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-The Project Gutenberg eBook, Novellen, by Melchior Meyr
-
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-
-
-
-Title: Novellen
- Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn
-
-
-Author: Melchior Meyr
-
-
-
-Release Date: May 1, 2017 [eBook #54640]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-
-***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***
-
-
-E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team
-(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by
-Internet Archive (https://archive.org)
-
-
-
-Note: Images of the original pages are available through
- Internet Archive. See
- https://archive.org/details/novellen00meyruoft
-
-
-Anmerkungen zur Transkription
-
- Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert.
-
- Text, der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua
- gesetzt war, wurde mit _ markiert.
-
-
-
-
-
-NOVELLEN
-
-von
-
-MELCHIOR MEYR.
-
-
-
-
-
-
-Stuttgart.
-Cotta'scher Verlag.
-1863.
-
-Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
-in Stuttgart und Augsburg.
-
-
-
-
- Inhalt.
-
-
- Seite
-
- Die zweite Liebhaberin 1
-
- Verlust und Gewinn 319
-
-
-
-
- Die zweite Liebhaberin.
-
-
- I.
-
-An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof
-der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt
-zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom
-wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von
-Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man
-das »Passagiergut« zurück erhielt.
-
-Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr
-achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft
-gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als
-gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein
-hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht
-um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals
-beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte
-man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng
-weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu
-wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen.
-
-Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige
-Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße
-und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling
-schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was
-sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die
-neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder
-dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die
-einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er
-faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in's
-Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die
-feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa
-nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und
-nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den
-Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch
-die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch
-in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der
-allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half,
-einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen.
-
-Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende
-Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus.
-In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem
-hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen
-Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl
-aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er
-lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer »Masse«
-zusammengeflossen waren.
-
-Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser
-wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen
-Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit
-einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren
-Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in
-seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun
-auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den
-gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen.
-Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so
-entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten,
-waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt
-auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte.
-Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt,
-über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl
-Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung
-versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das
-Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er
-nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das
-Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das
-reinste Vertrauen in seiner Seele Platz.
-
-Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten
-ließ, schien er nun zu denken: »Ihr laßt mich jetzt unbeachtet
-vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts -- ein junger
-Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich
-unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne
-trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt
-meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für
-euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den
-herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.«
-
-Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine
-Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er
-strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die
-von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit
-einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen
-ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut
-um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft.
-
-In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort.
-Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte
-vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber
-wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit
-auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für
-charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich
-idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der
-Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke
-verwenden zu können. Aus diesem Grund -- um die Physiognomie der
-Residenz rein in sich aufzunehmen -- hatte er den Weg vom Bahnhof eben
-zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt
-nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige
-Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage
-des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben
-lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben
-kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu
-fragen.
-
-Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die
-Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter
-vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von
-seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen
-bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie
-machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug
-zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das
-Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig
-in's Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth
-überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch
-mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war
-eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und
-Schalkheit.
-
-Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen
-ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn
-die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein
-schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der
-Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt
-und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den
-Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern
-er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der
-sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit
-annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten
-oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne
-Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine
-bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt
-sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das
-ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing
-und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß
-verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der
-junge Mann begann sie zu interessiren.
-
-Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit
-verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald
-er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke
-rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und
-da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete
-sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf
-die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel
-Theilnahme wie Herablassung verrieth.
-
-Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch
-die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens
-gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem
-noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde
-durch Gestalt und Miene -- trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung
-ihres Lächelns -- so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht
-ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von
-innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit
-nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in
-seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines
-Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück
-und der Stolz seines Lebens war.
-
-Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den
-Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in's Theater
-gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs,
-die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu
-unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte
-er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche
-und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine
-Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene
-Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren
-Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte
-sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las
-weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte.
-
-Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig
-gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem
-Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister
-selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere,
-weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die
-den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl,
-worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer
-Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und
-Aussichten hing.
-
-Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend,
-nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter
-Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen
-zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu
-seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war,
-sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch's Leben zu
-führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu
-legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den
-dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt
-genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein
-verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen,
-um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und
-liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser
-Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der
-Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht.
-
-Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem
-Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem
-Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft
-zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und
-den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die
-derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich;
-er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im
-dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren
-zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur
--- der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen
-eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem
-Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote,
-und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen,
-als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob,
-dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der
-gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber
-vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen
-Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung
-neu wieder anfachten.
-
-Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten
-Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und
-die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer
-Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern
-auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen
-Berathungen über den »Wechsel« immer einer verhältnißmäßigen Zulage
-das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn
-reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil
-ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich,
-indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors
-der Philosophie heimkehrte.
-
-Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien
-einen Verwandten zu besuchen -- Geschwisterkind seiner Mutter -- der
-in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte
-Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter
-um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen
-Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur
-Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien
-regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn
-um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung
-des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging;
-denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte
-als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim
-ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos
-seines Lebens für entschieden halten mußte.
-
-Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen
-Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen
-sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme
-nicht von jener gerühmten »blendenden Weiße,« sondern wie von einem
-ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und
-ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge
-konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas
-natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da
-sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich
-etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen,
-als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so
-rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn
-und klarer Blick in's Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter
-Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern
-wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende
-als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich
-aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern,
-alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte
-sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder
-belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte.
-
-Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und
-sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm
-Abschied nahm: »Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist
-nicht nur sehr schön -- und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften
-Schönheit -- sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir
-vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn's zum Heirathen
-kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste
-Wahl, für sich und für dich.«
-
-Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten
-Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie
-sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht.
-Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für
-den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb
-er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie
-er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher
-Schönheit wieder sah, da war's um ihn geschehen. Er erschrack förmlich,
-als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn
-etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der
-Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst
-nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der
-Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung
-stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.
-
-Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein
-zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit
-ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es
-ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur
-im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand
-sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er
-nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so
-glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige
-Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie
-verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem
-Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein
-Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber
-entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten
-Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren
-Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens,
-der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt
-nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich
-damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was
-jetzt nicht möglich war, das geschah später -- und am Ende noch besser
-als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die
-Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen
-Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen.
-
-Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die
-Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa
-für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder
-zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer
-Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders
-holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an
-ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung
-entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im
-schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten
-aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch
-ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der
-Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen
-geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause -- das gebührte
-ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu
-regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es
-am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch's Leben zu gehen
-und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu
-werden.
-
-Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das
-eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war
-sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen,
-hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie
-gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten
-Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes
-anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den
-reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon
-=sie= erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung,
-seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel
-seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen.
-Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die
-lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm
-und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet
-ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte
-und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß.
-
-Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen
-vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des
-Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen
-Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag
-in der Zurückhaltung Auguste's, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei
-lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und
-auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch
-wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich,
-sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit
-der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine
-glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so
-voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen -- in schönster
-Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße
-Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!
-
-Die Liebe macht jedes Wesen klug und -- nach Möglichkeit -- praktisch,
-sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten
-ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er
-sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten
-angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames,
-die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn
-er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu
-liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die
-Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen
-in's Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn
-er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu
-beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners
-gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker
-und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den
-deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu
-erlangen vermöge.
-
-Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau
-vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und
-literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen,
-die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein
-Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache
--- der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und
-Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch
-machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge
-fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte
-die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des
-Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche
-Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter
-wie solide Menschen zu leben vermöchten. »Freilich,« setzte er lächelnd
-hinzu, »müssen ihre Gedanken auch durchgehen!« Der Jüngling, in seiner
-vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der
-Alte freundlich hinzufügte: »Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach
-den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....«
-
-Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in
-Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente
-dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit
-größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein
-kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab
-und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte,
-gratulirte man ihm auf's wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die
-Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen
-setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre,
-ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den
-Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich
-machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß
-er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens
-die Verlobungsanzeige lesen könnte.
-
-Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte
-seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter
-Auguste's bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine
-bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich
-einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten
-die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter
-anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen
-Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem
-Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr
-Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht
-länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die
-Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.
-
-Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald
-vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn
-anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der
-Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen
-Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden,
-indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und
-den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm
-Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende,
-erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der
-Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese
-Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über
-die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn
-brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf
-und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt
-dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem
-das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das
-Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst
-wieder ausgestoßen wird.
-
-Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames,
-reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie
-dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es
-anschaut, auf's Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem
-liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was
-erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den
-beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt,
-etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn
-das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern
-dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? -- Der Sieg ist
-unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!
-
-Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das
-Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen
-Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend
-erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die
-wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch
-Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte
-er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit
-und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und
-Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn
-und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im
-Hause der Geliebten vorlas.
-
-An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die
-den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der
-über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen
-glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den
-Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und
-nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen
-Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden
-Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut,
-gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht
-karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten
-nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene,
-glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er
-empfing -- wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt
--- von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten,
-als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein
-Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe
-mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen
-wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen
-möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl
-ganz gesichert. »Ein würdiger Erfolg?« rief eine Stimme aus den
-Tiefen seiner Seele. »Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein
-hinreißender muß es seyn!«
-
-Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit
-vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater
-namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich
-mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon
-Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.
-
-Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung
-seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu
-stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft
-letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln,
-aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits
-erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg
-an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit
-dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei
-Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann
-auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.
-
-Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer
-Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz
-besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und
-eilte, sie aufzusuchen.
-
-Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem
-gewissen Lächeln: »Morgen also, liebe Auguste, geht's fort -- in's
-Feld.« -- »Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,« erwiederte sie
-mit ernster Empfindung; »von ganzem Herzen.« -- »Es gehört viel Muth
-zu dem Unternehmen,« fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam
-ansah; »denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!«
-
-Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: »Mögest du gewinnen --
-Alles gewinnen -- das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!« -- Sie
-schaute auf, ihm in's Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten
-Theilnahme -- der Liebe, der ihn traf und entzückte.
-
-Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit
-überwallender Herzlichkeit: »Ich danke dir, Auguste -- und gehe
-getrost. Es muß mir ja gelingen -- wenn nicht um meinetwillen, so doch
-um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn
-nur,« setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung
-hinzu, »die Prinzessin gut gespielt wird!«
-
-Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie
-gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu
-verherrlichen. »Wie mir der Doktor sagte,« bemerkte sie, »haben sie in
-der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!« --
-»In Gottes Namen,« versetzte der Autor. »Mir,« fügte er halb lächelnd
-hinzu, »wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie's
-auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum
-ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn
-ich dann wiederkehre -- mit dem Lorbeer wiederkehre --?«
-
-Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose
-zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen
-Hauch von Verlegenheit, gütig: »Zum Andenken -- an unsern Garten, wo
-wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück -- alles Glück
-bedeuten!«
-
-Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern
-um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen
-Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre
-Hand, preßte sie zärtlich und rief: »Dieser Rose wird der Kranz
-folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff'
-ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen --« -- Das Mädchen,
-unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah
-den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. -- --
-
-Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der
-Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange
-gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn
-in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen;
-aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen -- gewonnen für Zeit
-und Ewigkeit.
-
-Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren.
-Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine
-schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile,
-die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch
-diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige
-Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein
-wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender
-Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen,
-so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn.
-Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend
-für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele.
-
-Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das
-schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf
-den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug
-sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er
-nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -- Endlich legte
-er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht
-entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: »Gedanken
-und Entwürfe,« schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte
-zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in
-dem kerzenhellen Zimmer umher.
-
-Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art
-Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich
-selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle
-Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich
-mit angenehmer Empfindung seines Namens »Born« bewußt, da er ihm in
-seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien;
-und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der
-größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde,
-sollte im _nomen_ nicht dennoch ein _omen_ gegeben seyn können? Daß
-jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas
-bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch
-nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht
-gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen
-durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse
-vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen -- wer weiß es?
-
-Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen
-Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten
-frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden
-Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche
-Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die
-ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer,
-schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.
-
-Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte
-den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite
-»Justinian,« auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen,
-»Herkules.« Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei
-wachsendem Mond! -- Der folgende Tag war bezeichnet durch »Magnus,« der
-dritte durch »Regina;« bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die
-große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen
-können.
-
-Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich,
-um in's Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen
-Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar
-eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine
-bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach,
-wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte,
-und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.
-
-
- II.
-
-Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als wenn ein
-phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht,
-das dem überraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst
-wieder besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der
-Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dämmer webt vor seinen
-Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Träume, der beglückenden
-Vorstellungen, die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden Morgenhelle
-wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor.
-
-Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag ließ sich
-so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne,
-die er von seinem Bett aus erblickte, verkündigte dem Liegenden die
-aufgegangene Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen.
-Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern vielmehr zum klaren
-Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen.
-
-Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frühstück. Im
-Sopha zurückgelehnt überdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte
-ein Empfehlungsschreiben von einem Universitätsfreund an einen
-Schriftsteller, ein zweites von einem älteren Schauspieler, den er
-in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin,
-Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine Karte von einem Schulrektor
-der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten.
-Sein Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte
-zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die
-Künstlerin aufsuchen.
-
-Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraßen und
-Plätze, wobei er sich am längsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in
-dessen Innern die für ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab
-er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern
-der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.
-
-Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig blickenden Mann von
-mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und
-der blühenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz
-anders vorgestellt. _Dr._ Willmann -- so hieß der Schriftsteller --
-nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen
-prüfenden Blick und sagte dann: »Sie sind, wie ich aus dem Brief
-abnehme, Literat?« -- Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich
-selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters
-im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht
-denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für
-die Männer der Feder die Bezeichnung »Literat« im Gebrauch, allgemein
-genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen,
-und darum den Behörden und dem Publikum sehr handlich, dagegen für
-den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner
-Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. An sich ein
-Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die
-sich mit _literis_ fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten,
-eine Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu
-peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. Das konnte
-jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen
-Empfindung und momentanem Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel
-beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses vornehmes Lächeln
-unterdrücken zu können: »Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens
-ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines
-=Dichters= verdienen zu können!«
-
-Der Erfahrene lächelte. »Um so besser,« erwiederte er. »Sie haben bis
-jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?« -- »Noch nicht. Allein ich
-will hier --« -- »Ein Stück aufführen lassen -- das steht im Brief. Ist
-es ein Schauspiel? -- ein Lustspiel?«
-
-Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: »Bah!« -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie« erwiederte er. -- »Ah!« rief der
-Andere; und heiter setzte er hinzu: »In Versen?« -- »Das meiste:
-einzelne Scenen in Prosa.« -- »Wo Volk spricht -- shakespearisch! --
-Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.«
-
-Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen
-Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks im Allgemeinen mit. Willmann
-horchte -- bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen
-des Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben glaube, ein
-Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so
-verfehlte doch die ehrlich überzeugte, nach und nach begeisterte Art
-der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er
-fühlte, daß der junge Mann Talent habe -- guten Willen obendrein -- und
-im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden.
-
-»Sehr interessant!« rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen;
-»und wenn das Alles gut und schön motivirt ist -- darauf kommt freilich
-Alles an -- dann kann's auf der Bühne schon eine Wirkung machen.
-Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht
-mehr zeitgemäß. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und
-wohlthuende Eindrücke empfangen, und man liebt daher vor allem den
-sogenannten guten Ausgang.« -- »Mag seyn,« versetzte der Poet nach
-einem unwillkürlichen Mundverziehen. »Aber zur Abwechslung wird doch
-wohl auch eine Tragödie, wenn sie wirklich poetisch ist --« -- »Ihr
-Publikum finden?« ergänzte der Andere; »allerdings; aber ein kleines
-und minder treues,« fügte er lächelnd hinzu. »Sicherer werden Sie immer
-gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin
-hauptsächlich moderne Gegenstände behandeln.«
-
-»Am sichersten,« versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lächeln, »geht
-der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab' ich bei diesem
-Stücke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen.« -- »_A la
-bonne heure_,« erwiederte der Doctor erheitert. »Wenn das ist, dann
-haben Sie freilich gewonnen und können Ihren Weg gehen nach Belieben.
-Der Erfolg entscheidet. Indessen,« fuhr er nach momentanem Schweigen
-fort, »wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn mag, der
-Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst noch vorbereitet werden. --
-Haben Sie das Stück schon eingereicht?« -- »Noch nicht. Ich möchte
-vorher noch eine Copie -- der Sicherheit wegen --« -- »Ich begreife.
-Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure
-zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie können sich bei jedem
-auf mich berufen.« -- »Sehr dankbar.« -- »Und dann -- unnütz wär's
-nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft der hiesigen
-Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen
-empfohlen zu haben.«
-
-Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem
-Zögern: »Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir
-einigermaßen, und ich meine, ich kann's überhaupt unterlassen. Macht
-mein Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon
-gezwungen seyn --« -- »Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl
-im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur
-Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten
-Widerspruch.« -- »Womit sie sich dann aber nur selber schaden!«
-versetzte der Poet mit Nachdruck.
-
-Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause
-erhoben sich beide und jener sagte: »Mein lieber Herr College, Sie
-sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum
-auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen nützlich seyn kann.
-Was Sie thun wollen, ist natürlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen
-aber künftig in etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie
-sich an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, Ihre
-Bekanntschaft gemacht zu haben.«
-
-Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine
-gewisse Höflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen;
-indessen von einer höheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel
-wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht
-entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. »Ein Freund,« sagte er sich,
-»wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er
-doch zu seyn, und am Ende muß man jeden nehmen, wie er ist.«
-
-Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. Durch ein
-Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte übergeben hatte, angemeldet,
-wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr
-Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den
-Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des
-Schulrektors, die sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und
-die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit
-offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges hageres und ziemlich
-bleichsüchtiges Mädchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von
-der Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich
-aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte
-Heinrich von ihr einen Schluß auf den Vater ziehen zu können. Auch
-sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten,
-wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet,
-verstohlenerweise einen sehr beifälligen Blick. Endlich wurden in dem
-entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hörbar, die Thüre ging auf
-und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: »Herr
-Doctor, darf ich bitten?«
-
-Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und
-betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen errathen hatte, während
-der ersten Begrüßungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war
-Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher
-Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer ankam,
-diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht heimisch waren, ernstlich
-zu schätzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll kühner
-Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit
-einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher Strenge
-gepaart aus seinem raubvogelähnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit
-war ihm eine schwierige Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv
-haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie aber doch,
-nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen Züge, welche
-lächelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch.
-
-Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, mußten
-ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen
-er fähig war, und sagte: »Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich
-gleichfalls dem Lehrfach widmen?« -- Heinrich sah ihn überrascht an.
--- »Sind Sie nicht Philolog?« fuhr jener fort. -- »Nein,« versetzte
-Heinrich. »Ich habe --« -- »Ah so,« fiel der Professor ein; »ein
-anderes Fach. Nun, und was für eines? -- Geschichte -- Mathematik --
-Naturwissenschaft -- Philosophie?«
-
-Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser Poet den Kopf,
-erwiederte aber, mit ahnender Seele, zögernd: »Ich habe -- ich bin
--- Dichter.« -- »Dichter!« wiederholte der Gelehrte, indem er ihn
-mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch
-erschienen wäre. »Dichter! -- Und sonst nichts?«
-
-Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich aus dem Munde
-kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. »Ich
-meine, das wäre genug,« entgegnete er mit einer gewissen Schärfe.
-»Wenn man's recht ist --« -- »Allerdings,« versetzte der Professor mit
-einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen Mann bereits völlig
-aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und
-sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich
-wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener müsse
-doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit
-Anstrengung einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte,
-fuhr er fort: »Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der
-Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur
-nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und
-Fachstudien --«
-
-»O,« versetzte Heinrich, »wenn Sie die neuesten Werke auch alle
-angesehen hätten, von mir würden Sie doch keines darunter getroffen
-haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben.« -- »So?«
-erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich
-wurde. -- »Ich habe aber,« fuhr Heinrich trotz allem wieder mit
-einem gewissen Bewußtseyn fort, »ein größeres Werk vollendet, eine
-historisch-romantische Tragödie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater
-einreichen will.«
-
-Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich,
-in seiner Zuversicht, fügte hinzu: »Wenn es gegeben wird und Sie der
-Aufführung beiwohnen --« -- Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende.
-Mit offenster Geringschätzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er:
-»Ich gehe =nie= in's Theater! -- Finde keine Zeit dazu, Herr =Doctor=,«
-setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch
-accentuirte, »und muß also schon bedauern --«
-
-Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns,
-»glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht länger
-in Anspruch nehmen zu dürfen,« und empfahl sich mit dem ernsten
-Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer
-Last überhoben sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem
-Abgehenden seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor auf,
-geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, indem er sagte: »Wenn ich
-Ihnen sonst in etwas dienen kann --« -- Heinrich, seinerseits ironisch,
-verbeugte sich tief und entfernte sich.
-
-Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. »Nun,« rief sie,
-»wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich --?« -- »Ein
-Literat!« fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf
-ließ; »ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife
-nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in's Haus schicken
-konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit ärgern wollte. Nun,«
-setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, »er wird
-so bald nicht wiederkommen.« -- Die Frau stand überrascht, ja betrübt,
-und sagte endlich mit Bedauern: »Schade!«
-
-Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Straße weiter. »Ein
-fataler Mensch!« sagte er sich endlich, »und kein gutes Omen! Dieser
-Pedant, der seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein großer
-Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der Kunst, und weiß nicht,
-daß er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!«
-
-Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte über sich selbst
-und schritt mit erneutem Muthe weiter. Körperlich fühlte er sich aber
-ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der
-ihm eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang kommen,
-trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewächs zu
-sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, während
-ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm
-wurden.
-
-Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten
-und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte
-ihm, daß er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte
-einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, unmöglich anders
-als liebenswürdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler,
-hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als
-durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte
-sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hübschen Hauses
-vor der gesuchten Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien eine alte
-Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von
-der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa
-werde sogleich erscheinen.
-
-Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte sich sagen, daß
-er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die
-Vertheilung der Möbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so
-geschmackvoll, daß sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt
-fühlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus traulich
-her. Die Bilder waren zum Theil Porträts berühmter Schauspielerinnen,
-und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie
-zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch
-lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid rauschte. Er
-sah hin und stand auf's lebhafteste betroffen: es war die junge Dame
-von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. »Ah,« rief sie nach momentan
-überraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, »das ist ja ein alter
-Bekannter. Nun,« fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm
-die Hand bot, »willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des
-Theaters!«
-
-Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand stärker, als er's
-im Sinne gehabt, und dankte für den gütigen Empfang mit der Miene
-eines Glücklichen. Ein paar Minuten später saßen sie beisammen auf der
-Rohrbank in der Laube.
-
-»Ein dramatischer Dichter,« begann Rosa, indem sie ihn lächelnd ansah.
-»Etwas Poetisches hab' ich gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie
-dramatische Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht
-zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,« fuhr sie fort. »Wir sehnen uns
-Alle wieder nach einem guten, effektvollen Stück; ich für meine Person
-wünschte dringend, eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich
-sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich vorkäme.«
-
-Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft. Die
-Schauspielerin errieth ihn sogleich. »Ihr Stück hat keine Rolle
-für mich?« entgegnete sie. -- »Ich fürchte --« -- »Ah,« rief sie
-bedauernd, »das ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine
-Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.« -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie,« versetzte der Poet. -- »Eine
-historisch-romantische Tragödie!« wiederholte sie. Und indem sie ihn
-ansah, fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen
-Lächeln hinzu: »Das hätt' ich mir denken sollen.«
-
-Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, wurde verlegen,
-oder, wie er meinte, ärgerlich. »Also die dritte Opposition gegen mein
-Streben!« rief's in ihm; »erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer
-Besuch!«
-
-Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: »Ja, ja, so machen
-es uns die ehrgeizigen Dichter heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und
-Größte soll von ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den
-ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber es gibt ein
-Publikum, das auch etwas Anderes sehen, und Schauspieler, die etwas
-Anderes spielen wollen.« Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden.
-Dann, mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: »Also nicht einmal eine
-hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So eine Vertraute z. B.,
-munter, fröhlich, schalkhaft, und doch vollkommen treu und anhänglich,
-ein leichteres, irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen
-Hauptheldin noch recht gut ausnehmen kann?«
-
-Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. -- »Wie?« rief sie, »gar
-nichts?« -- »Leider!« erwiederte der Poet. »Wie ich's auch überlege,
-ich finde keine Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur ist
-Heroine, heroische Liebhaberin --« -- »Das begreift sich,« warf die
-Schauspielerin dazwischen. -- »Und von den übrigen keine so bedeutend,
-daß ich Sie Ihnen anbieten könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich
-ernsthafter Natur sind.« -- »Also die reine Tragödie! Gar kein Humor?«
--- »Ausgenommen in den Volksscenen, denen ich eine naturwahre Derbheit
-zu geben suchte, die vielleicht belustigend wirkt.«
-
-Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: »Wissen Sie, verehrter Herr
-Doctor, daß Sie im Grunde genommen sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück
-aufführen lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir einen
-Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich zu seyn! Kennen Sie
-das Theater? Kennen Sie die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine
-zweite Liebhaberin -- welches zu seyn ich die Ehre habe -- sich berufen
-sehen kann, der ersten zu einem Triumph zu verhelfen? Wissen Sie, was
-Künstlereifersucht ist? -- Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und
-kennen das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich, aber die
-Schauspielerherzen im Besondern haben Sie noch nicht kennen gelernt!«
-
-Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone gesagt, daß der
-Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls nahm er sich zusammen und
-entgegnete: »Unter diesen Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung
-bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich hat aber den Fehler
-doch Herr Holler gemacht. Er, obwohl er mein Stück so weit kannte, hat
-mir Sie genannt --« -- »Weil er mich kennt,« fiel Rosa heiter ein;
-»weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das sogar uneigennützig
-seyn kann.« Und mit ernsterem Tone fuhr sie fort: »Keine Sorge, Herr
-Doctor, wir Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht,
-wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können wir allerdings
-fühlen, und ich wollte Ihnen große Künstler nennen, die auch darin
-nicht klein sind. Wir mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als
-andere Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der Regel bleiben
-sie auf der Oberfläche und sind bald wieder verflogen. Eigentlich und
-für gewöhnlich sind wir ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns
-außerordentlich leicht, und wenn wir uns schön thun, sind wir dabei so
-ehrlich, wie andere gebildete Menschen.«
-
-Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte Bemerkung ein
-bescheidenes Lachen hören, und die Schauspielerin fuhr fort: »Was mich
-betrifft, so kommt Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn
-Sie's nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze keinen
-Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit Jahren zweite Liebhaberin
-ist und meist für Nebenfiguren lodern muß, da wird man nach und nach
-bescheiden, und das bischen höheres Streben, das man in seine Stellung
-noch mitgebracht hat, verfliegt einem gänzlich. In der Regel haben wir
-die Aufgabe, der hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin,
-die sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß, freundlichen
-Beistand zu leisten, und das gewöhnt man sich zuletzt förmlich an, so
-daß man sich auch außer dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu
-helfen, wenn's eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei mir doch
-nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß es auch in meiner Macht
-steht, etwas für Sie zu thun.«
-
-Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja herzlichen Klang, in
-welchen die Künstlerin von dem scherzenden mit Anmuth übergegangen
-war; und Heinrich konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr mit
-Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem Blick, der fast lauter Güte
-war und durch ein flüchtiges Licht von Schalkheit nur um so reizender
-wurde. Dem Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf;
-er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen Drang, gegen die
-fühlende Seele sich vertrauensvoll über sein Streben auszusprechen,
-und sagte: »Es ist mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß
-Sie die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin nicht gegen
-das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen Lebens auf dem
-Theater; im Gegentheil, es können da recht gute Sachen entstehen,
-rührende und erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische
-Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch immer die
-Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten Abgründe des Herzens
-hinabführt, um uns zu den höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen.
-Der Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben und
-die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen erschließen. Wir
-wollen mit ihm eintreten in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was
-wir im gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit und
-Fülle haben. Und dazu muß er sich den rechten Stoff wählen und den
-rechten Schauplatz der dramatischen Handlung. Die Menschen, die er
-schildert, müssen außerordentlich seyn =dürfen= -- er muß durch sie
-nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben werden. Da
-sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet der Geschichte und der Sage
-liegen, besonders günstig; der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten
-poetischen Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe, Tiefsinn
-und romantischem Gefühl in ihm liegt. -- Wollte Gott,« setzte er mit
-herzlichem Ernst hinzu, »daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre!
-Ich würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern -- und Sie, mein
-Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe -- bekehren.«
-
-Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehört und
-erwiederte nun auf die artig betonten Schlußworte: »Sie haben nicht
-weit mehr dazu. Wer so gut über eine Sache reden kann und sie so
-lebendig vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und nehmen
-Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde mir große Freude machen, denn
-ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.«
-
-Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen
-glänzten und sein männlich schönes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck
-eines Dichters, daß es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur
-Bestätigung diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und über ihre
-Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick
-seinerseits bewegt, rief: »Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite
-Liebhaberin bleiben und nicht immer die bloß muntern oder bürgerlich
-rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein höherer Geist, ein
-dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur wollen, und Sie werden uns die
-poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe
---«
-
-Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den letzten Worten
-erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich und der gemüthlich
-schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. »Nicht weiter,
-mein begeisterter Freund!« entgegnete sie; »es könnte Sie gereuen!
-Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand
-einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das
-Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in
-der That einige Anlagen zum »Höheren« in mir liegen, so will ich sie
-hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden
-Rolle in einem Ihrer =künftigen= Stücke zuzureifen.«
-
-Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene
-hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die
-äußere Thüre gehen hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich
-nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene,
-die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergnügt an.
-
-»Unsere gestrige Begegnung,« rief die Tochter, zu ihr tretend. »Herr
-Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler
-empfohlen ist und ein fertiges Stück mitgebracht hat.« -- »Ah,« rief
-die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; »seyen Sie
-doppelt willkommen!« Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schüttelte
-sie kräftig. -- »Du siehst,« bemerkte Rosa zu ihr, »wir haben gestern
-nicht weit davon gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder
-Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu
-finden, die ihm gebühren.«
-
-Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie,
-erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben
-und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen,
-und Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. Unter
-Anleitung der Erfahrenen nahm das Gespräch eine praktische Wendung. Was
-ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß war die
-Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen,
-wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestärkt: seine erklärte
-Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen
-lächelndes Kopfschütteln zur Folge. »Vor der Aufführung,« sagte Rosa,
-»sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz
-einfach, wofür habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?«
-
-»Es ist wahr,« versetzte der Poet. »Und einen literarischen
-Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann
-man am Ende besuchen.« -- »Ich sollt's meinen,« entgegnete die
-Schauspielerin, nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.
-
-Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: »Was nun aber die
-Annahme betrifft --« -- »Ich hab' einen Gedanken,« rief hier die
-Tochter. »Da Sie uns,« fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, »das Stück
-zu lesen geben wollen --« -- »Sobald die Abschrift fertig ist.« --
-»Und ich voraussetze, daß außer unserer Heroine auch unser heroischer
-Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr
-dankbare Rollen darin haben werden --« -- Heinrich, nach einem Moment
-der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: »Ich meine.« -- »So will ich
-gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen über das
-Stück, was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen Rollen und
-die Möglichkeit eines Triumphes, was sie mit großem Interesse hören
-werden. Sie können das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn
-namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den
-Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, dann hätten wir Aussicht.«
-
-Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige Theilnahme und die
-freundlichen Rathschläge auf's wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber,
-daß die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der
-Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.
-
-Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet,
-fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit
-in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den
-Gasthof zurück.
-
-Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. Aus dem langen Brief
-heben wir folgende Stellen aus: »Die persönliche Bekanntschaft mit
-Friedrich Willmann hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht.
-Im Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir nützlich werden
-zu wollen. In seiner Art liegt aber etwas Ironisches, das mir nicht
-recht gefallen kann. Er ist ein großer Verehrer der Klugheit -- mehr
-als es sich für einen Dichter geziemen will -- und scheint mir bei
-seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die Vortheile zu sehen, die sie
-ihm bringen sollen. -- Mir ist die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe
-sie um ihrer selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen
-damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer Folgen mich locken und
-reizend vor meiner Seele stehen mag, so ist es der Ruhm -- der Lorbeer,
-der die Schläfe des Siegers krönen soll. An Weiteres denk' ich kaum,
-wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will. Aber der wahre
-Dichter steht unter dem Schutze der Götter und er hat die Verheißung,
-daß ihm alles Uebrige zufallen wird.
-
-»Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an einen sonderbaren Kauz
-empfohlen hat. Ich meinte bisher, die Stockphilologen im schlimmen
-Sinne seyen ausgestorben und die Männer der Erudition trachten darnach,
-dem Studium der Humaniora einige Humanität im wirklichen Leben
-beizugesellen; allein es gibt doch noch einzelne Exemplare und ich bin
-hier auf eines gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen
-mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der sich das seine
-fröhlich selber producirt, nur geringschätzen! -- Ich hab' mich aber
-doch geärgert, als der Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ
-und sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils sogar noch
-etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß nicht nur dem Gottseligen,
-sondern auch dem Poeten Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich
-dieß schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner Seele, das
-mich ergötzt, und es wird höchstens so viel Groll in mir bleiben, daß
-ich ihn gelegentlich einmal satirisch verwenden kann.
-
-»Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn mein dritter Besuch
--- der eigentlich bedeutsame -- ist über Erwarten gut ausgefallen. In
-der Schauspielerin, an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte,
-und in ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich zwei
-außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen kennen lernen,
-und ich darf wohl sagen, Freundinnen gewonnen. Die junge Dame ist
-hübsch und könnte manchem Andern gefährlich werden -- ich freilich
-bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, als das der
-Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein Wesen von heiterem Humor
-und einem Trieb, neckisch mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein
-freundliches Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern
-für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg des Stückes zur Bühne wird
-geebnet, und wenn nur dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt
-ist, dann bin ich außer Sorge.
-
-»Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen, das hab' ich schon
-erkundet, und wenn sie der Künstlerin, die das Stück lesen wird,
-einleuchtet, so wird dieß auch bei der Frage der Annahme von großem
-Gewicht seyn. -- Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut an, und
-meine Zuversicht ist keine Thorheit.
-
-»Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste Gebilde meiner
-Phantasie, das gleichwohl nur ein schwaches Nachbild der geliebtesten
-Wirklichkeit ist, auf der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst
-seltsam wird mir dabei zu Muthe seyn! -- Zauberei! Blick in eine Welt
-voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! -- O Auguste! -- ich
-hab immer nur dich vor Augen, ich beziehe Alles, was ich erfahre,
-schaue, denke, auf dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet,
-scheint mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß ich dich
-verherrliche und dir ein Leben der Ehre und Wonne bereite! -- O Liebe
--- Poesie der Poesie! Das liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in
-wunderholdem Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, bleibt
-auch so viel zurück, daß es die ganze Welt verklärt und jeden Winkel
-der Erde in süßem Scheine malt!
-
-»Laßt mir's gelingen, gute Geister! laßt mich den Sieg erstreiten,
-nur um der Einen Lust willen, Ihr ihn zu melden! Ich wollte ja gern
-entsagend warten und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt!
-Aber um deinetwillen darf's nicht seyn -- um deinetwillen muß es, wird
-es glücken!
-
-»Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil der Freude
-empfindest, dieses zu lesen, die ich fühle, es zu schreiben, so bin ich
-glücklich!«
-
-
- III.
-
-Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der langsam schrieb, aber
-eine deutliche, charaktervolle Hand nachgewiesen hatte. Der Autor
-wartete indeß zum Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der
-Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von Barnhelm auf und
-Rosa gab darin die Franziska. Es war eine ihrer besten Rollen und sie
-übertraf sich dießmal selber darin. Das Publikum war hingerissen und
-unser Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte er die
-eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels oder Lustspiels, wenn
-er auch den Mangel der Gattung und das Einseitige des Lessing'schen
-Stücks (was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich
-überzeugte er sich aber, was in einer Partie wie Franziska geleistet
-werden kann, wenn die Schauspielerin mit reizender Laune sie völlig
-wieder zu beleben wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag
-zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank mit Enthusiasmus
-auszusprechen.
-
-Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete von ihrer Seite mit
-dankendem Blick. Die Mutter trat aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr
-heiter entgegen: »Ich hab' ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter!
-und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes vor mir auszugießen!«
-
-Vergnügt erwiederte die Frau: »Das ist freundlich. Aber du hast die
-Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir
-gesehen.« -- »Gott weiß, warum,« entgegnete die Künstlerin. »Zuweilen
-ist man eben voller Lust und Uebermuth -- und das ist die Hauptsache
-bei der Schauspielkunst.« -- »Bei jeder Kunst!« versetzte Heinrich.
-
-Die Schauspielerin sah für sich hin. »Nun,« bemerkte sie dann etwas
-scheinheilig, »Sie haben sich also überzeugt, daß man in einer Rolle,
-die aus dem gewöhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung
-machen kann?« -- »Das habe ich nie bezweifelt,« entgegnete Heinrich,
-»aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht für möglich gehalten. Es
-war eben ein _non plus ultra_,« fügte er lächelnd hinzu, »und die
-reißen immer hin.«
-
-Die Künstlerin wiegte den Kopf. »Sie geben also zu, daß es auch gar
-keine so schlechte Aufgabe wäre, ein Schauspiel zu schreiben?« -- »Um
-so lieber,« versetzte der Poet, »als ich's nie geläugnet habe. Das
-Schauspiel in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, obschon --«
--- »Es natürlich tief unter der Tragödie in Versen steht,« ergänzte
-Rosa, »das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von
-Barnhelm --?« -- »Dieses Stück,« erwiederte Heinrich nach einigem
-Besinnen ernsthaft, »ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist
-doch zu viel bürgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas
-hausbackenen Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken,
-hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. -- Das poetische Drama, die
-Schöpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine große, weite,
-farbenreiche Welt führt, ist doch was ganz anderes.«
-
-Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil
-fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Ei,
-ei,« entgegnete sie, »das heißt leicht fertig werden mit einem Stück,
-das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese
-Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung überall auf dem
-Repertoire geblieben, und das muß doch seinen Grund in einem Werth
-haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.«
-
-Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen,
-um ihm über eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht
-eine empfindliche Replik zur Folge gehabt hätte. Während der
-Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fühlte nun, daß =er=
-etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing'sche Komödie zurück,
-rühmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso
-kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den
-Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters,
-vermöge deren er dem bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu
-verleihen gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als er zum
-Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam und über ihre Auffassung
-und Durchführung bestimmte ästhetische Urtheile fällte, die fast noch
-schmeichelhafter klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, da
-sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen.
-
-Nach einer Weile begann sie: »Wann bekommen wir aber Ihre Schöpfung,
-die Tragödie zu lesen?« -- Der Poet versetzte: »In einer Woche soll ich
-die Abschrift erhalten. Diese wird in's Bureau der Intendanz wandern,
-mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Füßen legen.« -- »Sehr viel
-Ehre,« erwiederte sie heiter. -- »Aber,« fuhr sie nach einigem Besinnen
-fort, »können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen --
-oder selbst vorlesen? -- Sie haben gewiß lyrische Gedichte gemacht.« --
-»Allerdings.« -- »Liebeslieder!« -- »Auch solche,« versetzte der Poet
-lächelnd. -- »Natürlich,« rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. »Nun,
-wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns
-und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen,
-auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann können
-Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück selber vorlesen, was unter
-Umständen sehr nützlich seyn kann.«
-
-Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergnügen zu. Man schied
-im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.
-
-Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter:
-»Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch
-ein guter Mensch!« -- »Das erste,« versetzte die Mutter, »hast du ihn
-vorhin beinahe zu deutlich fühlen lassen.« -- »Konnte nicht schaden,«
-erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: »Auf seine Liebesgedichte
-bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn.« --
-»Wer weiß!« bemerkte die Mutter. »Es ist ein hübscher Mann und die
-Poeten --« -- »Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schön
-herauskommt, dann soll er doch Lob haben.«
-
-Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergnügt den
-Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater
-gemiethet hatte. »Sie hat Recht,« sagte er zu sich, »wenn sie das
-Stück von Lessing hoch hält; aber ich hab' auch Recht. Wie geistreich
-und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie
-ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das
-überschwängliche holde Leben, und wir können uns baden in einem Meer
-von Wohlgerüchen.«
-
-Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei
-Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte
-sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte.
-Das Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert,
-begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau
-bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der
-geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit
-unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen.
-Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewählt, die eben so
-anspruchslos wie hübsch waren; der aufrichtige Beifall der Hörerinnen
-entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit.
-Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefühls gar
-nicht mehr weiß, daß es eine Befangenheit gibt.
-
-Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An
-den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern
-vermißten sie den wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt
-durch herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit einem
-ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als Anerkennung ausdrücken
-sollte, oder mit einem Ausruf begnügen, der etwa bedeutete: »Nun ja,
-lassen wir's passiren!« -- In seinem Eifer machte er sich aber nicht
-viel daraus, wenn er's auch richtig deutete, und im Ganzen war die
-Lobernte doch überwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen
-Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine
-entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu
-lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine
-leidenschaftliche Erklärung völlig und ewig sich hingebender Liebe.
-
-»Sehr schön!« rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte
-mit Ernst: »Bei weitem das schönste! Das innigste Gefühl, edler
-Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das,« setzte sie mit
-einem leisen Lächeln hinzu, »das ist Poesie!« -- Heinrich antwortete
-auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah
-dann auf den Tisch und sagte: »Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist,
-so ist's auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen
-abgeschrieben, und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!«
-
-Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß unwillkürlich zusammen
-und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa's folgte einer leichten Blässe
-rasch eine tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der
-Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: »Sie haben eine Braut? Und
-davon haben Sie uns noch nichts gesagt?« -- »Es fand sich noch kein
-Anlaß dazu,« erwiederte Heinrich. -- »Nun,« rief das Mädchen, die sich
-völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, »davon müssen Sie uns
-mehr erzählen! -- Das Idealbild,« fuhr sie nach kurzem Innehalten mit
-Lächeln fort, »haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist
-sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel größern
-Antheil.«
-
-Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten
-auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse
-zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht über Entstehung und Gang
-des Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste's ihnen
-eben die größte Freude zu machen, und that sich nun Genüge nach dem
-Bedürfniß eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf
-das geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.
-
-Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen vermocht hätte, ein
-eigenes Schauspiel gewesen, das Mädchen zu beobachten, deren Herz,
-mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die
-menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, als die
-meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe
-und leide Gefühle können in ihr so rasch wechseln, daß man an ein
-förmliches Zugleichseyn glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar
-durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glück
-ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie ließ nicht nach mit
-Fragen, als ob es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten
-zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst standen ihr bei,
-und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen,
-in nichts zu verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen
-hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im
-tiefsten Grunde zartes Gefühl eingab.
-
-Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter:
-»Unter diesen Umständen muß es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit
-einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles
-wünschen, daß Sie ihn erringen.« -- »Allerdings,« fügte Rosa hinzu, die
-ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich
-Glücklichen betrachtet; »und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird
-immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie können, was nicht
-von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn
-Sie nämlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein,
-wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen Sie nun, daß wir
-Ihre Tragödie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen
-ein, und Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes
-Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so
-lieber lernen und um so besser spielen.«
-
-Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natürlichen und
-poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, daß
-die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den
-eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und
-verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glücklichem Gemüth.
-
-Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin
-und her. Die letztere that eine häusliche Frage und horchte auf
-die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und
-einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer
-Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen.
-Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der
-Mutter deutlich, von welchen Gefühlen sie beherrscht war.
-
-Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes
-Jahr hinter sich, ohne daß sie in eine ernstliche Herzensbeziehung
-wäre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie
-nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter
-verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen
-sage nennen, und ließ sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen
-Annäherungen immer einen Schritt zurück, was dann die Folge hatte, daß
-sie als »kalt« verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar,
-hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und
-darüber die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie sammelte
-sich daher in dieser Hinsicht keine »Erinnerungen,« und ließ sich an
-ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender
-Lektüre genügen. Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton
-einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar
-von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worüber
-sich nur diejenigen wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren
-Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, muß man nicht, was
-man sagt, geliebt haben, so daß man darnach seine eigenen Erfahrungen
-spielt, es genügt die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin,
-mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem
-Leide erfuhr.
-
-Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen
-nach der ersten Begegnung auf der Straße. Davon war die Ursache nicht
-nur seine jugendlich männliche Schönheit, sondern der Schein des
-Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das
-lächelnerregende gelinde Ungeschick eher nützte als schadete. Als sie
-in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell
-interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und
-die erste Unterredung ließ geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen,
-wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor
-ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr
-um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu können
-glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schätzung des classischen
-Stücks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund
-eben in der näheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwäche
-ärgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die
-ersten erotischen, aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, stimmten
-zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung des Verlobten die zarte
-Maienblüthe ihres Glücks mit einemmal hintilgen!
-
-Die Mutter, als Rosa sich endlich in's Lesen zu finden schien,
-ging in die Küche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das
-Heft weglegend, bemerkte: »Da hab' ich nächstens wieder ziemlich
-geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden
-drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen sollen, mit
-einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kämen!« Die Mutter,
-ernst lächelnd, erwiederte: »Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens
-gehört das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen,
-so müssen wir dagegen den mittelmäßigen beistehen.« -- »Eine Pflicht,
-die zuweilen sehr lästig werden kann,« erwiederte Rosa mit einem
-Seufzer. Sie fuhr über ihre Stirn und sagte: »Ich bin müde und mein
-Kopf ist eingenommen. Am Ende,« fuhr sie mit halbem Lächeln fort,
-»ist's der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. -- Sey's was
-es wolle, ich geh' zu Bette.« Sie reichte der Mutter die Hand und sagte
-mit weicher Stimme: »Gute Nacht, Mutter!«
-
-Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und
-erwiederte herzlich: »Schlafe wohl, mein Kind!« Beide sahen sich an und
-der feuchte Glanz ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen
-lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob
-Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: »Dummes Zeug! Gute Nacht,
-Mutter!«
-
-Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile
-nachdenkend und sagte dann: »Ich hoffe, es wird vorüber gehen.
-Allerdings ist's ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie
-selber zu wissen scheint. Aber das Mädchen ist verständig und hat
-Charakter -- sie wird's überwinden.«
-
-Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer
-Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestärkte. Am andern Morgen nach
-jenem aufklärenden Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und endlich
-unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein
-heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit der Mutter und benahm sich
-fast ganz wie ehedem. Die Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte,
-spielte sie mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach
-über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach Hause zurück.
-
-Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie kam, wurde er von Mutter
-und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von
-der Künstlerin mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. »Endlich,« rief
-sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, »haben wir es! -- Und das
-andere?« fuhr sie nach einem Moment fort, »haben Sie's eingereicht?«
--- »Heute,« erwiederte der Poet. »Der Herr Intendant war nicht zu
-sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem
-Schreiben eingesiegelt --« »Gut,« rief die Künstlerin. »Mögen unsere
-Geschicke sich nun erfüllen! -- Ich bin sehr neugierig, besonders nach
-der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist -- auf die Heldin.«
-
-Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. »Ich bitte nur,« sagte
-er dann, »das Stück im Zusammenhang, Scene für Scene, und da es denn
-doch eine Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.« --
-»Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit =Liebe= werde ich's lesen,«
-erwiederte Rosa lächelnd. -- »Um so besser,« versetzte Heinrich. »Eine
-Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung
-entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten sind eine Art
-von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden
-Appetits.« -- »Da haben Sie's bei mir eben getroffen,« versetzte die
-Schauspielerin. »Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fühle, ist nicht nur
-Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich
-der beste Koch und kann auch --« Sie unterbrach sich selbst und fuhr
-mit zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: »Genug,
-ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu
-würdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die
-Lektüre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren.« -- »Und
-ich,« versetzte der Poet mit glänzenden Augen, »glaube Ihnen und sage
-Ihnen dafür den besten Dank.«
-
-Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: »Es ist ein
-großes Glück für mich, daß ich so liebenswürdige Gönnerinnen gefunden
-habe. Ich weiß es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir's nur auch
-ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde
-Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur immer mehr bedürfen -- und sie mit der
-dankbarsten Verehrung erwiedern.«
-
-Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter:
-»Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten können. Sie sind
-uns von einem braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und in der
-kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten
-von Ihnen das Beste --« -- »Nun,« rief die Tochter mit gütigem Blick,
-»und wenn es Sie beruhigen kann -- so lassen Sie uns Freundschaft
-schließen, treue Freundschaft! --« Sie bot ihm die Hand, Heinrich
-ergriff und drückte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge
-ging.
-
-»Sie sind verlobt und glücklich,« fuhr das Mädchen mit edlem Ausdruck
-fort, »und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu
-wünschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer
-noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun.« -- Sie
-hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte,
-fügte sie hinzu: »Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen
-gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir gelegentlich eine hübsche
-Rolle schreiben.«
-
-»Oh,« rief Heinrich, »mit dem größten Vergnügen! Seit ich Sie als
-Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen über den bezaubernden
-Reiz einer ächten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es
-wäre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber lassen wir
-den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein -- Ihre Kunst, Ihren
-Charakter, Ihre Herzensgüte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen
-könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.«
-
-Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, beglückt, gerührt, ihm
-nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter deßgleichen.
-
-Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur
-Mutter: »Ich wünsche von Herzen, daß das Stück sich bewährt und auf dem
-Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten
-Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende Mischung von Geschick
-und Ungeschick, Verstand und Naivetät -- von einer Naivetät, die
-andere vielleicht Blindheit nennen möchten --« -- »Ein Dichter,« fiel
-die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens ein, »der
-mehr in einer Welt der Träume als in der wirklichen zu Hause ist. Die
-Erfahrung wird ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch
-schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die Herzen für sich zu
-gewinnen vermag.« -- »Vielleicht,« erwiederte Rosa, die nachdenklich
-dagestanden, »hilft sie ihm auch beim Publikum durch -- es gelingt der
-erste Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.«
-
-Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem
-plötzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen,
-in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit
-ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden
-hatte, und da sie dem jungen Mann, für den eine Neigung in ihr
-entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so
-glaubte sie in dem erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner
-Freundin, seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.
-
-Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, die, wie rasch
-immer, sich einmal in's Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder
-vergeht oder in ein anderes Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des
-jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr und mehr
-einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das
-der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch
-immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern
-Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nährt und aus
-der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit
-Großmuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann.
-Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren
-Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert
-bleibt, so ist eben damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die
-liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewußt
-seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne
-Lohn ist edler und größer.
-
-Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von
-Empfindungen getaucht, die ihr gänzlich neu waren und deren Schauer
-sie mit Staunen erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt,
-und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur
-eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn
-mitwirkte. Die Gefühle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und
-Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine unwiderstehliche
-Anziehungskraft.
-
-In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder Neigung war
-das Mädchen durch ein Zusammentreffen von Umständen an der Bühne nicht
-beschäftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit
-der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren,
-sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine
-vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die
-vielmehr gepflegt und genährt wurde.
-
-Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und
-sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es
-freilich in ihr zu beben und zu glühen, und sie fühlte: wenn das
-dauerte, wär' ich verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen
-Empfindungen, die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich frischer
-Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl nichts zurück, als eine
-milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschließen wußte.
-
-Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. »Was ich jetzt habe,«
-sagte sie sich einmal, »ist mir doch lieber, als meine frühere leichte
-Fröhlichkeit. Ich würde mir's nicht mehr nehmen lassen! -- Wer weiß?
-Vielleicht ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die Andere ist
-glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur
-die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an
-Ruhm auf dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.«
-
-Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der Tragödie gekommen war.
-Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu,
-das Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie immer wieder
-zögern ließ. War es die Besorgniß, die Dichtung möchte nicht gelungen
-seyn, der Geliebte möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer
-Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur
-müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor
-hatte errathen lassen? Die Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu
-unähnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher
-Demüthigung, unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden?
-Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl indeß wieder und
-wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu
-halten, größeres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines
-Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las.
-
-Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten
-ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu
-erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte
-sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem
-die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen
-verstiegen, nicht eigentlich schadete; glühende, tiefe Liebe zweier
-Personen, die für einander geschaffen und einander werth waren;
-heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf zu
-treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.
-
-Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten,
-gefürchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglänzten Landschaft,
-in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten
-sich drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die Liebe, die Treue
-siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken
-treten auf, nähern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr
-angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft
-sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll
-unwiderstehlich dienen zu können scheint.
-
-Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung allerdings zu lang und
-einzelne Scenen in der zweiten Hälfte nicht klar, nicht schlagend
-genug. Aber beiden Uebelständen kann durch Streichen und theilweises
-Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition
-seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen
-großen romantischen Prospekt eröffnen und durch die eigenthümliche
-dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben.
-
-Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre hinaus begabt war,
-fühlte sich zufrieden und wahrhaft glücklich. Sie freute sich im Namen
-des Poeten, der sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen;
-sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strömte;
-und -- sie freute sich über sich selber, daß die ihr allerdings
-nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fühlen konnte, ihr
-vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn
-die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle
-und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der Geist die
-Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.
-
-Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich
-freute, wollte für jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fühlte sich durch
-das Bisherige schon eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war
-ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergötzen, ihn
-wollte sie in der Seele tragen und den Genuß des verheißenen guten
-Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne
-doch schon jetzt vertieft und erhöht -- durch die Achtung, die er ihr
-eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung,
-um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! -- Sie stand
-auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn
-wollenden Gemüths.
-
-Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue
-Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine
-neue dramatische Arbeit begonnen -- wieder ein Trauerspiel. Dieses
-freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und auf
-seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf
-besaß und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin
-dem Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm nun der
-Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des Dramas in der neuen Dichtung
-vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein
-schien ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, während er
-sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wünschte, von der Höhe, zu
-der er sich berufen halten mußte, doch einigermaßen herabzusteigen
-schien.
-
-Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn
-wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn,
-und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit,
-die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist
-jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann
-drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einführer als Dramatiker
-vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt
-gemacht, der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn -- so hieß
-derselbe -- bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald,
-daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich dieß
-vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen
-und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen an den Tag zu
-legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er erkundigte sich nach dem Stück,
-und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt,
-daß er unwillkürlich über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung
-aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern dadurch als ein Mensch
-erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen könne.
-Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen
-Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um
-Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem
-dunkeln Nachthimmel mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und
-Gesprächeslust hell erleuchtet waren.
-
-Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton
-hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: »An der hiesigen Hofbühne
-ist eine neue Tragödie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und
-durch eine edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. Der
-Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche
-Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit
-einem neuen Stück beschäftigt.« -- Heinrich, der das Blatt in einem
-Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch die
-öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich zurückfuhr.
-Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergnügen, mit so viel Ehren
-genannt zu seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei
-weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den wahrscheinlichen
-Effekt auf Publikum und Intendanz und verließ die Restauration mit den
-angenehmsten Empfindungen.
-
-Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. Mit einem Lächeln,
-worin Bonhomie und gemüthliche Satire bis zur Liebenswürdigkeit
-gemischt waren, rief dieser: »Nun, ich gratulire! Sie haben doch
-gelesen?« -- »So eben,« erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand
-reichte. »Es freut mich, und ich muß Ihnen für die Bekanntschaft
-nochmal herzlich danken.«
-
-Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: »Er muß sehr für
-Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so
-rasch bei der Hand.« Heiter für sich hinsehend schwieg er einen Moment.
-»Apropos,« setzte er dann hinzu, »haben Sie die beiden Herrn schon
-besucht?« -- »Besucht wohl,« erwiederte der Dramatiker, die Regisseure
-verstehend, »aber nicht zu Hause getroffen.« -- »Ich habe vorgestern,«
-sagte der Andere, »mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen früh zu
-ihnen, beide werden zu Hause seyn.«
-
-Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte sich im
-Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich
-doch lauter freundliche, liebenswürdige Leute hier getroffen habe und
-alles nur immer besser sich anlasse.
-
-Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den
-Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem
-Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben
-so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man sah ihm an und fühlte
-auch durch seine Höflichkeit hindurch, daß er seit Jahren Heldenväter
-spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem
-Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er
-dem jungen Dramatiker, daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen
-nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im höheren Styl
-darin zu finden, die er zur Aufführung befürworten könnte. Denn man
-möge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache
-für das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie die hiesige,
-gepflegt werden.
-
-Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte die Hoffnung aus,
-daß seine Tragödie, für deren höhere Haltung er einstehen könne, auch
-als wirksames Theaterstück sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie
-wohl noch seyn!
-
-Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem
-Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. »Wenn das Stück nur sonst
-gut gebaut ist,« sagte er dann, »den Uebelstand der Länge wollen wir
-schon beseitigen.« Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln,
-in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs in seine Verse einen
-leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, dieß
-gewahrend, fuhr fort: »Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern an's
-Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern für
-ihre schönsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem
-Besten, und ich würde Ihnen rathen --«
-
-Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: »Herr
-Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie zur Verfügung. Verfahren
-Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler
-wie Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche,
-damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser wirke.« -- »Darauf,«
-erwiederte der Regisseur, »können Sie sich verlassen! Das Theater und
-der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit
-man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück zum Lesen und ein
-Stück zum Aufführen ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann,
-wird auf der Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, sehr
-unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie würden die meisten
-deutschen Bühnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. --
-Vertrauen Sie,« fuhr er lächelnd fort, »in dieser Beziehung ganz den
-Schauspielern. Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen Sie später
-auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und
-noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das läßt er
-sich nicht nehmen.«
-
-Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrückend,
-gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, daß der Künstler
-geradezu für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das Stück ein
-günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der Einsicht an, die der junge
-Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: »Was ich
-für Sie thun kann -- natürlich in Uebereinstimmung mit den Interessen
-der Bühne -- das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir
-sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes
-Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um so neugieriger
-darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen können.«
-
-Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen Mann. Er
-fühlte, wie sich ihm der Boden unter den Füßen zusehends consolidirte,
-und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er
-in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm
-empfunden hatte. Unmittelbar verfügte er sich zu ihm.
-
-Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung
-verrieth, wurde er von einem länglichen, hageren Mann willkommen
-geheißen, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck
-stehend geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner
-Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen zu lernen,
-einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich dieß
-aufdrängte, fühlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es
-wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene
-betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit hindurch, zu
-sagen schien: »Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brächte, das
-niemand genießen kann!«
-
-Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte sich aber der
-Poet und empfahl seine Dichtung mit Würde, indem er hinzufügte: die
-Urtheile, die er schon darüber vernommen, berechtigten ihn zu der
-Hoffnung, daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen werde.
--- »O,« rief dieser mit Emphase, »davon bin ich überzeugt! -- Auch die
-Presse,« fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, »hat
-auf das Stück bereits aufmerksam gemacht --« -- »Aber ohne daß ich
-dazu Veranlassung gegeben,« fiel Heinrich ein. »Ich wurde selber davon
-überrascht.«
-
-Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben ausdrückte, entgegnete
-der Schauspieler: »Fällt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja
-die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um
-hinterdrein -- Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle
-nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. Aber ich muß Ihnen doch
-gestehen: Tragödien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles
-zu sagen -- auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen,
-kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.«
-
-»Wenn aber eine einschlägt,« warf Heinrich ein, »dürfte sie doch --« --
-»Ein Gewinn seyn?« ergänzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte,
-»ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung
-gewiß.«
-
-»Tragödien,« fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lächeln
-fort, »können am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen
-werden.« -- »Natürlich nicht,« erwiederte der Regisseur. »Was würden
-wir da mit unsern Tragikern -- unsern Heldenspielern und Heroinen
-anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues
-Trauerspiel sehen.« -- »Zur Abwechslung,« setzte der Poet hinzu, der
-auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. -- »Ja wohl,« versetzte
-der Andere, »und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten
-kommen -- immer seltener --« -- »Bis sie endlich ganz verschwinden
-können!« setzte der Poet halb fragend hinzu. -- »Ich meinerseits,«
-entgegnete der Schauspieler, »würde mich zu trösten wissen.«
-
-Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte,
-lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten
-freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: »Sie
-dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor.
-Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft,
-und meine Sphäre ist die Komödie, das Conversationsstück, und was so
-drum herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal ein Bösewicht
-an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist,
-und größere Ansprüche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon,
-daß das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die
-große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den
-Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflößt, und
-wenn dieser in Ihrem Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im
-voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist für mich
-geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beiße, wenn's eben nicht
-anders geht. So ist mir der Sinn für die Tragödie, den ich in meiner
-Jugend wohl auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich
-fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schätzen
-kann, wie sie's verdienen. Indessen,« fügte er mit einer Miene hinzu,
-die es fast bis zum Ernst brachte, »meine Pflicht verlangt, den
-ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und wenn
-sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt -- zählen Sie auf mich!«
-
-Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt und die ernstliche
-Zusage ermuthigt, reichte dem Künstler dankend die Hand und beide
-schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter
-cordialen Betheurungen.
-
-»Auch das,« sagte der Poet auf der Straße zu sich, »ist besser
-gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am
-Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stück hingibt --« Er sah
-geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame,
-die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grüßend trat er zu ihr und
-betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und
-eine Güte, die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer Ernst,
-als er je an ihr wahrgenommen hatte.
-
-»Es freut mich sehr,« antwortete sie auf den Gruß, »daß ich Sie treffe!
-Ich hab' Ihre Tragödie gelesen -- anderthalb Acte --« -- »Nun?« rief
-Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. -- »Ich wünsche Ihnen Glück
-von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich außerordentlich
-angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht
---« -- »O,« rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger
-Ueberzeugung, »es muß noch besser kommen!« -- »Nun,« versetzte sie,
-»dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen Erfolg auf dem
-Theater glauben. -- »Ah,« rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch
-die Brust ging, »das ist heute ein glücklicher Tag!«
-
-Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und ließ deren Ergebniß
-unbewußt im besten Licht erscheinen. Rosa's Gesicht erheiterte sich
-und sie rief: »Das geht ja gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der
-Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein
-Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch er Respekt davor,
-und überhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe
-Ihnen, ich freue mich außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und
-dann mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr
-beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich damit fertig zu werden.«
-Sie grüßte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater
-zu, wohin sie eine Probe rief.
-
-Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd um. »Eine wahre
-Freundin!« rief er weitergehend. »Sie nimmt wirklichen Antheil an mir
-und meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden habe!«
-
-Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und die Fülle seiner Gaben
-noch nicht erschöpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben
-von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen
-sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten
-erfreuten, lauteten:
-
-»Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt' ich dir schon
-früher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch
-bei Vetter Kronfeld gewesen wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine
-halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren
-gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich längere Zeit
-nicht sah, hat mich förmlich in Affektion genommen, und ich mußte
-ihm beim Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit
-wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter (die der
-Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt und kopfhängerisch ist)
-zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin
-jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die
-erste freie Stunde, um dir zu schreiben.
-
-»O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über Alles, daß es dir auch
-gut gehe und du für dein Streben, deinen Fleiß und deine Ausdauer nach
-Verdienst belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann sich mehr
-über dein Fortkommen und das Gelingen deiner Pläne freuen. Wie schön
-wäre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß
-man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu
-schaffen vermag -- von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum
-sollte es nicht möglich seyn? Dir trau' ich zu, daß du alle Zweifler
-beschämen wirst.
-
-»Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von
-großem Interesse für mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in
-deinem Namen recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich's vorhielt,
-lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: »Ich meinte, er hätte
-sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein
-letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es
-schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf
-entbehren können.«
-
-Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist sehr gut. Mache
-dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir nützlich
-werden können, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht
-aus, man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf
-uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! -- die schöne
-Künstlerin, die »einem andern gefährlich werden könnte,« läßt mich doch
-auch für dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so »gefeit« seyn,
-wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher?
-Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die
-treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe
-wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein
-Stück, wenn es nur gegeben wird, muß dem Publikum gefallen. Schreibe
-mir bald wieder.«
-
-
- IV.
-
-Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf's angenehmste. Es ist
-gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in
-reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht
-mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in
-Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens
-wird im sichern Herzen voraus empfunden.
-
-Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß in wohlthuendem
-Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz hatte er bisher nur
-theilweise und flüchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere
-Betrachtung und erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle
-poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien
-Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, und während er
-sich dem Vergnügen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er
-immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich war er
-ganz Empfänglichkeit und der Kritik völlig unfähig beim Beginn eines
-Stückes; er freute sich schon, daß es nur das gab, was ihm geboten
-wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde
-nur um so strenger und kühner. Er sah manches, was ihm vorbildlich
-erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dünkte und was
-er besser zu machen den Beruf hatte.
-
-Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er
-die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater
-und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien
-ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu gehen; allein die
-dämonische Persönlichkeit in seinem Stück war auch ungewöhnlich scharf
-gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht
-eben in seinem Interesse. -- Die heroische Liebhaberin, die ihm schon
-als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans,
-und nach beiden Rollen mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen
-halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse
-Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit
-sie alle Prüfungen bestand, über beide hinausragte. Bei dem Applaus,
-den die Künstlerin errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken
-und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen
-hatte.
-
-Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm
-stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend
-und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die
-Fortsetzung, und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!
-
-Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde
-freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit
-ausdrückte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der
-Journalist, welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als Heinrich ihm
-bekannte, daß er in Journale seit längerer Zeit nichts geschrieben,
-weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch
-genommen werde, schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: »Da
-haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen müssen
-einem immer zur Verfügung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur
-in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter
-bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig auch als Referent und
-Kritiker thätig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blättern
-hat, also weder nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine
-Rücksicht mehr nehmen.«
-
-Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht läugnen -- unter
-gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er aber sein Streben und sein Talent
-für eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben
-würde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher
-bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu
-haben.
-
-Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem schelmischen Zug um
-den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff
-ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen
-bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob
-er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, daß ihm
-auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey.
-
-Dorn schmunzelte. »Das ist nicht zu wundern,« sagte er. »Das Buch ist
-von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn,
-und so hab' ich's pseudonym herausgegeben.« -- »Ah,« rief unser Poet,
-»das muß pikant seyn!« -- »Ich meine schon,« erwiederte der Autor mit
-gemüthlicher Selbstgefälligkeit. »Aber bis jetzt hat es doch noch
-nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist
-freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich erst bekannt werden.
--- Interessirt Sie's?« fuhr er nach einem Moment fort, »wollen Sie's
-lesen?« -- »Wäre mir allerdings sehr lieb --« -- »So nehmen Sie's mit
-nach Hause.«
-
-Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung auf sich nahm.
-Allein er konnte schicklicherweise nicht zurück, steckte das Buch ein
-und verließ den guten Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und
-wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.
-
-Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in
-einem neuen Familienstück auf und führte die Partie eines Mädchens,
-die mit aller Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber
-nach hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit und
-Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, daß sie in den
-letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner
-schauten sich verwundert an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht
-zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen getreten waren,
-fühlte sich überaus glücklich und namentlich auch dadurch befriedigt,
-daß er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit
-schon aufmerksam gemacht hatte.
-
-Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein
-früheres Wort in's Gedächtniß zurückzurufen. Das letztere gerieth ihm
-etwas mentorartig und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln.
-»Nun,« sagte sie, »ich muß am Ende doch daran glauben, daß noch etwas
-mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das
-Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner
-und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,« fuhr
-sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger fort, »kommt es
-wohl nur auf die Rolle an, die man erhält. Der Dichter schreibt vor,
-wir müssen ausführen, und -- es wächst der Mensch mit seinen größern
-Zwecken.«
-
-Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig,
-aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin
-thäte wohl daran, von der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der
-Rührung und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die
-freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog
-dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war,
-obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf
-eine geringere Schätzung eben dieser Gabe von Seiten der Künstlerin,
-und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende
-Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene
-Genugthuung sie dann empfinden würde.
-
-Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war,
-sagte sie: »In Ihrer Tragödie hab' ich noch nicht weiter lesen
-können; ich muß dazu ganz ruhig und gesammelt seyn.« -- »Ich dränge
-durchaus nicht,« erwiederte Heinrich. -- »Das ist mir lieb. Auch für
-die nächsten Tage geht's noch nicht. Sie wissen, das Theater ist
-unberechenbar, und ich soll übermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle
-spielen, die ich fast ganz vergessen habe.« -- »Das verträgt sich
-allerdings nicht mit der Lektüre meines Stücks,« versetzte der Poet,
-»und ich würde selber bitten, daß Sie sich von jetzt an möglichst im
-Zusammenhang erhalten möchten.«
-
-Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig wäre -- in acht,
-höchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn --, den Dichter zu sich
-bitten lasse. Heinrich meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er
-sich noch etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl
-sich, »des Rufes gewärtig.«
-
-Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der Poet brachte den
-ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende und machte sich rüstig an den
-zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil
-der Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei fernere Tage
-ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei verstrichen, ohne daß Botschaft
-an ihn ergangen wäre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine
-dumpfe Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß,
-unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes möglich, er
-brauchte noch gar nichts Uebles zu fürchten bei einer so geringen
-Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte;
-aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des wirklichen
-Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belästigen anfingen.
-
-Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche
-Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde
-von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so
-herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu athmen begann.
-
-Nach einer Weile sagte Rosa: »Sie kommen heute gelegen; ich hätte Sie
-morgen zu uns eingeladen.« -- »Sie sind also fertig?« entgegnete der
-Poet lebhaft. -- »Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt
-gelesen habe.«
-
-Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene
-war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde,
-daß er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in
-Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zögernd fragte er
-daher: »Und Ihre Ansicht?«
-
-Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: »Ich habe das ganze Stück
-mit dem größten Interesse gelesen.« Heinrich nickte, indem seine
-Miene unwillkürliches Bedenken verrieth. »Und die Poesie, die Sie in
-den ersten Acten fanden,« fragte er dann, »ist sie Ihnen auch in den
-folgenden erschienen?« -- »O, allerdings,« erwiederte sie. »Es sind
-reizende Scenen darin, ergreifende, erschütternde Momente!« -- »Nun,«
-versetzte der Autor, wieder beruhigt, »das ist schon etwas! Wie lautet
-aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab' ich auf der Bühne
-zu hoffen?«
-
-Das Mädchen sah ihn an und schien über die Antwort nicht mit sich in's
-Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch
-zugleich mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: »Was
-den Bühnenerfolg betrifft, so getrau' ich mir, offen gestanden, nicht,
-Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.«
-
-Der Poet war betroffen, ja bestürzt. »Ah,« rief er, »das hätt' ich
-nicht erwartet! -- Sie glauben also, daß es auf der Bühne keine Wirkung
-machen wird?« -- »Das ist nicht meine Meinung,« entgegnete Rosa
-lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte.
-
-Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen
-hatte, bemerkte nun: »Rosa will nichts weiter sagen, als daß sie Ihnen
-einen Erfolg, wie wir ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die
-Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.« -- »Durchaus nicht!« fuhr
-die Schauspielerin fort. »Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige
-ist gewagt, kömmt's auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern
-bietet, ihnen eben noch recht, oder wird's ihnen schon zu viel, zu
-stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragödien
-vor der Aufführung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.«
-
-Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen und reinen Anerkennung
-der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze
-um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der
-Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt etwas bedenklich
-geworden, hatte er sich doch höchstens auf Beanstandung einer und
-der andern Einzelnheit gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische
-Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden könnte, das hatte
-er nicht für möglich gehalten; es überraschte ihn schmerzlich, er
-konnte noch nicht daran glauben.
-
-»Aber,« begann er, indem sein verdüstertes Gesicht sich wieder zu einem
-Ausdruck von Selbstgefühl erhob, »die Sprache, wie Sie selber zugeben,
-ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen
-Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere
-gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt machen müßten.« -- »Gerade
-über diese Auftritte in den letzten Akten,« entgegnete die Künstlerin,
-»und über die Wirkung derselben auf's Publikum traue ich mir kein
-bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber
-wenn sie nun -- wehe thäten?« -- »Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich
-als tragisch wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren
-Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren
-im Leid, gewinnen im Untergang --« -- »Das ist Ihre Absicht mit ihnen
-gewesen,« versetzte Rosa, »man sieht das wohl. Nun, und in Rücksicht
-darauf möcht' ich allerdings das Gelingen für eben so möglich halten.«
-
-»Meine Tochter,« begann die Frau wieder, »ist nur so ehrlich, Ihnen
-keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfüllen
-könnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben.
-Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin überein,
-daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent verräth; wenn aber
-die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den
-beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten,
-der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wünschen,
-und niemand herzlicher als wir.«
-
-Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu
-begreifen anfängt, und sagte mit trauriger Miene: »Das ist schlimm! Das
-Vertrauen, das ich auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese
-Urtheile erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in
-großer Verlegenheit.«
-
-Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn
-geworfen, sagte nun: »An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund!
-Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen
-Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie können ja
-ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.« -- Das Gesicht des
-Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: »Das ist wahr.«
-
-Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: »Lassen Sie nur
-erst die Regisseure drüber kommen und das Stück »einrichten!« So
-eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie
-nicht einem Stück zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich
-ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz
-umzuarbeiten --«
-
-Heinrich stand nachdenklich. »Und dazu,« sagte er dann, »müßte ich
-mich wohl verstehen?« -- »Gewiß,« rief das Mädchen. »Ein Theaterstück
-ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl
-dem Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein wirksames Stück
-herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mühe, noch ein paar
-Wochen daran zu setzen.«
-
-Heinrich lächelte mit Ergebung. »Ich sehe schon,« erwiederte er, »ich
-muß wieder von vorn anfangen!« -- »Theilweise,« versetzte Rosa, »und
-das thut nichts! Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure.
-Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenüber auf
-etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer
-im höheren Styl gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie
-auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer,
-und da können noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge
-Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,«
-fuhr sie nach einem Moment fort, »zuletzt muß man's eben darauf
-ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen noch auf der Leseprobe
-der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind,
-während andere, über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben.
-Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz unerwartet, und
-wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber
-nicht wissen können. Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu
-urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende
-Spruch, und darauf hin muß man's wagen.« -- »In Gottes Namen!« rief
-Heinrich; »wagen wir's! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen
-verlangen -- ändern wir!«
-
-Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man
-war zu einem Resultat gekommen und ließ die Sache für jetzt auf sich
-beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage
-mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu berathen. Eine
-Unterhaltung über andere Gegenstände konnte nicht lang dauern. Die
-Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu
-seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das
-»Glück der Schlachten« ankommen zu lassen.
-
-Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen überdachte
-und eins in's andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch
-nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre,
-zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. Das Große, das
-Erschütternde und eigentlich Tragische war ihnen -- zu stark. Darum das
-enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder
-und höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde
-Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich sich entladenden Gewitters.
-Männer, zumal solche, deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig
-anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hälfte den Vorzug
-vor der ersten.
-
-Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube
-eintrat, sah er, trotz des nächtlichen Dunkels, auf seinem
-Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf
-begrüßte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes
-gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen
-Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig
-Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die
-Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer
-überlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift
-seiner Tragödie.
-
-In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag.
-Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung
-entfaltete, lautete kurz:
-
-»Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer
-historisch-romantischen Tragödie hiemit ergebenst wieder zurück, indem
-ich lebhaft bedaure, daß dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne
-nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung -- von Dachburg.«
-
-Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und
-rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war
-Alles verloren -- Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes -- sie,
-die vor allen berufen war, höherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm
-ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll
-zurückschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren
-gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich getäuscht
--- er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwärts zu gehen meinte, wich,
-und er sank in's Bodenlose!
-
-Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden
-Fleiß, Jahre hindurch! -- Was hatte er in sie hineingearbeitet
-von edlen Gedanken, holden Gefühlen, großen Vorstellungen,
-erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm
-das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in
-wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber wohlgefallen mußte!
-Und nun war Alles nichts -- Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase
-wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des
-Lebens und rief ihm zu: »Fort in die Finsterniß -- und vergehe!« Nicht
-einmal einen Versuch machen mit einer Schöpfung, deren poetischer
-Gehalt über allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag,
-die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! Verworfen ohne
-Weiteres!
-
-So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß Angelegten gemacht,
-während man das Seichte, das kindisch Ergötzliche begierig ergreift,
-ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr
-ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! Die
-Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um für die
-hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen!
-
-Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an
-seine Eltern -- und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust
-zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste
-Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prüfung für uns
--- Auguste wird sie bestehen -- und ich muß sie auch bestehen! Die
-Meinigen müssen sich ergeben! Was daraus werden mag -- genug der
-Verzweiflung!
-
-Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschloß
-es in seinen Schrank. Dann schlug er ein ästhetisches Werk auf, an
-dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu
-vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in ähnlicher Lage war,
-das mußte nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele
-kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten,
-die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kämpfende
-Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder
-durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mühsam errungene stolze
-Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des Trostes an,
-vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das
-gepeinigte Menschenherz!
-
-Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf's Lager und
-suchte die erlösende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In
-erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der
-Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem Durcheinander
-weher Empfindungen ging -- langsam genug -- Stunde um Stunde dahin, und
-erst gegen Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen Schlummer
-sinken.
-
-Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, der rüstige junge Mann
-fühlte sich beim Erwachen doch wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes
-erwies sich auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch
-ein substantielles Frühstück wurde die Restauration so weit geführt,
-daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu
-Willmann, ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas Näheres
-über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die größte
-Neugier empfand.
-
-Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur
-ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den
-Ausdruck einer gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie
-Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: »Ich weiß
-schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragödie
-zurückgeschickt --« -- »Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und
-ich habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, was ich besaß,
-und für die treueste Pflege desselben Verdruß und Schmach zu ernten!«
-
-Der Doctor nickte mit Ernst. »Ich kenne diese Empfindungen aus eigener
-Erfahrung,« erwiederte er dann, »und bedaure Sie von Herzen. Zu thun
-ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich
-gegen die Aufführung erklärt.« -- »Beide!« rief Heinrich, indem eine
-leichte Blässe über seine Wangen flog. »Aber,« fuhr er nach einer Pause
-sich wieder ermannend fort, »was haben sie denn für Gründe, das Stück
-für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire natürlich, das
-versteht sich von selbst; aber diese Gründe kennen zu lernen, hab' ich
-wirklich ein großes Verlangen.«
-
-»Dieses,« versetzte Willmann, »glaube ich befriedigen zu können. Ich
-habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, daß sie das Stück
-nicht zur Annahme empfehlen konnten -- ja, ja, auch dem Komiker, er
-hat mir's wenigstens ernstlich versichert -- und ich glaube nun, daß
-es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum
-bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich
-Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken.« Heinrich ergriff seine
-Hand und rief: »Sie würden mich außerordentlich verbinden! Da ich nun
-doch einmal nichts kann, so möcht' ich wenigstens erfahren, woran's
-liegt, um allenfalls, wenn's unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf
-ein anderes Metier zu werfen.«
-
-Willmann schüttelte den Kopf. »Nicht so desperat, mein Freund!«
-entgegnete er. »Ich kenne Ihr Stück nicht und kann also eigentlich
-über Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen
-scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunächst die
-Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die
-ich ebenfalls gehörig neugierig bin.«
-
-Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend saß, kam die zugesagte
-Sendung an. Mit begreiflicher Hast öffnete er das Couvert, nahm
-die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen
-Künstlers. Dasselbe lautete:
-
-»Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und
-erweckt als solches schöne Hoffnungen für die Zukunft. Der Dichter
-gebietet über einen nicht gewöhnlichen Schatz von Empfindung und
-Phantasie, besitzt auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo
-diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm
-anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das
-Stück zur Annahme vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben
-zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in
-den letzten Akten immer fühlbarer wird, so daß wir von dem Ganzen
-einen wüsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter
-malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bösen, sondern
-auch die edlen Charaktere des Stücks machen endlich den Eindruck von
-Carikaturen. Das Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum,
-unter übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr
-natürlich und menschlich empfunden wird, da können wir nicht mitfühlen
-und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen,
-ob dem Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, daß
-es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die Tragödie ist trotz des
-poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als
-Theaterstück verfehlt, und die Aufführung in seinem eigenen Interesse
-nicht zu wünschen.«
-
-Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz begonnen und
-glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu können; aber der Trank, den
-er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter;
-unter unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf's
-neue die ganze Pein der Niederlage. Für den einseitigen Beifall, den
-ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte,
-mußte er nun in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches
-die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere Mixtur
-ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las:
-
-»Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit großem
-Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbühne konnte ich
-es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der
-Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist
-zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehörig beschnitten
-würde, möchte sich unser Publikum davon doch erwärmt und erbaut
-fühlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition eröffnet wird,
-ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie
-vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. Von dem
-dritten Akt an bietet uns das Stück ein Interesse, das der Autor gewiß
-nicht beabsichtigt hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden
-Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer
-auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; obwohl dieß, und wie
-Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen,
-eines komischen Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist
-aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die
-Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn
-in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die
-Länge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen freilich
-zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß auch der gelangweilte
-Zuschauer beurtheilen mag, als Todsünden können sie am Ende doch nicht
-gelten; und so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch
-noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar untergeht, während
-von den Missethätern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und
-die übrigen, die auch noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer
-Betäubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. -- Sey
-mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß der junge Dichter, trotz
-aller dieser Mißgriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische
-Begabung verräth und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne
-durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine große Beschämung
-erspart.«
-
-Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das die menschliche Seele
-in sich aufnehmen kann; was darüber in sie eindringen will, das findet
-sie entweder fühllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann
-daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung
-eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und
-das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu
-kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche
-Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien der Köcher des Unheils
-erschöpft zu seyn.
-
-Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich
-die Rücksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrückten.
-Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen
-Umständen ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen sehr wenig zu
-bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, daß die zweite das Gegentheil
-davon recht vergnüglich zur Schau trug.
-
-Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit
-sie gehen mochten, anzunehmen und auszuführen. Und wenn dieß geschah,
-wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt
-hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen?
-Aber freilich: gespielt mußte sie werden, und dazu mußte sie verstanden
-seyn! Die Hauptcharaktere mußten Darsteller finden, welche den Adel
-derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung scheint
-man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben!
-Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter!
-
-Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren
-Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet.
-Der Autor, welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden
-geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; er erlag den
-Streichen, die -- ein Philister und ein Spaßmacher gegen ihn geführt
-hatten! Der Unmuth, den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der
-Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft
-des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl gab ihm endlich auch
-die Stimmung zu einem Bericht seines Mißgeschicks an die Geliebte.
-Er setzte sich an den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das
-Erlebniß auffassen müßten, und schrieb:
-
-»In meiner Tragödie hab' ich große Seelen geschildert, welche den
-Prüfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren
-Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine
-geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, die ich
-zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich durchaus unstatthaft finden
-muß, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stückes verweigert.
-Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung
-zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem Werke; aber man behauptet,
-die Effekte in den letzten Akten wären zu stark, könnten eher den
-gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt
-nun die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das in keiner Art
-zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß durch gewisse Kürzungen und
-Abänderungen eben das wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre.
-Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter
-meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. Der Ersatz und Trost ist
-jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stück, worin das, was man
-am ersten getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen kann;
-ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener
-zu erreichen, was mit unserer Tragödie anzustreben mir versagt wird,
-indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender
-Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen
-bin, ist nur vertagt.
-
-»Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten
-Moment, wie ich nicht läugnen will, übte sie eine entmuthigende Wirkung
-auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft,
-und halte den Kopf oben. Laß mich du nun die Stimme der Liebe hören,
-die Trostworte einer edeln und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und
-meine Thatkraft hab' ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir
-auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder bringen, womit die
-Poesie von selbst aus der Seele fließt. Ich verlange sehnlich nach
-einem Wort von dir. Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem
-Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald,
-liebe Auguste, sobald als möglich!«
-
-Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem dieß aber
-geschehen, fühlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der
-gegenwärtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten
-zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswürdige
-Getränk durch die Kehle gießend, empfand er bald seine zugleich
-stärkende und besänftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer
-Art auch poetische Lust, nach der eben so großen als unerwarteten
-Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen
-allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames
-Durcheinander von Gefühlen. Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des
-Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die
-beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu
-erblicken und ihnen mit allem Vergnügen die Titel zu geben, die sie
-nach seiner Ansicht gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und
-Hohn gegen Hohn -- das thut der männlichen Seele wohl, und der Geist
-erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden Höhe.
-
-Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmähmonologe
-laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergötzend, legte er sich
-zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf.
-
-
- V.
-
-Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble Eindrücke; aber
-wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da
-seine elastische, vorwärts gehende Natur sich nach Möglichkeit immer
-wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in
-welchem er das in voriger Nacht Versäumte gründlich hereinbrachte,
-hatte er seine Gefaßtheit wieder und genoß einer wohlthuenden Stille
-des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das
-schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig getröstet. Im tiefsten
-Innern war noch ein unerschütterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm
-gedachte er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.
-
-Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein
-humoristisches Licht über seine Züge. Er nahm den Kalender, suchte den
-Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte
-und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. -- Konnte es (wenn es
-nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein
-aus dem Bauch eines Wallfisches an's Land gespuckter Prophet! Welche
-Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen
-geschehen muß, von der Unähnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich
-in seiner Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen
-habe, was für den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu
-ätherisch war; und man findet nun gewiß natürlich, daß er auf das
-Erlebniß Reflexionen gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn
-weiter zu beruhigen.
-
-Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden ist,
-hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nächsten Tage stand in
-dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: »Die
-historisch-romantische Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung
-eines hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen sollte,
-ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als für die Darstellung
-unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch dießmal
-voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen,
-sondern nur zur Beschämung verholfen!«
-
-Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gänzlich
-unvorbereitet las, fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen: er
-fühlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens.
-Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß
-wenigstens kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können.
-Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen Genanntwerdens,
-nach dem er so großes Verlangen getragen und das er sich so schön
-vorgestellt hatte! -- Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu
-werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt
-war, und verließ die Restauration in kürzester Zeit.
-
-Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Straße
-wandelte, in der die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr
-gering war, sah er plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er
-jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte -- den Professor
-Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wäre auch feige gewesen,
-und so ging er gerade vorwärts, zog instinktmäßig den Hut und rief mit
-gebührender socialer Achtung den Gruß des Tages. Der Professor lüpfte
-seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht für sich hin, das in
-Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an
-ihm vorüber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn
-seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenöthigt, wie gänzlich
-er seinen Mann gleich beim ersten Gespräch erkannt habe.
-
-Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, drehte er sich um und
-sah ihm nach. »Vermaledeiter Pedant!« rief er für sich und setzte
-innerlich murrend seinen Weg fort.
-
-Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen
-zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen
-leichten Ausruf der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem
-höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine Complication
-von Schadenfreude, eigener Beschämung und trotziger Geringschätzung
-derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. »Nun,« fragte er
-den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, »haben Sie schon
-gelesen?« Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich
-verachtende Erhebung über den Unfall ausdrücken sollte.
-
-»Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!« fuhr jener
-fort. »Ich habe Ihr Stück nach Ihrem Referat und nach den Versen, die
-Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen
-blamirt!« -- Heinrich zuckte die Achsel. »Es thut mir leid,« entgegnete
-er. »Indessen,« setzte er etwas spöttisch hinzu, »Sie werden es wohl
-verschmerzen.«
-
-Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kämpfers den Bart.
-»Nun,« versetzte er, »das hoff' ich auch. Morgen ist der Bettel
-vergessen! -- Für Sie,« fuhr er spielend fort, »ist die Sache etwas
-unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche
-kleine Unglücksfälle kommen so oft vor, daß sie eigentlich gar nicht
-der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von
-Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben eine Celebrität;
-und was kann man sich Besseres wünschen?«
-
-Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdruß des
-Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende Bemerkung mit einem nur
-halb erheiterten Gesicht. »Diese Veröffentlichung einer Niederlage,«
-sagte er dann, »und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth doch
-eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?«
-
-»Das Blatt hat nichts gegen Sie,« versetzte Dorn. »Aber der
-Feuilletonist -- Emil Schilf -- ist Autor von zwei Stücken, die hier
-mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn
-geärgert, das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem Neid
-erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei Ihrem Unglück inniges
-Vergnügen empfindet und sich die Freude macht, es an die große Glocke
-zu hängen?« -- »Verächtlich!« rief Heinrich.
-
-»Begreiflich,« entgegnete Dorn, »und sehr gewöhnlich!« Er schwieg,
-sah ihn freundlich an und sagte: »Wie steht's mit Ihrem neuen Stück?
-Rückt's vor?«
-
-»Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich hoffe darin alles
-vermeiden zu können, was man am ersten Drama gerügt hat.« -- »Bravo!
-Nur immer lustig vorwärts!« Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der
-Seite an und fuhr fort: »Haben Sie zufällig auch schon Zeit gefunden,
-einen Blick in mein Buch zu werfen?« -- »Noch nicht. Die Aufregung
-und der Verdruß der letzten Tage --« -- »Natürlich,« fiel Dorn ein.
-»Aber nehmen Sie's nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches
-darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut -- auch über Theater und
-Theaterleute.« -- »Ah,« rief der Poet, »dafür hätt' ich gegenwärtig
-allerdings die Stimmung!« -- »So lesen Sie,« erwiederte der Autor,
-indem er ihm die Hand reichte; »amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre
-Feder! Es wird alles noch gut werden.«
-
-Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen
-zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu
-treten. Er war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den Frauen,
-denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und
-vielleicht gar einer Art von Geringschätzung zu werden, hatte etwas
-außerordentlich Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte er sich doch;
-er wollte auch dieses Verhältniß in's Reine bringen, wenn auch um den
-Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden
-Fußes zu ihnen.
-
-Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine
-Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fügte
-die sachgemäßen Tröstungen so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft
-erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte:
-»Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hänge nicht
-von Einem Stücke ab.«
-
-»Bravo!« rief das Mädchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu:
-»Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein Glück; man hat um so mehr
-Hoffnung, mit Glück aufzuhören.« -- »Wenn man's erlebt!« erwiederte der
-Poet mit etwas bitterem Humor. »Indessen, das hängt nicht von uns ab.
-Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!«
-
-Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, daß er im
-Innern von seinem Mißgeschick doch noch sehr bedrückt war, sagte für
-sich hinsehend: »Wer weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht
-schon selber ein Glück war!«
-
-Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: »Sie meinen,
-daß mir dieses kleine Unglück das noch viel größere eines eclatanten
-Falles erspart haben könnte?« -- Rosa, leicht erröthend, machte eine
-Bewegung mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen wollte.
--- »Also auch Sie!« fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und
-Kümmerniß fort, »auch Sie geben das Stück unrettbar verloren!« Er sah
-sie an und brach unwillkürlich in die Frage aus: »Ist es denn aber so
-gar schlecht?«
-
-Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses Ausrufs einer
-Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu
-erwiedern: »Durchaus nicht -- an sich selbst, aber für die Aufführung
-höchst bedenklich!« -- »Höchst bedenklich!« wiederholte der Poet,
-wie einer, der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. »Und das
-sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?« -- »Vielleicht,«
-erwiederte Rosa. »Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel
-Arbeit, daß Sie leichter und sicherer ein neues Stück ausführten.«
-
-Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung
-und rief: »In Gottes Namen! Das neue Stück, wie Sie wissen, ist
-angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen,
-ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!« -- Die Künstlerin
-schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. -- »Sie zweifeln am
-Gelingen?« rief Heinrich. »Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?«
--- »Zu Ihnen,« erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, »alles, zu Ihrem
-neuen Stück wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!«
-
-»Nun,« versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, »das ist doch wohl an sich
-kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklärt
-seyn? Darf jetzt überhaupt keines mehr geschrieben werden?« -- »Das,«
-versetzte Rosa, »will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand
-Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich wünsche Ihnen sicheren
-und wo möglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem
-gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.«
-
-Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, entgegnete:
-»Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack
-jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich
-habe keinen Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine Art und
-würde auch zu nichts führen. Es mag ein Unglück seyn, aber es ist nun
-einmal so.«
-
-Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. Jetzt, mit
-Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: »Würden Sie eins ausführen, wenn
-man Ihnen den Stoff dazu gäbe?« -- Heinrich, nachdem er sie forschend
-betrachtet, erwiederte: »Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in
-die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte --«
-
-Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt und einen Blick der
-Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen
-Blick der Zärtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster
-Freude, entgegnete dem Poeten: »Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu
-haben und will ihn an Sie abtreten!«
-
-Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. »Ist's möglich?« rief
-er. -- »Ja, ja,« versetzte die Mutter. »Sie hat nicht nur einen Stoff,
-sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte Scenen!«
-
-Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der
-Künstlerin, die erröthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses
-rief er endlich: »Wie! Sie sind dramatische Dichterin? -- Und das
-erfahr' ich erst jetzt?« -- »Ein gutes Sujet,« erwiederte das Mädchen,
-»und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine
-Poetin. Ich hab' im Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir
-just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr günstig
-halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden Sie mich geradezu
-glücklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.«
-
-Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens.
-»Das geht nicht,« rief er, »das darf ich nicht! Ich Sie berauben?
-Unmöglich!« -- »Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?«
-entgegnete das Mädchen nicht ohne Ungeduld. »Soll man Ihnen nicht
-einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster aller Sterblichen?
-Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am
-wenigsten die Poeten!« Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah,
-fuhr sie fort: »Nun? -- Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin
-der Aufgabe nicht gewachsen und würde Gott weiß wie lange daran herum
-arbeiten; aber Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen den
-Stoff, und meinem Stoff den Poeten.« -- Das Gesicht Heinrichs klärte
-sich auf. »Nun,« rief er, »wenn es Ihnen ernst ist --« -- »Vollkommen!
-Hier meine Hand und meinen Dank.«
-
-Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer
-Genugthuung fort: »Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Blätter
-nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen
-Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.«
-
-Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Güte wahrhaft gerührt.
-Er dankte und pries das Glück, eine so treffliche Freundin gefunden zu
-haben, in so warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die Mutter
-bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen
-wäre, sich in etwas Unvermeidliches zu fügen.
-
-Heinrich war von der neuen Aufgabe -- obwohl sie ihm noch eine bloß
-allgemeine war -- sofort ergriffen. Er brachte die nächsten zwei
-Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie
-bezogen, versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich die
-Erfahrungen in's Gedächtniß, die er selber gemacht, und suchte Reden
-und Gesprächsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant
-waren. Er bildete ein förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam
-zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld
-einen Versuch zu machen.
-
-Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm dann ihren Plan und
-endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgeführten Scenen vor.
-
-Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches Ereigniß in einem
-früheren Bekanntenkreise der beiden Künstlerinnen, was dem Conflikt
-und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen
-eine »alte Geschichte,« aber durch die neuen Beziehungen, in welchen
-sie verlief, neu und charakteristisch für die gegenwärtige Zeit.
-Menschliche Charaktere; die guten mit Schwächen und natürlichen
-Beweggründen, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten
-Elementen ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang der Intrigue
-von der Art, daß die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres
-Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der
-Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und
-steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen
-Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt
-der Beschämung überliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu
-werden. Alles das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, daß
-die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf
-poetische Begründung und Bereicherung zu denken hatte.
-
-In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die Anschauung, was man
-daraus machen könnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was
-jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen
-Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Künstlerin
-angenehm überraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte
-markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht
-und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar für
-ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl
-der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der
-Universität kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage
-sehr plausibel zu machen wußte.
-
-Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen,
-debattirt und sich verständigt hatte, konnte man sich rühmen, einen
-Plan zu besitzen, den man für höchst versprechend halten mußte.
-Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu
-leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung.
-
-Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan
-Rosas Antonie hieß, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit
-mit Auguste. Wie diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich
-Antonie würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in
-dieselbe Lage gekommen wäre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise
-gedacht, daß er bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa selber
-verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen
-Charakter zu schaffen gewiß war. -- Welche Lust nun, in Ausführung
-dieser Gestalten seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu
-gleicher Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin
-aber eine Rolle schreiben zu können, worin sie den Lohn des reichsten,
-beglückendsten Beifalls ernten mußte!
-
-Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem lieben Mädchen zum
-Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in's Auge sah und die
-Hand drückte, daß seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu
-unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn
-gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn.
-
-»Das muß gelingen!« rief der Poet noch mit frohem Pathos. »Ich werde
-das Meinige -- das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern,
-zurechtweisen -- und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen,
-das dem Publikum Thränen entlocken und es zu begeistertem Dank
-hinreißen soll! Adieu für jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten
-Akt!«
-
-Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt und stattlich
-seiner Wohnung zuzuwandern.
-
-Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch
-das Gefühl, daß er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag
-dießmal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung,
-Alles war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die
-ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, daß man an ihre Tugend
-glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, daß man ihr
-Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte er
-für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig beglückend,
-erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Mäßigung und die
-labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die Herzen
-gewinnen mußte. Er stellte sich's recht lebhaft vor und erquickte sich
-innig an diesen Eigenschaften.
-
-Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte
-sich auf seinen Zügen und das schöne Roth der Freude wandelte sich
-in das düsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht,
-mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend
-überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der täuschende Flor
-gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in
-all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen
-durch sein Inneres.
-
-So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt
-Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe
-und Freude des Schöpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt
-die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet.
-Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung oder böser Wille gefällt; es
-wäre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! -- Neue, schärfere
-Angriffe rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des
-Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rüge und
-wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch
-lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das
-Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genöthigt, es als
-Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der
-Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder
-der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben
-plötzlich durch eben so große Häßlichkeit erschrecken, so grinst den
-Unglücklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht,
-im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, er
-gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber.
-
-Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs
-mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragödie
-charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und
-Wahrheit fühlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die
-Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus,
-aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre
-Schönheit, ihre Sphäre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie
-Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen
-Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher abgewiesen, verbanden
-sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging
-in Trümmer.
-
-Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige Aufgebenmüssen einer
-so unendlich geliebten und unwillkürlich bewunderten Schöpfung! Die
-Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich
-aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre
-schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen.
-
-Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob!
-gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz für den
-schmerzlichen Verlust war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue
-Dichtung mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch
-gespannten nur trügerisch versprochen hatte. War es doch auch eine
-schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fügte! Uebte er doch in
-der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und
-Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich
-verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, Selbstüberhebung. Aber er war
-vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere --
-und nun mußte es ihm auch gelingen.
-
-Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser Klarheit. Denn
-freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu
-verklären, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren
-wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das
-gesagt! Auch geschrieben hatte er's und drucken lassen für Andere!
-Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn
-blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren jedes
-leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele
-ging, das überschwänglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er
-den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der Dichtung
-nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung
-bestätigte Wahrheit. Nun hatte er's im Wollen, und nun mußte er's auch
-haben im Vollbringen!
-
-Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine
-Stube als ein verwandelter Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder
-erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben:
-es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefühl, daß es
-herzlich Gewünschtes bringen werde -- und er täuschte sich nicht. Das
-Schreiben lautete:
-
-»Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab' ich
-deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn möglich? Eine Dichtung, die
-uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung
-gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Aufführung werth seyn? Man
-schickt sie dir wieder zurück, als wäre sie ein schlechtes Machwerk! O
-wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung
-abnehmen, wie groß die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine
-Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Fleiß,
-den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen
-seyn? Bist du denn nicht verzweifelt?
-
-»Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen und lebhaft
-daran denken, daß man eben so eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du
-sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn
-ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es -- ich hab'
-es ja von dir gehört und mit dir erlebt! -- ein dramatisches Werk zu
-schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung
-bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen
-mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bühne
-nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann.
-Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die
-Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall gewinnt, dürfen sehr
-groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen
-sollen!
-
-»Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und deine Ausdauer
-vor, dann glaube ich, trotz allem, doch wieder an dich und hoffe auf's
-neue. Gib dir nur Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden,
-die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft mit Schauspielern
-und mit Dichtern, die schon effektvolle Werke geschrieben haben, und
-laß dir von ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung des
-Publikums, die du im Theater studiren kannst, und trachte in deinem
-Stück nach Scenen, die du am meisten auf die Herzen wirken siehst.
-Wenn du das alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent
-ganz gewiß durchdringen.
-
-»Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist mir sehr schwer
-geworden. Bei ihrem großen Vertrauen auf dich wollten sie die Nachricht
-zuerst gar nicht glauben. Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben
-vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater entschlüpfte das
-Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! Ich nahm mich aber deiner
-an, und mein herzlicher Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine
-Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen konnten.
-Aber das rechte Vertrauen ist noch nicht wiedergekehrt.
-
-»Ein übles Nachspiel gab's, als die Zeitung eintraf, die deine
-Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat. Auf die Fragen zu antworten,
-die man jetzt von allen Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht
-leicht und angenehm gewesen; ich hab' es aber in meiner Liebe zu dir
-gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen ihr herzliches Bedauern
-aus, und darunter der brave Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm
-Bürge, daß es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken werde.
-Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht zurückhalten und ihre
-Reden wurden durch ihre Mienen so auffallend Lügen gestraft, daß ich
-mich über beide sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse
-geworden.
-
-»Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich nicht
-entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete jetzt nur alle deine
-Kräfte auf und erfreue mich bald mit einer guten Nachricht, die den
-Glauben der Eltern stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich
-zischeln, verstummen machen kann. Vertraue auf meine unwandelbare
-innige Theilnahme an Allem, was du unternimmst; schreibe mir Alles, was
-dir irgend Bedeutendes widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung des
-neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, und harre in Hoffnung;
-aber dann melde mir endlich einen Erfolg, der Alles wieder gut macht
-und die treuesten deiner Freunde am glücklichsten!«
-
-Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung erfreute
-und erhob den Liebenden im Innersten, und muthig blickte sein Auge,
-als er die letzten Zeilen gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser
-Erfolg war gefordert, aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das
-Geschenk eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs war eine
-Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß seiner Lage. Hülfe in
-der Noth, doppelt und dreifach willkommen! Er fühlte das wunderbare
-Zusammentreffen mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe
-Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.
-
-Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die ersten Scenen gelangen
-ihm nach seinem Gefühl munter, frisch -- um nicht zu sagen keck. Als
-er zu Tische ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines Herzens
-trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und theilte ihm unter dem
-Siegel der Verschwiegenheit seinen Fund, seine Hoffnung mit. Der
-Doctor war ernstlich erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich
-schelmischen Glanz hatte, rief er: »Also bekehrt! Einer von den Unsern!
--- So rasch ist der Plan --« Er hielt inne, schüttelte ihm die Hand und
-setzte hinzu: »Nehmen Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie
-im rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des Jahrhunderts, und
-_vogue la galère_!«
-
-
- VI.
-
-Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, der hauptsächlich unsere
-Epoche bezeichnet und auf allen Gebieten mit wechselndem Glücke geführt
-wird, mußte nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten.
-Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am Ende nur zur Ausgleichung
-führen kann, braucht sinnigen Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden.
-Aber wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter
-der Gegensätze, welche sich, »des langen Haders müde,« zuletzt die
-Hand reichen werden? Schwerlich. Der Kampf wird dazu dienen, die
-Akten spruchreif zu machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk
-seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, den Streit
-in sich selber durchkämpfen und der Ausgleichung fähig werden in der
-gerecht unterscheidenden, gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie,
-denen der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern und
-Zusammenwirken für den Sieg im Großen, der sich, wenn es Gott gefällt,
-nach und nach wird erstreiten lassen.
-
-Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte in gewissem Sinn
-auch den Dichter, dessen Schicksale hier dargestellt werden sollen.
-Er hatte ein Auge für die wirkliche Welt, er lebte und liebte in
-ihr, er fühlte die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in
-verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte er einem
-unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden der Phantasie, und glaubte
-in ihnen eben das Größte, das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge
-des idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus, und
-sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, unscheinbarem Licht. Seinen
-Hauptberuf erblickte er jenseits der Schranken des Irdischen, und auf
-ihn warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger Jugend.
-
-Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß übel gelohnt. Gleich
-Phaeton war er herabgestürzt aus den himmlischen Höhen: gewaltig
-erschüttert, aber glücklicherweise doch nicht zerschmettert und kein
-tragisches Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah er sich auf
-der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, daß sie lieblich
-anzuschauen war und ihm anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum
-Ersatze bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten Licht und
-freute sich über Alles, nachdem ihm das Große nicht gelungen war, um so
-besser das traulich ansprechende Kleinere zu leisten.
-
-Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden Geist verklärte
-Leben. Der Geist kann alles verklären, was er liebt; nicht nur das
-Große, sondern auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den
-Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste zeigt, auch
-erlöst werden sollte und soll. Die Malerei hat Götter und Heroen
-dargestellt, aber auch den Schmetterling, den Käfer und den Apfel
-wiederzugeben nicht verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz
-bewahrt hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, wenn sie
-nämlich gelungen sind!
-
-Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des Poeten, als er sein Drama
-weiter führte. Seine Liebe zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem
-sie ruhiger wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen
-mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein Schamgefühl über
-ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, womit er auf solche Arbeiten
-früher herabgesehen hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm
-bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte aber auch, daß die
-Buße heilsam war für ihn und seine Arbeit.
-
-Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er brauchte denn doch
-länger dazu, als acht Tage), begab er sich zu den Freundinnen.
-Unter guten Erwartungen las er ihnen die Reinschrift vor und wurde,
-hinsichtlich des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im
-Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen gründeten sich aber
-auf Erfahrung und natürlichen Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht,
-und er änderte mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu
-Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns gegönnt.
-Jetzt setzte er's nur fort und freute sich der wachsenden Reinheit.
-
-Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken hin als richtig
-zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd an und sagte: »Mein lieber
-Freund, Sie haben einen guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht
-glauben, der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich
-werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, erkennen Sie die unsere an
-und lassen sie gelten. Das ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern
-nicht sehr häufig vorkommen soll.«
-
-»Mir,« entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, »hat ihn auch erst ein
-Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört er zu mir und ich
-gedenke ihn zu behalten.« -- »Immer zu!« rief die Mutter lächelnd. --
-»Im Grunde,« fuhr der Poet fort, »kommt es auch hier nur darauf an, was
-man eigentlich will: die Sache, die Kunst, oder sich selber. Wer die
-Kunst will, der hat ein Ideal der Vollendung vor Augen, und er ruht
-nicht, bis sein Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer =sich= will,
-der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte Ideal, weil es
-von ihm ist. Natürlich wird so Einem der Widerspruch als persönliche
-Beleidigung erscheinen, während er jenem, als zur Verbesserung der
-Sache dienend, lieb und willkommen ist.«
-
-»Weislich erklärt,« entgegnete Rosa mit Lächeln. »Nun, unsern
-Widerspruch können Sie schon gelten lassen; er kommt weder aus einem
-tadelsüchtigen noch frivolen Gemüth und hat nichts als die Schönheit
-Ihres Werkes im Sinn.« -- »Das weiß ich,« erwiederte Heinrich, »und
-darum hör' ich ihn mit Freuden und bitte um die Fortsetzung.«
-
-Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner Thätigkeit
-und seinem Verkehr mit den beiden Frauen Schritt für Schritt zu
-begleiten. Er arbeitete stetig jeden Tag, und wenn das Drama langsam
-vorrückte, weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten und
-wiederholte Versuche nöthig machten, so wuchs es doch und nährte die
-Begierde des Autors zum Weitergang.
-
-Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich bedeutend oder
-gewagt erschienen) las er an freien Abenden den Damen vor, hörte Lob
-und Tadel und änderte nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und
-ganze Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es interessant
-gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin dabei sich ergänzten.
-Heinrich strebte nach Gehalt, Geist, höherem Ausdruck, und vielfach
-gerieth es ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu schwer,
-zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; und so wurde
-er von Rosa bekämpft, bis der Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte
-vorzugsweise den Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden
-Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge herzustellen. Hier
-überschritt sie aber ein paarmal die Linie, schlug Reden vor, die
-sich nicht natürlich aus der Situation ergaben, und mußte sich von
-dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit über alles
-ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit und der Wirkung einander
-entgegen traten, ging es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte
-sich wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde, daß in einem
-Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll seyn müsse, und Heinrich,
-wenn er die unmittelbaren Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch
-in sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung Sorge trug.
-
-Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche Herz im Guten
-und Schlimmen, so wie die Leiden und Freuden der bürgerlichen Sphäre
-gar wohl kannte und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens
-zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem er wirkliche,
-lebendige Menschen zeichnete, die in natürlicher Entfaltung ihres
-Innern Sympathie zu gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen
-immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste Vergnügen.
-
-Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen Trauliches und
-unter Umständen Heiteres, daß ein Besucher, auf den ersten Blick hin,
-sich gesagt hätte, die sind glücklich und machen sich glücklich.
-In der That unterhält nichts anziehender und schöner, als gleiches
-Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. Rosa konnte das Drama so
-gut ansprechen wie Heinrich, und jedenfalls lag ihr das Gelingen um
-nichts weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes Auge glänzte
-Genugthuung, wenn sie etwas für gut erklären mußte, besonders wenn
-dieß nach einer zweiten Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert
-hatte. Da rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es gleich so
-richtig getroffen und sich dadurch als wahren Dichter bewiesen habe, so
-warm, so froh, daß er beglückt lächelte und auch über das Gesicht der
-Mutter ein Schein der Freude ging.
-
-Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, die es
-schon längere Zeit waren und darum in ruhiger Freundlichkeit sich
-gefielen. Bei näherer Betrachtung zeigte sich freilich, daß der
-Poet an der Liebenswürdigkeit des Mädchens sein Vergnügen hatte und
-sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber doch nur
-in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte, während aus ihrem Auge
-zuweilen Blicke kamen, die ihre tiefe Leidenschaft verriethen -- ein
-süß und schmerzlich erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft
-verschlossen gehalten wurde.
-
-Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der junge Mann diesen
-Zustand ihrer Seele nicht endlich doch erkannte und nun mit sich
-zu Rathe ging über das unter solchen Verhältnissen ihm gebotene
-Benehmen? Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich
-unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens Schuld,
-die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, daß sie den Ausdruck
-einer tieferen Empfindung rasch wieder in Scherz verkehren und damit
-auslöschen konnte. Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben
-entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für den Beweis
-einer Freundschaft, die auch er gegen sie empfand, für die natürliche
-Sympathie der Künstlerin mit dem Dichter, und endlich -- warum nicht?
--- für den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das er
-ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch, daß er verlobt war
-und an der Geliebten mit unverbrüchlicher Treue hing; wie hätte er
-denken sollen, daß sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in
-Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte die Geliebte,
-die Freundin die Freundin, und darum genoß von den dreien nur er allein
-eines reinen, ungetrübten Glücks.
-
-Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren eigenen Weg
-genommen. Der dramatische Dichter und die feinsinnige, reizende
-Künstlerin schienen für einander geboren. Aber während sie ihn liebte
-und in dieses Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit
-leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern umgab sie,
-die Schöne, nur um so eifriger mit den Zaubern einer verschönernden
-Einbildungskraft. Sie war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin
-seiner Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust
-erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth über Alles,
-und sie endlich sein zu nennen und sie mit allen an's Herz zu drücken,
-eine nicht zu fassende Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große
-Künstlerin, durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben erglänzen,
-daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen ihr Licht verlieren
-mußten. Wenn die Freundin sich um ihn verdient machte und ihm zur
-Erreichung seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem
-Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die Erwählte durch
-seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend heimzuführen.
-
-Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes Gemüth schon
-durch den großmüthigen Beistand sich beglückt fühlte, hatte doch eine
-schmerzlich bittere Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal
-so recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie nieder, und
-es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit ihm an der Vorstellung seines
-endlichen Glückes selber zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich
-nur um so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse Scheu
-gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu preisen und der Freude
-seines Herzens Worte zu geben, so folgte er jetzt dem Drange desselben
-um so rückhaltloser, weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude
-zu machen glaubte.
-
-Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu erheben, wurde
-Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. Ein Liebender findet so
-viele Gelegenheit, von der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage
-nach ihr gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit
-mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu Rathe zieht. Eine
-Erkundigung nach einem Bezug, der nur ihn selber betrifft, läßt ihn in
-die Antwort einflechten, was =sie= vorher oder nachher, in oft sehr
-entferntem Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. Heinrich, um
-der bewiesenen Theilnahme durch eben so großes Vertrauen entgegen zu
-kommen, theilte die schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von
-Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich zum Ruhme
-sang, und gab dazu Commentare, die oft noch viel poetischer waren als
-die Gedichte selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber
-die einmal angenommene Haltung zu bewahren hatte, so ahnt man, was sie
-dabei litt.
-
-Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber in ihr an. Der
-Poet hatte den Gedanken, in den beiden Mädchengestalten sowohl die
-Geliebte als die Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und
-es begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur in all
-ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne und recht eigentlich secundär
-erschien. Die Künstlerin hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe
-ihren Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu entlasten.
-Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern auch ästhetisch
-verletzt. Denn eben jene erste Figur drückte sich in der Arbeit zu
-hoch und zu kostbar aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig
-beeinträchtigen mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu Rathe gegangen,
-trat den Uebertreibungen in diesem Bilde so geschickt als möglich
-entgegen, mußte aber doch länger kämpfen, indem der Poet endlich
-nur nachgab, als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere
-Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen ließe. Bei
-der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge zu machen zu besserer
-Ausstattung an Gemüth und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß
-im Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich erheitert,
-gehorchte.
-
-Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe genug hatte, so war ihr
-doch auch ein Ersatz geboten. Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer
-Beihülfe gedieh das Werk und klärte und bildete sich der Autor
-selber. Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, erreichte
-er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte sie sich sagen, daß
-sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin seines Glückes war. Er
-selbst war gewissermaßen ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte,
-und sie hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer
-gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht zu bloßer
-Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches Herz forderte seine Rechte.
-Eben nach längerer Zurückhaltung, in der Müdigkeit, welche stete
-Selbstüberwindung zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle nur um
-so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu erschüttern.
-
-Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben Rückfall Heinrichs
-in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft, stellte sich ihr in
-der Einsamkeit sein Benehmen vor die Seele und ein wahrer Unwille
-erstand in ihr. Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in
-seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und diese letzteren
-erschienen ihr in grellem Licht. Da sie sich nun doch zu ihm hingezogen
-fühlte, so war sie entrüstet über sich selber, klagte sich an und
-empfand diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine Frage
-erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen verursachte. War es die
-Verlobte werth, daß sie ihr weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich
-aus ihren Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff
-beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden hätte Glauben
-schenken können. Der Gedanke stellte sich ihr dar, daß dieser auch hier
-sich täuschen und da, wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches
-Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen und Streben
-vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß sie, die Künstlerin, ihn
-fördern, ergänzen, glücklich machen könnte. Sie dachte sich, wie
-schön und fröhlich sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre
-zusammenstimmenden Berufe zu treiben vermöchten, und ein Schmerz, eine
-förmliche Indignation durchdrang sie, daß die Welt und das Geschick es
-anders beschlossen, daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn
-sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele, ihn trotz allem
-durch ein anderes Benehmen gegen ihn zu gewinnen, mit der Abwesenden
-zu kämpfen und -- zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er
-gekommen war. »Nein,« rief sie, nicht ohne das Pathos des Stolzes,
-»ich will keinen Mann erobern, der mich nicht liebend sucht! Eben weil
-ich eine Schauspielerin bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen
-Müttern und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist. Sie soll ihn
-haben -- und ich, ich werde mich trösten!«
-
-Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese Art sich endlich zu
-erheben. Zuweilen versank sie in stille, tiefe Trauer und erschien wie
-krank, wofür sie sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung
-des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah, so zu Herzen, daß
-sie in ihrem Stübchen vor Zorn weinte und unter reichlich fließenden
-Thränen ihr Geschick verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und
-den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft vergiftet
-habe.
-
-Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung nicht immer verborgen
-bleiben. Sie schüttelte den Kopf und warf auf die Tochter Blicke, die,
-ihr Innerstes durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend, wo
-sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie, was ihr sey, und
-das Mädchen sprach ihren Verdruß darüber aus, eine Rolle nicht erhalten
-zu haben, die ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut habe.
-Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, und sie rief: »Geh,
-und mach mir nichts weis! Du hängst an diesem Menschen und verstrickst
-dich immer tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück, das ihr
-mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück, und ich erkläre mir nun
-die fatale Empfindung, die ich hatte, als du es an ihn abtratest. Je
-mehr er dich kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen
-nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für ihn, und dein Lohn ist
-Herzeleid!«
-
-Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. »Du übertreibst, liebe
-Mutter,« entgegnete sie mit der Ueberlegenheit einer Seele, die an
-ihrem Loos trotz allem festhält. »Wenn du aber auch Recht hättest, was
-thät' es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am wenigsten
-einer Schauspielerin. Man macht damit neue Erfahrungen, neue Sphären
-menschlicher Gefühle schließen sich auf, und man spielt besser. Ja,
-ja,« fuhr sie mit einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort,
-»für mich insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich habe
-mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere Seite gelegt,
-und das geht wohl eine Zeit lang, wird aber nach und nach langweilig
-und schädlich. Das Herzeleid führt in die Tiefe, macht uns ganz --
-allerdings, liebe Mutter! -- und wir gelangen zur wahren künstlerischen
-Ausbildung.«
-
-Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den Mund, hatte den Kopf
-geschüttelt. »Du rufst den Humor zu Hülfe!« entgegnete sie. »Wird
-er immer vorhalten?« -- »Es ist mein Ernst,« versetzte Rosa mit
-Ergebung. »Dieser Poet ist in unser Haus gekommen und wir haben uns
-für ihn interessirt. Das Theater, von dem er alles erwartete, hat ihn
-abgewiesen und recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte
-ihm die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei alledem hab' ich
-mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr Unglück dabei für mich heraus, als
-mir lieb ist, so muß ich's tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht so
-schwach, und werde schon damit fertig werden.«
-
-Die Augen der Frau waren naß geworden. »Du bist ein gutes Kind,« rief
-sie, »ein edles Herz. Du hättest ein besseres Loos verdient!« -- »Ach,
-Mutter,« versetzte das Mädchen, »man kann in dieser Welt nicht alles
-haben und muß sich genügen lassen! Mir ist dieses Unglück im Grunde
-doch lieber, als das ehemalige Glück, und ich würde es nicht dafür
-hergeben, wenn sich's mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark
-aufgelegt hat. Ich hab' nun einmal meine Freude dran! Laß mir's, bis
-mich's von selber verläßt!«
-
-Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß sie an ihre Brust
-und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Stirn. »Wann wird das
-aber geschehen?« entgegnete sie. »Die Arbeit, die euch immer wieder
-zusammenführt, wird noch eine gute Zeit dauern. Kann sie die Krankheit
-nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar wird?« -- »Im Gegentheil,«
-versetzte das Mädchen; »eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird mich
-heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, sorg' ich eigentlich
-nur für mich selbst.«
-
-Die Mutter schaute sie zweifelnd an. -- »Ganz einfach,« erwiederte die
-Tochter. »Wenn das Stück geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet
-ein gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir nun gesehen, und
-wenn er einmal erfährt, wie er's am besten verwenden kann, wird er den
-Weg, auf den wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann um
-seine Auguste anhalten und wird sie heirathen -- und ich werde mich
-beruhigen; denn so kindisch bin ich nicht, daß ich einen weiblichen
-Werther spielen werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns wenig
-oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem Herzen wieder still werden
-und nur der Nutzen der Erfahrung wird übrig bleiben.« -- Die Frau sah
-ihr in's Auge und lächelte mitleidig. »Sehr gut berechnet,« entgegnete
-sie. »Also für jetzt glaubst du dich deinem sogenannten Glück noch
-ruhig überlassen zu können?« -- Das Mädchen sah für sich hin und über
-ihr wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das nicht ohne
-Schelmerei war. »Nun,« fuhr die Mutter fort, »ich kann's nicht ändern.
-Du willst es haben -- sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!«
-
-Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich ihrem Ende. Sey es
-die Einrichtung der Natur, zufolge welcher nach einer Zeit stürmischer
-Erregung immer wieder eine Zeit der Ruhe kommt -- sey es der Einfluß,
-den der gute Fortgang des Stücks auf ihr Gemüth übte, genug, Rosa wurde
-schon in dieser Zeit heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch
-einen Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber auch den Takt
-oder das Glück, ihr fast nie mehr durch Naivetäten wehe zu thun. In der
-Freude seines Herzens über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer
-gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen guten Anlaß
-vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte Akt brachte so das Ende gut
-Alles gut nicht nur für die Personen des Stücks, sondern auch für die
-Erfinderin, die eine große Genugthuung empfand, wobei das Bewußtseyn
-gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung weit überwog.
-
-Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel Mühe hatte er sich
-gegeben; aber nun durchdrang ihn eine Sicherheit, wie er sie in solcher
-Klarheit nie empfunden hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem der
-Freundinnen -- eine Täuschung war unmöglich.
-
-Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten Auftritte skizzirt
-hatte und die Schönheit des Wetters ihn auf die Straße lockte,
-begegnete ihm Willmann. Sie begrüßten sich und der Novellist sagte:
-»Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut -- sehr gut werden.« --
-»Woher wissen Sie das?« fragte Heinrich. -- »Ich weiß es,« entgegnete
-der Andere behaglich.
-
-Der Poet nickte begreifend und sagte dann: »Ich meine freilich selber,
-daß es mir geräth; und ich hoffe nun, den beiden Herrn, die mich wegen
-meiner Tragödie so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu
-können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür sie mir Dank wissen
-müssen.« -- »Dem,« versetzte Willmann, »sehen sie mit Freuden entgegen;
-denn Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.«
-
-»Wie muß ich das verstehen?« rief Heinrich. -- »Nun,« erwiederte der
-Doktor, »am Ende muß es ja doch heraus, ich will's Ihnen also gestehen,
-daß wir Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu Ihrem
-Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer Straße des Verderbens,
-zeigten aber trotz Allem eine nicht gewöhnliche Befähigung zum
-Dramatiker -- darüber waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung
-nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, beriethen uns, und es
-wurde beschlossen, eine energische Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die
-Urtheile kennen zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den
-Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und wirkte gründlich.«
-
-»Ah,« rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. »So habt
-ihr also mit mir gespielt?« »Aus Antheil an Ihnen,« fuhr Willmann
-begütigend fort, »aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie von Ihrer
-tragischen Ueberschwänglichkeit _par force_ wegzubringen, und in diesem
-Sinn hat Freund Berger allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug,
-es ist geglückt, Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt
-begeben, sondern nach allem, was ich höre, darauf auch schon einen Sieg
-erkämpft.«
-
-Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der demüthigenden Empfindung,
-geführt, wenn auch zu seinem Besten geführt zu seyn. »Es ist
-geglückt,« begann er nach einer Pause; »aber nicht durch euch, ihr
-Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das mich freundlich
-aufgeklärt und mir das Bessere an die Hand gegeben hat.«
-
-»Wohl,« versetzte der Andere; »aber dieser Freundlichkeit mußte
-vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem so verstockten Idealisten
-durchdringen sollte. Die Heilung ist methodisch vor sich gegangen.
-Nach der Erschütterung durch Donner und einschlagenden Blitz kam der
-Sonnenschein und that das Uebrige.« -- »Die Hauptsache!« warf Heinrich
-ein. -- »Die Hauptsache,« wiederholte der Schriftsteller, »zugegeben!«
-Er schwieg einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: »Für Sie kann man
-wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger Mann, der notorisch verlobt
-ist, gewinnt noch andere Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer
-bringen für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die Welt, darauf
-können Sie sich verlassen. Und eins ins andere gerechnet, sind Sie nun
-doch eigentlich mit einem sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.«
-
-Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt in die Nähe des Theaters
-gelangt. Willmann richtete seinen Blick auf das stattliche Gebäude und
-sein Gesicht erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor
-getreten und kamen gegen sie her; es waren die Regisseure. Heinrich
-konnte nicht umhin, mit Willmann vorwärts zu gehen, obwohl er vor der
-Begegnung eine erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der
-Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, sondern auch auf
-der Straße glücklich vermieden, so daß für ihn jetzt eine Art Eis zu
-brechen war. Indessen zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt
-in sich aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang ihm, die
-Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen.
-
-Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler) dankte freundlich
-und sagte: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind
-Sie die Zeit her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes fertig
-haben!« -- »Fertig,« entgegnete Heinrich, »wird es bald seyn. Ob es
-etwas Schönes ist, werden Sie zu entscheiden haben.«
-
-Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen Blick auf ihn geworfen,
-in welchem Spott und Wohlwollen sehr ergötzlich gemischt waren. »Sie
-haben sich,« bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, »herabgelassen,
-einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben zu behandeln
-und ein Schauspiel zu schreiben?« -- Heinrich sah ihn an und zuckte
-unwillkürlich die Achsel. -- »Sie soll gelungen seyn,« fuhr jener fort,
-»die Frucht Ihrer Condescendenz.« -- »Die Freundin,« warf Hallfeld
-ein, »hat mit uns darüber gesprochen. Demnach wäre am Erfolg nicht zu
-zweifeln, und ich hoffe, daß wir es bald zu lesen bekommen werden.«
-
-»Ich freue mich sehr auf den Intrigant,« versetzte Berger, »der
-recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir sagen nämlich ganz
-besonders gemischte Charaktere zu -- Menschen, die mit respektabler
-Schlechtigkeit eine Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So
-Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen möchte, kommt in
-Ihrem Stück vor.« -- »Und soll,« entgegnete Heinrich mit eingehender
-Laune, »wenn das Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen, den
-die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere dieser Art congenial
-zu versinnlichen.« -- »Charmant!« rief der Komiker, während die Andern
-lächelten.
-
-»Ich gestehe,« begann Willmann, »ich freue mich sehr auf die
-Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. Sie haben,« fuhr er auf
-Heinrich blickend fort, »durch Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil
-erregt.« -- »Allerdings,« bemerkte der Heldenvater mit Würde. --
-»Unbedingt!« setzte der Komiker hinzu. -- »Und da Sie sich in der Zeit
-der Calamität so ritterlich gehalten haben, so gönnen wir Ihnen von
-ganzem Herzen einen öffentlichen Erfolg.« -- »Und den wohlverdienten
-Lorbeer,« ergänzte Berger -- »den Lohn der Demuth, die sich selbst
-bezwungen!« -- Nach weiterem Austausch von Höflichkeiten dieser Art
-schied man erheitert und mit den besten Wünschen. Heinrich ging nach
-der Wiederanknüpfung mit den Kunstverwandten eines hin und wieder doch
-lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. Behaglich fühlte er,
-wie sich der Weg für ihn mehr und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen
-nach dem andern hervortrat.
-
-An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief an Auguste. Die
-Geliebte hatte ihm auf die Meldung, daß er auch das zweite Trauerspiel
-einstweilen liegen gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite,
-nach längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die zärtlichste
-Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem nach den bisherigen
-Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit angenommen werden könne, daß
-er bei dieser neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte
-sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie nicht Ueberzeugung
-bewirkten, doch Glauben fanden. Jetzt konnte er nicht nur die
-Vollendung, sondern gleich auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen --
-und mit welch gerechtem Selbstgefühl that er es!
-
-»Ja, meine Theure,« schloß der Bericht, »meine Prüfungszeit ist vorüber
-und der Lohn der Ausdauer so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand
-zu haben glaube. Endlich, endlich ist mir's gelungen! Nicht nur die
-Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der Bühne und das Verbleiben
-auf dem Repertoire ist mir verbürgt -- durch das Urtheil von Kennern.
-In vierzehn Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß
-hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche Darstellung folgen,
-und dann heißt's: Auf Wiedersehen! auf glückseliges Wiedersehen!«
-
-Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also lautete: »Die
-frühere Aeußerung über Doctor Willmann muß ich zurücknehmen. Hinter
-einer allerdings etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser
-Schriftsteller ein tieferes Herz, und an mir und meinem Schicksal nimmt
-er wahren Antheil. Theilt er nicht alle meine Ideen, so ist er doch ein
-Mitstrebender und Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche,
-neidlose Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.«
-
-
- VII.
-
-Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem kleinen Kreise berathen
-und nach wenigen Aenderungen gebilligt. Das Stück war fertig.
-
-Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den Genuß, das vollendete
-Werk nochmal zu übergehen und im Einzelnen durchzubilden. Es gehört
-dieß, wenn der Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den
-angenehmsten Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch die Neige der
-Schöpferfreuden _con amore_. Wie aber auf Erden kein Glück rein bleiben
-soll, so wurde auch in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer
-Tropfen geworfen, der ihn ärgerlich vergällte.
-
-Unser Poet hatte den satirischen Roman seines guten Freundes Dorn schon
-vor Monaten zu lesen begonnen, aber sich nicht damit befreunden können.
-Er fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des Autors, auch wo
-sie das Schlechte geißelte, zu direkt und gehässig, als daß er mit ihr
-hätte sympathisiren können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte
-(dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der Geist der Rache und
-der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, denen nichts Wohlthuendes
-gelingen kann. Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier
-wurde rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten Eindruck
-und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen förmlichen Widerwillen,
-so daß er es, noch nicht in die Mitte gekommen, bei Seite warf.
-
-Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, fühlte der
-etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den guten Bekannten wie die
-Wahrheit zu schonen, und sagte darum: er habe sich mit großem
-Interesse hineingelesen, könne aber einen so stark gewürzten Trank
-nur in kleineren Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine
-Frist ausbitten. Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig
-zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und man trennte sich unter
-kameradschaftlichen Versicherungen.
-
-Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der Poet, daß er das Beißen
-in den sauern Apfel nicht länger verschieben könne; er nahm das Buch
-eines Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er konnte
-das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im Einzelnen -- nicht
-allzuhäufig --, unerquicklich im Ganzen; von der Schneide des Hohnes
-Rügenswerthes, Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen,
-das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in einem Sinne
-zu besprechen, wie der Autor es wünschte, für Heinrich ganz und gar
-unmöglich war.
-
-Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder mit Dorn zusammen.
-Er theilte ihm auf Befragen das Neueste über sein Stück und seine
-Hoffnungen mit, und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher
-Zurückhaltung; dann sagte er: »Wie haben wir's aber mit unserem
-Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl gelesen haben!« -- »Freilich,«
-erwiederte Heinrich mit einer gewissen Hast. »Er hat mich interessirt
-bis zu Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den Getroffenen
-von Herzen gegönnt habe. Läugnen will ich aber nicht, daß ich auch auf
-Angriffe gestoßen bin, die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.«
--- »So?« entgegnete der Andere. -- »Nun,« fuhr er nach kurzem Schweigen
-fort, »im Grunde ist das natürlich, man kann nicht in allen Stücken
-gleich denken. Ihr Urtheil im Ganzen ist also?« -- »Daß das Buch von
-dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen und Vergnügen
-gelesen werden kann.«
-
-Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht darnach angethan,
-eine Autorseele zu befriedigen. Unser Poet aber, der sich bewußt
-war, daß der Roman eben so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen
-werden könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit
-ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung noch dazu als
-abgenöthigt erschien. Dorn, dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn
-mit verdächtigen Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand über,
-machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen über Abwesende Luft,
-und sagte zuletzt mit einem Lächeln »Guten Tag,« das nichts Gutes zu
-bedeuten schien.
-
-Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern eine Schuld
-unbezahlt lassen, und er überlegte daher ernstlich, ob nicht eine
-Form auszudenken wäre, in der er, ohne der Gerechtigkeit eben in's
-Angesicht zu schlagen, dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte,
-doch auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand keine, und dieß
-beunruhigte ihn sehr und trübte das Glück der schönen Tage. Endlich
-rief er: »Zum Henker mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache
-los, und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt ist,
-dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen, die ich ihm ohne
-Gewissensbisse erweisen kann!«
-
-Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete Heinrich die
-Revision und stellte ein reinliches Manuscript her.
-
-Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das Stück sofort einreichen
-könne, schüttelte Rosa den Kopf. »Vorher,« sagte sie, »muß noch was
-Anderes geschehen. Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen
-wahrhaft zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, und
-Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor. Gut gelesen wird es nicht nur
-einen gewinnenden Eindruck machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß
-geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.« -- Heinrich, über die
-consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, erklärte seine Zustimmung unter
-Worten des Dankes.
-
-Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in dem traulichen Zimmer
-versammelt. Man hatte sich cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen
-des feinen Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. Der Poet
-hatte offenbar eine günstige Position. Konnten ihn nicht alle, wie er
-jetzt war, gewissermaßen als ihre Schöpfung ansprechen, und mußten sie
-sich daher nicht über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen
-wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von Befangenheit wich aus
-seiner Seele.
-
-Willmann, ihn betrachtend, sagte:»Hat unser Dramatiker in der letzten
-Zeit nicht geradezu ein anderes Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt
-so menschlich, sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend --«
-
-»Sehr natürlich,« fiel Berger ein. »Er ist herabgestiegen aus den
-ätherischen Höhen und Mensch geworden, indem er sich in wirkliche
-Menschen versetzte, und -- menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute
--- Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen kann -- wie ich
-höre.«
-
-»Die Welt,« fuhr der Novellist heiter fort, »wird gesund, man kann
-nicht mehr daran zweifeln. Der Realismus erstarkt und macht eine
-bedeutsame Erwerbung nach der andern.« -- »Leben und Lebenlassen,« rief
-der Regisseur, »das ist die Parole des Jahrhunderts! Sogar auf dem
-Theater, wo man sonst mit wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in
-die Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen bedeckte, wird
-es mehr und mehr Sitte, in schlichter Prosa zu guter Letzt sich um den
-Hals zu fallen und dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger
-Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.« Mit einem Blick auf
-Hallfeld, der launig den Mund rümpfte, fuhr er fort: »Der Herr College
-scheinen nicht ganz einverstanden zu seyn?«
-
-»Doch,« versetzte dieser. »Aber in eurem eigenen Interesse möcht'
-ich euch Herrn rathen: übertreibt's nicht mit eurer Prosa und eurem
-Lebenlassen! Denn sonst möchte das Publikum am Ende auch das genug
-kriegen und ihr könntet einen Rückfall erleben.« -- »O,« rief Berger,
-»mir ist nicht bange!« -- »Man kann für nichts einstehen,« erwiederte
-der Andere. Der Komiker sah ihn an, und da er, besonders vor einem
-Auditorium, zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: »Sie
-kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, aber Sie thun sich
-selber Unrecht. Ihr Spiel ist im Prosadialog so vorzüglich wie in der
-Versetragödie und für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender.
-Es herrscht darin eine Natur, eine Frische --« -- »Bitte!« rief
-Hallfeld. -- »Also davon abgesehen! Sagen Sie mir nun in allem Ernst:
-was hat man eigentlich an einer versificirten Tragödie?«
-
-»In allem Ernst?« fragte Hallfeld erheitert. »Wollen Sie etwas
-Ernsthaftes hören?« -- »Oh,« rief Berger mit einem Ton des Vorwurfs,
-»von Ihnen mit Freuden! Und gewiß alle hier Anwesenden?« -- »Ja wohl,
-ja wohl,« riefen Heinrich und Rosa. -- »Also, kurz gesprochen, was hat
-man davon?« -- Hallfeld erwiederte mit ruhigem Nachdruck: »Die Kunst.«
--- »Die Kunst!« wiederholte der Andere. »Sie meinen die Kunst im
-aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen des wirklichen Lebens
-hinaus geht?« -- »Die Kunst in dem Sinn, wo sie über die Kleinheit,
-Gewöhnlichkeit und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,«
-entgegnete Hallfeld. »Die Kunst, die in eine Welt versetzt, wo das
-höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse so natürlich klingen, wie
-im gewöhnlichen Leben die Prosa.«
-
-»Das klingt sehr schön,« erwiederte Berger, »und« (setzte er lächelnd
-hinzu) »ungefähr so sagt's der Herr Professor auch. Aber ich, als ein
-verstockter Realist, stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen
-die Wirkung, die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen
-halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. Wir geben also
-eine versificirte Tragödie (denn um die Tragödie handelt sich's) --
-was ist, kurz und bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum -- in nicht
-allzugroßer Zahl -- sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen Verse
-beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon verübt oder wird verübt;
-zunächst mit glücklichem Erfolg. »Triumph« ruft das Verbrechen, »Rache«
-die Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei nicht selten das
-nervenerschütternde Spiel noch durch einen gräulichen Lärm hinter den
-Coulissen verstärkt wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer
-Dämonen, wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn der Blitz,
-die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, und der Vorhang fällt. Die
-Zuschauer, wenn sie mit ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder
-im Wirthshause sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden dauernde
-Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt und gerüttelt, in
-dumpfe Verwirrung gesetzt, und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg,
-trotz der Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion sehr
-natürlich geklungen haben.«
-
-Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur ergötzt,
-lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach kurzem Schweigen erwiederte
-dieser: »Darf ich nun auch eine Tragödie aufführen?« -- »Immer zu!«
-rief Berger.
-
-Hallfeld begann: »Also -- das Publikum sitzt in ernster Erwartung und
-der Vorhang geht auf. Schon durch den Klang der Verse wird der Hörer
-der Atmosphäre des Alltagslebens entrückt und in eine höhere feierliche
-Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige Kraft, deren Leidenschaft uns
-mit Staunen erfüllt, wird zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen
-hingerissen, und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die
-Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf beginnt, den
-wir mit erhabener Spannung begleiten. Wir fordern den Untergang des
-Frevlers, indem wir seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt
-endlich unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, um mit
-einem Heros der tragischen Dichtung zu reden, ist zermalmt, aber
-zugleich erhoben; und nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die
-ebenfalls Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster Art ist,
-nachdem er Blicke gethan hat in's Jenseits und in die Ewigkeit, verläßt
-er das Theater, wie man einen Tempel verläßt. Und ein Tempel -- ein
-Tempel der Kunst -- soll's ja auch seyn, das Theater, nicht ein Haus,
-wie man's zu Hause auch und am Ende noch besser hat.«
-
-Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend, wenn auch
-mit Würde spielend, begonnen, aber nach und nach zu einem Ernst sich
-erhoben, der seines Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein
-so lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte; die Wirthinnen
-nickten beifällig und Berger sah schweigend auf den Tisch. Plötzlich
-aufsehend und den Redner betrachtend, entgegnete der Komiker: »Ihre
-Schilderung ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich in
-fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen, und ich sehe dadurch
-meinen alten Verdacht bestätigt, daß Sie im Geheimen dergleichen
-anfertigen.«
-
-»Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,« erwiederte
-Hallfeld. -- »Gewiß nicht,« entgegnete Berger, »namentlich das Erste
-nicht. Nun, um Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön
-gesprochen haben Sie; wenn's nur eben so wahr wäre! Gut, gut,« rief
-er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, »ich weiß, was Sie sagen
-wollen. Die classischen Stücke, classisch aufgeführt, wirken so.
-Zugegeben. Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn wir's
-ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen welche, die
-vielmehr den von mir geschilderten Effekt machen. Neue Stücke, die
-sich den classischen unter den classischen anreihen -- mit aller
-Achtung vor den lebenden Talenten sey es gesagt -- dürften uns nicht in
-allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre es gewiß ein billiger,
-allen Verhältnissen Rechnung tragender Vorschlag: das Theater in so
-fern als Tempel zu behandeln, als wir einmal in der Woche die Priester
-der Tragödie darin fungiren lassen, an den übrigen Tagen aber es als
-ein Haus zu benutzen, was es trotz alledem viel mehr ist, als ein
-Tempel. Denn ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung und
-metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es eben das Schauspielhaus,
-das Haus, worin vorzugsweise gegeben werden sollen Schauspiele,
-inclusive Lustspiele.«
-
-Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter aufzunehmen und der
-ermunterte Komiker fuhr fort: »Ermessen wir dabei unsere Kräfte,
-vielleicht auch die Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der
-Geschichte in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß wir im
-genreartigen Drama -- wenn Sie den Ausdruck erlauben wollen -- auch
-besser spielen, als in der hochstylisirten Tragödie. Zum lebensgroßen
-Bild reicht unsere Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns
-schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer schön heraus.
-Talente, mit einem Geist, einer Figur und -- einer Stimme, wie wir
-sie an unserem Heldenvater bewundern, sind selten und werden immer
-seltener. Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen, pikanten
-Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung und geben dem Publikum
-das, was es doch eigentlich am öftesten begehrt und wofür es auch am
-dankbarsten sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung
-der Kasse.«
-
-»Das,« fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld hinzu, »ist doch
-wohl auch sehr zu bedenken. Das Publikum sieht sich jetzt am liebsten
-selber auf der Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und
-gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch besser machen,
-besser spielen, so sind wir am Ende aus allen Gründen gemahnt, den
-Zuschauern vorzugsweise zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so
-freundlich sind.«
-
-»Gut gesagt!« rief Berger. »Und wie viel ist hier noch zu thun! Welche
-Schätze warten noch der Hebung! Welch köstliche Narren, Philister und
-Bösewichter können die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts auf
-dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von Schauspielen und
-Tragödien nach dem Verhältniß der Werkeltage und Festtage -- und es
-wird wohl stehen im Lande!«
-
-Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden wünscht.
-»Damit,« sagte er, könnte ich mich am Ende zufrieden erklären.
-Festtage! Dazu gehören auch die Feiertage der Woche!« -- Berger, nach
-einigem Besinnen, rief: »Meinetwegen! Ich will nicht knauserig seyn.
-Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen Kalender! Dann: _Soyons
-amis!_« Er reichte ihm die Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit
-einer Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, schüttelte
-sie.
-
-Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung mit einer Miene
-dagesessen, die den Frauen und endlich auch Willmann aufgefallen
-war. Ein Ernst sprach aus seinem Gesicht, der sich von dem des
-Heldenspielers wesentlich unterschied, indem er einen poetisch
-feierlichen Charakter hatte. »Was ist Ihnen?« rief ihm der
-Schriftsteller zu. »Sie scheinen in höheren Sphären zu seyn!« -- »Ich
-habe eine Idee,« versetzte der Angeredete, »eine Idee, die mir Freude
-macht!« -- »Nun?« rief Willmann, während die Andern auf Heinrich
-schauten. »Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben, die Sie abtrünnig
-werden läßt. Ihr Aussehen --« -- »Verkündet Frieden -- Harmonie!«
-rief der Poet. -- »Das laß ich mir gefallen!« entgegnete jener. »Sie
-unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie und der
-Tragödie?« -- »Mit einer Modifikation, die sich auf unser Metier
-bezieht.« -- »Ah so! -- Nun?«
-
-Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: »Leben und
-Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich glaube, daß wir ihn eben jetzt
-auf unsere Fahne schreiben und unserem großen Dichter folgend das
-»Gedenke zu sterben« in »Gedenke zu leben« umwandeln müssen.« --
-»Ah, bravo!« rief der Vertreter der Comödie, der an dem Redner mit
-humoristischer Aufmerksamkeit hing. »Wir müssen zwar alle sterben,«
-fuhr Heinrich fort, »und es wird gut seyn, auch daran zu denken. Aber
-bevor es zu Ende geht, müssen wir leben, das Leben gründlich benützen,
-und dürfen uns in diesem edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören
-lassen.« -- »Recht gesprochen!« rief Berger -- »Also lob' ich die
-Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir thatsächlich stehen,
-zeichnet, aufhellt und auf Ziele weist, damit dieses Leben nicht
-bleibe, wie es ist, sondern selbst immer schöner und erfreuender
-werde.« -- Der Komiker blickte zweifelnd.
-
-»Die dramatische Poesie,« fuhr Heinrich fort, »lasse Streit und
-Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie führe Irrthum und Schuld
-vor, um davon zu heilen.« -- »Ja wohl,« fiel Berger ein; »aber das
-darf nicht schulmeisterlich, tendenziös --« -- »Nein,« versetzte
-Heinrich, »sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter sehe das
-wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, er sehe es, wie es in der
-That ist, reorganisire es liebevoll und zeige es im Bilde wahr und
-schön. Er sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle,
-ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit, und bereichere
-die poetische Literatur, die dramatische Literatur, mit neuen und
-neuschönen Gemälden.«
-
-»Ganz gut,« rief der Komiker. »Sie dürfen aber nur nicht gar zu schön
---« -- »Das sind sie nie, wenn sie wahr sind!« -- »_A la bonne heure!_«
--- »Und weil es denn,« fuhr Heinrich fort, »an der Zeit ist und alle
-Forderungen darauf hinweisen, so cultivire der Dichter jetzt vor allem
-diese Poesie des wirklichen Lebens und liefere auch dem Theater Stücke,
-die mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben, schließen!«
-
-»Bravo!« rief Willmann. -- »Diese Thätigkeit,« fuhr der Poet fort, »sey
-ihm aber zugleich eine Schule, eine Vorschule für die wahre Tragödie.«
--- »Ah so!« riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld
-erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. -- »Für eine neue
-Tragödie,« rief der Poet, »für die Tragödie der Zukunft!« -- »Hört,
-hört!« rief Hallfeld, indem er den Collegen ansah.
-
-»Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, treffende
-Sprache des wirklichen Lebens redet, lerne eine neue poetische Diction
-schaffen, in der nicht der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder
-wiederklingt, sondern ein neuer ertönt, worin jene frische, kernige,
-treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.« -- »Hm!« erwiederte der
-Anwalt des Lustspiels. -- »Er lerne, indem er das Leben glorificirt im
-Schauspiel, das Leben glorificiren in der Tragödie!«
-
-»In der Tragödie -- das Leben?« wandte Berger ein. -- »Er lerne,« fuhr
-Heinrich nickend fort, »indem er einen trostreichen Schluß herbeiführt
-im Schauspiel, einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie.
-Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde der Schuld und
-Sühnung, aber er öffne mehr und schöner, als es bis jetzt geschehen
-ist, die Sphäre der Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen
-Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne in der Abspiegelung
-irdisch guten Ausgangs die tragisch poetische Hinweisung auf den
-himmlisch guten Ausgang, den wir alle fordern, der kommen muß und
-kommen wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.«
-
-Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend bedenklich
-geworden, und Berger rief: »Aber lieber Freund --« -- »Lassen Sie mich
-alles sagen,« entgegnete Heinrich, »ich werde gleich fertig seyn! Der
-Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit;
-er erfülle sich mit der Kraft der Natur und schildere Menschen und
-Verhältnisse, wie sie sind! Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit,
-die Wunder der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je zuvor,
-lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden von Idealen, die in
-höherer Sphäre wieder Natur sind!«
-
-Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes Zunicken aus; der
-Poet fuhr fort: »Wir wollen die Menschen nicht nur vorgeführt sehen,
-wie sie sind, sondern auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser
-tiefes Verlangen -- die Neugierde unseres Geistes gerichtet. Diese
-Menschen, wie sie seyn sollen, müssen aber so natürlich, so motivirt
-aus ihrem eigensten Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und
-darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale Schauspiel für
-die stylisirt ideale Tragödie Vorbild schon in dieser Beziehung; aber
-eben so in der andern eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg
-des Lebens. Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören, denn es gibt
-tragische, hochtragische Persönlichkeiten nicht nur in der Mythologie
-und der Sage, sondern auch in der wirklichen Geschichte; also auch die
-Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert werden müssen,
-wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber die Tragödie wird unerträglich,
-wenn der Dichter nicht naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit
-handelnde und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen
-Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen sind durch die
-Größe des Geistes und Sinnes, wenn er nicht die ganze Handlung in eine
-höhere Sphäre rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt der
-Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere für uns unerträglich,
-wenn der Dichter auf den himmlischen Ausgang der Dinge nicht wenigstens
-hinzeigt und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die Rettung
-für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange also das natur- und
-lebenswahre, durch seinen Ausgang erfreuliche Schauspiel; ich verlange
-die natur- und lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der Erde
-triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie, und ich glaube, daß
-wir durch jenes zu dieser gelangen müssen und werden. -- Das ist mein
-Bekenntniß.«
-
-»Das ich unterschreibe,« rief Hallfeld mit einem Eifer und zugleich mit
-einem Ausdruck von Achtung, wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht
-an den Tag gelegt hatte. »Sie haben mir aus der Seele gesprochen und
-es besser ausgedrückt, als ich's gekonnt hätte! -- Den Teufel auch,«
-setzte er lächelnd hinzu, »wo haben Sie diese Sachen her?«
-
-Der Poet sah ihn heiter an. »Das fragen Sie,« rief er, »einen
-Doktor der Philosophie und Aesthetiker, der eine verfehlte Tragödie
-geschrieben hat und durch ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft?
-Ach, mein Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer -- das
-Machenkönnen ist's! Und darauf werden wir, fürcht' ich, in Ansehung der
-Tragödie noch einige Zeit warten müssen.«
-
-»Weise gesprochen!« rief hier der Regisseur der Comödie; »oder vielmehr
-klug gesprochen nach imponirendem Weisesprechen! Schwer mag die
-Tragödie seyn, die Sie in Aussicht gestellt haben -- sehr schwer --
-wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll mich's freuen, wenn Ihnen
-zunächst Ihr Schauspiel so gut gelungen ist, wie sich's bei solchen
-dramaturgischen Anschauungen allerdings nicht anders erwarten läßt.«
-
-»Und dieses Schauspiel,« setzte Willmann hinzu, »wollen wir jetzt
-hören. Ihre Ausgleichung, lieber Freund, ist billig, und ich kann mich
-damit recht gut einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama
-in die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft -- das
-ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie nun getrost unsern
-Nachkommen; wir unsererseits wollen um so fröhlicher das Drama und die
-Comödie cultiviren, spielen und genießen.«
-
-»Das,« versetzte Heinrich, »ist nicht ganz meine Meinung. Der Faden der
-tragischen Dichtung darf und wird nie abreißen; und ich stehe nicht
-gut dafür, daß ich selber --« -- »Ah,« rief Willmann auf die Thüre
-blickend, »unsere verehrte Wirthin mit der Bowle! Jetzt, mein Bester,
-hat die Discussion ein Ende. Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem
-Genusse des Tranks und des Schauspiels geweiht!«
-
-Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf den Tisch gesetzt und Rosa
-füllte die Gläser. Der Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht,
-ausgezeichnet befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit und Duft
-übten ihre Wirkung und erweckten alsbald jenes poetische Gefühl, das
-die letzten Reste stattgehabter Differenz auslöschte. Der Dramatiker
-holte sein Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das
-Personenverzeichniß.
-
-Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte nun die junge
-Künstlerin. Rosa war dem Gespräch der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt
-und hatte an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach und
-verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der Poet, den der Geist,
-der über ihn kam, Ueberzeugungen und Ahnungen klar aussprechen lehrte,
-hatte auch sie belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend
-erschienen, daß sie für ihn auch als tragischen Dichter neue Hoffnungen
-faßte. Wie er nun vor Kennern die erste Prüfung bestehen sollte, war
-ihre Seele nur Interesse und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer
-als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und bedeutender
-erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete, konnte nicht umhin,
-die Verwandlung in ihr erkennend, einen Theil der Wahrheit zu ahnen.
-
-Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text bald den richtigen
-Ton und las den ersten Akt mit einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß
-die beiden Schauspieler wiederholt beifällig nickten. Auch über den
-Inhalt drückten die Mienen Beistimmung aus.
-
-»Gut,« rief Hallfeld; »klar angelegt und eingeleitet! Ich habe kaum
-etwas dagegen zu bemerken.« -- »Der Akt,« bemerkte Willmann, »löst
-seine Aufgabe. Der Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist,
-reizt, und wir begehren die Fortsetzung.« -- »Die ersten Akte,« meinte
-Berger, »sind heutzutag meistens gut. Haben Sie die Güte und lesen Sie
-weiter.«
-
-Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich hauptsächlich der
-Intrigant entwickelte. Sein artistischer Vertreter lächelte bei den
-dialogischen und monologischen Aeußerungen, warf einen Blick auf den
-Poeten, als ob er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu
-schaffen, wunderte, und rief am Schluß: »Nicht übel! Hübsch! Daraus
-läßt sich was machen!«
-
-Der Poet, erfreut, entgegnete: »Sonst aber, was haben Sie einzuwenden?«
--- »Nun,« versetzte der Schauspieler, »allerlei. Aber im Wesentlichen
-bin ich zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!«
-
-Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er brachte den
-wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung der Hauptpersonen und, nach
-charakteristisch erheiternden, die rührendsten, erhebendsten Scenen.
-Heinrich, wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte
-mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig war, und der Effekt war
-bedeutend, um nicht zu sagen hinreißend.
-
-»Bravo!« riefen Hallfeld und Willmann wie aus Einem Munde, während ihre
-Blicke eine bewegte Seele verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren
-feucht geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes kein Hehl,
-und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.
-
-»Dieser Akt,« sagte Hallfeld, »entscheidet. Die Wirkung auf dem Theater
-wird durchschlagend seyn, oder Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,«
-fügte er lächelnd hinzu, »zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden
-letzten Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben bei der
-Klinge -- ein schützender Genius muß über dem Ganzen gewacht haben.«
-
-Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: »Hier sitzt er
-in der Gestalt unserer edeln und liebenswürdigen Freundin!«
-
-»Das,« rief Berger, »hab' ich mir freilich schon lange gedacht!
-Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein Herr Poet! Aber der Schritt vom
-offenbaren Un- d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn
-und Grazie macht man von selber nicht so schnell. Eine gütige Fee mußte
-Ihnen helfen; und wie ich sehe, hat sie Ihnen geholfen, vielleicht
-mehr, als wir jetzt noch denken.«
-
-»Sie thun dem Dichter Unrecht,« entgegnete Rosa mit ernstlichem
-Verweisen. »Mein Antheil an dem Stück ist sehr gemessen. Wenn Sie
-wollen, hab' ich im Kriegsrath meine Stimme abgegeben, die Schlacht
-aber hat er gewonnen.« -- »Die Schlacht,« versetzte Berger, das Haupt
-wiegend, »ist eigentlich noch im Gange, und obwohl die Zeichen auf Sieg
-deuten, so ist doch noch Alles möglich.«
-
-Der Dramatiker las den vierten Akt. Während der ersten Hälfte
-schüttelte Berger ein paarmal den Kopf, wie einer, der ungeduldig wird,
-und sah dann mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten
-dagegen hellten seine Mienen sich auf und am Schluß ergriff er zuerst
-das Wort. Die Wendung der Intrigue gegen den Anspinner,« sagte er,
-»hat -- ich kann's nicht anders sagen -- etwas Feines, und die Scene
-zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu lustig. Ueberhaupt,
-die Anna gefällt mir, und,« setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick
-auf Rosa hinzu, »ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß sie auch dem
-Publikum gefallen wird. Ich wittere hier etwas wie einen Triumph.« --
-Die Gesichter erheiterten sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht
-ohne Mühe gewesen!
-
-»Nun,« rief Willmann dem Poeten zu, »lesen Sie schnell den letzten Akt!
-Wir sind im Zuge! Fängt doch sogar Mephistopheles an zu loben!« --
-Berger drohte mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte.
-
-Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt, nahmen sich ernstlicher
-zusammen, und da auch der Inhalt vorherrschend ernst war, saßen sie
-mit beinahe feierlichen Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur
-ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens bei
-dieser und jener Einzelheit bemerken können. Der Schluß -- ein zierlich
-erhebendes Wort des Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte
--- entfesselte aber Herzen und Zungen, und in den Seelen Heinrichs und
-Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der Anerkennung Schauer der Freude.
-
-»Die Schlacht ist gewonnen!« rief Hallfeld mit pathetischem Beifall.
-»Was man im Einzelnen auch noch einwenden kann, das Ganze dringt in's
-Herz und gewinnt es!« -- »Und das ist die Hauptsache,« fuhr Willmann
-zum Poeten gewendet fort. »Ich kann's nicht verschweigen, ich fühle
-eine gewisse Verwunderung, daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber -- um
-so besser! Jetzt sind Sie über'm Berg!«
-
-Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln gedankt, schaute auf
-den Komiker, der nach einem allgemeinen Ausruf der Billigung stumm
-dagesessen hatte und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes viel
-zu viel wäre. »Und Sie?« fragte der Poet. »Lassen Sie die Kritik hören,
-die Sie versprochen haben! Ich bin gefaßt -- gerüstet!«
-
-»Nun,« erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen Behagen, »dießmal
-wird es gnädig abgehen. Im Ganzen halt' ich das Drama für einen guten
-Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen können, falls
-nämlich darin gewisse unerläßliche Aenderungen vorgenommen werden.« --
-»Und die sind? Ich höre, mein Herr Regisseur!« -- »Sie haben,« fuhr
-jener fort, »immer noch zwei Neigungen, die ich als Schauspieler, dem
-einige Erfahrung zur Seite steht, sehr bedenklich finden muß, weil
-Sie in den Dialog etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.« --
-Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. -- »Zunächst einen Hang
-zu einer gewissen Umständlichkeit in der Entwicklung der Gedanken und
-einer allzu gründlichen Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren,
-werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode motiviren!«
-
-Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den Poeten bis zur
-Verlegenheit. Berger, nachdem er sich daran geweidet, fuhr fort:
-»Lebendige Menschen, die wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen
-aus ihrem Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß,
-den sie fassen, durch eine lange Demonstration einleiten. Sie haben
-aber im zweiten, am Anfang des dritten, namentlich aber in der
-ersten Hälfte des vierten Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft
-physiologischer Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon beim
-Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von der Bühne herab nur
-eine geradezu unangenehme Wirkung prophezeien.«
-
-»Das ist wahr,« bemerkte Hallfeld ernsthaft, »und das muß allerdings
-geändert werden.« -- »Sodann,« fuhr der Andere fort, »zeigen Sie immer
-noch eine Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit beleidigen
-zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich will Ihnen zwar bekennen, ich
-wundere mich, daß der Verfasser der historisch-romantischen Tragödie
-darin nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen über die
-Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber es finden sich doch noch
-einige starke Proben in dem Stück, und wie begreiflich sind es gerade
-die edeln Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens vier
-Stellen wünsch' ich eine tüchtige Beschneidung.«
-
-»Wenn es seyn muß --« versetzte Heinrich zögernd. -- »Es muß seyn,«
-entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; »für die Aufführung unter
-allen Umständen! Ueberhaupt,« fuhr er nach einem Moment lächelnd
-fort, »kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre Anna um ein Gutes
-besser gefällt als Ihre Antonie. Diese soll zwar viel bedeutender,
-hochgesinnter und tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und
-verwandten Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat sie aber eine
-Art von Prätension, die mir nicht recht munden will. Die andere ist
-bescheidener, aber eben darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt:
-die Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende Reden
-gestrichen werden) ist mir interessant, aber die Anna lieb' ich.«
-
-Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in's Herz getroffen,
-war plötzlich erröthet, um den Mund Rosas zuckte dagegen ein Lächeln,
-das unter dem Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth.
-Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit des Poeten
-ableitete, glaubte sich in's Mittel schlagen zu müssen. »Ich denke
-nicht ganz so wie Freund Berger,« versetzte er. »Die Anna ist reizend,
-aber die Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger
-gefällt, so viel mehr imponirt sie.« -- »Die Geschmäcke,« bemerkte
-Berger, »sind verschieden. Ich halte aber dießmal den meinen für besser
-und habe Sie stark in Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch
-davon ist nicht weiter zu reden.«
-
-»Zur Sache denn!« fuhr Hallfeld fort. »Das Stück wird nicht über drei
-Stunden spielen; für ein Schauspiel ist das aber doch zu lang und der
-Dichter wird daher noch etwelche Striche zu dulden haben.« -- »Immer
-zu!« rief der Poet. -- »Es wird so arg nicht werden,« entgegnete
-Hallfeld. »Eigentlich ist das Stück schon gestrichen und man sieht auch
-daraus, daß nicht nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand
-im Spiele gehabt haben.« -- »Gott vergelt's ihnen!« rief Heinrich mit
-Laune.
-
-»Reichen Sie nun,« fuhr der Regisseur fort, »das Stück ohne Weiteres
-ein. An der Annahme ist nicht zu zweifeln; die Intendanz wird nach
-einem versprechenden Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges
-vorkommt, mit beiden Händen greifen, und das Uebrige ist unsere Sache.«
--- »So möge es denn,« rief Berger, »eingehen in's Fegfeuer der Regie,
-um, nach glücklichem Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen
-Leben zu gelangen!«
-
-Man stieß an, trank und spann nach Abmachung der Hauptsache, trotz der
-vorgerückten Zeit, ein zwangloses Gespräch fort, worin man gleichwohl
-immer wieder auf das Stück zurückkam und namentlich unter allerlei
-pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, als durch eine
-nochmalige Füllung der Gläser die Bowle erschöpft war, erhob sich
-Willmann, der zuletzt überlegend dagesessen hatte, mit einer Art
-humoristischer Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:
-
-»Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem Akte beigewohnt, den
-man, genau genommen, einen weltgeschichtlichen nennen müßte. Der
-unvermeidliche Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch
-eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, der die Eine
-Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, ist vollzogen von einem Manne, der
-noch vor Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft an der
-großen Zauberin und Männerverlockerin hing. Freuen wir uns dieser That
-auf der einen, dieser Eroberung auf der andern Seite! Freuen wir uns
-als wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde gelungen ist, von
-dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt hat, sich loszureißen und
-der schönen grünen Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem
-heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten tafelt und
-denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht, königlich zu beschenken willig
-ist. Die Welt, meine Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt,
-den erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und dem realen
-Spender kommt realer Segen in's Haus. Klar zu reden: was verlangt die
-Welt eigentlich von uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr
-Menschen zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht
-nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und Geist und alle
-Tugenden, die in Menschen sich finden. Und wer's versteht, der rundet
-sein Gemälde, daß es anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines
-Kunstwerks macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, daß wir im
-Grunde auch die rechten Idealisten sind. Haben wir nicht eben von einer
-solchen Verbindung den Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden
-in höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, und sind uns
-nicht Thränen idealer Ergriffenheit in's Auge gedrungen? Ja fürwahr,
-unser Freund hat nicht nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht,
-und wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen sich stürzend, ein
-Werk vollbracht, dem gegenüber die Lästerungen und Verleumdungen der
-Zurückgebliebenen schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine
-holde Fee liebevoll geholfen -- preisen wir ihn glücklich und benedeien
-wir die Fee! Wir können nichts ohne Feen! Wohl uns, daß, nachdem
-die fabelhaften sich uns entzogen haben, die realen, die besseren
-uns geblieben sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die Grazie des
-Theaters, die liebenswürdigste aller Feen, um so liebenswürdiger, als
-sie lebendig, wirklich ist -- sie lebe hoch!«
-
-Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen der Männer
-stieß man an, trank, trank aus und schüttelte sich mit glänzenden
-Mienen die Hände. Der Moment des Scheidens war gekommen, und man
-trennte sich in der heitersten Stimmung.
-
-Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit nach Hause nahm, so
-war das Gefühl, das die Seele der Künstlerin durchdrang, nicht minder
-beglückend und hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck,
-den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht. Heinrich hatte
-nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, dessen Erfolg ihr über jeden
-Zweifel erhaben schien, er hatte als Bühnendichter die fördernden
-Einsichten erlangt, sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt
-bekommen, und was er nun fernerhin unternahm, das konnte ihm nicht
-anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks war gelegt, durch
-sie gelegt! Dieser Gedanke erfüllte sie und erhob sie dergestalt über
-sich selbst, daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung,
-wie die Früchte des durch sie möglich gemachten Siegs einer Andern zu
-Gute kamen, nichts Betrübendes für sie hatte, sondern Vielmehr etwas
-Wohlthuendes. Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr
-Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit Augen sehen
-werde.
-
-
- VIII.
-
-Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das nochmal durchgesehene
-Stück dem Theater zu übergeben. Er verfügte sich mit dem Manuscript
-zum Intendanten und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn
-gleich in die beste Stimmung versetzte.
-
-Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den Fünfzigen, nahm das
-Manuscript artig in Empfang. »Ich habe,« bemerkte er mit dem Wohlwollen
-eines Hochgestellten, »von dem Werk schon viel Gutes gehört und freue
-mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,« fügte er mit lächelnder
-Miene hinzu, »politisch Anzügliches ist nicht darin?« -- »Durchaus
-nicht,« erwiederte der Autor. »Es bewegt sich rein in der gebildeten
-bürgerlichen Sphäre.« -- »Das ist gut,« versetzte jener. »Solche Stücke
-sieht man jetzt gern und sie halten sich! Nun -- soll mir sehr lieb
-seyn, wenn wir es geben können und damit Glück machen. Sie werden dann
-mehr für's Theater schreiben?«
-
-»Die dramatische Poesie,« erwiederte Heinrich, »wird das Hauptgeschäft
-meines Lebens seyn. Ich habe schon jetzt neue Entwürfe, und kann die
-Zeit kaum erwarten, wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.« --
-»Vortrefflich!« bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. »Sie haben
-sich,« fuhr er lächelnd fort, »von Ihrem Unfall schnell erholt und
-gleich ein gutes Werk darauf gesetzt. So ist's recht! So kommt man
-vorwärts! Ich muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch
-Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. Mehr als einer,
-wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt haben, weil damit nichts
-anzufangen war, hat sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen
-heruntergezogen. Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen und sich
-vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames Stück zu verschaffen; Sie
-sind ein Dichter, ein Mann von Ehre, und es soll mir eine große Freude
-seyn, wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg verschaffen
-können.«
-
-Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten das Herz auf und
-es wandelte ihn fast eine Rührung an. Das Glück -- das Ja, die Hoffnung
-auf das Ja -- macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen das
-Nein erduldet hat, immer eine liebliche Wirkung; die Zustimmung dringt
-wie Musik in's Ohr des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt,
-gewinnt in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem Heinrich
-von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin seinen Dank aussprach
-und dem Intendanten gleichsam entgegen glänzte, machte er auch auf
-diesen einen immer bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig,
-und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten, wobei das
-eigentlich seynsollende Verhältniß zwischen zwei Gleichberechtigten,
-die ein gemeinschaftliches Unternehmen besprechen, fast schon erreicht
-war.
-
-Als der Poet mit freuderothem Gesicht in's Vorzimmer trat, stand Berger
-vor ihm. Man grüßte sich und der Regisseur betrachtete den Glücklichen
-mit forschendem Blick. »Sie kommen vom Herrn Intendanten? Sind charmant
-empfangen worden?« -- »Allerdings!« rief Heinrich. -- »Beneidenswerther
-Dramatiker! Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie doch wohl
-direkt zur Sonne fliegen?« Der Poet zuckte die Achsel. »In Ermanglung
-derselben geh' ich direkt in's Weinhaus. Adieu!«
-
-Berger sah ihm nach und sagte für sich: »Er ist mir gar zu glücklich,
-der junge Mann! Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal hat noch eine
-Prüfung für ihn aufgespart!«
-
-Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob diese Besorgniß in
-Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage nachher bekam Heinrich von der
-Intendanz ein Schreiben zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme
-seines Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die Vorstellung
-noch in dieser Saison statthaben und möglichst beschleunigt werden
-solle.
-
-Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt viel, sehr viel
-gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht hatte! Und wie reizend es
-gewesen, Sieg und Ruhm im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als
-bloße Forderungen existirten -- der Hinblick auf eine Entscheidung in
-nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall garantirt schien, war doch
-etwas ganz anderes; eine markig poetische Vorstellung, dem wirklichen
-Erleben am ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur in
-Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl.
-
-Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden, rief ein Lächeln
-auf sein Gesicht. Er nahm den Kalender, der auf seinem Schreibtisch
-lag, suchte den heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm.
-Der Name war: »Felicitas.« -- Felicitas! Das konnte nicht bloß die
-Annahme seines Stückes bedeuten, das freilich an sich schon ein Glück
-war, der ganze Sinn mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung das
-Glück seines Lebens begründen würden.
-
-In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden Freundinnen. Die
-günstige Entscheidung war für sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa
-hatte sie schon mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde
-doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so voll Glück und
-Dank, daß ihn eine Art von Taumel anwandelte; er verwickelte sich in
-den Artigkeiten, die er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus
-Ueberfülle seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem Munde kamen,
-die fast den Eindruck einer Liebeserklärung machten. Jedenfalls war es
-eine Freundschaftserklärung der wärmsten Art, die er an die Künstlerin
-richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer Zärtlichkeit,
-welche auf die Wangen der Empfängerin Rosen und auf die Lippen ein
-süßglückliches Lächeln rief.
-
-Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: »Es ist doch eine
-grundgute Seele, unser Dichter! Der immer wiederholte Dank könnte einem
-lästig werden; aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar ist
-und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt hält, und das
-freut mich doch auch wieder.«
-
-Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte. »Ach,« versetzte Rosa,
-»laß das, gute Mutter! Man muß sich nicht immer heirathen, wenn man
-sich lieb hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung --« -- »Geh!«
-rief die Mutter. »Stelle dich nicht lustiger als du bist!« -- »Nun,«
-fuhr das Mädchen ernster fort, »das mag seyn wie es will. Der Umgang
-mit diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich habe Augenblicke,
-in denen ich vollkommen glücklich bin. Sind es nur Brosamen, die von
-des Herren Tische fallen -- ich bin damit zufrieden, und damit gut!«
---
-
-Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung erlitten hätte, wenn sie
-erfuhr, welche Gedanken in diesem Moment den Dichter bewegten? Ein
-anderer Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung ging Alles
-überfluthend durch sein Inneres. Der Moment, den Liebe und Ehrgeiz mit
-gleichem Glutverlangen herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er
-konnte der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von Kennern,
-sondern die wirkliche Annahme seines Stücks und die baldige Aufführung
-melden -- Thatsachen, welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern
-niederschlagen und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt, ihm die
-Braut in die Arme führen mußten. Sobald er zu Hause war, schrieb er
-in diesem Sinn und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht,
-welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung hatte.
-
-Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich glücklich zu fühlen.
-Freundschaft und Liebe begeisterten ihn. Aussichten auf Erfüllungen,
-deren Duft ihm berauschend entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet,
-und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen Unternehmens, die
-ihm schon als völlig neue Geschäfte reizend erscheinen mußten.
-
-Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand in der folgenden
-Woche statt. Wenn er sich davon einen besondern, oder gar einen
-künstlerischen Genuß versprochen hatte, mußte er sich freilich
-getäuscht sehen. Im Grunde machten die Rollenleser das Schauspiel
-für sich zur Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut
-oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden Ton und
-benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit an den Tag zu legen. Berger hatte
-als fungirender Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete,
-die größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in der Würde
-seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch nicht umhin, durch ein paar
-komische Verlesungen allgemeines Lachen hervorzurufen.
-
-Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen Ganzen konnte nicht
-die Rede seyn. Auch in dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich
-durch eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte, denn sonst
-wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels wohl nicht erspart worden.
-Jetzt fand er sich darein und lachte, zum Theil auf seine Kosten,
-herzlich mit.
-
-In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich bei seiner Antonie
-und seinem Robert (dem Liebhaber) zu machen hatte. Die Künstlerin
-war nicht mehr ganz jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit,
-darum auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen Züge,
-eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die Rolle sehr an's Herz
-genommen, erklärte dem Autor ihre Freude darüber und las ihm eine ihr
-besonders liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, daß der
-Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz Neues selber bewunderte.
-Auch der Liebhaber war mit seiner Partie ganz zufrieden, konnte
-pathetisch Uebertriebenes mit nichten darin finden und bemerkte dem
-Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen.
-
-Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen der letzten Zeit
-mit Behagen. Er mußte sich gestehen, daß der Verein von Bildung,
-Leichtigkeit, froher Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern
-etwas eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen einen ganz
-besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr nun in dem gemeinschaftlichen
-Unternehmen eine praktische Basis hatte und für den Dramatiker, der
-fort producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr erfreulicher
-Gedanke.
-
-Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe gerufen. Als ihn der
-Fuß zum erstenmal durch die Coulissen auf die Bühne trug, empfand er
-mit einem gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der ihn in
-die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte. Von Berger und
-Rosa gebeten, vorläufig nur zu beobachten, nahm er an dem Tische des
-Regisseurs im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die ersten
-Inscenirungsversuche.
-
-Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben etwas Geheimnißvolles,
-Nächtliches -- um nicht zu sagen Unterirdisches -- das auf den Autor
-einen wunderseltsamen Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen
-ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf eigene Weise damit zu
-wirthschaften und sich eine Unterhaltung daraus zu machen.
-
-Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin richtete, gähnte ihn
-in seiner absoluten Leerheit fragenvoll an. Wird er am Tage der
-Entscheidung sich füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die
-Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes gewaltige Rauschen
-bewirken, das als entzückende Harmonie in die Ohren der Schauspieler --
-des Dichters dringt?
-
-Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum antwortete nicht und
-sah in seinem braunen Dunkel auf ihn her -- ein Symbol mystischer
-Allmöglichkeit. War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt
-werden sollte, noch äußerst im Werden -- ein Kommen und Gehen, ein
-Versuchen und Wiederversuchen, ein Recitiren, wobei der Souffleur
-allgegenwärtig helfen und wieder helfen mußte, um oft nur schlechten
-Dank dafür zu ernten.
-
-Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses erste Experiment in
-Bezug auf Wirkung als nichts beweisend zu charakterisiren. Darüber
-unterrichtet wurde es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe.
-Er sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, und
-die zweite Hälfte schien ihm nun bereits auch mehr Façon zu bekommen.
-Die erste Liebhaberin und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz
-mächtig, wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt und
-erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen Herzensklang der Rede.
-Er selber faßte den praktischen Zweck in's Auge und machte Vorschläge
-zu Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.
-
-Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt empfand, wurde
-übrigens getrübt durch eine hingeworfene Bemerkung Bergers. »Das
-Stück,« sagte dieser, als sie zusammen das Theater verließen, »ist doch
-noch zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen, und dann
-müssen Sie unter Umständen noch ein paar tüchtige Schnitte machen.«
-
-Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter sehr anziehende Weise.
-Die Rollen waren unvergleichlich besser gelernt und die Reden gingen
-so rasch vom Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu wirken
-begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden Organisation, des lebendigen
-Zusammengreifens, erquickte und hob seine Seele. Welch ein Gefühl,
-den Dialog, den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen aus
-dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen angewiesenen Theil zur
-eigensten Sache machten! Welche Lust, die Gestalten, die er nur als
-Bilder des Geistes besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten
-eine Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, daß
-Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen sich erzeugt zu haben
-schienen! Es war von ihm, was er hörte und sah, und doch etwas Anderes:
-gefärbt, gemodelt durch die Individualität des Schauspielers, neu
-geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst und zum Theil in einer
-Weise potenzirt, daß er, der Autor, es selber zu beklatschen große Lust
-empfand.
-
-Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn. Er war Urheber
-dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk vollenden wollte! Er war das
-Princip, das mittelst liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie
-in die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen erst
-ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich hinzugaben, was
-jenen noch fehlte, die sinnliche Realität. Allein in dem Bunde des
-Dichters mit dem Künstler war jener doch die erfindende, anordnende,
-vorschreibende, dieser die reproducirende, ausführende Macht. Nicht
-so -- das fühlte er natürlich -- als ob die Kunst des Schauspielers
-überhaupt keiner Erfindung bedürfte, die im Gegentheil auf's
-dringendste gefordert war; aber die Kraft des Poeten war eine Kraft
-zur Schöpfung, die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen
-Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich mithin zu jener
-als weibliche zur männlichen.
-
-Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß der Dichter gegen
-Schauspieler überhaupt -- auch gegen die männlichen -- galant zu seyn
-habe, so wurde es ihm durch Erfahrung beigebracht.
-
-Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen begann, machte
-einmal einen Accentfehler, und der Poet rief ihm das hervorzuhebende
-Wort mit der Lebhaftigkeit eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr
-markirter Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche Einhülfe
-nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte, daß die Oeffentlichkeit
-der Correktur nicht angebracht sey, verhielt sich bei einem zweiten
-Fehlgriff schweigend, und benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn,
-um durch lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann ging er
-mit ihm auf die Seite und schlug die richtige Accentuirung vor. Der
-Schauspieler nickte lächelnd, und Heinrich gab in seinem Innern dem
-geheimen Verfahren den Vorzug.
-
-Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte, trat ihm
-Berger entgegen und sagte: »Es thut mir leid, Ihnen eine doch
-vielleicht unangenehme Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne
-dritte Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften und
-sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht eigentlich zur Sache
-gehören, sie müssen heraus!«
-
-»Aber, lieber Freund,« rief Heinrich nach einem Moment der Ueberlegung,
-»das sind ja gerade die schönsten Stellen!« -- »Thut nichts! Sie müssen
-heraus!«
-
-»Ah,« rief der Poet, »Spiele des Geistes -- Lichter, die einige
-Minuten in Anspruch nehmen!« -- »Sie müssen heraus, sag' ich Ihnen!«
--- »Wenn ich sie nun aber nicht streiche?« -- »Das ist etwas Anderes,«
-entgegnete der Regisseur. »Dann wasch' ich meine Hände in Unschuld.«
-
-Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber einen guten Theil Ernst
-enthielt, stampfte den Boden. Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt,
-zuckte die Achseln und sagte: »Probiren wir die letzten Akte! Mir
-schwant sogar noch etwas?« -- »Was?« rief der Poet, »noch etwas?«
--- »Ich vermuthe sehr,« entgegnete der Andere. Und indem er ihn mit
-väterlicher Freundschaft ansah, fuhr er fort: »Ja, ja, mein Bester! Das
-Fegfeuer, von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel! Man muß
-wirklich hindurch und die Flecken müssen weg, sonst kommt man nicht --
-Doch da naht Vater Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!«
-
-Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that hier, wie schon im
-zweiten, sein Bestes, wirkte sogar auf die Schauspieler ergötzlich und
-fand nun, daß an diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm,
-doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften sah er auf die
-Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte seine Partie zu Ende, nickte
-aber bei den letzten Scenen mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.
-
-Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der Gruppe der noch
-Anwesenden den Poeten herbei und sagte: »Die Probe ist gut gegangen;
-wir haben sogar wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen
-und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen wird. Ueber drei
-Stunden immer noch, und das ist so lang, daß es dem Stück den Untergang
-bereiten kann.«
-
-»Ueber drei Stunden?« rief Hallfeld ungläubig. -- »Ueber drei Stunden,«
-erwiederte Berger, »mit dem ersten und dritten Zwischenakt, die wegen
-zweier Umkleidungen eine längere Zeit beanspruchen.« -- »Das ist wahr,«
-versetzte Hallfeld nach einem Moment des Erwägens.
-
-Rosa schaute besorgt auf den Dichter. »Da muß noch gestrichen werden!«
--- rief sie. -- »Meine Ansicht und mein Antrag,« versetzte Berger --
-»Herr Dichter, ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten
-Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt habe, außerdem aber die
-letzten Scenen des Stücks kürzen, umarbeiten, wie Sie wollen, so daß
-sie Schlag auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende hinsieht,
-dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige Interessen und für schöne
-Reden, die nicht absolut zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es
-herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen halten auf,
-bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf dem Theater überflüssig sind.
-Aendern Sie! Wir haben noch zwei Proben -- es geht noch!«
-
-Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und der Poet gab sich.
-Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld und Rosa gewendet, fuhr er fort:
-»Meine Herrn und Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht.
-Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was beim Thee oder
-Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal glücklicherweise keine
-Anwendung findet, so ist uns doch in der süßen Betäubung des Getränks
-und der Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter Blumen
-entgangen -- mir sogar, der ich mich noch am meisten des kritischen
-Umherspähens beflissen habe. Freuen wir uns, daß wir es noch in der
-eilften Stunde gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente
-Mittagbrod schmecken!«
-
-Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen konnte, war der
-Poet. Er aß in seinem Speiselokal mit Hast, begab sich nach kurzem
-Gang in laulicher Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit.
-Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt strich er seufzend.
-»Dieser Einfälle,« sagte er sich, »hab' ich mich gefreut, sie sind
-unläugbar fein und schön, und nun müssen sie weg!« Die neue Verbindung,
-nachdem er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, wie
-die gestrichene. »Aber was thut's?« rief er ironisch. »Sie hat ja einen
-Vorzug, der alle andern aufwiegt: sie ist kurz!«
-
-Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, wenn auch manches
-aus den vorliegenden Scenen zu brauchen war, galt es eine völlige
-Umarbeitung, und wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er
-ohne Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das Beste, das Ende
-gut Alles gut auf's Papier werfen?
-
-Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren haben: daß der Drang
-der Nothwendigkeit die Initiative des Genius ersetzen kann. Das
-Unumgängliche glüht wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt
-uns, eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der Sprung
-wird gewagt -- und er glückt.
-
-Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen vor ihm lagen;
-aber sie freuten ihn selbst. Schlag auf Schlag! Der verwünschte
-Regisseur hatte Recht: so war's besser! Nun mußte er die Aenderungen
-noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er mitgenommen
-hatte. Er that auch dieß, und besorgte dann die Rollen an ihre Inhaber,
-zum Theil in eigener Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte,
-auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg seiner Arbeit seyn müsse,
-um ihn für die Aufregungen und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen
-zu entschädigen.
-
-Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. Berger, nachdem er
-die Aenderungen gelesen, rühmte ihn und drückte ihm die Hand. »Es hat
-weh gethan,« sagte er dann, »der Schnitt in's Fleisch? Was? Aber 's ist
-besser so! Beim Teufel, gut haben Sie's gemacht! Famos!« Lächelnd trat
-er einen Schritt näher und sich heiter feierlich neigend, setzte er
-hinzu: »_Succès complet!_«
-
-Die Wangen des Poeten, die von Mühen und Sorgen etwas gebleicht waren,
-überzogen sich bei dieser Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und
-er folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun seine Worte;
-aber sie klangen nur um so traulicher zu ihm her, besonders aus dem
-Munde der anmuthigen Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele
-einzuhauchen wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig, und die
-Effektmomente traten als solche deutlich hervor.
-
-Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst so seltsam
-angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit einen vergnüglichen
-Eindruck auf ihn. Es lag in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn
-das verborgene Schmieden eines Complottes haben mag, das zum Sieg der
-Betheiligten führen soll. In Puppenhülle geschah die Vorbereitung des
-Schmetterlings, der an's Licht treten und in prachtvoller Entwicklung
-alle Welt erfreuen sollte.
-
-Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig. Man gratulirte dem
-Poeten von allen Seiten, und Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig
-lächelnd. »Das hat Mühe gekostet,« rief sie ihm zu, »nicht wahr? Aber
-es ist der Mühe werth gewesen!« -- »Das mein' ich auch,« rief Berger.
-»Was wollen Sie? Wir haben wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!«
-
-Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das Speisehaus trat,
-das er seit Wochen regelmäßig besuchte, ließen sich die dortigen
-Bekannten Bericht erstatten, drückten ihr großes Verlangen aus,
-das Stück zu sehen, und die gutgelaunten übten sich einstweilen im
-Klatschen. Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült, aß mit
-Lust und gründlichem Appetit. Nach einem tüchtigen Spaziergang suchte
-er die Ruhe seiner Stube und fand ein Schreiben von Auguste. Mit
-begreiflicher Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit
-ernstem Gesicht las er es.
-
-Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die sich darin für ihn
-ergoß, aber durch einen dunkeln Ton der Sorge, um nicht zu sagen der
-Wehmuth, überschattet. Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne
-zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an seine letzten
-Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen Glauben schenken zu können.
-Um so inniger und feuriger waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender
-ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit sprach aus dem
-Brief. »Ach, lieber Heinrich,« rief sie ihm zu, »du machst dir keine
-Vorstellung, wie dein Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich
-die Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich
-und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, Sorgen und schweren Mühen.
-Ach, wohl müssen die Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit
-selber, denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig
-wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! Wie müssen sie
-alle Kräfte des Geistes und Herzens anstrengen und den höchsten Fleiß
-anwenden Jahre hindurch, um endlich zu haben, was Andere spielend, im
-Vorbeigehen erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch Nebensache ist, so
-gehört er doch nothwendig zum Leben. Das Schaffen, wie göttlich es an
-sich ist, muß sich doch, leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun
-schon Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit zur andern
-gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du mir so sicher den Erfolg
-ankündigst, eine Furcht, die mich verzagen macht. Möge es dir gut
-gehen, theurer Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß
-ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem Herzen ausgepreßte
-Ruf, den ich an dich aus der Ferne richte!«
-
-Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die Geliebte hatte sich
-noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, aber auch noch nie so
-geängstigt, so gedrückt gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in
-ihrer Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? Hatte sie
-von den Eltern zu leiden? Nach einem Schweigen aufathmend, rief er:
-»Wahrlich, ein Erfolg thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie
-einen greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im Grunde hat sie
-dazu auch das Recht. Gott sey Dank, daß ich nur noch einen Tag vor der
-Entscheidung stehe.«
-
-Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm schreibe vor ihrer
-Abreise zu Kronfelds, deren dringender Einladung sie nicht länger habe
-widerstehen können. Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung
-finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige Botschaft
-alle Sorgen zerstreute. Denn das wollte er thun. Was die Zeitungen
-bekannt machten, das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte
-brieflich nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten und
-den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen.
-
-Die vierte und letzte Probe -- am Tage der Aufführung selber -- ging
-so glatt wie eine Vorstellung. Heinrich mußte glauben, was ihm von
-mehreren versichert wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt seyen.
-Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte hinzu: »Das ist der
-Vortheil des Schauspiels und der natürlichen Prosa. Verse würden sie
-heute noch stottern und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen
-müssen.«
-
-Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit worden war,
-so hatte der Autor gegen Abend auf seiner einsamen Stube doch eine
-sonderbare Empfindung. Der Tag war trüb und es begann fein zu
-regnen; günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen
-grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so lange ritterlich
-gehalten, unser Dramatiker; nun, in thatenloser Stille, kamen ihm
-wieder Gedanken, und mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu
-seiner eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein leichter
-Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte sich's nicht wegläugnen, er
-bekam, was man eine Gänsehaut zu nennen pflegt, und aller gute Muth,
-aller Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen
-zurückzudrängen und darüber zu lächeln.
-
-Unstreitig, für ihn handelte sich's um keine gewöhnliche Entscheidung.
-Auch derjenige, bei dem an solchem Tag nicht das ganze Lebensglück,
-sondern nur ein bescheidener Theil davon auf dem Spiele steht, kann
-doch, wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem
-Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. Eben die Muße,
-die ihn zur Passivität verurtheilt, macht ihn zum bloßen Instrument,
-worauf nun beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen können.
-Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern Verhältnisse und
-einer ihm eigenen Feinfühligkeit alles das eine abnorme Steigerung.
-Am Morgen schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch
-die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den Straßenecken
-entgegenschauten und zuzurufen schienen: »Unwiderruflich!« Es war ihm
-gewesen, als ob man es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey,
-der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und er hatte sich
-darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. Die Glückwünsche bei
-Tisch hatten für ihn heute einen Klang gehabt, in den etwas dämonisch
-Gefahrdrohendes eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern
-hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst verwandelt
-und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes Wort mit nach Hause
-gegeben. Nun saß er da, völlig allein, sah die Frist kleiner und
-kleiner werden, die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat
-ihm in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das Tribunal,
-vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, die Stimmung des
-Publikums, auf die Alles ankam und die gleichwohl unberechenbar war; an
-mögliche Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten; an
-das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen Versammlung,
-die sich ablehnend verhielt oder gar mit entrüstetem Lärm verdammte --
-und trotz Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder schien man
-(denn die Sache war ihm ja bereits ganz aus der Hand genommen) einen
-Wurf zu wagen in seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren wie
-gewinnen konnte.
-
-Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken in ihm erregten,
-erhob er sich gewaltsam. Er kleidete sich an -- in sein bestes Gewand;
-denn war er zum Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch
-geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug sechs, er hüllte
-sich in seinen Mantel, setzte den Hut auf und ging gegen die Thüre.
-
-Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem Ausdruck, als ob
-er eine förmliche Thorheit beginge, die er aber doch nicht zu lassen
-vermöchte, trat er zum Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und
-suchte den Patron des Tages. Er las: »Emanuel.« Ernste, aber gute
-Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf den Weg zum Theater.
-
-In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung einer Arena hatte,
-angekommen, begab er sich auf die Bühne, wo er zunächst nur einige
-Diener traf, die den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen
-hatten. Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens
-bei einer solchen ging ihm durch den Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte
-es dazu, von dem Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem
-untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am Strange des Vorhangs
-zog! Das Publikum sagte sich das aber nicht, ja ließ sich am Ende das
-Produkt so vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.
-
-Allmählig regte sich's draußen im Zuschauerraum. Der Poet sah durch
-die kleine Oeffnung des Vorhangs, die man ihm bezeichnet hatte,
-und ward erfreut durch ein schon ziemlich gefülltes Parterre und
-durch versprechend besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch
-kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums war doch
-schmeichelhaft und wirkte ermuthigend auf seine Seele.
-
-Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf die Scene. Der Poet
-starrte die ersten, den Liebhaber und die beiden Regisseure, die durch
-Costüm, Schminke und »Maske« unkenntlich gemacht waren, einen Moment
-an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu schütteln.
-
-Immer näher rückte der Moment, immer festlich ernster wurde die
-Zurüstung. Pochte das Herz des Autors auch ungleich lebhafter als
-gewöhnlich, so war es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es
-war eine »bange Wonne,« die ihn ergriff --
-
- »Wie einen König bei der Thronbesteigung.«
-
-Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das Stück mit zu beginnen
-hatten, und kamen auf die Gruppe zu -- in blendender Schönheit. Der
-Poet begrüßte sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im Entzücken des
-Anschauens verlor sich der letzte Rest von Angst aus seinem Herzen. Die
-Freundin betrachtete ihn verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen
-Schein von Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang und
-rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme: »Ah, ganz schwarz! Kommen
-Sie!« Heinrich eilte hin, sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume,
-und ein Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer Gluthstrahl
-durch sein Herz.
-
-Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne hätten ihn nothwendig
-in der frohen Stimmung erhalten müssen; aber sie bezeichneten die
-allerletzte Frist vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des
-Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still begab er sich
-zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen den vordersten Coulissen
-einzunehmen. Der Vorhang wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen
-Anfang.
-
-Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um den Ausgang, eine
-Spannung, ein Sturm der Gefühle, die Geist und Sinne zu überwältigen
-drohten? Nichts von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, fühlte
-er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und ganz Aufmerksamkeit auf
-das Spiel. Es ging, wie er es gewollt, das Publikum lauschte, die
-große Stille verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich
-hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, so zufrieden mit
-der Darstellung, daß er es gar nicht merkte, wie das Publikum den Akt
-schließen und den Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des
-Beifalls zu geben.
-
-Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit feinster
-Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit Bravos hervor, und ein
-Wehen der Theilnahme ging durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur
-wenig und kurz applaudirt.
-
-Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem Poeten und sagte: »Sie
-sind heute wieder recht faul da draußen! Zusehen können sie, wenn sie
-nur die Hände nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die
-Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt werden sie wohl
-losbrechen müssen.« -- »Warten wir!« versetzte der Poet.
-
-Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf Effekt angelegt waren,
-verliefen ruhig. Als die ergreifenden kamen, herrschte im Haus zuerst
-eine feierliche Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt,
-als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden Reden, kamen aber auch
-diese wiederholt in Thätigkeit, und unzweideutige Zeichen der Rührung
-gelangten zur Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit genug
-gethan zu haben? Oder war die Bewegung, in die es versetzt erschien, zu
-ernster Natur? Oder endlich, fand es den Schluß doch nicht so drastisch
-wie die freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der Applaus war
-nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler eben hier erwartet
-hatten; und da man auch den Vorhang nicht schnell genug aufzog, so
-verhallte er wieder, ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende
-Effekt war verfehlt.
-
-Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten Enttäuschung,
-erhob sich von seinem Sitz und trat zu den Schauspielern, die sich an
-der Coulisse gesammelt hatten. »Nun?« rief er, eine Gährung in seinem
-Innern unterdrückend, mit Fassung, »das sieht aus wie eine Niederlage!«
-
-Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks auf einen Hervorruf
-gerechnet hatte, zuckte verdrossen und schon mit einer Spur von
-Geringschätzung die Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber
-entgegnete mit dem Ton würdevoller Tröstung: »Das nicht, Herr Doktor.
-Das Publikum nimmt Antheil, das Stück wirkt.« -- »Aber lange nicht so,«
-versetzte der Poet, »wie wir's uns vorgestellt haben. Geht's so fort
-und wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer, dann haben
-wir einen _succès d'estime_, d. h. auf gut deutsch: das Stück fällt
-durch!«
-
-»Nein, sag' ich Ihnen!« entgegnete der Regisseur energischer. »Man hat
-bei diesem Akt weniger applaudirt, als er's verdient; Ihr Stück ist
-aber gut und endet ansprechend, also wird man's hereinbringen. Ruhig
-Blut! Noch ist nichts verloren!«
-
-»Das mein' ich auch,« rief Berger, der eben herzugetreten war. »Dieser
-Akt wird entscheiden. Erst der Ernst, dann der Humor; -- wir wollen sie
-schon weich machen, die hartgesottenen Sünder!« -- »Es sind Blöcke!«
-rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, aber schlagenden Rede
-auch auf Beifall gehofft zu haben schien, mit humoristischem Unmuth.
-
-Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, der für jetzt ohne
-Widerspruch blieb. Die Musik des Zwischenaktes ging zu Ende, die
-Schauspieler traten hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen
-Platz wieder ein.
-
-Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet selbst über seine
-Stimmung. Von ängstlicher Aufregung war keine Spur mehr in ihm!
-Dagegen hatte sich ein Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und
-durchströmte sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge harrte, die
-da kommen sollten.
-
-Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden und erkannte, das
-Seine vollauf gethan zu haben. Zeigte sich das Publikum spröde, kalt,
-nur oberflächlich und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem
-Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches Selbstgefühl
-entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise nicht in die Lage kommen,
-seine Ausdauer in dieser Stimmung darzuthun.
-
-Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß sie etwas gut zu
-machen hatten, benutzten gleich die erste Gelegenheit zum Applaus
-und befriedigten damit die edeln Liebenden, die alle beide einer
-Ermunterung sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller,
-dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes,
-entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit und wurde auf offener
-Scene gerufen. Anna in der Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche
-des Vergnügens hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen.
-
-Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die Bühne zu gehen, weil er
-seinen Namen nicht gehört, war doch hoch erfreut, und gegen die drei,
-als der Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht eben karg.
-Die Darsteller des Liebespaars, welche den fünften Akt zu beginnen
-hatten, kamen mit heitern Mienen auf die Scene: sie wußten, das
-Publikum war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte halten.
-
-So kam es denn auch. In den ersten Auftritten eine ernste, schöne
-Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, am Schluß, nachdem die letzten
-Scenen wirklich Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender,
-langanhaltender Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der Anna und -- dem
-Dichter.
-
-Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während die Mitgerufenen im
-Hintergrund erschienen, trat auf das Proscenium und dankte. Er sah das
-ganze Haus lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen
-Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah huldvolles
-Nicken und Applaudiren aus der Loge des Landesherrn und seiner Familie:
-seine kühnsten Hoffnungen waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien
-durch die Wirklichkeit erreicht, übertroffen!
-
-Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem Vorhang sich
-umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen und rief mit einem Wohlwollen,
-das etwas Feierliches hatte: »Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren
-Lorbeeren!« Der zweite Regisseur, der sich genähert hatte, nickte
-vergnügt. »Nun,« sagte er, »hab' ich mein Versprechen gehalten? Und,«
-setzte er mit schelmischem Blinzeln hinzu, »bin ich nicht im Grunde ein
-=guter= Mensch?« -- »Ein Engel!« rief der Poet lachend. »Aber Adieu für
-heute! Auf Wiedersehen!«
-
-Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes eilte er auf die
-andere Seite, die beiden Schauspielerinnen zu erhaschen, und traf sie,
-die gegen ihre Gewohnheit etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem
-Weg zum Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude küßte er der
-ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit glänzte, die Hand; dann,
-während jene sich entfernte, ergriff er die Hand Rosa's. In der Brust
-des Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes, den er der
-lieben Freundin schuldete, mit einemmal übermächtig empor, sein Herz
-begann zu schmelzen. Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe
-eine Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige Worte des Dankes.
-Das Mädchen sah die feuchten Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine
-Hand, um sie zu schütteln, und rief: »Wenn Sie glücklich sind, lieber
-Freund -- mehr als ich können Sie's nicht seyn! Gute Nacht!«
-
-
- IX.
