinen <span class="gesperrt">Ueberwindungen</span>: -ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.... Einsam nunmehr,... -nahm ich ... Partei <span class="gesperrt">gegen</span> mich und <span class="gesperrt">für</span> Alles, was gerade mir -wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von -Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den -damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei -völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint: -einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns -in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern -uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,—in welche -neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits -den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den -ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende -Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart, -mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich -selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit -und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen -Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender -Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade -vollzieht,—und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern -selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner -eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so -heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in -schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt -und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt, -dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.</p> - -<p>Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung -Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem -<span class="gesperrt">persönlichen Verhältniss</span> nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf -gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so -verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum -in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche -der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann -Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist -der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée -einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)</p> - -<p>War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit -gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah: -durch seine <span class="gesperrt">Jüngerschaft</span>,—so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée -mehr eine geistige <span class="gesperrt">Genossenschaft</span>, die selbst dadurch nicht behindert -wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise -seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an -verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt -Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen -lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung -Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:</p> - -<p>»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen -Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr -neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der -Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,... -ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem -Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt -habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden, -was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so -wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen -dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf -dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit -den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer -Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig -mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung -zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen? -Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht -um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte -unbescheiden ist—ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge, -ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer -untauglicher werde....«</p> - -<p>Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang, -je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um -dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er -nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen -solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.« -(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine -Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele -Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals <span class="gesperrt">den</span>, mit Ihnen -zusammenzuleben,—mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten -October 1879.)</p> - -<p>Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten -damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen -eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie -min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er -nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so -gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein -beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe -Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung -meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir -alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es -noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu -haben, mein herzlich geliebter Freund.«—</p> - -<p>Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so -übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame -waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er -bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem -ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und -Gedankenaustausch.</p> - -<p>»Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer -etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,— -falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist -viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht -für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind -gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden. -Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer -Abkunft,<a name="FNAnker_7_21" id="FNAnker_7_21"></a><a href="#Fussnote_7_21" class="fnanchor">[7]</a> aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem, -grossem Druck zusenden?—Ich lebe ganz ohne Bücher, als -Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene -Frucht aus Ihrer Hand.—Es lebe das <span class="gesperrt">Gewissen</span>, weil es -nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum -Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von -Herzen Ihnen nahe</p> - -<p style="margin-left: 55%;">Ihr<br /> -<span style="margin-left: 5%;">Friedrich Nietzsche.</span></p> - - -<p>So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen: -»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der -Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach <span class="gesperrt">Réealismus</span>, das -wissen Sie!«</p> - -<p>So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche -den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus -begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin, -Carl Duncker, 1875), dessen »<span class="gesperrt">Psychologische Beobachtungen</span>«— -Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds— schätzte Nietzsche -nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt -erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren -wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die -La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten -um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den -philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée, -Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von -ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »<span class="gesperrt">Der -Ursprung der moralischen Empfindungen</span>« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner, -1877)<a name="FNAnker_8_22" id="FNAnker_8_22"></a><a href="#Fussnote_8_22" class="fnanchor">[8]</a>, das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches -positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu -den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen -hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken -vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn -ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die -Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des -moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage -<span class="gesperrt">nach den Gründen der Sanction</span> altruistischer Empfindungen; seine -Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme -der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers -auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so -musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem -Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der -moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner -Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch -bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen -Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre <span class="gesperrt">Entstehungsgeschichte</span>. -Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und -Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker -wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden -eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs -Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten -Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den -<span class="gesperrt">Nutzen</span>, die <span class="gesperrt">Gewohnheit</span> und das <span class="gesperrt">Vergessen</span> der ursprünglichen -Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung -seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er -sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches, -Allzumenschliches«: »Die Geschichte der ... moralischen Empfindungen -verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen -gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein -der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man -die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen -an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut« -oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die -Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass -Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle -der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die -sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den -Worten bezeichnen:«—<span class="gesperrt">jetzt</span> aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, -<span class="gesperrt">ursprünglich</span>, weil (es)—<span class="gesperrt">nützlicher</span> und <span class="gesperrt">ehrebringender</span> ist.« -(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung -des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen, -welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf -gemeinsamen <span class="gesperrt">Nutzen</span> eingab, sind später von anderen Generationen auf -andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, -die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie -von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil -ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder -aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen -das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, <span class="gesperrt">vergessen</span> worden ist, heissen -dann <span class="gesperrt">moralische</span>.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in -den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig <span class="gesperrt">gefordert</span> -wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte -der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert -wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter -Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer -Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,—aber <span class="gesperrt">das -Gefühl für die Sitte</span> (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene -Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die -Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).</p> - -<p>So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel -charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die -rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher -heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen -Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst -wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug -auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden -philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten: -in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«, -des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos -steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und -Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird -die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber -die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und -wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss -des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, -benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten -philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen -der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft -und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude -am Leben und am eignen Selbst gerichtet....« (Der Wanderer -und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft -und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die -Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in -dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung -des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und -alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht, -denn: »an sich ist ... der Künstler schon ein zurückbleibendes -Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für -Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen <span class="gesperrt">ungeheuren -Fortschritt</span>. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, -aber zum schönsten Schein umbilden—das ist griechisch: nachahmen, -nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,... ordnen, verschönern, verflachen—so geht es fort von Homer bis -zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen -Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte -Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und -effect-lüsterne Seelen wenden.—Und nun würdige man die Grösse jener -Ausnahme Griechen, welche die <span class="gesperrt">Wissenschaft</span> schufen. Wer von ihnen -erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen -Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch -Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung -des <span class="gesperrt">vernünftigen</span> Denkens.») Die <span class="gesperrt">Abkunft alles Gefühlsmässigen</span> -von <span class="gesperrt">Urtheilen</span> und <span class="gesperrt">ursprünglichen Gedankenschlüssen</span> wird deshalb -Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das -Wort reden. »—Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter -den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form -von Gefühlen uns vererbt sind. <span class="gesperrt">Die Inspiration, die aus dem Gefühle -stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils—und oft eines falschen!—und -jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen—das heisst -seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern -mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft -und unserer Erfahrung.</span>« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«, -welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu -verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »<span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit -des Intellectes.</span>« (Morgenröthe 543). »<span class="gesperrt">Diesen schwärmerischen -Trunkenbolden</span> verdankt die Menschheit viel Übles: ... Zu alledem -pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben <span class="gesperrt">an den -Rausch als an das Leben im Leben</span>: einen furchtbaren Glauben! <span class="gesperrt">Wie -die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und -zu Grunde gehen, so ist die Menschheit</span> ... <span class="gesperrt">langsam und gründlich -durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle</span> ... <span class="gesperrt">verdorben worden:...</span>« (Morgenröthe 50) ... »daran denken sie -nicht, dass die <span class="gesperrt">Erkenntniss</span> auch der hässlichsten Wirklichkeit schön -ist,... Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt...; ... zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, -kamen in dem überein, was <span class="gesperrt">das höchste Glück</span> ausmache,...: sie -fanden es im <span class="gesperrt">Erkennen</span>, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden -und erfindenden <span class="gesperrt">Verstandes</span> (<span class="gesperrt">nicht</span> etwa in der »Intuition,« <span class="gesperrt">nicht</span> -in der Vision, und ebenfalls <span class="gesperrt">nicht</span> im Schaffen,—)—« (Morgenröthe -550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:<a name="FNAnker_9_23" id="FNAnker_9_23"></a><a href="#Fussnote_9_23" class="fnanchor">[9]</a> » Ach, um den -wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet, -seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft -auf den Knieen—nach alter <span class="gesperrt">Sclaven-Gewohnheit</span> —und doch ist, -wenn der Grad von <span class="gesperrt">Verehrungswürdigkeit</span> festgestellt werden soll, -nur <span class="gesperrt">der Grad der Vernunft in der Kraft</span> entscheidend. (Morgenröthe -548).—Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten -Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität -steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen. -(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie -wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich -die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht -nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden -und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden -»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine -diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146). -Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass -nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls -nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk -erzeugt,—»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht, -dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus -vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat ... die -künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und -mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches -I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade <span class="gesperrt">erlernbar</span>, als meist -angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! -Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. -Aber sie <span class="gesperrt">bekamen</span> Grösse, wurden »Genie's«,— — —: sie hatten Alle -jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile -vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; -sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, -Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.« -(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der -Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches -Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner -letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie—diesmal dem <span class="gesperrt">eigenen</span> -Genie—das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren. -Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss, -weil sie »<span class="gesperrt">viele schwächere Kräfte</span> und <span class="gesperrt">Keime zu erdrücken</span>« sucht, -während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne -Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »<span class="gesperrt">schwächeren und zarteren -Naturen auch Luft und Licht gegönnt</span>« (Menschliches, Allzumenschliches -I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen -überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.... Die -extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist -auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu -lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).</p> - -<p>Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein, -die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist -Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus -sei und dass die gesammte Menschheit <span class="gesperrt">unsere</span> Strasse ziehe. Man -soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden« -(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei -beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive -unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so -starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt -ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten -Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht -ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und -sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu -erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des -Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth -sich <span class="gesperrt">über</span> den Menschen und Dingen fühlt,—wo der Weise als der am -meisten Muthige <span class="gesperrt">sich selber</span> und das Dasein am meisten <span class="gesperrt">unter sich</span> -sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung, -die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen: -»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, -mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.« -(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als -eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und -erwogen,—wie ihr auch in Rées Buch ein besonderes Capitel gewidmet -war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so -brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich -nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38). -»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches, -Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.« -(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der -Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus -ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch -das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein -inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss -der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten, -als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er -merkt zeitig, dass nicht Das, was er <span class="gesperrt">ist</span>, sondern Das, was er gilt, -ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der <span class="gesperrt">Eitelkeit</span>.« -(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse -Nützlichkeit.«),—wo Nietzsche den <span class="gesperrt">Mächtigen</span> gleichsetzt mit dem -Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit -dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen -Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem -Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen -Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des -ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.) -Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende -Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive -bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden -»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.</p> - -<p>Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen -liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen -Vermögens; die Menschen <span class="gesperrt">veredeln</span> heisst demnach nichts anderes, als -<span class="gesperrt">Einsicht</span> unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt -aus als <span class="gesperrt">böse</span> bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch -geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse -genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich -für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches -I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern -zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in -seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam -und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so -kämpft, dass die Menschen ihn <span class="gesperrt">gut</span>, oder so, dass sie ihn <span class="gesperrt">böse</span> -nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines -Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen, -welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen <span class="gesperrt">früherer Culturen</span> -gelten,... Es sind <span class="gesperrt">zurückgebliebene</span> Menschen, deren Gehirn, durch -alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und -vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I -43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein -Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen -die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch -die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.—»Gute Handlungen sind -sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute.... -Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand -sich ... hinziehen lässt.... Ja, in einem bestimmten Sinne -sind auch jetzt noch <span class="gesperrt">alle</span> Handlungen dumm, denn der höchste Grad von -menschlicher Intelligenz ... wird sicherlich noch überboten werden: -und dann ... wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus -einer moralischen sich in eine <span class="gesperrt">weise Menschheit umwandeln könne</span>«. -(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird -sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«, -»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei« -aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth -sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung -ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »<span class="gesperrt">Die -Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine -einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt -den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet, -fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden, -boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren</span>? Kann er darauf -in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich -um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das -beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran -zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage -eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse -Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei -dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen -Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der -begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches -klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist -nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete -Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen -1129).<a name="FNAnker_10_24" id="FNAnker_10_24"></a><a href="#Fussnote_10_24" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie -gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des -Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende -Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen -Triebe und Instincte in sich birgt,—also der »böse« Mensch. Noch ist -ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth -denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit -darstellen.</p> - -<p>Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht -weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die -ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und -dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist -(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit -des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft -des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt -die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer -mehr ... die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der -Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter -Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches -nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle -menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen; -der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen, -als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das -»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches, -Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des -Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich -anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).</p> - -<p>Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von <span class="gesperrt">positiven</span> neuen -und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete -Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher -Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen -sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der -Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die -Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission -zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte -man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf -seine göttliche <span class="gesperrt">Abkunft</span> hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener -Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem -greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu -sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in -der entgegengesetzten Richtung: der Weg, <span class="gesperrt">wohin</span> die Menschheit geht, -soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit ... dienen. Ach, auch damit -ist es Nichts!... Wie hoch die Menschheit sich entwickelt -haben möge—und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang -stehen!—es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung, -so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur -Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt -das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen -Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!« -(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen, -so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das -Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, -er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,—denn -die Menschheit hat im Ganzen <span class="gesperrt">keine</span> Ziele, folglich kann der -Mensch ... nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine -Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet -»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das -Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das -Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der -Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar -der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und, -anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu -schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich -verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener -phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige -ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte -zu—deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss—dein letzter -Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass -ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre -Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne -ein »Decadenz-Symptom« ist,—aber hier deckt sich der Begriff der -Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die -Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!... -Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?... wir wollen Alle -lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!« -(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss« -(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu -gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches -Erkenntnissideal zusammen,— dasselbe Wort, gegen das er sich noch -kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur -wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die -<span class="gesperrt">Umkehrung</span> desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen -als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das <span class="gesperrt">Lebenwollen</span> um jeden -Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, —das ist die »neue -Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte, -deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In -der Reife—des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das -Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches, -Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit -des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).</p> - -<p>Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so -kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er -sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade -von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des -<span class="gesperrt">Gegensatzes</span>, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten -Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für -ihn zu einem <span class="gesperrt">Ideal</span>,—gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren, -von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der -Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu -einem enthusiastischen,—fast <span class="gesperrt">religiösen</span> Verhalten und ermöglichte -ihm jene 'religiös motivirte <span class="gesperrt">Selbstspaltung</span>, deren Nietzsche -bedurfte,—jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein -eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf -ein <span class="gesperrt">zweites</span> Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer -Idealmacht <span class="gesperrt">opferte</span>, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser -Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie -sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern -Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser -Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf <span class="gesperrt">wider den Rausch</span>, seine -ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch, -sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.</p> - -<p>Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man -könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten, -rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur -den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre -tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte -und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff -für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie -nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als -eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen -Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),—und -auch wohl thun,—denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als -ein hoher Wärmegrad«.</p> - -<p>Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R<sup>e</sup>s Gedankenrichtung nirgends -so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches, -Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter -seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess -er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der -persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben -ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die -Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller -Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und -rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm -als ein <span class="gesperrt">neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen</span> und verlieh -seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.</p> - -<p>Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem -Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu -denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten -Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und -marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass -er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner -Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch -hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit -aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder -unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder -im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen -Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr -rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an -einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem -»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu -denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung -seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen -gehört's,—den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen: -»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen -geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft -gratulire! Es lebe der Réealismus!«</p> - -<p>Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche -Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war, -welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für -Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende -sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt -hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte -ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und -ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An -diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige -Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing. -Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche -Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische, -religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von -Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie -seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches -Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für -Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer -und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine -Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth -verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend, -dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten -aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen -Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind -besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen -erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der -Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine -Lücken zu lassen.</p> - -<p>Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des -Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war, -bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und -bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden. -Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen -Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen -liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht -hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten -Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der -Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine -Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens, -in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr -Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade -in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit -seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines -Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen -Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien, -schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf -und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart -hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an -Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat -seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm -blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte -demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus, -und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem -Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens, -deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz -standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche -aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst -so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast -mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels -und Bekehrers gegenübertritt.</p> - -<p>So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine -um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle -verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart -des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen; -aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und -überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für -ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner -Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb -in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu -Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und -in einer erhöhtem Form zu sehen,—ich, der ich selber Bruchstück ... -bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land -hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«</p> - -<p>Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf -dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen -neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er -den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen -Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die -Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen, -dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr; -ausleben und erneuern wird.</p> - -<p>Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt -und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines -innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen -Werken,—von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches, -Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung -der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden -Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet. -In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild -und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in -seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch -mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung, -aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich -jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im -Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder -abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer -Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt -seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in -wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes -schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst -Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist -er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger -wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene -Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach -durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht -auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt -mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich -selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie -einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie -unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen -sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend -emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im -Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen -allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose -Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies -doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen -und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller -Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die -düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu -nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch -zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem -Doppel-Selbst.</p> - -<p>In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem -ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als -sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben -sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt: -hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt -heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner -Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter -Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des -Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will <span class="gesperrt">das Seine</span>: -dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch -den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut -gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas -kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,—aber -beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran -ist hundertmal mehr gelegen.«</p> - -<p>In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität -seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten -Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht -begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den -hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der -Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf, -ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.</p> - -<p>Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit -noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die -sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente -allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht -worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs -gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör -zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;— -—dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer -Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der -Gegenwart erhoben haben.<a name="FNAnker_11_25" id="FNAnker_11_25"></a><a href="#Fussnote_11_25" class="fnanchor">[11]</a> Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen -hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken -untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen -belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die -opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer -Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,—durch das Bestreben, <span class="gesperrt">nur</span> -dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber -nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester -Nüancirung,—so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und -erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und -Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode -in vollendete Form zu giessen verstanden,—aber erst jetzt lernte er, -sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein -goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner -Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen -Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen <span class="gesperrt">neuen Stil</span> in der -Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die -dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil -des <span class="gesperrt">Charakteristischen</span>, der den Gedanken nicht nur als solchen, -sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz -ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein -Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht -nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher -Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen -lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.</p> - -<p>In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu -etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines -Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern -Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich -nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen -Ereignissen <span class="gesperrt">ab</span>: sie <span class="gesperrt">machten</span> vielmehr das eigentliche und einzige -Lebensereigniss dieses Einsamen <span class="gesperrt">aus</span>. Und dem gegenüber erschien ihm -auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und -leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten -Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von -»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr -noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, -dass ihr mich niesen und lachen machtet—und jetzt?... Welche -Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem -Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben <span class="gesperrt">lassen</span>, was -vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk -werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende -und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel, -die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen -lassen,—mit <span class="gesperrt">unserer</span> Hand!—Und nur euer <span class="gesperrt">Nachmittag</span> ist es, ihr -meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben -habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig -Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:—aber Niemand erräth mir daraus, -wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder -meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten ... <span class="gesperrt">schlimmen</span> Gedanken!«</p> - -<p>Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei -seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar -Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer -Selbstunterhaltung,—nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der -Feder in der Hand:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Ich schreib nicht mit der Hand allein:<br /> -Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«<br /> -</p> - -<p>singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52). -Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der -wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen -von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten -Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines -Zarathustra (II 5): »— —aus dem Überflüsse heraus ist es schön -hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte -er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth, -aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen -waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit -angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon -(Der Wanderer und sein Schatten 338), »... in dem gesammten ... Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die -Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien -und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller -silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit -seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit -selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe: -»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über -einander, sondern sind vertraulich zusammen.«</p> - -<p>Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden -gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen -Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der -fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch -arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem -Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder -aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,—der seinen »Ohren -für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich -gesprochenem Wort.</p> - -<p>»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,« -schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die -<span class="gesperrt">Augen</span>! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich -förmlich <span class="gesperrt">mit Gewalt ferne</span> von der Wissenschaft—und was habe ich -ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen -und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen -Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner -Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; -die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören« -von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«</p> - -<p>Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer -Grundlage, die »<span class="gesperrt">Morgenröthe</span>« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner), -vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und -Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen -zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das -nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und -gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist -es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu -überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch -ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,—es -ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen -und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage, -auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,—ohne -die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen -Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen, -die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu -widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus -den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die -Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir -sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an -das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die <span class="gesperrt">Bedeutung -des Affectlebens für das Denken aufgehen musste</span>. Unmerklich verschob -sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang -auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der -nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil -sie <span class="gesperrt">Wahrheiten</span> sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der -Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des -Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf -diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche -aufgehen musste,—einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden -Philosophie.</p> - -<p>In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe« -die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von -seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer -mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der <span class="gesperrt">Uebergang</span> von -einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen, -Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber -in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir <span class="gesperrt">theoretisch</span> der -vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den -sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier -dagegen wird jede Möglichkeit einer <span class="gesperrt">Theorien-Aenderung</span> noch mit -Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen -Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre -Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr -der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen -Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir -ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand -eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche -sonst vollständig abgeht. Hier <span class="gesperrt">verräth</span> er sich fortwährend, ohne -es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und -tadelt,—er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens, -sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges -Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten -Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens -austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und -Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum -Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh, -ihr ... edlen Schwärmer, ich kenne euch!... Bis zum Hass -gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!... -Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht -der Ausdrücke!... Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu -verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!... Wie dürstet ihr -darnach, Menschen in diesem Zustande—es ist der der <span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit -des Intellectes</span>—zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu -entzünden!...« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift -man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet: -»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über -die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,... -Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus <span class="gesperrt">nur Sicherheiten</span> haben -zu wollen, ist ein <span class="gesperrt">religiöser Nachtrieb</span>, nichts Besseres,—« (Der -Wanderer und sein Schatten 16).</p> - -<p>Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst, -bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen -Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an—»der Tyrannei -des Wahren«:—»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und -Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;... muss sich -von ihr im Unwahren ab und zu <span class="gesperrt">erholen</span> können,—sonst wird sie uns -langweilig,—« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den -von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder -werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:—<span class="gesperrt">Seher</span>, die uns Etwas -von dem <span class="gesperrt">Möglichen</span> erzählen! Wollten sie uns von den <span class="gesperrt">zukünftigen -Tugenden</span> etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf -Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,—von -purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo -seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).</p> - -<p>So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich -in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch -schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in -der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides -ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja -die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal -aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben -Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung -von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt -hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund -eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben -aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. -Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist -diese ..., wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.« -(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt -er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche -langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben -nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,—sodass -zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«</p> - -<p>Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und -unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,—diese überschäumende -Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen -Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher -verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende -»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen -grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand« -sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da -einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen -hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges -Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche -Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als -Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren! -Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der -»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«: -»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist -es unbeschreiblich angenehm, sich <span class="gesperrt">überwältigt</span> zu fühlen! Plötzlich -und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die -Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss -wohin? zuzusehen!«</p> - -<p>In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses, -langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und -angesammelt,—in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung -nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik -hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene -Sieg den Sieger. Es ist das »<span class="gesperrt">Glück des Gegensatzes</span>«, das er darin -sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der -positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die -begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan -gemacht dem Schaffensdrang des Willens.</p> - -<p>Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes -Aufklärungslicht mehr,—hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende, -lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht -der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen -hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele -Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den -Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch -zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am -Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über -die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist, -und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste -der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein -träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck -findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen -<span class="gesperrt">Vorurtheilen</span> heraus zu neuen <span class="gesperrt">Werthurtheilen</span> zu gelangen, wie es -möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch -alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der -Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral -im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt—ja was kommt dann?« -(Morgenröthe 96.)</p> - -<p>Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein -Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es -kommt eben noch etwas,—die Hauptsache kommt noch!« verspricht die -Morgenröthe und wird immer heller und röther.</p> - -<p>Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn -auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und -Fempläne:</p> - -<blockquote> - -<p>— — — — — — — — — — — — — — — — — — — —<br /> -»Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes -Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen -zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung, -welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine -asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel, -die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als -das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig -sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich -bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere -Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand -kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen -gethan und geplant wird!</p> - -<p style="margin-left: 35%;">Treulich Ihr Freund</p> - -<p style="margin-left: 70%; font-size: 0.8em;">F. N.«</p></blockquote> - -<p>Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:</p> - -<p>»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten! -Was ich nie mehr glaubte,... das erscheint mir jetzt als -möglich,—als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines -zukünftigen Lebens....«</p> - -<p>Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt -fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was -Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den -Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und -negirende Denkrichtung selber als einen <span class="gesperrt">Wegweiser</span> zu neuen Idealen -aufzufassen sucht:</p> - -<p>»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen -der Menschheit <span class="gesperrt">untergegangen</span> sind? Wird man vielleicht uns einstmals -nachsagen, dass auch wir, <span class="gesperrt">nach Westen steuernd, ein Indien zu -erreichen hofften</span>,—dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu -scheitern? Oder, meine Brüder? Oder—? (Morgenröthe, Schluss.)</p> - -<p>Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete, -da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte -gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen, -ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie -jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten, -von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses -Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen -Kritik,—jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.</p> - -<p>Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder, -die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft« -schrieb:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Freundin, sprach Columbus, traue<br /> -Keinem Genuesen mehr!<br /> -Immer starrt er in das Blaue<br /> -Fernstes zieht ihn allzusehr!<br /> -Wen er liebt, den lockt er gerne<br /> -Weit hinaus in Raum und Zeit,—<br /> -Üeber uns glänzt Stern bei Sterne<br /> -Um uns braust die Ewigkeit.«<br /> -</p> - -<p>Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit -des Landes,—es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das -Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne -es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten -Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem -er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken -gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte. -Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen, -in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind, -wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch -die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth -der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass -sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für -alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten -vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn -nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte, -sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein -Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue -Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von -ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie -war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen -und Sich-Verlaufen,—»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth -war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:—<span class="gesperrt">fliegen</span> allein will -mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen -gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie -sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende -Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner -Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet, -musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie -der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der -ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte -sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er -sich wieder dorthin zurückschleichen würde,—wo die Götter und die -Uebermenschen hausen.</p> - -<p>Nietzsche schreibt einmal an Rée:</p> - -<p>»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese -ich— — —die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden, -wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?— — —<span class="gesperrt">Will -uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere -Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?</span> -Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir -die Geduld verlören—.«</p> - -<p>Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!« -sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen -Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen -Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem -heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens, -des ewigen Lebens, schrieb.</p> - -<p>Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen—.</p> - -<p>Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als -das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden -könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche -Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn -daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen -zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen -Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil -verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um -durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches -zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte, -dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe, -empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das -Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und -der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf! -Welches herrliche Jahr 1881!«</p> - -<p>Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin -1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem -Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von -sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen -Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so -lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte -Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt -nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er -sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der -moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt -ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und -der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf -beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit -zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung -eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen, -Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn -dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden -zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses -inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und -Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder -umzusetzen.</p> - -<p>Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt, -sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen, -das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie« -unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er -wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris, -Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede -schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm -nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege -als richtig erwiesen wäre.</p> - -<p>Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit -den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher -fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum -Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern -hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei -auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete -herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch -einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der -Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem -Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen -sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch -einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander -entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.<a name="FNAnker_12_26" id="FNAnker_12_26"></a><a href="#Fussnote_12_26" class="fnanchor">[12]</a> Das -spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn -Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten -Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht -erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins -verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.</p> - -<p>Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner -Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand -ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer -Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche -befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem -der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig -unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um -noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu -schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner -Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei -es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer -solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der -Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint -er—einmal befruchtet—um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er -ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm -gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so -geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden -soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine -Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.</p> - -<p>Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene -Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal -zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches -und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung, -dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen -aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen -festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die -ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten. -Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches: -das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den -verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines -schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein -gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben -seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu -einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.</p> - -<p>Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox -dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je -allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung -sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so -vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass -die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder -und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur -Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,—»Mein Urtheil -ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht« -(Jenseits von Gut und Böse 43)—und doch wird gleichzeitig dieses -Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze -Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse -innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben -das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise -den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären -glaubt.« Für mich—wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!« -(Also sprach Zarathustra III 95.)</p> - -<p>Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz -und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens -besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches -sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter -meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen -Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich -seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi -scribo!«</p> - -<p>In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst -geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner -ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus -seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen -Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen -im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen -bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst -irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«, -ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr -verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie« -reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich -verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns -ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen -zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse -entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und -Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint -Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass -er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.</p> - -<p>Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil -auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein -Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel -schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie -Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens, -sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen -seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen -werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da -Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen -ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine -Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig -entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung -unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass -diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem -Eigenbild zu construiren, Nietzsches <span class="gesperrt">Leiden an sich selbst zu Tage</span> -treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er -in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch -zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch -den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des -theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der -praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche -sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht -freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört -man endlich den Schrei nach <span class="gesperrt">Erlösung von sich selbst</span>,—nach seinem -<span class="gesperrt">Wesens-Gegensatz</span>, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung, -Umwandlung,—nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des -innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung, -aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden -Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht. -Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt -frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben -die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches -Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden -als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung -hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar -nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren, -Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle. -Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu -Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.</p> - -<p>Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig -klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein -Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien -sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein -mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine -letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht -vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken -wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des -Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so -gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der -Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine -menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen, -kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den -tragischen Conflict seines Lebens löst,—den Conflict, des Gottes zu -bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet -er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen, -visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um -sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren -Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu -einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster, -lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere -als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch -gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber -zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung -hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man -gedenkt seines Wortes,... wer weiss, ob sich nicht bisher in -allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott -anbetete,—und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits -von Gut und Böse 269.)</p> - -<p>»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der -letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den -inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,—jene Exaltation -von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander -fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung -war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,— -eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen -jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den -Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem -Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer -Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber -nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und -Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch -jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh, -von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt -entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in -diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein; -Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen -Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu -Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist -in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.</p> - -<p>Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines -Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte, -zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren -Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«</p> - -<p>Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth, -von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten -Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche -Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss -der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List -und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches -Schriften,—sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem -persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein -Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum -Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle -sich zu Gedichten wandelten;—zum Theil von einer so wunderlichen -Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune -bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind -es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der -seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei. -Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will, -während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen -seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.</p> - -<p>Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner -höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt -auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns -zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes -Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig -hervorleuchten:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»<span class="gesperrt">Incipit tragoedia!</span>«<br /> -</p> - -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_15" id="Fussnote_1_15"></a><a href="#FNAnker_1_15"><span class="label">[1]</span></a> Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: <span class="gesperrt">Zur -Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung</span>, im Rheinischen Museum, -Bd. 22; <span class="gesperrt">Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae -Klage von Simonides</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23; <span class="gesperrt">De Laertii Diogenis -Fontibus</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; <span class="gesperrt">Analecta Laertiana</span>, -im Rhein. Mus., Bd. 25; <span class="gesperrt">Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des -Laertius Diogenes</span>, Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel -1870.—<span class="gesperrt">Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino -post H. Stephanum denuo</span> ed. F. N., in den Acta societatis philologae -Lipsiensis ed. Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat -über <span class="gesperrt">Homer und Hesiod</span>, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. -Mus, Bd. 25 und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 -Bänden des Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach -Ritschls Disposition zusammenstellte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_16" id="Fussnote_2_16"></a><a href="#FNAnker_2_16"><span class="label">[2]</span></a> Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: -»—das heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken, -mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen—« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_17" id="Fussnote_3_17"></a><a href="#FNAnker_3_17"><span class="label">[3]</span></a> Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste -Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch -gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten -Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen -Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers« -Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer -Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den -hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland -gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller -Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des -Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der -Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte -auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken -derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner, -der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom -23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche, -und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des -griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte. -In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie. -Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872, -stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die -von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v. -Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites -Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1873, antwortete.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_18" id="Fussnote_4_18"></a><a href="#FNAnker_4_18"><span class="label">[4]</span></a> Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des -zweiten Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: -»—was ich gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich -als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte—.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_19" id="Fussnote_5_19"></a><a href="#FNAnker_5_19"><span class="label">[5]</span></a> Vorwort V: »Auch soll ... nicht verschwiegen -werden,... dass ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal -der griechischen bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so -unzeitgemässen Erfahrungen komme.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_20" id="Fussnote_6_20"></a><a href="#FNAnker_6_20"><span class="label">[6]</span></a> Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm -jenen Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange -suchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr -strengte ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den -lebendigen Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen -hatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche -mehr sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne -und Zöglinge.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_21" id="Fussnote_7_21"></a><a href="#FNAnker_7_21"><span class="label">[7]</span></a> Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen -Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in -Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen, -vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die -englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen -Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was -er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch -hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu -Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch—erscheinen lässt.« -(Fröhliche Wissenschaft 99.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_22" id="Fussnote_8_22"></a><a href="#FNAnker_8_22"><span class="label">[8]</span></a> Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, -Allzumenschliches« I 37.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_23" id="Fussnote_9_23"></a><a href="#FNAnker_9_23"><span class="label">[9]</span></a> Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen -über »Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im -Cultus des Genius'.« (164).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_24" id="Fussnote_10_24"></a><a href="#FNAnker_10_24"><span class="label">[10]</span></a> Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten -Kräuter und Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, -Allzumenschliches I 48) ist noch mehr werth als die gepriesene grosse -einzelne Aufopferung; noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes -immerwährende freundliche Wohlwollen, das des Lebens »<span class="gesperrt">Behagen</span>« -schafft. (Menschliches, Allzumenschliches I 49)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_25" id="Fussnote_11_25"></a><a href="#FNAnker_11_25"><span class="label">[11]</span></a> Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir -einmal aufschrieb: -</p> -<p> -<span class="gesperrt">Zur Lehre vom Stil.</span> -</p> -<p class="center"> -1. -</p> -<p> -Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll <span class="gesperrt">leben</span>. -</p> -<p class="center"> -2. -</p> -<p> -Der Stil soll <span class="gesperrt">dir</span> angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte -Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der <span class="gesperrt">doppelten -Relation</span>.) -</p> -<p class="center"> -3. -</p> -<p> -Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und -<span class="gesperrt">vortragen</span>«—bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung -sein. -</p> -<p class="center"> -4. -</p> -<p> -Weil dem Schreibenden viele <span class="gesperrt">Mittel</span> des Vortragenden <span class="gesperrt">fehlen</span>, so -muss er im Allgemeinen eine <span class="gesperrt">sehr ausdrucksvolle</span> Art von Vortrag -zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon -nothwendig viel blässer ausfallen. -</p> -<p class="center"> -5. -</p> -<p> -Der Reichthum an Leben verräth sich durch <span class="gesperrt">Reichthum an Gebärden</span>. Man -muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl -der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente—als Gebärden -empfinden <span class="gesperrt">lernen</span>. -</p> -<p class="center"> -6. -</p> -<p> -Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, -die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die -Periode eine Affectation. -</p> -<p class="center"> -7. -</p> -<p> -Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken <span class="gesperrt">glaubt</span>, und sie -nicht nur denkt, sondern <span class="gesperrt">empfindet</span>. -</p> -<p class="center"> -8. -</p> -<p> -Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss -man erst die <span class="gesperrt">Sinne</span> zu ihr verführen. -</p> -<p class="center"> -9. -</p> -<p> -Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, -dicht an die Poesie heranzutreten, aber <span class="gesperrt">niemals</span> zu ihr überzutreten. -</p> -<p class="center"> -10. -</p> -<p> -Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände -vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und <span class="gesperrt">sehr klug</span>, seinem Leser -zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit <span class="gesperrt">selber -auszusprechen</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_26" id="Fussnote_12_26"></a><a href="#FNAnker_12_26"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der -Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen -Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h3><a name="III_ABSCHNITT" id="III_ABSCHNITT">III. ABSCHNITT.</a></h3> - - -<h4>DAS "SYSTEM NIETZSCHE"</h4> - - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"> -<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Schaffen wollt ihr noch die Welt,<br /> -vor der ihr knien könnt.«<br /> -(Also sprach Zarathustra II. 47).<br /> -</p> - - -<blockquote> - -<p class="p2">Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich -schätze nichts als <span class="gesperrt">Antriebe</span>,—und ich möchte schwören, -dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch -diese Phase <span class="gesperrt">hindurch</span>, in der ich seit einigen Jahren -gelebt habe,—sehen Sie <span class="gesperrt">dahinter</span>! Lassen <span class="gesperrt">Sie</span> sich nicht -über mich täuschen—glauben doch nicht, dass »der Freigeist« -mein Ideal ist!! <span class="gesperrt">Ich bin</span>.... Verzeihung! Liebste Lou!</p> - -<p style="margin-left: 65%; font-size: 0.8em;">F. N.</p></blockquote> - -<p>In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief -Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der -»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung -»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind -bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches -angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem -bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen -Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der -Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der -Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle -einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von -<span class="gesperrt">Rückkehr</span> zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase, -die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,—nämlich zur -Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen <span class="gesperrt">Aesthetik</span> und ihrer Lehre -vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als -auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, <span class="gesperrt">das Mysterium einer -ungeheuren Selbst-Apotheose</span>, das er in dem zögernden Wort »Ich -bin«—sich noch scheut auszusprechen.</p> - -<p>Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige -Dichtung »<span class="gesperrt">Also sprach Zarathustra</span>« (I und II 1883; III 1884, -Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann); -<span class="gesperrt">Jenseits von Gut und Böse</span>, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft -(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); <span class="gesperrt">Zur Genealogie -der Moral</span>, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); <span class="gesperrt">Der -Fall Wagner</span>, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann); -endlich die kleine Aphorismen-Sammlung <span class="gesperrt">Götzen-Dämmerung</span> oder <span class="gesperrt">Wie -man mit dem Hammer philosophirt</span> (1889, Leipzig, C. G. Naumann). -Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens -Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie -die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines -Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind, -der Darlegung eines <span class="gesperrt">Systems</span> zu dienen, wenn auch nur eines Systems, -das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit -begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine -Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein -unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher, -als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine -vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen -jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen -und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das -reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien, -sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden -Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als -auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im -Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer -wieder macht er,—sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in -der Genealogie der Moral,—den Versuch, über das Rein—Aphoristische -hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen, -weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.</p> - -<p>Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art -von <span class="gesperrt">Erkenntnisstheorie</span>, einen Ansatz dazu, sich mit den -erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem -er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt -gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege -beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der -praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf -die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische -Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen -gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den -verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber -höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der -Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest -entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen -könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der -Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.</p> - -<p>Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers -diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung -Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten -Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern -durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens. -Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme -der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der -Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf -den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese -Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen -Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn -begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille -und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft -hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe -nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er -derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In -diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht -auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die -Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens -auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es -entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.</p> - -<p>Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen -vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen, -um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte -zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche -Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche -die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar -nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen -Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben -Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes -Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes -und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.</p> - -<p>Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine <span class="gesperrt">Stimmung</span>, nur -seine <span class="gesperrt">Gefühlsauffassung</span> der Sachlage, aber eben dies besagt für -Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden -Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue -Weltanschauung.</p> - -<p>Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken -in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner -Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie -in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei -Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne -letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein -Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse, -ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich, -daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.</p> - -<p>Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden, -einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils -Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich -in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft. -Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches -zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist. -Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine -kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches -Geistesentwicklung,—als ein Muster von zwei verschiedenen mit -genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen -Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem</p> - -<p>Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung -des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin -Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von -Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen -könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am -ausführlichsten die <span class="gesperrt">Unberechtigung der Werthgegensätze</span> »wahr und -unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig -werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe -der Wahrheit trat vor uns hin,... Was in uns will eigentlich »»zur -Wahrheit««?... Gesetzt, wir wollen Wahrheit: <span class="gesperrt">warum nicht lieber</span> -Unwahrheit?...« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, -dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt? -Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen...?« (34.) »In -welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!... -erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit -durfte sich—die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem -Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, -zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern—als -seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend -einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven <span class="gesperrt">entgegengesetzt</span>,—das -meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte -heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik -ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention« -(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache -der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf -können als gerade zur Realität unserer Triebe—denn Denken ist nur ein -Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36). -Und daraus folgt denn schon: »... <span class="gesperrt">je mehr</span> Affekte wir über eine -Sache zu Worte kommen lassen, <span class="gesperrt">je mehr</span> Augen, verschiedne Augen wir -uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird -unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen -aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, -gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt -<span class="gesperrt">castriren</span>?... (Zur Genealogie der Moral III 12).</p> - -<p>Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von -seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt. -Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil -derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich -irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die -uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und -degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des -Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung -noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich -neben einander besteht,—die Relativität des Denkens und diejenige -des Affektlebens,... das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche -Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene -Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den -er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan -machen wollte,—auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste -gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung -rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem -fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«</p> - -<p>Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch -kein Einwand gegen ein Urtheil;... Die Frage ist, wie weit es -lebenfördernd, lebenerhaltend ... ist;... Verzichtleisten auf -falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung -des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der -dem Wahren, dem Wahrhaftigen,... zukommen mag: es wäre möglich, -dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein -für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben -werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, <span class="gesperrt">was</span> den Werth -jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit -jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche -Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu -sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »... wir sind von Grund -aus, von Alters her—<span class="gesperrt">ans Lügen gewöhnt</span>. Oder, um es tugendhafter -und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr -Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere -der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen -Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »—die Kunst, in der -gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen -zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um -derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten -Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als -die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und -»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)</p> - -<p>An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst -der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem -neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen -ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen -»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als -eine unvermeidliche <span class="gesperrt">Zugabe</span> zum erkennenden Denken betrachten -und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu <span class="gesperrt">reduciren</span> suchen: die -Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,—das gerade -bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen <span class="gesperrt">Steigerung</span>. Die Einsicht -in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der -Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur -Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die -demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche -der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine -Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches -Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in -dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens. -Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer -letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so -öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch -Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und -Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden -Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber -hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt -hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen -Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und -Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten -Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus -dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die -nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert -er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet -und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der -Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch -keine Richtung gewiesen ist,—dass Alles in ihr noch herrenlos und -gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches -Schaffen,—gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft -für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins -Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene, -Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit -Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:—denn nicht wollt ihr mit -<span class="gesperrt">feiger Hand einem Faden nachtasten</span>; und, wo ihr <span class="gesperrt">errathen</span> könnt, da -hasst ihr es, zu <span class="gesperrt">erschliessen</span>.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.) -»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust -(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!« -(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender, -bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille -zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!« -(Ebendaselbst II 50)</p> - -<p>Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und -Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens, -eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich -selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches, -Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist -verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, -so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die -Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und -Erkennenwollen ausschweift.<a name="FNAnker_1_27" id="FNAnker_1_27"></a><a href="#Fussnote_1_27" class="fnanchor">[1]</a> In einem solchen Verlangen wild -auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts -ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.) -und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des -Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden, -willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten -Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die -Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser -Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der -Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem -Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen -hat. »Warum dürfte die Welt, <span class="gesperrt">die uns etwas angeht</span>—, nicht eine -Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem -Hintergedanken: <span class="gesperrt">und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein</span>?</p> - -<p>Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der -»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit -den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand -ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt« -endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine -Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu -uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise, -den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als -identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato, -<span class="gesperrt">bin</span> die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren, -scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den -Weisen,—lebt in ihr, <span class="gesperrt">er ist sie</span>.« Im Christenthum trennt sich die -Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem -sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als -Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe -von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem -blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«—bis sie -sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts -verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei -des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr -gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist: -»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit; -Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der -Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir -zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss -überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre« -Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen, -uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren -Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als -deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst -zurückgeworfen als auf den <span class="gesperrt">Selbstschöpfer aller Dinge</span>. Wieder ist die -alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht -als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in -der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit, -von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte -Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat. -»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin, -sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den -geheimnissvollen Schlussworten: »<span class="gesperrt">Mittag; Augenblick des kürzesten -Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit; -Incipit Zarathustra</span>.«</p> - -<p>Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins -Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen -und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt. -Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine -neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse -Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn -aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen -Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens -gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des -Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen -Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das -Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte -sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt, -was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt -sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er -auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen -alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt -und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der -Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass -er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande -wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern -in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt -ergeht. »—<span class="gesperrt">Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und -Gesetzgeber</span>: sie sagen »<span class="gesperrt">so soll</span> es sein!« sie bestimmen erst das -Wohin? und Wozu? des Menschen..., ... sie greifen mit schöpferischer -Hand nach der Zukunft.... Ihr »Erkennen« ist <span class="gesperrt">Schaffen</span>, ihr -Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist—<span class="gesperrt">Wille zur -Macht</span>.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft -immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie -ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, -zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die -»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207) -sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze -Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter -Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden -bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden -immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und -Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.</p> - -<p>Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses -Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen -nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren -wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen« -Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen -des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt -mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis -in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt -»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen <span class="gesperrt">Ersatz</span> -für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen. -Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die -Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem -Wahrheits-<span class="gesperrt">Entdecker</span>, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er -gewissermassen zum Wahrheits-<span class="gesperrt">Erfinder</span> geworden, zu einem Ȇberreichen -des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und -Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d. -h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen -nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen <span class="gesperrt">Sinn</span> -noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er -sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu -einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse -Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.</p> - -<p>In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das -Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer -Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und -Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein -innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des -strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit -ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt -er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens -Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung -durch den Gedanken verlangt,—es ist der »tropische« Mensch, auf den -die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf -Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste -Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen -kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten -Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten -zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und -Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III -82).</p> - -<p>Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion -gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste -Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste -Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen -unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in -der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner -Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die -Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt -er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem -Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen -seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den -erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph -des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes -wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste -Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,—der -Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts -gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der <span class="gesperrt">gegen sich selbst</span> -gewendeten Grausamkeit«.—er muss als »Künstler und Verklärer der -Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche -Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so -empfängt er die höchste Offenbarung,—er taucht hinab ins Grenzenlose, -Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er -sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, -in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken -wiederfinden: <span class="gesperrt">dass der Untergang durch das Uebermass</span> die Bedingung -einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches -Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich—persönlicher Mystik aus, in -der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das -»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und -tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden -soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde -gingen!...Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!... -Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen -geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des -Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne -zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?« (Also sprach -Zarathustra II 33).</p> - -<p>Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des -Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik -und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den -abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es -endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in -seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.</p> - -<p>Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung -und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden -als des wahren Trägers des Lebenswillens,—des Erkennenden als des -Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von -Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen -überhaupt aussagt: »dass die moralischen— —Absichten ... den -eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze -gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang -des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten -und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen -trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll -der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine -Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder -»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der -Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). Ȇber das Leben haben zu allen -Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: <span class="gesperrt">es taugt nichts</span>.... Immer und -überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,—einen Klang -voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand -gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge -der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens, -der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,—war -es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen -zugleich ihr <span class="gesperrt">Adelszeichen</span>, das sie von den geistig rohen Menschen, -vom <span class="gesperrt">Pöbel</span>, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier -hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf -die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der -Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als -die Kranken und Entnervten, als die <span class="gesperrt">Niedergangstypen</span> eines jeden -Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph, -der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über -die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder -zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für -Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der -Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen, -trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte -und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem -er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II -»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker, -die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle -beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das -Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des -Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen -haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also -geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie -mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines -Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden -Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst -Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge -niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die -sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden -und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung -weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie -vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? -ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den -ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)</p> - -<p>Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die -äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit -gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen -Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung -seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen, -in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu -einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und -Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,—? er ist -der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch -nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das -krankhafteste,—»das <span class="gesperrt">noch nicht festgestellte</span> Thier.« (Jenseits von -Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als -solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet -desselben.</p> - -<p>Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges -ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,—da wo sich die -wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten -socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene -furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen -die alten Instinkte der Freiheit schützte ... brachten zu Wege, -dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich -rückwärts, sich <span class="gesperrt">gegen den Menschen selbst</span> wandten.« »Alle Instinkte, -welche sich nicht nach Aussen entladen, <span class="gesperrt">wenden sich nach Innen</span>— -ist das, was ich die <span class="gesperrt">Verinnerlichung</span> des Menschen nenne: damit -wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« -nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei -Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung -des Menschen <span class="gesperrt">nach Aussen gehemmt</span> worden ist.« »Der Mensch, der -sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in -eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst -zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den -Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,... Mit -ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von -welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des -Menschen—<span class="gesperrt">an sich</span>: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von -der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten -Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit -beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)</p> - -<p>Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen -sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist, -und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch -gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am <span class="gesperrt">Ausgang</span> einer -langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als -Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die -Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form -auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht -und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen, -sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung -reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch -eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind, -beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu -machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, -Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der -grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln -zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, -keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit -einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden -schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des -Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von -Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)</p> - -<p>Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die -Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen -und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht -wehren kann,—so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde -in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse -mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte, -nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte. -Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark -verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner -ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er -wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten, -gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt -gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle -Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium -bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen -Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind, -als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen, -moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu -lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.</p> - -<p>Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der -menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für -deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine -dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände -unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu -verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige -Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt -wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form, -zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die -Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist« -auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle -Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das -Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit« -dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre -Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in -der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum -durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren -werde.</p> - -<p>»Man ist nur <span class="gesperrt">fruchtbar</span> um den Preis, an Gegensätzen reich zu -sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende -Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu <span class="gesperrt">ertragen</span>. Dann ist scheinbare -Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur -ein <span class="gesperrt">Schimpfname für die Herbstzeiten</span>«,—d. h. für die Zeiten der -abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann -Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem -nothwendigen Ende zu,—»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen -<span class="gesperrt">Schritt für Schritt weiter in der décadence</span>.... Man kann diese -Entwicklung <span class="gesperrt">hemmen</span> und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, -aufsammeln, vehementer und <span class="gesperrt">plötzlicher</span> machen: mehr kann man nicht.« -(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische -Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der -Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich -selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der -Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten,... Thierseele auf Erden -etwas so Neues, Tiefes,... Widerspruchsvolles und <span class="gesperrt">Zukunftsvolles</span> -gegeben«,—dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art -des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit -»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, -sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses -Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein -Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,—ein Seil über einem -Abgrunde.... Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke -und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass -er ein <span class="gesperrt">Übergang</span> und ein <span class="gesperrt">Untergang</span> ist.« (Also sprach Zarathustra -I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu -Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden -Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die -Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »... als -welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«</p> - -<p>Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe, -die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht -aufgegeben, sondern noch möglichst <span class="gesperrt">verschärft</span> und zum Ausgangspunkt -seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten -Einsicht hat sie sich ihm zu einem <span class="gesperrt">Gemüthsaffekt</span> gesteigert, und -als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle -seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram -und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach -Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt. -Aus dem <span class="gesperrt">Accent</span>, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus -den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die -übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken -einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.</p> - -<p>Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches -neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des -Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem -Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt -die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung -durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft. -Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit, -eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr -gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die -schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die <span class="gesperrt">Ursache</span> -und <span class="gesperrt">Begleiterscheinung</span> der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren, -werden nunmehr zum <span class="gesperrt">Erkenntniss</span>-inhalt selbst.</p> - -<p>Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit -ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen -Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war -jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig, -obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr -schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit -der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann -zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte -nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille, -als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen -zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen <span class="gesperrt">längeren</span> -und <span class="gesperrt">tieferen</span> Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick -beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für -sein Wollen einstehen—er wurde »das Thier, das <span class="gesperrt">versprechen darf</span>«. -Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von <span class="gesperrt">Mnemotechnik</span>: -sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein <span class="gesperrt">Gedächtniss -einzuverleiben</span> sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also -auch zu sich <span class="gesperrt">Ja sagen dürfen</span>—das ist—eine <span class="gesperrt">späte</span> Frucht:—wie -lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir -uns—ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich -seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte -endlich zu Tage bringt, <span class="gesperrt">wozu</span> sie nur das Mittel war: so finden wir -als reifste Frucht ... das souveraine <span class="gesperrt">Individuum</span>, das nur sich -selbst gleiche,..., kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen -Willens, der <span class="gesperrt">versprechen darf</span>.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.) -Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums -entspricht eine neue Art von <span class="gesperrt">Gewissen</span>, nachdem der Mensch den Moral -Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens—seinen strengen, -nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern—entwachsen ist, und damit das -alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.</p> - -<p>Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner -ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen -Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche -gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die -Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen, -wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt. -Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und -Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits -des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die -einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des -unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem -Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus -gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der -»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen -erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich -der mysteriösen <span class="gesperrt">Herkunft</span> und Abstammung des Willens leugnet, das -versucht er dafür an das <span class="gesperrt">Ziel</span> und <span class="gesperrt">Ende</span> der Willensentwicklung -zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten -langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein -reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben -beherrschender Wille allmählich <span class="gesperrt">geschaffen worden</span>, so ist er damit -in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht -bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus -einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts -mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine <span class="gesperrt">gewaltig angewachsene -und rücksichtslos explodirende Stärke</span> bestimmt,—er ist reines, von -der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen -nicht mehr <span class="gesperrt">metaphysischer</span> Natur, denn es ist geworden, es ist das -<span class="gesperrt">Resultat</span> einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des -Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit -des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit, -denn sie wendet sich nunmehr als eine <span class="gesperrt">unbedingte</span> Macht umgestaltend -und umschaffend <span class="gesperrt">gegen</span> eben die natürlichen Bedingungen, denen -sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein -zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in -seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt, -indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort -kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende -unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)—blos weil man -die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht -mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen -des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende -erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist. -Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden, -aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle -Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller -Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen -Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die -Dinge <span class="gesperrt">hineinerschaffen</span>; darum will Nietzsche an Stelle des »freien« -und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck» <span class="gesperrt">starker</span> -und <span class="gesperrt">schwacher</span> Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21) -und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und -<span class="gesperrt">Entwicklungslehre des Willens zur Macht</span>«. (Ebendas. 23.)</p> - -<p>Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade -»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem <span class="gesperrt">Genie</span> geworden ist, was -sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat. -Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und -Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen -eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, -historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, -gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,... die Zeit, in der sie -erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr -werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie <span class="gesperrt">älter</span> sind, dass -länger auf sie hin gesammelt worden ist;... die Zeit ist relativ -immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.... -»Der grosse Mensch ist ein Ende;... Das Genie—in Werk, in That— -ist nothwendig ein Verschwender: <span class="gesperrt">dass es sich ausgiebt</span>, ist seine -Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; -der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede -solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)</p> - -<p>Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in -ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen -soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine -Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer -Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert -hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden -ist,—Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das -nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem -oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte -Menschheitsbewusstsein,—so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig -ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie -wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es -würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen, -ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst -hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der -Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den -Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung -Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige -Bedeutsamkeit:—mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der -Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als -der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich -Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt -sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein -Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen -uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals -herausgewachsen sind:—Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus -höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine -Art von Atavismus,—darin liegt der wunderlich <span class="gesperrt">reaktionäre</span> Charakter -der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von -der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch, -an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und -Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft -zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur -deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer -lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und -übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem -Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,<a name="FNAnker_2_28" id="FNAnker_2_28"></a><a href="#Fussnote_2_28" class="fnanchor">[2]</a> dass -Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden -seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie -sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die -guten Dinge) <span class="gesperrt">hat</span>, ist ein Andrer, als wer sie <span class="gesperrt">erwirbt</span>. Alles Gute -ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ... -« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren -lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende -und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der -moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz -und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm -Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst -ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.</p> - -<p>»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden -Kraft:... Damit es Institutionen giebt, muss es ... Wille, -Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen -zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte -hinaus, zur <span class="gesperrt">Solidarität</span> von Geschlechter-Ketten vorwärts und -rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant, -durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches -vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer -Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und -wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt -geisselt er die »pöbelhafte<a name="FNAnker_3_29" id="FNAnker_3_29"></a><a href="#Fussnote_3_29" class="fnanchor">[3]</a> Gleichmacherei« aller Menschen und -die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten -mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die -ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren -sind »die <span class="gesperrt">ganzeren</span> Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit -bedeutet, als »die ganzeren Bestien«—).