-
-Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft des treuen Willmann
-zu sich genommen, hatte sich nach Hause begeben und die Nacht war ihm
-in jeder Hinsicht eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte
-er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war der Schlaf so
-gründlich, daß er andern Tags mit einem Wohlgefühl die Augen aufschlug,
-wie er's lange nicht mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher,
-erinnerte sich und rief: »Darf ich's wirklich glauben? Hab' ich gestern
-das Residenzpublikum erobert?« -- »'S ist so,« antwortete er mit Humor
-sich selbst, »der Traum ist Leben geworden!«
-
-In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete sich an und setzte
-sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken zogen durch seinen Kopf und zum
-Ueberfluß schien die Sonne der ersten Frühlingswoche durch's Fenster.
-Eine natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen seinen
-Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit größtem Vergnügen.
-
-Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber spät aufgestanden
-war, traf er diesen schon in vollendeter Morgentoilette und wurde sehr
-zuvorkommend empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten und
-eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen während der Unterhaltung
-nicht nur Höflichkeit, sondern eine unwillkürliche Hochachtung aus,
-die ihm sehr wohl anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen
-wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, die ihm sein Robert gestern
-nach dem dritten Akt gezeigt, konnte nicht umhin, sich innerlich zu
-fragen: wie er wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern
-Lauf genommen hätten!
-
-Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. Nach einigem Warten
-vorgelassen, sah er sich liebenswürdig begrüßt, huldvoll angelächelt.
-Die Schauspielerin hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der
-ihr eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem Manne, der
-ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. Das blaue Auge gewann
-eine gewisse poetische Zärtlichkeit, die ihr sehr anziehend ließ. Der
-Dank des Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen
-wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre, und die Künstlerin nahm
-ihn um so freudiger hin.
-
-In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß mit sich führt,
-gibt es doch glücklicherweise nicht nur die eigentlichen Honigwochen,
-sondern auch uneigentliche Honigmomente, die von großem Werthe sind.
-Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich
-erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da so froh, so geneigt, ja gedrängt
-zur Anerkennung, daß eine gegenseitige Steigerung des Glücks und
-eine schöne Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. -- »In ihr hab'
-ich auch eine Freundin,« sagte sich der Poet, als er wieder auf der
-Straße war. »Freilich,« setzte er mit Laune hinzu, »muß ich fortfahren,
-ihr Gelegenheit zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist ja
-meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres, als ihre volle
-Zufriedenheit.«
-
-Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten Freundinnen.
-Er traf sie in einer Stimmung, die wohl zu den schönsten gehört, deren
-wir uns im Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide; der
-Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, das der Freude des
-Herzens eine ernste Weihe gab. Das Licht derselben wirkte magisch
-auf den Dichter, und Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines
-Ernstes, mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie
-noch profan erscheint.
-
-Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich gewesen; heute aber
-kam sie ihm schön vor -- schön im edelsten Sinne des Worts. Da die
-Schönheit vorzugsweise aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich.
-In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre Gesinnung in Schönheit
-verklärt wurde. Zu der Liebe ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer
-Großmuth war jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der ihr
-die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit ihre eigene innere
-Vollendung brachte. Es wird immer eine Frage bleiben, ob das wirkliche
-Lebensglück in der That werthvoller ist, als die Entsagung unter
-solchen Verhältnissen.
-
-Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: »Sie haben bis
-jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört. Erlauben Sie mir, Sie darauf
-aufmerksam zu machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden auch
-Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber lesen.«
-
-Der Poet sah sie an. »Was will man denn aber,« fragte er dann, »im
-Grunde tadeln an dem Stück? Es ist doch offenbar gut; hat auch
-entschieden gefallen --«
-
-Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. »Das ist ja eben der
-größte Fehler in den Augen gewisser Kritiker!« entgegnete sie. »Lassen
-Sie sich dadurch aber nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls
-in Gesellschaften die Nase darüber gerümpft wird. Manche Leute sind
-nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu beweisen meinen, wenn sie
-absprechen. Aber das Wort verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind;
-darum behalten Sie guten Muth!«
-
-Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied, um sich zum
-Intendanten zu begeben. Im Theater angekommen, wurde er sogleich
-vorgelassen. Mit einer Munterkeit, die ihm ordentlich etwas
-Jugendliches gab, rief der würdige Bühnenchef: »Ah, da kommt ein
-glücklicher Dramatiker! -- Nun,« setzte er Heinrichs Hand ergreifend
-hinzu, »hat mich sehr gefreut -- in Ihrem Namen und in unserem! Das
-Publikum, anfangs ein bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.«
--- »Ausgezeichnet,« erwiederte der Autor. -- Der Intendant nickte
-heiter. »Mit der Darstellung,« fragte er dann, »sind Sie zufrieden?« --
-»Vollkommen,« rief der Poet mit großer Wärme. -- »Das hör' ich selten
-von den Herrn Dichtern,« erwiederte der Intendant lächelnd. »Und es ist
-im Grund mehr, als ich zugeben könnte. Sie waren im Ganzen recht brav;
-aber eins und das andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird
-kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück übermorgen schon
-wieder geben?«
-
-Heinrich sah ihn froh überrascht an. »Meine Zustimmung,« entgegnete
-er, »haben Sie durchaus.« -- »Das glaub' ich,« versetzte der Intendant
-erheitert, »an einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als das
-erstemal.« -- »Ich bin Ihnen zum größten Danke verpflichtet!« rief der
-Glückliche. -- Der Herr, ihn ansehend, fuhr fort: »Es wird eine zweite
-Probe seyn, vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stück wird sie bestehen.
-Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich gratulire nochmals.« Der
-Poet empfahl sich.
-
-Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten die beiden Regisseure
-herein. Heinrich, sie grüßend, zeigte ein Gesicht, welches nicht nur
-den Sarkastischen, sondern auch den Ernsten zum Lächeln reizte.
-
-»Sie blühen ja wie eine Rose!« rief Hallfeld. -- »Austausch des
-Vergnügens zwischen Theatervorstand und Dichters!« erklärte Berger.
-»Anwartschaft auf ungezählte künftige Triumphe!« -- »Der Herr,«
-bemerkte Hallfeld, »will Ihnen in der That sehr wohl.«
-
-»Er liebt die Bescheidenheit,« fuhr der Andere fort, »die Dankbarkeit,
-das gute Herz!« -- »Verbunden mit der Kunst, ein Stück zu schreiben,
-das volle Häuser macht,« ergänzte Hallfeld. -- »Also übermorgen? in
-der großen Halle?« -- Heinrich, den Besuch auf der Bühne zusagend,
-verabschiedete sich.
-
-Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein zufälliges Treffen
-bezeichnet, das der Poet im Grund herbeigewünscht hatte. Nachmittags,
-als er in der besten Laune die Hauptstraße hinabspazierte, kam
-Professor Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom Geschick
-ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmäßig zusammennehmend ging
-er dem Gelehrten entgegen, grüßte mit der edeln Freundlichkeit eines
-Mannes, der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete nun
-in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon zu sehen. Das war freilich
-eine Täuschung. Der Begrüßte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und
-Spott, wie über jemand, der auf zufälliges Glück unangenehme Ansprüche
-gründen will, und ging vorüber.
-
-Wir können verrathen, daß das Benehmen des Ehrenmannes eine Frucht
-häuslichen Verdrusses war. Ein jüngerer Professor der Anstalt, der
-Heinrichs Drama gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen,
-hatte über den Erfolg berichtet und die Arbeit gerühmt. Als er wieder
-fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf zum Gemahl: »Wir hätten
-diesen Born doch einmal einladen sollen!« -- »Warum?« fragte jener mit
-Stirnrunzeln. -- »Weil er ein talentvoller Mann ist,« versetzte die
-Gattin; »viel mehr, als du's ihm angesehen hast.« -- »Pah!« rief der
-Professor; »er hat ein Rührstück verfaßt, das den Unwissenden gefällt.«
--- »So?« rief die Frau, »gehört Professor Holm zu den Unwissenden?«
--- »Holm ist ein guter Mensch, aber auch ein Schöngeist,« entgegnete
-der Mann. -- »Holm --« wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel
-aufgebracht ein: »Geh! Laß mich ungeschoren mit deinen Belletristen!«
-Sehr verdrießlich ging er in sein Studierzimmer zurück, wo sich die
-Stimmung gegen einen Menschen, der ihm eine Verlegenheit bereitet
-hatte, begreiflicherweise nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte
-eine Freude, eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine Ansicht
-über die Natur der Menschen vervollständigen.
-
-Am andern Morgen faßte Heinrich zunächst einen Bericht an seine Eltern
-ab, worin er seine baldige Ankunft meldete. Er that seinem Herzen recht
-Genüge und malte alles, wovon er wußte, daß es die liebenden Seelen
-erquicken und für die bewiesene Ausdauer belohnen würde, mit glänzenden
-Farben. Dann, nach Erholung trachtend, ging er an dem schönen Morgen in
-eine Restauration.
-
-Er saß behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier überkam, ob die
-Blätter noch keine Kritiken seines Dramas enthielten. Rasch ging er
-die im Lokal vorhandenen durch; zwei Besprechungen waren da, von Emil
-Schilf und von Dorn.
-
-Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes erwarten konnte,
-nahm er die Auslassung des Befreundeten vor. Bei der dritten Zeile
-schon verdunkelte sich sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las
-weiter, starrte auf die Buchstaben, wie einer, der zu träumen glaubt,
-schüttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit dem Rufe weg:
-»Aber das ist ja eine wahre Bestie!«
-
-Die Kritik, die so übel auf ihn wirkte, lautete: »Wer noch daran
-gezweifelt hätte, daß Theater und Drama bei uns immer größerem Verfall
-entgegen gehen, der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis
-davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht zu sehen war,
-unter Anführung einer wohlvertheilten Claque) hat ein Schauspiel mit
-Beifall aufgenommen, das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen
-müssen, womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind. Das
-Thema so abgedroschen als möglich, der Dialog von der plattesten Art;
-edelseynsollende Personen, die im gewöhnlichen Verkehr langweilig,
-in Rührscenen durch Prätension widerlich und lächerlich sind; ein
-schlechter Geselle, der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn
-machen können; und ein Ausgang wörtlich nach Schiller:
-
- Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.
-
-Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun eine nähere
-Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den Beweis liefern soll, also
-ganz in demselben Styl gehalten ist. Dann fährt der Kritiker fort):
-»Wie war es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte? Man
-könnte sagen, auch der Applaus war gemacht, und zum großen Theil ist
-er's offenbar auch gewesen. Man könnte den Succeß auf Rechnung der
-Schauspieler bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den
-hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein es läßt sich nicht
-in Abrede stellen, auch das Stück selber, mindestens in der zweiten
-Hälfte, fand Anklang. Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine
-Stufe gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter kann's nicht
-gehen!«
-
-»Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie geschrieben, die für
-ihn und seine Laufbahn als Dramatiker Hoffnungen erwecken konnte. Als
-Theaterstück verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth sie
-doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum ist Herr Born in
-dieser Richtung nicht fortgegangen? Warum hat er sich nicht bemüht,
-seine dichterische Fähigkeit, so viel die Natur ihm verliehen hat, in
-einer zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit zu verwerthen?
-Warum ist er zum Feind geworden seiner eigenen Begabung? Die Antwort
-gibt sich jeder selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man
-die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung erfordert, umgeht, um
--- nach Gewinn zu langen. Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen.
-Solche dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für unsere
-Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir prophezeien dem spekulativen
-Schreiber in dieser Beziehung eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn
-an Honorar (_sic_) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre
-zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack des Publikums
-herunterbringen hilft, wird sich aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat
-seine Grenzen, und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen,
-der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst hinaustreiben
-wird.«
-
-Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen Journal,
-hatte eine Empfindung des Grimms und des Verdrusses, die für den
-ersten Moment das höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog.
-Dämonisch angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog es und
-schüttelte den Kopf als über etwas völlig Unbegreifliches. Wie konnte
-ein Mensch, mit dem er freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen
-Ton anstimmen? Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, sein Buch
-zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber gesagt, was er irgend
-vermochte, und die Zögerung, sein Urtheil über die verwünschte Satire
-öffentlich auszusprechen, wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde, stand
-doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks und Charakters im
-ungeheuersten Mißverhältniß. Die Schmähkritik verdammte ein Stück, das
-den reinsten und ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack
-eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer und Frauen der
-Residenz gehörten; sie hatte nur Worte des gröbsten Tadels und der
-Verleumdung, wo feine Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten:
-woher kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und der öffentlichen
-Meinung dermaßen in's Gesicht zu schlagen? Wie kommt man überhaupt
-dazu, absichtlich ungerecht zu seyn? -- Heinrich versuchte sich in
-einen Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, wie sie
-hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu schreiben vermochte, es
-gelang ihm nicht. Mit Staunen betrachtete er die Höhe der Gemeinheit,
-um beschämt vor ihr die Blicke zu senken.
-
-Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in der Leidenschaft
-übertreiben, das begriff er auch. Wie aber ein Wesen, das den Namen
-Mensch beansprucht, Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und
-den Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu behandeln
-im Stande war, und zwar öffentlich, dem öffentlichen Urtheil sich
-preisgebend, das begriff er nicht.
-
-Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik ungeahndet
-hingehen lassen, oder gegen den Schreiber auftreten? Und wenn dieß, mit
-welchen Waffen? Diese Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber
-zu keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige hören.
-
-Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er das andere Journal zur
-Hand; denn wie boshaft der Exdramatiker sich aussprechen mochte, den
-Exfreund konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall.
-
-In der That blieb dem letzteren die Palme, da jener nur das Werk
-verdammte und im Autor bloß gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen
-suchte. Dieß that er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte
-das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit,
-daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte Leser wirken mochte, dem
-Getroffenen doch die Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten
-war die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte endlich eine
-Bewegung wie über die Expektoration eines Tollkopfs.
-
-Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten und des Bittersten auf
-zwei Tage zusammengedrängt! Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung
-ein Gegenstand der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die
-lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben zu besudeln
-giftig herbei dringt! -- »Harpyen!« rief der Poet, »wortwörtlich!
-Einladende Speisen zu beschmutzen, mit blinder Gier erfüllt! Welch ein
-Tiefsinn der mythologischen Phantasie!«
-
-Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ er das Haus doch
-noch mit sehr gemischten Empfindungen. Er fühlte eine wahre Sehnsucht,
-einen braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann auf, von dem
-er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters auf dem Weg zur Redaktion
-eines Unterhaltungsblattes treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und
-ging eilig auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, sagte
-bescheiden lächelnd: »Sie scheinen von einem Dorn gestochen zu seyn?«
-
-»Allerdings,« erwiederte Heinrich mit entsprechendem Mundverziehen.
-»Eben hab' ich sie mir aus dem Fleisch gezogen, die giftige Spitze. Was
-sagen Sie dazu?« -- »Es ist stark,« versetzte Willmann, »sehr stark.«
--- »Ein _non plus ultra_ in jeder Hinsicht!« rief der Gekränkte. »Was
-soll ich dagegen thun?« -- »Nichts,« erwiederte der Andere mit ruhigem
-Nachdruck.
-
-Heinrich sah ihn an. »Sie meinen, der Artikel richtet sich selbst? und
-die Verachtung, womit man ihn lesen wird, kann mir Rache genug seyn?«
--- Willmann sah ihn erheitert an. »Nichts weniger als das!« rief er.
-»Der Artikel, fürcht' ich, wird mit großem Vergnügen gelesen werden.«
--- »Wie!« rief der Poet. »Ist nicht das Publikum mit beschimpft? Und
-wird es sich das gefallen lassen?«
-
-»O,« versetzte Willmann, »recht gern!« Und indem er ihn prüfend ansah,
-fuhr er fort: »Sind Sie in der That so kindlich, daß Sie nicht wissen,
-was Schadenfreude ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will sich
-amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem schönen und guten
-Stück, dann will es sich auch negativ amüsiren an der Durchhechelung,
-ja an der Zerrupfung eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein
-Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger, als Sie
-anzunehmen scheinen.« -- »Das glaub ich nicht!« rief Heinrich in edlem
-Eifer.
-
-Willmann schüttelte den Kopf. »Ihre realistische Durchbildung,« sagte
-er, »ist noch lange nicht vollendet. Der Umstand, daß solche Artikel
-geschrieben werden, und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen,
-beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei der großen
-Majorität der Leser. Schläge sind freilich sehr unangenehm für den,
-der sie bekommt; aber für den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar
-beglückend. Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner
-in Stadt und Land, sondern auch manche vom zarten Geschlecht, wie ich's
-kenne, den Artikel mit Vergnügen lesen werden.«
-
-»Und trotzdem soll ich --?« -- »Nichts dagegen thun -- allerdings!
-Und zwar darum nicht, weil auch das vorübergeht, wie der Wind« --
-»Indessen,« versetzte der Poet, »hat dieser Mensch nicht nur mein
-Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!« -- »Das ändert gar
-nichts,« entgegnete Willmann. »Im Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu
-Gute und schadet dem Kritikus, weil das Publikum sich =diesen= Vorwurf
-nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,« fuhr er ihn heiter ansehend
-fort, »wohl gar Lust, Händel anzufangen, weil man Ihnen vorgeworfen
-hat, daß Sie lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen?
-Im Namen der Preßfreiheit verlang' ich, daß Sie's gedruckt seyn lassen!«
-
-Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte beide umsehen
-machten. Sie erblickten den Professor Sartorius, den der Heimweg vom
-Gymnasium an ihnen vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und
-Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des Gegengrußes, sah nun
-auf den Poeten mit einer so stechend vergnügten Miene, daß dieser sich
-augenblicklich sagte: »Er hat's gelesen -- und ist glücklich darüber!«
-
-In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich Beschämte die
-Kritik mit großem Vergnügen entdeckt und genossen -- er hatte sie in
-der Tasche, und freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu
-beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich auch eine kleine
-Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist und Literat (eine Gattung,
-von der sonst eben er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein
-durchaus zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität gegen den
-Poeten.
-
-In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser Humor auf, und sein
-Angesicht ward heiter. »Sie haben Recht!« sagte er zu dem Freund. »Laßt
-sie schimpfen und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann
-sind wir wieder oben!«
-
-Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den Dramatiker
-wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden Kritiken waren
-Lob und Tadel auf eine für den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und
-dieser konnte das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen.
-Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch ab, erbot
-sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel gegen eine mäßige
-Tantième zu versenden, zu protegiren, und man traf eine Verabredung
-zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß die
-Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch mehr Glück machte, als die
-erste Aufführung. Das überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt
-in eine sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit einem Sturm
-loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen des ersten Leseabends
-verwirklichte. Der Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und
-unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte sich in den
-brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden Applauses
-unendlich wohl, eilte zum Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und
-unter Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft und Seligkeit.
-
-In der sichern Voraussicht, daß es wieder »gut gehen« würde, hatte
-Willmann ein kleines Souper in einem besondern Zimmer des nächsten
-Gasthauses veranstaltet. Theaterfreunde und Schauspieler, darunter
-die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen, speisten
-und ergaben sich bei nachfolgendem Weinpunsch fröhlichem Gespräch.
-Es war natürlich, daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den
-Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand auf, schilderte mit
-elegantem Lob das Bestreben und Verhalten des Freundes, hob namentlich
-die Ausdauer hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph geführt
-habe, und sprach den Wunsch aus, daß die Verbindung des Dichters mit
-dem Theater, insbesondere mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende,
-sondern eine dauernde seyn möge.
-
-Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe der Versammlung
-gerührt, begeistert, erwiederte: »Meine Freunde! Auf den ehrenden
-Wunsch, den ein Kenner und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet
-hat, muß ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen Thätigkeit
-mit dem wirklichen deutschen Theater das Ziel meines Lebens ist und
-immer bleiben wird. Dramatische Dichtung und Darstellung müssen Hand
-in Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte fast sagen, wie
-Mann und Frau! Sie sind geschaffen, sich wechselseitig zu hegen, zu
-fördern, und nur im engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung
-entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem Hinblick
-auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze hervorgebracht wird,
-erlangt nicht nur größere Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren
-Werth an Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie ist
-es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor allem ankommt. Wir
-wollen hier nicht den Reiz der Erzählung und nicht den Zauber des
-Liedes auf Kosten des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen
-werden, dürfen sie nur Elemente -- Zierden bilden zum Vortheil der
-Handlung. Die Bühne weist den dramatischen Dichter auf dieses höchste
-Ziel immer wieder hin, sie zieht ihn von den Abschweifungen in die
-Gebiete des Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum wird
-es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer gewesen ist: die
-reinste Entfaltung der Dramatik auch als Poesie wird abhängen von dem
-lebendigen Verkehr der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung
-der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck bühnengemäßer
-Wirkung gestellt werden.«
-
-»Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem Theater, muß aber in
-diesem Bund allerdings frei seyn und jene Forderungen des Theaters
-vollkommen selbstständig erfüllen: durch Poesie -- durch Wahrheit
-und Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig epischen
-oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück, aber immer noch
-ein dichterisches Werk; ein Drama, das nur Bühnenstück ist, sinkt
-aus der Sphäre der Poesie überhaupt in die Region der Machwerke und
-Surrogate. Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern zu
-wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung des wirklichen,
-des oft sogenannten prosaischen Lebens, und wie weit ich selber in
-meinem ersten Versuch hinter dem Ideal zurückgeblieben seyn mag,
-Kunstverständige geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung
-in ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber von allen
-Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem liebevollen Geist, der die
-Stoffe kunstgemäß bildet; aber da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch
-der Kunst aufgetreten wird. Das Drama, das den Forderungen der
-Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, erhebt, adelt
-die Darstellung. Das Bühnenstück aber, das jene Forderungen täuschend
-erfüllt durch sinnlich wirkende Effekte, degradirt die Bühne und
-entwürdigt die Kunst zum prosaischen Gewerbe.«
-
-»Es gibt einen wahren und einen falschen Bund der dramatischen
-Dichtung mit der Bühne. Der wahre Bund zweier gleichmäßig freien, in
-wechselseitiger Liebe freien Künste, die sich einander ganz machen
-und gebend und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke
-hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen Gedichts --
-dieser Bund der Ehren und des ehrenhaften Vortheils -- er lebe hoch!«
-
-Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen Rede, und unter
-nachträglichen Bravos stießen Alle mit dem Poeten an. Berger konnte
-aber nicht umhin zu bemerken: »Treffliche Grundsätze und sehr gut
-ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!« -- »Handeln Sie darnach,«
-rief Hallfeld pathetisch dagegen, »und lassen Sie sich nicht irre
-machen! Wenn dem Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann
-haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.«
-
-Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch und eine
-Discussion hervor, die unter Anleitung Willmanns die Frage mehr und
-mehr in Erwägung praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht
-währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter den Streitenden
-eine Art Versöhnung zu Stande, indem die idealere Partei zugab,
-daß unter Umständen auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich
-künstlerische Bühnenleistungen möglich machten, und man ging endlich in
-guter Freundschaft auseinander.
-
-Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte er sich, trotz des
-reichlichen Genusses alles Guten, doch vollkommen heiter und kräftig.
-Aber das Glück der Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß
-es die Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht, und nicht
-nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern auch Hypochondristen können
-wir nach einem Triumph, den sie während eines anstrengenden Schmauses
-gefeiert haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen.
-
-Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz gehalten hatten,
-waren erfüllt, der Tag der Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte
-heute noch fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken,
-legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den guten
-Recensionen dazu und machte sich dann auf zu den Freundinnen, um
-Abschied zu nehmen.
-
-Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe hinan stieg, um
-zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit denen er so lange und so herzlich
-verkehrt, von denen er so viel Liebes erfahren hatte. »Wie wird es Rosa
-aufnehmen?« rief's unwillkürlich in ihm. »Keine Einbildung!« antwortete
-er sich selbst, und zog entschlossen die Klingel.
-
-Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit sanft heiterer Miene
-grüßte sie ihn; aber die Ahnung, was ihn herführe, gab ihrem Gesicht
-alsbald einen Schein von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst
-überkam ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein kleines
-Gespräch über den gestrigen Abend, das den ersten Erkundigungen und
-Antworten folgte, hielt nicht lange vor. In dem Schweigen, das eintrat,
-nahm sich aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst und
-sagte: »Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.«
-
-Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die Thatsache doch
-so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr: »Ah!« rief sie, indem
-eine leichte Blässe über ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln,
-setzte sie hinzu: »Ich begreife!« -- »Ich reise zu den Meinigen,«
-fuhr Heinrich fort, »die guten Nachrichten selber zu überbringen --«
--- »Freilich, freilich!« rief die Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie
-schmerzlich sie den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die
-Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr gelingen.
-
-Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich Glücklichen zuwendet,
-und mit einer gewissen Laune im Ton, fuhr sie fort: »Da wird große
-Freude seyn im Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und
-Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert vom Publikum,
-angegriffen vom Neid, gerühmt von dramaturgischer Weisheit! Was können
-die Verwandten und die liebende Braut sich Besseres wünschen? Das
-Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend bewiesen, und der
-öffentliche Erfolg in der Residenz muß dem Sieger die Huldigung der
-Provinz eintragen! Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten
-in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden und die Freunde
-werden glücklich seyn -- die hiesigen, das mögen Sie glauben, nicht am
-wenigsten!«
-
-Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich so befreit, daß
-ihre Miene bei den letzten Worten das reinste Wohlwollen ausdrückte.
-Der Schein desselben wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten.
-Ja, es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte -- nicht
-mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem Zögling und wollte
-sein Bestes; aber sie lebte in einer Sonnensphäre der Kunst und der
-Seelengüte, von wo sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück
-hernieder sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen,
-die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in ihr einen guten Engel,
-einen Schutzgeist; von ihr geleitet, gefördert zu werden, hatte sein
-günstiges Geschick ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie
-immer, traulich sein ganzes Herz öffnen.
-
-»Ja,« rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden, »so, hoffe ich,
-wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dieser Erfolg hat
-mir auch noth gethan. Wie sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern
-und Verwandte, die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, wenn ich
-heimkehre, werden sie befriedigt seyn und Augen machen wie Kinder vor
-dem brennenden Christbaum. Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann,
-wird auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich höher stellen,
-meinen Zusagen überhaupt und völlig glauben, und sie können es auch.
-Nachdem ich -- mit Ihrer Hülfe, liebste Freundin -- meine Kraft erprobt
-habe, ist mir's, als ob mir Alles gelingen müßte. Es liegt mir in
-den Fingern und ich meine es nur auf's Papier werfen zu dürfen. Ja,
-ich führe Auguste einem gesicherten Loos entgegen, ich bin davon
-überzeugt, und werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.«
-
-Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden Blick beigestimmt
-hatte, sagte: »Wann wollen Sie reisen?« -- »Heute noch, in einer
-Stunde,« erwiederte Heinrich. »Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe
-nichts an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen
-wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig mündlich zu
-schildern.«
-
-»Ich verstehe,« rief das Mädchen. Mit einem Lächeln der Trauer, das
-aber sogleich in ein Lächeln der Liebe überging, reichte sie ihm die
-Hand und sagte: »Reisen Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das
-Ihr Herz sich wünscht! Aber -- vergessen Sie dabei nicht ganz Ihre
-hiesigen Freunde!«
-
-»O,« rief Heinrich, »von niemand wird in unsern Unterhaltungen öfter
-und ehrenvoller die Rede seyn, als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen
-Lippen erschallen, und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre, wird
-unser erster Gang zu Ihnen seyn!« -- Rosa nickte dankend. »Empfehlen
-Sie mich,« fuhr Heinrich fort, »der lieben Mutter, es ist mir leider
-unmöglich, sie zu erwarten. Und nun -- leben Sie wohl!«
-
-Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie, mit edler
-Freundlichkeit, sagte: »Die herzlichsten Wünsche nochmals, und auf
-Wiedersehen!« -- »Auf Wiedersehen, unbedingt!« entgegnete Heinrich,
-nickte mit einem Blick des Dankes und verließ die Stube. -- Rosa
-begleitete ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach: »Grüßen Sie
-die Braut von der Freundin!«
-
-Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das Möglichste war
-geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. -- Erschöpft, von tiefster Trauer
-bezwungen, warf sie sich auf's Sopha.
-
-Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte ihr Leid besiegt und
-die erhabene Freude der Großmuth empfunden. Aber dabei hatte sich doch
-wieder eine Art Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles
-veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer möglich ist, auch
-nicht ganz und gar ohne Grund war. Jetzt aber, wo der Geliebte nach
-erreichtem Zweck unmittelbar zu der Andern eilte, um das Band mit ihr
-unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer von Hoffnung
-genommen. Er war dahin für sie! Und wer konnte ihr verbürgen, daß er
-als Gatte der Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?
-
-Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den Ereignissen voraus.
-Sie sah ihn in die Arme der Verlobten sinken und dieser, was sie selbst
-vergeblich ersehnt hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil
-werden. Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte über
-ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. Jener war alles
-gegeben, ihr war alles genommen: unselig wehvolles, grausames Geschick!
-Und wieder die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte
-Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? -- »Nein!« mußte sie
-selber entscheiden. Denn welche Vorzüge sie haben mochte, sie liebte
-ihn nicht wie sie! Sie hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein
-gutes, fühlendes, reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von dem
-schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, von dem Weitblick
-des Geistes und der Beschränktheit des kindlichen Sinnes! Für sie hatte
-die Natur ihn werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie
-trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen! Seine
-Schwächen waren ihr lieb, so lieb wie die Gaben, womit Gott und Natur
-ihn ausgestattet! Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich seyn
-mit ihm!
-
-Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden und sich mitten in
-einer Welt des Leichtsinns, der oft so reizend ist, rein erhalten für
-ihn? So sehr, daß auch ihr Herz -- ihr so oft kalt genanntes Herz --
-jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? Und alles das
-nur, um das Liebste zu entbehren und für ihr ganzes Leben beraubt und
-elend zu seyn?
-
-Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das Antlitz drückte ein
-Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr Inneres zerfloß. Thränen
-stürzten ihr in die Augen und rollten die Wangen herab; sie gab sich
-ihrer Leidenschaft hin und weinte wie ein Kind.
-
-
- X.
-
-Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern suchte, fuhr
-Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen Platz in einem wenig besetzten
-Coupé und sah die letzten Bedenken, die sich nach dem Abschied noch
-in ihm erhoben hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut, die
-schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs April, die Luft
-mild, der Himmel dünn überzogen, die Wälder schwärzlich braun, aber
-Saatfelder und Wiesen grün; und fort ging's in gewaltigem Rollen,
-dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da beschäftigt die dichterisch
-erregte Seele der Augenblick mit seinen Erscheinungen, und wenn sie
-darüber hinausgeht, so ist's, in die Zukunft, der man entgegen zieht;
-das Vergangene ist verschwunden.
-
-Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die Bilder der
-Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum zwischen sich und ihr
-kleiner und kleiner werden, und es war ihm, als ob er einem Paradies
-entgegen zöge, das auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu
-durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über die Gegenwart
-hinweg, um das Künftige zur Gegenwart zu machen.
-
-Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat und sagte: »Hier bin
-ich! Ich hab' Alles gehalten, was ich versprochen, und Alles erreicht,
-was ich mir vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen,
-eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!« Welch ein
-Triumph, wenn er ihre Seelen mit Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn
-die Familie und die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf
-ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und er endlich in
-der That als das vor ihnen galt, was er war!
-
-Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der Heimath. Nach einem
-alten Worte gilt der Prophet nichts im Vaterlande; deßwegen muß er
-eben fort aus ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie aber
-gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer zu genießen in dem
-Winkel der Erde, der ihn leben und streben sah, unerkannt, ungeglaubt.
-Die Menschen, denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein
-Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch die That, das ist
-die Vollendung seines Werks, und wenn er dann die Mienen, deren Zweifel
-und Spott ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen
-Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster Ehrgeiz
-gestillt; -- der Moment ist gekommen, wo er befriedigt ruhen kann.
-
-Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer wieder zur Produktion
-sich drängte. Mitten in den Visionen des Glücks erzeugte er Gedanken
-und Entwürfe zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der
-dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, und
-wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer Thätigkeit. Es waren
-dieß nicht Bilder, wie er sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern
-in seiner Tragödie angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten
-und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste; sie konnten
-überschritten, überglänzt werden durch Gestalten, die den größeren
-Geist und Charakter, den höheren Schwung der Seele in der gemessen
-schönen Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter ausdrückten.
-Das war und blieb der Gipfel der Kunst, und ihn zu ersteigen, vielmehr
-zu erfliegen, glaubte er sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel,
-das in der Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben malte,
-verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden Farben
-ausgeführt war; und falls ihm selber künftig anziehende Stoffe sich
-boten, wollte er sich ihnen nicht entziehen. Aber die eigentliche
-Aufgabe des dramatischen Dichters war doch das hochpoetische Drama,
-die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten Charakteren
-und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften die höchst möglichen
-Erscheinungen der Erde vor Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf
-diesem Feld konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen
--- die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und neuer Zeiten
-sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu solchen Arbeiten gedrängt von
-Jugend auf, sie waren seine erste Liebe -- sie mußten auch seine letzte
-seyn. Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren Gebilde
-durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der Wirklichkeit. Vielmehr:
-noch wahrer mußten jene Gebilde seyn, als diese, weil sie schöner seyn
-mußten, und in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten,
-sondern ewiges. -- Darin lag nun eben der Fortschritt, den er in
-Abweichung von seinem ersten Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis
-der falschen die wahre Idealisirung sich eingeprägt -- daß er das
-Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des gesunden Höchsten.
-
-Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte ihm den Beifall des
-Publikums errungen. Die idealeren, die ihm gelingen mußten, sollten
-ihm diesen Beifall auch erringen, aber das Publikum zugleich in die
-Höhe hinanheben, die er selber erstiegen -- beglückend und wahrhaft
-fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich erweisen.
-
-Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, sah er für sich hin, wie
-sich erinnernd, und ein Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös
-hatte man die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings
-nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen und deßwegen
-herabgestimmt, wo er vermochte. In dem wahrhaft poetischen Drama,
-wie es ihm nun vorschwebte, konnte er aber sein Ideal des Weibes den
-höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es natürlich; denn in
-solche Sphäre gehörte dieser Ton. -- --
-
-Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof eines größern Ortes,
-von welchem Heinrich seinen Weg mit der Post fortzusetzen hatte.
-Sein Gepäck an sich nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und
-benützte die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. -- Der Wagen, der ihn
-aufnahm, war glücklicherweise nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das
-heimlichere, poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße
-Träumereien.
-
-In derselben Stunde, welche den Poeten seinem Reise- und Lebensziel
-entgegenbrachte, erging auch an die Zurückgelassene in der Residenz ein
-Ruf, den sie für ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.
-
-Sie hatte sich ausgeweint -- recht von Herzen -- und eine eigen
-wohlthuende Stille war in sie gezogen: jener Friede der Genesung, wo
-die Seele, von einer erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen
-wieder erhebt und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu ertönen
-scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte sie nicht zu verbergen.
-Als die Mutter heimkehrte, trat sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen
-entgegen und erwiederte auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton
-unverholener Trauer: »Er hat Abschied genommen -- und ist fort!« -- Die
-Mutter nickte mit einem Blick liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen
-sagte sie: »Um so besser!«
-
-Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand war nicht mehr berührt, das
-Mädchen gefaßter worden, und der Schein einer still gehobenen Seele
-klärte ihr Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben von
-der Intendanz nebst einer Rolle.
-
-Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem Munde. Ein schon länger
-erschienenes, von der Hofbühne aber seit Jahren nicht gegebenes Drama
-sollte auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die Hauptperson darin
-war eine Figur, die der zweiten Liebhaberin, nach den bisherigen
-Begriffen von ihr, immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber
-nicht mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das fein, ergreifend
-und schwungvoll ausgeführte Bild einer in schmerzlichen Lagen, in einer
-Steigerung von Leid sich bewährenden treuen Liebe. -- Die Intendanz,
-von jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen Künstlerin an,
-ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen vermöchte. Jene, welche
-die Dichtung kannte, war sofort entschlossen und antwortete mit einem
-dankbaren Ja.
-
-Es war -- das Ganze der Rolle angesehen -- ein Schritt auf eine neue
-und wesentlich höhere Stufe der Darstellung, eine Aufgabe, bei der
-sie sich etwas zuzumuthen hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein
-wahrer Segen für sie.
-
-Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster Bedeutung.
-Sie war nicht nur ein Ersatz für das mangelnde Glück des Lebens, nicht
-nur auch ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben, der
-größere Wirkungskreis. -- Menschen darzustellen mit allen Mitteln einer
-lebendigen Persönlichkeit; feinen, fühlenden Seelen zu erscheinen in
-den anmuthigsten, wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen
-sich einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine Freude zu
-seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was dichterische Phantasie
-geschaffen, am schönsten zu versinnlichen und dadurch nicht nur zu
-beglücken, sondern Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten
-an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber dennoch weiter
-führt: -- das ist fürwahr eine Thätigkeit, die ein Menschenleben
-ausfüllen, in der ein Menschengeist sich genügen kann.
-
-Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend, sagte zu sich
-selbst: »Das Eine ist mir genommen, das Andere gegeben; ich muß
-zufrieden seyn. -- Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis
-zu erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse. -- In Gottes
-Namen! Ich will nur Künstlerin seyn, aber dieß ganz! Und wer weiß?
-Vielleicht hab' ich doch Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht
-besser spielt, als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die
-entbehrende Seele das Leben der Liebe um so glühender auf der Bühne,
-und der Verlust des Menschenherzens wird ein Gewinn der Kunst, ein
-Gewinn für ihre Freunde. -- -- Einerlei! Diese treu Liebende, die
-ein deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und groß in der
-Schmach, die sie vernichten sollte, dieses schöne Bild will ich spielen
-und mir gütlich thun dabei. Ich will es aus mir herauslassen, was mich
-schmerzt und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, sollen
-sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin! Wahrlich, unsereins
-darf nicht verzweifeln, ja kaum klagen! Eine Andere müßte sich grämen
-und die Wunden von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so
-dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen ergießen, daß
-es rührt und wohlthut! -- -- Es ist,« setzte sie nach einem Augenblick
-lächelnd hinzu, »ein wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin,
-das ist nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll's genug
-seyn!«
-
-Die Aufführung des Stücks war für die nächste Woche beantragt. Rosa
-nahm die Rolle vor, erwog sie nach ihrem Grundcharakter und ihren
-Wandelungen, vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. --
-
-Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach einer Wendung um
-eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm in Abendbeleuchtung, bescheidener
-als die Residenz, aber heimlicher, und für den liebenden Dichter von
-einem bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine
-rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen Thürme schauten so
-freundlich bekannt und doch poetisch anders her zu ihm, der selbst ein
-Anderer geworden. Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen so
-traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche, da lag es, das Heim
-seiner Seele, das Haus, das die Erwählte beherbergte. Der äußerste
-Garten vor der Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er
-begrüßte sie.
-
-Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße: das Herz
-des Liebenden begann zu klopfen, in Gefühlen zu klopfen, die ihn
-überraschten. Die stolze Freude, womit er vor Auguste und die Eltern
-zu treten gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause kam,
-je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein unwillkürliches dumpfes
-Beben zur Folge hatte. Sahen die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen
-mit seinen Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents in
-seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der Tochter in die seine
-mit dem ehrenden Vertrauen, das er fordern konnte, und das zu seinem
-Glück unentbehrlich war? Oder? --
-
-Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken, welche den Moment des
-Wiedersehens trüben wollten -- über den Kleinmuth, der kränkend war für
-die braven Leute -- kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher doch
-so freundlich geführt hatte.
-
-Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um und eilte dem
-stattlichen Hause zu. In den untern Gang eingetreten, erblickte er
-eine alte, seit Jahren zum Haushalt gehörende Magd, die ihn in der
-Dämmerung forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf der
-Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des Bedauerns hatte.
-
-Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken und rief
-erfreut: »Hanna! -- Wie steht's? Sind alle zu Hause?« -- »Ja, Herr
-Heinrich,« war die Antwort. -- »Alle?«
-
-»Alle miteinander.« -- »Gut!« rief der Glückliche, machte einen
-Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich an und sagte zu der
-ernst vor ihm Stehenden mit Lächeln: »Melde mich, Hanna!«
-
-Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. Aus's neue begann sein
-Herz bange zu pochen. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte
-sich, die Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und bald
-gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.
-
-Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. -- Warum ließ man ihn warten?
-Was hatte das zu bedeuten? Niemals war ihm das begegnet in diesem
-Hause! -- Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: »Sie sind
-willkommen, Herr Born.« Heinrich betrachtete sie und sagte: »Du bist
-so ernsthaft, Hanna. -- Es ist doch nichts vorgefallen? Keinem ein
-Unglück begegnet?« -- »Durchaus nicht,« erwiederte die Alte nicht ohne
-ein gewisses Mundverziehen. »Sie werden aber doch nicht mehr Alles
-so finden, wie's gewesen ist!« -- »Was ist geschehen?« rief Heinrich
-schnell. -- »Gehen Sie nur hinauf!« war die Antwort. »Sie sind im
-großen Zimmer.«
-
-Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu gerechtfertigt
-waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an die Thüre und trat auf das
-»Herein« des Vetters in den Salon.
-
-Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, nicht weit von
-ihnen Auguste, und neben ihr einen stattlichen, elegant gekleideten
-Mann von seinem Alter, den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu
-haben. Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut, als selbst er,
-die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund und braun. Aussehen und
-Haltung verriethen einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte
-Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit verleihen.
-
-Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen Ausrufungen,
-womit er den Verwandten in die Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und
-gar. Da man auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete,
-da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem verlegenen
-Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn mit einemmal die schlimmste Ahnung,
-und eine unbeschreibliche Verwirrung ergriff ihn.
-
-Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer Haltung, deren
-sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt hätte, trat einen Schritt
-näher und sagte, vorstellend, zu Heinrich: »Herr Kronfeld, Sohn unseres
-Verwandten, den du kennst -- mein Bräutigam.« Dann zu diesem: »Doktor
-Born, unser Vetter -- der Dichter, dessen Lob du in den Zeitungen
-gelesen hast.«
-
-Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte seine Freude, die
-Bekanntschaft zu machen, nicht ohne einen merklichen Zug von Triumph
-in dem ruhig vornehmen Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte
-mechanisch.
-
-Das Wort »Bräutigam« hatte ihn trotz seiner Ahnung wie ein Donnerkeil
-getroffen und auf einen Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er
-wieder eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er Auguste
-und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz wäre, den sie mit ihm
-vorhatten -- eine Comödie, die sie spielen wollten. -- Aber die Mienen
-Aller widersprachen dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht
-der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten Entschluß; die
-Eltern sahen verlegen und sarkastisch her, wie man auf einen Geopferten
-und Getäuschten zu blicken pflegt.
-
-Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war begangen! Er war
-betrogen, geäfft, gehöhnt auf's Schnödeste! Ein Abgrund von
-Treulosigkeit that sich vor ihm auf. -- Doch, ein unmännlich Jammerbild
-wollt' er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die Falsche war
-seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht seines Zorns und einer
-Scene, die erzürnte Vorwürfe herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe
-der Verachtung mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das
-verächtlich Werthloseste entzogen wird! --
-
-Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht, was dem Dichter
-gelingen konnte, und auch in der That nur sein erster Gedanke. Ihm
-geziemte der Stolz der geistig sittlichen Ueberlegenheit und des
-reinen Bewußtseyns. Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen holen
-mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie sich nicht weiden an
-dem Geknickten, so war er doch zu gut, namentlich aber zu groß dazu,
-um Böses mit Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht nur
-in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch in der That und
-Wahrheit. Er wollte sie vernichten durch den Adel des wahren Poeten und
-durch die stolze Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging.
-
-Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, entgegnete er mit
-einer ironischen Artigkeit, die in der That ganz von oben kam: »Halten
-Sie es meiner Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten
-Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu antworten. Sie
-kennen meine Gesinnung und wissen, welchen Antheil ich an Allem nehme,
-was Sie betrifft. Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und möge dir,
-liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden, das du verdienst -- und das
-der Mann deiner Wahl dir verbürgt!«
-
-Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der Braut sehr fühlbar
-wurde, befreite die Gemüther gleichwohl: die Scene, die man fürchten
-mußte und fürchtete, obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen
-hatte, war vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit
-Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein Schein von
-Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen Mienen. Der Vater ergriff das
-Wort und versetzte mit großem Ernst: »Ich danke dir, Heinrich! Wenn
-Leute, die sich lieben und in jeder Beziehung für einander passen,
-Glück haben können in der Welt, so dürfen wir's für unsern Sohn und
-unsere Tochter hoffen. Herr Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen
-und erst vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die Fabrik
-seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen, die er auswärts
-gesammelt hat, Gebrauch machen. Schon jetzt beschäftigt er dreihundert
-Arbeiter --«
-
-Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus der die ganze still
-sublime Geringschätzung des Idealisten heraussah. -- »Es werden aber,«
-fuhr jener mit einem Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter
-dadurch mehr als gerechtfertigt wäre, »mit der Zeit nochmal so viel
-werden.« -- »Das ist in der That großartig!« rief Heinrich. »Wie ich
-meine Cousine kenne, ist das auch der rechte Wirkungskreis für sie, das
-eigentliche Feld für ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren
-auf's Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche -- und
-freue mich, daß sich Alles so schön gefügt hat.«
-
-Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie, die sie ihm gönnen
-mußte, halb über die Art, gute Miene zu machen, wofür sie's nahm. In
-Folge eines instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr
-gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann sie: »Laß uns jetzt
-aber auch von dir reden, lieber Heinrich! Du hast Glück gemacht, dein
-Stück hat Beifall gefunden. Wir haben's gehört und gelesen.«
-
-Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete mit einer
-Miene der Geringschätzung: »Was will das heißen? Eine Kleinigkeit!« --
-»Nun,« bemerkte der Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt
-hatte, »es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne, eine solche
-Auszeichnung! Es ist immer ein schöner Anfang.«
-
-»Ja,« fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes Schamgefühl
-ausdrückte, mit einem Blick des Antheils fort; »es hat uns Alle
-außerordentlich gefreut --« -- »Und überrascht?« fiel Heinrich ein;
-»natürlich!«
-
-Auguste, erröthend, entgegnete: »Ich hab' es nicht anders von dir
-erwartet.« -- »Du schmeichelst!« versetzte der Poet mit voller
-Ueberlegenheit. »Ich, wenn ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses
-Zutrauen nicht von dir erwartet!«
-
-Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr fort: »Ein Bekannter von
-uns, der zufällig dort war, Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung
-gesehen und uns genau erzählt, wie's gegangen ist. Anfangs war er
-für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz auf einen solchen
-Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft gerühmt. Uebrigens« --
-fügte sie lächelnd hinzu -- »hat er gethan, was in seinen Kräften stand
-und dich mitgerufen.« -- Heinrich, lächelnd über die Naivetät dieser
-Mittheilung, erwiederte: »Sagen Sie ihm gelegentlich meinen Dank.«
-
-»Es muß ein eigenes Gefühl seyn,« bemerkte nun der junge Fabrikbesitzer
-mit der Miene eines über solche Triumphe glücklicherweise Erhabenen,
-»vor ein begeistertes Publikum zu treten und seinen Ruhm so
-handgreiflich in Empfang zu nehmen.« -- »Jedenfalls,« erwiederte
-Heinrich, »fühlt man sich dabei geehrter, als in mancher andern
-Situation!«
-
-Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese Bemerkung gut
-finden. Im Grunde schien ihm jetzt nicht nur das Eis gebrochen,
-sondern der fatale Handel so gut wie beigelegt, und nun kehrte der
-Geschäftsmann, der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres
-zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen
-Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich an und rief mit cordialer
-Ermuthigung: »Du mußt uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine
-Gesellschaft zusammen, Verwandte und Freunde, die du kennst und
-die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch hier deinen
-Triumph.« -- »Ach ja,« rief die Gattin, »das wäre charmant!«
-
-Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen stechenden Blick
-der Verachtung auf Menschen zu werfen, die sich's mit ihm so
-außerordentlich leicht machten. Er nahm sich indeß zusammen und
-versetzte mit möglichstem Ernst: »Wird doch nicht gehen, Base. Ich
-will so bald als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen
-und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen machen kann,
-nicht länger vorenthalten darf. Auch ich, wie Sie sich denken mögen,
-sehne mich darnach, sie wieder zu sehen.« Und mit einem Ausdruck
-rückhaltloser Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte
-er hinzu: »Genießen Sie das Glück, das die rühmliche Verbindung Ihnen
-Allen verheißt! Die Gesinnung, die es geschaffen hat, wird es auch
-erhalten; und mit aller Freude, die ein Freund darüber empfinden kann,
-scheid' ich nun! Leben Sie wohl!«
-
-Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und einen durchdringenden
-Blick auf Auguste ruhen lassen. Diese schlug die Augen nieder und
-machte eine Bewegung, als ob sie in's Herz getroffen wäre. Heinrich, es
-gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer.
-
-Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. Als er der Alten
-ansichtig ward, rief er: »Du hast Recht gehabt, Hanna! -- Gott sey,
-Dank! Das wär' überstanden!«
-
-Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr Gesicht in strenge
-Falten legte, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Fräulein Auguste hat
-sehr unrecht gegen Sie gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht
-nur meine Meinung, sondern gar viele denken so.« -- »Wirklich?« rief
-der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. -- »Der Herr Rektor,« fuhr
-Hanna fort, »hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie mehr
-in unser Haus.«
-
-»Ein Ehrenmann,« versetzte Heinrich; »das ist begreiflich! -- Nun,
-Hanna, lebe wohl! Es thut mir gut, wenigstens Eine treue Seele in
-diesem Hause getroffen zu haben.« Ernst ergriff er ihre Hand, drückte
-sie und sagte herzlich: »Behalte mich in gutem Andenken!« -- »Oh,« rief
-die Alte mit Thränen in den Augen, »Sie sind gut, Herr Heinrich, und
-Sie werden auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher! Machen
-Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie --«
-
-Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den Kopf, machte eine
-Bewegung des Abschieds und ging der Thüre zu. Auf einmal, von der
-Treppe herab, ertönte der dringende Ruf: »Heinrich!« Er kam von
-Auguste, die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu ihm
-herabstieg.
-
-Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah er sie an und
-sagte kalt: »Was wünschen Sie von mir?« -- »Geh!« versetzte das
-Mädchen mit einem Blick des Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht.
-»Stell' dich nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte und
-Jugendfreunde!«
-
-Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener Geringschätzung.
-Dann, nach einer Bewegung, die einen gefaßten Entschluß anzeigte,
-entgegnete er: »Nun, also -- was willst du von mir?« -- »Ich muß mit
-dir reden,« erwiederte das Mädchen. -- »Wozu das, gute Cousine?«
-
-»Du mußt mich hören!« fuhr sie leidenschaftlicher fort. »Ich verlang'
-es von dir! -- Ich bitte dich darum,« setzte sie weicher hinzu.
-
-Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem Ausdruck des
-Verstehens. Sie ging ihm voran in ein Zimmer, das er selbst, wenn er
-auf Besuch hier war, zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene
-glaubensloser Neugier.
-
-Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann: »Ich weiß, Heinrich,
-daß du mich verdammst. Du denkst das Schlimmste, das Niedrigste von
-mir, weil du nicht weißt, wie Alles so gekommen ist -- und ich kann
-dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das ist geschehen nach
-genauer Ueberlegung; und ich hab' nur gethan, was ich für meine Pflicht
-hielt.«
-
-Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. »Ich will's
-nicht bestreiten,« sagte er dann. »Es gibt verschiedene Ansichten über
-das, was man Pflicht nennt.«
-
-»Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin, hat mich einen großen
-Kampf gekostet,« fuhr Auguste mit Nachdruck fort. -- »Das kann ich
-glauben,« erwiederte jener. »Dem Verlobten die Treue zu brechen --« --
-»Wir waren nicht verlobt!« fiel Auguste rasch ein.
-
-»Förmlich nicht,« versetzte Heinrich -- »allerdings! Wir hatten nicht
-Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten ausgegeben. Aber ich hab'
-das Verhältniß nie anders angesehen, und du schienst dich doch auch
-zu benehmen, als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst du dich
-vielleicht noch unseres Abschieds und was du mir dabei gesagt hast?
-Erinnerst du dich der Briefe, die du mir geschrieben? Mir schienen das
-Betheurungen einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist's
-her, daß ich den letzten erhalten habe?«
-
-Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment des Besinnens entgegnete
-sie, ohne die innere Bewegung verbergen zu können: »Ich will meine
-Briefe nicht verläugnen, ich will kein Wort verläugnen, das in
-ihnen steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du hast mich
-liebgewonnen und ich dich, und wir haben so fortgelebt wie in einem
-Traum. Aus der Freundschaft naher Verwandter, die sich dutzten von
-Jugend auf, ist ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als
-es war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens mich weiter
-geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne deine Base zu seyn, hätt'
-ich nie mit dir Briefe gewechselt.«
-
-»Mag seyn,« versetzte Heinrich, indem seine Augen zu funkeln begannen.
-»Aber du hast sie nun einmal gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe
-und Treue vernommen und wieder vernommen -- hast es erwiedert! Und wenn
-auch in deinen Briefen nicht die Wärme, die glühende Liebe herrschte
-wie in den meinen -- von der Jungfrau hab' ich das nicht verlangt --,
-so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für gebunden achtet,
-die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt hält.«
-
-»Ja,« versetzte Auguste, »das ist wahr -- wahr von den Briefen, die ich
-dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben habe! Damals, wenn du mich
-von meinen Eltern hättest verlangen können, wär' ich dir gefolgt, mit
-Freuden gefolgt!« -- »Aber dann,« versetzte Heinrich, »kam ein Anderer
-und Besserer --« -- »Nein!« unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher
-änderte sich meine Gesinnung -- und mußte sich ändern.«
-
-Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; Auguste fuhr fort:
-»Erinnere dich, wie es dir ergangen ist, und versetze dich in meine
-Lage! Du bist in die Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die
-wir hier alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher du
-für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und die größten Vortheile
-versprochen hast. Du hast sie nicht einmal zur Aufführung bringen
-können. Und wie zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du
-doch selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht eignete.
-Dann hast du ein neues Stück angefangen und warst deiner Sache ganz
-sicher und hast mir wieder die besten und schönsten Erfolge prophezeit.
-Ich habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst bedenklich
-geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. Da, nach Wochen erneuerter
-Hoffnungen, schreibst du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben
-und du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin den
-Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht, ich will es nicht läugnen,
-wankte auch mein Vertrauen.« -- »Zur unrechtesten Zeit!« fiel Heinrich
-ein.
-
-Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und sagte: »Ich bin keine
-Dichterin, wenn ich auch Dichter verehre; ich kann mir die Dinge nicht
-durch Phantasie verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind.
-Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du mein Vertrauen
-gerechtfertigt, so wär' ich die Deine geworden. Aber nachdem zwei
-deiner stolzesten Verheißungen unerfüllt geblieben waren und sich
-recht eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär' es mir möglich
-gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie konnte ich annehmen,
-daß dir mit dem fremden Entwurf gelingen werde, was dir mit deinen
-eigenen, die du so begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest,
-nicht gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein Talent überhaupt
-in einer Täuschung befangen warst, daß deine Kräfte zu dieser Art von
-Arbeiten nicht hinreichten, daß deine Bemühungen vergeblich seyn und
-bleiben würden -- und daß du mich, wenn auch mit dem besten Glauben
-von der Welt, hinhalten würdest und müßtest, weil dir ein Plan um den
-andern fehlschlug.«
-
-Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm das Wort im Mund
-ab, indem sie fortfuhr: »Sag' selbst, welch ein Schicksal erwartete
-mich unter diesen Umständen? Wenn ich den Bitten, den dringenden
-Mahnungen meiner Eltern auch hätte widerstehen können, so wurde ich
-älter; ein Jahr um's andere und mit ihm das bischen Jugendblüthe ging
-dahin; und wenn mir das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen
-ist -- wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber dein Herz
-von mir abkehrtest?«
-
-»Oh!« rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. -- »Es wäre
-nicht das erstemal,« fuhr Auguste fort, »daß ein glühender Liebhaber
-kalt würde und sich zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue
-Liebe kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als die Pflicht
-der Treue. Genug, wenn ich mich nicht selbst verblenden wollte, konnte
-ich jetzt in einem fortgesetzten Verhältniß weder mehr auf mein Glück
-rechnen noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch sonst von
-ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung für sich allein
-nicht bestreiten, nicht =mehr= bestreiten, mein guter Heinrich! Von
-dem Augenblick nun, wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete
-ich mich nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und wenn du
-meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, wirst du dich überzeugen,
-daß sich in ihm nur die sorgenvolle Theilnahme an deinem Schicksal
-ausspricht, wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem ich
-diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, gewann sein
-Herz, ganz ahnungslos von meiner Seite, und hörte seinen Antrag.
-Ich verbrachte trotz alledem Tage der größten Aufregung und der
-peinlichsten Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den dieser
-Schritt auf dich machen würde und eine Stimme in mir doch wieder für
-dich gesprochen hatte. Aber von dem ausgezeichneten jungen Mann, von
-meinen und seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen gedrängt,
-denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte, sagte ich endlich Ja.«
-
-Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung einer schlechten Sache,
-und entgegnete bitter: »Das war zu derselben Zeit, wo dein Geliebter
-und Verlobter sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung
-seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine rühmliche Zukunft, uns
-beiden eine geehrte Existenz verbürgte!«
-
-Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen Blick des Mitleids
-auf ihn zu werfen. »Heinrich,« erwiederte sie, »ich freue mich dieses
-Glücks von ganzer Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber
-erhalten habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, die du
-darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut dafür, daß dieses Stück
-auch anderswo so gefällt wie da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt
-und natürlich ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür,
-daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen, auch nur gibt?
-Und wenn es gegeben würde und gefiele, wer verbürgt dir, daß deine
-neuen Arbeiten eben den Beifall erhalten wie diese, die unter so
-besondern Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier
-und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht die Existenz eines
-einzelnen Mannes, geschweige denn einer Familie. Ich habe darüber im
-Hause meines Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen Dingen
-bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich in meinem Entschluß
-nur bestärken konnten. Darum will ich dir aber jetzt das Herz nicht
-schwer machen. Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten
-gelingt, und niemand kann es inniger wünschen als ich. Aber ich, in
-meinen Verhältnissen, konnte an diese Möglichkeit -- noch dazu in einer
-Zeit, wo sie eine höchst entfernte war -- nicht das Schicksal meines
-ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir und meinen Eltern
-das gesichertste, ehrenvollste Loos und ein Wirkungskreis geboten war,
-wie ich ihn mir immer gewünscht habe.«
-
-Heinrich stand mit bebender Lippe. »Richtig!« entgegnete er; »richtig
--- und abscheulich!« -- Auguste sah ihn an wie eine Verletzte. -- »Du
-hast sehr einsichtsvoll gehandelt!« fuhr jener fort; »als ein wahres
-Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! Aber von Gemüth und
-von Würde der Gesinnung erblick' ich keine Spur in deinem Verhalten!
-Wenn diese Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen; denn
-immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige Zusage gegeben und
-unwandelbare Treue hoffen lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil,
-mehr Sicherheit, man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn, also laßt
-uns absagen und unser Lebensglück begründen!«
-
-»Heinrich!« rief das Mädchen, gegen diese Auslegung sich wehrend, in
-einem Tone zugleich der Scham und der Entrüstung. -- »Geh,« rief
-dieser, »du kennst die Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit
-wunderbarer Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht. Die
-Liebe =will= keine Sicherheit, sie will das Wagniß und die Gefahr,
-und freut sich ihrer! Denn nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt
-gegenüber kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur in der
-Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich! Die Liebe scheut nicht
-zurück vor dem Gedanken des Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe
-hofft Alles und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist auch
-bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem zeitlichen Verlust
-ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle dich zu deines Gleichen! Du
-verlierst mehr, als du gewinnst! Ein einziger Augenblick einer edeln
-Seele, die göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes
-Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren! Ich habe mich
-getäuscht, ja; aber nicht über mich und mein Talent; denn in mir glüht
-eine Flamme, die nie verlöschen und nur immer heller aufleuchten
-wird! Ueber dich hab' ich mich getäuscht und über deine Gesinnung! In
-dir hab' ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin hab' ich dich
-gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist, als ein Weib, und zwar ein
-gewöhnliches Weib, mit all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge
-für den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß es tragen! Ich
-bin verschmäht und weggeworfen, und soll meine Schmach nun auch noch
-für Recht erkennen und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch,
-Gott sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben und liebend
-wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, die mir anhängen mit einer Liebe
-und Treue, die nichts wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu
-meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles empfangen soll,
-was du verschmähst, und die es mit Freuden empfangen wird! -- O,« fuhr
-er mit Thränen in den Augen fort, »der Boden brennt mir unter den Füßen
--- nie, nie werd' ich dieses Haus mehr betreten!«
-
-»Heinrich!« rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem Bedauern in dem
-glühenden Gesicht. Aber dieser war fertig. »Fahr wohl!« rief er mit
-einem Stolz, der sein Gesicht leuchten machte; »fahr wohl für diese
-Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß, daß meine Liebe
-jemals dir gehört hat! Sie war die Tochter des gröbsten Irrthums, ich
-bereue sie -- und sie ist dahin für immer!«
-
-In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen Schritten
-verließ er Zimmer und Haus. Auguste, sich fassend und wieder
-aufrichtend, sah auf die offene Thüre. »Er stürmt fort,« sagte sie zu
-sich selbst, »mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir doch lieb,
-daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat meine Gründe gehört, und
-wie schlecht sie ihm jetzt vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß
-ruhiger bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. Ich
-hab' doch recht gethan, mich nicht für mein Leben an ihn zu fesseln.
-Das erkenn' ich jetzt mehr als jemals. Und,« setzte sie mit einem
-Ausdruck voll Selbstgefühl hinzu, »wie verächtlich mein Loos ihm
-erscheinen mag, ich nehm' es an.« --
-
-Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf sein Zimmer
-und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein Herz war unendlich gedrückt,
-von einem Strom der bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen
-stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs und des Zorns.
-»Welch ein Verrath!« rief er. »Welch ein Abgrund von Selbstsucht!
-Ist es möglich? Hab' ich mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich,
-unverzeihlich! Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei ihr
-Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach für mich! Sie hab'
-ich angesehen und dargestellt als das Ideal des Weibes! leuchtend in
-allen Tugenden, die sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie
-des Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner waren
-als eben ihr! Doch -- in Gottes Namen! Sey mein Irrthum der gröbste
-gewesen, Liebe hat in mir geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag
-ich der Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose war! Denn
-der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, und wo die Liebe
-fehlt, da fehlt das Heil und die Ehre des Menschenthums!«
-
-Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem Ernst nickend,
-fuhr er fort: »Unerhört ist die Kränkung, die ich erfahren habe, und
-ich weiß es, ich werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell
-nicht genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und endlich, so
-Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner Eltern, das Herz edler
-Seelen, die mir Antheil bezeigt und mit liebevoll uneigennütziger
-Freundlichkeit und Güte mich gefördert haben.«
-
-Er hielt inne, und während die Thränen in seinen Augen versiegten,
-starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr er zusammen. Eine dunkle Röthe
-ergoß sich über seine Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge,
-die nur Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf einmal
-Schuldgefühl, Scham und Sorge.
-
-Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus: »Zu meinen Eltern!
-Sie sollen meine Ehre, meine Schmach erfahren! -- Bei ihnen hoffe ich
-Ruhe und, so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!«
-
-
- XI.
-
-Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schön, und der
-schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fähige hatte, in der
-offnen Chaise, die er für sich genommen, allein durch Feld und Wald
-hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die
-sonnige Höhe -- die frohen, frischen Klänge, die ihn von allen Seiten
-umtönten, übten auf das gedrückte Herz eine freundliche Wirkung. Je
-weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er
-sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren:
-die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu
-vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer.
-
-Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder
-wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflüge,
-deren er sich hier erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die
-Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte ihn in
-der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit
-des Bandes, das Eltern und Kind verknüpft. Die peinliche Erfahrung
-hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte
-bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen;
-und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das
-Städtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefühle
-durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, vor
-dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mußte
-alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefaßter Miene vor sie zu
-treten.
-
-Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen belehrten ihn, daß
-ein Geständniß nicht mehr nöthig sey. Die Untreue der Geliebten war
-im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich
-von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem
-Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glückwünsche nacheinander,
-während der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte.
-Er sah aber auch, wie die Freude über den öffentlichen Erfolg und den
-beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in
-Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß er sich mit ihnen
-verständigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerührt sah er in die guten
-Augen, aus denen die treueste Liebe glänzte.
-
-Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen der letzten Tage,
-zu dem neuen Leben in möglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und
-mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er
-sich in dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte
--- still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, für ihn ein
-erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rückgang in frühere
-Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer
-Entschließungen. -- --
-
-Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und
-mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besaß, näher zu
-schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche
-scharfe Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, wogegen
-aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.
-
-Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen Sinn und schönen
-Muth früherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich über Auguste
-und ihr Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, er sehe
-in der Lösung des Bandes ein für ihn unter allen Umständen günstiges
-Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung,
-Verwirrung und Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fühlte,
-tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte
-noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte
-sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen
-sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin mit Ernst:
-»Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den
-Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt,
-sieht man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht gerade
-das wahre Glück, das man erlangen konnte, thöricht versäumt und auf
-immer verloren! -- Nun,« setzte er mit leisem Lächeln hinzu, »immer
-bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe -- und die
-mir nie untreu werden wird!« -- »Das schon,« erwiederte die Gute. »Aber
-das ist nicht genug! Für dich nicht, und für mich auch nicht!«
-
-Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung zu machen.
-Er gab sich den Gefühlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit
-sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwägungen.
-
-Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so
-freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den
-besten Blick in den Zustand seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht
-die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten
-Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna
-mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so
-vermehrt worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte,
-gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen
-lauteten:
-
-»Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und
-immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht
-durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern
-eigenen. Immer wieder täuschen wir uns -- weil der Trug so lieblich
-ist und ein tiefes, glühendes Verlangen der Seele stillt!
-
-Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! -- und noch immer
-ist nicht recht in's Licht gesetzt, daß es zweierlei Liebe, zwei
-grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl;
-aber nicht mit völliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die
-eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn
-diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt man aus
-dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht die reine, selige
-Begeisterung heraus. Was er erhöhen wollte, fand nicht auch die wahre
-höhere Schönheit und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die
-Spiegelung des Geringern gekommen ist.
-
-Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den Schein -- und der
-Schein trügt. Es gibt eine Schönheit des Leibes, der keineswegs eine
-Schönheit der Seele entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit
-zur Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern nur,
-daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön thun kann. Auch
-die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit
-dem Schein täuscht sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber
-täuschen, indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit nehmen, und
-nun triumphiren, als ob wir die schönste Wahrheit selber gefunden.
-
-Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die
-leuchtenden Augen und strahlt das erröthete Angesicht! Aber im
-Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist
-gegen die Affecte und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder
-zurückzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir
-von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was uns so außerordentlich
-hold anspricht, das muß nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so
-wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, kann
-nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und
-dreifacher Macht, in dankbarer Rührung schmelzen wir und durch keine
-Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. Was wir
-an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermögen, sehen wir
-in ihr -- tragen es über in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns
-daran: das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle Wandelung
-des Lebens nur ein Schönerwerden seyn kann!
-
-Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten Täuschungen? Gegen
-die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es
-gibt nur Ein wirksames: die Enttäuschung durch die That, -- durch den
-thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf und das Herzeleid!
--- --
-
-Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen,
-wenn sie der Blendung erliegen! -- Der Dichter muß gut seyn, er
-muß Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und
-idealisiren Alles, was er sieht, -- und dazu muß er schon Alles
-liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er
-verschönert und gläubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist
-er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der
-hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht
-wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche Sachverhalt unerbittlich _ad oculos_
-demonstrirt werden, sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen
-ohne zu sehen! -- Aber auch dann -- der Zauber, an dem er so lange
-gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glücks umgaukeln
-den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schöne Schein glänzt in
-unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß
-er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen wollte und in
-entzückenden Träumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! -- --
-
-Doch, verehrter Freund, hier thu' ich mir selber Unrecht. Regungen
-dieser Art hab' ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe
-ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre
-Schönheit, die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz;
-ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger Zauber entkräftet den
-unheiligen, der die Schwäche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig
-wird, dann erbleichen die Farben der täuschenden Erscheinung und diese
-gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges Licht, das die letzten
-Sympathien im Herzen tilgt.
-
-Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als
-die Güte, die darnach trachtet, daß sie Freude mache und Hülfe leiste,
-und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten?
-Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, die sich
-selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres,
-als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte,
-Großmuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, dessen die
-Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, oberflächlich und machtlos!
-Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen
-uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns nicht
-nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der
-Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und
-Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schönheit!
-
-Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch
-solche! Es ist keine poetische Täuschung, wenn wir von Frauen reden,
-die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie
-erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatsächlichem
-Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln könnte!
-
-Die That und die Bewährung durch die That, daran erkennt man sie. Denn
-sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben
-es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und
-Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt
-auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gütige
-Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rührender erscheint.
-
-Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getäuscht
-und betrogen zu werden. Hab' ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens
-unwerth gemacht, so muß ich's dulden. Aber Ein Vortheil -- Ein Ersatz
-ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit erkennen lernen
-auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig
-liebenswerth ist.«
-
-Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben:
-
- _»Aequam memento rebus in arduis
- Sevare mentem!_
-
-Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf' ich Ihnen zu, damit
-Sie ihn beherzigen, wie's noth thut! Aus Ihrem freundlichen und
-dichterischen Brief hab' ich zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß
-Sie sich über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet
-haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, daß Sie sich zu diesem
-Ende Glück wünschen. Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab'
-mich zu schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer stolzen
-Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! --
-Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen
-wäre, als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für unsicher,
-nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und
-Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafür haben kann, und trachtet
-immer nach mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere Dinge dafür
-eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich sind, und daß man oft
-nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafür hingibt.
-Aber das sind _nugae_ für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller
-Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schön und
-überzeugend gelehrt haben: daß das wahre Glück in der Tugend bestehe,
-damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will
-die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus
-der Bildung heraus in die Rohheit führt, endlich Halt machen und zur
-Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren?
-
-Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns jung, es verschafft
-uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheißt uns ein
-glückliches Alter. Mit großer Freude hab' ich von Ihrem guten Erfolg
-auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und
-das beweist mir, daß das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem
-Talent vorzüglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen Sie
-dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Römer! Sie
-wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt über
-die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden
-aus ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich
-will bedünken, als ob man sie gegenwärtig besonders auch zum Vortheil
-der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im
-Drama, wie mir scheint, -- man bringt zuviel Stoff und verliert über
-den Effecten den Effect. Ein Streben nach größerer Concentration und
-Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie
-da herrlichere Muster, als es die großen Tragiker der alten Griechen
-sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bühnen herab die Herzen
-erschüttert?
-
-Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz
-besonders ersprießlich seyn; denn Sie -- nehmen Sie mir's nicht übel!
--- verrathen noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die Vergötterung
-eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie
-mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergöttern zu wollen,
-phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich
-eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen;
-aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen
-menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in
-Widerspruch treten. Man muß sich das zuvor sagen und natürlich-gesunden
-Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschämung und Verdruß
-erleben will.
-
-Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute,
-brave, wohlgezogene Mädchen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie eine
-solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht
-schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wünsche?
-Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen Sie nur frisch über alles
-Andere hinweg und gründen Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand!
-Denn dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen:
-Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schönen, die so
-unwürdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern
-werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie nicht frei machen
-gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur
-ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. --
-Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das
-mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern
-denken Sie auch im Glück an mich!« --
-
-Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die tröstende
-Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor
-ausgesprochen, immer auf uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch
-melancholisch den Kopf. »Uebertriebene Vorstellungen?« sagte er zu
-sich; -- »phantastische Ansprüche? -- Wenn es nur das wäre!«
-
-Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. »O
-Verblendung,« rief er aus. »Stumpfsinn des Träumers, worüber kannst du
-hinwegsehen! -- -- Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen
-neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen
-mich hören, und das heute noch!«
-
-
- XII.
-
-Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa von der Intendanz die
-ehrende Aufforderung erhalten. Die Vorstellung des Dramas, in welchem
-sie die Hauptrolle geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin
-eine Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner mit
-Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten Beifall spendete.
-Der Sieg war vollkommen und bildete denn auch andern Tags den
-Hauptgegenstand der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.
-
-Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch in überraschender
-Vollendung wiederholte, hatte ihre Begabung für die höhere Sphäre
-der strengsten Kritik dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und
-Willens im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte neue Fähigkeiten
-in ihr zu Tage gebracht und nicht nur ihrer Gestalt und Miene einen
-edleren, heroischeren Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und
-Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher und tönender
-erscheinen lassen. So wahr ist es, daß die physischen Mittel abhängen
-vom Geist, ein erhöhtes Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend
-scheinenden zureichend machen kann.
-
-Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung. Ein süßes Gefühl der
-Macht durchdrang sie, und am Abend während der Vorstellung, am andern
-Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand sie die reinste
-Freude. Sie hatte sich's ausgedacht, alle ihre Kräfte aufgerufen und
-zusammengenommen und das Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen
-wollen; aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte? Nun
-mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen Stimme glauben und
-durfte die Leistung für gelungen halten.
-
-Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam in ihr Herz und die
-Befriedigung ihrer Seele gewann einen Charakter des Ernstes, von dem
-sich eine stille Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung
-war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde von ihr als ein
-Zuwachs ihres Wesens, als dauernder Gewinn empfunden.
-
-Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen in's Zimmer trat, fand sie
-die Mutter eifrig lesend. Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die
-sämmtlich das Lob der Tochter verkündeten, und die gute Frau schwelgte
-eben in einem wahren Hymnus, in den sich die gefürchtete Feder Emil
-Schilfs ergossen hatte. Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive
-entgegen traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal,
-von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein Feuilletongenie in einem
-Panegyrikus blitzen lassen, daß die Mutter Edelsteine und Perlen zu
-lesen glaubte. Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu,
-meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die Presse und küßte sie
-unter Thränen der Freude. Sie war über den Erfolg noch glücklicher,
-jedenfalls stolzer als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas
-Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn noch eine Spendung
-zu erwarten wäre.
-
-Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach einem Moment des
-Besinnens ernst geworden, faßte sie die Hand der Tochter und sagte:
-»Du hast Alles erreicht. Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist;
-die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten Namen an
-die Seite. Schau nun aufwärts, mein Kind! Widerstehe deiner Schwäche!
-Bezwing' eine Leidenschaft, die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der
-ohne Zweifel dich vergessen hat!«
-
-Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, ungläubig oder
-gegen den Gedanken sich wehrend, schüttelte sie den Kopf. -- »Wie!«
-rief jene, mit einem Anflug von Unmuth; »du zweifelst noch? Kommt er
-auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan haben, ein paar Zeilen
-zu schreiben? Er denkt nicht an dich! Er lebt seiner Braut -- oder
-seiner Frau. Er ist aufgegangen in seinem Glück -- und wem verdankt
-er's?«
-
-»Du bist ungerecht, Mutter,« entgegnete die Tochter mit dem Humor
-eines melancholischen Herzens. »Wem verdanke denn ich mein Glück? --
-wem verdank' ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, wie
-du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit -- was mir nämlich
-so vorkam -- und seiner Lieblosigkeit! Beide mußten zusammen kommen,
-um mich zu der Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und den
-Journalen gefeiert wird. Gestehen wir's uns jetzt,« fuhr sie nach
-einem Moment fort, indem sie ihr launig in's Auge sah, »ich war in der
-That ein oberflächliches Ding. Possen zu machen war meine Kunst und
-mein Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und nach eine
-Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste Ernst bereits anfing
-pretentiös zu erscheinen. Ich war leichtfertig und kalt -- ja, auch
-kalt! In den besten Momenten war's doch nur soso, und nicht das Rechte.
-Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder eine Rolle von der
-lustigen Gattung bekomme, werde ich auch diese feiner und schöner
-spielen. Es war eine Schickung,« fuhr sie mit einem unterdrückten
-Seufzer fort, »und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also keinen
-Seitenhieb auf ihn -- das bewußtlose Werkzeug meines guten Genius! Laß
-ihn das Glück genießen, das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn
-er uns dabei vergißt -- dem Glücklichen, wie du weißt, schlägt keine
-Stunde.«
-
-Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen feucht wurden. »Ich
-würde dich,« entgegnete sie, »für das edelste Geschöpf der Welt
-erklären, obwohl du mein Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe
-in allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen Gunsten? Du
-liebst ihn also noch! -- O Welt, o Welt!«
-
-»Was hast du nur dagegen?« versetzte Rosa mit Lächeln. »Wenn die Liebe
-großmüthig und edel macht, dann ist's ja genug, zu lieben und die
-Vortheile davon zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache?
-Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf es da noch des
-Geliebtwerdens?« -- »Geh!« rief die Mutter, halb gerührt, halb
-unwillig, »du bist eine Thörin!« -- »Das edelste Geschöpf,« entgegnete
-Rosa, »eine Thörin?« -- »Allerdings,« versetzte die Mutter, »eine
-Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie ihr Lebensglück versäumt,
-indem sie ein unerwiedertes Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch,
-ich hoffe, die Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und was du
-dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen sind, wird diese
-Leidenschaft dir erscheinen wie ein Traum, über den man lächelt, wenn
-man erwacht. Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann finden,
-der dich wieder liebt.«
-
-Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte die Fortsetzung. »Es mag
-seyn,« erwiederte sie nach einem Moment. »Bis jetzt hab' ich aber
-nichts dergleichen im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber als das
-Wachen. Lassen wir's und erwarten wir alles Uebrige von der Zeit! Ich
-bin wirklich zufrieden; ich habe meine Plane als Schauspielerin und
-will die gute Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen
-wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich werde sie bekommen
--- was will ich mehr?«
-
-Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die Seite, machte sich
-an einem Schrank etwas zu thun und betrachtete dann die nachdenklich
-Dastehende mit einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung,
-als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen Sekunden die Köchin
-mit einem Brief erschien »an die gnädige Frau.« Diese erbrach ihn, las
-und ihre Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende
-Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht ausdrücken wollte, und
-sagte zu Rosa mit Lächeln: »Ich muß ausgehen! Studire derweil die
-Blätter.« -- »Wohin gehst du?« fragte Rosa. -- »Vorderhand,« erwiederte
-die Frau, »bleibt das mein Geheimniß.« -- »Ah!« rief jene, »du hast
-Geheimnisse vor mir? Das ist etwas Neues!«
-
-Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: »Nicht gegen dich,
-mein Kind, wie du dir denken kannst, sondern für dich! Für dein Glück
--- dein wahres Glück --« -- »Nun,« versetzte Rosa mit einem Aufschauen
-des Argwohns, »ich hoffe nicht --« -- »Keine Sorge!« unterbrach sie
-die Frau kopfschüttelnd. »Deine Freiheit soll dabei nicht angetastet
-werden.« -- »Dann,« erwiederte jene, »thue, was du vorhast, und mögen
-deine Bemühungen gesegnet seyn!«
-
-Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem runden Tisch, nahm
-eine Zeitung und las. Ihre Züge erhellten sich. »Es thut doch wohl,
-ausgezeichnet zu werden,« sagte sie endlich; »zumal von einem, dem
-sonst nichts gut genug ist und der lieber verwundet -- um seinem Namen
-Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! Die besten können die schlimmsten
-und die schlimmsten die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man
-sich heutzutag nicht mehr verlassen!«
-
-Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten Zeilen entrissen
-ihr einen Ausruf der Verwunderung. Es war der Preisgesang von Schilf,
-der mit seinen humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele
-der Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, aber sie
-doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte.
-»Welche Bekehrung!« rief sie zuletzt; »und was ist gegenwärtig nicht
-Alles möglich!«
-
-Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt wäre, suchte sie
-unbewußt die Bank in der Laube auf. Ihr Herz verlangte zu träumen und
-gewissen Gedanken sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie
-getroffen. »Es ist in der That auffallend,« sagte sie sich, »daß er
-nicht einmal schreibt -- einige wenige Zeilen schreibt! -- Hat er uns
-wirklich vergessen im Hause der Braut -- oder der Frau? Undankbar
-ist er doch sonst nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen
-Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,« fuhr sie mit
-einem traurigen Lächeln fort, »aus den Augen, aus dem Sinn, das ist ein
-bewährter Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste, was wir
-dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige Pflicht.« Innehaltend
-schaute sie vor sich hin. Dann sagte sie: »Oder wär's doch anders?
-Hätte ihn das Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über
-mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt, daß ich ihn
-liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er mir durch eine Schilderung
-seliger Tage nur nicht wehe thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr
-zu seinem Charakter!«
-
-Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu vertiefen. Auf
-einmal erhob sie den Kopf und rief: »Sachte, Phantasie! Nach Glück
-ausschauen heißt sich Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine
-Tugend,« fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. »Gönnen wir jener
-ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten Entsagung! Am Ende
-bleibt mir mein Geist -- wie ich hoffe, auch mein Humor -- und die
-Kunst, das göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll und
-zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.«
-
-Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen, die Mutter zu
-sehen, erhob sich in ihr -- eine Neugier, was sie vorhaben möge. Auf
-einmal ertönte die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht
-ein Klingeln, wie --? Ohne zu wissen, was sie that, mit schauerndem
-Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete sie, während die Magd eben die
-äußere aufmachte. Ein Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. »Heinrich
-Born!« rief sie. »Sie kommen selbst?« -- Heinrich, der eingetreten
-und auf den Ruf still gestanden war, grüßte mit einem Ernst, den man
-feierlich nennen konnte, ging in's Zimmer und gab ihr die Hand.
-
-Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte, erkannte die
-Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, als Schwester zu empfangen;
-sie raffte all ihre Kraft zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es
-klopfte, fügte sich. »Nun,« fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, »Sie
-sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und -- Erzählen Sie
-mir! Sie wissen, welch innigen Antheil ich nehme.«
-
-Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens auf eine Antwort
-harrend, fuhr fort: »Was ist Ihnen? Das Glück macht ernst, ich weiß
-es -- Aber Sie haben ein Aussehen -- -- Sind Sie nicht glücklich?«
--- »Nein,« erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. -- »Wie!« rief
-das Mädchen. »Sind Sie nicht mit Auguste verheirathet? oder werden
-heirathen?«
-
-»Nein,« rief jener, indem er bitter den Mund verzog. »Das Verhältniß
-ist gelöst. Sie hat für gut gefunden, einen Andern -- einen Reichen
-zu beglücken und wird nächstens --« -- »Ah!« rief die Liebende, jäh
-bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen, aber nach einem
-blitzähnlichen Gefühl der Freude doch mit einem Ernst des Bedauerns in
-ihrem Gesicht. »Sie sind betrogen -- und unglücklich?« fuhr sie mit dem
-Tone des Mitleids fort.
-
-»Betrogen und unglücklich -- ja,« versetzte Heinrich; »aber unglücklich
-nicht durch den Betrug, sondern durch die unverantwortliche
-Selbsttäuschung, in der ich befangen und so sicher gewesen bin. Wie
-ist es möglich, daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung
-lebt? Was kann so einer noch von sich selber erwarten?
-
-Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser Antwort getroffen
-und irre geführt, sagte mit Ernst: »Der Glaube an eine Liebe, die man
-Ihnen so lang und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen.
-Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch Andere der Treue
-fähig hält, und das ehrt Sie und Sie können stolz darauf seyn. Trösten
-Sie sich,« fuhr sie mit Güte fort. »Wenn es nicht der Verlust ist, der
-Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder mit neuem Muth an zu
-leben! Unternehmen Sie eine Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen,
-die in ihrer Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und wenn
-es ein Trost für Sie seyn kann, meine -- unsere Freundschaft bleibt
-Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, Ihnen zu dienen und zu helfen, wo
-wir können.«
-
-Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten einen wohlthuenden und
-rührenden Eindruck gemacht. Er wollte reden; aber plötzlich, wie von
-einem heimlichen Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. Das
-Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. »Was ist Ihnen?« rief sie. »Hab'
-ich etwas gesagt, das Sie beleidigt?« -- »Nein, nein!« rief Heinrich in
-tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und sagte mit traurig
-entschiedenem Ton: »Fragen Sie mich nicht! Ueberlassen Sie mich meinem
-Schicksal. Mir ist nicht mehr zu helfen.«
-
-»Also doch!« erwiederte Rosa nach einem Moment des Schweigens, mit
-einem Ausdruck des Mitleids und der Betrübniß. »Sie verzweifeln, und
-können und wollen keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht!
-Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen Sie deßwegen der
-Freundin untreu werden? Das finde ich nicht schön gehandelt!«
-
-Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub schmerzlich
-verwirrter Empfindungen. -- »Ermannen Sie sich!« fuhr das Mädchen
-liebevoll mahnend, wie zu einem Kranken fort. »Versuchen Sie, was
-eine neue Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden vermag! Ich
-weiß wohl,« setzte sie mit einem Schein traurigen Lächelns hinzu, »die
-Freundschaft ist kein Ersatz für verlorene Liebe; aber etwas sollte die
-unsere, die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht das
-Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei uns wieder finden
-können.«
-
-Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte den Kopf. »Wie!«
-rief das Mädchen, nicht ohne ein Gefühl der Kränkung ihrerseits; »auch
-das nicht? Sie sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?«
-
-Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung übermannte ihn, und
-in ihr kam unaufhaltsam ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge.
-Obwohl er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns, der
-Bitte um Vergebung wandelte, so hatte ihn Rosa doch bemerkt und ahnte
-die Wahrheit. Unmöglich war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein
-der Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten.
-Aber noch war es nicht gewiß, noch war es nicht ausgesprochen, und sie
-konnte sich irren. Mit ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: »Ihr
-Benehmen ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren
-haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie? und doch geberden Sie
-sich wie einer, der es ist. Sie geben sich für verloren, unrettbar
-verloren; und wenn man Ihnen Trost einsprechen will in der besten
-Meinung, wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also noch immer
-unglücklich! Warum?«
-
-»Weil -- weil --« rief der Gedrängte, wie einer, der nicht länger
-an sich halten will. Aber als ob ihm die Zunge plötzlich den Dienst
-versagte, schwieg er dennoch. Dann, mit großer Anstrengung den Tumult
-der Seele niederhaltend, erwiederte er: »Mein Fräulein, beste Freundin!
-ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen und begrüßen wollen; aber
-ich sehe, daß ich in einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor
-Ihnen wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie von diesem
-Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen mit Vorsätzen, die ich
-nicht halten kann. Vergeben Sie mir, und leben Sie wohl!«
-
-Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt nicht mehr zweifeln
-konnte, erröthend, mit einem Ausdruck um die Lippen, dessen Ernst
-das Entzücken der Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief:
-»Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig und ohne Rückhalt!
-Warum?«
-
-»Weil,« rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber nun antwortete
-besser, schöner und rührender ein Blick der Liebe und Verehrung, der
-aus der tiefsten Seele kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten.
-
-»Weil Sie mich lieben!« rief mit leuchtendem Antlitz das Mädchen. »Weil
-Sie mich lieben!« wiederholte sie, »und weil Sie glauben, ich hegte für
-Sie nur Gefühle der Freundschaft! Ist's nicht so?«
-
-»Ja!« rief Heinrich erschüttert. »Ja, weil ich Sie liebe und Ihrer
-nicht werth bin! Das ist der Grund! Und nun strafen Sie mich für meine
-Anmaßung, verschmähen Sie mich!«
-
-Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: »Das werd' ich nicht thun, lieber
-Freund! Ich freue mich allzusehr über diese Bekehrung --« -- »Wie,«
-rief Heinrich, »Sie könnten verzeihen?« -- »Ich habe Sie geliebt,«
-erwiederte sie, »vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. Bei der ersten
-Begegnung schon regte sich's in meinem Herzen!«
-
-Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie bei den Händen
-und drückte sie zärtlich. Auf einmal rief er bestürzt: »Himmel! und
-mit dieser Gesinnung haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?«
--- »Nun,« erwiederte sie, »ich will's Ihnen nur gestehen: das hat mir
-auch wirklich manchmal Kummer gemacht.« -- »Und doch!« rief Heinrich
-ergriffen. »Sie sind das liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir
-auf dieser Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich Sie
-finden ließ! -- Und Sie könnten -- Sie wollten die Meine werden?«
-
-Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklärte, erwiederte: »Da es
-nun doch einmal heraus ist, ja! Und von Herzen gern!«
-
-Nun hatte der Glückliche keine Worte mehr. Er umfing die Geliebte und
-küßte die Lippen, die so lieblich entschieden hatten, mit dem Feuer
-der innigsten Leidenschaft, mit Thränen der Rührung und der Freude.
-Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fühlte sie die Seligkeit der
-Gegenliebe!
-
-Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen getaucht war, sich
-erhebend und den Geliebten mit nassen Augen zärtlich ansehend, rief
-sie: »Wie schön ist Alles gegangen! Ich würde mir nichts nehmen lassen
-von dem, was ich erduldet habe! Zum glücklichen Leben bleibt uns
-noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig gut, wenn man vorher etwas
-ausgestanden hat! Wie wird sich die Mutter freuen! -- die Mutter,«
-setzte sie horchend hinzu, »die, wie ich höre, so eben die Thüre
-aufschließt!«
-
-Einen Moment später erschien die gute Frau, und zwar mit großer
-Genugthuung, im Zimmer und wollte eben reden, als sie den Poeten
-erblickte und ihn überrascht ansah. »Doctor Born!« rief sie, »Sie sind
-hier, mit Frau Gemahlin?«
-
-Heinrich schüttelte erröthend, lächelnd den Kopf und ging auf sie zu,
-ihre Hand zu fassen. Rosa, mit anmuthiger Heiterkeit, antwortete für
-ihn: »So gut ist's uns nicht geworden! Man hat sich für einen Andern,
-einen Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schöne Hand
-vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten wünschten ihm
-glückliche Reise. So ist er nun wieder hier, ein armer Betrogener, mit
-wundem Herzen Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche
-sich dießmal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen haben, als die
-Leute draußen im Land, wo die Biederkeit zu Hause ist.«
-
-Die Mutter sah von einem auf's andere, sah die Gesichter glücklich, die
-Augen strahlend von Liebe, und ahnte, wußte die Wahrheit. Rosa nickte
-der gerührt Blickenden zu und sagte: »Du erräthst es, liebe Mutter! Ja,
-er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich so schön, wie man's nur
-wünschen kann -- und hat um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen
-Korb geben?«
-
-Die Frau lächelte und schwieg: »Was du thun wirst,« versetzte sie dann,
-»weiß ich nicht. Ich für meine Person hab' einen Korb in Bereitschaft.«
--- »Wie!« rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer Frage. --
-»Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk,« erläuterte die Gute, indem sie
-ein groß besiegeltes Schreiben hervorzog. -- »Ah!« rief die Tochter
-ahnend, »das ist dein Geheimniß?« -- »Allerdings,« versetzte jene,
-indem sie ihr den Brief übergab. »Dein Erfolg von letzthin hat meine
-Bemühungen unterstützt: du bist aufgerückt und dein Gehalt beinahe
-verdoppelt!«
-
-Rosa öffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz, überflog es
-und rief: »Tausend mehr -- das ist stark! -- Aber gut!« setzte sie
-mit einem Blick auf den Poeten hinzu, -- »sehr gut! Wir werden es zu
-brauchen wissen.«
-
-Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: »Ich sehe, du meinst, ich
-selber bringe nichts als meine Lieder und meine Liebe! Erlaube mir,
-daß ich doch noch eine kleine Rente hinzufüge, die meine guten Eltern
-mir ausgeworfen haben -- für den Haushalt.« -- »Wie schön!« rief das
-Mädchen und faßte lächelnd seine Hand.
-
-»Ich will es bekennen,« fuhr Heinrich fort, »ich bin hierher gekommen
-mit einer Liebe, die ich zu verbergen entschlossen war; aber die
-Hoffnung ließ ich mir nicht völlig rauben. Ich wollte schweigen, aber
-schweigend die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen,
-wie lange es dauern mochte. Das hab' ich meinen Eltern gestanden, und
-sie, welche die edelsten Seelen aus meinen Schilderungen kannten, gaben
-mir ihren Segen dazu. »Versuche dein Glück,« sagte die gute Mutter zum
-Abschied; »eine bessere Frau wirst du in der ganzen Welt nicht finden.«
-Und weil es denn doch eine Gnade gibt in der Welt, so hab' ich sie
-gefunden und,« setzte er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, »zur
-besten Frau die beste Schwiegermutter!«
-
-Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte und liebkoste sie
-mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Die drei Glücklichen tauschten
-Reden und Bezeigungen der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und
-gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre ging auf und es
-zeigten sich die beiden Regisseure mit Doctor Willmann.
-
-»Gratulire, gratulire!« rief der Heldenvater, der den Zug eröffnete.
-Als er bei den Damen auch den Poeten erblickte, setzte er überrascht
-hinzu: »Sie schon wieder hier? Und mit einer Miene -- -- was muß ich
-denken?«
-
-Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der Hand und sagte:
-»Meine Herrn, erlauben Sie mir eine Vorstellung! Rosa Wendling, erste
-Liebhaberin der Hofbühne -- meine Braut!«
-
-Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf diese Eröffnung.
-Nachdem Heinrich in der kürzesten Form erklärt hatte, wie es gekommen,
-folgten Glückwünsche unter frohem Beloben und Händeschütteln.
-
-»Nun,« rief Berger dem Poeten zu, »nun sind Sie fertig! Arm in Arm mit
-Ihr werden Sie das Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden
-Schauspiele schreiben, Lustspiele --« -- »Und Tragödien!« fiel Hallfeld
-ein. -- »Diese letzteren,« fuhr Berger fort, »wenn sie unvermeidlich
-entstehen, werden wir mit dem größten Interesse =lesen=.« -- »Und wenn
-sie gelesen sind und sich erprobt haben -- spielen,« setzte Hallfeld
-hinzu.
-
-Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte, und zuckte die Achsel.
-Heinrich versetzte: »Meine Freunde, ich habe Erfahrungen gemacht, die
-mir auch zu dramatischen Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles,
-was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. Zunächst will
-ich glücklich seyn und Hochzeit machen, Hochzeit mit der edelsten und
-liebenswerthesten Braut, wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt
-hat -- wozu die Herrn freundlich geladen sind.«
-
-
-
-
- Verlust und Gewinn.
-
-
- I.
-
-Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem Thal des nordwestlichen
-Theils von Süddeutschland, war in der zweiten Hälfte der zwanziger
-Jahre, an einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken kann als
-schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft versammelt. Die
-Witterung war in der That höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch
-leichte Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr,
-und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den schönsten Farben des
-Frühlings. Ueber diese Gunst des Himmels war vor allen der Baron
-erfreut, der seit mehreren Tagen einen einflußreichen Mann und
-entfernten Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und heute
-durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen zu Ehren in seinem
-Park veranstaltet, den bisherigen Festlichkeiten die Krone aufsetzen
-wollte. Wie es glückliche Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles
-nach Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche Gäste
-eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil sehr wohlklingend waren.
-Die Schützen nicht nur, auch die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an
-einer wohlbesetzten Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen, fanden
-sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache war aber, daß
-keiner der Geladenen so unhöflich war, besser zu schießen als der Graf.
-Dieser machte bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und kam
-dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und die vorgestellten
-Gäste benutzten die Gelegenheit, das Geschick Seiner Excellenz auf das
-Wärmste zu bewundern und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen.
-Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung versetzt, die
-eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich glücklich zu preisen, so
-etwas mit angesehen zu haben.
-
-Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin einen guten Namen
-zu machen, hatte ausdrücklich gegen den Baron den Wunsch ausgesprochen,
-daß auch das Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß
-hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, der den Schützen
-eingeräumt war, hinter nothwendig erachteten Planken eine bunte Menge
-von Bewohnern des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im
-Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten natürlich, wer der
-König des Festes war, und vermöge jener verehrungsfrohen Theilnahme,
-die sich über alles beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich
-auszeichnet, oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit,
-die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise eine gehörige
-Schmeichelei bringen könne, machte sich unter ihnen ebenfalls ein sehr
-lebhaftes Staunen über die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die
-einen Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen, als ob sie
-selber den guten Schuß gethan hätten, so sagten andere, während der
-Gefeierte vorbei ging, für ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar:
-»Das ist Einer! der versteht's! Hast du schon so was gesehen? Da können
-sich die andern verkriechen« u. s. w. Der Graf lächelte und schien
-über diese Art der Anerkennung nicht weniger erfreut als über die
-Glückwünsche der Schützen und der schönen Damen.
-
-Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung strahlte. Was kann es
-für einen gastfreien Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß
-eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft? Das Anordnen ist
-unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen gehört außer der Kunst noch
-Glück. Beides, seine eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks
-genießt der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; und
-wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der Welt ist, wie sie
-gar oft auch da nicht erscheinen will, wo man sie mit pomphaften
-Veranstaltungen sucht, der wird die innige Zufriedenheit des Barons
-über ihre damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr von
-Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht nur fähig sind, sich
-von Herzen zu freuen, sondern denen die Freude auch wohl ansteht. Er
-war von stattlicher Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner Kopf
-mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem Mund verrieth eben
-so wie seine Haltung den ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf
-Kenntniß und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem angehenden
-Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit unerschöpflicher Artigkeit den
-Wirth machte, wie er mit dem Schein der Absichtslosigkeit von einer
-Gruppe zur andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an bis zu
-dem geringsten derselben, ein passendes Compliment zu sagen wußte;
-wie er doppelt anmuthig und beglückt erschien, wenn er einer Dame den
-Hof machte; wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen
-Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen hervorrief, und mit
-Lächeln die Dorfbuben betrachtete, die sich in der Nähe der Tafel
-jubelnd im Grase wälzten -- wer alles das auch nur als unbetheiligter
-Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen ungewöhnlich liebenswürdigen
-Mann erklärt haben. Und daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine
-Weine tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift sich.