« (Jenseits von Gut und Böse -257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem -solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu -Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,— ja, sie <span class="gesperrt">sind</span> kraft -ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der -bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des -starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,... Ihm fehlt die -Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, -in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, -<span class="gesperrt">zu Recht besteht</span>. Seine <span class="gesperrt">Tugenden</span> sind von der Gesellschaft in Bann -gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem -<span class="gesperrt">Jeden</span> eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten -und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem -seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer -die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich -und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der -Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass -er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres -Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem -Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt -ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich -noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen -Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff -darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der -Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und -ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende -Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und -das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen. -Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie -Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass -Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist, -der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der -dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren -konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu -unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung -bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches -Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode -an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders -auffasste.<a name="FNAnker_4_30" id="FNAnker_4_30"></a><a href="#Fussnote_4_30" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines -rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild -der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch -heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur -der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen -Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches -viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen -Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von -positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im -Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass, -mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen -Zwecke bedurfte, durchzusprechen,—namentlich auch den etymologischen -und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut, -niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen -vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und -gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen -wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch -jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den -Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da -die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber -hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.</p> - -<p>In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten -aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher -und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen -aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft -und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und -Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die -Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint. -In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war -Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen -Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen -Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte -sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des -Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden -verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei -unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral -und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht. -Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und -Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig -mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung -wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze -Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller -moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das -Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr -als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die -Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung -gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den -Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur: -sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen -als »<span class="gesperrt">gut</span>« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also -auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und -halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz -anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser -»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus, -sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt -alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und -erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, <span class="gesperrt">ihren</span> Begriff -»gut« für sämmtliche jenen <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span> Eigenschaften,—also für -das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin -das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«, -das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem -Ȇbermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen -Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen -Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach -Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden -Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild -ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das -Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums -an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den -Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet -haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein, -damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.<a name="FNAnker_5_31" id="FNAnker_5_31"></a><a href="#Fussnote_5_31" class="fnanchor">[5]</a> -Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen -und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen, -weil die eigentliche <span class="gesperrt">Bedeutsamkeit</span> dieser Anschauung für seine -Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht. -Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich -zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für -ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der -Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb -ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang -verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont: -die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches -gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch -nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht -was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene -Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen -sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der -philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen -auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie -interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung -keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,—und -sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war, -wissenschaftlich zu arbeiten.</p> - -<p>Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher -seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)—dass wir »<span class="gesperrt">Immer -in unserer Gesellschaft« bleiben</span>, auch wo wir wähnen, Fremdes -aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet -zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich—: das Andere -höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »<span class="gesperrt">Grenze unseres Hörsinns</span>: -Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort -zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner -Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, -als was mir schon gehört,— das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen -zurück.« (Ebendaselbst 242.)</p> - -<p>Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner -philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher -Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in -seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch -bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem -innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende -und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit -seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es -ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also -sprach Zarathustra III 74.)</p> - -<p>Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein -weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral -geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache, -dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, -<span class="gesperrt">beide</span> Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer -solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von -Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung -entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur, -d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet -und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch -die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche -beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen -des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang, -ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche -Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche -Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur -Weiterentwickelung erst befähigt durch die <span class="gesperrt">Wunden</span>, die ihrer Kraft -beigebracht werden,—denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen, -sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre -Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: <span class="gesperrt">alles -dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment</span>. -»Das Wesentliche,... wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass -lange und in Einer Richtung <span class="gesperrt">gehorcht</span> werde: dabei kommt ... auf -die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf -Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser -Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar, -sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu -züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen, -aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften -und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven -Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um -sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren -Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie -wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den -Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas -Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch -ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr -ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter -Kräfte,—»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra -III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, -Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu -Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den -alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral -I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er -denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender -Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung -hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von -Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch -den Andren,—woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine -Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist -kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender -und Selbst-Untergang. Er wiederholt also <span class="gesperrt">in sich</span> und auf Grund -seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit -genau dasselbe, was einst auf die Menschheit <span class="gesperrt">von Aussen her</span>, durch -Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,—wir -finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese -Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren -widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine -Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, -diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich -selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust -am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die -vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf -lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen, -welches heisst: »Ich bin das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«. -(Also sprach Zarathustra II 49.)</p> - -<p>Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen -Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes -Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten -Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen -hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame -»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen -beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde -der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und -Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er -von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden -und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem -Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können. -Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist -liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte -muthet ihn an als <span class="gesperrt">seine</span> Welt, <span class="gesperrt">seine</span> Sicherheit, <span class="gesperrt">sein</span> Labsal«; -(Zur Genealogie der Moral I 10)—und er beschreibt sein Gegenbild in -der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur, -dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die -Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als -solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze -immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie -als <span class="gesperrt">Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens</span>, die, historisch -betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch -betrachtet, als eine <span class="gesperrt">Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen -Menschen</span> erweisen. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen -Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung -nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten -Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser -sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/nietzsche_003.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p>Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches -»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen -bedeutet, und wie sie sich zum <span class="gesperrt">asketischen Ideal</span> verhält, in -dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche -zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings -damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,—beginnt mit -einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das -bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und -Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand, -an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte. -Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend -ein Uebermenschenthum <span class="gesperrt">gegeben</span> sei, es müsste denn erst <span class="gesperrt">geschaffen</span> -werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein -andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie -sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres -Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle -eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits -hervorzulocken.<a name="FNAnker_6_32" id="FNAnker_6_32"></a><a href="#Fussnote_6_32" class="fnanchor">[6]</a> Daher giebt er den verachteten, gefürchteten, -misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von -keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit -der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen -Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der -Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen -höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen -sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,—dass alles Böseste seine -beste <span class="gesperrt">Kraft</span> ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden; -und dass der Mensch besser <span class="gesperrt">und</span> böser werden muss«. (Also sprach -Zarathustra III 97.)</p> - -<p>Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend -ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst -zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich -steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss: -er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so -kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und -seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,—wandelt -sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet: -»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst -du deine Tugenden lieben,—denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«. -(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass -er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle -Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)</p> - -<p>So gleichbedeutend hiernach <span class="gesperrt">egoistische Kraftauslebung</span> und <span class="gesperrt">Tugend</span> -im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in -Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied -zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral -als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative -verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das -Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder -einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit -der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der -Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so -gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst -III 97.) Das <span class="gesperrt">Uebermaass</span> ist der Weg <span class="gesperrt">zum Uebermenschlichen</span>, deshalb -geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit -seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden -müsstet?—Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, -der ist dieser Wahnsinn!—« (Ebendaselbst I 11.)</p> - -<p>Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines -Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er -betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein -Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht -und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein -»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare -Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der -»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel; -er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert -wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese -Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur -von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei -wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in -der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur -eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während -Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart, -geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu -Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen -im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch, -als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein -Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen« -Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei -Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen -und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den -<span class="gesperrt">Moral-Weg</span>, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings -das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und -steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine -tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man -hingegen Nietzsches <span class="gesperrt">Moral-Ziel</span> genauer ins Auge, so erweist es sich -als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben, -sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern, -sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft -Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters, -wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen -Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth -zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht -minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er -wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob -auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele -nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung -unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer -blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich -einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: -allzuähnlich einander,—allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also -sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen -einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung -auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist -deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten, -aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser -Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.« -(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich -fand immer nur die <span class="gesperrt">Affen</span> ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)</p> - -<p>Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt -der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches -Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang -des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer -hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und -auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung -der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am -Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben, -damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der -Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es -schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,—alle -erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um -sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.</p> - -<p>So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik -auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,—in -dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln -eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 = -Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der -That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen -voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart -werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und -wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss, -kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht; -das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den -Untergehenden, der zermalmt werden muss,—es bedeutet: Euch adelt die -Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler -zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines -nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst -ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten -Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man -hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen -Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche -Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des -Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der -Zukunftsschöpfer, »—zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein -inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. -Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner -Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! -Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine -stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)</p> - -<p>Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den -Lehren Nietzsches,—vor der Frage: Wie denn die Entstehung des -Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn -Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung -dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches -Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden, -gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine -Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische -Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für -sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit -damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller -wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische -Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem -<span class="gesperrt">Leiden am eignen Selbst</span> wird. Aus der Qual eines solchen Leidens -heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem -<span class="gesperrt">eignen Gegensatz</span> erwachsen,—die Sehnsucht des Starken, Unmässigen, -Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der -Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten -Reinheit,—die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben -besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich, -dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz -durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So -erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten -Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der -sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen <span class="gesperrt">schon in der -Vorstellung</span> austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser -schnellen Ausschweifung folgt,—er erhebt sich nunmehr ȟber sich«, -wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit -dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines -eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen -Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für -eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das -eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen -Uebermaasses bewahre,—dass es sie nicht schwäche, zügele, massige, -»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen. -Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen -es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in -sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner -Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der -Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines, -sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen -Wesens, —aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da -keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander -nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit -bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund -zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren -gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der -menschlichen Triebe,—auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine -leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche <span class="gesperrt">Maske</span>, -der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich -gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf -erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass -es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln: -der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber -eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu -einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen -hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung -zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten -zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am -grundsätzlichsten in seine Theorien auf,—aber nur in den äussersten -Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel -zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich, -um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man -kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse -verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie -tief—tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen -Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.</p> - -<p>Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der -von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe -als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im -vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine <span class="gesperrt">Fähigkeit</span> -zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine -Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.</p> - -<p>Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung -glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche, -Farbenspiel ... werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«; -(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden, -der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und -die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und -gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,—die Kunst, sich vor -sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige -niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der -Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche -angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem -Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert, -seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich -entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als -Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung -bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von -Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug, -hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit -nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches -Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein -<span class="gesperrt">Kunstwerk</span> ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: -»... man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, -als ihren <span class="gesperrt">höchsten</span> Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das -künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen -und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits -von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht -Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu -diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das -<span class="gesperrt">Kunstwerk des Menschen</span>. Und wollen wir uns davon ein Bild machen, -so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in -seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte, -wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der -Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen, -welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden -sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das -Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken -gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt -werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das -Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich -selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung -ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der -griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die -apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen -Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so -verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild -des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol -im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner -Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des -Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.</p> - -<p>So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in -die Aesthetik überfliesst,—in eine Art von religiöser Aesthetik,—und -dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des -Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen -muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer -phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer -und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade -dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die -Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen -vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er -von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem—Unvermögen, -als von seiner reichen Kraft.... eine ungeheure Lüsternheit nach -dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er -seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.« -(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung -des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen -Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung, -auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,—als ein <span class="gesperrt">ästhetisches -Phänomen</span> denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des -Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine -geschaute und nachgelebte <span class="gesperrt">Vision</span> hervortreibt. »... von Niemandem -will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst -es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen, -»aber gerade dem Helden ist das <span class="gesperrt">Schöne</span> aller Dinge Schwerstes. -Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.... Diess nämlich -ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, -naht ihr, im <span class="gesperrt">Traume</span>,—der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach -Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann:—ein -Schatten kam zu mir—aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam—zu -mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn -»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«—»Was wäre denn schön, wenn -nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre, -wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin -hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis -zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht -er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund -aus hässlichen. »Ein <span class="gesperrt">Hass</span> springt da hervor:... Er hasst da -aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist -Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,—es ist der tiefste Hass, den -es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst <span class="gesperrt">tief</span>....« (Götzen-Dämmerung -IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die -grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des -schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins -ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang -weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur -»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich -seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft -bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand -der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen -Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl -der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die -Dinge ab, man <span class="gesperrt">zwingt</span> sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt -sie,—man heisst diesen Vorgang <span class="gesperrt">Idealisiren</span>.« (Götzen-Dämmerung IX -8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: -was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, -überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, -bis sie seine Macht wiederspiegeln,... Dies Verwandeln-<span class="gesperrt">müssen</span> in's -Vollkommne ist—Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)</p> - -<p>Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter, -indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein -ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem -Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die -Menschen und Dinge zu <span class="gesperrt">vergöttlichen</span>, sie ins Gotthafte aufzulösen, -um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche -nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen -angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das -grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat -des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,—zum ersten -Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach -Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung -Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle -in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon -bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus -dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch, -er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen -täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein -ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt -aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in -einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,—im Sinn eines religiösen -Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum -ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das -Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern -Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden -ist, es enthalte in dichterischer Form eine <span class="gesperrt">Popularisirung</span> dessen, -was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In -Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke; -denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie -gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie -hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem -mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das -tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der -Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man -den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und -religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde -liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem -Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,—aus dem Sehnen, -seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben, -den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und -Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott -oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen -Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die -Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten« -anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm -gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen -der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra -keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf -sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »—was sagte dir einst -Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?—Aber auch Zarathustra -ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches -Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich -als Sein und Wesen zu geben,—ja, dass alle höchste Wahrheit in der -<span class="gesperrt">Scheinwirkung</span>, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner -mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden, -sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts -Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von -Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler -ernst,—sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)</p> - -<p>Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen -Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass -es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten -nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte -Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«, -der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu -überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht -vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen -Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine -Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend -eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber -spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken -abliest: »—warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern—als -zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu: -»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen -Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! <span class="gesperrt">Vielleicht betrog er -euch</span>.... Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines -Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« -(I 111.)</p> - -<p>Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und -Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht -wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm <span class="gesperrt">religiös</span> eine Wahrheit -zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und -hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich -selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu -entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in -dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt -unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive -Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und -ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die -wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu -malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die -Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen -Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang -hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich -selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen -Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf -der einen—der menschlichen—Seite in demselben Maasse vertieft -werden, als auf der anderen—der übermenschlichen—das Licht heller -hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer -Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen -der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten -Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen -Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich -derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der <span class="gesperrt">christlich-asketischen -Gottschöpfung</span> gemacht hat: es sei in ihr des Menschen <span class="gesperrt">Wille</span> gewesen, -»ein Ideal aufzurichten..., um angesichts desselben seiner -absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies -Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen -düsteren entnervenden Traurigkeit.... Hier ist <span class="gesperrt">Krankheit</span>, -es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im -Menschen gewüthet hat:—und wer es noch zu hören vermag ... wie in -dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei <span class="gesperrt">Liebe</span>, der Schrei des -sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe geklungen hat, -der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im -Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II -22.)</p> - -<p>Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des -Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime -Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten -die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip -gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht -geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft -und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,—und -so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten -Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische -Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere -als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem -tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift -Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder -seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das -ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den -metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges -an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten -Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus. -Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und -wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer -Lebenskräfte heraus zu <span class="gesperrt">schaffen</span>, ist die psychische Voraussetzung -die gerade <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span>: das Schöne soll das Willensleben im -Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und -zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische -Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung -von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist -daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche -gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das -Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt, -ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als -eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch -das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider -Anschauungen: beide gehen durch das <span class="gesperrt">Tragische</span> in das Selige ihrer -Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«<a name="FNAnker_7_33" id="FNAnker_7_33"></a><a href="#Fussnote_7_33" class="fnanchor">[7]</a> -hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des -Lebens. Das Leben, als »das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«, -fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den -Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem -solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher -Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen, -der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem -er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer -Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der -»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der -»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des -tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der -dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die -für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille -hergestellt wurde,—jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens -selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus -das Lichte und Göttliche zu gestalten.<a name="FNAnker_8_34" id="FNAnker_8_34"></a><a href="#Fussnote_8_34" class="fnanchor">[8]</a> Ursprünglich war er ihm ein -Zeugniss für die—in Schopenhauerischem Sinne—tief pessimistische -Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich -als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als -der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass -genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der -triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:... in -den dionysischen Mysterien ... spricht sich die <span class="gesperrt">Grundthatsache</span> -des hellenischen Instinkts aus—sein »Wille zum Leben«. <span class="gesperrt">Was</span> verbürgte -sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das <span class="gesperrt">ewige</span> Leben, die ewige -Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und -geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;... -In der Mysterienlehre ist der <span class="gesperrt">Schmerz</span> heilig -gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,... -Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille -zum Leben sich ewig selbst bejaht, <span class="gesperrt">muss</span> es auch ewig die »Qual der -Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:....« -(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX -22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene -schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische, -denn in ihr zeugt der Künstler aus dem <span class="gesperrt">Furchtbaren das Schöne</span>. »<span class="gesperrt">Was -theilt der tragische Künstler von sich mit</span>? Ist es nicht gerade der -Zustand <span class="gesperrt">ohne</span> Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er -zeigt?... Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem -mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das -Grauen erweckt—dieser <span class="gesperrt">siegreiche</span> Zustand ist es, den der tragische -Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das -Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, -wer Leid aufsucht, der <span class="gesperrt">heroische</span> Mensch preist mit der Tragödie sein -Dasein,—ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten -Grausamkeit.—« (IX 24.)</p> - -<p>»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und -Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans -wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des <span class="gesperrt">tragischen</span> Gefühls,... -Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten -Problemen; der Wille zum Leben, im <span class="gesperrt">Opfer</span>seiner höchsten Typen der -eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend—<span class="gesperrt">das</span> nannte ich dionysisch, -<span class="gesperrt">das</span> errieth ich als die Brücke zur Psychologie des <span class="gesperrt"><span class="gesperrt">tragischen</span></span> -Dichters. <span class="gesperrt">Nicht</span> um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,...: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust -des Werdens <span class="gesperrt">selbst zu sein</span>,—jene Lust, die auch noch die <span class="gesperrt">Lust am -Vernichten</span> in sich schliesst....« (X 5.)</p> - -<p>Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten -Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner -Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und -der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,—seine Lehre von -der <span class="gesperrt">ewigen Wiederkunft aller Dinge</span>. So sehr Nietzsches System -»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte, -ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens, -denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts -anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt -und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen -Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl -sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament, -als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der -er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist, -und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle -findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen -verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und -Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den -Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf -des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im -vorletzten Aphorismus des Buches »<span class="gesperrt">Das grösste Schwergewicht</span>«, als -eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, -ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: -»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch -einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues -daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und -Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir -wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge—und ebenso diese -Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser -Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer -wieder umgedreht—und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«—Würdest du -dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon -verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren -Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott -und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt -bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht -zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal -und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf -deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben -gut werden, um nach nichts <span class="gesperrt">mehr zu verlangen</span>, als nach dieser letzten -ewigen Bestätigung und Besiegelung?—«</p> - -<p>Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor—fast deutlicher und -unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es -nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und -erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen -Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz -unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle -hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der -ernsten Schlussbetrachtung »<span class="gesperrt">Incipit tragoedia</span>« nicht merkt,—»so -heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt <span class="gesperrt">uns</span> überhört!« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er -denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste -unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch -am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat -der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist -Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.</p> - -<p>Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit -einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen« -wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als -unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen. -Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein -Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm -unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen -Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der -That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr -für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der -Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche -nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen -qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche -Maske.</p> - -<p>Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich -ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu -wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung -des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren -Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,—einen Widerspruch, -der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung -seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt -diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit -knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der -Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft -giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«</p> - -<p>Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der -Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner -eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen -letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen -lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik -zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte, -während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der -Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle -unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den -»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett. -Heftiger Anfall. <span class="gesperrt">Ich verachte das Leben</span>. F. N.« So lautete einer der -Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und -dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach -Vollendung jener Composition schrieb:</p> - -<blockquote> - -<p>»Meine liebe Lou,</p> - -<p>Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens -<span class="gesperrt">bedarf</span> ich etwas des Wohlthuenden!</p> - -<p>Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik -zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei—Sie werden -Ihre Nebengedanken dabei haben. <span class="gesperrt">Es kostet mich immerfort -noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich -habe viel vor mir, auf mir</span>, hinter mir;...</p> - -<p><span class="gesperrt">Vorwärts</span> ... <span class="gesperrt">und aufwärts</span>!...«</p></blockquote> - -<p>Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch -keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte -die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie -weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten -eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus -Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es -möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine -wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es, -wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre -ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren -absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges, -als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.</p> - -<p>Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten -Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem -Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber -wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein -oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche -Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen -Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der -verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig -beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe -seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal -befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon -entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt -sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, -wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es -entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in -dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar -wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer -unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit -werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung -an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als -endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere -Eingebung—seine eigene persönliche Eingebung.</p> - -<p>Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und -des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden -Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt -uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die -Entstehungsursache seiner Theorien. Eine <span class="gesperrt">neue tiefere Bedeutsamkeit -der Dinge</span>, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten -Problemen—dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als -Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die -Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre -mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar -zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der -Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem -Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,—ja er ertrug -sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und -zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem <span class="gesperrt">Sinn</span>, nach dem tiefsten -Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man -sein <span class="gesperrt">warum</span>? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem <span class="gesperrt">wie</span>?« -sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als -die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen -Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.</p> - -<p>So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual -einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an -ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,—und er begehrte dies so -inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen -Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine -schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.</p> - -<p>Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens -eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass -und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen -Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche -scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere -Voraussetzung für ihn bilden.</p> - -<p>In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen -Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das -Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der -Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels, -um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und -Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu, -dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen -könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss -sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung -dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als -zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese -Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender -Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige -Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das -sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen -durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess -nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch -eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über -das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später, -als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und -unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm -jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den -Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab, -ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins -Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren -verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete -Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer -Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches. -Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das -in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt, -gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben -zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten -That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss -und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn, -dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die -thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.</p> - -<p>So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus -seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik -zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste -steigert,—dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und -Lebensschmerz als ein <span class="gesperrt">Sprungbrett</span> zu benutzen, von dem er sich in die -Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.</p> - -<p>In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet, -eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben -eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende -Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem -Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend -gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer -aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen -zu können;—damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine -Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird -in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem -schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue -Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.</p> - -<p>In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie -das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung -des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung -und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen -Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder -verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist -von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht <span class="gesperrt">Befreiung</span> von dem -Wiederkunftszwange, sondern freudige <span class="gesperrt">Bekehrung zu ihm</span> ist das Ziel -des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära -der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen -ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen -Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der -Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der -Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen -liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet -worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch -betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken -und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte. -Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der -Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten -Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten <span class="gesperrt">Accent</span>, -den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des -Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir -»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur -durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns -mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir -uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen -selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die -<span class="gesperrt">auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe</span> ist deshalb das -einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die <span class="gesperrt">bis zum Rausch -entfesselte Lebens-Exaltation</span> nimmt die Stelle ein der religiösen -<span class="gesperrt">Erhebung</span>, ja, eines Gottes-Kultus.</p> - -<p>Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue -Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und -Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer -räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus -in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen -Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt -dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; -wer wirklich einmal ... in die weltverneinendste aller möglichen -Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat..., der hat -vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen -für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten, -lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, -was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, -<span class="gesperrt">so wie es war und ist</span>, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, -<span class="gesperrt">unersättlich da capo</span> rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen -Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im -Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat—und nöthig macht: -weil er immer wieder sich nöthig hat—und nöthig macht.... Wie? Und -dies wäre nicht—circulus vitiosus deus?«</p> - -<p>In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der -Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus -hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie -ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.</p> - -<p>Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen -mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene -Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,—und andererseits -wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen, -Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es -zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem -einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie -aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen: -eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der -ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine -Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d. -h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem -schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt -sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um -den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als -solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende -und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das -heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als -ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum -wird Alles—wie? vielleicht zur »Welt«?—« (das heisst: durch die -vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur -er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch -dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die -Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen -äussert).</p> - -<p>Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches -Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in -ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des -Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie, -und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein -Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir -haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu -einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie, -das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in -Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart -zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und -als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund -der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen -Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein -<span class="gesperrt">unendlicher</span>, sondern ein sich in seiner Begrenzung <span class="gesperrt">stetig -wiederholender</span> ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren, -in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein -solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die <span class="gesperrt">Richtung</span> -auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,—nur so wird diese -letztere zu mehr als einer Hypothese,—wird sie zu einer <span class="gesperrt">That</span>. -Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und -zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen -vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und -Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie -in beseligende Erlösung umzusetzen.<a name="FNAnker_9_35" id="FNAnker_9_35"></a><a href="#Fussnote_9_35" class="fnanchor">[9]</a> Streift aber Nietzsche je -einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt -er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:—Aber was -rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu -schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein -freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,—was -allein <span class="gesperrt">Zarathustra</span> freisteht, <span class="gesperrt">Zarathustra</span> dem <span class="gesperrt">Gottlosen</span> ...« (Zur -Genealogie der Moral II 25.)</p> - -<p>Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches -Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als -Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten -wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen -und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen -Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände -und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche -sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu -bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das, -nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit -aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,—für den -fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit -der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich -zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform -geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem -übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden -und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die -Welt erlösen sollte:—»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das -neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der -Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)</p> - -<p>Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches, -sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die -Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch, -mit dem <span class="gesperrt">Menschheitssinn</span> selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«, -der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche -Nietzsche-Erscheinung überragt,—er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus -ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines -Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen -fernsten Ursprüngen an,... daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu -Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben -von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen -erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch -meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)</p> - -<p>So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein -Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder -von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies -für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen -Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und -bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium -steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein, -mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte -ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus -verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen -erhebt!«</p> - -<p>War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem -Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er -sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk -»<span class="gesperrt">Der Wille zur Macht</span>« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt -geschaffen gedacht haben,—d. h. von einem Ewigen und Freien, -dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er -ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin -Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist -Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen: -»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, -meinen <span class="gesperrt">Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste</span>.—« -Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des -Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits -frei schaffend über demselben.</p> - -<p>So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer -Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich -doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das -Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als -des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat -gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens -hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich -in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später, -aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch -seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um -schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt -zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei -Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit -und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue, -aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende -ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der -thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit. -Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht, -braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten -Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und -die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in -sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt -er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in -positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers -Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an -das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des -gesammten historischen Gewordenseins ... ein Streben nach Genialität -der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte -Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die -nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34) -den Aphorismus <span class="gesperrt">Historia abscondita</span>: »Jeder grosse Mensch hat eine -rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die -Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus -ihren Schlupfwinkeln—hinein in <span class="gesperrt">seine</span> Sonne.« Ferner (337): »... wer die Geschichte der Menschen insgesammt als <span class="gesperrt">eigene</span> <span class="gesperrt">Geschichte</span> -zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung -allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der -an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt -wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend -der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und -den Verlust des Freundes brachte—; aber diese ungeheure Summe von -?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein, -der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein -Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor -sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen -Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten -Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen -noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen, -Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der -Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl -zusammendrängen:—diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der -Mensch noch nicht kannte,—eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, -voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am -Abend, fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt -und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt, -wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses -göttliche Gefühl hiesse dann—Menschlichkeit!«</p> - -<p>Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem -Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des -historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt -im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung -hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in -»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft -des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das -vergangenen Zuständen angehört: »Alle <span class="gesperrt">stärkeren</span> Stimmungen bringen -ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie -wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der -individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig -auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der -Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,—denn der Einzelne ist ein -Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch -fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54) -Bezug genommen, in dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Das Bewusstsein vom Scheine</span>«: »Wie -wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich -mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für -mich <span class="gesperrt">entdeckt</span>, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte -Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, -fortliebt, forthasst, fortschliesst,—ich bin plötzlich mitten in -diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume -und dass ich weiterträumen <span class="gesperrt">muss</span>, um nicht zu Grunde zu gehen: wie -der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was -ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines -Wesens,—was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben -nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske, -die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte! -Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in -seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein -und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,—dass unter allen -diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass -der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu -ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die -erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das -höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und -die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben -damit <span class="gesperrt">die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten</span>.«</p> - -<p>Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu -seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer -Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem -Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und -Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes -gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung, -dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer -schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke -später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten -Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in -tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf -Schläge verkündet:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Eins</span>!<br /> -Oh Mensch! gieb Acht!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwei</span>!<br /> -Was spricht die tiefe Mitternacht?<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Drei</span>!<br /> -»Ich schlief, ich schlief—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Vier</span>!<br /> -»Aus tiefem Traum bin ich erwacht:—<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Fünf</span>!<br /> -»Die Welt ist tief,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sechs</span>!<br /> -»Und tiefer als der Tag gedacht.<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sieben</span>!<br /> -»Tief ist ihr Weh—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Acht</span>!<br /> -»Lust—tiefer noch als Herzeleid:<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Neun</span>!<br /> -»Weh spricht: Vergeh!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zehn</span>!<br /> -»Doch alle Lust will Ewigkeit—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Elf</span>!<br /> -»—will tiefe, tiefe Ewigkeit!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwölf</span>!<br /> -</p> - -<p>Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum -starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an -die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen -Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im -<span class="gesperrt">Lebenserlöschen</span>, in der <span class="gesperrt">Lebenssteigerung</span> zu suchen sei. Aber wie -sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems -einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass, -nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser -extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich -nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung -vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist -schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den -übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben -hat;—es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht -werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller -Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen, -als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit -denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.<a name="FNAnker_10_36" id="FNAnker_10_36"></a><a href="#Fussnote_10_36" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von -Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines -Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der -That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss -oder Analogon,—denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen -des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen -zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets -eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten -Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt -seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also -sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst -1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit -sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden -glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und -förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit -diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte -Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an -verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen. -(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »<span class="gesperrt">Traum und -Kultur</span>« und 113 »<span class="gesperrt">Logik der Traumes</span>«.) Dort meint er noch, dass -die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der -Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der -im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an -die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch -heute die Wilden, <span class="gesperrt">auch im Wachen</span> so verfahren habe, wie wir jetzt -im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr -von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen -<span class="gesperrt">Reproducirung</span> eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der -»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum -schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im -Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten -Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass -im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,—den anderen, dass das -Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion -zu vergleichen sei,—aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der -Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen -Lebens sei,—das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum, -dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben. -Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von -allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle, -Unergründliche des Lebens-Untergrundes,—nicht nur der gewesenen -Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch -sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht -aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren -Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer -Dionysos-Zustände,... ja, <span class="gesperrt">der Wahnsinn selbst</span>, als ein Zurücksinken -in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien -ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener -Menschheitsschichten.</p> - -<p>Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer -möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin -gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung -ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf: -»Nur wer schreckt—führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die -folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines -die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius -erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren -des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der -Menschheit Vorgeschichte wieder: ...; sein Gedächtniss <span class="gesperrt">greift -einmal weit genug rückwärts</span>, während sein civilisirter Zustand sich -aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen -jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster -Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, <span class="gesperrt">versteht -die Menschen nicht</span>.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein -solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im -»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft -geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung -ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der -Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »... wenn—trotzdem -neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer -wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften -Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen -Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches -und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn -sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und -Unberechenbares...? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger -Unfreiwilligkeit trug, ..., das den Wahnsinnigen dergestalt -als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?... -Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen -Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend -einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, -<span class="gesperrt">wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren</span>, Nichts übrig, als sich -wahnsinnig zu machen oder zu stellen.... »Wie macht man sich -wahnsinnig, wenn man es nicht ist...?« diesem entsetzlichen -Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren -Civilisation nachgehangen;... Wer wagt es, einen Blick in die -Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in -welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten -geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören: -»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich -endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche -Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie -kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten, -lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich -bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe -das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen -Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der -Verworfenste von Allen....« (Morgenröthe 14.)</p> - -<p>Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich -auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt -werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später -Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging -aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden, -von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des -Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle -ein Neues und Herrliches <span class="gesperrt">schaffen</span>. Aber da dieses Geschaffene -ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit -seiner eigenen Zuversicht,—an sich war es ja gar nicht vorhanden. -Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen -sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank; -unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden -Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen -Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem -auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang -zufallen,—für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung; -mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu -seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,—für diesen war es nur der -Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in -sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung« -(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung -von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem -Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits -von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als -Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor -den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn -in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen -Glanz: »Sollte nicht erst der <span class="gesperrt">Gegensatz</span> die rechte Verkleidung sein, -in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und -Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei -Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske. -Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen, -während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt, -das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins -Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Hier ist -die Aussicht frei</span>« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung, -dass es Grösse der Seele sein könne, »<span class="gesperrt">dem Unwürdigsten</span>« ohne -Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein -Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit; -ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«</p> - -<p>So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte -Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das -Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste. -Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer -selbstvernichtenden <span class="gesperrt">That</span>, durch welche, in persönlichem Handeln -und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich -verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre -in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt -gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben -zurückverwandelt,—entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen -in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II -35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich, -anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer -Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen, -so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die -<span class="gesperrt">rein menschliche Lebenstragödie</span>. Zarathustras erlösende Weltthat -ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der -Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis -erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches -Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer -aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer -solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst -du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund—das ist jetzt in Eins -beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen -Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich -Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar -verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die -Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.</p> - -<p>»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich—hörte -nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss. -Ach, abgründlicher Gedanke, der du <span class="gesperrt">mein</span> Gedanke bist! Wann finde -ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis -zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein -Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch -wagte ich niemals, dich <span class="gesperrt">herauf</span> zü rufen: genug schon, dass ich dich -mit mir—trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden -Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die -Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst -befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,—das lachende -selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht, -weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:</p> - -<p>»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden -weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss. -Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. -Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem—, nie hörte ich -solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es -ohne Stimme zu mir: »<span class="gesperrt">Du weisst es, Zarathustra</span>?«—Und ich schrie -vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem -Gesichte:... Da geschah -ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss -und das Herz aufschlitzte!... Und wieder lachte es und -floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich -aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern....« Also sprach Zarathustra II 97 ff.</p> - -<p>Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:</p> - -<p>»Eines Morgens, ..., sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie -ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als <span class="gesperrt">ob -noch Einer</span><a name="FNAnker_11_37" id="FNAnker_11_37"></a><a href="#Fussnote_11_37" class="fnanchor">[11]</a> auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle.... -Zarathustra aber redete diese Worte:</p> - -<p>Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und -Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich -schon wach krähen!</p> - -<p>Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! -Auf! Auf! Hier ist Donners genug, <span class="gesperrt">dass auch Gräber horchen lernen</span>!<a name="FNAnker_12_38" id="FNAnker_12_38"></a><a href="#Fussnote_12_38" class="fnanchor">[12]</a></p> - -<p>Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre -mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für -Blindgeborne.</p> - -<p>Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist -das <span class="gesperrt">meine</span> Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie -heisse—weiterschlafen!<a name="FNAnker_13_39" id="FNAnker_13_39"></a><a href="#Fussnote_13_39" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln—reden -sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!</p> - -<p>Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher -des Leidens, der Fürsprecher des Kreises—dich rufe ich, meinen -abgründlichsten Gedanken!</p> - -<p>Heil mir! Du kommst—ich höre dich! Mein Abgrund <span class="gesperrt">redet</span>, meine letzte -Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!</p> - -<p>Heil mir! Heran! Gieb die Hand ... ha! lass! Haha!... Ekel, Ekel, -Ekel ... wehe mir!«</p> - -<p>Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als -eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen -Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn -den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch -die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und -Sinn ist,—die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft -hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung -einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du -geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise -mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals -und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung -überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben, -das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das -eigne Wissen,—wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: -gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr -das schon? <span class="gesperrt">Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen -soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute</span>,—wusstet -ihr das schon?«</p> - -<p>So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an -deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in -die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,—nicht hineinklettern lässt es -sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir -nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, <span class="gesperrt">noch auf deinen -eigenen Kopf zu steigen</span>: wie wolltest du anders aufwärts steigen?... -Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun -und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,—hinan, -hinauf, bis du auch deine Sterne noch <span class="gesperrt">unter</span> dir hast!« (Also sprach -Zarathustra III 2 f.)</p> - -<p>Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen -nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche -Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt -und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden, -umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine -Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken, -die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes -Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur <span class="gesperrt">können</span> -wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen, -welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir <span class="gesperrt">sollen</span> ihm auch -nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die -völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten -seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns -zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang -aber leuchten uns die Worte entgegen:—nun ist deine letzte Zuflucht -worden, was bisher deine <span class="gesperrt">letzte Gefahr</span> hiess! das muss nun dein -bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!... hier -soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den -Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach -Zarathustra III 2.)</p> - -<p>Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns -unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen -her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach, -ich begann meine einsamste Wanderung!... Eben begann meine letzte -Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese -schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch -muss ich nun <span class="gesperrt">hinab</span> steigen!... tiefer hinab in den Schmerz als -ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es -mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.</p> - -<p>Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, -dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein -geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. <span class="gesperrt">Aus dem Tiefsten muss das -Höchste zu seiner Höhe kommen</span>.—« (III 2 ff.)</p> - -<p>So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des -Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge -stehe ich : <span class="gesperrt">darum</span> muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg« -(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren -vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und -Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um -Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem -Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm -treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, -gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich -denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn -mich einst meine Klugheit verlässt:... möge mein Stolz dann noch mit -meiner Thorheit fliegen!</p> - -<p>—Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)</p> - -<p>So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang -und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.</p> - -<p>Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr -eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der -es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und -Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise -durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu -finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der -Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt -(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen -ist,—wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim -Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? <span class="gesperrt">In jedem -Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand</span>.« -In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis. -Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem -ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher -bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen <span class="gesperrt">glaubenheischenden</span> -Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere -Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die -Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt -und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt. -Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner -pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches -hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng -individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem -eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit -sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die -je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,—bis er den Verstand -selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab, -<span class="gesperrt">absetzt</span> und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem -Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch -eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in -dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er -seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»— — — — — — — — — — — — — — —<br /> -Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....<br /> -<br /> -Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,<br /> -Das Fest der Feste:<br /> -Freund <span class="gesperrt">Zarathustra</span> kam, der Gast der Gäste!<br /> -Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,<br /> -Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss....<br /> -</p> - -<p>wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem -wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.</p> - -<p>Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein, -diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem -Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die -Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger -Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des -Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie. -Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben -und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und -dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von -mystischer Bedeutung untergelegt,—gerade so wie der Schöpfer-Philosoph -dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich -selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle -vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet. -»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch, -also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner -Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder -rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen -Zukunft zu trennen.</p> - -<p>Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte -auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er -den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder -von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien -ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere -angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit, -dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst -und dessen Sinn festgehalten werde,—aber deshalb dürfen sie nunmehr -auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden -sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen -er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so -häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick -und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten -seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit -seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen -entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er -seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein -individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt, -dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern -Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als -unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte -dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in -cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut -und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu -Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals -ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der -im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr -nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles -um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche -jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die -er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und -Gewollten, eine <span class="gesperrt">Summirung</span> des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit -dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim—mein -eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut -unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)</p> - -<p>Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren -Ueberzeugungen; er <span class="gesperrt">wollte</span> vergessen, wie oft sie die Richtung seines -Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das -Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die -»<span class="gesperrt">Moral für Häuserbauer</span>«, so dachte er und ignorirte, dass es für -seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist -also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen -Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die -abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran -glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können. -Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz -besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie -an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,—Wagner gegenüber in -der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem -interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und -wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem -Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem -Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges -Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.</p> - -<p>Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig -und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom -September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von -»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren -Schriften seien »<span class="gesperrt">zurückzudatiren</span>«, sie redeten <span class="gesperrt">nur</span> von dem, -was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits <span class="gesperrt">überwunden</span>, was bereits -<span class="gesperrt">hinter</span> ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden, -habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die -vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer -Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen -ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen -Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die -nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen -Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam -mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort -anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten -Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass -man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere -Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den -vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine -Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und -verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener -Maske nur <span class="gesperrt">sich selbst</span>, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze -zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche -Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung -nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,—das vermochte nur -der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich -geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche -nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und -Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der, -wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer -zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber -durchzusetzen.</p> - -<p>Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »<span class="gesperrt">Umwerthung -aller Werthe</span>« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht -worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig, -abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede -vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer -Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte -heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster -Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie -geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter -Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist, -in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen -seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon -stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen« -und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden -Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich -mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch -abfindet,—und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein -Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt -und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie -fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig -verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde -Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die -Erwartung des Kommenden mischt.<a name="FNAnker_14_40" id="FNAnker_14_40"></a><a href="#Fussnote_14_40" class="fnanchor">[14]</a> In dieser Erschütterung sehen wir -ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung -hinübergleiten.</p> - -<p>Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885 -entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung, -der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus -seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und -da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten -Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht -das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den -Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen -verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen -Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag, -dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen -Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte, -dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit -für immer zu rechtfertigen,—und dass er als ihren höchsten Gedanken -die <span class="gesperrt">ewige Wiederkunft</span> des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen -wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken -ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite -das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten -Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen -nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst -du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt -Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher -als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7). -Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte -mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also -sprach Zarathustra IV 87.)</p> - -<p>Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied -er—lachenden Mundes, »rosenumkränzt«—das Leben entschuldigend, -rechtfertigend, verklärend—. In dionysischen Dithyramben klang sein -Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein -Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch -Zarathustra.</p> - -<p>Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst: -schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft -200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens -froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als -ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch -Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber, -durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag, -psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als -mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn -und Werth seiner Werke.</p> - -<p>Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen -entgegen: das Gelächter eines Irrenden—und das Lächeln des -Ueberwinders.</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_27" id="Fussnote_1_27"></a><a href="#FNAnker_1_27"><span class="label">[1]</span></a> Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den -Werken seiner vorhergehenden Periode: -</p> -<p> -»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten« -Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese -dem Bedürfniss verdankt werden.... man hat nur den inneren -Wunsch, dass es so sein möge,—also dass das Beseligende auch das -Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute -einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon -<span class="gesperrt">verleiten lassen</span> oder nicht,—das bestimmte damals für ihn geradezu -die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir ... Feinheit und Genie, -wenn der Mensch ... schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei -sich duldet, wenn <span class="gesperrt">das Verlangen nach Gewissheit</span> ihm nicht als die -innerste Begierde und tiefste Noth gilt,—als Das, was die höheren -Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft -2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen <span class="gesperrt">der -wahren Grösse</span> des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen -Genialität, »das <span class="gesperrt">reine, reinmachende Auge</span>, das nicht aus ihrem -Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst -von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine -Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes—ihre -»Vernünftigkeit«—als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend -fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens -beleidigt oder beschämt wurden,...: so wäre die Menschheit längst -zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als -ihre grösste Gefahr der ausbrechende <span class="gesperrt">Irrsinn</span>—das heisst eben das -Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in -der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande. -Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des -Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines -Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste -Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander -übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen.... -schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube) - ... verlangt,... macht Künstler und Dichter zu -Ueberläufern:—diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine -förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches -Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte -sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und -Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich -von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des -Geistreichen, Hinreissenden, <span class="gesperrt">Belebenden, Kräftigenden</span> machen.« Gleich -ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber -einen <span class="gesperrt">Kraftzuwachs</span> zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche -Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten -Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird -überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und -bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität -zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen -unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn -der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,—wenn es sich -auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches, -Allzumenschliches I 635.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_28" id="Fussnote_2_28"></a><a href="#FNAnker_2_28"><span class="label">[2]</span></a> Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I -147 Nietzsches Protest gegen »<span class="gesperrt">die Kunst als Todtenbeschwörerin</span>«, -weil sie die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen -beeinflussen will. »Sie flicht, ..., ein Band um verschiedene -Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein -Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch -wirkt dasselbe schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und -»Todtenbeschwörer« dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle -Menschen«, denn sie »schätzen ein Stück Vergangenheit von dem -Augenblick an höher, von dem an sie es nachzuempfinden vermögen«. -(Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so meinte er, dem Gefühlsüberschwang -möglichst entgegenwirken, der uns in verschiedenster Art von aller -vergangenen Kultur allmählich überkommen ist; sich darin gehen lassen, -käme einer Annäherung an Wahnsinn und Krankheit gleich: »... die -ganze Last unsrer Kultur ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung -der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die -kultivirten Klassen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind -und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn -nahe gerückt ist.... dennoch macht sich eine <span class="gesperrt">Verminderung</span> jener -Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Kultur-Last nöthig,... -wir müssen den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher -kälter und skeptischer macht....« (Menschliches, -Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der höheren Kultur -nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf -diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse am Wahren -hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die -Phantastik erkämpfen sich ... ihren ehemals behaupteten Boden: der -Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist die nächste -Folge.« (I 251.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_29" id="Fussnote_3_29"></a><a href="#FNAnker_3_29"><span class="label">[3]</span></a> Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die -demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte -Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)—Unmöglichkeit fürderhin, dass die -Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen -Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen -Barbaren, gegen Seuchen, gegen <span class="gesperrt">leibliche und geistige Verknechtung</span>!« -(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »... die wildesten -Kräfte brechen Bahn,... damit später eine mildere Gesittung hier -ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien—Das, was man das Böse -nennt—sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I -246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren -Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es ... keiner -Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen -Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später -ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und -Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die -Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der..., gegen abweichende -Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer -früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn -die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und -zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein -<span class="gesperrt">zurückgebliebener</span> Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an -Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, <span class="gesperrt">alles Wachsende und Werdende -liebevoll empfindet</span>,—kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, -beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,—das ist -ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen -entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die -rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der -andere lebt auf deren <span class="gesperrt">höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von -dem wilden Thier</span>, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der -Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_30" id="Fussnote_4_30"></a><a href="#FNAnker_4_30"><span class="label">[4]</span></a> So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): -»Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven -Gewalten, welchen man die <span class="gesperrt">moderne Kultur</span> verdankt: also <span class="gesperrt">Befreiung -des Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den -Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft</span>.« -</p> -<p> -Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und -Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »... -Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen -jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte -Cäsaren-Schauder oder der ... Genie Schauder;... so dass er zu -schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.... -In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn -wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach -allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch -im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth -von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, -bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem -Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's -erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich -und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der -Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen -modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in -einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und -Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.« -</p> -<p> -In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des -Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition -zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit« -dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_31" id="Fussnote_5_31"></a><a href="#FNAnker_5_31"><span class="label">[5]</span></a> Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen -Charakters lese man in der <span class="gesperrt">Morgenröthe</span> (205) seinen Aphorismus -»<span class="gesperrt">Vom Volke Israel</span>«: »... Wohin soll auch diese Fülle angesammelter -grosser Eindrücke, ..., diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, -Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,—wohin soll -sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen -und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene -Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen -Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen -vermögen—,... dann wird jener siebente Tag wieder einmal da -sein, an dem der alte Judengott sich..., seiner Schöpfung und -seines auserwählten Volkes <span class="gesperrt">freuen</span> darf,—und wir Alle, Alle wollen -uns mit ihm freun!«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_32" id="Fussnote_6_32"></a><a href="#FNAnker_6_32"><span class="label">[6]</span></a> Für diesen Zustand einer freien Auslebung der -Individualität hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man -das Hohe Lied modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten -Worte gefunden. Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden -Aussprüche gelten: -</p> -<p> -»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch -Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. -</p> -<p> -Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes -Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!... Bleibt mir der -Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!... Lasst sie -nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände -schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! -</p> -<p> -Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück—ja, -zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen -Menschen-Sinn!... -</p> -<p> -Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend -Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und -unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.) -</p> -<p> -... »Willst du den Weg zu dir selber suchen?... -</p> -<p> -... So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!... -</p> -<p> -Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und -nicht, dass du einem Joche entronnen bist.... -</p> -<p> -Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge -künden: frei wozu? -</p> -<p> -Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen -über dich aufhängen wie ein Gesetz?...« (I 87 f.) -</p> -<p> -»... Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde -ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.) -</p> -<p> -»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.) -</p> -<p> -»—von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe -zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand -ich's.« (III 14.) -</p> -<p> -»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so -hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle:«.... -</p> -<p> -Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine -Menschen-Satzung und Nothdurft:... -</p> -<p> -Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze -ich ihn,—nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«— -</p> -<p> -Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast -du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften. -</p> -<p> -Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden -sie deine Tugenden und Freudenschaften. -</p> -<p> -Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der -Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen: -</p> -<p> -Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine -Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_33" id="Fussnote_7_33"></a><a href="#FNAnker_7_33"><span class="label">[7]</span></a> Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des -Dinges an sich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_34" id="Fussnote_8_34"></a><a href="#FNAnker_8_34"><span class="label">[8]</span></a> Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen -Wissenschaft« (84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen -Culte darin sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren -Leidenschaften befreit wurden, indem »man den Taumel und die -Ausgelassenheit ihrer Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden -toll, den Rachsüchtigen rachetrunken machte:—alle orgiastischen Culte -wollen die ferocia einer Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie -machen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fühle«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_35" id="Fussnote_9_35"></a><a href="#FNAnker_9_35"><span class="label">[9]</span></a> Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung -der ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom -Gesicht und Räthsel«. -</p> -<p> -»Siehe diesen Thorweg!...: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege -kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. -</p> -<p> -Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse -hinaus—das ist eine andre Ewigkeit. -</p> -<p> -Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den -Kopf:—und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. -Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.« -</p> -<p> -Aber wer Einen von ihnen weiter gienge—und immer weiter und immer -ferner: glaubst du,—dass diese Wege sich ewig widersprechen?«... -</p> -<p> -Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse -gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon -einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein? -</p> -<p> -Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du—von diesem -Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon—dagewesen sein? -</p> -<p> -Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser -Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? <span class="gesperrt">Also</span>—sich selber -noch? -</p> -<p> -Denn, was laufen <span class="gesperrt">kann</span> von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse -<span class="gesperrt">hinaus</span>—<span class="gesperrt">muss</span> es einmal noch laufen!— -</p> -<p> -Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser -Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von -ewigen Dingen flüsternd—müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? -</p> -<p> -—und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, -in dieser langen schaurigen Gasse—müssen wir nicht ewig wiederkommen?— -</p> -<p> -Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen -eignen Gedanken und Hintergedanken.... -</p> -<p> -Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen -Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine -Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen. -</p> -<p> -»Meine Hand riss die Schlange und riss:—umsonst! sie riss die Schlange -nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den -Kopf ab! Beiss zu!«—so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein -Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem -Schrei aus mir.... -</p> -<p> -—Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem -Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange—: und sprang empor.— -</p> -<p> -Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,—ein Verwandelter, ein -Umleuchteter, welcher <span class="gesperrt">lachte</span>! Niemals noch auf Erden lachte je ein -Mensch, wie ei lachte! -</p> -<p> -Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen -war,... und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer -stille wird.« -</p> -<p> -Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von -der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst: -indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen -zu ihrem Herrn macht—zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden -Uebermenschen: -</p> -<p> -»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir -doch das Gesicht des Einsamsten! -</p> -<p> -Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:—<span class="gesperrt">was</span> sah ich damals im -Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?« -</p> -<p> -Vgl. (III 96): »... wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und -mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_36" id="Fussnote_10_36"></a><a href="#FNAnker_10_36"><span class="label">[10]</span></a> Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten -wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend -beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster -Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis -seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte. -Es ist das vortreffliche Buch von <span class="gesperrt">Paul Deussen</span> »<span class="gesperrt">Das System des -Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare -des Çankara über dieselben</span>.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der -Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt, -ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist -unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss -dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung -des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten, -allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung, -dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem -seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt -einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man -die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in -ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur -Erklärung an den Rand zu schreiben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_37" id="Fussnote_11_37"></a><a href="#FNAnker_11_37"><span class="label">[11]</span></a> Nietzsche—Zarathustra.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_38" id="Fussnote_12_38"></a><a href="#FNAnker_12_38"><span class="label">[12]</span></a> Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_39" id="Fussnote_13_39"></a><a href="#FNAnker_13_39"><span class="label">[13]</span></a> Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen -Erkennen des Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen -vermag.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_40" id="Fussnote_14_40"></a><a href="#FNAnker_14_40"><span class="label">[14]</span></a> Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in -den um dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten -Theile von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«. -Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.): -</p> -<p> -Jetzt—einsam<br /> -mit dir,<br /> -<span class="gesperrt">zwiesam im eignen Wissen</span>,<br /> -<span class="gesperrt">zwischen hundert Spiegeln</span><br /> -<span class="gesperrt">vor dir selber falsch</span>,<br /> -<span class="gesperrt">zwischen hundert Erinnerungen</span><br /> -<span class="gesperrt">ungewiss</span>,<br /> -an jeder Wunde müd,<br /> -an jedem Froste kalt,<br /> -in eignen Stricken gewürgt,<br /> -<span class="gesperrt">Selbstkenner!</span><br /> -<span class="gesperrt">Selbsthenker!</span><br /> -</p> -<p> -Ein Kranker nun,<br /> -der an Schlangengift krank ist;<br /> -ein Gefangner nun,<br /> -der das härteste Loos zog:<br /> -im eignen Schachte<br /> -gebückt arbeitend,<br /> -<span class="gesperrt">in dich selber eingehöhlt</span>,<br /> -<span class="gesperrt">dich selber an grabend</span>,<br /> -<span class="gesperrt">unbehülflich</span>,<br /> -<span class="gesperrt">steif</span>,<br /> -<span class="gesperrt">ein Leichnam</span>—,<br /> -— — — — — — — — — —<br /> -— — — — — — — — — —<br /> -Lauernd,<br /> -kauernd,<br /> -Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!<br /> -<span class="gesperrt">Du verwächst mir noch mit deinem Grabe</span>,<br /> -<span class="gesperrt">verwachsener Geist!</span>...<br /> -</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h4><a name="DIE_BRIEFE" id="DIE_BRIEFE">Die Briefe von Manuscript</a></h4> -<hr class="r5" /> - -<p style="font-weight: bold;"><a id="Erster_Briefe"></a>Erster Briefe</p> - - -<p>An Lou von Salome</p> - -<p>[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]</p> - -<p>Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen -Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus -dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne -Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen -Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot—aber die Person dahinter -ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«—Zum -Beispiel Plato.</p> - -<p>Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie -ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in -seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker -ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser -ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu -gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame -Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen -und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; -vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?— -Aber über mein Leben ist schon verfügt.—</p> - -<p>Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen -Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr -»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen—er will es durchaus haben, und es ist -nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten -Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das -wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt -gelangten—andre Wege vorbehalten.—</p> - -<p>Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist, -wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen -Wissenschaft« ein—[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten -Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?—Aber Pilatus sagt: »Was ist -Wahrheit!«—</p> - -<p>Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft -mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. -Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, -zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und -dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht -irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein. -Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter -in Tränen und Klopfen des Herzens.—Wenn Sie aber dies lesen, werden -Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner -selber« machen.—</p> - -<p>Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2. -Oktober? Adieu,</p> - - - -<hr class="chap" /> -<p style="font-weight: bold;"><a name="Zweiter_Briefe" id="Zweiter_Briefe">Zweiter Briefe</a></p> - - -<p>An Lou von Salome: 16-07-1882.</p> - -<p>Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend -über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an -Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.</p> - -<p>Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu -müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte, -dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum -Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich -möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in -Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in -Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt—es war eine ganze lange -Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.</p> - -<p>Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem -schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde -Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu -gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches -Allzumenschliches« ein—und damit war Alles klar, aber auch Alles zu -Ende.</p> - -<p>Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des -Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit -meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie -neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!—Wie oft habe ich -über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden -damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft -in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte -mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir -nicht erträglich.)</p> - -<p>Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug -auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!« -Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für -Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<p style="font-weight: bold;"><a name="Dritter_Briefe" id="Dritter_Briefe">Dritter Briefe</a></p> - - -<p>Tautenburg bei Dornburg Thüringen.</p> - -<p>3. Juli 1882</p> - -<p>Meine liebe Freundin,</p> - -<p>Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir -zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste -Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können—meine Schwester -sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der -»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte -Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 -Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre! -Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! -Und gegen Alles das, gleichsam gegen <span class="gesperrt">Tod und</span> Leben, habe ich mir -diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen -kleinen Streifen <span class="gesperrt">unbewölkten Himmels</span> über sich:—oh liebe Freundin, -so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und -weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das -Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein -vollständiger—denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich -weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich -sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!—Aber -von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein -und brauche mich nicht zu fürchten.—</p> - -<p>Was den <span class="gesperrt">Winter</span> betrifft, so habe ich <span class="gesperrt">ernstlich</span> und <span class="gesperrt">ausschließlich</span> -an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig -von den meinigen, es giebt dabei <span class="gesperrt">keine</span> Nebengedanken. Der Süden -Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam -sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an <span class="gesperrt">diesem</span> Pensum habe -ich fast Alles noch zu lernen!—</p> - -<p>Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird <span class="gesperrt">Alles</span> gut, wie Sie es -gesagt haben.</p> - -<p>Unserem Rée das Herzlichste!</p> - -<p>Ganz <span class="gesperrt">Ihr</span> F.N.</p> - - - - - - - - -<div> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by -Lou Andreas-Salomé - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - -***** This file should be named 50525-h.htm or 50525-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/5/2/50525/ - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken - -Author: Lou Andreas-Salomé - -Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - - - - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org - - - - -FRIEDRICH NIETZSCHE - -IN SEINEN - -WERKEN - -VON - -LOU ANDREAS-SALOMÉ. - -MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES. - - -ZWEITE AUFLAGE. - - -MOTTO: - - -NIETZSCHES WAHLSPRUCH: - -»Increscunt animi, virescit volnere virtus.--« - Furius Antias bei Gellius. - - -VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN - -(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911. - - - - -Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem -inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch -mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in -unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen. - -Lou Andreas-Salomé. - - - - -IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET - -EINEM UNGENANNTEN - - - - -INHALTS-VERZEICHNISS. - - - -Sein Wesen - -Seine Wandlungen - -Das »System Nietzsche« - - -[Illustration] - - -Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort. - - - - -I. ABSCHNITT - -SEIN WESEN. - - - -MOTTO: - -»Der Mensch mag sich noch so -weit mit seiner Erkenntniss ausrecken, -sich selber noch so objectiv Vorkommen: -zuletzt trägt er doch Nichts davon, -als seine eigene Biographie.« - -(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.) - - - -»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen -wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas -zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber -sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner -Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden -Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist -es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit -an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die -sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für -sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein -eignes Selbst in Gedanken umsetzte. - - * * * * * - -Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem -vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet: - - - »Ich kenne mancher Menschen Sinn - Und weiss nicht, "Wer ich selber bin! - Mein Auge ist mir viel zu nah-- - Ich bin nicht, was ich seh und sah. - Ich wollte mir schon besser nützen, - Könnt' ich mir selber ferner sitzen. - Zwar nicht so ferne wie mein Feind! - Zu fern sitzt schon der nächste Freund-- - Doch zwischen dem und mir die Mitte! - Errathet ihr, um was ich bitte?« - - (Scherz, List und Rache 25.) - - - -Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch -den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse -für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und -inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz -besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen -überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer -Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den -Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was -jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres -Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits -von Gut und Böse 6.) - -Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden -Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den -ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit -enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und -einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,--der Inhalt des dritten, das -eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe -der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander -folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus -ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.[1] Es -handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von -Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine -Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem -Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der -rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein -persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt -werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten -sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen -wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen -vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner -Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht -in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch -begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen -Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit -redet,--in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen, -aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches -äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der -würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher -der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er -nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:[2] all sein Erleben war ein -so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund, -und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen, -aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen -bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein -Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu -zeichnen versuche: das _Gedanken-Erlebniss_ in seiner Bedeutung für -Nietzsches Geisteswesen--das _Selbstbekenntniss_ in seiner Philosophie. - -Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend -ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind, -theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so -ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu -unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner -Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, -zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite -Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, -welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem -Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und -Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von -Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand. -Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen -Lärm um seinen stillen Namen,--aber im Besten, durchaus Einzigartigen -und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht -übersehen worden und unbeachtet geblieben,--ja in eine vielleicht noch -tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn -zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit, -doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der -Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur -Lob--« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm -wahrhaft nachgegangen,--fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit -und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat -diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen -Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem -ungeheuren Wahn zusammenbrach. - -Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten -preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren -Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel -gehoben,--ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf -den Lippen: - - - »Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, - aber Niemand--denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die - ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine - Gedanken.« - - -_Friedrich Wilhelm Nietzsche_ ist am 15. October 1844 als der -einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo -sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung -empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student -der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der -berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich -unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm -im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt -Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er -1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen -lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut -gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität -Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen -Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche -erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche -Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig -verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen -Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen -in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,--einer -Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,--an welcher noch -andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob -Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen -Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an -sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu -voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer -habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten -Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz -Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den -beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach -Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler -Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss -seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner -einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später -seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach -Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als -freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten -drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch -wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will -man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken, -so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben -erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank, -dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab -verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem -Tode nahe war. - -»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich -gequält,--so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine -Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem -Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre -zugebracht hat. - -Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von -Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom -war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin -der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners) -zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon -damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem -kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger -brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf -starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine -Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium -und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem -führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien--meistens in -Genua--theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner -Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes. - -Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam -beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: -so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen -haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich -entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und -Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit -der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher -zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache -in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt -umfassen: - -Zehn Jahre, 1869--1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel; -diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig -zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und -mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik -Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in -welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung -Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches, -Allzumenschliches« übersandte. - -Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul -Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,--gleichzeitig mit der -Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke -Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen. - -Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre -lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser -Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich -zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als -ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt, -sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene -Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm -angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch -seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel. - -Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur -und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum -ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879--1889. Seitdem lebt Nietzsche als -Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von -Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg. - -Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche -inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die -Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere, -am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher -der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten -Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, -was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene, -die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,--das war der erste, starke -Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen -Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner -überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit -den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar -konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen -Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart -fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose -Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei -er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer -diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,--sie trug das -Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön -und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen, -waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie -seinen Geist verriethen,--eine darauf zielende Bemerkung findet sich in -»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine -unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, -wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten ---als ob die Hand kein Verräther wäre!--.«[3] - -Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen -sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen -vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer -eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick -streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz -besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere -Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres -zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,--weit über die -nächsten Gegenstände hinweg,--in die Ferne, oder besser: in das Innere -wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung -nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten -Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits -von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er -sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu -Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen -und schwinden;--wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach -die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen -Tiefen,--aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er -mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen -erfasste,--und in die sein Geist zuletzt versank. - -Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte -auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser -Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, -wohlwollenden Gleichmuth,--er hatte Freude an den vornehmen Formen im -Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an -der _Verkleidung_,--Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes -Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten -Male sprach,--es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche -zu Rom,--während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm -mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem -Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der -aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr -bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst -hat: »Bei Allem, was ein Mensch _sichtbar werden_ lässt, kann man -fragen: was soll es _verbergen_? Wovon soll es den Blick ablenken? -Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht -die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?« - -Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher -Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,--einer sich -stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich. - -In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein -zum Schein,--zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe -nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche -zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als -Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst -eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches -II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich -theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter -der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie -entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber -noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er -»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter -seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet -eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von -den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut -und Böse 44),--von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit verhüllen. - -In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche -in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es, -welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt. -»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht -eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine -Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40). - -»Wanderer, wer bist Du?-- -- --Ruhe Dich hier aus.-- -- --erhole -Dich!-- -- --Was dient Dir zur Erholung?-- -- --« »Zur Erholung? Zur -Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich -bitte-- --« »Was? Was? sprich es aus!--»Eine Maske mehr! Eine zweite -Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278). - -Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als -seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf -sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen -Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner -Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein -immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein -Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die -Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist -tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, -nicht an Maskirung denken lässt--: und doch nimmt er sie gerade -ihretwegen vor,--um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid -und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu -der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich verbirgt: -»--bisweilen ist die Narrheit selbst die Maske für ein unseliges allzu -gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),--und endlich bis zu -einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz -in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner -letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit -versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns -nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken -und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem -geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt: -»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus -Sils-Maria.) - -Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen -Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns -anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,--immer trägt -er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, -wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es -drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein -seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde -schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.) - -»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer -deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,--und den Zustand, -in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele -Opfer dafür bringen können.« - -Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie -möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein _körperliches -Leiden_, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr -mit einzelnen seiner Freunde,--immer einen seltenen Verkehr zu -Zweien,--nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte. - -Leiden und Einsamkeit,--das sind also die beiden grossen Schicksalszüge -in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt, -je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes -wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich _gegebenes -Lebenslos_, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine -_gewollte innere_ Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein -physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, -reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches--und dies so -unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie -einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er -einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus -Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass -Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während bei -mir Leiden und Entbehrung _zur Sache_ gehören und nicht, wie bei Ihnen, -zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.« - -Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten -Aphorismen über den _Werth des Leidens für die Erkenntniss_. - -Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des -Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge -solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch -wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig -eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der -vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen -und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer -wieder auch dem Geiste neu werden,--»_neu schmecken_« nennt er es -einmal höchst treffend,--und setzt ganz neue Augen auch noch für das -Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der -Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil _eine Nacht_ -es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm -zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um -ihn,--und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«. - -Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen -Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle, -so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger -hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes -betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des -Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner -natürlichen Grösse entgegenwächst,-- nicht den Wandlungen des -_Wachsthums_: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast -rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes -nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem _Erkranken an -Gedanken und einem Genesen an Gedanken_. - -Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus -dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue -Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat -er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,--da -ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein -unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen -Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt. -»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche -im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);--in diesem Zuviel thut seine -Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen, -reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist -fruchtbar werden will.[4] Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht -umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8) -geisselt er sich,--nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber -eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses -Schmerzheischende zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte -Nietzsches als die eigentliche Geistesquelle in ihr; er spricht es -am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber -ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne -Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt -zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,-- wusstet ihr das -schon?------Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss -nicht, der er' ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also -sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,-- --- --ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre -Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen -des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, -List, Grösse geschenkt worden ist:--ist es nicht ihr unter Leiden, -unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von -Gut und Böse 225.) - -Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig -hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben -in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen -und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus -dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben -müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu -höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,--aber -nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss -verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier -gehört,--wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,--»das -Leiden zur Sache«. - -Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren -Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand -einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten -Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als -des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des -»Einzelnen« ist durchaus eine _Leidensgeschichte_ und nicht irgend -welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,--ihr Inhalt lautet -viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »_Selbsterduldung«_.Betrachtet -man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann -liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es -verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn -Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker -braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der -Wanderer und sein Schatten 249.) - -Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste -Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder -heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom -Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme! -brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist, -und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von -Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf -den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten -Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich -nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,--weil es mich nicht -halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer -Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst -sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe -hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)[5] - -Der _Meinungswechsel_, der _Wandlungsdrang_ stecken daher der -Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für -die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied -von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst -bezwungen,--Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt,-- --Durch eignen -Sieg verwundet und gehemmt.« - -Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben, -nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der -_Ueberzeugungstreue_[6] ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen -nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten -(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass -wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der -Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten -aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was _gegen Deinen -Gedanken_ gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten -Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug -gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind -nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch -Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht -als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese -Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger -Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue -Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets -gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche -Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der Geist ist es, der uns -rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.-- --Vom Feuer -erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung -zu Meinung,-- --als _edle Verräther_ aller Dinge.« (Menschliches, -Allzumenschliches, I 637.) »--wir _müssen_ Verräther werden, -Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches, -Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich -selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in -dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;--nur so vermochte -er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art -seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in -Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich -allein an meiner Ferse!-- -- -- -- --Und nur wo Gräber sind, gibt es -Auferstehungen!-- -- --Also sang Zarathustra;« (II 46)--Er, zu dem das -Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das, -was sich immer selber überwinden muss« (II 49).[7] - -Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht, -wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können -wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade -hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts -anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser -wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung -seines Selbstbildes,--und desto naiver legte er es dem Allbilde als -solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre -eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so -verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild -zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen -Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht. -Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo -Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet -wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in -einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und -der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen -nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller -Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und -sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein -Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein -geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit -seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in -eingehenden Gesprächen darüber. - -Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche, -deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander -stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und -Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe -verglich er,--innerhalb des einzelnen Individuums,--mit dem Zustande -der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen -Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein -Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier -die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren -Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben -in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle -leben würden;--die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in -eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine -Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen -her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann, -die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher -Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den -zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht--die -Einordnung des Einzelnen ins Ganze,--das muss hier erst erobert und den -tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich -feste Rangordnung der Triebe untereinander.[8] Man sieht, hier ist der -Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit einer Selbstbehauptung als_ -Ganzes durch das Leiden alles Einzelnen_ aufgegangen ist. Hier liegt -wie in einer Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner -späteren Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit -eines höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden -und Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des -_Heroismus als Ideal_ auf. Die eigene qualvolle Unvollkommenheit -riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: »Unsere Mängel -sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« (Menschliches, -Allzumenschliches, II 86). - -»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten -Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich -füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, -und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen -scheinen: - -»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen -Allentwicklung,--ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! -Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).[9] - -Weiter: »Heroismus--das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel -erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. -Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.« - -Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich -böse Menschen; es ist ihre _einzige Art, sich zu ertragen_.« Das Wort -»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des -landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen -werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine -solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer -Menschenseele,--dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten« -nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege -einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes -bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen -da: Innenkrieg = Décadence, und Sieg = Selbstuntergang der Menschheit -zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es -sich für ihn um sein eigenes Seelenbild. - -Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die -heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des -_handelnden_ und des _erkennenden_ Menschen, mit anderen Worten: den -Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen. - -Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte, -der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen -Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester -zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen. -Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt, -enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist -ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts -erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner -Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem -Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was -ihr wohl thut und noth thut,-- er hat sich ihr in seinen Zielen nicht -entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen. - -Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen -Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält, -lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter -das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der -Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie -betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine -Zwecke,--für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben -ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft -seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen -unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst -freiwillig als Einheit auf,--je polyphoner sein Subject, desto lieber -ist es ihm: - - - »Scharf und milde, grob und fein, - Vertraut und seltsam, schmutzig und rein, - Der Narren und Weisen Stelldichein: - Dies Alles bin ich, will ich sein, - Taube zugleich, Schlange und Schwein!« - - (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.) - - -Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott, -Teufel, Schaf und Wurm in uns,-- -- -- --mit Vorder- und Hinterseelen, -denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- -und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die -geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der _Einsamkeit_-- --«. -(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche -»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,-- -- --die -_umfänglichste_ Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und -schweifen kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im -weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am -süssesten zuredet: -- -- --die sich selber bebendste, in der alle Dinge -ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben-- -- --.« (Also -sprach Zarathustra III 82.) - -Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn« -(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu -entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn -man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit -zu Zeit zu _verlieren_--und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass -man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine -Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das -Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und -Rache 33): - - - »Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen! - Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren, - Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren, - In holder Irrniss grüblerisch zu hocken. - Von ferne her mich endlich heimzulocken, - Mich selber zu mir selber--zu verführen.« - - -Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den -Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene; -denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem -Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von -den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner -eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und -Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte -vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,--steht -es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem -Erkennenden die Schilderung:--das ist ein Mensch, der beständig -ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; -der von _seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her_,-- --als von -_seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen_ getroffen wird.« (Jenseits -von Gut und Böse 292.) - -Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern -ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die -Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade -hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde--) ihr Spiel -getrieben haben mögen, wird finden,-- -- -- -- --dass jeder Einzelne -von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und -als berechtigten _Herrn_ aller übrigen Triebe darstellen möchte. -Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und _als solcher_ versucht er zu -philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6). - -Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes -Zeugniss dafür ab, _wer er ist_,--das heisst, in welcher Rangordnung -die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind« -(ebendaselbst). - -Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine -Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,--eine -rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen -Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von -ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen. -Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit -gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber -sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern -und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie -werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen -und zu bluten berufen sind;--das heroische Ideal ist inmitten ihrer -Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg -zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines -sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«. - -Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr -bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und -Tiefe seiner Natur ausdrückt,--die Lust, die daraus entspringt, dass -er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche -Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg -gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in -meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz -hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht -gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht -aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können? -sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?« - -Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249) -der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des -Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine -Selbstlosigkeit,-- vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches -durch viele Individuen wie durch _seine_ Augen sehen und wie mit -_seinen_ Händen greifen möchte,--ein auch die ganze Vergangenheit noch -zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt -gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in -hundert Wesen wiedergeboren würde!« - -Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der -unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug: -»Wollten und wagten wir eine Architektur nach _unserer_ Seelen-Art,-- --- -- -- so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe -169.)--aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, -sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man -muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären -zu können«,-- dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die -zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten -Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem -Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und -sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet -sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist -gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.« - -Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger, -also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich -gleichsam in ihr verbrennen lässt,--alle ihre Neigungen als Brennstoff -in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, -wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches -Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen -Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich -auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt, -innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man -kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen -sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, -bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich -in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und -Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen -werden. - -Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen -hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter, -so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,« -sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist sein -typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder -aufrichtete, über sich selbst erhob,--an dem er auch endlich sich in -sich selbst überschlug und zu Grunde ging. - -Und daran _musste_ er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen -Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag -auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung -verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte -vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss, -müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen -Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit -grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was -Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu -beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem _Stimulans_ -für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für -ihre Zwecke,--sie _umfasst_ also schadlos Kampf und Krankheit. Auf -solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er -am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen: -alseine _Genesungs_geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige -Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem -Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach -erlangter Genesung, _bedurfte_ sie wiederum ebenso nothwendig der -Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung -geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich -selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu -ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten -Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht, -kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward -ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), -und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«[10] (Also sprach -Zarathustra II 2). »_Sich Schmerzen machen_. Rücksichtslosigkeit des -Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, -welche Betäubung begehrt.« Menschliches, Allzumenschliches I 581. - -Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende, -welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug -für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja _enthalten_ sich -gegenseitig,--beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche -_Selbstspaltung_ innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar. - -Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten -Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die -Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten -Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel -aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang _innerhalb_ -der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich -alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit -wird auf eine um so tiefer gehende _Zweispaltung_ reducirt. So wenig -wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit _umfasst_, -so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das -gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt: -der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst -wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen -Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie -hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt, -eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,--aber die Tiefe -der Trennung erweckt den _Schein_, als läge das Ziel aller Regungen -_ausser ihnen_. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte -begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und -ihrem Zwiespalt zu entlaufen. - -Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von -Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen -Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick, -zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,--dass auf der anderen das -Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung -erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem -der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen _zersetzt_, -die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des -Gedankens beständig _lockern_. So durchdringt thatsächlich die Spaltung -des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer. - -Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende -Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen -lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein, -wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen -und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen -Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des -Gesunden und Pathologischen in ihm. - -Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei -einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen -die Eine herrscht, die Andere dient,--wird es dem Menschen ermöglicht, -zu sich selber nicht nur wie zu einem _anderen_, sondern auch wie zu -einem _höhern_ Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst -sich selber zum Opfer bringt, ist er einer _religiösen Exaltation_ -nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das -heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen -wähnt, bringt er _an sich selbst einen religiösen Affect_ zum Ausbruch. - -Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer -und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden -gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit, -in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn -sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den -Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die -Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn -instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck -seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,--das -heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich -selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende -Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten: -nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste -Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu -einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »_Dividuum_«. -Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,--doch mit den Mitteln -der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der -Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch -mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen -religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss -hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne _Aufopferung_ -und _eigne Apotheose_, Grausamkeit der eignen _Vernichtung_ und -Wollust der eignen _Vergötterung_, leidvolles Siechen und siegende -Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die -enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen: -man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs -Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle, -Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte, -Zarteste,--das Drängen eines Willens, der sich«-- --von der Noth der -Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze -löst«,[11]--ein Chaos, das den Gott gebären möchte,--gebären _muss_. - -»Im Menschen ist _Geschöpf_ und _Schöpfer_ vereint: im Menschen -ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; -aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, -Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut -und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und -unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem -ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,-- wie es -Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet, -»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und -Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen _neuen Himmel_ zu -bauen:-- -- --Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut -hat, fand die Macht dazu erst in der eignen Hölle...« (Genealogie der -Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht -in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung -jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer -Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des -Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, -welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden -zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um -aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese -letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine -Person gibt, welche in sich selber _verkohlt_-- --« Dieser Abschnitt, -der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält, -schliesst mit der Bemerkung: -- --ja, ist denn wirklich der Kreislauf -im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt -und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang -an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen -und zugleich des mitleidenden Gottes?« - -In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt -einen _Trotz gegen sich selbst_, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen -manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein -so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass -sie-- -- --endlich darauf verfallen, _gewisse Theile ihres eigenen -Wesens_-- -- --zu tyrannisiren.-- -- --Dieses Zerbrechen seiner selbst, -dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni, -aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich _ein -sehr hoher Grad der Eitelkeit_.-- -- --Der Mensch hat eine wahre -Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen -und _dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu -vergöttern_.«--und 138: »-- --Eigentlich liegt ihm also nur an der -Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu -erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine -Brust,«--und 142: »-- --er geisselt seine Selbstvergötterung mit -Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre -seiner Begierden,-- -- --er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel -dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er -in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele -durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;-- -- --es ist im -Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht -jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen -sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch -Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver -Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association -von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre -innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.« - -In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache -eine _religionspsychologische_ Studie, und nur insoweit als das -Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen -auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines -Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging -gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der -»Emotion über den Tod Gottes«,--dieser ungeheuren Emotion, die bis in -das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle -des Wahnsinns verfasste,-- bis in den vierten Theil seines: »Also -sprach Zarathustra«. _Die Möglichkeit, einen Ersatz[12] »für den -verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung_ -zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner -Erkrankung. Es ist die Geschichte des »_religiösen Nachtriebes im -Denker_«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, -auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden -können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist -schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und -leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man -lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in -der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich -will es Euch sagen! _Wir haben ihn getödtet_!--ihr und ich! Wir Alle -sind seine Mörder!-- -- -- -- -- --Hören wir noch nichts vom Lärm der -Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der -göttlichen Verwesung?--auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt -todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller -Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist -unter unseren Messern verblutet,--wer wischt dies Blut von uns ab? -Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?-- -- -- --_Ist nicht die -Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern -werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen_? Es gab nie eine grössere -That,--und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That -willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«-- -- - -Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich -Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten -Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass -der Uebermensch lebe!«--und sprach damit den innersten Seelengrund -seiner Philosophie aus. - -Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung, -und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern. -Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die -ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur -höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in -allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem -Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen -gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, -dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er -dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem -vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »_Wenn_ es Götter gäbe, wie -hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese -Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie -lassen sich jene anderen anschliessen (55): »_Und Anbetung wird noch in -Deiner Eitelkeit sein_!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, -die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und -verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.-- -- --Immer Einmal -Eins--das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.) - -Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen -sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal -suchte,--das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die -Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden--bis endlich seine -Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften -Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand -erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren: -Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit -des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen -will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte -sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung -sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine -Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. -Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst -zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle -werden muss--jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte -Tiefe und in seinen Untergang. - -Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des -zugleich _Raffinirten_ und _Exaltirten_, das auch dem Grossen und -Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer -brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen -Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,--oder -auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen -geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös -veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist -auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer -Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, -was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten« -schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung -begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch -der modernen Erkenntniss für sie abfallen. Dass sie sich nicht mit -ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss -preisgeben,-- gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen -wie unermüdlich im Darben und Entbehren,--das ist der grosse und -erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch, -was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:--eine Reihe von -gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der -modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen. - -Aber deshalb ist es eben der _Mensch_ und nicht der _Theoretiker_, -auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken -Nietzsches zurechtzufinden,--und deshalb wird auch der Gewinn, das -Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein -neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern -das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse -und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung -in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich -jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft -und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das -Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie -sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung -wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören, -sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf -beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das -Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse -bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich -ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die -wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren -Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden. -Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und -Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt -haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu -gelangen.[13] Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte, -um in ihm eine Fülle innern Lebens,--Gedanken-Erlebens, auszulösen. -Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches -vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern -befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.) -Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger -Natur lag--ins Grosse gesteigert--etwas Weibliches;[14] aber er -ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig -erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles -zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige -unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie -eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt -uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine -Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein -Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des -echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer -urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten -118.) - - -[1] Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in der zum ersten -Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung unterschieden und -bestimmt charakterisirt sind, erschien in der Sonntags-Beilage der -Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem brachte die »Freie -Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte unter dem Titel »Zum -Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft 3, 4 und 5, Jahrg. -III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur 1892, October, »Ein -Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal und Askese«. - -[2] Was das Leben--, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,-- wer von uns -hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei solchen Sachen -waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir haben eben unser -Herz nicht dort--und nicht einmal unser Ohr!« (Zur Genealogie der -Moral, Vorrede III.) - -[3] Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und -feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren -»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.) - -[4] »Giebt es--eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, Böse, -Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender Gesundheit, -aus der Ueberfülle selbst?------Giebt es vielleicht--eine Frage für -Irrenärzte--_Neurosen der Gesundheit_?« (Versuch einer Selbstkritik zur -neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« IV u. -IX.) - -[5] Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages erreichen -wir unser Ziel--und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was für lange -Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so weit, dass wir -an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.« - -[6] Daher nennt er die Ueberzeugungen _Feinde der Wahrheit_: -»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, I 483). - -[7] Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es selbst wahr -haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er (Morgenröthe -327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und Genuss an -Jagd und Intriguen der Erkenntniss--bis an die höchsten und fernsten -Sterne der Erkenntniss hinauf!--bis ihm zuletzt Nichts mehr zu erjagen -übrig bleibt, als das absolut _Wehethuende_ der Erkenntniss, glefich -dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So gelüstet -es ihn am Ende nach der Hölle,--es ist die letzte Erkenntniss, die -ihn _verführt_. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles -Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die -Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit -einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie -mehr zu Theil wird!--denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen -keinen Bissen mehr zu reichen.« - -[8] »Die Instincte bekämpfen _müssen_--das ist die Formel für -décadence: so lange das Leben _aufsteigt_, ist Glück gleich Instinct«, -sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und -unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur. - -[9] Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus anders -auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier sieht er -noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen Natur--später -hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht harmonisch war, -sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner selbst zum -Harmonischen _umschuf_. - -[10] Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir-- -- --sind erst -dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten--in Gefahr sind.« - -[11] »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der »Geburt der -Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI. - -[12] Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 38) -über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der Gottschöpfung des -Menschen: - - - »Der Fromme spricht: - »Gott liebt uns, weil er uns erschuf!« - »Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen. - Und soll nicht lieben, was er schuf? - Soll's gar, weil er es schuf, verneinen? - Das hinkt, das trägt des Teufels Huf. - - - -[13] Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche die -verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt haben, -lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen -nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus -unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten -hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere -philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden -Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte -der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende -systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven -Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit -Vorbehalten bleiben muss. - -[14] Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, das -weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere denken -anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das Weibchen als -das productive Wesen.-- -- -- -- --Die Schwangerschaft hat die Weiber -milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger gemacht; -und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter des -Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:--es sind -die männlichen Mütter.--« (Die fröhliche Wissenschaft 72.) - - - - -II. ABSCHNITT - - -SEINE WANDLUNGEN. - - -MOTTO: - - - »Die Schlange, welche sich nicht - häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso - die Geister, welche man verhindert, - ihre Meinungen zu wechseln; sie hören - auf, Geist zu sein.« - -(Morgenröthe 573) - - - -Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte, -liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens -seiner Knabenjahre. - -Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen -Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als -der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon -von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner -Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich -besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich -die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten -religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle -Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren -Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen, -die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der -Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur, -was schon vorher abgestorben,--eine Leiche war. In Nietzsches Fall -fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt: -weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den -anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube -aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr -betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen -Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen -habe--»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all -seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen -Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu -aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm -ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch -eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war. - -Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer -gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem -Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches -Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich -selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe, -Schmerzen und Erschütterungen,--er bedurfte dessen, dass sein Gemüth -sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand _anthat_, weil -seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern -abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des _Schmerzheischenden_ -in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen. - -»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich -selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in -eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne -Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun -an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen -Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt, -sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen. - -Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte -Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird -fortgesetzt,--bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,--wohin läuft man -alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,--was -folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen? -Vielleicht bei einem _katholischen_ Glauben?« Und der Hintergedanke, -der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten -Worten aus seinem Versteck: - -»_In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der -Stillstand._« - -Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende -Bewegung,--das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart -Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich, -sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende, -selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt, -ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so -weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch -stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder -zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen, -inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt, -und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und -verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem _Knaben_ nähert, -so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen -Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach -Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner -letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen -Wiederkunft gelangte: das Bild des _Kreises,--eines ewigen Wechsels -in einer ewigen Wiederholung,_--steht wie ein wundersames Symbol und -Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken. - -Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral, -Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit, -»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott -»zum _Vater_ des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er -diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit -philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem -philologischen Schulzwang der Schulpforte befand. - -Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in -die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen -wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein -äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft. -Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für -den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte -dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung -seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk, -sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale -Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere -Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart -aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich -der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem -Psychologischen unterzuordnen. - -Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem -steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und -Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer -Untersuchungen[1] bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis -zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine -zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch -das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu -jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten -Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle -Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und -zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte, -zur Fessel wurde. - -In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente -ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das -empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war -es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft -musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine -tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein -Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte. - -Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum -zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an -zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der -andern überleiten. - -Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen -scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart -sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte -und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell -künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher -Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und -Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das -Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer -Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu -bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über -das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig -Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist -ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,--den -für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich -aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und -Böse 80)--könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird -thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache, -die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief -verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen, -und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier -die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu -berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten -Verkleidung,--der nüchtern philologischen,-- in dieser äussersten -geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte. - -Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern -Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und -wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung -der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung -mit einem Problem, bedeutete _erkennen_, vor allem andren: sich -erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete -ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,--»über den Haufen geworfen -werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein -Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann -schlägt: er _lebte_ den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte, -aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so -maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,-- und, gleich -einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab. -Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen -Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein -intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar -nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem -Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach -immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn -vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss -und Erschöpfung. - -Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine _Probleme_ -nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren _Lösungen_, durch welche die -Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die -gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem -_Gesinnungswechsel_, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die -Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem _Hass_ verfolgte er hinterher -Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte, -sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört, -uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der -endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das -scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck -bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte -nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten, -ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im -Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen -der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich -jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner -Skepsis und zwang sie schadenfroh,--seines eigenen Leids und des -Schadens, den er sich damit zufügte, froh!--ihm seine Probleme wieder -herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen -Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer -Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten, -was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im -letzten Grunde _unaufklärbar_ für ihn bleiben, es muss der Energie -aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen -Räthseln aufreiben,--an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in -der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker -geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da -erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da -verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss: -in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die -einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen. - -Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an -diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung -und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik -hinabstürzt.-- - -Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei -Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später -dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für -Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die -von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht -verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später -nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr _fein_ als _gross_ -erscheinen lässt,--oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten -von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er -einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem -Blick des Erkennenden darstellen: »Das _Filigran_ der Dinge«. - -In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und -Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen--; der -Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und -Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von -Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit -seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick -für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen, -freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im -Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt, -um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft -herauszulesen,[2]--aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über -seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem -dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen -Arbeit, zu der Arbeit über die Quellen des Diogenes Laertius. - -Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass, -dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung -zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken -kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches -I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung -gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten -Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend -und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem -Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine -Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich -vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch -höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen -Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr -als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich -da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er -gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und -höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen, -dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter -philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen -Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung. -Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen -hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten -wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten -Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit -des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.) - -So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der -späteren Werke,--einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte -vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie -öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume, -bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen -bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht -ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte: -einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum -ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen -Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,--und die -dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem -Werke weiter schuf. - -An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung -seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel -seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf -dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das -ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder -einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen -er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er -seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer, -ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren -Formalismus. - -Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der -Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine -Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen -Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben -und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und -erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen, -glücklichen Zauberlandes«. - -Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler -Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen, -die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre -später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben -Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche -indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des -Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere -philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem -Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)[3] -aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine -culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer -Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter -den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie -schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch -Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich -in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie -einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung -seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk -aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von -Bayreuth. - -Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung -von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr, -womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem -er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae -philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede -philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer -philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte -als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche -bestehen bleibt.« - -Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners -machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des -germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen -wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als -Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im -Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins -Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,--gleichsam ein Accent, -den es durch die _metaphysische Interpretation_ alles Kunsterlebens -und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am -deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie« -vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem -Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« -erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung -auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur« -zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen -als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem -versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen -Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und -Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste -auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des -Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen -zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der -Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt -offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch -die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende -Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb, -der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In -ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen -Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck, -als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet -weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen -desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des -durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem -schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des -Bildners. - -In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich -bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen -Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden -Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk -ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des -Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch -die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass -sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als -solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision, -die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer -Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer -Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit -denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der -Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische -Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil -bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die -apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische -Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die -Gottheit steckt. - -Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher -Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken -zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden -und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie -nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern -gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische -Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich -überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser -Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen. - -Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist -charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit -seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der -Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner -ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem -Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode -wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der -Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch -gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen -Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie -zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten -Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des -Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene -geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung -und Selbstvergötterung,--jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in -welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir -immer wieder zurückkommen werden. - -Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen -Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller -Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates -getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die -Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die -Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit -in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre -sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um -sie zu zügeln,--»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der -Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das -durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen -und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat -erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des -theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig -bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die -gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht -zum Eintritt _verweigert_« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch -schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie -durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein -und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss -erschlossen habe. - -In den Jahren 1873--1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn -seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »_Unzeitgemässe -Betrachtungen_«, vier kleinere Schriften,--bestimmt: »gegen die Zeit, -und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden -Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »_David -Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller_«, bestand in einer -vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte -und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen -Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse -ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »_Vom Nutzen und Nachtheil -der Historie für das Leben_«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten -Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich -wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie -bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst, -im Gegensatz zum Instinctleben;--Erkennen des Vergangenen, Wissen -vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen -und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen -dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des -Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient, -wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber -den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des -Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig -intact geblieben ist. »-- --die _plastische Kraft_ eines Menschen, -eines Volkes, einer Cultur,-- --ich meine jene Kraft, aus sich -heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und -einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene -Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos -fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen, -nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit -daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit -schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz -durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten -Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden -unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne -im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen. - -Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so -viel besprochenen _Decadenzbegriff_, der in seinen späteren Werken -eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste -Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung -seines eignen Seelenzustandes;--wir können hier schon den seelischen -Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die -es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang -überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,-- -Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben -einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender -Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen -drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »--Auch soll-- --- --nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir -jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und -nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«[4] Was er in sich -selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen -Zeitalters,--und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr -für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter -aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher -Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem -kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am -herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich -Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne -Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal -gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den -erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der -moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen -Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich -im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht -dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen -verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und -alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.-- --Jeder, der -vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung« -nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).--Das andere Mal -aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische -Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch -hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte. - -Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und -Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken -sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und -unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde -unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten -Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von -ihnen,--auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,--verschmolzen -ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es -handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse, -nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige, -sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse -längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle -entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen -in uns leben. - -Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die -von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die -mit ihr geboren ist,--jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das -Erbe aller Spätlinge ist, denn--Spätlinge sind Mischlinge. - -Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem -Sinn,--erlernt oder erlebt,--bringen kann, liegt in der Hinwendung -auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche -die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum -Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige -kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar -werden« (11),-- --»Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre -ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.-- --Es ist wahr: erst -dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, -zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst -dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller, -blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das -Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder -Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem, -Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine -Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und -besiegt,--an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln -die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der -Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die -mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen, -dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde, -an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles -Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich -hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche -Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, -der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu -erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, -Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle -drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr -nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie -an als _Monumentalgeschichte_, indem er seinen Blick auf den grossen -Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein -Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde -Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in _antiquarische Geschichte_, -indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen -Vorlebens,--wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt, -an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:-- ---»--er versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung, -das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet -sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, -sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben, -sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen, -denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit -diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und -fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er -wird endlich drittens auch _kritisch_ auf die Geschichte blicken, um -zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu -bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein -Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu -bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst -gefährlicher Process:-- -- --Denn da wir nun einmal die Resultate -früherer Geschlechter sind,-- -- --ist (es) nicht möglich sich ganz -von dieser Kette zu lösen.-- --Wir bringen es im besten Falle zu -einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer -Erkenntniss,-- -- --wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen -Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es -ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu -geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man -stammt-- -- --. Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es gibt-- --- -- -- --einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch -jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass -jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).--Man kann -diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei -Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit -der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht, -darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als -Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere -positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber -Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle -drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird, -die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und -ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen -Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen -Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.--Die starke -Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist -somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle -des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu -machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,--nicht -von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling -ist dann immer zugleich der _Erstling_ einer neuen Cultur und, als -Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den -er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer -von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit -niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber -immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre -höchste Kraft sammelt und ausgibt. - -Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten -Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten -Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als -Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis -in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen. - -Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung -hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich -alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner -geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer -Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn -quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz -von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber -auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die -Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem -Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling -neuer Cultur werden.[5] - -Zweien solcher »Unzeitgemässen«,--das ist Vorzeitgemässen und -Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen -Betrachtungen« geweiht: »_Schopenhauer als Erzieher_«, und »_Richard -Wagner in Bayreuth_«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung -aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis -zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem -Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur -ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren -eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den -»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare -der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen -Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas -in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der -ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das -darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten -Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner -mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen -Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund -eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in -übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,--wie eine Gestalt aus -der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg -einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit -einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat. -Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der -_positive Lebenswerth_ des Genies noch so hoch über Schopenhauers -Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches -Gegenbild zu der seinen bietet. - -Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der -menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende -Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und -Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als -Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet, -sie: »--setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben -zeitlos-gleichzeitig«,--sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten -Strom des Werdens«. »-- -- --ein Riese ruft dem anderen durch die -öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges, -lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das -hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil -es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl -in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins -sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen,sondern nur -in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.) - -Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen, -was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches -Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen -weniger durch eine Wesens_verschiedenheit_, als vielmehr durch eine -_Wesensenthüllung_, durch eine göttliche Nacktheit,--während der -Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten -trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich -hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse -Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn -ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.-- --Der Mensch, welcher -nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich -bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle -Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die -im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in -jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von -Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei. - -Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische -Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das -unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über -die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem -höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz -dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst -in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und -bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser -Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen -Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er -selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus -übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer -und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu -ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander -ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher -zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt -es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen, -der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch -viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das -höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und -herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder -metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan -eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum -erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung -der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von -vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur -durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen. - -Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode -Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung -bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das -Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch -sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst -immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet -er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in -ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast -unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen -herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt -man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein -Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen. - -Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe -Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen -und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus -sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe -seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in -ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum -erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem -die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden -gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit. -Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der -Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und -moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser -Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes -gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner -Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person -das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende -Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden, -des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe -des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur -den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen -Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist. -Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt -hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war -hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss -ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken -durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen -Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das -er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische -Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser -Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!« - -Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben -und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben -auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach -persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich -später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die -Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise -nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das -Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der -unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin -an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam -das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das -Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten -philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives, -das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist, -als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen -Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn -mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes -Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden« -zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden -sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und -verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch -sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das -bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein -quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben -und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam -hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt -ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der -Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu: -»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich -beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir -auf, und vielleicht ergeben sie dir-- -- --ein Gesetz, das Grundgesetz -deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,-- -- ---wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir -selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief -verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir -- -- --.« (A. a. -O.) - -Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster -Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen -es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft -verlangt habe--nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und -Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »-- --darf ich ein wenig -bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig -und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach -Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die -schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen, -durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten -Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen, -dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr -vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es -ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem -Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken -sucht,[6] und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft -ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die -Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen -Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie -sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard -Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene, -alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und -für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der -Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«. - -Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit -Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich -zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint -in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären -auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher -Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans -Licht will und nach Macht verlangt. (10.)-- -- -- -- -- --Der gesammte -Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in -die dunkelsten Schluchten:--in der Nacht dieses halb unterirdischen -Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm-- --« (12.) »Wir thun einen -Blick in die _andere_ Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung, -welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss -verehrt:-- -- --jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass -die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,-- -- --die -schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen, -tyrannischen.« (13.) - -»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung -der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er -allein ganz und er selbst bleiben konnte.« (13.) - -Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners -aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem -er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von -dessen seelischen Zuständen auffasste: - -»-- --wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des -Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich -ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, -einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.« -(82.) - -»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer -Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,-- ---ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege -fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.) - -»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich -verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des -Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen -Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von -Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«--. (80.) - -Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste -Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes -auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von -Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt -erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn -unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige -Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten -Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war -eine _Genesung_. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.) -Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem -Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem -Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe. -Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören: -dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht -habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei. - -Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der -Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein -Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit -nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die -eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,-- -sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften -Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse -gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins -beschlossen!« - -Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten -Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen -Beweggründen--unwiderstehlichem Wahrheitsdrang--und auch aus -menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In -Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher -Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner -Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass -er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte, -dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine -»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein -»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von -seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen -Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei« -überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch -allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung -erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den -Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf -die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich -greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth -der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.« - -Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem -Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen -seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine -Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich -aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese -Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man -unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat. - -Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet, -als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen -angelangt--war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen -Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und -Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete -aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein -Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur -der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen, -ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882, -ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther -Festspiele,--der Erstaufführung des Parsifal--, der Versuch gemacht, -Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der -Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine -alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass -im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth -zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch -misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot, -den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben -Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der -seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert: - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor -mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die -Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an -welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange -sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken; -dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser -Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte -er. - -Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der -Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches -Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter -Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen -Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in -den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und -aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, -philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart, -der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht -zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines -Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode -ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn -er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner -Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten; -und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer -wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten. - -Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich -pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder, -welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren -Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen -Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch. - -Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft -in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen -Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12. -Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus -Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber--fast hätte ich -gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?« - -Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den -voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein -Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen. -_Wahrscheinlich_ hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf, -_vielleicht_ mit der Thätigkeit überhaupt, _möglicherweise_ mit-- ---u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr -zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.-- -- --Immer heisst es: -Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die -Geduld zur Geduld nöthig!« - -Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879: - -»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter -Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,--aber _nicht_ -mehr lange, so hoffe ich!« - -Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing -ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel -ihm schwer,--war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere -strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,--er nennt sich selbst -einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder -ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein -Viertelstündchen« (Brief an Rée)--, hinderten ihn nunmehr dauernd an -einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien. -Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte, -zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am -Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen. - -Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des -Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten -metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom -Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so -günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus -dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge -des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich -ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem -Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität -seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft -war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen -im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden, -sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals -selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher -geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff -sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher -begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten -fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein -Denken wissenschaftlich zu begründen,--es ist etwas vom vergeblichen -Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine -Gesundheit _genöthigt_, sich selbst zum Stoff seiner Gedanken zu -nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen -und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte -er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,--und daher so ganz -Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht -ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches -Schicksal zurückzublicken,--auf diesen unheimlichen _Zwang_ zur -Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,--man vermag sich dem Gefühl -nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten -war, _vorübergeht_. - -An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale, -seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,--Alles, was -seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm -eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen -Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »_Dunkel-Zeiten_.« -(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.) - -Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus -einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag, -von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,--sie -erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und -langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich -sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin. - -»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später -(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches, -Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange -darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der -unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen -zur Begeisterung übrig blieb-- --«. Aber nicht als einen Klagenden -sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,--und mit Recht -bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein -Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er _nicht_ ein Leidender -und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.) - -Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden. -Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und -unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem -Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern -aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er -auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben -und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an -der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,-- --wie er -langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne -dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung -von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene -zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte, -und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns -beantworten soll: »--Scheint es nicht, dass-- -- --er vielleicht seine -eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, -Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen -Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende -Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.) - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -[Illustration] - -Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte -Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr -stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die -Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung -anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich -alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich -daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst -aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der -Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen -zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein -erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund -einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt -stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu -nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die -intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger bedingten als -begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen -Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie -gerade vorfindet,--dass er sie zunächst wieder kritiklos empfängt; denn -seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von -den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche -bilden,--um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,--nur -eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen -Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich -entscheidende Process abspielt. - -Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung -ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden -verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So -kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere -Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise -vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt. -Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich -wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling, -ja insgeheim noch als Gegner fühlt,--aber mit jenem schönen Wort im -Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine -Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,--aber auch deine Niederlage -ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der -Denker seinen Feind liebt.«) - -Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem -Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines -positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,--dieses Werkes, -welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst -im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«, -das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard -Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877 -entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: _Menschliches, -Allzumenschliches_. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken -Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30. -Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche. -(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt -mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode -schrieb: »Meine Schriften reden _nur_ von meinen _Ueberwindungen_: -ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.-- -- --Einsam nunmehr,-- ---nahm ich-- --Partei _gegen_ mich und _für_ Alles, was gerade mir -wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von -Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den -damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei -völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint: -einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns -in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern -uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,--in welche -neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits -den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den -ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende -Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart, -mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich -selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit -und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen -Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender -Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade -vollzieht,--und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern -selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner -eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so -heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in -schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt -und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt, -dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe. - -Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung -Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem -_persönlichen Verhältniss_ nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf -gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so -verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum -in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche -der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann -Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist -der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée -einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.) - -War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit -gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah: -durch seine _Jüngerschaft_,--so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée -mehr eine geistige _Genossenschaft_, die selbst dadurch nicht behindert -wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise -seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an -verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt -Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen -lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung -Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt: - -»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen -Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr -neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der -Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,-- --- -- -- -- -- -- --ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem -Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt -habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden, -was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so -wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen -dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf -dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit -den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer -Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig -mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung -zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen? -Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht -um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte -unbescheiden ist--ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge, -ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer -untauglicher werde.«-- -- -- -- -- - -Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang, -je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um -dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er -nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen -solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.« -(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine -Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele -Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals _den_, mit Ihnen -zusammenzuleben,--mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten -October 1879.) - -Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten -damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen -eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie -min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er -nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so -gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein -beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe -Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung -meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir -alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es -noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu -haben, mein herzlich geliebter Freund.«-- -- -- - -Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so -übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame -waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er -bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem -ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und -Gedankenaustausch. - - - »Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer - etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,-- - falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist - viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht - für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind - gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden. - Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer - Abkunft,[7] aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem, - grossem Druck zusenden?--Ich lebe ganz ohne Bücher, als - Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene - Frucht aus Ihrer Hand.--Es lebe das Gewissen, weil es - nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum - Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von - Herzen Ihnen nahe - - Ihr - - Friedrich Nietzsche. - - - -So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen: -»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der -Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach _Réealismus_, das -wissen Sie!« - -So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche -den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus -begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin, -Carl Duncker, 1875), dessen »_Psychologische Beobachtungen_«-- -Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds-- schätzte Nietzsche -nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt -erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren -wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die -La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten -um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den -philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée, -Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von -ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »_Der -Ursprung der moralischen Empfindungen_« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner, -1877)[8], das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches -positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu -den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen -hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken -vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn -ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die -Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des -moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage -_nach den Gründen der Sanction_ altruistischer Empfindungen; seine -Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme -der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers -auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so -musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem -Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der -moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner -Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch -bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen -Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre _Entstehungsgeschichte_. -Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und -Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker -wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden -eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs -Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten -Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den -_Nutzen_, die _Gewohnheit_ und das _Vergessen_ der ursprünglichen -Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung -seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er -sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches, -Allzumenschliches«: »Die Geschichte der-- -- --moralischen Empfindungen -verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen -gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein -der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man -die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen -an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut« -oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die -Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass -Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle -der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die -sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den -Worten bezeichnen:«--_jetzt_ aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, -_ursprünglich_, weil (es)--_nützlicher_ und _ehrebringender_ ist.« -(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung -des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen, -welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf -gemeinsamen Nutzen eingab, sind später von anderen Generationen auf -andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, -die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie -von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil -ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder -aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen -das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, _vergessen_ worden ist, heissen -dann _moralische_.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in -den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig _gefordert_ -wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte -der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert -wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter -Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer -Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,--aber _das -Gefühl für die Sitte_ (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene -Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die -Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19). - -So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel -charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die -rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher -heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen -Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst -wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug -auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden -philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten: -in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«, -des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos -steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und -Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird -die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber -die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und -wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss -des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, -benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten -philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen -der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft -und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude -am Leben und am eignen Selbst gerichtet.-- -- --« (Der Wanderer -und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft -und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die -Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in -dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung -des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und -alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht, -denn: »an sich ist-- --der Künstler schon ein zurückbleibendes -Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für -Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen _ungeheuren -Fortschritt_. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, -aber zum schönsten Schein umbilden--das ist griechisch: nachahmen, -nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,-- -- ---ordnen, verschönern, verflachen--so geht es fort von Homer bis -zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen -Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte -Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und -effect-lüsterne Seelen wenden.--Und nun würdige man die Grösse jener -Ausnahme Griechen, welche die _Wissenschaft_ schufen. Wer von ihnen -erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen -Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch -Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung -des _vernünftigen_ Denkens.») Die _Abkunft alles Gefühlsmässigen_ -von _Urtheilen_ und _ursprünglichen Gedankenschlüssen_ wird deshalb -Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das -Wort reden. »--Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter -den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form -von Gefühlen uns vererbt sind. _Die Inspiration, die aus dem Gefühle -stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils--und oft eines falschen!--und -jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen--das heisst -seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern -mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft -und unserer Erfahrung._« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«, -welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu -verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »_Lasterhaftigkeit -des Intellectes._« (Morgenröthe 543). »_Diesen schwärmerischen -Trunkenbolden_ verdankt die Menschheit viel Übles:-- -- --Zu alledem -pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben _an den -Rausch als an das Leben im Leben_: einen furchtbaren Glauben! _Wie -die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und -zu Grunde gehen, so ist die Menschheit_-- -- --_langsam und gründlich -durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle_-- -- ---_verdorben worden:_« (Morgenröthe 50).-- -- --daran denken sie -nicht, dass die _Erkenntniss_ auch der hässlichsten Wirklichkeit schön -ist,-- -- --Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt-- -- ---;-- --zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, -kamen in dem überein, was _das höchste Glück_ ausmache,-- --: sie -fanden es im _Erkennen_, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden -und erfindenden _Verstandes_ (_nicht_ etwa in der »Intuition,« _nicht_ -in der Vision, und ebenfalls _nicht_ im Schaffen,--)--« (Morgenröthe -550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:[9] »Ach, um den -wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet, -seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft -auf den Knieen--nach alter _Sclaven-Gewohnheit_ --und doch ist, -wenn der Grad von _Verehrungswürdigkeit_ festgestellt werden soll, -nur _der Grad der Vernunft in der Kraft_ entscheidend. (Morgenröthe -548).--Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten -Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität -steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen. -(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie -wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich -die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht -nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden -und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden -»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine -diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146). -Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass -nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls -nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk -erzeugt,--»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht, -dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus -vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat.-- -- -- -- --die -künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und -mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches -I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade _erlernbar_, als meist -angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! -Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. -Aber sie _bekamen_ Grösse, wurden »Genie's«,-- -- --: sie hatten Alle -jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile -vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; -sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, -Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.