-
-Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens war, hatten sich
-zwei junge Leute von ihr entfernt. Sie wandelten in einer Allee unter
-einem prächtigen Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und
-Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich aber doch auf's
-angenehmste zu unterhalten. Es war Arthur, der zwanzigjährige Sohn
-des Barons, und seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind
-einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem verwittweten Baron
-die Honneurs machte. Arthur, der ein ziemlich geübter Jagdschütze war,
-hatte anfangs auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den
-Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden Preise, wie
-billig, den Eingeladenen überlassen. Da er nun auch seinen geselligen
-Pflichten als Sohn des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl
-dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein wenig spazieren zu
-gehen.
-
-Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes aus der Ferne zu
-vernehmen. Wir empfinden hier, was man die romantische Poesie des
-fröhlichen Lebens nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und
-süßesten Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl bewegt,
-und lauschen wir an lieblich heimlicher Stelle, dann gleicht nichts
-dem Zauber, der bei solchen Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt.
-Die beiden jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach einem
-guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter und frohen Lärm,
-wandten sich theilnehmend um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd
-an und freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. »Wie schön ist
-heute Alles!« rief zuletzt Anna mit einem Ausdruck des jugendlichen
-Gesichts, der das Fest mehr ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur
-stimmte herzlich bei und sagte: »Es ist mir besonders lieb meines
-Vaters wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier leben.«
-
-Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte sich das Paar, einem
-unbewußten Zuge der Herzen folgend, immer weiter davon. Sie waren an
-der westlichen Grenze des Gartens angekommen und gingen in's Freie.
-Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen, der zugleich
-inniges Wohlgefühl und Befangenheit auf seinem Gesicht hervorrief.
-Ein süßes und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar und
-klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen Ernst wahrnahm, wurde
-sie gleichfalls ernster und sah mit einer gewissen Verlegenheit vor
-sich hin. So wandelten sie schweigend neben einander bis zum Fuß der
-Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren nächste Partien
-Eigenthum des Barons waren. »Wir wollen hinauf,« sagte Arthur wieder
-freundlich und traulicher; »es ist schon lang, daß wir nicht mehr
-zusammen herunter gesehen haben.« Das Mädchen, statt aller Antwort,
-ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras glitschte und einen leichten
-Schrei ausstieß, ergriff Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine
-Röthe glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand ihrer
-Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem Wohlgefallen war
-in den jungen Seelen eine Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie
-einen kindlichen Charakter behielt, nicht weniger tief und innig war,
-eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl offenbarte und in
-ihrer Bedeutung von Arthur klar erkannt, von Anna wenigstens geahnt
-wurde. Der Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu seyn,
-daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen. Denn zwischen
-Verwandten ist ein traulicher Verkehr allerdings natürlich, aber die
-Liebe verändert das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit
-dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, wird durch sie
-ein wunderbares, heiliges Wesen, dem er nur mit inniger Scheu, mit
-tiefer Verehrung nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher
-erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse, und unmöglich
-dünkt es ihm, eine Hand zu berühren, die er sonst mit vetterlicher
-Unbefangenheit ergriff. Dafür ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt
-auch ein unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder mit
-kühnem Entschluß erstrebt zu werden.
-
-Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen, wollen
-wir einen kurzen Rückblick auf ihre Vergangenheit und ihre
-Lebensverhältnisse werfen.
-
-Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine Mutter, die aus einer
-Patricierfamilie stammte, erlag einer Krankheit, als er zehn Jahre alt
-war. In der nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück,
-für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, der in ihm
-neben dem Sinn für die Wissenschaft ein Interesse für das Nützliche
-und Gemeinnützige weckte und ein unbefangenes Urtheil, einen festen
-Charakter in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als der Baron
-in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen eines Lebemanns überließ
-und für den Sohn ein gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war
-von fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen
-und war keineswegs unempfänglich für Schmeichelei, Eigenschaften, die
-der Verlockung manche schwache Seite boten. In Folge der guten und
-klugen Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien und
-ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das Liebste. Mit Recht konnte man
-ihn für einen musterhaften jungen Menschen erklären.
-
-Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von Holdingen ihren
-Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen Gutes nahm. Der Gatte dieser
-Dame war als Beamter in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts
-hinterlassen als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der Stadt von
-ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig leben konnte, bezog sie
-ihre Villa, die etwa anderthalb Stunden von Waldfels lag. Als eine
-Frau, die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr Gemahl
-eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete sie sich mit ihren
-geringen Mitteln dennoch würdig ein und führte ein Hauswesen, das bei
-aller Einfachheit einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte.
-Der Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit Rath und That
-behilflich gewesen, und das Verhältniß der beiden Familien hatte sich
-dadurch nur um so fester geknüpft.
-
-Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim ersten Anblick
-großes Wohlgefallen. Er behandelte sie anfangs mit der wohlwollenden
-Herablassung, die einem Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die
-ersten Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges Kind
-natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, die eine sehr gute
-Erziehung erhalten hatte, war ihren Jahren körperlich und geistig
-voraus. Sie gehörte zu den Naturen, die sich in harmonischem
-Wachsthum entwickeln, immer dieselben zu bleiben scheinen und
-immer liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die zuerst ein
-unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit des Uebergangs vom Kinde
-zur Jungfrau sich aber schnell zu überraschender Schönheit ausbilden,
-so war Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese erreichte
-später nur einen höheren Grad der Vollendung. Eine schlanke, feine
-Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem Gepräge, das aber, von
-kindlicher Freude und herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von
-äußerlicher Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, fein,
-ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon früh zeigte sie
-entschiedene geistige Fähigkeiten, durch welche sie nach und nach in
-den Stand gesetzt wurde, ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen
-und mit verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen. Alles das
-flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die ihn ein anderes Verhalten
-gegen sie annehmen ließ. Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von
-seinem Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen. Da sie
-häufig beisammen waren, so entstand zwischen ihnen ein vertrauliches
-Verhältniß, in welchem sich beide wohl und glücklich fühlten. Es war
-jedoch vollkommen harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie sie in
-solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich in ihnen.
-
-Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich bezog Arthur die
-Universität. In der akademischen Freiheit gab er sich den Studien
-hin, die ihn am meisten anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden
-Naturgeschichte und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie
-und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen. Die
-Erde mit ihrem Reichthum an Natur- und Kunstprodukten, deren beste
-Anwendung und Vertheilung, Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde
-der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der Liebe zur
-Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang ausfindig machte, so
-hatte er über diese Gegenstände selber seine Gedanken und hielt sie
-für wichtig genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner
-angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte sich aber in
-vorkommenden Fällen seines Standes würdig, und schonte da, wo es eine
-Ehrensache war, etwas zu thun, das Geld weniger, als andere seiner
-Commilitonen, die sich eines bessern »Wechsels« rühmten. In der neuen
-Welt, die ihm in seinen Studien aufging, und bei den Bekanntschaften,
-die er machte, war ihm das Bild der kleinen Anna einigermaßen
-erblaßt, und zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren seines
-Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch eine Zusammenkunft
-wieder aufzufrischen. Vor wenigen Tagen nun, wo ihn sein Vater des
-Grafen wegen nach Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal
-wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr Wesen verrieth schon
-jene Fülle des Gemüths und jenen eigenthümlichen Gehalt, der bei andern
-Naturen erst später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter der
-Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu geben pflegt. Es war
-die Jungfrau in ihrer ersten, rosigen Erscheinung, noch Kind und doch
-schon Weib -- ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden Lebens.
-Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in's Herz getroffen. Er stand
-nach dem ersten Gruße scheu und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte
-er sich und suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden,
-was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in seine Seele gesenkt,
-der nun rasch aufging und sich drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle
-Sehnsucht bemächtigte sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen,
-und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen beschäftigt sah,
-lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.
-
-Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen. Obgleich hier eine
-Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ Arthur die geliebte Hand doch nicht
-los, indem er die Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das
-Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste Erhöhung,
-wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die Aussicht genießen wollten.
-Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer
-anderweitigen Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung.
-Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig rein geworden und
-der Glanz der Sonne im Westen nicht durch das kleinste Wölkchen
-mehr getrübt. Die fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer
-Beleuchtung vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der Büchsen
-und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang der männlichen
-Lustbarkeit anzeigte, und das nach Osten gebaute Schloß; weiterhin,
-rechts und links sich ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten
-Städtchen, freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern, reichen
-Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche der Segen des
-Thals, der blinkende Fluß dahinströmte; die gegenüberliegenden
-Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern bedeckt, an ihrem Fuße hin und
-wieder herrschaftliche Wohnungen und auf einem Gipfel, aus Bäumen
-hervorragend, eine verwitterte Burgruine. Durch das allgemeine Grünen
-und Blühen hatte die Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen
-Charakter erhalten, und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling in
-den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten Augen die vor ihnen
-ausgebreitete Schönheit und in lautloser Verständigung sich selber
-ansahen.
-
-Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: »Wie herrlich ist's hier
-oben! Man möchte da wohnen und gar nicht mehr hinuntergehen!« --
-»Ich hab' auch im Sinn,« bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen
-Selbstgefühl, »hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.« -- »Auf dieser
-Stelle?« fragte das Mädchen. -- »Nein,« versetzte der junge Mann,
-»nicht hier.« -- »Warum nicht?« entgegnete sie verwundert. Arthur
-wiegte das Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen Mund.
-Anna sah ihn fragend an und sagte: »Wo ist es denn schöner?« -- »Komm,«
-erwiederte Arthur und ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte
-sie nordwestlich an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf einen etwas
-höher liegenden und mehr vortretenden Punkt und sagte: »Hier ist's
-schöner.« Das Mädchen sah umher und schien den Unterschied nicht gleich
-wahrnehmen zu können. Auf einmal rief sie: »Ah, da sieht man unser Haus
--- und mein Fenster, ganz deutlich!« Eine glühende Röthe ergoß sich
-bei diesen Worten über das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu
-ihm, und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in ihrem Antlitz
-auf. Sie hatte den Grund der Wahl dieser Stelle erkannt. Was bisher
-nur in Ahnung vor ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie
-der Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über alles und
-für's ganze Leben. -- Ein Schauer von Wonne ergriff sie; bebend und wie
-niedergedrückt durch die Fülle des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber
-die Liebe war zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham
-und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich über das
-Gesicht des schönen Mädchens verbreitete.
-
-Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit erholt; er sah
-auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus redlichen Gemüths, eine
-freudige Hoffnung leuchtete aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu
-ihm und schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte die
-ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. Arthur faßte entzückt
-ihre beiden Hände und rief: »Anna! liebe gute Anna! Du liebst mich!
-Ja, du liebst mich!« Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte,
-erwiederte nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von ihren Lippen
-hören und rief dringend: »Sprich, Anna! Liebst du mich? Willst du
-mir gehören?« Das Mädchen erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger
-Liebe, mit dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie:
-»Ja, Arthur!« Der Jüngling preßte ihre Hände an seine Brust und rief,
-indem Thränen seine Augen füllten: »Dank dir, Anna! tausend, tausend
-Dank! Ich bin dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll mein
-Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als dich zu lieben und dich
-glücklich zu machen!« -- --
-
-Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf dem Rückwege. Die Liebe
-erweckt in redlichen und lebensvollen Gemüthern vom ersten Moment
-ihres Entstehens an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare
-Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt sie nach dem
-ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist ihr süßes Leben verschmolzen
-mit der Heiterkeit des Siegs, mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes.
-Der freudige Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem Dank
-für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden. Die Seele ist klar und
-ruhig bewegt, aber die Empfindung tiefer als je vorher. Der Himmel, in
-welchem die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als ob sie
-immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu, wie ein Wunder, das sich
-eben vor ihren Augen begeben.
-
-Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern können, sie hätten
-sich vielleicht in dieser Weise ausgedrückt; aber sie waren in ihr
-Glück versenkt und hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie
-vergaßen auch des Redens unter sich und gingen schweigend den Hügel
-hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu
-Zeit die jugendlichen Gesichter gegen einander wandten und sich wie
-träumend mit seligem Lächeln ansahen.
-
-Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar nach einem
-Schuß ein allgemeines Freudengeschrei. Die Trompeter und Hornisten
-bliesen den Siegestusch mit nie vernommener Stärke und wiederholten
-ihn mehrmals. Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das Paar
-beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien Platz angelangt,
-erblickten sie den Grafen, von Herrn und Damen umgeben, die ihm
-mit dem lebhaftesten Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie
-warum. Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, wie
-es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist. Wir sehen bei
-Hazardspielen, daß gewisse Spieler an gewissen Tagen unwiderstehlich
-glücklich sind. Dasselbe können wir bei den Unterhaltungen bemerken,
-wo es hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um vieles
-begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen offenbar eine
-die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt. Nun wohl, der Graf hatte
-heute seinen gesegneten Tag und so eben seinen Leistungen die Krone
-aufgesetzt, indem er die Krone des Vogels herunterschoß und damit
-den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall dabei sehr
-begünstigt. Andere Schützen hatten das Stück, welches dießmal besonders
-gut befestigt war, so wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was
-konnte das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das Glück und
-die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß ihm sein Glück nun eben als
-das höchste Verdienst angerechnet wurde. Die vornehmeren Gäste, die
-ihn umgaben, überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren Leistungen,
-und einige Bauernbursche hatten beim Fallen der Krone gerade heraus
-gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. Dieß hätte man sonst wohl als
-ungehörig empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, so hoch war
-der Strom der Begeisterung gestiegen.
-
-Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen durchdringen konnte.
-Als er ihn begrüßte, rief dieser: »Ah, junger Freund, wo stecken Sie?
-Man hat Sie seit zwei Stunden nicht gesehen.« -- Arthur erwiederte, er
-habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. »Allein?« fragte der
-Graf. »Sind Sie Poet? Philosoph? Wie?« -- Der junge Mann bemerkte,
-er habe seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. -- »Ah so!«
-rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war ein großer Kenner in
-Herzensangelegenheiten, hatte schon früher einen Blick aufgefangen, den
-Arthur arglos auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben machte
-ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. Durch seinen Erfolg als
-Schütze zur Güte und Milde gestimmt, unterdrückte er indeß vor den
-andern eine neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und sagte
-beifällig: »Damendienst geht allem vor. -- Aber,« setzte er vergnügt
-hinzu, »etwas früher hätten Sie doch kommen sollen. Sie haben etwas
-versäumt.« -- In Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und
-er sagte: »Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von einem Schusse
-gewesen zu seyn, von dem man in Waldfels »noch reden wird in spätsten
-Zeiten.« Allein überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone
-keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.« -- »Ei, ei,« versetzte
-der Graf, »Sie schmeicheln!« -- »Die Schmeichelei,« erwiederte Arthur,
-»liegt nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz thun.«
--- »Schon gut,« sagte der Graf. »Uebrigens,« fuhr er heiter fort,
-»muß ich gestehen, daß der heutige Tag der schönste ist, den ich seit
-lange erlebt habe. Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn
-und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig Dank wissen.« -- »Der
-heutige Tag,« erwiederte Arthur mit schelmischem Doppelsinn, »wird
-einen Glanzpunkt in der Geschichte von Waldfels bilden. Was sich an
-ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu bemerken und die spätesten
-Geschlechter sollen sich noch daran erfreuen.« -- Der Graf lachte und
-verabschiedete den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung.
-Später sagte er zu dem Baron: »Ihr Arthur gefällt mir immer besser. Er
-hat Geist, viel Geist, und wenn er sich für den Staatsdienst bestimmen
-will, verbürge ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was ich
-dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen, soll mit dem größten
-Vergnügen geschehen.«
-
-Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf von dem Wahlplatz
-zurück und überließ es Andern, das schon geplünderte Thier vollends
-zu Grunde zu richten. Als die Sonne gesunken war, bestimmte und
-vertheilte man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt,
-war doppelt und dreifach der König des Tages. Den würdigen Schluß des
-Festes machte ein Souper, das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf
-bildete natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm prangte
-in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß; hinter ihm an der Wand
-hatte man die von ihm gewonnenen prächtigen Fahnen aufgehängt. Er
-war offenbar von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er gehalten
-wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses Gefühl gab sich in der
-Form der Huld und jedermann gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es
-schön und groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben seine
-Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der Freude seines Herzens
-unbefangen mit ihr, und das Paar theilte sich die lieblichsten Dinge
-mit, ohne daß die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden Zeit,
-hie und da einen Blick auf sie zu werfen und Wahrnehmungen zu machen,
-die Sie zu ergötzen schienen. Der Baron ließ seine Blicke über die
-Gesellschaft hingleiten wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah,
-daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten Tafeln
-untadelich servirt wurde; er vernahm von allen Seiten das empfundene
-Lob der Speisen und Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu-
-als abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in einen
-frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes Gelächter zuweilen
-unterbrochen und überboten wurde. Das alles freute ihn in tiefster
-Seele. Und als er nun zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und
-Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit grenzenlosem
-Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte in höchst anerkennenden
-Ausdrücken den Wirth leben ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als
-ob sie nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den Herrn von
-Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht nicht ganz zu theilen, und
-an einem der Geladenen hätte man beim Serviren des Champagners sogar
-ein unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können.
-
-Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der Graf zog sich in
-seine Gemächer zurück und die Gäste verabschiedeten sich. Arthur fand
-Gelegenheit, der Geliebten durch einen Händedruck zu sagen, was seine
-Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und die beglückendste
-Antwort zu empfangen. Er war zu aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu
-begeben, und ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön,
-thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten Himmel und verklärte
-die Landschaft mit jenem silberklaren, ahnungsvollen Licht, das in
-gewisse Stimmungen süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht.
-Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem theuern Mädchen
-durchwandelt, ließ die Erlebnisse des Tages an sich vorüberziehen und
-entwarf reizende Plane für die Zukunft, indem er einstweilen an dem
-Bilde des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen sollte.
-Spät ging er zu Bette und setzte in Träumen fort, was er wachend
-begonnen hatte.
-
-
- II.
-
-Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr förderlich seyn kann,
-wenn sie nicht übertrieben in Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es,
-unentschiedene Verhältnisse sobald als möglich in's Klare zu bringen,
-und das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft auszuführen. Als
-er nach der Abreise des Grafen am Abend des folgenden Tags über seine
-Verlobung mit Anna -- denn das war ihm die wechselseitige Erklärung
--- und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, kam er zu dem
-Entschluß, dem Vater alles zu gestehen und sein und Annas Glück durch
-die Beistimmung der Eltern zu sichern.
-
-Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch nicht alles an ihm
-billigen konnte, und hatte zu seinem Wohlwollen, seiner theilnehmenden
-Güte das vollste Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er
-am nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm über seine
-Herzensangelegenheit zu sprechen. -- Uns liegt nun aber vor allem
-ob, die Leser mit dem Manne, von welchem das Schicksal des Jünglings
-abhing, näher bekannt zu machen.
-
-Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer Klasse von Adeligen, wie
-sie jetzt seltener geworden sind. Sein Vater, schon bei der Uebernahme
-des Familiengutes sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber
-doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande nichts und übte eine
-würdige Gastfreundschaft; allein da er sich beinahe ausschließlich
-auf seiner Besitzung aufhielt und sich mit der Verwaltung seines
-Vermögens beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte
-zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich daher Capitalien und
-Güter. Bei seinem Tode war Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der
-ältere Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge die Güter,
-während sein um mehrere Jahre jüngerer Bruder in's Landesheer eintrat.
-
-Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen Mannes zur
-Verschwendung geneigt ist; im Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer
-muß seinen Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue
-Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem diese durch die
-väterliche Autorität niedergehalten gewesen, traten sie in der Freiheit
-um so glänzender hervor. Jung, schön und reich -- warum sollte er
-sich etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit, der Baron
-Günther, und bewährte diese eben so gegen sich selbst, wie gegen
-Andere. Er begriff nicht, wie man ein anderes Streben haben könne, als
-das Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern Genuß zu
-bereiten. Beides that er denn auch in großem Maßstabe. Mehrere Jahre
-lang besaß er den Ruhm des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der
-ganzen Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben hatte, waren
-dafür in den Kauf gegeben.
-
-Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des Stammgutes beschränkt
-sah, lernte er in einer süddeutschen Handelsstadt ein schönes, blondes,
-zartgebautes Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige
-Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das Geschlecht,
-aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem reich, war jetzt kaum
-mehr wohlhabend zu nennen; statt der Mitgift brachte aber die junge
-Frau ökonomische Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung
-Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig geringen Mitteln
-doch ein anständiges Haus zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr
-sich gleich blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so
-hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen immer noch
-bedeutenden Revenuen. Leider starb die gute Frau an den Folgen einer
-unglücklichen Niederkunft. Der Baron war untröstlich; er zog sich von
-der Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin mit einer
-Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte. Allein noch war nicht ein
-volles Jahr verflossen, so fühlte sein Herz sich befreit und sein
-ursprünglicher Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor.
-
-Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den Sprößling eines alten
-Geschlechts nicht wohl passend sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern
-Seite aber höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten
-und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität zu übertreffen.
-Er verschmähte die Spekulation und hielt es unter seiner Würde, bei
-Kauf und Verkauf zu feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern
-mit ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines »einsichtsvollen«
-Mannes priesen. Handwerker und Künstler durch Bestellungen aufzumuntern
-und überhaupt durch Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien
-ihm als Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei dieser
-Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß. Gefiel ihm ein
-Pferd, ein Jagdhund oder was sonst immer, so mußte er es haben; und
-daß diese Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. Dabei
-war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst angenehme Erscheinung.
-Er hatte die noble Würde eines Mannes, der fähig ist Andere zu
-erfreuen, und das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft
-freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim Spiel mit mehr guter Laune
-zu verlieren. Es schien ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine
-Geldstücke zu dem Häufchen eines andern wanderten, und wenn dieser
-seine Freude darüber nicht verbergen konnte, so betrachtete er ihn
-mit einem wohlwollend überlegenen Lächeln, wie etwa ein Vater sein
-Söhnchen, wenn es wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen
-blicken läßt.
-
-Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen gegönnt, so wohl
-stand ihm sein prächtiges Leben an. Die seinen waren es nicht. Schon im
-ersten Jahre reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf
-einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum Geldaufnehmen
-geschritten werden. Dieses, das nöthige Abbezahlen kleiner und das
-Aufborgen größerer Summen wurde von da an die hauptsächlichste
-Beschäftigung des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf
-gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen Reiz. Er wandte
-ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft daran, das ihn, der
-Verwaltung seiner Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen
-müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam bei diesen Geschäften
-zum Vorschein. Er sorgte dafür, daß seine Passiva der Welt möglichst
-ein Geheimniß blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen
-immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei verläugnete er seine noble
-Denkart keineswegs. Er beglückte die Frauen und Kinder der Gläubiger
-durch Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige Bedingungen,
-und wenn er seine Lieferanten und Handwerker nur sehr theilweise
-bezahlte, so hinderte er sie doch auf keine Weise, übermäßig große
-Rechnungen zu machen.
-
-Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr drei Jahre vor dem Beginn
-unserer Erzählung kam er in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze
-Stärke seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß
-merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend anstrengen, um das Schiff
-wieder flott zu machen, und so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her
-seinen kostspieligsten Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses mußte
-jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, vor welchem er die Lage
-der Dinge zu verbergen verstand, mußte auf Gymnasium und Universität
-als junger Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte Graf nach
-wiederholten Einladungen endlich Waldfels zu besuchen versprach, so
-durfte er nichts vermissen, was er von einem Wirthe seines Gleichen nur
-irgend zu erwarten berechtigt war. --
-
-So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. Die Leser können
-daraus einen Schluß ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu
-fürchten hatte.
-
-Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte Herr eben in einem
-Haufen von Papieren. Er horchte hoch auf, als jener ihm eröffnete,
-daß er mit ihm über eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe.
-Der junge Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur war,
-entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur Erreichung guter
-Absichten die geeigneten Mittel zu finden weiß. Er hielt es dießmal
-für gut, etwas auszuholen, und sprach zuerst von einem Lebensplan, den
-er sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen, daß ihn
-eine besondere Neigung zu cameralistischen und ökonomischen Studien
-treibe, und daß er sich nichts anderes wünsche und auch nichts anderes
-vorhabe, als nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung
-des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei Verbesserungen, die er
-für möglich halte, den Ertrag desselben glaube steigern zu können.
--- Der Baron antwortete mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte
-ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. -- Arthur ging nun
-über auf das angenehme Leben in und um Waldfels. Er sprach von dem
-gemüthlichen Charakter des Volks, von den vortrefflichen Familien in
-der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen und ihre Tochter
-als ausgezeichnet durch Bildung, Geist und Charakter, hinzufügend, daß
-der Vater dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze und
-am liebsten mit ihnen umgehe. -- Der Baron, der darin nur eine weitere
-Begründung des Wunsches erblickte, später in Waldfels zu leben, kam
-noch nicht auf die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten
-von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn die größte Freude und sprach
-nun die zuversichtlichste Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß
-seinem innigsten Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf dem
-Lande leben bei seinem Vater und an der Seite einer braven Frau. Alle
-Tugenden, die er von einer Frau verlange, habe er aber in Anna von
-Holdingen gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder
-geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung ihrer Liebe und
-Treue von ihr erhalten und er bitte den Vater inständig, zu diesem
-Bunde der Herzen seine Beistimmung zu geben.
-
-Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung aus, wie einer, der
-zweifelt, ob er recht höre. Er erhob sich, betrachtete den Sohn halb
-mitleidig und sagte: »Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben --
-mit einem Kind?« -- »Anna,« versetzte Arthur mit bescheidenem Ernst,
-»ist kein Kind mehr. -- Indeß,« fügte er mit einem Lächeln hinzu,
-»wenn sie's noch wäre, so wär' es ihr einziger Fehler; und du weißt ja,
-daß man eben diesen am schnellsten und sichersten ablegt.«
-
-Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem Bedenken
-schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu seinem Wesen, daß er sich über
-die Zukunft Arthurs nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte
-für die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn gewähren.
-In den seltenen Augenblicken, wo er wegen der Zerrüttung des ererbten
-Vermögens doch einige selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte
-er sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der so viele
-Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium zeige, werde seiner Zeit
-in den Staatsdienst treten, um eine gute Carrière zu machen; und als
-er den Grafen zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch
-daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung desselben einen
-einflußreichen Protektor zu gewinnen. Auf der andern Seite erwog er,
-daß es einem Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig,
-unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie zu machen und durch
-die Reichthümer der Erwählten die Mängel des väterlichen Vermögens
-zu decken. So mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen
-bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in ihm erregen. Als der Sohn
-auf seinem Gesicht einen Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien,
-wurde er sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung:
-»Wär's möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele? Hättest du an Anna
-etwas auszusetzen?«
-
-Der Baron versetzte mit Würde: »Nach meiner Ansicht ist die Zeit, wo du
-an Verlobung, oder gar an Verheirathung denken kannst, überhaupt noch
-nicht gekommen. Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir aus vielen
-Gründen eine reichere Partie wünschen, da unsere Vermögensverhältnisse
-keineswegs mehr brillant sind.« -- »O,« rief der Sohn, »wenn es nur das
-ist, dann hab' ich keine Sorge!« Und mit Selbstgefühl setzte er hinzu:
-»Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, daß ich eine reiche
-Frau nicht nöthig habe. Ich habe meine Gedanken, und wenn du mir freie
-Hand gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren stehen wir
-so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete Familie einführen kann.«
--- »Du weißt nicht,« entgegnete der Vater mit einem Seufzer, »wie
-weit es gekommen ist!« -- »Das ist einerlei!« versetzte der liebende,
-muthige Jüngling. »Im schlimmsten Fall hätten wir nur ein paar Jahre
-mehr nöthig.« Und indem er ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief
-er in bittendem Ton: »Sey der gute, liebe Vater, der du immer warst!
-Gib deine Einwilligung!«
-
-Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage so klar vor Augen,
-wie nie vorher. Das Gefühl, daß sein einziger Sohn und das gute Mädchen
-einem traurigen Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn, und eben
-die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur Strenge. Er wies die Hand
-des Sohnes zurück und sagte mit Entschiedenheit: »Laß diese Thorheiten!
-Du bist selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben gehört!« --
-Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes anführen zu können,
-fuhr er fort: »Ich war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner
-Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig allenfalls an's
-Heirathen denken darf. Die kindischen Schwärmereien der Jugend sind
-dann von selber vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in
-jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß ich wissen, der
-ich Erfahrung habe und die Welt kenne. Aber ihr jungen Leute wollt
-heutzutage klüger seyn als die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch
-in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. -- Kurz, ich gebe zu dieser
-Verbindung meine Einwilligung nicht und werde dafür sorgen, daß die
-voreilige Liebschaft ein Ende findet.«
-
-Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte Herr wieder an
-den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt ihn zurück. Mit Ernst und
-Festigkeit erwiederte er: »Du bist hart gegen mich, Vater, und das
-thut mir weh, denn ich bin's nicht von dir gewöhnt. Aber deine Härte --
-verzeih' mir, daß ich so zu dir rede -- kann und wird meinen Entschluß
-nicht ändern. Ich habe es wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich
-muß vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht halte. Ich
-=kann= meiner Cousine nicht entsagen. Sie ist ein so liebenswürdiges
-Mädchen, daß sie das Bild, das ich mir immer von dem vortrefflichsten
-Weib gemacht habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt vereinigt
-sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den heitersten Geist und den
-klarsten Verstand. Und wenn sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist,
-was muß man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein solches Wesen
-existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden habe, ein unendliches
-Glück -- und dieses Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde,
-sollt' ich von mir stoßen? -- Das ist es aber nicht allein. Ich habe
-mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen der Treue mit ihr
-gewechselt, und glaubst du, daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes
-Wort brechen werde?«
-
-Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser Entgegnung nicht ganz
-verschließen; aber noch bewahrte der Baron seine Festigkeit und rief
-im Ton des Unwillens aus: »Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler,
-daß du ein solches Wort gegeben hast!« -- »Es ist dazu gekommen,«
-erwiederte Arthur, »ich weiß selbst nicht wie. Ich folgte meinem Herzen
-und es ist mir nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich
-fand das höchste Glück des Lebens -- konnte ich da noch an etwas
-anderes denken? -- Und was ist denn alles andere im Vergleich mit
-diesem Glück? Was kann denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das
-Herz eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken und
-Gott auf den Knieen danken möchten? -- Ich weiß nicht, ob es Menschen
-gibt, die so klein von sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein
-über alles geliebtes Weib durch's Leben zu führen. Ich aber, lieber
-Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse jetzt auch
-beschaffen seyn mögen, ich werde Anna glücklich machen, glücklicher als
-irgend jemand in der Welt es vermag.«
-
-Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, mit Theilnahme
-auf den Sohn zu blicken und in seinem ganzen Wesen eine innere
-Bewegung zu verrathen. Er sagte mit sanfterer Stimme: »Lieber Arthur,
-du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die Klippen nicht, die
-dich bedrohen! Du wirst scheitern, wie so viele vor dir gescheitert
-sind!« -- »Ich werde nicht scheitern!« rief Arthur mit dem Ausdruck
-innerster Zuversicht. »Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts zu
-schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft eine Stimme: du wirst
-über alle Schwierigkeiten triumphiren! -- Aber,« fuhr er dringend
-und herzlich fort, »du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine
-Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du warst immer so gut
-gegen mich und in den letzten Jahren, ich darf es wohl sagen, Vater
-und Freund in Einer Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu
-meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung dazu, ich kann und
-will es nicht haben ohne sie. Darum schenke sie mir und gib mir dein
-Jawort! Wir wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott und uns
-selber vertrauen.«
-
-Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. Sein Herz war erweicht;
-und zugleich hatte der Muth und die Zuversicht des Sohns ihn
-angesteckt. Was er so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem
-gerührten Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe
-wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine gethan; er hatte gewarnt
-und lange genug gekämpft. Der junge Mensch fügte sich nicht; man
-mußte sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. -- Allen
-diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte: »Wenn du es
-nicht anders haben willst, so mag es seyn. Ich gebe meine förmliche
-Einwilligung noch nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß
-die Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. Dann aber,«
-setzte er mit Bedeutung hinzu, »vergiß nie, daß ich dich gewarnt und
-nur deiner Hartnäckigkeit nachgegeben habe.«
-
-Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet, um dankerfüllt
-des Vaters Hand zu ergreifen und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit
-kindlicher Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte:
-»Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so wenig wie
-die unendliche Güte, womit du meine Bitte erfüllt hast. Wenn ich
-unglücklich werde, so ist es nur meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe,
-so hab' ich es einzig und allein dir zu danken.« -- »Gut,« versetzte
-der Baron mit väterlichem Ansehen, »dieß ist abgemacht. Aber Eines muß
-ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag gehen wir zur Baronin: bis
-dahin wirst du das Schloß nicht verlassen.« -- Arthur versprach es und
-verabschiedete sich.
-
-Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu der Geliebten zu
-eilen, aber er schrieb an sie und sorgte dafür, daß der Brief ihr
-geheim übergeben wurde. Er meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit
-seinem Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls
-ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft seines Vaters ihre
-Beistimmung zu erlangen. -- Den andern Morgen hätte man an dem schönen
-Mädchen wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz ihre
-Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche Thätigkeit als
-sonst. Wenn sie davon abließ, stand sie bald in tiefen Gedanken und
-ihren reizenden Mund verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln.
-Sie schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu können und
-nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. Dieses Instrument spielte
-sie mit Fertigkeit, heute aber führte sie die gewählten ernsten Stücke
-mit einem Gefühl und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu einer
-weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung horchte und
-unwillkürlich dem rührenden Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal
-erhob sich das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben
-nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer großen Jugend rief eine
-holde Schamröthe auf ihren Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt
-und die Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen.
-Sie erklärte der etwas befremdet blickenden Mutter, daß sie ihr ein
-Bekenntniß abzulegen habe, und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör
-zu schenken. Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag mit der
-Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber zugleich mit dem Muthe einer
-liebenden Seele, durchaus getreu nach der Wahrheit.
-
-Frau von Holdingen war auf's höchste überrascht. Sie hatte nicht
-geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit des jungen Vetters, die ihr
-natürlich nicht entgangen war, eine so ernstliche Neigung verborgen
-wäre, und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen. Aber sie
-war nicht, wie der Baron, in der Lage, die Vereinigung der Kinder
-bedenklich zu finden; im Gegentheil, sie empfand sogleich eine große
-Befriedigung. Die Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande,
-Arthur war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und, was sie schon
-früher zum öftern hervorgehoben hatte, so recht von adelig schöner
-Gestalt. Die Vermögenszustände des Barons hielt die von ihres Gleichen
-stets das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie waren, den
-Sohn mithin für den Erben einer immerhin noch bedeutenden Besitzung,
-und da ihr Kind wenig oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die
-materielle Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut
-bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin von Waldfels
-werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches und Beruhigendes.
-Sie mußte sich Mühe geben, ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu
-merken zu lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten.
-Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls ihre hohe
-Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei dieser Jugend sowohl des
-Vetters als namentlich Anna's selber ein solcher Vorgang habe möglich
-seyn können.
-
-Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: »Ich weiß wohl, daß ich noch jung
-bin, aber ich bin alt genug, um einzusehen, daß ich einen besseren und
-edleren Mann, als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb,
-daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum Spaziergang
-einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Es ist, wie
-wenn's vom Himmel gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war's
-geschehen. Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges Versprechen -- und
-du,« setzte sie mit herzlich bittendem und zuversichtlichem Ton hinzu,
-»du, liebe Mutter, wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.«
-
-Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen folgend umarmte sie das
-Kind, indem sie mit Güte sagte: »Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs
-Gesinnung auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht zu
-fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen werde. Es kommt aber
-hier vor allem auf den Baron an, der mit seinem Sohn vielleicht andere
-Absichten hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre es für
-dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.«
-
-Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise des Barons in den Hof.
-Der wackere Herr war in froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem
-Appetit gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen Weinsorte
-vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön und die wehende Ostluft
-erquickend; als er daher mit dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr,
-vergaß er den düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und
-hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines Auftretens schöpfte
-Frau von Holdingen sogleich die vollste Beruhigung, und die erröthenden
-jungen Leute gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf
-beiden Seiten alles wohl stehe.
-
-Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der nicht gewohnt war, in
-solchen Dingen lang zurückzuhalten, seine Blicke von der Tochter zur
-Mutter gleiten und sich dann also vernehmen: »Ich sehe, liebe Base,
-daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. Nun, was
-sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das nicht erstaunlich? Hat man in
-unsern Zeiten von so etwas gehört? -- Sie haben uns eine eigenthümliche
-Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber denken, wir
-können nicht vermeiden, uns nun damit zu beschäftigen.«
-
-Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung an und erwiederte:
-»Allerdings hat mir meine Tochter alles gestanden und ich habe mein
-Urtheil nicht zurückgehalten über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend
-zu einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben diese Jugend,
-lieber Baron, muß sie entschuldigen. Was jetzt geschehen soll, das
-hängt allein von Ihrer Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß
-und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute nur die geringste
-Einwendung zu machen, so kenne ich meine Pflicht, und ich werde dafür
-sorgen, daß aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.« -- »Ach,
-beste Baronin,« versetzte der alte Herr, »das würde nicht viel helfen.
-Arthur hat sich mir von einer ganz neuen Seite gezeigt: er wäre im
-Stand, seinem Vater zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht
-nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit ohne weiteres
-Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir thun? Die Kinder lieben sich,
-sie haben sich Treue gelobt -- und wir müssen zu ihrem Spiel gute
-Miene machen; -- das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht aus mir
-unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre Einwilligung zu geben.«
-
-Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die Verbindung ihrer
-Tochter mit dem Sohne des Barons von Waldfels für höchst ehrenvoll
-und für das größte Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte.
-Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann völlig unmöglich
-gewesen, sein Jawort zu versagen. Er liebte es ohnehin nicht, Scenen
-dieser Art hinauszudehnen, und versetzte daher mit herzlicher
-Freundlichkeit: »Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und in
-Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir in Gottes Namen unsere
-Einwilligung und behalten uns vor, die wirkliche Verlobung so lange
-hinauszuschieben, als es uns schicklich dünkt. -- Möge der Himmel,«
-setzte er mit Ernst hinzu, »seinen Segen dazu geben!« -- Dann, mit
-Liebe zu dem Paare gewandt, rief er: »Bedankt euch nun bei der guten
-Baronin, Kinder!«
-
-Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder etwas bange
-geworden, folgten der Aufforderung rasch und ließen ihre zärtlichen
-Gefühle an den Eltern so herzlich aus, daß diese selbst der Rührung
-nicht widerstehen konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten
-Blicken ansahen. Arthur hatte Anna's Hand ergriffen, sein Auge hing an
-ihr in triumphirender, seliger Liebe. Er wagte es nicht, ihre Lippen
-zu küssen, und drückte, indem er sie an sich zog, seinen glühenden
-Mund auf ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön aus und
-ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter, daß der Baron der
-Mutter zuflüsterte: »Mein Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses
-Kleinod so früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden die
-Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es hätte ihm doch wohl
-einer gefährlich werden können. Er hat auch in dieser Sache den
-Verstand und die Klugheit bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.«
--- Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen
-Lächeln. --
-
-So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche bedenkliche Seite
-darzubieten schien, einem Ende zugeführt, das alle Theile zufrieden
-stellte. Der Baron hielt es um so weniger für nöthig, auf seine
-dermaligen Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder
-gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen zu fassen. Und
-wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wie hätte ein so guter Mann es
-über's Herz bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung durch
-einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte sich darüber, die
-förmliche Verlobung in Ansehung der Jugend Annas erst nach einem Jahr
-erfolgen zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, reisen und
-endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann nach den Umständen früher
-oder später die Vermählung stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte
-sich nicht abgeneigt, das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna die
-Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt zu werden.
-
-Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere, aber ächte Weinsorte
-der Baronin eben so gut schmecken, wie seine bessere zu Hause. Seine
-Laune belebte sich mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken
-und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des Mädchens. Unter
-andern wollte er darin einen Hauptbeweis für das Fortschreiten der
-Menschheit erkennen, daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey,
-so früh zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche Wahl zu
-treffen und mit Leidenschaft Verstand und Festigkeit zu verbinden.
-Er selber gestehe, sich mit der Thorheit länger abgegeben zu haben,
-was er übrigens auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von
-Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von dem besten Maler der
-altniederländischen Schule porträtirt und in der Poesie seines Wesens
-für alle Zeiten bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um
-einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er wünschte und verkündete
-ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit und mit dem besten Glauben ein Leben
-voll Liebe, Glück und Freude.
-
-Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit den frohesten Empfindungen
-entgegensehen? Mußten sie sich nicht schon angeweht fühlen von dem
-Hauch der vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche das
-Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre Gründe, eben diejenigen,
-die ein schönes, ruhiges Daseyn zu verdienen scheinen, die Wege des
-Unglücks zu führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von denen
-die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben waren, eine nach der andern
-zertrümmert werden sollten.
-
-Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war mit dem Baron eine
-eigene Veränderung vorgegangen. Das Glück der beiden Kinder hatte
-ihn in Wahrheit tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit
-nachdenklich gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie etwas zu
-thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor, seinen Haushalt noch
-weiter einzuschränken und auf den Ruhm eines glänzenden Edelmanns
-ganz zu verzichten. Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern
-wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte sich eine
-bewährte Köchin und befahl ihr, zwei Gerichte weniger zu geben als
-bisher. Da er von seinem gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich
-nicht entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren
-Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche Gelegenheiten auf.
-Ein reicher Nachbar hatte früher umsonst großes Verlangen nach seinen
-zwei vorzüglichen Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das
-Gelüste desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um hohen Preis
-ab und bezahlte damit einen drängenden Gläubiger. Er fing an bei den
-nöthigen Einkäufen auf Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten
-Kaufleuten um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar um
-seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst auf die Felder, um die
-Arbeiten mit anzusehen, und unterhielt sich mit dem Verwalter über die
-vortheilhafteste Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten
-hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit einer
-sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger Würde, als ob er nie an etwas
-anderes gedacht hätte. Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so
-lange sie vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten sie sich
-nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln.
-
-Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in der eingeschlagenen
-Richtung zu beharren, können wir nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn
-der Probe. Er fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher als
-gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. Ein Schlagfluß hatte
-seinem Leben ein Ende gemacht. -- --
-
-Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und lebenskräftigen
-Person hat für diejenigen, die ihr mit Liebe anhingen, etwas tief
-Erschreckendes. Zu dem Schmerz über den Verlust gesellt sich der
-grausame Zweifel an allem, was man bisher für sicher und dauernd
-gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die Unzuverlässigkeit alles
-Irdischen sieht mit dem Antlitz der Gorgone auf uns her, und es
-erfordert die höchste Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den
-Pflichten des Tages zu genügen.
-
-Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht mit Entsetzen.
-Die Ahnung einer unheilvollen Wendung ihres Geschicks durchzuckte
-sie, als sie die bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich
-mit thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in größter Eile nach
-Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt eben erklärt hatte, daß man jede
-Hoffnung aufgeben müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen,
-die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte sich Frau von
-Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden Boten an den Sohn und
-übernahm als nächste anwesende Verwandte die Leitung des Hauses.
-
-Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung seines Oheims, den er
-von der Landstadt, wo er als pensionirter Oberst lebte, mitgenommen
-hatte. Wir versuchen es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe,
-die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen gütiges
-Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit noch erhöht. Wenn er
-seinen vertrauten Freunden von ihm erzählte, so glänzten seine Augen,
-als spräche er von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl
-war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu reichen und den
-geliebten Vater todt vor sich zu sehen! Er gab sich seinem Schmerz ohne
-Widerstand hin. Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von dem
-Oheim und Frau von Holdingen übernommen werden.
-
-Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine zahlreiche,
-hochansehnliche Versammlung von Freunden der Familie Waldfels. Wenn
-nicht Alle wahre Trauer um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die
-Gruft seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein Ableben
-aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede des Ortsgeistlichen, der
-ihnen seine menschlich schönen Charakterzüge mit schonender Hindeutung
-auf seine Schwächen in's Gedächtniß rief.
-
-Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; der Sohn war daher
-alleiniger Erbe und der Oberst, als der nächste Verwandte, wurde sein
-Vormund. Als beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit dem
-Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die Lage der Dinge und
-durch die Gesetze des Landes geboten waren. Aber bald sollte dieser
-Muth niedergeschlagen werden.
-
-Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte sich.
-Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere ließ die beiden
-Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen auf den wahren Stand der
-Vermögensverhältnisse. Als aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die
-sämmtlichen Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die
-Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten gefürchtet
-hatten: die Summe der Forderungen drohte das ganze Erbe zu verschlingen.
-
-Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen gewiegt und so heilige
-Pflichten übernommen hatte, war es ein schreckliches Gefühl, als er
-zum erstenmal diese Wahrnehmung machte. Er war gerade allein -- sein
-Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen --, die klar
-erkannte Thatsache wirkte daher um so grausamer und niederwerfender
-auf ihn; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran
-dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen worden war,
-so konnte er sich einer bittern Empfindung nicht erwehren. Wie war es
-möglich, solchen Wohlstand gänzlich zu untergraben und den Sohn dem
-Bettelstab nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg zum Untergang
-vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt zu werden? -- Bei alledem
-vermochte er dem Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte
-Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande gehegt hatte,
-und der Ruin des Familienvermögens erschien ihm als eine Art von
-Verhängniß, als eine Folge von Schwächen des Vaters, die zu seiner
-Natur gehörten und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht
-werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er nicht gesehen, wohin die
-allzu glänzende Lebensweise zuletzt führen müsse, daß er sich nicht
-schon früher ernstlich von dem Stande des Vermögens unterrichtet und
-versucht habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen zu
-bestimmen. Was sollte er nun beginnen? Welch ein Loos wartete seiner?
-Wie sollte er die Hoffnungen seiner Geliebten, wie sollte er seine
-feierlich ertheilten Zusagen erfüllen? -- Er hatte keine Antwort auf
-diese Fragen.
-
-
- III.
-
-Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes Gemüth
-eine unsäglich bittere, aber eine heilsame Arznei. Sie führt es
-in dürre, todte Wüsten, aber eben hier wird der Resignation des
-Rechtschaffenen das Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die
-tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen erscheinen dem
-emporblickenden Auge die Sterne des Himmels. Gleich einem Erdbeben
-öffnet die Erschütterung des Herzens neue Quellen und macht Kräfte
-frei, deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. Eben so
-wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich hereinbrechendes,
-niederschmetterndes Unglück die im Innersten zerbrochene Seele zu
-Gott und gibt der passiven Religiosität eines edeln, aber ungeprüften
-Herzens die Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung.
-
-Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, und wir dürfen
-es wohl sagen, daß die grausame Enttäuschung ihm bittere Thränen
-auspreßte. Nach und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen
-und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl der
-Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte er das Große der Prüfung, die
-ihm auferlegt war; er fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem
-er an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich seine Seele
-und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein Herz. In dieser Stimmung
-vermochte er Gott zu danken für die ihm zugemutheten Arbeiten; er
-fühlte sich durch sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen
-Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht geschenkt werden
-sollte, durch sich selbst zu erringen.
-
-Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den Gläubigern zur Beute
-fallen würde und müßte, so dachte er nach, welche Mittel ihm wohl
-noch blieben, seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben.
-Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater so warm über
-ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich nieder, erstattete dem
-hochgestellten Mann einen treuen Bericht von seiner Lage und bat ihn um
-gütige Aufklärung darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in den
-Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine ehrenvolle Existenz
-zu schaffen. Mitten in der Abfassung dieses Schreibens tauchte eine
-eigenthümliche Vorstellung in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte,
-über sich selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt hatte,
-trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und er hing ihm nach, wie
-man Träumen nachhängt, ohne mehr daraus zu machen als sie sind. Seine
-Einbildungskraft mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein Gesicht
-glättete sich und gewann beinahe einen heitern Ausdruck.
-
-Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen: er mußte Frau
-von Holdingen und Anna von dem Stand der Dinge unterrichten. Als er
-nach dem Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten
-gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung, die er nur mit
-Mühe bemeistern konnte. Er fand die nöthige Ruhe erst in der Begrüßung
-der Frauen, schilderte ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß,
-wie es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation.
-Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. Er betrachtete Mutter
-und Tochter und bemerkte zu seinem Troste, daß der Eindruck seiner
-Erzählung nicht so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte.
-Bei Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und ihrer Jugend
-begründet; Frau von Holdingen aber war auf eine solche Eröffnung schon
-einigermaßen vorbereitet, da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die
-ungefähr auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte sie sich
-nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen Ausruf schmerzlichen
-Staunens zu unterbrechen und einen mütterlich tiefbesorgten Blick auf
-die Tochter zu werfen.
-
-Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge Waldfels mit der
-Erklärung hervorgetreten sey, er gebe unter solchen Umständen Fräulein
-von Holdingen das von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr,
-um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem Glücke, das sie
-zu erwarten das Recht habe, sich in den Weg zu stellen. Ein solcher
-Gedanke hatte sich Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings
-auch dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. Er kannte
-Anna und wußte, daß er sie durch eine solche Erklärung nur kränken
-würde. Er gehörte ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe,
-die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem
-Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren muß. Wie sehr er Recht
-hatte, zeigte sich jetzt. Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna
-liebevoll zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem Ernst:
-»Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet- und um unsertwillen
-schmerzlich bedaure. Aber wir wollen auch das mit einander tragen.
-Jetzt ist es gut für uns, daß wir so jung sind, wir können warten. Ich
-traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles gelingen. Wenn andere,
-die mit Nichts anfangen mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum
-solltest du's nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden könnte,« setzte
-sie mit dem schönen Aufschwung jugendlicher Gemüther hinzu, »so würde
-ich doch stets die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und ich
-wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll meine Hand erhalten!«
--- Arthur hörte mit freudiger Bewegung diese schmeichelhaften Worte und
-umarmte und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen glänzten.
-»Im Unglück muß man seyn,« rief er aus, »wenn man edle Seelen kennen
-lernen will! Wenn man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch
-innig wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue mir nur,
-Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen! Was ich auch unternehme,
-es muß gesegnet werden um deinetwillen. Wir werden glücklich seyn,
-verlasse dich darauf -- ja, glücklicher als wenn der Reichthum des
-Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!«
-
-Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem Ausdruck auf die
-jungen Leute gesehen, wie er der Welterfahrung eigen ist, wenn sie
-von liebenswürdigen Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren
-Erfüllung, wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen können.
-»Ihr armen Kinder,« schien sie sagen zu wollen, »wie leicht versprecht
-ihr das Höchste, und und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von
-dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben glaubt!« Aber ein
-Hauch von der Begeisterung der Liebenden war in ihre Seele gedrungen.
-Sie bekämpfte eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und
-sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: »In Gottes Namen denn!
-Ich kann zwar euer jugendliches Vertrauen nicht ganz theilen und warne
-euch, in dieser Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten.
-Aber eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich habe meine
-Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben und ich werde sie nicht
-zurücknehmen. Möge es euch,« setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, »so
-wohl gehen als ihr's verdient!«
-
-Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung wieder, die ihn schon
-einmal freundlich angemuthet hatte. In der Bewegtheit seines Geistes
-formte er unwillkürlich einen Plan daraus, und ein Wunsch regte sich
-in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht zu sehen. »Sollte
-das,« sagte er zu sich selbst, »meine Bestimmung seyn? Sollte ich auf
-diesem Weg finden, was ich suche?« Er schüttelte den Kopf. Er dachte
-an den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an die möglichen
-Aussichten, die sich ihm von dieser Seite her eröffnen könnten. »Er
-wird mir irgend einen annehmbaren Vorschlag machen und ich werde ihnen
-bald eine gute Nachricht bringen können,« sagte er zu sich selbst.
-Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er kam völlig beruhigt
-nach Hause.
-
-Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und schöpferischen
-Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse! So leicht stellt sich
-der innerlich begabte Mensch wieder her, wo andere vernichtet und
-trostlos am Boden hinschleichen! -- Aber ein anderes freilich ist es,
-über den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben, und ein
-anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn sie nun anrücken, zu
-bestehen und zu überwinden. Da wandelt sich der Muth gar oft wieder in
-Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.
-
-Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem Wohnort zurück, um sich für
-die Dauer der Vormundschaft im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte
-sich, ihm seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann schien
-davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er nickte nur ernsthaft mit dem
-Kopf und sagte: »Das hab' ich mir gedacht!«
-
-Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Bruder,
-unterschied sich aber von diesem durch Energie und eine Anlage zur
-Heftigkeit, die während seiner militärischen Laufbahn eine Art
-methodischer Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht die
-behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür um so strammer und
-schlagfertiger. Auch er hatte sein Erbe großentheils durchgebracht. In
-der ersten Zeit war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte
-ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer Leute seine Kasse
-erschöpft. Der Sohn derselben machte Ansprüche auf seine Unterstützung,
-und der unverheirathete Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über
-den Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt. Wenige Jahre vor
-dem Tode seines Bruders machte ein Sturz vom Pferde den damaligen
-Oberstlieutenant dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine
-Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich schmal, und er
-mußte nun auch allerlei Manöver anwenden, um sich nichts abgehen zu
-lassen. In die Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut.
-Obschon er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht gering dachte,
-so wußte er doch dem großen Geldbesitz die zeitgemäßen Concessionen zu
-machen, und wenn er in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach,
-so ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein Mann, wie es
-viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung ihrer Pflichten auch
-verschiedene schwache Seiten blicken lassen, und zum Theil solche, die
-sie an andern sehr ernstlich tadeln können.
-
-Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann nicht nur darum so ruhig,
-weil er sich das Verhältniß ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch
-schon ein Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus
-praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts wissen konnte, rief mit
-Verwunderung über die scheinbare Theilnahmlosigkeit: »Mein Unglück
-scheint Sie nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können Sie mir
-aus dieser Noth heraushelfen?« -- Der Oberst erwiederte: »Nach meiner
-Ansicht ist die Sache leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater
-schuldig wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten, daß bei
-gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der Erlös sie nicht einmal
-decken wird. Dieß müssen wir den Gläubigern begreiflich machen und es
-dahin zu bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen. Die
-Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent begnügen. Dann
-übernimmst du das Gut und stellst deine Angelegenheiten wieder her.«
-
-An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, aber durch
-nähere Prüfung der verschiedenen Forderungen war er davon ab- und
-zu dem Entschluß gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu
-lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert, die andern
-hatten bloß Handschriften des Barons aufzuweisen. Jene waren reich,
-diese fast ohne Ausnahme nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen,
-daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder halten und allein die
-unversicherten »kleinen Leute« zu einem Nachlaß zu bestimmen seyn
-würden. Dieß zu versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes,
-während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im besten Fall doch nur
-eine kümmerliche seyn würde. Sein Geist hatte sich ohnehin nach einer
-andern Seite gewendet und sich mit dem Gedanken, das Stammgut aufgeben
-zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum erwiederte er jetzt ruhig:
-»Das geht nicht, lieber Onkel!«
-
-»Warum nicht,« fragte der Oberst, der sich von der Sicherheit des
-Neffen unangenehm berührt fühlte. -- Arthur bemerkte zunächst: »Weil
-dabei Leute ihr Geld verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr
-empfindlich fallen müßte« -- »Das sind Skrupel eines jungen Menschen,«
-versetzte der Oberst ungeduldig. »Es handelt sich darum, ob eine
-alte Familie im Besitz ihres Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern
-preisgeben soll, die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich
-darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen oder untergehen
-soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß einige Philister verlieren, --
-darum sollen sie verlieren!« -- Arthur, durch diesen Ton seinerseits
-verletzt und gereizt, entgegnete: »Wenn eine Familie nur auf Kosten
-Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.«
-
-Der Oberst sah ihn groß an. »Ist das Ernst?« sagte er endlich. »Bis
-jetzt hielt ich dich für einen verständigen Menschen -- hätt' ich mich
-getäuscht? wärst du ein phantastischer Thor?« -- Arthur versetzte:
-»Den Verstand, den Sie mir zutrauen, hab' ich vielleicht; aber er geht
-allerdings nur Hand in Hand mit der Ehrlichkeit. Ich =will= nicht
-verständig seyn, wenn ich unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall
-halt' ich's noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.«
-
-Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe überzog sein Gesicht
-und er schien eine heftige Entgegnung auf der Zunge zu haben. Allein
-er bezwang sich, um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen. Er
-sagte: »Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt ist, waren
-reich und hochangesehen. Sie haben in dieser Gegend seit Jahrhunderten
-Gutes gethan, sie haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht
-für das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal für uns ein
-Opfer bringen!« -- Arthur schüttelte den Kopf und entgegnete: »Wenn
-unsere Voreltern dem Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur
-ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.« -- »Das ist die Folgerung
-eines hochmüthigen Narren!« platzte der Oberst heraus. -- »Es ist die
-Logik eines rechtschaffenen Mannes,« erwiederte Arthur mit Festigkeit.
--- Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich in tiefem Unmuth
-von dem Jüngling ab. In einer Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch
-die Nothwendigkeit, seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann
-mit erneuerter Geduld: »Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit hast
--- gut! folg' ihr! Aber folg' ihr zu einer Zeit, wo sie dich nicht zu
-Grunde richtet. Deine erste Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den
-Gläubigern dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich wieder
-empor, und wenn du wohlhabend bist, dann ersetze ihnen ihre Verluste.«
--- Arthur wiederholte sein Kopfschütteln und bemerkte: »Ich wäre nicht
-im Stande, auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht
-wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze zu handeln. Aber
-solchen Ersatz zu leisten, hab' ich nicht einmal Aussicht.«
-
-Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, daß die
-versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung und ihrem Charakter nach
-zu einer Einbuße sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen
-der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der Schuldenmasse
-betrügen, er mithin auch im Fall eines Accords nur eine geringe
-Erleichterung zu erwarten hätte. -- Der Oberst war betroffen. Wie es
-Menschen von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, was er
-wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht und angenommen, daß
-man die Gläubiger überhaupt zu einem Nachlaß würde bestimmen können.
-Nun schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse richtiger
-angesehen haben sollte, und empfand nur um so mehr Unmuth gegen ihn.
-Er fühlte einen Drang, ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte
-endlich: »Vielleicht! -- vielleicht ist es so! -- Aber so geht's, wenn
-man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten war, selber verbaut!
-Der Bankier Pranger, dem du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter,
-die jetzt achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater noch
-Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich pries, aus seinem Laden
-etwas in's Schloß liefern zu dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt,
-er ist ein reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen nichts
-mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, und es wäre nicht das
-erstemal, daß der Abkömmling eines guten Hauses durch eine solche
-Heirath seine zerrütteten Verhältnisse wieder herstellte.«
-
-Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht und erwiederte
-nun mit Ernst und Strenge: »Wozu sagen Sie mir das? Wollen Sie doch
-bedenken, daß dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.«
--- »Nun,« fuhr der Oberst heraus, »wenn ich dein Vater gewesen wäre,
-so hätte ich meine Einwilligung zu dem thörichten Verhältniß, das
-du angeknüpft hast, nicht gegeben und du wärest frei -- --« Weiter
-konnte er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und funkelnden
-Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: »Kein Wort mehr davon,
-Onkel! Ich =bitte= Sie!« -- Die Betonung dieses »bitte« verrieth eine
-Leidenschaft, die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von ihm
-und ging düster im Zimmer auf und ab.
-
-In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum Nachdenken. Er fühlte,
-daß er den Neffen doch ungebührlich verletzt habe, und ein gewisses
-Bedauern, das er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den Ton
-der »Güte« anzustimmen. Er sagte: »Wenn man sieht, daß ein junger
-Mensch im Begriff ist sich unglücklich zu machen, so dürfen seine
-Verwandten nicht ablassen, ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei
-Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt sind. Ich folge
-dieser Pflicht und frage dich: Was willst du für die Zukunft beginnen?
-Hast du schon einen Entschluß gefaßt?« -- Arthur erwiederte der
-Wahrheit gemäß: »Noch nicht.« -- Dieser Ungewißheit gegenüber erschien
-dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig beste, und mit
-erneuter Sicherheit begann er: »Du willst also dein Haus einreißen,
-bevor du wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die Ansicht
-eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur keine bessere, sondern gar
-keine entgegenzusetzen? Du gehst also blind in dein Verderben?« -- Der
-junge Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn erschüttert zu
-haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: »Arthur, du kennst mich dafür,
-daß ich kein Schwätzer bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag;
-wenn du ihn verwirfst, so werd' ich ihn nicht wiederholen. Laß mich
-versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund und kenne
-meine Rechte, aber was ich thue, will ich mit deiner Beistimmung thun.
-Entschließe dich und gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich's
-vorstellt. Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu günstigen
-Bedingungen überreden: solche Menschen sind irgendwo zu packen. --
-Bedenke,« setzte er mit Ernst hinzu, »daß du dir nicht allein gehörst,
-sondern einem Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast, der
-zu den besten im Lande gehört, und daß dieser Name mit dir untergehen
-wird.« -- Arthur erwiederte nach kurzem Bedenken: »Sie wollen mein
-Bestes auf Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den Sie
-dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den Sie mir vorschlagen, kann
-ich nicht gehen. Ich erkenne meine Pflichten gegen meinen Namen an
-und werde sie erfüllen, -- aber nur so, wie mein Charakter und meine
-Ueberzeugung es gestatten.«
-
-Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, den er so lang
-erhalten hatte, mußte endlich reißen. Er empfand all den Zorn, den man
-über die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet,
-dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten Rath ertheilt hat, und
-indem er sich mit grimmigem Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er:
-»Gut, junger Herr! Jetzt hab' ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen,
-nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen nach sich ziehen
-wird. Mir, dem erfahrenen Mann, kann nichts abgeschmackter vorkommen
-als der Hochmuth, der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen
-Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, die
-den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich halte deinen Leichtsinn für
-unverantwortlich und sage dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh'
-ich meine Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist, und
-überlasse dich deinem Schicksal!« -- »Und ich,« erwiederte Arthur,
-»erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren muß, daß ich mich aber
-immer als Ihren Neffen betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn
-und diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.« -- Der Oberst
-zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an und verließ das Zimmer.
-
-In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm hervorgerufen, empfand
-Arthur die Befriedigung eines Menschen, der sich sagen kann, mit
-Festigkeit nach seiner Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber
-mit kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch peinlich,
-mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß gerathen zu seyn, dessen
-Aufhören er nach seiner Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm
-unmögliche Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen
-Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine Gelegenheit gefunden,
-von den Aussichten zu reden, die ihm gar bald durch den Grafen
-eröffnet werden könnten. Da er aber diesen Herrn dringend gebeten
-hatte, in Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath ihm
-bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis zum Einlauf des
-Schreibens zu warten und den Oheim durch eine gute Nachricht, auf die
-er hoffte, wo möglich wieder zu versöhnen.
-
-Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des Obersten entsprach seiner
-Erklärung. Er genügte seinen Pflichten als Vormund, ohne seines
-Projektes noch einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen seinen
-Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er suchte die Momente
-des Zusammenseyns möglichst abzukürzen und zog sich theils auf sein
-Zimmer zurück, theils machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur
-entschädigte sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier die Scene
-mit dem Oheim, und da auch dieser für gut fand, nichts zu sagen, so
-blieb der junge Mann glücklicherweise mit einer neuen Erörterung
-verschont. Mutter und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf
-Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen müsse. Darum
-bildete nun das Schreiben, das Arthur an den Grafen abgesandt hatte,
-und die zu erwartende Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung
-und mancher Vermuthung.
-
-Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der junge Waldfels
-betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem Herzklopfen, eilte auf
-sein Zimmer und las in größter Spannung.
-
-In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte der hochgestellte
-Herr zunächst sein Leidwesen über den frühzeitigen Hintritt des Vaters
-aus, eines der vortrefflichsten Männer, die er gekannt, und dessen
-Andenken seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann ging er auf
-Arthurs Verlobung über, an der er um so herzlicheren Antheil nehme,
-als =er= vielleicht zuerst an dem edeln jungen Paar die Anzeichen
-einer tieferen Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe. Er
-wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten könne, und bedaure
-auf's innigste, daß die Hinterlassenschaft des Vaters nicht von der
-Art sey, um ihnen sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren.
-Was die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er hierauf
-eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für seine Person würde es
-am liebsten gesehen haben, wenn er sich der diplomatischen Carrière
-hätte widmen können, denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent
-zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes
-Vermögen die nothwendige Voraussetzung, und so könne in Ermanglung
-eines solchen leider auch dießmal wieder eine glänzende Begabung
-nicht die ihr zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von
-der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die baldige Erlangung
-einer Lieutenantsstelle allenfalls auch garantiren, so verböte sich
-für ihn die Wahl dieses Standes doch wegen der Bedingungen, an welche
-die Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften. Alles
-wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten rathen, auf der
-Universität die Jurisprudenz zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu
-widmen. Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß
-der Concurrenten jetzt gar viele seyen und daß er eine Reihe von Jahren
-werde Geduld haben müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende
-Stellung werde erlangen können. Allein als begabter junger Mann werde
-er sich auch hier mit der Zeit hervorthun und ihm Veranlassung geben,
-seine Schritte zu fördern. Er auf seinem Posten habe sich freilich
-die strengste Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht;
-allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem edelgesinnten
-jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich unter die Arme greifen
-könne. Im Uebrigen rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt sey
-manches möglich und es könne von irgend einer Seite her eine unerwartet
-günstige Wendung seines Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung
-seiner höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so werde sie
-ihn nur um so inniger beglücken, und er werde das erhebende Gefühl
-eines mit Ausdauer errungenen und in jeder Hinsicht verdienten Looses
-haben. Indem er daher u. s. w. u. s. w.
-
-Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das Haupt in tiefer
-Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem Mann, der ihm so viel Theilnahme
-bewiesen und dessen Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag
-erwartet, der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten Ziel
-führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten Rath gegeben! Er sah
-sich mit Redensarten beschenkt, die ihm von purer Gleichgültigkeit
-dictirt und nur den Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht
-weiter!
-
-Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er weniger gehofft haben,
-durch das Ergebniß seiner Anfrage aber auch weniger erschüttert worden
-seyn. Der vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft
-und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu versorgen, die ihn näher
-angingen als Arthur. Auch Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren
-erwiesen und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter waren
-Männer, die nützlich oder schädlich werden konnten, und diese mußte
-er vor allen berücksichtigen. Als kluger Mann hatte er von jeher
-die Nothwendigkeit begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über
-Belohnungs- und Anfeuerungsmittel verfügen zu können, und es sich daher
-zur Regel gemacht, sich niemals ohne Noth durch eine schriftliche
-Zusage zu binden. Da er sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin
-von Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen sollte --
-konnte er dem jungen Waldfels unter den gegenwärtigen Verhältnissen
-mehr zuwenden, als ein mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein
-ausführliches theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar ein Uebriges
-gethan und durch das ernstlich gemeinte Versprechen einer späteren
-gelegentlichen Unterstützung seine wohlwollende Gesinnung vollkommen
-bewiesen zu haben.
-
-Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns nicht hineindenken;
-er beschuldigte ihn daher unfreundlicher Kälte und sah in ihm nur
-einen herzlosen Weltmenschen, von welchem für ihn gar nichts mehr
-zu erwarten sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn man eine
-unerwünschte Antwort erhalten hat! Die vorgeschlagene Laufbahn, die
-für den Jüngling an sich nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt
-geradezu widerwärtig; sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein
-welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem Oberst sagen, den
-er durch eine gute Nachricht zu gewinnen und zu beschämen gehofft?
-Die Reihe sich zu schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau von
-Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann eben so wie er eine
-trostreiche Auskunft erwartet hatte? -- Bei diesem Gedanken ergriff
-ihn eine marternde Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die
-Stiche der Verzweiflung im Herzen.
-
-In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos hingab, erschien Arthur
-endlich jenes Traumbild, das in der letzten Zeit vor den Geschäften des
-Tags zurückgewichen war, auf's neue. Sein nach Rettung verlangendes
-Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das, was ihm zuerst nur spielender
-Gedanke gewesen, erschien ihm nun als eine Eingebung, und siegreich
-trat in ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie sie ihm
-hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in ihr sein Glück finden
-und sein Geschick wieder herstellen werde. Die Stunde der Entscheidung
-war für ihn gekommen. Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang
-betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: »Ja,
-diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern will ich mir selbst
-vertrauen und kühn der Göttin mich weihen, die heutzutage allein noch
-Wunder zu thun vermag. Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt
-und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein Vertrauen mich
-nicht täuschen. -- Aergert euch dann, ihr Herrn,« setzte er mit stolzer
-Geringschätzung hinzu, »mit euch bin ich fertig!« --
-
-Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande gefaßt, hielt
-die Probe nüchterner Untersuchung aus. Den andern Tag, nachdem er
-alle Verhältnisse wohl erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte
-sich, nicht wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber von der
-Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch nicht der Geliebten,
-ein Geständniß davon zu machen. Er nahm sich vor, es für Alle ein
-undurchdringliches Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von
-Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche Herzen einem
-Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe Ruhe nahm in seiner Seele Platz.
-Es war die Ruhe des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer
-Bestimmung zu folgen.
-
-Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die Antwort des Grafen
-mittheilen sollte, ohne ihre Herzen zu erschrecken und zu betrüben. Aus
-dieser Verlegenheit riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt
-wie ein Bote des Schicksals entgegenkam -- ein Unterhändler seines
-Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus den Reden desselben gar bald, daß
-es den reichen Landsmann über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von
-Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von ihm gehört, diese
-Neigung begreiflich und knüpfte an sie seine Hoffnungen an.
-
-Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß, Daniel von Pranger
-war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers in dem zwei Stunden
-von Waldfels entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine
-Kunden mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein nicht ganz
-unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel, der die Kaufmannschaft
-in der altberühmten Handelsstadt erlernt, aus der die Baronin von
-Waldfels stammte, übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und
-Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, gewann er. Endlich
-setzte er seinen Spekulationen die Krone auf, indem er die Wittwe
-eines Bankiers heirathete und damit eine gar viel bessere Partie
-machte, als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs Mutter
-heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein gesicherter Reichthum mit
-Stolz erfüllte, so war es ihm doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz
-desselben umstrahlt in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen
-des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu vernehmen, womit
-ihn seine Jugendfreunde beehrten. Er wiederholte diese Besuche mit
-Familie in gemessenen Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang
-Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu geben, das wochenlang
-den Hauptgegenstand der Unterhaltung im Städtchen bildete. Bei einem
-dieser Besuche mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels
-veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren rühmten
-die Pracht derselben und noch mehr die noble Feinheit, mit welcher
-der Baron seine Gäste zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für
-den damals noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große
-Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen Mann mit einem
-Gefühl, das wir nicht mit Unrecht als Neid bezeichnen können. Der Baron
-ehrte ihn gelegentlich durch eine Einladung, was ihn freute; aber er
-behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm nicht eifrig genug
-vorkam, und zeichnete ihn nicht vor andern aus, wie er es erwartet
-hatte; er fühlte sich gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich
-nach Hause. -- Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher für
-ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in seinem Hause erschien,
-um ein bedeutendes Anlehen bei ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als
-der Baron verlangt hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und
-fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle Protector eines
-Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend so hoch über sich erblickt
-hatte und dem er auch in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht
-abzulaufen vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, daß ihm bei
-der Lebensweise des Barons wohl einmal seine Besitzung in die Hände
-fallen könnte. Er hatte seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner
-Angelegenheiten und es war ihm angenehm, sich wegen nicht bezahlter
-Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, daß die bisherige Schuld
-um ein Ziemliches größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr,
-trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf's lebhafteste in
-ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle Segel aufzuspannen, um sich
-einen so glänzenden Ruhesitz zu verschaffen und zu dem Ruhm eines
-reichen Mannes noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den Erben
-durch Kündigung des Capitals in die Enge zu treiben, schien ihm aus
-Gründen der Ehre und Klugheit nicht räthlich; er drängte ihn daher in
-keiner Weise und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche der
-Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für das Zweckmäßigste, bei
-dem unerfahrenen, in Verlegenheit befindlichen Jüngling durch einen
-geschickten Unterhändler das Geschäft beginnen zu lassen.
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-Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, erwähnte
-natürlich nichts davon, daß er von dem Bankier zu seiner Anfrage
-beauftragt sey. Er habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den
-gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die schöne Besitzung
-gut zu verkaufen, und die Verehrung, die er gehegt für den seligen
-Herrn Vater, mit dem er so manches Geschäft gemacht, und das Interesse
-für das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn bewogen, sich
-nach einem Mann umzusehen, wie man ihn brauche. Er habe einen solchen
-gefunden, einen Mann, reich und reell, der im Stande sey, die
-Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen könnte, sie zu
-kaufen -- den Herrn von Pranger. Wenn der Herr Baron geneigt seyen,
-sie zu veräußern, so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das
-Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen, das er nicht
-bereuen werde.
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-Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit auf den Mann zu
-sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit und Wärme vortrug, als
-ob jede Sylbe aus seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an
-ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so vorsichtig der
-Jude antwortete, so gewann Arthur doch die klarste Anschauung von dem
-wirklichen Stand der Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die
-Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, sofern es
-nämlich preiswürdig bezahlt würde; vorher müsse er sich aber mit den
-Seinen berathen. -- »Natürlich,« erwiederte der Jude, »bei einer Sache
-von solcher Wichtigkeit! -- Aber,« setzte er fein hinzu, »der Herr
-Oberst haben vielleicht eine zu militärische Ansicht von der Sache und
-muthen Ihnen zu, eine Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden
-könnte. Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf alle Ehren
-in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer Besitzung plagen, die
-sich unter den jetzigen Verhältnissen -- verzeihen Sie, daß ich das
-sage! -- für einen Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren
-kann. Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein bekannt, und
-wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten ist.« -- Arthur ließ
-das gut seyn. Man bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und
-trennte sich.
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- IV.
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-In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jüdischen Unterhändler
-im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu
-müssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß
-herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines
-Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu
-wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt,
-brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. Als Arthur
-in seinem Bericht Herrn von Pranger als Käufer nannte, machte der
-Kriegsmann ein erzürntes Gesicht. »Dieser Sohn eines Käsekrämers,« rief
-er aus, »will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!« -- Arthur stellte
-dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das
-Gut vortheilhaft zu verkaufen. »Und was den Umstand betrifft,« fuhr er
-lächelnd fort, »daß der Sohn eines Krämers in den Besitz von Waldfels
-kommen würde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie selber
-einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach
-Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels werden sollte.« -- Der
-Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: »Ja, das
-hab' ich gesagt! -- Hol's der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!«
--- Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stieß abwechselnd Flüche
-und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte
-mit einem grimmigen Humor: »Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut
-haben will und du nicht davon zurückzubringen bist, es abzugeben, so
-laß dir's wenigstens so gut als möglich bezahlen!« -- Arthur, erfreut
-über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: »Dafür,
-lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. =Bezahlen= soll er es!«
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-In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, wenn wir jemanden
-tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau
-von Holdingen. Er sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des
-Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß nicht verbergen,
-daß ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch
-besessen hatte, in die Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie
-mußte indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück halten
-müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange,
-die er zu seinem Fortkommen gar sehr würde brauchen können. »Um so
-mehr,« fiel Arthur ein, »als unser edler Verwandter, der Herr Graf,
-die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht
-erfüllen zu wollen scheint.« Er überreichte der Baronin das Schreiben,
-das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und
-sagte: »Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, der nur an sich
-denkt.« Sie schwieg bekümmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn
-schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: »In
-Gottes Namen, das macht es nicht aus!« Nun lenkte sie das Gespräch auf
-einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß
-sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden.
-Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: »Wir wollen uns jetzt an das
-Nächste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen
-suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.«
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-Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger
-begannen. Jener, durch seinen Oheim unterstützt, benahm sich dabei so
-klug, daß die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in
-seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu
-gute, daß die übrigen Gläubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen
-setzten und in das Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde
-es ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter die Leute
-gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu
-spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich
--- und das war die Hauptsache -- hatte Arthur noch das Glück, den
-jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu
-bekommen.
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-Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen
-freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergötzte ihn das
-mit der Sicherheit eines Künstlers durchgeführte Spiel, welches
-er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei
-mit Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann
-Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen
-Unterhändler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er
-ward ärgerlich, daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte;
-einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief,
-in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende Vorwürfe machte und ihm
-erklärte, daß er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen könnte,
-einen andern Unterhändler zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel
-gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen verletzen
-ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so länger in
-seinem Gemüthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte,
-verzog er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: »Der Herr Baron
-von Waldfels, der Abkömmling einer so alten und so angesehenen Familie,
-ist höflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel
-gestorben ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! --
-Nu, wir wollen sehen!«
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-Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse
-Aufregung nicht verbergen. Er faßte den jungen Mann bei der Hand und
-sagte: »Herr Baron, erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen
-rede. Ich mein's gut mit Ihnen -- glauben Sie mir! Sie sind ein braver
-und liebenswürdiger Herr und unverdient -- das weiß der liebe Gott! --
-in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater -- Gott hab' ihn selig!
--- er war auch ein braver Herr; aber er trieb's ein bischen zu hoch, er
-war auch zu gut -- und wie's so geht wenn man einmal anfängt Schulden
-zu machen, ist's oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und nun steht's
-so -- unter uns, Herr Baron, können wir das schon sagen -- daß Sie
-möglicherweise um Ihr ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh,
-ich versichere Sie, weh thut's mir! Ich weiß ja auch, warum Sie jetzt
-wünschen müßten, das ganze große Vermögen zu haben, das an Ihren Herrn
-Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, 's freut mich allemal,
-wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen -- zwanzig Meilen in der
-Runde gibt es kein so liebes und so schönes Paar! -- Herr Baron --
-nichts für ungut! -- ich hab' auch ein Herz!«
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-Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur
-wußte nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend
-fuhr jener fort: »Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will,
-das will ich Ihnen sagen. -- Ihnen, Herr Baron, muß geholfen werden!
--- und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe -- ich
-will Ihnen helfen!« -- Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor,
-als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, und er sagte freundlich:
-»Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer?« -- »Fragen Sie
-mich nicht,« erwiederte jener, »ich werd's machen! -- Wissen Sie was?
-Ich kehre auf eine Stunde in's Wirthshaus zurück. Gehen Sie unterdeß
-zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die
-Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen
-Papier; weiter nichts. -- Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.«
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-Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur übergab ihm lächelnd
-das gewünschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: »Sie
-fordern viel, Herr Baron.« -- »Nicht mehr,« erwiederte Arthur, »als
-die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich selbst würde sie um
-diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.« -- Der
-Jude versetzte: »Nu, wir wollen sehen! -- Für jetzt muß ich Sie aber
-bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darüber
-zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er
-wieder kommt.«
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-Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen
-Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst von N. habe geäußert, er wolle
-das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit
-geheimnißvoller Miene in's Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit
-in sein Zimmer und fragte ihn hastig: »Ist's wahr, daß der Fürst von N.
-die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen?« -- »Haben Sie auch schon
-davon gehört?« versetzte der Jude ruhig. »Ich kann Ihnen nur sagen,
-was mir mein Schwager aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat:
-daß dieser Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen seiner
-Beamten nach Waldfels zu schicken.« -- Dem Bankier stieg das Blut in's
-Gesicht und er rief unwillig aus: »Das wäre ja schändlich, wenn mir ein
-Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt
-würde?« -- »Können Sie sich wundern,« versetzte Rosenheimer, »daß eine
-so schöne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie
-sich gratuliren: noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht des
-reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen
-müssen Sie's! Der junge Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth
-seines Gutes genau -- nu, was red' ich viel? Hier sind die Bedingungen!«
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-Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und übergab ihm das
-Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: »Wie, das ist
---« -- »Das Ultimatum von dem Herrn Baron,« fiel Rosenheimer ein. --
-»Ist der junge Mann klug?« versetzte Herr von Pranger; »diese Summe!«
--- »Die Summe ist schön,« bemerkte Rosenheimer, »aber Waldfels ist
-noch schöner.« -- »Und die Bedingungen?« fuhr der Bankier fort. »Sechs
-Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden keine wesentlichen
-Aenderungen vornehmen zu dürfen! Was soll das?« -- »Herr von Pranger,«
-erwiederte Rosenheimer, »Sie wissen, solche Herren hängen mit einer
-ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut
-dem armen jungen Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. Da
-es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür sorgen, daß es
-noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille,
-wenn Sie wollen! Aber was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal
-haben, geben Sie's doch nicht wieder her, und Veränderungen an den
-Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, wenn ein Fürst -- was sag' ich? --
-wenn ein König es beziehen wollte.«
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-Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude
-las in seinem Gesicht, daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern
-kommen zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm und sagte:
-»Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, -- keine Widerrede!
--- Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar
-tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie's nicht wissen, spüren Sie's
-nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt
-werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von
-Pranger ist ein großmüthiger Charakter; -- er hat dem jungen Mann in
-seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt -- er hat gehandelt als
-ein wahrer Edelmann -- er verdient den Edelmannssitz zu haben.« -- Das
-hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. Herr von Pranger
-wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den
-Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: »Was sind Sie für ein
-Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!« -- »Ich nehme nicht
-die Partie des Barons,« entgegnete Rosenheimer. »Ich habe gethan, was
-ich konnte. Kann ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß
-der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen?« Die letzten
-Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in's Herz. »Nun, wollen
-Sie?« fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg,
-aber der Jude sah, woran er war. »Herr von Pranger,« sagte er, seinen
-Hut ergreifend, »ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht
-weiter belästigen. Aber um eins bitt' ich Sie: wenn das Gut in drei
-oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwürfe.«
-
-Er ging gegen die Thüre. »Warten Sie,« rief Herr von Pranger. -- »Haben
-Sie sich entschlossen?« entgegnete der Jude. -- »Ja,« versetzte der
-Bankier mit heroischer Anstrengung, »in's Teufels Namen! Melden Sie dem
-jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm
-abzuschließen.« -- »Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an
-den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.« Herr von Pranger
-schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte:
-»So eilen Sie!« -- »Ich werde eilen,« sagte der Jude und empfahl sich.
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-Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte
-mit der Miene tiefer Geringschätzung: »Wie dieser Mensch zu seinem
-Reichthum gekommen ist, möcht' ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann?
-Gott soll helfen!« -- Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick
-nicht, daß eine übermäßige Begierde nach einem zu erlangenden
-Gegenstand auch verständige Männer zuweilen toll und blind machen kann.
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-Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war
-der 31. März, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das
-Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. Er, der
-Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist
-und saßen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu
-Arthur sagte: »Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke,
-er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden.« -- »Ah,«
-rief Arthur, »er soll hier hereinkommen.« -- Herr Rosenheimer trat ein,
-begrüßte die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden Augen vor
-Arthur. »Herr Baron,« sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend,
-»was hab' ich hier? was meinen Sie?« -- Arthur erwiederte lächelnd:
-»Wie kann ich das wissen?« -- »Haben Sie die Güte zu lesen,« sagte
-Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben und erklärte den andern: »Es ist
-eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem
-Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft wegen Waldfels vor
-sich gehen soll.« -- »Ist es wahr?« fragte der Oberst den Neffen, der
-das Billet gelesen hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und
-rief in der ersten Ueberraschung: »Was doch so ein« -- er wollte sagen:
-»verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann!« Aber er besann sich,
-nahm einen Armstuhl, rückte ihn zurecht und sagte freundlich: »Herr
-Rosenheimer, setzen Sie sich!« Dieser hatte indeß noch keine Ohren für
-ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte:
-»Nun, Herr Baron, verdien' ich Lob? Hab' ich mein Wort gehalten? Wie?«
-Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: »Ich bin
-Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient
-gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze
-Erkenntlichkeit.« -- »O ich bitte!« rief Rosenheimer und setzte sich.
--- Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der
-Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte Frau von
-Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: »Dieser Erfolg macht Ihnen in
-der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse
-Kaffee?« -- Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste
-Lächeln. »Gnädige Frau Baronin,« rief er, »diese Ehre! Sie beschämen
-mich wahrhaftig!« Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt
-und präsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.
-
-Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. Obwohl der Gedanke,
-das alte Familiengut einem Andern überlassen zu müssen, für Arthur und
-die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so
-vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang
-der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glücks,
-das sich jetzt auch wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna
-bemerkte, sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten Vertrauen
-in's Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und
-seine Augen füllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey,
-der dieses schöne Vergnügen gestiftet.
-
-Während die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur
-den Juden, wie er zu dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer
-hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des
-Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu
-bekennen, daß er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der
-Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der =Ehre=
-angefaßt habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschärft, zur
-bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl
-er sich. -- Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene
-Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gerächt; er hatte Gutes
-gethan und Lob und Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den
-Lohn, den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten mußte, durch
-einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn
-Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwägung sagte er zu sich selber:
-»Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glück
-gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch
-Verstand hat, was hilft das? Man muß die Mittel und Wege kennen -- ein
-Geschäft ist ein Geschäft! -- Aber 's freut mich von ganzer Seele, daß
-ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld ließ' ich mir das
-nicht abkaufen!«
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-Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von
-Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an
-die Summe, die er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer
-des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb
-selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten,
-fühlte er sich so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte einige
-seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen gelobte. Nach einem
-kleinen Gelag fuhren beide Theile vergnügt nach Hause.
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-Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier kam, sagte er: »Wissen
-Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer,
-daß Sie ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, und denken
-Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die Absicht gehabt hat, es zu
-acquiriren!« -- »Mag er sich ärgern,« versetzte Herr von Pranger; »ich
-hab' es jetzt und werd's behalten.«
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-Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, setzten Arthur in
-den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn
-Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck »wahrhaft edelmännisch« zu
-bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten.
-Die unversicherten Gläubiger priesen ihn laut und meinten, eine so
-rechtschaffene Handlungsweise könne nicht ohne Lohn bleiben; aber
-auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein
-gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen Waldfels nicht
-mißbraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann großherzig bezahlt
-habe.
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-Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, trotz des
-glücklichen Verkaufs, eine trübe und melancholische. Der Oberst, den
-keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von
-Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner
-gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise,
-wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit
-besaß, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu
-quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, seinem ersten Rath
-zu folgen und das Gut für sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekäre
-seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen
-Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen
-lästige Bemerkungen mehr waren, so daß Arthur eine wahre Erleichterung
-fühlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit
-wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des Scheidens und Meidens um
-so empfänglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich
-milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer so
-sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte
-weich gestimmt zurück. Er wandelte allein in all den geliebten Räumen
-der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen
-seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, daß er
-sein Stammgut wenigstens für die nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung
-gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit
-der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es
-irgend für möglich halten, daß der neue Eigenthümer sie wieder abgeben,
-daß er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? -- Sollen wir
-die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmäßigen Regung, über
-deren Vernünftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser
-Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte.
-
-An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Söhnen sich zu
-einem glanzvollen Einzug in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den
-wenigen Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen über.
-Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten
-Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem
-Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing im
-größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter,
-das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen
-Nest allein da saß, hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied
-von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit
-nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerührt und
-erschüttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er
-doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich ungestört den
-Gedanken widmen zu können, die seine Seele erfüllten.
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-Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil des Tages verwendete
-er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von
-Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, saß er hier
-zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen
-über seine jugendlichen Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und
-spielte eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen waren.
-Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im süßen
-Gefühl, das die edeln Töne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren
-innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich
-durchdrangen, wo düstere Bilder an der Seele vorüberzogen, ohne zu
-erschrecken, glänzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer
-im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und zu dem
-Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gespräch, welches Arthur
-Gelegenheit gab, Beispiele zu erzählen, wie muthige Herzen kühne
-Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt zur
-Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen fühlten sich mit einander
-gestärkt und erhoben.
-
-Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals über einen Lebensplan
-aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen
-zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gespräch auf einen andern
-Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine
-Erklärung anzugehen, warum er nicht auf die Universität zurückkehre und
-was er denn überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß er
-nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausführung
-ihres Entschlusses von einem Tag zum andern.
-
-Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, auf den er mit Verlangen
-gewartet haben mußte, denn er wechselte die Farbe, als er das
-Postzeichen erblickte, schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den
-ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit
-Schreiben zu, hatte dann eine längere Unterredung mit seinem Wirth,
-machte mehrere Gänge und packte Abends einen Koffer.
-
-Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach
-dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand.
-Sie sah ihn an und sagte: »Wie siehst du heute aus? So feierlich!«
--- Arthur erwiederte: »Ich komme auch in einer feierlichen Absicht:
-ich muß dir eine Prüfung zumuthen.« -- Anna lächelte und sagte: »Eine
-Prüfung?« Der Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: »Ich muß dich
-verlassen.« Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht des Mädchens; sie
-erwiederte mit Ergebung: »Darauf bin ich gefaßt.« -- Arthur schüttelte
-den Kopf und sagte: »Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich
-muß weit hinweg, ich muß außer Landes gehen -- und ich kann nicht
-sagen, wann ich wiederkehre.« -- Anna sah ihn bestürzt an, der nun
-entschlossen fortfuhr: »Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich
-kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was
-ich unternehmen werde.« -- Das gute Kind wußte nicht was sie denken
-sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn.
-Arthur umfaßte sie zärtlich und sagte: »Glaubst du, ich würde vor dir
-ein Geheimniß haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es so besser
-sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst
-thun muß, ehe man davon reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen
-lächerlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen,
-die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller haben. In meinem
-Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen
-hindrängt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden
-werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen dürfte, um
-zu nehmen, was für mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit
-mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß,
-das du mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?«
--- Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht
-widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die
-Höhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: »Ja, Arthur!«
--- »Wirst du mir«, fragte dieser weiter, »vollkommen vertrauen?« --
-»Vollkommen,« erwiederte das Mädchen. -- »Und wenn Monate vergehen,
-ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich
-wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben
-wanken?« -- »Niemals,« versetzte sie. -- »Ich hab' es ja gewußt,« rief
-Arthur freudig, »daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! --
-O,« fuhr er fort, »der Glaube ist etwas so Schönes! Ich begreife jetzt,
-warum diejenigen, die fähig sind zu glauben, zum Dulden und Harren
-berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen!
-Wir werden uns glücklich wiedersehen!«
-
-In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth,
-ihr sogleich seinen Entschluß und seine Forderung mitzutheilen. Die
-Wangen der guten Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: »Wie,
-das können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen,
-Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer
-Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben?« -- »Verehrte
-Frau,« entgegnete Arthur mit Ernst, »ich muthe Ihnen nichts zu, als
-was eine edle Seele gewähren kann. Hier zu Land müßte ich mit geringer
-Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung
-und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose
-führen würde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glück, nach dem ich
-mit Freuden ausziehe und das ein fröhliches Streben auch viel reicher
-lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten
-Prüfung. Aber an die Ausführung kann ich nur dann mit Muth und Freude
-gehen, wenn Sie mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir
-Anna erlassen hat.« -- »Das ist ja unerhört!« rief die Baronin.
-»Nein, lieber Freund,« setzte sie hinzu, »ich kann, ich darf es nicht
-dulden!« -- Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: »Schau
-ihm doch nur in's Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man
-nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will,
-so ist das Geheimniß nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten,
-zu schweigen.« -- Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: »O
-Kind, Kind!« -- Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lächeln ihren Mund
-umspielte: »Als ich ein Kind war, da erzähltest du mir Geschichten
-aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich
-Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu
-heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen ließ. Du
-hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und
-solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß ich etwas
-von dir gelernt habe?« -- Das Gesicht der Baronin hellte sich bei
-dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief:
-»Sollten Sie vielleicht --« -- »Ich bitte Sie, liebe Mutter« fiel
-Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, »fragen Sie mich nicht!« --
-Die Baronin, durch einen eigenthümlichen Gedanken getröstet, war schon
-überwunden. »Ihr macht mich selber thöricht,« rief sie. »Wahrlich,
-wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern
-regieren!« Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen
-der Mutter und sagte mit Ernst und Würde: »Ein Trost ist es mir, daß
-Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre
-sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen
-Sie, was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen dazu geben!« --
-»Amen,« riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender
-Umarmung.
-
-Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel für ein
-Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, daß er das zu der eben
-geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nämlich
-für seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich
-in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief
-gelesen, sagte er zu sich selber: »Da haben wir's! Der Mensch ist
-verrückt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte
-er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt
-das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon.
-So machen's die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere!« --
-Nachdem er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft,
-setzte er hinzu: »Wär' es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und
-ihm den Kopf zurechtzusetzen?« Er sah in den Brief und sagte: »Es ist
-zu spät! -- Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen
-eines Menschen kümmern soll, der meinen Rath verschmäht und es für
-nobel hält, sich zu ruiniren!«
-
-Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur mit den Seinigen und
-einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei
-Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise
-begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron
-nicht hätte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermögen erspart
-hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne,
-und als dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag
-Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es tröstlich war, eine
-vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr
-Haus aufgenommen. Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse große
-Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, das alles überbieten
-solle, was früher dort gesehen worden sey. Aber,« setzte der treue
-Diener hinzu, »sie mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön
-wird's doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen Pfingstmontag.
-Wer hätte damals gedacht, daß dieses Schloß und dieser Park in andere
-Hände kommen und der junge Herr außer Landes gehen würden!« -- Arthur
-klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Halte dich nur gut, alter
-Freund, und wir feiern vielleicht noch schönere Feste mit einander,
-wenn auch nicht in Waldfels.« -- »Gott geb' es!« erwiederte der Alte,
-halb gläubig und halb resignirt.
-
-Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als
-hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit
-und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an
-der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, daß sie zu
-ergriffen war, um reden zu können. Die Postpferde waren endlich an
-den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten
-Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung
-der Jungfrau, so schön in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glück
-zu genießen, so unendlich fähig, Glück zu bereiten -- da verließ ihn
-die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen auf Jahre,
-vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und
-das höchste Ziel seiner Wünsche die Zeit und das Schicksal treten
-zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der
-liebsten Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! -- Gegen diese
-Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin
-erfüllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz.
-Er preßte die Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen
-vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt riß er
-sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die
-Zurückgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mädchen
-wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des Posthorns
-erschallen und schwächer und schwächer werden hörte.
-
-
- V.
-
-Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen
-Lebens ein, wie es entsagende Gemüther zu führen pflegen. Mutter und
-Tochter füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen aus;
-sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste mit einander zu reden,
-und überließen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man
-das Ticken der Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für die
-Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche
-Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung können das
-Leid der Entbehrung versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten
-Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit der Natur
-wirken eindringlicher auf das weiche Gemüth und erheben es über
-bedrückende Gefühle, die tröstenden Einflüsse der Religion finden ein
-bereiteres Herz.
-
-Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens freilich durch
-einen Mißton unterbrochen und getrübt, indem die Mutter sich nicht
-enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurückzufallen und über
-den Abwesenden Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie das schon
-Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. Anna schwieg dazu; sie
-wußte, daß dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie
-keinen Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte sie
-die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rührender
-Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch mit ihr um so mehr erhob, als er
-sah, wie sehr es die junge Herrin beglückte.
-
-Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und
-erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine
-Kenntniß von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer
-Nähe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren
-Unternehmungen begleiten können. Die Abwesenden, bei denen dieß nicht
-der Fall ist, übergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum,
-weil uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß einer der
-Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen
-wollte.
-
-Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen.
-Hauptsächlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und
-sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken
-als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren
-desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich
-gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts
-Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen
-zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er für die
-richtige hielt. Eben darum ließ er vor den Damen nichts davon merken
-und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für den Fall seines Todes
-über die Hälfte seines Vermögens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten
-Annas verfügt hatte.
-
-Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen
-milden und verständigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem
-freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der
-Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches Grüßen, wenn sie sich
-zufällig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hörte nur von andern,
-wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich
-Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige Streiche machten,
-und nur die Mutter eine gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen
-könne, als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.
-
-Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saßen im Zimmer beisammen
-und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen
-würden, als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer
-Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wärme nach
-dem Befinden der Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt
-mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte
-höflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der
-Zweck dieses plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während des
-Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft überhäufte, sah
-sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ältere
-Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit
-nahe kam.
-
-Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen wir erwähnen, daß in
-der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen
-dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig
-geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß sie gegenseitig
-ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, den sie im Posthofe von
-einander genommen, sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war
-auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden.
-August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen
-ungewöhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen
-an, als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, daß er bei
-der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz gänzlich an sie verlor.
-Ein Bekannter, dem er das erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die
-Wahrheit desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte ihn jetzt
-auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefühl seiner selbst faßte er
-den Beschluß, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem
-Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schönen Fräuleins zu
-bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er
-war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so
-ergreifende Schilderung, daß die gute Dame bald den Versuch aufgab,
-ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, daß eine Verbindung
-mit der alten Familie Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein ein
-gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. Nachdem sie ihre
-Hülfe zugesagt, rückte man hinter den Vater und brachte ihn endlich
-zu der Erklärung, daß sie in dieser Sache freie Hand haben sollten.
-Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von
-Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.
-
-Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer Muthmaßung, die
-ja auch eine trügerische seyn konnte, und so knüpfte sich zwischen
-den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige
-Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner
-Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke zu, daß ein Zweifel
-über seine Gefühle nicht mehr möglich war. Anna mußte fürchten, daß
-es von Blicken zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß,
-seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkühlende Mittel
-zu heilen. Als er das nächstemal sich zu entschieden huldigenden
-Reden verstieg, behandelte sie dieß als eine galante Sprechübung,
-rühmte ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu
-weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden müßte.
-Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein
-Unbefangener hätte dabei in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste
-Gleichgültigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung
-erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, daß sie alles, was
-überhaupt noch einer Auslegung fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen.
-Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von
-Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, dem vorausgesetzten
-Wunsche zu entsprechen.