« -(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der -Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches -Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner -letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie--diesmal dem _eigenen_ -Genie--das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren. -Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss, -weil sie »_viele schwächere Kräfte_ und _Keime zu erdrücken_« sucht, -während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne -Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »_schwächeren und zarteren -Naturen auch Luft und Licht gegönnt_« (Menschliches, Allzumenschliches -I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen -überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.-- -- --Die -extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist -auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu -lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260). - -Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein, -die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist -Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus -sei und dass die gesammte Menschheit _unsere_ Strasse ziehe. Man -soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden« -(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei -beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive -unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so -starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt -ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten -Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht -ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und -sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu -erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des -Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth -sich _über_ den Menschen und Dingen fühlt,--wo der Weise als der am -meisten Muthige _sich selber_ und das Dasein am meisten _unter sich_ -sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung, -die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen: -»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, -mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.« -(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als -eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und -erwogen,--wie ihr auch in _Rées_ Buch ein besonderes Capitel gewidmet -war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so -brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich -nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38). -»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches, -Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.« -(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der -Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus -ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch -das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein -inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss -der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten, -als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er -merkt zeitig, dass nicht Das, was er _ist_, sondern Das, was er gilt, -ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der _Eitelkeit_.« -(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse -Nützlichkeit.«),--wo Nietzsche den _Mächtigen_ gleichsetzt mit dem -Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit -dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen -Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem -Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen -Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des -ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.) -Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende -Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive -bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden -»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt. - -Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen -liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen -Vermögens; die Menschen _veredeln_ heisst demnach nichts anderes, als -_Einsicht_ unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt -aus als _böse_ bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch -geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse -genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich -für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches -I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern -zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in -seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam -und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so -kämpft, dass die Menschen ihn _gut_, oder so, dass sie ihn _böse_ -nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines -Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen, -welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen _früherer Culturen_ -gelten,------. Es sind _zurückgebliebene_ Menschen, deren Gehirn, durch -alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und -vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I -43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein -Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen -die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch -die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.--»Gute Handlungen sind -sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute. --- -- --Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand -sich-- -- --hinziehen lässt.-- -- -- --Ja, in einem bestimmten Sinne -sind auch jetzt noch _alle_ Handlungen dumm, denn der höchste Grad von -menschlicher Intelligenz-- -- --wird sicherlich noch überboten werden: -und dann-- -- --wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus -einer moralischen sich in eine _weise Menschheit umwandeln könne_«. -(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird -sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«, -»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei« -aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth -sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung -ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »_Die -Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine -einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt -den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet, -fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden, -boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren_? Kann er darauf -in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich -um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das -beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran -zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage -eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse -Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei -dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen -Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der -begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches -klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist -nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete -Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen -1129).[10] - -Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie -gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des -Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende -Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen -Triebe und Instincte in sich birgt,--also der »böse« Mensch. Noch ist -ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth -denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit -darstellen. - -Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht -weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die -ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und -dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist -(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit -des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft -des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt -die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer -mehr-- -- --die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der -Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter -Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches -nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle -menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen; -der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen, -als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das -»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches, -Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des -Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich -anpflanzen kann (Ebendaselbst 107). - -Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von _positiven_ neuen -und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete -Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher -Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen -sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der -Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die -Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission -zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte -man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf -seine göttliche _Abkunft_ hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener -Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem -greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu -sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in -der entgegengesetzten Richtung: der Weg, _wohin_ die Menschheit geht, -soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit-- -- --dienen. Ach, auch damit -ist es Nichts!-- -- -- -- --Wie hoch die Menschheit sich entwickelt -haben möge--und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang -stehen!--es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung, -so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur -Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt -das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen -Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!« -(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen, -so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das -Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, -er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,--denn -die Menschheit hat im Ganzen _keine_ Ziele, folglich kann der -Mensch-- -- --nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine -Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet -»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das -Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das -Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der -Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar -der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und, -anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu -schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich -verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener -phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige -ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte -zu--deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss--dein letzter -Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass -ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre -Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne -ein »Decadenz-Symptom« ist,--aber hier deckt sich der Begriff der -Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die -Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!-- -- ---Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?-- --wir wollen Alle -lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!« -(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss« -(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu -gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches -Erkenntnissideal zusammen,-- dasselbe Wort, gegen das er sich noch -kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur -wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die -_Umkehrung_ desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen -als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das _Lebenwollen_ um jeden -Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, --das ist die »neue -Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte, -deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In -der Reife--des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das -Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches, -Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit -des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33). - -Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so -kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er -sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade -von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des -_Gegensatzes_, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten -Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für -ihn zu einem _Ideal_,--gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren, -von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der -Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu -einem enthusiastischen,--fast _religiösen_ Verhalten und ermöglichte -ihm jene 'religiös motivirte _Selbstspaltung_, deren Nietzsche -bedurfte,--jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein -eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf -ein _zweites_ Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer -Idealmacht _opferte_, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser -Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie -sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern -Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser -Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf _wider den Rausch_, seine -ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch, -sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen. - -Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man -könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten, -rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur -den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre -tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte -und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff -für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie -nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als -eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen -Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),--und -auch wohl thun,--denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als -ein hoher Wärmegrad«. - -Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R^es Gedankenrichtung nirgends -so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches, -Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter -seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess -er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der -persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben -ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die -Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller -Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und -rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm -als ein _neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen_ und verlieh -seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge. - -Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem -Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu -denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten -Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und -marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass -er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner -Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch -hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit -aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder -unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder -im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen -Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr -rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an -einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem -»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu -denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung -seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen -gehört's,--den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen: -»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen -geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft -gratulire! Es lebe der Réealismus!« - -Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche -Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war, -welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für -Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende -sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt -hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte -ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und -ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An -diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige -Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing. -Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche -Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische, -religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von -Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie -seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches -Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für -Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer -und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine -Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth -verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend, -dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten -aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen -Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind -besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen -erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der -Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine -Lücken zu lassen. - -Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des -Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war, -bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und -bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden. -Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen -Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen -liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht -hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten -Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der -Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine -Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens, -in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr -Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade -in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit -seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines -Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen -Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien, -schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf -und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart -hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an -Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat -seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm -blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte -demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus, -und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem -Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens, -deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz -standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche -aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst -so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast -mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels -und Bekehrers gegenübertritt. - -So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine -um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle -verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart -des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen; -aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und -überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für -ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner -Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb -in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu -Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und -in einer erhöhtem Form zu sehen,--ich, der ich selber Bruchstück-- --- --bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land -hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!« - -Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf -dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen -neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er -den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen -Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die -Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen, -dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr; -ausleben und erneuern wird. - -Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt -und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines -innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen -Werken,--von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches, -Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung -der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden -Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet. -In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild -und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in -seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch -mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung, -aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich -jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im -Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder -abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer -Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt -seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in -wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes -schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst -Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist -er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger -wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene -Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach -durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht -auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt -mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich -selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie -einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie -unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen -sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend -emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im -Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen -allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose -Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies -doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen -und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller -Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die -düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu -nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch -zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem -Doppel-Selbst. - -In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem -ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als -sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben -sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt: -hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt -heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner -Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter -Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des -Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will _das Seine_: -dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch -den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut -gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas -kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,--aber -beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran -ist hundertmal mehr gelegen.« - -In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität -seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten -Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht -begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den -hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der -Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf, -ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen. - -Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit -noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die -sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente -allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht -worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs -gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör -zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;-- ---dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer -Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der -Gegenwart erhoben haben.[11] Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen -hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken -untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen -belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die -opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer -Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,--durch das Bestreben, _nur_ -dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber -nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester -Nüancirung,--so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und -erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und -Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode -in vollendete Form zu giessen verstanden,--aber erst jetzt lernte er, -sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein -goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner -Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen -Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen _neuen Stil_ in der -Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die -dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil -des _Charakteristischen_, der den Gedanken nicht nur als solchen, -sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz -ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein -Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht -nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher -Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen -lässt, was sonst im Worte stumm bleibt. - -In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu -etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines -Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern -Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich -nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen -Ereignissen _ab_: sie _machten_ vielmehr das eigentliche und einzige -Lebensereigniss dieses Einsamen _aus_. Und dem gegenüber erschien ihm -auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und -leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten -Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von -»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr -noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, -dass ihr mich niesen und lachen machtet--und jetzt?-- -- --Welche -Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem -Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben _lassen_, was -vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk -werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende -und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel, -die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen -lassen,--mit _unserer_ Hand!--Und nur euer _Nachmittag_ ist es, ihr -meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben -habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig -Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:--aber Niemand erräth mir daraus, -wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder -meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten-- -- --_schlimmen_ Gedanken!« - -Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei -seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar -Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer -Selbstunterhaltung,--nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der -Feder in der Hand: - - - »Ich schreib nicht mit der Hand allein: - Der Fuss will stets mit Schreiber sein.« - - -singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52). -Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der -wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen -von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten -Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines -Zarathustra (II 5): »-- --aus dem Überflüsse heraus ist es schön -hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte -er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth, -aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen -waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit -angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon -(Der Wanderer und sein Schatten 338), »-- -- --in dem gesammten-- --- -- Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die -Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien -und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller -silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit -seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit -selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe: -»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über -einander, sondern sind vertraulich zusammen.« - -Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden -gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen -Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der -fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch -arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem -Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder -aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,--der seinen »Ohren -für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich -gesprochenem Wort. - -»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,« -schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die -_Augen_! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich -förmlich _mit Gewalt ferne_ von der Wissenschaft--und was habe ich -ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen -und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen -Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner -Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; -die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören« -von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.« - -Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer -Grundlage, die »_Morgenröthe_« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner), -vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und -Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen -zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das -nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und -gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist -es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu -überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch -ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,-- -es ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen -und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage, -auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,--ohne -die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen -Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen, -die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu -widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus -den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die -Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir -sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an -das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die _Bedeutung -des Affectlebens für das Denken aufgehen musste_. Unmerklich verschob -sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang -auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der -nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil -sie _Wahrheiten_ sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der -Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des -Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf -diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche -aufgehen musste,--einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden -Philosophie. - -In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe« -die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von -seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer -mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der _Uebergang_ von -einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen, -Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber -in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir _theoretisch_ der -vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den -sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier -dagegen wird jede Möglichkeit einer _Theorien-Aenderung_ noch mit -Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen -Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre -Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr -der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen -Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir -ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand -eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche -sonst vollständig abgeht. Hier _verräth_ er sich fortwährend, ohne -es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und -tadelt,--er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens, -sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges -Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten -Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens -austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und -Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum -Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh, -ihr-- -- --edlen Schwärmer, ich kenne euch!-- -- -- -- --Bis zum Hass -gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!-- --- --Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht -der Ausdrücke!-- -- --Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu -verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!-- -- -- -- --Wie dürstet ihr -darnach, Menschen in diesem Zustande --es ist der der Lasterhaftigkeit -des Intellectes --zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu -entzünden!-- -- --« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift -man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet: -»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über -die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,-- --- --Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus _nur Sicherheiten_ haben -zu wollen, ist ein _religiöser Nachtrieb_, nichts Besseres,--« (Der -Wanderer und sein Schatten 16). - -Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst, -bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen -Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an--»der Tyrannei -des Wahren«:--»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und -Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;-- -- -- --man muss sich -von ihr im Unwahren ab und zu _erholen_ können,--sonst wird sie uns -langweilig,--« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den -von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder -werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:--_Seher_, die uns Etwas -von dem _Möglichen_ erzählen! Wollten sie uns von den _zukünftigen -Tugenden_ Etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf -Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,--von -purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo -seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551). - -So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich -in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch -schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in -der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides -ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja -die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal -aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben -Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung -von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt -hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund -eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben -aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. -Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist -diese-- --, wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.« -(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt -er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche -langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben -nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,--sodass -zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.« - -Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und -unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,-- diese überschäumende -Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen -Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher -verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende -»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen -grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand« -sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da -einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen -hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges -Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche -Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als -Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren! -Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der -»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«: -»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist -es unbeschreiblich angenehm, sich _überwältigt_ zu fühlen! Plötzlich -und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die -Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss -wohin? zuzusehen!« - -In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses, -langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und -angesammelt,--in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung -nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik -hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene -Sieg den Sieger. Es ist das »_Glück des Gegensatzes_«, das er darin -sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der -positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die -begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan -gemacht dem Schaffensdrang des Willens. - -Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes -Aufklärungslicht mehr,--hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende, -lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht -der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen -hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele -Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den -Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch -zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am -Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über -die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist, -und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste -der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein -träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck -findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen -_Vorurtheilen_ heraus zu neuen _Werthurtheilen_ zu gelangen, wie es -möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch -alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der -Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral -im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt--ja was kommt dann?« -(Morgenröthe 96.) - -Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein -Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es -kommt eben noch etwas,--die Hauptsache kommt noch!« verspricht die -Morgenröthe und wird immer heller und röther. - -Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn -auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und -Fempläne: - - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - »Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes - Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen - zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung, - welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine - asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel, - die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als - das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig - sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich - bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere - Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand - kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen - gethan und geplant wird! - - Treulich Ihr Freund - - F. N.« - - -Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus: - -»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten! -Was ich nie mehr glaubte,-- -- -- --das erscheint mir jetzt als -möglich,--als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines -zukünftigen Lebens-- -- --.« - -Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt -fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was -Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den -Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und -negirende Denkrichtung selber als einen _Wegweiser_ zu neuen Idealen -aufzufassen sucht: - -»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen -der Menschheit _untergegangen_ sind? Wird man vielleicht uns einstmals -nachsagen, dass auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu -erreichen hofften_,--dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu -scheitern? Oder, meine Brüder? Oder--? (Morgenröthe, Schluss.) - -Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete, -da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte -gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen, -ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie -jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten, -von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses -Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen -Kritik,--jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben. - -Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder, -die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft« -schrieb: - - - »Freundin, sprach Columbus, traue - Keinem Genuesen mehr! - Immer starrt er in das Blaue - Fernstes zieht ihn allzusehr! - Wen er liebt, den lockt er gerne - Weit hinaus in Raum und Zeit,-- - Üeber uns glänzt Stern bei Sterne - Um uns braust die Ewigkeit.« - - -Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit -des Landes,--es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das -Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne -es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten -Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem -er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken -gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte. -Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen, -in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind, -wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch -die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth -der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass -sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für -alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten -vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn -nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte, -sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein -Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue -Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von -ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie -war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen -und Sich-Verlaufen,--»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth -war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:--_fliegen_ allein will -mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen -gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie -sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende -Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner -Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet, -musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie -der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der -ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte -sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er -sich wieder dorthin zurückschleichen würde,--wo die Götter und die -Uebermenschen hausen. - -Nietzsche schreibt einmal an Rée: - -»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese -ich-- -- --die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden, -wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?-- -- --_Will -uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere -Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?_ -Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir -die Geduld verlören--.« - -Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!« -sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen -Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen -Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem -heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens, -des ewigen Lebens, schrieb. - -Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen--. - -Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als -das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden -könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche -Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn -daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen -zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen -Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil -verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um -durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches -zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte, -dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe, -empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das -Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und -der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf! -Welches herrliche Jahr 1881!« - -Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin -1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem -Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von -sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen -Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so -lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte -Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt -nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er -sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der -moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt -ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und -der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf -beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit -zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung -eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen, -Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn -dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden -zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses -inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und -Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder -umzusetzen. - -Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt, -sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen, -das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie« -unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er -wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris, -Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede -schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm -nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege -als richtig erwiesen wäre. - -Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit -den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher -fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum -Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern -hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei -auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete -herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch -einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der -Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem -Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen -sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch -einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander -entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.[12] Das -spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn -Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten -Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht -erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins -verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen. - -Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner -Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand -ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer -Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche -befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem -der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig -unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um -noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu -schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner -Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei -es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer -solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der -Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint -er--einmal befruchtet--um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er -ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm -gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so -geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden -soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine -Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen. - -Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene -Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal -zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches -und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung, -dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen -aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen -festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die -ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten. -Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches: -das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den -verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines -schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein -gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben -seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu -einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet. - -Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox -dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je -allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung -sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so -vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass -die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder -und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur -Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,--»Mein Urtheil -ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht« -(Jenseits von Gut und Böse 43)--und doch wird gleichzeitig dieses -Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze -Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse -innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben -das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise -den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären -glaubt.« Für mich--wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!« -(Also sprach Zarathustra III 95.) - -Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz -und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens -besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches -sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter -meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen -Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich -seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi -scribo!« - -In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst -geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner -ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus -seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen -Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen -im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen -bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst -irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«, -ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr -verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie« -reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich -verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns -ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen -zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse -entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und -Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint -Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass -er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht. - -Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil -auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein -Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel -schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie -Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens, -sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen -seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen -werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da -Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen -ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine -Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig -entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung -unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass -diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem -Eigenbild zu construiren, Nietzsches_ Leiden an sich selbst zu Tage_ -treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er -in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch -zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch -den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des -theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der -praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche -sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht -freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört -man endlich den Schrei nach _Erlösung von sich selbst_,--nach seinem -_Wesens-Gegensatz_, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung, -Umwandlung,-- nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des -innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung, -aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden -Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht. -Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt -frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben -die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches -Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden -als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung -hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar -nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren, -Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle. -Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu -Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals. - -Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig -klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein -Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien -sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein -mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine -letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht -vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken -wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des -Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so -gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der -Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine -menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen, -kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den -tragischen Conflict seines Lebens löst,--den Conflict, des Gottes zu -bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet -er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen, -visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um -sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren -Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu -einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster, -lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere -als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch -gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber -zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung -hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man -gedenkt seines Wortes, »-- -- --wer weiss, ob sich nicht bisher in -allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott -anbetete,--und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits -von Gut und Böse 269.) - -»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der -letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den -inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,--jene Exaltation -von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander -fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung -war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,-- -eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen -jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den -Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem -Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer -Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber -nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und -Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch -jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh, -von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt -entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in -diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein; -Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen -Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu -Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist -in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte. - -Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines -Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte, -zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren -Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!« - -Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth, -von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten -Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche -Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss -der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List -und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches -Schriften,--sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem -persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein -Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum -Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle -sich zu Gedichten wandelten;--zum Theil von einer so wunderlichen -Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune -bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind -es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der -seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei. -Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will, -während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen -seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten. - -Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner -höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt -auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns -zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes -Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig -hervorleuchten: - - - »Incipit tragoedia!« - - - - -[1] Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: _Zur Geschichte -der Theognideischen Spruchsammlung_, im Rheinischen Museum, Bd. 22; -_Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae Klage von -Simonides_, im Rhein. Mus., Bd. 23; _De Laertii Diogenis Fontibus_, -im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; _Analecta Laertiana_, im Rhein. Mus., -Bd. 25; _Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des Laertius Diogenes_, -Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel 1870.--_Certamen -quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino post H. Stephanum -denuo_ ed. F. N., in den Acta societatis philologae Lipsiensis ed. -Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat über _Homer und -Hesiod_, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. Mus, Bd. 25 -und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 Bänden des -Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach Ritschls -Disposition zusammenstellte. - -[2] Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: »--das -heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken, -mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen--« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.) - -[3] Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste -Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch -gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten -Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen -Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers« -Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer -Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den -hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland -gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller -Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des -Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der -Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte -auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken -derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner, -der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom -23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche, -und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des -griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte. -In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie. -Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872, -stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die -von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v. -Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites -Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1873, antwortete. - -[4] Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des zweiten -Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: »--was ich -gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich als Einer, -der von ihr langsam, mühsam genesen lernte-- -- --. - -[5] Vorwort V: »Auch soll-- --nicht verschwiegen werden,-- -- -- --dass -ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal der griechischen -bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so unzeitgemässen -Erfahrungen komme.« - -[6] Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm jenen -Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange suchte. -Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr strengte -ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den lebendigen -Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen hatte, -und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche mehr -sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne und -Zöglinge. - -[7] Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen -Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in -Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen, -vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die -englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen -Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was -er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch -hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu -Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch--erscheinen lässt.« -(Fröhliche Wissenschaft 99.) - -[8] Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, Allzumenschliches« -I 37. - -[9] Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen über -»Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im -Cultus des Genius'.« (164). - -[10] Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten Kräuter und -Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, Allzumenschliches I 48) -ist noch mehr werth als die gepriesene grosse einzelne Aufopferung; -noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes immerwährende -freundliche Wohlwollen, das des Lebens »_Behagen_« schafft. -(Menschliches, Allzumenschliches I 49) - -[11] Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir einmal -aufschrieb: - -_Zur Lehre vom Stil._ - -1. - -Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll _leben_. - -2. - -Der Stil soll _dir_ angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte -Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der _doppelten -Relation_.) - -3. - -Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und -_vortragen_«--bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung -sein. - -4. - -Weil dem Schreibenden viele _Mittel_ des Vortragenden _fehlen_, so -muss er im Allgemeinen eine _sehr ausdrucksvolle_ Art von Vortrag -zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon -nothwendig viel blässer ausfallen. - -5. - -Der Reichthum an Leben verräth sich durch _Reichthum an Gebärden_. Man -muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl -der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente--als Gebärden -empfinden _lernen_. - -6. - -Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, -die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die -Periode eine Affectation. - -7. - -Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken _glaubt_, und sie -nicht nur denkt, sondern _empfindet_. - -8. - -Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss -man erst die _Sinne_ zu ihr verführen. - -9. - -Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, -dicht an die Poesie heranzutreten, aber _niemals_ zu ihr überzutreten. - -10. - -Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände -vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und _sehr klug_, seinem Leser -zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit _selber -auszusprechen_. - -[12] Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der -Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen -Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm. - - - - -III. ABSCHNITT. - - -DAS "SYSTEM NIETZSCHE" - - - -MOTTO: - -»Schaffen wollt ihr noch die Welt, -vor der ihr knien könnt.« - -(Also sprach Zarathustra II. 47). - - - - - Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich - schätze nichts als _Antriebe_,--und ich möchte schwören, - dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch - diese Phase _hindurch_, in der ich seit einigen Jahren - gelebt habe,--sehen Sie _dahinter_! Lassen _Sie_ sich nicht - über mich täuschen--glauben doch nicht, dass »der Freigeist« - mein Ideal ist!! _Ich bin_-- -- --Verzeihung! Liebste Lou! - - F. N. - - -In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief -Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der -»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung -»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind -bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches -angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem -bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen -Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der -Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der -Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle -einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von -_Rückkehr_ zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase, -die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,--nämlich zur -Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen _Aesthetik_ und ihrer Lehre -vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als -auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, _das Mysterium einer -ungeheuren Selbst-Apotheose_, das er in dem zögernden Wort »Ich -bin«--sich noch scheut auszusprechen. - -Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige -Dichtung »_Also sprach Zarathustra_« (I und II 1883; III 1884, -Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann); -_Jenseits von Gut und Böse_, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft -(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); _Zur Genealogie -der Moral_, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); _Der -Fall Wagner_, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann); -endlich die kleine Aphorismen-Sammlung _Götzen-Dämmerung_ oder _Wie -man mit dem Hammer philosophirt_ (1889, Leipzig, C. G. Naumann). -Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens -Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie -die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines -Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind, -der Darlegung eines _Systems_ zu dienen, wenn auch nur eines Systems, -das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit -begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine -Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein -unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher, -als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine -vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen -jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen -und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das -reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien, -sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden -Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als -auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im -Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer -wieder macht er,--sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in -der Genealogie der Moral,--den Versuch, über das Rein--Aphoristische -hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen, -weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist. - -Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art -von _Erkenntnisstheorie_, einen Ansatz dazu, sich mit den -erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem -er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt -gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege -beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der -praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf -die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische -Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen -gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den -verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber -höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der -Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest -entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen -könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der -Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen. - -Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers -diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung -Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten -Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern -durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens. -Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme -der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der -Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf -den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese -Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen -Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn -begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille -und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft -hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe -nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er -derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In -diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht -auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die -Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens -auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es -entstammt und von dem es dauernd abhängig ist. - -Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen -vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen, -um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte -zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche -Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche -die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar -nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen -Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben -Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes -Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes -und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren. - -Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine _Stimmung_, nur -seine _Gefühlsauffassung_ der Sachlage, aber eben dies besagt für -Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden -Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue -Weltanschauung. - -Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken -in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner -Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie -in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei -Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne -letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein -Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse, -ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich, -daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien. - -Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden, -einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils -Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich -in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft. -Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches -zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist. -Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine -kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches -Geistesentwicklung,--als ein Muster von zwei verschiedenen mit -genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen -Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem - -Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung -des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin -Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von -Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen -könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am -ausführlichsten die _Unberechtigung der Werthgegensätze_ »wahr und -unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig -werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe -der Wahrheit trat vor uns hin,-- -- --Was in uns will eigentlich »»zur -Wahrheit««?-- -- --Gesetzt, wir wollen Wahrheit: _warum nicht lieber -Unwahrheit?_-- --« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, -dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt? -Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen-- --?« (34.) »In -welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!-- -- -- -erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit -durfte sich--die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem -Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, -zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern--als -seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend -einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven _entgegengesetzt_,--das -meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte -heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik -ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention« -(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache -der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf -können als gerade zur Realität unserer Triebe--denn Denken ist nur ein -Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36). -Und daraus folgt denn schon: »-- --_je mehr_ Affekte wir über eine -Sache zu Worte kommen lassen, _je mehr_ Augen, verschiedne Augen wir -uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird -unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen -aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, -gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt -_castriren_?... (Zur Genealogie der Moral III 12). - -Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von -seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt. -Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil -derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich -irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die -uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und -degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des -Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung -noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich -neben einander besteht,--die Relativität des Denkens und diejenige -des Affektlebens,-- --das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche -Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene -Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den -er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan -machen wollte,--auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste -gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung -rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem -fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!« - -Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch -kein Einwand gegen ein Urtheil;-- --Die Frage ist, wie weit es -lebenfördernd, lebenerhaltend -- --ist;-- -- --Verzichtleisten auf -falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung -des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der -dem Wahren, dem Wahrhaftigen,-- --zukommen mag: es wäre möglich, -dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein -für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben -werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, _was_ den Werth -jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit -jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche -Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu -sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »-- -- --wir sind von Grund -aus, von Alters her--_ans Lügen gewöhnt_. Oder, um es tugendhafter -und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr -Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere -der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen -Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »--die Kunst, in der -gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen -zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um -derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten -Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als -die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und -»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.) - -An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst -der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem -neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen -ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen -»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als -eine unvermeidliche _Zugabe_ zum erkennenden Denken betrachten -und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu _reduciren_ suchen: die -Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,--das gerade -bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen Steigerung. Die Einsicht -in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der -Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur -Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die -demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche -der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine -Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches -Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in -dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens. -Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer -letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so -öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch -Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und -Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden -Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber -hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt -hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen -Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und -Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten -Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus -dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die -nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert -er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet -und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der -Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch -keine Richtung gewiesen ist,--dass Alles in ihr noch herrenlos und -gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches -Schaffen,--gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft -für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins -Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene, -Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit -Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:--denn nicht wollt ihr mit -_feiger Hand einem Faden nachtasten_; und, wo ihr _errathen_ könnt, da -hasst ihr es, zu _erschliessen_.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.) -»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust -(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!« -(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender, -bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille -zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!« -(Ebendaselbst II 50) - -Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und -Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens, -eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich -selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches, -Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist -verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, -so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die -Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und -Erkennenwollen ausschweift.[1] In einem solchen Verlangen wild -auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts -ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.) -und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des -Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden, -willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten -Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die -Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser -Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der -Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem -Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen -hat. »Warum dürfte die Welt, _die uns etwas angeht_--, nicht eine -Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem -Hintergedanken: _und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein_? - -Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der -»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit -den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand -ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt« -endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine -Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu -uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise, -den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als -identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato, -_bin_ die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren, -scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den -Weisen,--lebt in ihr, _er ist sie_.« Im Christenthum trennt sich die -Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem -sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als -Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe -von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem -blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«--bis sie -sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts -verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei -des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr -gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist: -»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit; -Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der -Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir -zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss -überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre« -Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen, -uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren -Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als -deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst -zurückgeworfen als auf den _Selbstschöpfer aller Dinge_. Wieder ist die -alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht -als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in -der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit, -von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte -Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat. -»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin, -sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den -geheimnissvollen Schlussworten: »_Mittag; Augenblick des kürzesten -Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit; -Incipit Zarathustra_.« - -Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins -Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen -und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt. -Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine -neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse -Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn -aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen -Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens -gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des -Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen -Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das -Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte -sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt, -was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt -sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er -auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen -alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt -und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der -Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass -er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande -wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern -in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt -ergeht. »--_Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und -Gesetzgeber_: sie sagen »_so soll_ es sein!« sie bestimmen erst das -Wohin? und Wozu? des Menschen-- --,--sie greifen mit schöpferischer -Hand nach der Zukunft-- --. Ihr »Erkennen« ist _Schaffen_, ihr -Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist--_Wille zur -Macht_.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft -immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie -ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, -zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die -»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207) -sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze -Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter -Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden -bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden -immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und -Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen. - -Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses -Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen -nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren -wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen« -Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen -des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt -mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis -in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt -»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen _Ersatz_ -für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen. -Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die -Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem -Wahrheits-_Entdecker_, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er -gewissermassen zum Wahrheits-_Erfinder_ geworden, zu einem »Überreichen -des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und -Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d. -h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen -nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen _Sinn_ -noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er -sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu -einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse -Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths. - -In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das -Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer -Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und -Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein -innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des -strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit -ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt -er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens -Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung -durch den Gedanken verlangt,--es ist der »tropische« Mensch, auf den -die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf -Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste -Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen -kann;-- -- --die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten -Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten -zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und -Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III -82). - -Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion -gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste -Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste -Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen -unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in -der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner -Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die -Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt -er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem -Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen -seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den -erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph -des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes -wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste -Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,--der -Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts -gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der _gegen sich selbst_ -gewendeten Grausamkeit«.--er muss als »Künstler und Verklärer der -Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche -Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so -empfängt er die höchste Offenbarung,--er taucht hinab ins Grenzenlose, -Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er -sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, -in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken -wiederfinden: _dass der Untergang durch das Uebermass_ die Bedingung -einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches -Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich--persönlicher Mystik aus, in -der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das -»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und -tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden -soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde -gingen!-- -- --Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!-- ---Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen -geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des -Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne -zeugen, in die er schaute,--wusstet ihr das schon?« (Also sprach -Zarathustra II 33). - -Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des -Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik -und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den -abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es -endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in -seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht. - -Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung -und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden -als des wahren Trägers des Lebenswillens,--des Erkennenden als des -Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von -Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen -überhaupt aussagt: »dass die moralischen-- --Absichten-- --den -eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze -gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang -des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten -und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen -trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll -der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine -Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder -»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der -Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen -Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: _es taugt nichts_.... Immer und -überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,--einen Klang -voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand -gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge -der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens, -der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,--war -es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen -zugleich ihr _Adelszeichen_, das sie von den geistig rohen Menschen, -vom _Pöbel_, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier -hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf -die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der -Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als -die Kranken und Entnervten, als die _Niedergangstypen_ eines jeden -Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph, -der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über -die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder -zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für -Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der -Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen, -trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte -und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem -er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II -»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker, -die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle -beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das -Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des -Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen -haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also -geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie -mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines -Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden -Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst -Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge -niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die -sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden -und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung -weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie -vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? -ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den -ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.) - -Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die -äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit -gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen -Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung -seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen, -in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu -einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und -Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,--? er ist -der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch -nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das -krankhafteste,--»das noch nicht _festgestellte_ Thier.« (Jenseits von -Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als -solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet -desselben. - -Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges -ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,--da wo sich die -wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten -socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene -furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen -die alten Instinkte der Freiheit schützte-- -- --brachten zu Wege, -dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich -rückwärts, sich _gegen den Menschen selbst_ wandten.« »Alle Instinkte, -welche sich nicht nach Aussen entladen, _wenden sich nach Innen_-- -ist das, was ich die _Verinnerlichung_ des Menschen nenne: damit -wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« -nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei -Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung -des Menschen _nach Aussen_ gehemmt worden ist.« »Der Mensch, der -sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in -eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst -zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den -Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,-- -- --. Mit -ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von -welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des -Menschen--_an sich_: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von -der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten -Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit -beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) - -Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen -sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist, -und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch -gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am _Ausgang_ einer -langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als -Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die -Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form -auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht -und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen, -sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung -reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch -eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind, -beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu -machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, -Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der -grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln -zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, -keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit -einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden -schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des -Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von -Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.) - -Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die -Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen -und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht -wehren kann,--so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde -in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse -mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte, -nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte. -Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark -verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner -ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er -wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten, -gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt -gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle -Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium -bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen -Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind, -als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen, -moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu -lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit. - -Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der -menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für -deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine -dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände -unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu -verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige -Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt -wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form, -zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die -Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist« -auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle -Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das -Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit« -dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre -Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in -der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum -durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren -werde. - -»Man ist nur _fruchtbar_ um den Preis, an Gegensätzen reich zu -sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende -Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu _ertragen_. Dann ist scheinbare -Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur -ein Schimpfname für die Herbstzeiten«,--d. h. für die Zeiten der -abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann -Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem -nothwendigen Ende zu,--»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen -_Schritt für Schritt weiter in der décadence_.-- -- --Man kann diese -Entwicklung _hemmen_ und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, -aufsammeln, vehementer und _plötzlicher_ machen: mehr kann man nicht.« -(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische -Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der -Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich -selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der -Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten, -- --Thierseele auf Erden -etwas so Neues, Tiefes,-- --Widerspruchsvolles und _Zukunftsvolles_ -gegeben«,--dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art -des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit -»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, -sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses -Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein -Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,--ein Seil über einem -Abgrunde.-- --Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke -und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass -er ein _Übergang_ und ein _Untergang_ ist.« (Also sprach Zarathustra -I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu -Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden -Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die -Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »-- -- --als -welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.« - -Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe, -die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht -aufgegeben, sondern noch möglichst _verschärft_ und zum Ausgangspunkt -seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten -Einsicht hat sie sich ihm zu einem _Gemüthsaffekt_ gesteigert, und -als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle -seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram -und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach -Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt. -Aus dem _Accent_, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus -den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die -übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken -einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche. - -Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches -neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des -Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem -Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt -die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung -durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft. -Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit, -eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr -gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die -schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die _Ursache_ -und _Begleiterscheinung_ der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren, -werden nunmehr zum _Erkenntniss_-inhalt selbst. - -Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit -ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen -Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war -jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig, -obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr -schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit -der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann -zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte -nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille, -als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen -zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen _längeren_ -und _tieferen_ Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick -beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für -sein Wollen einstehen--er wurde »das Thier, das _versprechen darf_«. -Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von _Mnemotechnik_: -sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein _Gedächtniss -einzuverleiben_ sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also -auch zu sich _Ja sagen dürfen_--das ist--- eine _späte_ Frucht:--wie -lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir -uns--ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich -seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte -endlich zu Tage bringt, _wozu_ sie nur das Mittel war: so finden wir -als reifste Frucht-- --das souveraine _Individuum_, das nur sich -selbst gleiche,-- --, kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen -Willens, der _versprechen darf_.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.) -Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums -entspricht eine neue Art von _Gewissen_, nachdem der Mensch den Moral -Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens--seinen strengen, -nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern--entwachsen ist, und damit das -alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat. - -Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner -ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen -Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche -gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die -Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen, -wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt. -Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und -Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits -des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die -einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des -unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem -Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus -gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der -»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen -erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich -der mysteriösen _Herkunft_ und Abstammung des Willens leugnet, das -versucht er dafür an das _Ziel_ und _Ende_ der Willensentwicklung -zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten -langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein -reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben -beherrschender Wille allmählich _geschaffen worden_, so ist er damit -in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht -bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus -einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts -mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine _gewaltig angewachsene -und rücksichtslos explodirende Stärke_ bestimmt,--er ist reines, von -der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen -nicht mehr _metaphysischer_ Natur, denn es ist geworden, es ist das -_Resultat_ einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des -Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit -des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit, -denn sie wendet sich nunmehr als eine _unbedingte_ Macht umgestaltend -und umschaffend _gegen_ eben die natürlichen Bedingungen, denen -sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein -zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in -seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt, -indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort -kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende -unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)--blos weil man -die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht -mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen -des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende -erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist. -Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden, -aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle -Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller -Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen -Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die -Dinge hineinerschaffen; darum will Nietzsche an Stelle des »freien« -und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck »_starker_ -und _schwacher_ Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21) -und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und -_Entwicklungslehre des Willens zur Macht_«. (Ebendas. 23.) - -Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade -»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem _Genie_ geworden ist, was -sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat. -Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und -Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen -eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, -historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, -gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,-- -- --die Zeit, in der sie -erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr -werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie _älter_ sind, dass -länger auf sie hin gesammelt worden ist;-- -- --die Zeit ist relativ -immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.«-- -- ---»Der grosse Mensch ist ein Ende;-- -- --Das Genie--in Werk, in That-- -ist nothwendig ein Verschwender: _dass es sich ausgiebt_, ist seine -Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; -der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede -solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.) - -Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in -ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen -soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine -Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer -Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert -hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden -ist,--Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das -nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem -oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte -Menschheitsbewusstsein,--so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig -ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie -wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es -würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen, -ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst -hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der -Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den -Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung -Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige -Bedeutsamkeit:--mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der -Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als -der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich -Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt -sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein -Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen -uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals -herausgewachsen sind:--Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus -höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine -Art von Atavismus,--darin liegt der wunderlich _reaktionäre_ Charakter -der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von -der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch, -an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und -Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft -zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur -deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer -lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und -übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem -Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,[2] dass -Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden -seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie -sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die -guten Dinge) _hat_, ist ein Andrer, als wer sie erwirbt. Alles Gute -ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ... -« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren -lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende -und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der -moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz -und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm -Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst -ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist. - -»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden -Kraft:-- -- --Damit es Institutionen giebt, muss es-- --Wille, -Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen -zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte -hinaus, zur _Solidarität_ von Geschlechter-Ketten vorwärts und -rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant, -durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches -vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer -Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und -wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt -geisselt er die »pöbelhafte[3] Gleichmacherei« aller Menschen und -die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten -mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die -ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren -sind »die _ganzeren_ Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit -bedeutet, als »die ganzeren Bestien«--).« (Jenseits von Gut und Böse -257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem -solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu -Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,-- ja, sie _sind_ kraft -ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der -bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des -starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,-- -- --Ihm fehlt die -Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, -in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, -_zu Recht besteht_. Seine _Tugenden_ sind von der Gesellschaft in Bann -gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem -_Jeden_ eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten -und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem -seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer -die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich -und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der -Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass -er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres -Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem -Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt -ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich -noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen -Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff -darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der -Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und -ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende -Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und -das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen. -Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie -Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass -Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist, -der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der -dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren -konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu -unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung -bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches -Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode -an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders -auffasste.[4] - -In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines -rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild -der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch -heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur -der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen -Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches -viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen -Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von -positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im -Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass, -mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen -Zwecke bedurfte, durchzusprechen,--namentlich auch den etymologischen -und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut, -niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen -vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und -gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen -wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch -jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den -Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da -die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber -hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen. - -In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten -aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher -und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen -aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft -und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und -Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die -Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint. -In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war -Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen -Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen -Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte -sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des -Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden -verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei -unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral -und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht. -Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und -Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig -mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung -wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze -Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller -moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das -Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr -als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die -Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung -gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den -Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur: -sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen -als »gut« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also -auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und -halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz -anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser -»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus, -sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt -alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und -erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, _ihren_ Begriff -»gut« für sämmtliche jenen _entgegengesetzte_ Eigenschaften,--also für -das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin -das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«, -das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem -»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen -Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen -Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach -Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden -Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild -ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das -Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums -an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den -Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet -haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein, -damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.[5] -Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen -und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen, -weil die eigentliche _Bedeutsamkeit_ dieser Anschauung für seine -Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht. -Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich -zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für -ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der -Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb -ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang -verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont: -die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches -gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch -nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht -was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene -Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen -sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der -philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen -auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie -interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung -keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,--und -sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war, -wissenschaftlich zu arbeiten. - -Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher -seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)--dass wir »_Immer -in unserer Gesellschaft« bleiben_, auch wo wir wähnen, Fremdes -aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet -zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich--: das Andere -höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »_Grenze unseres Hörsinns_: -Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort -zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner -Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, -als was mir schon gehört,-- das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen -zurück.« (Ebendaselbst 242.) - -Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner -philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher -Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in -seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch -bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem -innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende -und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit -seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es -ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also -sprach Zarathustra III 74.) - -Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein -weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral -geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache, -dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, -_beide_ Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer -solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von -Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung -entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur, -d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet -und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch -die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche -beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen -des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang, -ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche -Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche -Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur -Weiterentwickelung erst befähigt durch die _Wunden_, die ihrer Kraft -beigebracht werden,--denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen, -sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre -Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: _alles -dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment_. -»Das Wesentliche,-- -- --wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass -lange und in Einer Richtung _gehorcht_ werde: dabei kommt-- --auf -die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf -Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser -Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar, -sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu -züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen, -aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften -und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven -Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um -sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren -Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie -wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den -Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas -Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch -ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr -ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter -Kräfte,--»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra -III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, -Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu -Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den -alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral -I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er -denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender -Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung -hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von -Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch -den Andren,--woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine -Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist -kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender -und Selbst-Untergang. Er wiederholt also _in sich_ und auf Grund -seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit -genau dasselbe, was einst auf die Menschheit _von Aussen her_, durch -Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,--wir -finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese -Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren -widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine -Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, -diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich -selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust -am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die -vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf -lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen, -welches heisst: »Ich bin das, _was sich immer selber überwinden muss_«. -(Also sprach Zarathustra II 49.) - -Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen -Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes -Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten -Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen -hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame -»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen -beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde -der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und -Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er -von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden -und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem -Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können. -Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist -liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte -muthet ihn an als _seine_ Welt, _seine_ Sicherheit, _sein_ Labsal«; -(Zur Genealogie der Moral I 10)--und er beschreibt sein Gegenbild in -der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur, -dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die -Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als -solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze -immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie -als _Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens_, die, historisch -betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch -betrachtet, als eine _Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen -Menschen erweisen_. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen -Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung -nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten -Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser -sich in Opfergott und Opferthier spalten muss. - -Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches -»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen -bedeutet, und wie sie sich zum _asketischen Ideal_ verhält, in -dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche -zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings -damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,--beginnt mit -einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das -bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und -Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand, -an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte. -Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend -ein Uebermenschenthum _gegeben_ sei, es müsste denn erst _geschaffen_ -werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein -andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie -sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres -Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle -eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits -hervorzulocken.[6] Daher giebt er den verachteten, gefürchteten, -misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von -keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit -der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen -Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der -Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen -höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen -sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,--dass alles Böseste seine -beste _Kraft_ ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden; -und dass der Mensch besser _und_ böser werden muss«. (Also sprach -Zarathustra III 97.) - -Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend -ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst -zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich -steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss: -er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so -kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und -seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,--wandelt -sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet: -»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst -du deine Tugenden lieben,--denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«. -(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass -er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle -Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.) - -So gleichbedeutend hiernach _egoistische Kraftauslebung_ und _Tugend_ -im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in -Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied -zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral -als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative -verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das -Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder -einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit -der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der -Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so -gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst -III 97.) Das _Uebermaass_ ist der Weg _zum Uebermenschlichen_, deshalb -geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit -seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden -müsstet?--Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, -der ist dieser Wahnsinn!--« (Ebendaselbst I 11.) - -Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines -Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er -betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein -Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht -und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein -»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare -Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der -»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel; -er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert -wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese -Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur -von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei -wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in -der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur -eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während -Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart, -geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu -Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen -im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch, -als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein -Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen« -Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei -Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen -und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den -_Moral-Weg_, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings -das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und -steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine -tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man -hingegen Nietzsches _Moral-Ziel_ genauer ins Auge, so erweist es sich -als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben, -sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern, -sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft -Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters, -wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen -Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth -zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht -minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er -wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob -auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele -nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung -unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer -blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich -einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: -allzuähnlich einander,--allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also -sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen -einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung -auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist -deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten, -aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser -Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.« -(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich -fand immer nur die _Affen_ ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.) - -Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt -der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches -Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang -des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer -hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und -auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung -der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am -Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben, -damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der -Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es -schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,--alle -erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um -sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten. - -So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik -auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,--in -dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln -eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 = -Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der -That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen -voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart -werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und -wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss, -kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht; -das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den -Untergehenden, der zermalmt werden muss,--es bedeutet: Euch adelt die -Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler -zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines -nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst -ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten -Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man -hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen -Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche -Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des -Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der -Zukunftsschöpfer, »--zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein -inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. -Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner -Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! -Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine -stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.) - -Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den -Lehren Nietzsches,--vor der Frage: Wie denn die Entstehung des -Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn -Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung -dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches -Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden, -gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine -Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische -Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für -sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit -damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller -wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische -Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem -_Leiden am eignen Selbst_ wird. Aus der Qual eines solchen Leidens -heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem -_eignen Gegensatz_ erwachsen,--die Sehnsucht des Starken, Unmässigen, -Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der -Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten -Reinheit,--die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben -besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich, -dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz -durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So -erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten -Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der -sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen _schon in der -Vorstellung_ austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser -schnellen Ausschweifung folgt,--er erhebt sich nunmehr »über sich«, -wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit -dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines -eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen -Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für -eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das -eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen -Uebermaasses bewahre,--dass es sie nicht schwäche, zügele, massige, -»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen. -Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen -es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in -sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner -Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der -Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines, -sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen -Wesens, --aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da -keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander -nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit -bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund -zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren -gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der -menschlichen Triebe,--auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine -leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche _Maske_, -der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich -gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf -erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass -es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln: -der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber -eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu -einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen -hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung -zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten -zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am -grundsätzlichsten in seine Theorien auf,--aber nur in den äussersten -Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel -zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich, -um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man -kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse -verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie -tief--tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen -Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien. - -Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der -von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe -als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im -vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine _Fähigkeit_ -zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine -Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion. - -Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung -glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche, -Farbenspiel-- --werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«; -(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden, -der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und -die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und -gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,--die Kunst, sich vor -sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige -niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der -Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche -angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem -Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert, -seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich -entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als -Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung -bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von -Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug, -hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit -nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches -Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein -_Kunstwerk_ ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: »-- ---man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, -als ihren _höchsten_ Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das -künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen -und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits -von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht -Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu -diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das -_Kunstwerk des Menschen_. Und wollen wir uns davon ein Bild machen, -so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in -seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte, -wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der -Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen, -welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden -sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das -Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken -gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt -werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das -Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich -selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung -ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der -griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die -apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen -Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so -verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild -des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol -im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner -Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des -Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf. - -So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in -die Aesthetik überfliesst,--in eine Art von religiöser Aesthetik,--und -dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des -Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen -muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer -phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer -und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade -dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die -Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen -vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er -von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem--Unvermögen, -als von seiner reichen Kraft.