-
-Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er
-wußte es zu machen, daß er mit Anna allein im Garten war, und ergoß
-sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte
-um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von ihren Mitteln doch
-eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck
-ihres errötheten Gesichts verrieth, daß sich nicht nur die Liebende,
-sondern auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, und
-mit dem Stolz beider erwiederte sie: »Herr von Pranger, Sie wissen,
-daß ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie
-haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen.
-Und nun frag' ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines
-solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen?« Der junge Mensch sah
-sie bestürzt an. Anna fuhr fort: »Ich kann mir denken, daß ein längeres
-Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen
-Sie die Ueberzeugung mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze Welt
-ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine Mutter nicht, der ich ihn
-mitzutheilen verpflichtet bin.« -- Nun regte sich der Stolz auch in
-dem Abgewiesenen; er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der
-Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.
-
-Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das Erlebniß. Die Baronin
-hörte mit Entrüstung zu und sagte zuletzt: »Das war also der Grund
-dieser plötzlichen Freundlichkeit? Ich hätte mir's denken sollen, daß
-irgend etwas Unedles dahinter verborgen war.« Mit trübem Lächeln setzte
-sie hinzu: »Wie unersättlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen
-Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte
-nehmen!« -- Anna bemerkte mit Ernst: »Für diese Absicht, glaub' ich,
-sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft.« -- --
-
-Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine nachtheilige Folge:
-der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das
-Gerede, das ihr plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte,
-mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, daß diese Familie sich
-anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern
-Gebiete wieder gut zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang.
-Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane
-lag, und Speisen und Getränke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe
-bemühten sich nun auch mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder
-der Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald ertönte die ganze
-Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhänger des Hauses Pranger
-auf, die den Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen
-Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als
-die liebenswürdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele
-Hülfsmittel!
-
-Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen in Waldfels hörte,
-hatte sie eine verdrießliche Empfindung. Sie konnte sich nicht
-enthalten, mißliebige Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend
-zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte
-Erscheinen im Schlosse nicht erwartet hätte. Anna versetzte lächelnd:
-»Kannst du dich darüber wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben so
-gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth dafür loben, so ist das
-hübsch: es beweist, daß sie dankbar sind.« -- »Allerdings,« erwiederte
-die Mutter. »Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der
-ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. Aber Herrn von A. und
-Herrn von O. hätt' ich's nicht zugetraut.« -- Anna wiegte das Haupt und
-schwieg.
-
-Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer neuen und milderen
-Schönheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die
-Baronin sagte lächelnd zu Anna: »Er hat sich getröstet.« -- »Gott sey
-Dank,« versetzte diese heiter, »daß ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen
-habe.« -- Eine Woche später wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit
-Fräulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem
-Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: »Nun begreif' ich die
-eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verständig.
-Er braucht einen solchen Schwiegervater.« Ein Verziehen der Oberlippe
-zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet hatte. Ihre
-gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, daß sie in
-der zweiten Hälfte des Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen
-angewiesen sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so
-werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich Mühe geben, den
-Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glücklicherweise kam ihr das
-Schicksal zu Hülfe.
-
-An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen ein Brief überbracht,
-bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London
-datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche
-verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr
-Gesicht klärte sich einigermaßen auf. »Es ist gut,« sagte sie zuletzt;
-»aber nach der Freude, die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung
-eines glücklichen Resultats erwartet haben.« -- »O,« rief das Mädchen,
-»ich bin damit vollkommen zufrieden!«
-
-Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse sind, lauteten:
-»Ich bin in einer eigenen Lage. Ich möchte dir täglich schreiben, wie
-ich immer an dich denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und
-Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen
--- und ich hab' nun einmal das Gelübde gethan zu schweigen. Laß mich
-dem gefaßten Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen dazu
-beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, mag es auch unser
-Verhältniß und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild
-stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich,
-jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze Existenz durch
-dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie oft ich mich glücklich preise
-und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, daß ich meinen
-vorläufigen Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen unter
-guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine
-weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben
-von mir in deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth
-zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für diejenigen, die sich
-lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist
-innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in
-Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich
-fühle, daß du mich im Herzen trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken
-tausche, dann empfind' ich eine unaussprechliche Lust. Und ich weiß
-dann: was im Geist ist, das wird für die, welche ausharren, zuletzt in
-Wirklichkeit seyn.«
-
-Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz
-der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mädchen
-zu beglücken. Für die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt
-war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei
-Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr die verstorbene Frau
-von B. das Gut Schönbach vermacht habe. Sie empfand große Freude
-und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und
-selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der
-Kinder möglich. Allerdings war Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte
-kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten doch
-für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt für weitere
-Unternehmungen. Wie schön war es von der hochbetagten Verwandten, daß
-sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, als
-die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeußerung übel genommen
-und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die
-Vorstellung dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen
-kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher
-Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden
-Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu
-verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen
-südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie
-sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fühlte, daß ihr
-heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu
-verlassen. Der neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre
-Seele. Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn
-vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mußte
-ihn seinen Gang gehen lassen.
-
-Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glücksfall und ihrem
-Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck
-seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und
-stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für so günstig hielt,
-daß sie den Handel auf der Stelle abschloß. Mit baarem Geld versehen
-und um so vergnügter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten
-und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen später finden
-wir sie in Schönbach eingerichtet. Das sogenannte Schlößchen war
-ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und
-gegenüber lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein ziemlich
-großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern
-Stocks, die Räume des untern dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.
-
-Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein lebendiges Menschenherz
-immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen
-Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue
-Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in
-der Regel zuerst die schönere Seite. -- Die Baronin fühlte sich als
-Gutseigenthümerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen
-unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mägde, einen
-Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten
-Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister
-namentlich zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, Böden und
-Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der
-Thür, aber man war auf ihn gerüstet.
-
-Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch
-eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche
-unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken
-hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen,
-in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begünstigen
-ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen.
-Die höchsten Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im
-Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt und hochhält. Und
-je mehr man äußerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich.
-Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto
-freier entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch
-das Nachdenken über sich selbst, über Gott und Welt, rechtshin oder
-linkshin, zu dieser oder jener eigenthümlichen Ansicht geführt werden
-kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen
-Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege
-des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn,
-daß sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr
-lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. -- Das war bei Anna der Fall.
-Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, daß das Verhältniß zu Gott,
-welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn
-anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes und erlangtes
-wurde, daß ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein
-neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte.
-
-Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die verschiedenen Arten,
-wie die Menschen sich zu Gott verhalten können, im Zusammenhang
-darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten
--- von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich
-ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, die vor Gott die
-Welt nicht sieht! Von der Religiosität solcher, die sich begnügen,
-Gott die äußere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen
-an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen,
-der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind
-in jeder Hauptrichtung möglich, und wie erscheint jede derselben in
-der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! -- Die Religiosität,
-die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die
-Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme zu verlieren, wird immer als
-das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und
-mit dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen für jede,
-auch für die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefühle
-und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst
-eine Prüfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch
-die Richtung auf das religiöse Ziel werden die selbstsüchtigen Triebe
-zurückgedrängt, die guten geklärt und erhöht und der Geist tüchtig
-gemacht für alle Beziehungen des Lebens.
-
-Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr
-Inneres erkennen, daß mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr
-Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prüfung,
-der sie sich früher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen
-Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den
-entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, an die
-Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte einen wesentlich heitern
-Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie
-hoffte, schon erfüllt wäre.
-
-Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller Schönheit. Der Mai
-verdiente dießmal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht
-in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche
-Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten
-der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte
-Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten.
-Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thätig,
-daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, Bäume, Sträucher und
-Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach
-ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines üppig entgegen
-glänzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schönheit noch gar sehr
-durch den Gedanken erhöht, daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war
-ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. Die Heuernte,
-eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begünstigt wird,
-begleitete sie von Anfang bis zu Ende.
-
-Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß sie mit verschiedenen
-Dorfleuten näher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mädchen
-solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber
-besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, über
-gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche Vorgänge. Anna freute sich,
-von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud
-dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte über sich
-selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines solchen Umgangs noch
-vor einem Jahr nicht fähig gewesen wäre und in der Mitte der Bäuerinnen
-schwerlich ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens
-und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der ökonomischen
-Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß
-ein solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher sey.
-Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt geistig arm, das Herabsteigen
-zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. -- Nach und nach
-hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten
-Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich ältere und junge Männer
-in Schönbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter
-galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin,
-zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, daß es ihnen
-eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.
-
-In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach nur dadurch
-gestört, daß von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem
-ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben,
-obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so fing sie doch
-endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn,
-welches es wollte, für den Fall glücklicher Erreichung desselben sollte
-eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren
-gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft
-zu melden? Wollte er erst ein glückliches Ergebniß seiner Unternehmung
-abwarten? -- Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem
-der ersehnte Brief ankam. Er war aus =Calcutta=, bezog sich auf ein
-früheres, von dort abgesandtes Schreiben und bestätigte somit die erste
-Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten:
-
-»Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. Mit jedem Tag wird
-sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich
-von einer Unternehmung eine schöne Vorstellung zu machen, so hat
-man freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu bestehen.
-Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und unangenehme Erfahrungen. Die
-Begeisterung entflieht zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke,
-wo man von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl
-seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch,
-der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen
-hat. Die Arbeit wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten
-gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet,
-daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit so schön ist, wie sie
-in der Vorstellung war, ja schöner noch. -- Ich stehe im Anfang, und
-doch habe ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir
-Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein Beruf mir halten
-werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzückend ist es, die
-ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und
-bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er näher dem Momente
-bringt, wo die Träume eines liebevollen Herzens sich erfüllen werden! O
-theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich
-es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben
-glänzt mir die Sonne eines glücklichen Wiedersehens und vergoldet seine
-Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist
-dieselbe.«
-
-Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief
-diese beim ersten Blick in ihn: »Ah, Calcutta!« Sie las ihn mit
-Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder
-zurück. Nicht länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung über
-den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die
-indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrière eingeschlagen,
-die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung
-ungewöhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht
-verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum hätte er aber keine
-Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die
-Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild für
-ein edelgeborenes Weib. -- Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der
-Mutter nicht theilen, wußte aber auch keine andere bestimmte Ansicht
-entgegenzustellen. Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt hatte,
-es war das Rechte.
-
-In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie
-bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausführlich. Nach einem
-reizenden Gemälde des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß er
-nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und einem bescheidenen
-Besitz. Sie sage ihm dieß nur für den Fall, daß die Aussichten in der
-Fremde sich trübten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem
-einmal gefaßten Entschluß abzubringen.
-
-Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der
-Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, daß die Getreideernte
-eben so glücklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die
-Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden
-gestellt und lernte eine neue Schönheit der Landwirthschaft in guten
-Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die
-es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der
-Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebräunten Teint erhalten.
-Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie sey eine
-ganze Bäuerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie
-aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender
-Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch:
-Pomona! --
-
-In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre.
-Es waren in ökonomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des
-Ganzen einzelnes Unglück in Feld und Stall nicht in Betracht kommen
-konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt,
-ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern
-zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. -- Sie hatte dabei ein
-höchst behagliches Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in
-die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend günstig
-lauteten. -- Von diesem liefen jährlich in der Regel zwei Schreiben
-ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie
-zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune,
-womit er die Mühen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwärts
-strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung
-von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß er sich nun erst
-recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges Aequivalent zu sorgen. Die
-letzten Briefe meldeten, daß er viel im Lande herumgekommen, manche
-Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt sey. Frau
-von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen bestätigt, fand
-es aber um so unbegreiflicher, daß er aus der Wahl seines Standes
-auch jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal jenen
-ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, näher bezeichne.
-Anna setzte den Geliebten in Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise
-geschah, und machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen
-über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so
-häufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe
-doch um so gehaltvoller und gedankenreicher.
-
-Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht,
-an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben
-zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und
-sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil überflügelt
-zu sehen; aber noch immer vermißte sie manches in den Stücken, die
-zur Repräsentation gehören. Als sie einmal wieder eine Ausstellung
-zu machen hatte und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit
-einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen
-eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls
-heiter: »Man muß auf alles gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem
-Nabobsvermögen zurückkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende
-Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm
-durch die Würde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.«
-
-Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende
-Wirkung. Es gehört schon eine eigenthümliche Erfahrung und eine
-Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an
-die bösen denkt, die kommen möchten, und sich darauf gefaßt macht.
-Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen
-und glauben, was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist
-die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Störung das
-Gewöhnliche im Leben.
-
-Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum
-verlebten, war von besonderer Schönheit. In den ersten Tagen des Mai
-sagte Anna zum Baumeister: »Wir werden ein sonniges Jahr haben.«
-Dieser versetzte bedenklich: »Wenn wir nur nicht zu viel Sonne
-bekommen! Unsere Felder können eher noch einen nassen als einen gar zu
-trockenen Jahrgang ertragen, und ich fürchte --« -- »Keine schlimme
-Prophezeihung!« fiel Anna ein. »Es ist noch immer recht geworden.« --
-»Eben deßwegen,« meinte der Baumeister, »kann es auch einmal schief
-gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.«
-
-Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann hoffte, sondern was
-der erfahrene fürchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna
-von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen.
-Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie
-dessen am meisten bedurften; sie waren zum großen Theil verdorrt,
-selbst auf den besten Plätzen verkümmert. Und das Jahr behauptete den
-einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heißen
-schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche trockneten ein, der Boden
-bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnsüchtig sahen die armen
-Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie
-sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging,
-wie sie gekommen, und später erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo
-niedergeströmt hatte. -- Das Sonnenlicht, das die Welt verschönt und
-Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und
-Wiedererscheinen fürchterlich.
-
-Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge.
-Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls
-erklecklich überstiegen, mußte die angelegte Summe zurückfordern und
-großentheils verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten guten
-Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr
-auszuhalten; die Noth wurde nicht so groß, als man besorgte, und an
-Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele
-Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der
-Tochter angetrieben, so viel als möglich zu thun; denn für diese hatte
-der Sommer wenigstens =eine= herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben
-Arthurs, worin er meldete, daß ihn das Glück auf's neue begünstigt,
-und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei
-Jahren hoffe wiedersehen zu können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun
-um so mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte.
-
-Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nächsten Frühling
-reichlich; schöne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares
-Jahr versprechen. Leider überwog der Regen nach und nach, die schönen
-Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nässe
-zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ängstigten die Herzen der
-Landleute. Es war nicht bloß der Schmerz über den Verlust, der sie
-quälte, es war auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön
-gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte
-sich fortwährend; denn es ist dem Landmann unmöglich, ein für allemal
-zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen,
-hofft er wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf's neue. Das stete
-Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man möchte
-verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdüstern sieht.
-
-Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. Sie konnte im
-Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und
-diese Vorstellung entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen.
-Anna machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende Unglück mit
-mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen gelassener waren, als die der
-Mutter. Sie wunderte sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich
-war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wünsche
-geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick
-sich ihnen entgegenstellt, während Schultern, die für gewöhnlich mit
-Lasten beschwert sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen können.
-
-Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schöner Tage.
-Das Wort des Baumeisters, daß die Felder von Schönbach noch eher Nässe
-als Dürre ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, das
-übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter
-erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte;
-aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am
-Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art alles, was noch
-draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete.
-
-Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann sich sagen, daß er
-die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als
-bloße Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame,
-unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird
-zugleich unter den erschütterndsten Formen erlitten! Dießmal wurde
-das ohnehin Fürchterliche des Schauspiels noch dadurch erhöht, daß
-die ungewöhnlich großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern
-zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben das Getöse
-des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des
-Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna
-hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter waren erbleicht und
-ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden
-besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf
-die schlimmsten Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber
-wenigstens das Gute, daß man die Pein des Verlierens mit einemmal
-absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch
-nichts mehr zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten
-Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fügten sich nun die
-armen Landleute in das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch
-zu retten war.
-
-Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser als das drohende,
-und war zunächst bemüht, die Mittel zur Fortführung ihres Haushalts
-herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt
-sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe
-gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkäufe gedeckt war, sah
-sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. -- Es war dennoch
-ein trauriger Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte
-Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem
-vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte
-freilich denken, daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder
-daß der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu
-verzögern. Allein in Folge des erlebten Unglücks und der Noth, welche
-die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren
-ihre Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten sich durch
-düstere Vorstellungen, über die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu
-erheben vermochten.
-
-Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine
-Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen
-konnte. Herr von Pranger, dessen Vermögensverhältnisse durch die
-Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge großer
-Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen
-einstellen müssen; das Gut Waldfels befand sich in den Händen seiner
-Gläubiger. »Auch andere Leute haben Unglück,« sagte Anna zur Mutter.
-»Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.« -- »Und mich,«
-bemerkte die Mutter, »dauert auch die schöne Besitzung, die jetzt dem
-Schicksal der Zertrümmerung schwerlich entgehen wird. Doch -- das
-Unglück mag seinen Lauf nehmen!«
-
-Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde im Laufe des Winters
-auf die stärkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem
-Geliebten. Die Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, mußte
-für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, daß auch
-der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemüth
-immer aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im glücklichsten
-Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben
-und weiter zu kämpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher
-Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott
-vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, daß zuletzt
-alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er
-muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im irdischen Leben die
-Krönung seiner Wünsche erfolgen werde. Für dieses Leben kann er, wie
-ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt
-seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen hängt, um so peinvoller wird
-es für ihn seyn, an ihrer Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in
-den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drängen
-können.
-
-Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen ausgesetzt war, griffen
-zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die
-zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah
-sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches
-Geschöpf, sollte es wirklich um das Glück des Lebens betrogen und
-dem Leide geweiht seyn? -- Traurig senkte sie das Haupt und ein
-schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust.
-
-Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als ein wohlhabender adeliger
-Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon früher eine
-gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen
-ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen würde. Aus
-den Reden der Dame ging hervor, daß sowohl sie als ihr Cousin das
-Verhältniß Annas gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben
-glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fühlten. Frau
-von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung den Kopf und schwieg
-kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie
-erwiederte: »Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; aber
-mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist nicht gelöst und wird sich
-niemals lösen. Ich weiß, daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue
-halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, so würde
-ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.« -- --
-
-Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so schön, daß auch die
-bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert fühlen mußten. Ein guter
-Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau
-von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den
-Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: »Sie wird
-wieder voll werden. Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, das
-Sie in Schönbach zugebracht haben.«
-
-Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung
-als eine Täuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner
-des Schlößchens durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause.
-Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch
-ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. Mit größter Mühe wurden die
-Ställe geräumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus
-blieben nur die Mauern übrig. -- Es heißt, kein Unglück komme allein,
-und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung für sich. Man kann die
-Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber
-enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im
-gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue
-Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an
-den Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken lassen und
-die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh
-hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis
-Hülfe gekommen wäre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld
-geworden.
-
-Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den
-Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten
-Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe
-aufzunehmen. Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im
-Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes
-in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste
-Frucht des fortgesetzten Unglücks ist der Wahn, daß man ganz von
-Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn
-ein solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so
-kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drücken.
-Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die
-Frauenseelen, die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich
-von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das Schreckbild seines
-Untergangs dem geängsteten Mädchen nicht näher und näher treten? Als
-der Dorfbote von der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte
-Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft und ohne
-Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thränen flossen, als ob sie die
-Seele in ihnen hinströmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit
-der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche Kind in
-den Armen.
-
-
- VI.
-
-Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung den Gewitterstürmen.
-Sie vertreiben aus der Atmosphäre der Seele die niederdrückende Schwüle
-und schaffen Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In einem
-Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom von Thränen endet, wird
-eine Last abgeworfen. Was dem Menschen vorher unmöglich war, das wird
-ihm dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung nicht von sich
-zu erlangen vermochte, das kommt beinahe von selber. Es ist dieß mit
-ein Beweis, daß im Menschen eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat
-und nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam zu
-leisten.
-
-Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir Mutter und Tochter
-im gemeinschaftlichen Zimmer des Schlößchens. Anna war in eine Ecke
-des Sophas gelehnt, ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine
-Melancholie aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von Heiterkeit
-war -- die Frucht der Ergebung. Wenn der Verlust eines theuren Wesens
-die Seele in tiefe Trauer versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses
-Wesen nicht für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes über
-die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das Dunkel des Leids. Aber
-das Herz der Liebenden war auch durch die Hoffnung erhellt, welche
-nicht abließ, sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein
-sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, und eine Hoffnung
-durch Entsagung gedämpft; ein Schweben durch eine milde Region der
-Trauer, deren Ende als Möglichkeit vor der Seele steht.
-
-Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer Besorgniß an. Sie
-erblickte in ihr nur ein hinwelkendes Bild der Resignation, und bei
-dem plötzlich aufsteigenden Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit
-da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte, fuhr sie erschreckt
-zusammen.
-
-In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und meldete einen
-Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne und die gnädige Frau um
-einige Minuten Gehör bitte. -- »Vielleicht ein Zimmermeister aus der
-Nachbarschaft, der sich um den Bau bewerben will. Führ' ihn her!«
--- Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß sie sich
-geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter Mann in den Dreißigen,
-dessen Haltung den feiner Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den
-Norddeutschen verriethen. Der Fremde begann: »Ich habe --« einen
-Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die Hand, die er
-der Brusttasche genähert hatte, wieder zurück und sagte nach kurzem
-Bedenken: »Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.« -- Anna
-sah ihn an; die Mutter erwiederte: »Eine gute Nachricht? Zögern Sie
-nicht, werther Herr, wir bedürfen einer solchen.« -- Der Fremde fuhr
-fort: »Ich bin beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels --« Anna,
-die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: »Arthur von Waldfels?
--- Er lebt? Er ist gesund?« -- »Er lebt und ist gesund,« erwiederte
-der Fremde. »Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt,
-die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu ihm anzunehmen.«
--- Anna starrte ihn an; das Zuviel des Glücks machte sie mißtrauisch,
-aber das ehrliche Gesicht des Fremden tröstete sie wieder. »Ist es
-möglich?« rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß, »ist
-es möglich?« -- Der Fremde nahm einen Brief aus der Tasche und übergab
-ihn Anna. Diese öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem
-Gesicht.
-
-Der Brief lautete: »Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, aus
-seiner ersten Handelsstadt, begrüße ich dich, Geliebteste, und die
-innig verehrte Mutter. Ich lebe des Glaubens, daß dieser Brief die
-theuersten Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen wird und
-bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin wiedergekehrt, nachdem ich den
-Zweck, um dessen willen ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem
-Dank gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten gesegnet hat.
-Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen Treue erprobt ist, wird dich
-und die geliebte Mutter zu mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei
-deiner Ankunft, warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.«
-
-Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den Brief nahm und
-öffnete, mit der höchsten Spannung betrachtet; auch ihr war das Glück
-zu unerwartet gekommen, als daß sie sich dem Glauben daran sogleich
-hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der Liebenden sah sie die
-Nachricht bestätigt und Thränen füllten die Augen der geprüften Frau.
-Sie trat näher; Anna rief mit himmlischer Freude: »Es ist wahr! Mutter,
-liebe Mutter!« und fiel ihr um den Hals. Lange hielten sie sich umfaßt.
-Die Ueberglückliche weinte am treuen Mutterherzen und ihre Thränen
-wollten kein Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: »Das
-vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen Wunsch mehr übrig läßt,
-war mir aufgespart -- und ich hatte den Glauben daran verloren und war
-verzweifelt! Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die ich gestellt
-wurde, und bin beschämt!«
-
-Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der Sekretär schon
-längere Zeit in Arthurs Diensten stehe. Die Mutter forderte ihn wie
-gelegentlich auf, etwas von den Schicksalen des Barons mitzutheilen.
-Aber jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen zu
-können; die Erzählung seiner Schicksale habe sich Herr von Waldfels
-selber vorbehalten. -- »Ah,« rief die Baronin heiter, »noch immer
-geheimnißvoll! -- Nun,« setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, »wir glauben
-die Hauptsache errathen zu haben und können uns für das Uebrige noch
-einige Tage gedulden.«
-
-Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem stattlichen Reisewagen
-vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt hatte. Unter fröhlichem
-Blasen ging es durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute Grüße
-und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der Wagen auf der weißen
-Landstraße fort. Mit welcher Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten,
-den grünen Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie
-freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! -- Sie saß da so
-leicht, mit so edler und freier Haltung, daß Wagen und Pferde für sie
-erfunden zu seyn und keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu
-dienen.
-
-Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, die den Damen
-bekannt war. Etwa drei Meilen weiter nach Westen lag das Thal mit
-Waldfels und dem Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin,
-ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das schöne Gut seiner
-Ahnen verloren seyn sollte. Vor Kurzem hatte ein Besucher nach
-Schönbach die Nachricht gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft
-worden sey. Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für die
-Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung haben? Aber im Glück
-regen sich neue Bedürfnisse; wenn die großen Wünsche erfüllt sind,
-dann tauchen die kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt
-nach dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken des Himmels
-begnadigt, empfand sie in der That ein Verlangen nach dem Besitz von
-Waldfels, und es that ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen.
-
-Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und zunächst einen kleinen
-Hügel hinanstieg, wurde sichtbar. Anna machte die Mutter darauf
-aufmerksam. Diese, ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone:
-»'s ist Schade!« -- Die Anschauung ihres Gefühls an der Mutter brachte
-aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß und sie sagte: »Was doch die
-Menschen ungenügsam sind! Ich habe das Höchste erlangt -- ein Glück,
-dessen ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu können
-glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! -- -- Weg mit den Augen!«
-sagte sie zu sich selbst und richtete die Blicke die Linie entlang,
-auf der sie dem Geliebten näher kommen sollte.
-
-In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, daß der Postillon
-in die Seitenstraße einbog; aber Frau von Holdingen rief: »Was ist
-das?« und sah den Sekretär mit betroffen fragendem Blick an. Dieser
-versetzte mit einem Lächeln: »Wir fahren die rechte Straße, gnädige
-Frau.« -- Anna, die den Ausruf der Mutter und diese Antwort vernommen
-hatte, sah, wo sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine
-Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels war Arthur! Sie
-sollte den Geliebten in der Besitzung seiner Ahnen wiedersehen -- auch
-ihr letzter Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen faßte
-sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz, aus dem ihr derselbe
-Glaube entgegen blickte. Und dieser Glaube wurde vom Abgesandten
-bestätigt -- durch Schweigen. -- Wie wonnig klopfte das Herz der
-Liebenden, wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und weiter
-rollte und sie dem Bräutigam näher und näher brachte! Endlich fuhren
-sie in das Thal ein, das im reichen Schmuck des Frühlings prangte.
-Der letzte Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen das
-Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. Dort lag es,
-überglänzt von der Abendsonne, das Schloß mit dem Park, die Krone des
-Dorfs. Das Posthorn schmetterte -- wie anders klangen jetzt seine Töne
-zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! Der Wagen rollte in die
-alte Allee, dem Thore zu, das mit Blumen geziert hersah.
-
-Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, eilte ihnen
-entgegen und rief: »Willkommen!« Es war Arthur. Der Wagen hielt. Anna,
-von der Rechten des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war
-kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen schlugen an
-einander -- ihr Glück war vollendet! Ein Wunder der staunenden Seele,
-war es helle, klare, selige Wirklichkeit! -- Anna erhob ihr Haupt,
-Freudenthränen rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten hingen.
-Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen und sah sie aus
-feuchten Augen mit unendlicher Liebe an. Dann sagte er in herzlichem
-Ton: »Siehst du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! Die
-muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; Alles ist erreicht, was
-wir gehofft haben, ja mehr als das; der Himmel ist mir günstig gewesen
-um deinetwillen -- selbst über meine Träume hinaus!« -- Anna rief: »Was
-soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu verdienen?« -- »Bleibe, wie
-du bist!« erwiederte dieser liebevoll.
-
-Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre Hand, umarmte sie und
-rief: »Verzeihen Sie, liebe Mutter!« -- Diese erwiederte gerührt:
-»Der Braut gebührt der Vorrang. -- Meine Augen haben das Schönste
-gesehen, was eine Mutter sehen kann -- Ihre Liebe zu Anna ist dieselbe
-geblieben.«
-
-Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren war, kamen der Rentier
-und der Pfarrer von Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die
-Gesellschaft in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft ehrerbietig
-begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten in allem die Zeichen des
-wiederhergestellten Glanzes, und von welchen Empfindungen mußten sie
-bewegt seyn, als sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das
-schöne Schloß eintraten!
-
-Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen Kreis in einem Zimmer
-vereinigt, dessen Wände mit den Familienbildern des Hauses Waldfels
-geschmückt waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den
-Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem Geistlichen, der
-Rentier mit dem Sekretär unterhielt, saß die Baronin allein an der
-Seite und ließ ihre Blicke von Arthur zu einem Bilde gleiten, das
-einen stattlichen Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte.
-Ihr schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner Ahnen
-mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um so begreiflicher, daß
-die kriegerische Neigung desselben in ihm wieder erwacht sey. Arthurs
-Glieder waren beinahe so kräftig wie die des alten Generals, und
-sein Gesicht eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige
-Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir können nicht
-verschweigen, daß die Baronin gleich nach der ersten Begrüßung in dem
-Gesicht des Wiedergekehrten nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit
-gesucht hatte. Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium
-zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu diesen mußte der
-Baron gehören. Die Neugierde, die sie bis jetzt unterdrückt hatte,
-regte sich aber bei dieser Vergleichung auf's neue. Sie widerstand
-jetzt nicht länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur
-daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale und seiner
-=Thaten= schuldig sey. »Oder,« setzte sie lächelnd hinzu, »wäre die
-Zeit dazu noch immer nicht gekommen?« -- »In der That, noch nicht
-ganz,« erwiederte Arthur. »Wir haben bis zum Abendessen nur noch eine
-halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich lange dauern und ich
-will ihn daher Ihnen und mir erst nach einer entsprechenden Stärkung
-zumuthen. Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben Sie die
-Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach zu erzählen, von der
-wir hier nur sehr wenig und gar nichts Bestimmtes wissen.«
-
-Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen Einleitung
-schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag des vorigen Jahrs.
-Sie zeigte sich dabei in ökonomischen Ausdrücken so bewandert, daß
-Arthur sich nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks
-auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse
-auszusprechen, was sie indeß mit einem leichten Achselzucken hinnahm,
-vielleicht um damit anzudeuten, daß die Kenntniß jener Ausdrücke
-noch lange nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen des
-Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur betroffen. »Wie!« rief
-er aus, »Sie haben meinen letzten Brief nicht erhalten?« -- Die Baronin
-erwiederte mit Bedeutung: »Wir haben keinen Brief von Ihnen erhalten
-seit mehr als anderthalb Jahren.« -- Arthur saß mit dem Ausdruck tiefen
-Bedauerns da und sagte: »Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung
-sollte man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander
-abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit des Verlustes um so
-viel näher liegt. Aber das Glück hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht
-daran. -- In diesem Schreiben,« fuhr er zu Anna gewendet fort, »hatte
-ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine Angelegenheiten in
-Ostindien zu ordnen und nach Europa zurückzukehren. Ausdrücklich war
-darin bemerkt, daß von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.« --
-Nach einer Pause begann die Baronin: »Eine Schilderung, wie wir unter
-solchen Umständen den Winter verlebten, will ich Ihnen erlassen.«
--- Arthur, die Hand der Geliebten fassend, rief herzlich: »Verzeih
-mir!« -- Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die
-Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung betrübender
-Erlebnisse. Arthur sagte: »Das Schicksal hat ungleich getheilt. Sie
-haben das Unglück gehabt und ich das Glück. Aber,« setzte er hinzu,
-»mein Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.« -- »Es ist eigen,«
-bemerkte Anna; »ich möchte mir jetzt das Unglück der letzten Jahre
-nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und die Angst nicht, die ich um
-deinetwillen empfunden. Nur das erlebte Leid beruhigt das Herz bei
-allzugroßer Freude.« -- »Dieß,« setzte der Geistliche hinzu, »ist unter
-andern der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel dankt man
-dem lieben Gott für das Mittel erst später.«
-
-Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer beisammen. Während
-des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen die Natur erfrischt und
-balsamische Luft strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war
-unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der Glanz im Westen.
-Niemand achtete der Schönheit des Abends; die Geister waren gespannt
-auf die Erzählung Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich,
-indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete.
-
-»Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London ging. Dort lebte ein
-Kaufmann, ein Großhändler, den mein Vater vor etwa zehn Jahren
-sich verpflichtet hatte, indem er ihm bei einer Ehrensache einen
-wesentlichen Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben,
-das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte mich brieflich
-an diesen Mann gewendet und Rath und Hülfe war mir zugesagt worden. In
-London stellte ich mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der
-mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, theilte ich ihm
-sogleich mit, was in meinem Briefe schon angedeutet war: daß ich den
-Entschluß gefaßt habe, Kaufmann zu werden.«
-
-Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren nicht trauen. »Wie?«
-rief sie, »Kaufmann? -- daran dachten Sie? -- Doch,« setzte sie hinzu,
-indem sie sich bezwang, »ich will Sie nicht unterbrechen.« -- Arthur,
-der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken konnte,
-fuhr fort: »Herr Goodman -- dieß war der Name des Kaufmanns -- sah
-mich prüfend an und sagte dann mit Ernst: »Ich begreife, daß Sie einen
-Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das Sie suchen, am
-schnellsten und sichersten erreichen zu können glauben. Allein es ist
-möglich, lieber Freund, daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden,
-als Sie erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu
-machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft hat für eine gewisse Art von
-Menschen seine großen Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und --
-wie er lächelnd hinzusetzte -- als deutscher Edelmann dabei aushalten,
-das ist noch die Frage. Aber angenommen Sie bleiben standhaft und
-erlangen eine Stellung, in der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei
-der consequentesten Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches
-Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus Ihrem Brief kenne, endlich
-erreichen wollen. Ist Ihnen das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß
-die Früchte des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.«
-
-»Gut,« rief hier die Baronin, »das schreckte Sie ab und Sie suchten
---« -- »Keineswegs,« fiel Arthur ein, »das schreckte mich nicht ab,
-denn ich war auf solche Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit
-Entschiedenheit, mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle mich
-zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, als er
-mir vielleicht zutraue; Mühen und Anstrengungen vermöchten mich nicht
-abzuschrecken und ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich
-auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr Goodman, der mich
-mit Ruhe angehört hatte, ergriff nun meine Hand mit jener männlichen
-Herzlichkeit, welche der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen.
-»Wenn das ist,« versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen,
-sondern helfen.« Er hielt Wort -- und Arthur Waldfels trat als Lehrling
-in seine Handlung ein.
-
-Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna einen gleich starken,
-aber sehr verschiedenen Eindruck. Die Verlobte, die sich zwar immer zu
-der Annahme der Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden
-hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. Gehörte nun auch
-nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher Entschluß dazu, einen solchen
-Stand zu ergreifen, so war die Ausführung nur ein Beweis mehr für
-die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese
-Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach eine herzliche
-Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen erschien ganz außer Fassung
-gebracht. Mit der Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie:
-»Kaufmannslehrling! -- ein Baron von Waldfels -- -- Ah,« setzte sie
-nach einem Moment auf die Ahnenbilder deutend hinzu, »was würden diese
-da zu einem solchen Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!« -- »Diese
-da,« entgegnete Arthur, »würden sich wohl nicht in der Lage befinden,
-von Ihnen gegenwärtig angerufen zu werden, wenn ich jenen Schritt nicht
-gethan hätte!«
-
-Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, wie dem Leser
-schon bekannt ist, eine verständige und keineswegs unpraktische Frau.
-Von dem Gewicht dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen
-des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und erwiederte
-lächelnd: »Es mag wahr seyn. Am Ende gilt hier das Wort: der Zweck
---« -- »Heiligt das Mittel?« fiel Arthur ein. »In diesem Falle gewiß!
-Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von Ihnen angerufenen
-Bilder aufmerksam zu machen: es stellt eine Dame vor, die, wie Sie
-sich erinnern werden, von Kaufleuten abstammt.« -- »Es ist wahr,« rief
-die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur sie mahnte, wie
-eine Enthüllung wirkte. »Der Genius der Mutter hat in Ihnen gesiegt!«
--- »Und dem Himmel sey dafür gedankt!« versetzte Arthur; »denn der
-Genius meines Vaters -- mit aller Hochachtung sey von ihm gesprochen
--- hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.« -- Die Baronin,
-welche die Wahrheit dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich
-zusammen und sagte dann mit Anmuth: »Verzeihen Sie meine Verwunderung
-über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit Sie selber nicht läugnen
-werden. Sie haben reussirt -- das ist die Hauptsache.«
-
-»Im Vorgefühl des Erfolgs,« bemerkte Arthur, »wurde ich Kaufmann.
-Da ich gegen Herrn Goodman meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte
-ich alle meine Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft.
-Mancher Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um meine Geduld
-zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine wissenschaftliche Bildung,
-meine Vorkenntnisse und eine gewisse Anlage zum praktischen Denken
-förderten mich rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben
-sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang der
-verschiedenen Arbeiten vor Augen, und die einzelnen erschienen mir um
-so interessanter. Es dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte,
-und schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das Schwierige
-mir geläufig wurde. -- Sie sehen aus allem, daß ich ein ungewöhnlicher
-Lehrling war; ich hatte auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war
-kein Vierteljahr verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ, meine
-Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu dem Schluß kam, daß ich
-verdiene, ein Kaufmann zu werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen
-nicht enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete mir,
-daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich unter glücklichen
-Umständen rasch fördern werde, -- in die Stelle eines Commis bei einem
-Geschäftsfreund in Calcutta. Ich war auf's angenehmste überrascht.
-Ostindien war das Land meiner kaufmännischen Träume und ich sah in
-diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung. Goodman hatte mir
-Aufträge in seinem Interesse zu ertheilen und rüstete mich mit den
-nöthigen Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat nach
-Deutschland zu melden, und ein rascher Segler trug Cäsar und sein
-Glück.«
-
-»Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne besondere Abenteuer
-vorüber -- die »Stadt der Paläste« lag vor mir. Ich erinnere mich noch
-wohl der zauberhaften Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens,
-welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, welche mit der Pracht
-Europas und der Pracht Asiens die Augen blendet -- die Vereinigung
-der wunderbarsten Contraste -- der Versammlungsort von Repräsentanten
-aller Nationen, aller Religionen und aller Stände -- der Schauplatz
-der mannigfaltigsten und seltsamsten Gesichter, Figuren und Trachten
-im Rahmen einer tropischen Natur! -- Es steht wie ein Mährchen vor den
-Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! -- Doch,« unterbrach
-sich der Erzähler mit einem Lächeln, »ich muß der Lust zu schildern
-Widerstand leisten, wenn ich meinen Bericht heute noch zu Ende bringen
-soll. Also zur Sache!«
-
-»Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner Beschützers, Herrn
-Warren, gütig empfangen, besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen
-Aufträge und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft ein.
-Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen nöthig; aber ich
-ließ es daran nicht fehlen und orientirte mich bald. Das Talent --
-Sie erlauben mir schon, mir so etwas beizulegen -- und die Liebe zur
-Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon vorher eine Ahnung
-von dem, was man sich zu eigen machen soll; man sucht und man findet.
-Je weiter man vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit.
-Für Leute, die reflektiren -- und als guter Deutscher gehör' ich zu
-diesen -- hat die Beobachtung eines so bedeutenden Handelshauses an
-sich großen Reiz. Wie in einem gut regierten Staate thut jeder an
-seiner Stelle seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des
-Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen zum Gedeihen
-des Ganzen. Man benützt die Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und
-Einrichtungen, welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen und zu
-erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine Art von Allwissenheit;
-sie befähigen den Kaufmann, über den Stand der mannigfaltigsten
-Geschäfte und Beziehungen sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der
-Geist herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl, ganz
-ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, oder dem eines
-Künstlers, der seinem Gegenstand Form und Schönheit gibt.« Arthur
-hielt ein wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, dessen
-Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an die Zeiten, wo er selber
-als Buchhalter wirkte, sich angenehm aufgeklärt hatte. Die beiden
-Geschäftsleute nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung
-wieder auf.
-
-»Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein Eifer freute,
-begünstigte mich ungewöhnlich. In den ersten dritthalb Jahren fungirte
-ich als Korrespondent und als Reisender. Bei einer Handlung, die
-jährlich Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches
-denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte Land und Menschen
-kennen, lernte die Sprache des Landes und konnte unserem Hause manchen
-guten Dienst leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein
-Geist und ich hatte =Ideen=. Warren hörte sie, hieß sie gut, und sie
-bewährten sich. Wir ersahen hie und dort unsern Vortheil, kauften
-wohlfeil ein, verkauften theuer und machten großen Gewinn.«
-
-Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich geworden, und
-unwillkürlich rief sie: »Aber Sie werden doch nicht --« -- Sie hielt
-inne, das Wort wollte nicht über die Zunge. -- »Betrogen haben?«
-ergänzte Arthur heiter. »Mit nichten, verehrte Frau! -- Erlauben
-Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der Kaufmannschaft
-anzunehmen. Daß im Handel betrogen wird, ja, daß der Handel zum Betrug
-reizt, will ich nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern
-Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive Eigenschaften.
-Um als Kaufmann etwas zu erwerben, muß man Kenntnisse, Verstand,
-Einfälle, Muth und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas
-kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In der Regel wird aber
-gerade der Betrüger die kleinen und mittelmäßigen, der begabte und
-muthige Kaufmann dagegen die großen Geschäfte machen. Nur muß man die
-Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf die politischen
-und merkantilischen Ereignisse, wenn ich in die Zukunft sehe, ihre
-Bedürfnisse erkenne und zu rechter Zeit mich in den Stand setze, sie
-zu befriedigen, so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger.
-Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie dahin fördere,
-wo sie theuer sind, benachtheilige ich weder Verkäufer noch Käufer,
-im Gegentheil, ich diene beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme
-von dem, der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen will; ich
-befriedige die Wünsche beider und nütze beiden. Der Gewinn, der dabei
-abfällt, gebührt mir von Rechtswegen, denn ich habe gethan, was ihn zur
-Folge hat, und niemand gehindert, dasselbe zu thun. -- Shakespeare,
-wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig einen =königlichen=
-Kaufmann. Kann man denken, daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat?
-Aber solcher königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals.
-Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen mit dem vollen
-Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen desselben für die Welt, Männer,
-deren Reichthum die Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die
-von ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.«
-
-»Ich geb' es zu,« erwiederte die Baronin, »und sehe nun wohl, zu
-welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.« -- Arthur fuhr fort: »Die
-Folge meiner Dienstleistungen war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen
-schenkte. Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er mich
-zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers erhob.« --
-»Das also,« fiel die Baronin lächelnd ein, »war der bedeutende Posten,
-zu dem Sie sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen,
-ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden. Nachdem ich Ihren
-ersten Brief aus Calcutta gelesen, glaubte ich nämlich nicht anders,
-als Sie hätten den Militärstand ergriffen.« -- »Damit sagen Sie mir
-nichts Neues,« versetzte Arthur. »Ich konnte das schon lange aus
-Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie mir eine Bemerkung. Wenn
-ich auch Geld und Gunst genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche
-Zahl oder Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen und eine
-Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch in derselben Zeit
-doch schwerlich in den Stand gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen
-nach Hause zu kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als Offizier
-in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn man in dieser Eigenschaft
-mit irgend einem diplomatischen Posten betraut wird; allein immer
-bleibt der Unterschied, daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche
-Einflüsse im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten muß, während
-der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. Ich fühlte einen Drang,
-selbstständiger zu handeln, meine Gedanken rascher zu verwerthen, und
-wählte den Stand des Kaufmanns.«
-
-»Das mag seyn,« erwiederte die Baronin; »allein ich wurde zu meiner
-Annahme durch den Glauben verleitet, Offizier zu werden läge dem Baron
-Waldfels am nächsten.« -- »Ich begreife das,« versetzte Arthur. »In
-Deutschland sieht man das so an, aber in England und in Indien hat man
-dafür einen andern Standpunkt.« -- Anna, die mit großer Aufmerksamkeit
-zugehört hatte, wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das
-indische Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine Gründung
-verdanke und noch von einer solchen regiert werde. »Die Armee steht im
-Dienste der Compagnie, sie wird von einem Manne befehligt, den diese
-gewählt hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich nicht
-unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die Stellung derselben auch
-seyn mag.«
-
-Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war ihr begegnet, was so
-oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, aber sie hatte nie diese
-Folgerung daraus gezogen. Arthur bemerkte: »Allerdings regiert
-in Indien eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und
-diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten Familien
-Englands, sie hat auch Fürsten und Könige des Landes unter sich und
-schreibt ihnen die Wege vor, die sie wandeln sollen. Daß bei solchen
-Verhältnissen der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie besitzt,
-ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich zu verwundern.
-Doch,« setzte er hinzu, »das hat er auch in Deutschland, und man gönnt
-es ihm, wenn er reich ist.« -- »Nun wohl,« rief die Baronin nicht ohne
-eine gewisse gute Laune, »ich bin überwunden und Ihre Erzählung wird
-von jetzt an vor meinen Einreden sicher seyn.« -- »Ich bitte Sie um
-das Gegentheil,« versetzte Arthur. »Wenn mein Bericht Anlaß zu einer
-interessanten Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen Sie mich
-übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, daß der Stolz der Geburt
--- und zwar nicht nur der, den man zeigen zu können glaubt, sondern
-auch der, den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit
-verbirgt -- daß dieser Stolz, sage ich, für den, der nachzudenken
-pflegt, eben in Indien einer starken Probe ausgesetzt ist. Wenn man
-den Kastengeist in seiner vollendetsten Ausbildung und mit all seinen
-Folgen erblickt, wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt,
-bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint, wenn man überhaupt
-die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Prätensionen
-hervortreten sieht, die man schwach finden muß, so kann man sich wohl
-fragen, ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben so zu
-beurtheilen.«
-
-Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen, indem sie sich nicht
-enthalten konnte, zu rufen: »Wie, wollen Sie Geburt und Stand für
-nichts erklären?« -- »Keineswegs,« erwiederte Arthur mit Ernst. »In
-einer Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas darauf zu
-gute thut, freue ich mich auch dessen, was mir zu Theil geworden ist,
-und namentlich des Glücks, unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die
-sich in Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient haben,
-dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe und Stolz auf die Bilder,
-die ihre Züge bewahren, und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie
-gewandelt sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron Waldfels,«
-setzte er heiter hinzu, »klingt schön, und ich freue mich, so genannt
-zu werden.« -- »Gut!« rief die Baronin ebenfalls heiter; »aber? -- denn
-ein Aber wird doch nicht fehlen.« -- »Aber,« fuhr Arthur fort, »indem
-ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine Augen offen für die
-Vorzüge Anderer, ich bewundere diejenigen, mit welchen Gott die Geister
-und Herzen der Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung,
-wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte Billigung
-hätte blicken lassen, die uns nicht mehr zu Gesichte steht. Ich will
-es Ihnen gestehen, ich hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut,
-daß ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.« -- »Ich habe zwar,«
-versetzte die Baronin, »von einem solchen Hang nichts bemerkt; indessen
-wollen wir Ihr Wort gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer
-Geschichte bitten.«
-
-Arthur begann wieder: »Es war ein Beweis großen Vertrauens, daß mich
-Warren so jung auf diesen Posten erhob; allein ich kann sagen, daß ich
-es rechtfertigte. Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte
-dem Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt hatte, um den
-mich ein Major hätte beneiden können, der Chef des Hauses mir überdieß
-einen Antheil an dem Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine
-eigenen Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein Vermögen
-seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen will. Dennoch konnte
-ich damit etwas thun, was mich außerordentlich freute und immer meine
-schönste Erinnerung von jenem Lande bleiben wird.«
-
-Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn die Zuhörer
-erwartungsvoll an, und er fuhr fort: »Nicht lange nach meiner Ankunft
-in Calcutta hatte ich die Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht,
-der um etliche Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und
-reizende Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn es gehört zu
-meinen größten Genüssen, Glückliche zu sehen, und namentlich eine
-glückliche Familie. Im Lauf der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre,
-herzliche Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der besten
-Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders unter den Seinen von dem
-angenehmsten Humor und der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends,
-als ich ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und sehr
-niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit der Sprache heraus;
-endlich gestand er mir, daß er in jüngster Zeit einen großen Verlust
-erlitten habe und daß gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem
-Schiff anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach Europa
-geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück erwarte. Ich tröstete
-ihn, so gut ich konnte, und es gelang mir, ihn wieder aufzuheitern.
-Bald darauf kam ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie's
-sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn in stummer
-Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes, aber er sah voraus, daß
-in Folge dieses Gerüchts Forderungen bei ihm eingehen würden, denen
-gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein Entschluß war
-gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und bald konnte ich dem Bedrängten
-nicht nur mein Vermögen, sondern auch eine namhafte Summe von Warren
-zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger wurden befriedigt und
-mein Freund war gerettet.«
-
-»Ah,« rief die Baronin, »da sieht man den Edelmann unter den
-Kaufleuten!« -- Arthur erwiederte: »Es wäre schlimm für die gedrängten
-Kaufleute, wenn nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung
-fähig wären! -- Uebrigens hatte diese Aushülfe die Folgen der feinsten
-Spekulation: sie war es, die mein Glück entschied. Das Schiff
-Mackenzies war allerdings einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber
-es hatte ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein. Freude
-und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein Freund, dessen erhobener
-Geist sich jetzt mit kühnen Entwürfen trug, bat mich dringend, mich
-mit ihm zu verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter
-Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab ich nach. Wir strengten
-unser Talent an, wir wagten und wir gewannen. -- Ach, liebe Mutter,«
-fuhr der Erzähler fort, »welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns!
-In welcher Spannung wird er erhalten und in welches Entzücken kann er
-versetzt werden! Nichts gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein
-wohlberechnetes, aber immer noch gewagtes Unternehmen gelingt und der
-Segen desselben in goldener Wirklichkeit in sein Haus einzieht.«
-
-Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und sie sagte: »Es
-scheint doch, daß du nach und nach gelernt hast, dein Metier um seiner
-selbst willen zu lieben.« -- »In gewissem Sinn allerdings,« erwiederte
-Arthur, »ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich. Der
-Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich in die Handlung meines
-Freundes gebracht hatte, um das Vierfache gemehrt sah und hinreichend
-fand, um denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein
-angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte ich zu mir selber:
-Genug! und kündigte dem Freund meinen Entschluß an, nach Deutschland
-zurückzukehren.« -- Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort
-der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth die Empfindung der
-Baronin.
-
-»Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, mich zurückzuhalten. Er
-rief: Das Glück ist für uns, noch einige Jahre und wir sind Millionäre!
-Obwohl diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund für mich
-an den Tag legte, rührend war, so blieb ich dennoch fest, wobei ich
-übrigens gern gestehe, daß das Gewicht des Hauptgrundes, der mich
-nach Hause trieb, durch das einiger andern noch verstärkt wurde.« --
-»Und die sind?« fragte die Baronin. -- »Zunächst das Klima, das zu
-einem Leben nöthigt, in welchem die Sinne eine größere Rolle spielen,
-als einem Deutschen von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben
-dort Monate der schönsten und angenehmsten Witterung; aber auf sie
-folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte die heißen Tage in
-Deutschland Kinderspiel sind, und die Glut wird endlich durch eine
-Regenzeit gekühlt, deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen
-ertränken zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten und
-Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast unausgesetzt, und man kann
-Dinge erleben, die an eine Landplage Egyptens erinnern. Allerdings
-wissen sich die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen, und
-es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen zu lernen, durch
-welche man jene lästigen Erscheinungen zu beseitigen oder zu mildern
-sucht. Die Häuser erhalten durch solche Einrichtungen einen neuen
-Zuwachs von Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein
-diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und die Erholungen,
-die man sich dabei gönnen zu müssen glaubt, machen selber materiell,
-und es gehört ein fester Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache
-ist, um den Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen zu
-widerstehen. -- Was mich betrifft, so war ich von einem Gedanken
-erfüllt und durch eine, ich darf wohl sagen fieberhafte Thätigkeit
-in Anspruch genommen. Ich ging also durch die Ausflüsse des Klimas
-hindurch zu dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. Mein
-Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft und ließen mich die
-Anfälle der tropischen Natur überwinden. Aber zuletzt war ich doch
-froh bei dem Gedanken, den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen
-Lebens zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in das Vaterland
-zurückkehren zu können.« -- »Das leuchtet ein,« bemerkte die Baronin.
-
-»Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen des Landes. Ich
-bin zwar ein zu guter Germane und glaube zu sehr an einen vernünftigen
-Gang der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer in Indien
-für ein Uebel und nicht vielmehr für einen Erfolg im Interesse des
-Menschengeschlechts halten sollte. Ich kenne auch wohl die Anstalten,
-die man in's Leben gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes
-und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind mit ihr immer noch
-gewaltige Mißbräuche verbunden, Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen,
-von denen auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden können und
-werden. Ich will ein andermal Beispiele geben und Sie werden mir dann
-zugestehen, daß das englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von
-meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu bauen.«
-
-»Ich begreife das,« nahm jetzt der Pfarrer das Wort, »freue mich aber,
-daß Sie über das englische Regiment nicht den Stab zu brechen haben.
-Denn wir müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft eines
-christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie mitbringen, dem
-beherrschten Lande zuletzt immer zum Segen gereichen werden.«
-
-»Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime, die jetzt vorhanden
-sind, nach und nach sich entfalten werden. Aber mein Herz trachtete
-endlich aus diesen Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im
-Vaterlande, wo das Christenthum das Leben zwar auch noch lange nicht
-ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat, aber in der Umbildung doch
-schon weiter gekommen ist. -- Meine Sehnsucht nach der Heimath,« fuhr
-der Erzähler zu Anna gewendet fort, »wurde hauptsächlich durch die
-Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus Schönbach erhielt und die mir
-in der Glut meiner Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie
-reizend die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend
-die Mittheilungen aus dem innern! -- Da es mir nicht einfallen konnte,
-dich und die Mutter nach Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig,
-als nach erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. -- Ich
-stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor und überzeugte ihn;
-und mit demselben Eifer, mit welchem er sich zuerst meiner Abreise
-widersetzt hatte, förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im
-Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir in London und
-Hamburg zur Verfügung gestellt; ich nahm Abschied und bestieg das
-Schiff, das mich nach Europa führen sollte. -- Darf ich dir gestehen,
-daß ich in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken jauchzte,
-dich und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, doch Augenblicke
-hatte, wo ich Bedauern empfand, von dem Feld meiner Thaten auf immer
-scheiden zu müssen? -- Mein Leben ist im Vaterland, und ihm will ich
-dienen, nachdem ich mir die Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne
-zu thun. Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern seiner
-Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen Eindrücke auf meinen
-Reisen und die Abenteuer, die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit
-der Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres Weltverkehrs!«
-
-Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen Worten innehielt,
-benützte Frau von Holdingen die Gelegenheit, zu fragen, wie es sich
-denn mit den Gefahren verhalte, die er in jenem Lande bestanden
-habe. Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich in
-ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in der Armee diene.
-Arthur erwiederte: »In einem Lande, wo es Löwen, Tiger und Schlangen
-erster Größe gibt, in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren
-haben werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die ihrer
-Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, und wo der Reisende
-fast ausschließlich auf Selbsthülfe angewiesen ist, da braucht man
-keineswegs Militär zu seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde
-Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir aufstießen, und
-kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich mich dabei auf eine Weise aus der
-Affaire gezogen habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.«
-
-»Nun, Gott sey Dank,« fiel Anna ein, »du bist jetzt zu Schiff und hast
-dieses Land hinter dir!« -- »Ja,« versetzte Arthur, »ich bin zu Schiff,
-ich segle nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht und der mir
-in den letzten Jahren der treueste Gehülfe war. Die Reise ging auch
-dießmal ohne jedes außergewöhnliche Erlebniß von Statten. Wir fuhren
-zuerst nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen Gefallen
-hatte erweisen können, so empfing er mich mit doppelter Freude und
-war stolz auf seinen Zögling. -- Von London aus, wo ich mehrere Tage
-verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund Hellmuth. -- Was
-man wünscht, das glaubt man gern. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß
-Waldfels wieder zu erlangen seyn würde; und da man in solchen Fällen
-eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so bat ich unsern Freund,
-mein Anerbieten sogleich Herrn von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam
-zu rechter Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es an einen
-Liebhaber abzugeben.«
-
-»So ist es,« bemerkte der Rentier auf einen fragenden Blick der
-Baronin. »Da mir aber der Herr Baron den unkaufmännischen Auftrag
-gegeben hatte, genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder
-zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus dem Felde zu
-schlagen. Die runde Summe trug übrigens dazu bei, Herrn von Pranger den
-Vergleich mit seinen Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung
-seines Geschäfts möglich zu machen.«
-
-»Das hör' ich gerne,« rief Anna. »Möge ihm der Verkauf des Gutes so
-wohl gedeihen, wie dir,« sagte sie zu Arthur. -- Dieser nickte und fuhr
-fort: »Die Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in Hamburg.
-Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach und eilte nach Waldfels, um es
-würdig zu machen für den Einzug meiner theuersten Gäste. -- Daß ich
-diese gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone meines
-Glücks -- und Gott möge es mir erhalten!«
-
-Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten trat eine Stille
-in der Versammlung ein, indem alle den Empfindungen sich hingaben,
-welche die Erzählung in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur
-auf's neue das Wort und sagte: »Wenn ich zurückdenke an die Zeit des
-letzten Abschiednehmens, so kommt mir alles, was unterdessen geschehen
-ist, wie ein Traum vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine
-Thatsache vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert danke ich
-dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan hat. Der Instinkt, der mich
-beherrschte, hat mich richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist
-eine Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur Freude des Lebens
-nothwendig ist, ich bin in den Stand gesetzt, meinem Vaterlande und
-meinen Freunden nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe
-ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung mich erfreut
-und erhebt, und die mir Bürge seyn dürfen, daß ich mir's auch erhalten
-werde. O meine Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage,
-daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als wenn mir der
-Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt worden wäre. Gesegnet sey
-das Mißgeschick, gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch
-eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im tiefsten Sinne des
-Wortes =mein= nennen kann!«
-
-Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er dann seine Blicke auf
-das Porträt des Vaters, auf welches eben der Schein der Lampe fiel.
-Der Baron, der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung
-gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl auf die Gesellschaft,
-und dem phantasiebegabten Betrachter konnte es scheinen, als ob ihn die
-Erzählung des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte. Arthurs
-Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen Eigenschaften des Vaters
-so klar und rein vor seiner Seele gestanden, als in diesem Augenblick.
-Die Gesellschaft errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer Miene
-wandte er sich zu der Baronin und sagte mit der Laune eines liebevollen
-Gemüthes: »Werden Sie mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie
-mir verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen habe,
-mein Wort zu halten?« -- »O,« rief die Baronin mit freundschaftlichem
-Vorwurf, »wollen Sie mich beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den
-Erfolg, der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen, das
-Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.«
-
-Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung auf die Seele
-der Baronin schon vollständig geübt, das Mittel glänzte verschönt in
-den Strahlen seines Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand,
-begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum er denn aus
-seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und sie nicht gleich in dasselbe
-eingeweiht habe? Hier konnten Arthur und Anna nicht umhin, sich
-lächelnd anzusehen, und jener versetzte: »Ich habe nicht zu hoffen
-gewagt, daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor Ihren Augen
-finden würde, und hielt es für sicherer, zu schweigen.« -- Die Baronin
-hatte den Humor zu erwiedern: »Sie mögen Recht gehabt haben.« --
-
-Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, der
-Zeiger der Uhr wies auf eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm
-ein Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von Holdingen: »Für
-heute hab' ich noch eine Bitte an Sie. Ich bin zwar aus Indien nicht
-als Millionär, aber doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch
-den Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben Sie mir
-nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk mache, wodurch Sie wieder das
-werden, was Sie zur Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin
-der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden verlebt
-haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der Restauration; und wenn Sie
-auch später mit uns das Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch,
-wie früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen können.« Er
-übergab ihr das Dokument und die Baronin erwiederte: »Ich nehme das
-Geschenk an und danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich
-irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon alles zu
-unserer Aufnahme bereit ist?« -- »Allerdings,« versetzte Arthur. Die
-Baronin drückte ihm die Hand.
-
-
- VII.
-
-Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein
-Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in große Aufregung
-versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner
-Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf's Höchste.
-Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich in allen Schichten der
-Bevölkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden
-aussprach, so wurde auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger
-des Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten sie Anstalten
-sich zu bekehren.
-
-Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber.
-Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern hätte sich bei diesem Anlaß
-auch bewährt, wenn der Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe
-zurückkehrte, ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie freuten sie
-sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen und gefeierten
-Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner
-schönen Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, wenn er
-ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen
-andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung
-und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn er Glücksgüter
-erwirbt, die seinem Rang entsprechen.
-
-Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit
-der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale
-in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und
-bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in
-den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem Worte »Kaufmannslehrling«
-und »Handlungsdiener« gerieth der alte Krieger in eine schwer zu
-beschreibende Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten
-und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein
-die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger
-zu fließen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der
-letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, und als er an
-die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stieß er einen
-Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte
-dann lächelnd den Kopf, indem er sagte: »Wer hätte dem Jungen das
-zugetraut? -- Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie
-ein Satan! -- Kaufmann! Verwünschter Einfall! -- Aber die Hauptsache
-ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die Engländer zu sagen
-pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und -- beim Teufel!
-er ist zu rechter Zeit gekommen!«
-
-Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man wissen, daß der Oberst
-sich in der Zwischenzeit wieder seiner alten Passion, dem Spiel,
-ergeben hatte und in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der
-Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm und namentlich
-auch seinem herangewachsenen Sohn unter die Arme greifen werde, hatte
-etwas sehr Tröstliches für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine
-gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, und war stolz,
-sein Oheim zu seyn.
-
-In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte er sich, dem
-freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem Wege traf er durch einen eigenen
-Zufall mit Seiner Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine
-Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, neuerdings aber
-wieder gewonnen und war nun um so ängstlicher darauf bedacht, sie zu
-behaupten. Als ihm der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte
-ihm sein Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten einen
-Gegner finden könnte; er wußte sich aber zu beherrschen und drückte
-mit Würde seinen freudigen Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey
-überzeugt, daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten Gaben
-die conservative Partei verstärken und eine Zierde derselben seyn
-werde. Der Oberst hatte die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit
-entgegenzuhalten, daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze eingesogen
-haben könnte und daß ihn eben seine unabhängige Stellung verleiten
-könnte, sie geltend zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von
-einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr glauben.
-
-Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war sehr herzlich. Der
-Oberst, dem graue Haare jetzt ein ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß
-den Glücklichen in seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen.
-Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: »Sind Sie mit mir
-zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen --« -- »Lieber Neffe,« fiel der
-Oberst ein, »wer so viel Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht
-das Sonderbarste und Tollste zu unternehmen. -- Scherz bei Seite: du
-hast deine Sache gut gemacht und ich gebe dir meinen Beifall.«
-
-Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. Daß Waldfels der
-Familie gesichert war, erfüllte ihn mit stets erneuter Genugthuung.
-Arthur hatte sich auf eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt,
-für seinen jungen »Vetter« zu sorgen, was ihm eine große Last von
-seinen Schultern nahm. In der Freude seines Herzens zeigte er gegen die
-Damen von Holdingen alle Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn
-für ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft des Zorns
-nicht zuweilen gegen irgend einen Diener bei einem wirklichen oder
-vermeintlichen Fehler desselben gezeigt hätte.
-
-Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter Bekannter im Schlosse auf:
-Herr Samuel Rosenheimer. Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten
-sich ziemlich gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum,
-wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb. Eben mit seinem
-jüngsten Sohn im Städtchen anwesend konnte er dem Verlangen nicht
-widerstehen, dem Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung
-war sehr warm. »Herr Baron,« begann Rosenheimer nach den ersten
-Complimenten, »ich kann Ihnen versichern, keine größere Freude hab'
-ich in meinem Leben gehabt, als wie ich gehört hab', daß Sie wieder in
-unserem Lande angekommen sind! -- und wie? -- Edmund,« rief er seinem
-Sohn zu, »küß dem Herrn die Hand! 's ist ein großer Baron -- aber ein
-noch größerer Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt, wie so
-ein Herr aussieht!« -- Der Junge gaffte den Belobten mit einer Mischung
-von Dreistigkeit und Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit
-überwog. Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte einen Schmatz
-darauf.
-
-»Aber sagen Sie mir, Herr Baron,« fuhr Rosenheimer mit galantem Lächeln
-fort, »wie haben Sie's angefangen? Wie ist's möglich, daß man in so
-kurzer Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? -- Ja, ja,« setzte
-er hinzu, »wir dürfen uns gratuliren, daß nicht mehr Herrn Barone
-auf den Einfall kommen, Kaufleute zu werden. Gott soll hüten! was
-würde aus uns werden?« -- Arthur konnte nicht umhin, über diese Art
-von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über das Glück eines
-Kaufmanns sollte sich am wenigsten derjenige wundern, der nach allem,
-was man sehe, selbst bedeutend vorwärts gekommen sey. -- Rosenheimer
-protestirte gewaltig gegen diese Annahme. »Rückwärts, Herr Baron,
-rückwärts! -- Und wie soll's anders seyn? Die Geschäfte gehen für
-unser einen alle Tage schlechter. Kein Mensch will mehr bezahlen, und
-wenn man jemand hilft, wär's Noth, man gäb' ihm noch Geld dafür, daß
-er sich helfen läßt.« -- Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit
-einem gewissen Ernst fort: »Herr Baron, weil wir gerade unter uns
-sind, erlauben Sie mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen
-einen Dienst zu leisten. Ich hab's gern gethan und ich bin dafür
-bezahlt worden, es fällt mir nicht ein, Ansprüche zu machen. Aber wahr
-bleibt wahr: ich hab' doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie
-jetzt wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und ich bin
-überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte machen, werden Sie sich
-erinnern, daß es einen gewissen Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.«
-
-Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört und er gedenke
-jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -- Rosenheimer lächelte. »Sagen
-Sie das einem andern, Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht
-hat, wie Sie, der kann's nicht mehr lassen! -- Und wenn Sie so gewiß,
-als Sie wieder Geschäfte machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen
-beehren werden, so will ich mich glücklich schätzen.« -- »Unter dieser
-Bedingung,« versetzte Arthur, »haben Sie mein Versprechen.« -- »Ich
-dank' Ihnen,« erwiederte der Jude. -- »Ach,« fuhr er nach einer Pause
-fort, »Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu thun habe,
-wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei gemacht gegen die Herrn von
-Adel! Ich möcht' wissen! Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig
-und anmaßend; ich will die Grobheiten nicht zählen, die ich von solchen
-Leuten schon hab' verschlucken müssen. Aber die rechten vornehmen
-Herrn sind freundlich und höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn,
-der ist's nicht, und wer keinen Grund hat, der ist's. Wie kommt das,
-Herr Baron?« -- »Das ist schwer zu sagen,« versetzte Arthur erheitert.
-»Vielleicht aber daher, weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz
-zu seyn und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und weil Leute
-von Bildung es nicht lieben, für schwach zu gelten.« -- »Sie haben
-Recht,« erwiederte der Jude. »Bildung! -- Siehst du, Edmund? Hab' ich
-dir's nicht immer gesagt? -- Herr Baron, ich danke Ihnen nochmal und
-freue mich außerordentlich auf Ihren ersten Auftrag.« -- Er fuhr sehr
-befriedigt nach Hause. --
-
-Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte Sache. Wir
-erwähnen darum nur im Vorbeigehen, daß Waldfels zu dieser Zeit eine
-nicht geringe Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch ihre
-Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen in wenigen Fällen so
-viele Gratulationen von Herzen gegangen seyn, wie in diesem.
-
-Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer verbinden sollte, nahte
-heran. Hätten wir erwähnen sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise
-nach Waldfels ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt
-hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. -- Am Tage der Trauung
-glänzte sie in einer Schönheit, die selbst ihrer Mutter auffiel. Die
-Aufregung des Moments gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck;
-eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. Es war die
-vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten und lieblichsten Leben
-der Seele. -- Wir bewohnen eine Welt der Unvollkommenheit; aber in
-dieser Welt gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen zu
-seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente, wo man sagen möchte:
-Engel des Himmels müssen neben ihnen verlieren!
-
-Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter Anwesenheit nur der
-nächsten Freunde statt. Der Geistliche sprach über einen Text, der
-ihm Gelegenheit gab, das Heil der Prüfungen zu schildern, die über
-den Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die zum Theil schon
-von dem Brautpaar ausgesprochen waren, die aber vor dem Altar, an die
-höchsten Gründe angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen,
-feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge blieb ohne Thränen
-der Rührung.
-
-Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin Gelegenheit, zu dem
-Rentier zu sagen: »Ich finde, daß mit dem Bräutigam während seiner
-Abwesenheit doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich
-unterdessen ein Mann geworden -- aber das ist es nicht allein. Er hat
-in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches, was mir sehr gefällt; und
-ich glaube, man kann sagen, er hat etwas --« -- »Von einem Engländer,«
-ergänzte der Freund. -- »Allerdings,« erwiederte die Baronin, »und
-zwar erinnert er mich an die edelsten, die ich gesehen. Doch -- das
-ist begreiflich!« -- Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf das
-Brautpaar und setzte hinzu: »Er sieht so unendlich zuverlässig aus!
-Mein Kind wird glücklich seyn!« --
-
-Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau allein in ihrem Zimmer,
-mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung
-und einem gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man
-schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es. Nach einer Weile
-kam Arthur und lud sie zu einem Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie
-sich, denn das Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen durch
-den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die Anhöhen lagen. Wie anders
-war jetzt ihre Empfindung, als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter
-der süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg wandelten!
-Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen jetzt mit der reizendsten
-Empfindung. Von dem Hügel sah ein zierliches Belvedere herab, das erst
-vor einer halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, und
-ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur hatte sein Wort von
-damals gehalten und Anna dankte mit einem liebevollen Blick. Am Fuße
-des Hügels angekommen, lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig bei
-Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige Schritte über das
-Haidegras hin; plötzlich glitschte sie, stieß einen Schrei aus und fiel
-in die Arme Arthurs, der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen
-sie Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor. Anna rühmte und
-bewunderte es und beide sahen von ihm schweigend in das Thal hinab, das
-wieder im Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren Pause sagte
-Arthur mit einem Ausdruck von Laune, durch die er den innern Ernst zu
-verdecken strebte: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die
-Fülle!« -- Und Anna erwiederte: »Wir haben in früher Jugend gewünscht,
-und der Himmel hat die Gnade gehabt, uns von der Bedingung des Alters
-zu dispensiren.« -- »Ja,« sagte Arthur, »er gab uns das Glück in der
-besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; wir vertrauen
-dem Geber und wollen von seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch
-den wir die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit
-rechtfertigen.« -- Die junge Frau reichte ihm schweigend die Hand.
-
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- * * * * * *
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-Anmerkungen zur Transkription
-
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anführungszeichen
- wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
- berichtigt.
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-***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-<p>Title: Novellen</p>
-<p> Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn</p>
-<p>Author: Melchior Meyr</p>
-<p>Release Date: May 1, 2017 [eBook #54640]</p>
-<p>Language: German</p>
-<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p>
-<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***</p>
-<p>&nbsp;</p>
-<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading<br />
- (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br />
- from page images generously made available by<br />
- Internet Archive<br />
- (<a href="https://archive.org">https://archive.org</a>)</h4>
-<p>&nbsp;</p>
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- Note:
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-<p>&nbsp;</p>
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-<h1>Novellen</h1>
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-<p class="title spaced">Melchior Meyr.</p>
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-<p class="title big_spaced">Stuttgart.</p>
-<p class="title_gesperrt">
-Cotta&rsquo;scher Verlag.
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-1863.
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-<p class="center big_spaced">
-Buchdruckerei der J. G. Cotta&rsquo;schen Buchhandlung<br />
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-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt" width="80%">
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-<tr><td align="left"><a href="#Die_zweite_Liebhaberin">Die zweite Liebhaberin.</a></td><td align="right">1</td></tr>
-<tr><td align="left"><a href="#Verlust_und_Gewinn">Verlust und Gewinn.</a></td><td align="right">319</td></tr>
-</table></div>
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-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Die_zweite_Liebhaberin" id="Die_zweite_Liebhaberin">Die zweite Liebhaberin.</a></h2>
-</div>
-
-
-<h3>I.</h3>
-
-<p>An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug
-in den Bahnhof der Residenz, um unter dem
-prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt zu machen.
-Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom
-wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang,
-wo die Erwarteten von Bekannten und Verwandten
-begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo
-man das &bdquo;Passagiergut&ldquo; zurück erhielt.</p>
-
-<p>Unter den letzteren befand sich ein junger Mann
-von ungefähr achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen,
-in der vollen Kraft gesunder Jugend. Eine elegante
-Reisetasche, etwas größer als gewöhnlich, hing an
-seiner Schulter und das Haupt deckte ein hellbrauner
-Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die
-vielleicht um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen
-durften, den Hinterhals beschatteten. In anständig
-modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte man sagen
-flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng
-weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs,
-wo er zu wohnen gedachte, und schickte sich an, zu
-Fuß nachzugehen.</p>
-
-<p>Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt
-und der mildsonnige Abend hatte eine ungewöhnliche
-Zahl Spaziergänger auf die Straße und auf den schönen
-Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling
-schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles
-betrachtend, was sich ihm darbot. Ihn schien Alles
-gleich lebhaft zu interessiren: die neuen Häuser der Vorstadt
-und die zierlichen Gärtchen, die davor oder dazwischen
-lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte,
-und die einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend
-bemerklich machten. Er faßte mit demselben heitern
-Antheil das schmucke Dienstmädchen in&rsquo;s Auge, die mit
-einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und
-die feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben
-Gemahl oder Papa nachlässig hingegossen saß; den
-Proletarier, der mit freiem Hals und nicht ganz reinlichem
-Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den
-Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein
-Racepferd durch die Straße lenkte. Ja, wenn er hie
-und da zurückschaute, warf er auch in den leicht aufgewirbelten,
-von der Sonne vergoldeten Staub, der
-allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden
-half, einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen
-Weg fortzusetzen.</p>
-
-<p>Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen
-setzt eine wohlwollende Seele und gleicherweise ein begnügtes,
-zuversichtliches Herz voraus. In der That
-hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem
-hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der
-gutmüthigen Freude, die es zunächst verschönte, sah
-auch ein tiefes Selbstgefühl aus ihm, und zuweilen
-ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er lächelnd auf
-die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer &bdquo;Masse&ldquo;
-zusammengeflossen waren.</p>
-
-<p>Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger,
-und der Leser wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren.
-In der Reisetasche des jungen Mannes befand sich nicht
-nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit einen
-Winter anständig zu leben war, sondern neben andern
-unschätzbaren Papieren auch das stattliche Manuscript
-eines Trauerspiels, das in seiner Heimath die günstigsten
-Urtheile erfahren hatte und das er nun auf der
-Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal
-den gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik
-angereiht zu sehen. Die Wirkung, die er beim Vorlesen
-des Stückes erzielt hatte, war so entschieden, die Lobsprüche,
-die er von Männern und Frauen erhalten,
-waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden
-Effekt auf dem Theater mit vollkommener
-Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte. Manchmal,
-wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés
-gelehnt, über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn
-allerdings auch wohl Zweifel angewandelt und sein Herz
-in eine nicht unbedeutende Gährung versetzt; allein das
-Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das Spiel
-ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und
-wie er nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz
-herfuhr, die ihm durch das Seitenfenster in all ihrer
-Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das reinste
-Vertrauen in seiner Seele Platz.</p>
-
-<p>Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger
-hingleiten ließ, schien er nun zu denken:
-&bdquo;Ihr laßt mich jetzt unbeachtet vorübergehen, ihr guten
-Leute; ich bin euch nichts &mdash; ein junger Mensch wie
-jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen,
-wenn ich unter allgemeinem Applaus und Zurufen
-meines Namens auf die Bühne trete und euch für den
-Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt meiner
-Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht
-haben für euch und den Weg des literarischen Ruhmes
-fortsetzen können unter den herzerfreuenden, ermuthigenden
-Zeichen der Achtung meiner Nation.&ldquo;</p>
-
-<p>Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so
-gewannen seine Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck,
-der ihnen entsprach. Er strahlte in einer Mischung
-von Zuversicht und Selbstgefühl, die von Selbstgefälligkeit
-nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit
-einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann
-das Gesicht einen ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah
-aus wie einer, der sich freut um der Freude willen,
-die er geliebten Andern zu bereiten hofft.</p>
-
-<p>In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen
-fort. Der Anblick, der sich ihm bot, war
-ihm nicht ganz neu, denn er hatte vor einem Jahrzehnt
-schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber wegen
-verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der
-Neuheit auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so
-begreift man den Sinn für charakteristische Gegenstände,
-die er in seiner Auffassung gleich idealisirte und dichterisch
-empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der Gedanke
-leitete, das so Geschaute als Zierde in einem
-seiner Werke verwenden zu können. Aus diesem Grund
-&mdash; um die Physiognomie der Residenz rein in sich aufzunehmen
-&mdash; hatte er den Weg vom Bahnhof eben zu
-Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit
-waren ihm jetzt nicht nur werthvoll an sich, er nahm
-sie auch behaglich als günstige Vorbedeutung. Auf einmal
-blieb er stehen und besann sich. Die Lage des ihm
-empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben
-lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er
-dahin gelangen könne. Eben kamen indeß zwei Damen
-gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu fragen.</p>
-
-<p>Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und
-die Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er
-Mutter und Tochter vor sich habe. Sie waren es in
-der That und auch abgesehen von seinem Anliegen gar
-sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen
-bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich
-abgemagert; sie machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens
-und ihr braunes Aug zeigte anmuthig heitern
-Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das Antlitz
-der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein
-wenig in&rsquo;s Bräunliche spielte und auf den Wangen nur
-von sehr zartem Roth überflogen war. Aus ihrem
-gleichfalls braunen Auge leuchtete noch mehr und schöneres
-Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war
-eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit
-und Schalkheit.</p>
-
-<p>Während unser junger Mann die Aeltere fragte,
-den Weg sich bezeichnen ließ, wieder fragte, um eine
-nähere Explikation zu erlangen, sah ihn die Tochter
-mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein
-schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth
-den Mann der Provinz, der seine gesellige Bildung in
-einer mittleren Handelsstadt und zwei kleinen Universitätsstädten
-erlangt hatte, nicht nur durch den Dialekt,
-der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang,
-sondern er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen
-Verlegenheit, in der sein gutmüthiges Wesen so ziemlich
-den Charakter der Unbeholfenheit annahm. Gewandt
-und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten
-oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte
-er die schöne Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich
-im geselligen Verkehr eine bestimmte Haltung zur Pflicht
-machen sollte; und das war ihm jetzt sichtlich begegnet.
-Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das ergötzlich
-vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht
-der Mutter hing und auf sie selber auch nicht einen
-Blick zu werfen sich getraute. Dieß verrieth ihr den
-Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der
-junge Mann begann sie zu interessiren.</p>
-
-<p>Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten
-Theilnahmlosigkeit verharrend sich empfehlen werde, that
-sie ihm doch Unrecht. Sobald er hinlänglich unterrichtet
-war, sah er nach warm accentuirtem Danke rasch
-auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich,
-und da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte,
-so erröthete sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich
-wieder und dankte auf die Abschiedsverbeugung mit einer
-Freundlichkeit, die eben so viel Theilnahme wie Herablassung
-verrieth.</p>
-
-<p>Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren
-gerettet, wenn auch die Tournüre noch vieles zu
-wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens gewußt, wie
-reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem
-noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt.
-Unser Poet wurde durch Gestalt und Miene &mdash; trotz
-einer entfernten Ahnung der Bedeutung ihres Lächelns
-&mdash; so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht ein
-tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges
-Bild von innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte
-weibliche Liebenswürdigkeit nur mehr einen leichten,
-flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in seinem
-Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung
-eines Liebenden und Dichters empor sah und
-der allein zu huldigen das Glück und der Stolz seines
-Lebens war.</p>
-
-<p>Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im
-dritten Stock und auf den Hof, was ihm gerade recht
-war. Er hätte allenfalls noch in&rsquo;s Theater gehen können;
-aber man gab eine Oper von einem Meister
-zweiten Rangs, die ihn nicht reizen konnte, und er
-wußte sich zu Hause schöner zu unterhalten. Nachdem
-er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte er sich
-auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche
-und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor,
-sondern auch eine Anzahl Briefe, mit denen eine noch
-nicht ganz getrocknete, halb offene Rose herausfiel. Sein
-blaues Auge leuchtete, als er diese theuren Gegenstände
-erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und
-drückte sie an seine Lippen. Dann nahm er einen
-Brief, las, lächelte und las weiter, bis sein Gesicht in
-einem innig glücklichen Schein erglänzte.</p>
-
-<p>Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit
-einer nur wenig gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender
-Stirn und stark ausgeprägtem Vorderkopf ähnelte
-er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister selbst
-gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere,
-weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und
-Gutmüthigkeit, die den Grundton bildete, gesellte sich
-ein modern schwärmerisches Gefühl, worin er zwar die
-ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer
-Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten
-und Aussichten hing.</p>
-
-<p>Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen,
-in Ihren Briefen lesend, nur Sie vor Augen hatte und
-nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter Autor vor
-ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen
-zu können? War er doch mit ihr so gut wie
-verlobt und bedurfte es zu seinem höchsten Glück nichts
-als des Beweises, daß er der Mann war, sie als glückliche,
-gefeierte, beneidenswerthe Frau durch&rsquo;s Leben zu
-führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er
-hoffte sich zu legitimiren als Dramatiker, als produktiver
-Geist, dem auch bei den dermaligen Verhältnissen im
-deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt genügend,
-wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein
-verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde
-versagen wollen, um wie viel weniger mehrjährig befreundete
-Verwandte die geliebte und liebende Tochter.
-Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser
-Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß,
-über das der Leser ohne Zweifel näher unterrichtet
-zu werden wünscht.</p>
-
-<p>Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes,
-dem nach mühseligem Ringen und Streben nicht
-nur die Stelle eines Oberlehrers in einem Städtchen,
-sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft
-zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens
-nachkommen und den einzigen begabten Sohn studiren
-lassen konnte. Die Preise, die derselbe auf dem Gymnasium
-davon trug, erfreuten ihn außerordentlich; er
-schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der
-Studiosus im dritten Semester erklärte, die begonnene
-Theologie unmöglich absolviren zu können, sondern sein
-Leben und seine Geisteskraft der Literatur &mdash; der Dichtkunst
-widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen
-eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in
-unbedingtem Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge
-von Gegengründen zu Gebote, und als zu diesen noch
-Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen, als
-der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob,
-dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung
-bringen würde, da gab der gute Vater nach und versöhnte
-sich, dem Talente des Einzigen selber vertrauend,
-endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen
-Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls
-gesunkene Hoffnung neu wieder anfachten.</p>
-
-<p>Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht
-von diesem schlichten Manne, sondern von der Mutter,
-der er auch viel ähnlicher sah und die ihn mit ihrer
-zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer Beistimmung
-gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert,
-sondern auch immer wohl unterstützt fortsetzen,
-indem sie bei den ehelichen Berathungen über den
-&bdquo;Wechsel&ldquo; immer einer verhältnißmäßigen Zulage das
-Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften,
-die ihn reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien,
-die er zum Theil ausführte, und imponirte zuletzt
-auch dem Vater noch ganz ernstlich, indem er nach dem
-fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors
-der Philosophie heimkehrte.</p>
-
-<p>Schon als Gymnasiast und angehender Student
-pflegte er in den Ferien einen Verwandten zu besuchen
-&mdash; Geschwisterkind seiner Mutter &mdash; der in einer nahe
-gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte
-Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen
-hübschen Vetter um so lieber auf, als das poetische
-Gemüth sich für die erwiesenen Freundlichkeiten immer
-sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur Unterhaltung
-beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien
-regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam,
-so erwartete man ihn um so bestimmter im folgenden
-Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung des gastfreien
-Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging;
-denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre
-weniger zählte als er, zu einer so auffallenden Schönheit
-herangeblüht, daß sie beim ersten Wiedersehen sein
-Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos seines
-Lebens für entschieden halten mußte.</p>
-
-<p>Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die
-Gestalt in allen Verhältnissen untadelig, das Gesicht
-regelmäßig schön und die Wangen sanft geröthet; Augen
-wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und
-Arme nicht von jener gerühmten &bdquo;blendenden Weiße,&ldquo;
-sondern wie von einem ätherischen Goldton angehaucht,
-der ihnen eine holde Wärme gab und ihren Verehrern
-über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge
-konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem
-Wesen lag etwas natürlich Selbstbewußtes, Sicheres
-und zum Herrschen Geneigtes; und da sie bald im
-Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte
-sie sich etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten
-entgegennehmen, als ob sie sich von selber
-verständen. Vor dem Mißbrauch der so rasch erlangten
-Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn
-und klarer Blick in&rsquo;s Leben, ein durch ihr Temperament
-begünstigter Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer
-auch bedachte, was die andern wünschen mochten. Wenn
-ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende als
-dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch
-so freundlich aus, daß man ihr immer gern nachkam;
-und wenn sie von ihren Verehrern, alten und jungen,
-sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte sie
-die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich
-jeder belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet
-fühlte.</p>
-
-<p>Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast
-im Hause war und sie mit Interesse beobachtet hatte,
-sagte dem Vater, als er von ihm Abschied nahm: &bdquo;Zu
-deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist
-nicht nur sehr schön &mdash; und, nebenbei gesagt, von
-einer dauerhaften Schönheit &mdash; sondern eines der verständigsten
-Mädchen, die mir vorgekommen sind. Die
-laß nur immer gehen, und wenn&rsquo;s zum Heirathen kommt,
-selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die
-beste Wahl, für sich und für dich.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von
-ihrer ersten Bekanntschaft an geduzt und außerdem
-herablassend mit ihr gespielt, wie sich dieß bei einem
-um so viel älteren Jüngling von selber versteht. Noch
-beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen,
-obwohl er für den Reiz der werdenden Schönheit nicht
-ganz unempfindlich war, blieb er ruhig und fühlte sich
-selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie er sie aber
-nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher
-Schönheit wieder sah, da war&rsquo;s um ihn geschehen.
-Er erschrack förmlich, als sie ihm den Willkomm bot;
-der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn etwas so
-Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit
-der Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken
-verwirrten sich, und erst nach einigen ungeschickten Versicherungen,
-die auf den Gesichtern der Anwesenden ein
-Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung
-stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.</p>
-
-<p>Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem
-Einen Ziel ein zweites, das er mit jenem zusammen
-erreichen mußte. In dem Verkehr mit ihr, der sich
-weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es
-ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden
-sollte, daß er nur im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen
-könnte, nach dem seine Hand sich streckte. Sie
-war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er
-nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar
-auszeichnete, so glaubte er ihr doch mehr als irgend ein
-anderer zu seyn und die völlige Gewinnung ihrer Liebe
-hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie verdienen
-auf seine Weise. War doch auch das jetzige
-Glück in ihrem Umgang schon unendlich; gingen doch
-die süßesten Gefühle durch sein Herz und gaben seinen
-poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber entzückte.
-Er fühlte sich wie in einem Garten voll der
-mannigfaltigsten Blumen, die ihn in frischester Blüthe
-magisch anleuchteten und deren Wohlgerüche stromgleich
-in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens, der
-Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen
-Gehalt nicht sogleich in die rechte Form bringen
-zu können, er hätte sich damit gewiß den ersten
-Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was jetzt nicht
-möglich war, das geschah später &mdash; und am Ende noch
-besser als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne
-sich hingeben, die Zauberbilder des Liebelebens in sich
-aufnehmen, um sie später in reinen Kunstwerken zu unwiderstehlicher
-Wirkung vorzuführen.</p>
-
-<p>Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller
-Vorzüge, welche die Geliebte zierten, sich bewußt zu
-werden und sie in Versen und Prosa für sich wiederzugeben.
-Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder
-zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte
-in ihrer Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem
-gesteigerten Zauber besonders holder Momente wieder
-und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an ihr
-poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung
-entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens
-erschien ihm edel im schönsten Sinne des Worts,
-das höhere Bewußtseyn, das nicht selten aus ihren
-Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch
-ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der
-sichere Takt und der Verstand, den sie im Gespräch
-mit ihm zeigte, verrieth ihm einen geradezu genialen
-Geist. Sie herrschte in ihrem Hause &mdash; das gebührte
-ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als
-Fürstin ein Volk zu regieren; und wenn ihr dieses Loos
-nicht zufallen konnte, so war es am Ende auch schön,
-als Gattin eines Dichters durch&rsquo;s Leben zu gehen und
-als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation
-gefeiert zu werden.</p>
-
-<p>Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten
-Sinne, konnte das eine Frage seyn? Wenn er bisher
-keine Gewißheit hatte, jetzt war sie gegeben: mit dem
-glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen, hochstrebenden
-Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie
-gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf
-die höchsten Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften
-des Weibes anschaute und die ihm zugleich die
-ausdauerndste Anstrengung, den reinsten Kunstfleiß zur
-frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon <em class="gesperrt">sie</em> erquicken
-sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung,
-seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und
-das Ziel seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt.
-Alles stimmte zusammen. Zu der Leidenschaft und dem
-glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die lieblichsten
-Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen
-ihm und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm
-wieder einmal ein Poet ausreifen, der, in eigenster
-Seele glücklich, auch die andern beglückte und den
-himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen
-ergoß.</p>
-
-<p>Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter,
-indem die beiden Herzen vertrauter und in Momenten
-schöner Erregung die liebenden Blicke des Dichters gar
-warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen
-Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch
-nicht. Der Grund lag in der Zurückhaltung Auguste&rsquo;s,
-die in ihrer Freundlichkeit, auch bei lebhafterer Wallung
-des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und
-auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu
-halten oder doch wieder in sie zurückzuführen wußte.
-Außerdem war Heinrich so glücklich, sie immer wieder
-sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit der
-Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre
-es auch eine glückerhöhende gewesen, kaum wünschte.
-Was er hatte, war so hold, so voller Duft und Poesie!
-Und das Andere mußte ja kommen &mdash; in schönster Weise
-kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine
-bloße Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!</p>
-
-<p>Die Liebe macht jedes Wesen klug und &mdash; nach
-Möglichkeit &mdash; praktisch, sogar den poetischen Idealisten.
-Heinrich sah wohl, daß die Verwandten ihre Tochter
-nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und
-wenn er sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen
-und eigener Arbeiten angenehm und interessant machte;
-wenn er bei Gelegenheit ein wirksames, die betreffenden
-Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn er
-hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in
-Journale zu liefern begann, so versäumte er nicht, bei
-natürlichen Anlässen die Vortheile jetzt lebender Schriftsteller
-vor ihren ehemaligen Genossen in&rsquo;s Licht zu setzen
-und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn er
-thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen
-zu beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut
-besoldeten Staatsdieners gleich komme, ganz abgesehen
-von den möglichen Erfolgen als Lyriker und Erzähler,
-und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den
-deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche
-Ehrensolde zu erlangen vermöge.</p>
-
-<p>Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen,
-so rechnete er genau vor, was man durch Lieferung
-so und so vieler Bogen in politische und literarische
-Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen,
-die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen
-und Honorar ein Stück abwerfe, das den Siegeszug
-über die Bühnen Deutschlands mache &mdash; der wackere
-Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und
-Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst
-mäßigen Gebrauch machte und es für ehrenvoller und
-natürlicher hielt, seine Bezüge fortgehenden Anstrengungen
-des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte
-die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen
-Sinn des Poeten einen vortheilhaften Begriff
-und sprach einmal seine ernstliche Freude darüber aus,
-daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter wie
-solide Menschen zu leben vermöchten. &bdquo;Freilich,&ldquo; setzte
-er lächelnd hinzu, &bdquo;müssen ihre Gedanken auch durchgehen!&ldquo;
-Der Jüngling, in seiner vollkommenen Sicherheit,
-stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der Alte
-freundlich hinzufügte: &bdquo;Nun, bei dir hoffen wir das
-Beste, nach den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen
-hast....&ldquo;</p>
-
-<p>Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden,
-in Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten
-Mannes diente dem jungen Mann nachhaltig. Seine
-dichterischen Arbeiten wurden mit größerem Antheil gehört,
-und als er am Geburtstag der Mutter ein kleines
-Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle
-gab und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen
-rührenden Eindruck machte, gratulirte man ihm auf&rsquo;s
-wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die Eltern glaubten
-auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen
-setzen zu können und sagten sich, daß er am
-Ende doch der Mann wäre, ihre Tochter glücklich zu
-machen. Unser Musensohn durfte unter den Verehrern
-der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich
-machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich
-auch angenommen, daß er der Bevorzugte, der Erwählte
-sey, und daß man eines schönen Morgens die Verlobungsanzeige
-lesen könnte.</p>
-
-<p>Während einer längeren Abwesenheit nach jenem
-poetischen Sieg drohte seinen Hoffnungen indeß einen
-Moment große Gefahr. Ein Anbeter Auguste&rsquo;s bewarb
-sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der
-eine bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren
-stand und sich einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die
-Eltern, geschmeichelt, wußten die Ehre sehr zu schätzen,
-gaben aber die Entscheidung der Tochter anheim; diese,
-in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen
-Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das
-Ereigniß von einem Bekannten gemeldet wurde. Nun
-hatte er den vollen Beweis, daß ihr Herz ihm gehörte,
-auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht länger
-säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen,
-um die Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.</p>
-
-<p>Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen,
-die ihn bald vor allen andern Arbeiten anzog,
-und wenn er sich an sie hingab, ihn anmuthete wie
-eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der
-Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer
-fürstlichen Familie gegeben, die wirksamsten Momente
-hatte er aber selber erfunden, indem er die Hauptpersonen
-zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und den
-Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act
-schien ihm Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf
-die Zuschauer ergreifende, erschütternde Eindrücke hervorbringen
-mußten. Es gibt eine Poesie der Situation
-und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und
-diese Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen,
-daß er über die gleichmäßige Hinausführung
-des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn brauchte.
-Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den
-Entwurf und das richtige, farbensatte Treffen des
-Anfangs an; dieser führt dann zum entsprechenden
-Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem das
-Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken
-in das Gemälde kommt, von dem überwiegend
-Großen und Mächtigen immer selbst wieder ausgestoßen
-wird.</p>
-
-<p>Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn
-ein wundersames, reiches, romantisch holdes und großes
-Bild vor ihr steht und sie dasselbe Zug für Zug, ja
-noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es anschaut,
-auf&rsquo;s Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse
-dem liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das
-Herz an Alles, was erhaben, schaurig und süß in der
-Welt ist, dabei erinnert wird! In den beglücktesten Momenten
-ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt, etwas
-Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben.
-Und wenn das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten
-Schauspielern dargestellt, auf die Herzen der
-Zuschauer eindringt? &mdash; Der Sieg ist unvermeidlich und
-die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!</p>
-
-<p>Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung
-brachte Heinrich das Stück zu Ende. Er ging es kritisch
-genau durch und opferte manchen Vers, der ihm
-an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend
-erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte,
-welchen Effekt die wesentlichsten Scenen auf der Bühne
-zu machen im Stande wären. Durch Erfahrung belehrt,
-wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte er
-das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien
-Freunden mit und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden
-Aenderungen und Streichungen bestimmen.
-Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn und wollte
-das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es
-im Hause der Geliebten vorlas.</p>
-
-<p>An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten
-Versammlung, die den runden Theetisch im Gartenhaus
-umsaß, machte er den Versuch, der über Erwarten
-gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen
-glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die
-Verse weckten den Muth des Autors, und bald las er
-mit einer Wärme, die sich nach und nach zur Begeisterung
-steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen
-Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden,
-zermalmenden Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig
-und schweigsam, dann erfreut, gerührt und nach den
-effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht karg, waren
-am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten
-Acten nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene,
-gehobene, glückliche Gesichter. Am glücklichsten
-war freilich der Autor. Er empfing &mdash; wie das nach
-einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt &mdash; von
-allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr
-besagten, als es die Anerkennenden am andern Tage
-gutgeheißen hätten; sein Antlitz, mitten im Fluß bescheidener
-Ablehnungen, strahlte in beinahe mädchenhafter
-Wonne; und als er endlich einen Moment allein
-gelassen wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten
-auch abgehen möchte, ein würdiger Erfolg
-seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl ganz gesichert.
-&bdquo;Ein würdiger Erfolg?&ldquo; rief eine Stimme aus
-den Tiefen seiner Seele. &bdquo;Das ist nicht genug! Ein
-durchschlagender, ein hinreißender muß es seyn!&ldquo;</p>
-
-<p>Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern
-und Geliebte mit vertrauensvolleren Blicken an. Man
-gratulirte nochmals, der Vater namentlich mit bedeutungsvoller
-Miene, und endlich wünschte man sich mit einer so
-ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon
-Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.</p>
-
-<p>Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um
-durch Schilderung seines Triumphs die Mutter zu entzücken,
-den Vater im Glauben zu stärken und ihn zu
-einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft letzten
-Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem
-Lächeln, aber auch wieder mit bedenklicher Miene,
-sorgte für das bereits erwähnte Päckchen Papiergeld,
-das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg an entscheidender
-Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen.
-Mit dem elterlichen Segen ging dieser wieder
-zum Vetter zurück, um allerlei Einkäufe zu machen, ein
-paar Tage in der Familie zu verleben und dann auf
-Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.</p>
-
-<p>Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen
-mit heiterer Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung,
-der dem Dichter ganz besonders wohlthat. Am
-Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und eilte,
-sie aufzusuchen.</p>
-
-<p>Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten
-begann er mit einem gewissen Lächeln: &bdquo;Morgen also,
-liebe Auguste, geht&rsquo;s fort &mdash; in&rsquo;s Feld.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich
-wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,&ldquo; erwiederte sie
-mit ernster Empfindung; &bdquo;von ganzem Herzen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Es
-gehört viel Muth zu dem Unternehmen,&ldquo; fuhr der junge
-Mann fort, indem er sie bedeutsam ansah; &bdquo;denn für
-mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: &bdquo;Mögest
-du gewinnen &mdash; Alles gewinnen &mdash; das ist mein Wunsch
-und meine Hoffnung!&ldquo; &mdash; Sie schaute auf, ihm in&rsquo;s
-Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten Theilnahme
-&mdash; der Liebe, der ihn traf und entzückte.</p>
-
-<p>Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend
-mit überwallender Herzlichkeit: &bdquo;Ich danke dir,
-Auguste &mdash; und gehe getrost. Es muß mir ja gelingen
-&mdash; wenn nicht um meinetwillen, so doch um deinetwillen,
-da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen.