-- -- --eine ungeheure Lüsternheit nach -dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er -seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.« -(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung -des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen -Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung, -auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,--als ein _ästhetisches -Phänomen_ denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des -Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine -geschaute und nachgelebte _Vision_ hervortreibt. »-- --von Niemandem -will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst -es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen, -»aber gerade dem Helden ist das _Schöne_ aller Dinge Schwerstes. -Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.-- --Diess nämlich -ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, -naht ihr, im _Traume_,--der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach -Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann: --ein -Schatten kam zu mir--aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam--zu -mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn -»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«--»Was wäre denn schön, wenn -nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre, -wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin -hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis -zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht -er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund -aus hässlichen. »Ein _Hass_ springt da hervor:-- --Er hasst da -aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist -Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,--es ist der tiefste Hass, den -es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst _tief_....« (Götzen-Dämmerung -IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die -grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des -schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins -ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang -weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur -»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich -seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft -bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand -der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen -Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl -der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die -Dinge ab, man _zwingt_ sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt -sie,--man heisst diesen Vorgang _Idealisiren_.« (Götzen-Dämmerung IX -8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: -was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, -überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, -bis sie seine Macht wiederspiegeln,-- --. Dies Verwandeln-_müssen_ in's -Vollkommne ist--Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.) - -Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter, -indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein -ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem -Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die -Menschen und Dinge zu _vergöttlichen_, sie ins Gotthafte aufzulösen, -um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche -nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen -angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das -grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat -des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,--zum ersten -Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach -Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung -Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle -in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon -bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus -dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch, -er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen -täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein -ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt -aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in -einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,--im Sinn eines religiösen -Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum -ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das -Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern -Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden -ist, es enthalte in dichterischer Form eine _Popularisirung_ dessen, -was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In -Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke; -denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie -gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie -hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem -mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das -tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der -Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man -den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und -religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde -liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem -Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,--aus dem Sehnen, -seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben, -den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und -Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott -oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen -Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die -Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten« -anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm -gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen -der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra -keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf -sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »--was sagte dir einst -Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?--Aber auch Zarathustra -ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches -Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich -als Sein und Wesen zu geben,--ja, dass alle höchste Wahrheit in der -_Scheinwirkung_, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner -mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden, -sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts -Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von -Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler -ernst,--sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.) - -Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen -Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass -es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten -nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte -Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«, -der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu -überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht -vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen -Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine -Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend -eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber -spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken -abliest: »--warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern--als -zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu: -»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen -Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! _Vielleicht betrog er -euch_.-- -- -- --Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines -Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« -(I 111.) - -Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und -Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht -wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm _religiös_ eine Wahrheit -zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und -hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich -selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu -entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in -dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt -unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive -Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und -ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die -wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu -malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die -Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen -Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang -hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich -selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen -Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf -der einen--der menschlichen--Seite in demselben Maasse vertieft -werden, als auf der anderen--der übermenschlichen--das Licht heller -hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer -Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen -der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten -Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen -Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich -derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der _christlich-asketischen -Gottschöpfung_ gemacht hat: es sei in ihr des Menschen _Wille_ gewesen, -»ein Ideal aufzurichten -- -- -- --, um angesichts desselben seiner -absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies -Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen -düsteren entnervenden Traurigkeit,-- -- -- --. Hier ist _Krankheit_, -es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im -Menschen gewüthet hat:--und wer es noch zu hören vermag-- -- --wie in -dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei Liebe, der Schrei des -sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der _Liebe_ geklungen hat, -der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im -Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II -22.) - -Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des -Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime -Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten -die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip -gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht -geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft -und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,--und -so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten -Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische -Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere -als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem -tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift -Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder -seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das -ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den -metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges -an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten -Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus. -Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und -wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer -Lebenskräfte heraus zu _schaffen_, ist die psychische Voraussetzung -die gerade _entgegengesetzte_: das Schöne soll das Willensleben im -Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und -zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische -Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung -von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist -daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche -gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das -Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt, -ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als -eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch -das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider -Anschauungen: beide gehen durch das _Tragische_ in das Selige ihrer -Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«[7] -hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des -Lebens. Das Leben, als »das, _was sich immer selber überwinden muss_«, -fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den -Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem -solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher -Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen, -der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem -er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer -Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der -»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der -»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des -tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der -dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die -für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille -hergestellt wurde,--jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens -selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus -das Lichte und Göttliche zu gestalten.[8] Ursprünglich war er ihm ein -Zeugniss für die--in Schopenhauerischem Sinne--tief pessimistische -Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich -als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als -der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass -genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der -triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:-- -- -- --in -den dionysischen Mysterien-- -- --spricht sich die _Grundthatsache_ -des hellenischen Instinkts aus--sein »Wille zum Leben«. _Was_ verbürgte -sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das _ewige_ Leben, die ewige -Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und -geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus; --- -- -- -- -- --In der Mysterienlehre ist der _Schmerz_ heilig -gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,-- --- --Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille -zum Leben sich ewig selbst bejaht, _muss_ es auch ewig die »Qual der -Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:-- -- --«. -(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX -22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene -schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische, -denn in ihr zeugt der Künstler aus dem _Furchtbaren das Schöne_. »_Was -theilt der tragische Künstler von sich mit_? Ist es nicht gerade der -Zustand _ohne_ Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er -zeigt?-- -- -- --Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem -mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das -Grauen erweckt--dieser _siegreiche_ Zustand ist es, den der tragische -Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das -Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, -wer Leid aufsucht, der _heroische_ Mensch preist mit der Tragödie sein -Dasein,--ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten -Grausamkeit.--« (IX 24.) - -»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und -Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans -wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des _tragischen_ Gefühls,-- ---Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten -Problemen; der Wille zum Leben, im _Opfer_ seiner höchsten Typen der -eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend--_das_ nannte ich dionysisch, -_das_ errieth ich als die Brücke zur Psychologie des _tragischen_ -Dichters. _Nicht_ um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,-- -- ---: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust -des Werdens _selbst zu sein_,--jene Lust, die auch noch die _Lust am -Vernichten_ in sich schliesst ...-- -- -- --« (X 5.) - -Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten -Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner -Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und -der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,--seine Lehre von -der _ewigen Wiederkunft aller Dinge_. So sehr Nietzsches System -»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte, -ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens, -denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts -anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt -und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen -Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl -sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament, -als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der -er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist, -und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle -findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen -verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und -Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den -Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf -des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im -vorletzten Aphorismus des Buches »_Das grösste Schwergewicht_«, als -eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, -ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: -»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch -einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues -daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und -Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir -wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge--und ebenso diese -Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser -Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer -wieder umgedreht--und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«--Würdest du -dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon -verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren -Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott -und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt -bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht -zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal -und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf -deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben -gut werden, um nach nichts _mehr zu verlangen_, als nach dieser letzten -ewigen Bestätigung und Besiegelung?--« - -Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor--fast deutlicher und -unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es -nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und -erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen -Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz -unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle -hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der -ernsten Schlussbetrachtung »_Incipit tragoedia_« nicht merkt,--»so -heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt _uns_ überhört!« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er -denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste -unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch -am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat -der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist -Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt. - -Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit -einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen« -wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als -unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen. -Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein -Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm -unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen -Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der -That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr -für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der -Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche -nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen -qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche -Maske. - -Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich -ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu -wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung -des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren -Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,--einen Widerspruch, -der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung -seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt -diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit -knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der -Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft -giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!« - -Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der -Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner -eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen -letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen -lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik -zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte, -während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der -Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle -unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den -»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett. -Heftiger Anfall. _Ich verachte das Leben_. F. N.« So lautete einer der -Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und -dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach -Vollendung jener Composition schrieb: - - - »Meine liebe Lou, - - Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens - _bedarf_ ich etwas des Wohlthuenden! - - Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik - zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei--Sie werden - Ihre Nebengedanken dabei haben. _Es kostet mich immerfort - noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich - habe viel vor mir, auf mir_, hinter mir;-- -- -- -- -- -- -- - - _Vorwärts_------_und aufwärts_!-- --« - - -Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch -keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte -die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie -weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten -eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus -Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es -möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine -wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es, -wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre -ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren -absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges, -als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten. - -Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten -Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem -Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber -wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein -oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche -Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen -Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der -verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig -beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe -seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal -befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon -entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt -sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, -wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es -entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in -dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar -wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer -unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit -werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung -an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als -endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere -Eingebung--seine eigene persönliche Eingebung. - -Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und -des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden -Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt -uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die -Entstehungsursache seiner Theorien. Eine _neue tiefere Bedeutsamkeit -der Dinge_, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten -Problemen--dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als -Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die -Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre -mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar -zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der -Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem -Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,--ja er ertrug -sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und -zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem Sinn, nach dem tiefsten -Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man -sein _warum_? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem _wie_?« -sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als -die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen -Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung. - -So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual -einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an -ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,--und er begehrte dies so -inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen -Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine -schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern. - -Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens -eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass -und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen -Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche -scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere -Voraussetzung für ihn bilden. - -In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen -Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das -Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der -Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels, -um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und -Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu, -dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen -könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss -sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung -dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als -zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese -Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender -Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige -Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das -sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen -durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess -nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch -eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über -das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später, -als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und -unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm -jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den -Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab, -ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins -Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren -verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete -Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer -Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches. -Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das -in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt, -gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben -zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten -That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss -und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn, -dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die -thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen. - -So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus -seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik -zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste -steigert,--dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und -Lebensschmerz als ein _Sprungbrett_ zu benutzen, von dem er sich in die -Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will. - -In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet, -eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben -eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende -Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem -Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend -gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer -aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen -zu können;--damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine -Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird -in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem -schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue -Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen. - -In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie -das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung -des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung -und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen -Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder -verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist -von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht _Befreiung_ von dem -Wiederkunftszwange, sondern freudige _Bekehrung zu ihm_ ist das Ziel -des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära -der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen -ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen -Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der -Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der -Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen -liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet -worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch -betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken -und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte. -Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der -Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten -Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten _Accent_, -den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des -Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir -»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur -durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns -mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir -uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen -selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die -_auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe_ ist deshalb das -einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die bis zum Rausch -_entfesselte Lebens-Exaltation_ nimmt die Stelle ein der religiösen -_Erhebung_, ja, eines Gottes-Kultus. - -Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue -Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und -Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer -räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus -in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen -Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt -dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; -wer wirklich einmal-- -- --in die weltverneinendste aller möglichen -Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat-- -- -- --, der hat -vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen -für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten, -lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, -was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, -_so wie es war und ist_, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, -_unersättlich da capo_ rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen -Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im -Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat--und nöthig macht: -weil er immer wieder sich nöthig hat--und nöthig macht-- --Wie? Und -dies wäre nicht--circulus vitiosus deus?« - -In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der -Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus -hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie -ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist. - -Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen -mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene -Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,--und andererseits -wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen, -Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es -zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem -einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie -aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen: -eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der -ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine -Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d. -h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem -schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt -sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um -den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als -solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende -und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das -heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als -ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum -wird Alles--wie? vielleicht zur »Welt«?--« (das heisst: durch die -vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur -er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch -dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die -Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen -äussert). - -Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches -Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in -ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des -Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie, -und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein -Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir -haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu -einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie, -das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in -Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart -zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und -als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund -der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen -Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein -_unendlicher_, sondern ein sich in seiner Begrenzung _stetig -wiederholender_ ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren, -in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein -solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die _Richtung_ -auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,--nur so wird diese -letztere zu mehr als einer Hypothese,--wird sie zu einer _That_. -Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und -zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen -vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und -Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie -in beseligende Erlösung umzusetzen.[9] Streift aber Nietzsche je -einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt -er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:--Aber was -rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu -schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein -freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,--was -allein _Zarathustra_ freisteht, _Zarathustra_ dem _Gottlosen_ ...« (Zur -Genealogie der Moral II 25.) - -Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches -Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als -Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten -wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen -und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen -Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände -und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche -sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu -bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das, -nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit -aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,--für den -fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit -der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich -zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform -geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem -übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden -und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die -Welt erlösen sollte:--»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das -neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der -Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.) - -Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches, -sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die -Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch, -mit dem _Menschheitssinn_ selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«, -der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche -Nietzsche-Erscheinung überragt,--er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus -ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines -Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen -fernsten Ursprüngen an,-- --daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu -Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben -von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen -erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch -meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.) - -So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein -Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder -von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies -für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen -Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und -bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium -steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein, -mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte -ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus -verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen -erhebt!« - -War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem -Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er -sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk -»Der Wille zur Macht« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt -geschaffen gedacht haben,--d. h. von einem Ewigen und Freien, -dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er -ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin -Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist -Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen: -»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, -meinen _Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste_.--« -Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des -Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits -frei schaffend über demselben. - -So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer -Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich -doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das -Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als -des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat -gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens -hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich -in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später, -aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch -seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um -schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt -zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei -Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit -und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue, -aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende -ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der -thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit. -Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht, -braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten -Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und -die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in -sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt -er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in -positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers -Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an -das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des -gesammten historischen Gewordenseins-- -- --ein Streben nach Genialität -der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte -Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die -nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34) -den Aphorismus _Historia abscondita_: »Jeder grosse Mensch hat eine -rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die -Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus -ihren Schlupfwinkeln--hinein in _seine_ Sonne.« Ferner (337): »-- -- ---wer die Geschichte der Menschen insgesammt als _eigene_ _Geschichte_ -zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung -allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der -an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt -wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend -der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und -den Verlust des Freundes brachte--; aber diese ungeheure Summe von -?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein, -der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein -Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor -sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen -Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten -Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen -noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen, -Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der -Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl -zusammendrängen:--diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der -Mensch noch nicht kannte,--eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, -voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am -Abend, ? fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt -und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt, -wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses -göttliche Gefühl hiesse dann--Menschlichkeit!« - -Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem -Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des -historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt -im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung -hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in -»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft -des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das -vergangenen Zuständen angehört: »Alle _stärkeren_ Stimmungen bringen -ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie -wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der -individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig -auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der -Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,--denn der Einzelne ist ein -Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch -fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54) -Bezug genommen, in dem Aphorismus »_Das Bewusstsein vom Scheine_«: »Wie -wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich -mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für -mich _entdeckt_, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte -Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, -fortliebt, forthasst, fortschliesst,--ich bin plötzlich mitten in -diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume -und dass ich weiterträumen _muss_, um nicht zu Grunde zu gehen: wie -der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was -ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines -Wesens,--was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben -nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske, -die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte! -Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in -seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein -und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,--dass unter allen -diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass -der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu -ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die -erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das -höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und -die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben -damit _die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten_.« - -Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu -seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer -Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem -Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und -Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes -gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung, -dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer -schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke -später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten -Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in -tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf -Schläge verkündet: - - - _Eins_! - - Oh Mensch! gieb Acht! - - _Zwei_! - - Was spricht die tiefe Mitternacht? - - _Drei_! - - »Ich schlief, ich schlief--, - - _Vier_! - - »Aus tiefem Traum bin ich erwacht:-- - - _Fünf_! - - »Die Welt ist tief, - - _Sechs_! - - »Und tiefer als der Tag gedacht. - - _Sieben_! - - »Tief ist ihr Weh--, - - _Acht_! - - »Lust--tiefer noch als Herzeleid: - - _Neun_! - - »Weh spricht: Vergeh! - - _Zehn_! - - »Doch alle Lust will Ewigkeit--, - - _Elf_! - - »--will tiefe, tiefe Ewigkeit! - - _Zwölf_! - - -Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum -starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an -die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen -Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im -_Lebenserlöschen_, in der _Lebenssteigerung_ zu suchen sei. Aber wie -sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems -einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass, -nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser -extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich -nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung -vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist -schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den -übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben -hat;--es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht -werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller -Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen, -als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit -denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.[10] - -Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von -Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines -Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der -That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss -oder Analogon,--denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen -des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen -zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets -eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten -Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt -seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also -sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst -1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit -sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden -glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und -förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit -diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte -Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an -verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen. -(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »_Traum und -Kultur_« und 113 »_Logik der Traumes_«.) Dort meint er noch, dass -die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der -Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der -im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an -die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch -heute die Wilden, _auch im Wachen_ so verfahren habe, wie wir jetzt -im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr -von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen -Reproducirung eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der -»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum -schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im -Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten -Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass -im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,--den anderen, dass das -Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion -zu vergleichen sei,--aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der -Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen -Lebens sei,--das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum, -dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben. -Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von -allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle, -Unergründliche des Lebens-Untergrundes,--nicht nur der gewesenen -Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch -sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht -aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren -Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer -Dionysos-Zustände,-- --ja, _der Wahnsinn selbst_, als ein Zurücksinken -in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien -ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener -Menschheitsschichten. - -Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer -möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin -gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung -ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf: -»Nur wer schreckt--führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die -folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines -die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius -erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren -des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der -Menschheit Vorgeschichte wieder:-- -- --; sein Gedächtniss _greift -einmal weit genug rückwärts_, während sein civilisirter Zustand sich -aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen -jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster -Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, _versteht -die Menschen nicht_.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein -solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im -»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft -geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung -ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der -Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »-- --wenn--trotzdem -neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer -wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften -Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen -Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches -und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn -sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und -Unberechenbares-- -- --? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger -Unfreiwilligkeit trug,-- -- --, das den Wahnsinnigen dergestalt -als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?-- --- --Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen -Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend -einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, -_wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren_, Nichts übrig, als sich -wahnsinnig zu machen oder zu stellen-- -- --. »Wie macht man sich -wahnsinnig, wenn man es nicht ist-- -- --?« diesem entsetzlichen -Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren -Civilisation nachgehangen;-- -- --Wer wagt es, einen Blick in die -Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in -welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten -geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören: -»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich -endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche -Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie -kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten, -lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich -bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe -das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen -Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der -Verworfenste von Allen.-- -- -- --.« (Morgenröthe 14.) - -Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich -auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt -werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später -Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging -aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden, -von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des -Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle -ein Neues und Herrliches _schaffen_. Aber da dieses Geschaffene -ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit -seiner eigenen Zuversicht,--an sich war es ja gar nicht vorhanden. -Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen -sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank; -unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden -Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen -Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem -auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang -zufallen,--für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung; -mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu -seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,--für diesen war es nur der -Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in -sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung« -(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung -von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem -Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits -von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als -Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor -den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn -in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen -Glanz: »Sollte nicht erst der _Gegensatz_ die rechte Verkleidung sein, -in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und -Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei -Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske. -Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen, -während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt, -das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins -Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »_Hier ist -die Aussicht frei_« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung, -dass es Grösse der Seele sein könne, »_dem Unwürdigsten_« ohne -Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein -Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit; -ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...« - -So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte -Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das -Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste. -Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer -selbstvernichtenden _That_, durch welche, in persönlichem Handeln -und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich -verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre -in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt -gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben -zurückverwandelt,--entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen -in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II -35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich, -anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer -Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen, -so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die -_rein menschliche Lebenstragödie_. Zarathustras erlösende Weltthat -ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der -Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis -erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches -Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer -aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer -solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst -du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund--das ist jetzt in Eins -beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen -Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich -Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar -verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die -Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums. - -»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich--hörte -nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss. -Ach, abgründlicher Gedanke, der du _mein_ Gedanke bist! Wann finde -ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis -zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein -Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch -wagte ich niemals, dich _herauf_ zü rufen: genug schon, dass ich dich -mit mir--trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden -Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die -Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst -befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,--das lachende -selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht, -weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist: - -»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden -weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss. -Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. -Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem--, nie hörte ich -solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es -ohne Stimme zu mir: »_Du weisst es, Zarathustra_?«--Und ich schrie -vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem -Gesichte:-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --Da geschah -ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss -und das Herz aufschlitzte!-- -- -- -- -- -- --Und wieder lachte es und -floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich -aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern.-- -- -- ---« Also sprach Zarathustra II 97 ff. - -Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«: - -»Eines Morgens,-- -- --, sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie -ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als _ob -noch Einer_[11] auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle;-- --- -- -- -- --Zarathustra aber redete diese Worte: - -Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und -Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich -schon wach krähen! - -Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! -Auf! Auf! Hier ist Donners genug, _dass auch Gräber horchen lernen_![12] - -Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre -mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für -Blindgeborne. - -Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist -das _meine_ Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie -heisse--weiterschlafen![13] - -Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln--reden -sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose! - -Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher -des Leidens, der Fürsprecher des Kreises-- dich rufe ich, meinen -abgründlichsten Gedanken! - -Heil mir! Du kommst--ich höre dich! Mein Abgrund _redet_, meine letzte -Tiefe habe ich an's Licht gestülpt! - -Heil mir! Heran! Gieb die Hand-- --ha! lass! Haha!-- --Ekel, Ekel, -Ekel-- -- --wehe mir!« - -Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als -eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen -Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn -den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch -die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und -Sinn ist,--die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft -hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung -einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du -geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise -mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals -und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung -überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben, -das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das -eigne Wissen,--wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: -gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,--wusstet ihr -das schon? _Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen -soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute_,--wusstet -ihr das schon?« - -So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an -deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in -die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,--nicht hineinklettern lässt es -sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir -nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, _noch auf deinen -eigenen Kopf zu steigen_: wie wolltest du anders aufwärts steigen?-- --- -- -- --Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun -und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,--hinan, -hinauf, bis du auch deine Sterne noch _unter_ dir hast!« (Also sprach -Zarathustra III 2 f.) - -Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen -nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche -Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt -und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden, -umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine -Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken, -die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes -Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur _können_ -wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen, -welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir _sollen_ ihm auch -nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die -völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten -seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns -zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang -aber leuchten uns die Worte entgegen: -nun ist deine letzte Zuflucht -worden, was bisher deine _letzte Gefahr_ hiess! das muss nun dein -bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!-- --hier -soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den -Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach -Zarathustra III 2.) - -Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns -unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen -her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach, -ich begann meine einsamste Wanderung!-- -- --Eben begann meine letzte -Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese -schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch -muss ich nun _hinab_ steigen!-- -- --tiefer hinab in den Schmerz als -ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es -mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit. - -Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, -dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein -geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. _Aus dem Tiefsten muss das -Höchste zu seiner Höhe kommen_.--« (III 2 ff.) - -So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des -Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge -stehe ich : _darum_ muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg« -(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren -vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und -Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um -Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem -Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm -treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, -gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich -denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn -mich einst meine Klugheit verlässt:-- --möge mein Stolz dann noch mit -meiner Thorheit fliegen! - ---Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.) - -So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang -und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit. - -Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr -eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der -es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und -Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise -durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu -finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der -Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt -(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen -ist,--wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim -Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? _In jedem -Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand_.« -In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis. -Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem -ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher -bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen _glaubenheischenden_ -Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere -Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die -Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt -und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt. -Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner -pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches -hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng -individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem -eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit -sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die -je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,--bis er den Verstand -selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab, -_absetzt_ und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem -Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch -eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in -dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er -seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben: - - - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei.... - - Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss, - Das Fest der Feste: - Freund Zarathustra kam, der Gast der Gäste! - Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss, - Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss - - -wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem -wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst. - -Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein, -diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem -Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die -Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger -Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des -Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie. -Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben -und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und -dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von -mystischer Bedeutung untergelegt,--gerade so wie der Schöpfer-Philosoph -dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich -selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle -vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet. -»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch, -also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner -Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder -rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen -Zukunft zu trennen. - -Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte -auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er -den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder -von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien -ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere -angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit, -dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst -und dessen Sinn festgehalten werde,--aber deshalb dürfen sie nunmehr -auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden -sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen -er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so -häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick -und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten -seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit -seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen -entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er -seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein -individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt, -dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern -Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als -unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte -dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in -cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut -und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu -Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals -ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der -im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr -nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles -um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche -jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die -er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und -Gewollten, eine _Summirung_ des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit -dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim--mein -eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut -unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.) - -Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren -Ueberzeugungen; er _wollte_ vergessen, wie oft sie die Richtung seines -Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das -Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die -»_Moral für Häuserbauer_«, so dachte er und ignorirte, dass es für -seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist -also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen -Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die -abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran -glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können. -Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz -besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie -an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,--Wagner gegenüber in -der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem -interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und -wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem -Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem -Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges -Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben. - -Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig -und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom -September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von -»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren -Schriften seien »_zurückzudatiren_«, sie redeten _nur_ von dem, -was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits _überwunden_, was bereits -_hinter_ ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden, -habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die -vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer -Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen -ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen -Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die -nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen -Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam -mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort -anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten -Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass -man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere -Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den -vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine -Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und -verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener -Maske nur _sich selbst_, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze -zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche -Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung -nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,--das vermochte nur -der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich -geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche -nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und -Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der, -wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer -zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber -durchzusetzen. - -Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »_Umwerthung -aller Werthe_« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht -worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig, -abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede -vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer -Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte -heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster -Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie -geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter -Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist, -in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen -seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon -stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen« -und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden -Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich -mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch -abfindet,--und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein -Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt -und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie -fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig -verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde -Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die -Erwartung des Kommenden mischt.[14] In dieser Erschütterung sehen wir -ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung -hinübergleiten. - -Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885 -entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung, -der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus -seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und -da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten -Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht -das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den -Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen -verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen -Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag, -dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen -Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte, -dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit -für immer zu rechtfertigen,--und dass er als ihren höchsten Gedanken -die _ewige Wiederkunft_ des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen -wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken -ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite -das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten -Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen -nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst -du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt -Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher -als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7). -Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte -mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also -sprach Zarathustra IV 87.) - -Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied -er--lachenden Mundes, »rosenumkränzt«--das Leben entschuldigend, -rechtfertigend, verklärend--. In dionysischen Dithyramben klang sein -Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein -Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch -Zarathustra. - -Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst: -schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft -200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens -froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als -ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch -Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber, -durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag, -psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als -mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn -und Werth seiner Werke. - -Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen -entgegen: das Gelächter eines Irrenden--und das Lächeln des -Ueberwinders. - - -[1] Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den Werken -seiner vorhergehenden Periode: - -»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten« -Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese -dem Bedürfniss verdankt werden.-- -- -- --man hat nur den inneren -Wunsch, dass es so sein möge,--also dass das Beseligende auch das -Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute -einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon -_verleiten lassen_ oder nicht,--das bestimmte damals für ihn geradezu -die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir-- --Feinheit und Genie, -wenn der Mensch-- --schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei -sich duldet, wenn _das Verlangen nach Gewissheit_ ihm nicht als die -innerste Begierde und tiefste Noth gilt,--als Das, was die höheren -Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft -2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen _der -wahren Grösse_ des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen -Genialität, »das _reine, reinmachende Auge_, das nicht aus ihrem -Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst -von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine -Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes--ihre -»Vernünftigkeit«--als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend -fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens -beleidigt oder beschämt wurden,-- -- --: so wäre die Menschheit längst -zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als -ihre grösste Gefahr der ausbrechende _Irrsinn_--das heisst eben das -Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in -der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande. -Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des -Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines -Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste -Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander -übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen-- --- -- -- --schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube) --- -- --verlangt,-- -- -- --macht Künstler und Dichter zu -Ueberläufern:--diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine -förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches -Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte -sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und -Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich -von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des -Geistreichen, Hinreissenden, _Belebenden, Kräftigenden_ machen.« Gleich -ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber -einen _Kraftzuwachs_ zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche -Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten -Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird -überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und -bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität -zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen -unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn -der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,--wenn es sich -auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches, -Allzumenschliches I 635.) - -[2] Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I 147 -Nietzsches Protest gegen »_die Kunst als Todtenbeschwörerin_«, weil sie -die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen beeinflussen -will. »Sie flicht,-- -- --, ein Band um verschiedene Zeitalter und -macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben -wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch wirkt dasselbe -schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und »Todtenbeschwörer« -dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle Menschen«, denn sie -»schätzen ein Stück Vergangenheit von dem Augenblick an höher, von dem -an sie es nachzuempfinden vermögen«. (Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so -meinte er, dem Gefühlsüberschwang möglichst entgegenwirken, der uns in -verschiedenster Art von aller vergangenen Kultur allmählich überkommen -ist; sich darin gehen lassen, käme einer Annäherung an Wahnsinn und -Krankheit gleich: »-- -- --die ganze Last unsrer Kultur ist so gross -geworden, dass eine Ueberreizung der Nerven- und Denkkräfte die -allgemeine Gefahr ist, ja dass die kultivirten Klassen der europäischen -Länder durchweg neurotisch sind und fast jede ihrer grösseren Familien -in einem Gliede dem Irrsinn nahe gerückt ist.-- -- --dennoch macht sich -eine _Verminderung_ jener Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden -Kultur-Last nöthig,-- -- -- --wir müssen den Geist der Wissenschaft -beschwören, welcher kälter und skeptischer macht-- -- -- -- -- --«. -(Menschliches, Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der -höheren Kultur nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, -welchen Verlauf diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse -am Wahren hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der -Irrthum, die Phantastik erkämpfen sich-- -- --ihren ehemals behaupteten -Boden: der Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist -die nächste Folge.« (I 251.) - -[3] Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die -demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte -Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)--Unmöglichkeit fürderhin, dass die -Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen -Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen -Barbaren, gegen Seuchen, gegen _leibliche und geistige Verknechtung_!« -(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »-- --die wildesten -Kräfte brechen Bahn,-- -- --damit später eine mildere Gesittung hier -ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien--Das, was man das Böse -nennt--sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I -246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren -Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es-- -- --keiner -Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen -Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später -ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und -Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die -Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der-- -- -- --, gegen abweichende -Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer -früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn -die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und -zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein -_zurückgebliebener_ Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an -Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, _alles Wachsende und Werdende -liebevoll empfindet_,--kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, -beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,--das ist -ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen -entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die -rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der -andere lebt auf deren _höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von -dem wilden Thier_, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der -Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.) - -[4] So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): »Die -italienische Renaissance barg in sich alle die positiven Gewalten, -welchen man die _moderne Kultur_ verdankt: also _Befreiung des -Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den -Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft_.« - -Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und -Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »-- ---Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen -jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte -Cäsaren-Schauder oder der-- --Genie Schauder;-- --so dass er zu -schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.-- --- -- -- --In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn -wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach -allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch -im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth -von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, -bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem -Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's -erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich -und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der -Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen -modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in -einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und -Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.« - -In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des -Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition -zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit« -dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat. - -[5] Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen Charakters -lese man in der _Morgenröthe_ (205) seinen Aphorismus »_Vom Volke -Israel_«: »-- --Wohin soll auch diese Fülle angesammelter grosser -Eindrücke,-- -- --, diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, -Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,--wohin soll -sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen -und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene -Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen -Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen -vermögen--,-- -- -- --dann wird jener siebente Tag wieder einmal da -sein, an dem der alte Judengott sich-- -- --, seiner Schöpfung und -seines auserwählten Volkes _freuen_ darf,--und wir Alle, Alle wollen -uns mit ihm freun!« - -[6] Für diesen Zustand einer freien Auslebung der Individualität -hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man das Hohe Lied -modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten Worte gefunden. -Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden Aussprüche -gelten: - -»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch -Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. - -Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes -Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!-- -- -- -- Bleibt mir der -Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!-- -- -- Lasst sie -nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände -schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! - -Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück--ja, -zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen -Menschen-Sinn!-- -- -- -- - -Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend -Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und -unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.) - --- --»Willst du den Weg zu dir selber suchen?-- -- -- -- - --- -- --So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!-- -- -- -- - -Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und -nicht, dass du einem Joche entronnen bist.-- -- -- -- - -Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge -künden: frei wozu? - -Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen -über dich aufhängen wie ein Gesetz?-- -- --« (I 87 f.) - -»-- --Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde -ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.) - -»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.) - -»--von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe -zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand -ich's.« (III 14.) - -»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so -hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle: »-- -- -- -- - -Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine -Menschen-Satzung und Nothdurft:-- -- -- - -Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze -ich ihn,--nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«-- -- - -Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast -du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften. - -Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden -sie deine Tugenden und Freudenschaften. - -Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der -Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen: - -Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine -Teufel zu Engeln.« (I 45 f.) - -[7] Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des Dinges -an sich. - -[8] Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen Wissenschaft« -(84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen Culte darin -sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren Leidenschaften -befreit wurden, indem »man den Taumel und die Ausgelassenheit ihrer -Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden toll, den Rachsüchtigen -rachetrunken machte:--alle orgiastischen Culte wollen die ferocia einer -Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie machen, damit sie hinterher -sich freier und ruhiger fühle«. - -[9] Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung der -ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom Gesicht -und Räthsel«. - -»Siehe diesen Thorweg!-- -- --: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege -kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. - -Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse -hinaus--das ist eine andre Ewigkeit. - -Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den -Kopf:--und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. -Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.« - -Aber wer Einen von ihnen weiter gienge--und immer weiter und immer -ferner: glaubst du,--dass diese Wege sich ewig widersprechen?«-- -- -- - -Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse -gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon -einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein? - -Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du--von diesem -Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon--dagewesen sein? - -Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser -Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? _Also_--sich selber -noch? - -Denn, was laufen _kann_ von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse -_hinaus_--_muss_ es einmal noch laufen!-- - -Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser -Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von -ewigen Dingen flüsternd--müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? - ---und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, -in dieser langen schaurigen Gasse--müssen wir nicht ewig wiederkommen?-- - -Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen -eignen Gedanken und Hintergedanken.-- -- -- - -Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen -Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine -Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen. - -»Meine Hand riss die Schlange und riss:--umsonst! sie riss die Schlange -nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den -Kopf ab! Beiss zu!«--so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein -Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem -Schrei aus mir.-- -- -- - ---Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem -Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange--: und sprang empor.-- - -Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,--ein Verwandelter, ein -Umleuchteter, welcher _lachte_! Niemals noch auf Erden lachte je ein -Mensch, wie ei lachte! - -Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen -war,----und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer -stille wird.« - -Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von -der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst: -indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen -zu ihrem Herrn macht--zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden -Uebermenschen: - -»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir -doch das Gesicht des Einsamsten! - -Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:--_was_ sah ich damals im -Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?« - -Vgl. (III 96): »-- --wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und -mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.« - -[10] Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten -wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend -beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster -Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis -seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte. -Es ist das vortreffliche Buch von _Paul Deussen_ »_Das System des -Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare -des Çankara über dieselben_.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der -Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt, -ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist -unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss -dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung -des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten, -allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung, -dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem -seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt -einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man -die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in -ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur -Erklärung an den Rand zu schreiben. - -[11] Nietzsche--Zarathustra. - -[12] Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen. - -[13] Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen Erkennen des -Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen vermag. - -[14] Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in den um -dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten Theile -von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«. -Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.): - - - Jetzt--einsam - mit dir, - _zwiesam im eignen Wissen_, - _zwischen hundert Spiegeln_ - _vor dir selber falsch_, - _zwischen hundert Erinnerungen_ - _ungewiss_, - an jeder Wunde müd, - an jedem Froste kalt, - in eignen Stricken gewürgt, - _Selbstkenner!_ - _Selbsthenker!_ - - Ein Kranker nun, - der an Schlangengift krank ist; - ein Gefangner nun, - der das härteste Loos zog: - im eignen Schachte - gebückt arbeitend, - _in dich selber eingehöhlt_, - _dich selber an grabend_, - _unbehülflich_, - _steif_, - _ein Leichnam_--, - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- - Lauernd, - kauernd, - Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht! - _Du verwächst mir noch mit deinem Grabe_, - _verwachsener Geist!_... - - - - - - -DIE BRIEFE - - -Erster Briefe - - -An Lou von Salome - -[Leipzig, vermutlich 16. September 1882] - -Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen -Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus -dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne -Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen -Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot--aber die Person dahinter -ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«--Zum -Beispiel Plato. - -Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie -ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in -seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker -ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser -ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu -gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame -Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen -und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; -vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?-- -Aber über mein Leben ist schon verfügt.-- - -Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen -Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr -»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen--er will es durchaus haben, und es ist -nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten -Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das -wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt -gelangten--andre Wege vorbehalten.-- - -Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist, -wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen -Wissenschaft« ein--[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten -Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?--Aber Pilatus sagt: »Was ist -Wahrheit!«-- - -Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft -mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. -Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, -zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und -dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht -irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein. -Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter -in Tränen und Klopfen des Herzens.--Wenn Sie aber dies lesen, werden -Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner -selber« machen.-- - -Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2. -Oktober? Adieu, - - - - -Zweiter Briefe - - -An Lou von Salome: 16-07-1882. - -Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend -über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an -Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen. - -Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu -müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte, -dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum -Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich -möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in -Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in -Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt--es war eine ganze lange -Passion: ich finde kein anderes Wort dafür. - -Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem -schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde -Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu -gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches -Allzumenschliches« ein--und damit war Alles klar, aber auch Alles zu -Ende. - -Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des -Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit -meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie -neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!--Wie oft habe ich -über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden -damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft -in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte -mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir -nicht erträglich.) - -Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug -auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!« -Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für -Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche. - - - - -Dritter Briefe - - -Tautenburg bei Dornburg Thüringen. - -3. Juli 1882 - -Meine liebe Freundin, - -Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir -zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste -Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können--meine Schwester -sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der -»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte -Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 -Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre! -Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! -Und gegen Alles das, gleichsam gegen _Tod und_ Leben, habe ich mir -diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen -kleinen Streifen _unbewölkten Himmels_ über sich:--oh liebe Freundin, -so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und -weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das -Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein -vollständiger--denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich -weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich -sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!--Aber -von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein -und brauche mich nicht zu fürchten.-- - -Was den _Winter_ betrifft, so habe ich _ernstlich_ und _ausschließlich_ -an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig -von den meinigen, es giebt dabei _keine_ Nebengedanken. Der Süden -Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam -sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an _diesem_ Pensum habe -ich fast Alles noch zu lernen!-- - -Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird _Alles_ gut, wie Sie es -gesagt haben. - -Unserem Rée das Herzlichste! - -Ganz _Ihr_ F.N. - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by -Lou Andreas-Salomé - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - -***** This file should be named 50525-8.txt or 50525-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/5/2/50525/ - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Friedrich Nietzsche in seinen Werken - -Author: Lou Andreas-Salomé - -Release Date: November 22, 2015 [EBook #50525] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - - - - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org - - - - - -</pre> - - -<div class="figcenter" style="width: 500px;"> -<img src="images/cover.jpg" width="500" alt="" /> -</div> - -<h1>FRIEDRICH NIETZSCHE</h1> - -<h4>IN SEINEN</h4> - -<h4>WERKEN</h4> - -<h5>VON</h5> - -<h2>LOU ANDREAS-SALOMÉ.</h2> - -<h4>MIT 2 BILDERN UND 3 FACSIMILIRTEN BRIEFEN NIETZSCHES.</h4> - - -<h5>ZWEITE AUFLAGE.</h5> -<hr class="r5" /> - -<p class="center"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>: -<br /> -<span style="font-size: 0.8em;">NIETZSCHES WAHLSPRUCH:</span><br /> -»Increscunt animi, virescit volnere virtus.—«<br /> -<span style="margin-left: 10%;">Furius Antias bei Gellius.</span><br /> -</p> -<hr class="r5" /> -<h5>VERLAGSBUCHHANDLUNG CARL KONEGEN</h5> - -<h5>(ERNST STÜLPNAGEL). WIEN 1911.</h5> -<hr class="full" /> - - -<blockquote> - -<p>Nicht Willens mich auseinanderzusetzen, weder mit dem -inzwischen veröffentlichten Nachlaß Nietzsches, noch -mit Andern über Nietzsche, lasse ich diese Schrift in -unverändertem (anastatischem) Druck neu auflegen.</p> - -<p style="margin-left: 65%;">Lou Andreas-Salomé.</p></blockquote> -<hr class="r5" /> -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/nietzsche_001.jpg" width="475" alt="" /> -<div class="caption">Friedrich Nietzsche</div> -</div> -<hr class="tb" /> -<h5>IN TREUEM GEDENKEN GEWIDMET</h5> - -<h4>EINEM UNGENANNTEN</h4> -<hr class="tb" /> - -<p style="font-size: 0.8em; margin-left: 30%;">INHALTS-VERZEICHNISS.</p> - -<p style="margin-left: 30%;"> -<a href="#I_ABSCHNITT">Sein Wesen</a><br /> -<a href="#II_ABSCHNITT">Seine Wandlungen</a><br /> -<a href="#III_ABSCHNITT">Das »System Nietzsche«</a><br /> -</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/nietzsche_002.jpg" width="475" alt="" /> -<div class="caption">F. Nietzsche. Zeichnung: Hans Olde.</div> -</div> -<hr class="chap" /> - -<p style="margin-left: 20%;">Ein Brief Friedrich Nietzsches zum Vorwort.</p> - - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/briefe_001.jpg" width="475" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 475px;"> -<img src="images/briefe_002.jpg" width="475" alt="" /> -</div> - -<p style="margin-left: 30%;">(<a href="#Erster_Briefe">Gedruckter text.</a>)</p> - -<p class="p2" style="font-size: 0.8em; margin-left: 20%;">[Die »Bitte« in der »Fröhlichen Wissenschaft«, auf welche in dem -vorstehend facsimilirten Briefe Bezug genommen ist, lautet:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Ich kenne mancher Menschen Sinn<br /> -Und weiss nicht, "Wer ich selber bin!<br /> -Mein Auge ist mir viel zu nah—<br /> -Ich bin nicht, was ich seh und sah.<br /> -Ich wollte mir schon besser nützen,<br /> -Könnt' ich mir selber ferner sitzen.<br /> -Zwar nicht so ferne wie mein Feind!<br /> -Zu fern sitzt schon der nächste Freund—<br /> -Doch zwischen dem und mir die Mitte!<br /> -Errathet ihr, um was ich bitte?«<br /> -<br /> -(Scherz, List und Rache 25.)]<br /> -</p> - - - -<hr class="chap" /> -<h4><a name="I_ABSCHNITT" id="I_ABSCHNITT">I. ABSCHNITT</a></h4> - - -<h3>SEIN WESEN.</h3> -<hr class="r5" /> - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"> -<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Der Mensch mag sich noch so<br /> -weit mit seiner Erkenntniss ausrecken,<br /> -sich selber noch so objectiv Vorkommen:<br /> -zuletzt trägt er doch Nichts davon,<br /> -als seine eigene Biographie.«<br /> -(Menschliches, Allzumenschliches I. 513.)<br /> -</p> - - -<p class="p2">»Mihi ipsi scripsi!« ruft Friedrich Nietzsche in seinen Briefen -wiederholt nach Vollendung eines Werkes aus. Und gewiss hat es etwas -zu bedeuten, wenn der erste lebende Stilist dies von sich selber -sagt, er, dem es, wie keinem Zweiten, gelungen ist, für jeden seiner -Gedanken, und noch für die feinste Schattirung darin, den erschöpfenden -Ausdruck zu finden. Dem, der Nietzsches Schriften zu lesen weiss, ist -es denn auch ein verrätherisches Wort: es deutet die Verborgenheit -an, in welcher alle seine Gedanken stehen, die lebendige Hülle, die -sie vielgestaltig umkleidet, es deutet an, dass er im Grunde nur für -sich dachte, für sich schrieb, weil er nur sich selbst beschrieb, sein -eignes Selbst in Gedanken umsetzte.</p> - -<p>Wenn es überhaupt die Aufgabe des Biographen ist, den Denker durch -den Menschen zu erläutern, so gilt dies in ungewöhnlich hohem Masse -für Nietzsche, denn bei keinem Andern fallen äusseres Geisteswerk und -inneres Lebensbild so völlig in Eins zusammen. Auf ihn trifft es ganz -besonders zu, was er in dem vorangestellten Briefe von den Philosophen -überhaupt ausspricht: dass man ihre Systeme auf die Personalacten ihrer -Urheber hin prüfen solle. Später hat er der gleichen Auffassung in den -Worten Ausdruck gegeben: »Allmählig hat sich mir herausgestellt, was -jede grosse Philosophie bisher war: nämlich das Selbstbekenntniss ihres -Urhebers und eine Art ungewollter und unvermerkter mémoires.« (Jenseits -von Gut und Böse 6.)</p> - -<p>Dies war denn auch der leitende Gedanke in meinem in dem vorstehenden -Briefe erwähnten Entwurf zu einer Charakteristik Nietzsches, den -ich ihm im October 1882 vorlas und mit ihm durchsprach. Die Arbeit -enthielt im Umriss den ersten Theil des vorliegenden Buches und -einzelne Abschnitte des zweiten Theiles,—der Inhalt des dritten, das -eigentliche »System Nietzsche« war damals noch nicht geboren. Im Laufe -der Jahre erweiterte sich, im Anschlüsse an die rasch aufeinander -folgenden Werke, jene Charakteristik immer mehr, und Einzelnes daraus -ist bereits in besonderen Aufsätzen veröffentlicht worden.<a name="FNAnker_1_1" id="FNAnker_1_1"></a><a href="#Fussnote_1_1" class="fnanchor">[1]</a> Es -handelte sich für mich ausschliesslich darum, die Hauptzüge von -Nietzsches geistiger Eigenart zu schildern, aus denen allein seine -Philosophie und ihre Entwicklung begriffen werden können. Zu diesem -Zwecke beschränkte ich mich freiwillig sowohl nach der Seite der -rein theoretischen Betrachtungsweise, als auch hinsichtlich der rein -persönlichen Lebensbeschreibung. Beides durfte nicht zu weit geführt -werden, wenn die Grundlinien seines Wesens deutlich hervortreten -sollten. Wer Nietzsche auf seine Bedeutung als Theoretiker hin prüfen -wollte, auf das, was etwa die zünftige Philosophie aus ihm zu lernen -vermöchte, der würde sich enttäuscht abwenden, ohne zum Kern seiner -Bedeutung vorzudringen. Denn der Werth seiner Gedanken liegt nicht -in ihrer theoretischen Originalität, nicht in dem, was dialektisch -begründet oder widerlegt werden kann, sondern durchaus in der intimen -Gewalt, mit welcher hier eine Persönlichkeit zur Persönlichkeit -redet,—in dem, was nach seinem eigenen Ausdruck wohl zu widerlegen, -aber doch nicht »todtzumachen« ist. Wer andererseits von Nietzsches -äusserem Erleben ausgehen wollte, um sein Inneres zu erfassen, der -würde ebenfalls nur eine leere Schale in der Hand behalten, aus welcher -der Geist entwichen ist. Denn man kann von Nietzsche sagen, dass er -nach aussen hin eigentlich nichts erlebte:<a name="FNAnker_2_2" id="FNAnker_2_2"></a><a href="#Fussnote_2_2" class="fnanchor">[2]</a> all sein Erleben war ein -so tief innerliches, dass es sich nur im Gespräch, von Mund zu Mund, -und in den Gedanken seiner Werke kundthat. Die Summe von Monologen, -aus denen im Wesentlichen seine vielbändigen Aphorismensammlungen -bestehen, bilden ein einziges grosses Memoirenwerk, dem sein -Geistesbild zu Grunde liegt. Dieses Bild ist es, das ich hier zu -zeichnen versuche: das <span class="gesperrt">Gedanken-Erlebniss</span> in seiner Bedeutung für -Nietzsches Geisteswesen—das <span class="gesperrt">Selbstbekenntniss</span> in seiner Philosophie.</p> - -<p>Obgleich Nietzsche seit einigen Jahren häufiger genannt wird als irgend -ein anderer Denker, obgleich viele Federn damit beschäftigt sind, -theils Jünger für ihn zu werben, theils gegen ihn zu polemisiren, so -ist er doch in den Grundzügen seiner geistigen Individualität nahezu -unbekannt geblieben. Denn seitdem die kleine, zerstreute Schaar seiner -Leser, die er stets besass, und die ihn wahrhaft zu lesen verstand, -zu einer grossen Schaar von Anhängern angewachsen ist, seitdem weite -Kreise sich seiner bemächtigt haben, ist ihm das Schicksal widerfahren, -welches jedem Aphoristiker droht; einzelne seiner Ideen, aus dem -Zusammenhang gelöst und dadurch beliebig deutbar, sind zu Stich- und -Schlagworten ganzer Richtungen gemacht worden, erklingen im Kampf von -Meinungen, im Streit von Parteien, denen er selbst völlig fern stand. -Wohl verdankt er diesem Umstand seinen raschen Ruhm, den plötzlichen -Lärm um seinen stillen Namen,—aber im Besten, durchaus Einzigartigen -und Unvergleichlichen, das er zu geben hat, ist er dadurch vielleicht -übersehen worden und unbeachtet geblieben,—ja in eine vielleicht noch -tiefere Verborgenheit zurückgetreten als vorher. Viele feiern ihn -zwar noch laut, mit der ganzen Naivetät gläubiger Kritiklosigkeit, -doch gerade sie gemahnen unwillkürlich an sein bitteres Wort: Der -Enttäuschte spricht: »Ich horchte auf Widerhall, und ich. hörte nur -Lob—« (Jenseits von Gut und Böse 99). Kaum Einer von ihnen ist ihm -wahrhaft nachgegangen,—fernab von den Andern und ihrem Tagesstreit -und allein in der Ergriffenheit seines eigenen Innern; kaum Einer hat -diesen einsamen, schwer ergründlichen, heimlichen und auch unheimlichen -Geist begleitet, der Ungeheures zu tragen wähnte und an einem -ungeheuren Wahn zusammenbrach.</p> - -<p>Daher ist es, als stände er da inmitten derer, die ihn am meisten -preisen, wie ein Fremdling und Einsiedler, dessen Fuss sich in ihren -Kreis nur verirrte, und von dessen verhüllter Gestalt Keiner den Mantel -gehoben,—ja, als stände er da mit der Klage seines »Zarathustra« auf -den Lippen:</p> - -<blockquote> - -<p>»Sie reden Alle von mir, wenn sie Abends ums Feuer sitzen, -aber Niemand—denkt an mich! Dies ist die neue Stille, die -ich lernte: ihr Lärm um mich breitet einen Mantel um meine -Gedanken.«</p></blockquote> - -<p><span class="gesperrt">Friedrich Wilhelm Nietzsche</span> ist am 15. October 1844 als der -einzige Sohn eines Predigers in Röcken bei Lützen geboren, von wo -sein Vater später nach Naumburg versetzt wurde. Seine Schulbildung -empfing er in der nahegelegenen Schulpforta und ging dann als Student -der classischen Philologie an die Universität Bonn, wo damals der -berühmte Philologe Ritschl lehrte. Er studirte fast ausschliesslich -unter Ritschl, verkehrte auch persönlich viel mit ihm und folgte ihm -im Herbst 1865 nach Leipzig. In seine Leipziger Studienzeit fällt -Nietzsches erste persönliche Beziehung zu Richard Wagner, den er -1868 im Hause von dessen Schwester, der Frau Prof. Brockhaus, kennen -lernte, nachdem er sich schon früher mit seinen Werken vertraut -gemacht. Noch vor seiner Promotion berief 1869 die Universität -Basel den 24jährigen Nietzsche auf den Lehrstuhl des Philologen -Kiessling, der von dort an das Johanneum in Hamburg ging. Nietzsche -erhielt erst eine ausserordentliche, kurz darauf eine ordentliche -Professur für classische Philologie, und die Universität Leipzig -verlieh ihm den Doctorgrad ohne vorhergehende Promotion. Neben seinen -Universitätscollegien übernahm er den Unterricht des Griechischen -in der dritten (höchsten) Classe des Baseler Pädagogiums,—einer -Mittelanstalt zwischen Gymnasium und Universität,—an welcher noch -andere Universitätsprofessoren, wie der Culturhistoriker Jacob -Burckhardt und der Philologe Mähly, lehrten. Hier gewann er grossen -Einfluss auf seine Schüler; sein seltnes Talent, junge Geister an -sich zu fesseln und entwickelnd, anregend auf sie zu wirken, kam zu -voller Geltung. Burckhardt sagte damals von ihm: einen solchen Lehrer -habe Basel noch niemals besessen. Burckhardt gehörte zum engsten -Freundeskreise Nietzsches, zu dem noch der Kirchenhistoriker Franz -Overbeck und der Kantphilosoph Heinrich Romundt zählten. Mit den -beiden Letztem wohnte Nietzsche zusammen in einem Hause, welches nach -Veröffentlichung der »Unzeitgemässen Betrachtungen« in der Baseler -Gesellschaft den Beinamen: »Die Gifthütte« erhielt. Gegen Schluss -seines Baseler Aufenthalts lebte Nietzsche eine Zeit lang mit seiner -einzigen, fast gleichaltrigen Schwester Elisabeth zusammen, die später -seinen Jugendfreund Bernhard Förster heiratete und mit diesem nach -Paraguay ging. 1870 machte Nietzsche den deutschfranzösischen Krieg als -freiwilliger Krankenpfleger mit; nicht lange darauf traten die ersten -drohenden Anzeichen eines Kopfleidens hervor, das sich in periodisch -wiederkehrenden heftigen Schmerzen und Uebelkeiten äusserte. Will -man Nietzsches eigenen, mündlichen Aeusserungen Glauben schenken, -so war dieses Leiden erblicher Natur, und ist sein Vater demselben -erlegen. Neujahr 1876 fühlte er sich bereits so köpf- und augenkrank, -dass er sich im Pädagogium vertreten lassen musste, und von da ab -verschlimmerte sich sein Zustand derartig, dass er mehrere Male dem -Tode nahe war.</p> - -<p>»Ein paar Mal den Pforten des Todes entwischt, aber fürchterlich -gequält,—so lebe ich von Tag zu Tage; jeder Tag hat seine -Krankengeschichte.« Mit diesen Worten schildert Nietzsche in einem -Briefe an einen Freund die Leiden, unter welchen er ungefähr 15 Jahre -zugebracht hat.</p> - -<p>Umsonst verlebte er den Winter 1876-1877 in dem milden Klima von -Sorrent, wo er sich in Gesellschaft einiger Freunde befand: von Rom -war seine langjährige Freundin Malwida von Meysenbug (Verfasserin -der bekannten »Memoiren einer Idealistin« und Anhängerin R. Wagners) -zu ihm gekommen; von Westpreussen Dr. Paul Rée, mit dem ihn schon -damals Freundschaft und Gleichheit der Bestrebungen-verband. Dem -kleinen gemeinschaftlichen Hauswesen hatte sich auch noch ein junger -brustkranker Baseler, Namens Brenner, zugesellt, der jedoch bald darauf -starb. Als auch der Aufenthalt im Süden ohne günstige Wirkung auf seine -Schmerzen blieb, gab Nietzsche 1878 seine Lehrthätigkeit am Pädagogium -und 1879 seine Professur an der Universität endgiltig auf. Seitdem -führte er nur noch ein Einsiedlerleben, theils in Italien—meistens in -Genua—theils im Schweizer Gebirge, namentlich in dem kleinen Engadiner -Dorfe Sils-Maria, unweit des Maloja-Passes.</p> - -<p>Sein äusserer Lebenslauf erscheint damit abgeschlossen und gleichsam -beendet, während sein Denkerleben erst jetzt recht eigentlich beginnt: -so dass uns der Denker Nietzsche, mit dem wir uns zu beschäftigen -haben, erst am Ausgang dieser Lebensereignisse vollkommen deutlich -entgegentritt. Trotzdem werden wir auf alle Schicksalswendungen und -Erlebnisse, die hier nur kurz skizzirt worden sind, bei Gelegenheit -der verschiedenen Perioden seiner Geistesentwicklung noch ausführlicher -zurückkommen müssen. Sein Leben und Schaffen zerfällt in der Hauptsache -in drei ineinander übergreifende Perioden, die je ein Jahrzehnt -umfassen:</p> - -<p>Zehn Jahre, 1869-1879, dauerte Nietzsches Lehrthätigkeit in Basel; -diese philologische Wirksamkeit fällt der Zeit nach fast völlig -zusammen mit dem Jahrzehnt seiner Jüngerschaft Wagner gegenüber und -mit der Veröffentlichung derjenigen Werke, welche von der Metaphysik -Schopenhauers beeinflusst sind: sie währte von 1868 bis 1878, in -welchem Jahre er zum Zeichen seiner philosophischen Sinnesänderung -Wagner sein positivistisches Erstlingswerk: »Menschliches, -Allzumenschliches« übersandte.</p> - -<p>Seit dem Anfang der Siebzigerjahre bestand seine Verbindung mit Paul -Rée, die im Herbst 1882 ihren Abschluss fand,—gleichzeitig mit der -Vollendung der »Fröhlichen Wissenschaft«, des letzten derjenigen Werke -Nietzsches, die noch auf positivistischer Grundlage ruhen.</p> - -<p>Im Herbst 1882 fasste Nietzsche den Entschluss, sich zehn Jahre -lang aller schriftstellerischen Thätigkeit zu enthalten. In dieser -Zeit tiefsten Schweigens wollte er seine neue, dem Mystischen sich -zuwendende Philosophie auf ihre Richtigkeit prüfen und dann 1892 als -ihr Verkündiger auftreten. Diesen Vorsatz hat er nicht ausgeführt, -sondern gerade in den Achtzigerjahren eine fast ununterbrochene -Productivität entfaltet und ist dann noch vor Ablauf des von ihm -angesetzten Jahrzehntes verstummt: 1889 setzte ein gewaltsamer Ausbruch -seines Kopfleidens plötzlich aller weiteren Geistesarbeit ein Ziel.</p> - -<p>Der Zeitraum aber zwischen der Niederlegung seiner Baseler Professur -und dem Aufhören aller geistigen Thätigkeit überhaupt umfasst wiederum -ein Jahrzehnt, die Zeit von 1879-1889. Seitdem lebt Nietzsche als -Kranker, nach einem vorübergehenden Aufenthalt in der Anstalt von -Professor Binswanger in Jena, bei seiner Mutter in Naumburg.</p> - -<p>Die beiden diesem Buche beigegebenen Bilder zeigen Nietzsche -inmitten dieser letzten zehn Leidensjahre. Und gewiss ist dies die -Zeit gewesen, in welcher seine Physiognomie, sein ganzes Aeussere, -am charakteristischesten ausgeprägt erschien: die Zeit, in welcher -der Gesammtausdruck seines Wesens bereits völlig vom tief bewegten -Innenleben durchdrungen war, und selbst noch in dem bezeichnend blieb, -was er zurückhielt und verbarg. Ich möchte sagen: dieses Verborgene, -die Ahnung einer verschwiegenen Einsamkeit,—das war der erste, starke -Eindruck, durch den Nietzsches Erscheinung fesselte. Dem flüchtigen -Beschauer bot sie nichts Auffallendes; der mittelgrosse Mann in seiner -überaus einfachen, aber auch überaus sorgfältigen Kleidung, mit -den ruhigen Zügen und dem schlicht zurückgestrichenen braunen Haar -konnte leicht übersehen werden. Die feinen, höchst ausdrucksvollen -Mundlinien wurden durch einen vornübergekämmten grossen Schnurrbart -fast völlig verdeckt; er hatte ein leises Lachen, eine geräuschlose -Art zu sprechen und einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang, wobei -er sich ein wenig in den Schultern beugte; man konnte sich schwer -diese Gestalt inmitten einer Menschenmenge vorstellen,—sie trug das -Gepräge des Abseitsstehens, des Alleinstehens. Unvergleichlich schön -und edel geformt, so dass sie den Blick unwillkürlich auf sich zogen, -waren an Nietzsche die Hände, von denen er selbst glaubte, dass sie -seinen Geist verriethen,—eine darauf zielende Bemerkung findet sich in -»Jenseits von Gut und Böse« (288): »Es giebt Menschen, welche auf eine -unvermeidliche Weise Geist haben, sie mögen sich drehen und wenden, -wie sie wollen, und die Hände vor die verrätherischen Augen halten -—als ob die Hand kein Verräther wäre!—.«<a name="FNAnker_3_3" id="FNAnker_3_3"></a><a href="#Fussnote_3_3" class="fnanchor">[3]</a></p> - -<p>Wahrhaft verrätherisch sprachen auch die Augen. Halbblind, besassen -sie dennoch nichts vom Spähenden, Blinzelnden, ungewollt Zudringlichen -vieler Kurzsichtigen; vielmehr sahen sie aus wie Hüter und Bewahrer -eigener Schätze, stummer Geheimnisse, die kein unberufener Blick -streifen sollte. Das mangelhafte Sehen gab seinen Zügen eine ganz -besondere Art von Zauber dadurch, dass sie, anstatt wechselnde, äussere -Eindrücke wiederzuspiegeln, nur das Wiedergaben, was durch sein Inneres -zog. In das Innere blickten diese Augen und zugleich,—weit über die -nächsten Gegenstände hinweg,—in die Ferne, oder besser: in das Innere -wie in eine Ferne. Denn im Grunde war seine ganze Denkerforschung -nichts als ein Durchforschen der Menschenseele nach unentdeckten -Welten, nach »ihren noch unausgetrunkenen Möglichkeiten« (Jenseits -von Gut und Böse 45), die er sich rastlos schuf und umschuf. Wenn er -sich einmal gab, wie er war, im Bann eines ihn erregenden Gesprächs zu -Zweien, dann konnte in seine Augen ein ergreifendes Leuchten kommen -und schwinden;—wenn er aber in finsterer Stimmung war, dann sprach -die Einsamkeit düster, beinahe drohend aus ihnen, wie aus unheimlichen -Tiefen,—aus jenen Tiefen, in denen er immer allein blieb, die er -mit Niemandem theilen konnte, vor denen ihn selbst bisweilen Grauen -erfasste,—und in die sein Geist zuletzt versank.</p> - -<p>Einen ähnlichen Eindruck des Verborgenen und Verschwiegenen machte -auch Nietzsches Benehmen. Im gewöhnlichen Leben war er von grosser -Höflichkeit und einer fast weiblichen Milde, von einem stetigen, -wohlwollenden Gleichmuth,—er hatte Freude an den vornehmen Formen im -Umgang und hielt viel auf sie. Immer aber lag darin eine Freude an -der <span class="gesperrt">Verkleidung</span>,—Mantel und Maske für ein fast nie entblösstes -Innenleben. Ich erinnere mich, dass, als ich Nietzsche zum ersten -Male sprach,—es war an einem Frühlingstage in der Peterskirche -zu Rom,—während der ersten Minuten das gesucht Formvolle an ihm -mich frappirte und täuschte. Aber nicht lange täuschte es an diesem -Einsamen, der seine Maske doch nur so ungewandt trug, wie Jemand, der -aus Wüste und Gebirge kommt, den Rock der Allerweltsleute trägt; sehr -bald tauchte die Frage auf, die er selbst in die Worte zusammengefasst -hat: »Bei Allem, was ein Mensch <span class="gesperrt">sichtbar werden</span> lässt, kann man -fragen: was soll es <span class="gesperrt">verbergen</span>? Wovon soll es den Blick ablenken? -Welches Vorurtheil soll es erregen? Und dann noch: bis wie weit geht -die Feinheit dieser Verstellung? Und worin vergreift er sich dabei?«</p> - -<p>Dieser Zug stellt nur die Kehrseite der Einsamkeit dar, aus welcher -Nietzsches Innenleben ganz herausbegriffen werden muss,—einer sich -stetig steigernden Selbstvereinsamung und Selbstbeziehung auf sich.</p> - -<p>In dem Maasse, als sie zunimmt, wird alles nach Aussen gewandte Sein -zum Schein,—zum blossen täuschenden Schleier, den die Einsamkeitstiefe -nur um sich webt, um zeitweilig für Menschenaugen erkennbare Oberfläche -zu werden. »Tiefdenkende Menschen kommen sich im Verkehr mit Andern als -Komödianten vor, weil sie sich da, um verstanden zu werden, immer erst -eine Oberfläche anheucheln müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches -II 232). Ja, man kann selbst Nietzsches Gedanken, sofern sie sich -theoretisch aussprechen, noch mit zu dieser Oberfläche rechnen, hinter -der, abgründig tief und stumm, das innere Erleben ruht, dem sie -entstiegen sind. Sie gleichen einer »Haut, welche Etwas verräth, aber -noch mehr verbirgt« (Jenseits von Gut und Böse 32); »denn«, sagt er -»entweder verstecke man seine Meinungen, oder man verstecke sich hinter -seine Meinungen« (Menschliches, Allzumenschliches II 338). Er findet -eine schöne Bezeichnung für sich selbst, wenn er in diesem Sinne von -den »Verborgenen unter den Mänteln des Lichts« redet (Jenseits von Gut -und Böse 44),—von denen, die sich in ihre Gedankenklarheit <span class="gesperrt">verhüllen</span>.</p> - -<p>In jeder Periode seiner Geistesentwicklung finden wir daher Nietzsche -in irgend einer Art und Form der Maskirung, und immer ist sie es, -welche die jeweilige Entwicklungsstufe recht eigentlich charakterisirt. -»Alles, was tief ist, liebt die Maske.... Jeder tiefe Geist braucht -eine Maske: mehr noch, um jeden tiefen Geist wächst fortwährend eine -Maske« (Jenseits von Gut und Böse 40).</p> - -<p>»Wanderer, wer bist Du?... Ruhe Dich hier aus ... erhole -Dich!... Was dient Dir zur Erholung?...« »Zur Erholung? Zur -Erholung? Oh du Neugieriger, was sprichst du da! Aber gieb mir, ich -bitte....« »Was? Was? sprich es aus!—»Eine Maske mehr! Eine zweite -Maske!...« (Jenseits von Gut und Böse 278).</p> - -<p>Und zwar wird es sich uns aufdrängen, dass in dem Grade, als -seine Selbstvereinsamung und grüblerische Selbstbeziehung auf -sich ausschliesslicher wird, auch die Bedeutung der jedesmaligen -Verkleidung eine tiefere wird, und das wirkliche Wesen hinter seiner -Aeusserungsform, das wirkliche Sein hinter dem vorgehaltenen Schein -immer weniger sichtbar zurückweicht. Schon in »Der Wanderer und sein -Schatten« (175) weist er auf die »Mediocrität als Maske« hin. »Die -Mediocrität ist die glücklichste Maske, die der überlegene Geist -tragen kann, weil sie die grosse Menge, das heisst die Mediocren, -nicht an Maskirung denken lässt— und doch nimmt er sie gerade -ihretwegen vor,—um sie nicht zu reizen, ja nicht selten aus Mitleid -und Güte.« Von dieser Maske des Harmlosen an wechselt er sie bis zu -der des Grauenhaften, die noch Grauenhafteres hinter sich <span class="gesperrt">verbirgt</span>: -»—bisweilen ist die <span class="gesperrt">Narrheit selbst</span> die Maske für ein unseliges allzu -gewisses Wissen.« (Jenseits von Gut und Böse 270),—und endlich bis zu -einem täuschenden Lichtbild des göttlich Lachenden, das den Schmerz -in Schönheit zu verklären strebt. So ist Nietzsche innerhalb seiner -letzten philosophischen Mystik allmälig in jene letzte Einsamkeit -versunken, in deren Stille wir ihm nicht mehr folgen können, die uns -nur noch, wie Symbole und Wahrzeichen, seine lachenden Gedankenmasken -und deren Deutung übrig lässt, während er für uns bereits zu dem -geworden ist, als den er sich einmal in einem Briefe unterschreibt: -»Der auf ewig Abhandengekommene.« (Brief vom 8. Juli 1881 aus -Sils-Maria.)</p> - -<p>Dieses innere Alleinsein, diese Einsamkeit ist in allen Wandlungen -Nietzsches der unveränderliche Rahmen, aus welchem sein Bild uns -anschaut. Mag er sich verkleidet haben, wie er will,—immer trägt -er »die Einöde und den heiligen unbetretbaren Grenzbezirk mit sich, -wohin er auch gehe«. (Der Wanderer und sein Schatten 387.) Und es -drückt daher auch nur das Bedürfniss aus, dass das äussere Dasein -seiner einsamen Innerlichkeit entsprechen möge, wenn er einem Freunde -schreibt: (Am 31 October 1880 aus Italien.)</p> - -<p>»Als Recept, sowie als natürliche Passion erscheint mir immer -deutlicher die Einsamkeit und zwar die vollkommene,—und den Zustand, -in dem wir unser Bestes schaffen können, muss man hersteilen und viele -Opfer dafür bringen können.«</p> - -<p>Den zwingenden Anlass aber, sein inneres Alleinsein so vollkommen wie -möglich zu einem äusseren zu machen, bot ihm erst sein <span class="gesperrt">körperliches -Leiden</span>, welches ihn von den Menschen forttrieb und selbst den Verkehr -mit einzelnen seiner Freunde,—immer einen seltenen Verkehr zu -Zweien,—nur mit grossen Unterbrechungen möglich machte.</p> - -<p>Leiden und Einsamkeit,—das sind also die beiden grossen Schicksalszüge -in Nietzsches Entwicklungsgeschichte, immer stärker ausgeprägt, -je näher man dem Ende kommt. Und sie tragen bis an das Ende jenes -wundersame Doppelgesicht, welches sie als ein äusserlich <span class="gesperrt">gegebenes -Lebenslos</span>, und zugleich als eine rein psychisch bedingte, eine -<span class="gesperrt">gewollte innere</span> Nothwendigkeit erscheinen lassen. Auch sein -physisches Leiden, nicht minder als seine Verborgenheit und Einsamkeit, -reflectirte und symbolisirte etwas Tiefinnerliches—und dies so -unmittelbar, dass er es auch in seine äussere Schickung aufnahm wie -einen ihm zugedachten ernsten Freund und Wegegenossen. So schreibt er -einmal bei Gelegenheit einer Beileidsäusserung (Ende August 1881 aus -Sils-Maria): »Es jammert mich immer zu hören, dass Sie leiden, dass -Ihnen irgend etwas fehlt, dass Sie Jemanden verloren haben: während <span class="gesperrt">bei -mir</span> Leiden und Entbehrung <span class="gesperrt">zur Sache</span> gehören und nicht, wie bei Ihnen, -zum Unnöthigen und zur Unvernunft des Daseins.«</p> - -<p>Hierauf beziehen sich die einzelnen, in seinen Werken zerstreuten -Aphorismen über den <span class="gesperrt">Werth des Leidens für die Erkenntniss</span>.</p> - -<p>Er schildert den Einfluss der Stimmungen des Kranken und des -Genesenden auf das Denken, er begleitet die feinsten Uebergänge -solcher Stimmungen bis ins Geistigste hinauf. Eine periodisch -wiederkehrende Erkrankung, wie die seinige es war, scheidet beständig -eine Lebensperiode, und damit auch eine Gedankenperiode von der -vorhergehenden. Sie gibt durch dieses Doppeldasein die Erfahrungen -und das Bewusstsein zweier Wesenheiten. Sie lässt alle Dinge immer -wieder auch dem Geiste neu werden,—»<span class="gesperrt">neu schmecken</span>« nennt er es -einmal höchst treffend,—und setzt ganz neue Augen auch noch für das -Gewohnteste, Alltäglichste ein. Ein Jegliches erhält etwas von der -Frische und dem lichten Thau der Morgenschönheit, weil <span class="gesperrt">eine Nacht</span> -es vom vorhergehenden Tage getrennt hat. So wird jede Genesung ihm -zu einer Palingenesis seiner selbst und darin zugleich des Lebens um -ihn,—und immer wieder ist der Schmerz »verschlungen in den Sieg«.</p> - -<p>Deutet Nietzsche es schon selbst an, dass die Natur seines physischen -Leidens sich gewissermassen in seinen Gedanken und Werken widerspiegle, -so springt der enge Zusammenhang von Denken und Leiden noch auffälliger -hervor, wenn man sein Schaffen und dessen Entwicklung als Ganzes -betrachtet. Man steht nicht jenen allmäligen Veränderungen des -Geisteslebens gegenüber, wie sie ein Jeder durchmacht, der seiner -natürlichen Grösse entgegenwächst,— nicht den Wandlungen des -<span class="gesperrt">Wachsthums</span>: sondern einem jähen Wandel und Wechsel, einem fast -rhythmischen Auf und Nieder von Geisteszuständen, die letzten Grundes -nichts Anderem zu entspringen scheinen, als einem <span class="gesperrt">Erkranken an -Gedanken und einem Genesen an Gedanken</span>.</p> - -<p>Nur aus der innersten Bedürftigkeit seiner ganzen Natur, nur aus -dem quälendsten Heilungsverlangen heraus erschliessen sich ihm neue -Erkenntnisse. Kaum aber ist er völlig in ihnen aufgegangen, kaum hat -er an ihnen ausgeruht und sie seiner eignen Kraft assimilirt,—da -ergreift es ihn auch schon wieder wie ein neues Fieber, etwas wie ein -unruhig drängender Ueberschuss an innerer Energie, der zuletzt seinen -Stachel gegen ihn selbst kehrt und ihn an sich selber erkranken lässt. -»Das Zuviel von Kraft erst ist der Beweis der Kraft», sagt Nietzsche -im Vorwort zur Götzen-Dämmerung (s. I);—in diesem Zuviel thut seine -Kraft sich Schmerzen an, tobt sie sich aus in leidvollen Kämpfen, -reizt sich auf zu den Qualen und Erschütterungen, an denen sein Geist -fruchtbar werden will.<a name="FNAnker_4_4" id="FNAnker_4_4"></a><a href="#Fussnote_4_4" class="fnanchor">[4]</a> Mit der stolzen Behauptung: »Was mich nicht -umbringt, macht mich stärker!« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 8) -geisselt er sich,—nicht bis zum Umbringen, nicht bis zum Tode, aber -eben bis zu jenen Fiebern und Verwundungen, deren er bedarf. Dieses -<span class="gesperrt">Schmerzheischende</span> zieht sich durch die ganze Entwicklungsgeschichte -Nietzsches als die eigentliche <span class="gesperrt">Geistesquelle</span> in ihr; er spricht es -am treffendsten in den Worten aus: »Geist ist das Leben, das selber -ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das eigne -Wissen,—wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist dies: gesalbt -zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,— wusstet ihr das -schon?... Ihr kennt nur des Geistes Funken: aber ihr seht den Amboss -nicht, der er ist, und nicht die Grausamkeit seines Hammers!« (Also -sprach Zarathustra II 33.) »Jene Spannung der Seele im Unglück,... -ihre Schauer im Anblick des grossen Zügrundegehens, ihre -Erfindsamkeit und Tapferkeit im Tragen, Ausharren, Ausdeuten, Ausnützen -des Unglücks, und was ihr nur je von Tiefe, Geheimniss, Maske, Geist, -List, Grösse geschenkt worden ist:—ist es nicht ihr unter Leiden, -unter der Zucht des grossen Leidens geschenkt worden?« (Jenseits von -Gut und Böse 225.)</p> - -<p>Und immer wieder tritt Zweierlei an diesem Vorgang besonders auffällig -hervor: Einmal der enge Zusammenhang von Gedankenleben und Seelenleben -in seinem Wesen, die Abhängigkeit seines Geistes von den Bedürfnissen -und Erregungen seines Innern. Dann aber die Eigenthümlichkeit, dass aus -dieser so engen Zusammengehörigkeit sich immer von Neuem Leiden ergeben -müssen; jedesmal bedarf es einer höhen Gluth der Seele, wo es zu -höchster Klarheit, zu hellem Licht der Erkenntniss kommen soll,—aber -nie darf diese Gluth in wohlthuender Wärme ausströmen, sondern muss -verwunden mit sengenden Feuern und brennenden Flammen: auch hier -gehört,—wie er es in dem oben angeführten Briefe ausdrückt,—»das -Leiden zur Sache«.</p> - -<p>Wie Nietzsches körperliches Leiden der Anlass zu seiner äusseren -Vereinsamung wurde, so muss auch in seinem psychischen Leidenszustand -einer der tiefsten Gründe gesucht werden für seinen scharf zugespitzten -Individualismus, für die strenge Betonung des »Einzelnen« als -des »Einsamen« in Nietzsches besonderem Sinn. Die Geschichte des -»Einzelnen« ist durchaus eine <span class="gesperrt">Leidensgeschichte</span> und nicht irgend -welchem allgemeinen Individualismus zu vergleichen,—ihr Inhalt lautet -viel weniger: »Selbstgenügsamkeit« als: »<span class="gesperrt">Selbsterduldung</span>«.Betrachtet -man das leidensvolle Auf und Nieder seiner Geisteswandlungen, dann -liest man die Geschichte eben so vieler Selbstverwundungen, und es -verbirgt einen langen, schmerzlichen Heldenkampf mit sich selbst, wenn -Nietzsche über seine Philosophie die kühnen Worte setzt: »Dieser Denker -braucht Niemanden, der ihn widerlegt: er genügt sich dazu selber!« (Der -Wanderer und sein Schatten 249.)</p> - -<p>Seine ausserordentliche Fähigkeit, sich immer wieder in die härteste -Selbstüberwindung einzuleben, in jeder neuen Erkenntniss immer wieder -heimisch zu werden, scheint nur da zu sein, um die Trennung vom -Neuerrungenen jedesmal um so erschütternder zu gestalten. »Ich komme! -brich Deine Hütte ab und wandre mir entgegen!« gebietet ihm der Geist, -und mit trotziger Hand macht er sich selbst obdachlos und sucht von -Neuem das Dunkel, das Abenteuer und die Wüste auf mit der Klage auf -den Lippen: »Ich muss den Fuss weiter heben, diesen müden, verwundeten -Fuss: und weil ich muss, so habe ich oft für das Schönste, das mich -nicht halten konnte, einen grimmigen Rückblick,—<span class="gesperrt">weil</span> es mich nicht -halten konnte!« (Fröhliche Wissenschaft 309.) Sobald ihm in einer -Anschauungsweise wahrhaft wohl geworden ist, erfüllt sich an ihm selbst -sein Wort: »Wer sein Ideal erreicht, kommt eben damit über dasselbe -hinaus.« (Jenseits von Gut und Böse 73.)<a name="FNAnker_5_5" id="FNAnker_5_5"></a><a href="#Fussnote_5_5" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<p>Der <span class="gesperrt">Meinungswechsel</span>, der <span class="gesperrt">Wandlungsdrang</span> stecken daher der -Philosophie Nietzsches tief im Herzen, sie sind durchaus bestimmend für -die Art seines Erkennens. Nicht umsonst nennt er sich im Schlusslied -von »Jenseits von Gut und Böse« einen: »Ringer, der zu oft sich selbst -bezwungen,—Zu oft sich gegen eigne Kraft gestemmt.... Durch eignen -Sieg verwundet und gehemmt.«</p> - -<p>Im Heroismus der Bereitwilligkeit, die eigne Ueberzeugung preiszugeben, -nimmt dieser Drang in seinem Innern geradezu die Stelle der -<span class="gesperrt">Ueberzeugungstreue</span><a name="FNAnker_6_6" id="FNAnker_6_6"></a><a href="#Fussnote_6_6" class="fnanchor">[6]</a> ein. »Wir würden uns für unsere Meinungen -nicht verbrennen lassen:« heisst es in Der Wanderer und sein Schatten -(333), »wir sind ihrer nicht so sicher. Aber vielleicht dafür, dass -wir unsere Meinungen haben dürfen und ändern dürfen.« Und in der -Morgenröthe (370) spricht sich diese Gesinnung in den schönen Worten -aus: »Nie etwas zurückhalten oder Dir verschweigen, was <span class="gesperrt">gegen Deinen -Gedanken</span> gedacht werden kann. Gelobe es Dir! Es gehört zur ersten -Redlichkeit des Denkens. Du musst jeden Tag auch Deinen Feldzug -gegen Dich selber führen. Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind -nicht mehr Deine Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,—aber auch -Deine Niederlage ist nicht mehr Deine Angelegenheit!« Darüber steht -als Titel: »Inwiefern der Denker seinen Feind liebt.« Aber diese -Feindesliebe entspringt der dunklen Ahnung, dass im Feind ein künftiger -Genosse verborgen sein könne, und dass nur des Unterliegenden neue -Siege harren: sie entspringt der Ahnung, dass für ihn der stets -gleiche, schmerzliche Seelenprocess der Selbstverwandlung unumgängliche -Bedingung aller Schaffenskraft sei. »Der <span class="gesperrt">Geist</span> ist es, der uns -rettet, dass wir nicht ganz verglühen und verkohlen.... Vom Feuer -erlöst, schreiten wir dann, durch den Geist getrieben, von Meinung -zu Meinung,... als <span class="gesperrt">edle Verräther</span> aller Dinge.« (Menschliches, -Allzumenschliches, I 637.) »—wir <span class="gesperrt">müssen</span> Verräther werden, -Untreue üben, unsere Ideale immer wieder preisgeben. (Menschliches, -Allzumenschliches, I 629.) Dieser Einsame musste gleichsam sich -selber vervielfältigen, in eine Mehrheit von Denkern zerfallen, in -dem Masse, als er sich in sich selber abschloss;—nur so vermochte -er geistig zu leben. Der Selbstverwundungstrieb war nur eine Art -seines Selbsterhaltungstriebes: nur indem er sich immer wieder in -Leiden stürzte, entlief er seinen Leiden. »Unverwundbar bin ich -allein an meiner Ferse!... Und nur wo Gräber sind, gibt es -Auferstehungen!... Also sang Zarathustra;« (II 46).—Er, zu dem das -Leben einst »dies Geheimniss redete«: »Siehe, sprach es, ich bin das, -was sich immer selber überwinden muss« (II 49).<a name="FNAnker_7_7" id="FNAnker_7_7"></a><a href="#Fussnote_7_7" class="fnanchor">[7]</a></p> - -<p>Ueber nichts hat wohl Nietzsche so oft und so tief nachgedacht, -wie über dieses sein eignes Wesensräthsel, und über nichts können -wir uns daher aus seinen Werken so gut unterrichten wie gerade -hierüber: im Grunde waren ihm alle seine Erkenntnissräthsel nichts -anderes. Je tiefer er sich selbst erkannte, desto rückhaltsloser -wurde seine ganze Philosophie zu einer ungeheuren Widerspiegelung -seines Selbstbildes,—und desto naiver legte er es dem Allbilde als -solchem unter. Wie unter den Philosophen abstracte Systematiker ihre -eignen Begriffe zu einer Weltgesetzlichkeit verallgemeinert haben, so -verallgemeinert Nietzsche seine Seele zur Weltseele. Aber um sein Bild -zu zeichnen, bedarf es nicht erst der Zurückführung seiner sämmtlichen -Theorien auf ihn selbst, wie es in den folgenden Theilen geschieht. -Ein gewisses Verständniss dafür ist auch schon hier möglich, wo -Nietzsche lediglich in Bezug auf seine geistige Veranlagung betrachtet -wird, Der Reichthum derselben ist zu mannigfaltig, als dass er in -einer bestimmten Ordnung erhalten werden könnte; die Lebendigkeit und -der Machtwillen jedes einzelnen Talentes und Geistestriebes führen -nothwendig zu einer nie beschwichtigten Nebenbuhlerschaft aller -Talente. In Nietzsche lebten in stetem Unfrieden, nebeneinander und -sich gegenseitig tyrannisirend, ein Musiker von hoher Begabung, ein -Denker von freigeisterischer Richtung, ein religiöses Genie und ein -geborener Dichter. Nietzsche selbst versuchte, daraus die Besonderheit -seiner geistigen Individualität zu erklären, und erging sich häufig in -eingehenden Gesprächen darüber.</p> - -<p>Er unterschied zwei grosse Hauptgruppen von Charakteren: solche, -deren verschiedene Regungen und Triebe in Harmonie zueinander -stehen, eine gesunde Einheit bilden, und solche, deren Triebe und -Regungen sich gegenseitig hemmen und befehden. Die erste Gruppe -verglich er,—innerhalb des einzelnen Individuums,—mit dem Zustande -der Menschheit zur Zeit des Heerdenwesens, vor aller staatlichen -Gliederung: wie dort der Einzelne seine Individualität und sein -Machtgefühl nur besitzt im geschlossenen Ganzen der Heerde, so hier -die einzelnen Triebe im Ganzen der geschlossenen Persönlichkeit, deren -Inbegriff sie bilden. Die Naturen der zweiten Gruppe dagegen leben -in ihrem Innern, wie die Menschen bei einem Kriege Aller gegen Alle -leben würden;—die Persönlichkeit selbst löst sich gewissermassen in -eine Unsumme von eigenmächtigen Triebpersönlichkeiten auf, in eine -Subject-Vielheit. Dieser Zustand wird nur überwunden, wenn von aussen -her eine höhere Macht, eine stärkere Autorität geschaffen werden kann, -die über Alle zu herrschen weiss: gleich einem Gesetz staatlicher -Gliederung, für das es nur unterworfene Gewalten gibt. Denn was in den -zuerst geschilderten Naturen ganz instinctmässig vor sich geht—die -Einordnung des Einzelnen ins Ganze,—das muss hier erst erobert und den -tyrannischen Einzelgelüsten abgezwungen werden als eine unerbittlich -feste Rangordnung der Triebe untereinander.<a name="FNAnker_8_8" id="FNAnker_8_8"></a><a href="#Fussnote_8_8" class="fnanchor">[8]</a> -</p> - -<p>Man sieht, hier ist der Punkt, an welchem Nietzsche die Möglichkeit -einer <span class="gesperrt">Selbstbehauptung als Ganzes durch das -Leiden alles Einzelnen</span> aufgegangen ist. Hier liegt wie in einer -Knospe eingeschlossen die ursprüngliche Bedeutung seiner späteren -Decadenz-Lehre mit dem Grundgedanken: es giebt die Möglichkeit eines -höchsten Vermögens und Schaffens durch ein beständiges Erdulden und -Verwunden. Mit einem Wort: hier ging ihm die Bedeutung des <span -class="gesperrt">Heroismus als Ideal</span> auf. Die eigene qualvolle -Unvollkommenheit riss ihn dem Ideal und dessen Tyrannei entgegen: -»Unsere Mängel sind die Augen, mit denen wir das Ideal sehen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, II 86).</p> - -<p>»Was macht heroisch? zugleich seinem höchsten Leide und seiner höchsten -Hoffnung entgegengehen« sagt er (Fröhliche Wissenschaft 268). Und ich -füge dem noch drei Aphorismen bei, die er mir einmal niederschrieb, -und die mir seine Auffassung mit besonderer Schärfe zu verdeutlichen -scheinen:</p> - -<p>»Der Gegensatz des heroischen Ideals ist das Ideal der harmonischen -Allentwicklung,—ein schöner Gegensatz und ein sehr wünschenswerther! -Aber nur ein Ideal für grundgute Menschen. (Zum Beispiel: Goethe).<a name="FNAnker_9_9" id="FNAnker_9_9"></a><a href="#Fussnote_9_9" class="fnanchor">[9]</a></p> - -<p>Weiter: »Heroismus—das ist die Gesinnung eines Menschen, der ein Ziel -erstrebt, gegen welches gerechnet er gar nicht mehr in Betracht kommt. -Heroismus ist der gute Wille zum absoluten Selbst-Untergang.«</p> - -<p>Und als drittes: »Menschen, die nach Grösse streben, sind gewöhnlich -böse Menschen; es ist ihre <span class="gesperrt">einzige Art, sich zu ertragen</span>.« Das Wort -»böse« will hier ebenso wie oben das Wort »gut« weder im Sinn des -landläufigen Urtheils noch überhaupt im Sinne eines Urtheils genommen -werden, sondern blos als Bezeichnung eines Thatbestandes: und als eine -solche bezeichnet es für Nietzsche stets den »innern Krieg« in einer -Menschenseele,—dasselbe, was er später »Anarchie in den Instincten« -nennt. In seiner letzten Schaffensperiode hat sich ihm, auf dem Wege -einer bestimmten Gedankenentwicklung, das Bild dieses Seelenzustandes -bis zum Culturbilde der Menschheit ausgedehnt; die Losungsworte heissen -da: Innenkrieg=Décadence, und Sieg<span class="gesperrt">=</span>Selbstuntergang der Menschheit -zur Erschaffung einer Uebermenschheit. Ursprünglich aber handelt es -sich für ihn um sein eigenes Seelenbild.</p> - -<p>Er unterscheidet nämlich die harmonische oder einheitliche und die -heroische oder vielspältige Naturanlage als die beiden Typen des -<span class="gesperrt">handelnden</span> und des <span class="gesperrt">erkennenden</span> Menschen, mit anderen Worten: den -Typus seines Wesens-Gegensatzes und seinen eigenen.</p> - -<p>Zum handelnden Menschen wird ihm der Ungetheilte und Unzersetzte, -der Instinct-Mensch, die Herrennatur. Wenn dieser seiner natürlichen -Entwicklung folgt, muss sein Wesen sich immer selbstsicherer und fester -zuspitzen und seine gedrängte Kraft in gesunden Thaten sich entladen. -Die Hemmnisse, welche die Aussenwelt ihm möglicherweise entgegenstellt, -enthalten zugleich eine Anregung und Förderung dafür: denn nichts ist -ihm naturgemässer, als der tapfere Kampf nach aussen hin, in nichts -erweist sich seine ungebrochene Gesundheit so sehr als in seiner -Kriegstüchtigkeit. Mag sein Intellect klein oder gross sein: in jedem -Fall steht er im Dienst dieser frischen Wesenskraft und dessen, was -ihr wohl thut und noth thut,—er hat sich ihr in seinen Zielen nicht -entgegengesetzt, er hat sie nicht zersetzt, er folgt nicht eignen Wegen.</p> - -<p>Ganz anders der erkennende Mensch. Anstatt nach einem festen -Zusammenschluss seiner Triebe zu suchen, der sie schützt und erhält, -lässt er sie so weit als irgend möglich auseinanderlaufen; je breiter -das Gebiet, das sie zu umfassen lernen, desto besser, je mehr der -Dinge, bis zu denen sie ihre Fühlhörner ausstrecken, und die sie -betasten, sehen, hören, riechen, desto tüchtiger sind sie ihm für seine -Zwecke,—für die Zwecke des Erkennens. Denn ihm ist nunmehr »das Leben -ein Mittel der Erkenntniss« (Fröhliche Wissenschaft 324) und erruft -seinen Genossen zu (Fröhliche Wissenschaft 319): »Wir selber wollen -unsere Experimente und Versuchstiere sein!« So gibt er sich selbst -freiwillig als Einheit auf,—je polyphoner sein Subject, desto lieber -ist es ihm:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Scharf und milde, grob und fein,<br /> -Vertraut und seltsam, schmutzig und rein,<br /> -Der Narren und Weisen Stelldichein:<br /> -Dies Alles bin ich, will ich sein,<br /> -Taube zugleich, Schlange und Schwein!«<br /> -(Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 11.)<br /> -</p> - -<p>Denn wir Erkennenden, sagt er, müssen dankbar sein »gegen Gott, -Teufel, Schaf und Wurm in uns,... mit Vorder- und Hinterseelen, -denen Keiner leicht in die letzten Absichten sieht, mit Vorder- -und Hintergründen, welche kein Fuss zu Ende laufen dürfte, wir die -geborenen, geschworenen, eifersüchtigen Freunde der <span class="gesperrt">Einsamkeit</span>....« -(Jenseits von Gut und Böse 44.) Der Erkennende hat die Seele, welche -»die längste Leiter hat und am tiefsten hinunter kann,... die -<span class="gesperrt">umfänglichste</span> Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und -schweifen kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im -weitesten Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am -süssesten zuredet: ... die sich selber bebendste, in der alle Dinge -ihr Strömen und Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben....« (Also -sprach Zarathustra III 82.)</p> - -<p>Mit solcher Seele wird man zum »Tausendfuss und Tausend-Fühlhorn« -(Jenseits von Gut und Böse 205), immer im Begriff, sich selbst zu -entlaufen, um sich bis in fremdes Wesen hinein zu erstrecken: »Wenn -man erst sich selber gefunden hat, muss man verstehen, sich von Zeit -zu Zeit zu <span class="gesperrt">verlieren</span>—und dann wieder zu finden: vorausgesetzt, dass -man ein Denker ist. Diesem ist es nämlich nachtheilig, immer an Eine -Person gebunden zu sein.« (Der Wanderer und sein Schatten 306.) Das -Gleiche besagen die Verse (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und -Rache 33):</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Verhasst ist mir's schon, selber mich zu führen!<br /> -Ich liebe es, gleich Wald- und Meeresthieren,<br /> -Mich für ein gutes Weilchen zu verlieren,<br /> -In holder Irrniss grüblerisch zu hocken.<br /> -Von ferne her mich endlich heimzulocken,<br /> -Mich selber zu mir selber—zu verführen.«<br /> -</p> - -<p>Das Versehen ist überschrieben »Der Einsame«, d. h. der von den -Anforderungen und Kämpfen der Aussenwelt möglichst Abgeschiedene; -denn kriegstüchtig nach aussen hin wird ein solches Innenleben in dem -Masse immer weniger, je vollkommener es benommen und bewegt ist von -den Kriegen, Siegen, Niederlagen und Eroberungen innerhalb seiner -eignen Triebe. In der Einsamkeit seiner geistigen Selbstversenkung und -Selbsterweiterung sucht es vielmehr eine Hülle, die es schonend behüte -vor den lauten und verwundenden Lebensereignissen draussen,—steht -es doch schon ohnedies in Kampf und Wunden; gilt doch von diesem -Erkennenden die Schilderung:—das ist ein Mensch, der beständig -ausserordentliche Dinge erlebt, sieht, hört, argwöhnt, hofft, träumt; -der von <span class="gesperrt">seinen eigenen Gedanken wie von Aussen her</span>,... als von -<span class="gesperrt">seiner Art Ereignissen und Blitzschlägen</span> getroffen wird.« (Jenseits -von Gut und Böse 292.)</p> - -<p>Denn die kriegerische Stellung der Triebe zu einander in seinem Innern -ist damit nicht aufgehoben, sondern eher gesteigert: »Wer aber die -Grundtriebe des Menschen darauf hin ansieht, wie weit sie gerade -hier als inspirirende Genien (oder Dämonen und Kobolde—) ihr Spiel -getrieben haben mögen, wird finden,... dass jeder Einzelne -von ihnen gerade sich gar zu gerne als letzten Zweck des Daseins und -als berechtigten <span class="gesperrt">Herrn</span> aller übrigen Triebe darstellen möchte. -Denn jeder Trieb ist herrschsüchtig und <span class="gesperrt">als solcher</span> versucht er zu -philosophiren« (Jenseits von Gut und Böse 6).</p> - -<p>Daher grade legt die Erkenntniss des Erkennenden ein »entscheidendes -Zeugniss dafür ab, <span class="gesperrt">wer er ist</span>,—das heisst, in welcher Rangordnung -die innersten Triebe seiner Natur zu einander gestellt sind« -(ebendaselbst).</p> - -<p>Trotzdem aber wird durch das Erkennen in diesem Innen-Krieg eine -Verwandlung vollzogen, die demselben eine neue Bedeutung gibt,—eine -rettende und erlösende Bedeutung: in der Erkenntniss ist ein allen -Trieben gemeinsames Ziel gegeben, eine Richtung, der ein jeder von -ihnen insofern zustrebt, als sie alle das Nämliche erobern wollen. -Die Zersplitterung des Beliebens, die Tyrannei der Willkür ist damit -gebrochen. Die Triebe halten an ihrer »Subjects-Vielheit« fest, aber -sie unterstellen dieselbe einer höheren Macht, die ihnen als Dienern -und Werkzeugen befiehlt; sie bleiben wild und kriegerisch, aber sie -werden in ihrem Kriegs-Ziel unvermerkt zu Helden, die zu kämpfen -und zu bluten berufen sind;—das heroische Ideal ist inmitten ihrer -Selbstsucht aufgerichtet und zeigt den für sie einzig möglichen Weg -zur Grösse. So ist die Gefahr der Anarchie beseitigt zu Gunsten eines -sichern »Gesellschaftsbaues der Triebe und Affecte«.</p> - -<p>Ich erinnere mich eines mündlichen Ausspruches von Nietzsche, der sehr -bezeichnend diese Freude des Erkennenden an der umfassenden Breite und -Tiefe seiner Natur ausdrückt,—die Lust, die daraus entspringt, dass -er sein Leben nunmehr als ein »Experiment des Erkennenden« (Fröhliche -Wissenschaft 324) auffassen darf: »Einer alten, wetterfesten Burg -gleiche ich, die viele versteckte Keller und Unterkeller hat; in -meine eignen verborgensten Dunkelgänge bin ich noch nicht ganz -hinabgekrochen, in meine unterirdischen Kammern bin ich noch nicht -gekommen. Sollte mit ihnen nicht alles unterbaut sein? sollte ich nicht -aus meiner Tiefe zu allen Oberflächen der Erde hinaufklettern können? -sollten wir nicht auf jedem Dunkelgang zu uns selber wiederkehren?«</p> - -<p>Dasselbe Gefühl gibt auch in der »Fröhlichen Wissenschaft« (249) -der Aphorismus wieder, der die Ueberschrift trägt: »Der Seufzer des -Erkennenden«: »Oh über meine Habsucht! In dieser Seele wohnt keine -Selbstlosigkeit,— vielmehr ein Alles begehrendes Selbst, welches -durch viele Individuen wie durch <span class="gesperrt">seine</span> Augen sehen und wie mit -<span class="gesperrt">seinen</span> Händen greifen möchte,—ein auch die ganze Vergangenheit noch -zurückholendes Selbst, welches nichts verlieren will, was ihm überhaupt -gehören könnte! Oh über diese Flamme-meiner Habsucht! Oh dass ich in -hundert Wesen wiedergeboren würde!«</p> - -<p>Auf diese Weise wird das Umfassende und Verschlungene der -unharmonischen, der »stillosen« Natur zu einem gewaltigen Vorzug: -»Wollten und wagten wir eine Architektur nach <span class="gesperrt">unserer</span> Seelen-Art,... -so müsste das Labyrinth unser Vorbild sein!« (Morgenröthe -169.)—aber kein Labyrinth, in welchem die Seele sich selbst verliert, -sondern aus dessen Wirrnis sie zur Erkenntniss hindurchdringt. »Man -muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären -zu können«,— dieses Wort Zarathustras (I 15) gilt von ihr, die -zum Sternendasein, zum Licht geboren ist als zu ihrem eigensten -Wesensgenius, ihrer eigensten Verklärung. Nietzsche hat dies unter dem -Namen: »Eine lichte Art von Schatten« geschildert (Der Wanderer und -sein Schatten 258): »Dicht neben den ganz nächtigen Menschen befindet -sich fast regelmässig, wie an sie angebunden, eine Lichtseele. Sie ist -gleichsam der negative Schatten, den jene werfen.«</p> - -<p>Diese Lichtseele ist um so strahlender, je mächtiger und nächtiger, -also je tyrannischer und gefährlicher die Natur ist, welche sich -gleichsam in ihr verbrennen lässt,—alle ihre Neigungen als Brennstoff -in diese heilige Gluth wirft. Die Art, in welcher dies geschieht, -wechselt mit dem Erkenntnissstandpunkt des Erkennenden: Nietzsches -Auffassung dessen, was »Erkenntnisse ist, ist in seinen verschiedenen -Geistesperioden eine verschiedene, und dementsprechend verschiebt sich -auch jedesmal das, was er die »innere Rangordnung der Triebe« nennt, -innerhalb des wogenden Kampfes in dieser reichen Genie-Natur. Man -kann sagen, dass aus den wechselnden Bildern solcher Verschiebungen -sich die Geschichte seiner Entwicklung im Wesentlichen zusammensetzt, -bis in seiner letzten Schaffensperiode sein ganzes Innenleben sich -in philosophischen Theorien widerspiegelt: bis ihm Dunkelseele und -Lichtseele zu Repräsentanten des Menschlichen und Uebermenschlichen -werden.</p> - -<p>Der geschilderte Seelenprocess selbst aber bleibt durch alle Wandlungen -hindurch in seinen Grundzügen der nämliche. »Hat man Charakter, -so hat man auch sein typisches Erlebniss, das immer wiederkommt,« -sagt Nietzsche (Jenseits von Gut und Böse 70). Nun, dieses ist <span class="gesperrt">sein</span> -typisches Erlebniss, das immer wiederkommt, an dem er sich immer wieder -aufrichtete, über sich selbst erhob,—an dem er auch endlich sich in -sich selbst überschlug und zu Grunde ging.</p> - -<p>Und daran <span class="gesperrt">musste</span> er wohl zu Grunde gehen. Denn in dem gleichen -Process, der ihm stets von neuem Heilung und Erhebung sicherte, lag -auch schon das pathologische Moment dieser Art von Geistesentwicklung -verborgen. Auf den ersten Blick fällt es nicht auf. Man sollte -vielmehr meinen, in einer Kraft, die sich selber so zu heilen weiss, -müsse mindestens ebensoviel Gesundheit stecken wie in dem ruhigen -Frieden einer harmonischen Kräfteentfaltung. Ja, sogar eine weit -grössere Gesundheit: denn sie ist im Stande, selbst an dem, was -Wunden schlägt und Fieber erzeugt, sich noch zu befestigen und zu -beweisen; sie ist im Stande, Krankheit und Kampf zu einem <span class="gesperrt">Stimulans</span> -für Leben und Erkennen umzuwandeln, zu einem Sporn und Hellsehen für -ihre Zwecke,—sie <span class="gesperrt">umfasst</span> also schadlos Kampf und Krankheit. Auf -solche Weise wollte Nietzsche, namentlich zuletzt, namentlich als er -am krankhaftesten war, seine Leidensgeschichte aufgefasst wissen: -alseine <span class="gesperrt">Genesungs</span>geschichte. Allerdings vermochte diese gewaltige -Natur es, sich mitten aus Schmerzen und Widerstreit heraus in ihrem -Erkenntnissideal selbst zu heilen und zusammenzufassen. Aber, nach -erlangter Genesung, <span class="gesperrt">bedurfte</span> sie wiederum ebenso nothwendig der -Leiden und Kämpfe, der Fieber und Wunden. Sie, die sich selbst Heilung -geschafft, ruft jene wieder, hervor; sie wendet sich gegen sich -selbst, schäumt gleichsam über, um sich in neue Krankheitszustände zu -ergiessen. Ueber jedem erreichten Erkenntnissziel, jedem erlangten -Genesungsglück stehen immer wieder die Worte: »Wer sein Ideal erreicht, -kommt eben damit über dasselbe hinaus«, denn: »sein Ueberglück ward -ihm zum Ungemach« (Fröhliche Wissenschaft, Scherz, List und Rache 47), -und er fühlt sich: »verwundet von seinem Glücke«<a name="FNAnker_10_10" id="FNAnker_10_10"></a><a href="#Fussnote_10_10" class="fnanchor">[10]</a> (Also sprach -Zarathustra II 2). »<span class="gesperrt">Sich Schmerzen machen</span>. Rücksichtslosigkeit des -Denkens ist oft das Zeichen einer unfriedlichen inneren Gesinnung, -welche Betäubung begehrt.» Menschliches, Allzumenschliches I 581.</p> - -<p>Die Gesundheit ist hier also nicht das Ueberlegene und Ueberragende, -welches das Pathologische, als ein Nebensächliches, zu einem Werkzeug -für sich umschafft, sondern beide bedingen sich, ja <span class="gesperrt">enthalten</span> sich -gegenseitig,—beide zusammen stellen thatsächlich eine eigenthümliche -<span class="gesperrt">Selbstspaltung</span> innerhalb ein und desselben Geisteslebens dar.</p> - -<p>Eine solche innere Spaltung liegt nämlich dem ganzen geschilderten -Seelenprocess zu Grunde. Anscheinend zwar sollte in ihm die -Vielspältigkeit, die Subjects-Vielheit der unharmonisch veranlagten -Natur, in einer hohem Einheit, in einem richtunggebenden Ziel -aufgehoben werden. Nun vollzieht sich aber dieser Vorgang <span class="gesperrt">innerhalb</span> -der vielspältigen Seele in der Weise, dass ein einziger Trieb sich -alle übrigen unterordnet; mit anderen Worten: die Vielspältigkeit -wird auf eine um so tiefer gehende <span class="gesperrt">Zweispaltung</span> reducirt. So wenig -wie die Gesundheit hier überragend das Krankhafte mit <span class="gesperrt">umfasst</span>, -so wenig umfasst und überragt der herrschende Trieb wahrhaft das -gesammte Innere, indem er es in den Dienst der Erkenntniss stellt: -der Erkennende blickt wohl mit seinen Geistesaugen auf sich selbst -wie auf eine zweite Wesenheit, aber er bleibt doch in der eigenen -Wesenheit gefangen; er ist nur im Stande sie zu spalten, nicht über sie -hinauszugreifen. Die Macht der Erkenntniss also, weit davon entfernt, -eine einigende zu sein, ist vielmehr eine trennende,—aber die Tiefe -der Trennung erweckt den <span class="gesperrt">Schein</span>, als läge das Ziel aller Regungen -<span class="gesperrt">ausser ihnen</span>. In Folge dieser Selbsttäuschung drängen alle Kräfte -begeistert der Erkenntniss zu, als vermöchten sie damit sich selbst und -ihrem Zwiespalt zu entlaufen.</p> - -<p>Man sollte allerdings glauben, es werde wenigstens eine Art von -Zusammenschluss des Gesammtlebens dadurch erreicht, dass auf der einen -Seite das Triebleben, unter dem darauf gerichteten Erkenntnissblick, -zu ungeheurer Bewusstheit gesteigert wird,—dass auf der anderen das -Denken durch die Welt der Stimmungen und Triebe eine ungemeine Belebung -erhält. Aber das Resultat ist ein gerade entgegengesetztes, indem -der Gedanke die Unmittelbarkeit aller inneren Regungen <span class="gesperrt">zersetzt</span>, -die Erregungen des Inneren hinwiederum die beherrschte Strenge des -Gedankens beständig <span class="gesperrt">lockern</span>. So durchdringt thatsächlich die Spaltung -des Ganzen alles Einzelne nur immer weiter und tiefer.</p> - -<p>Was ist es nun, das trotzdem eine so hohe, geradezu erlösend wirkende -Befriedigung aus einer so durchsichtigen Selbsttäuschung quellen -lässt? Was ist es, das einen Schein dazu befähigt, das ganze Sein, -wenn auch unter steten Erkrankungen und Verwundungen, zu beseligen -und zu verklären? Mit dieser Frage stehen wir vor dem eigentlichen -Nietzsche-Problem; sie erst weist uns auf den geheimen Zusammenhang des -Gesunden und Pathologischen in ihm.</p> - -<p>Indem nämlich die Vielheit unverbundener Einzeltriebe sich in zwei -einander gleichsam gegenüber stehende Wesenheiten zerspaltet, von denen -die Eine herrscht, die Andere dient,—wird es dem Menschen ermöglicht, -zu sich selber nicht nur wie zu einem <span class="gesperrt">anderen</span>, sondern auch wie zu -einem <span class="gesperrt">höhern</span> Wesen zu empfinden. Indem er einen Theil seiner selbst -sich selber zum Opfer bringt, ist er einer <span class="gesperrt">religiösen Exaltation</span> -nahe gekommen. In den Erschütterungen seines Geistes, in denen er das -heroische Ideal eigener Preisgebung und Hingebung zu verwirklichen -wähnt, bringt er <span class="gesperrt">an sich selbst einen religiösen Affect</span> zum Ausbruch.</p> - -<p>Von allen grossen Geistesanlagen Nietzsches gibt es keine, die tiefer -und unerbittlicher mit seinem geistigen Gesammtorganismus verbunden -gewesen wäre, als sein religiöses Genie. Zu einer anderen Zeit, -in einer andern Culturperiode würde dasselbe diesem Predigerssohn -sicherlich nicht gestattet haben, zum Denker zu werden. Unter den -Einflüssen unserer Zeit erhielt jedoch sein religiöser Geist die -Richtung aufs Erkennen und vermochte dasjenige, wonach es ihn -instinctiv am drängendsten verlangte, wie nach dem natürlichen Ausdruck -seiner Gesundheit, nur in krankhafter Weise zu befriedigen,—das -heisst, er vermochte es nur vermittelst einer Rückbeziehung auf sich -selbst anstatt auf eine ihn mit umfassende, ausser ihm liegende -Lebensmacht. So erreichte er das gerade Gegentheil des Angestrebten: -nicht eine höhere Einheit seines Wesens, sondern dessen innerste -Zweitheilung, nicht den Zusammenschluss aller Regungen und Triebe zu -einem einheitlichen Individuum, sondern ihre Spaltung zum »<span class="gesperrt">Dividuum</span>«. -Es war immerhin eine Gesundheit erreicht,—doch mit den Mitteln -der Krankheit; eine wirkliche Anbetung, doch mit den Mitteln der -Täuschung; eine wirkliche Selbstbehauptung und Selbsterhebung, doch -mit den Mitteln der Selbstverwundung. Deshalb liegen in dem gewaltigen -religiösen Affect, aus dem ganz allein bei Nietzsche alle Erkenntniss -hervorgeht, unlöslich in einen Knoten verschlungen: eigne <span class="gesperrt">Aufopferung</span> -und <span class="gesperrt">eigne Apotheose</span>, Grausamkeit der eignen <span class="gesperrt">Vernichtung</span> und -Wollust der eignen <span class="gesperrt">Vergötterung</span>, leidvolles Siechen und siegende -Genesung, glühender Rausch und kühle Bewusstheit. Man fühlt hier die -enge Verknüpfung der Gegensätze, die einander unaufhörlich bedingen: -man fühlt das Ueberschäumen und freiwillige Hinabstürzen der aufs -Höchste erregten und gespannten Kräfte ins Chaotische, Dunkle, -Schauerliche, und dann wieder aus diesem heraus ein Drängen ins Lichte, -Zarteste,—das Drängen eines Willens, der sich« ...von der Noth der -Fülle und Ueberfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze -löst«,<a name="FNAnker_11_11" id="FNAnker_11_11"></a><a href="#Fussnote_11_11" class="fnanchor">[11]</a>—ein Chaos, das den Gott gebären möchte,—gebären <span class="gesperrt">muss</span>.</p> - -<p>»Im Menschen ist <span class="gesperrt">Geschöpf</span> und <span class="gesperrt">Schöpfer</span> vereint: im Menschen -ist Stoff, Bruchstück, Ueberfluss, Lehm, Koth, Unsinn, Chaos; -aber im Menschen ist auch Schöpfer, Bildner, Hammer-Härte, -Zuschauer-Göttlichkeit und siebenter Tag...«. (Jenseits von Gut -und Böse 225.) Und hier zeigt sich, dass unablässiges Leiden und -unablässige Selbstvergöttlichung sich gegenseitig bedingen, indem -ein jedes seinen eignen Gegensatz immer wieder neu erzeugt,— wie es -Nietzsche in der Geschichte des Königs Viçvamitra ausgedrückt findet, -»der aus tausendjährigen Selbstmarterungen ein solches Machtgefühl und -Zutrauen zu sich gewann, dass er es unternahm, einen <span class="gesperrt">neuen Himmel</span> zu -bauen:... Jeder, der irgendwann einmal einen »neuen Himmel« gebaut -hat, fand die Macht dazu erst in der <span class="gesperrt">eigenen Hölle</span>...« (Genealogie der -Moral III 10.) Eine andere Stelle, wo er dieser Sage gedenkt, steht -in der Morgenröthe (113) und folgt unmittelbar auf die Schilderung -jener machtdurstigen Leidenden, die als das würdigste Object ihrer -Vergewaltigungslust sich selbst auserlesen haben: »Der Triumph des -Asketen über sich selber, sein dabei nach Innen gewendetes Auge, -welches den Menschen zu einem Leidenden und zu einem Zuschauenden -zerspaltet sieht und fürderhin in die Aussenwelt nur hineinblickt, um -aus ihr gleichsam Holz zum eigenen Scheiterhaufen zu sammeln, diese -letzte Tragödie des Triebes nach Auszeichnung, bei der es nur noch Eine -Person gibt, welche in sich selber <span class="gesperrt">verkohlt</span>....« Dieser Abschnitt, -der die Beschreibung aller bisherigen Askese und ihrer Motive enthält, -schliesst mit der Bemerkung:... ja, ist denn wirklich der Kreislauf -im Streben nach Auszeichnung mit dem Asketen am letzten Ende angelangt -und in sich abgerollt? Könnte dieser Kreis nicht noch einmal von Anfang -an durchlaufen werden, mit der festgehaltenen Grundstimmung des Asketen -und zugleich des mitleidenden Gottes?«</p> - -<p>In »Menschliches, Allzumenschliches« (I 137) sagt er darüber: Es gibt -einen <span class="gesperrt">Trotz gegen sich selbst</span>, zu dessen sublimirtesten Aeusserungen -manche Formen der Askese gehören. Gewisse Menschen haben nämlich ein -so hohes Bedürfniss, ihre Gewalt und Herrschsucht auszuüben, dass -sie ... endlich darauf verfallen, <span class="gesperrt">gewisse Theile ihres eigenen -Wesens</span> ... zu tyrannisiren.... Dieses Zerbrechen seiner selbst, -dieser Spott über die eigene Natur, dieses spernere se sperni, -aus dem die Religionen so viel gemacht haben, ist eigentlich <span class="gesperrt">ein -sehr hoher Grad der Eitelkeit</span>.... Der Mensch hat eine wahre -Wollust darin, sich durch übertriebene Ansprüche zu vergewaltigen -und <span class="gesperrt">dieses tyrannisch fordernde Etwas in seiner Seele nachher zu -vergöttern</span>.«—und 138: »... Eigentlich liegt ihm also nur an der -Entladung seiner Emotion; da fasst er wohl, um seine Spannung zu -erleichtern, die Speere der Feinde zusammen und begräbt sie in seine -Brust,«—und 142: »... er geisselt seine Selbstvergötterung mit -Selbstverachtung und Grausamkeit, er freut sich an dem wilden Aufruhre -seiner Begierden,... er versteht es, seinem Affect, zum Beispiel -dem der äussersten Herrschsucht, einen Fallstrick zu legen, so dass er -in den der äussersten Erniedrigung übergeht und seine aufgehetzte Seele -durch diesen Contrast aus allen Fugen gerissen wird;... es ist im -Grunde eine seltene Art von Wollust, welche er begehrt, aber vielleicht -jene Wollust, in der alle anderen in einen Knoten zusammengeschlungen -sind. Novalis, eine der Autoritäten in Fragen der Heiligkeit durch -Erfahrung und Instinct, spricht das ganze Geheimniss einmal mit naiver -Freude aus: »Es ist wunderbar genug, dass nicht längst die Association -von Wollust, Religion und Grausamkeit die Menschen aufmerksam auf ihre -innige Verwandtschaft und gemeinschaftliche Tendenz gemacht hat.«</p> - -<p>In der That ist eine rechte Nietzsche-Studie in ihrer Hauptsache -eine <span class="gesperrt">religionspsychologische</span> Studie, und nur insoweit als das -Gebiet der Religionspsychologie bereits aufgehellt ist, fallen -auch helle Streiflichter auf die Bedeutung seines Wesens, seines -Leidens und seiner Selbst-Beseligung. Seine ganze Entwicklung ging -gewissermassen davon aus, dass er den Glauben verlor, also von der -»Emotion über den Tod Gottes«,—dieser ungeheuren Emotion, die bis in -das letzte Werk hineinklingt, das Nietzsche, schon auf der Schwelle -des Wahnsinns verfasste,— bis in den vierten Theil seines: »Also -sprach Zarathustra«. <span class="gesperrt">Die Möglichkeit, einen Ersatz</span><a name="FNAnker_12_12" id="FNAnker_12_12"></a><a href="#Fussnote_12_12" class="fnanchor">[12]</a> »<span class="gesperrt">für den -verlorenen Gott« in den verschiedensten Formen der Selbstvergottung</span> -zu finden, das ist die Geschichte seines Geistes, seiner Werke, seiner -Erkrankung. Es ist die Geschichte des »<span class="gesperrt">religiösen Nachtriebes im -Denker</span>«, der noch mächtig bleibt, auch nachdem der Gott zerbrach, -auf den er sich bezog, und auf den Nietzsches Worte Anwendung finden -können: (Menschliches, Allzumenschliches I 223): »Die Sonne ist -schon hinunter gegangen, aber der Himmel unseres Lebens glüht und -leuchtet noch von ihr her, ob wir sie schon nicht mehr sehen.« Man -lese darüber den ergreifenden Gefühlsausbruch des »tollen Menschen« in -der »Fröhlichen Wissenschaft« (125). »Wohin ist Gott?« rief er, »ich -will es Euch sagen! <span class="gesperrt">Wir haben ihn getödtet</span>!—ihr und ich! Wir Alle -sind seine Mörder!... Hören wir noch nichts vom Lärm der -Todtengräber, welche Gott begraben? Riechen wir noch nichts von der -göttlichen Verwesung?—auch Götter verwesen! Gott ist todt! Gott bleibt -todt! Und wir haben ihn getödtet! Wie trösten wir uns, die Mörder aller -Mörder? Das Heiligste und Mächtigste, was die Welt bisher besass, ist -unter unseren Messern verblutet,—wer wischt dies Blut von uns ab? -Mit welchem Wasser könnten wir uns reinigen?... <span class="gesperrt">Ist nicht die -Grösse dieser That zu gross für uns? Müssen wir nicht selber zu Göttern -werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen</span>? Es gab nie eine grössere -That,—und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser That -willen in eine höhere Geschichte, als alle Geschichte bisher war!«—</p> - -<p>Die Antwort auf diesen Ausbruch von Qual und Sehnsucht gab sich -Nietzsche in seiner letzten Schaffensperiode mit den Worten -Zarathustras (I Schluss): »Todt sind alle Götter: nun wollen wir, dass -der Uebermensch lebe!«—und sprach damit den innersten Seelengrund -seiner Philosophie aus.</p> - -<p>Die Gottsehnsucht wird in ihrer Qual zu einem Drang der Gott-Schöpfung, -und dieser musste sich nothwendig in Selbstvergottung äussern. -Mit richtigem Blick erkannte Nietzsche im religiösen Phänomen die -ungeheure Auslebung des individuellsten Verlangens, den Willen zur -höchsten Selbstbeseligung. Dieser Individualismus, der als Kern in -allem Religiösen steckt, dieser »sublime Egoismus«, der in allem -Religiösen frei und naiv ausströmt, indem er sich auf eine von aussen -gegebene Lebens-oder Gottesmacht zu beziehen glaubt, wurde in ihm, -dem »Erkennenden«, auf sich selbst zurückgeworfen. Und so gelangt er -dazu, sich die ihm vom Verstände aufgedrungene Gottlosigkeit mit dem -vermessenen Schlüsse innerlich anzueignen: »<span class="gesperrt">Wenn</span> es Götter gäbe, wie -hielte ich's aus, kein Gott zu sein! Also gibt es keine Götter.« Diese -Worte stehen im zweiten Theil des »Also sprach Zarathustra« (6); an sie -lassen sich jene anderen anschliessen (55): »<span class="gesperrt">Und Anbetung wird noch in -Deiner Eitelkeit sein</span>!« In ihnen ist die ganze Gefahr ausgesprochen, -die über dem »Einsamen« und »Einzelnen« schwebt, der sich spalten und -verdoppeln muss. »Einer ist immer zu viel um mich.... Immer Einmal -Eins—das gibt auf die Dauer Zwei!« (Also sprach Zarathustra I 76.)</p> - -<p>Die Art, wie er sich zu dieser Zweiheit stellte, wie er sich gegen -sie zur Wehre setzte oder ihr nachgab, und worin er sie jedesmal -suchte,—das alles bedingt den Wandel seiner Erkenntniss, sowie die -Eigenart seiner verschiedenen Geistesperioden—bis endlich seine -Zweiheit ihm zu einer Hallucination und Vision, zu einer leibhaften -Wesenheit wurde, die seinen Geist verdüsterte, seinen Verstand -erstickte. Er vermochte nicht sich länger gegen sich selbst zu wehren: -Dieses war das dionysiche Drama vom »Schicksal der Seele« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede XIII) in Nietzsche selbst. Die Einsamkeit -des Innenlebens, in welcher der Geist über sich selbst hinausgelangen -will, ist nirgends tiefer und schmerzvoller als zum Schluss. Man könnte -sagen, die stärkste Mauer in dieser verhängnissvollen Selbstvermaurung -sei ein zarter, glänzender, göttlicher Schein, der sie umgaukelt, eine -Luftspiegelung, die ihm die eigenen Grenzen verwischt und verbirgt. -Jeder Gang nach aussen führt immer wieder in die Tiefe dieses Selbst -zurück, das sich schliesslich zu Gott und Welt, zu Himmel und Hölle -werden muss—jeder Gang führt es einen Schritt weiter in seine letzte -Tiefe und in seinen Untergang.</p> - -<p>Diese Grundzüge von Nietzsches Eigenart enthalten die Ursachen des -zugleich <span class="gesperrt">Raffinirten</span> und <span class="gesperrt">Exaltirten</span>, das auch dem Grossen und -Bedeutenden in seiner Philosophie beigemischt ist gleich einer -brennenden Würze. Am schärfsten wird es wohl von der unverdorbenen -Zunge junger und gesunder Geister herausgeschmeckt werden,—oder -auch von denen, die, im ruhigen Frieden glaubensvoller Anschauungen -geborgen, niemals den ganzen furchtbaren Kampf und Brand eines religiös -veranlagten Freigeistes am eignen Leibe erfahren haben. Aber es ist -auch dasjenige, was Nietzsche in so hohem Masse zum Philosophen unserer -Zeit hat werden lassen. Denn in ihm hat typische Gestalt gewonnen, -was sie in ihrer Tiefe bewegt: jene »Anarchie in den Instincten« -schöpferischer und religiöser Kräfte, die zu gewaltig nach Sättigung -begehren, um sich mit den Brosamen begnügen zu können, welche vom Tisch -der modernen Erkenntniss für sie abfallen. <span class="gesperrt">Dass</span> sie sich nicht mit -ihnen begnügen können. aber ebensowenig ihre Stellung zur Erkenntniss -preisgeben,— gleich unersättlich im leidenschaftlichen Verlangen -wie unermüdlich im Darben und Entbehren,—das ist der grosse und -erschütternde Zug im Bilde der Philosophie Nietzsches. Das ist es auch, -was sie in immer neuen Wendungen zum Ausdruck bringt:—eine Reihe von -gewaltigen Versuchen, dieses Problem moderner Tragik, das Räthsel der -modernen Sphinx zu lösen und sie in den Abgrund zu stürzen.</p> - -<p>Aber deshalb ist es eben der <span class="gesperrt">Mensch</span> und nicht der <span class="gesperrt">Theoretiker</span>, -auf den wir unsern Blick richten müssen, um uns in den Werken -Nietzsches zurechtzufinden,—und deshalb wird auch der Gewinn, das -Resultat unserer Betrachtung nicht darin bestehen, dass uns ein -neues theoretisches Weltbild in seiner Wahrheit aufgeht, sondern -das Bild einer Menschenseele in ihrer Zusammensetzung von Grösse -und Krankhaftigkeit. Zunächst scheint die philosophische Bedeutung -in Nietzsches Wandlungen dadurch abgeschwächt zu werden, dass sich -jedesmal genau derselbe innere Process abspielt. Aber sie wird vertieft -und verschärft, weil der Wechsel der Ansichten immer wieder auf das -Wesen übergreift. Nicht nur die äusseren Umrisslinien einer Theorie -sind jedesmal verändert, sondern die ganze Stimmung, Luft, Beleuchtung -wandelt sich mit ihnen. Während wir Gedanken einander widerlegen hören, -sehen wir Welten versinken, neue Welten emporsteigen. Gerade hierauf -beruht die wahre Originalität des Nietzscheschen Geistes: durch das -Medium seiner Natur, die Alles auf sich und ihre intimsten Bedürfnisse -bezieht, aber sich auch an Alles hingebend verliert, erschliessen sich -ihm jene inneren Erlebnisse und Ergebnisse von Gedankenwelten, die -wir sonst nur mit dem Verstände streifen, ohne sie jemals in ihren -Tiefen auszuschöpfen und ohne daher an ihnen schöpferisch zu werden. -Theoretisch betrachtet, lehnt er sich häufig an fremde Muster und -Meister an, aber das, worin diese ihre Reife, ihren Productionspunkt -haben, wird ihm nur zum Anlass, daran zu eigner Productivität zu -gelangen.<a name="FNAnker_13_13" id="FNAnker_13_13"></a><a href="#Fussnote_13_13" class="fnanchor">[13]</a> Die geringste Berührung, die sein Geist empfand, genügte, -um in ihm eine Fülle innern Lebens,—Gedanken-Erlebens, auszulösen. -Er hat einmal gesagt: »Es gibt zwei Arten des Genie's: eins, welches -vor allem zeugt und zeugen will, und ein andres, welches sich gern -befruchten lässt und gebiert.« (Jenseits von Gut und Böse 248.) -Zweifellos gehörte er der letzteren Art an. In Nietzsches geistiger -Natur lag—ins Grosse gesteigert—etwas Weibliches;<a name="FNAnker_14_14" id="FNAnker_14_14"></a><a href="#Fussnote_14_14" class="fnanchor">[14]</a> aber er -ist darin in einem solchen Masse Genie, dass es fast gleichgiltig -erscheint, woher er die erste Anregung empfängt. Wenn wir alles -zusammenlesen, was sein Erdreich befruchtet hat, dann haben wir einige -unscheinbare Samenkörner vor uns: wenn wir in seine Philosophie -eintreten, umrauscht uns ein Wald schattenspendender Bäume, umfängt -uns die verschwenderische Vegetation einer wildgrossen Natur. Seine -Ueberlegenheit bestand darin, dass er jedem Samenkorn, welches in sein -Inneres fiel, entgegenbrachte, was er selbst als das Kennzeichen des -echten Genies anführt: »den neuen, treibenden Fruchtboden mit einer -urwaldfrischen unausgenutzten Kraft.« (Der Wanderer und sein Schatten -118.)</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_1" id="Fussnote_1_1"></a><a href="#FNAnker_1_1"><span class="label">[1]</span></a> Eine zusammenfassende Charakteristik Nietzsches, in -der zum ersten Male die drei Perioden seiner geistigen Entwicklung -unterschieden und bestimmt charakterisirt sind, erschien in der -Sonntags-Beilage der Vossischen Zeitung 1891, Nr. 2, 3 und 4. Ausserdem -brachte die »Freie Bühne« eingehendere Ausführungen einzelner Punkte -unter dem Titel »Zum Bilde Friedrich Nietzsches, Jahrg. II (1891), Heft -3, 4 und 5, Jahrg. III (1892), Heft 3 und 5; das Magazin für Literatur -1892, October, »Ein Apokalyptiker«; Der Zeitgeist 1893, Nr. 20, »Ideal -und Askese«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_2" id="Fussnote_2_2"></a><a href="#FNAnker_2_2"><span class="label">[2]</span></a> Was das Leben—, die sogenannten »Erlebnisse« angeht,— -wer von uns hat dafür auch nur Ernst genug? Oder Zeit genug? Bei -solchen Sachen waren wir, fürchte ich, nie recht »bei der Sache«, wir -haben eben unser Herz nicht dort—und nicht einmal unser Ohr!« (Zur -Genealogie der Moral, Vorrede III.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_3" id="Fussnote_3_3"></a><a href="#FNAnker_3_3"><span class="label">[3]</span></a> Eine ähnliche Bedeutung legte er seinen selten kleinen und -feinmodellirten Ohren bei, von denen er sagte, sie seien die wahren -»Ohren für Unerhörtes«. (Zarathustra I 25.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_4" id="Fussnote_4_4"></a><a href="#FNAnker_4_4"><span class="label">[4]</span></a> »Giebt es—eine Vorneigung für das Harte, Schauerliche, -Böse, Problematische des Daseins aus Wohlsein, aus überströmender -Gesundheit, aus der Ueberfülle selbst?... Giebt es vielleicht—eine -Frage für Irrenärzte—<span class="gesperrt">Neurosen der Gesundheit</span>?« (Versuch einer -Selbstkritik zur neuen Ausgabe der »Geburt der Tragödie aus dem Geiste -der Musik« IV u. IX.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_5" id="Fussnote_5_5"></a><a href="#FNAnker_5_5"><span class="label">[5]</span></a> Vgl. auch »Die fröhliche Wissenschaft« 253, »Eines Tages -erreichen wir unser Ziel—und weisen nunmehr mit Stolz darauf hin, was -für lange Reisen wir dazu gemacht haben. Wir kamen aber dadurch so -weit, dass wir an jeder Stelle wähnten, zu Hause zu sein.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_6" id="Fussnote_6_6"></a><a href="#FNAnker_6_6"><span class="label">[6]</span></a> Daher nennt er die Ueberzeugungen <span class="gesperrt">Feinde der Wahrheit</span>: -»Ueberzeugungen sind gefährlichere Feinde der Wahrheit als Lügen.« -(Menschliches, Allzumenschliches, I 483).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_7" id="Fussnote_7_7"></a><a href="#FNAnker_7_7"><span class="label">[7]</span></a> Durch diesen Trieb entwickelte er sich mehr, als er es -selbst wahr haben wollte, zu jenem »Don Juan der Erkenntniss«, den er -(Morgenröthe 327) folgendermassen schildert: »Er hat Geist, Kitzel und -Genuss an Jagd und Intriguen der Erkenntniss—bis an die höchsten und -fernsten Sterne der Erkenntniss hinauf!—bis ihm zuletzt Nichts mehr zu -erjagen übrig bleibt, als das absolut <span class="gesperrt">Wehethuende</span> der Erkenntniss, -glefich dem Trinker, der am Ende Absinth und Scheidewasser trinkt. So -gelüstet es ihn am Ende nach der Hölle,—es ist die letzte Erkenntniss, -die ihn <span class="gesperrt">verführt</span>. Vielleicht, dass auch sie ihn enttäuscht, wie alles -Erkannte! Und dann müsste er in alle Ewigkeit stehen bleiben, an die -Enttäuschung festgenagelt und selber zum steinernen Gast geworden, mit -einem Verlangen nach einer Abendmahlzeit der Erkenntniss, die ihm nie -mehr zu Theil wird!—denn die ganze Welt der Dinge hat diesem Hungrigen -keinen Bissen mehr zu reichen.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_8" id="Fussnote_8_8"></a><a href="#FNAnker_8_8"><span class="label">[8]</span></a> »Die Instincte bekämpfen <span class="gesperrt">müssen</span>—das ist die Formel -für décadence: so lange das Leben <span class="gesperrt">aufsteigt</span>, ist Glück gleich -Instinct«, sagt er (Götzen-Dämmerung, Das Problem des Sokrates 11), und -unterscheidet so den Dekadenten von der geborenen Herrennatur.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_9" id="Fussnote_9_9"></a><a href="#FNAnker_9_9"><span class="label">[9]</span></a> Nietzsche fasst hier, nebenbei bemerkt, Goethe durchaus -anders auf als einige Jahre später (in der Götzen-Dämmerung). Hier -sieht er noch in ihm den Antipoden seiner eigenen, unharmonischen -Natur—später hingegen einen ihm tief verwandten Geist, der nicht -harmonisch war, sondern sich durch Ausgestaltung und Hingabe seiner -selbst zum Harmonischen <span class="gesperrt">umschuf</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_10" id="Fussnote_10_10"></a><a href="#FNAnker_10_10"><span class="label">[10]</span></a> Vgl. auch Jenseits von Gut und Böse 224: »wir ... sind -erst dort in unsrer Seligkeit, wo wir auch am meisten—in Gefahr -sind.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_11" id="Fussnote_11_11"></a><a href="#FNAnker_11_11"><span class="label">[11]</span></a> »Versuch einer Selbstkritik«, in der neuen Ausgabe der -»Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« XI.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_12" id="Fussnote_12_12"></a><a href="#FNAnker_12_12"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List -und Rache 38) über die menschliche Bestimmung als erfüllt in der -Gottschöpfung des Menschen: -</p> -<p style="margin-left: 20%;"> -»Der Fromme spricht:<br /> -»Gott liebt uns, weil er uns erschuf!«<br /> -»Der Mensch schuf Gott!« sagt drauf ihr Feinen.<br /> -Und soll nicht lieben, was er schuf?<br /> -Soll's gar, weil er es schuf, verneinen?<br /> -Das hinkt, das trägt des Teufels Huf.<br /> -</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_13" id="Fussnote_13_13"></a><a href="#FNAnker_13_13"><span class="label">[13]</span></a> Auch wenn man von denjenigen Denkern absieht, welche -die verschiedenen Phasen von Nietzsches Entwicklung direct bestimmt -haben, lassen sich viele seiner Gedanken schon bei früheren Philosophen -nachweisen. Auf diese für die wahre Bedeutung Nietzsches durchaus -unwesentliche Thatsache ist neuerdings mit dem grössten Lärm von Leuten -hingewiesen worden, denen lediglich der Zufall das eine oder andere -philosophische Buch in die Hände gespielt hat. In der vorliegenden -Schrift ist absichtlich auf die Stellung Nietzsches in der Geschichte -der Philosophie kein Bezug genommen, da dies eine eingehende -systematische Prüfung seiner einzelnen Theorien auf ihren objectiven -Werth zur Voraussetzung haben würde, was einer besonderen Arbeit -Vorbehalten bleiben muss.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_14" id="Fussnote_14_14"></a><a href="#FNAnker_14_14"><span class="label">[14]</span></a> Manchmal, wenn er dies besonders empfand, war er geneigt, -das weibliche Genie als das eigentliche Genie zu nehmen. »Die Thiere -denken anders über die Weiber, als die Menschen; ihnen gilt das -Weibchen als das productive Wesen.... Die Schwangerschaft -hat die Weiber milder, abwartender, furchtsamer, unterwerfungslustiger -gemacht; und ebenso erzeugt die geistige Schwangerschaft den Charakter -des Contemplativen, welcher dem weiblichen Charakter verwandt ist:—es -sind die männlichen Mütter.—« (Die fröhliche Wissenschaft 72.)</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h3><a name="II_ABSCHNITT" id="II_ABSCHNITT">II. ABSCHNITT</a></h3> - - -<h4>SEINE WANDLUNGEN.</h4> - - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"><span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Die Schlange, welche sich nicht<br /> -häuten kann, geht zu Grunde. Ebenso<br /> -die Geister, welche man verhindert,<br /> -ihre Meinungen zu wechseln; sie hören<br /> -auf, Geist zu sein.«<br /> -(Morgenröthe 573)<br /> -</p> - - -<p class="p2">Die erste Wandlung, die Nietzsche in seinem Geistesleben durchkämpfte, -liegt weit zurück in der Dämmerung seiner Kindheit oder doch wenigstens -seiner Knabenjahre.</p> - -<p>Es ist der Bruch mit dem christlichen Kirchenglauben. In seinen -Werken findet diese Trennung selten Erwähnung. Trotzdem kann sie als -der Ausgangspunkt seiner Wandlungen angesehen werden, weil schon -von ihr aus ein charakteristisches Licht auf die Eigenart seiner -Entwicklung fällt. Seine Aeusserungen über diesen Gegenstand, den ich -besonders eingehend mit ihm besprochen habe, betrafen hauptsächlich -die Gründe, welche den Glaubensbruch hervorrufen. Weitaus die meisten -religiös veranlagten Menschen werden erst durch intellectuelle -Gründe dahin gedrängt, sich in schmerzlichen Kämpfen von ihren -Glaubensvorstellungen loszusagen. Wo aber, in selteneren Fällen, -die erste Entfremdung vom Gemüthsleben selbst ausgeht, da ist der -Process ein kampfloser und schmerzloser; der Verstand zersetzt nur, -was schon vorher abgestorben,—eine Leiche war. In Nietzsches Fall -fand eine eigenthümliche Kreuzung dieser beiden Möglichkeiten statt: -weder waren es nur intellectuelle Gründe, die ihn ursprünglich von den -anerzogenen Vorstellungen frei machten, noch auch hatte der alte Glaube -aufgehört, den Bedürfnissen seines Gemüths zu entsprechen. Vielmehr -betonte Nietzsche immer wieder, dass das Christenthum des elterlichen -Pfarrhauses seinem inneren Wesen »glatt und weich« angelegen -habe—»gleich einer gesunden Haut«, und dass ihm die Erfüllung all -seiner Gebote so leicht geworden sei wie das Befolgen einer eignen -Neigung. Dieses gleichsam angeborene, unveräusserliche »Talent« zu -aller Religion hielt er für eine der Ursachen der Sympathie, die ihm -ernste Christen selbst dann noch entgegenbrachten, als er bereits durch -eine tiefe Geisteskluft von ihnen getrennt war.</p> - -<p>Der dunkle Instinct, der ihn hier zum ersten Mal aus lieb und theuer -gewordnen Gedankenkreisen forttrieb, erwachte grade in diesem -Heimathsgefühl, in diesem warmen »Zu Hause«, von dem sich Nietzsches -Wesen darin umfangen fühlte. Um in machtvoller Entwicklung zu sich -selbst zu gelangen, bedurfte sein Geist der seelischen Kämpfe, -Schmerzen und Erschütterungen,—er bedurfte dessen, dass sein Gemüth -sich die Trennung von diesem ruhigen Friedenszustand <span class="gesperrt">anthat</span>, weil -seine Schaffenskraft von der Emotion und Exaltation seines Innern -abhängig war: hier tritt uns die Erscheinung des <span class="gesperrt">Schmerzheischenden</span> -in der »Decadenten-Natur« zum ersten Mal in Nietzsches Leben entgegen.</p> - -<p>»Unter friedlichen Umständen fällt der kriegerische Mensch über sich -selbst her,« (Jenseits von Gut und Böse 76) und verbannt sich selbst in -eine Gedankenfremde, in der er von nun an zu einem ewigen Wandern ohne -Rast und Ruhe bestimmt ist. Aber in dieser Rastlosigkeit lebt von nun -an eine unersättliche Sehnsucht in Nietzsche, die nach dem verlorenen -Paradies zurückstrebt, während seine Geistesentwicklung ihn zwingt, -sich in grader Linie immer weiter davon zu entfernen.</p> - -<p>Im Gespräch über die Wandlungen, die schon hinter ihm lagen, äusserte -Nietzsche einmal halb im Scherz: »Ja, so beginnt nun der Lauf und wird -fortgesetzt,—bis wohin? wenn Alles durchlaufen ist,—wohin läuft man -alsdann? Wenn alle Combinationsmöglichkeiten erschöpft wären,—was -folgte dann noch? wie? müsste man nicht wieder beim Glauben anlangen? -Vielleicht bei einem <span class="gesperrt">katholischen</span> Glauben?« Und der Hintergedanke, -der sich in dieser Aeusserung verbarg, trat in den ernst hinzugefügten -Worten aus seinem Versteck:</p> - -<p>»<span class="gesperrt">In jedem Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein als der -Stillstand.</span>«</p> - -<p>Eine in sich selbst zurücklaufende, niemals stillstehende -Bewegung,—das ist in Wahrheit das Kennzeichen der ganzen Geistesart -Nietzsches. Die Combinationsmöglichkeiten sind keineswegs unendlich, -sind im Gegentheil sehr begrenzt, da der vorwärts treibende, -selbstverwundende Drang, der die Gedanken nicht zur Ruhe kommen lässt, -ganz und gar der innern Eigenart der Persönlichkeit entspringt: so -weit auch die Gedanken zu schweifen scheinen, so bleiben sie doch -stets an die gleichen Seelenvorgänge gebunden, die sie immer wieder -zurück unter die herrschenden Bedürfnisse zwingen. Wir werden sehen, -inwiefern Nietzsches Philosophie in der That einen Kreis beschreibt, -und wie zum Schlüsse der Mann in einigen seiner intimsten und -verschwiegensten Gedankenerlebnisse sich wieder dem <span class="gesperrt">Knaben</span> nähert, -so dass von dem Gang seiner Philosophie die Worte gelten: siehe einen -Fluss, der in vielen Windungen zurück zur Quelle fliesst!« (Also sprach -Zarathustra III 23.) Es ist kein Zufall, dass Nietzsche in seiner -letzten Schaffensperiode zu seiner mystischen Lehre von einer ewigen -Wiederkunft gelangte: das Bild des <span class="gesperrt">Kreises,—eines ewigen Wechsels -in einer ewigen Wiederholung,</span>—steht wie ein wundersames Symbol und -Geheimzeichen über der Eingangspforte zu seinen Werken.</p> - -<p>Als sein erstes »literarisches Kinderspiel« (Zur Genealogie der Moral, -Vorrede VI) nennt Nietzsche einen Aufsatz aus seiner Knabenzeit, -»über den Ursprung des Bösen«, worin er, »wie es billig ist«, Gott -»zum <span class="gesperrt">Vater</span> des Bösen« machte. Auch gesprächsweise erwähnte er -diesen Aufsatz als Beweis dafür, dass er sich schon zu einer Zeit -philosophischen Grübeleien hingegeben habe, wo er sich noch in dem -philologischen Schulzwang der Schulpforte befand.</p> - -<p>Wenn wir Nietzsche aus seiner Kindheit in seine Lehrjahre und dann in -die lange Zeit seiner philologischen Thätigkeit folgen, dann erkennen -wir auch hier deutlich, wie seine Entwicklung von Anfang an auch rein -äusserlich unter dem Einfluss eines gewissen Selbstzwanges verläuft. -Schon die strenge philologische Schulung musste einen solchen Zwang für -den jungen Feuergeist enthalten, dessen reiche schöpferische Kräfte -dabei leer ausgingen. Ganz besonders aber galt dies von der Richtung -seines Lehrers Ritschl. Grade bei diesem wurde das Hauptaugenmerk, -sowohl nach Seite der Methode wie nach Seite der Probleme, auf formale -Beziehungen und äussere Zusammenhänge gerichtet, während die innere -Bedeutung der Schriftwerke zurückstand. Für Nietzsches ganze Eigenart -aber war es bezeichnend, dass er später seine Probleme ausschliesslich -der Welt des Innern entnahm und geneigt war, das Logische dem -Psychologischen unterzuordnen.</p> - -<p>Und doch war es eben hier, in dieser strengen Zucht und auf diesem -steinigen Boden, dass sein Geist so früh reife Frucht trug und -Ausgezeichnetes leistete. Eine Reihe vortrefflicher philologischer -Untersuchungen<a name="FNAnker_1_15" id="FNAnker_1_15"></a><a href="#Fussnote_1_15" class="fnanchor">[1]</a> bezeichnet den Weg von seinen Studienjahren an bis -zu der Baseler Professur. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass eine -zu frühe Entfesselung des ganzen Geistesreichthums Nietzsches durch -das Studium der Philosophie oder der Künste ihn von vornherein zu -jener Zügellosigkeit verführt hätte, der sich einige seiner letzten -Werke nähern. So aber gab für seine »vielspältigen Triebe« die kühle -Strenge philologischer Wissenschaft eine Zeit lang das einigende und -zusammenhaltende Band ab, indem es für Manches, das in ihm schlummerte, -zur Fessel wurde.</p> - -<p>In welchem Grade jedoch Nietzsches unberücksichtigte starke Talente -ihn quälten und störten, während er seinen Fachstudien nachging, das -empfand er darum nicht minder als ein tiefes Leiden. Namentlich war -es der Drang nach Musik, den er nicht abzuweisen vermochte, und oft -musste er Tönen lauschen, während er Gedanken lauschen wollte. Wie eine -tönende Klage begleiten jene ihn durch die Jahre hindurch, bis ihm sein -Kopfleiden jede Ausübung der Musik unmöglich machte.</p> - -<p>Aber wie gross auch der Gegensatz war, den Nietzsches Philologenthum -zu seinem spätem Philosophenthum bildete, so fehlt es doch nicht an -zahlreichen vermittelnden Zügen, die von der einen Periode zu der -andern überleiten.</p> - -<p>Grade die Richtung Ritschls, welche diesen Gegensatz zu verschärfen -scheint, kam in einer bestimmten Besonderheit Nietzsches Geistesart -sogar entgegen, indem sie seinen Hang zum Produciren noch verstärkte -und ausbildete. Es lag in ihr das Streben nach einer gewissen formell -künstlerischen Abrundung und virtuosen Behandlung wissenschaftlicher -Fragen, möglich gemacht durch strenge Begrenzung derselben und -Concentrirung auf einen gegebenen Punkt. Bei Nietzsche stand nun das -Bedürfniss, durch freiwillige und concentrirte Beschränkung einer -Aufgabe, dieselbe in rein künstlerischer Weise zum Abschluss zu -bringen, in engem Zusammenhang mit dem Grundtrieb seiner Natur, über -das Selbstgeschaltene immer wieder hinauszugehen, es als ein endgültig -Erledigtes, Vergangenes, von sich abzustossen. Für den Philologen ist -ein solcher Wechsel der Aufgaben und Probleme von selbst gegeben,—den -für Nietzsche charakteristischen Ausspruch: »Eine Sache, die sich -aufgeklärt hat, hört auf, uns etwas anzugehen,« (Jenseits von Gut und -Böse 80)—könnte ein Philologe gethan haben, denn für diesen wird -thatsächlich ein aufgeklärtes Dunkel zu einer völlig erledigten Sache, -die ihn nicht länger zu beschäftigen braucht. Aber es sind hiervon tief -verschiedene Gründe, die Nietzsches häufigen Gedankenwechsel bedingen, -und daher ist es in hohem Grade interessant zu sehen, wie sich hier -die Gegensätze des Philologenthums und Philosophenthums dennoch zu -berühren scheinen, und wie Nietzsche auch in dieser ihm fremdesten -Verkleidung,—der nüchtern philologischen,— in dieser äussersten -geistigen Selbstunterordnung, sein Selbst durchsetzte.</p> - -<p>Der Philologe tritt einem Problem mit seiner Gesinnung, seinem innern -Menschen, überhaupt nicht nahe, assimilirt es sich in keiner Weise und -wird von ihm daher auch nur so lange festgehalten, als er zur Lösung -der Aufgabe bedarf. Für Nietzsche dagegen bedeutete Beschäftigung -mit einem Problem, bedeutete <span class="gesperrt">erkennen</span>, vor allem andren: sich -erschüttern lassen; und von einer Wahrheit sich überzeugen bedeutete -ihm: von einem Erlebniss überwältigt werden,—»über den Haufen geworfen -werden«, wie er es nannte. Er nahm einen Gedanken auf, wie man ein -Schicksal auf sich nimmt, das den ganzen Menschen ergreift und in Bann -schlägt: er <span class="gesperrt">lebte</span> den Gedanken noch viel mehr, als er ihn dachte, -aber er that es mit einer so leidenschaftlichen Inbrunst, einer so -maasslosen Hingebung, dass er sich an ihm erschöpfte,— und, gleich -einem Schicksal, das ausgelebt ist, fiel der Gedanke wieder von ihm ab. -Erst in der Ernüchterung, wie sie naturgemäss einer jeden derartigen -Erregung folgen musste, Hess er seine überwundene Erkenntniss rein -intellectuell auf sich wirken; erst dann ging er ihr mit still und klar -nachprüfendem Verstände nach. Sein merkwürdiger Wandlungsdrang auf dem -Gebiete philosophischer Erkenntniss war durch den ungeheuren Drang nach -immer neuen Emotionen geistigster Art bedingt, und daher war für ihn -vollkommene Klarheit stets nur die Begleiterscheinung von Ueberdruss -und Erschöpfung.</p> - -<p>Aber selbst in dieser Erschöpfung verlassen ihn seine <span class="gesperrt">Probleme</span> -nicht, der Ueberdruss gilt nur ihren <span class="gesperrt">Lösungen</span>, durch welche die -Quelle der Erschütterung momentan verschüttet worden ist. Die -gefundene Lösung war deshalb für Nietzsche jedesmal ein Signal zu einem -<span class="gesperrt">Gesinnungswechsel</span>, denn nur so liess sich das Problem festhalten, die -Lösung von neuem versuchen. Mit wahrem <span class="gesperrt">Hass</span> verfolgte er hinterher -Alles, was ihn zu ihr getrieben, Alles, was ihm geholfen hatte, -sie zu finden. Da »eine Sache, die sich aufgeklärt hat, aufhört, -uns etwas anzugehen«, so wollte Nietzsche im Grunde nichts von der -endgiltigen Aufklärung eines Problems wissen, und jenes Wort, das -scheinbar die volle Befriedigung erfolgreichen Denkens zum Ausdruck -bringt, bezeichnete für ihn die Tragik seines Lebens: er wollte -nicht, dass; die Probleme seiner Forschung jemals aufhören sollten, -ihn etwas anzugehen, er wollte, dass sie fortfahren sollten, ihn im -Tiefsten seiner Seele aufzuwühlen, und daher war er gewissermaassen -der Auflösung gram, die ihm sein Problem raubte, daher warf er sich -jedesmal auf sie mit der ganzen Feinheit und Ueberfeinheit seiner -Skepsis und zwang sie schadenfroh,—seines eigenen Leids und des -Schadens, den er sich damit zufügte, froh!—ihm seine Probleme wieder -herauszugeben. Deshalb kann man von vorn herein mit einem gewissen -Recht von Nietzsche sagen: was innerhalb einer Denkrichtung, einer -Betrachtungsweise diesen leidenschaftlichen Geist dauernd festhalten, -was einen neuen Wandel und Wechsel unmöglich machen soll, das muss im -letzten Grunde <span class="gesperrt">unaufklärbar</span> für ihn bleiben, es muss der Energie -aller Lösungsversuche widerstehen, seinen Verstand an tödtlichen -Räthseln aufreiben,—an Räthseln gleichsam kreuzigen. Als endlich in -der That auf diesem; Wege die Erschütterung seines Innern stärker -geworden war, als die durch sie gewaltsam gespornte Verstandeskraft, da -erst gab es für ihn kein Entrinnen und kein Entweichen mehr. Doch da -verlor sich auch nothwendig das Ende in Dunkel, Schmerz und Geheimniss: -in eine Besessenheit der Gedanken durch die Gefühlserregungen, die -einem stürmischen Meere gleich über ihnen zusammenschlugen.</p> - -<p>Wer Nietzsches Zickzack-Pfaden bis zuletzt folgt, der tritt dicht an -diesen Punkt heran, wo er sich, im Grauen vor einer letzten Aufklärung -und Problemlösung, endgiltig in die ewigen Räthsel der Mystik -hinabstürzt.—</p> - -<p>Die Geistesbegabung Nietzsches zeichnete sich aber noch durch zwei -Eigenschaften aus, die in gleicher Weise dem Philologen wie später -dem Philosophen zu statten kamen. Die erste war sein Talent für -Subtilitäten, seine Genialität in der Behandlung feinster Dinge, die -von einer zarten und sichern Hand angefasst sein wollen, um nicht -verwischt und entstellt zu werden. Es ist dasselbe, was ihn später -nach meinem Dafürhalten als Psychologen noch mehr <span class="gesperrt">fein</span> als <span class="gesperrt">gross</span> -erscheinen lässt,—oder lieber: am grössten im Erfassen und Gestalten -von Feinheiten. Höchst bezeichnend ist dafür der Ausdruck, den er -einmal (Der Fall Wagner 3) von den Dingen gebraucht, wie sie sich dem -Blick des Erkennenden darstellen: »Das <span class="gesperrt">Filigran</span> der Dinge«.</p> - -<p>In Verbindung mit diesem Zuge steht die Neigung, Verborgenem und -Heimlichem nachzuspüren, Verstecktes ans Licht zu ziehen—; der -Blick für das Dunkel, und die instinctiv ergänzende Anempfindung und -Nachempfindung, wo dem Wissen Lücken bleiben. Ein grosser Theil von -Nietzsches Genialität beruht hierauf. Es hängt dies aufs engste mit -seiner hohen künstlerischen Kraft zusammen, in der sich der Blick -für das Feine und Einzelne in wundervoller Weise zu einem grossen, -freien Schauen des Zusammenhanges, des Gesammtbildes erweitert. Im -Dienste strengphilologischer Kritik hat er dieses Talent geübt, -um aus den Texten das Verblasste und Vergessene gewissenhaft -herauszulesen,<a name="FNAnker_2_16" id="FNAnker_2_16"></a><a href="#Fussnote_2_16" class="fnanchor">[2]</a>—aber in diesem Bemühen ist er zugleich schon über -seine rein gelehrten Studien hinausgeführt worden. Der Weg, auf dem -dieses geschah, führt uns zu seiner bedeutendsten philologischen -Arbeit, zu der Arbeit über <span class="gesperrt">die Quellen des Diogenes Laertius</span>.</p> - -<p>Denn die Beschäftigung mit dieser Schrift wurde für ihn der Anlass, -dem Leben der alten griechischen Philosophen und seiner Beziehung -zum Gesammtleben der Griechen nachzugehen. In seinen späteren Werken -kommt er einmal darauf zu sprechen (Menschliches, Allzumenschliches -I 261). Man sieht es, wie er über den Trümmern der Ueberlieferung -gesessen und gegrübelt haben mag, in die Lücken, in die entstellten -Theile die verlornen Gestalten hineindichtend, sie nachschaffend -und entzückt wandelnd »unter Gebilden von mächtigstem und reinstem -Typus«. Er schaut hinein in die Dämmerung jener Zeiten »wie in eine -Bildner-Werkstätte solcher Typen«. Und es ergreift ihn wunderbar, sich -vorzustellen, dass dort die Ansätze gelegen haben mögen zu einem noch -höhern Philosophentypus, wie ihn vielleicht Plato »von der sokratischen -Verzauberung frei geblieben« gefunden hätte. Dies Alles ist aber mehr -als ein blosser Uebergang vom Philologen zum Philosophen. Was sich -da in seinen sehnsüchtig schaffenden Gedanken verrieth, während er -gezwungen war, trockene Kritik zu üben, legt schon den letzten und -höchsten Punkt seines Ehrgeizes bloss; nicht umsonst ist es gewesen, -dass Nietzsche in die Philosophie nicht auf dem Wege abstracter -philosophischer Fachstudien eintrat, sondern auf dem einer tiefen -Auffassung des philosophischen Lebens in seiner innersten Bedeutung. -Und wenn wir das Ziel bezeichnen wollten, welchem durch alle Wandlungen -hindurch die Kämpfe dieses unersättlichen Geistes galten, so vermöchten -wir dafür kein bezeichnenderes Wort zu finden als das von der ersehnten -Entdeckung »einer neuen, bis dahin unentdeckt gebliebenen Möglichkeit -des philosophischen Lebens«. (Menschliches, Allzumenschliches i 261.)</p> - -<p>So steht jene rein philologische Schrift dicht vor der ganzen Reihe der -späteren Werke,—einer kleinen, in der Mauer halb verborgenen Pforte -vergleichbar, die in ein umfangreiches Gebäude einführt. Wenn wir sie -öffnen, streift unser Blick schon die lange Flucht der Innenräume, -bis zum letzten, zum dunkelsten. Und wer hier auf der Schwelle stehen -bleibt und hindurchblickt, der vermag der gewaltigen Kraft nicht -ohne Staunen zu gedenken, die Stein um Stein zu einem Ganzen fügte: -einer Kraft, die jeden Einzeltheil mit verschwenderischem Reichthum -ausschmückte, ihn spielend zu so zahllosen Seitengängen und verborgenen -Verstecken ausbaute, als beabsichtige sie ein Labyrinth,—und die -dennoch mit eiserner Consequenz stets in gerader Grundlinie an ihrem -Werke weiter schuf.</p> - -<p>An seinen griechischen Studien ging aber Nietzsche nicht nur die Ahnung -seines innerlichsten Strebens und die erste Fernsicht auf das Ziel -seiner geheimen Sehnsucht auf, sondern sie wiesen ihm auch den Weg, auf -dem er sich diesem Ziel nähern konnte. Denn sie waren es, die ihm das -ganze Culturbild des alten Hellenenthums zeigten, die ihm jene Bilder -einer versunkenen Kunst und Religion entrollten, in deren Anschauen -er in durstigen Zügen »frisches volles Leben« trank. So stellt er -seine philologische Gelehrsamkeit in den Dienst culturhistorischer, -ästhetischer, geschichtsphilosophischer Forschung und überwindet ihren -Formalismus.</p> - -<p>Es verwandelt und vertieft sich für ihn damit die Bedeutung der -Philologie, »die zwar weder eine Muse noch eine Grazie, aber eine -Götterbotin ist; und wie die Musen zu den trüben, geplagten, böotischen -Bauern niederstiegen, so kommt sie in eine Welt voll düsterer Farben -und Bilder, voll von allertiefsten und unheilbarsten Schmerzen, und -erzählt tröstend von den lichten Göttergestalten eines fernen, blauen, -glücklichen Zauberlandes«.</p> - -<p>Diese Worte sind der Antrittsvorlesung Nietzsches an der Baseler -Universität »Homer und die Klassische Philologie« (24) entnommen, -die (Basel 1869) nur für Freunde gedruckt worden ist. Zwei Jahre -später erschien (Basel 1871) eine andere kleine Schrift derselben -Geistesrichtung: »Sokrates und die griechische Tragödie«, welche -indessen fast vollständig, mit nur äusserlichen Umstellungen des -Gedankenzusammenhangs, in das 1872 veröffentlichte erste grössere -philosophische Werk Nietzsches: »Die Geburt der Tragödie aus dem -Geiste der Musik« (Leipzig, E. W. Fritsch, jetzt C. G. Naumann)<a name="FNAnker_3_17" id="FNAnker_3_17"></a><a href="#Fussnote_3_17" class="fnanchor">[3]</a> -aufgenommen worden ist. In diesen beiden Arbeiten baute Nietzsche seine -culturphilosophischen Ausführungen noch auf streng philologischer -Grundlage auf; und sie alle haben dazu beigetragen, seinen Namen unter -den philologischen Fachgenossen zu verbreiten. Dennoch bezeichnen sie -schon den Weg, den er, von seinem ursprünglichen Fachstudium aus, durch -Kunst und Geschichte hindurch, zurückgelegt hatte, um schliesslich -in die geschlossene Weltanschauung einer bestimmten Philosophie -einzutreten. Es war die Weltanschauung Richard Wagners, die Verknüpfung -seines Kunststrebens mit Schopenhauers Metaphysik. Wenn wir das Werk -aufschlagen, so befinden wir uns mitten im Bannkreis des Meisters von -Bayreuth.</p> - -<p>Durch ihn erst vollzog sich für Nietzsche die volle Verschmelzung -von Philologenthum und Philosophenthum, wurde erst jenes Wort wahr, -womit er seinen »Homer und die klassische Philologie« schliesst, indem -er einen Ausspruch des Seneca umkehrt: »philosophia facta est quae -philologia fuit,« »damit soll ausgesprochen sein, dass alle und jede -philologische Thätigkeit umschlossen und eingehegt sein soll von einer -philosophischen Weltanschauung, in der alles Einzelne und Vereinzelte -als etwas Verwerfliches verdampft und nur das Ganze und Einheitliche -bestehen bleibt.«</p> - -<p>Der Zauber, der Nietzsche auf Jahre hinaus zum Jünger Wagners -machte, erklärt sich namentlich daraus, dass Wagner innerhalb des -germanischen Lebens dasselbe Ideal einer Kunstcultur verwirklichen -wollte, welches Nietzsche innerhalb des griechischen Lebens als -Ideal aufgegangen war. Mit der Metaphysik Schopenhauers trat im -Grunde nichts anderes hinzu, als eine Steigerung dieses Ideals ins -Mystische, ins unergründlich Bedeutungsvolle,—gleichsam ein Accent, -den es durch die <span class="gesperrt">metaphysische Interpretation</span> alles Kunsterlebens -und Kunsterkennens noch erhielt. Diesen Accent empfindet man am -deutlichsten, wenn man den »Sokrates und die griechische Tragödie« -vergleicht mit der Ergänzung und Erweiterung, die derselbe in dem -Hauptwerk: »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« -erhalten hat. In diesem Buche sucht Nietzsche alle Kunstentwicklung -auf die Bethätigung zweier entgegengesetzter »Kunsttriebe der Natur« -zurückzuführen, die er nach den beiden Kunstgottheiten der Griechen -als das Dionysische und das Apollinische bezeichnet. Unter ersterem -versteht er das orgiastische Element, wie es sich in den wonnevollen -Verzückungen, in der Mischung von Schmerz und Lust, von Freude und -Entsetzen, in der selbstvergessenen Trunkenheit Dionysischer Feste -auslebte. In ihnen sind die gewöhnlichen Schranken und Grenzen des -Daseins vernichtet, scheint das Individuum wieder mit dem Naturganzen -zu verschmelzen; zerbrochen ist das Principium individuationis; »der -Weg zu den Müttern des Seins, zu dem innersten Kern der Dinge liegt -offen« (86). Näher gebracht wird uns das Wesen dieses Triebes durch -die physiologische Erscheinung des Rausches. Die ihm entsprechende -Kunst ist die Musik. Den Gegensatz bildet der formenbildende Trieb, -der in Apollo, dem Gott aller bildnerischen Kräfte, verkörpert ist. In -ihm vereinigt sich maassvolle Begrenzung, Freiheit von allen wilderen -Regungen und weisheitsvolle Ruhe. Er muss als der erhabene Ausdruck, -als »die Vergöttlichung des »Principii individuationis« (16) betrachtet -weiden, »dessen Gesetz das Individuum, d. h. die Einhaltung der Grenzen -desselben, das Maass im hellenischen Sinne ist« (17). Die Macht des -durch ihn symbolisirten Triebes offenbart sich physiologisch in dem -schönen Schein der Welt des Traumes. Seine Kunst ist die plastische des -Bildners.</p> - -<p>In der Versöhnung und Verbindung dieser beiden sich anfänglich -bekämpfenden Triebe erkennt Nietzsche Ursprung und Wesen der attischen -Tragödie, die als die Frucht der Versöhnung der beiden widerstrebenden -Kunstgottheiten ebenso sehr dionysisches als apollinisches Kunstwerk -ist. Entstanden aus dem dithyrambischen Chor, der die Leiden des -Gottes feierte, ist sie ursprünglich nur Chor, dessen Sänger durch -die dionysische Erregung so verwandelt und verzaubert wurden, dass -sie sich selbst als Diener des Gottes, als Satyrn, empfanden und als -solche ihren Herrn und Meister Dionysos schauten. Mit dieser Vision, -die der Chor aus sich erzeugt, gelangt sein Zustand zu apollinischer -Vollendung. Das Drama als »die apollinische Versinnlichung dionysischer -Erkenntnisse und Wirkungen« ist vollständig. »Jene Chorpartien, mit -denen die Tragödie durchflochten ist, sind also gewissermassen der -Mutterschoss des eigentlichen Dramas« (41); sie sind das dionysische -Element desselben, während der Dialog den apollinischen Bestandteil -bildet. In ihm sprechen von der Scene aus die Helden des Dramas als die -apollinischen Erscheinungen, in denen sich der ursprüngliche tragische -Held Dionysos objectivirt, als blosse Masken, hinter denen allen die -Gottheit steckt.</p> - -<p>Wir werden am Schlüsse unseres Buches sehen, in welch eigenthümlicher -Weise Nietzsche ganz zuletzt noch einmal auf diesen Gedanken -zurückgriff, indem er seine verschiedenen Entwicklungsperioden -und Gesinnungswandlungen so darzustellen versuchte, als seien sie -nicht unmittelbare Aeusserungen seines Geistes gewesen, sondern -gewissermaassen nur willkürlich vorgehaltene Masken, »apollinische -Scheinbilder«, hinter denen sein dionysisches Selbst, göttlich -überlegen, das ewig gleiche geblieben sei. Die Ursachen dieser -Selbsttäuschung werden wir am Schlüsse erkennen.</p> - -<p>Die Bedeutung, die Nietzsche dem Dionysischen beimisst, ist -charakteristisch für seine ganze Geistesart: als Philolog hat er mit -seiner Deutung der Dionysoscultur einen neuen Zugang zur Welt der -Alten gesucht; als Philosoph hat er diese Deutung zur Grundlage seiner -ersten einheitlichen Weltanschauung gemacht; und über alle seine spätem -Wandlungen hinweg taucht sie noch in seiner letzten Schaffensperiode -wieder auf; verwandelt zwar, insofern ihr Zusammenhang mit der -Metaphysik Schopenhauers und Wagners zerrissen ist: aber sich doch -gleich geblieben in dem, worin schon damals seine eignen verborgenen -Seelenregungen nach einem Ausdruck suchten; verwandelt erscheint sie -zu Bildern und Symbolen seines letzten, einsamsten und innerlichsten -Erlebens. Und der Grund dafür ist, dass Nietzsche im Rausch des -Dionysischen etwas seiner eignen Natur Homogenes herausfühlte: jene -geheimnissvolle Wesenseinheit von Weh und Wonne, von Selbstverwundung -und Selbstvergötterung,—jenes Uebermass gesteigerten Gefühlslebens, in -welchem alle Gegensätze sich bedingen und verschlingen, und auf das wir -immer wieder zurückkommen werden.</p> - -<p>Den schärfsten Contrast zum Dionysischen und der aus ihm geborenen -Kunstcultur bildet die Geistesrichtung des theoretischen, aller -Intuition entfremdeten Menschen, die auf den Namen des Sokrates -getauft wird. In der »Geburt der Tragödie« sucht Nietzsche die -Entwicklung dieser Geistesrichtung von Sokrates an durch die -Philosophie und Wissenschaft aller Jahrhunderte bis auf unsere Zeit -in grossen Zügen zu schildern. Mit Sokrates, dessen Vernunftlehre -sich gegen die ursprünglichen hellenischen Instincte kehrte, um -sie zu zügeln,—»schlägt der griechische Geschmack zu Gunsten der -Dialektik um«, und es beginnt jener Triumphzug des Theoretischen, das -durch Vernunft-Einsicht die letzten Gründe des Seins zu erforschen -und dasselbe corrigiren zu können vermeint. Diesem Optimismus hat -erst Kants Kritik ein Ende bereitet, indem sie auf die Grenzen des -theoretischen Erkennens hinwies und, wie Nietzsche später witzig -bemerkt, die Philosophie zu einer »Enthaltsamkeitslehre« reducirt, »die -gar nicht über die Schwelle hinwegkommt und sich peinlich, das Recht -zum Eintritt <span class="gesperrt">verweigert</span>« (Jenseits von Gut und Böse 204). Dadurch -schaffte sie, nach Nietzsche, Raum für die Regeneration der Philosophie -durch Schopenhauer, der endlich einen Zugang zum unerforschten Sein -und zu dessen Umgestaltung auf dem Wege der intuitiven Erkenntniss -erschlossen habe.</p> - -<p>In den Jahren 1873-1876 veröffentlichte Nietzsche im Geist und Sinn -seines vorhergehenden Werkes, unter dem Gesammttitel: »<span class="gesperrt">Unzeitgemässe -Betrachtungen</span>«, vier kleinere Schriften,—bestimmt: »gegen die Zeit, -und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zu Gunsten einer kommenden -Zeit«, zu wirken. Die erste derselben, die den Titel führte: »<span class="gesperrt">David -Strauss, der Bekenner und der Schriftsteller</span>«, bestand in einer -vernichtenden Kritik des damals überaus gefeierten Buches »Der alte -und der neue Glaube«, und einer energischen Befehdung des einseitigen -Intellectualismus unserer modernen Bildung. Von dauernderem Interesse -ist die zweite höchst werthvolle Schrift: »<span class="gesperrt">Vom Nutzen und Nachtheil -der Historie für das Leben</span>«, deren Grundgedanke in Nietzsches letzten -Werken, wenn auch modificirt, aber darum nicht weniger deutlich -wiederkehrt als seine Auffassung des Dionysischen. Das Wort Historie -bezeichnet hier den Begriff des Gedankenlebens, ganz allgemein gefasst, -im Gegensatz zum Instinctleben;—Erkennen des Vergangenen, Wissen -vom Gewesenen, im Gegensatz zur vollen Lebenskraft des Gegenwärtigen -und Werdenden. Die Schrift behandelt die Frage: »Wie ist das Wissen -dem Leben unterthan zu machen?« und präcisirt den Standpunkt des -Verfassers in dem Satze: »Nur soweit die Historie dem Leben dient, -wollen wir ihr dienen.« Sie dient ihm aber nur so lange, als gegenüber -den zersetzenden, belastenden und überall eindringenden Einflüssen des -Gedanklichen die wichtigste Seelenfunction im Menschen noch völlig -intact geblieben ist. »... die <span class="gesperrt">plastische Kraft</span> eines Menschen, -eines Volkes, einer Cultur,... ich meine jene Kraft, aus sich -heraus eigenartig zu wachsen, Vergangenes und Fremdes umzubilden und -einzuverleiben, Wunden auszuheilen, Verlorenes zu ersetzen, zerbrochene -Formen aus sich nachzuformen« (10). Sonst entsteht in uns ein Chaos -fremder, uns nur zugeströmter Reichthümer, die wir nicht zu bewältigen, -nicht zu assimiliren im Stande sind, und deren Mannigfaltigkeit -daher das Einheitliche und Organische unserer Persönlichkeit -schwer gefährdet. Wir werden dann zum passiven Schauplatz -durcheinanderwogender Kämpfe, in denen sich die verschiedensten -Gedanken, Stimmungen, Werthurtheile unaufhörlich befehden; wir leiden -unter den Siegen der Einen wie unter den Niederlagen der Andern, ohne -im Stande zu sein, unser Selbst zu ihrer Aller Herrn zu machen.</p> - -<p>Hier findet sich zum ersten Mal eine Hindeutung auf Nietzsches so -viel besprochenen <span class="gesperrt">Decadenzbegriff</span>, der in seinen späteren Werken -eine so grosse Rolle spielt. Nicht umsonst gemahnt uns diese erste -Beschreibung der Decadenzgefahr an die von uns gegebene Schilderung -seines eignen Seelenzustandes;—wir können hier schon den seelischen -Ursprung derselben deutlich erkennen: es ist die geheime Qual, die -es diesem leidenschaftlichen Geist verursachte, den steten Andrang -überwältigender Erkenntnisse und Gedankenströmungen auszuhalten,— -Gewalt, mit der all sein Denken und Wissen auf sein Innenleben -einwirkte, so dass die Fülle innerer einander widerstreitender -Erlebnisse die geschlossenen Grenzen der Persönlichkeit zu sprengen -drohte. Er sagt selbst im Vorwort (V) zu jener Schrift: »—Auch soll ... nicht verschwiegen werden, dass ich die Erfahrungen, die mir -jene quälenden Empfindungen erregten, meistens aus mir selbst und -nur zur Vergleichung aus Anderen entnommen habe.«<a name="FNAnker_4_18" id="FNAnker_4_18"></a><a href="#Fussnote_4_18" class="fnanchor">[4]</a> Was er in sich -selbst vorfand, das wurde ihm zur allgemeinen Gefahr des ganzen -Zeitalters,—und steigerte sich später sogar zu einer Todesgefahr -für das ganze Menschenthum, die ihn zum Erlöser und Erretter -aufrief. Die Folge aber dieses Umstandes ist ein eigenthümlicher -Doppelsinn, der durch die ganze Schrift hindurch geht und einem -kundigen Nietzsche-Leser sofort auffällt: da nämlich dasjenige, was am -herrschenden Zeitgeist seine Bedenken hervorrief, doch etwas wesentlich -Anderes war als sein eigenes Seelenproblem, so wendet er sich ohne -Unterschied gegen zwei voneinander völlig verschiedene Dinge: Einmal -gegen die Verkümmerung eines vollen, reichen Seelenlebens durch den -erkältenden und lähmenden Einfluss einseitiger Verstandesbildung: »Der -moderne Mensch schleppt zuletzt eine ungeheure Menge von unverdaulichen -Wissenssteinen mit sich herum, die dann bei Gelegenheit ordentlich -im Leibe rumpeln, wie es im Märchen heisst« (36). »Im Inneren ruht -dann wohl die Empfindung jener Schlange gleich, die ganze Kaninchen -verschluckt hat und sich dann still gefasst in die Sonne legt und -alle Bewegungen ausser den nothwendigsten vermeidet.... Jeder, der -vorübergeht, hat nur den einen Wunsch, dass eine solche »Bildung« -nicht an Unverdaulichkeit zu Grunde gehe« (37).—Das andere Mal -aber gerade gegen die allzu heftige, aufreizende und aufrührerische -Einwirkung des Gedanklichen auf das psychische Leben, gegen den dadurch -hervorgerufenen Kampf zusammenhangloser wilder Triebkräfte.</p> - -<p>Es ist ein Unterschied wie zwischen Seelenstumpfsinn und -Seelenwahnsinn. In Nietzsche selbst pflegten die abstractesten Gedanken -sich in Gemüthsmächte umzusetzen, die ihn mit unmittelbarer und -unberechenbarer Gewalt fortrissen. In dem von ihm gezeichneten Bilde -unseres Zeitalters mussten sich ihm daher die beiden entgegengesetzten -Wirkungen des Intellectuellen vermischen, und in Bezug auf die eine von -ihnen,—auf die chaotische Entfesselung des Seelenlebens,—verschmolzen -ihm in ähnlicher Weise zwei verschiedene Ursachen mit einander. Es -handelt sich nämlich nicht nur um die rein intellectuellen Einflüsse, -nicht nur um die Gefahr des Verstandesmässigen für das Instinctmässige, -sondern auch um die uns vererbten und einverleibten Einflüsse -längst verflossener Zeiten, die, einst einer intellectuellen Quelle -entsprungen, jetzt nur in der Form von Trieben und Gefühlsschätzungen -in uns leben.</p> - -<p>Der geschlossenen Persönlichkeit droht also nicht nur die Gefahr, die -von aussen kommt, sondern auch diejenige, die sie in sich trägt, die -mit ihr geboren ist,—jene »Instinct-Widersprüchlichkeit«, die das -Erbe aller Spätlinge ist, denn—Spätlinge sind Mischlinge.</p> - -<p>Die Ueberwindung des Nachtheils, den die »Historie« in diesem -Sinn,—erlernt oder erlebt,—bringen kann, liegt in der Hinwendung -auf das Unhistorische. Unter dem Unhistorischen versteht Nietzsche -die Rückkehr zum Unbewussten, zum Willen des Nichtwissens, zum -Horizont-Abschliessenden, ohne das es kein Leben gibt. »Jedes Lebendige -kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar -werden« (11),... »Das Unhistorische ist einer umhüllenden Atmosphäre -ähnlich, in der sich Leben allein erzeugt«.... Es ist wahr: erst -dadurch, dass der Mensch denkend, überdenkend, vergleichend, trennend, -zusammenschliessend jenes unhistorische Element einschränkt, erst -dadurch dass innerhalb jener umschliessenden Dunstwolke ein heller, -blitzender Lichtschein entsteht, also erst durch die Kraft, das -Vergangene zum Leben zu gebrauchen und aus dem Geschehenen wieder -Geschichte zu machen, wird der Mensch zum Menschen: aber in einem, -Uebermaasse von Historie hört der Mensch wieder auf« (12 f.). Seine -Kraft misst sich an dem Maass des Historischen, das er verträgt und -besiegt,—an der Kraft des Unhistorischen in ihm: »Je stärkere Wurzeln -die innere Natur eines Menschen hat, um so mehr wird er auch von der -Vergangenheit sich aneignen oder anzwingen; und dächte man sich die -mächtigste und ungeheuerste Natur, so wäre sie daran zu erkennen, -dass es für sie gar keine Grenze des historischen Sinnes geben würde, -an der sie überwuchernd und schädlich zu wirken vermöchte; alles -Vergangene, eigenes und fremdestes, würde sie an sich heran, in sich -hineinziehen und gleichsam zu Blut umschaffen. Das was eine solche -Natur nicht bezwingt, weiss sie zu vergessen; es ist nicht mehr da, -der Horizont ist geschlossen und ganz, und nichts vermag daran zu -erinnern, dass es noch jenseits desselben Menschen, Leidenschaften, -Lehren, Zwecke gibt.« (11) Ein solcher Geist treibt Historie auf alle -drei Weisen, auf die sie überhaupt getrieben werden kann, ohne ihr -nach irgend einer der drei Richtungen hin zu verfallen: er schaut sie -an als <span class="gesperrt">Monumentalgeschichte</span>, indem er seinen Blick auf den grossen -Gestalten der Vorzeit ruhen lässt und sie auf sein Werk und sein -Wollen bezieht, ohne sich jedoch an sie zu verlieren: als begeisternde -Vorgänger und Genossen. Er vertieft sich in <span class="gesperrt">antiquarische Geschichte</span>, -indem er alles Vergangene durchwandert! wie die Stätte seines eignen -Vorlebens,—wie Jemand, der die Stätte seiner eignen Kindheit betritt, -an welcher ihm auch das Geringste werthvoll und bedeutsam erscheint:—»—er -versteht die Mauer, das gethürmte Thor, die Rathsverordnung, -das Volksfest wie ein ausgemaltes Tagebuch seiner Jugend und findet -sich selbst in diesem Allen, seine Kraft, seinen Fleiss, seine Lust, -sein Urtheil, seine Thorheit und Unart wieder. Hier Hess es sich leben, -sagt er sich, denn es lässt sich leben, hier wird es sich leben lassen, -denn wir sind zäh und nicht über Nacht umzubrechen. So blickt er, mit -diesem »Wir«, über das vergängliche wunderliche Einzelleben hinweg und -fühlt sich selbst als den Haus-, Geschlechts- und Stadtgeist« (28). Er -wird endlich drittens auch <span class="gesperrt">kritisch</span> auf die Geschichte blicken, um -zum Aufbau einer Zukunft eine Vergangenheit umzubrechen, und hierzu -bedarf er der grössten Lebenskraft, denn grösser als die Gefahr, ein -Schwärmer oder ein Sammler zu werden, ist die, ein Verneinender zu -bleiben. »Es ist immer ein gefährlicher, nämlich für das Leben selbst -gefährlicher Process:... Denn da wir nun einmal die Resultate -früherer Geschlechter sind,... ist (es) nicht möglich sich ganz -von dieser Kette zu lösen.... Wir bringen es im besten Falle zu -einem Widerstreite der ererbten, angestammten Natur und unserer -Erkenntniss,... wir pflanzen eine neue Gewöhnung, einen neuen -Instinct, eine zweite Natur an, so dass die erste Natur abdorrt. Es -ist ein Versuch, sich gleichsam a posteriori eine Vergangenheit zu -geben, aus der man stammen möchte, im Gegensatz zu der, aus der man -stammt.... Aber hier und da gelingt der Sieg doch, und es -gibt ... einen merkwürdigen Trost: nämlich zu wissen, dass auch -jene erste Natur irgend wann einmal eine zweite Natur war und dass -jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird« (33 f.).—Man kann -diese drei Betrachtungsweisen der Historie in gewissem Sinne auf drei -Perioden von Nietzsches eigener Entwicklung anwenden, indem man mit -der antiquarischen, die dem Philologen zukommt, den Anfang macht, -darauf die monumentale Auffassung folgen lässt, die ihn veranlasst, als -Jünger zu Füssen grosser Meister zu sitzen, und endlich seine spätere -positivistische Periode als die kritische bezeichnet. Nachdem aber -Nietzsche auch diese letztere überwunden hatte, verschmolzen ihm alle -drei Standpunkte zu einem einzigen, auf dem, wie sich zeigen wird, -die in dieser Schrift enthaltenen Gedanken in geheimnissvoller und -ergreifender Weise wiederkehren sollten, in der extremen und paradoxen -Zuspitzung des Satzes: das Historische sei unterthan dem individuellen -Leben, dessen ständige Bedingung das Unhistorische ist.—Die starke -Natur, die er als zugleich historisch und unhistorisch beschreibt, ist -somit ein Erbe aller Vergangenheit und dadurch ungeheuer in der Fülle -des Erlebens, aber ein Erbe, der seinen Reichthum wahrhaft fruchtbar zu -machen weiss, weil er ihn wahrhaft besitzt, über ihn gebietet,—nicht -von ihm besessen und beherrscht wird. Ein solcher Erbe und Spätling -ist dann immer zugleich der <span class="gesperrt">Erstling</span> einer neuen Cultur und, als -Träger der Vergangenheit, ein Gestalter der Zukunft: der Reichthum, den -er ausstreut, trägt noch den künftigen Zeiten Früchte. Er ist einer -von den grossen »Unzeitgemässen«, welche in die fernste Vergangenheit -niedertauchen, in die fernste Zukunft hinausweisen, in ihrer Zeit aber -immer als Fremdlinge dastehen, obgleich in ihnen die Gegenwart ihre -höchste Kraft sammelt und ausgibt.</p> - -<p>Hier liegt der erste Ansatz zu den Gedanken der letzten -Schaffensperiode Nietzsches: ein Einzelner der Genius der gesammten -Menschheit, allein, fähig, von der Gegenwart aus die Vergangenheit als -Ganzes zu deuten und damit auch die Zukunft, als fernstes Ganzes, bis -in alle Ewigkeit in ihrem Ziel und Sinn zu bestimmen.</p> - -<p>Rein äusserlich betrachtet, reichen die Wurzeln dieser Anschauung -hinab bis zu Nietzsches Philologenthum, welches ihn dazu führte, sich -alter Culturen erkennend zu bemächtigen. Wissen und Sein waren seiner -geistigen Eigenart stets Eins: und so hiess für Nietzsche classischer -Philologe sein so viel als Grieche sein. Gewiss musste dies die ihn -quälende Instinctwidersprüchlichkeit, welche sich für ihn zum Gegensatz -von Antik und Modern zuspitzte, noch verstärken, gleichzeitig aber -auch die Mittel zu ihrer Bekämpfung enthalten, nämlich: durch die -Vergangenheit, der Gegenwart überlegen, die Zukunft bauen; aus einem -Mann der Zeit zu einem Spätling älterer Culturen und einem Erstling -neuer Cultur werden.<a name="FNAnker_5_19" id="FNAnker_5_19"></a><a href="#Fussnote_5_19" class="fnanchor">[5]</a></p> - -<p>Zweien solcher »Unzeitgemässen«,—das ist Vorzeitgemässen und -Zukunftgemässen, sind die beiden letzten von Nietzsches »Unzeitgemässen -Betrachtungen« geweiht: »<span class="gesperrt">Schopenhauer als Erzieher</span>«, und »<span class="gesperrt">Richard -Wagner in Bayreuth</span>«. In diesen beiden, mit überströmender Begeisterung -aufgerichteten, Standbildern des Genius wird es besonders klar, 'bis -zu welchem Grade die angestrebte Cultur des Unzeitgemässen in einem -Cultus des Genies gipfelte. Im Genie besitzt die Menschheit nicht nur -ihren Erzieher, ihren Führer, ihren Verkünder, sondern auch ihren -eigentlichen und ausschliesslichen Endzweck. Die Vorstellung von den -»erhabenen Einzelnen«, um derentwillen allein die übrige »Fabrikwaare -der Natur« vorhanden sei, ist einer von jenen Schopenhauerischen -Grundgedanken, die Nietzsche nie wieder losgelassen haben. Etwas -in seinem innersten Geist dürstete ebenso unersättlich nach der -ungeheuren Steigerung des Egoistischen in das Idealselbstische, das -darin liegt, als auch nach der dunklen Kehrseite dieses höchsten -Menschenlooses, nach dem »Einsamen« und »Heroischen«. In seiner -mittleren Schaffensperiode ging er scheinbar von dieser ursprünglichen -Genievorstellung ab, weil sie ihren metaphysischen Hintergrund -eingebüsst hatte, von dem allein der grosse »Einzelne« sich in -übermenschlicher Bedeutsamkeit abheben konnte,—wie eine Gestalt aus -der höheren und wahren Welt. Aber der Gedanke des Geniecultus barg -einen Ansatz zu dem, was Nietzsche, am Ende seiner Entwicklung, mit -einem Griff genialen Wahnsinns, dann wieder aus ihm gestaltet hat. -Denn zum Ersatz einer metaphysischen Deutung steigerte sich ihm der -<span class="gesperrt">positive Lebenswerth</span> des Genies noch so hoch über Schopenhauers -Auffassung desselben hinaus, dass diese letztere nur ein schwaches -Gegenbild zu der seinen bietet.</p> - -<p>Solange nämlich der Geniecultus ein Cultus des Metaphysischen in der -menschlichen Physis blieb, erstreckte er sich auf eine fortlaufende -Reihe, eine Kette solcher »Einzelner«, die einander in Sinn und -Wesen ebenbürtig und gleichwerthig waren. Sie werden nicht als -Bestandtheile einer Entwicklungslinie des Menschlichen betrachtet, -sie: »—setzen nicht etwa einen Prozess fort, sondern leben -zeitlos-gleichzeitig«,—sie bilden »eine Art von Brücke über den wüsten -Strom des Werdens«. »... ein Riese ruft dem anderen durch die -öden Zwischenräume der Zeiten zu, und ungestört durch muthwilliges, -lärmendes Gezwerge, welches unter ihnen wegkriecht, setzt sich das -hohe Geistergespräch fort.« (Nutzen u. Nachtheil d. Histor. 91). Weil -es dieses »Gezwerge« ist, das die ganze Entwicklungsgeschichte sowohl -in ihren Geschehnissen, wie in ihren Gesetzen bestimmt, so ist Eins -sicher: »Das Ziel der Menschheit kann nicht am Ende liegen, sondern nur -in ihren höchsten Exemplaren.« (A. a. O.)</p> - -<p>Aber da auch die höchsten Exemplare nur das zum Ausdruck bringen, -was in der Tiefe des Menschlichen überhaupt, als sein metaphysisches -Grundwesen, ruht, so unterscheiden sie sich von der Masse der Menschen -weniger durch eine Wesens<span class="gesperrt">verschiedenheit</span>, als vielmehr durch eine -Wesens<span class="gesperrt">enthüllung</span>, durch eine göttliche Nacktheit,—während der -Mensch der Masse tausend über sein wahres Wesen gebreitete Schichten -trägt, die alle der Welt und Lebensoberfläche angehören und sich -hier und da bis zur Undurchdringlichkeit verhärten. »Wenn der grosse -Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn -ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware.... Der Mensch, welcher -nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich -bequem zu sein« (Schopenhauer als Erzieher 4). Daher ist liebevolle -Erziehung und Bemühung um Alle die Folge dieser Anschauungsweise, die -im tiefsten Sinn Alle gleichstellt, weil sie den metaphysischen Kern in -jeder Schale ehrt; sie entfernt sich darum von nichts so weit als von -Nietzsches späteren Forderungen der Sklaverei und Tyrannei.</p> - -<p>Ist aber wie in Nietzsches späterer Philosophie dieser metaphysische -Hintergrund zerstört, löst sich das übersinnliche Sein in das -unendliche Werden des Wirklichen auf, so vermag sich der Einzelne über -die Masse nur durch einen Wesensunterschied zu erheben, der einem -höchsten Gradesunterschied gleichkommt: indem er die Quintessenz -dieses Werdeprocesses repräsentirt, umfasst er denselben möglichst -in seiner Totalität, während der Mensch der Masse ihn nur blind und -bruchstückweise zu erleben und in sich darzustellen weiss. Dieser -Einzelne wäre gewissermassen als der Einziges imstande, der langen -Entwicklung, die sich Geschichte nennt, einen Sinn zu geben; er -selbst wäre nicht wie der Schopenhauerische Mensch geschaffen aus -übersinnlichem Stoff, aber dafür wäre er durch und durch Schöpfer -und als solcher imstande, der Welt jene Bedeutsamkeit der Dinge zu -ersetzen, an die der Metaphysiker glaubt. Anstatt vieler einander -ebenbürtiger Einzelner, die sich wie ein gleichmässig hoher -zusammenhängender Bergrücken über dem Menschengetriebe erheben, gibt -es daher in Nietzsches letzter Philosophie nur den grossen Einsamen, -der sich als Gipfel des Ganzen darstellt; nach oben hin ist er noch -viel einsamer als sie, denn er ist als Abschluss der Entwicklung das -höchste Exemplar der Gattung, nach unten aber ist er viel härter und -herrischer als sie, denn die Masse und das Leben bedeuten an sich, oder -metaphysisch, nichts; er muss ihnen erst bis an seinen Gipfel hinan -eine bestimmte Rangordnung verleihen. Es ist leicht begreiflich, warum -erst mit ihm der Geniecultus ins Ungeheure wächst, denn in Ermangelung -der metaphysischen Deutung, durch die der Schopenhauerische Mensch von -vornherein in eine höhere Ordnung der Dinge erhoben wird, kann Er nur -durch das Mittel des Ungeheuren überzeugen.</p> - -<p>Folgendes sind die vier Gedanken der ersten philosophischen Periode -Nietzsches, womit er sich, wenn auch in stets veränderter Auffassung -bis zuletzt beschäftigt hat: es sind das Dionysische, die Decadenz, das -Unzeitgemässe, der Geniecultus. Wie wir ihn selbst, so werden wir auch -sie immer wiederfinden, und in demselben Maasse, als er sich selbst -immer persönlicher in seiner Philosophie zum Ausdruck bringt, gestaltet -er auch sie immer charakteristischer. Betrachtet man seine Gedanken in -ihrem Wechsel und ihrer Mannigfaltigkeit, dann erscheinen sie fast -unübersehbar und allzu complicirt; versucht man hingegen aus ihnen -herauszuschälen, was sich im Wechsel stets gleich bleibt, dann erstaunt -man über die Einfachheit und Beständigkeit seiner Probleme. »Immer ein -Anderer und immer Derselbe!« konnte Nietzsche von sich sagen.</p> - -<p>Dass die Wagner-Schopenhauerische Weltanschauung eine so tiefe -Bedeutung für Nietzsche gewann, dass er später noch nach allen Kämpfen -und von ganz entgegengesetzten Richtungen seines Geisteslebens aus -sich wieder ihren Grundgedanken annäherte, zeigt, wie sehr dieselbe -seiner ganzen Natur entgegenkam, wie sehr sich in ihr aussprach, was in -ihm schlummerte. Aus seinem Philologenthum in dieses Philosophenthum -erhoben, fühlte er sich ohne Zweifel einem Gefangenen gleich, von dem -die Ketten fallen. Waren doch vorher seine besten Kräfte gebunden -gewesen; jetzt durfte er aufathmen, jetzt wurde Alles in ihm befreit. -Seine künstlerischen Instincte schwelgten in den Offenbarungen der -Wagner'schen Musik; seine starke Veranlagung zu religiösen und -moralischen Exaltationen genoss in der metaphysischen Ausdeutung dieser -Kunst eine beständige Möglichkeit der Erhebung. Sein umfassendes -gründliches Wissen diente der neuen Weltanschauung, die sich in seiner -Auffassung des Griechenthums wiederspiegelte. Da in Wagners Person -das Kunstgenie Thatsache geworden, in ihm gleichsam der »erlösende -Heiland« gegeben war, so fiel Nietzsche die Stellung des Erkennenden, -des wissenschaftlichen Vermittlers, zu: damit blieb er in der Aufgabe -des Philosophen. Aber die gewonnene Erkenntniss selbst bildete nur -den Anlass zur vollen Entfaltung seiner künstlerischen und religiösen -Eigenart, und eben dies bezeichnet ihren Werth für seinen Geist. -Wonach er sich schon während seiner philologischen Studien gesehnt -hatte, als er dem Leben der alten Philosophen nachforschte, das war -hier zur Wahrheit geworden: das Denken ein Erleben, die Erkenntniss -ein Mitarbeiten und Mitschaffen an der neuen Cultur; im Gedanken -durften alle Seelenkräfte Zusammenwirken: er forderte den ganzen -Menschen. Nietzsche gibt nur dem befreienden Entzücken Ausdruck, das -er hier genoss, wenn er am Schluss seines »Sokrates und die klassische -Philologie« in die Worte ausbricht: »Ach! Es ist der Zauber dieser -Kämpfe, dass, wer sie schaut, sie auch kämpfen muss!«</p> - -<p>Und wie seine einzelnen Geistesanlagen sich jetzt freier ausleben -und entwickeln durften, so bot diese Periode in Nietzsches Leben -auch jenem tiefsten, fast weiblichen Bedürfnisse seines Inneren nach -persönlicher Anbetung, nach Aufblick, volle Befriedigung, das sich -später so schmerzlich an sich selbst befriedigen musste. Mochte die -Wagner-Schopenhauerische Philosophie, ihrer ganzen Anschauungsweise -nach, ihm ein noch so tiefes Glück gewähren, so war doch das -Werthvollste für ihn hier das persönliche Verhältniss zu Wagner, der -unbedingte Aufblick zu ihm. Seine Begeisterung entzündete sich darin -an einer ausser ihm stehenden Persönlichkeit, in der er gleichsam -das Ideal seines eigenen Wesens verkörpert zu sehen glaubte. Das -Glück eines solchen Glaubens breitet über die Gedanken der ersten -philosophischen Schriften Nietzsches etwas Gesundes, beinahe Naives, -das von der Eigenart seiner späteren Werke scharf absticht. Es ist, -als sähe man ihn erst an dem Bilde seines Meisters Wagner und dessen -Philosophen Schopenhauer sich selbst begreifen und errathen. Denn -mit instinctiver Scheu weist er noch jene Kunst zurück, sein eigenes -Selbst in bewusster Weise zum »Object und Experiment des Erkennenden« -zu machen, die Kunst, an der er später so gross und so krank werden -sollte. »Wie kann sich der Mensch kennen? Er ist eine dunkle und -verhüllte Sache; und wenn der Hase sieben Häute hat, so kann der Mensch -sich siebenmal siebzig abziehen und wird doch nicht sagen können »das -bist du nun wirklich, das ist nicht mehr Schaale«. Zudem ist es ein -quälerisches gefährliches Beginnen, sich selbst derartig anzugraben -und in den Schacht seines Wesens auf dem nächsten Wege gewaltsam -hinabzusteigen. Wie leicht beschädigt er sich dabei so, dass kein Arzt -ihn heilen kann« (Schopenhauer als Erzieher 7). Und deshalb ruft er der -Jugend, die nach Einsicht in ihr eigenes Selbst begehrt, die Worte zu: -»was hat deine Seele hinangezogen, was hat sie beherrscht und zugleich -beglückt? Stelle dir die Reihe dieser verehrten Gegenstände vor dir -auf, und vielleicht ergeben sie dir ... ein Gesetz, das Grundgesetz -deines eigentlichen Selbst. Vergleiche diese Gegenstände, sieh,... -wie sie eine Stufenleiter bilden, auf welcher du bis jetzt zu dir -selbst hingeklettert bist; denn dein wahres Wesen liegt nicht tief -verborgen in dir, sondern unermesslich hoch über dir....« (A. a. -O.)</p> - -<p>Mit einer Offenheit, die ihm später während der Zeit peinlichster -Selbstanalyse ganz abhanden kam, legt er die Motive bloss, aus denen -es ihn von Anfang an inbrünstig nach einer solchen Jüngerschaft -verlangt habe—nach einem überlegenen »Wegweiser zugleich und -Zuchtmeister« (Schopenhauer als Erzieher 14): »... darf ich ein wenig -bei einer Vorstellung verweilen, welche in meiner Jugend so häufig -und so dringend war, wie kaum eine andre. Wenn ich früher recht nach -Herzenslust in Wünschen ausschweifte, dachte ich mir, dass mir die -schreckliche Bemühung und Verpflichtung, mich selbst zu erziehen, -durch das Schicksal abgenommen würde: dadurch dass ich zur rechten -Zeit einen Philosophen zum Erzieher fände, einen wahren Philosophen, -dem man ohne weiteres Besinnen gehorchen könnte, weil man ihm mehr -vertrauen würde als sich selbst.« (Schopenhauer als Erzieher 8 f.) Es -ist interessant, zu beobachten, wie er zu diesem Zwecke hinter dem -Denker Schopenhauer einen Idealmenschen Schopenhauer zu entdecken -sucht,<a name="FNAnker_6_20" id="FNAnker_6_20"></a><a href="#Fussnote_6_20" class="fnanchor">[6]</a> und wie er Wagner gegenüber von einer tiefen Verwandtschaft -ihrer beiderseitigen Naturen ausgeht. In der That überrascht die -Uebereinstimmung der von ihm geschilderten natürlichen und geistigen -Anlagen Wagners mit der »Vielstimmigkeit« seiner eigenen Anlagen, wie -sie im ersten Theil dieses Buches dargelegt ist. So sagt er in »Richard -Wagner in Bayreuth« (13): »Jeder seiner Triebe strebte ins Ungemessene, -alle daseinsfreudigen Begabungen wollten sich einzeln losreissen und -für sich befriedigen; je grösser ihre Fülle, um so grösser war der -Tumult, um so feindseliger ihre Kreuzung«.</p> - -<p>Dann, beim Eintritt der »geistigen und sittlichen« Mannbarkeit -Wagners, gelangt diese »Vielheit« zum Zusammenschluss und zugleich -zu einer eigentümlichen »Spaltung in sich«. »Seine Natur erscheint -in furchtbarer Weise vereinfacht, in zwei Triebe oder Sphären -auseinandergerissen. Zu unterst wühlt ein heftiger Wille in jäher -Strömung, der gleichsam auf allen Wegen, Höhlen und Schluchten ans -Licht will und nach Macht verlangt. (10.).... Der gesammte -Strom stürzte sich bald in dieses, bald in jenes Thal und bohrte in -die dunkelsten Schluchten:—in der Nacht dieses halb unterirdischen -Wühlens erschien ein Stern hoch über ihm....« (12.) »Wir thun einen -Blick in die <span class="gesperrt">andere</span> Sphäre Wagners. Es ist die eigenste Urerfahrung, -welche Wagner in sich selbst erlebt und wie ein religiöses Geheimniss -verehrt:... jene wundervolle Erfahrung und Erkenntniss, dass -die eine Sphäre seines Wesens der andern treu blieb,... die -schöpferische, schuldlose lichtere Sphäre der dunkelen, unbändigen, -tyrannischen.« (13.)</p> - -<p>»Im Verhalten der beiden tiefsten Kräfte zu einander, in der Hingebung -der einen an die andere, lag die grosse Nothwendigkeit, durch welche er -allein <span class="gesperrt">ganz</span> und <span class="gesperrt">er selbst</span> bleiben konnte.« (13.)</p> - -<p>Gegen den Schluss der Schrift sucht Nietzsche auch die Musik Wagners -aus dieser ihm selbst so verwandten Eigenart heraus zu begreifen, indem -er das musikalische Genie Wagners als eine Art Wiederspieglung von -dessen seelischen Zuständen auffasste:</p> - -<p>»—wie seine Musik sich mit einer gewissen Grausamkeit des -Entschlusses dem Gange des Dramas, der wie das Schicksal unerbittlich -ist, unterwirft, während die feurige Seele dieser Kunst darnach lechzt, -einmal ohne alle Zügel in der Freiheit und Wildniss umherzuschweifen.« -(82.)</p> - -<p>»Ueber allen den tönenden Individuen und dem Kampfe ihrer -Leidenschaften, über dem ganzen Strudel von Gegensätzen, schwebt,... -ein übermächtiger symphonischer Verstand, welcher aus dem Kriege -fortwährend die Eintracht gebiert.« (79.)</p> - -<p>»Nie ist Wagner mehr Wagner, als wenn die Schwierigkeiten sich -verzehnfachen und er in ganz grossen Verhältnissen mit der Lust des -Gesetzgebers walten kann. Ungestüme, widerstrebende Massen zu einfachen -Rhythmen bändigen, durch eine verwirrende Mannigfaltigkeit von -Ansprüchen und Begehrungen Einen Willen durchführen«—. (80.)</p> - -<p>Aber gerade diese Verwandtschaft ihrer beiderseitigen Naturen musste -Nietzsche schliesslich zu einer Weiterentwicklung seines Geistes -auf einsamen Bahnen führen, sie musste ihn irgend wann einmal von -Wagner losreissen. Sobald Nietzsche in dieser Periode den Höhepunkt -erreicht hat, ist auch schon der erste Schritt vorgezeichnet, der ihn -unvermeidlich abwärts führen musste. Es erscheint als eine völlige -Verkehrung des Sachverhalts, wenn er später in seinem ungerechten -Büchlein »Der Fall Wagner« behauptet: »Mein grösstes. Erlebniss war -eine <span class="gesperrt">Genesung</span>. Wagner gehört bloss zu meinen Krankheiten.« (Vorwort.) -Denn in das Krankhafte geht seine Entwicklung erst lange nach seinem -Bruch mit Wagner, ja man kann von seiner Wagnerperiode in gewissem -Sinne sagen, dass sie zu seinen überwundenen Gesundheiten gehört habe. -Trotzdem aber darf man das Wahre in seiner Behauptung nicht überhören: -dass er nämlich damals seinen eigenen Höhepunkt noch nicht erreicht -habe, wie gesund und glücklich er auch zu jener Zeit gewesen sei.</p> - -<p>Diese Gesundheit hätte er sich nur erhalten können um den Preis der -Grösse. Um aus dem Jünger ein Meister zu werden, musste er erst in sein -Selbst einkehren; da aber seine Natur mit zwingender Nothwendigkeit -nach einer Jüngerschaft im religiösen Sinne verlangte, so blieb nur die -eine Möglichkeit, Jünger und Meister in sich selbst zu vereinigen,— -sei es auch, um daran zu leiden, sei es auch, um an einer krankhaften -Verschmelzung Beider zu Grunde zu gehen. Von seinem Weg zur Grösse -gilt Zarathustras Wort: »Gipfel und Abgrund—das ist jetzt in Eins -beschlossen!«</p> - -<p>Man hat dem Abfall Nietzsches von Wagner die verschiedenartigsten -Deutungen gegeben, man hat ihn aus rein idealen -Beweggründen—unwiderstehlichem Wahrheitsdrang—und auch aus -menschlichen-allzumenschlichen Motiven zu erklären gesucht. In -Wirklichkeit kreuzte sich aber wohl beides darin in ganz ähnlicher -Weise, wie dies schon in der allerersten Wandlung Nietzsches, in seiner -Abwendung vom Glauben, der Fall gewesen war; gerade der Umstand, dass -er volles Genügen, Seelenfrieden und eine Geistesheimat gefunden hatte, -dass ihm Wagners Weltanschauung so weich und glatt anlag wie eine -»gesunde Haut«, kitzelte ihn, sie sich abzustreifen, Hess ihm sein -»Ueberglück als Ungemach« erscheinen, Hess ihn »verwundet werden von -seinem Glück«. Auf diese Art der Entstehungseiner freigeisterischen -Richtung findet seine »Vermuthung über den Ursprung der Freigeisterei« -überhaupt (Menschliches, Allzumenschliches I 232) Anwendung, die durch -allzu starke Empfindungsseligkeit in der gegebenen Weltanschauung -erzeugt werde: »Ebenso wie die Gletscher zunehmen, wenn in den -Aequatorialgegenden die Sonne mit grösserer Gluth als früher auf -die Meere niederbrennt, so mag auch wohl eine sehr starke, um sich -greifende Freigeisterei Zeugniss dafür sein, dass irgendwo die Gluth -der Empfindung ausserordentlich gewachsen ist.«</p> - -<p>Erst in der selbstgewollten, selbstgesuchten Peinigung wuchs seinem -Geist die streitbare, harte Rüstung, mit der gewappnet er dann gegen -seine alten Ideale zu Felde zog. Gewiss empfand er es als eine -Befreiung, sich mit dem Verzicht auf Erhebendes und Schönes zugleich -aus einer letzten Abhängigkeit loszulösen; aber dennoch stellte diese -Selbstbefreiung einen Act der Entsagung dar; er litt unter ihr, wie man -unter Wunden leidet, auch wenn man sie sich selbst geschlagen hat.</p> - -<p>Der Bruch vollzog sich endgiltig und für Wagner völlig unerwartet, -als dieser mit seiner Parsifal-Dichtung bei katholisirenden Tendenzen -angelangt—war, während Nietzsches Geistesentwicklung in einer jähen -Wandlung sich der positivistischen Philosophie der Engländer und -Franzosen zugewandt hatte. Der Abfall Nietzsches von Wagner bedeutete -aber nicht nur eine Trennung der Geister, sondern zerriss zugleich ein -Verhältniss, in welchem sich beide so nahe gestanden hatten, wie nur -der Sohn dem Vater, der Bruder dem Bruder nahe steht. Ganz vergessen, -ganz verschmerzen konnte es wohl keiner von ihnen. Noch im Herbst 1882, -ein halbes Jahr vor dem Tode Wagners, wurde während der Bayreuther -Festspiele,—der Erstaufführung des Parsifal—, der Versuch gemacht, -Nietzsche vor dem Meister zu erwähnen. Nietzsche weilte damals in der -Nähe, in dem thüringischen Dörfchen Tautenburg bei Dornburg, und seine -alte Freundin Fräulein von Meysenbug meinte, obschon mit Unrecht, dass -im Fall des Gelingens Nietzsche zu bewegen gewesen wäre, nach Bayreuth -zu kommen und Sich mit Wagner zu versöhnen. Indessen der Versuch -misslang; Wagner verliess in grosser Erregung das Zimmer und verbot, -den Namen jemals wieder vor ihm auszusprechen. Aus ungefähr derselben -Zeit stammt folgender in Facsimile wiedergegebene Brief Nietzsches, der -seine eigene Stellung in dem Bruch mit Wagner beredt genug schildert:</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_003.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_004.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_005.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_006.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p>(<a href="#Zweiter_Briefe">Gedruckter Text.</a>)</p> - - -<p>Wenn ich diese kurze Schilderung lese, dann sehe ich ihn selbst vor -mir, wie er, während einer gemeinsamen Reise von Italien her durch die -Schweiz, mit mir das Gut Triebschen bei Luzern besuchte, den Ort, an -welchem er mit Wagner unvergessliche Zeiten verlebt hatte. Lange, lange -sass er dort schweigend am Seeufer, in schwere Erinnerungen versunken; -dann, mit dem Stock im feuchten Sande zeichnend, sprach er mit leiser -Stimme von jenen vergangenen Zeiten. Und als er aufblickte, da weinte -er.</p> - -<p>Mit seiner innern und äussern Loslösung von dem Wagnerthum und der -Philosophie Schopenhauers fällt Nietzsches schwerstes körperliches -Leiden zusammen. So lebte er damals, körperlich wie geistig, unter -Stürmen und Schmerzen, die ihn in die Nähe »leiblichen wie seelischen -Todes« brachten. Seine Krankheit war zum Ausbruch gekommen in -den Jahren gesteigertster Productivität, allzu vielseitiger und -aufreibender Beschäftigung mit wissenschaftlichen Untersuchungen, -philosophischen Problemen, mit der geistigen Bewegung der Gegenwart, -der Kunst Wagners und mit der Musik selbst. Es ist gewiss nicht -zufällig, dass auch der letzte, verhängnissvolle Ausbruch seines -Kopfleidens am Ende der Achtziger Jahre ebenfalls auf eine Periode -ungeheurer geistiger Schaffenskraft und Regsamkeit folgte. Wenn -er sich am gesundesten und rüstigsten, in der Vollkraft seiner -Leistungsfähigkeit fühlte, dann kam er stets der Krankheit am nächsten; -und die Zeiten unfreiwilliger Müsse und Ruhe waren es, die ihm immer -wieder Erholung brachten und die Katastrophe noch aufhielten.</p> - -<p>Dieser Vorgang spiegelt rein körperlich etwas von jenem eigenthümlich -pathologischen Zuge der »Uebergesundheit« seines Geisteslebens wieder, -welche in Krankheitszustände überzuströmen pflegte, nachdem sie ihren -Höhepunkt erreicht hatte. Aus ihnen rang er sich aber mit der zähen -Kraft seiner ungeheuren Natur stets wieder zur Gesundheit durch.</p> - -<p>Solange er noch die Schmerzen bezwang und die volle Arbeitskraft -in sich fühlte, konnte selbst das Leiden seiner lebensvollen -Unverwüstlichkeit und Selbstbehauptung noch nichts anhaben. Noch am 12. -Mai 1878 schreibt er im Ton getrosten Muthwillens in einem Briefe aus -Basel: »Die Gesundheit schwankend und gefährlich, aber—fast hätte ich -gesagt: was geht mich meine Gesundheit an?«</p> - -<p>Aber dann folgt, am 14. December 1878, die Hindeutung auf den -voraussichtlich nothwendigen Rücktritt von der Professur: »Mein -Zustand ist eine Thierquälerei und Vorhölle, ich kanns nicht leugnen. -<span class="gesperrt">Wahrscheinlich</span> hört es mit meiner akademischen Thätigkeit auf, -<span class="gesperrt">vielleicht</span> mit der Thätigkeit überhaupt, <span class="gesperrt">möglicherweise</span> mit.... -u. s. w.« Und dann die bittere Klage: »Es scheint mir nichts mehr -zu helfen, die Schmerzen waren gar zu toll.... Immer heisst es: -Ertrage! Entsage! Ach, man bekommt die Geduld auch satt. Wir haben die -Geduld zur Geduld nöthig!«</p> - -<p>Endlich, im Tone stiller Ergebung, ein Brief aus Genf, vom 15. Mai 1879:</p> - -<p>»Mir geht es nicht gut, aber ich bin ein alter routinirter -Leidtragender und werde meine Bürde weiterschleppen,—aber <span class="gesperrt">nicht</span> -mehr lange, so hoffe ich!«</p> - -<p>Bald darauf legte er seine Professur nieder, und auf immer umfing -ihn die Einsamkeit, Der Verzicht auf seine Lehrthätigkeit fiel -ihm schwer,—war es doch im Grunde der Verzicht auf jede fernere -strengwissenschaftliche Arbeit. Kopf und Augen,—er nennt sich selbst -einen »Kranken, der jetzt leider auch ein Sieben-Achtel-Blinder -ist, und nicht mehr lesen kann, ausser mit Schmerzen und auf ein -Viertelstündchen« (Brief an Rée)—, hinderten ihn nunmehr dauernd an -einem stofflichen Ausbau seiner Gedanken durch ausgebreitete Studien. -Wie umfangreich und vielseitig er seine Forschungen angelegt hatte, -zeigt die grosse Mannigfaltigkeit seiner an der Universität und am -Pädagogium zu Basel gehaltenen Vorlesungen.</p> - -<p>Allerdings beschränkte er sich damals noch auf die Erforschung des -Hellenenthums und blieb philosophisch in den Fesseln eines bestimmten -metaphysischen Systems gebunden. Aber seine spätere Selbstbefreiung vom -Zwang dieses Systems hätte unter andern Gesundheitsverhältnissen um so -günstiger wirken müssen. Das Culturbild des griechischen Lebens, aus -dem er damals mit den Augen des Metaphysikers die tiefsten Grundzüge -des Weltbildes und Menschenlebens herauszulesen meinte, würde sich -ihm, auf dem Wege wissenschaftlicher Weiterarbeit, allmählig zu einem -Totalbilde der Weltentwicklung erweitert haben. In der Genialität -seiner feinen Anempfindung und künstlerischen Nachgestaltungskraft -war er geradezu prädestinirt zu geschichtsphilosophischen Leistungen -im Grossen. Sein Drang zum Produciren wäre dadurch gehindert worden, -sich allzusehr ins Subjective zu verlieren; empfand er es doch oftmals -selbst, dass, je beflügelter, drängender und leidenschaftlicher -geartet die Gedanken sind, desto umfassender und strenger der Stoff -sein müsse, an dem sie gebunden, von dem sie beherrscht werden. Daher -begegnen wir in seinen Werken bis zuletzt immer wieder erneuten -fruchtlosen Anstrengungen, sich nach aussen hin auszubreiten und sein -Denken wissenschaftlich zu begründen,—es ist etwas vom vergeblichen -Flügelschlagen eines gefangenen Adlers darin. Er war durch seine -Gesundheit <span class="gesperrt">genöthigt, sich selbst</span> zum Stoff seiner Gedanken zu -nehmen, sein eignes Ich seinem philosophischen Weltbilde unterzulegen -und dieses aus dem eignen Innern herauszuspinnen. Vielleicht hätte -er im andern Falle etwas so ganz Eigenartiges,—und daher so ganz -Einzigartiges, nicht geleistet. Aber trotzdem vermag man nicht -ohne das tiefste Bedauern auf diesen Wendepunkt in Nietzsches -Schicksal zurückzublicken,—auf diesen unheimlichen <span class="gesperrt">Zwang</span> zur -Selbstvereinsamung und Selbstabschliessung,—man vermag sich dem Gefühl -nicht zu entziehen, dass er hier an einer Grösse, die ihm Vorbehalten -war, <span class="gesperrt">vorübergeht</span>.</p> - -<p>An dieser Stelle wird es um Nietzsche Nacht. Seine bisherigen Ideale, -seine Gesundheit, seine Arbeitskraft, sein Wirkungskreis,—Alles, was -seinem Leben Licht und Glanz und Wärme gegeben hatte, entschwand ihm -eins nach dem andern. Es war ein ungeheurer Zusammenbruch, unter dessen -Trümmern er wie begraben wurde. Es begannen seine »<span class="gesperrt">Dunkel-Zeiten</span>.« -(S. Der Wanderer u. sein Schatten 191.)</p> - -<p>Die jetzt folgenden Schriften sind nicht, wie die bisherigen, aus -einer Fülle herausgeschöpft, die in ihm angesammelt und bereit lag, -von einem Ziel aus verfasst, das er erreicht zu haben glaubte,—sie -erzählen vielmehr davon, wie er sich in seiner Nacht orientirt und -langsam vorwärts tastet, sie sind die qualvollen, kampfvollen, endlich -sieghaften Schritte nach einem dunklen Ziele hin.</p> - -<p>»Als ich allein weiter ging,« bekennt er viele Jahre später -(Einführende Vorrede zum zweiten Bande von »Menschliches, -Allzumenschliches«) von dieser Zeit, »zitterte ich: nicht lange -darauf, und ich war krank, mehr als krank, nämlich müde, aus der -unaufhaltsamen Enttäuschung über Alles, was uns modernen Menschen -zur Begeisterung übrig blieb....« Aber nicht als einen Klagenden -sehen wir ihn sich durch die Trümmer hindurchkämpfen,—und mit Recht -bezeichnet er dies als den Reiz jener Schriften: »dass hier ein -Leidender und Entbehrender redet, wie als ob er <span class="gesperrt">nicht</span> ein Leidender -und Entbehrender sei.« (Ebendaselbst.)</p> - -<p>Immer wieder wird er zu einem Neu-Schaffenden und Neu-Entdeckenden. -Tief unter die Trümmerwelt steigt er hinab, er untergräbt und -unterwühlt noch ihre letzten Fundamente und späht mit nachtgewöhntem -Auge nach den verborgenen Schätzen und Heimlichkeiten des Erdinnern -aus. Ein zweiter Trophonius, listig aus-und einschlüpfend, weiss er -auch aus der Tiefe noch Aufschluss zu geben über die Welt da droben -und ihr Räthsel zu deuten. So sehen wir ihn: »einen Unterirdischen, an -der Arbeit, einen Bohrenden, Grabenden, Untergrabenden,... wie er -langsam, besonnen, mit sanfter Unerbittlichkeit vorwärts kommt, ohne -dass die Noth sich allzusehr, verriethe, welche jede lange Entbehrung -von Licht und Luft mit sich bringt.« Und darüber kommt uns jene -zuversichtliche Frage, mit der er selbst auf diese Jahre zurückblickte, -und die die Betrachtung seiner ferneren Entwicklungsgeschichte uns -beantworten soll: »—Scheint es nicht, dass ... er vielleicht seine -eigne lange Finsterniss haben will, sein Unverständliches, Verborgenes, -Rätselhaftes, weil er weiss, was er auch haben wird: seinen eignen -Morgen, seine-eigne Erlösung, seine eigne Morgenröte?...« (Einführende -Vorrede zur neuen Ausgabe der »Morgenröte«.)</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_007.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_008.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_009.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/briefe_010.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p><a href="#Dritter_Briefe">(Gedruckter Text.)</a></p> - -<p>Mit solchen Gefühlen von Selbstmitleid und Selbstbewunderung blickte -Nietzsche auf die Geistesperiode zurück, vor welcher wir nunmehr -stehen. Wir sehen: das Charakterische sind von vornherein die -Kämpfe und Wunden, die es ihn kostete, sich die neue Weltanschauung -anzueignen; es ist das tiefe Erkranken an ihr, aus dem er sich -alsdann seine neue Gesundheit schuf. Seine Originalität musste sich -daher zunächst viel weniger in den Einsichten und Theorien selbst -aussprechen, die sich ihm damals erschlossen, als vielmehr in der -Kraft, mit der er sich vom alten Ideal losriss, um sie erfassen -zu können. Er gelangte eben nicht wie die Meisten zum Bewusstsein -erhöhter Selbständigkeit und eigenster Geistesthätigkeit auf Grund -einer intellectuellen Entwicklung, die uns gleichgiltig und kalt -stimmt gegenüber den verlassenen unreiferen Gedanken. Er gelangte dazu -nur durch eine gewaltsame Empörung gegen das Ehemalige, wobei die -intellectuellen Gründe den Gesinnungswechsel weniger <span class="gesperrt">bedingten</span> als -begleiteten. Daher sehen wir anfänglich immer, dass Nietzsche die neuen -Gedanken in einer gewissen Unselbständigkeit so hinnimmt, wie er sie -gerade vorfindet,—dass er sie zunächst wieder <span class="gesperrt">kritiklos</span> empfängt; denn -seine ganze Kraft ist inzwischen vollständig in Anspruch genommen von -den allerinnerlichsten Erlebnissen, und die neuen Theorien als solche -bilden,—um einen Lieblingsausdruck von Nietzsche zu gebrauchen,—nur -eine vorläufige »Vordergrundsphilosophie«, während im verborgenen -Hintergründe, den Kämpfen des Seelenlebens, sich der eigentlich -entscheidende Process abspielt.</p> - -<p>Je fester er mit dem Alten verwachsen ist, je gewaltsamer der Sprung -ins Neue eine vollständige Entwurzelung aus dem heimischen Geistesboden -verlangt, desto tiefer ist die innere Bedeutung der Wandlung. So -kann man in gewissem Sinne sagen, dass gerade die scheinbare innere -Unselbständigkeit, mit welcher Nietzsche sich einer fremden Denkweise -vorläufig hingiebt, eine Kraft heroischester Selbständigkeit verbürgt. -Während die theuersten Gedanken ihn heimlocken, überlässt er sich -wehrlos Gedankenkreisen, denen gegenüber er sich noch als Fremdling, -ja insgeheim noch als Gegner fühlt,—aber mit jenem schönen Wort im -Herzen: »Ein Sieg und eine eroberte Schanze sind nicht mehr deine -Angelegenheit, sondern die der Wahrheit,—aber auch deine Niederlage -ist nicht mehr deine Angelegenheit.« (Morgenröthe 370 »Inwiefern der -Denker seinen Feind liebt.«)</p> - -<p>Man muss dies im Auge behalten, wenn man Nietzsches unvermitteltem -Gesinnungswechsel gerecht werden und die Entstehung seines -positivistischen Erstlingswerkes begreifen will,—dieses Werkes, -welches so überraschend und unerwartet seinem Geiste entsprang. Erst -im Jahre 1876 war die letzte der »Unzeitgemässen Betrachtungen«, -das in überströmender Begeisterung geschriebene Büchlein »Richard -Wagner in Bayreuth«, erschienen, und schon in dem Winter 1876/1877 -entstand die erste seiner Aphorismensammlungen: <span class="gesperrt">Menschliches, -Allzumenschliches</span>. Ein Buch für freie Geister. (Dem Andenken -Voltaire's geweiht zur Gedächtniss-Feier seines Todestages, des 30. -Mai 1778) nebst einem Anhang: Vermischte Meinungen und Sprüche. -(Verlag von Ernst Schmeitzner, Chemnitz, 1878.) Von keinem Buche gilt -mit grösserm Recht das Wort, das er über die Werke dieser Periode -schrieb: »Meine Schriften reden <span class="gesperrt">nur</span> von meinen <span class="gesperrt">Ueberwindungen</span>: -ich bin darin, mit Allem, was mir feind war.... Einsam nunmehr,... -nahm ich ... Partei <span class="gesperrt">gegen</span> mich und <span class="gesperrt">für</span> Alles, was gerade mir -wehe that und hart fiel«. (Einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe von -Menschliches, Allzumenschliches II, VIII.) Jenes Werk spiegelt den -damaligen Zustand seines Geistes so deutlich wieder, dass es zwei -völlig von einander verschiedene Bestandtheile zu enthalten scheint: -einerseits den noch unselbständigen Positivisten Nietzsche, der uns -in den neu übernommenen Theorien fast nichts Eigenes giebt, sondern -uns nur darüber orientirt, wo er sich jetzt befindet,—in welche -neue »Haut« er sich fast passiv hat kleiden lassen; andererseits -den Kämpfer und Dulder Nietzsche, der sich entschlossen von den -ehemaligen Idealen losringt und uns in diesem Kampfe eine ergreifende -Fülle des originalsten Gedankenlebens durch die Inbrunst offenbart, -mit welcher er sich gegen sein eigenes altes Selbst wehrt und sich -selbst verwundet. Hieraus erklärt sich auch die Leidenschaftlichkeit -und Rücksichtslosigkeit der Angriffe, die er gegen Wagner und dessen -Ansichten richtet. Niemand ist weniger fähig zu ruhig abwägender -Gerechtigkeit als der, welcher seinen Ueberzeugungswechsel gerade -vollzieht,—und dies nicht aus rein intellectuellen Gründen, sondern -selber aus der Tiefe des »Menschlichen, Allzumenschlichen« seiner -eigenen Natur heraus. Keinen Gedanken schleudern wir so weit, so -heftig von uns fort, als denjenigen, von dem wir uns soeben erst in -schmerzlichem Widerstreit getrennt haben, und vor dem wir noch verletzt -und erschüttert, voll geheimer Wunden, die unser Stolz verbirgt, -dastehen: es ist Hass darin als ein Nachklang unvergesslicher Liebe.</p> - -<p>Durchaus bezeichnend für das Jähe und Innerliche der Wandlung -Nietzsches ist es, dass sie auch diesmal ihren Ausgang von einem -<span class="gesperrt">persönlichen Verhältniss</span> nahm. Wie der bitterste Stachel im Kampf -gegen das alte Erkenntnissideal ein Freundschaftsbruch war, so -verkörperte sich für Nietzsche auch der neue Erkenntnisstypus wiederum -in einer Persönlichkeit. Je leidensvoller die Einsamkeit, in welche -der Freundschaftsbruch ihn zurückwarf, desto mehr Innigkeit gewann -Nietzsches Beziehung zu Paul Rée, denn »für einen solchen Einsamen ist -der Freund ein köstlicherer Gedanke als für die Vielsamen,« wie er Rée -einmal schreibt. (31. October 1880, aus Italien.)</p> - -<p>War sein Verhältniss zu Richard Wagner durch die Ausschliesslichkeit -gekennzeichnet, mit der Nietzsche in ihm aufging und zu ihm aufsah: -durch seine <span class="gesperrt">Jüngerschaft</span>,—so bildet sein Freundschaftsbund mit Rée -mehr eine geistige <span class="gesperrt">Genossenschaft</span>, die selbst dadurch nicht behindert -wurde, dass die Freunde fern von einander lebten, und Rée nur zeitweise -seinen Wohnsitz in Westpreussen verlassen konnte, um mit Nietzsche an -verschiedenen Orten zusammenzutreffen. Schon am 19. November 1877 klagt -Nietzsche von Basel aus, wo er noch im Kreise von Gesinnungsgenossen -lebte, über diese Entfernung, welche ihn, infolge einer Erkrankung -Rées, für längere Zeit vom Freunde getrennt hielt:</p> - -<p>»Möge ich bald von Ihnen, mein Freund, hören, dass die bösen -Krankheitsgeister ganz von Ihnen gewichen sind; dann bliebe mir für Ihr -neues Lebensjahr nichts zu wünschen übrig, als dass Sie bleiben, der -Sie sind und dass Sie mir bleiben, der Sie im letzten Jahre waren,... -ich muss Ihnen doch sagen, dass ich in meinem -Leben noch nicht so viel Annehmlichkeiten von der Freundschaft gehabt -habe, wie durch Sie in diesem Jahre, gar nicht von dem zu reden, -was ich von Ihnen gelernt habe. Wenn ich von Ihren Studien höre, so -wässert mir immer der Mund nach Ihrem Umgänge; wir sind geschaffen -dafür, uns gut zu verständigen, ich glaube, wir finden uns immer auf -dem halben Wege schon, wie gute Nachbarn, die immer zur gleichen Zeit -den Einfall haben, sich zu besuchen, und sich auf der Grenze ihrer -Besitzungen einander entgegenzukommen. Vielleicht steht es ein wenig -mehr in Ihrer Gewalt, als in meiner, die grosse räumliche Entfernung -zu überwinden; darf ich in dieser Beziehung für das neue Jahr hoffen? -Ich selber bin gar zu elend und gebrechlich daran, als dass ich nicht -um die beste Freude, die es giebt, bitten dürfte, selbst wenn die Bitte -unbescheiden ist—ein gutes Gespräch unter uns über menschliche Dinge, -ein persönliches Gespräch, nicht ein briefliches, zu dem ich immer -untauglicher werde....«</p> - -<p>Je mehr Nietzsches körperliches Leiden ihn in die Einsamkeit zwang, -je einsiedlerischer, fern von allen Menschen, er leben musste, um -dieses Leiden ertragen zu können, desto sehnsüchtiger verlangt er -nach dem Freunde, der seine Einsamkeit zur »Zweisamkeit« machen -solle: »Zehnmal täglich wünsche ich bei Ihnen, mit Ihnen zu sein.« -(Brief aus Basel, December 1878.) »Immer knüpfe ich im Geist meine -Zukunft mit der Ihrigen zusammen.« (Aus Genf, Mai 1879.) »Viele -Wünsche habe ich aufgeben müssen, aber noch niemals <span class="gesperrt">den</span>, mit Ihnen -zusammenzuleben,—mein »Garten Epikurs.«« (Aus Naumburg, den letzten -October 1879.)</p> - -<p>Die heftigen Schmerzen und Anfälle, unter denen Nietzsche litt, weckten -damals Todesgedanken in ihm, und diese geben einem jeden Wiedersehen -eine besonders tief empfundene Bedeutung. »Wie viel Freude haben Sie -min gemacht, mein lieber, ausserordentlich lieber Freund!« ruft er -nach einem solchen aus. »Also ich habe Sie noch einmal gesehen und so -gefunden, wie mein Herz mir die; Erinnerung bewahrt hatte; wie ein -beständiger, angenehmer Rausch wars, diese Tage hindurch. Ich gestehe -Ihnen, ich hoffe nicht mehr auf ein Wiedersehn, die Erschütterung -meiner Gesundheit ist zu tief, die Qual zu anhaltend, was nützt mir -alle Selbstüberwindung und Geduld! Ja, in Sorrentiner Zeiten gab es -noch zu hoffen, aber das ist vorbei. So preise ich denn, Sie gehabt zu -haben, mein herzlich geliebter Freund.«—</p> - -<p>Die beiden Freunde gelangten in diesen Jahren zu um so -übereinstimmenderen Ansichten, als ihre Studien vielfach gemeinsame -waren. Rée vermittelte Nietzsche meistens die Bücher, deren er -bedurfte, las dem Augenleidenden vor und lebte mit ihm in einem -ständigen, theils brieflichen, theils persönlichen Verkehr und -Gedankenaustausch.</p> - -<p>»Mein geliebter Freund!« schreibt Nietzsche nach einer -etwas länger währenden Trennung, »Für unser Zusammensein,— -falls ich dieses Glück doch noch erleben sollte, ist -viel in mir präparirt. Auch ein Kistchen Bücher steht -für jenen Augenblick bereit, Réealia betitelt, es sind -gute Sachen darunter, über die Sie sich freuen werden. -Können Sie mir ein lehrreiches Buch, womöglich englischer -Abkunft,<a name="FNAnker_7_21" id="FNAnker_7_21"></a><a href="#Fussnote_7_21" class="fnanchor">[7]</a> aber ins Deutsche übersetzt und mit mit gutem, -grossem Druck zusenden?—Ich lebe ganz ohne Bücher, als -Sieben-Achtel-Blinder, aber ich nehme gern die verbotene -Frucht aus Ihrer Hand.—Es lebe das <span class="gesperrt">Gewissen</span>, weil es -nun eine Historie haben wird und mein Freund an ihm zum -Historiker geworden ist! Glück und Heil auf Ihren Wegen. Von -Herzen Ihnen nahe</p> - -<p style="margin-left: 55%;">Ihr<br /> -<span style="margin-left: 5%;">Friedrich Nietzsche.</span></p> - - -<p>So schreibt er dem Freunde immer wieder, in verschiedenen Wendungen: -»Bei allem Guten, das Sie thun oder Vorhaben, wird auch für mich der -Tisch gedeckt und mein Appetit ist sehr lebendig nach <span class="gesperrt">Réealismus</span>, das -wissen Sie!«</p> - -<p>So wurde denn der Réealismus die ursprüngliche Form, in der Nietzsche -den philosophischen Realismus in sich aufnahm und den alten Idealismus -begrub. Schon das anonym erschienene kleine Erstlingswerk Rées (Berlin, -Carl Duncker, 1875), dessen »<span class="gesperrt">Psychologische Beobachtungen</span>«— -Sentenzen im Geist und Stil La Rochefoucaulds— schätzte Nietzsche -nicht nur, sondern er überschätzte es sogar, wie ein noch jetzt -erhaltener Brief an den Verfasser bekundet. Rées Lieblingsautoren -wurden nun auch die seinigen: die französischen Aphoristiker, die -La Rochefoucauld, La Bruyère, Vauvenargues, Chamfort, beeinflussten -um diese Zeit ausserordentlich Nietzsches Stil und Denken. Von den -philosophischen Schriftstellern Frankreichs bevorzugte er mit Rée, -Pascal und Voltaire, von den Novellisten Stendhal und Mérimée. Von -ungleich tieferer Bedeutung war jedoch für ihn Rées zweites Werk »<span class="gesperrt">Der -Ursprung der moralischen Empfindungen</span>« (Chemnitz, Ernst Schmeitzner, -1877)<a name="FNAnker_8_22" id="FNAnker_8_22"></a><a href="#Fussnote_8_22" class="fnanchor">[8]</a>, das für die nächste Zeit gewissermassen Nietzsches -positivistisches Glaubensbekenntnis bildete. Dadurch wurde er zu -den englischen Positivisten gefühlt, an die Rée sich angeschlossen -hatte, und die auch Nietzsche bald allen ähnlichen deutschen Werken -vorzog. Die Hauptanziehungskraft, die der Positivismus auf ihn -ausübte, lag vornehmlich in der Beantwortung jener einen Frage, die -Rée in seinem Buch behandelte, der Frage nach der Entstehung des -moralischen Phänomens. Für Rée fiel sie zusammen mit der Frage -<span class="gesperrt">nach den Gründen der Sanction</span> altruistischer Empfindungen; seine -Untersuchungen richteten sich hauptsächlich gegen die ethischen Systeme -der bisherigen Metaphysik. Da nun die Ethik Wagners und Schopenhauers -auf dem Altruismus und dessen metaphysischem Gefühlswerth fusst, so -musste Nietzsche gerade in Rées Buch die geeignetesten Waffen zu seinem -Kampf gegen die verlassene Weltanschauung finden. »Der Ursprung der -moralischen Empfindungen« wurde der eigentliche Gegenstand seiner -Forschung, und man kann sein Erstlingswerk kurz als den Versuch -bezeichnen, zur vollen Einsicht in die Nichtigkeit seiner ehemaligen -Ideale zu gelangen durch die Einsicht in ihre <span class="gesperrt">Entstehungsgeschichte</span>. -Auf diesem Wege wird sein gesammtes Philosophiren zu einer Analyse und -Geschichte menschlicher Vorurtheile und Irrthümer; der Metaphysiker -wird zum Psychologen und Historiker und stellt sich auf den Boden -eines nüchternen und consequenten Positivismus. Er schloss sich aufs -Engste der englischen positivistischen Schule an in ihrer bekannten -Zurückführung der moralischen Werthurtheile und Phänomene auf den -<span class="gesperrt">Nutzen</span>, die <span class="gesperrt">Gewohnheit</span> und das <span class="gesperrt">Vergessen</span> der ursprünglichen -Nützlichkeitsgründe; es bedarf daher keiner besonderen Erläuterung -seiner Theorien; es genügt auf die Richtung hinzuweisen, welcher er -sie entnahm. Man vergleiche Stellen wie die folgende in »Menschliches, -Allzumenschliches«: »Die Geschichte der ... moralischen Empfindungen -verläuft in folgenden Hauptphasen. Zuerst nennt man einzelne Handlungen -gut oder böse ohne alle Rücksicht auf deren Motive, sondern allein -der nützlichen oder schädlichen Folgen wegen. Bald aber vergisst man -die Herkunft dieser Bezeichnungen und wähnt, dass den Handlungen -an sich, ohne Rücksicht auf deren Folgen, die Eigenschaft »gut« -oder »böse« innewohne.« (I 39). »Wie wenig moralisch sähe die -Welt ohne die Vergesslichkeit aus! Ein Dichter könnte sagen, dass -Gott die Vergesslichkeit als Thürhüterin an die Tempelschwelle -der Menschenwürde hingelagert habe.« (I 92). Den Weg, auf dem die -sogenannte Moralität der Handlungen entstanden ist, kann man mit den -Worten bezeichnen:«—<span class="gesperrt">jetzt</span> aus Gewohnheit, Vererbung und Anerziehung, -<span class="gesperrt">ursprünglich</span>, weil (es)—<span class="gesperrt">nützlicher</span> und <span class="gesperrt">ehrebringender</span> ist.« -(II 26). Ferner, Der Wanderer und sein Schatten (40): »Die Bedeutung -des Vergessens in der moralischen Empfindung: Die selben Handlungen, -welche innerhalb der ursprünglichen Gesellschaft zuerst die Absicht auf -gemeinsamen <span class="gesperrt">Nutzen</span> eingab, sind später von anderen Generationen auf -andere Motive hin gethan worden: aus Furcht oder Ehrfurcht vor Denen, -die sie forderten und anempfablen, oder aus Gewohnheit, weil man sie -von Kindheit an um sich hatte thun sehen, oder aus Wohlwollen, weil -ihre Ausübung überall Freude und zustimmende Gesichter schuf, oder -aus Eitelkeit, weil sie gelobt wurden. Solche Handlungen, an denen -das Grundmotiv, das der Nützlichkeit, <span class="gesperrt">vergessen</span> worden ist, heissen -dann <span class="gesperrt">moralische</span>.« »Der Inhalt unseres Gewissens ist Alles, was in -den Jahren der Kindheit von uns ohne Grund regelmässig <span class="gesperrt">gefordert</span> -wurde« (52), indem dem einzelnen Menschen das, was in der Geschichte -der Menschheit in der bezeichneten Weise entstanden ist, überliefert -wird als eine Summe religiös sanctionirter und festgeprägter -Pflichtbegriffe. »Die Sitte respräsentirt die Erfahrungen früherer -Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche,—aber <span class="gesperrt">das -Gefühl für die Sitte</span> (Sittlichkeit) bezieht sich nicht auf jene -Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die -Indiscutabilität der Sitte.« (Morgenröthe 19).</p> - -<p>So zieht sich durch das ganze Werk hindurch, was schon der Titel -charakteristisch andeutet: die Gedankenarbeit der Zerstörung, die -rücksichtslose Blosslegung der »Allzumenschlichkeit« dessen, was bisher -heilig, ewig, übermenschlich hiess. Um zu sehen, mit welcher schroffen -Einseitigkeit und Uebertreibung sich Nietzsche hier gegen sich selbst -wandte, lohnt es die Mühe, seinen nunmehrigen Anschauungen in Bezug -auf diejenigen vier Punkte nachzugehen, die in seiner vorhergehenden -philosophischen Periode eine entgegengesetzte Deutung erfahren hatten: -in Bezug auf die Bedeutung des »Dionysischen«, des »Dekadenz-Begriffs«, -des »Unzeitgemässen«, und des »Geniecultus«. An Stelle des Dionysos -steht hier der früher so viel geschmähte Sokrates als Schirmherr und -Tempelhüter des neuen Wahrheitstempels da. »Wenn Alles gut geht, wird -die Zeit kommen, da man, um sich sittlich-vernünftig zu fördern, lieber -die Memorabilien des Sokrates in die Hand nimmt, als die Bibel, und -wo Montaigne und Horaz als Vorläufer und Wegweiser zum Verständniss -des einfachsten und unvergänglichsten Mittler-Weisen, des Sokrates, -benuzt werden. Zu ihm führen die Strassen der verschiedendsten -philosophischen Lebensweisen zurück, welche im Grunde die Lebensweisen -der verschiedenen Temperamente sind, festgestellt durch Vernunft -und Gewohnheit und allesammt mit ihrer Spitze hin nach der Freude -am Leben und am eignen Selbst gerichtet....« (Der Wanderer -und sein Schatten 86). Dieser Sieg des Sokratischen, der Vernunft -und weisen Leidenschaftslosigkeit, über das Dionysische, über die -Affectsteigerung und den selbstvergessenen Lebensrausch, gipfelt in -dem Satz, dass »der wissenschaftliche Mensch die Weiterentwickelung -des künstlerischen« (Menschliches, Allzumenschliches I 222), und -alles dessen sei, was auf dem Rausch anstatt auf der Einsicht beruht, -denn: »an sich ist ... der Künstler schon ein zurückbleibendes -Wesen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 159). Daher bedeutete für -Griechenland das Aufkommen des sokratischen Geistes einen <span class="gesperrt">ungeheuren -Fortschritt</span>. »Die Formen aus der Fremde entlehnen, nicht schaffen, -aber zum schönsten Schein umbilden—das ist griechisch: nachahmen, -nicht zum Gebrauch, sondern zur künstlerischen Täuschung,... ordnen, verschönern, verflachen—so geht es fort von Homer bis -zu den Sophisten des dritten und vierten Jahrhunderts der neuen -Zeitrechnung, welche ganz Aussenseite, pomphaftes Wort, begeisterte -Gebärde sind und sich an lauter ausgehöhlte, schein-, klang- und -effect-lüsterne Seelen wenden.—Und nun würdige man die Grösse jener -Ausnahme Griechen, welche die <span class="gesperrt">Wissenschaft</span> schufen. Wer von ihnen -erzählt, erzählt die heldenhafteste Geschichte des menschlichen -Geistes!« (Menschliches, Allzumenschliches II 221; Vergleiche auch -Morgenröthe 544 über das damalige »Jauchzen über die neue Erfindung -des <span class="gesperrt">vernünftigen</span> Denkens.») Die <span class="gesperrt">Abkunft alles Gefühlsmässigen</span> -von <span class="gesperrt">Urtheilen</span> und <span class="gesperrt">ursprünglichen Gedankenschlüssen</span> wird deshalb -Denen entgegengestellt, die dem Affectleben als dem höchsten Leben das -Wort reden. »—Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches, hinter -den Gefühlen stehen Urtheile und Werthschätzungen, welche in der Form -von Gefühlen uns vererbt sind. <span class="gesperrt">Die Inspiration, die aus dem Gefühle -stammt, ist das Enkelkind eines Urtheils—und oft eines falschen!—und -jedenfalls nicht deines eigenen! Seinem Gefühle vertrauen—das heisst -seinem Grossvater und seiner Grossmutter und deren Grosseltern -mehr gehöre hen als den Göttern, die in uns sind: unserer Vernunft -und unserer Erfahrung.</span>« (Morgenröthe 35). Die »edlen Schwärmer«, -welche die Unterordnung des Fühlens unter das vernünftige Denken zu -verhindern suchen, verführen dadurch zu einer »<span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit -des Intellectes.</span>« (Morgenröthe 543). »<span class="gesperrt">Diesen schwärmerischen -Trunkenbolden</span> verdankt die Menschheit viel Übles: ... Zu alledem -pflanzen jene Schwärmer mit allen ihren Kräften den Glauben <span class="gesperrt">an den -Rausch als an das Leben im Leben</span>: einen furchtbaren Glauben! <span class="gesperrt">Wie -die Wilden jetzt schnell durch das »Feuerwasser« verdorben werden und -zu Grunde gehen, so ist die Menschheit</span> ... <span class="gesperrt">langsam und gründlich -durch die geistigen Feuerwässer trunken machender Gefühle</span> ... <span class="gesperrt">verdorben worden:...</span>« (Morgenröthe 50) ... »daran denken sie -nicht, dass die <span class="gesperrt">Erkenntniss</span> auch der hässlichsten Wirklichkeit schön -ist,... Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt...; ... zwei so grundverschiedene Menschen, wie Plato und Aristoteles, -kamen in dem überein, was <span class="gesperrt">das höchste Glück</span> ausmache,...: sie -fanden es im <span class="gesperrt">Erkennen</span>, in der Thätigkeit eines wohlgeübten findenden -und erfindenden <span class="gesperrt">Verstandes</span> (<span class="gesperrt">nicht</span> etwa in der »Intuition,« <span class="gesperrt">nicht</span> -in der Vision, und ebenfalls <span class="gesperrt">nicht</span> im Schaffen,—)—« (Morgenröthe -550). Damit fällt der bisherige Genie-Cultus:<a name="FNAnker_9_23" id="FNAnker_9_23"></a><a href="#Fussnote_9_23" class="fnanchor">[9]</a> » Ach, um den -wohlfeilen Ruhm des »Genie's«! Wie schnell ist sein Thron errichtet, -seine Anbetung zum Brauch geworden! Immer noch liegt man vor der Kraft -auf den Knieen—nach alter <span class="gesperrt">Sclaven-Gewohnheit</span> —und doch ist, -wenn der Grad von <span class="gesperrt">Verehrungswürdigkeit</span> festgestellt werden soll, -nur <span class="gesperrt">der Grad der Vernunft in der Kraft</span> entscheidend. (Morgenröthe -548).—Es ist die Zeit angebrochen für die strengen und schlichten -Geister, die übermässige Verherrlichung der künstlerischen Genialität -steht der »fortschreitenden Vermännlichung der Menschheit« entgegen. -(Menschliches, Allzumenschliches I 147). Scheinbar kämpft das Genie -wohl für »die höhere Würde und Bedeutung des Menschen«, es »will sich -die glänzenden, tiefsinnigen Deutungen des Lebens durchaus nicht -nehmen lassen und wehrt sich gegen nüchterne, schlichte Methoden -und Resultate«, anstatt zurückzutreten gegenüber der höherstehenden -»wissenschaftlichen Hingebung an das Wahre in jeder Gestalt, erscheine -diese auch noch so schlicht«. (Menschliches, Allzumenschliches I 146). -Wenn man die sogenannte »Inspiration« untersucht, so zeigt sich, dass -nicht so sehr das Wunder einer zeugenden Phantasie, sondern ebenfalls -nur die »Urtheilskraft« sichtend, ordnend, wählend, das Kunstwerk -erzeugt,—»wie man jetzt aus den Notizbüchern Beethoven's ersieht, -dass er die herrlichsten Melodien allmählich zusammengetragen und aus -vielfachen Ansätzen gewissermaassen ausgelesen hat ... die -künstlerische Improvisation steht tief im Verhältniss zum ernst und -mühevoll erlesenen Kunstgedanken«. (Menschliches, Allzumenschliches -I 155) Daher ist Genie in viel höherem Grade <span class="gesperrt">erlernbar</span>, als meist -angenommen wird: »Redet nur nicht von Begabung, angeborenen Talenten! -Es sind grosse Männer aller Art zu nennen, welche wenig begabt waren. -Aber sie <span class="gesperrt">bekamen</span> Grösse, wurden »Genie's«,— — —: sie hatten Alle -jenen tüchtigen Handwerker-Ernst, welcher erst lernt, die Theile -vollkommen zu bilden, bis er es wagt, ein grosses Ganzes zu machen; -sie gaben sich Zeit dazu, weil sie mehr Lust am Gutmachen des Kleinen, -Nebensächlichen hatten, als an dem Effecte eines blendenden Ganzen.« -(Menschliches, Allzumenschliches I 163). Der Drang, das Wunder der -Genialität zu erklären und herabzusetzen, ist hier, wo es in Nietzsches -Gedanken dem Wagner-Wunder gilt, ebenso stark, wie später, in seiner -letzten Geistesperiode, der Drang, dem Genie—diesmal dem <span class="gesperrt">eigenen</span> -Genie—das Wort zu sprechen und es auf das höchste zu glorificiren. -Hier erscheint ihm sogar jede wahrhafte Grösse als ein Verhängniss, -weil sie »<span class="gesperrt">viele schwächere Kräfte</span> und <span class="gesperrt">Keime zu erdrücken</span>« sucht, -während es nur gerecht und wünschenswerth sei, dass nicht nur einzelne -Grosse leben, sondern dass ebenfalls den »<span class="gesperrt">schwächeren und zarteren -Naturen auch Luft und Licht gegönnt</span>« (Menschliches, Allzumenschliches -I 158) werde. »Das Vorurtheil zu Gunsten der Grösse: Die Menschen -überschätzen ersichtlich alles Grosse und Hervorstechende.... Die -extremen Naturen erregen viel zu sehr die Aufmerksamkeit; aber es ist -auch eine viel geringere Cultur nöthig, um von ihnen sich fesseln zu -lassen.« (Menschliches, Allzumenschliches I 260).</p> - -<p>Er findet nicht Worte genug, um den Hochmuth derer zu geissein, -die sich von der Allgemeinheit ausgenommen wissen wollen: »es ist -Phantasterei, von sich zu glauben, dass man eine Meile Wegs voraus -sei und dass die gesammte Menschheit <span class="gesperrt">unsere</span> Strasse ziehe. Man -soll der hochmüthigen Vereinsamung nicht so leicht das Wort reden« -(Menschliches, Allzumenschliches I 375). Denn diese Phantasterei -beruht meistens auf einer eitlen Selbsttäuschung über die Motive -unseres Thuns und Lassens; der wahre Denker weiss, dass eine so -starke Betonung der Rangunterschiede unter den Menschen unberechtigt -ist, und dass das Menschliche, selbst in seinen edelsten und höchsten -Regungen, noch ein »Allzumenschliches« bleibt. Kraft dieser Einsicht -ist er imstande, sich mit allen Uebrigen auf Eine Stufe zu stellen und -sich gerade dadurch denkend über sein eignes unzulängliches Wesen zu -erheben. »Vielleicht, dass es eine Zukunft giebt, wo dieser Muth des -Denkens so angewachsen sein wird, dass er als der äusserste Hochmuth -sich <span class="gesperrt">über</span> den Menschen und Dingen fühlt,—wo der Weise als der am -meisten Muthige <span class="gesperrt">sich selber</span> und das Dasein am meisten <span class="gesperrt">unter sich</span> -sieht?« (Morgenröthe 551). Deshalb besitzt der Weise die Neigung, -die menschlichen Handlungen auf ihre Allzumenschlichkeit zu prüfen: -»Man wird selten irren, wenn man extreme Handlungen auf Eitelkeit, -mittelmässige auf Gewöhnung und kleinliche auf Furcht zurückführt.« -(Menschliches, Allzumenschliches 174). Die Bedeutung der Eitelkeit als -eines Hauptmotivs der menschlichen Handlungen wird immer neu betont und -erwogen,—wie ihr auch in Rées Buch ein besonderes Capitel gewidmet -war. »Wer die Eitelkeit bei sich leugnet, besitzt sie gewöhnlich in so -brutaler Form, dass er instinctiv vor ihr das Auge schliesst, um sich -nicht verachten zu müssen.« (Menschliches, Allzumenschliches II 38). -»Wie arm wäre der menschliche Geist ohne die Eitelkeit!« (Menschliches, -Allzumenschliches I 79). Die Eitelkeit, das »menschliche Ding an sich.« -(Menschliches, Allzumenschliches II 46). »Die ärgste Pest könnte der -Menschheit nicht so schaden, als wenn eines Tages die Eitelkeit aus -ihr entschwände.« (Der Wanderer und sein Schatten 285). Denn auch -das, was wir uns gewöhnt haben, für Kraftgefühl und Machtbewusstsein -inneren höchsten Werthes anzusehen, ist meistens nur ein Ausfluss -der Eitelkeit, sich hervorzuthun. Der Mensch will für mehr gelten, -als er eigentlich seiner Kraft nach zu gelten berechtigt ist. »Er -merkt zeitig, dass nicht Das, was er <span class="gesperrt">ist</span>, sondern Das, was er gilt, -ihn trägt oder niederwirft: hier ist der Ursprung der <span class="gesperrt">Eitelkeit</span>.« -(Der Wanderer und sein Schatten 181. »Die Eitelkeit als die grosse -Nützlichkeit.«),—wo Nietzsche den <span class="gesperrt">Mächtigen</span> gleichsetzt mit dem -Eitlen, Listigen, Klugen, der die eigne Furchtsamkeit und Wehrlosigkeit -dadurch verbirgt, dass er sich Ansehen verschafft. Die einschlägigen -Aussprüche stehen im schärfsten Gegensatz zu seiner spätem -Anschauung der Sklaven- und Herrennaturen, sowie der ursprünglichen -Gemeinwesen. (Vergl. auch den Aphorismus »Eitelkeit als Nachtrieb des -ungesellschaftlichen Zustandes« in Der Wanderer und sein Schatten 31.) -Die Eitelkeit schwindet in dem Maasse, als sich der höher stehende -Mensch der Gleichheit oder doch der Aehnlichkeit menschlicher Motive -bewusst wird und sich selbst in der ihn allen Andern gleichstellenden -»Allzumenschlichkeit« seiner Triebe erkennt.</p> - -<p>Der einzige wahrhaft werthbestimmende Unterschied zwischen den Menschen -liegt ausschliesslich in der Art und dem Grade ihres intellectuellen -Vermögens; die Menschen <span class="gesperrt">veredeln</span> heisst demnach nichts anderes, als -<span class="gesperrt">Einsicht</span> unter sie tragen. Selbst das, was vom moralischen Standpunkt -aus als <span class="gesperrt">böse</span> bezeichnet wird, erweist sich meistens als bedingt durch -geistige Verkümmerung und Verrohung. »Viele Handlungen werden böse -genannt und sind nur dumm, weil der Grad der Intelligenz, welcher sich -für sie entschied, sehr niedrig war.« (Menschliches, Allzumenschliches -I 107). Die Unfähigkeit, den Schaden oder das Weh, welches man Andern -zufügt, richtig zu taxiren, lässt den sogenannten Verbrecher, den in -seiner Geistesentwickelung Zurückgebliebenen, als besonders grausam -und herzlos erscheinen. »Ob der Einzelne den Kampf um das Leben so -kämpft, dass die Menschen ihn <span class="gesperrt">gut</span>, oder so, dass sie ihn <span class="gesperrt">böse</span> -nennen, darüber entscheidet das Maass und die Beschaffenheit seines -Intellects.« (Menschliches. Allzumenschliches I 104). »Die Menschen, -welche jetzt grausam sind, müssen uns als Stufen <span class="gesperrt">früherer Culturen</span> -gelten,... Es sind <span class="gesperrt">zurückgebliebene</span> Menschen, deren Gehirn, durch -alle möglichen Zufälle im Verlaufe der Vererbung, nicht so zart und -vielseitig fortgebildet worden ist.« (Menschliches, Allzumenschliches I -43). Es sind die Menschen des Niedergangs. Je vorgeschrittener aber ein -Mensch, desto mehr verfeinert, mildert, ja verdünnt sich gewissermassen -die rohe Instinctkraft der ursprünglichen Leidenschaften, aus der noch -die Handlungen des Zurückgebliebenen quellen.—»Gute Handlungen sind -sublimirte böse; böse Handlungen sind vergröberte, verdummte, gute.... -Die Grade der Urtheilsfähigkeit entscheiden, wohin Jemand -sich ... hinziehen lässt.... Ja, in einem bestimmten Sinne -sind auch jetzt noch <span class="gesperrt">alle</span> Handlungen dumm, denn der höchste Grad von -menschlicher Intelligenz ... wird sicherlich noch überboten werden: -und dann ... wird der erste Versuch gemacht, ob die Menschheit aus -einer moralischen sich in eine <span class="gesperrt">weise Menschheit umwandeln könne</span>«. -(Menschliches, All-zurnenschliches I 107). Ihr Merkzeichen aber wird -sein, dass in den Menschen »der gewaltthätige Instinct schwächer«, -»die Gerechtigkeit in Allen grösser« wird, »Gewalt und Sclaverei« -aufhört. (Menschliches, Allzumenschliches I 452). Beneidenswerth -sind Diejenigen, in denen sich durch generationenlange Gewöhnung -ein milder, mitleidsvoller und liebevoller Sinn vererbt hat: »<span class="gesperrt">Die -Herkunft von guten Ahnen macht den ächten Geburtsadel aus; eine -einzige Unterbrechung in jener Kette, Ein böser Vorfallr also hebt -den Geburtsadel auf. Man soll Jeden, welcher von seinem Adel redet, -fragen: hast du keinen gewaltthätigen, habsüchtigen, ausschweifenden, -boshaften, grausamen Menschen unter deinen Vorfahren</span>? Kann er darauf -in gutem Wissen und Gewissen mit Nein antworten, so bewerbe man sich -um seine Freundschaft. (Menschliches, Allzumenschliches I 456). »Das -beste Mittel, jeden Tag gut zu beginnen, ist: beim Erwachen daran -zu denken, ob man nicht wenigstens einem Menschen an diesem Tage -eine Freude machen könne. Wenn dies als ein Ersatz für die religiöse -Gewöhnung gelten dürfte, so hätten die Menschen einen Vortheil bei -dieser Aenderung.« Und diese Verherrlichung der zarten und mitleidigen -Regungen auf Kosten nicht nur der brutalen Roheit, sondern auch der -begeisterten Leidenschaft des religiösen oder künstlerischen Rausches -klingt aus in der schönen Begründung der Religionslosigkeit: »Es ist -nicht genug Liebe und Güte in der Welt, um noch davon an eingebildete -Wesen wegschenken zu dürfen.« (Menschliches, Allzumenschlichen -1129).<a name="FNAnker_10_24" id="FNAnker_10_24"></a><a href="#Fussnote_10_24" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Wir werden später sehen, wie stark sich Nietzsches letzte Philosophie -gegen diese Auffassung der Mitleids Moral und der Abschwächung des -Instinctlebens richtet, Und wie ihm nur derjenige der höchststehende -Mensch heissen wird, der die ganze Fülle der leidenschaftlichen -Triebe und Instincte in sich birgt,—also der »böse« Mensch. Noch ist -ihm aber ausserhalb der Güte und Selbstlosigkeit kein Menschenwerth -denkbar, weil nur diese die Ueberwindung der thierischen Vergangenheit -darstellen.</p> - -<p>Deshalb sollte man den Weisen allein zugleich gut nennen, nicht -weil er anders geartet ist als der Unweise, sondern weil die -ursprüngliche menschliche Beschaffenheit in ihm vergeistigt und -dadurch »die Wildheit in seinen Anlagen besänftigt« worden ist -(Menschliches, Allzumenschliches I 56). »Die volle Entschiedenheit -des Denkens und Forschens, also die Freigeisterei, zur Eigenschaft -des Charakters geworden, macht im Handeln massig: denn sie schwächt -die Begehrlichkeit« (Ebendaselbst 464). »Dabei verschwindet immer -mehr ... die übermässige Erregbarkeit des Gemüthes. Er (der -Weise) geht zuletzt wie ein Naturforscher unter Pflanzen, so unter -Menschen herum und nimmt sich selber als ein Phänomen wahr, welches -nur seinen erkennenden Trieb stark anregt« (Ebendaselbst 254). Alle -menschliche Grösse beruht auf einer Verfeinerung des Instinctmässigen; -der höchste Mensch entsteht durch das Abstreifen des Thierischen, -als ein »Nicht-mehr-Thier«, rein negativ gedacht; er ist als das -»dialektische und vernünftige Wesen« das »Ueber-Thier« (Menschliches, -Allzumenschliches I 40), in dem sich »eine neue Gewohnheit, die des -Begreifens, Nicht-Liebens, Nicht-Hassens, Ueberschauens« allmählich -anpflanzen kann (Ebendaselbst 107).</p> - -<p>Ein »Ueber-Mensch« hingegen, als ein Wesen von <span class="gesperrt">positiven</span> neuen -und höheren Eigenschaften, galt Nietzsche damals als vollendete -Phantasterei und seine Erfindung als der stärkste Beweis menschlicher -Eitelkeit. »Es müsste geistigere Geschöpfe geben, als die Menschen -sind, blos um den Humor ganz auszukosten, der darin liegt, dass der -Mensch sich für den Zweck des ganzen Weltendaseins ansieht, und die -Menschheit sich ernstlich nur mit Aussicht auf eine Welt-Mission -zufrieden giebt« (Der Wanderer und sein Schatten 14). »Ehemals suchte -man zum Gefühl der Herrlichkeit des Menschen zu kommen, indem man auf -seine göttliche <span class="gesperrt">Abkunft</span> hinzeigte: diess ist jetzt ein verbotener -Weg geworden, denn an seiner Thür steht der Affe, nebst anderem -greulichen Gethier, und fletscht verständnissvoll die Zähne, wie um zu -sagen: nicht weiter in dieser Richtung! So versucht man es jetzt in -der entgegengesetzten Richtung: der Weg, <span class="gesperrt">wohin</span> die Menschheit geht, -soll zum Beweise ihrer Herrlichkeit ... dienen. Ach, auch damit -ist es Nichts!... Wie hoch die Menschheit sich entwickelt -haben möge—und vielleicht wird sie am Ende gar tiefer, als am Anfang -stehen!—es giebt für sie keinen Übergang in eine höhere Ordnung, -so wenig die Ameise und der Ohrwurm am Ende ihrer »Erdenbahn« zur -Gottverwandtschaft und Ewigkeit emporsteigen. Das Werden schleppt -das Gewesensein hinter sich her: warum sollte es von diesem ewigen -Schauspiele eine Ausnahme geben! Fort mit solchen Sentimentalitäten!« -(Morgenröthe 49). Vermöchte ein Mensch das Leben ganz zu erkennen, -so müsste er »am Werthe des Lebens verzweifeln; gelänge es ihm, das -Gesammtbewusstsein der Menschheit in sich zu fassen und zu empfinden, -er würde mit einem Fluche gegen das Dasein zusammenbrechen,—denn -die Menschheit hat im Ganzen <span class="gesperrt">keine</span> Ziele, folglich kann der -Mensch ... nicht darin seinen Trost und Halt finden, sondern seine -Verzweiflung« (Menschliches, Allzumenschliches I 33). Daher lautet -»der erste Grundsatz des neuen Lebens«: »man soll das Leben auf das -Sicherste, Beweisbarste hin einrichten: nicht wie bisher auf das -Entfernteste, Unbestimmteste, Horizont-Wolkenhafteste hin« (Der -Wanderer und sein Schatten 310). Man soll wieder »zum guten Nachbar -der nächsten Dinge« (Der Wanderer und sein Schatten 16) werden und, -anstatt im »Unzeitgemässen« der fernsten Vergangenheit und Zukunft zu -schwelgen, die höchsten Erkenntnissgedanken der eigenen Zeit in sich -verkörpern. Denn es ist der Menschheit nunmehr, anstelle all jener -phantastischen Ziele, »die Erkenntnis der Wahrheit als das einzige -ungeheure Ziel«' (Morgenröthe 45) vor Augen zu stellen. »Dem Lichte -zu—deine letzte Bewegung; ein Jauchzen der Erkenntniss—dein letzter -Laut« (Menschliches, Allzumenschliches I 292). Es ist möglich, dass -ein solcher überhandnehmender Intellectualismus ihr Glück und ihre -Lebensfähigkeit beeinträchtigt, dass er also in einem gewissen Sinne -ein »Decadenz-Symptom« ist,—aber hier deckt sich der Begriff der -Decadenz mit dem der edelsten Grösse: »Vielleicht selbst, dass die -Menschheit an dieser Leidenschaft der Erkenntniss zu Grunde geht!... -Sind die Liebe und der Tod nicht Geschwister?... wir wollen Alle -lieber den Untergang der Menschheit, als den Rückgang der Erkenntniss!« -(Morgenröthe 429). Ein solcher »Tragödien-Ausgang der Erkenntniss« -(Morgenröthe 45) wäre gerechtfertigt, denn für sie ist kein Opfer zu -gross: »Fiat veritas, pereatvita!« Dieses Wort fasste damals Nietzsches -Erkenntnissideal zusammen,— dasselbe Wort, gegen das er sich noch -kurz zuvor mit der grössten Erbitterung gewendet hatte, und das er nur -wenige Jahre später wieder ebenso heftig bekämpfen sollte, so dass die -<span class="gesperrt">Umkehrung</span> desselben als die Quintessenz sowohl seiner ursprünglichen -als auch seiner späteren Lehre gelten kann. Das <span class="gesperrt">Lebenwollen</span> um jeden -Preis, auch um den Preis der Lebenserkenntniss, —das ist die »neue -Lehre«, die Nietzsche später jener Lebensmüdigkeit entgegenstellte, -deren Einsicht in der Werthlosigkeit alles Geschaffenen gipfelt: »In -der Reife—des Lebens und des Verstandes überkommt den Menschen das -Gefühl, dass sein Vater Unrecht hatte, ihn zu zeugen« (Menschliches, -Allzumenschliches I 386); denn »Jeder Glaube an Werth und Würdigkeit -des Lebens beruht auf unreinem Denken« (Ebendaselbst 33).</p> - -<p>Verfolgt man Nietzsches Gedanken in dieser Gruppe von Werken, so -kann man deutlich herausempfinden, unter welchem inneren Zwange er -sie zu immer schroffem Consequenzen zuspitzte, und mit welchem Grade -von Selbstüberwindung dies jedesmal geschah. Aber gerade infolge des -<span class="gesperrt">Gegensatzes</span>, in dem diese Erkenntnissrichtung zu seinem innersten -Bedürfen und Verlangen stand, wurde die Erkenntniss der Wahrheit für -ihn zu einem <span class="gesperrt">Ideal</span>,—gewann sie für ihn die Bedeutung einer höheren, -von ihm selbst unterschiedenen, ihm schlechthin überlegenen Macht. Der -Zwang, dem er sich damit unterwarf, befähigte ihn ihr gegenüber zu -einem enthusiastischen,—fast <span class="gesperrt">religiösen</span> Verhalten und ermöglichte -ihm jene 'religiös motivirte <span class="gesperrt">Selbstspaltung</span>, deren Nietzsche -bedurfte,—jene Selbstspaltung, durch die der Erkennende auf sein -eigenes Wesen und dessen Regungen und Triebe herabblicken kann wie auf -ein <span class="gesperrt">zweites</span> Wesen. Indem er sich so gleichsam der Wahrheit als einer -Idealmacht <span class="gesperrt">opferte</span>, gelangte er zu einer Affect-Entladung religiöser -Art, die eine viel intensivere Gluth in ihm erzeugen musste, als sie -sich jemals an einer warmen, kampflosen Befriedigung seiner innern -Wünsche und Neigungen hätte entzünden können. So erscheint in dieser -Periode, paradox genug, sein ganzer Kampf <span class="gesperrt">wider den Rausch</span>, seine -ganze Verherrlichung der Affectlosigkeit lediglich als ein Versuch, -sich durch diese Selbstvergewaltigung zu berauschen.</p> - -<p>Daher vollzog er seine Wandlung in einem äussersten Extrem; ja man -könnte sagen: die Energie, mit welcher er sich zu einem lauten, -rückhaltlosen »Ja!« der neuen Denkweise gegenüber aufrafft, stelle nur -den Gewaltact eines »Nein!« dar, mit dem er seine eigne Natur und ihre -tiefsten Bedürfnisse zu unterjochen strebt. Jene »vorurteilslose Kälte -und Ruhe des Erkennenden«, sein Ideal in dieser Geistesperiode, begriff -für ihn eine Art sublimer Selbstfolterung in sich, und er ertrug sie -nur, indem er dabei die Leiden seines Seelenlebens entschlossen als -eine Krankheit auffasste, als eine von den »Krankheiten, in denen -Eisumschläge noth thun« (Menschliches, Allzumenschliches I 38),—und -auch wohl thun,—denn »die scharfe Kälte ist so gut ein Reizmittel als -ein hoher Wärmegrad«.</p> - -<p>Deshalb tritt seine Uebereinstimmung mit R<sup>e</sup>s Gedankenrichtung nirgends -so vollständig zu Tage als gerade in dem Erstlingswerk »Menschliches, -Allzumenschliches«, zu einer Zeit also, wo er am schwersten unter -seiner Trennung von Wagner und dessen Metaphysik litt. Daher Hess -er sich in seinem übertriebenen Intellectualismus vielfach von der -persönlichen Eigenart Rées leiten. Er formte sich auf Grund derselben -ein ganz bestimmtes Idealbild, das ihm zur Richtschnur diente: die -Ueberlegenheit des Denkers über den Menschen, die Nichtachtung aller -Schätzungen, welche dem Affectleben entspringen, die unbedingte und -rückhaltlose Hingabe an die wissenschaftliche Forschung erstand vor ihm -als ein <span class="gesperrt">neuer und höherer Typus des erkennenden Menschen</span> und verlieh -seiner Philosophie ihr eigenthümliches Gepräge.</p> - -<p>Im Bedürfniss, die rein wissenschaftlichen Gedanken, die er dem -Positivismus entnahm, in einer menschlichen Form verkörpert zu -denken, verfing er sich im Bild einer einzelnen, ganz bestimmten -Persönlichkeit, die ihm selbst durchaus entgegengesetzt war, und -marterte sich damit, die Züge dieses Bildes noch zu verschärfen. Dass -er immer wieder zu seiner Entwickelung der Selbstverneinung, zu seiner -Geistessteigerung der freiwilligen Schmerzen bedurfte, erklärt auch -hier den scheinbaren Widerspruch, dass er, um seine Selbständigkeit -aus dem Bannkreise Wagners und der Metaphysik zu retten, sich wieder -unter fremden Bann stellte, sein Selbst aufzugeben suchte. Denn weder -im Charakter der philosophischen Richtung noch in dem des persönlichen -Verhältnisses lag eine Veranlassung dazu; die Gründe blieben vielmehr -rein innerlicher Natur. Sie allein trieben ihn zum engen Anschluss an -einen Andern und dessen Gedanken; sietrieben ihn, gleichsam aus einem -»Collectivgeist« (Menschliches, Allzumenschliches I 180) heraus zu -denken und zu schaffen. In diesem Sinne konnte er bei Uebersendung -seines »Menschlichen, Allzumenschlichen« dem Freunde schreiben: »Ihnen -gehört's,—den Andern wird's geschenkt!« und gleich darauf hinzufügen: -»Alle meine Freunde sind jetzt einmüthig, dass mein Buch von Ihnen -geschrieben sei und herstamme: weshalb ich zu dieser neuen Vaterschaft -gratulire! Es lebe der Réealismus!«</p> - -<p>Es stellte sich eben zwischen den beiden Freunden eine eigenthümliche -Art der Ergänzung heraus, die derjenigen ganz entgegengesetzt war, -welche einst zwischen Nietzsche und Wagner bestanden hatte. Für -Wagner, als das Kunstgenie, musste Nietzsche der Denker und Erkennende -sein, der wissenschaftliche Vermittler der neuen Kunstcultur. Jetzt -hingegen war in Rée der Theoetiker gegeben, und Nietzsche ergänzte -ihn dadurch, dass er die praktischen Consequenzen der Theorien zog und -ihre innere Bedeutung für Cultur und Leben festzustellen suchte. An -diesem Punkt, bei der Frage nach dem Werth, schied sich die geistige -Eigenart der Freunde. So hörte der Eine da auf, wo der Andere anfing. -Rée, als Denker von schroffer Einseitigkeit, liess sich durch solche -Fragen nicht beeinflussen; ihm ging der künstlerische, philosophische, -religiöse Geistesreichthum Nietzsches ganz ab, dagegen war er von -Beiden der schärfere Kopf. Mit Staunen und Interesse sah er, wie -seiae fest und sauber gesponaenen Gedankenfäden sich unter Nietzsches -Zauberhänden in lebendige frischblühende Ranken verwandelten. Für -Nietzsches Werke ist es charakteristisch, dass selbst ihre Irrthümer -und Fehler noch eine Fülle von Anregung enthalten, die ihre allgemeine -Bedeutung erhöht, selbst wo jene ihren wissenschaftlichen Werth -verringern. Im Gegensatz dazu ist es für Rées Schriften bezeichnend, -dass sie mehr Mängel als Fehler besitzen; dies drückt wohl am klarsten -aus der Schlusssatz des kurzen Vorwortes zum »Ursprung der moralischen -Empfindungen«: »In dieser Schrift sind Lücken, aber Lücken sind -besser, als Lückenbüsser«! Nietzsches geniale Vielseitigkeit hingegen -erschliesst neue Einblicke gerade in Gebiete, zu denen der Logik der -Schlüssel fehlt, in denen diese sich gezwungen sieht, dem Wissen seine -Lücken zu lassen.</p> - -<p>Während für Nietzsche die leidenschaftliche Verschmelzung des -Gedankenlebens mit dem gesammten Innenleben charakteristisch war, -bildete einen Grundzug von Rées geistigem Wesen die schroffe und -bis zum Aeussersten gehende Scheidung von Denken und Empfinden. -Nietzsches Genialität entsprang dem lebensvollen Feuer hinter seinen -Gedanken, welches sie in einem so herrlichen Lichte ausstrablen -liess, wie sie es auf dem Wege der logischen Einsicht allein nicht -hätten gewinnen können; Rées Geistesstärke beruhte auf der kalten -Unbeeinflussbarkeit des Logischen durch das Psychische, auf der -Schärfe und klaren Strenge seines wissenschaftlichen Denkens. Seine -Gefahr lag in der Einseitigkeit und Abgeschlossenheit dieses Denkens, -in einem Mangel an jener weitgehenden und feinen Witterung, die mehr -Verständniss als Verstand verlangt; Nietzsches Gefahr lag gerade -in seiner unbegrenzten Anempfindungsfähigkeit und der Abhängigkeit -seiner Verständeseinsichten von allen Regungen und Erregungen seines -Gemüths. Selbst da, wo seine jeweilige Denkweise momentan mit geheimen -Wünschen und Herzenstrieben in Widerspruch zu gerathen schien, -schöpfte er doch seine höchste Erkenntnisskraft aus dem wilden Kampf -und Widerstreit mit solchen Wünschen und Trieben. Rées Geistesart -hingegen schien selbst dann noch jede Betheiligung des Gemüthslebens an -Erkenntnissfragen auszuschliessen, wenn einmal das Erkenntnissresultat -seinem individuellen Empfinden entsprach. Denn der Denker in ihm -blickte überlegen und fremd auf den Menschen in ihm herab und saugte -demselben dadurch gewissermaassen einen Theil seiner Energie aus, -und mit der Energie den Egoismus. An dessen Stelle gab es in diesem -Charakter nichts als eine tiefe, lautere, unbegrenzte Güte des Wesens, -deren Aeusserungen in einem interessanten und ergreifenden Gegensatz -standen zu der kalten Nüchternheit und Härte seines Denkens. Nietzsche -aber besass umgekehrt jene hochfliegende Selbstliebe, die sich selbst -so lange in ihre Erkenntnissideale hinein verlegt, bis sie sich fast -mit ihnen verwechselt und der Welt mit der Begeisterung des Apostels -und Bekehrers gegenübertritt.</p> - -<p>So lag hinter aller theoretischen Uebereinstimmung der Freunde eine -um so tiefere Verschiedenheit des Empfindens unter der Gedankenhülle -verborgen. Was durchaus der natürliche Ausdruck der geistigen Eigenart -des Einen war, war für den Andern der volle Gegensatz der seinigen; -aber eben darum Beiden dasselbe Ideal. Nietzsche schätzte und -überschätzte an Rée, was ihm selbst am schwersten fiel, weil eben für -ihn in einem solchen Selbstzwang wieder die innere Bedeutung seiner -Wandlung lag: »Mein lieber Freund und Vollender!« nennt er ihn deshalb -in einem Briefe, »wie sollte ich es auch aushalten, ohne von Zeit zu -Zeit meine eigene Natur gleichsam in einem gereinigten Metall und -in einer erhöhtem Form zu sehen,—ich, der ich selber Bruchstück ... -bin und durch selten, selten gute Minuten in das bessere Land -hinausschaue, wo die ganzen und vollständigen Naturen wandeln!«</p> - -<p>Aber diese von sich selbst absehende Hingebung ist nur der Weg, auf -dem er sich innerhalb einer neuen Weltanschauung zu einem eigenen -neuen Selbst durchringt; es ist nur der leidende Zustand, in dem er -den aufgenommenen fremden Geistessamen zu seinem eignen lebensvollen -Originalgeist umschafft und ausgestaltet. Es sind wie immer die -Geburtswehen, die seine neue Schöpfung begleiten und es ihm verbürgen, -dass er sich mit; seinem ganzen Wesen und allen seinen Kräften in ihr; -ausleben und erneuern wird.</p> - -<p>Die Geschichte also, wie Nietzsche sich in dieser Wandlung entwickelt -und sie wieder verlässt, ist wesentlich eine Geschichte seines -innern Erlebens, seiner Seelenkämpfe. In den hierhergehörigen -Werken,—von seinem Erstgeborenen und Schmerzenskinde »Menschliches, -Allzumenschliches« an, bis hinein in die tiefbewegte freudige Stimmung -der »Fröhlichen Wissenschaft«, die gewissermassen schon der folgenden -Geistesperiode angehört, liegt diese Entwicklung vor uns ausgebreitet. -In ihnen allen hat er in einer Reihe von Aphorismensammlungen das »Bild -und Ideal des Freigeistes« aufrichten wollen, des freien Geistes in -seinen Gedanken über alle Gebiete des Wissens und des Lebens und noch -mehr in der Fülle seiner Gedankenerlebnisse selbst. Die Grundstimmung, -aus der ein jedes dieser Bücher hervorgegangen ist, prägt sich -jedesmal als das eigentlich Charakteristische an demselben schon im -Titel aus. Niemals sind Nietzsches Titel zufällig, indifferent oder -abstractem Stoff entnommen, sie sind ganz und gar Bilder innerer -Vorgänge, ganz und gar Symbole. So fasste er auch den Grundinhalt -seiner einsamen Denkerexistenz am Schluss der Siebzigerjahre in -wenigen Worten zusammen, als er auf das Titelblatt des zweiten Werkes -schrieb: »Der Wanderer und sein Schatten« (Chemnitz 1880, Ernst -Schmeitzner). Aus der Hitze der ersten, leidenschaftlichen Kämpfe ist -er hier in die Einsamkeit seiner selbst eingekehrt; aus dem Krieger -wurde ein Wanderer, der statt feindseliger Angriffe auf die verlassene -Geistesheimath nunmehr das Land seiner freiwilligen Verbannung danach -durchforscht, ob der steinige Boden sich nicht anbauen lasse, ob nicht -auch er irgendwo seine fette Erdkrume besitze. Der laute Zwiespalt -mit dem Gegner hat sich in die Stille eines Zwiegesprächs mit sich -selbst aufgelöst: der Einsame hört seinen eigenen Gedanken zu wie -einer mehrstimmigen Unterhaltung, er lebt in ihrer Gesellschaft wie -unter ihrem ihn überall hin begleitenden Schatten. Noch erscheinen -sie ihm düster, einförmig und gespenstisch, ja, so hoch und drohend -emporgewachsen, wie es Schattengebilde nur sind, wenn die Sonne im -Untergang steht. Aber nicht lange mehr, denn seine Nähe streift ihnen -allmählich alles Schattenhafte ab: was Gedanke war und farblose -Theorie, das erhält Klang und Blick, Gestalt und Leben. Ist dies -doch der innere Process seiner Aneignung und Umschaffung des Neuen -und Ungewohnten: dass er ihm Leben einhaucht, dass er ihm zu voller -Lebensfülle verhilft. Man möchte sagen: Nietzsche wählt sich die -düstersten Gedankenschatten aus, um sie mit seinem eigenen Blut zu -nähren, um sie, sei es auch unter Wunden und Verlusten, zuletzt dennoch -zu seinem eigenen lebendigen Selbst verwandelt zu sehen, zu seinem -Doppel-Selbst.</p> - -<p>In dem Maasse als die Gedanken, mit denen er sich umgiebt, von dem -ganzen Reichthum seines Wesens in sich aufnehmen, in dem Maasse als -sie sich langsam mit der ganzen wunderbaren Kraft und Gluth desselben -sättigen, wird die Stimmung immer gehobener und getroster. Man fühlt: -hier geht Nietzsche Schritt um Schritt den Weg zu sich selbst, beginnt -heimisch zu werden in seiner neuen »Haut«, beginnt sich in seiner -Eigenart auszuleben, ihm ist wie einem Wanderer, der nach harter -Mühsal endlich nach Hause kommt. Er will nicht mehr dasselbe Ziel des -Denkens erreichen, wie sein Genosse Paul Rée, er will <span class="gesperrt">das Seine</span>: -dies hört man sogar schon aus Briefen heraus, in denen er immer noch -den Theoretiker bewundert: »Immer mehr bewundere ich übrigens, wie gut -gewappnet Ihre Darstellung nach der logischen Seite ist. Ja, so etwas -kann ich nicht machen; höchstens ein bischen seufzen oder singen,—aber -beweisen, dass es Einem wohl im Kopfe wird, das können Sie, und daran -ist hundertmal mehr gelegen.«</p> - -<p>In solchem »Singen und Seufzen« hatte sich gerade die eigene Genialität -seinem Bewusstsein aufgedrängt, als die Gabe zu den herrlichsten -Klagegesängen und Siegeshymnen, die jemals eine Gedankenschlacht -begleiteten, als die Schöpfergabe, auch noch den nüchternsten, den -hässlichsten Gedanken in innere Musik umzusetzen. Lebte doch der -Musiker in ihm sich nicht mehr auf eigene Kosten aus, er ging mit auf, -ein Einzelton, in der neuen grossen Melodie des Ganzen.</p> - -<p>Und dies giebt in der That seinen Werken und Gedanken zu dieser Zeit -noch eine ganz besondere Bedeutung: die neue Einheitlichkeit, die -sein Wesen dadurch gewonnen hat, dass alle seine Triebe und Talente -allmählich dem einen grossen Ziele des Erkennens dienstbar gemacht -worden sind. Der Künstler, der Dichter, der Musiker Nietzsche, anfangs -gewaltsam zurückgedrängt und unterdrückt, beginnt wieder sich Gehör -zu verschaffen, aber unterthan dem Denker in ihm und dessen Zielen;— -—dies hat ihn dazu befähigt, von seinen neuen Wahrheiten in einer -Weise zu »singen und zu seufzen« die ihn zum ersten Stilisten der -Gegenwart erhoben haben.<a name="FNAnker_11_25" id="FNAnker_11_25"></a><a href="#Fussnote_11_25" class="fnanchor">[11]</a> Seinen Stil auf Ursachen und Bedingungen -hin prüfen ist daher mehr, als die blosse Ausdrucksform seiner Gedanken -untersuchen: es bedeutet, Nietzsche in seinem innersten Grundwesen -belauschen. Denn der Stil dieser Werke ist entstanden durch die -opferwillige und begeisterte Verschwendung grosser künstlerischer -Talente zu Gunsten des strengen Erkennens,—durch das Bestreben, <span class="gesperrt">nur</span> -dieses strenge Erkennen und nichts als dieses auszusprechen, aber -nicht in abstracter Allgemeinheit, sondern in individualisirtester -Nüancirung,—so wie es sich in allen Regungen einer ergriffenen und -erschütterten Seele wiederspiegelt. Die lebendigste Innerlichkeit und -Fülle hatte Nietzsche schon in den Werken seiner ersten Geistesperiode -in vollendete Form zu giessen verstanden,—aber erst jetzt lernte er, -sie mit der Schärfe und Kälte nüchternen Denkens zu verbinden: wie ein -goldener Ring umschliesst dieses die Lebensfülle in einem jeden seiner -Aphorismen und verleiht ihnen gerade hierdurch ihren eigenthümlichen -Zauber. So schuf Nietzsche gewissermaassen einen <span class="gesperrt">neuen Stil</span> in der -Philosophie, die bis dahin nur den Ton des Wissenschafters oder die -dichterische Rede des Enthusiasten vernommen hatte: er schuf den Stil -des <span class="gesperrt">Charakteristischen</span>, der den Gedanken nicht nur als solchen, -sondern mit dem ganzen Stimmungsreichthum seiner seelischen Resonanz -ausspricht, mit all den feinen und geheimen Gefühlsbeziehungen, die ein -Wort, ein Gedanke weckt. Durch diese Eigenart meistert Nietzsche nicht -nur die Sprache, sondern hebt zugleich über die Grenze sprachlicher -Unzulänglichkeit hinaus, indem er durch die Stimmung miterklingen -lässt, was sonst im Worte stumm bleibt.</p> - -<p>In keines Andern Geist aber konnte das bloss Gedachte so völlig zu -etwas wirklich Erlebtem werden, wie in Nietzsches Geist, denn keines -Andern Leben ging je so völlig darin auf, mit dem ganzen innern -Menschen am Denken schöpferisch zu werden. Seine Gedanken hoben sich -nicht, wie es gewöhnlich der Fall ist, vom wirklichen Leben und dessen -Ereignissen <span class="gesperrt">ab</span>: sie <span class="gesperrt">machten</span> vielmehr das eigentliche und einzige -Lebensereigniss dieses Einsamen <span class="gesperrt">aus</span>. Und dem gegenüber erschien ihm -auch der lebensvollste Ausdruck, den er für sie fand, noch blass und -leblos: »Ach, was seid ihr doch, ihr meine geschriebenen und gemalten -Gedanken!« so klagt er in dem schönen Schluss-Aphorismus von -»Jenseits von Gut und Böse« (296). »Es ist nicht lange her, da wart ihr -noch so bunt, jung und boshaft, voller Stacheln und geheimer Würzen, -dass ihr mich niesen und lachen machtet—und jetzt?... Welche -Sachen schreiben und malen wir denn ab, wir Mandarinen mit chinesischem -Pinsel, wir Verewiger der Dinge, welche sich schreiben <span class="gesperrt">lassen</span>, was -vermögen wir denn allein abzumalen? Ach, immer nur Das, was eben welk -werden will und anfängt, sich zu verriechen! Ach, immer nur abziehende -und erschöpfte Gewitter und gelbe späte Gefühle! Ach, immer nur Vogel, -die sich müde flogen und verflogen und sich nun mit der Hand haschen -lassen,—mit <span class="gesperrt">unserer</span> Hand!—Und nur euer <span class="gesperrt">Nachmittag</span> ist es, ihr -meine geschriebenen und gemalten Gedanken, für den allein ich Farben -habe, viel Farben vielleicht, viel bunte Zärtlichkeiten und fünfzig -Gelbs und Brauns und Grüns und Roths:—aber Niemand erräth mir daraus, -wie ihr in eurem Morgen aussahet, ihr plötzlichen Funken und Wunder -meiner Einsamkeit, ihr meine alten, geliebten ... <span class="gesperrt">schlimmen</span> Gedanken!«</p> - -<p>Es gehört ganz wesentlich dazu, dass man sich Nietzsche bei -seinen stillen und einsamen Wanderungen vorstelle, ein paar -Aphorismen mit sich herumtragend als das Resultat langer stummer -Selbstunterhaltung,—nicht über den Schreibtisch gebückt, nicht mit der -Feder in der Hand:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Ich schreib nicht mit der Hand allein:<br /> -Der Fuss will stets mit Schreiber sein.«<br /> -</p> - -<p>singt er in der Fröhlichen Wissenschaft (Scherz, List und Rache 52). -Gebirge und Meer umgeben ihn bei seinen Gedanken-Wandelungen als der -wirkungsvolle Hintergrund für die Gestalt dieses Einsamen. Am Hafen -von Genua träumte er seine Träume, sah eine neue Welt am verhüllten -Horizont empordämmern in der Morgenröthe und fand das Wort seines -Zarathustra (II 5): »— —aus dem Überflüsse heraus ist es schön -hinaus zu blicken auf ferne Meere.« Im Engadiner Gebirge aber erkannte -er sich selbst wie in einer Wiederspiegelung von Kälte und Gluth, -aus deren Mischung alle seine Kämpfe und Wandlungen hervorgegangen -waren. »In mancher Natur-Gegend entdecken wir uns selber wieder, mit -angenehmem Grausen; es ist die schönste Doppelgängerei,« sagt er davon -(Der Wanderer und sein Schatten 338), »... in dem gesammten ... Charakter dieser Hochebene, welche sich ohne Furcht neben die -Schrecknisse des ewigen Schnees hingelagert hat, hier, wo Italien -und Finnland zum Bunde zusammengekommen sind und die Heimath aller -silbernen Farbentöne der Natur zu sein scheint: Von diesem Ort mit -seinen »kleinen, abgelegenen Seen,« aus denen ihn »die Einsamkeit -selber mit ihren Augen anzusehen schien,« sagt er auch in einem Briefe: -»Seine Natur ist der meinigen verwandt, wir wundem uns nicht über -einander, sondern sind vertraulich zusammen.«</p> - -<p>Aeusserlich betrachtet, hatte ihn allerdings sein Kopf- und Augenleiden -gezwungen, rein aphoristisch zu arbeiten, aber auch seiner geistigen -Eigenart entsprach es immer mehr, seine Gedanken nicht in der -fortlaufenden Kette vor sich zu sehen, wie man sie, systematisch -arbeitend, auf dem Papier fixirt, sondern ihnen zuzuhören wie in einem -Gespräch zu Zweien, einem immer wieder abgebrochenen und immer wieder -aufgenommenen, von Einzelheiten ausgehenden Dialog,—der seinen »Ohren -für Unerhörtes« (Also sprach Zarathustra I 25), vernehmbar wurde gleich -gesprochenem Wort.</p> - -<p>»Schreiben kann ich nicht, obschon ich es herzlich gern thun möchte,« -schreibt er auf einer Postkarte (Januar 1881 aus Italien). »Ach, die -<span class="gesperrt">Augen</span>! Ich weiss mir damit gar nicht mehr zu helfen, sie halten mich -förmlich <span class="gesperrt">mit Gewalt ferne</span> von der Wissenschaft—und was habe ich -ausserdem! Nun, die Ohren! könnte man sagen.« Aber mit diesem Lauschen -und Horchen nahm er es sehr genau, und es giebt keinen Satz in seinen -Büchern, auf den nicht Anwendung findet, was er einmal in einem seiner -Briefe schreibt: »Ich bin immer von sehr feinen Sprachdingen occupirt; -die letzte Entscheidung über den Text zwingt zum scrupulösesten »Hören« -von Wort und Satz. Die Bildhauer nennen diese letzte Arbeit: ad unguem.«</p> - -<p>Als Nietzsche im Jahre 1881 sein drittes Werk auf positivistischer -Grundlage, die »<span class="gesperrt">Morgenröthe</span>« (Chemnitz 1881, Ernst Schmeitzner), -vollendete, da war in ihm der Process einer Verlebendigung und -Individualisirung der aufgenommenen Theorien schon vollkommen -zum Abschluss gelangt Dieses Werk und in ebenso hohem Grade das -nächstfolgende erscheinen mir daher als die bedeutendsten und -gehaltvollsten seiner mittleren Geistesperiode. Denn in ihnen ist -es ihm gelungen, praktisch den übertriebenen Intellektualismus zu -überwinden, dem er sich in »Menschliches, Allzumenschliches« noch -ohne Weiteres in freiwilliger Selbstmarterung unterworfen hatte,—es -ist ihm gelungen, denselben innerlich und individuell zu ergänzen -und menschlich zu vertiefen, ohne die wissenschaftliche Grundlage, -auf die er sich gestellt hatte, unter den Füssen zu verlieren,—ohne -die Strenge der Erkenntnissmethode zu lockern, mit der er seinen -Problemen nachging. Nietzsches eigene Natur hatte ihm geholfen, -die Einseitigkeiten und Härten seiner praktischen Philosophie zu -widerlegen, und einen lebensvolleren Typus des Erkennenden aus -den Gedankenkämpfen der letzten Jahre herauszugestalten. Denn die -Unterordnung des Affektlebens unter das Denken hatte sich, wie wir -sahen, in Nietzsche vermöge einer so gewaltigen inneren Hingebung an -das Wahrheitsideal vollzogen, dass gerade dadurch ihm die <span class="gesperrt">Bedeutung -des Affectlebens für das Denken aufgehen musste</span>. Unmerklich verschob -sich ihm damit der Hauptaccent von dem rein intellectuellen Vorgang -auf die Macht des Gefühls, die sich in den Dienst auch noch der -nüchternsten und hässlichsten Wahrheiten zu stellen vermag, bloss weil -sie <span class="gesperrt">Wahrheiten</span> sind. So beginnt denn schon wieder an Stelle der -Verstandeskraft die Seelenkraft zu dem zu werden, was den Rang des -Denkers als Menschen bestimmt. Und es ist leicht zu sehen, wie auf -diesem Wege allmählich der Werth einer ganz neuen Denkweise Nietzsche -aufgehen musste,—einer allem Verstandesmässigen überhaupt abholden -Philosophie.</p> - -<p>In keinem seiner Bücher lassen sich so sehr wie in der »Morgenröthe« -die feinen Uebergänge und Gedankenverbindungen nachweisen, die von -seiner positivistischen Geistesperiode in die darauf folgende einer -mystischen Willensphilosophie hinüberleiten. Der <span class="gesperrt">Uebergang</span> von -einem Alten zu einem Neuen macht, ähnlich wie im »Menschlichen, -Allzumenschlichen«, den hohen Reiz und Werth des Buches aus. Aber -in ganz entgegengesetzter Weise wie dort, wo wir <span class="gesperrt">theoretisch</span> der -vollendeten Thatsache eines Gesinnungswechsels gegenüberstehen, in den -sich das leidende Gefühl erst allmählich hineinzufinden sucht. Hier -dagegen wird jede Möglichkeit einer <span class="gesperrt">Theorien-Aenderung</span> noch mit -Heftigkeit zurückgewiesen als »Versuchungen des wissenschaftlichen -Menschen«, während die Seele schon begehrlich und tastend ihre -Fühlhörner immer wieder nach dem Verbotenen ausstreckt, wie sehr -der Verstand es ihr auch verwehrt. So sind es Aeusserungen leisen -Schwankens, einzelne Ausbrüche tief erregten Seelenlebens, denen wir -ahnungsvoll das Zukünftige entnehmen, weil sie in diesem Gemüthszustand -eine ungewollte Naivetät und Unmittelbarkeit besitzen, die Nietzsche -sonst vollständig abgeht. Hier <span class="gesperrt">verräth</span> er sich fortwährend, ohne -es zu ahnen, indem er den Anlass zu jeder »Versuchung« prüft und -tadelt,—er entblösst das Geheime und Verborgene seines Innenlebens, -sodass wir zu sehen glauben, wie sein vergangenes und sein zukünftiges -Selbst mit einander hinter dem Rücken der scheinbar unangetasteten -Verstandesphilosophie das Bekenntniss heimlichen Höffens und Verlangens -austauschen. In der Auflehnung gegen dieses heimliche Hoffen und -Verlangen ruft er sich in dem Aphorismus »Nicht die Leidenschaft zum -Argument der Wahrheit machen!« (Morgenröthe 543) die Worte zu: »Oh, -ihr ... edlen Schwärmer, ich kenne euch!... Bis zum Hass -gegen die Kritik, die Wissenschaft, die Vernunft treibt ihr es!... -Farbige Bilder, wo Vernunftgründe noth thäten! Gluth und Macht -der Ausdrücke!... Ihr versteht euch darauf, zu beleuchten und zu -verdunkeln, und mit Licht zu verdunkeln!... Wie dürstet ihr -darnach, Menschen in diesem Zustande—es ist der der <span class="gesperrt">Lasterhaftigkeit -des Intellectes</span>—zu finden und an ihrem Brande eure Flammen zu -entzünden!...« Erst in Nietzsches letzter Philosophie begreift -man ganz, wie sehr er selbst es ist, an den er die Mahnung richtet: -»Nichts wäre verkehrter, als abwarten wollen, was die Wissenschaft über -die ersten und letzten Dinge einmal endgültig feststellen wird,... -Der Trieb, auf diesem Gebiete durchaus <span class="gesperrt">nur Sicherheiten</span> haben -zu wollen, ist ein <span class="gesperrt">religiöser Nachtrieb</span>, nichts Besseres,—« (Der -Wanderer und sein Schatten 16).</p> - -<p>Aber inmitten zahlreicher derartiger Auflehnungen gegen sich selbst, -bricht dann auch vereinzelt der Ueberdruss durch an der strengen -Selbstbescheidung des Verstandes-Erkennens und an—»der Tyrannei -des Wahren«:—»ich wüsste nicht, warum die Alleinherrschaft und -Allmacht der Wahrheit zu wünschen wäre;... muss sich -von ihr im Unwahren ab und zu <span class="gesperrt">erholen</span> können,—sonst wird sie uns -langweilig,—« (Morgenröthe 507). Und sehnsüchtig ruft er sogar den -von ihm geschmähten Künstlern zu: »Oh, wollten doch die Dichter wieder -werden, was sie einstmals gewesen sein sollen:—<span class="gesperrt">Seher</span>, die uns Etwas -von dem <span class="gesperrt">Möglichen</span> erzählen! Wollten sie uns von den <span class="gesperrt">zukünftigen -Tugenden</span> etwas vorausempfinden lassen! Oder von Tugenden, die nie auf -Erden sein werden, obschon sie irgendwo in der Welt sein könnten,—von -purpurnglühenden Sternbildern und ganzen Milchstrassen des Schönen! Wo -seid ihr, ihr Astronomen des Ideals?« (Morgenröthe 551).</p> - -<p>So sehen wir in der »Morgenröthe« nicht nur, wie er gegen die heimlich -in ihm aufsteigenden Gelüste ankämpft, sondern wie er ihnen auch -schon nachgiebt, in der hingegebenen Sehnsucht nach etwas Neuem, in -der Ahnung eines vor ihm aufsteigenden Erkerintnisszieles. Beides -ist in charakteristischer Weise mit einander vermischt, insofern ja -die höchste Gluth der Seele, die Nietzsche für ein Erkenntnissideal -aufwendet, bei ihm stets den bereits beginnenden Niedergang desselben -Ideals anzeigt, dem er sich zur Zeit der Unbeirrtesten Ueberzeugung -von dessen Wahrheit und Nothwendigkeit nur mit Widerstreben gefügt -hatte. Dies ist die »Sonnenbahn der Idee«, wie er sie selbst auf Grund -eigener Erfahrung geschildert hat: »Wenn eine Idee am Horizonte eben -aufgeht, ist gewöhnlich die Temperatur der Seele dabei sehr kalt. -Erst allmählich entwickelt die Idee ihre Wärme, und am heissesten ist -diese ..., wenn der Glaube an die Idee schon wieder im Sinken ist.« -(Der Wanderer und sein Schatten 207.) Sich selbst aber charakterisirt -er in derselben Schrift (331) mit den Worten: »Jene Personen, welche -langsam beginnen und schwer in einer Sache heimisch werden, haben -nachher mitunter die Eigenschaft der stätigen Beschleunigung,—sodass -zuletzt Niemand weiss, wohin der Strom sie noch reissen kann.«</p> - -<p>Die Macht der langsam und schwer, aber um so verhängnissvoller und -unwiderstehlicher entzündeten Innerlichkeit,—diese überschäumende -Fülle, musste ihn schliesslich dem Positivismus entfremden und zu neuen -Gedankenfernen führen. Schon sieht er im vollsten Gegensatz zur früher -verherrlichten »Affectlosigkeit« sein Ideal darin, dass der Erkennende -»der Mensch Eines hohen Gefühls, die Verkörperung einer einzigen -grossen Stimmung« sei; es soll ihm »eben Das der gewöhnliche Zustand« -sein, »was bisher als die mit Schauder empfundene Ausnahme hier und da -einmal in unseren Seelen eintrat: eine fortwährende Bewegung zwischen -hoch und tief und das Gefühl von hoch und tief, ein beständiges -Wie-auf-Treppen-steigen und zugleich Wie-auf-Wolken-ruhen«. (Fröhliche -Wissenschaft 288.) Vor einem solchen »Erkennenden« steht jetzt als -Lockung" was ihm ehemals als Gefahr galt: »Einmal den Boden verlieren! -Schweben! Irren! Toll sein!« (Fröhliche Wissenschaft 46.) Und in der -»Morgenröthe« (271) heisst es unter der Ueberschrift »Feststimmung«: -»Gerade für jene Menschen, welche am hitzigsten nach Macht streben, ist -es unbeschreiblich angenehm, sich <span class="gesperrt">überwältigt</span> zu fühlen! Plötzlich -und tief in ein Gefühl, wie in einen Strudel hinabzusinken! Sich die -Zügel aus der Hand reissen zu lassen, und einer Bewegung wer weiss -wohin? zuzusehen!«</p> - -<p>In einer solchen Feststimmung des Ueberflusses und Ueberschusses, -langsam aus den nüchternsten Erkenntnissen herausgeschöpft und -angesammelt,—in einem solchen Zauber der Ausspannung und Erholung -nach langem Arbeitstag, gleitet Nietzsche in eine Welt der Mystik -hinein. In einer solchen Selbstüberwältigung besiegt der eigene -Sieg den Sieger. Es ist das »<span class="gesperrt">Glück des Gegensatzes</span>«, das er darin -sucht, des Gegensatzes zum Kühlen, Strengen, Verstandesmässigen der -positivistischen Denkweise: die Erkenntniss neu gegründet auf die -begeisterten Eingebungen des Gefühls, des Affectlebens, und unterthan -gemacht dem Schaffensdrang des Willens.</p> - -<p>Diese »Morgenröthe« ist kein blasses, kaltes, rückwärts leuchtendes -Aufklärungslicht mehr,—hinter ihr erhebt sich schon eine wärmende, -lebenzeugende Sonne, und während er selbst noch im grauen Zwielicht -der Dämmerung dasteht, sind seine Augen schon sehnsüchtig auf diesen -hellen verheissenden Schein am Horizont gerichtet. »Es gibt so viele -Morgenröthen, die noch nicht geleuchtet haben!« schrieb er mit den -Worten des Rig-veda als Motto auf das Titelblatt, ohne dass er noch -zu glauben wagte, er selbst sei berufen, ein solches Leuchten am -Himmel der Erkenntniss zu entzünden, Das Buch enthält »Gedanken über -die moralischen Vorurtheile«, wie dem Titel ergänzend beigefügt ist, -und damit will es scheinbar noch dem zersetzenden, negirenden Geiste -der vorhergehenden Werke angehören; aber darüber schwebt schon ein -träumender, hoffender Geist, der zwar nur hier und da vollen Ausdruck -findet, aber schweigend sinnt, wie es zu ermöglichen wäre, aus allen -<span class="gesperrt">Vorurtheilen</span> heraus zu neuen <span class="gesperrt">Werthurtheilen</span> zu gelangen, wie es -möglich wäre, zum Schöpfer neuer Werthe zu werden. »Wenn endlich auch -alle Bräuche und Sitten vernichtet sind, auf welche die Macht der -Götter, der Priester und Erlöser sich stützt, wenn also die Moral -im alten Sinne gestorben sein wird: dann kommt—ja was kommt dann?« -(Morgenröthe 96.)</p> - -<p>Der Sturz, der Abbruch des Alten ist eben kein Ende mehr, vielmehr ein -Ausblick, ein Anfang und ein Appell an alle besten Geisteskräfte. »Es -kommt eben noch etwas,—die Hauptsache kommt noch!« verspricht die -Morgenröthe und wird immer heller und röther.</p> - -<p>Ein Jahr nach Veröffentlichung der »Morgenröthe« schrieb Nietzsche denn -auch zum ersten Mal wieder über neue philosophische Hoffnungen und -Fempläne:</p> - -<blockquote> - -<p>— — — — — — — — — — — — — — — — — — — —<br /> -»Nun, liebste Freundin, Sie haben immer für mich ein gutes -Wort in Bereitschaft, es macht mir grosse Freude, Ihnen -zu gefallen. Die fürchterliche Existenz der Entsagung, -welche ich führen muss und welche so hart ist, wie je eine -asketische Lebenseinschnürung, hat einige Trostmittel, -die mir das Leben immer noch schätzenswerter machen als -das Nichtsein. Einige grosse Perspectiven des geistig -sittlichen Horizonts sind meine mächtigste Lebensquelle. Ich -bin so froh darüber, dass gerade auf diesem Boden unsere -Freundschaft ihre Wurzeln und Hoffnungen treibt. Niemand -kann so von Herzen sich über Alles freuen, was von Ihnen -gethan und geplant wird!</p> - -<p style="margin-left: 35%;">Treulich Ihr Freund</p> - -<p style="margin-left: 70%; font-size: 0.8em;">F. N.«</p></blockquote> - -<p>Und kurz darauf ruft er am Schlüsse eines anderen Briefes aus:</p> - -<p>»Auch ich habe jetzt Morgenröthen um mich, und keine gedruckten! -Was ich nie mehr glaubte,... das erscheint mir jetzt als -möglich,—als die goldene Morgenröthe am Horizonte all' meines -zukünftigen Lebens....«</p> - -<p>Diese Stimmung, die mit der Gewalt der Sehnsucht eine neue Geisteswelt -fern am Horizont heraufbeschwor, damit sie Ersatz böte für alles, was -Zweifel und Kritik zerstört hatten, klingt am deutlichsten durch in den -Schlussworten der »Morgenröthe«, in denen Nietzsche seine kritische und -negirende Denkrichtung selber als einen <span class="gesperrt">Wegweiser</span> zu neuen Idealen -aufzufassen sucht:</p> - -<p>»Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen -der Menschheit <span class="gesperrt">untergegangen</span> sind? Wird man vielleicht uns einstmals -nachsagen, dass auch wir, <span class="gesperrt">nach Westen steuernd, ein Indien zu -erreichen hofften</span>,—dass aber unser Loos war, an der Unendlichkeit zu -scheitern? Oder, meine Brüder? Oder—? (Morgenröthe, Schluss.)</p> - -<p>Als Nietzsche im Jahre 1882 seine »Fröhliche Wissenschaft« vollendete, -da war ihm sein Indien bereits zur Gewissheit geworden: er glaubte -gelandet zu sein an den Küsten einer fremden, noch namenlosen, -ungeheuren Welt, von der nichts anderes bekannt sei, als dass sie -jenseits alles dessen liegen müsse, was von Gedanken angefochten, -von Gedanken zerstört werden kann. Ein weites, scheinbar uferloses -Meer zwischen ihm und jeder Möglichkeit einer erneuten begrifflichen -Kritik,—jenseits aller Kritik meinte er festen Boden gefasst zu haben.</p> - -<p>Der übermüthige Jubel dieser Gewissheit klingt in den Versen wieder, -die er in das Widmungs-Exemplar seiner »Fröhlichen Wissenschaft« -schrieb:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»Freundin, sprach Columbus, traue<br /> -Keinem Genuesen mehr!<br /> -Immer starrt er in das Blaue<br /> -Fernstes zieht ihn allzusehr!<br /> -Wen er liebt, den lockt er gerne<br /> -Weit hinaus in Raum und Zeit,—<br /> -Üeber uns glänzt Stern bei Sterne<br /> -Um uns braust die Ewigkeit.«<br /> -</p> - -<p>Aber er irrte sich in Bezug auf die völlige Neuheit und Jenseitigkeit -des Landes,—es war der umgekehrte Irrthum des Columbus, der, das -Alte suchend, das Neue fand. Denn Nietzsche war in der That, ohne -es zu bemerken, nach einer Weltumseglung von der entgegengesetzten -Seite an die Küste eben desjenigen Landes zurückgelangt, von welchem -er ursprünglich ausgegangen, und welches er für immer im Rücken -gelassen zu haben glaubte, als er sich von der Metaphysik abwandte. -Wir werden es an allen Werken seiner letzten Geistesperiode erkennen, -in wiefern sie wieder aus jenem alten Boden hervorgewachsen sind, -wenn auch in ihrem Wachsthum und ihrer Eigenart beeinflusst durch -die Erfahrungen der letzten Jahre. Unstreitig hatte ein Hauptwerth -der positivistischen Denkrichtung für Nietzsche darin gelegen, dass -sie ihm wenigstens innerhalb gewisser Grenzen wirklich Spielraum für -alle diese Stimmungs-Uebergänge und Gefühlsschwankungen zu bieten -vermochte und ihn dadurch eine Zeit lang festhielt. Sie schlug ihn -nicht in Fesseln, wie es die Metaphysik nothwendig gethan hatte, -sondern wies ihm nur eine Wegerichtung; sie bürdete ihm nicht ein -Erkenntnisssystem auf, sondern gab ihm im wesentlichen nur eine neue -Erkenntnissmethode an die Hand. Darum war auch seine Emancipation von -ihr keine so gewaltsame und plötzliche wie seine Wagnerwandlung, sie -war, anstatt eines Fesselsprengens, ein allmähliches Sich-Verfliegen -und Sich-Verlaufen,—»all mein Wandern und Bergsteigen: eine Noth -war's nur und ein Behelf des Unbeholfenen:—<span class="gesperrt">fliegen</span> allein will -mein ganzer Wille!« (Also sprach Zarathustra III 19.) »Ich habe gehen -gelernt: seitdem lasse ich mich laufen!« (I 54.) Aber wohl vollzog sie -sich ebenso unaufhaltsam und unwiderruflich, wie die vorhergehende -Wandlung. Denn über die rein empiristische Betrachtungsweise seiner -Probleme, über die principielle Beschränkung auf das Erfahrungsgebiet, -musste Nietzsche irgend wann einmal wieder hinaus; einer Philosophie -der »letzten und höchsten Dinge« in irgend einer Form konnte er, der -ganzen Art seines Geistes nach, nicht dauernd entsagen. Es konnte -sich im Grunde nur darum handeln, auf welchem stillen. Seitenweg er -sich wieder dorthin zurückschleichen würde,—wo die Götter und die -Uebermenschen hausen.</p> - -<p>Nietzsche schreibt einmal an Rée:</p> - -<p>»Ach, liebster, guter Freund, mit dem schmerzlichsten Bedauern lese -ich— — —die Nachricht Ihres Krankseins. Was soll aus uns werden, -wenn wir in unseren besten Jahren so elend dahinwelken?— — —<span class="gesperrt">Will -uns das Schicksal ein schönes Greisenalter aufsparen, weil unsere -Denkweise diesem am natürlichsten, wie eine gesunde Haut, anliegt?</span> -Aber müssten wir da nicht zu lange warten? Die Gefahr wäre, dass wir -die Geduld verlören—.«</p> - -<p>Er verlor sie völlig. »Schon krümmt und bricht sich mir die Haut!« -sang er gleich darauf in einem schlechten Versehen der »Fröhlichen -Wissenschaft«, und unter der »Greisenhaut« des »affectlosen -Erkennenden« regte sich machtvoll jener Verjüngungsdrang, aus welchem -heraus Nietzsche noch in seinem Untergange eine Apotheose des Lebens, -des ewigen Lebens, schrieb.</p> - -<p>Das Schicksal brauchte ihm kein Greisenalter auf-zusparen—.</p> - -<p>Aber als die Basis der neuen Lehre, die er verkünden wollte, als -das einzige zuverlässige Fundament, auf dem sie errichtet werden -könnte, dachte sich Nietzsche damals doch noch eine wissenschaftliche -Begründung. Gerade in dieser Zeit des Ueberganges sehen wir ihn -daher von dem lebhaftesten Verlangen ergriffen, sich grossen -zusammenhängenden Forschungen widmen zu dürfen, denen er seit langen -Jahren hatte entsagen müssen. Mit nimmermüdem Interesse und Antheil -verfolgte er die Studien, welche Rée seit 1878 unternommen hatte, um -durch sie die Grundgedanken seines ersten moralphilosophischen Buches -zu erweitern und zu erhärten. Als dieser 1881 Nietzsche mittheilte, -dass er sein neues Werk noch vor Ablauf des Jahres zu vollenden hoffe, -empfing er die beglückte Antwort: »Dieses selbe Jahr soll nun auch das -Werk ans Licht bringen, an dem ich im Bilde des Zusammenhanges und -der goldenen Kette meine arme, stückweise Philosophie vergessen darf! -Welches herrliche Jahr 1881!«</p> - -<p>Die in Frage stehende Schrift: »Die Entstehung des Gewissens« (Berlin -1885) wurde jedoch erst vier Jahre später völlig beendigt, nachdem -Nietzsche inzwischen längst den letzten Rest seiner »Freigeisterei« von -sich abgestreift und die abgelegte Haut auch schon mit der gewöhnlichen -Energie verbrannt hatte. Aber durch den regen Antheil, den er so -lange an Rées Studien zu jenem Buche genommen, hat es eine bestimmte -Bedeutung für sein Gedankenleben gewonnen. Doch stützt er sich jetzt -nicht in demselben Sinne auf »Die Entstehung des Gewissens«, wie er -sich einst in »Menschliches, Allzumenschliches« auf den »Ursprung der -moralischen Empfindungen« gestützt hatte. Darauf beruht überhaupt -ein Unterschied zwischen der letzten Geistesperiode Nietzsches und -der vorhergehenden positivistischen, dass er sich nicht mehr darauf -beschränkt, einzelne gegebene Theorien in ihrer inneren Bedeutsamkeit -zum Ausdruck zu bringen, sondern dass er sich der kühnsten Entwickelung -eines eigenen Systems hingiebt, dass er aus dem Aphoristischen, -Vereinzelten hinausstrebt. Hatte die »freigeisterische« Richtung ihn -dazu angetrieben, ihre Erkenntnisse in tiefstem Erleben und Empfinden -zu verinnerlichen, so drängte nun die leidenschaftliche Gewalt dieses -inneren Erlebens ihrerseits nach Entlastung in bestimmten Gedanken und -Theorien; sie drängte danach, sich in neue geschlossene Weltbilder -umzusetzen.</p> - -<p>Im Sommer 1882 wurde Nietzsche dadurch zu dem Entschlüsse geführt, -sich während einer Reihe von Jahren demjenigen Studium zu widmen, -das ihm für den systematischen Ausbau seiner »Zukunftsphilosophie« -unentbehrlich zu sein schien, dem Studium der Naturwissenschaften. Er -wollte zu diesem Zwecke sein Leben im Süden aufgeben, um in Paris, -Wien oder München Vorlesungen zu hören. Zehn Jahre lang sollte jede -schriftstellerische Thätigkeit eingestellt werden, bis das Neue in ihm -nicht nur völlig ausgereift, sondern auch auf wissenschaftlichem Wege -als richtig erwiesen wäre.</p> - -<p>Etwas später als Nietzsche fühlte auch Rée das Bedürfniss, sich mit -den Naturwissenschaften auseinanderzusetzen, die ihnen Beiden bisher -fremd geblieben waren. Er jedoch wünschte sie nicht als Material zum -Ausbau eigener philosophischer Hypothesen heranzuziehen, sondern -hatte, nach Vollendung seines Buches, das Verlangen, neue Gedanken frei -auf sich wirken zu lassen und völlig aus seinem engeren Specialgebiete -herauszutreten. So wandte er sich denn der Medicin zu, studirte noch -einmal, und machte sein Staatsexamen als praktischer Arzt, mit der -Absicht, sich längere Zeit der Psychiatrie zu widmen und auf diesem -Umwege zu den Geisteswissenschaften zurückzukehren, Niemals standen -sich die Freunde geistig ferner als damals, wo sie scheinbar noch -einmal Dasselbe zu erstreben schienen: sie waren an den einander -entgegengesetzten Polen ihres Wesens und Geistes angelangt.<a name="FNAnker_12_26" id="FNAnker_12_26"></a><a href="#Fussnote_12_26" class="fnanchor">[12]</a> Das -spricht sich bezeichnend auch darin aus, dass die geplanten zehn -Jahre des Schweigens für Nietzsche gerade diejenigen seiner grössten -Productivität wurden, während Rée bis jetzt den Punkt noch nicht -erreicht hat, auf dem sein altes Schaffen und sein neues Wissen in Eins -verschmelzen und ihn zu neuer erhöhter Selbstthätigkeit anregen müssen.</p> - -<p>Nietzsche war durch sein Kopfleiden an der Ausführung seiner -Entschlüsse gehindert worden; schon der anbrechende Winter 1882 fand -ihn wieder in seiner Einsiedlerklause zu Genua. Doch auch bei besserer -Gesundheit wäre das Vorhaben nicht ausführbar gewesen. Denn Nietzsche -befand sich nicht mehr in jenem abwartenden Zustande, in welchem -der Geist noch Fremdes aufnehmen, sich störenden Einsichten willig -unterordnen kann; er war schon viel zu stark productiv erregt, um -noch von irgend etwas berührt zu werden, das ihn in seinem Drange zu -schaffen hätte aufhalten können. Während er zur Entfesselung seiner -Schaffenskraft einer ersten Befruchtung von aussen her bedurfte, sei -es selbst unter Schmerzen und Selbstüberwindung, während er sich einer -solchen fremden Erkenntniss gegenüber hingebend verhielt, in der -Inbrunst der Verschmelzung mit ihr sein Selbst preisgab, erscheint -er—einmal befruchtet—um so unzugänglicher und unbeeinflussbarer. Er -ist ganz benommen vom eigenen Zustand und von Dem, was Leben in ihm -gewinnen will. Richtet sich aber seine Aufmerksamkeit nach aussen, so -geschieht es nur noch, um für das Leben, das aus ihm geboren werden -soll, um jeden Preis Raum zu schaffen, keineswegs aber, um seine -Existenzbedingungen noch einmal zu prüfen und in Frage zu stellen.</p> - -<p>Der ihm durch seinen körperlichen Zustand zum zweiten Mal aufgezwungene -Verzicht auf umfassende wissenschaftliche Studien führte dieses Mal -zu dem entgegengesetzten Resultat wie zur Zeit seines Wagnerbruches -und seiner positivistischen Periode. Damals war er die Veranlassung, -dass Nietzsche, anstatt neue Theorien zu begründen, die von Anderen -aufgenommenen innerlich auszuschöpfen und in ihren Seelenwirkungen -festzustellen suchte. Jetzt hingegen wird er dadurch verleitet, die -ihm fehlende theoretische Grundlage gewissermassen hinzuzudichten. -Hierin liegt geradezu ein Grundzug der letzten Philosophie Nietzsches: -das Bedürfniss, sich systematisch auszubreiten, als gelte es, den -verschiedensten Wissensgebieten die Beweise für die Richtigkeit seines -schöpferischen Gedankens zu entnehmen, in Wahrheit jedoch nur ein -gewaltsames Raumschaffen für denselben: ein so souveränes Ausleben -seiner Innerlichkeit, dass sich ihm unwillkürlich das ganze Weltbild zu -einer Wiege seiner Schöpfung umgestaltet.</p> - -<p>Dementsprechend gewinnen von jetzt an alle seine Lehren, so paradox -dies klingen mag, einen um so persönlicheren Charakter, je -allgemeiner gefasst sie erscheinen, je allgemeingiltigere Bedeutung -sie beanspruchen. Zuletzt verbirgt sich ihr Hauptkern unter so -vielen Schalen, ihr letzter Geheimsinn unter so vielen Masken, dass -die Theorien, in denen er zum Ausdruck kommt, fast nur noch Bilder -und Symbole inneren Erlebens sind. Endlich fehlt jeder Wille zur -Uebereinstimmung und zur Verständigung mit Anderen,—»Mein Urtheil -ist mein Urtheil: dazu hat nicht leicht auch ein Anderer das Recht« -(Jenseits von Gut und Böse 43)—und doch wird gleichzeitig dieses -Urtheil zum Weltgesetz decretirt, zu einem Befehl an die ganze -Menschheit. Denn so vollständig verschmilzt für Nietzsche zum Schlüsse -innere Eingebung und Aussen-Offenbarung, dass er in seinem Innenleben -das Weltganze zu umfassen wähnt, und sein Geist in mystischer Weise -den Inbegriff des Seienden in sich zu enthalten, aus sich zu gebären -glaubt.« Für mich—wie gäbe es ein Ausser-mir? Es gibt kein Aussen!« -(Also sprach Zarathustra III 95.)</p> - -<p>Entsprechend dem Umstande, dass Nietzsches letzte Schaffensperiode ganz -und gar in der philosophischen Ausdeutung seines eigenen Seelenlebens -besteht, nennt er »Die fröhliche Wissenschaft«, das Werk, welches -sie einleitet, in einem seiner Briefe »das Persönlichste unter -meinen Büchern«, und klagt noch kurz vor dem Druck der »Fröhlichen -Wissenschaft« in einem anderen Briefe: »Das Manuscript erweist sich -seltsamer Weise als unedirbar. Das kommt vom Princip des mihi ipsi -scribo!«</p> - -<p>In der That hat er wohl niemals so völlig für sich selbst -geschrieben, als zu jener Zeit, wo er im Begriffe stand, seiner -ganzen Weltbetrachtung sein eigenes Selbst unterzulegen, Alles aus -seinem eigenen Selbst heraus zu erklären. So ist die Mystik der neuen -Grundlehren Nietzsches wohl schon hier enthalten, aber noch verborgen -im rein persönlichen Element, aus dem sie hervorging. In Folge dessen -bilden diese Aphorismen Monologe, monologischer gemeint als sonst -irgend etwas in Nietzsches Werken, gleichsam halblaute >Zwischenreden«, -ja oft nur gedacht als ein stummes geistiges Mienenspiel, das weit mehr -verstecken als verrathen soll. Die Gedanken der »Zukunftsphilosophie« -reden schon daraus zu uns, aber sie umgeben uns noch gleich -verschleierten Gestalten, deren Blick dunkel und räthselhaft auf uns -ruht, und dies nicht, weil sie, wie in der »Morgenröthe«, nur Ahnungen -zum Ausdrücke bringen und noch der festen Züge und sicheren Umrisse -entbehren, sondern weil ihnen mit Absicht ein Schleier übergeworfen und -Schweigsamkeit anbefohlen wurde. Mit dem Finger an der Lippe scheint -Nietzsche hier vor uns zu stehen, und gerade daraus entnehmen wir, dass -er uns Viel, dass er uns Alles zu bekennen wünscht.</p> - -<p>Aber es wird ihm schwer, ohne Rückhalt davon zu sprechen, weil -auch in diesem Falle sein Selbstbekenntniss zugleich wieder ein -Schmerzensbekenntniss ist. Und in einem viel tieferen, viel -schmerzvolleren Sinn als bisher führt uns diesmal die Philosophie -Nietzsches hinein in die verborgenen Leiden und Qualen seines Erlebens, -sodass, im Vergleiche hierzu, selbst die harten Kämpfe und Entsagungen -seiner positivistischen Periode uns harmlos und gefahrlos Vorkommen -werden. Auf den ersten Blick erscheint dies als ein Widerspruch, da -Nietzsches letzte Philosophie gerade aus dem Drange he'rvorgegangen -ist, an Stelle der ihm widerstrebenden positivistischen Theorien eine -Weltanschauung aufzubauen, die seinem innersten Verlangen völlig -entspräche. Insofern beginnt er in der That seine letzte Wandlung -unter Jauchzen und Frohlocken. Aber man darf nicht vergessen, dass -diese äusserste Selbsteinkehr, dieser Versuch, das Weltbild aus seinem -Eigenbild zu construiren, Nietzsches <span class="gesperrt">Leiden an sich selbst zu Tage</span> -treten lässt, aus dem sein tiefster Wesensgrund besteht. Bisher hat er -in seinen Erkenntnisswandlungen diesem Leiden an sich selbst dadurch -zu entrinnen gesucht, dass er den einen Theil seines Selbst durch -den anderen quälte und tyrannisirte, aber bei allen Wandlungen des -theoretischen Menschen blieb unverwandelt und sich ewig gleich der -praktische Mensch mit seinen inneren Nöthen. Jetzt erst, wo Nietzsche -sich nicht mehr zwingt und kasteit, jetzt erst, wo er seiner Sehnsucht -freie Worte giebt, begreift man ganz, in welcher Qual er lebte, hört -man endlich den Schrei nach <span class="gesperrt">Erlösung von sich selbst</span>,—nach seinem -<span class="gesperrt">Wesens-Gegensatz</span>, nach vollständiger und endgiltiger Verwandlung, -Umwandlung,—nicht einzelner Erkenntnisse nur, sondern des ganzen, des -innersten Menschen. Man sieht förmlich, wie er hier, in Verzweiflung, -aus sich selbst heraus und nach aussen greift, nach einem erlösenden -Ideal, welches er aus einem solchen Wesens-Gegensatz zu formen sucht. -Daher liess sich voraussehen: sobald Nietzsche seinen Seeleninhalt -frei zum Weltinhalt umschuf, sobald er seinem intimsten Erleben -die Weltgesetze entnahm, musste seine Philosophie ein tragisches -Weltbild zeichnen: die Menschheit musste von ihm aufgefasst werden -als eine an sich selbst leidende, an ihrer eigenen Entwicklung -hoffnungslos krankende Zwittergattung, deren Daseinsberechtigung gar -nicht in ihr selbst, sondern in einer schlechthin anderen, höheren, -Uebermenschen-Gattung liege, zu der sie nur eine Brücke bilden solle. -Das Endziel der Menschheit sei Untergang und Selbstaufopferung zu -Gunsten dieses ihr entgegengesetzten Ideals.</p> - -<p>Erst am Eingang zu Nietzsches letzter Philosophie wird daher völlig -klar, bis zu welchem Grade es der religiöse Grundtrieb ist, der sein -Wesen und Erkennen stets beherrschte. Seine verschiedenen Philosophien -sind ihm ebensoviele Gott-Surrogate, die ihm helfen sollen, ein -mystisches Gott-Ideal ausser seiner selbst entbehren zu können. Seine -letzten Lehren enthalten nun das Eingeständniss, dass er dies nicht -vermag. Und gerade deshalb stossen wir in seinen letzten Werken -wieder auf eine so leidenschaftliche Bekämpfung der Religion, des -Gottesglaubens und des Erlösungsbedürfnisses, weil er sich ihnen so -gefährlich nähert. Hier spricht aus ihm ein Hass der Angst und der -Liebe, mit dem er sich seine eigene Gottesstärke einreden, seine -menschliche Hilflosigkeit ausreden möchte. Denn wir werden sehen, -kraft welcher Selbsttäuschung und geheimen List Nietzsche endlich den -tragischen Conflict seines Lebens löst,—den Conflict, des Gottes zu -bedürfen und dennoch den Gott leugnen zu müssen. Zuerst gestaltet -er mit sehnsuchtstrunkener Phantasie, in Träumen und Verzückungen, -visionengleich, das mystische Uebermenschen-Ideal, und dann, um -sich vor sich selbst zu retten, sucht er, mit einem ungeheuren -Sprung, sich mit demselben zu identificiren. So wird er zuletzt zu -einer Doppelgestalt, halb kranker, leidender Mensch, halb erlöster, -lachender Uebermensch. Das Eine ist er als Geschöpf, das Andere -als Schöpfer, das Eine als Wirklichkeit, das Andere als mystisch -gedachte Ueberwirklichkeit. Oft aber, während man seinen Reden darüber -zuhört, empfindet man mit Grauen, dass er als Gegenstand der Anbetung -hinstellt, was in Wahrheit auch für ihn nicht vorhanden ist, und man -gedenkt seines Wortes,... wer weiss, ob sich nicht bisher in -allen grossen Fällen eben das Gleiche begab: dass die Menge einen Gott -anbetete,—und dass der »Gott« nur ein armes Opferthier war!« (Jenseits -von Gut und Böse 269.)</p> - -<p>»Das Opferthier als Gott« ist wahrlich ein Titel, der über der -letzten Philosophie Nietzsches stehen könnte und am deutlichsten den -inneren Widerspruch enthüllt, der in ihr liegt,—jene Exaltation -von Schmerz und Wonne, in der beide ununterscheidbar in einander -fliessen. Wir haben vorher gesehen, inwiefern es eine Feststimmung -war, in der Nietzsche in seine letzte Geisteswandlung hinüberglitt,— -eine Feierstimmung träumenden Rausches und Ueberflusses: wir sehen -jetzt den Punkt, an welchem die Gewalt der inneren Erregung in den -Schmerz überschlägt. Er war in jener ganzen Zeit, selbst in seinem -Alltagsleben, erfüllt von einer Stimmung äusserster seelischer -Ueberwältigung, in der man sogar der Ausgelassenheit fähig ist, aber -nur weil alle Nerven beben, in der man leicht bis zum Scherzen und -Lachen gelangt, aber nur mit zitternden Lippen. Bedurfte es doch -jedesmal für Nietzsche einer solchen Verschlingung von Wonne und Weh, -von Begeisterung und Leiden, um ihn einer geistigen Wiedergeburt -entgegenzuführen. Sein Glück musste erst zum »Ueberglück«, und in -diesem Uebermass zum eigenen Gegner und Gegensatz geworden sein; -Frieden und Heimatgefühl, wo er sie einmal innerhalb eines gewonnenen -Erkenntnissgebietes mühsam errungen hatte, mussten ihn erst zu -Selbstverwundung und Selbstvertreibung gereizt haben, damit sein Geist -in sich selber schwelgen und sich in neuen Schöpfungen entlasten konnte.</p> - -<p>Es ist dafür bezeichnend, dass er sein Werk, im Jauchzen seines -Herzens, die frohe Botschaft, »Die fröhliche Wissenschaft« nannte, -zugleich aber über den Schluss-Aphorismus desselben die düsteren -Räthselworte setzte: »Incipit tragoedia!«</p> - -<p>Dieser Verbindung von tiefer Erschütterung und spielendem Uebermuth, -von Tragik und Heiterkeit, welche für die ganze Gruppe der letzten -Werke charakteristisch ist, entspricht es auch, dass die »Fröhliche -Wissenschaft«, im schärfsten Gegensatz zu dem dunkeln Geheimniss -der Schlussworte, ein »Vorspiel« in Versen besitzt: »Scherz, List -und Rache.« Hier begegnen uns zum ersten Mal Verse in Nietzsches -Schriften,—sie mehren sich aber in dem Maasse, als er seinem -persönlichen Untergang zuzuschreiten glaubt. In Gesängen klingt sein -Geist aus. Die Verse sind überraschend verschieden an Werth, zum -Theil vollendet: Gedanken, die an ihrer eigenen Schönheit und Fülle -sich zu Gedichten wandelten;—zum Theil von einer so wunderlichen -Unvollkommenheit, wie sie nur die Laune des Muthwillens vom Zaune -bricht. Ueber ihnen allen aber ruht etwas seltsam Ergreifendes: Sind -es doch Blumen, die sich ein Einsamer auf den Leidensweg streut, der -seiner harrt, um den Schein zu erwecken, dass es ein Freudenweg sei. -Frisch gebrochenen Rosen gleichen sie, auf die sein Fuss treten will, -während er schon beschäftigt ist, in seinen leidvollsten Erkenntnissen -seinem Haupte die Dornenkrone zu flechten.</p> - -<p>Sie klingen wie ein Präludium zu dem erschütternden Schauspiel seiner -höchsten Erhebung und seines Unterganges. Von diesem Schauspiel hebt -auch die Philosophie Nietzsches den Vorhang nicht ganz. Was sie uns -zeigt, ist nur, gleich einem Bilde auf diesem Vorhang, ein buntes -Blumengewinde, aus dem, halb versteckt, die Worte gross und traurig -hervorleuchten:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»<span class="gesperrt">Incipit tragoedia!</span>«<br /> -</p> - -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_15" id="Fussnote_1_15"></a><a href="#FNAnker_1_15"><span class="label">[1]</span></a> Die philologischen Arbeiten Nietzsches sind: <span class="gesperrt">Zur -Geschichte der Theognideischen Spruchsammlung</span>, im Rheinischen Museum, -Bd. 22; <span class="gesperrt">Beiträge zur Kritik der griechischen Lyriker, I. Der Danae -Klage von Simonides</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23; <span class="gesperrt">De Laertii Diogenis -Fontibus</span>, im Rhein. Mus., Bd. 23 und 24; <span class="gesperrt">Analecta Laertiana</span>, -im Rhein. Mus., Bd. 25; <span class="gesperrt">Beiträge zur Quellenkunde und Kritik des -Laertius Diogenes</span>, Gratulationsschrift des Pädagogiums zu Basel. Basel -1870.—<span class="gesperrt">Certamen quod dicitur Homeri et Hesiodi e codice Florentino -post H. Stephanum denuo</span> ed. F. N., in den Acta societatis philologae -Lipsiensis ed. Fr. Ritschl, Vol. I; dazu der florentinische Tractat -über <span class="gesperrt">Homer und Hesiod</span>, ihr Geschlecht und ihren Wettkampf, im Rhein. -Mus, Bd. 25 und 28. Auch rührt das »Registerheft« zu den ersten 24 -Bänden des Rheinischen Museums (1842-1869) von ihm her, das er nach -Ritschls Disposition zusammenstellte.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_16" id="Fussnote_2_16"></a><a href="#FNAnker_2_16"><span class="label">[2]</span></a> Er hat so gelesen, wie er es einmal »gut lesen« nennt: -»—das heisst langsam, tief, vor- und rücksichtig, mit Hintergedanken, -mit offen gelassenen Thüren, mit zarten Fingern und Augen lesen—« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 11.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_17" id="Fussnote_3_17"></a><a href="#FNAnker_3_17"><span class="label">[3]</span></a> Dieses Buch erregte bei seinem Erscheinen das lebhafteste -Missfallen der philologischen Zunft; hatte der Verfasser es doch -gewagt, seinen Ausführungen nicht nur die Lehren des verpönten -Philosophen Arthur Schopenhauer, sondern auch die künstlerischen -Anschauungen des damals noch ebenso geschmähten »Zukunftsmusikers« -Richard Wagner zu Grunde zu legen. Ein junger philologischer -Heisssporn, Ulrich v. Wilamowitz-Möllendorf, der jetzt zu den -hervorragenden Vertretern der classischen Philologie in Deutschland -gehört, machte sich in nicht besonders glücklicher und geschmackvoller -Weise zum Sprachrohr zünftiger Einseitigkeit. Ohne der Eigenart des -Nietzscheschen Buches irgendwie gerecht zu werden, griff er es in der -Broschüre »Zukunftsphilologie! eine erwidrung auf F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1872, von einem beschränkt philologischen Standpunkte -auf das heftigste an. Für den Angegriffenen traten in die Schranken -derjenige, an den vor Allen das Buch gerichtet war, Richard Wagner, -der Künstler, in einem in der »Norddeutschen Allgemeinen Zeitung« vom -23. Juni 1872 abgedruckten offenen Briefe an Friedrich Nietzsche, -und Erwin Rohde, der bereits damals von seiner tiefen Kenntnis des -griechischen Alterthums die vollgiltigsten Proben abgelegt hatte. -In der ausgezeichnet geschriebenen Streitschrift: »Afterphilologie. -Sendschreiben eines Philologen an Richard Wagner«, Leipzig 1872, -stellte er sich auf den von dem Gegner gewählten Boden und wies die -von diesem gemachten Einwände und Beschuldigungen zurück, worauf v. -Wilamowitz dann noch mit einer Duplik, »Zukunftsphilologie! Zweites -Stück, eine erwidrung auf die rettungsversuche für F. N.'s »gebürt der -tragödie«, Berlin 1873, antwortete.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_18" id="Fussnote_4_18"></a><a href="#FNAnker_4_18"><span class="label">[4]</span></a> Vergleiche die einführende Vorrede zur Neuen Ausgabe des -zweiten Bandes von Menschliches, Allzumenschliches, wo es IV heisst: -»—was ich gegen die »historische Krankheit« gesagt habe, das sagte ich -als Einer, der von ihr langsam, mühsam genesen lernte—.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_19" id="Fussnote_5_19"></a><a href="#FNAnker_5_19"><span class="label">[5]</span></a> Vorwort V: »Auch soll ... nicht verschwiegen -werden,... dass ich nur, sofern ich Zögling älterer Zeiten, zumal -der griechischen bin, über mich als ein Kind dieser jetzigen Zeit zu so -unzeitgemässen Erfahrungen komme.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_20" id="Fussnote_6_20"></a><a href="#FNAnker_6_20"><span class="label">[6]</span></a> Vgl. Schopenhauer als Erzieher 19: »ich ahnte, in ihm -jenen Erzieher und Philosophen gefunden zu haben, den ich so lange -suchte. Zwar nur als Buch: und das war ein grosser Mangel. Um so mehr -strengte ich mich an, durch das Buch hindurch zu sehen und mir den -lebendigen Menschen vorzustellen, dessen grosses Testament ich zu lesen -hatte, und der nur solche zu seinen Erben zu machen verhiess, welche -mehr sein wollten und konnten als nur seine Leser: nämlich seine Söhne -und Zöglinge.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_21" id="Fussnote_7_21"></a><a href="#FNAnker_7_21"><span class="label">[7]</span></a> Nietzsche lebte damals in einer Bewunderung der englischen -Gelehrten und Philosophen, die später in ihr Gegentheil umschlug; in -Menschliches, Allzumenschliches II 184 nennt er sie noch die »ganzen, -vollen und füllenden Naturen«, und in einem Briefe an Rée nennt er die -englischen Philosophen der Gegenwart, »den einzig gut philosophischen -Umgang, den es jetzt giebt«. Dementsprechend ist das Einzige, was -er in dieser Periode an seinem ehemaligen Meister Schopenhauer noch -hochschätzt: »sein harter Thatsachen-Sinn, sein guter Wille zu -Helligkeit und Vernunft, der ihn oft so englisch—erscheinen lässt.« -(Fröhliche Wissenschaft 99.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_22" id="Fussnote_8_22"></a><a href="#FNAnker_8_22"><span class="label">[8]</span></a> Erwähnt wird es von Nietzsche in »Menschliches, -Allzumenschliches« I 37.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_23" id="Fussnote_9_23"></a><a href="#FNAnker_9_23"><span class="label">[9]</span></a> Vergleiche Menschliches, Allzumenschliches die Aphorismen -über »Cultus des Genius' aus Eitelkeit« (162) und »Gefahr und Gewinn im -Cultus des Genius'.« (164).</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_24" id="Fussnote_10_24"></a><a href="#FNAnker_10_24"><span class="label">[10]</span></a> Dieser Besitz von »Liebe und Güte« als der heilsamsten -Kräuter und Kräfte im Verkehre der Menschen (Menschliches, -Allzumenschliches I 48) ist noch mehr werth als die gepriesene grosse -einzelne Aufopferung; noch »mächtiger an der Cultur gebaut«, hat jenes -immerwährende freundliche Wohlwollen, das des Lebens »<span class="gesperrt">Behagen</span>« -schafft. (Menschliches, Allzumenschliches I 49)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_25" id="Fussnote_11_25"></a><a href="#FNAnker_11_25"><span class="label">[11]</span></a> Vergleiche die folgenden Aphorismen, die Nietzsche mir -einmal aufschrieb: -</p> -<p> -<span class="gesperrt">Zur Lehre vom Stil.</span> -</p> -<p class="center"> -1. -</p> -<p> -Das Erste, was noth thut, ist Leben: der Stil soll <span class="gesperrt">leben</span>. -</p> -<p class="center"> -2. -</p> -<p> -Der Stil soll <span class="gesperrt">dir</span> angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte -Person, der du dich mittheilen willst. (Gesetz der <span class="gesperrt">doppelten -Relation</span>.) -</p> -<p class="center"> -3. -</p> -<p> -Man muss erst genau wissen: »so und so würde ich das sprechen und -<span class="gesperrt">vortragen</span>«—bevor man schreiben darf. Schreiben muss eine Nachahmung -sein. -</p> -<p class="center"> -4. -</p> -<p> -Weil dem Schreibenden viele <span class="gesperrt">Mittel</span> des Vortragenden <span class="gesperrt">fehlen</span>, so -muss er im Allgemeinen eine <span class="gesperrt">sehr ausdrucksvolle</span> Art von Vortrag -zum Vorbild haben: das Abbild davon, das Geschriebene, wird schon -nothwendig viel blässer ausfallen. -</p> -<p class="center"> -5. -</p> -<p> -Der Reichthum an Leben verräth sich durch <span class="gesperrt">Reichthum an Gebärden</span>. Man -muss alles, Länge und Kürze der Sätze, die Interpunctionen, die Wahl -der Worte, die Pausen, die Reihenfolge der Argumente—als Gebärden -empfinden <span class="gesperrt">lernen</span>. -</p> -<p class="center"> -6. -</p> -<p> -Vorsicht vor der Periode! Zur Periode haben nur die Menschen ein Recht, -die einen langen Athem auch im Sprechen haben. Bei den meisten ist die -Periode eine Affectation. -</p> -<p class="center"> -7. -</p> -<p> -Der Stil soll beweisen, dass man an seine Gedanken <span class="gesperrt">glaubt</span>, und sie -nicht nur denkt, sondern <span class="gesperrt">empfindet</span>. -</p> -<p class="center"> -8. -</p> -<p> -Je abstracter die Wahrheit ist, die man lehren will, um so mehr muss -man erst die <span class="gesperrt">Sinne</span> zu ihr verführen. -</p> -<p class="center"> -9. -</p> -<p> -Der Tact des guten Prosaikers in der Wahl seiner Mittel besteht darin, -dicht an die Poesie heranzutreten, aber <span class="gesperrt">niemals</span> zu ihr überzutreten. -</p> -<p class="center"> -10. -</p> -<p> -Es ist nicht artig und klug, seinem Leser die leichteren Einwände -vorwegzunehmen. Es ist sehr artig und <span class="gesperrt">sehr klug</span>, seinem Leser -zu überlassen, die letzte Quintessenz unserer Weisheit <span class="gesperrt">selber -auszusprechen</span>.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_26" id="Fussnote_12_26"></a><a href="#FNAnker_12_26"><span class="label">[12]</span></a> Siehe in der »Fröhlichen Wissenschaft« (279) unter der -Ueberschrift »Sternen-Freundschaft« die schönen Worte, mit denen -Nietzsche damals von dieser geistigen Genossenschaft Abschied nahm.</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h3><a name="III_ABSCHNITT" id="III_ABSCHNITT">III. ABSCHNITT.</a></h3> - - -<h4>DAS "SYSTEM NIETZSCHE"</h4> - - -<p class="p2" style="margin-left: 45%;"> -<span style="font-size: 0.8em;">MOTTO</span>:<br /> -»Schaffen wollt ihr noch die Welt,<br /> -vor der ihr knien könnt.«<br /> -(Also sprach Zarathustra II. 47).<br /> -</p> - - -<blockquote> - -<p class="p2">Geist? Was ist mir Geist! Was ist mir Erkenntniss! Ich -schätze nichts als <span class="gesperrt">Antriebe</span>,—und ich möchte schwören, -dass wir darin unser Gemeinsames haben. Sehen Sie doch durch -diese Phase <span class="gesperrt">hindurch</span>, in der ich seit einigen Jahren -gelebt habe,—sehen Sie <span class="gesperrt">dahinter</span>! Lassen <span class="gesperrt">Sie</span> sich nicht -über mich täuschen—glauben doch nicht, dass »der Freigeist« -mein Ideal ist!! <span class="gesperrt">Ich bin</span>.... Verzeihung! Liebste Lou!</p> - -<p style="margin-left: 65%; font-size: 0.8em;">F. N.</p></blockquote> - -<p>In dieser geheimnissvollen Weise bricht der vorstehende Brief -Nietzsches ab, den er in der Zeit zwischen der Veröffentlichung der -»Fröhlichen Wissenschaft« und derjenigen seiner mystischen Dichtung -»Also sprach Zarathustra« geschrieben hat. In den wenigen Zeilen sind -bereits die wesentlichsten Züge der letzten Philosophie Nietzsches -angedeutet: auf dem Gebiet der Logik die principielle Abkehr von dem -bisherigen reinlogischen Erkenntnissideal, von der theoretischen -Strenge der verstandesmassigen »Freigeisterei«; auf dem Gebiet der -Ethik, anstatt der bisherigen negirenden Kritik, die Verlegung der -Wahrheitsbegründung in die Welt der seelischen Antriebe, als der Quelle -einer neuen Werthung und Abschätzung aller Dinge; ferner eine Art von -<span class="gesperrt">Rückkehr</span> zu Nietzsches erster philosophischer Entwicklungsphase, -die vor seinem positivistischen Freigeisterthum liegt,—nämlich zur -Metaphysik der Wagner-Schopenhauerischen <span class="gesperrt">Aesthetik</span> und ihrer Lehre -vom übermenschlichen Genie. Und hierauf endlich gründet sich, als -auf den Kempunkt der neuen Zukunftsphilosophie, <span class="gesperrt">das Mysterium einer -ungeheuren Selbst-Apotheose</span>, das er in dem zögernden Wort »Ich -bin«—sich noch scheut auszusprechen.</p> - -<p>Nietzsches letzte Geistesperiode umfasst fünf Werke: Die vierbändige -Dichtung »<span class="gesperrt">Also sprach Zarathustra</span>« (I und II 1883; III 1884, -Chemnitz, Ernst Schmeitzner; IV 1891, Leipzig, C. G. Naumann); -<span class="gesperrt">Jenseits von Gut und Böse</span>, Vorspiel einer Philosophie der Zukunft -(1886, Leipzig, C. G. Naumann; 2. Auflage 1891); <span class="gesperrt">Zur Genealogie -der Moral</span>, eine Streitschrift (1887, Leipzig, C. G. Naumann); <span class="gesperrt">Der -Fall Wagner</span>, ein Musikanten-Problem (1888, Leipzig, C. G. Naumann); -endlich die kleine Aphorismen-Sammlung <span class="gesperrt">Götzen-Dämmerung</span> oder <span class="gesperrt">Wie -man mit dem Hammer philosophirt</span> (1889, Leipzig, C. G. Naumann). -Wir können hier aber nicht dem Gange seines philosophischen Denkens -Schritt für Schritt an der Hand jener Werke folgen, da sie nicht, wie -die der vorhergehenden Periode, ebensoviele Entwicklungsstufen seines -Gedankens darstellen, sondern zum ersten Mal alle dazu bestimmt sind, -der Darlegung eines <span class="gesperrt">Systems</span> zu dienen, wenn auch nur eines Systems, -das mehr auf ihrer Gesammtstimmung als auf der klaren Einheitlichkeit -begrifflicher Deduction beruht. Der aphoristische Charakter, den seine -Bücher auch hier bewahren, erscheint daher in diesem Fall als ein -unleugbarer Mangel der Form seiner Darstellung, nicht, wie bisher, -als ein eigenthümlicher Vorzug derselben. Was Nietzsche durch seine -vollendete Meisterschaft in der aphoristischen Form gelang: einen -jeden Gedanken in seiner seelischen Bedeutsamkeit voll auszuschöpfen -und mit allen seinen feinen inneren Nebenbeziehungen wiederzugeben, das -reicht nicht aus für die systematische Begründung eigener Theorien, -sondern löst sie hier und da in ein geistreiches Spiel mit blendenden -Hypothesen auf. Nietzsche wurde sowohl durch sein Augenleiden als -auch durch seine Gewöhnung an sprunghaftes Denken dazu gezwungen, im -Allgemeinen an seiner alten Schreibweise festzuhalten, aber immer -wieder macht er,—sowohl in Jenseits von Gut und Böse, als auch in -der Genealogie der Moral,—den Versuch, über das Rein—Aphoristische -hinauszukommen, seine Gedanken systematisch zu ordnen und vorzutragen, -weil das, was ihm vorschwebt, ein einheitliches Ganzes geworden ist.</p> - -<p>Daher finden wir auch hier zum ersten Mal bei ihm eine Art -von <span class="gesperrt">Erkenntnisstheorie</span>, einen Ansatz dazu, sich mit den -erkenntnisstheoretischen Problemen auseinanderzusetzen, nachdem -er ihnen bisher immer aus dem Wege gegangen war, wie er überhaupt -gern jedes Problem mied, dem sich nur auf rein begrifflichem Wege -beikommen lässt. Jetzt erst bleibt er nicht mehr ohne Weiteres bei der -praktischen Philosophie stehen, sondern hält es für nothwendig, auf -die Mittel hinzuweisen, mit denen er sich das erkenntnisstheoretische -Pförtchen aufgebrochen habe, durch das er zu seinen Hypothesen -gelangt. Ziemlich ausführliche Bemerkungen darüber finden sich an den -verschiedensten Stellen seiner Werke zerstreut. Es erscheint aber -höchst charakteristisch, dass sie sich erst jetzt finden, wo er der -Welt des Abstrakt-Logischen principielle Feindschaft erklärt und fest -entschlossen ist, alle schwierigen Begriffsknoten, auf die er stossen -könnte, mit einem Schwerthieb zu zerhauen: er befasst sich mit der -Erkenntnisstheorie eben nur, um sie über den Haufen zu werfen.</p> - -<p>Zur Zeit seines Wagnerthums war Nietzsche als Jünger Schopenhauers -diesem seinem Meister in der bekannten Interpretirung und Modificirung -Kants gefolgt, laut welcher die Fragen nach den höchsten und letzten -Dingen ihre Beantwortung finden, zwar nicht durch den Verstand, sondern -durch die höchsten Eingebungen und Erleuchtungen des Willenslebens. -Später stimmte Nietzsche, unter heftigem Protest gegen diese Annahme -der Schopenhauerischen Metaphysik, der strengen Selbstbescheidung der -Erfahrungswissenschaft zu, welche sich mit dem Verstandeserkennen auf -den ihm zugänglichen Gebieten begnügt. Aber Nietzsche hielt diese -Zustimmung nur so lange aufrecht, als er mit Hilfe eines fanatischen -Intellektualismus sich aus dem bescheidenen Verstandeserkennen ein ihn -begeisterndes Wahrheitsideal zu schaffen vermochte, dem sich sein Wille -und Seelenleben blind unterwarf. Sobald sein Fanatismus sich erschöpft -hatte, sobald seine Begeisterung die intellektuellen Ziele und Werthe -nicht mehr in so über-schwänglich-idealer Beleuchtung sah, wurde er -derselben überhaupt überdrüssig und verlangte nach neuen Idealen. In -diesem Verlangen ging ihm nun innerhalb des Positivismus eine Einsicht -auf, die er bisher nicht beachtet hatte: nämlich die Einsicht in die -Relativität alles Denkens, die Zurückführung alles Verstandeserkennens -auf die rein praktische Grundlage des menschlichen Trieblebens, dem es -entstammt und von dem es dauernd abhängig ist.</p> - -<p>Diesem Wege, der ihm von seinen eigenen philosophischen Genossen -vorgezeichnet war, brauchte er nur mit gewohnter Exaltation zu folgen, -um schliesslich zu seiner ursprünglichen Schätzung der Affekte -zürückzugelangen. Denn was für die Andern nur eine natürliche -Consequenz war, welche die moderne Erkenntnisstheorie zieht, und welche -die Methode und die Resultate der Erfahrungswissenschaft als solche gar -nicht berührt, daraus entnahm Nietzsche den Anstoss zu einem völligen -Gesinnungswechsel. Mit derselben äussersten Uebertreibung und demselben -Fanatismus, mit denen er das streng begriffliche Denken als höchstes -Wahrheitsideal angebetet hatte, verhöhnt er es jetzt als etwas Geringes -und Niedriges gegenüber den Trieben, die es in Wahrheit regieren.</p> - -<p>Was sich inzwischen verändert hat, ist zwar nur seine <span class="gesperrt">Stimmung</span>, nur -seine <span class="gesperrt">Gefühlsauffassung</span> der Sachlage, aber eben dies besagt für -Nietzsche Alles: es veisst ihn allmählich fort zu immer weitergehenden -Folgerungen und wird so schliesslich zum Ausgangspunkt für eine neue -Weltanschauung.</p> - -<p>Dieser Verlauf ist typisch für die Entstehung aller Grundgedanken -in Nietzsches »Zukunftsphifosophie-«; ihm werden wir in seiner -Erkenntnisstheorie wie in seiner Morallehre, in seiner Äesthetik wie -in seiner letzten Mystik wieder begegnen und stets dieselben drei -Entwicklungsstufen daran wahrnehmen: zuerst das Anknüpfen an einzelne -letzte Consequenzen der modernen Erfahrungswissenschaft, dann ein -Umschlagen seiner Gemüthsstimmung in der Auffassung solcher Ergebnisse, -ihre Zuspitzung und Uebertreibung bis aufs Aeusserste, und endlich, -daraus fliessend, seine eigenen, neuen Theorien.</p> - -<p>Hinsichtlich dieser sind aber zwei Seiten zu unterscheiden, -einestheils ihr thatsächlicher philosophischer Gehalt, anderntheils -Nietzsches rein seelische Wieder-Spiegelung in ihnen, indem er sich -in seinen Gedanken den Ausdruck für sein tiefstes Wesen schafft. -Diese Selbstwiederspiegelung führt uns zu dem Bilde Nietzsches -zurück, wie es im ersten Theile dieser Arbeit entworfen ist. -Der Gedankengehalt aber der neuen Lehre erweist sich als eine -kunstvolle Verbindung der beiden philosophischen Phasen in Nietzsches -Geistesentwicklung,—als ein Muster von zwei verschiedenen mit -genialer Hand ineinandergeflochtenen Geweben: der Schopenhauerischen -Willenslehre und der Entwicklungslehre der Positivistem</p> - -<p>Für Nietzsches Erkenntnisstheorie, mit ihrer Bekämpfung der Bedeutung -des Logischen und ihrer Zurückführung desselben auf das schlechthin -Unlogische, kommt am meisten in Betracht sein Buch »Jenseits von -Gut und Böse«, das in einzelnen Abschnitten ebensogut heissen -könnte: »Jenseits von Wahr und Falsch«. Denn hier erörtert er am -ausführlichsten die <span class="gesperrt">Unberechtigung der Werthgegensätze</span> »wahr und -unwahr«, die mit der Einsicht in ihren Ursprung nicht minder hinfällig -werden, wie die Werthgegensätze »gut und böse«. »Das Problem vom Werthe -der Wahrheit trat vor uns hin,... Was in uns will eigentlich »»zur -Wahrheit««?... Gesetzt, wir wollen Wahrheit: <span class="gesperrt">warum nicht lieber</span> -Unwahrheit?...« (1.) »Ja, was zwingt uns überhaupt zur Annahme, -dass es einen wesenhaften Gegensatz von »wahr« und »falsch« giebt? -Genügt es nicht, Stufen der Scheinbark eit anzunehmen...?« (34.) »In -welcher seltsamen Vereinfachung und Fälschung lebt der Mensch!... -erst auf diesem nunmehr festen und granitnen Grunde von Unwissenheit -durfte sich—die Wissenschaft erheben, der Wille zum Wissen auf dem -Grunde eines viel gewaltigeren Willens, des Willens zum Nicht-wissen, -zum Ungewissen, zum Unwahren! Nicht als sein Gegensatz, sondern—als -seine Verfeinerung«! (24.) Das »Bewusstsein« ist nicht »in irgend -einem entscheidenden Sinne dem Instinktiven <span class="gesperrt">entgegengesetzt</span>,—das -meiste bewusste Denken eines Philosophen ist durch seine Instinkte -heimlich geführt und in bestimmte Bahnen gezwungen.« (3.) Alle Logik -ist letzten Endes nichts anderes als eine blosse »Zeichen-Convention« -(Götzen-Dämmerung III 3), alles Denken eine Art von »Zeichensprache -der Affekte«, da »wir zu keiner anderen »Realität« hinab oder hinauf -können als gerade zur Realität unserer Triebe—denn Denken ist nur ein -Verhalten dieser Triebe zu einander.« (Jenseits von Gut und Böse 36). -Und daraus folgt denn schon: »... <span class="gesperrt">je mehr</span> Affekte wir über eine -Sache zu Worte kommen lassen, <span class="gesperrt">je mehr</span> Augen, verschiedne Augen wir -uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird -unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität« sein. Den Willen -aber überhaupt eliminiren, die Affekte sammt und sonders aushängen, -gesetzt, dass wir dies vermöchten: wie? hiesse das nicht den Intellekt -<span class="gesperrt">castriren</span>?... (Zur Genealogie der Moral III 12).</p> - -<p>Hier ist der Punkt, an welchem Nietzsches Auffassung plötzlich von -seiner ehemaligen abweicht und ihn zu der entgegengesetzten führt. -Hat er früher davor gewarnt, irgend einem Affekt zu trauen, weil -derselbe doch nur das »Enkelkind« alter vergessener und wahrscheinlich -irrthümlicher Urtheilsschlüsse sei, so beruft er sich jetzt auf die -uralte Gefühlsgrundlage, der alle Urtheilsschlüsse entstammen, und -degradirt diese so zu unselbständigen, abhängigen »Enkelkindern« des -Gefühls. Für beide Auffassungen findet er die gesuchte Begründung -noch in der positivistischen Weltanschauung, aber was dort friedlich -neben einander besteht,—die Relativität des Denkens und diejenige -des Affektlebens,... das trennt sich für ihn in zwei unversöhnliche -Gegensätze: auf der einen Seite steht der bis auf die Spitze getriebene -Intellektualismus, dem er sich bis dahin hingegeben, und durch den -er alles Leben dem Denken, alles Gemüth dem Verstände unterthan -machen wollte,—auf der anderen Seite eine ebenfalls auf das Höchste -gesteigerte Gefühlsexaltation, die sich für ihre lange Unterdrückung -rächt und in ihrem Lebensüberschwang sich nur genug thun kann in einem -fanatischen: »fiat vita, pereat veritas!«</p> - -<p>Darum heisst es weiter: »Die Falschheit eines Urtheils ist uns noch -kein Einwand gegen ein Urtheil;... Die Frage ist, wie weit es -lebenfördernd, lebenerhaltend ... ist;... Verzichtleisten auf -falsche Urtheile (wäre) ein Verzichtleisten auf Leben, eine Verneinung -des Lebens.« (Jenseits von Gut und Böse 4.) »Bei allem Werthe, der -dem Wahren, dem Wahrhaftigen,... zukommen mag: es wäre möglich, -dass dem Scheine, dem Willen zur Täuschung, und der Begierde ein -für alles Leben höherer und grundsätzlicherer Werth zugeschrieben -werden müsste. Es wäre sogar noch möglich, dass, <span class="gesperrt">was</span> den Werth -jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit -jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche -Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu -sein.« (Jenseits von Gut und Böse 2.) »... wir sind von Grund -aus, von Alters her—<span class="gesperrt">ans Lügen gewöhnt</span>. Oder, um es tugendhafter -und heuchlerischer, kurz angenehmer auszudrücken: man ist viel mehr -Künstler als man weiss.« (Ebendaselbst 192.) Und das Lebenerhaltendere -der Lüge ist es, das den Künstler hoch über den wissenschaftlichen -Menschen und dessen Wahrheitsforschung stellt. »—die Kunst, in der -gerade die Lüge sich heiligt, der Wille zur Täuschung das gute Gewissen -zur Seite hat,« (Zur Genealogie der Moral III 25), ist es auch, um -derentwillen jetzt plötzlich wieder die ehemals so geschmähten -Metaphysiker weit vornehmer und schätzenswerther erscheinen, als -die »Wirklichkeits-Philosophaster«, mit ihrer Genügsamkeit und -»Lappenhaftigkeit«. (Jenseits von Gut und Böse 10.)</p> - -<p>An dieser erneuten Verherrlichung des Künstlerthums und selbst -der Metaphysik erkennt man, wie weit Nietzsche schon zu einem -neuen, entgegengesetzten Typus des Erkennenden durchgedrungen -ist, und wie weit er sich bereits von den positivistischen -»Wirklichkeits-Philosophastern« entfernt hat. Denn was diese als -eine unvermeidliche <span class="gesperrt">Zugabe</span> zum erkennenden Denken betrachten -und im Erkenntnissakt nach Möglichkeit zu <span class="gesperrt">reduciren</span> suchen: die -Abhängig-keitdes Denkens vom menschlichen Triebleben,—das gerade -bedarf, nach Nietzsche der höchstmöglichen <span class="gesperrt">Steigerung</span>. Die Einsicht -in die Relativität alles Denkens, in die engen Grenzen, die der -Wahrheitserkenntniss gezogen sind, dien! ihm ausschliesslich zur -Proklamirung einer neuen Grenzenlosigkeit des Erkennens, die -demselben den absoluten Charakter wiedergeben soll. Weil Nietzsche -der absoluten Ideale bedurfte, um sie anbeten und an ihnen seine -Hingebung ausleben zu können, suchte er, sobald sein logisches -Wahrheitsideal allzu bescheiden zusammenschrumpfte, Abhilfe in -dessen Gegensatz, im Maasslosen des gesteigerten Affektlebens. -Ist er vorher davon ausgegangen, das Wahrheitsstreben von einer -letzten Illusion zu befreien, indem er es als relativ auffasste, so -öffnet er sich nun einen neuen Zugang zu neuen Illusionen: durch -Verlegung des Erkenntnissgebietes in das der Gefühlserregungen und -Willenseingebungen. Damit sind alle zurückhaltenden, einschränkenden -Dämme niedergerissen und rückhaltlos darf das Affektleben darüber -hinfluthen. Nirgends Gewissheit oder überall Gewissheit, das kommt -hier beinahe auf dasselbe hinaus; wo der Gedanke alle selbständigen -Erkenntnissrechte eingebüsst hat, da schweift er, als Spielzeug und -Werkzeug der ihn regierenden verborgenen Triebe bis in die fernsten -Fernen, bis in die tiefsten Tiefen. Ist Nietzsche ursprünglich aus -dem geheimnissvoll schimmernden Zaubergarten der Metaphysik in die -nüchterne Verstandeswelt empirischer Forschung eingetreten, so verliert -er sich jetzt in den Irrgarten einer Wildniss, die, ungelichtet -und undurchdringlich, diese Verstandeswelt umgiebt. Gerade der -Umstand, dass in ihr noch keine Wege gebahnt sind, dem Denken noch -keine Richtung gewiesen ist,—dass Alles in ihr noch herrenlos und -gesetzlos ist, und der Willensmachtspruch Raum hat für jegliches -Schaffen,—gerade dies Abenteuerlich-Gefährliche ist ihm Bürgschaft -für den richtigen Weg, denn es erscheint als die Richtung mitten ins -Innere des Lebens, mitten in seine Urkräfte hinein. »Räthsel-Trunkene, -Zwielicht-Frohe« nennt daher Zarathustra seine Jünger, »deren Seele mit -Flöten zu jedem Irr-Schlunde gelockt wird:—denn nicht wollt ihr mit -<span class="gesperrt">feiger Hand einem Faden nachtasten</span>; und, wo ihr <span class="gesperrt">errathen</span> könnt, da -hasst ihr es, zu <span class="gesperrt">erschliessen</span>.« (Also sprach Zarathustra III 6 f.) -»Auch im Erkennen fühle ich nur meines Willens Zunge und Werde-Lust -(Ebendaselbst II 8); »Werk- und Spielzeuge sind Sinn und Geist!« -(Ebendaselbst I 43), denn das Leben spricht: »Auch du, Erkennender, -bist nur ein Pfad und Fusstapfen meines Willens: wahrlich, mein Wille -zur Macht wandelt auch auf den Füssen deines Willens zur Wahrheit!« -(Ebendaselbst II 50)</p> - -<p>Nietzsche, der so lange Zeit hindurch, zur Beschwichtigung und -Zügelung seyier tieferregten Innerlichkeit und ihres Affektlebens, -eine kalte und nüchterne Denkweise benutzt hatte, erfuhr nun an sich -selber, was er früher einmal vorahnend und warnend, in »Menschliches, -Allzumenschliches (II 275), geschildert: »Hat man seinen Geist -verwendet, um über die Maasslosigkeit der Affekte Herr zu werden, -so geschieht es vielleicht mit dem leidigen Erfolge, dass man die -Maasslosigkeit auf den Geist überträgt und fürderhin im Denken und -Erkennenwollen ausschweift.<a name="FNAnker_1_27" id="FNAnker_1_27"></a><a href="#Fussnote_1_27" class="fnanchor">[1]</a> In einem solchen Verlangen wild -auszuschweifen, schafft er sich einen neuen Wahlspruch:»Nichts -ist wahr, Alles ist erlaubt!« (Zur Genealogie der Moral III. 24.) -und preist den Werth der Täuschung, der willkürlichen Fiktion, des -Unlogischen und »Unwahren«, als der im Grunde lebenfördernden, -willensteigernden Mächte. In der Vorstellung, dass ja in dem gesammten -Weltbilde, so wie wir es um uns aufgebaut haben, wir selbst als die -Schöpfer mit unserer psychischen Eigenart drinstecken, und dass unser -Erkennen letzten Endes doch nichts ist als eine »Anmenschlichung der -Dinge«, schwelgt er so lange, bis das Weltganze sich ihm zu einem -Traumbilde verflüchtigt, das sich der Einzelne willkürlich ersonnen -hat. »Warum dürfte die Welt, <span class="gesperrt">die uns etwas angeht</span>—, nicht eine -Fiktion sein?« fragt er sich (Jenseits von Gut und Böse 34), mit dem -Hintergedanken: <span class="gesperrt">und also durch einen Gewaltakt umzuschaffen sein</span>?</p> - -<p>Hierauf bezieht sich ein kurzes interessantes Kapitel in der -»Götzen-Dämmerung« (IV), dessen Absicht aber nur im Zusammenhang mit -den übrigen zerstreuten Bemerkungen Nietzsches über diesen Gegenstand -ganz verständlich wird. Es ist überschrieben: »Wie die »wahre Welt« -endlich zur Fabel wurde. Geschichte eines Irrthums.« und enthält eine -Skizzirung des philosophischen Entwicklungsganges von den Alten bis zu -uns. Die alte Philosophie fasste schon, wenn auch erst in naiver Weise, -den Erkennenden und sein Weltbild, die Person und die Wahrheit, als -identisch; sie gipfelte in der Umschreibung des Satzes: »ich, Plato, -<span class="gesperrt">bin</span> die Wahrheit.« »Die wahre Welt«, im Gegensatz zur unwahren, -scheinbaren, in der die Unweisen leben, ist, »erreichbar für den -Weisen,—lebt in ihr, <span class="gesperrt">er ist sie</span>.« Im Christenthum trennt sich die -Idee der »wahren Welt« fortschreitend von der Persönlichkeit, indem -sie sich entmenschlicht und sublimirt, als Zukunftsverheissung, als -Versprechen über den Menschen auffliegt. Endlich, durch eine Reihe -von metaphysischen Systemen hindurch, verblasst sie bei Kant zu einem -blossen Schatten, »unerreichbar, unbeweisbar, unversprechbar,«—bis sie -sich, mit der endgiltigen Abkehr von aller Metaphysik, völlig zu Nichts -verflüchtigt: »Grauer Morgen. Erstes Gähnen der Vernunft. Hahnenschrei -des Positivismus.« Damit steigt die bisher, als scheinbar und unwahr -gescholtene Welt im Preise, weil sie die einzig übrigbleibende ist: -»Heller Tag; Frühstück; Rückkehr des bon sens und der Heiterkeit; -Schamröthe Plato's; Teufelslärm aller freien Geister.« Aber mit der -Einsicht in die Entstehung der Fabel von der »wahren Welt« haben wir -zugleich die Entstehungsweise des Weltbildes unserer Erkenntniss -überhaupt eingesehen. Jetzt, wo der Glaube an eine mystische »wahre« -Welt hinter der scheinbaren, durch Täuschung und Irrthum entstandenen, -uns nicht mehr tröstet, was bleibt uns noch übrig? »Mit der wahren -Welt haben wir auch die scheinbare abgeschafft,« die ja nur als -deren Gegensatz möglich war. Wieder ist der Mensch auf sich selbst -zurückgeworfen als auf den <span class="gesperrt">Selbstschöpfer aller Dinge</span>. Wieder ist die -alte Fassung: »Ich, Plato, bin die Welt,« möglich geworden und steht -als letzte Weisheit am Anfang aller Philosophie, nun aber nicht mehr in -der naiven, noch ungebrochenen Identificirung von Person und Wahrheit, -von Subjekt und Objekt, sondern als klar bewusste und gewollte -Schöpferthat Dessen, der sich selbst als den Weltenträger erkannt hat. -»Ich, Nietzsche-Zarathustra, bin die Welt, sie ist, weil ich bin, -sie ist, wie ich will.« Dieses Ergebniss wird nur angedeutet in den -geheimnissvollen Schlussworten: »<span class="gesperrt">Mittag; Augenblick des kürzesten -Schattens; Ende des längsten Irrthums. Höhepunkt der Menschheit; -Incipit Zarathustra</span>.«</p> - -<p>Hier lässt es sich schon deutlich verfolgen, wie sich neue und ins -Mystische überschlagende Gedanken Nietzsches mit Elementen mischen -und verknüpfen, die er noch der modernen Erkenntnisstheorie entnimmt. -Und damit ist bereits der Punkt erreicht, von dem aus sich seine -neue Lehre aufbaut, und bei dem es sich nicht mehr um eine blosse -Gefühlsübertreibung gewisser allgemeingiltiger Einsichten handelt. Denn -aus der Thatsache der Begrenztheit und Relativität alles menschlichen -Erkennens, und aus der der Priorität des menschlichen Trieblebens -gegenüber demselben formt sich ihm unvermerkt der neue Typus des -Philosophen: das überlebensgrosse Bild eines Einzelnen, dessen -Gewaltwille über wahr und unahr entscheidet, und in dessen Hand das -Verstandeserkennen der Menschen ein blosses Spielzeug ist. Man könnte -sagen: dasjenige, was den Geist zu strenger Selbstbescheidung zwingt, -was ihn von allen Seiten bedingt und beeinflusst, das personificirt -sich Nietzsche unter dem Bilde einer zügellosen Allmacht, die er -auf einen übermenschlichen Einzelnen überträgt. Ja, in ihm sollen -alle Triebe und Kräfte alles Menschenthums dermaassen entfesselt -und gesteigert gedacht werden, dass die Quintessenz des Lebens, der -Kraft-Extract des Ganzen, in ihm gleichsam Person geworden ist, sodass -er auch die Erkenntnissnormen umzuprägen und zu verrücken im Stande -wäre. Doch geschieht dies nicht in einem Act der Contemplation, sondern -in einer schöpferischen That, als Handlung und Befehl, der an die Welt -ergeht. »—<span class="gesperrt">Die eigentlichen Philosophen aber sind Befehlende und -Gesetzgeber</span>: sie sagen »<span class="gesperrt">so soll</span> es sein!« sie bestimmen erst das -Wohin? und Wozu? des Menschen..., ... sie greifen mit schöpferischer -Hand nach der Zukunft.... Ihr »Erkennen« ist <span class="gesperrt">Schaffen</span>, ihr -Schaffen ist eine Gesetzgebung, ihr Wille zur Wahrheit ist—<span class="gesperrt">Wille zur -Macht</span>.« (Jenseits von Gut und Böse 211.) Ihre Philosophie »schafft -immer die Welt nach ihrem Bilde, sie kann nicht anders; Philosophie -ist dieser tyrannische Trieb selbst, der geistigste Wille zur Macht, -zur »Schaffung der Welt«, zur causa prima« (Ebendaselbst 9). Die -»cäsarischen Züchter und Gewaltmenschen der Cultur« (Ebendaselbst 207) -sind es, mit deren Erläuterung und Beschreibung sich Nietzsches ganze -Zukunftsphilosophie beschäftigt, ja, in deren Bilde ihr gesammter -Inhalt besteht. In seiner Erkenntnisstheorie wird ihnen nur der Boden -bereitet, in seiner Ethik und Aesthetik wachsen sie aus diesem Boden -immer höher hinauf in eine religiöse Mystik, in der Gott, Welt und -Mensch zu einem einzigen ungeheuren Ueberwesen verschmelzen.</p> - -<p>Es ist leicht zu sehen, inwiefern sich Nietzsche mit dem Bilde dieses -Schöpfer-Philosophen seinen ehemaligen metaphysischen Anschauungen -nähert, wie er aber dieselben zugleich durch seine späteren -wissenschaftlichen Theorien zu modificiren sucht. Die »idealen« -Wahrheiten der Metaphysik mit ihren erhebenden und tröstenden Deutungen -des Welträthsels nimmt er nicht wieder auf, aber indem er überhaupt -mit der Möglichkeit einer »Wahrheit« aufräumt, indem er die Skepsis -in das Gebiet des Erkennens hineinträgt und sich auf den Standpunkt -»Alles ist unwahr« stellt, schafft er sich Raum, um einen <span class="gesperrt">Ersatz</span> -für jene verlorenen idealen Wahrheiten und Trostgründe herzustellen. -Durch einen Machtspruch, durch einen Willensakt wird in die Dinge die -Bedeutung hineingelegt, die sie an sich selbst nicht haben; aus dem -Wahrheits-<span class="gesperrt">Entdecker</span>, als welcher der Philosoph bisher galt, ist er -gewissermassen zum Wahrheits-<span class="gesperrt">Erfinder</span> geworden, zu einem »Überreichen -des Willens« (Jenseits von Gut und Böse 212), der zwar Unwahrheiten und -Täuschungen ausspricht, aber dessen schöpferischer Wille sie wahr, d. -h. zu überzeugenden Wirklichkeiten, zu machen weiss. »Wer seinen Willen -nicht in die Dinge zu legen weiss, der legt wenigstens einen <span class="gesperrt">Sinn</span> -noch hinein« (Götzen-Dämmerung, Sprüche und Pfeile 18). Damit kehrt er -sich gegen die Metaphysiker, aber wie sie nimmt er sich das Recht zu -einer Umdeutung und Umschaffung der Dinge auf Grund der über die blosse -Verstandeskraft hinausgehenden Eingebungen des Gemüths.</p> - -<p>In dieser persönlich gedachten Ueberlegenheit des Affektlebens über das -Verstandesleben, in welcher schliesslich der Wahrheitsgehalt einer -Erkenntniss als unwesentlich erachtet wird gegenüber ihrem Willens- und -Gefühlsgehalt, spiegelt sich rückhaltlos Nietzsches Geistesart, sein -innerstes Wesen und Sehnen wieder. Nach dem langen Zwang im Dienste des -strengen Wahrheitserkennens war dies eine Reaktion, deren Seligkeit -ihn in einen Taumel der Mystik hineinriss. Seine eigene Seele gibt -er jenem übermenschengrossen Schöpfer-Philosophen, in dem des Lebens -Fülle und Ueberfülle sich drängt und schöpferisch nach Entlastung -durch den Gedanken verlangt,—es ist der »tropische« Mensch, auf den -die Worte passen, die wir bereits im ersten Theile dieses Buches auf -Nietzsches tieferregtes Innenleben angewendet haben: »die umfänglichste -Seele, welche am weitesten in sich laufen und irren und schweifen -kann;... die sich selber fliehende, die sich selber im weitesten -Kreise einholt; die weiseste Seele, welcher die Narrheit am süssesten -zuredet: die sich selber bebendste, in der alle Dinge ihr Strömen und -Wiederströmen und Ebbe und Fluth haben« (Also sprach Zarathustra III -82).</p> - -<p>Aber noch weiter geht diese unwillkürliche und gewaltsame Reaktion -gegen die vorhergehende Geistesperiode, und geht die unbewusste -Selbstwiderspiegelung in den Theorien, bis hinein in das persönlichste -Empfinden Nietzsches. Denn in ihnen treffen wir auch auf jenen -unheimlichen Zug in Nietzsches Seelenleben, wonach er sich nur in -der Selbstopferung und Selbstvergewaltigung befriedigte und seiner -Exaltation genug that. Wie er sich zuvor zur Unterwerfung unter die -Forderungen eines strengen Intellektualismus gezwungen hatte, so zwingt -er jetzt umgekehrt den Verstand, den Trieb zu rein intellektuellem -Erkennen, unter den Machtwillen der Affekte. Hatte er zuvor seinen -seelischen Menschen vergewaltigt, so vergewaltigt er jetzt den -erkennenden Menschen in sich. Er ruht nicht eher, als bis der Triumph -des entfesselten Lebenswillens zu einer Selbstverhöhnung des Verstandes -wird: in unheimlicher Weise resultirt schliesslich die höchste -Erkenntniss aus einer Selbstpreisgebung alles logischen Erkennens,—der -Denker wird »heimlich durch seine Grausamkeit gelockt und vorwärts -gedrängt, durch jene gefährlichen Schauder der <span class="gesperrt">gegen sich selbst</span> -gewendeten Grausamkeit«.—er muss als »Künstler und Verklärer der -Grausamkeit« walten (Jenseits von Gut und Böse 229). Der menschliche -Geist taucht zuletzt freiwillig hinab in seine Vernichtung, denn nur so -empfängt er die höchste Offenbarung,—er taucht hinab ins Grenzenlose, -Maasslose, das über ihm zusammenschlägt, denn nur so erfüllt er -sein Ziel. Wir werden in der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, -in der Ethik wie in der Aesthetik, den durchgehenden Grundgedanken -wiederfinden: <span class="gesperrt">dass der Untergang durch das Uebermass</span> die Bedingung -einer höchsten Neuschöpfung sei, und daher mündet auch Nietzsches -Erkenntnisstheorie in eine Art schauerlich—persönlicher Mystik aus, in -der die Begriffe Wahn und Wahrheit unlöslich verkettet sind, und das -»Uebermenschliche« daher kommt als ein Blitz, der den Geist treffen und -tödten, als ein Wahnsinn, mit dem sein Wahrheitssinn geimpft werden -soll: »Wollte ich doch, sie hätten einen Wahnsinn, an dem sie zu Grunde -gingen!...Wahrlich ich wollte, ihr Wahnsinn hiesse Wahrheit!... -Und des Geistes Glück ist diess: gesalbt zu sein und durch Thränen -geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr das schon? Und die Blindheit des -Blinden und sein Suchen und Tappen soll noch von der Macht der Sonne -zeugen, in die er schaute,—wusstet ihr das schon?« (Also sprach -Zarathustra II 33).</p> - -<p>Aber dieses letzte Mysterium kann uns, wie das ganze Bild des -Schöpfer-Philosophen überhaupt, nur fortschreitend, in der Ethik -und Aesthetik Nietzsches, völlig deutlich werden, indem es, von den -abstrakten Grundlinien aus, stets körperhaftere Züge gewinnt, bis es -endlich, als eine mystische Wesensverklärung Nietzsches selber, in -seiner persönlichen Einzelgestalt vor unseren Augen steht.</p> - -<p>Dass erst die Ethik der Erkenntnisstheorie ihre rechte Erläuterung -und Begründung giebt, erhellt schon aus dem Charakter des Erkennenden -als des wahren Trägers des Lebenswillens,—des Erkennenden als des -Handelnden und Schaffenden. Es gilt daher im höchsten Grade von -Nietzsches Philosophie, was er von den Systemen der Philosophen -überhaupt aussagt: »dass die moralischen— —Absichten ... den -eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze -gewachsen ist« (Jenseits von Gut und Böse 6). Dieser enge Zusammenhang -des Philosophen mit dem Leben als solchem und mit dessen menschlichsten -und persönlichsten Zwecken soll ihn am entschiedensten von allen Denen -trennen, die das Leben anfeinden oder pessimistisch ansehen. Er soll -der geborene Lebens-Apologet sein und seine Philosophie eo ipso eine -Lebens-Apotheose, denn zu sich selbst kann das Leben nur immer wieder -»Ja« sagen. In Wirklichkeit jedoch ist fast immer das Gegentheil der -Fall gewesen (Götzen-Dämmerung II I). »Über das Leben haben zu allen -Zeiten die Weisesten gleich geurtheilt: <span class="gesperrt">es taugt nichts</span>.... Immer und -überall hat man aus ihrem Munde denselben Klang gehört,—einen Klang -voll Zweifel, voll Schwermuth, voll Müdigkeit am Leben, voll Widerstand -gegen das Leben.« War doch dieser geschwächte Lebenswille eine Folge -der Verfeinerung und Sublimirung ihres menschlich-thierischen Wesens, -der intellektuellen und beschaulichen Eigenart ihrer Natur,—war -es doch, nach Nietzsches ehemaliger Auffassung, gewissermaassen -zugleich ihr <span class="gesperrt">Adelszeichen</span>, das sie von den geistig rohen Menschen, -vom <span class="gesperrt">Pöbel</span>, unterschied und zu ihrer Führerrolle berechtigte. Hier -hat sich nun die Auffassung dahin verändert, dass nicht mehr auf -die Lebensdurchgeistigung, sondern auf die Lebensschwächung der -Nachdruck gelegt wird. Die Menschen des Geistes erscheinen nunmehr als -die Kranken und Entnervten, als die <span class="gesperrt">Niedergangstypen</span> eines jeden -Zeitalters. Der von Nietzsche so geliebte und verherrlichte Philosoph, -der bei den Griechen die Lehre von der Herrschaft der Vernunft über -die Naturinstinkte vertrat, Sokrates, wandelt sich ihm damit wieder -zu der gefährlichen und geschmähten Versucher-Gestalt, die er für -Nietzsche zur Zeit der Schopenhauerischen Periode war. Sokrates, der -Hässliche, Missgestaltete unter den vornehmen, wohlgebildeten Griechen, -trat unter ihnen auf als der erste grosse Decadent, er corrumpirte -und verschnitt den ursprünglichen hellenischen Lebensinstinkt, indem -er ihn der Vernunftlehre unterwarf (Vergleiche Götzen-Dämmerung II -»Das Problem des Sokrates«). Darin ist er das Urbild aller Denker, -die das Leben durch das Denken meistern wollen, aber wie sie Alle -beweist er damit Nichts gegen das Leben, sondern nur Etwas gegen das -Denken. Denn wenn auch bisher alle Philosophen zur Missachtung des -Daseins, zur Erschlaffung der lebenerhaltenden Instinkte beigetragen -haben, so spricht sich darin nicht eine Wahrheit hinsichtlich des also -geringgeschätzten Lebens aus, sondern nur der Widerspruch, in den sie -mit sich selber gerathen sind, als das charakteristische Symptom eines -Krankheitszustandes. Es lehrt nur, dass die Menschen des überwiegenden -Intellekts sich von der Lebensquelle, die auch ihrem Intellekt erst -Nahrung zuführt, abgekehrt haben, dass sie Abgelebte, Müde, Spätlinge -niedergehender Culturen sind, dass sie in sich nicht mehr die -sieghafte, heilende, umformende Kraft besitzen, welche über die Schäden -und Lücken des Daseins triumphirt und dasselbe zu höherer Entwicklung -weiterführt. Ihnen allen gilt daher die argwöhnische Frage: »Waren sie -vielleicht allesammt auf den Beinen nicht mehr fest? spät? wackelig? -ddcadents? Erschiene die Weisheit vielleicht auf Erden als Rabe, den -ein kleiner Geruch von Aas begeistert?...« (Götzen-Dämmerung II 1.)</p> - -<p>Aber nicht nur ihnen gilt diese Frage, denn sie repräsentiren nur die -äusserste Spitze dessen, worin die ganze Entwicklung der Menschheit -gipfelt. Der stumpfen und dumpfen Einheitlichkeit seines ursprünglichen -Thierbewusstseins entrissen, ist der Mensch durch die Weiterbildung -seiner Geistesfähigkeiten in Zwiespalt mit dem Naturgrund gerathen, -in dem seine Kraft wurzelt. Er ist damit zu einer Halbheit, zu -einem Zwitterding geworden, das ersichtlich seine Erklärung und -Daseinsberechtigung nicht aus sich selber schöpfen kann,—? er ist -der verkörperte Uebergang zu Etwas, das noch nicht entdeckt, noch -nicht geschaffen ist, und als ein solcher Uebergang ist der Mensch das -krankhafteste,—»das <span class="gesperrt">noch nicht festgestellte</span> Thier.« (Jenseits von -Gut und Böse 62). So haftet der Decadenz-Charakter dem Menschenthum als -solchem an und nicht nur einer einzelnen Form, einem einzelnen Gebiet -desselben.</p> - -<p>Wir finden demnach die ersten Anfänge der Decadenz, des Niederganges -ungebrochenen Lebens, schon im Entstehen aller Cultur,—da wo sich die -wilde Bestie Mensch, das »menschliche Raubthier«, durch den ersten -socialen Zwang in seiner ungezügelten Freiheit beengt fühlt. »Jene -furchtbaren Bollwerke, mit denen sich die staatliche Organisation gegen -die alten Instinkte der Freiheit schützte ... brachten zu Wege, -dass alle jene Instinkte des wilden freien schweifenden Menschen sich -rückwärts, sich <span class="gesperrt">gegen den Menschen selbst</span> wandten.« »Alle Instinkte, -welche sich nicht nach Aussen entladen, <span class="gesperrt">wenden sich nach Innen</span>— -ist das, was ich die <span class="gesperrt">Verinnerlichung</span> des Menschen nenne: damit -wächst erst das an den Menschen heran, was man später seine »Seele« -nennt. Die ganze innere Welt, ursprünglich dünn wie zwischen zwei -Häute eingespannt, hat Tiefe, Breite, Höhe bekommen, als die Entladung -des Menschen <span class="gesperrt">nach Aussen gehemmt</span> worden ist.« »Der Mensch, der -sich, aus Mangel an äusseren Feinden und Widerständen, eingezwängt in -eine drückende Enge und Regelmässigkeit der Sitte, ungeduldig selbst -zerriss, verfolgte, annagte, aufstörte, misshandelte, dies an den -Gitterstangen seines Käfigs sich wund stossende Thier,... Mit -ihm aber war die grösste und unheimlichste Erkrankung eingeleitet, von -welcher die Menschheit bis heute nicht genesen ist, das Leiden des -Menschen—<span class="gesperrt">an sich</span>: als die Folge einer gewaltsamen Abtrennung von -der thierischen Vergangenheit, einer Kriegserklärung gegen die alten -Instinkte, auf denen bis dahin seine Kraft, Lust und Furchtbarkeit -beruhte.« (Zur Genealogie der Moral II 16.)</p> - -<p>Wenn dementsprechend die Krankhaftigkeit des Menschen gewissermaassen -sein Normalzustand, seine specifisch menschliche Natur selbst ist, -und die Begriffe Erkrankung und Entwicklung als nahezu identisch -gefasst werden, so müssen wir natürlich auch am <span class="gesperrt">Ausgang</span> einer -langen culturellen Entwicklung wieder der nämlichen Decadenz als -Resultat begegnen. Sie hat nur das Aussehen verändert. Es sind die -Zeiten langer friedlicher Gewöhnung, in denen sie in ihrer neuen Form -auftritt, Zeiten, in denen das strenge Zusammenhalten, die harte Zucht -und Unterordnung der Einzelnen nicht mehr als nothwendig erscheinen, -sondern die Mittel zu einer sorgloseren und volleren Selbstauslebung -reichlich vorhanden sind. Die starre Gleichförmigkeit, zu der durch -eine Jahrhunderte währende Schulung Alle herangezüchtet worden sind, -beginnt sich aufzulösen und dem Spiel des Individuellen Platz zu -machen. »Die Variation, sei es als Abartung (in's Höhere, Feinere, -Seltnere), sei es als Entartung und Monstrosität, ist plötzlich in der -grössten Fülle und Pracht auf dem Schauplatz, der Einzelne wagt einzeln -zu sein und sich abzuheben.« »Lauter neue Wozu's, lauter neue Womit's, -keine gemeinsamen Formeln mehr, Missverständniss und Missachtung mit -einander im Bunde, der Verfall, Verderb und die höchsten Begierden -schauerlich verknotet, das Genie der Rasse aus allen Füllhörnern des -Guten und Schlimmen überquellend, ein verhängnissvolles Zugleich von -Frühling und Herbst.« (Jenseits von Gut und Böse 262.)</p> - -<p>Wenn in der zuerst geschilderten ursprünglichen Decadenzform die -Leidenschaften des Menschen sich gegen ihn selbst wenden, ihn bedrohen -und zerfleischen, weil er sich nicht nach Aussen hin entladen, nicht -wehren kann,—so gerathen sie jetzt aus dem entgegengesetzten Grunde -in einen gleichen Innenkrieg miteinander, weil keine Verhältnisse -mehr vorhanden sind, gegen die der Mensch sich zu wehren hätte, -nichts, was seine Kriegskraft nach Aussen hin abzuziehen vermöchte. -Im zahmen Frieden des geordneten Lebens hat der inzwischen so stark -verinnerlichte Mensch nur noch sich selbst zum Kampfplatz seiner -ungeberdigen Triebe. Sobald diese sich zu regen anfangen, beginnt er -wiederum, an sich zu leiden, »Dank den wild gegeneinander gewendeten, -gleichsam explodirenden Egoismen«, die sein überaus complicirt -gewordenes Wesen in sich begreift, und durch die es allmälig alle -Geschlossenheit der Persönlichkeit wieder einbüsst. In diesem Stadium -bildet der Mensch das Endglied einer einzigen ungeheuer langen -Entwicklungskette, deren einzelne Ringe ihm alle einverleibt sind, -als die Summe der gesammten allmälig angezüchteten intellektuellen, -moralischen und socialen »Menschlichkeit« nebst sämmtlichen nur allzu -lebendigen Instinkterinnerungen an die zurückliegende Thierheit.</p> - -<p>Aber wenn diese beiden Formen der Decadenz mit Nothwendigkeit der -menschlichen Natur entspringen und unumgängliche Durchgangsphasen für -deren Weiterbildung zu etwas Höherem sind, so gibt es daneben noch eine -dritte Art der Decadenz, welche die geschilderten Krankheitszustände -unheilbar zu machen und die Möglichkeit einer Wiedergenesung zu -verhindern droht. Das ist die falsche Weltdeutung, die unrichtige -Lebensauffassung, die durch jenes Leiden und jene Krankheit gezeitigt -wird. Es ist die Aufforderung zur Askese in gleichviel welcher Form, -zur Abkehr vom Leben und seinen Schmerzen, zur Hingebung an die -Müdigkeit, die als Folge des immerwährenden »Krieges der man ist« -auftritt. Ein solches asketisches Ideal predigen nicht nur alle -Religionen und Moralen, sondern auch jeder Intellektualismus, der das -Denken auf Kosten des Lebens unterstützt und das Ideal der »Wahrheit« -dem Ideal einer möglichsten Lebenssteigerung entgegensetzt. Das wahre -Heilmittel für diese um sich greifende Corruption bestände gerade in -der vollen Hinwendung zum Leben, damit aus dem chaotischen Reichthum -durcheinander ringender Gegensätze eine neue höhere Gesundheit geboren -werde.</p> - -<p>»Man ist nur <span class="gesperrt">fruchtbar</span> um den Preis, an Gegensätzen reich zu -sein (Götzen-Dämmerung V 3), vorausgesetzt, dass noch genügende -Kraft da ist, sie zu tragen, sie zu <span class="gesperrt">ertragen</span>. Dann ist scheinbare -Auflösung und Decadenz, dann ist alle sogenannte Corruption »nur -ein <span class="gesperrt">Schimpfname für die Herbstzeiten</span>«,—d. h. für die Zeiten der -abfallenden Blätter, aber auch der reifenden Früchte. Insofern kann -Decadenz und Fortschritt ein und dasselbe bedeuten: den Fortschritt dem -nothwendigen Ende zu,—»Es hilft nichts: man muss vorwärts, will sagen -<span class="gesperrt">Schritt für Schritt weiter in der décadence</span>.... Man kann diese -Entwicklung <span class="gesperrt">hemmen</span> und, durch Hemmung, die Entartung selber stauen, -aufsammeln, vehementer und <span class="gesperrt">plötzlicher</span> machen: mehr kann man nicht.« -(Götzen-Dämmerung IX 43.) Ein solches Ende, eine solche tragische -Verknüpfung von vorwärts und niederwärts wird dadurch erklärt, dass der -Mensch nicht in sich selbst seine Erfüllung findet, sondern über sich -selbst hinaus drängt nach etwas Höherem, als er ist. Es ist »mit der -Thatsache einer gegen sich selbst gekehrten,... Thierseele auf Erden -etwas so Neues, Tiefes,... Widerspruchsvolles und <span class="gesperrt">Zukunftsvolles</span> -gegeben«,—dass daraus die Zuversicht auf eine mögliche, neue Über-Art -des Menschlichen geschöpft werden kann. Es ist, als ob sich damit -»Etwas ankündige, Etwas vorbereite, als ob der Mensch kein Ziel, -sondern nur ein Weg, ein Zwischenfall, eine Brücke, ein grosses -Versprechen sei.« (Zur Genealogie der Moral II 16.) »Der Mensch ist ein -Seil, geknüpft zwischen Thier und Übermensch,—ein Seil über einem -Abgrunde.... Was gross ist am Menschen, das ist, dass er eine Brücke -und kein Zweck ist: was geliebt werden kann am Menschen, das ist, dass -er ein <span class="gesperrt">Übergang</span> und ein <span class="gesperrt">Untergang</span> ist.« (Also sprach Zarathustra -I 12.) Die Decadenzerscheinungen können daher der Menschheit zu -Zeiten des hereinbrechenden Unterganges und der sich ankündigenden -Neugeburt ebenso wenig erspart bleiben als »einem schwangeren Weibe die -Widerlichkeiten und Wunderlichkeiten der Schwangerschaft: »... als -welche man vergessen muss, um sich des Kindes zu freuen.«</p> - -<p>Die Einsicht in die durchgängige »Allzumenschlichkeit« der Triebe, -die Nietzsche früher so stark betont hatte, wird hier also nicht -aufgegeben, sondern noch möglichst <span class="gesperrt">verschärft</span> und zum Ausgangspunkt -seiner neuen Menschheitstheorie genommen. Aus einer verstandeskalten -Einsicht hat sie sich ihm zu einem <span class="gesperrt">Gemüthsaffekt</span> gesteigert, und -als solcher gewinnt sie eine so ungeheure Bedeutung, dass sie alle -seine Seelen- und Gedankenkräfte aufwühlt, bis ihm in Zorn, Gram -und Entsetzen neue »Flügel und quellenahnende Kräfte« (Also sprach -Zarathustra III 77) wachsen, mit denen er sich über sie erhebt. -Aus dem <span class="gesperrt">Accent</span>, den er auf seine ehemalige Einsicht legt, aus -den äussersten Consequenzen, die er aus ihr zieht, quillt ihm die -übermächtige Sehnsucht nach seiner neuen Theorie, nach dem Gedanken -einer Selbstopferung des Allzumenschlichen für das Uebermenschliche.</p> - -<p>Wie sich in dem erkenntnisstheoretischen Theile von Nietzsches -neuer Lehre die Abhängigkeit des Logischen vom Seelischen, des -Gedankenlebens vom Gemüthsleben wiederspiegelt, so tritt uns in jenem -Menschheitsbilde einer leidenden Ueberfülle zum Zweck einer Neugeburt -die Erklärung seines eigenen Wesens entgegen: die Selbstopferung -durcheinanderringender Triebe zur Entbindung höchster Schaffenskraft. -Aus dem tiefen, ihm stets gegenwärtigen Gefühl eigener Krankhaftigkeit, -eigenen Leidens ist seine Decadenzlehre hervorgegangen. Auch von ihr -gilt, was von allen Theorien seiner letzten Philosophie gilt: die -schmerzlichen psychischen Vorgänge, die bei ihm bisher die <span class="gesperrt">Ursache</span> -und <span class="gesperrt">Begleiterscheinung</span> der verschiedenen Erkenntnissprocesse waren, -werden nunmehr zum <span class="gesperrt">Erkenntniss</span>-inhalt selbst.</p> - -<p>Der Gedanke einer überreich gewordenen, sich opfernden Menschheit -ist es denn auch, von dem aus Nietzsche, zurückblickend, den ganzen -Gang der Menschheits-Entwicklung begreift. Um desswillen allein war -jene lange und peinvolle Zähmung ursprünglicher Thierwildheit nöthig, -obgleich sie den Menschen zum Decadenten heranzüchtet, und er ihr -schliesslich doch wieder entwächst. Ihr Sinn ist es gewesen, ihn mit -der ganzen Fülle seiner Innerlichkeit zu bereichern und ihn dann -zum Herrn dieses Reichthums und seiner selbst zu machen. Das konnte -nur durch einen langen harten Zwang geschehen, in dem sein Wille, -als, der eines noch Unmündigen, gleichsam unter Schlägen und Strafen -zur Mündigkeit erzogen wurde. So lernte der Mensch einen <span class="gesperrt">längeren</span> -und <span class="gesperrt">tieferen</span> Willen haben, als das vergessliche, vom Augenblick -beherrschte, dem Augenblicksimpulse unterworfene Thier. Er lernte für -sein Wollen einstehen—er wurde »das Thier, das <span class="gesperrt">versprechen darf</span>«. -Alle Menschheitserziehung ist im Grunde eine Art von <span class="gesperrt">Mnemotechnik</span>: -sie löst das Problem, wie dem unberechenbaren Willen ein <span class="gesperrt">Gedächtniss -einzuverleiben</span> sei. »Für sich gut sagen dürfen und mit Stolz, also -auch zu sich <span class="gesperrt">Ja sagen dürfen</span>—das ist—eine <span class="gesperrt">späte</span> Frucht:—wie -lange musste diese Frucht herb und sauer am Baume hängen! Stellen wir -uns—ans Ende des ungeheuren Prozesses, dorthin, wo der Baum endlich -seine Früchte zeitigt, wo die Societät und ihre Sittlichkeit der Sitte -endlich zu Tage bringt, <span class="gesperrt">wozu</span> sie nur das Mittel war: so finden wir -als reifste Frucht ... das souveraine <span class="gesperrt">Individuum</span>, das nur sich -selbst gleiche,..., kurz den Menschen des eignen unabhängigen langen -Willens, der <span class="gesperrt">versprechen darf</span>.« (Zur Genealogie der Moral II I ff.) -Dieser Selbstgewissheit des freigewordenen, herrgewordenen Individuums -entspricht eine neue Art von <span class="gesperrt">Gewissen</span>, nachdem der Mensch den Moral -Vorstellungen und Idealbegriffen des Herkommens—seinen strengen, -nunmehr überflüssig gewordenen Erziehern—entwachsen ist, und damit das -alte Gewissen seine Wurzel und Berechtigung in ihm verloren hat.</p> - -<p>Auch die Willenstheorie Nietzsches weist eine Verschmelzung seiner -ehemaligen metaphysischen Anschauungen mit einem wissenschaftlichen -Determinismus auf. Als Jünger Schopenhauers unterschied Nietzsche -gleich diesem zwischen dem mysteriösen Willen »an sich«, der die -Grundlage der Schopenhauerischen Metaphysik ausmacht, und dem Willen, -wie er für unsere menschliche Wahrnehmung in die Erscheinung tritt. -Er nannte ihn also frei, insofern die letzten Gründe seines Seins und -Wesens jenseits unserer gesammten Erfahrungswelt liegen, jenseits -des für diese geltenden Causalitätsgesetzes; unfrei, insofern die -einzelne Willenserscheinung uns nur wahrnehmbar wird innerhalb des -unzerreissbaren Netzes des allgemeinen Causalzusammenhangs. Nachdem -Nietzsche dann mehrere Jahre einem consequenten Determinismus -gehuldigt hatte, hält er auch jetzt noch an der Ansicht fest, dass der -»Wille« sich am Gängelbande der ihn bestimmenden Einflüsse sozusagen -erst seinen Namen verdiene. Aber was er als Determinist hinsichtlich -der mysteriösen <span class="gesperrt">Herkunft</span> und Abstammung des Willens leugnet, das -versucht er dafür an das <span class="gesperrt">Ziel</span> und <span class="gesperrt">Ende</span> der Willensentwicklung -zu stellen. Ist nämlich in Folge der von ihm geschilderten -langen Willenszüchtung durch Zwang und äussere Beeinflussung ein -reifer, selbstgewisser, dem Augenblick entwachsener und das Leben -beherrschender Wille allmählich <span class="gesperrt">geschaffen worden</span>, so ist er damit -in einem Sinne frei geworden, dem gegenüber die Deterministen Unrecht -bekommen: denn nun lassen sich seine Handlungen nicht länger aus -einer bestimmten Zeit und Umgebung ableiten, nun wird er durch nichts -mehr als durch sich selbst, d. h. durch seine <span class="gesperrt">gewaltig angewachsene -und rücksichtslos explodirende Stärke</span> bestimmt,—er ist reines, von -der Zeit gelöstes Machtbewusstsein. Allerdings ist dieses sein Wesen -nicht mehr <span class="gesperrt">metaphysischer</span> Natur, denn es ist geworden, es ist das -<span class="gesperrt">Resultat</span> einer Entwicklungsreihe, und die erreichte Freiheit des -Willens ist die Tochter der Nothwendigkeit und strengsten Bedingtheit -des Willens. Aber es ist dennoch etwas Mystisches um diese Freiheit, -denn sie wendet sich nunmehr als eine <span class="gesperrt">unbedingte</span> Macht umgestaltend -und umschaffend <span class="gesperrt">gegen</span> eben die natürlichen Bedingungen, denen -sie entsprungen. Die Welt der Wirklichkeit in ihrer uns allein -zugänglichen und begreiflichen Entwicklung hatte Nietzsche in -seiner positivistischen Zeit als das Werthvollste schätzen gelernt, -indem er sich gegen die andersgesinnten Metaphysiker mit dem Wort -kehrte: »Alles Fertige, Vollkommene wird angestaunt, alles Werdende -unterschätzt,« (Menschliches, Allzumenschliches I 162)—blos weil man -die Entstehungsursachen des ersteren nicht mehr nachprüfen, nicht -mehr durchschauen kann. Nun gelangt er zu dem gleichen Anstaunen -des Fertiggewordenen und scheinbar Vollkommenen; und alles Werdende -erscheint ihm nur noch schätzenswerth, insofern es der Weg dazu ist. -Die Bedingtheit aller Dinge wird von ihm auch jetzt zugestanden, -aber nur, weil aus ihr heraus irgend wann einmal eine über alle -Bedingtheit und Erfahrung hinausgehende mystische Bedeutsamkeit aller -Dinge sich offenbaren soll. Von der Machtstärke des freigewordenen -Willens hängt diese Bedeutsamkeit ab, denn von ihm wird sie in die -Dinge <span class="gesperrt">hineinerschaffen</span>; darum will Nietzsche an Stelle des »freien« -und »unfreien« Willens der Deterministen den Ausdruck» <span class="gesperrt">starker</span> -und <span class="gesperrt">schwacher</span> Wille« gesetzt sehen (Jenseits von Gut und Böse 21) -und die gesammte Psychologie aufgefasst wissen als »Morphologie und -<span class="gesperrt">Entwicklungslehre des Willens zur Macht</span>«. (Ebendas. 23.)</p> - -<p>Der Willensmächtige ist also jederzeit der im höchsten Grade -»Unzeitgemässe«, er ist Derjenige, in dem <span class="gesperrt">Genie</span> geworden ist, was -sich durch lange Zeit hindurch in der Menschheit vorbereitet hat. -Im Genie strömt frei aus, was von der Menschheit in Unfreiheit und -Knechtschaft erlernt wurde. Genies sind wie »Explosivstoffe, in denen -eine ungeheure Kraft aufgehäuft ist; ihre Voraussetzung ist immer, -historisch und physiologisch, dass lange auf sie hin gesammelt, -gehäuft, gespart und bewahrt worden ist,... die Zeit, in der sie -erscheinen, ist zufällig; dass sie fast immer über dieselbe Herr -werden, liegt nur darin, dass sie stärker, dass sie <span class="gesperrt">älter</span> sind, dass -länger auf sie hin gesammelt worden ist;... die Zeit ist relativ -immer viel jünger, dünner, unmündiger, unsicherer, kindischer.... -»Der grosse Mensch ist ein Ende;... Das Genie—in Werk, in That— -ist nothwendig ein Verschwender: <span class="gesperrt">dass es sich ausgiebt</span>, ist seine -Grösse.... Der Instinkt der Selbsterhaltung ist gleichsam ausgehängt; -der übergewaltige Druck der ausströmenden Kräfte verbietet ihm jede -solche Obhut und Vorsicht.« (Götzen-Dämmerung IX 44.)</p> - -<p>Im Genie tritt also, wenigstens nach einer bestimmten Richtung, in -ausserordentlichem Grade das zu Tage was den Menschen befähigen -soll, von seiner Art zu einer Ueber-Art fortzuschreiten, eine -Selbstvergeudung zu Gunsten einer Neuschöpfung, ein verschwenderischer -Reichthum, in dessen Gaben sich die ganze Vergangenheit abgelagert -hat, und in dem sie zugleich ganz und gar Fruchtbarkeit geworden -ist,—Zukunftsbefruchtung. Denke man sich nun ein Genie, das -nicht, gleich anderen Genies, seine Genialität nur auf einem -oder einigen Gebieten besitzt, sondern in Bezug auf das gesammte -Menschheitsbewusstsein,—so etwa, dass in ihm wirksam und lebendig -ausströmt, was je in demselben gelebt und gewirkt: ein solches Genie -wäre das Bild des Menschen, aus dem der Uebermensch geboren wird. Es -würde in sich die ganze Vergangenheit überschauen und zusammenfassen, -ja, es enthielte in sich »die ganze Linie Mensch, bis zu ihm selbst -hin noch«, und deshalb müsste sich in ihm plötzlich Weg und Ziel der -Menschheitszukunft offenbaren. Zum ersten Mal erhielte durch den -Machtwillen eines solchen Offenbarers die Menschheitsentwicklung -Richtung, Ziel und Zukunft, alle Dinge eine innere und endgiltige -Bedeutsamkeit:—mit einem Wort, zum ersten Mal erstände der -Philosoph als der Schaffende, wie Nietzsche ihn sich denkt: als -der Willensmächtige, der Menschheitsgenius, der das Leben in sich -Begreifende, an dem offenbar wird, was Nietzsche vom Denken überhaupt -sagt: es sei »in der That viel weniger ein Entdecken, als ein -Wiedererkennen, Wiedererinnern, eine Rück- und Heimkehr in einen fernen -uralten Gesammt-Haushalt der Seele, aus dem jene Begriffe einstmals -herausgewachsen sind:—Philosophien ist insofern eine Art von Atavismus -höchsten Ranges.« (Jenseits von Gut und Böse 20.) Alles Höchste eine -Art von Atavismus,—darin liegt der wunderlich <span class="gesperrt">reaktionäre</span> Charakter -der ganzen letzten Philosophie Nietzsches, der sie am schärfsten von -der seiner vorhergehenden Periode unterscheidet. Es ist ein Versuch, -an Stelle der metaphysischen Verherrlichung bestimmter Dinge und -Begriffe die ihres Alters und ihrer weit zurückliegenden Herkunft -zu setzen. Er nimmt das »Wiedererinnern« und »Wiedererkennen« nur -deshalb nicht im Sinne Platos, weil er meint, es durch die ungeheuer -lange Zeitstrecke des Bestehens alles Denkens ebenso bedeutsam und -übermenschlich fassen zu können. Deshalb gilt ihm, dass von allem -Hochgearteten nur das Aelteste das Zukunftbestimmende sei,<a name="FNAnker_2_28" id="FNAnker_2_28"></a><a href="#Fussnote_2_28" class="fnanchor">[2]</a> dass -Werth und Vornehmheit der Dinge ausschliesslich an das Alter gebunden -seien: erst am Ende angelangt, weisen sie ihren Schatz auf, weisen sie -sich als Macht, Freiheit und unabhängig gewordene Kraft aus. »Wer (die -guten Dinge) <span class="gesperrt">hat</span>, ist ein Andrer, als wer sie <span class="gesperrt">erwirbt</span>. Alles Gute -ist Erbschaft: was nicht ererbt ist, ist unvollkommen, ist Anfang ... -« (Götzen-Dämmerung IX 47), vornehm ist: »was sich nicht improvisiren -lässt.« Nichts ist mithin pöbelhafter, unvornehmer, als das Werdende -und der Bringer des Werdenden und Neuen: der moderne Mensch und der -moderne Geist, der von seiner Zeit ganz und gar bedingt und daher ganz -und gar Sklavengeist ist. Herrengeist kann er erst werden, nachdem ihm -Jahrhunderte und Jahrtausende einverleibt sind, und er dadurch selbst -ein »Unzeitgemässer«, »zeitlose Genialität« geworden ist.</p> - -<p>»Demokratismus war jeder Zeit die Niedergangs-Form der organisirenden -Kraft:... Damit es Institutionen giebt, muss es ... Wille, -Instinkt, Imperativ geben, antiliberal bis zur Bosheit: den Willen -zur Tradition, zur Autorität, zur Verantwortlichkeit auf Jahrhunderte -hinaus, zur <span class="gesperrt">Solidarität</span> von Geschlechter-Ketten vorwärts und -rückwärts in infinitum.« (Götzen-Dämmerung IX 39.) Es ist interessant, -durch Vergleichung der entsprechenden Stellen in Nietzsches -vorhergehenden Werken zu sehen, welche Wandlung in der Auffassung einer -Theorie der blosse Gefühlsumschlag bei ihm hervorzurufen vermag, und -wie unversöhnlich sich dadurch die Gegensätze sofort zuspitzen. Jetzt -geisselt er die »pöbelhafte<a name="FNAnker_3_29" id="FNAnker_3_29"></a><a href="#Fussnote_3_29" class="fnanchor">[3]</a> Gleichmacherei« aller Menschen und -die zahmen Friedenszustände, in denen keine rohen Barbarengewalten -mehr aufkommen können, welche die gesunde Kraft alter Zeiten in die -ermattete und entkräftete Gegenwart hinübertragen würden. Barbaren -sind »die <span class="gesperrt">ganzeren</span> Menschen (was auf jeder Stufe auch so viel mit -bedeutet, als »die ganzeren Bestien«—).« (Jenseits von Gut und Böse -257.) Diese ganzeren Menschen und ganzeren Bestien erscheinen in einem -solchen Gesellschaftszustand als böse und gefährlich, sie werden zu -Verbrechern gestempelt und demgemäss behandelt,— ja, sie <span class="gesperrt">sind</span> kraft -ihrer stärkeren Naturtriebe die geborenen Verbrecher und Biecher der -bestehenden Ordnung. »Der Verbrecher-Typus, das ist der Typus des -starken Menschen unter ungünstigen Bedingungen,... Ihm fehlt die -Wildniss, eine gewisse freiere und gefährlichere Natur und Daseinsform, -in der Alles, was Waffe und Wehr im Instinkt des starken Menschen ist, -<span class="gesperrt">zu Recht besteht</span>. Seine <span class="gesperrt">Tugenden</span> sind von der Gesellschaft in Bann -gethan.« (Götzen-Dämmerung IX 45.) Das Freiheitsideal, wonach einem -<span class="gesperrt">Jeden</span> eine gewisse Freiheit zukommt, das also auch den Schwächsten -und Geringsten zur Freiheit der Bewegung gelangen lässt, steht dem -seinen gerade entgegen: seine rücksichtslose Auslebung fordert immer -die Vergewaltigung Anderer, seine Stärke äussert sich unwillkürlich -und nothwendig in einem Zertreten jeder ihn umgebenden Schwäche. Der -Grund aber dieser in ihm ausbrechenden Stärke der Instinkte ist, dass -er sozusagen von einer älteren Kultur-stufe herkommt, ein älteres -Stück Menschenthum darstellt: dass er, mit einem Wort, gleich dem -Willensmächtigen und dem Genie, im höchsten Grade atavistisch veranlagt -ist. Mag diese ihm von Alters her innewohnende Instinktmacht an sich -noch so unedler Natur sein, edel ist sie schon dadurch, dass sie einen -Durchbruch lang angesammelter Fülle, einen starken Explosivstoff -darstellt, mit welchem die Vergangenheit die Zukunft befruchtet. Wo der -Verbrecher sehr stark, wo er also zugleich ein Genie seiner Art und -ein »Willensfreier« ist, da gelingt es ihm manchmal, die herrschende -Zeitrichtung seiner atavistischen Sonderart entsprechend zu leiten und -das ihm widerstrebende Zeitalter unter seinen Tyrannenwillen zu beugen. -Ein Beispiel hierfür ist Napoleon, den Nietzsche ähnlich auffasst wie -Taine. Auch ihm erscheint es von der grössten Bedeutsamkeit, dass -Napoleon ein Nachkomme der Tyrannen-Genies der Renaissance-Zeit ist, -der, nach Corsica verpflanzt, in der Wildheit und Ursprünglichkeit der -dortigen Sitten das Erbe seiner Vorfahren unangetastet in sich bewahren -konnte, um endlich mit der Gewalt desselben das moderne Europa zu -unterjochen, das ihm einen ganz anderen Spielraum der Kraftentladung -bot, als einst Italien seinen Ahnen geboten hatte. Nietzsches -Bewunderung für den grossen Corsen gehört seiner letzten Geistesperiode -an, wie er auch die italienische Renaissance früher wesentlich anders -auffasste.<a name="FNAnker_4_30" id="FNAnker_4_30"></a><a href="#Fussnote_4_30" class="fnanchor">[4]</a></p> - -<p>In der Urgesundheit seiner gewaltthätigen Instinktkraft und seines -rückhaltlosen Egoismus wurde Napoleon nun für Nietzsche das Idealbild -der geborenen Herrennatur, wie sie sein soll, und wie wir sie auch -heute noch brauchen, um Alles auszurotten, was durch die Sklavennatur -der modernen Menschen an moralischen Rücksichten und weichlichen -Regungen grossgezogen worden ist. Wir kommen damit zu Nietzsches -viel besprochener und vielfach überschätzter Unterscheidung zwischen -Herren-Moral und Sklaven-Moral. Anfangs ging Nietzsche auch hier von -positivistischen Anregungen aus. Wie schon erwähnt, gab Rées damals im -Werden begriffenes Werk »Die Entstehung des Gewissens« den Anlass, -mit dem Freunde das ganze Material, dessen dieser für seine eigenen -Zwecke bedurfte, durchzusprechen,—namentlich auch den etymologischen -und historischen Zusammenhang der Begriffe vornehm-stark-gut, -niedrig-schwach-schlecht in der ältesten Moral oder auf der sozusagen -vormoralischen Culturstufe. Die Art, wie diese Gespräche und -gemeinsamen Studien noch einmal von den beiden Freunden aufgenommen -wurden, war charakteristisch für die Beziehung, in der Nietzsche auch -jetzt noch zu den positivistischen Anschauungen stand: er hörte den -Gedanken derselben noch einmal geduldig zu, entnahm ihnen hie und da -die Anregung oder das Material zu eigenem Denken, wandte sich aber -hierbei bereits feindlich gegen seine ehemaligen Genossen.</p> - -<p>In Rées Werk wurde die historische Verschiebung des Urtheils zu Gunsten -aller wohlwollenden, gleichmachenden Regungen als ein natürlicher -und allmählicher Uebergang zu höher entwickelten Gesellschaftsformen -aufgefasst: die anfängliche Verherrlichung der raubthierhaften Kraft -und Selbstsucht weicht immer mehr der Einführung milderer Sitten und -Gesetze, bis endlich in der christlichen Moral das Mitleid und die -Nächstenliebe als höchstes Gebot religiös sanktionirt erscheint. -In seiner persönlichen Abschätzung des moralischen Phänomens war -Rée indessen weit davon entfernt, sich auf die Seite der englischen -Utilitarier zu stellen, denen er in seinen wissenschaftlichen -Anschauungen sonst am nächsten kommt. Für Nietzsche hingegen spitzte -sich, in Folge seiner veränderten persönlichen Auffassung des -Moralischen, der geschichtlich gegebene Unterschied zwischen den beiden -verschiedenen Verthbestimmungen dessen, was »gut« heisst, zu zwei -unversöhnlichen Gegensätzen zu: zu einem Kampf zwischen Herren-Moral -und Sklaven-Moral, der ungeschlichtet bis in unsere Tage hineinreicht. -Die ungemein grosse Bedeutung, die alles Willensmächtige und -Instinktstarke für ihn gewonnen hatte, verleitete ihn, darin die einzig -mögliche Quelle aller gesunden Moral zu erblicken, in der Sanktionirung -wohlwollender Regungen hingegen ein tödtliches Uebel, an dem die ganze -Menschheit bis heute kranke. Seine bisherige Zurückführung aller -moralischen Werthurtheile auf den Nutzen, die Gewohnheit und das -Vergessen der ursprünglichen Nützlichkeitsgründe erschien ihm nunmehr -als unrichtig: eine solche Entstehung konnte sich höchstens für die -Sklaven-Moral schicken, für die andere musste ein vornehmerer Ursprung -gefunden werden. Denn vornehm ist es, ein Ding ohne Rücksicht auf den -Nutzen gut oder schlecht zu nennen, und so verfährt die Herrennatur: -sie empfindet sich selbst in ihrem Wesen und allen ihren Regungen -als »<span class="gesperrt">gut</span>« und sieht auf Alles, was diesen nicht entspricht, also -auf alles Schwache, Abhängige, Furchtsame, mit unwillkürlicher und -halb unbewusster Geringschätzung als auf das »Schlechte« herab. Ganz -anders entsteht die Sklaven-Moral dieser Geringgeschätzten, dieser -»Schlechten«: sie entsteht nicht spontan und von sich selbst aus, -sondern auf dem Boden des Ressentiment als eine Art Racheakt: sie nennt -alles »böse«, hassenswerth, was den herrschenden Ständen angehört, und -erst von da aus erfindet sie, als etwas Abgeleitetes, <span class="gesperrt">ihren</span> Begriff -»gut« für sämmtliche jenen <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span> Eigenschaften,—also für -das Schwache, Unterdrückte, Leidende. Auf der einen Seite steht mithin -das »unschuldbewusste Raubthier«, das starke, »frohlockende Ungeheuer«, -das sogar die schlimmsten Thaten, wenn es sie selbst begeht, mit einem -»Übermuthe und seelischen Gleichgewichte« vollbringt, wie »einen -Studentenstreich« (Zur Genealogie der Moral I 11), auf der anderen -Seite der Unterdrückte, Hassgeübte, dessen Seele ohnmächtig nach -Rache dürstet, während er die Moral des Mitleids und der erbarmenden -Nächstenliebe zu predigen scheint. Zu einem vollkommenen Idealbild -ist dieser letztere Typus im Christenthum ausgearbeitet worden, das -Nietzsche ohne Weiteres als einen ungeheuren Racheakt des Judenthums -an der selbstherrlichen antiken Welt auffasst. Dass die Juden den -Stifter des Christenthums gekreuzigt und seine Religion verleugnet -haben, soll die eigentliche Feinheit dieses Racheplanes gewesen sein, -damit die anderen Völker unbedenklich »an diesem Köder anbeissen«.<a name="FNAnker_5_31" id="FNAnker_5_31"></a><a href="#Fussnote_5_31" class="fnanchor">[5]</a> -Es ist aber nicht nothwendig, Nietzsche in allen seinen Erklärungen -und seiner bisweilen gewagten Geschichts-Interpretation nachzugehen, -weil die eigentliche <span class="gesperrt">Bedeutsamkeit</span> dieser Anschauung für seine -Philosophie an anderer Stelle liegt, als wo man sie gemeinhin sucht. -Im Bedürfniss, Alles möglichst zu verallgemeinern und wissenschaftlich -zu begründen, hat Nietzsche versucht, Etwas, dessen Bedeutung für -ihn innerhalb eines verborgenen seelischen Problems lag, aus der -Menschheitsgeschichte zu entwickeln und in sie hineinzulegen. Deshalb -ist es zu bedauern, wenn das Eigenartige in Nietzsches Gedankengang -verwischt wird, indem man daran die falsche Seite über Gebühr betont: -die der Wissenschaftlichkeit. Auch von diesen Hypothesen Nietzsches -gilt es, und ganz besonders von diesen, dass man sie nicht theoretisch -nehmen darf, um den originellen Kern aus ihnen herauszuschälen. Nicht -was die Seelengeschichte der Menschheit sei, sondern wie seine eigene -Seelengeschichte als diejenige der ganzen Menschheit aufzufassen -sei, das war für ihn die Grundfrage. Im schärfsten Gegensatz zu der -philologischen Genauigkeit, mit der er anfänglich und im Wesentlichen -auch in der vorhergehenden Periode Geschichte und Philosophie -interpretirt hatte, spielt jetzt die exakte wissenschaftliche Forschung -keine Rolle mehr neben seinen genialen Einfällen und Ideen,—und -sie konnte auch keine mehr spielen, weil Nietzsche verhindert war, -wissenschaftlich zu arbeiten.</p> - -<p>Von allen Studien, die er jetzt noch streifen mochte, gelten daher -seine Worte aus der »Fröhlichen Wissenschaft« (166)—dass wir »<span class="gesperrt">Immer -in unserer Gesellschaft« bleiben</span>, auch wo wir wähnen, Fremdes -aufzunehmen: »Alles, was meiner Art ist, in Natur und Geschichte, redet -zu mir, lobt mich, treibt mich vorwärts, tröstet mich—: das Andere -höre ich nicht oder vergesse es gleich.« »<span class="gesperrt">Grenze unseres Hörsinns</span>: -Man hört nur die Fragen, auf welche man im Stande ist, eine Antwort -zu finden.« (Ebendaselbst 196.) »Wie gross auch die Habsucht meiner -Erkenntniss ist: ich kann aus den Dingen nichts Anderes herausnehmen, -als was mir schon gehört,— das Besitzthum Anderer bleibt in den Dingen -zurück.« (Ebendaselbst 242.)</p> - -<p>Bei einer so willkürlichen Behandlung des Materials zu Gunsten seiner -philosophischen Hypothesen entfernte er sich viel weiter von sachlicher -Beobachtung und Begründung, wurde er viel subjektiver bestimmt in -seinen Schlüssen und Folgerungen, als in den Jahren, wo er sich noch -bewusst auf das innerlich Erlebte beschränkte. Jetzt wurde aus dem -innerlich Bedeutsamen das nach Aussen hin Bestimmende und Gesetzgebende -und er selber der »grosse Gewalt-Herr«, der »gewitzte Unhold, der mit -seiner Gnade und Ungnade alles Vergangene zwänge und zwängte: bis es -ihm Brücke würde und Vorzeichen und Herold und Hahnenschrei.« (Also -sprach Zarathustra III 74.)</p> - -<p>Für Nietzsches seelisches Problem handelt es sich von vornherein -weniger darum, den Gegensatz zwischen Herren-Moral und Sklaven-Moral -geschichtlich richtig zu fixiren, als um Feststellung der Thatsache, -dass der Mensch, so wie er bis heute von unten herauf geworden ist, -<span class="gesperrt">beide</span> Gegensätze in sich trägt, dass er das leidende Resultat einer -solchen Instinkt-Widersprüchlichkeit, einer solchen Einverleibung von -Doppel-Werthungen ist. Wenn wir uns Nietzsches Decadenz-Schilderung -entsinnen, so finden wir in ihr den Menschen als geborene Herren-Natur, -d. h. in ursprünglich ungezähmter Kraft und Wildheit, aber geknechtet -und zum gehorchenden Sklaven gemacht durch den socialen Zwang, durch -die Thatsache der beginnenden Kultur selbst. Alle Kultur als solche -beruht für Nietzsche auf einem solchen Krankmachen, Sklavischmachen -des Menschen, und ausdrücklich bemerkt er, dass ohne diesen Vorgang, -ohne gewaltsam gegen sich selbst gekehrt zu werden, die menschliche -Seele »flach« und »dünn« geblieben wäre. Seine ursprüngliche -Herren-Natur ist noch nichts als ein herrliches Thier-Exemplar und zur -Weiterentwickelung erst befähigt durch die <span class="gesperrt">Wunden</span>, die ihrer Kraft -beigebracht werden,—denn in der Qual dieser Wunden muss sie lernen, -sich selbst zu zerfleischen, sich an sich selbst zu rächen, ihre -Ohnmacht in nach Innen gekehrten Leidenschaften auszulassen: <span class="gesperrt">alles -dies ausschliesslich auf dem Boden des sklavischen Ressentiment</span>. -»Das Wesentliche,... wie es scheint, ist, nochmals gesagt, dass -lange und in Einer Richtung <span class="gesperrt">gehorcht</span> werde: dabei kommt ... auf -die Dauer immer Etwas heraus, dessentwillen es sich lohnt, auf -Erden zu leben.« (Jenseits von Gut und Böse 188.) Nun gilt dieser -Decadenz-Zustand Nietzsche allerdings nicht nur als überwindbar, -sondern geradezu als die nothwendige Voraussetzung für den daraus zu -züchtenden willenslangen, affektstarken, selbstsicheren Menschen, -aber man beachte wohl: Dieser vollendete Mensch mit seiner vertieften -und individualisirten Herren-Natur soli keineswegs seinem naiven -Egoismus leben, nicht die Vorurtheile und Sklavenketten abstreifen, um -sich Selbstzweck zu sein, sondern er soll zum Erstling einer höheren -Menschengattung werden und für ihre Neugeburt sich opfern, denn, wie -wir gesehen, stellte ja für Nietzsche der Gipfel der Entwickelung den -Untergang der Menschheit dar, indem diese nur der Uebergang zu etwas -Höherem, eine Brücke, ein Mittel ist. Je grösser daher ein Mensch -ist, je mehr Genie, je mehr Gipfel in einem jeden Sinne, um so mehr -ist er auch ein Ende, eine Selbstvergeudung, ein Ausströmen letzter -Kräfte,—»zum Vernichten bereit im Siegen!« (Also sprach Zarathustra -III 91.) Er soll »etwas Vollkommenes, zu-Ende-Gerathenes, -Glückliches, Mächtiges, Triumphirendes«, nur werden, damit er »zu -Neuem, zu noch Schwererem, Fernerem bereit« sei, »wie ein Bogen, den -alle Noth immer nur noch straffer anzieht«, (Zur Genealogie der Moral -I 12) ein Bogen, dessen Pfeil nach dem Uebermenschen zielt. So wird er -denn zu einem Kampfplatze widerstrebender und einander bekriegender -Triebe, aus deren schmerzlicher Fülle allein alle Entwickelung -hervorgeht; es zeigt sich in ihm wieder jenes Durcheinander von -Herrschenwollen und Dienen müssen, von Vergewaltigung des Einen durch -den Andren,—woraus einst alle Kultur geworden, und woraus nun eine -Ueber-Kultur als letzte und höchste Schöpfung entstehen soll. Er ist -kein Friedvoller und sich selbst Geniessender, sondern ein Kämpfender -und Selbst-Untergang. Er wiederholt also <span class="gesperrt">in sich</span> und auf Grund -seiner vollkommen individualisirten und geistesfreien Persönlichkeit -genau dasselbe, was einst auf die Menschheit <span class="gesperrt">von Aussen her</span>, durch -Knechtung, als ein aufgezwungenes Erziehungsmittel wirkte,—wir -finden in ihm wieder »diese heimliche Selbst-Vergewaltigung, diese -Künstler-Grausamkeit, diese Lust, sich selbst als einem schweren -widerstrebenden leidenden Stoffe eine Form zu geben, einen Willen, eine -Kritik, einen Widerspruch, eine Verachtung, ein Nein einzubrennen, -diese unheimliche und entsetzlich-lustvolle Arbeit einer mit sich -selbst willig-zwiespältigen Seele, welche sich leiden macht, aus Lust -am Leidenmachen. (Zur Genealogie der Moral II 18.) Denn gerade die -vollendetste und umfassendste Seele muss am klarsten und unwid erruf -lichsten das Grundgesetz des Lebens in sich zum Ausdruck bringen, -welches heisst: »Ich bin das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«. -(Also sprach Zarathustra II 49.)</p> - -<p>Es ist nicht zu verkennen, wie sehr Nietzsche seinen eignen -Seelenzustand diesen Theorien untergelegt, wie stark er sein eignes -Wesen in ihnen wiedergespiegelt, und wie er endlich dem tiefsten -Bedürfniss desselben das Grundgesetz des Lebens selbst entnommen -hat. Seine leidvolle »Seelen-Vielspältigkeit«, seine gewaltsame -»Zweispaltung« in einen sich opfernden, anbetenden und in einen -beherrschenden, vergöttlichten Wesenstheil liegt seinem gesammten Bilde -der Menschheitsentwickelung zu Grunde. Ueberall, wo er von Herren- und -Sklaven-Naturen spricht, muss man dessen eingedenk bleiben, dass er -von sich selbst spricht, getrieben von der Sehnsucht einer leidenden -und unharmonischen Natur nach ihrem Wesens-Gegensatz und von dem -Verlangen, zu einem solchen als zu seinem Gott aufblicken zu können. -Sein eigenes Ich schildert er, wenn er vom Sklaven sagt: »sein Geist -liebt Schlupfwinkel, Schleichwege und Hinterthüren, alles Versteckte -muthet ihn an als <span class="gesperrt">seine</span> Welt, <span class="gesperrt">seine</span> Sicherheit, <span class="gesperrt">sein</span> Labsal«; -(Zur Genealogie der Moral I 10)—und er beschreibt sein Gegenbild in -der handelnden, frohen, instinktsicheren, unbekümmerten Herren-Natur, -dem ursprünglichen Thatenmenschen. Aber indem er das Eine die -Voraussetzung des Andren sein lässt, indem er die Menschen-Natur als -solche zu dem Schauplatz macht, auf dem sich diese beiden Gegensätze -immer wieder treffen, um sich gegenseitig zu überwinden, fasst er sie -als <span class="gesperrt">Entwickelungsstufen innerhalb desselben Wesens</span>, die, historisch -betrachtet, Gegensätze bleiben, sich aber im Einzelwesen, psychologisch -betrachtet, als eine <span class="gesperrt">Wesenstheilung innerhalb des entwickelungsfähigen -Menschen</span> erweisen. Daher ist seine Auffassung des geschichtlichen -Kampfes zwischen Herren- und Sklaven-Naturen in seiner ganzen Bedeutung -nichts als eine vergröberte Illustration dessen, was im höchsten -Einzelmenschen vorgeht, des grausamen Seelenprozesses, durch den dieser -sich in Opfergott und Opferthier spalten muss.</p> - -<div class="figcenter" style="width: 450px;"> -<img src="images/nietzsche_003.jpg" width="450" alt="" /> -</div> - -<p>Erst jetzt lässt sich feststellen, was eigentlich Nietzsches -»Umwerthung aller Werthe«, aller bisherigen Moralund Idealauffassungen -bedeutet, und wie sie sich zum <span class="gesperrt">asketischen Ideal</span> verhält, in -dem jetzt alle religiösen und moralischen Ideale für Nietzsche -zusammengefasst sind. Diese Umwerthung aller Werthe beginnt allerdings -damit, dass sie jeglicher Askese den Krieg erklärt,—beginnt mit -einer Heiligsprechung des »Allzumenschlichen« im Menschen, das -bisher geschmäht und unterdrückt wurde, weil das Natürliche und -Sinnliche dem Ueber-natürlichen und Uebersinnlichen im Wege stand, -an das man als an eine unumstösslich gegebene Thatsache glaubte. -Nietzsches Zukunftsphilosoph aber glaubt nicht langer, dass irgend -ein Uebermenschenthum <span class="gesperrt">gegeben</span> sei, es müsste denn erst <span class="gesperrt">geschaffen</span> -werden durch den Menschen selbst, und dazu verfügt er ja über kein -andres Material als über die elementare Lebenskraft der Natur, wie -sie ist. Es gilt also nicht mehr, das Diesseits in ein höheres -Jenseits möglichst restlos zu verflüchtigen, sondern die ganze Fülle -eines reichen, ungeahnt herrlichen Jenseits mitten aus dem Diesseits -hervorzulocken.<a name="FNAnker_6_32" id="FNAnker_6_32"></a><a href="#Fussnote_6_32" class="fnanchor">[6]</a> Daher giebt er den verachteten, gefürchteten, -misshandelten Trieben, den Leidenschaften des »natürlichen« noch von -keiner Moral zurechtgestutzten Menschen ihr Existenzrecht wieder. Mit -der Ueberzeugung, dass es nicht auf eine Scheidung von guten und bösen -Kräften ankomme, sondern auf eine Stärkung und äusserste Steigerung der -Lebenskraft überhaupt, damit das Leben aus sich selbst heraus seinen -höchsten Zweck verwirklichen könne, ist es gegeben, »dass dem Menschen -sein Bösestes nöthig ist zu seinem Besten,—dass alles Böseste seine -beste <span class="gesperrt">Kraft</span> ist und der härteste Stein dem höchsten Schaffenden; -und dass der Mensch besser <span class="gesperrt">und</span> böser werden muss«. (Also sprach -Zarathustra III 97.)</p> - -<p>Als ein Fürsprecher des Lebens soll der Mensch sich in seiner Tugend -ausgeben, preisgeben, verschwenden; aber indem er sein eigenes Selbst -zu seiner Tugend umtauft, soll er sie zu einer Machtfülle in sich -steigern, die ihn endlich zersprengt gleich einem zu engen Gefäss: -er soll sie nur besitzen, um von ihr besessen zu werden. Zu einem so -kraftquellenden Uebermaass anwachsend, verschlingt sie endlich ihn und -seinen Einzelwillen in der Gluth und Empfindung des Ganzen,—wandelt -sie sich ihm zur Brücke, auf welcher er dem Untergange zuschreitet: -»Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss: und darum sollst -du deine Tugenden lieben,—denn du wirst an ihnen zu Grunde gehen«. -(Ebendaselbst I 47.) »Ich liebe Den, dessen Seele übervoll ist, so dass -er sich selber vergisst, und alle Dinge in ihm sind: so werden alle -Dinge sein Untergang.« (Ebendaselbst I 14.)</p> - -<p>So gleichbedeutend hiernach <span class="gesperrt">egoistische Kraftauslebung</span> und <span class="gesperrt">Tugend</span> -im ersten Augenblick erscheinen mögen, so tief bleiben sie doch in -Wahrheit von einander geschieden. Wohl ist der Werthunterschied -zwischen den menschlichen Kräften und Eigenschaften, den alle Moral -als einen qualitativen auffasst, im Grunde völlig ins Quantitative -verlegt, aber die willige und begeisterte Hingabe an diese das -Selbst zerstörende Kraftsteigerung begreift darum nicht minder -einen Werthunterschied der Gesinnung in sich. Die Verwerflichkeit -der Gesinnung wird betont, wenn es heisst, dass nicht das Böse der -Menschengrösse schlimmster Feind sei, sondern -dass sein Bösestes so -gar klein ist! Ach dass sein Bestes so gar klein ist!« (Ebendaselbst -III 97.) Das <span class="gesperrt">Uebermaass</span> ist der Weg <span class="gesperrt">zum Uebermenschlichen</span>, deshalb -geht diesem der Ruf voran: »Wo ist doch der Blitz, der euch mit -seiner Zunge lecke? Wo ist der Wahnsinn, mit dem ihr geimpft werden -müsstet?—Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, -der ist dieser Wahnsinn!—« (Ebendaselbst I 11.)</p> - -<p>Daher darf man den Weg, den Nietzsche zur Erreichung seines -Idealzieles wählt, nicht mit diesem Ziele selbst verwechseln; er -betrachtet die Herrschaft der »furchtbaren Instinkte« nur als ein -Mittel, dessen er für den höchsten Endzweck bedarf. Ganz mit Unrecht -und in grobem Missverständniss ist ihm vorgeworfen worden, sein -»Uebermensch« trage statt der Züge eines Jesus die eines Cesare -Borgia, oder sonst eines lasterhaften Unmenschen. In Wahrheit ist der -»Unmensch« dem »Uebermenschen« nicht Vorbild, sondern nur Sockel; -er stellt sozusagen den unbehauenen Granitblock dar, der gefordert -wird, um auf demselben eine Götterstatue aufzurichten. Und diese -Götterstatue des Uebermenschen-Ideals ist in Art und Wesen nicht nur -von ihm verschieden, sondern ihm geradezu entgegengesetzt. Dabei -wird der Gegensatz so tief und scharf gefasst, wie es selbst in -der asketischesten Moral nicht der Fall ist. Alle Moral strebt nur -eine Verbesserung und Verschönerung des Menschlichen an, während -Nietzsche davon ausgeht, dass eine ganz neue Species, eine Ueberart, -geschaffen werden müsse. Was bisher als ein Uebergang von Niederem zu -Höherem galt, unter Beibehaltung des charakteristisch Menschlichen -im Idealbilde, das fasst Nietzsche als einen vollständigen Bruch, -als den Kampf sich befehdender Gegensätze auf; was bisher nur ein -Gradesunterschied zwischen dem »natürlichen« und dem »moralischen« -Menschen innerhalb des beiden gemeinsamen Menschsems war, das wird bei -Nietzsche zu einem absoluten Wesensgegensatz zwischen dem Naturmenschen -und dem Uebeimenschen. Deshalb kann man sagen: Betrachtet man den -<span class="gesperrt">Moral-Weg</span>, den Nietzsche einschlägt, so ist für denselben allerdings -das Anti-Asketische bezeichnend, indem er nicht dem steilen und -steinigen Pfade der Selbstentsagung gleicht, sondern mitten in eine -tropische Wildniss unbekümmerten Selbstgenusses führt. Fasst man -hingegen Nietzsches <span class="gesperrt">Moral-Ziel</span> genauer ins Auge, so erweist es sich -als völlig asketischer Natur, indem es den Menschen nicht nur erheben, -sondern vollständig über ihn hinausgehen, ihn nicht nur läutern, -sondern ihn vollständig aufheben will. Einerseits also bekämpft -Nietzsche die übliche Moral wegen ihres asketischen Grund Charakters, -wegen ihrer Geringachtung und Verdammung der untermenschlichen -Begierden, denen er, als der Kraftquelle im Menschen, so hohen Werth -zuspricht; "andrerseits aber bekämpft er die herrschende Moral nicht -minder heftig in dem, worin sie ihm nicht asketisch genug ist. Er -wendet sich grundsätzlich gegen ihren optimistischen Glauben, als ob -auf dem Wege einer bestimmten Läuterung der Mensch einem Idealziele -nahegebracht werden könne; denn der Mensch ist nach Nietzsches Meinung -unfähig hierzu, und daher beruht alle sogenannte Veredelung auf einer -blossen Schwächung der elementaren Lebenskraft. »Nackt hatte ich -einst Beide gesehn, den grössten Menschen und den kleinsten Menschen: -allzuähnlich einander,—allzumenschlich auch den Grössten noch!« (Also -sprach Zarathustra III 98.) Der Versuch aller Moral, das Menschenwesen -einem Idealwesen anzuähneln, ergiebt nur eine unwirkliche Nachahmung -auf Kosten der wirklichen Kraft, und alle moralische Umwandlung ist -deshalb nur eine Art von ästhetischer Verschleierung des geschwächten, -aber sonst völlig unveränderten menschlichen Wesens. »Wie? Ein grosser -Mann? Ich sehe immer nur den Schauspieler seines eignen Ideals.« -(Jenseits von Gut und Böse 97.) »Ich suchte nach grossen Menschen, ich -fand immer nur die <span class="gesperrt">Affen</span> ihres Ideals.« (Götzen-Dämmerung I 39.)</p> - -<p>Aus dieser pessimistischen Auffassung des Menschlichen entspringt -der extrem-asketische Grundzug, den das Idealziel in Nietzsches -Philosophie erhält; dasselbe ist nur erreichbar durch den Untergang -des Menschen. Und dieser Grundzug tritt in der Folge um so extremer -hervor, je prinzipieller Nietzsche alles Asketische zu verleugnen und -auszumerzen bemüht ist. Je ausschliesslicher am Anfang die Steigerung -der egoistischen Kraft gefordert wird, desto ungeheurer erscheint am -Ende der Entwickelung die Forderung, das eigene Selbst aufzugeben, -damit Raum für den Uebermenschen geschafft werde. Hiess es zuerst: Der -Mensch ist Etwas, das böse, wild und grausam werden muss, so heisst es -schliesslich: »Der Mensch ist Etwas, das überwunden werden muss«,—alle -erlangte Grausamkeit und Wildheit ist letzten Endes nur dazu da, um -sich gegen den Menschen selbst zu kehren und ihn zu vernichten.</p> - -<p>So unversöhnlich fallen die beiden Seiten von Nietzsches Ethik -auseinander, die er in ein und demselben Gebot zusammenfasst,—in -dem ersten und einzigen Moralgesetz, das in die neuen Werthtafeln -eingegraben wird: »Werdet hart!« (Also sprach Zarathustra III 90 = -Götzen-Dämmerung, Schluss.) Aus dem Wort: »Werdet hart!« blickt in der -That deutlich das Doppelantlitz der Nietzsche-Moral, mit seinen Zügen -voll tyrannischer Grausamkeit und asketischer Entsagung. Denn hart -werden bedeutet einmal die Widerstandskraft gegen alle weichen und -wohlwollenden Regungen, die Versteinerung im egoistischen Selbstgenuss, -kurz: Härte gegen Andere, guten Willen zur Ausübung herrischer Macht; -das andere Mal aber bedeutet es die Härte gegen sich selbst, als den -Untergehenden, der zermalmt werden muss,—es bedeutet: Euch adelt die -Härte in demselben Sinne, wie sie den Stein adelt, den der Künstler -zu einem hohen Kunstwerk verarbeiten will. Alles dürft ihr, nur Eines -nicht, nicht nachgeben, nicht zerbröckeln während seiner Arbeit, sonst -ist all euer Menschliches, wie hoch es auch in den Augen der alten -Moral dastehen mag, nur noch gut für den Kehrichthaufen, den man -hinwreg fegt; es ist Abfall und verdorbenes Material. Einer solchen -Bestimmung gegenüber erscheint als das Verwerflichste die ängstliche -Weichlichkeit des Gefühls, die zagende Bedenklichkeit angesichts des -Furchtbaren, des Entscheidenden. Denn, so singt Zarathustra, der -Zukunftsschöpfer, »—zum Menschen treibt er mich stets von Neuem, mein -inbrünstiger Schaffens-Wille; so treibt's den Hammer hin zum Steine. -Ach, ihr Menschen, im Steine schläft mir ein Bild, das Bild meiner -Bilder! Ach, dass es im härtesten, hässlichsten Steine schlafen muss! -Nun wüthet mein Hammer grausam gegen sein Gefängniss. Vom Steine -stäuben Stücke: was schiert mich das?« (Also sprach Zarathustra II 8.)</p> - -<p>Hiermit stehen wir vor dem Räthsel und Geheimniss in den -Lehren Nietzsches,—vor der Frage: Wie denn die Entstehung des -Uebermenschlichen aus dem Unmenschlichen überhaupt möglich sei, wenn -Beide als unversöhnliche Gegensätze zu denken sind. Die Beantwortung -dieser Frage erinnert unwillkürlich an ein altes moralisches -Heilrezept, welches ungefähr so lautet: »Um einen Fehler loszuwerden, -gebe man ihm nach und übertreibe ihn so lange, bis er durch seine -Uebertreibung und sein Uebermaass abschreckend wirkt.« Das moralische -Heilrezept, das Nietzsche für die Menschheit schrieb, weil er für -sich selbst kein probateres wusste, besitzt eine gewisse Aehnlichkeit -damit. Er wollte in der That den Menschen durch die Entfesselung aller -wildesten Triebe in einen Zustand bringen, in dem der egoistische -Selbstgenuss durch das Uebermaass und die Uebertreibung zu einem -<span class="gesperrt">Leiden am eignen Selbst</span> wird. Aus der Qual eines solchen Leidens -heraus sollte dann eine grenzenlose übermächtige Sehnsucht nach dem -<span class="gesperrt">eignen Gegensatz</span> erwachsen,—die Sehnsucht des Starken, Unmässigen, -Heftigen nach dem Zarten, Maassvollen, Milden; die Sehnsucht der -Hässlichkeit und dunklen Begierde nach der Schönheit und lichten -Reinheit,—die Sehnsucht des gequälten, von seinen wilden Trieben -besessenen Menschen nach seinem Gott. Nietzsche hielt es für möglich, -dass aus einem solchen Gemüthszustand thatsächlich dessen Gegensatz -durch die Uebergewalt eines Affektes hervorbrechen könne. So -erscheint ihm einmal der Grossmüthige »als ein Mensch des äussersten -Rachedurstes, dem eine Befriedigung sich in der Nähe zeigt und der -sie so reichlich, gründlich und bis zum letzten Tropfen <span class="gesperrt">schon in der -Vorstellung</span> austrinkt, dass ein ungeheurer schneller Ekel dieser -schnellen Ausschweifung folgt,—er erhebt sich nunmehr »über sich«, -wie man sagt, und verzeiht seinem Feinde, ja segnet und ehrt ihn. Mit -dieser Vergewaltigung seiner selber, mit dieser Verhöhnung seines -eben noch so mächtigen Rachetriebes giebt er aber nur dem neuen -Triebe nach.« (Die fröhliche Wissenschaft 49.) Die Grundbedingung für -eine solche Darstellung des scheinbar Uebermenschlichen durch das -eigne Selbst ist aber, dass dieses die wilde Kraft seines qualvollen -Uebermaasses bewahre,—dass es sie nicht schwäche, zügele, massige, -»läutere«, um den Gegensätzen ihre schmerzliche Spannung zu nehmen. -Je höher hinauf, zu den zartesten ßlüthen des Schönen und Göttlichen -es gelangen will, desto tiefer hinab in das schwärzeste Erdreich, in -sein Unmenschliches, Untermenschliches muss es die Wurzeln seiner -Kraft senken. Dadurch wird freilich das Uebermenschliche, das der -Mensch erzeugt, zur Darstellung eines blossen, göttlichen Scheines, -sozusagen eines Momentbildes, nicht zu der seines wirklichen, eignen -Wesens, —aber nur in dieser Weise ist es überhaupt realisirbar. Da -keine allmähliche Entwickelung, kein Uebergang die Gegensätze einander -nähert, da sie sich vielmehr gerade kraft ihrer Gegensätzlichkeit -bedingen und erzeugen, so bleibt ewig ein unüberbrückbarer Abgrund -zwischen ihnen bestehen; auf der einen Seite die bis zum Furchtbaren -gesteigerte, bis zum Chaotischen aufgewühlte Lebenswirklichkeit der -menschlichen Triebe,—auf der andren Seite ein blosses Scheinbild, eine -leichte Wesenswiderspiegelung, gewissermaassen eine göttliche <span class="gesperrt">Maske</span>, -der gar keine selbständige Wirklichkeit innewohnt. Und somit Hesse sich -gegen diese Theorie Nietzsches im »allerhöchsten Grade derselbe Vorwurf -erheben, den er der üblichen Moralauffassung macht, nämlich, dass -es genüge, den Menschen einem vorgehaltenen Idealbilde anzuähneln: -der Vorwurf, dass nur eine ästhetische Verschleierung, nicht aber -eine durchgreifende Umwandlung erzielt werde, dass also der Mensch zu -einem blossen »Schauspieler seines Ideals« herabsinke. Wir begegnen -hier genau derselben Erscheinung, die uns an Nietzsches Stellung -zum Asketischen überraschte: was Nietzsche am grundsätzlichsten -zu bekämpfen scheint, das nimmt er schliesslich selbst am -grundsätzlichsten in seine Theorien auf,—aber nur in den äussersten -Consequenzen und im extremsten Sinn. Was er auf seinem Wege als Mittel -zum Zweck am entschiedensten verwirft, das benutzt er schliesslich, -um es seinem Endzweck, seinem Ziele selbst einzuverleiben. Ja, man -kann überall da, wo Nietzsche irgend etwas mit ganz besonderem Hasse -verfolgt upd erniedrigt, mit Sicherheit annehmen, dass es irgendwie -tief—tief im Herzen seiner eigenen Philosophie oder seines eigenen -Lebens steckt. Dies gilt sowohl von Personen wie von Theorien.</p> - -<p>Meistens giebt Nietzsche in solchen Fällen selber zu, dass der -von ihm bekämpfte Gegenstand eine Art von Werth besessen habe -als Moment der Entwickelung zu seiner neuen Auffassung hin. Im -vorliegenden Falle gesteht er: der Mensch habe seine <span class="gesperrt">Fähigkeit</span> -zur Ueber-menschen-Darstellung erst allmählich gewonnen durch seine -Entwickelung innerhalb der herrschenden Moral, Kunst und Religion.</p> - -<p>Erst indem diese ihn an die Möglichkeit seiner Wesensveredelung -glauben liess, lehrte sie ihn »so sehr Kunst, Oberfläche, -Farbenspiel ... werden, dass man an seinem Anblicke nicht mehr leidet«; -(Jenseits von Gut und Böse 59) sie hat »uns die Schätzung des Helden, -der in jedem von allen diesen Alltagsmenschen verborgen ist, und -die Kunst gelehrt, wie man sich selber als Held, aus der Ferne und -gleichsam vereinfacht und verklärt ansehen könne,—die Kunst, sich vor -sich selber »in Scene zu setzen«. So allein kommen wir über einige -niedrige Details an uns hinweg!« (Die fröhliche Wissenschaft 78.) Der -Unterschied zwischen dem bisherigen Menschen und dem von Nietzsche -angestrebten bestände demnach darin, dass letzterer sich nicht dem -Glauben hingiebt, sein Wesen habe sich umgewandelt und verändert, -seitdem er moralische, künstlerische und religiöse Züge in sich -entwickelt; er bleibt sich dessen bewusst, dass er sozusagen nur als -Dichter oder Schauspieler schafft, wenn er das Ideale zur Erscheinung -bringt Aber diese Einsicht darf ihm erst kommen, wenn er das von -Nietzsche vorausgesetzte Kraftmaass erreicht hat, wenn er »stark genug, -hart genug, Künstler genug geworden ist«. Sonst würde er die Wahrheit -nicht ertragen, dass sein Wesen unabänderlich, sein übermenschliches -Ideal nur ein geschautes Bild, sein höchstes sittliches Werk nur ein -<span class="gesperrt">Kunstwerk</span> ist. So ist es zu verstehen, wenn Nietzsche sagt: -»... man könnte die homines religiosi mit unter die Künstler rechnen, -als ihren <span class="gesperrt">höchsten</span> Rang.« (Jenseits von Gut und Böse 59.) Denn das -künstlerische Prinzip ist es, aus dem die lebendigen höchsten ethischen -und religiösen Werthunterschiede fliessen, und Nietzsches »Jenseits -von Gut und Böse«, wie auch sein »Jenseits von wahr und falsch«, macht -Halt vor dem »Jenseits von schön und hässlich« und dringt nicht bis zu -diesem durch. Der Uebermensch ist nur möglich und begreiflich als das -<span class="gesperrt">Kunstwerk des Menschen</span>. Und wollen wir uns davon ein Bild machen, -so giebt es dafür vielleicht kein besseres, als das von Nietzsche in -seiner »Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik« gebrauchte, -wenn er vom Verhältniss des Dionysischen zum Apollinischen in der -Kunstschöpfung redet. Er vergleicht dort die apollinischen Visionen, -welche aus dem orgiastischen Kraftleben des Dionysischen entstanden -sind, jener bekannten optischen Erscheinung, bei welcher durch das -Hineinstarren ins volle Gluthmeer der Sonne dunkle farbige Flecken -gleichsam als Heilmittel vor unseren geblendeten Augen erzeugt -werden, indem er das Phänomen in seiner Umkehrung benutzt: durch das -Hinabtauchen in das schmerzvolle Dunkel entfesselten Uebermaasses, sich -selbst verschlingender Urkräfte ersteht vor uns in gleicher Heilwirkung -ein zartes strablendes Lichtbild des Uebermenschlichen. Und wie in der -griechischen Tragödie, auf die Nietzsche sein Gleichniss anwendet, die -apollinischen Lichtbilder, d. h. die Heldengestalten der hellenischen -Bühne, im Grunde nur Masken des Einen Gottes Dionysos waren, so -verkörpert auch dieses im Ueberdrang des Schöpferischen erzeugte Bild -des Uebermenschen im Grunde nur einen göttlichen Schein, ein Symbol -im künstlerischen Sinn. Hinter ihm, abgründig tief und in »purpurner -Finsterniss«, ruht das dionysische Sein selber, die Elementargewalt des -Lebens, deren es zu seiner Erzeugung immer wieder von neuem bedarf.</p> - -<p>So sehen wir, dass in Nietzsches Philosophie die Ethik unmerklich in -die Aesthetik überfliesst,—in eine Art von religiöser Aesthetik,—und -dass die Lehre vom Guten ermöglicht wird durch die Göttlichkeit des -Schönen. Die feine Grenze, auf der sich der Schein dem Sein vermählen -muss, um das Ideal zu gestalten, macht die Welt des Schönen und ihrer -phantastischen Selbsttäuschung zum »eigentlichen Mutterschooss idealer -und imaginativer Ereignisse«, zu denen der tiefste Impuls gerade -dadurch gegeben wird, dass sie ewig unrealisirbar bleiben, dass die -Sehnsucht ihnen keine wesenhafte Wahrheit und Wirklichkeit zu verleihen -vermag. Es ist derselbe Zustand, den Nietzsche schildert, wenn er -von einem Künstler sagt, er habe viel mehr »von seinem—Unvermögen, -als von seiner reichen Kraft.... eine ungeheure Lüsternheit nach -dieser Vision ist in seiner Seele zurückgeblieben, und aus ihr nimmt er -seine ebenso ungeheure Beredtsamkeit des Verlangens und Heisshungers.« -(Die fröhliche Wissenschaft 79.) Man muss sich also die Entstehung -des übermenschlichen Scheines, das Mysterium von der plötzlichen -Selbstentsagung und Selbstaufhebung, diese asketische Grundvorstellung, -auf welche Nietzsches Ethik hinausläuft,—als ein <span class="gesperrt">ästhetisches -Phänomen</span> denken, als eine so intensive Versenkung in die Qual des -Uebermaasses, dass aus ihr die Sehnsucht den Gegensatz als eine -geschaute und nachgelebte <span class="gesperrt">Vision</span> hervortreibt. »... von Niemandem -will ich so als von dir gerade Schönheit, du Gewaltiger:« heisst -es von dem starken, mit übermächtigen Affekten geladenen Menschen, -»aber gerade dem Helden ist das <span class="gesperrt">Schöne</span> aller Dinge Schwerstes. -Unerringbar ist das Schöne allem heftigen Willen.... Diess nämlich -ist das Geheimniss der Seele: erst, wenn sie der Held verlassen hat, -naht ihr, im <span class="gesperrt">Traume</span>,—der Über-Held« (Uebermensch). (Also sprach -Zarathustra II 54 f.) In seligem Traume stammelt sie dann:—ein -Schatten kam zu mir—aller Dinge Stillstes und Leichtestes kam—zu -mir! Des Übermenschen Schönheit kam zu mir als Schatten.« (II 8.) Denn -»Alles Göttliche läuft auf zarten Füssen!«—»Was wäre denn schön, wenn -nicht erst der Widerspruch sich selbst zum Bewusstsein gekommen wäre, -wenn nicht erst das Hässliche zu sich selbst gesagt hätte: ich bin -hässlich?« In der Hässlichkeit jenes chaotischen Uebermaasses, bis -zu welchem der Mensch seine wildesten Kräfte entfesseln soll, bricht -er zuletzt den Stab über sich selbst, als über den von Wesensgrund -aus hässlichen. »Ein <span class="gesperrt">Hass</span> springt da hervor:... Er hasst da -aus dem tiefsten Instinkte der Gattung heraus; in diesem Hass ist -Schauder, Vorsicht, Tiefe, Fernblick,—es ist der tiefste Hass, den -es giebt. Um seinetwillen ist die Kunst <span class="gesperrt">tief</span>....« (Götzen-Dämmerung -IX 20.) Sie ist tief, weil sie durch diesen Hass dem Menschen die -grenzenlose Sehnsucht nach dem Schönen lehrt und so die Erzeugung des -schönen Scheines aus der entfesselten Ueberfülle des wirklichen Seins -ermöglicht; sie ist tief, weil sie einen ungeheuren Idealisirungsdrang -weckt und den Menschenwillen durch die Vision der Schönheit zur -»Zeugung« reizt, sodass er in leidenschaftlicher Begeisterung sich -seinem eigenen Wesensgegensatz vermählt. So wird die zügellose Kraft -bis zum höchsten Uebermaass nur gesteigert, um in einen Rauschzustand -der Begeisterung überzuströmen, der die. Bedingung zur schöpferischen -Erzeugung des Schönen ist. »Das Wesentliche am Rausch ist das Gefühl -der Kraftsteigerung und Fülle. Aus diesem Gefühle giebt man an die -Dinge ab, man <span class="gesperrt">zwingt</span> sie von uns zu nehmen, man vergewaltigt -sie,—man heisst diesen Vorgang <span class="gesperrt">Idealisiren</span>.« (Götzen-Dämmerung IX -8.) »Man bereichert in diesem Zustande Alles aus seiner eignen Fülle: -was man sieht, was man will, man sieht es geschwellt, gedrängt, stark, -überladen mit Kraft. Der Mensch dieses Zustandes verwandelt die Dinge, -bis sie seine Macht wiederspiegeln,... Dies Verwandeln-<span class="gesperrt">müssen</span> in's -Vollkommne ist—Kunst.« (Ebendaselbst IX 9.)</p> - -<p>Trägt Nietzsches Ethik einen vorwiegend ästhetisirenden Charakter, -indem die Verwandlung ins Vollkommne nur einen schönen Schein -ergiebt, so nähert sich dafür seine Aesthetik sehr stark dem -Religiös-Symbolischen, insofern sie aus dem Drang entsteht, die -Menschen und Dinge zu <span class="gesperrt">vergöttlichen</span>, sie ins Gotthafte aufzulösen, -um sie zu ertragen. Ueber diesen psychischen Vorgang hat Nietzsche -nicht bloss eine Theorie aufgestellt und in zerstreuten Aphorismen -angedeutet, sondern er hat auch den Versuch gemacht, selbst das -grundlegende Erstlingswerk zu schaffen, in dem jene hohe Schöpferthat -des Menschen, die Erzeugung des Uebermenschlichen,—zum ersten -Mal vollbracht wird. Dieses Werk ist seine Dichtung »Also sprach -Zarathustra«. Die Zarathustra-Gestalt, als eine Selbstverklärung -Nietzsches, als eine Widerspiegelung und Verwandlung seiner Wesensfülle -in einem gottartigen Lichtbilde, soll ein vollständiges Analogon -bilden zu der von ihm geträumten Entstehung des Uebermenschlichen aus -dem Menschlichen. Zarathustra ist sozusagen der Nietzsche-Uebermensch, -er ist der »Ueber-Nietzsche«. Infolgedessen trägt das Werk einen -täuschenden Doppel-Charakter: es ist einerseits eine Dichtung in rein -ästhetischem Sinn und kann als solche von rein ästhetischem Standpunkt -aus verstanden und beurtheilt werden; andererseits aber will es nur in -einem rein-mystischen Sinn Dichtung sein,—im Sinn eines religiösen -Schöpfungsaktes, in dem die höchste Forderung der Ethik Nietzsches zum -ersten Mal ihre Erfüllung findet. Daraus erklärt es sich, dass das -Zarathustra-Werk das am besten missverstandene unter allen Büchern -Nietzsches geblieben ist, um so mehr, als meistens angenommen worden -ist, es enthalte in dichterischer Form eine <span class="gesperrt">Popularisirung</span> dessen, -was die übrigen Schriften in strengerer philosophischer Form geben. In -Wahrheit aber ist es das am wenigsten populär gemeinte seiner Werke; -denn wenn es bei Nietzsche jemals eine »esoterische« Philosophie -gab, die Niemandem völlig zugänglich werden sollte, so liegt sie -hier, und dem gegenüber gehört Alles, was er sonst geschrieben, dem -mehr exoterischen Theil seiner Lehre an. Daher erschliesst sich das -tiefste Verständniss des »Zarathustra« weniger auf dem Wege der -Nietzsche-Philosophie, als auf dem der Nietzsche-Psychologie, indem man -den verborgenen Seelenregungen nachspürt, die Nietzsches ethische und -religiöse Vorstellungen bedingen und seiner seltsamen Mystik zu Grunde -liegen. Dann zeigt es sich, dass die Theorien Nietzsches alle aus dem -Bedürfniss der eigenen Selbsterlösung geflossen sind,—aus dem Sehnen, -seiner tief bewegten und leidvollen Innerlichkeit jenen Halt zü geben, -den der Gläubige in seinem Gott besitzt. Dieses gewaltige Wünschen und -Verlangen erzwang sich schliesslich Befriedigung: es schuf den Gott -oder doch ein gotthaftes Ueberwesen, in dem das Gegenbild des eigenen -Wesens veräusserlicht und verklärt wurde. Die Doppelgestalt, die -Nietzsche sich damit selbst gab, und in der er sich als einen »Zweiten« -anschaute, ist in seinem Zarathustra verkörpert, wandelt in ihm -gleichsam auf eigenen Füssen. Seltsam schimmert an einzelnen Stellen -der Dichtung das heimliche Eingeständniss durch, dass Zarathustra -keine eigene Wesenswahrheit habe, sondern nur ein Dichtergeschöpf -sei, und selbst ein Dichter und Erdichtender: »—was sagte dir einst -Zarathustra? Dass die Dichter zuviel lügen?—Aber auch Zarathustra -ist ein Dichter.« (II 68.) Doch es liegt ja schon in Nietzsches -Auffassung des höchsten Ideals, dass der Schein das Recht hat, sich -als Sein und Wesen zu geben,—ja, dass alle höchste Wahrheit in der -<span class="gesperrt">Scheinwirkung</span>, im Effekt auf Andere besteht. Der Mensch, in seiner -mystischen Wesenswandlung, sucht ganz und gar zu einem lockenden, -sehnsuchtweckenden und erziehenden Scheinbilde zu werden, dem nichts -Hochgeartetes zu widerstehen vermag. Von ihm gilt das Wort: »Wer von -Grund aus Lehrer ist, nimmt alle Dinge nur in Bezug auf seine Schüler -ernst,—sogar sich selbst.« (Jenseits von Gut und Böse 63.)</p> - -<p>Damit ist in bewusster Weise eine Rechtfertigung der »heiligen -Täuschung« gegeben, und nicht umsonst sagt Nietzsche wiederholt, dass -es das Problem von der »pia fraus« sei, dem er am längsten und tiefsten -nachgegangen. Auch die Redlichkeit, als eine verhältnissmässig späte -Tugend des modernen Wahrheitsmenschen, hat der grosse »Unzeitgemässe«, -der frei über die Tugenden aller Kulturen verfügt, in sich zu -überwinden um seiner Zwecke willen, die ein weiches Gewissen nicht -vertragen. In bezeichnenderweise steht schon in der »fröhlichen -Wissenschaft« (159): »Wer jetzt unbeugsam ist, dem macht seine -Redlichkeit oft Gewissensbisse: denn die Unbeugsamkeit ist die Tugend -eines anderen Zeitalters, als die Redlichkeit.« Zu Zarathustra aber -spricht der kluge Bucklichte, der ihm zuhört und ihm seine Gedanken -abliest: »—warum redet Zarathustra anders zu seinen Schülern—als -zu sich selber?« (II 91.) Und Zarathustra selber ruft diesen zu: -»Wahrlich, ich rathe euch: geht fort von mir und wehrt euch gegen -Zarathustra! Und besser noch: schämt euch seiner! <span class="gesperrt">Vielleicht betrog er -euch</span>.... Ihr verehrt mich; aber wie, wenn eure Verehrung eines -Tages umfällt? Hütet euch, dass euch nicht eine Bildsäule erschlage!« -(I 111.)</p> - -<p>Je vollständiger aber nach dieser Seite hin alle Wirklichkeit und -Wahrheit entschwan, je bewusster das Ideal als Scheinbild gedacht -wurde, desto grösser Nietzsches Verlangen, ihm <span class="gesperrt">religiös</span> eine Wahrheit -zuzugestehen, es zu einer mystischen Selbstvergottung zu machen. Und -hier sehen wir, wie sein Gedanke einen wunderlichen Kreis um sich -selbst beschreibt: um der asketischen Selbstvernichtung aller Moral zu -entgehen, löst er das moralische Phänomen in ein ästhetisches auf, in -dem die Grundnatur des Menschen neben seiner ästhetischen Lichtgestalt -unverändert bestehen bleibt; um aber dieser Lichtgestalt eine positive -Bedeutung zu verleihen, erhebt er sie ins Mystische, Religiöse und -ist dann, um diesen lichten Gegensatz herauszubringen, gezwungen, die -wirkliche menschliche Grundnatur möglichst dunkel und leidvoll zu -malen. Damit das erlösende Ueberwesen glaubhaft würde, mussten die -Gegensätze möglichst verschärft, musste es vom natürlich-menschlichen -Wesen möglichst unterschieden werden. Jeder vermittelnde Uebergang -hätte die mystische Illusion zerstört und den Menschen auf sich -selbst zurückgeworfen; das Ueberwesen wäre dann zu einer blossen -Wesensentwickelung in ihm selbst geworden. Die Schatten mussten auf -der einen—der menschlichen—Seite in demselben Maasse vertieft -werden, als auf der anderen—der übermenschlichen—das Licht heller -hervortreten und den Glauben erzwingen sollte, dass es völlig anderer -Art sei. So entstand die Lehre, dass zur Erzeugung des Uebermenschen -der Unmensch nöthig sei, und dass nur aus dem Uebermaass der wildesten -Begierden die sich selbst preisgebende Sehnsucht nach dem eigenen -Gegensatz hervorgehe. Gegen diese mystische Gottschöpfung lässt sich -derselbe Vorwurf richten, den Nietzsche der <span class="gesperrt">christlich-asketischen -Gottschöpfung</span> gemacht hat: es sei in ihr des Menschen <span class="gesperrt">Wille</span> gewesen, -»ein Ideal aufzurichten..., um angesichts desselben seiner -absoluten Unwürdigkeit handgreiflich gewiss zu sein.« Und dann: »Dies -Alles ist interessant bis zum Übermaass, aber auch von einer schwarzen -düsteren entnervenden Traurigkeit.... Hier ist <span class="gesperrt">Krankheit</span>, -es ist kein Zweifel, die furchtbarste Krankheit, die bis jetzt im -Menschen gewüthet hat:—und wer es noch zu hören vermag ... wie in -dieser Nacht von Marter und Widersinn der Schrei <span class="gesperrt">Liebe</span>, der Schrei des -sehnsüchtigsten Entzückens, der Erlösung in der Liebe geklungen hat, -der wendet sich ab, von einem unbesieglichen Grausen erfasst.... Im -Menschen ist so viel Entsetzliches!...« (Zur Genealogie der Moral II -22.)</p> - -<p>Dieser Zug zum Asketischen und Mystischen, der sich, inmitten des -Kampfes wider das Asketische und Mystische, so stark als der geheime -Grundzug der Philosophie Nietzsches ausweist, zeigt am deutlichsten -die Rückwendung zu seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerisch-Wagnerischen. Aber indem er sich im Prinzip -gegen alle bisherige Mystik und Askese auflehnt, giebt er in nicht -geringerem Grade dem Einflüsse nach, den die Erfahrungswissenschaft -und die positivistische Theorie auf ihn ausgeübt haben,—und -so treten denn auch hier die beiden Hauptlinien seiner letzten -Philosophie unverkennbar hervor. Die mystische und asketische -Bedeutung des Aesthetischen ist in seinem System keine geringere -als in dem Schopenhauers; bei Beiden fällt sie zusammen mit dem -tiefsten ethischen und religiösen Erleben, und nicht umsonst greift -Nietzsche, um diese Bedeutung zu erläutern, auf Gedanken und Bilder -seiner »Geburt der Tragödie« zurück. Aber bei Schopenhauer wird das -ästhetische Schauen aufgefasst als ein mystischer Durchblick in den -metaphysischen Hintergrund der Dinge, in das Wesen des »Dinges -an sich«, und setzt deshalb die Beschwichtigung des gesammten -Seelenlebens, gewissermaassen die Abstreifung alles Irdischen, voraus. -Bei Nietzsche hingegen, wo der metaphysische Hintergrund fehlt, und -wo es gilt, dafür einen Ersatz mitten aus dem Ueberschwang irdischer -Lebenskräfte heraus zu <span class="gesperrt">schaffen</span>, ist die psychische Voraussetzung -die gerade <span class="gesperrt">entgegengesetzte</span>: das Schöne soll das Willensleben im -Tiefsten erregen, es soll alle Kräfte entfesseln, »brünstig machen und -zur Zeugung reizen«, denn es handelt sich nicht um die metaphysische -Offenbarung von etwas ewig Seiendem, sondern um die mystische Schöpfung -von etwas nicht Vorhandenem; das »Mystische« bei Nietzsche ist -daher stets so viel wie ins Ungeheure und folglich Uebermenschliche -gesteigerte Lebenskraft. Genau aber so, wie bei Schopenhauer das -Ueberirdische aus der asketischen Vernichtung des Irdischen resultirt, -ist bei Nietzsche der mystische Lebensüberschwang nur möglich als -eine Folge des Unterganges alles Menschlichen und Gegebenen durch -das Uebermaass. Und hier liegt der Haupt-Berührungspunkt beider -Anschauungen: beide gehen durch das <span class="gesperrt">Tragische</span> in das Selige ihrer -Mystik ein. »Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik«<a name="FNAnker_7_33" id="FNAnker_7_33"></a><a href="#Fussnote_7_33" class="fnanchor">[7]</a> -hat sich verwandelt in eine Geburt der Tragödie aus dem Geiste des -Lebens. Das Leben, als »das, <span class="gesperrt">was sich immer selber überwinden muss</span>«, -fordert immer wieder als Grundbedingung immer höherer Schöpfungen den -Untergang. Was tragisch erscheint vom Standpunkte dessen, der zu einem -solchen Untergang bestimmt ist, wird als Seligkeit unerschöpflicher -Lebensfülle empfunden vom Standpunkte des Daseins selbst oder dessen, -der sich mit diesem identificirt, über sich selbst siegt, indem -er es in sich bis zum Uebermaass steigert. In charakteristischer -Weise zeigt sich diese veränderte Auffassung des Tragischen in der -»Götzen-Dämmerung«, wo Nietzsche noch einmal sein altes Problem aus der -»Geburt der Tragödie«, die Bedeutung der dionysischen Mysterien und des -tragischen Gefühls der Griechen, bespricht. Ursprünglich war ihm der -dionysische Orgiasmus das Entladungsmittel der Affekte, wodurch die -für das Schauen der apollinischen Bilder erforderliche Seelenstille -hergestellt wurde,—jetzt ist er ihm der Schöpfungsakt des Lebens -selbst, das der Raserei und des Schmerzes bedarf, um aus ihnen heraus -das Lichte und Göttliche zu gestalten.<a name="FNAnker_8_34" id="FNAnker_8_34"></a><a href="#Fussnote_8_34" class="fnanchor">[8]</a> Ursprünglich war er ihm ein -Zeugniss für die—in Schopenhauerischem Sinne—tief pessimistische -Natur der Griechen, indem im Orgiasmus das Innerste des Lebens sich -als Dunkel, Schmerz und Chaos enthüllte; jetzt erscheint er ihm als -der lebensdurstige hellenische Instinkt, der sich nur im Uebermaass -genug thun konnte, und der auch noch in Schmerz, Tod und Chaos der -triumphirenden Unerschöpflichkeit des Lebens froh ward:... in -den dionysischen Mysterien ... spricht sich die <span class="gesperrt">Grundthatsache</span> -des hellenischen Instinkts aus—sein »Wille zum Leben«. <span class="gesperrt">Was</span> verbürgte -sich der Hellene mit diesen Mysterien? Das <span class="gesperrt">ewige</span> Leben, die ewige -Wiederkehr des Lebens; die Zukunft in der Vergangenheit verheissen und -geweiht; das triumphirende Ja zum Leben über Tod und Wandel hinaus;... -In der Mysterienlehre ist der <span class="gesperrt">Schmerz</span> heilig -gesprochen: die »Wehen der Gebärerin« heiligen den Schmerz überhaupt,... -Damit es die ewige Lust des Schaffens giebt, damit der Wille -zum Leben sich ewig selbst bejaht, <span class="gesperrt">muss</span> es auch ewig die »Qual der -Gebärerin« geben.... Dies Alles bedeutet das Wort Dionysos:....« -(Götzen-Dämmerung X 4.) »Dass alle Schönheit zur Zeugung reize« (IX -22), ist das Religiöse an der Kunst, denn diese lehrt das Vollkommene -schaffen. Die höchste, d. h. religiöseste Kunst ist die tragische, -denn in ihr zeugt der Künstler aus dem <span class="gesperrt">Furchtbaren das Schöne</span>. »<span class="gesperrt">Was -theilt der tragische Künstler von sich mit</span>? Ist es nicht gerade der -Zustand <span class="gesperrt">ohne</span> Furcht vor dem Furchtbaren und Fragwürdigen, das er -zeigt?... Die Tapferkeit und Freiheit des Gefühls vor einem -mächtigen Feinde, vor einem erhabenen Ungemach, vor einem Problem, das -Grauen erweckt—dieser <span class="gesperrt">siegreiche</span> Zustand ist es, den der tragische -Künstler auswählt, den er verherrlicht. Vor der Tragödie feiert das -Kriegerische in unserer Seele seine Saturnalien; wer Leid gewohnt ist, -wer Leid aufsucht, der <span class="gesperrt">heroische</span> Mensch preist mit der Tragödie sein -Dasein,—ihm allein kredenzt der Tragiker den Trunk dieser süssesten -Grausamkeit.—« (IX 24.)</p> - -<p>»Die Psychologie des Orgiasmus als eines überströmenden Lebens- und -Kraftgefühls, innerhalb dessen selbst der Schmerz noch als Stimulans -wirkt, gab mir den Schlüssel zum Begriff des <span class="gesperrt">tragischen</span> Gefühls,... -Das Jasagen zum Leben selbst noch in seinen fremdesten und härtesten -Problemen; der Wille zum Leben, im <span class="gesperrt">Opfer</span>seiner höchsten Typen der -eignen Unerschöpflichkeit frohwerdend—<span class="gesperrt">das</span> nannte ich dionysisch, -<span class="gesperrt">das</span> errieth ich als die Brücke zur Psychologie des <span class="gesperrt"><span class="gesperrt">tragischen</span></span> -Dichters. <span class="gesperrt">Nicht</span> um von Schrecken und Mitleiden loszukommen,...: sondern um, über Schrecken und Mitleid hinaus, die ewige Lust -des Werdens <span class="gesperrt">selbst zu sein</span>,—jene Lust, die auch noch die <span class="gesperrt">Lust am -Vernichten</span> in sich schliesst....« (X 5.)</p> - -<p>Diese Auffassung des Tragischen und des durch dasselbe bedingten -Lebensgefühls machte es möglich, dass Nietzsche gerade bei seiner -Rückkehr zur Schopenhauerischen Philosophie des Pessimismus und -der Askese seine lebensfreudigste Lehre schuf,—seine Lehre von -der <span class="gesperrt">ewigen Wiederkunft aller Dinge</span>. So sehr Nietzsches System -»philosophisch wie psychologisch einen asketischen Grundzug forderte, -ebensosehr erforderte es dessen Gegensatz, die Apotheose des Lebens, -denn in Ermanglung eines metaphysischen Glaubens gab es ja nichts -anderes als das leidende und leidvolle Leben selbst, das glorificirt -und vergöttlicht werden konnte. Nietzsches Lehre von der ewigen -Wiederkunft ist niemals genügend betont und gewürdigt worden, obwohl -sie gewissermaassen in seinem Gedankengebäude sowohl das Fundament, -als auch die Krönung bildet und diejenige Idee gewesen ist, von der -er bei der Conception seiner Zukunftsphilosophie ausgegangen ist, -und mit der er sie auch abschliesst. Wenn sie erst hier ihre Stelle -findet, so geschieht dies, weil sie nur im Zusammenhänge des Ganzen -verständlich wird, und weil in der That Nietzsches Logik, Ethik und -Aesthetik als Bausteine für die Wiederkunftslehre gelten müssen. Den -Gedanken einer möglichen Wiederkehr aller Dinge im ewigen Kreislauf -des Seins hat Nietzsche schon in der »fröhlichen Wissenschaft«, im -vorletzten Aphorismus des Buches »<span class="gesperrt">Das grösste Schwergewicht</span>«, als -eine Vermuthung ausgesprochen: »Wie, wenn dir eines Tages oder Nachts, -ein Dämon in deine einsamste Einsamkeit nachschliche und dir sagte: -»Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch -einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues -daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und -Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir -wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge—und ebenso diese -Spinne und dieses Mondlicht zwischen den Bäumen, und ebenso dieser -Augenblick und ich selber. Die ewige Sanduhr des Daseins wird immer -wieder umgedreht—und du mit ihr, Stäubchen vom Staube!«—Würdest du -dich nicht niederwerfen und mit den Zähnen knirschen und den Dämon -verfluchen, der so redete? Oder hast du einmal einen ungeheuren -Augenblick erlebt, wo du ihm antworten würdest: »du bist ein Gott -und nie hörte ich Göttlicheres!« Wenn jener Gedanke über dich Gewalt -bekäme, er würde dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht -zermalmen; die Frage bei Allem und Jedem »willst du diess noch einmal -und noch unzählige Male?« würde als das grösste Schwergewicht auf -deinem Handeln liegen! Oder wie müsstest du dir selber und dem Leben -gut werden, um nach nichts <span class="gesperrt">mehr zu verlangen</span>, als nach dieser letzten -ewigen Bestätigung und Besiegelung?—«</p> - -<p>Hier tritt der Grundgedanke deutlich hervor—fast deutlicher und -unumwundener als irgendwann später, denn Nietzsche ertrug es -nicht, ganz über das zu schweigen, was seinen Geist erfüllte und -erregte. Aber es erschütterte ihn noch so sehr, von dieser neuen -Erkenntniss zu sprechen, dass er seinen Wiederkunftsgedanken ganz -unauffällig wie einen harmlosen Einfall zwischen andere Einfälle -hineinschob, so dass wer darüber hinliest, den Zusammenhang mit der -ernsten Schlussbetrachtung »<span class="gesperrt">Incipit tragoedia</span>« nicht merkt,—»so -heimlich, dass alle Welt es überhört, dass alle Welt <span class="gesperrt">uns</span> überhört!« -(Einführende Vorrede zur neuen Ausgabe der Morgenröthe 5.) So steht er -denn da, inmitten der übrigen Gedanken, gerade als der Verhüllteste -unter den Verhüllten, und an dem feinen Maskenscherz, Etwas dadurch -am besten zu verstecken, dass man es offen und nackt hinstellt, hat -der an Heimlichkeiten so reiche und aller Heimlichkeit so frohe Geist -Nietzsches trotz aller tiefen Seelenbewegung seinen Spass gehabt.</p> - -<p>Thatsächlich trug er sich schon damals mit jenem Gedanken wie mit -einem unentrinnbaren Verhängniss, das ihn »verwandeln und zermalmen« -wollte; er rang nach dem Muth, ihn siqh selbst und den Menschen als -unumstössliche Wahrheit in seiner ganzen Tragweite zu gestehen. -Unvergesslich sind mir die Stunden, in denen er ihn mir zuerst, als ein -Geheimniss, als Etwas, vor dessen Bewahrheitung und Bestätigung ihm -unsagbar graue, anvertraut hat: nur mit leiser Stimme und mit allen -Zeichen des tiefsten Entsetzens sprach er davon. Und er litt in der -That so tief am Leben, dass die Gewissheit der ewigen Lebenswiederkehr -für ihn etwas Grauenvolles haben musste. Die Quintessenz der -Wiederkunftslehre, die strablende Lebensapotheose, welche Nietzsche -nachmals aufstellte, bildet einen so tiefen Gegensatz zu seiner eigenen -qualvollen Lebensempfindung, dass sie uns anmuthet wie eine unheimliche -Maske.</p> - -<p>Verkündiger einer Lehre zu werden, die nur in dem Maasse erträglich -ist," als die Liebe zum Leben überwiegt, die nur da erhebend zu -wirken vermag, wo der Gedanke des Menschen sich bis zur Vergötterung -des Lebens aufschwingt, das musste in Wahrheit einen furchtbaren -Widerspruch zu seinem innersten Empfinden bilden,—einen Widerspruch, -der ihn endlich zermalmt hat. Alles, was Nietzsche seit der Entstehung -seines Wiederkunfts-Gedankens gedacht, gefühlt, gelebt hat, entspringt -diesem Zwiespalt in seinem Inneren, bewegt sich zwischen dem »mit -knirschenden Zähnen dem Dämon der Lebensewigkeit fluchen« und der -Erwartung jenes »ungeheuren Augenblicks«, der zu den Worten die Kraft -giebt: »du bist ein Gott und nie hörte ich Göttlicheres!«</p> - -<p>Je höher er sich, als Philosoph, zur vollen Exaltation der -Lebensverherrlichung erhob, je tiefer litt er, als Mensch, unter seiner -eigenen Lebenslehre. Dieser Seelenkampf, die wahre Quelle seiner ganzen -letzten Philosophie, den seine Bücher und Worte nur unvollkommen ahnen -lassen, klingt vielleicht am ergreifendsten durch in Nietzsches Musik -zu meinem »Hymnus an das Leben«, die er im Sommer 1882 componirte, -während er mit mir in Thüringen, bei Dornburg, weilte. Mitten in der -Arbeit an dieser Musik wurde er durch einen seiner Krankheitsanfälle -unterbrochen, und immer wieder wandelte sich ihm der »Gott« in den -»Dämon«, die Begeisterung für das Leben in die Qual am Leben. »Zu Bett. -Heftiger Anfall. <span class="gesperrt">Ich verachte das Leben</span>. F. N.« So lautete einer der -Zettel, die er mir zuschickte, wenn er an sein Lager gefesselt war. Und -dieselbe Stimmung spricht sich in einem Briefe aus, den er kurz nach -Vollendung jener Composition schrieb:</p> - -<blockquote> - -<p>»Meine liebe Lou,</p> - -<p>Alles was Sie mir melden, thut mir sehr wohl. Uebrigens -<span class="gesperrt">bedarf</span> ich etwas des Wohlthuenden!</p> - -<p>Mein Venediger Kunstrichter hat einen Brief über meine Musik -zu Ihrem Gedichte geschrieben; ich lege ihn bei—Sie werden -Ihre Nebengedanken dabei haben. <span class="gesperrt">Es kostet mich immerfort -noch den grössten Entschluss, das Leben zu acceptiren. Ich -habe viel vor mir, auf mir</span>, hinter mir;...</p> - -<p><span class="gesperrt">Vorwärts</span> ... <span class="gesperrt">und aufwärts</span>!...«</p></blockquote> - -<p>Damals war, wie gesagt, die Wiederkunfts-Idee für Nietzsche noch -keine Ueberzeugung geworden, sondern erst eine Befürchtung. Er hatte -die Absicht, ihre Verkündigung davon abhängig zu machen, ob und wie -weit sie sich wissenschaftlich werde begründen lassen. Wir wechselten -eine Reihe von Briefen über diesen Gegenstand, und immer ging aus -Nietzsches Aeusserungen die irrthümliche Meinung hervor, als sei es -möglich, auf Grund, physikalischer Studien und der Atomenlehre, eine -wissenschaftlich unverrückbare Basis dafür zu gewinnen. Damals war es, -wo er beschloss, an der Wiener oder Pariser Universität zehn Jahre -ausschliesslich Naturwissenschaften zu studiren. Erst nach Jahren -absoluten Schweigens wollte er dann, im Fall des gefürchteten Erfolges, -als der Lehrer der ewigen Wiederkunft unter die Menschen treten.</p> - -<p>Es kam bekanntlich ganz anders. Innere und äussere Gründe machten -Nietzsche die geplante Arbeit unmöglich, trieben ihn wieder nach dem -Süden und in die Einsamkeit zurück; Das Jahrzehnt des Schweigens aber -wurde zum beredtesten und fruchtbarsten seines ganzen Lebens. Schon ein -oberflächliches Studium zeigte ihm bald, dass die wissenschaftliche -Fundamentirung der Wiederkunftslehre auf Grund der atomistischen -Theorie nicht durchführbar sei; er fand also seine Befürchtung, der -verhängnissvolle Gedanke werde sich unwiderleglich als richtig -beweisen lassen, nicht bestätigt und schien damit von der Aufgabe -seiner Verkündigung, von diesem mit Grauen erwarteten Schicksal -befreit zu sein. Aber nun trat etwas Eigenthümliches ein: weit davon -entfernt, sich durch die gewonnene Einsicht erlöst zu fühlen, verhielt -sich Nietzsche gerade entgegengesetzt dazu; von dem Augenblick an, -wo das gefürchtete Verhängniss von ihm zu weichen schien, nahm er es -entschlossen auf sich und trug seine Lehre unter die Menschen: in -dem Augenblick, wo seine bange Vermuthung unbeweisbar und unhaltbar -wird, erhärtet sie sich ihm, wie durch einen Zauberspruch, zu einer -unwiderlegbaren Ueberzeugung. Was wissenschaftlich erwiesene Wahrheit -werden sollte, nimmt den Charakter einer mystischen Offenbarung -an, und fürderhin giebt Nietzsche seiner Philosophie überhaupt als -endgiltige Grundlage, anstatt der wissenschaftlichen Basis, die innere -Eingebung—seine eigene persönliche Eingebung.</p> - -<p>Was war es, das trotz des widerstrebenden Grauens auf der einen und -des mangelnden Beweises auf der anderen Seite einen so umwandelnden -Einfluss auf ihn ausübte? Erst die Lösung dieses Räthsels gewährt -uns einen Einblick in das verborgene Geistesleben Nietzsches, in die -Entstehungsursache seiner Theorien. Eine <span class="gesperrt">neue tiefere Bedeutsamkeit -der Dinge</span>, ein neues Suchen und Fragen nach den letzten und höchsten -Problemen—dies alles, was Nietzsche als Metaphysiker gekannt, als -Empiriker aber schmerzlich vermisst hatte, das war es, was ihn in die -Mystik seiner Wiederkunftslehre hineintrieb. Mochte auch diese Lehre -mit neuen Seelenqualen für ihn verbunden sein, mochte sie ihn sogar -zermalmen, lieber nahm er das Leiden am Leben auf sich, als in der -Entgötterung und Entgeistung desselben zu beharren. Ausser mit diesem -Leiden konnte er mit allen anderen Leiden fertig werden,—ja er ertrug -sie nicht nur, sondern wusste noch seinen Geist an ihnen zu spornen und -zu stacheln, indem sie ihn lehrten, nach einem <span class="gesperrt">Sinn</span>, nach dem tiefsten -Geheimsinn des Lebens unablässig zu suchen und zu forschen. »Hat man -sein <span class="gesperrt">warum</span>? des Lebens, so verträgt man sich fast mit jedem <span class="gesperrt">wie</span>?« -sagt Nietzsche in der »Götzen-Dämmerung« (I 12). Aber sein warum? als -die Grundsehnsuch seines Lebens, verlangte nach einer ausgiebigen -Beantwortung und vertrug keine Selbstbescheidung.</p> - -<p>So begehrte der Philosoph in ihm auch hier nicht danach, von der Qual -einer gefürchteten Lehre errettet, sondern nur, an ihr fruchtbar, an -ihr zum Wissenden und Wahrseher zu werden,—und er begehrte dies so -inbrünstig, dass, selbst mit dem Hinfälligwerden der wissenschaftlichen -Beweisgründe, jener innere Grund Macht genug besass, um eine -schwankende Muthmaassung zu begeisterter Ueberzeugung zu steigern.</p> - -<p>Daher wird auch der theoretische Umriss des Wiederkunfts-Gedankens -eigentlich niemals mit klaren Strichen gezeichnet; er bleibt blass -und undeutlich und tritt vollständig zurück hinter den praktischen -Folgerungen, den ethischen und religiösen Consequenzen, die Nietzsche -scheinbar aus ihm ableitet, während sie in Wirklichkeit die innere -Voraussetzung für ihn bilden.</p> - -<p>In einem seiner frühesten Werke, in der zweiten der »Unzeitgemässen -Betrachtungen« (Vom Nutzen und Nachtheil der Historie für das -Leben), erwähnt Nietzsche einmal (23), vorübergehend, der -Wiederkehrs-Philosophie der Pythagoräer, als eines geeigneten Mittels, -um »jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigenthümlichkeit und -Einzigkeit« zu unverlierbarer Bedeutung zu erheben, fügt aber hinzu, -dass eine solche Lehre in unserem Denken nicht eher Raum beanspruchen -könne, als bis die Astronomie wieder zu Astrologie geworden sei. Gewiss -sind ihm die theoretischen Schwierigkeiten einer modernen Neubelebung -dieser alten Idee in späteren Jahren nicht geringer erschienen, als -zur Zeit seines Glaubens an Schopenhauers Metaphysik. Aber eben diese -Metaphysik deutete ihm damals die Dinge des Lebens in erhebender -Weise und machte damit jede mystische Grübelei überflüssig. Das ewige -Sein hinter dem ungeheuren Werdeprozess der Erscheinungswelt, das -sich in einer jeden Gestaltung derselben objektivirt, gewissermaassen -durch eine jede, als ihr höherer Sinn, hindurchschimmert, Hess -nicht die Sehnsucht aufkommen, diesem Werdeprozess selbst, durch -eine ewige Wiederholung desselben im Kreislauf des Seins, eine über -das Ephemere hinausgehende Bedeutung zuzuschreiben. Erst später, -als Nietzsche vor einer metaphysischen Weiterklärung absah und -unwillkürlich nach einem Ersatz dafür verlangte, drängte sich ihm -jener Gedanke wieder auf. Scheinbar freilich schwächt derselbe den -Pessimismus der positivistischen Lebensauffassung um nichts ab, -ja, eher verschärft er ihn noch; denn die Sinnlosigkeit einer ins -Unendliche verlaufenden Werde-Linie erscheint wegen ihrer unzählbaren -verhüllten Zukunftsmöglichkeiten weniger niederdrückend, als eine stete -Wiederholung des Sinnlosen in sich selbst. Aber charakteristischer -Weise entsprang hieraus die neue Erlösungsphilosophie Nietzsches. -Gerade durch die Verschärfung des Niederdrückenden und Trostlosen, das -in einer nüchternen und kalten Betrachtungsweise des Lebens liegt, -gerade durch den harten Zwang, immer wieder zu einem solchen Leben -zurückkehren zu müssen, sollte der Menschengeist zu seiner höchsten -That angespornt werden: er sollte, gleichsam gepeitscht von Verdruss -und Grauen, rriit gewaltigem Willen dem sinnlosen Leben einen Sinn, -dem zufälligen Werdeprozess des Ganzen ein Ziel geben und damit die -thatsächlich nicht vorhandenen Lebenswerthe aus sich heraus erschaffen.</p> - -<p>So kann man sagen, dass Nietzsche, anstatt sich vom Pessimismus -seiner »Freigeisterei« abzuwenden und zur tröstlicheren Metaphysik -zurückzukehren, diesen Pessimismus bis auf das Aeusserste -steigert,—dass er es aber nur thut, um den äussersten Ueberdruss und -Lebensschmerz als ein <span class="gesperrt">Sprungbrett</span> zu benutzen, von dem er sich in die -Tiefen seiner Mystik hinabstürzen will.</p> - -<p>In der That schien der Wiederkunftsgedanke besonders dazu geeignet, -eine solche Wirkung auszuüben, insofern er sich auf das wirkliche Leben -eines jeden Einzelnen bezieht und sich nicht nur an das philosophirende -Denken, sondern mehr noch an den schaffenden Willen richtet. Dem -Lebensganzen, als einem sinnlosen und zufälligen Ganzen, denkend -gegenüber zu stehen, ist etwas Anderes, als es im Einzelleben immer -aufs neue sinnlos wiederholen zu müssen, ohne ihm jemals entrinnen -zu können;—damit gewinnt die rein abstrakte Betrachtungsweise eine -Richtung auf das Persönliche, und die philosophische Theorie wird -in das empfindliche lebendige Fleisch hineingedrückt, gleich einem -schmerzenden Sporn, der dazu antreiben soll, um jeden Preis eine neue -Hoffnung, einen neuen Lebenssinn, ein neues Lebensziel zu schaffen.</p> - -<p>In Bezug auf diesen Optimismus ist Nietzsche's letzte Philosophie -das genaue Gegenbild seiner ersten philosophischen Weltanschauung, -der Schopenhauerischen Metaphysik mit ihrer Verherrlichung -des buddhistischen Ideals der Askese, der Willensverneinung -und Lebens-Abkehr. Die alte indische Lehre von einer ewigen -Wiedergeburt in der Seelenwanderung, als des Fluches, dem ein jeder -verfällt, der nicht bis zur Selbstverneinung durchgedrungen, ist -von Nietzsche geradezu umgekehrt worden. Nicht <span class="gesperrt">Befreiung</span> von dem -Wiederkunftszwange, sondern freudige <span class="gesperrt">Bekehrung zu ihm</span> ist das Ziel -des höchsten sittlichen Strebens, nicht Nirwana, sondern Sansära -der Name für das höchste Ideal. Diese Korrektur vom Pessimistischen -ins Optimistische ist der eigentliche Unterschied zwischen -Nietzsches ursprünglichem und späterem Denken und stellt in der -Entwickelung dieses einsamen Leidenden einen heldenmüthigen Sieg der -Selbstüberwindung dar. Philosophisch aber ist sie durch die dazwischen -liegende positivistische Geistesperiode Nietzsches vorbereitet -worden, in der dieser das Dasein allerdings erst recht pessimistisch -betrachten, zugleich aber sich auf die Lebenswirklichkeit beschränken -und allen metaphysischen Nebendeutungen derselben entsagen lernte. -Denn sein Optimismus folgt, als philosophische Lebenslehre, aus der -Betonung und Verewigung der Lebensthatsache selbst, als des obersten -Prinzips; durch den gewaltsam bis ins Mystische gesteigerten <span class="gesperrt">Accent</span>, -den er ihr gab, schuf er sich ihre Vergöttlichung. In den Kreislauf des -Lebens unerbittlich verstrickt, auf ewig an ihn gebunden, müssen wir -»Ja« sagen lernen zu allen seinen Gestaltungen, um sie zu ertragen; nur -durch die Kraft und Freudigkeit eines solchen »Ja« versöhnen wir uns -mit dem Leben, indem wir uns mit ihm identificiren. Dann fühlen wir -uns als einen schöpferischen Theil seines Wesens, ja, als dieses Wesen -selbst in seiner unersättlichen überquellenden Macht und Fülle. Die -<span class="gesperrt">auf Lebenskraft gegründete rückhaltlose Lebensliebe</span> ist deshalb das -einzige heilige Moralgesetz des neuen Gesetzgebers; die <span class="gesperrt">bis zum Rausch -entfesselte Lebens-Exaltation</span> nimmt die Stelle ein der religiösen -<span class="gesperrt">Erhebung</span>, ja, eines Gottes-Kultus.</p> - -<p>Ueber diesen Umschlag von Pessimismus in Optimismus und über das neue -Ideal der Weltbejahung spricht sich Nietzsche, in »Jenseits von Gut und -Böse« (56), folgendermaassen aus: »Wer, gleich mir, mit irgend einer -räthselhaften Begierde sich lange darum bemüht hat, den Pessimismus -in die Tiefe zu denken und aus der halb christlichen, halb deutschen -Enge und Einfalt zu erlösen, mit der er sich diesem Jahrhundert zuletzt -dargestellt hat, nämlich in Gestalt der Schopenhauerischen Philosophie; -wer wirklich einmal ... in die weltverneinendste aller möglichen -Denkweisen hinein und hinunter geblickt hat..., der hat -vielleicht ebendamit, ohne dass er es eigentlich wollte, sich die Augen -für das umgekehrte Ideal aufgemacht: für das Ideal des übermüthigsten, -lebendigsten und weltbejahendsten Menschen, der sich nicht nur mit dem, -was war und ist, abgefunden und vertragen gelernt hat, sondern es, -<span class="gesperrt">so wie es war und ist</span>, wieder haben will, in alle Ewigkeit hinaus, -<span class="gesperrt">unersättlich da capo</span> rufend, nicht nur zu sich, sondern zum ganzen -Stücke und Schauspiele, und nicht nur zu einem Schauspiele, sondern im -Grunde zu Dem, der gerade dies Schauspiel nöthig hat—und nöthig macht: -weil er immer wieder sich nöthig hat—und nöthig macht.... Wie? Und -dies wäre nicht—circulus vitiosus deus?«</p> - -<p>In diesen Worten ist nicht nur angedeutet, wie ganz für Nietzsche der -Optimismus aus der Verschärfung und Uebertreibung des Pessimismus -hervorgesprungen ist, sondern auch inwiefern seiner neuen Philosophie -ein Charakter religiöser Erhebung eigen ist.</p> - -<p>Der Mensch fühlt sich einerseits zum Weltganzen, zum Lebensganzen -mystisch erweitert, sodass sein eigener Untergang, sowie seine eigene -Lebenstragödie gar nicht mehr für ihn vorhanden ist,—und andererseits -wieder verleiht er diesem, an sich zufälligen und sinnlosen, -Lebensganzen eine Verpersönlichung und Vergeistigung, durch die es -zur Gottheit erhoben wird. Welt, Gott und Ich verschmelzen zu einem -einzigen Begriff, aus dem sich nun für das Einzelwesen ebenso gut, wie -aus irgend einer Metaphysik, Ethik oder Religion, ableiten lassen: -eine Norm des Handelns und eine höchste Anbetung. Den Hintergrund der -ganzen Vorstellung aber bildet der Gedanke, dass das Weltganze eine -Fiktion des Menschen sei, der es schafft und, in seinem Gottsein, d. -h. in seiner Wesenseinheit mit der Lebensfülle, es von sich und seinem -schöpferischen und wertheprägenden Willen abhängig weiss. So erklärt -sich das geheimnissvolle Wort in »Jenseits von Gut und Böse« (150): »Um -den Helden herum wird Alles zur Tragödie« (das heisst: der Mensch als -solcher ist gerade in seiner höchsten Entwickelung der Untergehende -und Geopferte), »um den Halbgott herum Alles zum Satyrspiel« (das -heisst: in seiner vollen Hingebung an das Lebensganze lächelt er als -ein Erhobener auf sein eigenes Schicksal herab); »und um Gott herum -wird Alles—wie? vielleicht zur »Welt«?—« (das heisst: durch die -vollkommene Identificirung des Menschen mit dem Leben wird nicht nur -er selbst versöhnt in das Lebensganze aufgenommen, sondern wird auch -dieses absolut in ihn hineingezogen, sodass er zum Gott wird, der die -Welt aus sich entlässt und im Weltschaffen unausgesetzt sein Wesen -äussert).</p> - -<p>Und hier stossen wir wieder auf den Grundgedanken in Nietzsches -Philosophie, der die Wiederkunftslehre, wie alle seine Lehren, in -ihm hat entstehen lassen: auf jene ungeheure Vergöttlichung des -Schöpfer-Philosophen. In ihm ruhen Anfang und Ende dieser Philosophie, -und map kann sagen, dass auch der abstrakteste Zug des Systems ein -Versuch ist, seine gewaltigen Uebermenschen-Züge zu zeichnen. Wir -haben gesehen, dass er, sowohl innerhalb der Logik wie der Ethik, zu -einem Inbegriff des Lebensganzen erhoben wurde, als das Ueber-Genie, -das alles Andere in sich trägt. Wir haben ferner gesehen, wie, in -Nietzsches Aesthetik, seine Bedeutung ins Religiös-Mystische derart -zugespitzt wurde, dass er sich vom Bloss-Menschlichen unterschied und -als Gotteswesen das Menschenwesen mit umfasste. Aber erst auf Grund -der Wiederkunftslehre wächst Alles zu einer einzigen gigantischen -Gestalt zusammen, denn nur der Umstand, dass der Weltverlauf kein -<span class="gesperrt">unendlicher</span>, sondern ein sich in seiner Begrenzung <span class="gesperrt">stetig -wiederholender</span> ist, macht es möglich, ein Ueberwesen zu construiren, -in dem der ganze Weltverlauf ruht und sich abschliesst. Nur durch ein -solches gewinnt derselbe endgiltig Sinn und Ziel und die <span class="gesperrt">Richtung</span> -auf die erlösende Schöpfung des Uebermenschen,—nur so wird diese -letztere zu mehr als einer Hypothese,—wird sie zu einer <span class="gesperrt">That</span>. -Daher sehen wir auch, dass Nietzsche diese seine fundamentalste und -zugleich mystischeste Lehre sozusagen nicht in seinem eigenen Namen -vorträgt, sondern in dem seines Zarathustra; nicht der Denker und -Mensch soll sie vortragen, sondern Der, dem Gewalt vergehen ist, sie -in beseligende Erlösung umzusetzen.<a name="FNAnker_9_35" id="FNAnker_9_35"></a><a href="#Fussnote_9_35" class="fnanchor">[9]</a> Streift aber Nietzsche je -einmal in seinen Aphorismen den Wiederkunfts-Gedanken, danm verstummt -er mit einer Geberde des Schreckens und der Ehrfurcht:—Aber was -rede ich da? Genug! Genug! An dieser Stelle geziemt mir nur Eins, zu -schweigen: ich vergriffe mich sonst an dem, was einem Jüngeren allein -freisteht, einem »Zukünftigeren«, einem Stärkeren, als ich bin,—was -allein <span class="gesperrt">Zarathustra</span> freisteht, <span class="gesperrt">Zarathustra</span> dem <span class="gesperrt">Gottlosen</span> ...« (Zur -Genealogie der Moral II 25.)</p> - -<p>Und die seelische Bedeutung der Zarathustra-Gestalt für Nietzsches -Wesen selbst wird ebenfalls erst völlig deutlich hier, wo sie als -Träger der Wiederkunftslehre auftritt. Er glaubte sie in sich enthalten -wie ein mystisches Wesen, aber unterschieden von seiner natürlichen -und menschlichen Existenzform als Nietzsche. In seiner zufälligen -Zeiterscheinung, körperlich und geistig bedingt durch die Umstände -und Wechselfälle seines vorübergehenden Lebens, betrachtete Nietzsche -sich als einen »Dekadenten«, gleich den Anderen, nur wert und dazu -bestimmt unterzugehen. Aber andererseits hielt Nietzsche sich für das, -nothwendig krankhaft disponirte, Medium, durch welches die Ewigkeit -aller Zeiten sich ihrer selbst und ihres Sinnes bewusst wird,—für den -fleischgewordenen Menschheitsgenius selbst, in dem die Vergangenheit -der Gegenwart das Räthsel aller Zukunft löst. So glaubte er das in sich -zu verkörpern, was er als höchste Bedeutung menschlicher Dekadenzform -geschildert hatte: er fühlte sich krank in den Geburtswehen, die einem -übermenschlichen Wesen galten, er fühlte sich als einen Untergehenden -und Zerbrechenden zu Gunsten einer höchsten Neuschöpfung, welche die -Welt erlösen sollte:—»Dass der Schaffende selber das Kind sei, das -neu geboren werde, dazu muss er auch die Gebärerin sein wollen und der -Schmerz der Gebärerin.« (Also sprach Zarathustra II 7.)</p> - -<p>Zarathustra ist also das Kind, sowie gleichzeitig der Gott Nietzsches, -sowohl die That oder Kunstschöpfung eines Einzelnen, als auch die -Zusammenfassung dieses Einzelmenschen mit der ganzen Linie Mensch, -mit dem <span class="gesperrt">Menschheitssinn</span> selbst. Er ist »Geschöpf und Schöpfer«, -der »Stärkere, Zukünftigere«, der die leidende menschliche -Nietzsche-Erscheinung überragt,—er ist der »Ueber-Nietzsche«. Aus -ihm spricht deshalb auch nicht das Erleben und Verstehen eines -Einzelnen, sondern das Menschheitsbewusstsein selbst von seinen -fernsten Ursprüngen an,... daher seine Worte: »Ich gehöre nicht zu -Denen, welche man nach ihrem Warum fragen darf. Ist denn mein Erleben -von Gestern? Das ist lange her, dass ich die Gründe meiner Meinungen -erlebte. Müsste ich nicht ein Fass sein von Gedächtniss, wenn ich auch -meine Gründe bei mir haben wollte?« (Also sprach Zarathustra II 68.)</p> - -<p>So entsteht ein wundersames Gedankenspiel, in dem Nietzsche und sein -Zarathustra unablässig in einander überzugehen und sich wieder -von einander zu lösen scheinen. Vollständig durchsichtig wird dies -für den, der weiss, in wie vielen kleinen, rein persönlichen Zügen -Nietzsche sich selbst in seinen Zarathustra hineingeheimnisst hat, und -bis zu welch visionärer Verzückung sich ihm dieses ganze Mysterium -steigerte. Hieraus erklärt sich auch das unerhörte Selbstbewusstsein, -mit dem er von seinem Buche spricht, und das ihn einmal in die Worte -ausbrechen lässt: »ein Buch, so tief, so fremd, dass sechs Sätze daraus -verstanden, d. h. erlebt haben, in eine höhere Ordnung der Sterblichen -erhebt!«</p> - -<p>War seine Zarathustra-Dichtung für ihn das Werk, durch das aus einem -Menschlichen ein Uebermenschliches herausgeboren wurde, so mag er -sein unveröffentlichtes, nur im ersten Theile vollendetes Hauptwerk -»<span class="gesperrt">Der Wille zur Macht</span>« gewissermaassen als von der Zarathustra-Gestalt -geschaffen gedacht haben,—d. h. von einem Ewigen und Freien, -dem allein eine »Umwerthung aller Werthe« gelingen kann, weil er -ausser jeder Zeit und jedes Einflusses dasteht, als ein schlechthin -Unabhängiger, Alles in sich Begreifender und Umfassender. Nur so ist -Nietzsches Behauptung in der »Götzen-Dämmerung« (IX 51) zu verstehen: -»Ich habe der Menschheit das tiefste Buch gegeben, das sie besitzt, -meinen <span class="gesperrt">Zarathustra: ich gebe ihr über kurzem das unabhängigste</span>.—« -Im ersten Falle soll das Uebermenschliche den Tiefen des -Nietzsche-Menschenthums entstiegen sein, im zweiten schwebt es bereits -frei schaffend über demselben.</p> - -<p>So mystisch-geheimnissvoll diese Zarathustra-Figur auch in ihrer -Weltbedeutung gefasst ist, sö streng logisch schliesst sie sich -doch in ihrer Gestaltung an Nietzsches Ausführungen über das -Wesen des Genialen, des Willensfreien und des Atavistischen, als -des Zukunftbedingenden, an. Die Betrachtung dieser Theorien hat -gezeigt, dass sie alle auf die mögliche Erschaffung eines Ueberwesens -hinzielen; und es ist interessant zu verfolgen, wie früh schon sich -in Nietzsche verwandte Gedanken geregt haben, die sich später, -aus seiner ersten philosophischen Periode herübergenommen, durch -seine positivistische Weltanschauung hindurchgearbeitet haben, um -schliesslich in seiner letzten Philosophie zu neuem Leben erweckt -zu werden. Das Genie der Ethik und Aesthetik umfasst bereits bei -Schopenhauer Sinn und Wesensgrund der ganzen Welt und Menschheit -und thutdies in einem jeden solchen Genius gleichwertig aufs neue, -aber Sinn und Wesensgrund bedeuten bei diesem das hindurchleuchtende -ewige Sein, das metaphysische Ding an sich, ganz losgelöst von der -thatsächlichen Entwickelungsgeschichte von Welt und Menschheit. -Nietzsche aber, der von diesen metaphysischen Vorstellungen absieht, -braucht das Auftreten des Genius in einem einzigen, isolirten -Ueberwesen, das eine Mehrzahl von seinesgleichen ausschliesst und -die thatsächlich gegebene Erscheinung von Welt und Menschheit in -sich begreift. In »Menschliches, Allzumenschliches« (II 185) sagt -er noch im Hinblick auf den Schopenhauerischen Gedanken, den er in -positivistischem Sinne modificirt: »Wenn Genialität, nach Schopenhauers -Beobachtung, in der zusammenhängenden und lebendigen Erinnerung an -das Selbst-Erlebte besteht, so möchte im Streben nach Erkenntniss des -gesammten historischen Gewordenseins ... ein Streben nach Genialität -der Menschheit im Ganzen zu erkennen sein. Die vollendet gedachte -Historie wäre kosmisches Selbstbewusstsein.« Dazu stelle man auch die -nachfolgenden Aeusserungen in der »fröhlichen Wissenschaft«, so (34) -den Aphorismus <span class="gesperrt">Historia abscondita</span>: »Jeder grosse Mensch hat eine -rückwirkende Kraft: alle Geschichte wird um seinetwillen wieder auf die -Wage gestellt, und tausend Geheimnisse der Vergangenheit kriechen aus -ihren Schlupfwinkeln—hinein in <span class="gesperrt">seine</span> Sonne.« Ferner (337): »... wer die Geschichte der Menschen insgesammt als <span class="gesperrt">eigene</span> <span class="gesperrt">Geschichte</span> -zu fühlen weiss, der empfindet in einer ungeheuren Verallgemeinerung -allen jenen Gram des Kranken, der an die Gesundheit, des Greises, der -an den Jugendtraum denkt, des Liebenden, der der Geliebten beraubt -wird, des Märtyrers, dem sein Ideal zu Grunde geht, des Helden am Abend -der Schlacht, welche Nichts entschieden hat und doch ihm Wunden und -den Verlust des Freundes brachte—; aber diese ungeheure Summe von -?Gram aller Art tragen, tragen können und nun doch noch der Held sein, -der beim Anbruch eines zweiten Schlachttages die Morgenröthe und sein -Glück begrüsst, als der Mensch eines Horizontes von Jahrtausenden vor -sich und hinter sich, als der Erbe aller Vornehmheit, alles vergangenen -Geistes und der verpflichtete Erbe, als der Adeligste aller alten -Edlen und zugleich der Erstling eines neuen Adels, dessen Gleichen -noch keine Zeit sah und träumte: diess Alles auf seine Seele nehmen, -Aeltestes, Neuestes, Verluste, Hoffnungen, Eroberungen, Siege der -Menschheit: diess Alles endlich in Einer Seele haben und in Ein Gefühl -zusammendrängen:—diess müsste doch ein Glück ergeben, das bisher der -Mensch noch nicht kannte,—eines Gottes Glück voller Macht und Liebe, -voller Thränen und voll Lachens, ein Glück, welches, wie die Sonne am -Abend, fortwährend aus seinem unerschöpflichen Reichthume wegschenkt -und in's Meer schüttet und, wie sie, sich erst dann am reichsten fühlt, -wenn auch der ärmste Fischer noch mit goldenem Ruder rudert! Dieses -göttliche Gefühl hiesse dann—Menschlichkeit!«</p> - -<p>Aber die menschliche Genialität wird für Nietzsche in immer geringerem -Grade durch das Erkennen oder das erworbene Nachempfinden des -historisch Gewordenen ausgelöst, denn die Fülle des Gewordenen liegt -im Menschen selbst bereit und kann durch tiefere Selbstversenkung -hervorgeholt und zum Bewusstsein gebracht werden. Schon in -»Menschliches, Allzumenschliches« (I 14) weist er auf die Eigenschaft -des Affektes, hin, rückwirkend Schlummerndes in uns zu wecken, das -vergangenen Zuständen angehört: »Alle <span class="gesperrt">stärkeren</span> Stimmungen bringen -ein Miterklingen verwandter Empfindungen und Stimmungen mit sich; sie -wühlen gleichsam das Gedächtniss auf.« Aber nicht nur hinsichtlich der -individuellen Vergangenheit mit ihren Affekten, sondern gleichzeitig -auch dessen, was sich an Gedanken und Empfindungen im Laufe der -Menschheits-Entwicklung abgesetzt hat,—denn der Einzelne ist ein -Erzeugniss derselben und enthält ihre verschiedenen Stufen noch -fortdauernd in sich. Hierauf ist in der »fröhlichen Wissenschaft« (54) -Bezug genommen, in dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Das Bewusstsein vom Scheine</span>«: »Wie -wundervoll und neu und zugleich wie schauerlich und ironisch fühle ich -mich mit meiner Erkenntniss zum gesammten Dasein gestellt! Ich habe für -mich <span class="gesperrt">entdeckt</span>, dass die alte Mensch- und Thierheit, ja die gesammte -Urzeit und Vergangenheit alles empfindenden Seins in mir fortdichtet, -fortliebt, forthasst, fortschliesst,—ich bin plötzlich mitten in -diesem Traume erwacht, aber nur zum Bewusstsein, dass ich eben träume -und dass ich weiterträumen <span class="gesperrt">muss</span>, um nicht zu Grunde zu gehen: wie -der Nachtwandler weiterträumen muss, um nicht hinabzustürzen. Was -ist mir jetzt »Schein«! Wahrlich nicht der Gegensatz irgend eines -Wesens,—was weiss ich von irgend welchem Wesen auszusagen, als eben -nur die Prädikate seines Scheines! Wahrlich nicht eine todte Maske, -die man einem unbekannten aufsetzen und auch wohl abnehmen könnte! -Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber, das soweit in -seiner Selbstverspottung geht, mich fühlen zu lassen, dass hier Schein -und Irrlicht und Geistertanz und nichts Mehr ist,—dass unter allen -diesen Träumenden auch ich, der »Erkennende«, meinen Tanz tanze, dass -der Erkennende ein Mittel ist, den irdischen Tanz in die Länge zu -ziehen und insofern zu den Festordnern des Daseins gehört, und dass die -erhabene Consequenz und Verbundenheit aller Erkenntnisse vielleicht das -höchste Mittel ist und sein wird, die Allgemeinheit der Träumerei und -die Allverständlichkeit aller dieser Träumenden unter einander und eben -damit <span class="gesperrt">die Dauer des Traumes aufrecht zu erhalten</span>.«</p> - -<p>Hier hat Nietzsche schon die Wendung gemacht, die den Uebergang zu -seiner späteren Mystik bildet. In dieser ist die Welt ihm zu einer -Fiktion des Erkennenden geworden, der, wenn er, wie aus nachtwandelndem -Traume, zum Bewusstsein der Fiktion erwacht, sich wohl als Herr und -Schöpfer fühlen kann, der den Sinn dieses Scheines, dieses Traumes -gebieterisch bestimmt. Umgestaltet durch die mystische Vorstellung, -dass das Erwachen aus dem Traume des Alllebens zugleich zu einer -schöpferischen welterlösenden That wird, kehrt derselbe Gedanke -später in wundervoll dichterischer Einkleidung in dem Lied der »alten -Brumm-Glocke« (Also sprach Zarathustra III 110 f.) wieder, die in -tiefer Mitternacht den beginnenden Tag des Erwachenden durch zwölf -Schläge verkündet:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Eins</span>!<br /> -Oh Mensch! gieb Acht!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwei</span>!<br /> -Was spricht die tiefe Mitternacht?<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Drei</span>!<br /> -»Ich schlief, ich schlief—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Vier</span>!<br /> -»Aus tiefem Traum bin ich erwacht:—<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Fünf</span>!<br /> -»Die Welt ist tief,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sechs</span>!<br /> -»Und tiefer als der Tag gedacht.<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Sieben</span>!<br /> -»Tief ist ihr Weh—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Acht</span>!<br /> -»Lust—tiefer noch als Herzeleid:<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Neun</span>!<br /> -»Weh spricht: Vergeh!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zehn</span>!<br /> -»Doch alle Lust will Ewigkeit—,<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Elf</span>!<br /> -»—will tiefe, tiefe Ewigkeit!<br /> -<span class="gesperrt" style="margin-left: 10%;">Zwölf</span>!<br /> -</p> - -<p>Die schliessliche Ausgestaltung dieser Vorstellungen enthält wiederum -starke Anklänge an Nietzsches Schopenhauerische Periode und an -die indische Philosophie, jedoch immer mit der charakteristischen -Modifikation, dass das Endziel sowie der dahin führende Weg, anstatt im -<span class="gesperrt">Lebenserlöschen</span>, in der <span class="gesperrt">Lebenssteigerung</span> zu suchen sei. Aber wie -sehr sich trotzdem diese beiden Gefühlsauffassungen des Daseinsproblems -einander nähern, ergiebt sich nicht zum wenigsten daraus, dass, -nach neuerer Auffassung, selbst die indische Lebensabkehr, dieser -extremste Ausdruck der weltverneinenden Philosophie, eigentlich -nicht die Befreiung vom Leben anstrebt, sondern nur die Erlösung -vom Immer-wieder-sterben-müssen infolge der Seelenwanderung. Es ist -schliesslich nichts als eine andere Form der Todesfurcht, die in den -übrigen Religionen das Motiv des Unsterblichkeitsglaubens abgegeben -hat;—es ist eine Furcht, deren Beschwichtigung ebenso wohl erreicht -werden kann durch ein Aufgehobensein in die Lebensewigkeit, bei voller -Identificirung des Einzelnen mit der Kraft und Fülle des Lebensganzen, -als auch durch ein Abstreifen und Verflüchtigen aller Lebenstriebe, mit -denen Tod, Erlöschen, Vergehen unabtrennbar verknüpft sind.<a name="FNAnker_10_36" id="FNAnker_10_36"></a><a href="#Fussnote_10_36" class="fnanchor">[10]</a></p> - -<p>Aber der Reiz, den für Nietzsche eine mystische Auslegung von -Traumzuständen und die Auffassung des Weltbewusstseins als eines -Traumbewusstseins besass, hatte noch einen persönlichen Grund. In der -That handelte es sich dabei für ihn um mehr als nur um ein Gleichniss -oder Analogon,—denn er war überzeugt, dass speciell in den Zuständen -des Rausches und Traumes eine Fülle von Vergangenheit im Menschen -zur Gegenwart wieder erweckt werden könne. Träume spielten stets -eine grosse Rolle in seinem Leben und Denken, und in seinen letzten -Jahren entnahm er ihnen oft, wie einer Räthsellösung, den Inhalt -seiner Lehre. In dieser Weise verwendet er zum Beispiel den in »Also -sprach Zarathustra« (II 80 ff.) erzählten Traum, den er im Herbst -1882 in Leipzig gehabt hatte; er wurde nicht müde, ihn deutend mit -sich herumzutragen. Eine geistreiche oder dem Gefühl des Träumenden -glücklich angepasste Interpretation konnte ihn dann beglücken und -förmlich erlösen. So erklärt es sich, dass er schon früh sich mit -diesem Gegenstände beschäftigt hat, aber indem er noch gewagte -Deutungen abwies, wie er sie später bevorzugte. Er hat über ihn an -verschiedenen Stellen von »Menschliches, Allzumenschliches« gesprochen. -(Ivlan vergleiche beispielsweise den Aphorismus I 12 »<span class="gesperrt">Traum und -Kultur</span>« und 113 »<span class="gesperrt">Logik der Traumes</span>«.) Dort meint er noch, dass -die Verworrenheit und das Ungeordnete der Vorstellungen im Traume, der -Mangel an Klarheit und Logik und an richtigem Kausalzusammenhang, der -im Schläfe unsere Art zu urtheilen und zu schliessen kennzeichne, an -die Zustände der frühesten Menschheit erinnern, die, ebenso wie noch -heute die Wilden, <span class="gesperrt">auch im Wachen</span> so verfahren habe, wie wir jetzt -im Traume. In der »Morgenröthe« hingegen spricht er schon nicht mehr -von einer derartigen Analogie, sondern geradezu von der möglichen -<span class="gesperrt">Reproducirung</span> eines Stückes Vergangenheit im Traume. Und in der -»fröhlichen Wissenschaft« steigert sich ihm hier und da der Traum -schon zu einem positiven Abbild des Lebens und der Weltvergangenheit im -Einzelmenschen. Von hier war es nur noch ein Schritt zu einem dritten -Gedanken, der die beiden vorhergehenden zusammenfasste: den einen, dass -im Traume die Vergangenheit reproducirt werde,—den anderen, dass das -Weltganze und die Lebensentwickelung philosophisch einer Traumfiktion -zu vergleichen sei,—aus deren Verbindung sich dann ergab, dass der -Traum, unter gewissen Umständen, die Wiederbelebung alles gewesenen -Lebens sei,—das Leben hinwiederum in seinem tiefsten Wesen ein Traum, -dessen Sinn und Bedeutung wir, als Erwachende, zu bestimmen haben. -Das Nämliche gilt von allen dem Traume verwandten Zuständen, von -allen, die tief genug hinabführen könnten in das Chaotische, Dunkle, -Unergründliche des Lebens-Untergrundes,—nicht nur der gewesenen -Menschheit, sondern noch unter diese hinab bis zu Dem, woraus auch -sie erst geworden ist. Denn der friedliche Traum reicht hierfür nicht -aus; es bedarf eines viel wirklicheren und selbst furchtbareren -Erlebens: das Chaos aufwühlender Leidenschaften und orgiastischer -Dionysos-Zustände,... ja, <span class="gesperrt">der Wahnsinn selbst</span>, als ein Zurücksinken -in die Unentwirrbarkeit aller Gefühle und Vorstellungen, erschien -ihm als der letzte Weg zu den in uns ruhenden Urtiefen vergangener -Menschheitsschichten.</p> - -<p>Schon früh hatte er über die Bedeutung des Wahnsinns als einer -möglichen Erkenntnissquelle gegrübelt, und über den Sinn, der darin -gelegen haben möge, dass die Alten ihn als ein Zeichen der Erwählung -ansahen. In der »fröhlichen Wissenschaft« sagt er in Bezug darauf: -»Nur wer schreckt—führt«, und in der »Morgenröthe« (312) stehen die -folgenden, merkwürdigen Worte, die an seine spätere Vorstellung eines -die gesammte Menschheits-Vergangenheit verkörpernden Zukunftsgenius -erinnern: »In den Ausbrüchen der Leidenschaft und im Phantasiren -des Traumes und des Irrsinns entdeckt der Mensch seine und der -Menschheit Vorgeschichte wieder: ...; sein Gedächtniss <span class="gesperrt">greift -einmal weit genug rückwärts</span>, während sein civilisirter Zustand sich -aus dem Vergessen dieser Urerfahrungen, also aus dem Nachlassen -jenes Gedächtnisses entwickelt. Wer als ein Vergesslicher höchster -Gattung allem Diesen immerdar sehr fern geblieben ist, <span class="gesperrt">versteht -die Menschen nicht</span>.« Damals wünschte jedoch Nietzsche, selbst ein -solcher »Vergesslicher« zu sein, da er die menschliche Grösse noch im -»affektlosen Erkennenden« suchte und in dem, was »von der Vernunft -geboren« ist. Damals nannte er es noch eine grausige Verwirrung -ehemaliger Zeiten, dass ihnen von neuen grossen Erkenntnissen der -Wahnsinn so oft unabtrennbar erschienen sei: »... wenn—trotzdem -neue und abweichende Gedanken, Werthschätzungen, Triebe immer -wieder herausbrachen, so geschah diess unter einer schauderhaften -Geleitschaft: fast überall ist es der Wahnsinn, welcher dem neuen -Gedanken den Weg bahnt, welcher den Bann eines verehrten Brauches -und Aberglaubens bricht. Begreift ihr es, wesshalb es der Wahnsinn -sein musste? Etwas in Stimme? und Gebärde so Grausenhaftes und -Unberechenbares...? Etwas, das so sichtbar das Zeichen völliger -Unfreiwilligkeit trug, ..., das den Wahnsinnigen dergestalt -als Maske und Schallrohr einer Gottheit zu kennzeichnen schien?... -Gehen wir noch einen Schritt weiter: allen jenen überlegenen -Menschen, welche es unwiderstehlich dahin zog, das Joch irgend -einer Sittlichkeit zu brechen und neue Gesetze zu geben, blieb, -<span class="gesperrt">wenn sie nicht wirklich wahnsinnig waren</span>, Nichts übrig, als sich -wahnsinnig zu machen oder zu stellen.... »Wie macht man sich -wahnsinnig, wenn man es nicht ist...?« diesem entsetzlichen -Gedankengange haben fast alle bedeutenden Menschen der älteren -Civilisation nachgehangen;... Wer wagt es, einen Blick in die -Wildniss bitterster und überflüssigster Seelennöthe zu thun, in -welchen wahrscheinlich gerade die fruchtbarsten Menschen aller Zeiten -geschmachtet haben! Jene Seufzer der Einsamen und Verstörten zu hören: -»Ach, so gebt doch Wahnsinn, ihr Himmlischen! Wahnsinn, dass ich -endlich an mich selber glaube! Gebt Delirien und Zuckungen, plötzliche -Lichter und Finsternisse, schreckt mich mit Frost und Gluth, wie sie -kein Sterblicher noch empfand, mit Getöse und umgehenden Gestalten, -lasst mich heulen und winseln und wie ein Thier kriechen: nur dass ich -bei mir selber Glauben finde! Der Zweifel frisst mich auf, ich habe -das Gesetz getödtet, das Gesetz ängstigt mich wie ein Leichnam einen -Lebendigen; wenn ich nicht mehr bin als das Gesetz, so bin ich der -Verworfenste von Allen....« (Morgenröthe 14.)</p> - -<p>Wie in der »Morgenröthe« so oft gerade Gedanken, die schon heimlich -auf Nietzsche zu wirken begonnen hatten, erklärt oder widerlegt -werden, so zeigt auch diese Schilderung, in welcher Weise ihm später -Rauschzustände als Beweise besonderer Erwählung galten. Er ging -aus von der Trostlosigkeit und dem Grauenhaften alles Bestehenden, -von einem Zerrbilde der Wirklichkeit, das aus einer Karikirung des -Positivismus in ihm entstanden war, und wollte an dessen Stelle -ein Neues und Herrliches <span class="gesperrt">schaffen</span>. Aber da dieses Geschaffene -ganz ausschliesslich auf ihm beruhte, so stand und fiel es mit -seiner eigenen Zuversicht,—an sich war es ja gar nicht vorhanden. -Tausendfältig müssen daher die Zweifel, die ihn quälten, gewesen -sein, sobald die Stimmung auch nur auf einen Augenblick sank; -unerbittlich das Verlangen, in dieser schwankenden, zweifelnden -Menschlichkeit sich selbst von einem selbstsicheren, ewiggewissen -Wesen, Nietzsche za unterscheiden von Zarathustra. Mochte dann jenem -auch das Schauerlichste als Loos im zeitlich gegebenen Selbstuntergang -zufallen,—für diesen blieb es ein Zeichen der Erwählung und Erhöhung; -mochte jener im Zustande des Schauerlich-Chaotischen selbst bis zu -seiner Thierwerdung hinabsteigen müssen,—für diesen war es nur der -Ausdruck des Allumfassens, das auch das Niederste und Tiefste in -sich aufnimmt. In diesem Sinne heisst es in der »Götzen-Dämmerung« -(13) vom Philosophen höchsten Ranges, dass er eine Art Verbindung -von Thier und Gott sei, und ein verwandter Gedanke liegt auch in dem -Ausspruch über den Erkennenden als Schöpfer-Philosophen (Jenseits -von Gut und Böse 101): »Heute möchte sich ein Erkennender leicht als -Thierwerdung Gottes fühlen.« Ja, diese Maske des Niedersten könnte vor -den Menschen die passendste Darstellungsform des Höchsten sein, denn -in ihr beschämt er sie nicht und verbirgt auf wirksame Weise seinen -Glanz: »Sollte nicht erst der <span class="gesperrt">Gegensatz</span> die rechte Verkleidung sein, -in der die Scham eines Gottes einhergienge?« (Jenseits von Gut und -Böse 40). Hierin tritt uns der letzte Versuch des Sich-Verbergens bei -Nietzsche entgegen, ein letztes Mal sein Verlangen nach der Maske. -Scheinbar soll sie den Gott in ein allzumenschliches Gewand hüllen, -während ihr in Wahrheit das erschütternde Bedürfniss zu Grunde liegt, -das furchtbare Schicksal, das Nietzsches Menschengeist drohte, ins -Göttliche umzudeuten, um es zu ertragen. In dem Aphorismus »<span class="gesperrt">Hier ist -die Aussicht frei</span>« (Götzen-Dämmerung IX 46) giebt er eine Andeutung, -dass es Grösse der Seele sein könne, »<span class="gesperrt">dem Unwürdigsten</span>« ohne -Furcht entgegenzugehen: »Ein Weib, das liebt, opfert seine Ehre; ein -Erkennender, welcher »liebt«, opfert vielleicht seine Menschlichkeit; -ein Gott, welcher liebte, ward Jude ...«</p> - -<p>So sehen wir die Selbstopferung und Selbstvergewaltigung, die gewollte -Qual der Zwiespältigkeit nicht nur gesteigert bis hinauf in das -Geistigste, sondern auch hineingetragen bis in das Persönlichste. -Immer deutlicher spitzt sich der ganze Gedankengang zu in einer -selbstvernichtenden <span class="gesperrt">That</span>, durch welche, in persönlichem Handeln -und Erdulden, die Erlösung vollendet wird. Liess es sich deutlich -verfolgen, wie Nietzsches Innenleben sich in seiner Zukunftslehre -in philosophischen Formen ausspricht, so sind wir hier an den Punkt -gelangt, wo seine Philosophie sich in ein allerpersönlichstes Erleben -zurückverwandelt,—entsprechend dem Wort: »ich trinke die Flammen -in mich zurück, die aus mir brechen« (Also sprach Zarathustra II -35). Und waren die Grundzüge seines Denkens nur Linien, die sich, -anstatt zu einem abstrakten System, zu den ungeheuren Umrissen einer -Gottes-Gestalt, einer mystischen Selbst-Apotheose, zusammenschlcssen, -so schlägt jetzt die Beseligung der Selbstvergöttlichung um in die -<span class="gesperrt">rein menschliche Lebenstragödie</span>. Zarathustras erlösende Weltthat -ist zugleich Nietzsches Untergang, Zarathustras göttliches Recht der -Lebensdeutung und der Umwerthung aller Werthe wird nur um den Preis -erlangt, einzugehen in jenen Urgrund des Lebens, der sich in Nietzsches -Menschendasein darstellt als die dunkle Tiefe des Wahnsinns. »Wer -aber meiner Art ist«, sagt Zarathustra (III 2), »der entgeht einer -solchen Stunde nicht: der Stunde, die zu ihm redet: »Jetzo erst gehst -du deinen Weg der Grösse! Gipfel und Abgrund—das ist jetzt in Eins -beschlossen!« Das Grauen Zarathustras vor diesem unergründlichen -Versinken, vor diesem »Abgrunds-Gedanken«, ist daher zugleich -Nietzsches Grauen vor seinem persönlichen Schicksal; ununterscheidbar -verschmilzt beides, in der Dichtung, die ja nichts ist als die -Schilderung des verklärten Nietzsche-Lebens, des Ueber-Nietzschethums.</p> - -<p>»Also rief mir Alles in Zeichen zu: »es ist Zeit!« Aber ich—hörte -nicht: bis endlich mein Abgrund sich rührte und mein Gedanke mich biss. -Ach, abgründlicher Gedanke, der du <span class="gesperrt">mein</span> Gedanke bist! Wann finde -ich die Stärke, dich graben zu hören und nicht mehr zu zittern? Bis -zur Kehle hinauf klopft mir das Herz, wenn ich dich graben höre! Dein -Schweigen noch will mich würgen, du abgründlich Schweigender! Noch -wagte ich niemals, dich <span class="gesperrt">herauf</span> zü rufen: genug schon, dass ich dich -mit mir—trug!« (Also sprach Zarathustra III 16). Dieser erschütternden -Worte muss man eingedenk sein, wenn man in Nietzsches Dichtung die -Beschreibung der »stillsten Stunde« liest, in der ihm das Leben selbst -befiehlt, seinen Gedanken zu erleben und zu verkünden,—das lachende -selbstselige Leben, welches über das Leid des Einzelnen hinweglacht, -weil es in seiner eigenen Fülle Seligkeit ist:</p> - -<p>»Bis in die Zehen hinein erschrickt er, darob, dass ihm der Boden -weicht und der Traum beginnt. Dieses sage ich euch zum Gleichniss. -Gestern, zur stillsten Stunde, wich mir der Boden: der Traum begann. -Der Zeiger rückte, die Uhr meines Lebens holte Athem—, nie hörte ich -solche Stille um mich: also dass mein Herz erschrak. Dann sprach es -ohne Stimme zu mir: »<span class="gesperrt">Du weisst es, Zarathustra</span>?«—Und ich schrie -vor Schrecken bei diesem Flüstern, und das Blut wich aus meinem -Gesichte:... Da geschah -ein Lachen um mich. Wehe, wie diess Lachen mir die Eingeweide zerriss -und das Herz aufschlitzte!... Und wieder lachte es und -floh: dann wurde es stille um mich wie mit einer zwiefachen Stille. Ich -aber lag am Boden, und der Schweiss floss mir von den Gliedern....« Also sprach Zarathustra II 97 ff.</p> - -<p>Hieran schliesst sich (III 92 ff.) das Kapitel »Der Genesende«:</p> - -<p>»Eines Morgens, ..., sprang Zarathustra von seinem Lager auf wie -ein Toller, schrie mit furchtbarer Stimme und gebärdete sich, als <span class="gesperrt">ob -noch Einer</span><a name="FNAnker_11_37" id="FNAnker_11_37"></a><a href="#Fussnote_11_37" class="fnanchor">[11]</a> auf dem Lager läge, der nicht davon aufstehn wolle.... -Zarathustra aber redete diese Worte:</p> - -<p>Herauf, abgründlicher Gedanke, aus meiner Tiefe! Ich bin dein Hahn und -Morgen-Grauen, verschlafener Wurm: auf! auf! Meine Stimme soll dich -schon wach krähen!</p> - -<p>Knüpfe die Fessel deiner Ohren los: horche! Denn ich will dich hören! -Auf! Auf! Hier ist Donners genug, <span class="gesperrt">dass auch Gräber horchen lernen</span>!<a name="FNAnker_12_38" id="FNAnker_12_38"></a><a href="#Fussnote_12_38" class="fnanchor">[12]</a></p> - -<p>Und wische den Schlaf und alles Blöde, Blinde aus deinen Augen! Höre -mich auch mit deinen Augen: meine Stimme ist ein Heilmittel noch für -Blindgeborne.</p> - -<p>Und bist du erst wach, sollst du mir ewig wach bleiben. Nicht ist -das <span class="gesperrt">meine</span> Art, Urgrossmütter aus dem Schlafe wecken, dass ich sie -heisse—weiterschlafen!<a name="FNAnker_13_39" id="FNAnker_13_39"></a><a href="#Fussnote_13_39" class="fnanchor">[13]</a></p> - -<p>Du regst dich, dehnst dich, röchelst? Auf! Auf! Nicht röcheln—reden -sollst du mir! Zarathustra ruft dich, der Gottlose!</p> - -<p>Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der Fürsprecher -des Leidens, der Fürsprecher des Kreises—dich rufe ich, meinen -abgründlichsten Gedanken!</p> - -<p>Heil mir! Du kommst—ich höre dich! Mein Abgrund <span class="gesperrt">redet</span>, meine letzte -Tiefe habe ich an's Licht gestülpt!</p> - -<p>Heil mir! Heran! Gieb die Hand ... ha! lass! Haha!... Ekel, Ekel, -Ekel ... wehe mir!«</p> - -<p>Das Bild des Wahnsinns steht am Ende der Philosophie Nietzsches als -eine grelle und furchtbare Illustration zu den erkenntnisstheoretischen -Ausführungen, von denen er in seiner Zukunftsphilosophie ausgeht. Denn -den Ausgangspunkt bildete die Auflösung alles Intellektuellen durch -die Herrschaft des Chaotisch-Triebartigen, das jenem Grundlage und -Sinn ist,—die Folgerung aber der Erkenntnisstheorie Nietzsches läuft -hinaus auf den Untergang des Erkennenden zum Behufe der Erfassung -einer höchsten Lebensoffenbarung, auf das »mit Wahnsinn sollst du -geimpft werden« alles Verstandeserkennens. In ergreifender Weise -mischen sich die Ahnung des ihm bevorstehenden persönlichen Schicksals -und die mystische Auffassung des Geisteslebens und seiner Bedeutung -überhaupt in den Worten Zarathustras (II 33): »Geist ist das Leben, -das selber ins Leben schneidet: an der eignen Qual mehrt es sich das -eigne Wissen,—wusstet ihr das schon? Und des Geistes Glück ist diess: -gesalbt zu sein und durch Thränen geweiht zum Opferthier,—wusstet ihr -das schon? <span class="gesperrt">Und die Blindheit des Blinden und sein Suchen und Tappen -soll noch von der Macht der Sonne zeugen, in die er schaute</span>,—wusstet -ihr das schon?«</p> - -<p>So sollte der Wahnsinn noch zeugen von der Macht der Lebenswahrheit, an -deren Glanz der Menschengeist erblindet. Denn kein Verstand führt in -die Tiefe der Lebensfülle selbst hinein,—nicht hineinklettern lässt es -sich in diese Fülle, Stufe um Stufe, Gedanke um Gedanke: »Und wenn dir -nunmehr alle Leitern fehlen, so musst du verstehen, <span class="gesperrt">noch auf deinen -eigenen Kopf zu steigen</span>: wie wolltest du anders aufwärts steigen?... -Du aber, oh Zarathustra, wolltest aller Dinge Grund schaun -und Hintergrund: so musst du schon über dich selber steigen,—hinan, -hinauf, bis du auch deine Sterne noch <span class="gesperrt">unter</span> dir hast!« (Also sprach -Zarathustra III 2 f.)</p> - -<p>Hiermit scheint ein Ende erreicht und die Entwickelung des Ganzen -nothwendig abgeschlossen zu sein: der unersättliche leidenschaftliche -Drang, der diesen Geist trieb und steigerte, hat ihn zuletzt aufgezehrt -und in sich zurückverschlungen. Für uns, die Draussenstehenden, -umnachtet ihn von jetzt an völliges Dunkel, tritt er ein in eine -Welt allerindividuellsten inneren Erlebens, vor der die Gedanken, -die ihn begleiteten, Halt machen müssen: ein tief erschütterndes -Schweigen breitet sich für uns darüber aus. Aber nicht nur <span class="gesperrt">können</span> -wir seinem Geiste in die letzte Verwandlung hinein nicht mehr folgen, -welche er mit Darangabe seiner selbst erreicht, wir <span class="gesperrt">sollen</span> ihm auch -nicht folgen: darin eben ruht ihm der Beweis seiner Wahrheit, die -völlig eins geworden ist mit allen Geheimnissen und Verborgenheiten -seiner Innerlichkeit. In seine letzte Einsamkeit hat er sich vor uns -zurückgezogen und die Pforte hinter sich geschlossen. An ihrem Eingang -aber leuchten uns die Worte entgegen:—nun ist deine letzte Zuflucht -worden, was bisher deine <span class="gesperrt">letzte Gefahr</span> hiess! das muss nun dein -bester Muth sein, dass es hinter dir keinen Weg mehr giebt!... hier -soll dir Keiner nachschleichen! Dein Fuss selber löschte hinter dir den -Weg aus, und über ihm steht geschrieben: Unmöglichkeit.« (Also sprach -Zarathustra III 2.)</p> - -<p>Und als einzige Kunde, dass auch noch hinter dieser Pforte eine uns -unzugängliche Welt der Geisteswandlungen liegt, verhallt von innen -her leise die Klage: »Ach, meinen härtesten Weg muss ich hinan! Ach, -ich begann meine einsamste Wanderung!... Eben begann meine letzte -Einsamkeit. Ach, diese schwarze traurige See unter mir! Ach, diese -schwangere nächtliche Verdrossenheit! Ach, Schicksal und See! Zu euch -muss ich nun <span class="gesperrt">hinab</span> steigen!... tiefer hinab in den Schmerz als -ich jemals stieg, bis hinein in seine schwärzeste Fluth! So will es -mein Schicksal: Wohlan! ich bin bereit.</p> - -<p>Woher kommen die höchsten Berge? so fragte ich einst. Da lernte ich, -dass sie aus dem Meere kommen. Diess Zeugniss ist in ihr Gestein -geschrieben und in die Wände ihrer Gipfel. <span class="gesperrt">Aus dem Tiefsten muss das -Höchste zu seiner Höhe kommen</span>.—« (III 2 ff.)</p> - -<p>So sind Tiefe und Höhe, Abgrund des Wahnsinns und Gipfel des -Wahrheitssinns ineinander verschlungen: »Vor meinem höchsten Berge -stehe ich : <span class="gesperrt">darum</span> muss ich erst tiefer hinab als ich jemals stieg« -(III 3). Und so feiert die höchste Selbstvergöttlichung erst ihren -vollen mystischen Sieg in der tiefsten Vernichtung, im Erliegen und -Untergang des Erkennenden. Von den beiden symbolischen Thieren, die um -Zarathustra sind, der Schlange der Erkenntniss und Klugheit und dem -Adler des aufstrebenden königlichen Stolzes, bleibt nur dieser ihm -treu: »Möchte ich klüger sein! Möchte ich klug von Grund aus sein, -gleich meiner Schlange! Aber Unmögliches bitte ich da: so bitte ich -denn meinen Stolz, dass er immer mit meiner Klugheit gehe! Und wenn -mich einst meine Klugheit verlässt:... möge mein Stolz dann noch mit -meiner Thorheit fliegen!</p> - -<p>—Also begann Zarathustra's Untergang.« (I 26.)</p> - -<p>So entschwindet uns Nietzsches Geist in einem Geheimniss von Untergang -und Erhebung: in einer von Adlern umflogenen Dunkelheit.</p> - -<p>Es liegt hierin etwas Rührendes und Ergreifendes, wie in der Rückkehr -eines müden Kindes in seine ursprüngliche Glaubensheimat, in der -es noch keines Verstandes bedurfte, um der höchsten Segnungen und -Offenbarungen theilhaftig zu werden. Nachdem der Geist alle Kreise -durchlaufen und alle Möglichkeiten erschöpft hat, ohne Genüge zu -finden, erkauft er sie sich endlich mit dem höchsten Opfer, der -Opferung seiner selbst. Wir werden an jenes im zweiten Abschnitt -(S. 49) erwähnte Wort Nietzsches erinnert: »wenn Alles durchlaufen -ist,—wohin läuft man alsdann? wie? müsste man nicht wieder beim -Glauben anlangen? Vielleicht bei einem katholischen Glauben? <span class="gesperrt">In jedem -Fall könnte der Kreis wahrscheinlicher sein, als der Stillstand</span>.« -In der That beschreibt er in seiner Selbstwiederholung einen Kreis. -Und es ist interessant, dass, in dem Maasse als er sich seinem -ursprünglichen Ausgangspunkt nähert, und der Verstand als solcher -bedeutungslos erscheint gegenüber einem mystischen <span class="gesperrt">glaubenheischenden</span> -Ueberwesen, seine Philosophie immer absolutere und reaktionärere -Züge annimmt, indem er dem eigenen ehemaligen Individualismus die -Wiederherstellung einer absolut geltenden Tradition entgegensetzt -und die Selbstvergottung in religiösen Absolutismus ausmünden lässt. -Es ist deshalb so interessant, weil dieser Verlauf, trotz seiner -pathologischen Voraussetzungen, psychologisch etwas geradezu Typisches -hat: Wenn der religiöse Trieb, vom freien Denken genöthigt, sich streng -individuell auszuleben, sich zuletzt, wie bei Nietzsche, aus dem -eigenen Selbst etwas Göttliches erschafft, dann erzwingt er sich damit -sofort wieder die absolutesten und reaktionärsten Machtbefugnisse, die -je einem objektiv gedachten Gotte zustanden,—bis er den Verstand -selbst, dessen Erkenntnissdrang ihm ursprünglich die Richtung gab, -<span class="gesperrt">absetzt</span> und ihm jeden ferneren Einspruch abschneidet. Aus dem -Menschen soll der Gott erstehen, auch wenn der Mensch dies erst durch -eine Rückkehr zu Kindheit und Unmündigkeit ermöglichen müsste. Erst in -dieser Zweitheilung, die er um jeden Preis in sich vollzieht, feiert er -seine Erlösung und mystische Selbstvereinigung im Glauben:</p> - -<p style="margin-left: 20%;"> -»— — — — — — — — — — — — — — —<br /> -Um Mittag war's, da wurde Eins zu Zwei....<br /> -<br /> -Nun feiern wir, vereinten Siegs gewiss,<br /> -Das Fest der Feste:<br /> -Freund <span class="gesperrt">Zarathustra</span> kam, der Gast der Gäste!<br /> -Nun lacht die Welt, der grause Vorhang riss,<br /> -Die Hochzeit kam für Licht und Finsterniss....<br /> -</p> - -<p>wie es, am Schlüsse von »Jenseits von Gut und Böse«, in dem -wundervollen Nachgesang »Aus hohen Bergen« heisst.</p> - -<p>Das persönliche Schicksal Nietzsches fügt sich, als Schlussstein, -diesem ganzen Gedankengebäude derartig ein, dass man nicht an dem -Einflüsse zweifeln kann, den seine trüben Vorahnungen auf die -Gestaltung seiner Zukunftsphilosophie gehabt haben. Mit gewaltiger -Hand hat er das, was ihn erwartete, hereingezwungen in den Plan des -Ganzen und dienstbar gemacht dem letzten Geheimsinn seiner Philosophie. -Von hier aus hat er, rückwärts blickend, zum ersten Mal sein Leben -und Denken in dem Wechsel seiner Wandlungen als Ganzes überschaut und -dem Werdegang seines Selbst nachträglich einen einheitlichen Sinn von -mystischer Bedeutung untergelegt,—gerade so wie der Schöpfer-Philosoph -dies in Bezug auf das Lebensganze der Menschheit thut. So ward er sich -selbst zum deutenden Gott, der, wenn auch ein wenig gewaltsam, alle -vergangenen Dinge zum Besten, d. h. zum höchsten Endziel, wendet. -»Das Vergangene zukunftdeutend« zu machen, ist jetzt sein Wahlspruch, -also das gerade Gegentheil dessen, was er vordem, inmitten seiner -Wandlungen, angestrebt hatte, nämlich: das Vergangene immer wieder -rasch abzustossen, um es möglichst vollkommen von einer immer neuen -Zukunft zu trennen.</p> - -<p>Hierin ist auch schon der starke Einfluss seiner früheren Standpunkte -auf die Gedanken seiner Zukunftsphilosophie begründet. Ehemals sah er -den Beweis geistiger Unabhängigkeit in der Fähigkeit, sich stets wieder -von den ergriffenen Wahrheiten loslösen zu können, und es erschien -ihm daher unwesentlich, ob er im Ergreifen derselben sich an Andere -angelehnt hatte. Jetzt fordert seine allumfassende Unabhängigkeit, -dass in allen vergangenen und widerlegten Gedanken sein eigenes Selbst -und dessen Sinn festgehalten werde,—aber deshalb dürfen sie nunmehr -auch nur von diesem Selbst allein, nicht von Anderen, angeregt worden -sein. Daher hat man Nietzsches letzten Werken gegenüber, in denen -er anscheinend am unabhängigsten ein eigenes System errichtet, so -häufig die Empfindung, als stehe er mit rückwärts gewendetem Blick -und Antlitz da, als nähere er sich wieder den verlassenen Stätten -seiner alten Wandlungen, während er sich doch in der Selbstständigkeit -seiner ganz individuell gewonnenen Hypothesen am weitesten von ihnen -entfernt. Die Lösung dieses Widerspruches liegt darin, dass er -seinen früheren Ueberzeugungen nur dasjenige entnimmt, worin sein -individuelles Wesen, sein verborgenes Wollen zum Ausdruck kommt, -dasjenige, was diesem leidenschaftlichen Geiste in allen, andern -Denkern entnommenen Theorien im Grunde nur als unbewusster Vorwand, als -unwillkürliche Gelegenheitsursache für seine innere Entwickelung hatte -dienen müssen. Am Ende der Entwickelung angelangt, fasst er sich in -cler Einheitlichkeit seines ganzen Innenlebens zusammen, durchschaut -und überschaut er dasselbe und betont nun die allen Wandlungen zu -Grunde liegende Einheitlichkeit ebenso nachdrücklich, wie er ehemals -ausschliesslich seine Wandlungsfähigkeit betont hatte. Wie jemand, der -im Begriff steht, eine Reise anzutreten, von der es eine Wiederkehr -nicht mehr giebt, wie jemand, der Abschied nehmen will und dazu Alles -um sich sammelt, was einst sein Eigen war, so sehen wir Nietzsche -jetzt das Seine zurücksammeln aus den verschiedenen Geistesphasen, die -er durchlaufen hat. Er unternimmt ein »Abschätzen des Erreichten und -Gewollten, eine <span class="gesperrt">Summirung</span> des Lebens« (Götzen-Dämmerung IX 36), mit -dem Bewusstsein: »Es kehrt nur zurück, es kommt mir endlich heim—mein -eigen Selbst, und was von ihm lange in der Fremde war und zerstreut -unter alle Dinge und Zufälle.« (Also sprach Zarathustra III 1.)</p> - -<p>Dies machte ihn ungerecht gegen seine ehemaligen Genossen und deren -Ueberzeugungen; er <span class="gesperrt">wollte</span> vergessen, wie oft sie die Richtung seines -Denkens bestimmt hatten: »Man soll die Gerüste wegnehmen, wenn das -Haus gebaut ist« (Der Wanderer und sein Schatten 335). Das ist die -»<span class="gesperrt">Moral für Häuserbauer</span>«, so dachte er und ignorirte, dass es für -seinen Bau je der Gerüste bedurft hatte. Diese Ungerechtigkeit ist -also jener früheren gerade entgegengesetzt, die dem leidenschaftlichen -Wechsel der Gedanken entsprang, der Energie, mit der er jedesmal die -abgelöste Gedankenhaut vernichtete. Jetzt will er nicht mehr daran -glauben, dass eine ihm fremde Haut ihm je habe fest anwachsen können. -Dem Positivismus gegenüber spricht sich diese Ungerechtigkeit ganz -besonders in der Vorrede seines Buches »Zur Genealogie der Moral« sowie -an vereinzelten Stellen der übrigen Werke aus,—Wagner gegenüber in -der kleinen Schrift »Der Fall Wagner«. Die letztere fordert zu einem -interessanten Vergleich auf zwischen der Art, wie Wagner in ihr, und -wie er in »Menschliches, Allzumenschliches« bekämpft wird, zwischen dem -Hass, mit dem er damals das Wagnerthum von sich schleuderte, und dem -Hass, mit dem er jetzt sich ihm wieder nähert, um daraus sein geistiges -Eigenthum herauszuholen, ohne seine Selbständigkeit preiszugeben.</p> - -<p>Zuletzt führte ihn sein Verlangen, schon von Anfang an als selbständig -und einheitlich zu gelten, so weit, dass er, in der Vorrede (vom -September 1886) zu dem zweiten Bande der zweiten Auflage von -»Menschliches, Allzumenschliches« (1), erklärte, alle seine früheren -Schriften seien »<span class="gesperrt">zurückzudatiren</span>«, sie redeten <span class="gesperrt">nur</span> von dem, -was er zur Zeit ihrer Entstehung bereits <span class="gesperrt">überwunden</span>, was bereits -<span class="gesperrt">hinter</span> ihm gelegen; der Autor, der überlegen über ihnen gestanden, -habe sich in einer absichtlichen Verkleidung gezeigt. So soll die -vierte Unzeitgemässe Betrachtung »Richard Wagner in Bayreuth« in ihrer -Verherrlichung Wagners nur »eine Huldigung und Dankbarkeit gegen -ein Stück Vergangenheit« gewesen sein, und auch die positivistischen -Schriften sollen in ihrem Eingehen auf Rées Anschauungen nur die -nachträgliche Darstellung eines bereits Ueberlebten geben. Auf diesen -Versuch Nietzsches, den Sinn seiner Werke umzuprägen, sie gleichsam -mit einer neuen Jahreszahl zu überprägen, lässt sich sein eigenes Wort -anwenden (Vorrede, vom Frühling 1886, zum ersten Bande der zweiten -Auflage von »Menschliches, Allzumenschliches« 1): »Vielleicht, dass -man mir in diesem Betrachte mancherlei »Kunst«, mancherlei feinere -Falschmünzerei vorrücken könnte«. Es gehörte auch dies mit zu den -vielen Maskirungen dieses Einsiedlers, dass er sich endlich eine -Maske zuschrieb, die er nie getragen; aber begreiflich ist es und -verzeihlich, meinte er doch auch hier in seinem Herzen mit jener -Maske nur <span class="gesperrt">sich selbst</span>, d. h. den Menschen Nietzsche, im Gegensätze -zu Zarathustra, als dem mystischen Ueber-Nietzsche. Der menschliche -Nietzsche konnte ja dann freilich bei seiner jedesmaligen Wandlung -nichts von seinem eigenen Maskencharakter wissen,—das vermochte nur -der Ueber-Nietzsche, den Nietzsche hinterher von Anbeginn in sich -geahnt und empfunden haben wollte. Somit wäre der Ueber-Nietzsche -nichts als eine mystische Interpretirung des innersten Wesens und -Verlangens Nietzsches, jenes verborgenen »Grundwillens«, der, -wie wir sahen, ihm selbst völlig unbewusst, die Theorien Anderer -zurechtschnitt, um sich in ihnen schliesslich mit voller Kraft selber -durchzusetzen.</p> - -<p>Im Herbst 1888, nach Vollendung des ersten Buches der »<span class="gesperrt">Umwerthung -aller Werthe</span>« (»des Willens zur Macht«), das noch nicht veröffentlicht -worden ist, glaubte Nietzsche sein Werk, wenigstens vorläufig, -abgeschlossen zu haben. Denn die »Götzen-Dämmerung«, deren Vorrede -vom 30. September 1888 datirt ist, ist augenscheinlich aus einer -Stimmung des Fertiggewordenseins und des Wartens auf das Letzte -heraus geschrieben worden. In bezeichnenderweise lautete ihr erster -Titel »Müssiggang eines Psychologen«, und in dem Vorwort nennt er sie -geradezu »eine Erholung«. Sie ist indessen ein überaus interessanter -Müssiggang, weil sie eines von denjenigen Büchern Nietzsches ist, -in denen er sich am öftesten selber verräth und aus dem Geheimen -seiner Seele plaudert. In dieser Beziehung ähnelt sie, obschon -stofflich viel unbedeutender, dem »Menschlichen, Allzumenschlichen« -und der »Morgenröthe«. Legt Nietzsche in dem ersten dieser beiden -Werke etwas von seinem Innenleben bloss durch die Art, wie er sich -mit einer plötzlichen, aber endgiltig vollzogenen Wandlung seelisch -abfindet,—und lässt er uns in dem zweiten dadurch einen Blick in sein -Inneres thun, dass er neu auftauchende Wünsche und Gedanken analysirt -und bekämpft, bevor er sich von ihnen in seine neue Philosophie -fortreissen lässt, so wird in der »Götzen-Dämmerung« ein völlig -verschiedener Gemüthszustand zum Verräther an ihm: der nachzitternde -Affekt eines ungeheuren Vollbringens, eine Erschöpfung, in die sich die -Erwartung des Kommenden mischt.<a name="FNAnker_14_40" id="FNAnker_14_40"></a><a href="#Fussnote_14_40" class="fnanchor">[14]</a> In dieser Erschütterung sehen wir -ihn aus der »Götzen-Dämmerung« gleichsam in die eigene Geistesdämmerung -hinübergleiten.</p> - -<p>Dieselbe Stimmung kennzeichnet auch den bereits im Jahre 1885 -entstandenen vierten und letzten Theil der Zarathustra-Dichtung, -der aber erst 1891 allgemein zugänglich gemacht worden ist. Aus -seinen Seiten klingt das Lachen des Uebermenschen, doch hier und -da schon schrill und in unheimlichen Dissonanzen. Diese letzten -Reden Zarathustras sind, rein persönlich betrachtet, vielleicht -das Ergreifendste, das Nietzsche geschrieben, weil sie ihn als den -Untergehenden zeigen, der seinen Untergang hinter einem Lachen -verbirgt. Durch diesen Ausgang erst wird uns in seiner ganzen -Grossartigkeit der unversöhnliche Widerspruch klar, der darin lag, -dass Nietzsche seine Zukunftsphilosophie mit einer »fröhlichen -Wissenschaft« einleitete, dass er sie eine frohe Botschaft nannte, -dazu bestimmt, das Leben in seiner ganzen Kraft, Fülle und Ewigkeit -für immer zu rechtfertigen,—und dass er als ihren höchsten Gedanken -die <span class="gesperrt">ewige Wiederkunft</span> des Lebens aufstellte. Erst jetzt erkennen -wir völlig den sieghaften Optimismus, der über seinen letzten Werken -ruht, wie das rührende Lächeln eines Kindes, der aber als Kehrseite -das Antlitz eines Helden zeigt, der seine von Grauen entstellten -Züge verhüllt. »Ist alles Weinen nicht ein Klagen? Und alles Klagen -nicht ein Anklagen? Also redest du zu dir selber, und darum willst -du, oh meine Seele, lieber lächeln, als dein Leid ausschütten«, singt -Zarathustra (Also sprach Zarathustra III 104), und daher geht er einher -als »der scharlachne Prinz jedes Übermuths« (Dionysos-Dithyramben 7). -Diese Krone des Lachenden, diese Rosenkranz-Krone: ich selber setzte -mir diese Krone auf, ich selber sprach heilig mein Gelächter.« (Also -sprach Zarathustra IV 87.)</p> - -<p>Das Grosse ist: er wusste, dass er unterging, und doch schied -er—lachenden Mundes, »rosenumkränzt«—das Leben entschuldigend, -rechtfertigend, verklärend—. In dionysischen Dithyramben klang sein -Geistesleben aus, und was sie in ihrem Jubel übertönen sollten, war ein -Schmerzensschrei. Sie sind die letzte Vergewaltigung Nietzsches durch -Zarathustra.</p> - -<p>Nietzsche hat einmal das paradoxe Wort ausgesprochen: »Lachen heisst: -schadenfroh sein, aber mit gutem Gewissen« (Fröhliche Wissenschaft -200). Eine solche überlegene Schadenfreude, die des eigenen Schadens -froh zu werden, ja, ihn sich selbst zuzufügen imstande ist, geht als -ein heroischer Selbstwiderspruch und ein heroisches Lachen durch -Nietzsches ganzes Leben und Leiden. In der gewaltigen Seelenkraft aber, -durch die er sich so hoch über sich selbst zu stellen vermochte, lag, -psychologisch betrachtet, für ihn eine innere Berechtigung, sich als -mystisches Doppelwesen anzusehen, und liegt für uns der tiefste Sinn -und Werth seiner Werke.</p> - -<p>Denn auch uns tönt ein erschütternder Doppelklang aus seinem Lachen -entgegen: das Gelächter eines Irrenden—und das Lächeln des -Ueberwinders.</p> -<hr class="r5" /> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_1_27" id="Fussnote_1_27"></a><a href="#FNAnker_1_27"><span class="label">[1]</span></a> Vergl. hierzu die folgenden Aeusserungen Nietzsches in den -Werken seiner vorhergehenden Periode: -</p> -<p> -»Zwischen den sorgsam erschlossenen Wahrheiten und solchen »geahnten« -Dingen bleibt unüberbrückbar die Kluft, dass jene dem Intellekt, diese -dem Bedürfniss verdankt werden.... man hat nur den inneren -Wunsch, dass es so sein möge,—also dass das Beseligende auch das -Wahre sei. Dieser Wunsch verleitet uns, schlechte Gründe als gute -einzukaufen« (Menschliches, Allzumenschliches I 131). Sich davon -<span class="gesperrt">verleiten lassen</span> oder nicht,—das bestimmte damals für ihn geradezu -die Rangordnung der Menschen. »Was ist mir ... Feinheit und Genie, -wenn der Mensch ... schlaffe Gefühle im Glauben und Urtheilen bei -sich duldet, wenn <span class="gesperrt">das Verlangen nach Gewissheit</span> ihm nicht als die -innerste Begierde und tiefste Noth gilt,—als Das, was die höheren -Menschen von den niederen scheidet!« (Die Fröhliche Wissenschaft -2). Und in der Morgenröthe (497) rühmt er noch als Kennzeichen <span class="gesperrt">der -wahren Grösse</span> des Denkers, im Gegensatz zu der temperamentvollen -Genialität, »das <span class="gesperrt">reine, reinmachende Auge</span>, das nicht aus ihrem -Temperament und Charakter gewachsen scheint,« sondern unbeeinflusst -von diesen die Dinge widerspiegelt. »Hätte es nicht allezeit eine -Ueberzahl von Menschen gegeben, welche die Zucht ihres Kopfes—ihre -»Vernünftigkeit«—als ihren Stolz, ihre Verpflichtung, ihre Tugend -fühlten, welche durch alles Phantasiren und Ausschweifen des Denkens -beleidigt oder beschämt wurden,...: so wäre die Menschheit längst -zu Grunde gegangen! Ueber ihr schwebte und schwebt fortwährend als -ihre grösste Gefahr der ausbrechende <span class="gesperrt">Irrsinn</span>—das heisst eben das -Ausbrechen des Beliebens im Empfinden, Sehen und Hören, der Genuss in -der Zuchtlosigkeit des Kopfes, die Freude am Menschen-Unverstande. -Nicht die Wahrheit und Gewissheit ist der Gegensatz der Welt des -Irrsinnigen, sondern die Allgemeinheit und Allverbindlichkeit eines -Glaubens, kurz das Nicht-Beliebige im Urtheilen. Und die grösste -Arbeit der Menschen bisher war die, über sehr viele Dinge mit einander -übereinzustimmen und sich ein Gesetz der Uebereinstimmung aufzulegen.... -schon das langsame Tempo, welches er (der Allerweltsglaube) - ... verlangt,... macht Künstler und Dichter zu -Ueberläufern:—diese ungeduldigen Geister sind es, in denen eine -förmliche Lust am Irrsinn ausbricht, weil der Irrsinn ein so fröhliches -Tempo hat!« (Die Fröhliche Wissenschaft 76). Und man meint, er richte -sich gegen sein eigenes späteres Selbst, wenn er den Künstlern und -Frauen jene Unwissenschaftlichkeit des Geistes vorwirft, die sich -von allen Hypothesen fanatisiren lasse, welche »den Eindruck des -Geistreichen, Hinreissenden, <span class="gesperrt">Belebenden, Kräftigenden</span> machen.« Gleich -ihnen wollen die Meisten »stark fortgerissen werden, um dadurch selber -einen <span class="gesperrt">Kraftzuwachs</span> zu erlangen«, nur wenige »haben jenes sachliche -Interesse, das von persönlichen Vortheilen, auch von dem des erwähnten -Kraftzuwachses absieht. Auf jene bei Weitem überwiegende Classe wird -überall dort gerechnet, wo der Denker sich als Genie benimmt und -bezeichnet, also wüe ein höheres Wesen dreinschaut, welchem Autorität -zukommt. Insofern das Genie jener Art die Glut der Ueberzeugungen -unterhält und Misstrauen gegen den vorsichtigen und bescheidenen Sinn -der Wissenschaft weckt, ist es ein Feind der Wahrheit,—wenn es sich -auch noch so sehr für deren Freier halten sollte.« (Menschliches, -Allzumenschliches I 635.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_2_28" id="Fussnote_2_28"></a><a href="#FNAnker_2_28"><span class="label">[2]</span></a> Vergleiche dagegen in Menschliches, Allzumenschliches I -147 Nietzsches Protest gegen »<span class="gesperrt">die Kunst als Todtenbeschwörerin</span>«, -weil sie die Gegenwart durch die Vorstellungskreise des Vergangenen -beeinflussen will. »Sie flicht, ..., ein Band um verschiedene -Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein -Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht,« doch -wirkt dasselbe schädlich und rückbildend. Die »Todtenerwecker« und -»Todtenbeschwörer« dieser Art betrachtete Nietzsche als »eitle -Menschen«, denn sie »schätzen ein Stück Vergangenheit von dem -Augenblick an höher, von dem an sie es nachzuempfinden vermögen«. -(Morgenröthe I 59.) Wir müssen, so meinte er, dem Gefühlsüberschwang -möglichst entgegenwirken, der uns in verschiedenster Art von aller -vergangenen Kultur allmählich überkommen ist; sich darin gehen lassen, -käme einer Annäherung an Wahnsinn und Krankheit gleich: »... die -ganze Last unsrer Kultur ist so gross geworden, dass eine Ueberreizung -der Nerven- und Denkkräfte die allgemeine Gefahr ist, ja dass die -kultivirten Klassen der europäischen Länder durchweg neurotisch sind -und fast jede ihrer grösseren Familien in einem Gliede dem Irrsinn -nahe gerückt ist.... dennoch macht sich eine <span class="gesperrt">Verminderung</span> jener -Spannung des Gefühls, jener niederdrückenden Kultur-Last nöthig,... -wir müssen den Geist der Wissenschaft beschwören, welcher -kälter und skeptischer macht....« (Menschliches, -Allzumenschliches I 244.) »Wird dieser Forderung der höheren Kultur -nicht genügt, so ist fast mit Sicherheit vorherzusagen, welchen Verlauf -diemenschliche Entwicklung nehmen wird: das Interesse am Wahren -hörtauf, je weniger es Lust gewährt; die Illusion, der Irrthum, die -Phantastik erkämpfen sich ... ihren ehemals behaupteten Boden: der -Ruin der Wissenschaften, das Zurücksinken in Barbarei ist die nächste -Folge.« (I 251.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_3_29" id="Fussnote_3_29"></a><a href="#FNAnker_3_29"><span class="label">[3]</span></a> Siehe z. B. in »Der Wanderer und sein Schatten«. »Die -demokratischen Einrichtungen sind Quarantäne-Anstalten gegen die alte -Pest tyrannenhafter Gelüste. (289.)—Unmöglichkeit fürderhin, dass die -Fruchtfelder der Kultur wieder über Nacht von wilden und sinnlosen -Bergwässern zerstört werden! Steindämme und Schutzmauern gegen -Barbaren, gegen Seuchen, gegen <span class="gesperrt">leibliche und geistige Verknechtung</span>!« -(275). Ferner in Menschliches, Allzumenschliches: »... die wildesten -Kräfte brechen Bahn,... damit später eine mildere Gesittung hier -ihr Haus aufschlage. Die schrecklichen Energien—Das, was man das Böse -nennt—sind die cyklopischen Architekten und Wegebauer der Humanität(I -246),« bis »die guten, nützlichen Triebe, die Gewohnheiten des edleren -Gemüthes so sicher und allgemein geworden, dass es ... keiner -Härten und Gewaltsamkeiten als mächtigster Bindemittel zwischen -Mensch und Mensch, Volk und Volk« bedarf. (I 245.) Gerade wie später -ist für Nietzsche der gewaltthätige Mensch ein Zurückgebliebener und -Atavist, aber eben darum ein auszurottender Rest, kein Führer in die -Zukunft. »Der unangenehme Charakter, der..., gegen abweichende -Meinungen gewaltthätig und aufbrausend ist, zeigt an, dass er einer -früheren Stufe der Kultur zugehört, also ein Ueberbleibsel ist: denn -die Art, in welcher er mit den Menschen verkehrt, war die rechte und -zutreffende für die Zustände eines Faustrecht-Zeitalters; er ist ein -<span class="gesperrt">zurückgebliebener</span> Mensch. Ein anderer Charakter, welcher reich an -Mitfreude ist, überall Freunde gewinnt, <span class="gesperrt">alles Wachsende und Werdende -liebevoll empfindet</span>,—kein Vorrecht, das Wahre allein zu erkennen, -beansprucht, sondern voll eines bescheidenen Misstrauens ist,—das ist -ein vorwegnehmender Mensch, welcher einer höheren Kultur der Menschen -entgegenstrebt. Der unangenehme Charakter stammt aus den Zeiten, wo die -rohen Fundamente des menschlichen Verkehrs erst zu bauen waren; der -andere lebt auf deren <span class="gesperrt">höchsten Stockwerken, möglichst entfernt von -dem wilden Thier</span>, welches in den Kellern, unter den Fundamenten der -Kultur, eingeschlossen wüthet und heult.« (I 614.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_4_30" id="Fussnote_4_30"></a><a href="#FNAnker_4_30"><span class="label">[4]</span></a> So sagt er in Menschliches, Allzumenschliches (I 237): -»Die italienische Renaissance barg in sich alle die positiven -Gewalten, welchen man die <span class="gesperrt">moderne Kultur</span> verdankt: also <span class="gesperrt">Befreiung -des Gedankens, Missachtung der Autoritäten. Sieg der Bildung über den -Dünkel der Abkunft, Begeisterung für die Wissenschaft</span>.« -</p> -<p> -Ebenso entgegengesetzt war seine Auffassung von Napoleons Genie und -Thatendrang, wie eine Stelle desselben Werkes zeigt (I 164): »... -Es ist jedenfalls ein gefährliches Anzeichen, wenn den Menschen -jener Schauder vor sich selbst überfällt, sei es nun jener berühmte -Cäsaren-Schauder oder der ... Genie Schauder;... so dass er zu -schwanken und sich für etwas Uebermenschliches zu halten beginnt.... -In einzelnen seltenen Fällen mag dieses Stück Wahnsinn -wohl auch das Mittel gewesen sein, durch welches eine solche nach -allen Seiten hin excessive Natur fest zusammengehalten wurde: auch -im Leben der Individuen haben die Wahnvorstellungen häufig den Werth -von Heilmitteln, welche an sich Gifte sind; doch zeigt sich endlich, -bei jedem »Genie«, das an seine Göttlichkeit glaubt, das Gift in dem -Grade, als das »Genie« alt wird: man möge sich zum Beispiel Napoleon's -erinnern, dessen Wesensicherlich gerade durch seinen Glauben an sich -und seinen Stern und durch die aus ihm fliessende Verachtung der -Menschen zu der mächtigen Einheit zusammenwuchs, welche ihn aus allen -modernen Menschen heraushebt, bis endlich aber dieser selbe Glaube in -einen fast wahnsinnigen Fatalismus übergieng, ihn seines Schnell- und -Scharfblickes beraubte und die Ursache seines Unterganges wurde.« -</p> -<p> -In der Morgenröthe (549) führt er den rücksichtslosen Egoismus des -Thatendranges in Napoleon auf dessen epileptische Krankheitsdisposition -zurück, anstatt, wie später, auf die ausbrechende »Uebergesundheit« -dessen, der alle Gewaltinstinkte einer vergangenen Kultur im Leibe hat.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_5_31" id="Fussnote_5_31"></a><a href="#FNAnker_5_31"><span class="label">[5]</span></a> Gegenüber Nietzsches späterer Verachtung des jüdischen -Charakters lese man in der <span class="gesperrt">Morgenröthe</span> (205) seinen Aphorismus -»<span class="gesperrt">Vom Volke Israel</span>«: »... Wohin soll auch diese Fülle angesammelter -grosser Eindrücke, ..., diese Fülle von Leidenschaften, Tugenden, -Entschlüssen, Entsagungen, Kämpfen, Siegen aller Art,—wohin soll -sie sich ausströmen, wenn nicht zuletzt in grosse geistige Menschen -und Werkel Dann, wenn die Juden auf solche Edelsteine und goldene -Gefässe als ihr Werk hinzuweisen haben, wie sie die europäischen -Völker kürzerer und weniger tiefer Erfahrung nicht hervorzubringen -vermögen—,... dann wird jener siebente Tag wieder einmal da -sein, an dem der alte Judengott sich..., seiner Schöpfung und -seines auserwählten Volkes <span class="gesperrt">freuen</span> darf,—und wir Alle, Alle wollen -uns mit ihm freun!«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_6_32" id="Fussnote_6_32"></a><a href="#FNAnker_6_32"><span class="label">[6]</span></a> Für diesen Zustand einer freien Auslebung der -Individualität hat Nietzsche in seiner Zarathustra-Dichtung, die man -das Hohe Lied modernen Individualismus nennen könnte, die schönsten -Worte gefunden. Als besonders charakteristisch können die nachfolgenden -Aussprüche gelten: -</p> -<p> -»Wenn ihr Eines Willens Wollende seid, und diese Wende aller Noth euch -Nothwendigkeit heisst: da ist der Ursprung eurer Tugend. -</p> -<p> -Wahrlich, ein neues Gutes und Böses ist sie! Wahrlich, ein neues tiefes -Rauschen und eines neuen Quelles Stimme!... Bleibt mir der -Erde treu, meine Brüder, mit der Macht eurer Tugend!... Lasst sie -nicht davon fliegen vom Irdischen und mit den Flügeln gegen ewige Wände -schlagen! Ach, es gab immer so viel verflogene Tugend! -</p> -<p> -Führt, gleich mir, die verflogene Tugend zur Erde zurück—ja, -zurück zu Leib und Leben: dass sie der Erde ihren Sinn gebe, einen -Menschen-Sinn!... -</p> -<p> -Tausend Pfade giebt es, die nie noch gegangen sind; tausend -Gesundheiten und verborgene Eilande des Lebens. Unerschöpft und -unentdeckt ist immer noch Mensch und Menschen-Erde.« (I 109 f.) -</p> -<p> -... »Willst du den Weg zu dir selber suchen?... -</p> -<p> -... So zeige mir dein Recht und deine Kraft dazu!... -</p> -<p> -Frei nennst du dich? Deinen herrschenden Gedanken will ich hören und -nicht, dass du einem Joche entronnen bist.... -</p> -<p> -Frei wovon? Was schiert das Zarathustra! Hell aber soll mir dein Auge -künden: frei wozu? -</p> -<p> -Kannst du dir selber dein Böses und dein Gutes geben und deinen Willen -über dich aufhängen wie ein Gesetz?...« (I 87 f.) -</p> -<p> -»... Dass euer Selbst in der Handlung sei, wie die Mutter im Kinde -ist: das sei mir euer Wort von Tugend!« (II 21.) -</p> -<p> -»Es ist euer liebstes Selbst, eure Tugend.« (II 18.) -</p> -<p> -»—von Grund aus liebt man nur sein Kind und Werk; und wo grosse Liebe -zu sich selber ist, da ist sie der Schwangerschaft Wahrzeichen: so fand -ich's.« (III 14.) -</p> -<p> -»Mein Bruder, wenn du eine Tugend hast, und es deine Tugend ist, so -hast du sie mit Niemandem gemeinsam. So sprich und stammle:«.... -</p> -<p> -Nicht will ich es als eines Gottes Gesetz, nicht will ich es als eine -Menschen-Satzung und Nothdurft:... -</p> -<p> -Aber dieser Vogel baute bei mir sich das Nest: darum liebe und herze -ich ihn,—nun sitzt er bei mir auf seinen goldnen Eiern.«— -</p> -<p> -Einst hattest du Leidenschaften und nanntest sie böse. Aber jetzt hast -du nur noch deine Tugenden: die wuchsen aus deinen Leidenschaften. -</p> -<p> -Du legtest dein höchstes Ziel diesen Leidenschaften ans Herz: da wurden -sie deine Tugenden und Freudenschaften. -</p> -<p> -Und ob du aus dem Geschlechte der Jähzornigen wärest oder aus dem der -Wollüstigen oder der Glaubens-Wüthigen oder der Rachsüchtigen: -</p> -<p> -Am Ende wurden alle deine Leidenschaften zu Tugenden und alle deine -Teufel zu Engeln.« (I 45 f.)</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_7_33" id="Fussnote_7_33"></a><a href="#FNAnker_7_33"><span class="label">[7]</span></a> Musik nach Schopenhauer gefasst als das tönende Abbild des -Dinges an sich.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_8_34" id="Fussnote_8_34"></a><a href="#FNAnker_8_34"><span class="label">[8]</span></a> Ein verwandter Gedanke klingt in der »fröhlichen -Wissenschaft« (84) an, wenn Nietzsche die Wirkung der orgiastischen -Culte darin sieht, dass die Menschen besänftigt und von ihren -Leidenschaften befreit wurden, indem »man den Taumel und die -Ausgelassenheit ihrer Affekte aufs Höchste trieb, also den Rasenden -toll, den Rachsüchtigen rachetrunken machte:—alle orgiastischen Culte -wollen die ferocia einer Gottheit auf Ein Mal entladen und zur Orgie -machen, damit sie hinterher sich freier und ruhiger fühle«.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_9_35" id="Fussnote_9_35"></a><a href="#FNAnker_9_35"><span class="label">[9]</span></a> Im Zusammenhänge dieser Gedanken lese man die Schilderung -der ewigen Wiederkunft in Also sprach Zarathustra (III 9 ff.) »Vom -Gesicht und Räthsel«. -</p> -<p> -»Siehe diesen Thorweg!...: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege -kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. -</p> -<p> -Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse -hinaus—das ist eine andre Ewigkeit. -</p> -<p> -Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den -Kopf:—und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. -Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben: »Augenblick.« -</p> -<p> -Aber wer Einen von ihnen weiter gienge—und immer weiter und immer -ferner: glaubst du,—dass diese Wege sich ewig widersprechen?«... -</p> -<p> -Muss nicht, was laufen kann von allen Dingen, schon einmal diese Gasse -gelaufen sein? Muss nicht, was geschehn kann vonallen Dingen, schon -einmal geschehn, gethan, vorübergelaufen sein? -</p> -<p> -Und wenn Alles schon dagewesen ist: was hältst du—von diesem -Augenblick? Muss auch dieser Thorweg nicht schon—dagewesen sein? -</p> -<p> -Und sind nicht solchermaassen fest alle Dinge verknotet, dass dieser -Augenblick alle kommenden Dinge nach sich zieht? <span class="gesperrt">Also</span>—sich selber -noch? -</p> -<p> -Denn, was laufen <span class="gesperrt">kann</span> von allen Dingen: auch in dieser langen Gasse -<span class="gesperrt">hinaus</span>—<span class="gesperrt">muss</span> es einmal noch laufen!— -</p> -<p> -Und diese langsame Spinne, die im Mondscheine kriecht, und dieser -Mondschein selber, und ich und du im Thorwege, zusammenflüsternd, von -ewigen Dingen flüsternd—müssen wir nicht Alle schon dagewesen sein? -</p> -<p> -—und wiederkommen und in jener anderen Gasse laufen, hinaus, vor uns, -in dieser langen schaurigen Gasse—müssen wir nicht ewig wiederkommen?— -</p> -<p> -Also redete ich, und immer leiser: denn ich fürchtete mich vor meinen -eignen Gedanken und Hintergedanken.... -</p> -<p> -Hieran schliesst die Erzählung vom heulenden Hunde, der für einen -Menschen um Hilfe ruft. Dem Menschen, einem jungen Hirten, ist eine -Schlange in den Schlund gekrochen und hat sich dort festgebissen. -</p> -<p> -»Meine Hand riss die Schlange und riss:—umsonst! sie riss die Schlange -nicht aus dem Schlunde. Da schrie es aus mir: »Beiss zu! Beiss zu! Den -Kopf ab! Beiss zu!«—so schrie es aus mir, mein Grauen, mein Hass, mein -Ekel, mein Erbarmen, all mein Gutes und Schlimmes schrie mit Einem -Schrei aus mir.... -</p> -<p> -—Der Hirt aber biss, wie mein Schrei ihm rieth; er biss mit gutem -Bisse! Weit weg spie er den Kopf der Schlange—: und sprang empor.— -</p> -<p> -Nicht mehr Hirt, nicht mehr Mensch,—ein Verwandelter, ein -Umleuchteter, welcher <span class="gesperrt">lachte</span>! Niemals noch auf Erden lachte je ein -Mensch, wie ei lachte! -</p> -<p> -Oh meine Brüder, ich hörte ein Lachen, das keines Menschen Lachen -war,... und nun frisst ein Durst an mir, eine Sehnsucht, die nimmer -stille wird.« -</p> -<p> -Die Schlange der im Kreise verlaufenden ewigen Wiederkehr ist es, von -der Zarathustra den Menschen erlöst, indem er ihr den Kopf abbeisst: -indem er das Sinnlose und Grauenhafte an ihr aufhebt und den Menschen -zu ihrem Herrn macht—zum Verwandelten, Umleuchteten, lachenden -Uebermenschen: -</p> -<p> -»So rathet mir doch das Räthsel, das ich damals schaute, so deutet mir -doch das Gesicht des Einsamsten! -</p> -<p> -Denn ein Gesicht war's und ein Vorhersehn:—<span class="gesperrt">was</span> sah ich damals im -Gleichnisse? Und wer ist, der einst noch kommen muss?« -</p> -<p> -Vgl. (III 96): »... wie jenes Unthier mir in den Schlund kroch und -mich würgte! Aber ich biss ihm den Kopf ab und spie ihn weg von mir.«</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_10_36" id="Fussnote_10_36"></a><a href="#FNAnker_10_36"><span class="label">[10]</span></a> Der Zufall wollte, dass eines der vermuthlich letzten -wissenschaftlichen Werke, mit denen Nietzsche sich ganz eingehend -beschäftigt hat, dasjenige eines Schopenhauerianers strengster -Observanz über indische Philosophie war, und dieses ihn dem Ideenkreis -seiner eigenen ehemaligen Weltanschauung noch einmal nahe brachte. -Es ist das vortreffliche Buch von <span class="gesperrt">Paul Deussen</span> »<span class="gesperrt">Das System des -Vedanta nach den Brahma-Sûtra's des Bâdarâyana und dem Commentare -des Çankara über dieselben</span>.« (Leipzig, Brockhaus 1883), in dem der -Verfasser seinen Gegenstand zwar objektiv darstellt und interpretirt, -ihn aber zugleich von seinem eigenen Standpunkte aus beurtheilt. Es ist -unmöglich, in Nietzsches seit 1883 verfassten Schriften den Einfluss -dieses Büches zu verkennen, besonders hinsichtlich der Vergöttlichung -des Schöpfer-Philosophen und dessen Gleichsetzung mit dem höchsten, -allesumfassenden Lebensprinzip, sowie hinsichtlich der Vorstellung, -dass dieser das Nacheinander alles Gewordenen gewissermaassen in einem -seelischen Nebeneinander in sich enthalte, in einer räumlichen anstatt -einer zeitlichen Seelenwanderung. Manchmal ist man versucht, wenn man -die zerstreuten Ausführungen Nietzsches über einzelne Seelenzustände in -ihrer halb mystischen Bedeutung zusammenhält, »Atman« und »Brahman« zur -Erklärung an den Rand zu schreiben.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_11_37" id="Fussnote_11_37"></a><a href="#FNAnker_11_37"><span class="label">[11]</span></a> Nietzsche—Zarathustra.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_12_38" id="Fussnote_12_38"></a><a href="#FNAnker_12_38"><span class="label">[12]</span></a> Die Gräber des Vergangenen, alles Gewesenen.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_13_39" id="Fussnote_13_39"></a><a href="#FNAnker_13_39"><span class="label">[13]</span></a> Im Gegensatz zum blossen Erforschen und gedanklichen -Erkennen des Vergangenen durch die Wissenschaft, die Nichts zu erlösen -vermag.</p></div> - -<div class="footnote"> - -<p><a name="Fussnote_14_40" id="Fussnote_14_40"></a><a href="#FNAnker_14_40"><span class="label">[14]</span></a> Unverhüllter noch spiegelt sich dieser Gemüthszustand in -den um dieselbe Zeit (Herbst 1888) entstandenen und hinter dem vierten -Theile von »Also sprach Zarathustra« gedruckten »Dionysos Dithyramben«. -Besonders bezeichnend sind u. a. die nachfolgenden Verse (5 ff.): -</p> -<p> -Jetzt—einsam<br /> -mit dir,<br /> -<span class="gesperrt">zwiesam im eignen Wissen</span>,<br /> -<span class="gesperrt">zwischen hundert Spiegeln</span><br /> -<span class="gesperrt">vor dir selber falsch</span>,<br /> -<span class="gesperrt">zwischen hundert Erinnerungen</span><br /> -<span class="gesperrt">ungewiss</span>,<br /> -an jeder Wunde müd,<br /> -an jedem Froste kalt,<br /> -in eignen Stricken gewürgt,<br /> -<span class="gesperrt">Selbstkenner!</span><br /> -<span class="gesperrt">Selbsthenker!</span><br /> -</p> -<p> -Ein Kranker nun,<br /> -der an Schlangengift krank ist;<br /> -ein Gefangner nun,<br /> -der das härteste Loos zog:<br /> -im eignen Schachte<br /> -gebückt arbeitend,<br /> -<span class="gesperrt">in dich selber eingehöhlt</span>,<br /> -<span class="gesperrt">dich selber an grabend</span>,<br /> -<span class="gesperrt">unbehülflich</span>,<br /> -<span class="gesperrt">steif</span>,<br /> -<span class="gesperrt">ein Leichnam</span>—,<br /> -— — — — — — — — — —<br /> -— — — — — — — — — —<br /> -Lauernd,<br /> -kauernd,<br /> -Einer, der schon nicht mehr aufrecht steht!<br /> -<span class="gesperrt">Du verwächst mir noch mit deinem Grabe</span>,<br /> -<span class="gesperrt">verwachsener Geist!</span>...<br /> -</p></div> - - - -<hr class="chap" /> -<h4><a name="DIE_BRIEFE" id="DIE_BRIEFE">Die Briefe von Manuscript</a></h4> -<hr class="r5" /> - -<p style="font-weight: bold;"><a id="Erster_Briefe"></a>Erster Briefe</p> - - -<p>An Lou von Salome</p> - -<p>[Leipzig, vermutlich 16. September 1882]</p> - -<p>Meine liebe Lou, Ihr Gedanke einer Reduktion der philosophischen -Systeme auf Personal-Akten ihrer Urheber ist recht ein Gedanke aus -dem »Geschwistergehirn«: ich selber habe in Basel in diesem Sinne -Geschichte der alten Philosophie erzählt und sagte gern meinen -Zuhörern: »Dies System ist widerlegt und tot—aber die Person dahinter -ist unwiderlegbar, die Person ist gar nicht tot zu machen.«—Zum -Beispiel Plato.</p> - -<p>Ich lege heute einen Brief des Professor Jacob Burckhardt bei, den Sie -ja einmal kennenlernen wollten. Auch er hat etwas Unwiderlegbares in -seiner Persönlichkeit; aber da er ein ganzer eigentlicher Historiker -ist (der Erste unter allen lebenden), so hat er gerade daran, an dieser -ewig ihm einverleibten Art und Person, kein Genügen, er möchte gar zu -gerne einmal aus andern Augen sehen, zum Beispiel, wie der seltsame -Brief verrät, aus den meinigen. Übrigens glaubt er an einen baldigen -und plötzlichen Tod, durch Schlagfluß, nach Art seiner Familie; -vielleicht möchte er mich gerne als Nachfolger in seiner Professur?— -Aber über mein Leben ist schon verfügt.—</p> - -<p>Inzwischen hat der Prof. Riedel hier, der Präsident des deutschen -Musik-Vereins, für meine »heroische Musik« (ich meine Ihr -»Lebens-Gebet«) Feuer gefangen—er will es durchaus haben, und es ist -nicht unmöglich, daß er es für seinen herrlichen Chor (einen der ersten -Deutschlands, »der Riedelsche Verein« genannt) zurecht macht. Das -wäre so ein kleines Weglein, auf dem wir beide zusammen zur Nachwelt -gelangten—andre Wege vorbehalten.—</p> - -<p>Was Ihre »Charakteristik meiner selber« betrifft, welche wahr ist, -wie Sie schreiben: so fielen mir meine Verschen aus der »Fröhlichen -Wissenschaft« ein—[II, 22] mit der Überschrift »Bitte«. Erraten -Sie, meine liebe Lou, um was ich bitte?—Aber Pilatus sagt: »Was ist -Wahrheit!«—</p> - -<p>Gestern nachmittag war ich glücklich; der Himmel war blau, die Luft -mild und rein, ich war in Rosenthal, wohin mich Carmen-Musik lockte. -Da saß ich drei Stunden, trank den zweiten Cognac dieses Jahres, -zur Erinnerung an den ersten (ha! wie häßlich er schmeckte!) und -dachte in aller Unschuld und Bosheit darüber nach, ob ich nicht -irgendwelche Anlage zur Verrücktheit hätte. Ich sagte schließlich nein. -Dann begann die Carmen-Musik, und ich ging für eine halbe Stunde unter -in Tränen und Klopfen des Herzens.—Wenn Sie aber dies lesen, werden -Sie schließlich sagen: ja! und eine Note zur »Charakteristik meiner -selber« machen.—</p> - -<p>Kommen Sie doch recht, recht bald nach Leipzig! Warum denn erst am 2. -Oktober? Adieu,</p> - - - -<hr class="chap" /> -<p style="font-weight: bold;"><a name="Zweiter_Briefe" id="Zweiter_Briefe">Zweiter Briefe</a></p> - - -<p>An Lou von Salome: 16-07-1882.</p> - -<p>Nun, meine liebe Freundin, bis jetzt steht Alles gut, und Sonnabend -über 8 Tage sehen wir uns wieder. Vielleicht ist mein letzter Brief an -Sie nicht in Ihre Hände gelangt? Ich schrieb ihn Sonntag vor 14 Tagen.</p> - -<p>Was Bayreuth betriff, so bin ich zufrieden damit, nicht dort sein zu -müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft in Ihrer Nähe sein könnte, -dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte mir sogar die Musik zum -Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir nicht erträglich.) Ich -möchte, daß Sie vorher noch meine kleine Schrift »Richard Wagner in -Bayreuth« lesen; Freund Ree besitzt sie wohl. Ich habe so viel in -Bezug auf diesen Mann und seine Kunst erlebt—es war eine ganze lange -Passion: ich finde kein anderes Wort dafür.</p> - -<p>Die letzten geschriebenen Worte Wagner's an mich stehen in einem -schönen Widmungs-Exemplare des Parsifal »Meinem theuren Freunde -Friedrich Nietzsche. Richard Wagner, Ober-Kirchenrath. Genau zu -gleicher Zeit traf, von mir gesendet, bei ihm mein Buch »Menschliches -Allzumenschliches« ein—und damit war Alles klar, aber auch Alles zu -Ende.</p> - -<p>Ich habe viel an Sie gedacht und im Geiste so mancherlei des -Erhebenden, Rührenden und Heiteren mit Ihnen getheilt, daß ich wie mit -meiner verehrten Freundin verbunden gelebt habe. Wenn Sie wüßten, wie -neu und fremdartig mir alten Einsiedler das vorkommt!—Wie oft habe ich -über mich lachen müssen! Was Bayreuth betrifft, so bin ich zufrieden -damit, nicht dort sein zu müssen; und doch, wenn ich ganz geisterhaft -in Ihrer Nähe sein könnte, dies und jenes in Ihr Ohr raunend, so sollte -mir sogar die Musik zum Parsifal erträglich sein (sonst ist sie mir -nicht erträglich.)</p> - -<p>Und wie glücklich bin ich, meine geliebte Freundin Lou, jetzt in Bezug -auf uns Beide denken zu dürfen »Alles im Anfang und doch Alles klar!« -Vertrauen Sie mir! Vertrauen wir uns! Mit den herzlichsten Wünschen für -Ihre Reise Ihr Freund Nietzsche.</p> - - - -<hr class="chap" /> -<p style="font-weight: bold;"><a name="Dritter_Briefe" id="Dritter_Briefe">Dritter Briefe</a></p> - - -<p>Tautenburg bei Dornburg Thüringen.</p> - -<p>3. Juli 1882</p> - -<p>Meine liebe Freundin,</p> - -<p>Nun ist der Himmel über mir hell! Gestern Mittags gieng es bei mir -zu wie als ob Geburtstag wäre: Sie sandten Ihre Zusage, das schönste -Geschenk, das mir jetzt Jemand hätte machen können—meine Schwester -sandte Kirschen, Teubner sandte die drei ersten Druckbogen der -»fröhlichen Wissenschaft«; und zu alledem war gerade der allerletzte -Theil des Manuscriptes fertig geworden und damit das Werk von 6 -Jahren (1876-1882), meine ganze »Freigeisterei«! Oh welche Jahre! -Welche Qualen aller Art, welche Vereinsamungen und Lebens-Überdrüsse! -Und gegen Alles das, gleichsam gegen <span class="gesperrt">Tod und</span> Leben, habe ich mir -diese meine Arznei gebraut, diese meine Gedanken mit ihrem kleinen -kleinen Streifen <span class="gesperrt">unbewölkten Himmels</span> über sich:—oh liebe Freundin, -so oft ich an das Alles denke, bin ich erschüttert und gerührt und -weiß nicht, wie das doch hat gelingen können: Selbst-Mitleid und das -Gefühl des Sieges erfüllen mich ganz. Denn es ist ein Sieg, und ein -vollständiger—denn sogar meine Gesundheit des Leibes ist wieder, ich -weiß nicht woher, zum Vorschein gekommen, und Jedermann sagt mir, ich -sähe jünger aus als je. Der Himmel behüte mich vor Thorheiten!—Aber -von jetzt ab, wo Sie mich berathen werden, werde ich gut berathen sein -und brauche mich nicht zu fürchten.—</p> - -<p>Was den <span class="gesperrt">Winter</span> betrifft, so habe ich <span class="gesperrt">ernstlich</span> und <span class="gesperrt">ausschließlich</span> -an Wien gedacht: die Winterpläne meiner Schwester sind ganz unabhängig -von den meinigen, es giebt dabei <span class="gesperrt">keine</span> Nebengedanken. Der Süden -Europa's ist mir jetzt aus dem Sinn gerückt. Ich will nicht mehr einsam -sein und wieder lernen, Mensch zu werden. Ah, an <span class="gesperrt">diesem</span> Pensum habe -ich fast Alles noch zu lernen!—</p> - -<p>Nehmen Sie meinen Dank, liebe Freundin! Es wird <span class="gesperrt">Alles</span> gut, wie Sie es -gesagt haben.</p> - -<p>Unserem Rée das Herzlichste!</p> - -<p>Ganz <span class="gesperrt">Ihr</span> F.N.</p> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Friedrich Nietzsche in seinen Werken, by -Lou Andreas-Salomé - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK FRIEDRICH NIETZSCHE IN *** - -***** This file should be named 50525-h.htm or 50525-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/0/5/2/50525/ - -Produced by Marc D'Hooghe at http://www.freeliterature.org -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_001.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1cef511..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_002.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_002.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 725960d..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_002.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_003.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index d74c007..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_003.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_004.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_004.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5f1afaf..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_004.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_005.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_005.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2da4685..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_005.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_006.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_006.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 8a64f29..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_006.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_007.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_007.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5c38ff2..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_007.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_008.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_008.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2322637..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_008.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_009.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_009.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 84f7b55..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_009.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/briefe_010.jpg b/old/old/50525-h/images/briefe_010.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1176ca8..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/briefe_010.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/cover.jpg b/old/old/50525-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 05a7017..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/nietzsche_001.jpg b/old/old/50525-h/images/nietzsche_001.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 5f22db6..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/nietzsche_001.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/nietzsche_002.jpg b/old/old/50525-h/images/nietzsche_002.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 1a7ef0d..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/nietzsche_002.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg b/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 2dab219..0000000 --- a/old/old/50525-h/images/nietzsche_003.jpg +++ /dev/null |