-Wenn nur,&ldquo; setzte er mit einem eigenen Ausdruck von
-Sorge und Hoffnung hinzu, &bdquo;die Prinzessin gut gespielt
-wird!&ldquo;</p>
-
-<p>Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu
-dieser Figur sie gesessen und der Dichter alles aufgeboten
-hatte, sie darin zu verherrlichen. &bdquo;Wie mir der
-Doktor sagte,&ldquo; bemerkte sie, &bdquo;haben sie in der Residenz
-gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!&ldquo;
-&mdash; &bdquo;In Gottes Namen,&ldquo; versetzte der Autor. &bdquo;Mir,&ldquo;
-fügte er halb lächelnd hinzu, &bdquo;wird sie freilich nicht ganz
-genügen können, wie gut sie&rsquo;s auch machen mag, aber
-dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum ergreift
-und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden.
-Nun, und wenn ich dann wiederkehre &mdash; mit dem Lorbeer
-wiederkehre &mdash;?&ldquo;</p>
-
-<p>Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine
-eben aufbrechende Rose zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe
-bot, sagte sie, mit einem leisen Hauch von Verlegenheit,
-gütig: &bdquo;Zum Andenken &mdash; an unsern Garten,
-wo wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie
-dir Glück &mdash; alles Glück bedeuten!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende,
-und wäre dieser gern um den Hals gefallen, wenn es
-auf dem häuser- und fensterumgebenen Platz nur irgend
-hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre
-Hand, preßte sie zärtlich und rief: &bdquo;Dieser Rose wird
-der Kranz folgen, nach dem ich trachtete von Jugend
-auf; und dann, dann hoff&rsquo; ich auf deinem Haupt einen
-noch schöneren zu sehen &mdash;&ldquo; &mdash; Das Mädchen, unwillkürlich,
-erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer
-und sah den schönen und liebenden Dichter mit dem
-reinsten Wohlwollen an. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den
-ersten Abend in der Residenz ganz dem Cultus der
-Geliebten widmete? Er hatte ihr lange gedient, und ihr
-eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn
-in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte
-machen lassen; aber endlich hatte er das geliebte Herz
-gewonnen &mdash; gewonnen für Zeit und Ewigkeit.</p>
-
-<p>Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus
-verschiedenen Jahren. Er hatte den ersten, den ihm die
-noch nicht erwachsene Cousine schrieb, glücklicherweise
-nicht verloren und besaß also jede Zeile, die sie, anfragend
-oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch
-diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine
-gewisse ruhige Zurückhaltung; in denen aus der letzten
-Zeit herrschte aber ein wärmerer Ton, und wenn die
-freundlichsten Stellen an hingebender Empfindung auch
-nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen,
-so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung
-auf ihn. Im übrigen war ihm alles köstlich, was
-er las; alles war bezeichnend für sie und rief ihm ihr
-himmlisches Bild vor die Seele.</p>
-
-<p>Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch,
-indem er das schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht
-ersetzte. Ein Ausspruch, auf den er traf, erinnerte ihn
-an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug sie auf und
-las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder
-konnte er nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren.
-&mdash; Endlich legte er das Manuscript weg. Es
-waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht entgehen
-lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: &bdquo;Gedanken
-und Entwürfe,&ldquo; schrieb, sann weiter nach, schrieb
-wieder, und blickte zuletzt mit eben so innig vergnügten
-als selbstzufriedenen Mienen in dem kerzenhellen Zimmer
-umher.</p>
-
-<p>Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte
-eine Art Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr
-spielend und sich gelegentlich selbst darüber belustigend,
-ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle Einwirkung
-auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon
-wurde er sich mit angenehmer Empfindung seines Namens
-&bdquo;Born&ldquo; bewußt, da er ihm in seiner Kunst eine
-unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien; und
-auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer,
-unter andern der größte deutsche Kaiser getragen,
-war er sehr zufrieden. Denn im Grunde, sollte im
-<i lang="la" xml:lang="la">nomen</i> nicht dennoch ein <i lang="la" xml:lang="la">omen</i> gegeben seyn können?
-Daß jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird,
-in der That etwas bedeute, konnte man freilich nicht behaupten;
-aber das war auch noch nicht erwiesen, daß
-hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht gefallen
-sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen
-durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf
-ernstere Ereignisse vorzubereiten und zum Abwarten zu
-ermuthigen &mdash; wer weiß es?</p>
-
-<p>Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund
-unwillkürlich seinen Eintritt in die Residenz, den heitern
-Abend und die in ihm angeregten frohen Gefühle; die
-interessante und anziehende Begegnung der beiden Damen;
-das traute Zimmer im Gasthof und die seligen
-Eindrücke, welche Geschenk und Briefe der Geliebten auf
-ihn gemacht; die Tragödie, die ihm unwiderstehlich wieder
-imponirte, und endlich die Fülle neuer, schöner
-Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.</p>
-
-<p>Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei
-sich führte, suchte den Namen des heutigen Tages, und
-las auf der katholischen Seite &bdquo;Justinian,&ldquo; auf der
-protestantischen, zu seinem großen Vergnügen, &bdquo;Herkules.&ldquo;
-Herkules! welch glorioser Patron! Und noch
-dazu bei wachsendem Mond! &mdash; Der folgende Tag war
-bezeichnet durch &bdquo;Magnus,&ldquo; der dritte durch &bdquo;Regina;&ldquo;
-bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die große
-Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht
-wünschen können.</p>
-
-<p>Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd,
-erhob er sich, um in&rsquo;s Speisezimmer hinunterzugehen;
-denn bei der idealistischen Beschäftigung hatten
-sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar eingestellt.
-Er vollendete nun die guten Auspicien, indem
-er eine bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche
-vom Besten ausstach, wobei er das erste Glas für sich
-auf das Wohl der Geliebten leerte, und endlich zu Bette
-gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>II.</h3>
-</div>
-
-<p>Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als
-wenn ein phantasiebegabter Mensch nach gesundem
-Schlaf in einem Zimmer erwacht, das dem überraschten
-Auge fremd erscheint und auf das er sich erst wieder
-besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so
-wirkt der Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer
-Dämmer webt vor seinen Blicken. Das ist recht
-die Zeit der wachen Träume, der beglückenden Vorstellungen,
-die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden
-Morgenhelle wundersam, ungleich muthiger und frischer
-gelingen, als Abends zuvor.</p>
-
-<p>Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der
-Tag ließ sich so heiter an wie der gestrige. Ein goldener
-Reflex der Wetterfahne, die er von seinem Bett aus
-erblickte, verkündigte dem Liegenden die aufgegangene
-Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen.
-Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern
-vielmehr zum klaren Ueberlegen und Handeln war er
-in die Residenz gekommen.</p>
-
-<p>Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das
-Frühstück. Im Sopha zurückgelehnt überdachte er die
-Aufgaben des Tages. Er hatte ein Empfehlungsschreiben
-von einem Universitätsfreund an einen Schriftsteller,
-ein zweites von einem älteren Schauspieler, den
-er in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge
-Kunstgenossin, Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine
-Karte von einem Schulrektor der Handelsstadt an einen
-Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten. Sein
-Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen.
-Er wollte zuerst den Schriftsteller, dann den Professor
-und zu guter Letzt die Künstlerin aufsuchen.</p>
-
-<p>Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der
-Hauptstraßen und Plätze, wobei er sich am längsten vor
-dem Kunsttempel aufhielt, in dessen Innern die für ihn
-so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab er sich in die
-Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern
-der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.</p>
-
-<p>Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig
-blickenden Mann von mittlerem Alter. Betroffen sah er
-ihn an; denn nach dem Feuer und der blühenden
-Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz
-anders vorgestellt. <i>Dr.</i> Willmann &mdash; so hieß der Schriftsteller
-&mdash; nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf
-auf den Empfohlenen einen prüfenden Blick und sagte
-dann: &bdquo;Sie sind, wie ich aus dem Brief abnehme,
-Literat?&ldquo; &mdash; Man kennt den Begriff, den Heinrich
-von sich selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der
-Wirksamkeit eines Dichters im hohen Styl, konnte sich
-eine ehrenvollere und segensreichere nicht denken, und
-wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für
-die Männer der Feder die Bezeichnung &bdquo;Literat&ldquo; im Gebrauch,
-allgemein genug, um die besten und die schlechtesten
-in sich zu begreifen, und darum den Behörden
-und dem Publikum sehr handlich, dagegen für den Ehrgeizigen
-und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner
-Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören.
-An sich ein Ehrentitel, hatte der Name durch
-allzuweite Ausdehnung auf Solche, die sich mit <i lang="la" xml:lang="la">literis</i>
-fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten, eine
-Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu
-peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs.
-Das konnte jetzt freilich nichts helfen; nach einer
-augenblicklichen unangenehmen Empfindung und momentanem
-Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel
-beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses
-vornehmes Lächeln unterdrücken zu können: &bdquo;Wenn Sie
-wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens ist aber die
-Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines
-<em class="gesperrt">Dichters</em> verdienen zu können!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Erfahrene lächelte. &bdquo;Um so besser,&ldquo; erwiederte
-er. &bdquo;Sie haben bis jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Noch nicht. Allein ich will hier &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ein Stück aufführen lassen &mdash; das steht im Brief.
-Ist es ein Schauspiel? &mdash; ein Lustspiel?&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte:
-&bdquo;Bah!&ldquo; &mdash; &bdquo;Eine historisch-romantische Tragödie&ldquo; erwiederte
-er. &mdash; &bdquo;Ah!&ldquo; rief der Andere; und heiter setzte
-er hinzu: &bdquo;In Versen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das meiste: einzelne Scenen
-in Prosa.&ldquo; &mdash; &bdquo;Wo Volk spricht &mdash; shakespearisch!
-&mdash; Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten
-auf dessen Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks
-im Allgemeinen mit. Willmann horchte &mdash; bald mit
-Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen des
-Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben
-glaube, ein Schein von ironischer Beistimmung in dem
-runden Gesicht aufging, so verfehlte doch die ehrlich
-überzeugte, nach und nach begeisterte Art der Darstellung
-nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er
-fühlte, daß der junge Mann Talent habe &mdash; guten
-Willen obendrein &mdash; und im Grund verdiene, damit
-auf den rechten Weg gewiesen zu werden.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr interessant!&ldquo; rief er, nachdem Heinrich das
-Referat geschlossen; &bdquo;und wenn das Alles gut und schön
-motivirt ist &mdash; darauf kommt freilich Alles an &mdash; dann
-kann&rsquo;s auf der Bühne schon eine Wirkung machen.
-Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind
-eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Man will heutzutag
-erheitert, unterhalten seyn und wohlthuende Eindrücke
-empfangen, und man liebt daher vor allem den
-sogenannten guten Ausgang.&ldquo; &mdash; &bdquo;Mag seyn,&ldquo; versetzte
-der Poet nach einem unwillkürlichen Mundverziehen.
-&bdquo;Aber zur Abwechslung wird doch wohl auch eine Tragödie,
-wenn sie wirklich poetisch ist &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ihr Publikum
-finden?&ldquo; ergänzte der Andere; &bdquo;allerdings; aber
-ein kleines und minder treues,&ldquo; fügte er lächelnd hinzu.
-&bdquo;Sicherer werden Sie immer gehen, wenn Sie das Lustspiel
-und Schauspiel cultiviren und darin hauptsächlich
-moderne Gegenstände behandeln.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Am sichersten,&ldquo; versetzte Heinrich mit selbstgewissem
-Lächeln, &bdquo;geht der Dichter, wenn er seinem Genius
-folgt. Das hab&rsquo; ich bei diesem Stücke gethan, und ich
-hoffe, es wird sich rechtfertigen.&ldquo; &mdash; &bdquo;<i lang="fr" xml:lang="fr">A la bonne
-heure</i>,&ldquo; erwiederte der Doctor erheitert. &bdquo;Wenn das
-ist, dann haben Sie freilich gewonnen und können Ihren
-Weg gehen nach Belieben. Der Erfolg entscheidet. Indessen,&ldquo;
-fuhr er nach momentanem Schweigen fort,
-&bdquo;wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn
-mag, der Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst
-noch vorbereitet werden. &mdash; Haben Sie das Stück schon
-eingereicht?&ldquo; &mdash; &bdquo;Noch nicht. Ich möchte vorher noch
-eine Copie &mdash; der Sicherheit wegen &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich begreife.
-Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich
-Ihnen, die Herren Regisseure zu besuchen. Es sind
-meine Freunde, und Sie können sich bei jedem auf
-mich berufen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Sehr dankbar.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und dann &mdash;
-unnütz wär&rsquo;s nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft
-der hiesigen Theaterkritiker bald zu machen
-suchten. Es ist immer besser, sich ihnen empfohlen zu
-haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte
-nach einigem Zögern: &bdquo;Herr Doctor, wenn ich offen
-reden soll, das widersteht mir einigermaßen, und ich
-meine, ich kann&rsquo;s überhaupt unterlassen. Macht mein
-Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker
-schon gezwungen seyn &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Es zu loben, meinen
-Sie? Da sind Sie doch wohl im Irrthum. Kritiker
-lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur
-Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums
-oft im direktesten Widerspruch.&ldquo; &mdash; &bdquo;Womit sie
-sich dann aber nur selber schaden!&ldquo; versetzte der Poet
-mit Nachdruck.</p>
-
-<p>Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg.
-Nach einer Pause erhoben sich beide und jener sagte:
-&bdquo;Mein lieber Herr College, Sie sind mir von einem
-guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum
-auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen
-nützlich seyn kann. Was Sie thun wollen, ist natürlich
-ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen aber künftig in
-etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie sich
-an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm,
-Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter
-Empfindung. Eine gewisse Höflichkeit in den Formen
-konnte er ihm nicht absprechen; indessen von einer höheren
-Gesinnung hatte er nicht sehr viel wahrgenommen
-und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht
-entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. &bdquo;Ein Freund,&ldquo;
-sagte er sich, &bdquo;wird das nicht werden, das ist klar.
-Allein dienstfertig scheint er doch zu seyn, und am Ende
-muß man jeden nehmen, wie er ist.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor.
-Durch ein Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte
-übergeben hatte, angemeldet, wurde er in
-der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte,
-ihr Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn
-und freue sich, den Herrn Doctor kennen zu lernen.
-Sie fragte ihn nach der Familie des Schulrektors, die
-sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und
-die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute
-ihn bald mit offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges
-hageres und ziemlich bleichsüchtiges Mädchen
-trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von der
-Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit
-der behaglich aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit
-hatte, so glaubte Heinrich von ihr einen Schluß
-auf den Vater ziehen zu können. Auch sie thaute bald
-auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten,
-wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur
-Mutter gewendet, verstohlenerweise einen sehr beifälligen
-Blick. Endlich wurden in dem entgegengesetzten Seitenzimmer
-Schritte hörbar, die Thüre ging auf und eine
-lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief:
-&bdquo;Herr Doctor, darf ich bitten?&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte
-sich vor und betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen
-errathen hatte, während der ersten Begrüßungsreden
-mit Interesse. Professor Sartorius war Lehrer
-der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher
-Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer
-ankam, diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht
-heimisch waren, ernstlich zu schätzen. Er hatte sich durch
-zwei scharfsinnige Werke voll kühner Hypothesen einen
-Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit
-einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher
-Strenge gepaart aus seinem raubvogelähnlichen
-Gesicht hervorsah. Freundlichkeit war ihm eine schwierige
-Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv haben
-oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie
-aber doch, nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen
-Züge, welche lächelten, erschienen unserem
-jungen Mann sehr charakteristisch.</p>
-
-<p>Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten
-Fragen gab, mußten ihm gefallen, denn er sah diesen
-mit dem humansten Blick an, dessen er fähig war, und
-sagte: &bdquo;Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich gleichfalls
-dem Lehrfach widmen?&ldquo; &mdash; Heinrich sah ihn überrascht
-an. &mdash; &bdquo;Sind Sie nicht Philolog?&ldquo; fuhr jener
-fort. &mdash; &bdquo;Nein,&ldquo; versetzte Heinrich. &bdquo;Ich habe &mdash;&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ah so,&ldquo; fiel der Professor ein; &bdquo;ein anderes Fach.
-Nun, und was für eines? &mdash; Geschichte &mdash; Mathematik
-&mdash; Naturwissenschaft &mdash; Philosophie?&ldquo;</p>
-
-<p>Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser
-Poet den Kopf, erwiederte aber, mit ahnender Seele,
-zögernd: &bdquo;Ich habe &mdash; ich bin &mdash; Dichter.&ldquo; &mdash; &bdquo;Dichter!&ldquo;
-wiederholte der Gelehrte, indem er ihn mit einer
-Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch
-erschienen wäre. &bdquo;Dichter! &mdash; Und sonst nichts?&ldquo;</p>
-
-<p>Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich
-aus dem Munde kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise
-der Poet verletzt. &bdquo;Ich meine, das wäre genug,&ldquo;
-entgegnete er mit einer gewissen Schärfe. &bdquo;Wenn man&rsquo;s
-recht ist &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo; versetzte der Professor
-mit einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen
-Mann bereits völlig aufgegeben habe. Dieser sah, wie
-er mit dem Herrn daran war, und sann auf eine
-Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte
-sich wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen
-ihm Empfohlener müsse doch irgend eine Bedeutung
-haben; und indem er seinem Gesicht mit Anstrengung
-einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte,
-fuhr er fort: &bdquo;Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische
-Werke der Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin
-in der neuesten deutschen Literatur nicht sehr bewandert,
-wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und
-Fachstudien &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O,&ldquo; versetzte Heinrich, &bdquo;wenn Sie die neuesten
-Werke auch alle angesehen hätten, von mir würden Sie
-doch keines darunter getroffen haben; denn ich habe bis
-jetzt noch keines herausgegeben.&ldquo; &mdash; &bdquo;So?&ldquo; erwiederte
-der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich
-wurde. &mdash; &bdquo;Ich habe aber,&ldquo; fuhr Heinrich trotz allem wieder
-mit einem gewissen Bewußtseyn fort, &bdquo;ein größeres
-Werk vollendet, eine historisch-romantische Tragödie, die
-ich bei dem hiesigen Hoftheater einreichen will.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen
-Ausdruck. Heinrich, in seiner Zuversicht, fügte hinzu:
-&bdquo;Wenn es gegeben wird und Sie der Aufführung beiwohnen
-&mdash;&ldquo; &mdash; Nun war aber die Geduld des Mannes
-zu Ende. Mit offenster Geringschätzung und gereizt
-scharfem Ton erwiederte er: &bdquo;Ich gehe <em class="gesperrt">nie</em> in&rsquo;s Theater!
-&mdash; Finde keine Zeit dazu, Herr <em class="gesperrt">Doctor</em>,&ldquo; setzte er
-etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch
-accentuirte, &bdquo;und muß also schon bedauern &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern
-Hierseyns, &bdquo;glaubte also die kostbare Zeit des Herrn
-Professors nicht länger in Anspruch nehmen zu dürfen,&ldquo;
-und empfahl sich mit dem ernsten Stolz eines Verletzten.
-Die Miene des Gelehrten, der sich einer Last überhoben
-sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem Abgehenden
-seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor
-auf, geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre,
-indem er sagte: &bdquo;Wenn ich Ihnen sonst in etwas dienen
-kann &mdash;&ldquo; &mdash; Heinrich, seinerseits ironisch, verbeugte sich
-tief und entfernte sich.</p>
-
-<p>Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen.
-&bdquo;Nun,&ldquo; rief sie, &bdquo;wie hat dir der junge Mann
-gefallen? Ist er wirklich &mdash;?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ein Literat!&ldquo; fiel
-der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf
-ließ; &bdquo;ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich
-begreife nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen
-in&rsquo;s Haus schicken konnte. Es sieht beinahe aus, als
-ob er mich damit ärgern wollte. Nun,&ldquo; setzte er mit
-einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, &bdquo;er
-wird so bald nicht wiederkommen.&ldquo; &mdash; Die Frau stand
-überrascht, ja betrübt, und sagte endlich mit Bedauern:
-&bdquo;Schade!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der
-Straße weiter. &bdquo;Ein fataler Mensch!&ldquo; sagte er sich
-endlich, &bdquo;und kein gutes Omen! Dieser Pedant, der
-seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein
-großer Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der
-Kunst, und weiß nicht, daß er vor Gott und Menschen
-eine widerliche Figur ist. Ah, bah!&ldquo;</p>
-
-<p>Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte
-über sich selbst und schritt mit erneutem Muthe weiter.
-Körperlich fühlte er sich aber ziemlich ermattet und
-folgte daher der Einladung eines Schildes, der ihm
-eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang
-kommen, trank mit Bedacht und konnte nicht umhin,
-dankbar auf das Gewächs zu sehen, das es so gut
-mit ihm meinte und so poetisch duftete, während ihm
-die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm
-wurden.</p>
-
-<p>Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die
-Stimmung, seinen dritten und wichtigsten Gang zu
-unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte ihm, daß
-er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin
-konnte einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß,
-unmöglich anders als liebenswürdig empfangen;
-und sein Freund, der alte Schauspieler, hatte ihm die
-Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber
-als durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert.
-Er machte sich auf den Weg und stand bald
-im zweiten Stock eines hübschen Hauses vor der gesuchten
-Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien
-eine alte Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte
-seinen Namen und wurde von der Wiederkehrenden in
-einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa werde sogleich
-erscheinen.</p>
-
-<p>Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte
-sich sagen, daß er nicht leicht ein reizender eingerichtetes
-Zimmer gesehen. Die Vertheilung der Möbeln, Wandbilder
-und sonstigen Zierden war so geschmackvoll, daß
-sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt fühlten,
-und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus
-traulich her. Die Bilder waren zum Theil Porträts
-berühmter Schauspielerinnen, und unser Dramatiker,
-der die wenigsten davon gesehen, begann sie zu mustern.
-Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch
-lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid
-rauschte. Er sah hin und stand auf&rsquo;s lebhafteste betroffen:
-es war die junge Dame von gestern. Auch sie
-hatte ihn erkannt. &bdquo;Ah,&ldquo; rief sie nach momentan überraschtem
-Blick mit heiterer Freundlichkeit, &bdquo;das ist ja
-ein alter Bekannter. Nun,&ldquo; fuhr sie fort, indem sie
-auf ihn zuging und ihm die Hand bot, &bdquo;willkommen in
-der Residenz, willkommen im Namen des Theaters!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand
-stärker, als er&rsquo;s im Sinne gehabt, und dankte für den
-gütigen Empfang mit der Miene eines Glücklichen. Ein
-paar Minuten später saßen sie beisammen auf der
-Rohrbank in der Laube.</p>
-
-<p>&bdquo;Ein dramatischer Dichter,&ldquo; begann Rosa, indem
-sie ihn lächelnd ansah. &bdquo;Etwas Poetisches hab&rsquo; ich
-gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie dramatische
-Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht
-zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,&ldquo; fuhr sie fort.
-&bdquo;Wir sehnen uns Alle wieder nach einem guten, effektvollen
-Stück; ich für meine Person wünschte dringend,
-eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich
-sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich
-vorkäme.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft.
-Die Schauspielerin errieth ihn sogleich. &bdquo;Ihr
-Stück hat keine Rolle für mich?&ldquo; entgegnete sie. &mdash;
-&bdquo;Ich fürchte &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief sie bedauernd, &bdquo;das
-ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine
-Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Eine historisch-romantische Tragödie,&ldquo;
-versetzte der Poet. &mdash; &bdquo;Eine historisch-romantische Tragödie!&ldquo;
-wiederholte sie. Und indem sie ihn ansah,
-fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen
-Lächeln hinzu: &bdquo;Das hätt&rsquo; ich mir denken
-sollen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging,
-wurde verlegen, oder, wie er meinte, ärgerlich. &bdquo;Also
-die dritte Opposition gegen mein Streben!&ldquo; rief&rsquo;s in
-ihm; &bdquo;erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer
-Besuch!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort:
-&bdquo;Ja, ja, so machen es uns die ehrgeizigen Dichter
-heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und Größte soll von
-ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den
-ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber
-es gibt ein Publikum, das auch etwas Anderes sehen,
-und Schauspieler, die etwas Anderes spielen wollen.&ldquo;
-Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden. Dann,
-mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: &bdquo;Also nicht einmal
-eine hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So
-eine Vertraute z. B., munter, fröhlich, schalkhaft, und
-doch vollkommen treu und anhänglich, ein leichteres,
-irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen Hauptheldin
-noch recht gut ausnehmen kann?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. &mdash;
-&bdquo;Wie?&ldquo; rief sie, &bdquo;gar nichts?&ldquo; &mdash; &bdquo;Leider!&ldquo; erwiederte
-der Poet. &bdquo;Wie ich&rsquo;s auch überlege, ich finde keine
-Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur
-ist Heroine, heroische Liebhaberin &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Das begreift
-sich,&ldquo; warf die Schauspielerin dazwischen. &mdash; &bdquo;Und von
-den übrigen keine so bedeutend, daß ich Sie Ihnen anbieten
-könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich ernsthafter
-Natur sind.&ldquo; &mdash; &bdquo;Also die reine Tragödie! Gar
-kein Humor?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ausgenommen in den Volksscenen,
-denen ich eine naturwahre Derbheit zu geben suchte, die
-vielleicht belustigend wirkt.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: &bdquo;Wissen
-Sie, verehrter Herr Doctor, daß Sie im Grunde genommen
-sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück aufführen
-lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir
-einen Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich
-zu seyn! Kennen Sie das Theater? Kennen Sie
-die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine zweite
-Liebhaberin &mdash; welches zu seyn ich die Ehre habe &mdash;
-sich berufen sehen kann, der ersten zu einem Triumph
-zu verhelfen? Wissen Sie, was Künstlereifersucht ist?
-&mdash; Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und kennen
-das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich,
-aber die Schauspielerherzen im Besondern haben Sie
-noch nicht kennen gelernt!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone
-gesagt, daß der Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls
-nahm er sich zusammen und entgegnete: &bdquo;Unter diesen
-Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung
-bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich
-hat aber den Fehler doch Herr Holler gemacht. Er,
-obwohl er mein Stück so weit kannte, hat mir Sie genannt &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Weil er mich kennt,&ldquo; fiel Rosa heiter
-ein; &bdquo;weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das
-sogar uneigennützig seyn kann.&ldquo; Und mit ernsterem
-Tone fuhr sie fort: &bdquo;Keine Sorge, Herr Doctor, wir
-Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht,
-wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können
-wir allerdings fühlen, und ich wollte Ihnen große
-Künstler nennen, die auch darin nicht klein sind. Wir
-mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als andere
-Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der
-Regel bleiben sie auf der Oberfläche und sind bald wieder
-verflogen. Eigentlich und für gewöhnlich sind wir
-ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns außerordentlich
-leicht, und wenn wir uns schön thun, sind
-wir dabei so ehrlich, wie andere gebildete Menschen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte
-Bemerkung ein bescheidenes Lachen hören, und die
-Schauspielerin fuhr fort: &bdquo;Was mich betrifft, so kommt
-Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn Sie&rsquo;s
-nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze
-keinen Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit
-Jahren zweite Liebhaberin ist und meist für Nebenfiguren
-lodern muß, da wird man nach und nach bescheiden,
-und das bischen höheres Streben, das man in
-seine Stellung noch mitgebracht hat, verfliegt einem
-gänzlich. In der Regel haben wir die Aufgabe, der
-hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin, die
-sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß,
-freundlichen Beistand zu leisten, und das gewöhnt man
-sich zuletzt förmlich an, so daß man sich auch außer
-dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu helfen,
-wenn&rsquo;s eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei
-mir doch nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß
-es auch in meiner Macht steht, etwas für Sie zu thun.&ldquo;</p>
-
-<p>Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja
-herzlichen Klang, in welchen die Künstlerin von dem
-scherzenden mit Anmuth übergegangen war; und Heinrich
-konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr
-mit Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem
-Blick, der fast lauter Güte war und durch ein flüchtiges
-Licht von Schalkheit nur um so reizender wurde. Dem
-Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf;
-er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen
-Drang, gegen die fühlende Seele sich vertrauensvoll
-über sein Streben auszusprechen, und sagte: &bdquo;Es ist
-mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß Sie
-die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin
-nicht gegen das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen
-Lebens auf dem Theater; im Gegentheil, es
-können da recht gute Sachen entstehen, rührende und
-erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische
-Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch
-immer die Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten
-Abgründe des Herzens hinabführt, um uns zu den
-höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen. Der
-Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben
-und die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen
-erschließen. Wir wollen mit ihm eintreten
-in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was wir im
-gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit
-und Fülle haben. Und dazu muß er sich den
-rechten Stoff wählen und den rechten Schauplatz der
-dramatischen Handlung. Die Menschen, die er schildert,
-müssen außerordentlich seyn <em class="gesperrt">dürfen</em> &mdash; er muß durch
-sie nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben
-werden. Da sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet
-der Geschichte und der Sage liegen, besonders günstig;
-der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten poetischen
-Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe,
-Tiefsinn und romantischem Gefühl in ihm liegt. &mdash;
-Wollte Gott,&ldquo; setzte er mit herzlichem Ernst hinzu,
-&bdquo;daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre! Ich
-würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern &mdash; und
-Sie, mein Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe &mdash; bekehren.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme
-zugehört und erwiederte nun auf die artig betonten
-Schlußworte: &bdquo;Sie haben nicht weit mehr dazu. Wer
-so gut über eine Sache reden kann und sie so lebendig
-vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und
-nehmen Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde
-mir große Freude machen, denn ich sehe, Sie meinen
-es ehrlich mit Ihrer Kunst.&ldquo;</p>
-
-<p>Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung.
-Seine Augen glänzten und sein männlich schönes
-Gesicht gewann so sehr den Ausdruck eines Dichters, daß
-es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur Bestätigung
-diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und
-über ihre Wange floß eine Röthe froher Anerkennung.
-Heinrich, von ihrem Anblick seinerseits bewegt, rief:
-&bdquo;Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite Liebhaberin
-bleiben und nicht immer die bloß muntern oder
-bürgerlich rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein
-höherer Geist, ein dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur
-wollen, und Sie werden uns die poesievollsten Gestalten
-vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den
-letzten Worten erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich
-und der gemüthlich schelmische Ausdruck erlangte
-wieder die Oberhand. &bdquo;Nicht weiter, mein begeisterter
-Freund!&ldquo; entgegnete sie; &bdquo;es könnte Sie gereuen! Wollen
-Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich
-zum Einstand einen Rollenstreit veranlassen? Nein,
-mein lieber Herr: jedem das Seine, das ist ein guter
-Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in der
-That einige Anlagen zum &bdquo;Höheren&ldquo; in mir liegen, so
-will ich sie hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um
-nach und nach einer passenden Rolle in einem Ihrer
-<em class="gesperrt">künftigen</em> Stücke zuzureifen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg,
-und seine Miene hatte bereits eine kleine Wendung zur
-Verlegenheit gemacht, als man die äußere Thüre gehen
-hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich
-nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob
-sich rasch. Jene, die ihn erkannte, sah ihn verwundert,
-aber vergnügt an.</p>
-
-<p>&bdquo;Unsere gestrige Begegnung,&ldquo; rief die Tochter, zu
-ihr tretend. &bdquo;Herr Doctor Born, dramatischer Dichter,
-der mir durch Freund Holler empfohlen ist und ein fertiges
-Stück mitgebracht hat.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief die Frau
-mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; &bdquo;seyen
-Sie doppelt willkommen!&ldquo; Sie reichte ihm die Hand,
-und der Poet schüttelte sie kräftig. &mdash; &bdquo;Du siehst,&ldquo; bemerkte
-Rosa zu ihr, &bdquo;wir haben gestern nicht weit davon
-gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder Maler,
-der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg
-und die Ehren zu finden, die ihm gebühren.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden
-Blick auf sie, erkundigte sich bei dem jungen Mann
-theilnehmend nach seinem Vorhaben und der mitgebrachten
-Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen, und
-Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung.
-Unter Anleitung der Erfahrenen nahm das
-Gespräch eine praktische Wendung. Was ist zu thun?
-Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß
-war die Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz,
-die Regisseure zu besuchen, wurde Heinrich im Lauf
-der Unterredung bestärkt: seine erklärte Abneigung, den
-Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen lächelndes
-Kopfschütteln zur Folge. &bdquo;Vor der Aufführung,&ldquo;
-sagte Rosa, &bdquo;sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn.
-Aber die Sache geht ja ganz einfach, wofür habt ihr
-Herrn denn das Wirthshaus?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist wahr,&ldquo; versetzte der Poet. &bdquo;Und einen literarischen
-Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein
-kennen gelernt hat, kann man am Ende besuchen.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ich sollt&rsquo;s meinen,&ldquo; entgegnete die Schauspielerin,
-nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.</p>
-
-<p>Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie:
-&bdquo;Was nun aber die Annahme betrifft &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich
-hab&rsquo; einen Gedanken,&ldquo; rief hier die Tochter. &bdquo;Da Sie
-uns,&ldquo; fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, &bdquo;das Stück
-zu lesen geben wollen &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Sobald die Abschrift
-fertig ist.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und ich voraussetze, daß außer unserer
-Heroine auch unser heroischer Liebhaber, unser Heldenvater
-und unser Charakterspieler dankbare, sehr dankbare
-Rollen darin haben werden &mdash;&ldquo; &mdash; Heinrich, nach
-einem Moment der Erwägung, erwiederte zuversichtlich:
-&bdquo;Ich meine.&ldquo; &mdash; &bdquo;So will ich gelegentlich gegen diese
-Herrschaften ein Wort fallen lassen über das Stück,
-was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen
-Rollen und die Möglichkeit eines Triumphes, was sie
-mit großem Interesse hören werden. Sie können das
-Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn namentlich
-unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht
-lebhaft den Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen,
-dann hätten wir Aussicht.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige
-Theilnahme und die freundlichen Rathschläge auf&rsquo;s
-wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber, daß die
-Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er
-mit der Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.</p>
-
-<p>Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden
-Frauen zugewendet, fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt;
-er sah die Angelegenheit in bester Einleitung
-begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den Gasthof
-zurück.</p>
-
-<p>Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte.
-Aus dem langen Brief heben wir folgende Stellen aus:
-&bdquo;Die persönliche Bekanntschaft mit Friedrich Willmann
-hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht. Im
-Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir
-nützlich werden zu wollen. In seiner Art liegt aber
-etwas Ironisches, das mir nicht recht gefallen kann.
-Er ist ein großer Verehrer der Klugheit &mdash; mehr als
-es sich für einen Dichter geziemen will &mdash; und scheint
-mir bei seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die
-Vortheile zu sehen, die sie ihm bringen sollen. &mdash; Mir ist
-die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe sie um ihrer
-selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen
-damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer
-Folgen mich locken und reizend vor meiner Seele stehen
-mag, so ist es der Ruhm &mdash; der Lorbeer, der die Schläfe
-des Siegers krönen soll. An Weiteres denk&rsquo; ich kaum,
-wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will.
-Aber der wahre Dichter steht unter dem Schutze der
-Götter und er hat die Verheißung, daß ihm alles
-Uebrige zufallen wird.</p>
-
-<p>&bdquo;Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an
-einen sonderbaren Kauz empfohlen hat. Ich meinte
-bisher, die Stockphilologen im schlimmen Sinne seyen
-ausgestorben und die Männer der Erudition trachten
-darnach, dem Studium der Humaniora einige Humanität
-im wirklichen Leben beizugesellen; allein es gibt
-doch noch einzelne Exemplare und ich bin hier auf eines
-gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen
-mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der
-sich das seine fröhlich selber producirt, nur geringschätzen!
-&mdash; Ich hab&rsquo; mich aber doch geärgert, als der
-Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ und
-sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils
-sogar noch etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß
-nicht nur dem Gottseligen, sondern auch dem Poeten
-Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich dieß
-schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner
-Seele, das mich ergötzt, und es wird höchstens so viel
-Groll in mir bleiben, daß ich ihn gelegentlich einmal
-satirisch verwenden kann.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn
-mein dritter Besuch &mdash; der eigentlich bedeutsame &mdash; ist
-über Erwarten gut ausgefallen. In der Schauspielerin,
-an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte, und in
-ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich
-zwei außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen
-kennen lernen, und ich darf wohl sagen, Freundinnen
-gewonnen. Die junge Dame ist hübsch und
-könnte manchem Andern gefährlich werden &mdash; ich freilich
-bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild,
-als das der Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein
-Wesen von heiterem Humor und einem Trieb, neckisch
-mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein freundliches
-Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern
-für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg
-des Stückes zur Bühne wird geebnet, und wenn nur
-dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt ist, dann
-bin ich außer Sorge.</p>
-
-<p>&bdquo;Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen,
-das hab&rsquo; ich schon erkundet, und wenn sie der Künstlerin,
-die das Stück lesen wird, einleuchtet, so wird
-dieß auch bei der Frage der Annahme von großem Gewicht
-seyn. &mdash; Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut
-an, und meine Zuversicht ist keine Thorheit.</p>
-
-<p>&bdquo;Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste
-Gebilde meiner Phantasie, das gleichwohl nur ein
-schwaches Nachbild der geliebtesten Wirklichkeit ist, auf
-der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst seltsam wird
-mir dabei zu Muthe seyn! &mdash; Zauberei! Blick in eine
-Welt voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! &mdash;
-O Auguste! &mdash; ich hab immer nur dich vor Augen,
-ich beziehe Alles, was ich erfahre, schaue, denke, auf
-dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet, scheint
-mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß
-ich dich verherrliche und dir ein Leben der Ehre und
-Wonne bereite! &mdash; O Liebe &mdash; Poesie der Poesie! Das
-liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in wunderholdem
-Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen,
-bleibt auch so viel zurück, daß es die ganze
-Welt verklärt und jeden Winkel der Erde in süßem
-Scheine malt!</p>
-
-<p>&bdquo;Laßt mir&rsquo;s gelingen, gute Geister! laßt mich den
-Sieg erstreiten, nur um der Einen Lust willen, Ihr
-ihn zu melden! Ich wollte ja gern entsagend warten
-und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt!
-Aber um deinetwillen darf&rsquo;s nicht seyn &mdash; um deinetwillen
-muß es, wird es glücken!</p>
-
-<p>&bdquo;Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil
-der Freude empfindest, dieses zu lesen, die ich
-fühle, es zu schreiben, so bin ich glücklich!&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>III.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der
-langsam schrieb, aber eine deutliche, charaktervolle Hand
-nachgewiesen hatte. Der Autor wartete indeß zum
-Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der
-Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von
-Barnhelm auf und Rosa gab darin die Franziska. Es
-war eine ihrer besten Rollen und sie übertraf sich dießmal
-selber darin. Das Publikum war hingerissen und unser
-Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte
-er die eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels
-oder Lustspiels, wenn er auch den Mangel der
-Gattung und das Einseitige des Lessing&rsquo;schen Stücks
-(was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich
-überzeugte er sich aber, was in einer Partie
-wie Franziska geleistet werden kann, wenn die Schauspielerin
-mit reizender Laune sie völlig wieder zu beleben
-wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag
-zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank
-mit Enthusiasmus auszusprechen.</p>
-
-<p>Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete
-von ihrer Seite mit dankendem Blick. Die Mutter trat
-aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr heiter entgegen:
-&bdquo;Ich hab&rsquo; ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter!
-und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes
-vor mir auszugießen!&ldquo;</p>
-
-<p>Vergnügt erwiederte die Frau: &bdquo;Das ist freundlich.
-Aber du hast die Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich
-habe sie noch nicht so von dir gesehen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gott weiß,
-warum,&ldquo; entgegnete die Künstlerin. &bdquo;Zuweilen ist man
-eben voller Lust und Uebermuth &mdash; und das ist die
-Hauptsache bei der Schauspielkunst.&ldquo; &mdash; &bdquo;Bei jeder
-Kunst!&ldquo; versetzte Heinrich.</p>
-
-<p>Die Schauspielerin sah für sich hin. &bdquo;Nun,&ldquo; bemerkte
-sie dann etwas scheinheilig, &bdquo;Sie haben sich also
-überzeugt, daß man in einer Rolle, die aus dem gewöhnlichen
-Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung
-machen kann?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das habe ich nie bezweifelt,&ldquo; entgegnete
-Heinrich, &bdquo;aber in dieser Ausdehnung allerdings
-nicht für möglich gehalten. Es war eben ein <i lang="la" xml:lang="la">non plus
-ultra</i>,&ldquo; fügte er lächelnd hinzu, &bdquo;und die reißen immer
-hin.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Künstlerin wiegte den Kopf. &bdquo;Sie geben also
-zu, daß es auch gar keine so schlechte Aufgabe wäre,
-ein Schauspiel zu schreiben?&ldquo; &mdash; &bdquo;Um so lieber,&ldquo; versetzte
-der Poet, &bdquo;als ich&rsquo;s nie geläugnet habe. Das Schauspiel
-in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile,
-obschon &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Es natürlich tief unter der Tragödie
-in Versen steht,&ldquo; ergänzte Rosa, &bdquo;das ist klar! Aber
-wenn es nun so ausfiele, wie Minna von Barnhelm &mdash;?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Dieses Stück,&ldquo; erwiederte Heinrich nach einigem
-Besinnen ernsthaft, &bdquo;ist vortrefflich in seiner Art; aber
-im Grunde ist doch zu viel bürgerliche Moral und
-Tugend darin, wodurch es einen etwas hausbackenen
-Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken,
-hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. &mdash; Das
-poetische Drama, die Schöpfung der idealisirenden Phantasie,
-die uns in eine große, weite, farbenreiche Welt
-führt, ist doch was ganz anderes.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit
-Heinrich dieses Urtheil fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte
-unwillkürlich den Kopf. &bdquo;Ei, ei,&ldquo; entgegnete sie,
-&bdquo;das heißt leicht fertig werden mit einem Stück, das
-eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen!
-Diese Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung
-überall auf dem Repertoire geblieben, und das
-muß doch seinen Grund in einem Werth haben, den
-wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer
-Querfrage dazwischen, um ihm über eine angehende
-Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht eine empfindliche
-Replik zur Folge gehabt hätte. Während der Beantwortung
-sammelte sich der Getroffene und fühlte
-nun, daß <em class="gesperrt">er</em> etwas gut zu machen habe. Er kam auf
-die Lessing&rsquo;sche Komödie zurück, rühmte mit dem Ausdruck
-wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso
-kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn
-in den Regionen der Ethik und Aesthetik, die
-Geistesbildung des Dichters, vermöge deren er dem
-bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu verleihen
-gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als
-er zum Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam
-und über ihre Auffassung und Durchführung bestimmte
-ästhetische Urtheile fällte, die fast noch schmeichelhafter
-klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung,
-da sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den
-braunen Augen.</p>
-
-<p>Nach einer Weile begann sie: &bdquo;Wann bekommen
-wir aber Ihre Schöpfung, die Tragödie zu lesen?&ldquo; &mdash;
-Der Poet versetzte: &bdquo;In einer Woche soll ich die Abschrift
-erhalten. Diese wird in&rsquo;s Bureau der Intendanz
-wandern, mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu
-Füßen legen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Sehr viel Ehre,&ldquo; erwiederte sie
-heiter. &mdash; &bdquo;Aber,&ldquo; fuhr sie nach einigem Besinnen fort,
-&bdquo;können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen
-&mdash; oder selbst vorlesen? &mdash; Sie haben gewiß
-lyrische Gedichte gemacht.&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings.&ldquo; &mdash; &bdquo;Liebeslieder!&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Auch solche,&ldquo; versetzte der Poet lächelnd.
-&mdash; &bdquo;Natürlich,&ldquo; rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah.
-&bdquo;Nun, wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo
-ich frei bin, Abends zu uns und bringen Sie Ihre
-Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen,
-auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen,
-dann können Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück
-selber vorlesen, was unter Umständen sehr nützlich
-seyn kann.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit
-Vergnügen zu. Man schied im besten Einvernehmen
-und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.</p>
-
-<p>Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa
-zur Mutter: &bdquo;Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch
-vornehm, im Grund aber doch ein guter Mensch!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Das erste,&ldquo; versetzte die Mutter, &bdquo;hast du ihn vorhin
-beinahe zu deutlich fühlen lassen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Konnte nicht
-schaden,&ldquo; erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort:
-&bdquo;Auf seine Liebesgedichte bin ich begierig; wird wohl
-viel Einbildungskraft dabei seyn.&ldquo; &mdash; &bdquo;Wer weiß!&ldquo;
-bemerkte die Mutter. &bdquo;Es ist ein hübscher Mann und
-die Poeten &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Phantasiren und idealisiren. Nun,
-wenn es nur schön herauskommt, dann soll er doch Lob
-haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im
-Grunde vergnügt den Gang in die kleine Wohnung,
-die er sich nicht allzuweit vom Theater gemiethet hatte.
-&bdquo;Sie hat Recht,&ldquo; sagte er zu sich, &bdquo;wenn sie das Stück
-von Lessing hoch hält; aber ich hab&rsquo; auch Recht. Wie
-geistreich und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche
-Aroma der Poesie ist doch nicht darin. Und hier
-allein liegt der wahre Zauber, das überschwängliche
-holde Leben, und wir können uns baden in einem
-Meer von Wohlgerüchen.&ldquo;</p>
-
-<p>Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den
-Damen mit zwei Heften ein, in die er seine Gedichte
-eingeschrieben hatte. Man setzte sich um den runden
-Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte. Das
-Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa
-ermuntert, begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher
-durchgegangen und genau bestimmt, was und in welcher
-Folge er vortragen wollte. Trotz der geistigen Zuversicht,
-die er mitgebracht, fing er nun doch mit unsicherer
-Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu
-lesen. Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder
-gewählt, die eben so anspruchslos wie hübsch waren;
-der aufrichtige Beifall der Hörerinnen entband ihn und
-gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit.
-Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im
-Schwunge des Gefühls gar nicht mehr weiß, daß es
-eine Befangenheit gibt.</p>
-
-<p>Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen
-finden. An den einen widersprachen Uebertreibungen
-ihrem Geschmack, an andern vermißten sie den
-wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt durch
-herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit
-einem ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als
-Anerkennung ausdrücken sollte, oder mit einem Ausruf
-begnügen, der etwa bedeutete: &bdquo;Nun ja, lassen wir&rsquo;s
-passiren!&ldquo; &mdash; In seinem Eifer machte er sich aber nicht
-viel daraus, wenn er&rsquo;s auch richtig deutete, und im
-Ganzen war die Lobernte doch überwiegend. Endlich,
-beim Aufschlagen eines neuen Gedichts, wurde seine
-Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine entsprechende
-Haltung an und begann mit herz- und klangvollem
-Ton zu lesen. Es war eine begeisterte Schilderung
-der Geliebten und eine leidenschaftliche Erklärung
-völlig und ewig sich hingebender Liebe.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr schön!&ldquo; rief die Mutter, als er geendet hatte;
-und Rosa bemerkte mit Ernst: &bdquo;Bei weitem das schönste!
-Das innigste Gefühl, edler Schwung, der wahrste, herzlichste
-Ausdruck! Das,&ldquo; setzte sie mit einem leisen Lächeln
-hinzu, &bdquo;das ist Poesie!&ldquo; &mdash; Heinrich antwortete
-auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten
-Freude. Er sah dann auf den Tisch und sagte: &bdquo;Wenn
-mir dieses Gedicht gelungen ist, so ist&rsquo;s auch nicht zu
-verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen abgeschrieben,
-und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich
-verlobt bin!&ldquo;</p>
-
-<p>Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß
-unwillkürlich zusammen und sahen sich an. Auf dem
-Gesicht Rosa&rsquo;s folgte einer leichten Blässe rasch eine
-tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der
-Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: &bdquo;Sie haben
-eine Braut? Und davon haben Sie uns noch nichts gesagt?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Es fand sich noch kein Anlaß dazu,&ldquo; erwiederte
-Heinrich. &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; rief das Mädchen, die
-sich völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, &bdquo;davon
-müssen Sie uns mehr erzählen! &mdash; Das Idealbild,&ldquo;
-fuhr sie nach kurzem Innehalten mit Lächeln
-fort, &bdquo;haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber
-wer ist sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt
-in uns noch viel größern Antheil.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab
-dann Antworten auf weitere Fragen. Da die beiden
-Frauen das lebendigste Interesse zeigten, so glaubte er
-mit genauem Bericht über Entstehung und Gang des
-Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob
-Auguste&rsquo;s ihnen eben die größte Freude zu machen, und
-that sich nun Genüge nach dem Bedürfniß eines Liebenden,
-ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf das
-geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.</p>
-
-<p>Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen
-vermocht hätte, ein eigenes Schauspiel gewesen, das
-Mädchen zu beobachten, deren Herz, mehr als sie selber
-geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die
-menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten,
-als die meisten Menschen gewahr werden, und gute und
-schlimme Gedanken, liebe und leide Gefühle können in
-ihr so rasch wechseln, daß man an ein förmliches Zugleichseyn
-glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar
-durcheinander, als der Poet sein Liebesleben
-schilderte, sein Glück ausmalte und seine Hoffnungen
-aussprach. Und sie ließ nicht nach mit Fragen, als ob
-es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten
-zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst
-standen ihr bei, und mit ihnen gelang es ihr, die
-Theilnahme einer Freundin zu beweisen, in nichts zu
-verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen
-hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz
-des Weibes und ein im tiefsten Grunde zartes Gefühl
-eingab.</p>
-
-<p>Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte,
-sagte die Mutter: &bdquo;Unter diesen Umständen muß es
-Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit einem ausgezeichneten
-Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles
-wünschen, daß Sie ihn erringen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo;
-fügte Rosa hinzu, die ihn von der Seite mit einem
-Blick angesehen, wie man einen kindlich Glücklichen betrachtet;
-&bdquo;und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird
-immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie
-können, was nicht von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre
-eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn Sie nämlich dreinkommen,
-und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein,
-wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen
-Sie nun, daß wir Ihre Tragödie erhalten. Wir
-laden dann die Darsteller der Hauptrollen ein, und
-Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie
-Ihr letztes Gedicht, dann wird man die Rollen um so
-richtiger auffassen, um so lieber lernen und um so besser
-spielen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner
-natürlichen und poetisch eingenommenen Seele nun doch
-fast eine Ahnung aufstieg, daß die Schauspielerin ihm
-eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den eigentlichen
-Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht,
-und verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem,
-glücklichem Gemüth.</p>
-
-<p>Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen
-schweigend hin und her. Die letztere that eine häusliche
-Frage und horchte auf die gewissenhafte Beantwortung
-mit halbgeschlossenen Augen und einem ernsten
-Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer
-Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an
-zu lesen. Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und
-Abwesenheit verriethen aber der Mutter deutlich, von
-welchen Gefühlen sie beherrscht war.</p>
-
-<p>Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr
-zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich, ohne daß sie in
-eine ernstliche Herzensbeziehung wäre verflochten worden.
-Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie nicht nur eine
-erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter
-verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung,
-was die Franzosen sage nennen, und ließ sich
-nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen Annäherungen
-immer einen Schritt zurück, was dann die
-Folge hatte, daß sie als &bdquo;kalt&ldquo; verschrieen wurde. Eigentlich
-war sie aber nur so klar, hinter gewissen Betheurungen
-die egoistische Absicht wahrzunehmen und darüber
-die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie
-sammelte sich daher in dieser Hinsicht keine &bdquo;Erinnerungen,&ldquo;
-und ließ sich an ihrem Beruf, an geselligem
-Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender Lektüre genügen.
-Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur
-den Ton einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin,
-der ihr unmittelbar von Herzen ging, sondern auch den
-Ausdruck tieferer Neigung, worüber sich nur diejenigen
-wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren
-Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen,
-muß man nicht, was man sagt, geliebt haben, so daß
-man darnach seine eigenen Erfahrungen spielt, es genügt
-die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin,
-mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie
-nun zu ihrem Leide erfuhr.</p>
-
-<p>Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in
-ihr hinterlassen nach der ersten Begegnung auf der
-Straße. Davon war die Ursache nicht nur seine jugendlich
-männliche Schönheit, sondern der Schein des Genius
-in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines
-Wesens, der das lächelnerregende gelinde Ungeschick eher
-nützte als schadete. Als sie in dem ihr Empfohlenen
-den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell interessant
-geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung,
-und die erste Unterredung ließ geradezu eine
-Neigung in ihr aufkeimen, wobei Streben und Vorhaben
-des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor ihre
-Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska
-klang ihr um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen
-sehen zu können glaubte; und wenn sie
-ihm bei zu geringer Schätzung des classischen Stücks
-mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag
-der Grund eben in der näheren Theilnahme, der an
-dem Liebgewordenen eine Schwäche ärgerlich war. Die
-leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die ersten erotischen,
-aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah,
-stimmten zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung
-des Verlobten die zarte Maienblüthe ihres
-Glücks mit einemmal hintilgen!</p>
-
-<p>Die Mutter, als Rosa sich endlich in&rsquo;s Lesen zu
-finden schien, ging in die Küche. Nach einer Weile kam
-sie wieder und jene, das Heft weglegend, bemerkte:
-&bdquo;Da hab&rsquo; ich nächstens wieder ziemlich geschraubte Dinge
-zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden
-drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen
-sollen, mit einem Ernst, als ob sie uns just aus dem
-Herzen kämen!&ldquo; Die Mutter, ernst lächelnd, erwiederte:
-&bdquo;Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens gehört
-das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter
-uns helfen, so müssen wir dagegen den mittelmäßigen
-beistehen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Eine Pflicht, die zuweilen sehr lästig
-werden kann,&ldquo; erwiederte Rosa mit einem Seufzer. Sie
-fuhr über ihre Stirn und sagte: &bdquo;Ich bin müde und
-mein Kopf ist eingenommen. Am Ende,&ldquo; fuhr sie mit
-halbem Lächeln fort, &bdquo;ist&rsquo;s der Duft der Poesie, die wir
-heute vernommen haben. &mdash; Sey&rsquo;s was es wolle, ich
-geh&rsquo; zu Bette.&ldquo; Sie reichte der Mutter die Hand und
-sagte mit weicher Stimme: &bdquo;Gute Nacht, Mutter!&ldquo;</p>
-
-<p>Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie
-auf die Stirn und erwiederte herzlich: &bdquo;Schlafe wohl,
-mein Kind!&ldquo; Beide sahen sich an und der feuchte Glanz
-ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen lesen.
-Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns.
-Da hob Rosa den Kopf empor, lächelte und rief:
-&bdquo;Dummes Zeug! Gute Nacht, Mutter!&ldquo;</p>
-
-<p>Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau
-eine Weile nachdenkend und sagte dann: &bdquo;Ich hoffe, es
-wird vorüber gehen. Allerdings ist&rsquo;s ihre erste Neigung
-und sie geht tiefer, als sie selber zu wissen scheint. Aber
-das Mädchen ist verständig und hat Charakter &mdash; sie
-wird&rsquo;s überwinden.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau
-den Liebling in einer Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung
-bestärkte. Am andern Morgen nach jenem aufklärenden
-Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und
-endlich unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden
-zeigte sie ein heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit
-der Mutter und benahm sich fast ganz wie ehedem. Die
-Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte, spielte sie
-mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach
-über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach
-Hause zurück.</p>
-
-<p>Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie
-kam, wurde er von Mutter und Tochter so heiter wie
-freundlich empfangen und das Manuscript von der Künstlerin
-mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. &bdquo;Endlich,&ldquo;
-rief sie, indem sie es mit beiden Händen faßte,
-&bdquo;haben wir es! &mdash; Und das andere?&ldquo; fuhr sie nach
-einem Moment fort, &bdquo;haben Sie&rsquo;s eingereicht?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Heute,&ldquo; erwiederte der Poet. &bdquo;Der Herr Intendant
-war nicht zu sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen,
-das Manuscript mit einem Schreiben eingesiegelt &mdash;&ldquo;
-&bdquo;Gut,&ldquo; rief die Künstlerin. &bdquo;Mögen unsere Geschicke
-sich nun erfüllen! &mdash; Ich bin sehr neugierig, besonders
-nach der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist
-&mdash; auf die Heldin.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. &bdquo;Ich
-bitte nur,&ldquo; sagte er dann, &bdquo;das Stück im Zusammenhang,
-Scene für Scene, und da es denn doch eine
-Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit <em class="gesperrt">Liebe</em> werde
-ich&rsquo;s lesen,&ldquo; erwiederte Rosa lächelnd. &mdash; &bdquo;Um so besser,&ldquo;
-versetzte Heinrich. &bdquo;Eine Dichtung kann nur wirken,
-wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung
-entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten
-sind eine Art von Speise, die nur munden kann
-unter Voraussetzung des entsprechenden Appetits.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Da haben Sie&rsquo;s bei mir eben getroffen,&ldquo; versetzte die
-Schauspielerin. &bdquo;Was ich vor Ihrem poetischen Mahl
-fühle, ist nicht nur Appetit, sondern geradezu Hunger
-zu nennen. Das ist aber bekanntlich der beste Koch und
-kann auch &mdash;&ldquo; Sie unterbrach sich selbst und fuhr mit
-zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort:
-&bdquo;Genug, ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu
-seyn, Ihre Dichtung zu würdigen, sondern ich verspreche
-Ihnen auch, mit allem Ernst an die Lektüre zu gehen
-und mit aller Andacht dabei auszuharren.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und
-ich,&ldquo; versetzte der Poet mit glänzenden Augen, &bdquo;glaube
-Ihnen und sage Ihnen dafür den besten Dank.&ldquo;</p>
-
-<p>Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr
-fort: &bdquo;Es ist ein großes Glück für mich, daß ich so
-liebenswürdige Gönnerinnen gefunden habe. Ich weiß
-es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir&rsquo;s nur auch
-ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen
-nicht! Ich werde Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur
-immer mehr bedürfen &mdash; und sie mit der dankbarsten
-Verehrung erwiedern.&ldquo;</p>
-
-<p>Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte
-die Mutter: &bdquo;Rechnen Sie auf jeden Dienst, den
-wir ihnen leisten können. Sie sind uns von einem
-braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und
-in der kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie
-liebgewonnen, erwarten von Ihnen das Beste &mdash;&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Nun,&ldquo; rief die Tochter mit gütigem Blick, &bdquo;und wenn
-es Sie beruhigen kann &mdash; so lassen Sie uns Freundschaft
-schließen, treue Freundschaft! &mdash;&ldquo; Sie bot ihm
-die Hand, Heinrich ergriff und drückte sie, indem ein
-Strahl des Dankes ihm aus dem Auge ging.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie sind verlobt und glücklich,&ldquo; fuhr das Mädchen
-mit edlem Ausdruck fort, &bdquo;und wenn der Erfolg hinzu
-kommt, haben Sie kaum noch etwas zu wünschen. Aber
-eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker
-immer noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer
-was zu thun.&ldquo; &mdash; Sie hielt ein wenig inne, und indem
-ihre Miene sich anmuthig aufheiterte, fügte sie
-hinzu: &bdquo;Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu
-erweisen gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir
-gelegentlich eine hübsche Rolle schreiben.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oh,&ldquo; rief Heinrich, &bdquo;mit dem größten Vergnügen!
-Seit ich Sie als Franziska gesehen, ist mir ein Licht
-aufgegangen über den bezaubernden Reiz einer ächten
-Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es wäre,
-wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber
-lassen wir den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein
-&mdash; Ihre Kunst, Ihren Charakter, Ihre Herzensgüte,
-und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen
-könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.&ldquo;</p>
-
-<p>Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa,
-beglückt, gerührt, ihm nochmal die Hand gab, und die
-ernstfreundliche Mutter deßgleichen.</p>
-
-<p>Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte,
-sagte Rosa zur Mutter: &bdquo;Ich wünsche von Herzen, daß
-das Stück sich bewährt und auf dem Theater etwas
-macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des
-besten Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende
-Mischung von Geschick und Ungeschick, Verstand und
-Naivetät &mdash; von einer Naivetät, die andere vielleicht
-Blindheit nennen möchten &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ein Dichter,&ldquo; fiel
-die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens
-ein, &bdquo;der mehr in einer Welt der Träume als
-in der wirklichen zu Hause ist. Die Erfahrung wird
-ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch
-schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die
-Herzen für sich zu gewinnen vermag.&ldquo; &mdash; &bdquo;Vielleicht,&ldquo;
-erwiederte Rosa, die nachdenklich dagestanden, &bdquo;hilft sie
-ihm auch beim Publikum durch &mdash; es gelingt der erste
-Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz,
-welcher nach dem plötzlichen Versinken einer lieblichen
-Hoffnung ihr Herz angefallen, in Wahrheit erholt. Es
-war still geworden in ihr, nachdem sie mit ausdauerndem
-Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden
-hatte, und da sie dem jungen Mann, für den
-eine Neigung in ihr entstanden war, doch eigentlich
-keinen Vorwurf machen konnte, so glaubte sie in dem
-erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner Freundin,
-seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.</p>
-
-<p>Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung,
-die, wie rasch immer, sich einmal in&rsquo;s Herz gesenkt
-hat, nicht so leicht wieder vergeht oder in ein anderes
-Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des jungen
-Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr
-und mehr einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und
-Wohlgefallen, welches nicht das der Freundschaft war.
-Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch immer
-noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen
-andern Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich
-selber nährt und aus der stillen tiefen Freude an dem
-Geliebten; die Liebe, die sich mit Großmuth paart und
-im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann.
-Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen
-lodert und deren Strahlen geistig hold um den Geliebten
-spielen. Wenn sie unerwiedert bleibt, so ist eben
-damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die liebende
-Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens
-bewußt seyn. Und wenn Geben, von Empfangen
-belohnt, seliger ist, Geben ohne Lohn ist edler und
-größer.</p>
-
-<p>Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde
-in einen Strom von Empfindungen getaucht, die ihr
-gänzlich neu waren und deren Schauer sie mit Staunen
-erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt,
-und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es
-war doch nur eine Leidenschaft der Phantasie, wobei
-das Herz nur in gewissem Sinn mitwirkte. Die Gefühle,
-die jetzt in ihr erstanden, waren That und
-Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine
-unwiderstehliche Anziehungskraft.</p>
-
-<p>In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder
-Neigung war das Mädchen durch ein Zusammentreffen
-von Umständen an der Bühne nicht beschäftigt.
-Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit
-der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen
-stilleren, sanfteren Charakter hatte, und die Mutter
-konnte wohl an eine vollendete Heilung glauben. Aber
-die Krankheit war eine Liebe, die vielmehr gepflegt und
-genährt wurde.</p>
-
-<p>Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum
-Verlangen wurde und sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit
-vor sie stellte, begann es freilich in ihr zu beben und
-zu glühen, und sie fühlte: wenn das dauerte, wär&rsquo; ich
-verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen Empfindungen,
-die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich
-frischer Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl
-nichts zurück, als eine milde Trauer, die sie
-gleichfalls in sich zu verschließen wußte.</p>
-
-<p>Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf.
-&bdquo;Was ich jetzt habe,&ldquo; sagte sie sich einmal, &bdquo;ist mir doch
-lieber, als meine frühere leichte Fröhlichkeit. Ich würde
-mir&rsquo;s nicht mehr nehmen lassen! &mdash; Wer weiß? Vielleicht
-ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die
-Andere ist glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde,
-und vielleicht spielt nur die Entsagung mit wahrer Innigkeit
-und Leidenschaft, und ich gewinne an Ruhm auf
-dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.&ldquo;</p>
-
-<p>Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der
-Tragödie gekommen war. Wie stark erst ihre Neugierde
-gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu, das
-Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie
-immer wieder zögern ließ. War es die Besorgniß, die
-Dichtung möchte nicht gelungen seyn, der Geliebte
-möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer Poet und
-sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden
-zur müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin,
-deren Urbild der Autor hatte errathen lassen? Die
-Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu unähnlich seyn,
-allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher Demüthigung,
-unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden?
-Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl
-indeß wieder und wieder nachgegeben, kam zu der innern
-Mahnung, ihr Versprechen zu halten, größeres
-Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines
-Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie
-das Heft vor und las.</p>
-
-<p>Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und
-Titeln alter Zeiten ermangelte nicht, ein gewisses romantisches
-Verlangen in ihr zu erregen. Sie ging die
-erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte sich angezogen.
-Warme Situationen, und ein warmer, inniger
-Ton, dem die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne
-Worte und Zeilen verstiegen, nicht eigentlich schadete;
-glühende, tiefe Liebe zweier Personen, die für einander
-geschaffen und einander werth waren; heroische,
-opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf
-zu treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.</p>
-
-<p>Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter.
-Die geahnten, gefürchteten Wolken steigen am Horizont
-der sonnebeglänzten Landschaft, in welche das Liebespaar
-gestellt erscheint, rasch empor und entfalten sich
-drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die
-Liebe, die Treue siegt. Aber andere Menschen mit andern
-Leidenschaften und Zwecken treten auf, nähern sich
-der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr angezogen,
-beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft
-sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und
-dem giftigen Groll unwiderstehlich dienen zu können
-scheint.</p>
-
-<p>Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung
-allerdings zu lang und einzelne Scenen in der zweiten
-Hälfte nicht klar, nicht schlagend genug. Aber beiden
-Uebelständen kann durch Streichen und theilweises Umarbeiten
-abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur
-als Exposition seine Schuldigkeit thun, sondern bereits
-wirklich ergreifen, einen großen romantischen Prospekt
-eröffnen und durch die eigenthümliche dichterische Sprache
-das Publikum anziehen und erheben.</p>
-
-<p>Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre
-hinaus begabt war, fühlte sich zufrieden und wahrhaft
-glücklich. Sie freute sich im Namen des Poeten, der
-sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen; sie
-freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele
-strömte; und &mdash; sie freute sich über sich selber, daß die
-ihr allerdings nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber
-dennoch fühlen konnte, ihr vielmehr lieb geworden war.
-Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn die Seele
-zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle
-und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der
-Geist die Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.</p>
-
-<p>Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf
-das Kommende sich freute, wollte für jetzt doch nicht
-weiter gehen. Sie fühlte sich durch das Bisherige schon
-eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war ein
-guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich
-ergötzen, ihn wollte sie in der Seele tragen und den
-Genuß des verheißenen guten Fortgangs auf die folgenden
-Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne doch
-schon jetzt vertieft und erhöht &mdash; durch die Achtung, die
-er ihr eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit
-seiner ersten Dichtung, um ihr immer bedeutendere, reifere
-nachfolgen zu lassen! &mdash; Sie stand auf, ernst und
-gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn
-wollenden Gemüths.</p>
-
-<p>Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz
-umgesehen, neue Bekanntschaften gemacht und, da er
-nicht feiern konnte, sogar eine neue dramatische Arbeit
-begonnen &mdash; wieder ein Trauerspiel. Dieses freilich
-nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und
-auf seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er
-nur dazu einen Entwurf besaß und nicht zu einem
-Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin dem
-Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm
-nun der Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des
-Dramas in der neuen Dichtung vereinigen und beide
-Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein schien
-ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe,
-während er sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es
-wünschte, von der Höhe, zu der er sich berufen halten
-mußte, doch einigermaßen herabzusteigen schien.</p>
-
-<p>Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht;
-er suchte ihn wieder auf, benahm sich schon freier,
-kameradschaftlicher gegen ihn, und der Schriftsteller nahm
-ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit, die sich in
-einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist
-jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere
-und mit Willmann drei Literaten. Heinrich wurde von
-seinem Einführer als Dramatiker vorgestellt und dann
-besonders mit einem der Schriftsteller bekannt gemacht,
-der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn &mdash; so
-hieß derselbe &mdash; bot ihm einen Stuhl neben sich, und
-es zeigte sich bald, daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker
-war. Als Heinrich dieß vernommen, konnte er
-nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen und in
-seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen
-an den Tag zu legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er
-erkundigte sich nach dem Stück, und auf unsern Poeten
-hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt, daß er unwillkürlich
-über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung
-aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern
-dadurch als ein Mensch erschien, dem man seiner Bravheit
-wegen unter die Arme greifen könne. Das Bier,
-das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die
-neuen Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach
-Durst und gingen um Mitternacht fast als gute Freunde
-nach Hause, indem sie unter dem dunkeln Nachthimmel
-mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und Gesprächeslust
-hell erleuchtet waren.</p>
-
-<p>Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren
-Feuilleton hauptsächlich der Feder Dorns offen stand:
-&bdquo;An der hiesigen Hofbühne ist eine neue Tragödie eingereicht,
-welche durch effektvolle Scenen und durch eine
-edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt.
-Der Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum
-durch geistreiche Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt
-hier und ist bereits wieder mit einem neuen Stück beschäftigt.&ldquo;
-&mdash; Heinrich, der das Blatt in einem Speisehaus
-arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch
-die öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich
-zurückfuhr. Nach der ersten Ueberraschung wog
-aber das Vergnügen, mit so viel Ehren genannt zu
-seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei
-weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den
-wahrscheinlichen Effekt auf Publikum und Intendanz
-und verließ die Restauration mit den angenehmsten
-Empfindungen.</p>
-
-<p>Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen.
-Mit einem Lächeln, worin Bonhomie und gemüthliche
-Satire bis zur Liebenswürdigkeit gemischt
-waren, rief dieser: &bdquo;Nun, ich gratulire! Sie haben doch
-gelesen?&ldquo; &mdash; &bdquo;So eben,&ldquo; erwiederte Heinrich, indem er
-ihm die Hand reichte. &bdquo;Es freut mich, und ich muß
-Ihnen für die Bekanntschaft nochmal herzlich danken.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte:
-&bdquo;Er muß sehr für Sie eingenommen seyn; sonst
-ist er mit Lob und Empfehlung nicht so rasch bei der
-Hand.&ldquo; Heiter für sich hinsehend schwieg er einen
-Moment. &bdquo;Apropos,&ldquo; setzte er dann hinzu, &bdquo;haben Sie
-die beiden Herrn schon besucht?&ldquo; &mdash; &bdquo;Besucht wohl,&ldquo; erwiederte
-der Dramatiker, die Regisseure verstehend, &bdquo;aber
-nicht zu Hause getroffen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich habe vorgestern,&ldquo;
-sagte der Andere, &bdquo;mit ihnen gesprochen. Gehen Sie
-morgen früh zu ihnen, beide werden zu Hause seyn.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte
-sich im Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen,
-bis jetzt eigentlich doch lauter freundliche, liebenswürdige
-Leute hier getroffen habe und alles nur immer
-besser sich anlasse.</p>
-
-<p>Andern Tages machte er sich bald auf den Weg
-und besuchte zuerst den Regisseur des ernsten Dramas.
-Er fand einen stattlichen Mann von reifem Alter, dessen
-bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht
-eben so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man
-sah ihm an und fühlte auch durch seine Höflichkeit hindurch,
-daß er seit Jahren Heldenväter spielte und eben
-so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf
-dem Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem
-ersten Willkomm gestand er dem jungen Dramatiker,
-daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen
-nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im
-höheren Styl darin zu finden, die er zur Aufführung
-befürworten könnte. Denn man möge sagen was man
-wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache für
-das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie
-die hiesige, gepflegt werden.</p>
-
-<p>Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte
-die Hoffnung aus, daß seine Tragödie, für deren höhere
-Haltung er einstehen könne, auch als wirksames Theaterstück
-sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie wohl
-noch seyn!</p>
-
-<p>Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte
-in seinem Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit.
-&bdquo;Wenn das Stück nur sonst gut gebaut ist,&ldquo; sagte er
-dann, &bdquo;den Uebelstand der Länge wollen wir schon
-beseitigen.&ldquo; Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln,
-in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs
-in seine Verse einen leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit
-brachte. Der Heldenvater, dieß gewahrend,
-fuhr fort: &bdquo;Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern
-an&rsquo;s Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen,
-die sie gern für ihre schönsten zu halten pflegen.
-Aber es geschieht doch nur zu ihrem Besten, und
-ich würde Ihnen rathen &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete:
-&bdquo;Herr Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie
-zur Verfügung. Verfahren Sie damit ganz, wie
-es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler wie
-Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche,
-damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser
-wirke.&ldquo; &mdash; &bdquo;Darauf,&ldquo; erwiederte der Regisseur, &bdquo;können
-Sie sich verlassen! Das Theater und der Dichter haben
-Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit
-man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück
-zum Lesen und ein Stück zum Aufführen ist zweierlei.
-Was beim Lesen charmant seyn kann, wird auf der
-Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm,
-sehr unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie
-würden die meisten deutschen Bühnendichtungen an ihrer
-eigenen Poesie zu Grunde gehen. &mdash; Vertrauen Sie,&ldquo; fuhr
-er lächelnd fort, &bdquo;in dieser Beziehung ganz den Schauspielern.
-Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen
-Sie später auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller
-unbedenklich folgen und noch mehr aufopfern;
-denn womit einer etwas machen kann, das läßt er sich
-nicht nehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen
-waren, unterdrückend, gab seine Zustimmung mit Ernst
-und in so guter Manier, daß der Künstler geradezu
-für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das
-Stück ein günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der
-Einsicht an, die der junge Mann bewies, und sagte
-endlich, indem er ihm die Hand gab: &bdquo;Was ich für
-Sie thun kann &mdash; natürlich in Uebereinstimmung mit
-den Interessen der Bühne &mdash; das geschieht, verlassen
-Sie sich darauf! Es sollte mir sehr lieb seyn, wenn
-wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes
-Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um
-so neugieriger darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen
-können.&ldquo;</p>
-
-<p>Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen
-Mann. Er fühlte, wie sich ihm der Boden
-unter den Füßen zusehends consolidirte, und freute sich
-nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl
-er in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse
-Scheu vor ihm empfunden hatte. Unmittelbar
-verfügte er sich zu ihm.</p>
-
-<p>Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische
-Unordnung verrieth, wurde er von einem länglichen,
-hageren Mann willkommen geheißen, in dessen
-Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck stehend
-geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner
-Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen
-zu lernen, einen unverkennbar ironischen Klang
-hatte. Heinrich, dem sich dieß aufdrängte, fühlte sich
-etwas aus der Fassung gebracht, und es wurde ihm
-noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer
-Miene betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit
-hindurch, zu sagen schien: &bdquo;Der sieht mir auch
-aus, als ob er uns Zeug brächte, das niemand genießen
-kann!&ldquo;</p>
-
-<p>Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte
-sich aber der Poet und empfahl seine Dichtung mit
-Würde, indem er hinzufügte: die Urtheile, die er schon
-darüber vernommen, berechtigten ihn zu der Hoffnung,
-daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen
-werde. &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief dieser mit Emphase, &bdquo;davon bin
-ich überzeugt! &mdash; Auch die Presse,&ldquo; fuhr er nach einem
-Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, &bdquo;hat auf das
-Stück bereits aufmerksam gemacht &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Aber ohne
-daß ich dazu Veranlassung gegeben,&ldquo; fiel Heinrich ein.
-&bdquo;Ich wurde selber davon überrascht.&ldquo;</p>
-
-<p>Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben
-ausdrückte, entgegnete der Schauspieler: &bdquo;Fällt mir
-nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja die Herrn
-Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um
-hinterdrein &mdash; Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt
-und zweifle nicht, daß sie vortrefflich seyn wird.
-Aber ich muß Ihnen doch gestehen: Tragödien sind
-eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles zu sagen
-&mdash; auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu
-lernen, kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich
-selten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn aber eine einschlägt,&ldquo; warf Heinrich ein,
-&bdquo;dürfte sie doch &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ein Gewinn seyn?&ldquo; ergänzte
-der Andere, indem er ihn heiter fixirte, &bdquo;ja. Und wenn
-ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung
-gewiß.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Tragödien,&ldquo; fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen
-mit halbem Lächeln fort, &bdquo;können am Ende doch
-nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen werden.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Natürlich nicht,&ldquo; erwiederte der Regisseur. &bdquo;Was
-würden wir da mit unsern Tragikern &mdash; unsern Heldenspielern
-und Heroinen anfangen? Und sogar das
-Publikum will hie und da noch ein neues Trauerspiel
-sehen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Zur Abwechslung,&ldquo; setzte der Poet hinzu,
-der auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. &mdash;
-&bdquo;Ja wohl,&ldquo; versetzte der Andere, &bdquo;und am Ende aus
-alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten kommen &mdash;
-immer seltener &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Bis sie endlich ganz verschwinden
-können!&ldquo; setzte der Poet halb fragend hinzu. &mdash;
-&bdquo;Ich meinerseits,&ldquo; entgegnete der Schauspieler, &bdquo;würde
-mich zu trösten wissen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige
-Person erkannte, lachte und jener schien das wohl aufzunehmen.
-Er sah den Poeten freundlicher an und
-fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: &bdquo;Sie
-dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen,
-Herr Doctor. Jeder liebt am Ende, was er kann und
-womit er Ehre einzulegen hofft, und meine Sphäre ist
-die Komödie, das Conversationsstück, und was so drum
-herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal
-ein Bösewicht an mich, der mehr drolliger Schuft als
-erhabener Verbrecher ist, und größere Ansprüche kann
-ich auch nicht erheben. Abgesehen davon, daß das Erhabene
-nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die
-große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten
-und den Schauerblick seines rollenden Auges dem
-Publikum Grauen einflößt, und wenn dieser in Ihrem
-Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im voraus.
-Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist
-für mich geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur
-beiße, wenn&rsquo;s eben nicht anders geht. So ist mir der
-Sinn für die Tragödie, den ich in meiner Jugend wohl
-auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich
-fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz
-so schätzen kann, wie sie&rsquo;s verdienen. Indessen,&ldquo; fügte
-er mit einer Miene hinzu, die es fast bis zum Ernst
-brachte, &bdquo;meine Pflicht verlangt, den ehrenvollen Ruf
-und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und
-wenn sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt &mdash;
-zählen Sie auf mich!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt
-und die ernstliche Zusage ermuthigt, reichte dem
-Künstler dankend die Hand und beide schieden mit beinahe
-freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter cordialen
-Betheurungen.</p>
-
-<p>&bdquo;Auch das,&ldquo; sagte der Poet auf der Straße zu sich,
-&bdquo;ist besser gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte.
-Nun, der Poesie kann am Ende niemand widerstehen,
-und wenn er sich dem Stück hingibt &mdash;&ldquo; Er sah geradeaus
-und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen
-Dame, die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt.
-Grüßend trat er zu ihr und betrachtete sie verwundert.
-Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und eine Güte,
-die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer
-Ernst, als er je an ihr wahrgenommen hatte.</p>
-
-<p>&bdquo;Es freut mich sehr,&ldquo; antwortete sie auf den Gruß,
-&bdquo;daß ich Sie treffe! Ich hab&rsquo; Ihre Tragödie gelesen &mdash;
-anderthalb Acte &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun?&ldquo; rief Heinrich, dessen
-Herz zu pochen anfing. &mdash; &bdquo;Ich wünsche Ihnen Glück
-von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich
-außerordentlich angezogen; es ist ein förmlicher Zauber,
-und wenn das so fortgeht &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief Heinrich,
-an weitere Scenen denkend, mit inniger Ueberzeugung,
-&bdquo;es muß noch besser kommen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; versetzte sie,
-&bdquo;dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen
-Erfolg auf dem Theater glauben. &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief der
-Autor, dem ein Strom der Wonne durch die Brust
-ging, &bdquo;das ist heute ein glücklicher Tag!&ldquo;</p>
-
-<p>Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und
-ließ deren Ergebniß unbewußt im besten Licht erscheinen.
-Rosa&rsquo;s Gesicht erheiterte sich und sie rief: &bdquo;Das geht ja
-gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der Regisseur des
-Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn
-ein Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch
-er Respekt davor, und überhaupt ist er nicht so schlimm,
-wie er aussieht. Ich gestehe Ihnen, ich freue mich
-außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und dann
-mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich
-freilich sehr beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich
-damit fertig zu werden.&ldquo; Sie grüßte den Autor mit
-dem Blick einer Schwester und ging dem Theater zu,
-wohin sie eine Probe rief.</p>
-
-<p>Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd
-um. &bdquo;Eine wahre Freundin!&ldquo; rief er weitergehend.
-&bdquo;Sie nimmt wirklichen Antheil an mir und
-meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden
-habe!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und
-die Fülle seiner Gaben noch nicht erschöpft. Als er nach
-Hause kam, fand er ein Schreiben von Auguste. Er
-erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen
-sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die
-ihn am meisten erfreuten, lauteten:</p>
-
-<p>&bdquo;Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt&rsquo;
-ich dir schon früher geantwortet, wenn ich nicht mit der
-Mutter acht Tage auf Besuch bei Vetter Kronfeld gewesen
-wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine halbe
-Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei
-und waren gegen uns besonders freundlich. Der alte
-Herr, der mich längere Zeit nicht sah, hat mich förmlich
-in Affektion genommen, und ich mußte ihm beim
-Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit
-wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter
-(die der Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt
-und kopfhängerisch ist) zum Vorbild zu dienen.
-Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin jetzt
-doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und
-benutze die erste freie Stunde, um dir zu schreiben.</p>
-
-<p>&bdquo;O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über
-Alles, daß es dir auch gut gehe und du für dein Streben,
-deinen Fleiß und deine Ausdauer nach Verdienst
-belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann
-sich mehr über dein Fortkommen und das Gelingen deiner
-Pläne freuen. Wie schön wäre es, wenn du unsern
-rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß man sich
-auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu
-schaffen vermag &mdash; von dem Ruhm des Namens zu schweigen.
-Und warum sollte es nicht möglich seyn? Dir
-trau&rsquo; ich zu, daß du alle Zweifler beschämen wirst.</p>
-
-<p>&bdquo;Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht
-hast, war von großem Interesse für mich; das
-Benehmen des Professors hat mich aber in deinem Namen
-recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich&rsquo;s vorhielt,
-lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur:
-&bdquo;Ich meinte, er hätte sich gebessert; nun scheint es aber
-nach den Angriffen, die sein letztes Buch erfahren hat,
-mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es schadet
-nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und
-den Zopf entbehren können.&ldquo;</p>
-
-<p>Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist
-sehr gut. Mache dir nur Freunde und cultivire alle
-Bekanntschaften, die dir nützlich werden können, denn
-der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht aus,
-man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen,
-und da darf uns kein Gang und keine Artigkeit reuen.
-Aber, aber! &mdash; die schöne Künstlerin, die &bdquo;einem andern
-gefährlich werden könnte,&ldquo; läßt mich doch auch für
-dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so &bdquo;gefeit&ldquo;
-seyn, wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen
-Herzens so ganz sicher? Doch, es ist mir eigentlich
-nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die treueste, ehrlichste
-Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe
-wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich
-seyn kann. Dein Stück, wenn es nur gegeben wird,
-muß dem Publikum gefallen. Schreibe mir bald wieder.&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>IV.</h3>
-</div>
-
-<p>Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf&rsquo;s
-angenehmste. Es ist gar schön, auf ein Ziel hinzublicken,
-das uns, nicht allzufern, in reizendem Lichte
-winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht mehr
-bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird
-ruhiger und in Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht:
-die Freude des Gelingens wird im sichern
-Herzen voraus empfunden.</p>
-
-<p>Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß
-in wohlthuendem Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz
-hatte er bisher nur theilweise und flüchtig gesehen;
-jetzt widmete er ihnen eine ernstere Betrachtung und
-erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle poetischer
-Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant
-freien Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig,
-und während er sich dem Vergnügen hingab,
-das die Handlung in ihm erweckte, lernte er immer
-mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich
-war er ganz Empfänglichkeit und der Kritik
-völlig unfähig beim Beginn eines Stückes; er freute sich
-schon, daß es nur das gab, was ihm geboten wurde.
-Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und
-wurde nur um so strenger und kühner. Er sah manches,
-was ihm vorbildlich erschien, noch mehr aber, was
-ihm unrichtig und schwach dünkte und was er besser zu
-machen den Beruf hatte.</p>
-
-<p>Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu
-beobachten, welchen er die Hauptrollen in seinem eigenen
-Werke zudachte. Mit dem Heldenvater und dem Charakterspieler
-war er sehr zufrieden. Der letztere schien
-ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu
-gehen; allein die dämonische Persönlichkeit in seinem
-Stück war auch ungewöhnlich scharf gezeichnet und eine
-frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht eben in
-seinem Interesse. &mdash; Die heroische Liebhaberin, die ihm
-schon als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch
-als Jungfrau von Orleans, und nach beiden Rollen
-mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen halten, da
-diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse Verwandtschaft
-hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und
-Hoheit, womit sie alle Prüfungen bestand, über beide
-hinausragte. Bei dem Applaus, den die Künstlerin
-errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken und
-nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden
-hinzunehmen hatte.</p>
-
-<p>Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war
-genau und erlaubte ihm stetiges Fortarbeiten. Die fertigen
-Auftritte schienen ihm anziehend und spannend,
-er freute sich von einem Tag zum andern auf die Fortsetzung,
-und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!</p>
-
-<p>Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor
-Dorn zu besuchen. Er wurde freundlich empfangen und
-die Art, wie er seine Erkenntlichkeit ausdrückte, heiter
-vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der Journalist,
-welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als
-Heinrich ihm bekannte, daß er in Journale seit längerer
-Zeit nichts geschrieben, weil er ganz und gar von seinen
-dramatischen Arbeiten in Anspruch genommen werde,
-schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: &bdquo;Da
-haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund!
-Zeitungen müssen einem immer zur Verfügung stehen,
-damit man Freundlichkeiten nicht nur in Empfang nehmen,
-sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als
-Dichter bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig
-auch als Referent und Kritiker thätig seyn; denn wer
-seine Hand nicht in einigen Blättern hat, also weder
-nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine
-Rücksicht mehr nehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht
-läugnen &mdash; unter gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er
-aber sein Streben und sein Talent für eine Ausnahme
-hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben würde,
-durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er
-nickte daher bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die
-gute Lehre begriffen zu haben.</p>
-
-<p>Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem
-schelmischen Zug um den Mund, wie einen, den man
-auf den rechten Weg zu leiten im Begriff ist. Nach etwelchen
-Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen
-bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch
-vor und fragte ihn, ob er es schon gelesen habe. Jener
-verneinte es und setzte hinzu, daß ihm auch der Name
-des Autors noch nicht vorgekommen sey.</p>
-
-<p>Dorn schmunzelte. &bdquo;Das ist nicht zu wundern,&ldquo;
-sagte er. &bdquo;Das Buch ist von mir. Ich wollte aber in
-einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn, und so
-hab&rsquo; ich&rsquo;s pseudonym herausgegeben.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief
-unser Poet, &bdquo;das muß pikant seyn!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich meine
-schon,&ldquo; erwiederte der Autor mit gemüthlicher Selbstgefälligkeit.
-&bdquo;Aber bis jetzt hat es doch noch nicht die
-Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es
-ist freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich
-erst bekannt werden. &mdash; Interessirt Sie&rsquo;s?&ldquo; fuhr er nach
-einem Moment fort, &bdquo;wollen Sie&rsquo;s lesen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Wäre
-mir allerdings sehr lieb &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;So nehmen Sie&rsquo;s mit
-nach Hause.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung
-auf sich nahm. Allein er konnte schicklicherweise
-nicht zurück, steckte das Buch ein und verließ den guten
-Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und
-wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.</p>
-
-<p>Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten.
-Rosa trat in einem neuen Familienstück auf
-und führte die Partie eines Mädchens, die mit aller
-Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber nach
-hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit
-und Hingebung bewies, in so ergreifender Weise
-durch, daß sie in den letzten Akten den rauschendsten
-Beifall erntete. Die Theaterkenner schauten sich verwundert
-an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht
-zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen
-getreten waren, fühlte sich überaus glücklich und namentlich
-auch dadurch befriedigt, daß er ihr Talent so richtig
-begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit schon aufmerksam
-gemacht hatte.</p>
-
-<p>Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren
-und ihr sein früheres Wort in&rsquo;s Gedächtniß zurückzurufen.
-Das letztere gerieth ihm etwas mentorartig
-und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln.
-&bdquo;Nun,&ldquo; sagte sie, &bdquo;ich muß am Ende doch daran glauben,
-daß noch etwas mehr in mir steckt, als ich bis jetzt
-selber gedacht habe. Wenn das Publikum mit seinem
-Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner und
-Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,&ldquo;
-fuhr sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger
-fort, &bdquo;kommt es wohl nur auf die Rolle an,
-die man erhält. Der Dichter schreibt vor, wir müssen
-ausführen, und &mdash; es wächst der Mensch mit seinen
-größern Zwecken.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey
-allerdings richtig, aber das Wachsen setze die Kraft selber
-voraus, und die Freundin thäte wohl daran, von
-der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der Rührung
-und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch
-zu machen. Die freundschaftliche Besorgtheit um
-ihr Talent und dessen Ausbildung zog dem Poeten
-einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war,
-obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine
-Vermuthung ging auf eine geringere Schätzung eben
-dieser Gabe von Seiten der Künstlerin, und er suchte
-nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende
-Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene
-Genugthuung sie dann empfinden würde.</p>
-
-<p>Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation
-fertig war, sagte sie: &bdquo;In Ihrer Tragödie hab&rsquo;
-ich noch nicht weiter lesen können; ich muß dazu ganz
-ruhig und gesammelt seyn.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich dränge durchaus
-nicht,&ldquo; erwiederte Heinrich. &mdash; &bdquo;Das ist mir lieb. Auch
-für die nächsten Tage geht&rsquo;s noch nicht. Sie wissen,
-das Theater ist unberechenbar, und ich soll übermorgen
-gegen alles Erwarten eine Rolle spielen, die ich fast
-ganz vergessen habe.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das verträgt sich allerdings
-nicht mit der Lektüre meines Stücks,&ldquo; versetzte der
-Poet, &bdquo;und ich würde selber bitten, daß Sie sich von
-jetzt an möglichst im Zusammenhang erhalten möchten.&ldquo;</p>
-
-<p>Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig
-wäre &mdash; in acht, höchstens zehn Tagen glaubte sie es
-zu seyn &mdash;, den Dichter zu sich bitten lasse. Heinrich
-meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er sich noch
-etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl
-sich, &bdquo;des Rufes gewärtig.&ldquo;</p>
-
-<p>Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der
-Poet brachte den ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende
-und machte sich rüstig an den zweiten. Im Eifer des
-Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil der
-Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei
-fernere Tage ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei
-verstrichen, ohne daß Botschaft an ihn ergangen wäre,
-da fing er doch an bedenklich zu werden; eine dumpfe
-Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß,
-unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war
-Verschiedenes möglich, er brauchte noch gar nichts Uebles
-zu fürchten bei einer so geringen Hinausschiebung, die
-ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte; aber eben
-darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des
-wirklichen Motivs den Gedanken ein Ende zu machen,
-die ihn zu belästigen anfingen.</p>
-
-<p>Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die
-ihm so trauliche Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen
-betrat, gegen Abend und wurde von den beiden
-Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so
-herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu
-athmen begann.</p>
-
-<p>Nach einer Weile sagte Rosa: &bdquo;Sie kommen heute
-gelegen; ich hätte Sie morgen zu uns eingeladen.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Sie sind also fertig?&ldquo; entgegnete der Poet lebhaft. &mdash;
-&bdquo;Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt
-gelesen habe.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer
-gehaltenen Miene war ihr Urtheil nicht abzunehmen,
-obwohl dem Autor so viel klar wurde, daß er unbedingte
-Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden,
-in Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte.
-Etwas zögernd fragte er daher: &bdquo;Und Ihre Ansicht?&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: &bdquo;Ich
-habe das ganze Stück mit dem größten Interesse gelesen.&ldquo;
-Heinrich nickte, indem seine Miene unwillkürliches
-Bedenken verrieth. &bdquo;Und die Poesie, die Sie in
-den ersten Acten fanden,&ldquo; fragte er dann, &bdquo;ist sie Ihnen
-auch in den folgenden erschienen?&ldquo; &mdash; &bdquo;O, allerdings,&ldquo;
-erwiederte sie. &bdquo;Es sind reizende Scenen darin, ergreifende,
-erschütternde Momente!&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; versetzte der
-Autor, wieder beruhigt, &bdquo;das ist schon etwas! Wie
-lautet aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich,
-was hab&rsquo; ich auf der Bühne zu hoffen?&ldquo;</p>
-
-<p>Das Mädchen sah ihn an und schien über die
-Antwort nicht mit sich in&rsquo;s Reine zu kommen; dann,
-mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch zugleich
-mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie:
-&bdquo;Was den Bühnenerfolg betrifft, so getrau&rsquo; ich mir,
-offen gestanden, nicht, Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet war betroffen, ja bestürzt. &bdquo;Ah,&ldquo; rief
-er, &bdquo;das hätt&rsquo; ich nicht erwartet! &mdash; Sie glauben also,
-daß es auf der Bühne keine Wirkung machen wird?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Das ist nicht meine Meinung,&ldquo; entgegnete Rosa
-lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen
-konnte.</p>
-
-<p>Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen
-Arbeit gesessen hatte, bemerkte nun: &bdquo;Rosa will nichts
-weiter sagen, als daß sie Ihnen einen Erfolg, wie wir
-ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die
-Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.&ldquo; &mdash; &bdquo;Durchaus
-nicht!&ldquo; fuhr die Schauspielerin fort. &bdquo;Bei einer
-gewagten Handlung, und die Ihrige ist gewagt, kömmt&rsquo;s
-auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern
-bietet, ihnen eben noch recht, oder wird&rsquo;s ihnen schon
-zu viel, zu stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich
-namentlich bei Tragödien vor der Aufführung niemand
-eine sichere Antwort gestatten wird.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen
-und reinen Anerkennung der ersten Akte hatte er eine
-Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze um so mehr
-erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht
-der Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt
-etwas bedenklich geworden, hatte er sich doch höchstens
-auf Beanstandung einer und der andern Einzelnheit
-gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische
-Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden
-könnte, das hatte er nicht für möglich gehalten; es
-überraschte ihn schmerzlich, er konnte noch nicht daran
-glauben.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber,&ldquo; begann er, indem sein verdüstertes Gesicht
-sich wieder zu einem Ausdruck von Selbstgefühl erhob,
-&bdquo;die Sprache, wie Sie selber zugeben, ist doch poetisch,
-die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen Akten,
-besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von
-denen Andere gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt
-machen müßten.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gerade über diese Auftritte in
-den letzten Akten,&ldquo; entgegnete die Künstlerin, &bdquo;und über
-die Wirkung derselben auf&rsquo;s Publikum traue ich mir
-kein bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist
-keine Frage. Aber wenn sie nun &mdash; wehe thäten?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich als tragisch
-wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch
-ihren Geist und Charakter innerlich so reich und so
-erhaben, sie triumphiren im Leid, gewinnen im Untergang
-&mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist Ihre Absicht mit ihnen gewesen,&ldquo;
-versetzte Rosa, &bdquo;man sieht das wohl. Nun, und in
-Rücksicht darauf möcht&rsquo; ich allerdings das Gelingen für
-eben so möglich halten.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Meine Tochter,&ldquo; begann die Frau wieder, &bdquo;ist nur
-so ehrlich, Ihnen keine Hoffnung machen zu wollen, die
-sich nachher nicht erfüllen könnte; und darin, mein lieber
-Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben. Ich habe
-Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin
-überein, daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent
-verräth; wenn aber die letzten Auftritte, worauf
-Sie alles angelegt haben, nicht den beabsichtigten Effekt
-machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten, der
-Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde
-ihn wünschen, und niemand herzlicher als wir.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie
-einer, der zu begreifen anfängt, und sagte mit trauriger
-Miene: &bdquo;Das ist schlimm! Das Vertrauen, das ich
-auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese Urtheile
-erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin
-in großer Verlegenheit.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns
-auf ihn geworfen, sagte nun: &bdquo;An dem ist es
-noch nicht, mein lieber Freund! Wir haben Ihre Dichtung
-als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen Gestalt,
-aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie
-können ja ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.&ldquo;
-&mdash; Das Gesicht des Autors erhellte sich wieder
-und er erwiederte: &bdquo;Das ist wahr.&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort:
-&bdquo;Lassen Sie nur erst die Regisseure drüber kommen und
-das Stück &bdquo;einrichten!&ldquo; So eine Einrichtung hat schon
-oft Wunder gethan, und wie sollte sie nicht einem Stück
-zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich
-ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne
-Partien ganz umzuarbeiten &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich stand nachdenklich. &bdquo;Und dazu,&ldquo; sagte er
-dann, &bdquo;müßte ich mich wohl verstehen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Gewiß,&ldquo;
-rief das Mädchen. &bdquo;Ein Theaterstück ist noch ganz was
-anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl dem
-Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein
-wirksames Stück herausschneiden kann! Es lohnt sich
-darum schon der Mühe, noch ein paar Wochen daran
-zu setzen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich lächelte mit Ergebung. &bdquo;Ich sehe schon,&ldquo;
-erwiederte er, &bdquo;ich muß wieder von vorn anfangen!&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Theilweise,&ldquo; versetzte Rosa, &bdquo;und das thut nichts!
-Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure.
-Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung
-gegenüber auf etwas eingelassen, dem ich doch
-eigentlich nicht gewachsen bin. Einer im höheren Styl
-gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie
-auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das
-ist sehr schwer, und da können noch ganz andere Leute
-daneben treffen, als eine junge Schauspielerin, die in
-diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,&ldquo; fuhr sie
-nach einem Moment fort, &bdquo;zuletzt muß man&rsquo;s eben darauf
-ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen
-noch auf der Leseprobe der beste Erfolg prophezeit
-wurde, so ziemlich durchgefallen sind, während andere,
-über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben.
-Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz
-unerwartet, und wir Schauspieler bringen mit einander
-heraus, was wir vorher selber nicht wissen können.
-Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu
-urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und
-entscheidende Spruch, und darauf hin muß man&rsquo;s wagen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;In Gottes Namen!&ldquo; rief Heinrich; &bdquo;wagen
-wir&rsquo;s! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen
-verlangen &mdash; ändern wir!&ldquo;</p>
-
-<p>Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich
-die Mienen. Man war zu einem Resultat gekommen
-und ließ die Sache für jetzt auf sich beruhen, indem
-Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage
-mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu
-berathen. Eine Unterhaltung über andere Gegenstände
-konnte nicht lang dauern. Die Frauen waren ausgebeten,
-und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu
-seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen,
-es auf das &bdquo;Glück der Schlachten&ldquo; ankommen
-zu lassen.</p>
-
-<p>Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen
-überdachte und eins in&rsquo;s andere rechnete,
-brauchte er den Muth in der That noch nicht zu verlieren.
-Der Geschmack beider neigte sich zum Genre,
-zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung.
-Das Große, das Erschütternde und eigentlich Tragische
-war ihnen &mdash; zu stark. Darum das enthusiastische Lob
-des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder und
-höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das
-zweifelnde Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich
-sich entladenden Gewitters. Männer, zumal solche,
-deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig anders
-urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten
-Hälfte den Vorzug vor der ersten.</p>
-
-<p>Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als
-er in seine Stube eintrat, sah er, trotz des nächtlichen
-Dunkels, auf seinem Schreibtisch ein Paket liegen,
-das er mit einem zufriedenen Ausruf begrüßte. Er
-hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes
-gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich
-nun der schnellen Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten
-von Hause, und machte eilig Licht. Im Schein
-der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die
-Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das
-Siegel und ein Schauer überlief ihn: die Sendung
-kam von der Intendanz, es war die Abschrift seiner
-Tragödie.</p>
-
-<p>In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen
-Umschlag. Ein beigelegtes Schreiben, das der
-Poet mit einer heftigen Bewegung entfaltete, lautete
-kurz:</p>
-
-<p>&bdquo;Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript
-Ihrer historisch-romantischen Tragödie hiemit
-ergebenst wieder zurück, indem ich lebhaft bedaure, daß
-dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne nicht
-geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung &mdash; von
-Dachburg.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen
-lassen, stand und rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam
-in ihm empor drang. Nun war Alles
-verloren &mdash; Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes
-&mdash; sie, die vor allen berufen war, höherer Dichtung
-entgegen zu kommen, ihm ein Werk, das er mit seinem
-Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll zurückschicken
-konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren
-gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich
-getäuscht &mdash; er war Nichts! Der Grund, auf dem
-er vorwärts zu gehen meinte, wich, und er sank in&rsquo;s
-Bodenlose!</p>
-
-<p>Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet!
-welch liebenden Fleiß, Jahre hindurch! &mdash; Was hatte
-er in sie hineingearbeitet von edlen Gedanken, holden
-Gefühlen, großen Vorstellungen, erhabenen Phantasiebildern!
-Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm das Unaussprechliche
-doch auszusprechen gelungen war und es
-in wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber
-wohlgefallen mußte! Und nun war Alles nichts &mdash;
-Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase wies man
-die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle
-des Lebens und rief ihm zu: &bdquo;Fort in die Finsterniß
-&mdash; und vergehe!&ldquo; Nicht einmal einen Versuch machen
-mit einer Schöpfung, deren poetischer Gehalt über allen
-Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag,
-die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten!
-Verworfen ohne Weiteres!</p>
-
-<p>So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß
-Angelegten gemacht, während man das Seichte, das
-kindisch Ergötzliche begierig ergreift, ja sogar dem Verderblichen
-die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr ist
-also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt!
-Die Menge will das Gemeine, und das Theater
-bietet es ihr, um für die hingeworfene Ehre das Geld
-in Empfang zu nehmen!</p>
-
-<p>Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste,
-an ihre, an seine Eltern &mdash; und es war ihm,
-als ob eisige Messer ihm die Brust zerschnitten. An
-derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste
-Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine
-Prüfung für uns &mdash; Auguste wird sie bestehen &mdash; und
-ich muß sie auch bestehen! Die Meinigen müssen sich
-ergeben! Was daraus werden mag &mdash; genug der Verzweiflung!</p>
-
-<p>Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der
-Intendanz und verschloß es in seinen Schrank. Dann
-schlug er ein ästhetisches Werk auf, an dem er eben studirte,
-las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu
-vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in
-ähnlicher Lage war, das mußte nun auch Heinrich erfahren.
-Die schmerzlich getroffene Seele kann, so lange
-die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten,
-die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem
-der kämpfende Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht
-die Leidenschaft wieder durch und vernichtet mit Einem
-Aufsturm die mühsam errungene stolze Haltung. Die
-Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des
-Trostes an, vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt
-und behaupten das Feld, das gepeinigte Menschenherz!</p>
-
-<p>Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich
-auf&rsquo;s Lager und suchte die erlösende Wohlthat des
-Schlafes; aber vergeblich. In erneuerter Aufregung
-und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der
-Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem
-Durcheinander weher Empfindungen ging &mdash; langsam
-genug &mdash; Stunde um Stunde dahin, und erst gegen
-Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen
-Schlummer sinken.</p>
-
-<p>Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war,
-der rüstige junge Mann fühlte sich beim Erwachen doch
-wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes erwies sich
-auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele.
-Durch ein substantielles Frühstück wurde die Restauration
-so weit geführt, daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist
-in ihm aufkam. Er eilte zu Willmann,
-ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas
-Näheres über die Gründe der Ablehnung zu erfahren,
-wornach er jetzt die größte Neugier empfand.</p>
-
-<p>Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht,
-in dem nur ein viel feinerer Beobachter, als
-unser Poet jetzt war, auch noch den Ausdruck einer
-gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie
-Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er
-ihm: &bdquo;Ich weiß schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz
-hat Ihnen die Tragödie zurückgeschickt &mdash;&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und ich
-habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten,
-was ich besaß, und für die treueste Pflege desselben Verdruß
-und Schmach zu ernten!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Doctor nickte mit Ernst. &bdquo;Ich kenne diese Empfindungen
-aus eigener Erfahrung,&ldquo; erwiederte er dann,
-&bdquo;und bedaure Sie von Herzen. Zu thun ist aber nichts
-mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich
-gegen die Aufführung erklärt.&ldquo; &mdash; &bdquo;Beide!&ldquo; rief Heinrich,
-indem eine leichte Blässe über seine Wangen flog.
-&bdquo;Aber,&ldquo; fuhr er nach einer Pause sich wieder ermannend
-fort, &bdquo;was haben sie denn für Gründe, das Stück
-für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire
-natürlich, das versteht sich von selbst; aber diese
-Gründe kennen zu lernen, hab&rsquo; ich wirklich ein großes
-Verlangen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Dieses,&ldquo; versetzte Willmann, &bdquo;glaube ich befriedigen
-zu können. Ich habe mit den Herren gesprochen.
-Es thut beiden leid, daß sie das Stück nicht zur Annahme
-empfehlen konnten &mdash; ja, ja, auch dem Komiker,
-er hat mir&rsquo;s wenigstens ernstlich versichert &mdash; und ich
-glaube nun, daß es ihnen selber lieb seyn wird, die
-Motive, die sie zu ihrem Votum bestimmt haben, Ihnen
-bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen
-die Abschriften heute noch zuschicken.&ldquo; Heinrich ergriff
-seine Hand und rief: &bdquo;Sie würden mich außerordentlich
-verbinden! Da ich nun doch einmal nichts kann,
-so möcht&rsquo; ich wenigstens erfahren, woran&rsquo;s liegt, um
-allenfalls, wenn&rsquo;s unvermeidlich wird, bei Zeiten mich
-auf ein anderes Metier zu werfen.&ldquo;</p>
-
-<p>Willmann schüttelte den Kopf. &bdquo;Nicht so desperat,
-mein Freund!&ldquo; entgegnete er. &bdquo;Ich kenne Ihr Stück
-nicht und kann also eigentlich über Ihr Talent nicht
-urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen
-scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen
-Sie zunächst die Urtheile der Regisseure, die ich selbst
-noch nicht kenne und auf die ich ebenfalls gehörig neugierig
-bin.&ldquo;</p>
-
-<p>Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend
-saß, kam die zugesagte Sendung an. Mit begreiflicher
-Hast öffnete er das Couvert, nahm die Papiere heraus
-und griff zuerst nach dem Votum des tragischen Künstlers.
-Dasselbe lautete:</p>
-
-<p>&bdquo;Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk
-und erweckt als solches schöne Hoffnungen für
-die Zukunft. Der Dichter gebietet über einen nicht gewöhnlichen
-Schatz von Empfindung und Phantasie, besitzt
-auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo
-diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten,
-da gelingen ihm anziehende und darstellbare Scenen.
-Noch im dritten Akt glaubte ich das Stück zur Annahme
-vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben
-zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und
-an Motivirung, der in den letzten Akten immer fühlbarer
-wird, so daß wir von dem Ganzen einen wüsten
-und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter
-malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die
-bösen, sondern auch die edlen Charaktere des Stücks
-machen endlich den Eindruck von Carikaturen. Das
-Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum, unter
-übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber
-nicht mehr natürlich und menschlich empfunden wird,
-da können wir nicht mitfühlen und finden daher auch
-keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen, ob dem
-Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen,
-daß es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die
-Tragödie ist trotz des poetischen Talents, das der Verfasser
-in allen Akten beweist, als Theaterstück verfehlt,
-und die Aufführung in seinem eigenen Interesse nicht zu
-wünschen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz
-begonnen und glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen
-zu können; aber der Trank, den er zu verschlucken bekam,
-wurde gegen das Ende doch gar zu bitter; unter
-unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand
-auf&rsquo;s neue die ganze Pein der Niederlage. Für
-den einseitigen Beifall, den ihm gute Freunde gespendet
-und den er sich selber zugesprochen hatte, mußte er nun
-in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches
-die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere
-Mixtur ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur
-Hand und las:</p>
-
-<p>&bdquo;Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born
-habe ich mit großem Interesse gelesen; zur Darstellung
-auf unserer Hofbühne konnte ich es aber mit dem besten
-Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der Liebe, die
-im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht,
-ist zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog
-gehörig beschnitten würde, möchte sich unser Publikum
-davon doch erwärmt und erbaut fühlen. Die Aussicht,
-die uns durch die Exposition eröffnet wird, ist ahnungsvoll;
-indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie
-vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund.
-Von dem dritten Akt an bietet uns das Stück
-ein Interesse, das der Autor gewiß nicht beabsichtigt
-hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden Seufzer
-auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer
-auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig;
-obwohl dieß, und wie Tugend und Laster meistens consequent
-nach Vorschrift sich aussprechen, eines komischen
-Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist
-aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang.
-Die Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden
-den Tod, obwohl sie ihn in keiner Art verdient
-haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die Länge
-schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen
-freilich zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß
-auch der gelangweilte Zuschauer beurtheilen mag, als
-Todsünden können sie am Ende doch nicht gelten; und
-so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch
-noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar
-untergeht, während von den Missethätern nur Einer mit
-in den Abgrund gerissen wird und die übrigen, die auch
-noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer Betäubung
-sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. &mdash;
-Sey mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß
-der junge Dichter, trotz aller dieser Mißgriffe, nicht nur
-poetische, sondern auch dramatische Begabung verräth
-und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne
-durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine
-große Beschämung erspart.&ldquo;</p>
-
-<p>Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das
-die menschliche Seele in sich aufnehmen kann; was darüber
-in sie eindringen will, das findet sie entweder fühllos
-oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann
-daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur
-Verurtheilung eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung
-der Liebe geschaffen und das ihm theuer, ja heilig
-geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu kosten bekommen.
-Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage,
-welche Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien
-der Köcher des Unheils erschöpft zu seyn.</p>
-
-<p>Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm
-fiel jetzt namentlich die Rücksichtslosigkeit auf, womit
-die Herren ihren Tadel ausdrückten. Von der Achtung,
-die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen Umständen
-ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen
-sehr wenig zu bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen,
-daß die zweite das Gegentheil davon recht vergnüglich
-zur Schau trug.</p>
-
-<p>Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und
-Aenderungen, wie weit sie gehen mochten, anzunehmen
-und auszuführen. Und wenn dieß geschah, wie sollte
-eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt
-hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch
-gewaltiger ergreifen? Aber freilich: gespielt mußte sie
-werden, und dazu mußte sie verstanden seyn! Die Hauptcharaktere
-mußten Darsteller finden, welche den Adel
-derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung
-scheint man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend
-verzichtet zu haben! Den Seelenadel zu verspotten,
-war freilich leichter!</p>
-
-<p>Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde,
-das hier zum wahren Leben gelangen sollte, war hingetilgt
-und auch als Schatten vernichtet. Der Autor,
-welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden
-geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens;
-er erlag den Streichen, die &mdash; ein Philister und ein
-Spaßmacher gegen ihn geführt hatten! Der Unmuth,
-den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der Stolz,
-der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen
-Kraft des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl
-gab ihm endlich auch die Stimmung zu einem Bericht
-seines Mißgeschicks an die Geliebte. Er setzte sich an
-den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das Erlebniß
-auffassen müßten, und schrieb:</p>
-
-<p>&bdquo;In meiner Tragödie hab&rsquo; ich große Seelen geschildert,
-welche den Prüfungen des Lebens unbeugsamen
-Muth entgegenstellen und, vom wahren Standpunkt
-angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine
-geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt,
-die ich zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich
-durchaus unstatthaft finden muß, hat die hiesige Intendanz
-die Annahme meines Stückes verweigert. Man
-gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung
-zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem
-Werke; aber man behauptet, die Effekte in den letzten
-Akten wären zu stark, könnten eher den gegentheiligen
-als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt nun
-die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das
-in keiner Art zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß
-durch gewisse Kürzungen und Abänderungen eben das
-wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre. Allein
-die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es
-unter meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen.
-Der Ersatz und Trost ist jedoch schon da. Ich arbeite
-an einem neuen Stück, worin das, was man am ersten
-getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen
-kann; ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm
-noch entschiedener zu erreichen, was mit unserer Tragödie
-anzustreben mir versagt wird, indem ich mir vorbehalte,
-auch diese noch zu den Ehren durchgreifender
-Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen
-ich hieher gekommen bin, ist nur vertagt.</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch,
-und im ersten Moment, wie ich nicht läugnen will,
-übte sie eine entmuthigende Wirkung auf mich. Ich
-besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine
-Kraft, und halte den Kopf oben. Laß mich du nun
-die Stimme der Liebe hören, die Trostworte einer edeln
-und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und meine Thatkraft
-hab&rsquo; ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird
-mir auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder
-bringen, womit die Poesie von selbst aus der Seele
-fließt. Ich verlange sehnlich nach einem Wort von dir.
-Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem
-Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe
-mir bald, liebe Auguste, sobald als möglich!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem
-dieß aber geschehen, fühlte er sich matt an Leib
-und Seele, und da er in der gegenwärtigen Situation
-durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten zusammenzutreffen,
-so begab er sich in ein Gasthaus. Das
-preiswürdige Getränk durch die Kehle gießend, empfand
-er bald seine zugleich stärkende und besänftigende Wirkung.
-Es war eine eigene, in ihrer Art auch poetische
-Lust, nach der eben so großen als unerwarteten Niederlage
-melancholisch den Gaumen zu erquicken und im
-Herzen allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen;
-ein wundersames Durcheinander von Gefühlen.
-Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des Abendtrunkes
-noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich,
-die beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz
-tief unter sich zu erblicken und ihnen mit allem Vergnügen
-die Titel zu geben, die sie nach seiner Ansicht
-gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und
-Hohn gegen Hohn &mdash; das thut der männlichen Seele
-wohl, und der Geist erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden
-Höhe.</p>
-
-<p>Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam.
-Die Schmähmonologe laut fortsetzend und damit sein
-Herz inniglich ergötzend, legte er sich zu Bette und fiel
-bald in tiefen Schlaf.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>V.</h3>
-</div>
-
-<p>Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble
-Eindrücke; aber wie tief sie im ersten Moment gehen
-mochten, ihre Dauer war kurz, da seine elastische, vorwärts
-gehende Natur sich nach Möglichkeit immer wieder
-davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem
-Schlummer, in welchem er das in voriger Nacht Versäumte
-gründlich hereinbrachte, hatte er seine Gefaßtheit
-wieder und genoß einer wohlthuenden Stille des
-Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben
-durch das schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig
-getröstet. Im tiefsten Innern war noch ein unerschütterlicher
-Rest von Zuversicht, und mit ihm gedachte
-er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.</p>
-
-<p>Als er in der warmen Stube hin und her wandelte,
-ging ein humoristisches Licht über seine Züge.
-Er nahm den Kalender, suchte den Tag, an welchem
-die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte
-und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. &mdash;
-Konnte es (wenn es nicht am Ende mehr war) ein
-auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein aus dem
-Bauch eines Wallfisches an&rsquo;s Land gespuckter Prophet!
-Welche Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie
-das bei Vergleichungen geschehen muß, von der Unähnlichkeit
-Umgang nahm! Unser Poet sah sich in seiner
-Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen
-habe, was für den betreffenden Rachen nur viel
-zu gut, weil viel zu ätherisch war; und man findet nun
-gewiß natürlich, daß er auf das Erlebniß Reflexionen
-gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn weiter
-zu beruhigen.</p>
-
-<p>Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden
-ist, hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am
-nächsten Tage stand in dem verbreitetsten Blatte der
-Residenz folgender Passus: &bdquo;Die historisch-romantische
-Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung eines
-hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen
-sollte, ist dem Autor, Heinrich Born, von der
-Intendanz als für die Darstellung unbrauchbar wieder
-zugestellt worden. So hat also auch dießmal voreiliges
-Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen,
-sondern nur zur Beschämung verholfen!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und
-zwar gänzlich unvorbereitet las, fuhr zurück wie von
-einer Schlange gebissen: er fühlte in dem Einen Stich
-alle Pein literarischen Prangerstehens. Hastig sah er in
-dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß wenigstens
-kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können.
-Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen
-Genanntwerdens, nach dem er so großes Verlangen getragen
-und das er sich so schön vorgestellt hatte! &mdash; Der
-Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu werden,
-da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte,
-dem er bekannt war, und verließ die Restauration in
-kürzester Zeit.</p>
-
-<p>Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er
-durch eine Straße wandelte, in der die Möglichkeit einer
-unangenehmen Begegnung sehr gering war, sah er
-plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er jetzt von
-allen am wenigsten sich darstellen mochte &mdash; den Professor
-Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es
-wäre auch feige gewesen, und so ging er gerade vorwärts,
-zog instinktmäßig den Hut und rief mit gebührender
-socialer Achtung den Gruß des Tages. Der
-Professor lüpfte seinen Hut schweigend, sah mit einem
-Gesicht für sich hin, das in Spott und Schadenfreude
-die feinste Genugthuung verrieth, und ging an ihm vorüber.
-Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern
-ihn seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung
-abgenöthigt, wie gänzlich er seinen Mann gleich beim
-ersten Gespräch erkannt habe.</p>
-
-<p>Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war,
-drehte er sich um und sah ihm nach. &bdquo;Vermaledeiter
-Pedant!&ldquo; rief er für sich und setzte innerlich murrend
-seinen Weg fort.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch
-ein Zusammentreffen zu bestehen. Um eine Ecke biegend,
-stand er vor Doctor Dorn, der einen leichten Ausruf
-der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem
-höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine
-Complication von Schadenfreude, eigener Beschämung
-und trotziger Geringschätzung derselben, wozu noch ein
-Zug spottender Anklage kam. &bdquo;Nun,&ldquo; fragte er den
-gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, &bdquo;haben
-Sie schon gelesen?&ldquo; Der Poet machte eine Bewegung
-des Bedauerns, die zugleich verachtende Erhebung über
-den Unfall ausdrücken sollte.</p>
-
-<p>&bdquo;Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!&ldquo;
-fuhr jener fort. &bdquo;Ich habe Ihr Stück nach
-Ihrem Referat und nach den Versen, die Sie mir vordeklamirten,
-empfohlen, und bin nun im Grund mit
-Ihnen blamirt!&ldquo; &mdash; Heinrich zuckte die Achsel. &bdquo;Es
-thut mir leid,&ldquo; entgegnete er. &bdquo;Indessen,&ldquo; setzte er
-etwas spöttisch hinzu, &bdquo;Sie werden es wohl verschmerzen.&ldquo;</p>
-
-<p>Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten
-Kämpfers den Bart. &bdquo;Nun,&ldquo; versetzte er, &bdquo;das hoff&rsquo;
-ich auch. Morgen ist der Bettel vergessen! &mdash; Für
-Sie,&ldquo; fuhr er spielend fort, &bdquo;ist die Sache etwas
-unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen
-Kummer ein! Solche kleine Unglücksfälle kommen so
-oft vor, daß sie eigentlich gar nicht der Rede werth
-sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von
-Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben
-eine Celebrität; und was kann man sich Besseres
-wünschen?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten
-im Verdruß des Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende
-Bemerkung mit einem nur halb erheiterten Gesicht.
-&bdquo;Diese Veröffentlichung einer Niederlage,&ldquo; sagte
-er dann, &bdquo;und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth
-doch eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das
-Blatt gegen mich?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das Blatt hat nichts gegen Sie,&ldquo; versetzte Dorn.
-&bdquo;Aber der Feuilletonist &mdash; Emil Schilf &mdash; ist Autor
-von zwei Stücken, die hier mit Glanz durchgefallen sind.
-Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn geärgert,
-das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem
-Neid erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei
-Ihrem Unglück inniges Vergnügen empfindet und sich
-die Freude macht, es an die große Glocke zu hängen?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Verächtlich!&ldquo; rief Heinrich.</p>
-
-<p>&bdquo;Begreiflich,&ldquo; entgegnete Dorn, &bdquo;und sehr gewöhnlich!&ldquo;
-Er schwieg, sah ihn freundlich an und sagte:
-&bdquo;Wie steht&rsquo;s mit Ihrem neuen Stück? Rückt&rsquo;s vor?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich
-hoffe darin alles vermeiden zu können, was man am
-ersten Drama gerügt hat.&ldquo; &mdash; &bdquo;Bravo! Nur immer
-lustig vorwärts!&ldquo; Nach kurzem Innehalten sah er ihn
-von der Seite an und fuhr fort: &bdquo;Haben Sie zufällig
-auch schon Zeit gefunden, einen Blick in mein Buch zu
-werfen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Noch nicht. Die Aufregung und der Verdruß
-der letzten Tage &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Natürlich,&ldquo; fiel Dorn
-ein. &bdquo;Aber nehmen Sie&rsquo;s nun doch gelegentlich zur
-Hand! Sie werden manches darin finden, was Ihnen
-eben jetzt wohlthut &mdash; auch über Theater und Theaterleute.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief der Poet, &bdquo;dafür hätt&rsquo; ich gegenwärtig
-allerdings die Stimmung!&ldquo; &mdash; &bdquo;So lesen Sie,&ldquo;
-erwiederte der Autor, indem er ihm die Hand reichte;
-&bdquo;amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre Feder! Es
-wird alles noch gut werden.&ldquo;</p>
-
-<p>Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden,
-seine Freundinnen zu besuchen, aber nicht die
-Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu treten. Er
-war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den
-Frauen, denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein
-Gegenstand des Mitleids und vielleicht gar einer Art
-von Geringschätzung zu werden, hatte etwas außerordentlich
-Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte
-er sich doch; er wollte auch dieses Verhältniß in&rsquo;s Reine
-bringen, wenn auch um den Preis eines vielleicht sehr
-fatalen Moments, und begab sich stehenden Fußes zu
-ihnen.</p>
-
-<p>Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich.
-Rosa ergriff seine Hand, sprach ihr Bedauern in ernster,
-achtungsvoller Art aus und fügte die sachgemäßen Tröstungen
-so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft erquickend
-wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte:
-&bdquo;Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein
-Poet, und hänge nicht von Einem Stücke ab.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo!&ldquo; rief das Mädchen erfreut, und die Mutter
-setzte hinzu: &bdquo;Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein
-Glück; man hat um so mehr Hoffnung, mit Glück aufzuhören.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Wenn man&rsquo;s erlebt!&ldquo; erwiederte der Poet
-mit etwas bitterem Humor. &bdquo;Indessen, das hängt nicht
-von uns ab. Thun wir das Unsere und erwarten wir
-die Folgen!&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs
-abnahm, daß er im Innern von seinem Mißgeschick doch
-noch sehr bedrückt war, sagte für sich hinsehend: &bdquo;Wer
-weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht schon
-selber ein Glück war!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete:
-&bdquo;Sie meinen, daß mir dieses kleine Unglück das
-noch viel größere eines eclatanten Falles erspart haben
-könnte?&ldquo; &mdash; Rosa, leicht erröthend, machte eine Bewegung
-mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen
-wollte. &mdash; &bdquo;Also auch Sie!&ldquo; fuhr Heinrich mit einem
-Ausdruck von Anklage und Kümmerniß fort, &bdquo;auch Sie
-geben das Stück unrettbar verloren!&ldquo; Er sah sie an
-und brach unwillkürlich in die Frage aus: &bdquo;Ist es denn
-aber so gar schlecht?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses
-Ausrufs einer Anwandlung von Lachen nicht erwehren
-und Rosa beeilte sich zu erwiedern: &bdquo;Durchaus nicht &mdash;
-an sich selbst, aber für die Aufführung höchst bedenklich!&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Höchst bedenklich!&ldquo; wiederholte der Poet, wie einer,
-der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. &bdquo;Und
-das sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Vielleicht,&ldquo; erwiederte Rosa. &bdquo;Aber es gab so viel
-Kopfzerbrechens und so viel Arbeit, daß Sie leichter
-und sicherer ein neues Stück ausführten.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine
-entschlossene Bewegung und rief: &bdquo;In Gottes Namen!
-Das neue Stück, wie Sie wissen, ist angefangen, und
-ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen,
-ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!&ldquo; &mdash; Die
-Künstlerin schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung.
-&mdash; &bdquo;Sie zweifeln am Gelingen?&ldquo; rief Heinrich.
-&bdquo;Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Zu Ihnen,&ldquo; erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst,
-&bdquo;alles, zu Ihrem neuen Stück wenig. Es ist wieder
-ein Trauerspiel!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun,&ldquo; versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, &bdquo;das
-ist doch wohl an sich kein Verbrechen! Oder soll das
-Trauerspiel ganz in die Acht erklärt seyn? Darf jetzt
-überhaupt keines mehr geschrieben werden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das,&ldquo;
-versetzte Rosa, &bdquo;will ich durchaus nicht sagen. Aber der
-Gegenstand Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich
-wünsche Ihnen sicheren und wo möglich allgemeinen Erfolg,
-und der ist jetzt nur mit einem gelungenen Schauspiel
-oder Lustspiel zu hoffen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt,
-entgegnete: &bdquo;Es mag seyn; ein rein realistisches
-Drama kann, wie der Geschmack jetzt ist, am sichersten
-durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich habe keinen
-Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine
-Art und würde auch zu nichts führen. Es mag ein
-Unglück seyn, aber es ist nun einmal so.&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen.
-Jetzt, mit Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: &bdquo;Würden
-Sie eins ausführen, wenn man Ihnen den Stoff
-dazu gäbe?&ldquo; &mdash; Heinrich, nachdem er sie forschend betrachtet,
-erwiederte: &bdquo;Das kommt darauf an. Wenn
-mich die Aufgabe in die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft
-in mir erweckte &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt
-und einen Blick der Verwunderung auf die Tochter geworfen,
-der sich aber bald in einen Blick der Zärtlichkeit
-wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster Freude,
-entgegnete dem Poeten: &bdquo;Nun, ich glaube einen solchen
-Stoff zu haben und will ihn an Sie abtreten!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie.
-&bdquo;Ist&rsquo;s möglich?&ldquo; rief er. &mdash; &bdquo;Ja, ja,&ldquo; versetzte die
-Mutter. &bdquo;Sie hat nicht nur einen Stoff, sondern
-einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte
-Scenen!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein
-Auge hing an der Künstlerin, die erröthet war, und
-mit einem Ton liebenden Interesses rief er endlich:
-&bdquo;Wie! Sie sind dramatische Dichterin? &mdash; Und das erfahr&rsquo;
-ich erst jetzt?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ein gutes Sujet,&ldquo; erwiederte
-das Mädchen, &bdquo;und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren,
-macht noch lange keine Poetin. Ich hab&rsquo; im
-Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir just
-die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr
-günstig halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden
-Sie mich geradezu glücklich machen, wenn Sie sich
-seiner annehmen wollten.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des
-Widerstrebens. &bdquo;Das geht nicht,&ldquo; rief er, &bdquo;das darf
-ich nicht! Ich Sie berauben? Unmöglich!&ldquo; &mdash; &bdquo;Wenn
-ich mich nun aber berauben lassen will?&ldquo; entgegnete
-das Mädchen nicht ohne Ungeduld. &bdquo;Soll man Ihnen
-nicht einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster
-aller Sterblichen? Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft!
-Es kleidet niemand gut, am wenigsten die Poeten!&ldquo;
-Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah,
-fuhr sie fort: &bdquo;Nun? &mdash; Sie thun mir wirklich einen
-Gefallen. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen und
-würde Gott weiß wie lange daran herum arbeiten; aber
-Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen
-den Stoff, und meinem Stoff den Poeten.&ldquo; &mdash; Das
-Gesicht Heinrichs klärte sich auf. &bdquo;Nun,&ldquo; rief er, &bdquo;wenn
-es Ihnen ernst ist &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Vollkommen! Hier meine
-Hand und meinen Dank.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa
-fuhr mit wahrer Genugthuung fort: &bdquo;Der Handel ist
-abgeschlossen. Ich will die Blätter nochmal durchgehen
-und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen
-Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster
-Güte wahrhaft gerührt. Er dankte und pries das Glück,
-eine so treffliche Freundin gefunden zu haben, in so
-warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die
-Mutter bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah,
-als ob sie entschlossen wäre, sich in etwas Unvermeidliches
-zu fügen.</p>
-
-<p>Heinrich war von der neuen Aufgabe &mdash; obwohl sie
-ihm noch eine bloß allgemeine war &mdash; sofort ergriffen.
-Er brachte die nächsten zwei Tage in Ueberlegungen
-und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie bezogen,
-versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich
-die Erfahrungen in&rsquo;s Gedächtniß, die er selber gemacht,
-und suchte Reden und Gesprächsfragmente auszudenken,
-die zugleich richtig und pikant waren. Er bildete ein
-förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam zu den
-Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem
-Feld einen Versuch zu machen.</p>
-
-<p>Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm
-dann ihren Plan und endlich, von ihm ermuthigt, sogar
-die ausgeführten Scenen vor.</p>
-
-<p>Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches
-Ereigniß in einem früheren Bekanntenkreise der beiden
-Künstlerinnen, was dem Conflikt und dem Ausgang etwas
-lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen
-eine &bdquo;alte Geschichte,&ldquo; aber durch die neuen Beziehungen,
-in welchen sie verlief, neu und charakteristisch für
-die gegenwärtige Zeit. Menschliche Charaktere; die guten
-mit Schwächen und natürlichen Beweggründen, ihre
-Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten Elementen
-ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang
-der Intrigue von der Art, daß die Hauptpersonen die
-verschiedenen Seiten ihres Wesens herauswenden konnten,
-die edleren Charaktere im Moment der Entscheidung
-siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und steigerten,
-die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen
-Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber
-fingen, um zuletzt der Beschämung überliefert, zur Entsagung
-und Unterwerfung gezwungen zu werden. Alles
-das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend,
-daß die Organisation im Wesentlichen gegeben war und
-die Phantasie nur auf poetische Begründung und Bereicherung
-zu denken hatte.</p>
-
-<p>In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die
-Anschauung, was man daraus machen könnte, ihn erhob,
-regte sich die erfindende Kraft. Was jenes Votum
-des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen
-Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die
-Künstlerin angenehm überraschende Weise, indem er mit
-Sicherheit die Punkte markirte, wo Angelegtes wirksamer
-entwickelt, neue Effekte angebracht und mit dem
-Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar
-für ein paar komische Auftritte ersah er den Platz
-und mehrte die Zahl der Personen durch die Figur eines
-drolligen Gesellen, den er auf der Universität kennen
-gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage sehr
-plausibel zu machen wußte.</p>
-
-<p>Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar
-Stunden lang erwogen, debattirt und sich verständigt
-hatte, konnte man sich rühmen, einen Plan zu besitzen,
-den man für höchst versprechend halten mußte. Heinrich
-war voller Freude. Das Thema begann vor seiner
-Seele zu leuchten, und er sehnte sich innig nach der
-Gestaltung.</p>
-
-<p>Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die
-Heldin, die im Plan Rosas Antonie hieß, zeigte eine
-nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit Auguste. Wie
-diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich Antonie
-würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch
-Schickungen in dieselbe Lage gekommen wäre. Eine
-Freundin dagegen war in einer Weise gedacht, daß er
-bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa
-selber verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er
-einen sehr anmuthigen Charakter zu schaffen gewiß war.
-&mdash; Welche Lust nun, in Ausführung dieser Gestalten
-seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu gleicher
-Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln
-Freundin aber eine Rolle schreiben zu können, worin
-sie den Lohn des reichsten, beglückendsten Beifalls ernten
-mußte!</p>
-
-<p>Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem
-lieben Mädchen zum Abschied mit einer Herzlichkeit und
-Innigkeit in&rsquo;s Auge sah und die Hand drückte, daß
-seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu
-unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden
-Ueberlassung an Lohn gedacht, in diesem Moment erhielt
-sie ihn.</p>
-
-<p>&bdquo;Das muß gelingen!&ldquo; rief der Poet noch mit
-frohem Pathos. &bdquo;Ich werde das Meinige &mdash; das Meinigste
-thun, Sie werden helfen, verbessern, zurechtweisen
-&mdash; und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen,
-das dem Publikum Thränen entlocken und
-es zu begeistertem Dank hinreißen soll! Adieu für jetzt!
-In acht Tagen sehen Sie den ersten Akt!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt
-und stattlich seiner Wohnung zuzuwandern.</p>
-
-<p>Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg,
-und hatte doch das Gefühl, daß er dadurch nicht die
-Nemesis reizte. Der Erfolg lag dießmal in der Sache.
-Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung, Alles
-war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend.
-Die ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche,
-daß man an ihre Tugend glaubte und sich ihrer freute,
-die andern so viel Gutes, daß man ihr Vergehen begriff
-und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte
-er für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig
-beglückend, erhebend wirken. Die Lebenswahrheit,
-die freundliche Mäßigung und die labende Frische
-der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die
-Herzen gewinnen mußte. Er stellte sich&rsquo;s recht lebhaft
-vor und erquickte sich innig an diesen Eigenschaften.</p>
-
-<p>Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche
-Empfindung malte sich auf seinen Zügen und das schöne
-Roth der Freude wandelte sich in das düsterdunkle der
-Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht, mit dem
-klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend
-überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war
-der täuschende Flor gefallen, durch den er sie bis jetzt
-gesehen; sie standen vor ihm in all ihrer Einseitigkeit,
-Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen durch
-sein Inneres.</p>
-
-<p>So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen.
-Man denkt Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht
-die Bilder mit aller Liebe und Freude des Schöpfers.
-Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt die Gebrechen
-daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet.
-Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung
-oder böser Wille gefällt; es wäre Thorheit, ja Verrath,
-sich ihm zu unterwerfen! &mdash; Neue, schärfere Angriffe
-rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das
-Herz des Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht
-das Wort der Rüge und wirkt Bedenken, Zweifel.
-Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch lebt in
-ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt
-das Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist
-genöthigt, es als Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen
-Gebilde; und wie in der Sage Zauberinnen,
-welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder
-der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme
-derselben plötzlich durch eben so große Häßlichkeit
-erschrecken, so grinst den Unglücklichen die Kehrseite des
-Bildes in aller Grellheit an; er sieht, im Innersten
-verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben,
-er gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt
-gegen sich selber.</p>
-
-<p>Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen
-ihres Entwurfs mit Seitenblicken auf die Figuren
-der abgewiesenen Tragödie charakterisirt und den Autor
-an diesen den Mangel an Natur und Wahrheit fühlen
-lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die
-Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings
-etwas voraus, aber diese noch mehr vor jenen; beide
-hatten ihren Werth, ihre Schönheit, ihre Sphäre des
-Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie Schuppen
-vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht
-zu sagen Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher
-abgewiesen, verbanden sich mit ihm und drangen mit
-ihm vereint gegen das Werk an, und es ging in
-Trümmer.</p>
-
-<p>Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige
-Aufgebenmüssen einer so unendlich geliebten und unwillkürlich
-bewunderten Schöpfung! Die Selbstverdammung
-gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief
-sich aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung
-begann ihre schwarzen Fittige wieder um sein Haupt
-zu schlagen.</p>
-
-<p>Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen.
-Gottlob! gottlob! sein Werk lag zu Boden,
-er selber stand! Der Ersatz für den schmerzlichen Verlust
-war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue Dichtung
-mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener
-allzuhoch gespannten nur trügerisch versprochen hatte.
-War es doch auch eine schlichte Aufgabe, die er ergriff,
-der er sich fügte! Uebte er doch in der That, wenn er
-ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und
-Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der
-Einbildung sich verlocken lassen zur Selbstüberschätzung,
-Selbstüberhebung. Aber er war vollauf gestraft, er
-erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere &mdash; und nun
-mußte es ihm auch gelingen.</p>
-
-<p>Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser
-Klarheit. Denn freilich seit Langem kannte er die Aufgabe
-der Dichtung: die Natur zu verklären, die Menschen
-aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren wirklichen
-Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er
-sich das gesagt! Auch geschrieben hatte er&rsquo;s und drucken
-lassen für Andere! Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg
-verlocken, weil ihn eben der Wahn blendete, in
-reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren
-jedes leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll
-nach seinem Ziele ging, das überschwänglich Poetische
-zu leisten. Nun aber, nachdem er den Wahn als
-Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der
-Dichtung nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch
-erprobte, durch Erfahrung bestätigte Wahrheit. Nun
-hatte er&rsquo;s im Wollen, und nun mußte er&rsquo;s auch haben
-im Vollbringen!</p>
-
-<p>Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen.
-Er trat in seine Stube als ein verwandelter
-Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder erhoben und
-festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein
-Schreiben: es war von Auguste. Der Liebende erbrach
-es mit dem Vorgefühl, daß es herzlich Gewünschtes
-bringen werde &mdash; und er täuschte sich nicht. Das
-Schreiben lautete:</p>
-
-<p>&bdquo;Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter
-Heinrich, hab&rsquo; ich deine letzte Meldung gelesen. Ist es
-denn möglich? Eine Dichtung, die uns Alle begeisterte,
-von der wir noch lange nachher mit Bewunderung gesprochen
-haben, sie soll nicht einmal der Aufführung
-werth seyn? Man schickt sie dir wieder zurück, als wäre
-sie ein schlechtes Machwerk! O wie unendlich bedaure
-ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung abnehmen,
-wie groß die deine gewesen ist, und bewundere
-jetzt deine Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie
-und die Liebe und der Fleiß, den du auf diese Dichtung
-gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen seyn?
-Bist du denn nicht verzweifelt?</p>
-
-<p>&bdquo;Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen
-und lebhaft daran denken, daß man eben so
-eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du sie hast, in
-dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn
-ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es
-&mdash; ich hab&rsquo; es ja von dir gehört und mit dir erlebt!
-&mdash; ein dramatisches Werk zu schreiben! Damit ist aber
-noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung bestehen
-von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen
-mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es
-auf der Bühne nach dem Geschmack des Publikums seyn,
-den man nicht berechnen kann. Welche Gefahren,
-welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich,
-die Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall
-gewinnt, dürfen sehr groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen
-und Aufregungen irgend belohnen sollen!</p>
-
-<p>&bdquo;Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und
-deine Ausdauer vor, dann glaube ich, trotz allem, doch
-wieder an dich und hoffe auf&rsquo;s neue. Gib dir nur
-Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden,
-die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft
-mit Schauspielern und mit Dichtern, die schon
-effektvolle Werke geschrieben haben, und laß dir von
-ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung
-des Publikums, die du im Theater studiren kannst,
-und trachte in deinem Stück nach Scenen, die du am
-meisten auf die Herzen wirken siehst. Wenn du das
-alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent
-ganz gewiß durchdringen.</p>
-
-<p>&bdquo;Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist
-mir sehr schwer geworden. Bei ihrem großen Vertrauen
-auf dich wollten sie die Nachricht zuerst gar nicht glauben.
-Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben
-vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater
-entschlüpfte das Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk!
-Ich nahm mich aber deiner an, und mein herzlicher
-Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine
-Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen
-konnten. Aber das rechte Vertrauen ist noch
-nicht wiedergekehrt.</p>
-
-<p>&bdquo;Ein übles Nachspiel gab&rsquo;s, als die Zeitung eintraf,
-die deine Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat.
-Auf die Fragen zu antworten, die man jetzt von allen
-Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht leicht
-und angenehm gewesen; ich hab&rsquo; es aber in meiner
-Liebe zu dir gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen
-ihr herzliches Bedauern aus, und darunter der brave
-Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm Bürge, daß
-es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken
-werde. Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht
-zurückhalten und ihre Reden wurden durch ihre Mienen
-so auffallend Lügen gestraft, daß ich mich über beide
-sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse
-geworden.</p>
-
-<p>&bdquo;Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich
-nicht entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete
-jetzt nur alle deine Kräfte auf und erfreue mich bald
-mit einer guten Nachricht, die den Glauben der Eltern
-stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich zischeln,
-verstummen machen kann. Vertraue auf meine
-unwandelbare innige Theilnahme an Allem, was du
-unternimmst; schreibe mir Alles, was dir irgend Bedeutendes
-widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung
-des neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst,
-und harre in Hoffnung; aber dann melde mir endlich
-einen Erfolg, der Alles wieder gut macht und die treuesten
-deiner Freunde am glücklichsten!&ldquo;</p>
-
-<p>Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung
-erfreute und erhob den Liebenden im Innersten,
-und muthig blickte sein Auge, als er die letzten Zeilen
-gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser Erfolg war gefordert,
-aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das Geschenk
-eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs
-war eine Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß
-seiner Lage. Hülfe in der Noth, doppelt und dreifach
-willkommen! Er fühlte das wunderbare Zusammentreffen
-mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe
-Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.</p>
-
-<p>Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die
-ersten Scenen gelangen ihm nach seinem Gefühl munter,
-frisch &mdash; um nicht zu sagen keck. Als er zu Tische
-ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines
-Herzens trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und
-theilte ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen
-Fund, seine Hoffnung mit. Der Doctor war ernstlich
-erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich schelmischen
-Glanz hatte, rief er: &bdquo;Also bekehrt! Einer von
-den Unsern! &mdash; So rasch ist der Plan &mdash;&ldquo; Er hielt
-inne, schüttelte ihm die Hand und setzte hinzu: &bdquo;Nehmen
-Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie im
-rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des
-Jahrhunderts, und <i lang="fr" xml:lang="fr">vogue la galère</i>!&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>VI.</h3>
-</div>
-
-<p>Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus,
-der hauptsächlich unsere Epoche bezeichnet und auf allen
-Gebieten mit wechselndem Glücke geführt wird, mußte
-nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten.
-Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am
-Ende nur zur Ausgleichung führen kann, braucht sinnigen
-Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden. Aber
-wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter
-der Gegensätze, welche sich, &bdquo;des langen Haders
-müde,&ldquo; zuletzt die Hand reichen werden? Schwerlich.
-Der Kampf wird dazu dienen, die Akten spruchreif zu
-machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk
-seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt,
-den Streit in sich selber durchkämpfen und der
-Ausgleichung fähig werden in der gerecht unterscheidenden,
-gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie, denen
-der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern
-und Zusammenwirken für den Sieg im Großen,
-der sich, wenn es Gott gefällt, nach und nach wird erstreiten
-lassen.</p>
-
-<p>Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte
-in gewissem Sinn auch den Dichter, dessen Schicksale
-hier dargestellt werden sollen. Er hatte ein Auge für
-die wirkliche Welt, er lebte und liebte in ihr, er fühlte
-die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in
-verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte
-er einem unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden
-der Phantasie, und glaubte in ihnen eben das Größte,
-das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge des
-idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus,
-und sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem,
-unscheinbarem Licht. Seinen Hauptberuf erblickte er
-jenseits der Schranken des Irdischen, und auf ihn
-warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger
-Jugend.</p>
-
-<p>Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß
-übel gelohnt. Gleich Phaeton war er herabgestürzt aus
-den himmlischen Höhen: gewaltig erschüttert, aber glücklicherweise
-doch nicht zerschmettert und kein tragisches
-Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah
-er sich auf der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung,
-daß sie lieblich anzuschauen war und ihm
-anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum Ersatze
-bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten
-Licht und freute sich über Alles, nachdem ihm das
-Große nicht gelungen war, um so besser das traulich
-ansprechende Kleinere zu leisten.</p>
-
-<p>Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden
-Geist verklärte Leben. Der Geist kann alles verklären,
-was er liebt; nicht nur das Große, sondern
-auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den
-Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste
-zeigt, auch erlöst werden sollte und soll. Die Malerei
-hat Götter und Heroen dargestellt, aber auch den Schmetterling,
-den Käfer und den Apfel wiederzugeben nicht
-verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz bewahrt
-hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen,
-wenn sie nämlich gelungen sind!</p>
-
-<p>Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des
-Poeten, als er sein Drama weiter führte. Seine Liebe
-zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem sie ruhiger
-wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen
-mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein
-Schamgefühl über ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte,
-womit er auf solche Arbeiten früher herabgesehen
-hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm
-bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte
-aber auch, daß die Buße heilsam war für ihn und seine
-Arbeit.</p>
-
-<p>Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er
-brauchte denn doch länger dazu, als acht Tage), begab
-er sich zu den Freundinnen. Unter guten Erwartungen
-las er ihnen die Reinschrift vor und wurde, hinsichtlich
-des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im
-Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen
-gründeten sich aber auf Erfahrung und natürlichen
-Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht, und er änderte
-mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu
-Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns
-gegönnt. Jetzt setzte er&rsquo;s nur fort und freute sich
-der wachsenden Reinheit.</p>
-
-<p>Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken
-hin als richtig zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd
-an und sagte: &bdquo;Mein lieber Freund, Sie haben einen
-guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht glauben,
-der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich
-werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen,
-erkennen Sie die unsere an und lassen sie gelten. Das
-ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern nicht sehr
-häufig vorkommen soll.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mir,&ldquo; entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, &bdquo;hat ihn
-auch erst ein Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört
-er zu mir und ich gedenke ihn zu behalten.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Immer zu!&ldquo; rief die Mutter lächelnd. &mdash; &bdquo;Im Grunde,&ldquo;
-fuhr der Poet fort, &bdquo;kommt es auch hier nur darauf
-an, was man eigentlich will: die Sache, die Kunst,
-oder sich selber. Wer die Kunst will, der hat ein Ideal
-der Vollendung vor Augen, und er ruht nicht, bis sein
-Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer <em class="gesperrt">sich</em>
-will, der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte
-Ideal, weil es von ihm ist. Natürlich wird so
-Einem der Widerspruch als persönliche Beleidigung erscheinen,
-während er jenem, als zur Verbesserung der
-Sache dienend, lieb und willkommen ist.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weislich erklärt,&ldquo; entgegnete Rosa mit Lächeln.
-&bdquo;Nun, unsern Widerspruch können Sie schon gelten lassen;
-er kommt weder aus einem tadelsüchtigen noch frivolen
-Gemüth und hat nichts als die Schönheit Ihres
-Werkes im Sinn.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das weiß ich,&ldquo; erwiederte Heinrich,
-&bdquo;und darum hör&rsquo; ich ihn mit Freuden und bitte
-um die Fortsetzung.&ldquo;</p>
-
-<p>Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner
-Thätigkeit und seinem Verkehr mit den beiden Frauen
-Schritt für Schritt zu begleiten. Er arbeitete stetig
-jeden Tag, und wenn das Drama langsam vorrückte,
-weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten
-und wiederholte Versuche nöthig machten, so
-wuchs es doch und nährte die Begierde des Autors zum
-Weitergang.</p>
-
-<p>Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich
-bedeutend oder gewagt erschienen) las er an freien Abenden
-den Damen vor, hörte Lob und Tadel und änderte
-nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und ganze
-Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es
-interessant gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin
-dabei sich ergänzten. Heinrich strebte nach Gehalt,
-Geist, höherem Ausdruck, und vielfach gerieth es
-ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu
-schwer, zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter;
-und so wurde er von Rosa bekämpft, bis der
-Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte vorzugsweise den
-Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden
-Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge
-herzustellen. Hier überschritt sie aber ein paarmal
-die Linie, schlug Reden vor, die sich nicht natürlich
-aus der Situation ergaben, und mußte sich von
-dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit
-über alles ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit
-und der Wirkung einander entgegen traten, ging
-es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte sich
-wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde,
-daß in einem Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll
-seyn müsse, und Heinrich, wenn er die unmittelbaren
-Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch in
-sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung
-Sorge trug.</p>
-
-<p>Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche
-Herz im Guten und Schlimmen, so wie die Leiden
-und Freuden der bürgerlichen Sphäre gar wohl kannte
-und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens
-zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem
-er wirkliche, lebendige Menschen zeichnete, die
-in natürlicher Entfaltung ihres Innern Sympathie zu
-gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen
-immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste
-Vergnügen.</p>
-
-<p>Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen
-Trauliches und unter Umständen Heiteres, daß
-ein Besucher, auf den ersten Blick hin, sich gesagt hätte,
-die sind glücklich und machen sich glücklich. In der
-That unterhält nichts anziehender und schöner, als
-gleiches Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen.
-Rosa konnte das Drama so gut ansprechen wie Heinrich,
-und jedenfalls lag ihr das Gelingen um nichts
-weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes
-Auge glänzte Genugthuung, wenn sie etwas für gut
-erklären mußte, besonders wenn dieß nach einer zweiten
-Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert hatte. Da
-rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es
-gleich so richtig getroffen und sich dadurch als wahren
-Dichter bewiesen habe, so warm, so froh, daß er beglückt
-lächelte und auch über das Gesicht der Mutter
-ein Schein der Freude ging.</p>
-
-<p>Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte,
-die es schon längere Zeit waren und darum in
-ruhiger Freundlichkeit sich gefielen. Bei näherer Betrachtung
-zeigte sich freilich, daß der Poet an der Liebenswürdigkeit
-des Mädchens sein Vergnügen hatte und
-sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber
-doch nur in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte,
-während aus ihrem Auge zuweilen Blicke kamen, die
-ihre tiefe Leidenschaft verriethen &mdash; ein süß und schmerzlich
-erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft
-verschlossen gehalten wurde.</p>
-
-<p>Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der
-junge Mann diesen Zustand ihrer Seele nicht endlich doch
-erkannte und nun mit sich zu Rathe ging über das
-unter solchen Verhältnissen ihm gebotene Benehmen?
-Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich
-unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens
-Schuld, die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte,
-daß sie den Ausdruck einer tieferen Empfindung rasch
-wieder in Scherz verkehren und damit auslöschen konnte.
-Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben
-entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für
-den Beweis einer Freundschaft, die auch er gegen sie
-empfand, für die natürliche Sympathie der Künstlerin
-mit dem Dichter, und endlich &mdash; warum nicht? &mdash; für
-den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das
-er ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch,
-daß er verlobt war und an der Geliebten mit unverbrüchlicher
-Treue hing; wie hätte er denken sollen, daß
-sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in
-Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte
-die Geliebte, die Freundin die Freundin, und darum
-genoß von den dreien nur er allein eines reinen,
-ungetrübten Glücks.</p>
-
-<p>Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren
-eigenen Weg genommen. Der dramatische Dichter und
-die feinsinnige, reizende Künstlerin schienen für einander
-geboren. Aber während sie ihn liebte und in dieses
-Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit
-leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern
-umgab sie, die Schöne, nur um so eifriger mit
-den Zaubern einer verschönernden Einbildungskraft. Sie
-war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin seiner
-Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust
-erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth
-über Alles, und sie endlich sein zu nennen und sie
-mit allen an&rsquo;s Herz zu drücken, eine nicht zu fassende
-Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große Künstlerin,
-durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben
-erglänzen, daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen
-ihr Licht verlieren mußten. Wenn die Freundin
-sich um ihn verdient machte und ihm zur Erreichung
-seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem
-Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die
-Erwählte durch seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend
-heimzuführen.</p>
-
-<p>Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes
-Gemüth schon durch den großmüthigen Beistand
-sich beglückt fühlte, hatte doch eine schmerzlich bittere
-Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal so
-recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie
-nieder, und es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit
-ihm an der Vorstellung seines endlichen Glückes selber
-zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich nur um
-so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse
-Scheu gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu
-preisen und der Freude seines Herzens Worte zu geben,
-so folgte er jetzt dem Drange desselben um so rückhaltloser,
-weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude
-zu machen glaubte.</p>
-
-<p>Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu
-erheben, wurde Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt.
-Ein Liebender findet so viele Gelegenheit, von
-der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage nach ihr
-gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit
-mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu
-Rathe zieht. Eine Erkundigung nach einem Bezug, der
-nur ihn selber betrifft, läßt ihn in die Antwort einflechten,
-was <em class="gesperrt">sie</em> vorher oder nachher, in oft sehr entferntem
-Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w.
-Heinrich, um der bewiesenen Theilnahme durch eben so
-großes Vertrauen entgegen zu kommen, theilte die
-schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von
-Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich
-zum Ruhme sang, und gab dazu Commentare,
-die oft noch viel poetischer waren als die Gedichte
-selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber
-die einmal angenommene Haltung zu bewahren
-hatte, so ahnt man, was sie dabei litt.</p>
-
-<p>Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber
-in ihr an. Der Poet hatte den Gedanken, in den
-beiden Mädchengestalten sowohl die Geliebte als die
-Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und es
-begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur
-in all ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne
-und recht eigentlich secundär erschien. Die Künstlerin
-hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe ihren
-Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu
-entlasten. Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern
-auch ästhetisch verletzt. Denn eben jene erste Figur
-drückte sich in der Arbeit zu hoch und zu kostbar
-aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig beeinträchtigen
-mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu
-Rathe gegangen, trat den Uebertreibungen in diesem
-Bilde so geschickt als möglich entgegen, mußte aber doch
-länger kämpfen, indem der Poet endlich nur nachgab,
-als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere
-Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen
-ließe. Bei der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge
-zu machen zu besserer Ausstattung an Gemüth
-und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß im
-Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich
-erheitert, gehorchte.</p>
-
-<p>Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe
-genug hatte, so war ihr doch auch ein Ersatz geboten.
-Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer Beihülfe gedieh
-das Werk und klärte und bildete sich der Autor selber.
-Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents,
-erreichte er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte
-sie sich sagen, daß sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin
-seines Glückes war. Er selbst war gewissermaßen
-ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte, und sie
-hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer
-gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht
-zu bloßer Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches
-Herz forderte seine Rechte. Eben nach längerer Zurückhaltung,
-in der Müdigkeit, welche stete Selbstüberwindung
-zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle
-nur um so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu
-erschüttern.</p>
-
-<p>Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben
-Rückfall Heinrichs in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft,
-stellte sich ihr in der Einsamkeit sein Benehmen
-vor die Seele und ein wahrer Unwille erstand in ihr.
-Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in
-seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und
-diese letzteren erschienen ihr in grellem Licht. Da sie
-sich nun doch zu ihm hingezogen fühlte, so war sie
-entrüstet über sich selber, klagte sich an und empfand
-diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine
-Frage erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen
-verursachte. War es die Verlobte werth, daß sie ihr
-weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich aus ihren
-Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff
-beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden
-hätte Glauben schenken können. Der Gedanke stellte
-sich ihr dar, daß dieser auch hier sich täuschen und da,
-wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches
-Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen
-und Streben vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß
-sie, die Künstlerin, ihn fördern, ergänzen, glücklich
-machen könnte. Sie dachte sich, wie schön und fröhlich
-sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre zusammenstimmenden
-Berufe zu treiben vermöchten, und ein
-Schmerz, eine förmliche Indignation durchdrang sie,
-daß die Welt und das Geschick es anders beschlossen,
-daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn
-sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele,
-ihn trotz allem durch ein anderes Benehmen gegen ihn
-zu gewinnen, mit der Abwesenden zu kämpfen und &mdash;
-zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er gekommen
-war. &bdquo;Nein,&ldquo; rief sie, nicht ohne das Pathos
-des Stolzes, &bdquo;ich will keinen Mann erobern, der mich
-nicht liebend sucht! Eben weil ich eine Schauspielerin
-bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen Müttern
-und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist.
-Sie soll ihn haben &mdash; und ich, ich werde mich trösten!&ldquo;</p>
-
-<p>Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese
-Art sich endlich zu erheben. Zuweilen versank sie in
-stille, tiefe Trauer und erschien wie krank, wofür sie
-sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung
-des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah,
-so zu Herzen, daß sie in ihrem Stübchen vor Zorn
-weinte und unter reichlich fließenden Thränen ihr Geschick
-verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und
-den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft
-vergiftet habe.</p>
-
-<p>Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung
-nicht immer verborgen bleiben. Sie schüttelte den Kopf
-und warf auf die Tochter Blicke, die, ihr Innerstes
-durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend,
-wo sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie,
-was ihr sey, und das Mädchen sprach ihren Verdruß
-darüber aus, eine Rolle nicht erhalten zu haben, die
-ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut
-habe. Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll,
-und sie rief: &bdquo;Geh, und mach mir nichts weis!
-Du hängst an diesem Menschen und verstrickst dich immer
-tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück,
-das ihr mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück,
-und ich erkläre mir nun die fatale Empfindung, die ich
-hatte, als du es an ihn abtratest. Je mehr er dich
-kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen
-nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für
-ihn, und dein Lohn ist Herzeleid!&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. &bdquo;Du
-übertreibst, liebe Mutter,&ldquo; entgegnete sie mit der Ueberlegenheit
-einer Seele, die an ihrem Loos trotz allem
-festhält. &bdquo;Wenn du aber auch Recht hättest, was thät&rsquo;
-es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am
-wenigsten einer Schauspielerin. Man macht damit neue
-Erfahrungen, neue Sphären menschlicher Gefühle schließen
-sich auf, und man spielt besser. Ja, ja,&ldquo; fuhr sie mit
-einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort, &bdquo;für mich
-insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich
-habe mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere
-Seite gelegt, und das geht wohl eine Zeit lang, wird
-aber nach und nach langweilig und schädlich. Das Herzeleid
-führt in die Tiefe, macht uns ganz &mdash; allerdings,
-liebe Mutter! &mdash; und wir gelangen zur wahren künstlerischen
-Ausbildung.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den
-Mund, hatte den Kopf geschüttelt. &bdquo;Du rufst den
-Humor zu Hülfe!&ldquo; entgegnete sie. &bdquo;Wird er immer
-vorhalten?&ldquo; &mdash; &bdquo;Es ist mein Ernst,&ldquo; versetzte Rosa mit
-Ergebung. &bdquo;Dieser Poet ist in unser Haus gekommen
-und wir haben uns für ihn interessirt. Das Theater,
-von dem er alles erwartete, hat ihn abgewiesen und
-recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte ihm
-die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei
-alledem hab&rsquo; ich mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr
-Unglück dabei für mich heraus, als mir lieb ist, so
-muß ich&rsquo;s tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht
-so schwach, und werde schon damit fertig werden.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Augen der Frau waren naß geworden. &bdquo;Du
-bist ein gutes Kind,&ldquo; rief sie, &bdquo;ein edles Herz. Du
-hättest ein besseres Loos verdient!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ach, Mutter,&ldquo;
-versetzte das Mädchen, &bdquo;man kann in dieser Welt nicht
-alles haben und muß sich genügen lassen! Mir ist
-dieses Unglück im Grunde doch lieber, als das ehemalige
-Glück, und ich würde es nicht dafür hergeben,
-wenn sich&rsquo;s mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark
-aufgelegt hat. Ich hab&rsquo; nun einmal meine Freude
-dran! Laß mir&rsquo;s, bis mich&rsquo;s von selber verläßt!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß
-sie an ihre Brust und drückte einen zärtlichen Kuß auf
-ihre Stirn. &bdquo;Wann wird das aber geschehen?&ldquo; entgegnete
-sie. &bdquo;Die Arbeit, die euch immer wieder zusammenführt,
-wird noch eine gute Zeit dauern. Kann
-sie die Krankheit nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar
-wird?&ldquo; &mdash; &bdquo;Im Gegentheil,&ldquo; versetzte das
-Mädchen; &bdquo;eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird
-mich heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme,
-sorg&rsquo; ich eigentlich nur für mich selbst.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter schaute sie zweifelnd an. &mdash; &bdquo;Ganz
-einfach,&ldquo; erwiederte die Tochter. &bdquo;Wenn das Stück
-geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet ein
-gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir
-nun gesehen, und wenn er einmal erfährt, wie er&rsquo;s
-am besten verwenden kann, wird er den Weg, auf den
-wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann
-um seine Auguste anhalten und wird sie heirathen &mdash;
-und ich werde mich beruhigen; denn so kindisch bin
-ich nicht, daß ich einen weiblichen Werther spielen
-werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns
-wenig oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem
-Herzen wieder still werden und nur der Nutzen der
-Erfahrung wird übrig bleiben.&ldquo; &mdash; Die Frau sah ihr
-in&rsquo;s Auge und lächelte mitleidig. &bdquo;Sehr gut berechnet,&ldquo;
-entgegnete sie. &bdquo;Also für jetzt glaubst du dich
-deinem sogenannten Glück noch ruhig überlassen zu
-können?&ldquo; &mdash; Das Mädchen sah für sich hin und über ihr
-wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das
-nicht ohne Schelmerei war. &bdquo;Nun,&ldquo; fuhr die Mutter
-fort, &bdquo;ich kann&rsquo;s nicht ändern. Du willst es haben &mdash;
-sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!&ldquo;</p>
-
-<p>Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich
-ihrem Ende. Sey es die Einrichtung der Natur, zufolge
-welcher nach einer Zeit stürmischer Erregung immer
-wieder eine Zeit der Ruhe kommt &mdash; sey es der
-Einfluß, den der gute Fortgang des Stücks auf ihr
-Gemüth übte, genug, Rosa wurde schon in dieser Zeit
-heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch einen
-Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber
-auch den Takt oder das Glück, ihr fast nie mehr durch
-Naivetäten wehe zu thun. In der Freude seines Herzens
-über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer
-gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen
-guten Anlaß vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte
-Akt brachte so das Ende gut Alles gut nicht nur für
-die Personen des Stücks, sondern auch für die Erfinderin,
-die eine große Genugthuung empfand, wobei das
-Bewußtseyn gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung
-weit überwog.</p>
-
-<p>Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel
-Mühe hatte er sich gegeben; aber nun durchdrang ihn
-eine Sicherheit, wie er sie in solcher Klarheit nie empfunden
-hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem
-der Freundinnen &mdash; eine Täuschung war unmöglich.</p>
-
-<p>Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten
-Auftritte skizzirt hatte und die Schönheit des Wetters
-ihn auf die Straße lockte, begegnete ihm Willmann.
-Sie begrüßten sich und der Novellist sagte:
-&bdquo;Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut &mdash; sehr
-gut werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Woher wissen Sie das?&ldquo; fragte
-Heinrich. &mdash; &bdquo;Ich weiß es,&ldquo; entgegnete der Andere
-behaglich.</p>
-
-<p>Der Poet nickte begreifend und sagte dann: &bdquo;Ich
-meine freilich selber, daß es mir geräth; und ich hoffe
-nun, den beiden Herrn, die mich wegen meiner Tragödie
-so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu
-können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür
-sie mir Dank wissen müssen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Dem,&ldquo; versetzte
-Willmann, &bdquo;sehen sie mit Freuden entgegen; denn
-Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wie muß ich das verstehen?&ldquo; rief Heinrich. &mdash;
-&bdquo;Nun,&ldquo; erwiederte der Doktor, &bdquo;am Ende muß es ja
-doch heraus, ich will&rsquo;s Ihnen also gestehen, daß wir
-Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu
-Ihrem Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer
-Straße des Verderbens, zeigten aber trotz Allem eine
-nicht gewöhnliche Befähigung zum Dramatiker &mdash; darüber
-waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung
-nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen,
-beriethen uns, und es wurde beschlossen, eine energische
-Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die Urtheile kennen
-zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den
-Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und
-wirkte gründlich.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah,&ldquo; rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit.
-&bdquo;So habt ihr also mit mir gespielt?&ldquo;
-&bdquo;Aus Antheil an Ihnen,&ldquo; fuhr Willmann begütigend
-fort, &bdquo;aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie
-von Ihrer tragischen Ueberschwänglichkeit <i lang="fr" xml:lang="fr">par force</i>
-wegzubringen, und in diesem Sinn hat Freund Berger
-allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug, es ist geglückt,
-Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt begeben,
-sondern nach allem, was ich höre, darauf auch
-schon einen Sieg erkämpft.&ldquo;</p>
-
-<p>Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der
-demüthigenden Empfindung, geführt, wenn auch zu
-seinem Besten geführt zu seyn. &bdquo;Es ist geglückt,&ldquo; begann
-er nach einer Pause; &bdquo;aber nicht durch euch, ihr
-Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das
-mich freundlich aufgeklärt und mir das Bessere an die
-Hand gegeben hat.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wohl,&ldquo; versetzte der Andere; &bdquo;aber dieser Freundlichkeit
-mußte vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem
-so verstockten Idealisten durchdringen sollte. Die Heilung
-ist methodisch vor sich gegangen. Nach der Erschütterung
-durch Donner und einschlagenden Blitz
-kam der Sonnenschein und that das Uebrige.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die
-Hauptsache!&ldquo; warf Heinrich ein. &mdash; &bdquo;Die Hauptsache,&ldquo;
-wiederholte der Schriftsteller, &bdquo;zugegeben!&ldquo; Er schwieg
-einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: &bdquo;Für Sie
-kann man wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger
-Mann, der notorisch verlobt ist, gewinnt noch andere
-Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer bringen
-für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die
-Welt, darauf können Sie sich verlassen. Und eins ins
-andere gerechnet, sind Sie nun doch eigentlich mit einem
-sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.&ldquo;</p>
-
-<p>Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt
-in die Nähe des Theaters gelangt. Willmann richtete
-seinen Blick auf das stattliche Gebäude und sein Gesicht
-erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor
-getreten und kamen gegen sie her; es waren die
-Regisseure. Heinrich konnte nicht umhin, mit Willmann
-vorwärts zu gehen, obwohl er vor der Begegnung eine
-erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der
-Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht,
-sondern auch auf der Straße glücklich vermieden, so daß
-für ihn jetzt eine Art Eis zu brechen war. Indessen
-zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt in sich
-aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang
-ihm, die Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen.</p>
-
-<p>Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler)
-dankte freundlich und sagte: &bdquo;Wir haben uns lange
-nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind Sie die Zeit
-her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes
-fertig haben!&ldquo; &mdash; &bdquo;Fertig,&ldquo; entgegnete Heinrich, &bdquo;wird
-es bald seyn. Ob es etwas Schönes ist, werden Sie
-zu entscheiden haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen
-Blick auf ihn geworfen, in welchem Spott und Wohlwollen
-sehr ergötzlich gemischt waren. &bdquo;Sie haben sich,&ldquo;
-bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, &bdquo;herabgelassen,
-einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben
-zu behandeln und ein Schauspiel zu schreiben?&ldquo; &mdash; Heinrich
-sah ihn an und zuckte unwillkürlich die Achsel. &mdash;
-&bdquo;Sie soll gelungen seyn,&ldquo; fuhr jener fort, &bdquo;die Frucht
-Ihrer Condescendenz.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Freundin,&ldquo; warf Hallfeld
-ein, &bdquo;hat mit uns darüber gesprochen. Demnach
-wäre am Erfolg nicht zu zweifeln, und ich hoffe, daß
-wir es bald zu lesen bekommen werden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich freue mich sehr auf den Intrigant,&ldquo; versetzte
-Berger, &bdquo;der recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir
-sagen nämlich ganz besonders gemischte Charaktere zu
-&mdash; Menschen, die mit respektabler Schlechtigkeit eine
-Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So
-Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen
-möchte, kommt in Ihrem Stück vor.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und soll,&ldquo;
-entgegnete Heinrich mit eingehender Laune, &bdquo;wenn das
-Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen,
-den die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere
-dieser Art congenial zu versinnlichen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Charmant!&ldquo;
-rief der Komiker, während die Andern lächelten.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich gestehe,&ldquo; begann Willmann, &bdquo;ich freue mich
-sehr auf die Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle.
-Sie haben,&ldquo; fuhr er auf Heinrich blickend fort, &bdquo;durch
-Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil erregt.&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo;
-bemerkte der Heldenvater mit Würde. &mdash; &bdquo;Unbedingt!&ldquo;
-setzte der Komiker hinzu. &mdash; &bdquo;Und da Sie
-sich in der Zeit der Calamität so ritterlich gehalten haben,
-so gönnen wir Ihnen von ganzem Herzen einen öffentlichen
-Erfolg.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und den wohlverdienten Lorbeer,&ldquo;
-ergänzte Berger &mdash; &bdquo;den Lohn der Demuth, die sich
-selbst bezwungen!&ldquo; &mdash; Nach weiterem Austausch von
-Höflichkeiten dieser Art schied man erheitert und mit den
-besten Wünschen. Heinrich ging nach der Wiederanknüpfung
-mit den Kunstverwandten eines hin und wieder
-doch lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause.
-Behaglich fühlte er, wie sich der Weg für ihn mehr
-und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen nach dem
-andern hervortrat.</p>
-
-<p>An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief
-an Auguste. Die Geliebte hatte ihm auf die Meldung,
-daß er auch das zweite Trauerspiel einstweilen liegen
-gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite, nach
-längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die
-zärtlichste Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem
-nach den bisherigen Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit
-angenommen werden könne, daß er bei dieser
-neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte
-sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie
-nicht Ueberzeugung bewirkten, doch Glauben fanden.
-Jetzt konnte er nicht nur die Vollendung, sondern gleich
-auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen &mdash; und mit
-welch gerechtem Selbstgefühl that er es!</p>
-
-<p>&bdquo;Ja, meine Theure,&ldquo; schloß der Bericht, &bdquo;meine
-Prüfungszeit ist vorüber und der Lohn der Ausdauer
-so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand zu haben
-glaube. Endlich, endlich ist mir&rsquo;s gelungen! Nicht nur
-die Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der
-Bühne und das Verbleiben auf dem Repertoire ist mir
-verbürgt &mdash; durch das Urtheil von Kennern. In vierzehn
-Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß
-hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche
-Darstellung folgen, und dann heißt&rsquo;s: Auf Wiedersehen!
-auf glückseliges Wiedersehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also
-lautete: &bdquo;Die frühere Aeußerung über Doctor Willmann
-muß ich zurücknehmen. Hinter einer allerdings
-etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser Schriftsteller
-ein tieferes Herz, und an mir und meinem
-Schicksal nimmt er wahren Antheil. Theilt er nicht
-alle meine Ideen, so ist er doch ein Mitstrebender und
-Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche, neidlose
-Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>VII.</h3>
-</div>
-
-<p>Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem
-kleinen Kreise berathen und nach wenigen Aenderungen
-gebilligt. Das Stück war fertig.</p>
-
-<p>Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den
-Genuß, das vollendete Werk nochmal zu übergehen und
-im Einzelnen durchzubilden. Es gehört dieß, wenn der
-Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den angenehmsten
-Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch
-die Neige der Schöpferfreuden <i lang="it" xml:lang="it">con amore</i>. Wie aber
-auf Erden kein Glück rein bleiben soll, so wurde auch
-in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer Tropfen
-geworfen, der ihn ärgerlich vergällte.</p>
-
-<p>Unser Poet hatte den satirischen Roman seines
-guten Freundes Dorn schon vor Monaten zu lesen begonnen,
-aber sich nicht damit befreunden können. Er
-fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des
-Autors, auch wo sie das Schlechte geißelte, zu direkt
-und gehässig, als daß er mit ihr hätte sympathisiren
-können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte
-(dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der
-Geist der Rache und der Schadenfreude, blinder Leidenschaften,
-denen nichts Wohlthuendes gelingen kann.
-Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier wurde
-rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten
-Eindruck und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen
-förmlichen Widerwillen, so daß er es, noch nicht in die
-Mitte gekommen, bei Seite warf.</p>
-
-<p>Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte,
-fühlte der etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den
-guten Bekannten wie die Wahrheit zu schonen, und sagte
-darum: er habe sich mit großem Interesse hineingelesen,
-könne aber einen so stark gewürzten Trank nur in kleineren
-Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine Frist ausbitten.
-Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig
-zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und
-man trennte sich unter kameradschaftlichen Versicherungen.</p>
-
-<p>Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der
-Poet, daß er das Beißen in den sauern Apfel nicht
-länger verschieben könne; er nahm das Buch eines
-Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er
-konnte das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im
-Einzelnen &mdash; nicht allzuhäufig &mdash;, unerquicklich im
-Ganzen; von der Schneide des Hohnes Rügenswerthes,
-Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen,
-das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in
-einem Sinne zu besprechen, wie der Autor es wünschte,
-für Heinrich ganz und gar unmöglich war.</p>
-
-<p>Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder
-mit Dorn zusammen. Er theilte ihm auf Befragen
-das Neueste über sein Stück und seine Hoffnungen mit,
-und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher Zurückhaltung;
-dann sagte er: &bdquo;Wie haben wir&rsquo;s aber mit
-unserem Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl
-gelesen haben!&ldquo; &mdash; &bdquo;Freilich,&ldquo; erwiederte Heinrich mit
-einer gewissen Hast. &bdquo;Er hat mich interessirt bis zu
-Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den
-Getroffenen von Herzen gegönnt habe. Läugnen will
-ich aber nicht, daß ich auch auf Angriffe gestoßen bin,
-die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.&ldquo; &mdash; &bdquo;So?&ldquo;
-entgegnete der Andere. &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; fuhr er nach kurzem
-Schweigen fort, &bdquo;im Grunde ist das natürlich,
-man kann nicht in allen Stücken gleich denken. Ihr
-Urtheil im Ganzen ist also?&ldquo; &mdash; &bdquo;Daß das Buch von
-dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen
-und Vergnügen gelesen werden kann.&ldquo;</p>
-
-<p>Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht
-darnach angethan, eine Autorseele zu befriedigen. Unser
-Poet aber, der sich bewußt war, daß der Roman eben
-so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen werden
-könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit
-ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung
-noch dazu als abgenöthigt erschien. Dorn,
-dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn mit verdächtigen
-Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand
-über, machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen
-über Abwesende Luft, und sagte zuletzt mit einem Lächeln
-&bdquo;Guten Tag,&ldquo; das nichts Gutes zu bedeuten
-schien.</p>
-
-<p>Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern
-eine Schuld unbezahlt lassen, und er überlegte daher
-ernstlich, ob nicht eine Form auszudenken wäre, in der
-er, ohne der Gerechtigkeit eben in&rsquo;s Angesicht zu schlagen,
-dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte, doch
-auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand
-keine, und dieß beunruhigte ihn sehr und trübte das
-Glück der schönen Tage. Endlich rief er: &bdquo;Zum Henker
-mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache los,
-und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt
-ist, dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen,
-die ich ihm ohne Gewissensbisse erweisen kann!&ldquo;</p>
-
-<p>Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete
-Heinrich die Revision und stellte ein reinliches
-Manuscript her.</p>
-
-<p>Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das
-Stück sofort einreichen könne, schüttelte Rosa den Kopf.
-&bdquo;Vorher,&ldquo; sagte sie, &bdquo;muß noch was Anderes geschehen.
-Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen wahrhaft
-zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen,
-und Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor.
-Gut gelesen wird es nicht nur einen gewinnenden Eindruck
-machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß
-geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.&ldquo; &mdash;
-Heinrich, über die consequent liebevolle Sorgfalt erfreut,
-erklärte seine Zustimmung unter Worten des Dankes.</p>
-
-<p>Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in
-dem traulichen Zimmer versammelt. Man hatte sich
-cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen des feinen
-Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein.
-Der Poet hatte offenbar eine günstige Position. Konnten
-ihn nicht alle, wie er jetzt war, gewissermaßen als ihre
-Schöpfung ansprechen, und mußten sie sich daher nicht
-über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen
-wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von
-Befangenheit wich aus seiner Seele.</p>
-
-<p>Willmann, ihn betrachtend, sagte:&bdquo;Hat unser
-Dramatiker in der letzten Zeit nicht geradezu ein anderes
-Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt so menschlich,
-sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sehr natürlich,&ldquo; fiel Berger ein. &bdquo;Er ist herabgestiegen
-aus den ätherischen Höhen und Mensch geworden,
-indem er sich in wirkliche Menschen versetzte,
-und &mdash; menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute
-&mdash; Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen
-kann &mdash; wie ich höre.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die Welt,&ldquo; fuhr der Novellist heiter fort, &bdquo;wird
-gesund, man kann nicht mehr daran zweifeln. Der
-Realismus erstarkt und macht eine bedeutsame Erwerbung
-nach der andern.&ldquo; &mdash; &bdquo;Leben und Lebenlassen,&ldquo;
-rief der Regisseur, &bdquo;das ist die Parole des Jahrhunderts!
-Sogar auf dem Theater, wo man sonst mit
-wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in die
-Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen
-bedeckte, wird es mehr und mehr Sitte, in schlichter
-Prosa zu guter Letzt sich um den Hals zu fallen und
-dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger
-Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.&ldquo;
-Mit einem Blick auf Hallfeld, der launig den Mund
-rümpfte, fuhr er fort: &bdquo;Der Herr College scheinen nicht
-ganz einverstanden zu seyn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Doch,&ldquo; versetzte dieser. &bdquo;Aber in eurem eigenen
-Interesse möcht&rsquo; ich euch Herrn rathen: übertreibt&rsquo;s nicht
-mit eurer Prosa und eurem Lebenlassen! Denn sonst
-möchte das Publikum am Ende auch das genug kriegen
-und ihr könntet einen Rückfall erleben.&ldquo; &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief
-Berger, &bdquo;mir ist nicht bange!&ldquo; &mdash; &bdquo;Man kann für
-nichts einstehen,&ldquo; erwiederte der Andere. Der Komiker
-sah ihn an, und da er, besonders vor einem Auditorium,
-zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort:
-&bdquo;Sie kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College,
-aber Sie thun sich selber Unrecht. Ihr Spiel ist im
-Prosadialog so vorzüglich wie in der Versetragödie und
-für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender. Es
-herrscht darin eine Natur, eine Frische &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Bitte!&ldquo;
-rief Hallfeld. &mdash; &bdquo;Also davon abgesehen! Sagen Sie
-mir nun in allem Ernst: was hat man eigentlich an
-einer versificirten Tragödie?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In allem Ernst?&ldquo; fragte Hallfeld erheitert. &bdquo;Wollen
-Sie etwas Ernsthaftes hören?&ldquo; &mdash; &bdquo;Oh,&ldquo; rief Berger
-mit einem Ton des Vorwurfs, &bdquo;von Ihnen mit Freuden!
-Und gewiß alle hier Anwesenden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ja wohl, ja
-wohl,&ldquo; riefen Heinrich und Rosa. &mdash; &bdquo;Also, kurz gesprochen,
-was hat man davon?&ldquo; &mdash; Hallfeld erwiederte
-mit ruhigem Nachdruck: &bdquo;Die Kunst.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Kunst!&ldquo;
-wiederholte der Andere. &bdquo;Sie meinen die Kunst im
-aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen
-des wirklichen Lebens hinaus geht?&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Kunst in
-dem Sinn, wo sie über die Kleinheit, Gewöhnlichkeit
-und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,&ldquo; entgegnete
-Hallfeld. &bdquo;Die Kunst, die in eine Welt versetzt,
-wo das höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse
-so natürlich klingen, wie im gewöhnlichen Leben die
-Prosa.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das klingt sehr schön,&ldquo; erwiederte Berger, &bdquo;und&ldquo;
-(setzte er lächelnd hinzu) &bdquo;ungefähr so sagt&rsquo;s der Herr
-Professor auch. Aber ich, als ein verstockter Realist,
-stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen die Wirkung,
-die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen
-halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik.
-Wir geben also eine versificirte Tragödie (denn
-um die Tragödie handelt sich&rsquo;s) &mdash; was ist, kurz und
-bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum &mdash; in nicht
-allzugroßer Zahl &mdash; sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen
-Verse beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon
-verübt oder wird verübt; zunächst mit glücklichem Erfolg.
-&bdquo;Triumph&ldquo; ruft das Verbrechen, &bdquo;Rache&ldquo; die
-Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei
-nicht selten das nervenerschütternde Spiel noch durch
-einen gräulichen Lärm hinter den Coulissen verstärkt
-wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer Dämonen,
-wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn
-der Blitz, die Exekution gelingt, der Tod heimst ein,
-und der Vorhang fällt. Die Zuschauer, wenn sie mit
-ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder im Wirthshause
-sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden
-dauernde Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt
-und gerüttelt, in dumpfe Verwirrung gesetzt,
-und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg, trotz der
-Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion
-sehr natürlich geklungen haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur
-ergötzt, lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach
-kurzem Schweigen erwiederte dieser: &bdquo;Darf ich nun auch
-eine Tragödie aufführen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Immer zu!&ldquo; rief Berger.</p>
-
-<p>Hallfeld begann: &bdquo;Also &mdash; das Publikum sitzt in
-ernster Erwartung und der Vorhang geht auf. Schon
-durch den Klang der Verse wird der Hörer der Atmosphäre
-des Alltagslebens entrückt und in eine höhere
-feierliche Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige
-Kraft, deren Leidenschaft uns mit Staunen erfüllt, wird
-zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen hingerissen,
-und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die
-Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf
-beginnt, den wir mit erhabener Spannung begleiten.
-Wir fordern den Untergang des Frevlers, indem wir
-seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt endlich
-unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer,
-um mit einem Heros der tragischen Dichtung
-zu reden, ist zermalmt, aber zugleich erhoben; und
-nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die ebenfalls
-Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster
-Art ist, nachdem er Blicke gethan hat in&rsquo;s Jenseits und
-in die Ewigkeit, verläßt er das Theater, wie man einen
-Tempel verläßt. Und ein Tempel &mdash; ein Tempel der
-Kunst &mdash; soll&rsquo;s ja auch seyn, das Theater, nicht ein
-Haus, wie man&rsquo;s zu Hause auch und am Ende noch
-besser hat.&ldquo;</p>
-
-<p>Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend,
-wenn auch mit Würde spielend, begonnen, aber
-nach und nach zu einem Ernst sich erhoben, der seines
-Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein so
-lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte;
-die Wirthinnen nickten beifällig und Berger sah schweigend
-auf den Tisch. Plötzlich aufsehend und den Redner
-betrachtend, entgegnete der Komiker: &bdquo;Ihre Schilderung
-ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich
-in fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen,
-und ich sehe dadurch meinen alten Verdacht bestätigt,
-daß Sie im Geheimen dergleichen anfertigen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,&ldquo;
-erwiederte Hallfeld. &mdash; &bdquo;Gewiß nicht,&ldquo; entgegnete
-Berger, &bdquo;namentlich das Erste nicht. Nun, um
-Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön gesprochen
-haben Sie; wenn&rsquo;s nur eben so wahr wäre!
-Gut, gut,&ldquo; rief er, als Hallfeld zu reden sich anschickte,
-&bdquo;ich weiß, was Sie sagen wollen. Die classischen
-Stücke, classisch aufgeführt, wirken so. Zugegeben.
-Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn
-wir&rsquo;s ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen
-welche, die vielmehr den von mir geschilderten
-Effekt machen. Neue Stücke, die sich den classischen
-unter den classischen anreihen &mdash; mit aller Achtung vor
-den lebenden Talenten sey es gesagt &mdash; dürften uns
-nicht in allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre
-es gewiß ein billiger, allen Verhältnissen Rechnung
-tragender Vorschlag: das Theater in so fern als Tempel
-zu behandeln, als wir einmal in der Woche die
-Priester der Tragödie darin fungiren lassen, an den
-übrigen Tagen aber es als ein Haus zu benutzen, was
-es trotz alledem viel mehr ist, als ein Tempel. Denn
-ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung
-und metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es
-eben das Schauspielhaus, das Haus, worin vorzugsweise
-gegeben werden sollen Schauspiele, inclusive Lustspiele.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter
-aufzunehmen und der ermunterte Komiker fuhr fort:
-&bdquo;Ermessen wir dabei unsere Kräfte, vielleicht auch die
-Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der Geschichte
-in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß
-wir im genreartigen Drama &mdash; wenn Sie den Ausdruck
-erlauben wollen &mdash; auch besser spielen, als in der hochstylisirten
-Tragödie. Zum lebensgroßen Bild reicht unsere
-Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns
-schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer
-schön heraus. Talente, mit einem Geist, einer Figur
-und &mdash; einer Stimme, wie wir sie an unserem Heldenvater
-bewundern, sind selten und werden immer seltener.
-Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen,
-pikanten Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung
-und geben dem Publikum das, was es doch eigentlich
-am öftesten begehrt und wofür es auch am dankbarsten
-sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung
-der Kasse.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das,&ldquo; fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld
-hinzu, &bdquo;ist doch wohl auch sehr zu bedenken. Das
-Publikum sieht sich jetzt am liebsten selber auf der
-Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und
-gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch
-besser machen, besser spielen, so sind wir am Ende aus
-allen Gründen gemahnt, den Zuschauern vorzugsweise
-zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so freundlich
-sind.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gut gesagt!&ldquo; rief Berger. &bdquo;Und wie viel ist hier
-noch zu thun! Welche Schätze warten noch der Hebung!
-Welch köstliche Narren, Philister und Bösewichter können
-die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts
-auf dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von
-Schauspielen und Tragödien nach dem Verhältniß der
-Werkeltage und Festtage &mdash; und es wird wohl stehen
-im Lande!&ldquo;</p>
-
-<p>Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden
-wünscht. &bdquo;Damit,&ldquo; sagte er, könnte ich mich am
-Ende zufrieden erklären. Festtage! Dazu gehören auch
-die Feiertage der Woche!&ldquo; &mdash; Berger, nach einigem Besinnen,
-rief: &bdquo;Meinetwegen! Ich will nicht knauserig
-seyn. Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen
-Kalender! Dann: <i lang="fr" xml:lang="fr">Soyons amis!</i>&ldquo; Er reichte ihm die
-Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit einer
-Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war,
-schüttelte sie.</p>
-
-<p>Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung
-mit einer Miene dagesessen, die den Frauen und endlich
-auch Willmann aufgefallen war. Ein Ernst sprach aus
-seinem Gesicht, der sich von dem des Heldenspielers
-wesentlich unterschied, indem er einen poetisch feierlichen
-Charakter hatte. &bdquo;Was ist Ihnen?&ldquo; rief ihm der
-Schriftsteller zu. &bdquo;Sie scheinen in höheren Sphären zu
-seyn!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich habe eine Idee,&ldquo; versetzte der Angeredete,
-&bdquo;eine Idee, die mir Freude macht!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Nun?&ldquo; rief Willmann, während die Andern auf Heinrich
-schauten. &bdquo;Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben,
-die Sie abtrünnig werden läßt. Ihr Aussehen &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Verkündet Frieden &mdash; Harmonie!&ldquo; rief der Poet.
-&mdash; &bdquo;Das laß ich mir gefallen!&ldquo; entgegnete jener. &bdquo;Sie
-unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie
-und der Tragödie?&ldquo; &mdash; &bdquo;Mit einer Modifikation,
-die sich auf unser Metier bezieht.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah so! &mdash;
-Nun?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit:
-&bdquo;Leben und Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich
-glaube, daß wir ihn eben jetzt auf unsere Fahne schreiben
-und unserem großen Dichter folgend das &bdquo;Gedenke
-zu sterben&ldquo; in &bdquo;Gedenke zu leben&ldquo; umwandeln
-müssen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah, bravo!&ldquo; rief der Vertreter der Comödie,
-der an dem Redner mit humoristischer Aufmerksamkeit
-hing. &bdquo;Wir müssen zwar alle sterben,&ldquo; fuhr
-Heinrich fort, &bdquo;und es wird gut seyn, auch daran zu
-denken. Aber bevor es zu Ende geht, müssen wir leben,
-das Leben gründlich benützen, und dürfen uns in diesem
-edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören lassen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Recht gesprochen!&ldquo; rief Berger &mdash; &bdquo;Also lob&rsquo; ich
-die Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir
-thatsächlich stehen, zeichnet, aufhellt und auf Ziele
-weist, damit dieses Leben nicht bleibe, wie es ist, sondern
-selbst immer schöner und erfreuender werde.&ldquo; &mdash;
-Der Komiker blickte zweifelnd.</p>
-
-<p>&bdquo;Die dramatische Poesie,&ldquo; fuhr Heinrich fort, &bdquo;lasse
-Streit und Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie
-führe Irrthum und Schuld vor, um davon zu heilen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ja wohl,&ldquo; fiel Berger ein; &bdquo;aber das darf nicht
-schulmeisterlich, tendenziös &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Nein,&ldquo; versetzte
-Heinrich, &bdquo;sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter
-sehe das wirkliche Leben mit den Augen der Liebe,
-er sehe es, wie es in der That ist, reorganisire es
-liebevoll und zeige es im Bilde wahr und schön. Er
-sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle,
-ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit,
-und bereichere die poetische Literatur, die dramatische Literatur,
-mit neuen und neuschönen Gemälden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ganz gut,&ldquo; rief der Komiker. &bdquo;Sie dürfen aber
-nur nicht gar zu schön &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Das sind sie nie,
-wenn sie wahr sind!&ldquo; &mdash; &bdquo;<i lang="fr" xml:lang="fr">A la bonne heure!</i>&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Und weil es denn,&ldquo; fuhr Heinrich fort, &bdquo;an der
-Zeit ist und alle Forderungen darauf hinweisen, so cultivire
-der Dichter jetzt vor allem diese Poesie des wirklichen
-Lebens und liefere auch dem Theater Stücke, die
-mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben,
-schließen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo!&ldquo; rief Willmann. &mdash; &bdquo;Diese Thätigkeit,&ldquo;
-fuhr der Poet fort, &bdquo;sey ihm aber zugleich eine Schule,
-eine Vorschule für die wahre Tragödie.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah so!&ldquo;
-riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld
-erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. &mdash; &bdquo;Für
-eine neue Tragödie,&ldquo; rief der Poet, &bdquo;für die Tragödie
-der Zukunft!&ldquo; &mdash; &bdquo;Hört, hört!&ldquo; rief Hallfeld, indem
-er den Collegen ansah.</p>
-
-<p>&bdquo;Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige,
-treffende Sprache des wirklichen Lebens redet,
-lerne eine neue poetische Diction schaffen, in der nicht
-der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder wiederklingt,
-sondern ein neuer ertönt, worin jene frische,
-kernige, treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Hm!&ldquo; erwiederte der Anwalt des Lustspiels. &mdash;
-&bdquo;Er lerne, indem er das Leben glorificirt im Schauspiel,
-das Leben glorificiren in der Tragödie!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;In der Tragödie &mdash; das Leben?&ldquo; wandte Berger
-ein. &mdash; &bdquo;Er lerne,&ldquo; fuhr Heinrich nickend fort, &bdquo;indem
-er einen trostreichen Schluß herbeiführt im Schauspiel,
-einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie.
-Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde
-der Schuld und Sühnung, aber er öffne mehr und
-schöner, als es bis jetzt geschehen ist, die Sphäre der
-Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen
-Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne
-in der Abspiegelung irdisch guten Ausgangs die tragisch
-poetische Hinweisung auf den himmlisch guten Ausgang,
-den wir alle fordern, der kommen muß und kommen
-wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.&ldquo;</p>
-
-<p>Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend
-bedenklich geworden, und Berger rief: &bdquo;Aber
-lieber Freund &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Lassen Sie mich alles sagen,&ldquo;
-entgegnete Heinrich, &bdquo;ich werde gleich fertig seyn! Der
-Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit;
-er erfülle sich mit der Kraft der Natur
-und schildere Menschen und Verhältnisse, wie sie sind!
-Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit, die Wunder
-der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je
-zuvor, lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden
-von Idealen, die in höherer Sphäre wieder Natur
-sind!&ldquo;</p>
-
-<p>Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes
-Zunicken aus; der Poet fuhr fort: &bdquo;Wir wollen die
-Menschen nicht nur vorgeführt sehen, wie sie sind, sondern
-auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser
-tiefes Verlangen &mdash; die Neugierde unseres Geistes gerichtet.
-Diese Menschen, wie sie seyn sollen, müssen
-aber so natürlich, so motivirt aus ihrem eigensten
-Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und
-darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale
-Schauspiel für die stylisirt ideale Tragödie Vorbild
-schon in dieser Beziehung; aber eben so in der andern
-eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg des Lebens.
-Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören,
-denn es gibt tragische, hochtragische Persönlichkeiten
-nicht nur in der Mythologie und der Sage, sondern
-auch in der wirklichen Geschichte; also auch die
-Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert
-werden müssen, wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber
-die Tragödie wird unerträglich, wenn der Dichter nicht
-naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit handelnde
-und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen
-Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen
-sind durch die Größe des Geistes und Sinnes,
-wenn er nicht die ganze Handlung in eine höhere Sphäre
-rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt
-der Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere
-für uns unerträglich, wenn der Dichter auf den himmlischen
-Ausgang der Dinge nicht wenigstens hinzeigt
-und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die
-Rettung für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange
-also das natur- und lebenswahre, durch seinen Ausgang
-erfreuliche Schauspiel; ich verlange die natur- und
-lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der
-Erde triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie,
-und ich glaube, daß wir durch jenes zu dieser
-gelangen müssen und werden. &mdash; Das ist mein Bekenntniß.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ich unterschreibe,&ldquo; rief Hallfeld mit einem
-Eifer und zugleich mit einem Ausdruck von Achtung,
-wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht an den
-Tag gelegt hatte. &bdquo;Sie haben mir aus der Seele gesprochen
-und es besser ausgedrückt, als ich&rsquo;s gekonnt
-hätte! &mdash; Den Teufel auch,&ldquo; setzte er lächelnd hinzu,
-&bdquo;wo haben Sie diese Sachen her?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet sah ihn heiter an. &bdquo;Das fragen Sie,&ldquo;
-rief er, &bdquo;einen Doktor der Philosophie und Aesthetiker,
-der eine verfehlte Tragödie geschrieben hat und durch
-ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft? Ach, mein
-Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer
-&mdash; das Machenkönnen ist&rsquo;s! Und darauf werden wir,
-fürcht&rsquo; ich, in Ansehung der Tragödie noch einige Zeit
-warten müssen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weise gesprochen!&ldquo; rief hier der Regisseur der Comödie;
-&bdquo;oder vielmehr klug gesprochen nach imponirendem
-Weisesprechen! Schwer mag die Tragödie seyn,
-die Sie in Aussicht gestellt haben &mdash; sehr schwer &mdash;
-wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll
-mich&rsquo;s freuen, wenn Ihnen zunächst Ihr Schauspiel so
-gut gelungen ist, wie sich&rsquo;s bei solchen dramaturgischen
-Anschauungen allerdings nicht anders erwarten
-läßt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und dieses Schauspiel,&ldquo; setzte Willmann hinzu,
-&bdquo;wollen wir jetzt hören. Ihre Ausgleichung, lieber
-Freund, ist billig, und ich kann mich damit recht gut
-einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama in
-die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft
-&mdash; das ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie
-nun getrost unsern Nachkommen; wir unsererseits
-wollen um so fröhlicher das Drama und die Comödie
-cultiviren, spielen und genießen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das,&ldquo; versetzte Heinrich, &bdquo;ist nicht ganz meine
-Meinung. Der Faden der tragischen Dichtung darf
-und wird nie abreißen; und ich stehe nicht gut dafür,
-daß ich selber &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief Willmann auf die
-Thüre blickend, &bdquo;unsere verehrte Wirthin mit der
-Bowle! Jetzt, mein Bester, hat die Discussion ein Ende.
-Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem Genusse
-des Tranks und des Schauspiels geweiht!&ldquo;</p>
-
-<p>Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf
-den Tisch gesetzt und Rosa füllte die Gläser. Der
-Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht, ausgezeichnet
-befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit
-und Duft übten ihre Wirkung und erweckten alsbald
-jenes poetische Gefühl, das die letzten Reste stattgehabter
-Differenz auslöschte. Der Dramatiker holte sein
-Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das
-Personenverzeichniß.</p>
-
-<p>Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte
-nun die junge Künstlerin. Rosa war dem Gespräch
-der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt und hatte
-an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach
-und verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der
-Poet, den der Geist, der über ihn kam, Ueberzeugungen
-und Ahnungen klar aussprechen lehrte, hatte auch sie
-belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend erschienen,
-daß sie für ihn auch als tragischen Dichter
-neue Hoffnungen faßte. Wie er nun vor Kennern die
-erste Prüfung bestehen sollte, war ihre Seele nur Interesse
-und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer
-als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und
-bedeutender erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete,
-konnte nicht umhin, die Verwandlung in ihr erkennend,
-einen Theil der Wahrheit zu ahnen.</p>
-
-<p>Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text
-bald den richtigen Ton und las den ersten Akt mit
-einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß die beiden Schauspieler
-wiederholt beifällig nickten. Auch über den Inhalt
-drückten die Mienen Beistimmung aus.</p>
-
-<p>&bdquo;Gut,&ldquo; rief Hallfeld; &bdquo;klar angelegt und eingeleitet!
-Ich habe kaum etwas dagegen zu bemerken.&ldquo; &mdash; &bdquo;Der
-Akt,&ldquo; bemerkte Willmann, &bdquo;löst seine Aufgabe. Der
-Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist, reizt, und
-wir begehren die Fortsetzung.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die ersten Akte,&ldquo;
-meinte Berger, &bdquo;sind heutzutag meistens gut. Haben
-Sie die Güte und lesen Sie weiter.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich
-hauptsächlich der Intrigant entwickelte. Sein artistischer
-Vertreter lächelte bei den dialogischen und monologischen
-Aeußerungen, warf einen Blick auf den Poeten, als ob
-er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu
-schaffen, wunderte, und rief am Schluß: &bdquo;Nicht übel!
-Hübsch! Daraus läßt sich was machen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, erfreut, entgegnete: &bdquo;Sonst aber, was
-haben Sie einzuwenden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; versetzte der
-Schauspieler, &bdquo;allerlei. Aber im Wesentlichen bin ich
-zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!&ldquo;</p>
-
-<p>Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er
-brachte den wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung
-der Hauptpersonen und, nach charakteristisch erheiternden,
-die rührendsten, erhebendsten Scenen. Heinrich,
-wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte
-mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig
-war, und der Effekt war bedeutend, um nicht zu sagen
-hinreißend.</p>
-
-<p>&bdquo;Bravo!&ldquo; riefen Hallfeld und Willmann wie aus
-Einem Munde, während ihre Blicke eine bewegte Seele
-verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren feucht
-geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes
-kein Hehl, und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.</p>
-
-<p>&bdquo;Dieser Akt,&ldquo; sagte Hallfeld, &bdquo;entscheidet. Die Wirkung
-auf dem Theater wird durchschlagend seyn, oder
-Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,&ldquo; fügte er lächelnd
-hinzu, &bdquo;zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden letzten
-Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben
-bei der Klinge &mdash; ein schützender Genius muß über
-dem Ganzen gewacht haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte:
-&bdquo;Hier sitzt er in der Gestalt unserer edeln und
-liebenswürdigen Freundin!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das,&ldquo; rief Berger, &bdquo;hab&rsquo; ich mir freilich schon
-lange gedacht! Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein
-Herr Poet! Aber der Schritt vom offenbaren Un-
-d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn
-und Grazie macht man von selber nicht so schnell.
-Eine gütige Fee mußte Ihnen helfen; und wie ich sehe,
-hat sie Ihnen geholfen, vielleicht mehr, als wir jetzt
-noch denken.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Sie thun dem Dichter Unrecht,&ldquo; entgegnete Rosa
-mit ernstlichem Verweisen. &bdquo;Mein Antheil an dem Stück
-ist sehr gemessen. Wenn Sie wollen, hab&rsquo; ich im Kriegsrath
-meine Stimme abgegeben, die Schlacht aber hat
-er gewonnen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Schlacht,&ldquo; versetzte Berger,
-das Haupt wiegend, &bdquo;ist eigentlich noch im Gange, und
-obwohl die Zeichen auf Sieg deuten, so ist doch noch
-Alles möglich.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Dramatiker las den vierten Akt. Während
-der ersten Hälfte schüttelte Berger ein paarmal den
-Kopf, wie einer, der ungeduldig wird, und sah dann
-mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten
-dagegen hellten seine Mienen sich auf und am
-Schluß ergriff er zuerst das Wort. Die Wendung der
-Intrigue gegen den Anspinner,&ldquo; sagte er, &bdquo;hat &mdash; ich
-kann&rsquo;s nicht anders sagen &mdash; etwas Feines, und die
-Scene zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu
-lustig. Ueberhaupt, die Anna gefällt mir,
-und,&ldquo; setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick auf
-Rosa hinzu, &bdquo;ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß
-sie auch dem Publikum gefallen wird. Ich wittere hier
-etwas wie einen Triumph.&ldquo; &mdash; Die Gesichter erheiterten
-sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht ohne Mühe
-gewesen!</p>
-
-<p>&bdquo;Nun,&ldquo; rief Willmann dem Poeten zu, &bdquo;lesen Sie
-schnell den letzten Akt! Wir sind im Zuge! Fängt doch
-sogar Mephistopheles an zu loben!&ldquo; &mdash; Berger drohte
-mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte.</p>
-
-<p>Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt,
-nahmen sich ernstlicher zusammen, und da auch der Inhalt
-vorherrschend ernst war, saßen sie mit beinahe feierlichen
-Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur
-ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens
-bei dieser und jener Einzelheit bemerken können.
-Der Schluß &mdash; ein zierlich erhebendes Wort des
-Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte &mdash; entfesselte
-aber Herzen und Zungen, und in den Seelen
-Heinrichs und Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der
-Anerkennung Schauer der Freude.</p>
-
-<p>&bdquo;Die Schlacht ist gewonnen!&ldquo; rief Hallfeld mit pathetischem
-Beifall. &bdquo;Was man im Einzelnen auch
-noch einwenden kann, das Ganze dringt in&rsquo;s Herz und
-gewinnt es!&ldquo; &mdash; &bdquo;Und das ist die Hauptsache,&ldquo; fuhr
-Willmann zum Poeten gewendet fort. &bdquo;Ich kann&rsquo;s
-nicht verschweigen, ich fühle eine gewisse Verwunderung,
-daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber &mdash; um so besser!
-Jetzt sind Sie über&rsquo;m Berg!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln
-gedankt, schaute auf den Komiker, der nach einem allgemeinen
-Ausruf der Billigung stumm dagesessen hatte
-und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes
-viel zu viel wäre. &bdquo;Und Sie?&ldquo; fragte der Poet. &bdquo;Lassen
-Sie die Kritik hören, die Sie versprochen haben! Ich
-bin gefaßt &mdash; gerüstet!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun,&ldquo; erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen
-Behagen, &bdquo;dießmal wird es gnädig abgehen.
-Im Ganzen halt&rsquo; ich das Drama für einen guten
-Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen
-können, falls nämlich darin gewisse unerläßliche
-Aenderungen vorgenommen werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und die sind?
-Ich höre, mein Herr Regisseur!&ldquo; &mdash; &bdquo;Sie haben,&ldquo;
-fuhr jener fort, &bdquo;immer noch zwei Neigungen, die ich
-als Schauspieler, dem einige Erfahrung zur Seite steht,
-sehr bedenklich finden muß, weil Sie in den Dialog
-etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.&ldquo; &mdash;
-Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. &mdash;
-&bdquo;Zunächst einen Hang zu einer gewissen Umständlichkeit
-in der Entwicklung der Gedanken und einer allzu gründlichen
-Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren,
-werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode
-motiviren!&ldquo;</p>
-
-<p>Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den
-Poeten bis zur Verlegenheit. Berger, nachdem er sich
-daran geweidet, fuhr fort: &bdquo;Lebendige Menschen, die
-wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen aus ihrem
-Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß,
-den sie fassen, durch eine lange Demonstration
-einleiten. Sie haben aber im zweiten, am Anfang des
-dritten, namentlich aber in der ersten Hälfte des vierten
-Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft physiologischer
-Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon
-beim Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von
-der Bühne herab nur eine geradezu unangenehme Wirkung
-prophezeien.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das ist wahr,&ldquo; bemerkte Hallfeld ernsthaft, &bdquo;und
-das muß allerdings geändert werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Sodann,&ldquo;
-fuhr der Andere fort, &bdquo;zeigen Sie immer noch eine
-Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit
-beleidigen zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich
-will Ihnen zwar bekennen, ich wundere mich, daß der
-Verfasser der historisch-romantischen Tragödie darin
-nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen
-über die Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber
-es finden sich doch noch einige starke Proben in dem
-Stück, und wie begreiflich sind es gerade die edeln
-Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens
-vier Stellen wünsch&rsquo; ich eine tüchtige Beschneidung.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Wenn es seyn muß &mdash;&ldquo; versetzte Heinrich zögernd.
-&mdash; &bdquo;Es muß seyn,&ldquo; entgegnete der Regisseur mit Nachdruck;
-&bdquo;für die Aufführung unter allen Umständen!
-Ueberhaupt,&ldquo; fuhr er nach einem Moment lächelnd
-fort, &bdquo;kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre
-Anna um ein Gutes besser gefällt als Ihre Antonie.
-Diese soll zwar viel bedeutender, hochgesinnter und
-tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und verwandten
-Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat
-sie aber eine Art von Prätension, die mir nicht recht
-munden will. Die andere ist bescheidener, aber eben
-darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt: die
-Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende
-Reden gestrichen werden) ist mir interessant, aber die
-Anna lieb&rsquo; ich.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in&rsquo;s
-Herz getroffen, war plötzlich erröthet, um den Mund
-Rosas zuckte dagegen ein Lächeln, das unter dem
-Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth.
-Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit
-des Poeten ableitete, glaubte sich in&rsquo;s Mittel schlagen
-zu müssen. &bdquo;Ich denke nicht ganz so wie Freund
-Berger,&ldquo; versetzte er. &bdquo;Die Anna ist reizend, aber die
-Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger
-gefällt, so viel mehr imponirt sie.&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Geschmäcke,&ldquo;
-bemerkte Berger, &bdquo;sind verschieden. Ich halte aber
-dießmal den meinen für besser und habe Sie stark in
-Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch davon
-ist nicht weiter zu reden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Zur Sache denn!&ldquo; fuhr Hallfeld fort. &bdquo;Das Stück
-wird nicht über drei Stunden spielen; für ein Schauspiel
-ist das aber doch zu lang und der Dichter wird
-daher noch etwelche Striche zu dulden haben.&ldquo; &mdash; &bdquo;Immer
-zu!&ldquo; rief der Poet. &mdash; &bdquo;Es wird so arg nicht
-werden,&ldquo; entgegnete Hallfeld. &bdquo;Eigentlich ist das Stück
-schon gestrichen und man sieht auch daraus, daß nicht
-nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand
-im Spiele gehabt haben.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gott vergelt&rsquo;s ihnen!&ldquo;
-rief Heinrich mit Laune.</p>
-
-<p>&bdquo;Reichen Sie nun,&ldquo; fuhr der Regisseur fort, &bdquo;das
-Stück ohne Weiteres ein. An der Annahme ist nicht zu
-zweifeln; die Intendanz wird nach einem versprechenden
-Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges vorkommt,
-mit beiden Händen greifen, und das Uebrige
-ist unsere Sache.&ldquo; &mdash; &bdquo;So möge es denn,&ldquo; rief Berger,
-&bdquo;eingehen in&rsquo;s Fegfeuer der Regie, um, nach glücklichem
-Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen
-Leben zu gelangen!&ldquo;</p>
-
-<p>Man stieß an, trank und spann nach Abmachung
-der Hauptsache, trotz der vorgerückten Zeit, ein zwangloses
-Gespräch fort, worin man gleichwohl immer wieder
-auf das Stück zurückkam und namentlich unter
-allerlei pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich,
-als durch eine nochmalige Füllung der Gläser die
-Bowle erschöpft war, erhob sich Willmann, der zuletzt
-überlegend dagesessen hatte, mit einer Art humoristischer
-Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:</p>
-
-<p>&bdquo;Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem
-Akte beigewohnt, den man, genau genommen, einen
-weltgeschichtlichen nennen müßte. Der unvermeidliche
-Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch
-eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit,
-der die Eine Aufgabe der Gegenwart bezeichnet,
-ist vollzogen von einem Manne, der noch vor
-Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft
-an der großen Zauberin und Männerverlockerin hing.
-Freuen wir uns dieser That auf der einen, dieser Eroberung
-auf der andern Seite! Freuen wir uns als
-wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde
-gelungen ist, von dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt
-hat, sich loszureißen und der schönen grünen
-Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem
-heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten
-tafelt und denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht,
-königlich zu beschenken willig ist. Die Welt, meine
-Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt, den
-erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und
-dem realen Spender kommt realer Segen in&rsquo;s Haus.
-Klar zu reden: was verlangt die Welt eigentlich von
-uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr Menschen
-zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht
-nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und
-Geist und alle Tugenden, die in Menschen sich finden.
-Und wer&rsquo;s versteht, der rundet sein Gemälde, daß es
-anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines Kunstwerks
-macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen,
-daß wir im Grunde auch die rechten Idealisten sind.
-Haben wir nicht eben von einer solchen Verbindung den
-Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden in
-höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen,
-und sind uns nicht Thränen idealer Ergriffenheit in&rsquo;s
-Auge gedrungen? Ja fürwahr, unser Freund hat nicht
-nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht, und
-wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen
-sich stürzend, ein Werk vollbracht, dem gegenüber die
-Lästerungen und Verleumdungen der Zurückgebliebenen
-schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine
-holde Fee liebevoll geholfen &mdash; preisen wir ihn glücklich
-und benedeien wir die Fee! Wir können nichts ohne
-Feen! Wohl uns, daß, nachdem die fabelhaften sich
-uns entzogen haben, die realen, die besseren uns geblieben
-sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die
-Grazie des Theaters, die liebenswürdigste aller Feen,
-um so liebenswürdiger, als sie lebendig, wirklich ist &mdash;
-sie lebe hoch!&ldquo;</p>
-
-<p>Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen
-der Männer stieß man an, trank, trank aus und
-schüttelte sich mit glänzenden Mienen die Hände. Der
-Moment des Scheidens war gekommen, und man trennte
-sich in der heitersten Stimmung.</p>
-
-<p>Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit
-nach Hause nahm, so war das Gefühl, das die Seele
-der Künstlerin durchdrang, nicht minder beglückend und
-hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck,
-den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht.
-Heinrich hatte nicht nur ein Drama zu Stande gebracht,
-dessen Erfolg ihr über jeden Zweifel erhaben schien, er
-hatte als Bühnendichter die fördernden Einsichten erlangt,
-sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt bekommen,
-und was er nun fernerhin unternahm, das konnte
-ihm nicht anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks
-war gelegt, durch sie gelegt! Dieser Gedanke
-erfüllte sie und erhob sie dergestalt über sich selbst,
-daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung,
-wie die Früchte des durch sie möglich gemachten
-Siegs einer Andern zu Gute kamen, nichts Betrübendes
-für sie hatte, sondern Vielmehr etwas Wohlthuendes.
-Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr
-Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit
-Augen sehen werde.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>VIII.</h3>
-</div>
-
-<p>Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das
-nochmal durchgesehene Stück dem Theater zu übergeben.
-Er verfügte sich mit dem Manuscript zum Intendanten
-und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn
-gleich in die beste Stimmung versetzte.</p>
-
-<p>Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den
-Fünfzigen, nahm das Manuscript artig in Empfang.
-&bdquo;Ich habe,&ldquo; bemerkte er mit dem Wohlwollen eines
-Hochgestellten, &bdquo;von dem Werk schon viel Gutes gehört
-und freue mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,&ldquo;
-fügte er mit lächelnder Miene hinzu, &bdquo;politisch
-Anzügliches ist nicht darin?&ldquo; &mdash; &bdquo;Durchaus nicht,&ldquo; erwiederte
-der Autor. &bdquo;Es bewegt sich rein in der gebildeten
-bürgerlichen Sphäre.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist gut,&ldquo; versetzte
-jener. &bdquo;Solche Stücke sieht man jetzt gern und sie halten
-sich! Nun &mdash; soll mir sehr lieb seyn, wenn wir es geben
-können und damit Glück machen. Sie werden dann
-mehr für&rsquo;s Theater schreiben?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die dramatische Poesie,&ldquo; erwiederte Heinrich, &bdquo;wird
-das Hauptgeschäft meines Lebens seyn. Ich habe schon
-jetzt neue Entwürfe, und kann die Zeit kaum erwarten,
-wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.&ldquo; &mdash; &bdquo;Vortrefflich!&ldquo;
-bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit.
-&bdquo;Sie haben sich,&ldquo; fuhr er lächelnd fort, &bdquo;von Ihrem
-Unfall schnell erholt und gleich ein gutes Werk darauf
-gesetzt. So ist&rsquo;s recht! So kommt man vorwärts! Ich
-muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch
-Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind.
-Mehr als einer, wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt
-haben, weil damit nichts anzufangen war, hat
-sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen heruntergezogen.
-Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen
-und sich vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames
-Stück zu verschaffen; Sie sind ein Dichter, ein Mann
-von Ehre, und es soll mir eine große Freude seyn,
-wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg
-verschaffen können.&ldquo;</p>
-
-<p>Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten
-das Herz auf und es wandelte ihn fast eine
-Rührung an. Das Glück &mdash; das Ja, die Hoffnung auf
-das Ja &mdash; macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen
-das Nein erduldet hat, immer eine liebliche
-Wirkung; die Zustimmung dringt wie Musik in&rsquo;s Ohr
-des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt, gewinnt
-in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem
-Heinrich von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin
-seinen Dank aussprach und dem Intendanten gleichsam
-entgegen glänzte, machte er auch auf diesen einen immer
-bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig,
-und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten,
-wobei das eigentlich seynsollende Verhältniß
-zwischen zwei Gleichberechtigten, die ein gemeinschaftliches
-Unternehmen besprechen, fast schon erreicht war.</p>
-
-<p>Als der Poet mit freuderothem Gesicht in&rsquo;s Vorzimmer
-trat, stand Berger vor ihm. Man grüßte sich
-und der Regisseur betrachtete den Glücklichen mit forschendem
-Blick. &bdquo;Sie kommen vom Herrn Intendanten?
-Sind charmant empfangen worden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings!&ldquo;
-rief Heinrich. &mdash; &bdquo;Beneidenswerther Dramatiker!
-Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie
-doch wohl direkt zur Sonne fliegen?&ldquo; Der Poet zuckte
-die Achsel. &bdquo;In Ermanglung derselben geh&rsquo; ich direkt
-in&rsquo;s Weinhaus. Adieu!&ldquo;</p>
-
-<p>Berger sah ihm nach und sagte für sich: &bdquo;Er ist
-mir gar zu glücklich, der junge Mann! Ich fürchte,
-ich fürchte, das Schicksal hat noch eine Prüfung für
-ihn aufgespart!&ldquo;</p>
-
-<p>Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob
-diese Besorgniß in Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage
-nachher bekam Heinrich von der Intendanz ein Schreiben
-zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme seines
-Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die
-Vorstellung noch in dieser Saison statthaben und möglichst
-beschleunigt werden solle.</p>
-
-<p>Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt
-viel, sehr viel gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht
-hatte! Und wie reizend es gewesen, Sieg und Ruhm
-im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als bloße
-Forderungen existirten &mdash; der Hinblick auf eine Entscheidung
-in nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall
-garantirt schien, war doch etwas ganz anderes; eine
-markig poetische Vorstellung, dem wirklichen Erleben am
-ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur
-in Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl.</p>
-
-<p>Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden,
-rief ein Lächeln auf sein Gesicht. Er nahm den
-Kalender, der auf seinem Schreibtisch lag, suchte den
-heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm.
-Der Name war: &bdquo;Felicitas.&ldquo; &mdash; Felicitas! Das konnte
-nicht bloß die Annahme seines Stückes bedeuten, das
-freilich an sich schon ein Glück war, der ganze Sinn
-mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung
-das Glück seines Lebens begründen würden.</p>
-
-<p>In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden
-Freundinnen. Die günstige Entscheidung war für
-sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa hatte sie schon
-mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde
-doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so
-voll Glück und Dank, daß ihn eine Art von Taumel
-anwandelte; er verwickelte sich in den Artigkeiten, die
-er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus Ueberfülle
-seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem
-Munde kamen, die fast den Eindruck einer Liebeserklärung
-machten. Jedenfalls war es eine Freundschaftserklärung
-der wärmsten Art, die er an die Künstlerin
-richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer
-Zärtlichkeit, welche auf die Wangen der Empfängerin
-Rosen und auf die Lippen ein süßglückliches Lächeln rief.</p>
-
-<p>Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter:
-&bdquo;Es ist doch eine grundgute Seele, unser Dichter! Der
-immer wiederholte Dank könnte einem lästig werden;
-aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar
-ist und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt
-hält, und das freut mich doch auch wieder.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte.
-&bdquo;Ach,&ldquo; versetzte Rosa, &bdquo;laß das, gute Mutter! Man
-muß sich nicht immer heirathen, wenn man sich lieb
-hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Geh!&ldquo; rief die Mutter. &bdquo;Stelle dich nicht lustiger
-als du bist!&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; fuhr das Mädchen ernster
-fort, &bdquo;das mag seyn wie es will. Der Umgang mit
-diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich
-habe Augenblicke, in denen ich vollkommen glücklich
-bin. Sind es nur Brosamen, die von des Herren
-Tische fallen &mdash; ich bin damit zufrieden, und damit
-gut!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung
-erlitten hätte, wenn sie erfuhr, welche Gedanken in
-diesem Moment den Dichter bewegten? Ein anderer
-Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung
-ging Alles überfluthend durch sein Inneres. Der Moment,
-den Liebe und Ehrgeiz mit gleichem Glutverlangen
-herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er konnte
-der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von
-Kennern, sondern die wirkliche Annahme seines Stücks
-und die baldige Aufführung melden &mdash; Thatsachen,
-welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern niederschlagen
-und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt,
-ihm die Braut in die Arme führen mußten.
-Sobald er zu Hause war, schrieb er in diesem Sinn
-und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht,
-welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung
-hatte.</p>
-
-<p>Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich
-glücklich zu fühlen. Freundschaft und Liebe begeisterten
-ihn. Aussichten auf Erfüllungen, deren Duft ihm berauschend
-entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet,
-und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen
-Unternehmens, die ihm schon als völlig neue Geschäfte
-reizend erscheinen mußten.</p>
-
-<p>Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand
-in der folgenden Woche statt. Wenn er sich davon einen
-besondern, oder gar einen künstlerischen Genuß versprochen
-hatte, mußte er sich freilich getäuscht sehen. Im Grunde
-machten die Rollenleser das Schauspiel für sich zur
-Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut
-oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden
-Ton und benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit
-an den Tag zu legen. Berger hatte als fungirender
-Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete, die
-größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in
-der Würde seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch
-nicht umhin, durch ein paar komische Verlesungen allgemeines
-Lachen hervorzurufen.</p>
-
-<p>Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen
-Ganzen konnte nicht die Rede seyn. Auch in
-dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich durch
-eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte,
-denn sonst wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels
-wohl nicht erspart worden. Jetzt fand er sich darein
-und lachte, zum Theil auf seine Kosten, herzlich mit.</p>
-
-<p>In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich
-bei seiner Antonie und seinem Robert (dem Liebhaber)
-zu machen hatte. Die Künstlerin war nicht mehr ganz
-jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit, darum
-auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen
-Züge, eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die
-Rolle sehr an&rsquo;s Herz genommen, erklärte dem Autor
-ihre Freude darüber und las ihm eine ihr besonders
-liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit,
-daß der Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz
-Neues selber bewunderte. Auch der Liebhaber war mit
-seiner Partie ganz zufrieden, konnte pathetisch Uebertriebenes
-mit nichten darin finden und bemerkte dem
-Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen.</p>
-
-<p>Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen
-der letzten Zeit mit Behagen. Er mußte sich gestehen,
-daß der Verein von Bildung, Leichtigkeit, froher
-Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern etwas
-eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen
-einen ganz besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr
-nun in dem gemeinschaftlichen Unternehmen eine praktische
-Basis hatte und für den Dramatiker, der fort
-producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr
-erfreulicher Gedanke.</p>
-
-<p>Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe
-gerufen. Als ihn der Fuß zum erstenmal durch die
-Coulissen auf die Bühne trug, empfand er mit einem
-gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der
-ihn in die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte.
-Von Berger und Rosa gebeten, vorläufig nur
-zu beobachten, nahm er an dem Tische des Regisseurs
-im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die
-ersten Inscenirungsversuche.</p>
-
-<p>Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben
-etwas Geheimnißvolles, Nächtliches &mdash; um nicht zu sagen
-Unterirdisches &mdash; das auf den Autor einen wunderseltsamen
-Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen
-ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf
-eigene Weise damit zu wirthschaften und sich eine Unterhaltung
-daraus zu machen.</p>
-
-<p>Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin
-richtete, gähnte ihn in seiner absoluten Leerheit fragenvoll
-an. Wird er am Tage der Entscheidung sich
-füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die
-Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes
-gewaltige Rauschen bewirken, das als entzückende Harmonie
-in die Ohren der Schauspieler &mdash; des Dichters
-dringt?</p>
-
-<p>Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum
-antwortete nicht und sah in seinem braunen Dunkel
-auf ihn her &mdash; ein Symbol mystischer Allmöglichkeit.
-War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt
-werden sollte, noch äußerst im Werden &mdash; ein
-Kommen und Gehen, ein Versuchen und Wiederversuchen,
-ein Recitiren, wobei der Souffleur allgegenwärtig
-helfen und wieder helfen mußte, um oft nur
-schlechten Dank dafür zu ernten.</p>
-
-<p>Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses
-erste Experiment in Bezug auf Wirkung als nichts beweisend
-zu charakterisiren. Darüber unterrichtet wurde
-es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe. Er
-sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen,
-und die zweite Hälfte schien ihm nun bereits
-auch mehr Façon zu bekommen. Die erste Liebhaberin
-und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz mächtig,
-wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt
-und erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen
-Herzensklang der Rede. Er selber faßte den
-praktischen Zweck in&rsquo;s Auge und machte Vorschläge zu
-Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.</p>
-
-<p>Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt
-empfand, wurde übrigens getrübt durch eine hingeworfene
-Bemerkung Bergers. &bdquo;Das Stück,&ldquo; sagte dieser,
-als sie zusammen das Theater verließen, &bdquo;ist doch noch
-zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen,
-und dann müssen Sie unter Umständen noch ein paar
-tüchtige Schnitte machen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter
-sehr anziehende Weise. Die Rollen waren unvergleichlich
-besser gelernt und die Reden gingen so rasch vom
-Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu
-wirken begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden
-Organisation, des lebendigen Zusammengreifens, erquickte
-und hob seine Seele. Welch ein Gefühl, den Dialog,
-den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen
-aus dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen
-angewiesenen Theil zur eigensten Sache machten! Welche
-Lust, die Gestalten, die er nur als Bilder des Geistes
-besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten eine
-Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen,
-daß Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen
-sich erzeugt zu haben schienen! Es war von ihm, was
-er hörte und sah, und doch etwas Anderes: gefärbt,
-gemodelt durch die Individualität des Schauspielers,
-neu geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst
-und zum Theil in einer Weise potenzirt, daß er, der
-Autor, es selber zu beklatschen große Lust empfand.</p>
-
-<p>Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn.
-Er war Urheber dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk
-vollenden wollte! Er war das Princip, das mittelst
-liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie in
-die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen
-erst ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich
-hinzugaben, was jenen noch fehlte, die sinnliche Realität.
-Allein in dem Bunde des Dichters mit dem Künstler
-war jener doch die erfindende, anordnende, vorschreibende,
-dieser die reproducirende, ausführende Macht.
-Nicht so &mdash; das fühlte er natürlich &mdash; als ob die Kunst
-des Schauspielers überhaupt keiner Erfindung bedürfte,
-die im Gegentheil auf&rsquo;s dringendste gefordert war; aber
-die Kraft des Poeten war eine Kraft zur Schöpfung,
-die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen
-Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich
-mithin zu jener als weibliche zur männlichen.</p>
-
-<p>Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß
-der Dichter gegen Schauspieler überhaupt &mdash; auch gegen
-die männlichen &mdash; galant zu seyn habe, so wurde es
-ihm durch Erfahrung beigebracht.</p>
-
-<p>Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen
-begann, machte einmal einen Accentfehler, und der Poet
-rief ihm das hervorzuhebende Wort mit der Lebhaftigkeit
-eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr markirter
-Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche
-Einhülfe nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte,
-daß die Oeffentlichkeit der Correktur nicht angebracht sey,
-verhielt sich bei einem zweiten Fehlgriff schweigend, und
-benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn, um durch
-lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann
-ging er mit ihm auf die Seite und schlug die richtige
-Accentuirung vor. Der Schauspieler nickte lächelnd,
-und Heinrich gab in seinem Innern dem geheimen Verfahren
-den Vorzug.</p>
-
-<p>Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte,
-trat ihm Berger entgegen und sagte: &bdquo;Es
-thut mir leid, Ihnen eine doch vielleicht unangenehme
-Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne dritte
-Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften
-und sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht
-eigentlich zur Sache gehören, sie müssen heraus!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Aber, lieber Freund,&ldquo; rief Heinrich nach einem
-Moment der Ueberlegung, &bdquo;das sind ja gerade die schönsten
-Stellen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Thut nichts! Sie müssen heraus!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah,&ldquo; rief der Poet, &bdquo;Spiele des Geistes &mdash; Lichter,
-die einige Minuten in Anspruch nehmen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Sie
-müssen heraus, sag&rsquo; ich Ihnen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Wenn ich sie nun
-aber nicht streiche?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist etwas Anderes,&ldquo; entgegnete
-der Regisseur. &bdquo;Dann wasch&rsquo; ich meine Hände
-in Unschuld.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber
-einen guten Theil Ernst enthielt, stampfte den Boden.
-Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt, zuckte die Achseln
-und sagte: &bdquo;Probiren wir die letzten Akte! Mir schwant
-sogar noch etwas?&ldquo; &mdash; &bdquo;Was?&ldquo; rief der Poet, &bdquo;noch
-etwas?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich vermuthe sehr,&ldquo; entgegnete der Andere.
-Und indem er ihn mit väterlicher Freundschaft
-ansah, fuhr er fort: &bdquo;Ja, ja, mein Bester! Das Fegfeuer,
-von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel!
-Man muß wirklich hindurch und die Flecken müssen
-weg, sonst kommt man nicht &mdash; Doch da naht Vater
-Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!&ldquo;</p>
-
-<p>Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that
-hier, wie schon im zweiten, sein Bestes, wirkte sogar
-auf die Schauspieler ergötzlich und fand nun, daß an
-diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm,
-doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften
-sah er auf die Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte
-seine Partie zu Ende, nickte aber bei den letzten Scenen
-mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.</p>
-
-<p>Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der
-Gruppe der noch Anwesenden den Poeten herbei und
-sagte: &bdquo;Die Probe ist gut gegangen; wir haben sogar
-wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen
-und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen
-wird. Ueber drei Stunden immer noch, und das ist
-so lang, daß es dem Stück den Untergang bereiten
-kann.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ueber drei Stunden?&ldquo; rief Hallfeld ungläubig. &mdash;
-&bdquo;Ueber drei Stunden,&ldquo; erwiederte Berger, &bdquo;mit dem
-ersten und dritten Zwischenakt, die wegen zweier Umkleidungen
-eine längere Zeit beanspruchen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das
-ist wahr,&ldquo; versetzte Hallfeld nach einem Moment des
-Erwägens.</p>
-
-<p>Rosa schaute besorgt auf den Dichter. &bdquo;Da muß
-noch gestrichen werden!&ldquo; &mdash; rief sie. &mdash; &bdquo;Meine Ansicht
-und mein Antrag,&ldquo; versetzte Berger &mdash; &bdquo;Herr Dichter,
-ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten
-Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt
-habe, außerdem aber die letzten Scenen des Stücks kürzen,
-umarbeiten, wie Sie wollen, so daß sie Schlag
-auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende
-hinsieht, dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige
-Interessen und für schöne Reden, die nicht absolut
-zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es
-herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen
-halten auf, bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf
-dem Theater überflüssig sind. Aendern Sie! Wir haben
-noch zwei Proben &mdash; es geht noch!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und
-der Poet gab sich. Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld
-und Rosa gewendet, fuhr er fort: &bdquo;Meine Herrn und
-Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht.
-Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was
-beim Thee oder Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal
-glücklicherweise keine Anwendung findet, so ist uns
-doch in der süßen Betäubung des Getränks und der
-Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter
-Blumen entgangen &mdash; mir sogar, der ich mich noch am
-meisten des kritischen Umherspähens beflissen habe.
-Freuen wir uns, daß wir es noch in der eilften Stunde
-gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente
-Mittagbrod schmecken!&ldquo;</p>
-
-<p>Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen
-konnte, war der Poet. Er aß in seinem Speiselokal
-mit Hast, begab sich nach kurzem Gang in laulicher
-Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit.
-Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt
-strich er seufzend. &bdquo;Dieser Einfälle,&ldquo; sagte er sich, &bdquo;hab&rsquo;
-ich mich gefreut, sie sind unläugbar fein und schön, und
-nun müssen sie weg!&ldquo; Die neue Verbindung, nachdem
-er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant,
-wie die gestrichene. &bdquo;Aber was thut&rsquo;s?&ldquo; rief er ironisch.
-&bdquo;Sie hat ja einen Vorzug, der alle andern aufwiegt:
-sie ist kurz!&ldquo;</p>
-
-<p>Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier,
-wenn auch manches aus den vorliegenden Scenen zu
-brauchen war, galt es eine völlige Umarbeitung, und
-wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er ohne
-Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das
-Beste, das Ende gut Alles gut auf&rsquo;s Papier werfen?</p>
-
-<p>Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren
-haben: daß der Drang der Nothwendigkeit die Initiative
-des Genius ersetzen kann. Das Unumgängliche glüht
-wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt uns,
-eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der
-Sprung wird gewagt &mdash; und er glückt.</p>
-
-<p>Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen
-vor ihm lagen; aber sie freuten ihn selbst.
-Schlag auf Schlag! Der verwünschte Regisseur hatte
-Recht: so war&rsquo;s besser! Nun mußte er die Aenderungen
-noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er
-mitgenommen hatte. Er that auch dieß, und besorgte
-dann die Rollen an ihre Inhaber, zum Theil in eigener
-Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte,
-auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg
-seiner Arbeit seyn müsse, um ihn für die Aufregungen
-und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen zu entschädigen.</p>
-
-<p>Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe.
-Berger, nachdem er die Aenderungen gelesen, rühmte
-ihn und drückte ihm die Hand. &bdquo;Es hat weh gethan,&ldquo;
-sagte er dann, &bdquo;der Schnitt in&rsquo;s Fleisch? Was? Aber
-&rsquo;s ist besser so! Beim Teufel, gut haben Sie&rsquo;s gemacht!
-Famos!&ldquo; Lächelnd trat er einen Schritt näher und
-sich heiter feierlich neigend, setzte er hinzu: &bdquo;<i lang="fr" xml:lang="fr">Succès
-complet!</i>&ldquo;</p>
-
-<p>Die Wangen des Poeten, die von Mühen und
-Sorgen etwas gebleicht waren, überzogen sich bei dieser
-Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und er
-folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun
-seine Worte; aber sie klangen nur um so traulicher zu
-ihm her, besonders aus dem Munde der anmuthigen
-Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele einzuhauchen
-wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig,
-und die Effektmomente traten als solche deutlich hervor.</p>
-
-<p>Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst
-so seltsam angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit
-einen vergnüglichen Eindruck auf ihn. Es lag
-in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn das verborgene
-Schmieden eines Complottes haben mag, das
-zum Sieg der Betheiligten führen soll. In Puppenhülle
-geschah die Vorbereitung des Schmetterlings, der
-an&rsquo;s Licht treten und in prachtvoller Entwicklung alle
-Welt erfreuen sollte.</p>
-
-<p>Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig.
-Man gratulirte dem Poeten von allen Seiten, und
-Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig lächelnd. &bdquo;Das
-hat Mühe gekostet,&ldquo; rief sie ihm zu, &bdquo;nicht wahr? Aber
-es ist der Mühe werth gewesen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Das mein&rsquo; ich
-auch,&ldquo; rief Berger. &bdquo;Was wollen Sie? Wir haben
-wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!&ldquo;</p>
-
-<p>Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das
-Speisehaus trat, das er seit Wochen regelmäßig besuchte,
-ließen sich die dortigen Bekannten Bericht erstatten,
-drückten ihr großes Verlangen aus, das Stück zu sehen,
-und die gutgelaunten übten sich einstweilen im Klatschen.
-Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült,
-aß mit Lust und gründlichem Appetit. Nach einem
-tüchtigen Spaziergang suchte er die Ruhe seiner Stube
-und fand ein Schreiben von Auguste. Mit begreiflicher
-Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit
-ernstem Gesicht las er es.</p>
-
-<p>Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die
-sich darin für ihn ergoß, aber durch einen dunkeln Ton
-der Sorge, um nicht zu sagen der Wehmuth, überschattet.
-Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne
-zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an
-seine letzten Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen
-Glauben schenken zu können. Um so inniger und feuriger
-waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender
-ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit
-sprach aus dem Brief. &bdquo;Ach, lieber Heinrich,&ldquo; rief sie
-ihm zu, &bdquo;du machst dir keine Vorstellung, wie dein
-Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich die
-Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich
-und begeisternd, aber umgeben von Gefahr,
-Sorgen und schweren Mühen. Ach, wohl müssen die
-Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit selber,
-denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig
-wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht!
-Wie müssen sie alle Kräfte des Geistes und Herzens
-anstrengen und den höchsten Fleiß anwenden Jahre hindurch,
-um endlich zu haben, was Andere spielend, im Vorbeigehen
-erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch
-Nebensache ist, so gehört er doch nothwendig zum Leben.
-Das Schaffen, wie göttlich es an sich ist, muß sich doch,
-leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun schon
-Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit
-zur andern gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du
-mir so sicher den Erfolg ankündigst, eine Furcht, die
-mich verzagen macht. Möge es dir gut gehen, theurer
-Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß
-ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem
-Herzen ausgepreßte Ruf, den ich an dich aus der Ferne
-richte!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die
-Geliebte hatte sich noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit,
-aber auch noch nie so geängstigt, so gedrückt
-gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in ihrer
-Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden?
-Hatte sie von den Eltern zu leiden? Nach einem
-Schweigen aufathmend, rief er: &bdquo;Wahrlich, ein Erfolg
-thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie einen
-greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im
-Grunde hat sie dazu auch das Recht. Gott sey Dank,
-daß ich nur noch einen Tag vor der Entscheidung stehe.&ldquo;</p>
-
-<p>Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm
-schreibe vor ihrer Abreise zu Kronfelds, deren dringender
-Einladung sie nicht länger habe widerstehen können.
-Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung
-finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige
-Botschaft alle Sorgen zerstreute. Denn das
-wollte er thun. Was die Zeitungen bekannt machten,
-das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte brieflich
-nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten
-und den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen.</p>
-
-<p>Die vierte und letzte Probe &mdash; am Tage der Aufführung
-selber &mdash; ging so glatt wie eine Vorstellung.
-Heinrich mußte glauben, was ihm von mehreren versichert
-wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt
-seyen. Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte
-hinzu: &bdquo;Das ist der Vortheil des Schauspiels und der
-natürlichen Prosa. Verse würden sie heute noch stottern
-und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen
-müssen.&ldquo;</p>
-
-<p>Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit
-worden war, so hatte der Autor gegen Abend auf
-seiner einsamen Stube doch eine sonderbare Empfindung.
-Der Tag war trüb und es begann fein zu regnen;
-günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen
-grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so
-lange ritterlich gehalten, unser Dramatiker; nun, in
-thatenloser Stille, kamen ihm wieder Gedanken, und
-mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu seiner
-eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein
-leichter Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte
-sich&rsquo;s nicht wegläugnen, er bekam, was man eine Gänsehaut
-zu nennen pflegt, und aller gute Muth, aller
-Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen
-zurückzudrängen und darüber zu lächeln.</p>
-
-<p>Unstreitig, für ihn handelte sich&rsquo;s um keine gewöhnliche
-Entscheidung. Auch derjenige, bei dem an solchem
-Tag nicht das ganze Lebensglück, sondern nur ein bescheidener
-Theil davon auf dem Spiele steht, kann doch,
-wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem
-Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen.
-Eben die Muße, die ihn zur Passivität verurtheilt,
-macht ihn zum bloßen Instrument, worauf nun
-beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen
-können. Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern
-Verhältnisse und einer ihm eigenen Feinfühligkeit
-alles das eine abnorme Steigerung. Am Morgen
-schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch
-die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den
-Straßenecken entgegenschauten und zuzurufen schienen:
-&bdquo;Unwiderruflich!&ldquo; Es war ihm gewesen, als ob man
-es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey,
-der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und
-er hatte sich darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen.
-Die Glückwünsche bei Tisch hatten für ihn heute einen
-Klang gehabt, in den etwas dämonisch Gefahrdrohendes
-eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern
-hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst
-verwandelt und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes
-Wort mit nach Hause gegeben. Nun saß er da,
-völlig allein, sah die Frist kleiner und kleiner werden,
-die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat ihm
-in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das
-Tribunal, vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung,
-die Stimmung des Publikums, auf die Alles ankam
-und die gleichwohl unberechenbar war; an mögliche
-Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten;
-an das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen
-Versammlung, die sich ablehnend verhielt oder
-gar mit entrüstetem Lärm verdammte &mdash; und trotz
-Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder
-schien man (denn die Sache war ihm ja bereits ganz
-aus der Hand genommen) einen Wurf zu wagen in
-seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren
-wie gewinnen konnte.</p>
-
-<p>Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken
-in ihm erregten, erhob er sich gewaltsam. Er kleidete
-sich an &mdash; in sein bestes Gewand; denn war er zum
-Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch
-geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug
-sechs, er hüllte sich in seinen Mantel, setzte den Hut
-auf und ging gegen die Thüre.</p>
-
-<p>Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem
-Ausdruck, als ob er eine förmliche Thorheit beginge,
-die er aber doch nicht zu lassen vermöchte, trat er zum
-Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und suchte
-den Patron des Tages. Er las: &bdquo;Emanuel.&ldquo; Ernste,
-aber gute Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf
-den Weg zum Theater.</p>
-
-<p>In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung
-einer Arena hatte, angekommen, begab er sich auf
-die Bühne, wo er zunächst nur einige Diener traf, die
-den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen hatten.
-Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens
-bei einer solchen ging ihm durch den
-Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte es dazu, von dem
-Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem
-untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am
-Strange des Vorhangs zog! Das Publikum sagte sich
-das aber nicht, ja ließ sich am Ende das Produkt so
-vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.</p>
-
-<p>Allmählig regte sich&rsquo;s draußen im Zuschauerraum.
-Der Poet sah durch die kleine Oeffnung des Vorhangs,
-die man ihm bezeichnet hatte, und ward erfreut durch
-ein schon ziemlich gefülltes Parterre und durch versprechend
-besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch
-kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums
-war doch schmeichelhaft und wirkte ermuthigend
-auf seine Seele.</p>
-
-<p>Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf
-die Scene. Der Poet starrte die ersten, den Liebhaber
-und die beiden Regisseure, die durch Costüm, Schminke
-und &bdquo;Maske&ldquo; unkenntlich gemacht waren, einen Moment
-an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu
-schütteln.</p>
-
-<p>Immer näher rückte der Moment, immer festlich
-ernster wurde die Zurüstung. Pochte das Herz des
-Autors auch ungleich lebhafter als gewöhnlich, so war
-es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es war
-eine &bdquo;bange Wonne,&ldquo; die ihn ergriff &mdash;</p>
-
-<p class="quotation">
-&bdquo;Wie einen König bei der Thronbesteigung.&ldquo;<br />
-</p>
-
-<p>Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das
-Stück mit zu beginnen hatten, und kamen auf die
-Gruppe zu &mdash; in blendender Schönheit. Der Poet begrüßte
-sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im
-Entzücken des Anschauens verlor sich der letzte Rest von
-Angst aus seinem Herzen. Die Freundin betrachtete ihn
-verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen Schein von
-Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang
-und rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme:
-&bdquo;Ah, ganz schwarz! Kommen Sie!&ldquo; Heinrich eilte hin,
-sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume, und ein
-Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer
-Gluthstrahl durch sein Herz.</p>
-
-<p>Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne
-hätten ihn nothwendig in der frohen Stimmung erhalten
-müssen; aber sie bezeichneten die allerletzte Frist
-vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des
-Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still
-begab er sich zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen
-den vordersten Coulissen einzunehmen. Der Vorhang
-wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen Anfang.</p>
-
-<p>Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um
-den Ausgang, eine Spannung, ein Sturm der Gefühle,
-die Geist und Sinne zu überwältigen drohten? Nichts
-von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte,
-fühlte er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und
-ganz Aufmerksamkeit auf das Spiel. Es ging, wie er
-es gewollt, das Publikum lauschte, die große Stille
-verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich
-hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung,
-so zufrieden mit der Darstellung, daß er es gar nicht
-merkte, wie das Publikum den Akt schließen und den
-Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des Beifalls
-zu geben.</p>
-
-<p>Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit
-feinster Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit
-Bravos hervor, und ein Wehen der Theilnahme ging
-durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur wenig
-und kurz applaudirt.</p>
-
-<p>Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem
-Poeten und sagte: &bdquo;Sie sind heute wieder recht faul da
-draußen! Zusehen können sie, wenn sie nur die Hände
-nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die
-Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt
-werden sie wohl losbrechen müssen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Warten wir!&ldquo;
-versetzte der Poet.</p>
-
-<p>Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf
-Effekt angelegt waren, verliefen ruhig. Als die ergreifenden
-kamen, herrschte im Haus zuerst eine feierliche
-Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt,
-als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden
-Reden, kamen aber auch diese wiederholt in Thätigkeit,
-und unzweideutige Zeichen der Rührung gelangten zur
-Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit
-genug gethan zu haben? Oder war die Bewegung,
-in die es versetzt erschien, zu ernster Natur? Oder endlich,
-fand es den Schluß doch nicht so drastisch wie die
-freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der
-Applaus war nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler
-eben hier erwartet hatten; und da man auch den
-Vorhang nicht schnell genug aufzog, so verhallte er wieder,
-ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende
-Effekt war verfehlt.</p>
-
-<p>Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten
-Enttäuschung, erhob sich von seinem Sitz und trat zu den
-Schauspielern, die sich an der Coulisse gesammelt hatten.
-&bdquo;Nun?&ldquo; rief er, eine Gährung in seinem Innern
-unterdrückend, mit Fassung, &bdquo;das sieht aus wie eine
-Niederlage!&ldquo;</p>
-
-<p>Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks
-auf einen Hervorruf gerechnet hatte, zuckte verdrossen
-und schon mit einer Spur von Geringschätzung die
-Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber entgegnete
-mit dem Ton würdevoller Tröstung: &bdquo;Das nicht,
-Herr Doktor. Das Publikum nimmt Antheil, das Stück
-wirkt.&ldquo; &mdash; &bdquo;Aber lange nicht so,&ldquo; versetzte der Poet,
-&bdquo;wie wir&rsquo;s uns vorgestellt haben. Geht&rsquo;s so fort und
-wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer,
-dann haben wir einen <i lang="fr" xml:lang="fr">succès d&rsquo;estime</i>, d. h. auf gut
-deutsch: das Stück fällt durch!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein, sag&rsquo; ich Ihnen!&ldquo; entgegnete der Regisseur
-energischer. &bdquo;Man hat bei diesem Akt weniger applaudirt,
-als er&rsquo;s verdient; Ihr Stück ist aber gut und
-endet ansprechend, also wird man&rsquo;s hereinbringen. Ruhig
-Blut! Noch ist nichts verloren!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das mein&rsquo; ich auch,&ldquo; rief Berger, der eben herzugetreten
-war. &bdquo;Dieser Akt wird entscheiden. Erst der
-Ernst, dann der Humor; &mdash; wir wollen sie schon weich
-machen, die hartgesottenen Sünder!&ldquo; &mdash; &bdquo;Es sind
-Blöcke!&ldquo; rief hier der alte Student, der bei einer kurzen,
-aber schlagenden Rede auch auf Beifall gehofft zu
-haben schien, mit humoristischem Unmuth.</p>
-
-<p>Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf,
-der für jetzt ohne Widerspruch blieb. Die Musik des
-Zwischenaktes ging zu Ende, die Schauspieler traten
-hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen Platz
-wieder ein.</p>
-
-<p>Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet
-selbst über seine Stimmung. Von ängstlicher Aufregung
-war keine Spur mehr in ihm! Dagegen hatte sich ein
-Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und durchströmte
-sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge
-harrte, die da kommen sollten.</p>
-
-<p>Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden
-und erkannte, das Seine vollauf gethan zu haben.
-Zeigte sich das Publikum spröde, kalt, nur oberflächlich
-und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem
-Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches
-Selbstgefühl entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise
-nicht in die Lage kommen, seine Ausdauer in dieser
-Stimmung darzuthun.</p>
-
-<p>Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß
-sie etwas gut zu machen hatten, benutzten gleich die
-erste Gelegenheit zum Applaus und befriedigten damit
-die edeln Liebenden, die alle beide einer Ermunterung
-sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller,
-dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes,
-entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit
-und wurde auf offener Scene gerufen. Anna in der
-Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche des Vergnügens
-hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen.</p>
-
-<p>Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die
-Bühne zu gehen, weil er seinen Namen nicht gehört,
-war doch hoch erfreut, und gegen die drei, als der
-Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht
-eben karg. Die Darsteller des Liebespaars, welche
-den fünften Akt zu beginnen hatten, kamen mit heitern
-Mienen auf die Scene: sie wußten, das Publikum
-war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte
-halten.</p>
-
-<p>So kam es denn auch. In den ersten Auftritten
-eine ernste, schöne Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus,
-am Schluß, nachdem die letzten Scenen wirklich
-Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender, langanhaltender
-Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der
-Anna und &mdash; dem Dichter.</p>
-
-<p>Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während
-die Mitgerufenen im Hintergrund erschienen, trat auf
-das Proscenium und dankte. Er sah das ganze Haus
-lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen
-Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah
-huldvolles Nicken und Applaudiren aus der Loge des
-Landesherrn und seiner Familie: seine kühnsten Hoffnungen
-waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien durch
-die Wirklichkeit erreicht, übertroffen!</p>
-
-<p>Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem
-Vorhang sich umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen
-und rief mit einem Wohlwollen, das etwas Feierliches
-hatte: &bdquo;Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren
-Lorbeeren!&ldquo; Der zweite Regisseur, der sich genähert
-hatte, nickte vergnügt. &bdquo;Nun,&ldquo; sagte er, &bdquo;hab&rsquo; ich mein
-Versprechen gehalten? Und,&ldquo; setzte er mit schelmischem
-Blinzeln hinzu, &bdquo;bin ich nicht im Grunde ein <em class="gesperrt">guter</em>
-Mensch?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ein Engel!&ldquo; rief der Poet lachend. &bdquo;Aber
-Adieu für heute! Auf Wiedersehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes
-eilte er auf die andere Seite, die beiden Schauspielerinnen
-zu erhaschen, und traf sie, die gegen ihre Gewohnheit
-etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem Weg zum
-Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude
-küßte er der ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit
-glänzte, die Hand; dann, während jene sich entfernte,
-ergriff er die Hand Rosa&rsquo;s. In der Brust des
-Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes,
-den er der lieben Freundin schuldete, mit einemmal
-übermächtig empor, sein Herz begann zu schmelzen.
-Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe eine
-Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige
-Worte des Dankes. Das Mädchen sah die feuchten
-Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine Hand, um sie
-zu schütteln, und rief: &bdquo;Wenn Sie glücklich sind, lieber
-Freund &mdash; mehr als ich können Sie&rsquo;s nicht seyn! Gute
-Nacht!&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>IX.</h3>
-</div>
-
-<p>Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft
-des treuen Willmann zu sich genommen, hatte sich nach
-Hause begeben und die Nacht war ihm in jeder Hinsicht
-eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte
-er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war
-der Schlaf so gründlich, daß er andern Tags mit einem
-Wohlgefühl die Augen aufschlug, wie er&rsquo;s lange nicht
-mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher, erinnerte
-sich und rief: &bdquo;Darf ich&rsquo;s wirklich glauben?
-Hab&rsquo; ich gestern das Residenzpublikum erobert?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;&rsquo;S ist so,&ldquo; antwortete er mit Humor sich selbst, &bdquo;der
-Traum ist Leben geworden!&ldquo;</p>
-
-<p>In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete
-sich an und setzte sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken
-zogen durch seinen Kopf und zum Ueberfluß schien die
-Sonne der ersten Frühlingswoche durch&rsquo;s Fenster. Eine
-natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen
-seinen Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit
-größtem Vergnügen.</p>
-
-<p>Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber
-spät aufgestanden war, traf er diesen schon in vollendeter
-Morgentoilette und wurde sehr zuvorkommend
-empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten
-und eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen
-während der Unterhaltung nicht nur Höflichkeit, sondern
-eine unwillkürliche Hochachtung aus, die ihm sehr wohl
-anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen
-wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd,
-die ihm sein Robert gestern nach dem dritten Akt gezeigt,
-konnte nicht umhin, sich innerlich zu fragen: wie er
-wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern
-Lauf genommen hätten!</p>
-
-<p>Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin.
-Nach einigem Warten vorgelassen, sah er sich liebenswürdig
-begrüßt, huldvoll angelächelt. Die Schauspielerin
-hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der ihr
-eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem
-Manne, der ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war.
-Das blaue Auge gewann eine gewisse poetische Zärtlichkeit,
-die ihr sehr anziehend ließ. Der Dank des
-Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen
-wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre,
-und die Künstlerin nahm ihn um so freudiger hin.</p>
-
-<p>In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß
-mit sich führt, gibt es doch glücklicherweise nicht
-nur die eigentlichen Honigwochen, sondern auch uneigentliche
-Honigmomente, die von großem Werthe sind.
-Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich
-erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da
-so froh, so geneigt, ja gedrängt zur Anerkennung, daß
-eine gegenseitige Steigerung des Glücks und eine schöne
-Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. &mdash; &bdquo;In ihr
-hab&rsquo; ich auch eine Freundin,&ldquo; sagte sich der Poet, als
-er wieder auf der Straße war. &bdquo;Freilich,&ldquo; setzte er
-mit Laune hinzu, &bdquo;muß ich fortfahren, ihr Gelegenheit
-zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist
-ja meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres,
-als ihre volle Zufriedenheit.&ldquo;</p>
-
-<p>Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten
-Freundinnen. Er traf sie in einer Stimmung,
-die wohl zu den schönsten gehört, deren wir uns im
-Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide;
-der Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes,
-das der Freude des Herzens eine ernste Weihe gab. Das
-Licht derselben wirkte magisch auf den Dichter, und
-Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines Ernstes,
-mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie
-noch profan erscheint.</p>
-
-<p>Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich
-gewesen; heute aber kam sie ihm schön vor &mdash; schön
-im edelsten Sinne des Worts. Da die Schönheit vorzugsweise
-aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich.
-In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre
-Gesinnung in Schönheit verklärt wurde. Zu der Liebe
-ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer Großmuth war
-jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der
-ihr die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit
-ihre eigene innere Vollendung brachte. Es wird immer
-eine Frage bleiben, ob das wirkliche Lebensglück in der
-That werthvoller ist, als die Entsagung unter solchen
-Verhältnissen.</p>
-
-<p>Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa:
-&bdquo;Sie haben bis jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört.
-Erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu
-machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden
-auch Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber
-lesen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet sah sie an. &bdquo;Was will man denn aber,&ldquo;
-fragte er dann, &bdquo;im Grunde tadeln an dem Stück? Es
-ist doch offenbar gut; hat auch entschieden gefallen &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. &bdquo;Das
-ist ja eben der größte Fehler in den Augen gewisser
-Kritiker!&ldquo; entgegnete sie. &bdquo;Lassen Sie sich dadurch aber
-nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls in Gesellschaften
-die Nase darüber gerümpft wird. Manche
-Leute sind nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu
-beweisen meinen, wenn sie absprechen. Aber das Wort
-verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind; darum
-behalten Sie guten Muth!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied,
-um sich zum Intendanten zu begeben. Im Theater
-angekommen, wurde er sogleich vorgelassen. Mit einer
-Munterkeit, die ihm ordentlich etwas Jugendliches gab,
-rief der würdige Bühnenchef: &bdquo;Ah, da kommt ein glücklicher
-Dramatiker! &mdash; Nun,&ldquo; setzte er Heinrichs Hand
-ergreifend hinzu, &bdquo;hat mich sehr gefreut &mdash; in Ihrem
-Namen und in unserem! Das Publikum, anfangs ein
-bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ausgezeichnet,&ldquo;
-erwiederte der Autor. &mdash; Der Intendant
-nickte heiter. &bdquo;Mit der Darstellung,&ldquo; fragte er dann,
-&bdquo;sind Sie zufrieden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Vollkommen,&ldquo; rief der Poet
-mit großer Wärme. &mdash; &bdquo;Das hör&rsquo; ich selten von den
-Herrn Dichtern,&ldquo; erwiederte der Intendant lächelnd.
-&bdquo;Und es ist im Grund mehr, als ich zugeben könnte.
-Sie waren im Ganzen recht brav; aber eins und das
-andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird
-kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück
-übermorgen schon wieder geben?&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich sah ihn froh überrascht an. &bdquo;Meine Zustimmung,&ldquo;
-entgegnete er, &bdquo;haben Sie durchaus.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Das glaub&rsquo; ich,&ldquo; versetzte der Intendant erheitert, &bdquo;an
-einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als
-das erstemal.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich bin Ihnen zum größten Danke
-verpflichtet!&ldquo; rief der Glückliche. &mdash; Der Herr, ihn ansehend,
-fuhr fort: &bdquo;Es wird eine zweite Probe seyn,
-vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stück wird sie
-bestehen. Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich
-gratulire nochmals.&ldquo; Der Poet empfahl sich.</p>
-
-<p>Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten
-die beiden Regisseure herein. Heinrich, sie grüßend,
-zeigte ein Gesicht, welches nicht nur den Sarkastischen,
-sondern auch den Ernsten zum Lächeln reizte.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie blühen ja wie eine Rose!&ldquo; rief Hallfeld. &mdash;
-&bdquo;Austausch des Vergnügens zwischen Theatervorstand
-und Dichters!&ldquo; erklärte Berger. &bdquo;Anwartschaft auf ungezählte
-künftige Triumphe!&ldquo; &mdash; &bdquo;Der Herr,&ldquo; bemerkte
-Hallfeld, &bdquo;will Ihnen in der That sehr wohl.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Er liebt die Bescheidenheit,&ldquo; fuhr der Andere fort,
-&bdquo;die Dankbarkeit, das gute Herz!&ldquo; &mdash; &bdquo;Verbunden mit
-der Kunst, ein Stück zu schreiben, das volle Häuser
-macht,&ldquo; ergänzte Hallfeld. &mdash; &bdquo;Also übermorgen? in
-der großen Halle?&ldquo; &mdash; Heinrich, den Besuch auf der
-Bühne zusagend, verabschiedete sich.</p>
-
-<p>Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein
-zufälliges Treffen bezeichnet, das der Poet im Grund
-herbeigewünscht hatte. Nachmittags, als er in der besten
-Laune die Hauptstraße hinabspazierte, kam Professor
-Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom
-Geschick ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmäßig
-zusammennehmend ging er dem Gelehrten entgegen,
-grüßte mit der edeln Freundlichkeit eines Mannes,
-der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete
-nun in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon
-zu sehen. Das war freilich eine Täuschung. Der
-Begrüßte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und
-Spott, wie über jemand, der auf zufälliges Glück unangenehme
-Ansprüche gründen will, und ging vorüber.</p>
-
-<p>Wir können verrathen, daß das Benehmen des
-Ehrenmannes eine Frucht häuslichen Verdrusses war.
-Ein jüngerer Professor der Anstalt, der Heinrichs Drama
-gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen, hatte
-über den Erfolg berichtet und die Arbeit gerühmt. Als
-er wieder fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf
-zum Gemahl: &bdquo;Wir hätten diesen Born doch einmal
-einladen sollen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Warum?&ldquo; fragte jener mit
-Stirnrunzeln. &mdash; &bdquo;Weil er ein talentvoller Mann ist,&ldquo;
-versetzte die Gattin; &bdquo;viel mehr, als du&rsquo;s ihm angesehen
-hast.&ldquo; &mdash; &bdquo;Pah!&ldquo; rief der Professor; &bdquo;er hat ein
-Rührstück verfaßt, das den Unwissenden gefällt.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;So?&ldquo; rief die Frau, &bdquo;gehört Professor Holm zu den
-Unwissenden?&ldquo; &mdash; &bdquo;Holm ist ein guter Mensch, aber
-auch ein Schöngeist,&ldquo; entgegnete der Mann. &mdash; &bdquo;Holm &mdash;&ldquo;
-wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel aufgebracht
-ein: &bdquo;Geh! Laß mich ungeschoren mit deinen Belletristen!&ldquo;
-Sehr verdrießlich ging er in sein Studierzimmer
-zurück, wo sich die Stimmung gegen einen Menschen,
-der ihm eine Verlegenheit bereitet hatte, begreiflicherweise
-nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte eine Freude,
-eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine
-Ansicht über die Natur der Menschen vervollständigen.</p>
-
-<p>Am andern Morgen faßte Heinrich zunächst einen
-Bericht an seine Eltern ab, worin er seine baldige Ankunft
-meldete. Er that seinem Herzen recht Genüge
-und malte alles, wovon er wußte, daß es die liebenden
-Seelen erquicken und für die bewiesene Ausdauer
-belohnen würde, mit glänzenden Farben. Dann, nach
-Erholung trachtend, ging er an dem schönen Morgen
-in eine Restauration.</p>
-
-<p>Er saß behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier
-überkam, ob die Blätter noch keine Kritiken seines
-Dramas enthielten. Rasch ging er die im Lokal vorhandenen
-durch; zwei Besprechungen waren da, von
-Emil Schilf und von Dorn.</p>
-
-<p>Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes
-erwarten konnte, nahm er die Auslassung des Befreundeten
-vor. Bei der dritten Zeile schon verdunkelte sich
-sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las weiter, starrte
-auf die Buchstaben, wie einer, der zu träumen glaubt,
-schüttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit
-dem Rufe weg: &bdquo;Aber das ist ja eine wahre Bestie!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Kritik, die so übel auf ihn wirkte, lautete:
-&bdquo;Wer noch daran gezweifelt hätte, daß Theater und
-Drama bei uns immer größerem Verfall entgegen gehen,
-der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis
-davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht
-zu sehen war, unter Anführung einer wohlvertheilten
-Claque) hat ein Schauspiel mit Beifall aufgenommen,
-das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen müssen,
-womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind.
-Das Thema so abgedroschen als möglich, der Dialog
-von der plattesten Art; edelseynsollende Personen, die
-im gewöhnlichen Verkehr langweilig, in Rührscenen durch
-Prätension widerlich und lächerlich sind; ein schlechter Geselle,
-der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn
-machen können; und ein Ausgang wörtlich nach Schiller:</p>
-
-<p class="quotation">
-Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch.
-</p>
-
-<p>Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun
-eine nähere Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den
-Beweis liefern soll, also ganz in demselben Styl gehalten
-ist. Dann fährt der Kritiker fort): &bdquo;Wie war
-es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte?
-Man könnte sagen, auch der Applaus war gemacht,
-und zum großen Theil ist er&rsquo;s offenbar auch gewesen.
-Man könnte den Succeß auf Rechnung der Schauspieler
-bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den
-hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein
-es läßt sich nicht in Abrede stellen, auch das Stück
-selber, mindestens in der zweiten Hälfte, fand Anklang.
-Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine Stufe
-gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter
-kann&rsquo;s nicht gehen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie
-geschrieben, die für ihn und seine Laufbahn als Dramatiker
-Hoffnungen erwecken konnte. Als Theaterstück
-verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth
-sie doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum
-ist Herr Born in dieser Richtung nicht fortgegangen?
-Warum hat er sich nicht bemüht, seine dichterische Fähigkeit,
-so viel die Natur ihm verliehen hat, in einer
-zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit
-zu verwerthen? Warum ist er zum Feind geworden
-seiner eigenen Begabung? Die Antwort gibt sich jeder
-selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man
-die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung
-erfordert, umgeht, um &mdash; nach Gewinn zu langen.
-Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen. Solche
-dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für
-unsere Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir
-prophezeien dem spekulativen Schreiber in dieser Beziehung
-eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn an Honorar
-(<i lang="la" xml:lang="la">sic</i>) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre
-zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack
-des Publikums herunterbringen hilft, wird sich
-aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat seine Grenzen,
-und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen,
-der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst
-hinaustreiben wird.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen
-Journal, hatte eine Empfindung des Grimms
-und des Verdrusses, die für den ersten Moment das
-höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog. Dämonisch
-angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog
-es und schüttelte den Kopf als über etwas völlig
-Unbegreifliches. Wie konnte ein Mensch, mit dem er
-freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen Ton anstimmen?
-Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war,
-sein Buch zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber
-gesagt, was er irgend vermochte, und die Zögerung,
-sein Urtheil über die verwünschte Satire öffentlich auszusprechen,
-wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde,
-stand doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks
-und Charakters im ungeheuersten Mißverhältniß. Die
-Schmähkritik verdammte ein Stück, das den reinsten und
-ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack
-eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer
-und Frauen der Residenz gehörten; sie hatte nur Worte
-des gröbsten Tadels und der Verleumdung, wo feine
-Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten: woher
-kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und
-der öffentlichen Meinung dermaßen in&rsquo;s Gesicht zu
-schlagen? Wie kommt man überhaupt dazu, absichtlich
-ungerecht zu seyn? &mdash; Heinrich versuchte sich in einen
-Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen,
-wie sie hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu
-schreiben vermochte, es gelang ihm nicht. Mit Staunen
-betrachtete er die Höhe der Gemeinheit, um beschämt
-vor ihr die Blicke zu senken.</p>
-
-<p>Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in
-der Leidenschaft übertreiben, das begriff er auch. Wie
-aber ein Wesen, das den Namen Mensch beansprucht,
-Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und den
-Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu
-behandeln im Stande war, und zwar öffentlich, dem
-öffentlichen Urtheil sich preisgebend, das begriff er nicht.</p>
-
-<p>Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik
-ungeahndet hingehen lassen, oder gegen den Schreiber
-auftreten? Und wenn dieß, mit welchen Waffen? Diese
-Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber zu
-keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige
-hören.</p>
-
-<p>Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er
-das andere Journal zur Hand; denn wie boshaft der
-Exdramatiker sich aussprechen mochte, den Exfreund
-konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall.</p>
-
-<p>In der That blieb dem letzteren die Palme, da
-jener nur das Werk verdammte und im Autor bloß
-gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen suchte. Dieß that
-er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte
-das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit,
-daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte
-Leser wirken mochte, dem Getroffenen doch die
-Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten war
-die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte
-endlich eine Bewegung wie über die Expektoration eines
-Tollkopfs.</p>
-
-<p>Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten
-und des Bittersten auf zwei Tage zusammengedrängt!
-Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung ein Gegenstand
-der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die
-lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben
-zu besudeln giftig herbei dringt! &mdash; &bdquo;Harpyen!&ldquo; rief der
-Poet, &bdquo;wortwörtlich! Einladende Speisen zu beschmutzen,
-mit blinder Gier erfüllt! Welch ein Tiefsinn der mythologischen
-Phantasie!&ldquo;</p>
-
-<p>Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ
-er das Haus doch noch mit sehr gemischten Empfindungen.
-Er fühlte eine wahre Sehnsucht, einen
-braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann
-auf, von dem er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters
-auf dem Weg zur Redaktion eines Unterhaltungsblattes
-treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und ging eilig
-auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn,
-sagte bescheiden lächelnd: &bdquo;Sie scheinen von einem Dorn
-gestochen zu seyn?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Allerdings,&ldquo; erwiederte Heinrich mit entsprechendem
-Mundverziehen. &bdquo;Eben hab&rsquo; ich sie mir aus dem Fleisch
-gezogen, die giftige Spitze. Was sagen Sie dazu?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Es ist stark,&ldquo; versetzte Willmann, &bdquo;sehr stark.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ein <i lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</i> in jeder Hinsicht!&ldquo; rief der Gekränkte.
-&bdquo;Was soll ich dagegen thun?&ldquo; &mdash; &bdquo;Nichts,&ldquo;
-erwiederte der Andere mit ruhigem Nachdruck.</p>
-
-<p>Heinrich sah ihn an. &bdquo;Sie meinen, der Artikel richtet
-sich selbst? und die Verachtung, womit man ihn lesen
-wird, kann mir Rache genug seyn?&ldquo; &mdash; Willmann sah
-ihn erheitert an. &bdquo;Nichts weniger als das!&ldquo; rief er. &bdquo;Der
-Artikel, fürcht&rsquo; ich, wird mit großem Vergnügen gelesen
-werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Wie!&ldquo; rief der Poet. &bdquo;Ist nicht das
-Publikum mit beschimpft? Und wird es sich das gefallen
-lassen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O,&ldquo; versetzte Willmann, &bdquo;recht gern!&ldquo; Und indem
-er ihn prüfend ansah, fuhr er fort: &bdquo;Sind Sie in der
-That so kindlich, daß Sie nicht wissen, was Schadenfreude
-ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will
-sich amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem
-schönen und guten Stück, dann will es sich auch negativ
-amüsiren an der Durchhechelung, ja an der Zerrupfung
-eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein
-Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger,
-als Sie anzunehmen scheinen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das glaub
-ich nicht!&ldquo; rief Heinrich in edlem Eifer.</p>
-
-<p>Willmann schüttelte den Kopf. &bdquo;Ihre realistische
-Durchbildung,&ldquo; sagte er, &bdquo;ist noch lange nicht vollendet.
-Der Umstand, daß solche Artikel geschrieben werden,
-und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen,
-beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei
-der großen Majorität der Leser. Schläge sind freilich
-sehr unangenehm für den, der sie bekommt; aber für
-den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar beglückend.
-Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner
-in Stadt und Land, sondern auch manche vom
-zarten Geschlecht, wie ich&rsquo;s kenne, den Artikel mit Vergnügen
-lesen werden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Und trotzdem soll ich &mdash;?&ldquo; &mdash; &bdquo;Nichts dagegen
-thun &mdash; allerdings! Und zwar darum nicht, weil auch
-das vorübergeht, wie der Wind&ldquo; &mdash; &bdquo;Indessen,&ldquo; versetzte
-der Poet, &bdquo;hat dieser Mensch nicht nur mein
-Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Das ändert gar nichts,&ldquo; entgegnete Willmann. &bdquo;Im
-Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu Gute und schadet
-dem Kritikus, weil das Publikum sich <em class="gesperrt">diesen</em> Vorwurf
-nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,&ldquo; fuhr er ihn
-heiter ansehend fort, &bdquo;wohl gar Lust, Händel anzufangen,
-weil man Ihnen vorgeworfen hat, daß Sie
-lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen?
-Im Namen der Preßfreiheit verlang&rsquo; ich, daß
-Sie&rsquo;s gedruckt seyn lassen!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte
-beide umsehen machten. Sie erblickten den Professor
-Sartorius, den der Heimweg vom Gymnasium an ihnen
-vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und
-Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des
-Gegengrußes, sah nun auf den Poeten mit einer so
-stechend vergnügten Miene, daß dieser sich augenblicklich
-sagte: &bdquo;Er hat&rsquo;s gelesen &mdash; und ist glücklich darüber!&ldquo;</p>
-
-<p>In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich
-Beschämte die Kritik mit großem Vergnügen entdeckt
-und genossen &mdash; er hatte sie in der Tasche, und
-freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu
-beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich
-auch eine kleine Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist
-und Literat (eine Gattung, von der sonst eben
-er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein durchaus
-zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität
-gegen den Poeten.</p>
-
-<p>In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser
-Humor auf, und sein Angesicht ward heiter. &bdquo;Sie haben
-Recht!&ldquo; sagte er zu dem Freund. &bdquo;Laßt sie schimpfen
-und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann
-sind wir wieder oben!&ldquo;</p>
-
-<p>Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den
-Dramatiker wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden
-Kritiken waren Lob und Tadel auf eine für
-den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und dieser konnte
-das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen.
-Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch
-ab, erbot sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel
-gegen eine mäßige Tantième zu versenden, zu
-protegiren, und man traf eine Verabredung zu beiderseitiger
-Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß
-die Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch
-mehr Glück machte, als die erste Aufführung. Das
-überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt in eine
-sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit
-einem Sturm loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen
-des ersten Leseabends verwirklichte. Der
-Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und
-unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte
-sich in den brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden
-Applauses unendlich wohl, eilte zum
-Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und unter
-Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft
-und Seligkeit.</p>
-
-<p>In der sichern Voraussicht, daß es wieder &bdquo;gut
-gehen&ldquo; würde, hatte Willmann ein kleines Souper in
-einem besondern Zimmer des nächsten Gasthauses veranstaltet.
-Theaterfreunde und Schauspieler, darunter
-die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen,
-speisten und ergaben sich bei nachfolgendem
-Weinpunsch fröhlichem Gespräch. Es war natürlich,
-daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den
-Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand
-auf, schilderte mit elegantem Lob das Bestreben und
-Verhalten des Freundes, hob namentlich die Ausdauer
-hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph
-geführt habe, und sprach den Wunsch aus, daß die
-Verbindung des Dichters mit dem Theater, insbesondere
-mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende, sondern
-eine dauernde seyn möge.</p>
-
-<p>Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe
-der Versammlung gerührt, begeistert, erwiederte: &bdquo;Meine
-Freunde! Auf den ehrenden Wunsch, den ein Kenner
-und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet hat, muß
-ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen
-Thätigkeit mit dem wirklichen deutschen Theater das
-Ziel meines Lebens ist und immer bleiben wird. Dramatische
-Dichtung und Darstellung müssen Hand in
-Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte
-fast sagen, wie Mann und Frau! Sie sind geschaffen,
-sich wechselseitig zu hegen, zu fördern, und nur im
-engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung
-entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem
-Hinblick auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze
-hervorgebracht wird, erlangt nicht nur größere
-Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren Werth an
-Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie
-ist es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor
-allem ankommt. Wir wollen hier nicht den Reiz der
-Erzählung und nicht den Zauber des Liedes auf Kosten
-des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen
-werden, dürfen sie nur Elemente &mdash; Zierden bilden zum
-Vortheil der Handlung. Die Bühne weist den dramatischen
-Dichter auf dieses höchste Ziel immer wieder hin,
-sie zieht ihn von den Abschweifungen in die Gebiete des
-Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum
-wird es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer
-gewesen ist: die reinste Entfaltung der Dramatik auch
-als Poesie wird abhängen von dem lebendigen Verkehr
-der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung
-der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck
-bühnengemäßer Wirkung gestellt werden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem
-Theater, muß aber in diesem Bund allerdings frei seyn
-und jene Forderungen des Theaters vollkommen selbstständig
-erfüllen: durch Poesie &mdash; durch Wahrheit und
-Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig
-epischen oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück,
-aber immer noch ein dichterisches Werk; ein Drama,
-das nur Bühnenstück ist, sinkt aus der Sphäre der Poesie
-überhaupt in die Region der Machwerke und Surrogate.
-Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern
-zu wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung
-des wirklichen, des oft sogenannten prosaischen Lebens,
-und wie weit ich selber in meinem ersten Versuch hinter
-dem Ideal zurückgeblieben seyn mag, Kunstverständige
-geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung in
-ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber
-von allen Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem
-liebevollen Geist, der die Stoffe kunstgemäß bildet; aber
-da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch der Kunst aufgetreten
-wird. Das Drama, das den Forderungen der
-Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert,
-erhebt, adelt die Darstellung. Das Bühnenstück aber,
-das jene Forderungen täuschend erfüllt durch sinnlich
-wirkende Effekte, degradirt die Bühne und entwürdigt
-die Kunst zum prosaischen Gewerbe.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es gibt einen wahren und einen falschen Bund
-der dramatischen Dichtung mit der Bühne. Der wahre
-Bund zweier gleichmäßig freien, in wechselseitiger Liebe
-freien Künste, die sich einander ganz machen und gebend
-und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke
-hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen
-Gedichts &mdash; dieser Bund der Ehren und des
-ehrenhaften Vortheils &mdash; er lebe hoch!&ldquo;</p>
-
-<p>Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen
-Rede, und unter nachträglichen Bravos stießen
-Alle mit dem Poeten an. Berger konnte aber nicht
-umhin zu bemerken: &bdquo;Treffliche Grundsätze und sehr
-gut ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Handeln Sie darnach,&ldquo; rief Hallfeld pathetisch dagegen,
-&bdquo;und lassen Sie sich nicht irre machen! Wenn dem
-Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann
-haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch
-und eine Discussion hervor, die unter Anleitung
-Willmanns die Frage mehr und mehr in Erwägung
-praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht
-währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter
-den Streitenden eine Art Versöhnung zu Stande, indem
-die idealere Partei zugab, daß unter Umständen
-auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich künstlerische
-Bühnenleistungen möglich machten, und man ging
-endlich in guter Freundschaft auseinander.</p>
-
-<p>Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte
-er sich, trotz des reichlichen Genusses alles Guten, doch
-vollkommen heiter und kräftig. Aber das Glück der
-Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß es die
-Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht,
-und nicht nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern
-auch Hypochondristen können wir nach einem Triumph,
-den sie während eines anstrengenden Schmauses gefeiert
-haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen.</p>
-
-<p>Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz
-gehalten hatten, waren erfüllt, der Tag der
-Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte heute noch
-fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken,
-legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den
-guten Recensionen dazu und machte sich dann auf zu
-den Freundinnen, um Abschied zu nehmen.</p>
-
-<p>Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe
-hinan stieg, um zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit
-denen er so lange und so herzlich verkehrt, von denen
-er so viel Liebes erfahren hatte. &bdquo;Wie wird es Rosa
-aufnehmen?&ldquo; rief&rsquo;s unwillkürlich in ihm. &bdquo;Keine Einbildung!&ldquo;
-antwortete er sich selbst, und zog entschlossen
-die Klingel.</p>
-
-<p>Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit
-sanft heiterer Miene grüßte sie ihn; aber die Ahnung,
-was ihn herführe, gab ihrem Gesicht alsbald einen Schein
-von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst überkam
-ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein
-kleines Gespräch über den gestrigen Abend, das den
-ersten Erkundigungen und Antworten folgte, hielt nicht
-lange vor. In dem Schweigen, das eintrat, nahm sich
-aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst
-und sagte: &bdquo;Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die
-Thatsache doch so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr:
-&bdquo;Ah!&ldquo; rief sie, indem eine leichte Blässe über
-ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln, setzte sie
-hinzu: &bdquo;Ich begreife!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich reise zu den Meinigen,&ldquo;
-fuhr Heinrich fort, &bdquo;die guten Nachrichten selber
-zu überbringen &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Freilich, freilich!&ldquo; rief die
-Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie schmerzlich sie
-den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die
-Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr
-gelingen.</p>
-
-<p>Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich
-Glücklichen zuwendet, und mit einer gewissen Laune im
-Ton, fuhr sie fort: &bdquo;Da wird große Freude seyn im
-Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und
-Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert
-vom Publikum, angegriffen vom Neid, gerühmt
-von dramaturgischer Weisheit! Was können die Verwandten
-und die liebende Braut sich Besseres wünschen?
-Das Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend
-bewiesen, und der öffentliche Erfolg in der Residenz
-muß dem Sieger die Huldigung der Provinz eintragen!
-Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten
-in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden
-und die Freunde werden glücklich seyn &mdash; die hiesigen,
-das mögen Sie glauben, nicht am wenigsten!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich
-so befreit, daß ihre Miene bei den letzten Worten
-das reinste Wohlwollen ausdrückte. Der Schein desselben
-wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten. Ja,
-es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte &mdash; nicht
-mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem
-Zögling und wollte sein Bestes; aber sie lebte in einer
-Sonnensphäre der Kunst und der Seelengüte, von wo
-sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück hernieder
-sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen,
-die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in
-ihr einen guten Engel, einen Schutzgeist; von ihr geleitet,
-gefördert zu werden, hatte sein günstiges Geschick
-ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie
-immer, traulich sein ganzes Herz öffnen.</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden,
-&bdquo;so, hoffe ich, wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich
-gestehen, dieser Erfolg hat mir auch noth gethan. Wie
-sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern und Verwandte,
-die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt,
-wenn ich heimkehre, werden sie befriedigt seyn und
-Augen machen wie Kinder vor dem brennenden Christbaum.
-Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann, wird
-auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich
-höher stellen, meinen Zusagen überhaupt und völlig
-glauben, und sie können es auch. Nachdem ich &mdash; mit
-Ihrer Hülfe, liebste Freundin &mdash; meine Kraft erprobt
-habe, ist mir&rsquo;s, als ob mir Alles gelingen müßte. Es
-liegt mir in den Fingern und ich meine es nur auf&rsquo;s
-Papier werfen zu dürfen. Ja, ich führe Auguste einem
-gesicherten Loos entgegen, ich bin davon überzeugt, und
-werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden
-Blick beigestimmt hatte, sagte: &bdquo;Wann wollen Sie
-reisen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Heute noch, in einer Stunde,&ldquo; erwiederte
-Heinrich. &bdquo;Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe nichts
-an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen
-wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig
-mündlich zu schildern.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich verstehe,&ldquo; rief das Mädchen. Mit einem Lächeln
-der Trauer, das aber sogleich in ein Lächeln der Liebe
-überging, reichte sie ihm die Hand und sagte: &bdquo;Reisen
-Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das Ihr
-Herz sich wünscht! Aber &mdash; vergessen Sie dabei nicht
-ganz Ihre hiesigen Freunde!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;O,&ldquo; rief Heinrich, &bdquo;von niemand wird in unsern
-Unterhaltungen öfter und ehrenvoller die Rede seyn,
-als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen Lippen erschallen,
-und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre,
-wird unser erster Gang zu Ihnen seyn!&ldquo; &mdash; Rosa nickte
-dankend. &bdquo;Empfehlen Sie mich,&ldquo; fuhr Heinrich fort,
-&bdquo;der lieben Mutter, es ist mir leider unmöglich, sie zu
-erwarten. Und nun &mdash; leben Sie wohl!&ldquo;</p>
-
-<p>Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie,
-mit edler Freundlichkeit, sagte: &bdquo;Die herzlichsten Wünsche
-nochmals, und auf Wiedersehen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Auf Wiedersehen,
-unbedingt!&ldquo; entgegnete Heinrich, nickte mit einem Blick
-des Dankes und verließ die Stube. &mdash; Rosa begleitete
-ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach:
-&bdquo;Grüßen Sie die Braut von der Freundin!&ldquo;</p>
-
-<p>Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das
-Möglichste war geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. &mdash;
-Erschöpft, von tiefster Trauer bezwungen, warf sie sich
-auf&rsquo;s Sopha.</p>
-
-<p>Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte
-ihr Leid besiegt und die erhabene Freude der Großmuth
-empfunden. Aber dabei hatte sich doch wieder eine Art
-Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles
-veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer
-möglich ist, auch nicht ganz und gar ohne Grund war.
-Jetzt aber, wo der Geliebte nach erreichtem Zweck unmittelbar
-zu der Andern eilte, um das Band mit ihr
-unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer
-von Hoffnung genommen. Er war dahin für sie!
-Und wer konnte ihr verbürgen, daß er als Gatte der
-Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?</p>
-
-<p>Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den
-Ereignissen voraus. Sie sah ihn in die Arme der Verlobten
-sinken und dieser, was sie selbst vergeblich ersehnt
-hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil werden.
-Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte
-über ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth.
-Jener war alles gegeben, ihr war alles genommen:
-unselig wehvolles, grausames Geschick! Und wieder
-die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte
-Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? &mdash;
-&bdquo;Nein!&ldquo; mußte sie selber entscheiden. Denn welche Vorzüge
-sie haben mochte, sie liebte ihn nicht wie sie! Sie
-hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein gutes, fühlendes,
-reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von
-dem schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie,
-von dem Weitblick des Geistes und der Beschränktheit
-des kindlichen Sinnes! Für sie hatte die Natur ihn
-werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie
-trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen!
-Seine Schwächen waren ihr lieb, so lieb
-wie die Gaben, womit Gott und Natur ihn ausgestattet!
-Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich
-seyn mit ihm!</p>
-
-<p>Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden
-und sich mitten in einer Welt des Leichtsinns, der oft
-so reizend ist, rein erhalten für ihn? So sehr, daß
-auch ihr Herz &mdash; ihr so oft kalt genanntes Herz &mdash;
-jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe?
-Und alles das nur, um das Liebste zu entbehren und
-für ihr ganzes Leben beraubt und elend zu seyn?</p>
-
-<p>Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das
-Antlitz drückte ein Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr
-Inneres zerfloß. Thränen stürzten ihr in die Augen
-und rollten die Wangen herab; sie gab sich ihrer Leidenschaft
-hin und weinte wie ein Kind.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>X.</h3>
-</div>
-
-<p>Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern
-suchte, fuhr Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen
-Platz in einem wenig besetzten Coupé und sah die letzten
-Bedenken, die sich nach dem Abschied noch in ihm erhoben
-hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut,
-die schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs
-April, die Luft mild, der Himmel dünn überzogen,
-die Wälder schwärzlich braun, aber Saatfelder
-und Wiesen grün; und fort ging&rsquo;s in gewaltigem Rollen,
-dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da
-beschäftigt die dichterisch erregte Seele der Augenblick
-mit seinen Erscheinungen, und wenn sie darüber hinausgeht,
-so ist&rsquo;s, in die Zukunft, der man entgegen zieht;
-das Vergangene ist verschwunden.</p>
-
-<p>Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die
-Bilder der Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum
-zwischen sich und ihr kleiner und kleiner werden, und es
-war ihm, als ob er einem Paradies entgegen zöge, das
-auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu
-durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über
-die Gegenwart hinweg, um das Künftige zur Gegenwart
-zu machen.</p>
-
-<p>Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat
-und sagte: &bdquo;Hier bin ich! Ich hab&rsquo; Alles gehalten,
-was ich versprochen, und Alles erreicht, was ich mir
-vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen,
-eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!&ldquo;
-Welch ein Triumph, wenn er ihre Seelen mit
-Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn die Familie und
-die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf
-ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und
-er endlich in der That als das vor ihnen galt, was
-er war!</p>
-
-<p>Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der
-Heimath. Nach einem alten Worte gilt der Prophet
-nichts im Vaterlande; deßwegen muß er eben fort aus
-ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie
-aber gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer
-zu genießen in dem Winkel der Erde, der ihn leben und
-streben sah, unerkannt, ungeglaubt. Die Menschen,
-denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein
-Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch
-die That, das ist die Vollendung seines Werks, und
-wenn er dann die Mienen, deren Zweifel und Spott
-ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen
-Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster
-Ehrgeiz gestillt; &mdash; der Moment ist gekommen, wo er
-befriedigt ruhen kann.</p>
-
-<p>Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer
-wieder zur Produktion sich drängte. Mitten in den Visionen
-des Glücks erzeugte er Gedanken und Entwürfe
-zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der
-dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend,
-und wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer
-Thätigkeit. Es waren dieß nicht Bilder, wie er
-sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern in seiner Tragödie
-angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten
-und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste;
-sie konnten überschritten, überglänzt werden durch Gestalten,
-die den größeren Geist und Charakter, den
-höheren Schwung der Seele in der gemessen schönen
-Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter
-ausdrückten. Das war und blieb der Gipfel der Kunst,
-und ihn zu ersteigen, vielmehr zu erfliegen, glaubte er
-sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel, das in der
-Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben
-malte, verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden
-Farben ausgeführt war; und falls ihm selber
-künftig anziehende Stoffe sich boten, wollte er sich ihnen
-nicht entziehen. Aber die eigentliche Aufgabe des dramatischen
-Dichters war doch das hochpoetische Drama,
-die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten
-Charakteren und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften
-die höchst möglichen Erscheinungen der Erde vor
-Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf diesem Feld
-konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen
-&mdash; die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und
-neuer Zeiten sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu
-solchen Arbeiten gedrängt von Jugend auf, sie waren
-seine erste Liebe &mdash; sie mußten auch seine letzte seyn.
-Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren
-Gebilde durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der
-Wirklichkeit. Vielmehr: noch wahrer mußten jene Gebilde
-seyn, als diese, weil sie schöner seyn mußten, und
-in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten,
-sondern ewiges. &mdash; Darin lag nun eben der
-Fortschritt, den er in Abweichung von seinem ersten
-Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis der falschen
-die wahre Idealisirung sich eingeprägt &mdash; daß er das
-Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des
-gesunden Höchsten.</p>
-
-<p>Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte
-ihm den Beifall des Publikums errungen. Die idealeren,
-die ihm gelingen mußten, sollten ihm diesen Beifall
-auch erringen, aber das Publikum zugleich in die
-Höhe hinanheben, die er selber erstiegen &mdash; beglückend
-und wahrhaft fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich
-erweisen.</p>
-
-<p>Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war,
-sah er für sich hin, wie sich erinnernd, und ein
-Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös hatte man
-die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings
-nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen
-und deßwegen herabgestimmt, wo er vermochte. In
-dem wahrhaft poetischen Drama, wie es ihm nun vorschwebte,
-konnte er aber sein Ideal des Weibes den
-höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es
-natürlich; denn in solche Sphäre gehörte dieser
-Ton. &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof
-eines größern Ortes, von welchem Heinrich seinen Weg
-mit der Post fortzusetzen hatte. Sein Gepäck an sich
-nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und benützte
-die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. &mdash;
-Der Wagen, der ihn aufnahm, war glücklicherweise
-nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das heimlichere,
-poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße
-Träumereien.</p>
-
-<p>In derselben Stunde, welche den Poeten seinem
-Reise- und Lebensziel entgegenbrachte, erging auch an
-die Zurückgelassene in der Residenz ein Ruf, den sie für
-ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.</p>
-
-<p>Sie hatte sich ausgeweint &mdash; recht von Herzen &mdash;
-und eine eigen wohlthuende Stille war in sie gezogen:
-jener Friede der Genesung, wo die Seele, von einer
-erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen wieder erhebt
-und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu
-ertönen scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte
-sie nicht zu verbergen. Als die Mutter heimkehrte, trat
-sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen entgegen und erwiederte
-auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton
-unverholener Trauer: &bdquo;Er hat Abschied genommen &mdash;
-und ist fort!&ldquo; &mdash; Die Mutter nickte mit einem Blick
-liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen sagte sie:
-&bdquo;Um so besser!&ldquo;</p>
-
-<p>Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand
-war nicht mehr berührt, das Mädchen gefaßter worden,
-und der Schein einer still gehobenen Seele klärte ihr
-Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben
-von der Intendanz nebst einer Rolle.</p>
-
-<p>Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem
-Munde. Ein schon länger erschienenes, von der Hofbühne
-aber seit Jahren nicht gegebenes Drama sollte
-auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die
-Hauptperson darin war eine Figur, die der zweiten
-Liebhaberin, nach den bisherigen Begriffen von ihr,
-immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber nicht
-mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das
-fein, ergreifend und schwungvoll ausgeführte Bild einer
-in schmerzlichen Lagen, in einer Steigerung von Leid
-sich bewährenden treuen Liebe. &mdash; Die Intendanz, von
-jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen
-Künstlerin an, ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen
-vermöchte. Jene, welche die Dichtung kannte,
-war sofort entschlossen und antwortete mit einem dankbaren
-Ja.</p>
-
-<p>Es war &mdash; das Ganze der Rolle angesehen &mdash; ein
-Schritt auf eine neue und wesentlich höhere Stufe der
-Darstellung, eine Aufgabe, bei der sie sich etwas zuzumuthen
-hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein
-wahrer Segen für sie.</p>
-
-<p>Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster
-Bedeutung. Sie war nicht nur ein Ersatz
-für das mangelnde Glück des Lebens, nicht nur auch
-ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben,
-der größere Wirkungskreis. &mdash; Menschen darzustellen mit
-allen Mitteln einer lebendigen Persönlichkeit; feinen,
-fühlenden Seelen zu erscheinen in den anmuthigsten,
-wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen sich
-einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine
-Freude zu seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was
-dichterische Phantasie geschaffen, am schönsten zu versinnlichen
-und dadurch nicht nur zu beglücken, sondern
-Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten
-an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber
-dennoch weiter führt: &mdash; das ist fürwahr eine Thätigkeit,
-die ein Menschenleben ausfüllen, in der ein Menschengeist
-sich genügen kann.</p>
-
-<p>Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend,
-sagte zu sich selbst: &bdquo;Das Eine ist mir genommen,
-das Andere gegeben; ich muß zufrieden seyn. &mdash;
-Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis zu
-erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse.
-&mdash; In Gottes Namen! Ich will nur Künstlerin seyn,
-aber dieß ganz! Und wer weiß? Vielleicht hab&rsquo; ich doch
-Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht besser spielt,
-als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die entbehrende
-Seele das Leben der Liebe um so glühender
-auf der Bühne, und der Verlust des Menschenherzens
-wird ein Gewinn der Kunst, ein Gewinn für ihre
-Freunde. &mdash; &mdash; Einerlei! Diese treu Liebende, die ein
-deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und
-groß in der Schmach, die sie vernichten sollte, dieses
-schöne Bild will ich spielen und mir gütlich thun dabei.
-Ich will es aus mir herauslassen, was mich schmerzt
-und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere,
-sollen sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin!
-Wahrlich, unsereins darf nicht verzweifeln, ja kaum
-klagen! Eine Andere müßte sich grämen und die Wunden
-von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so
-dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen
-ergießen, daß es rührt und wohlthut! &mdash; &mdash; Es ist,&ldquo;
-setzte sie nach einem Augenblick lächelnd hinzu, &bdquo;ein
-wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin, das ist
-nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll&rsquo;s
-genug seyn!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Aufführung des Stücks war für die nächste
-Woche beantragt. Rosa nahm die Rolle vor, erwog sie
-nach ihrem Grundcharakter und ihren Wandelungen,
-vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. &mdash;</p>
-
-<p>Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach
-einer Wendung um eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm
-in Abendbeleuchtung, bescheidener als die Residenz, aber
-heimlicher, und für den liebenden Dichter von einem
-bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine
-rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen
-Thürme schauten so freundlich bekannt und doch poetisch
-anders her zu ihm, der selbst ein Anderer geworden.
-Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen
-so traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche,
-da lag es, das Heim seiner Seele, das Haus, das die
-Erwählte beherbergte. Der äußerste Garten vor der
-Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er
-begrüßte sie.</p>
-
-<p>Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße:
-das Herz des Liebenden begann zu klopfen, in
-Gefühlen zu klopfen, die ihn überraschten. Die stolze
-Freude, womit er vor Auguste und die Eltern zu treten
-gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause
-kam, je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein
-unwillkürliches dumpfes Beben zur Folge hatte. Sahen
-die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen mit seinen
-Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents
-in seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der
-Tochter in die seine mit dem ehrenden Vertrauen, das
-er fordern konnte, und das zu seinem Glück unentbehrlich
-war? Oder? &mdash;</p>
-
-<p>Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken,
-welche den Moment des Wiedersehens trüben wollten &mdash;
-über den Kleinmuth, der kränkend war für die braven
-Leute &mdash; kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher
-doch so freundlich geführt hatte.</p>
-
-<p>Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um
-und eilte dem stattlichen Hause zu. In den untern
-Gang eingetreten, erblickte er eine alte, seit Jahren zum
-Haushalt gehörende Magd, die ihn in der Dämmerung
-forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf
-der Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des
-Bedauerns hatte.</p>
-
-<p>Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken
-und rief erfreut: &bdquo;Hanna! &mdash; Wie steht&rsquo;s? Sind
-alle zu Hause?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ja, Herr Heinrich,&ldquo; war die Antwort.
-&mdash; &bdquo;Alle?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Alle miteinander.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gut!&ldquo; rief der Glückliche,
-machte einen Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich
-an und sagte zu der ernst vor ihm Stehenden mit
-Lächeln: &bdquo;Melde mich, Hanna!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab.
-Aus&rsquo;s neue begann sein Herz bange zu pochen. Er
-schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte sich, die
-Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und
-bald gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.</p>
-
-<p>Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. &mdash; Warum
-ließ man ihn warten? Was hatte das zu bedeuten?
-Niemals war ihm das begegnet in diesem Hause! &mdash;
-Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: &bdquo;Sie
-sind willkommen, Herr Born.&ldquo; Heinrich betrachtete sie
-und sagte: &bdquo;Du bist so ernsthaft, Hanna. &mdash; Es ist
-doch nichts vorgefallen? Keinem ein Unglück begegnet?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Durchaus nicht,&ldquo; erwiederte die Alte nicht ohne ein
-gewisses Mundverziehen. &bdquo;Sie werden aber doch nicht
-mehr Alles so finden, wie&rsquo;s gewesen ist!&ldquo; &mdash; &bdquo;Was ist
-geschehen?&ldquo; rief Heinrich schnell. &mdash; &bdquo;Gehen Sie nur
-hinauf!&ldquo; war die Antwort. &bdquo;Sie sind im großen
-Zimmer.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu
-gerechtfertigt waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an
-die Thüre und trat auf das &bdquo;Herein&ldquo; des Vetters in
-den Salon.</p>
-
-<p>Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern,
-nicht weit von ihnen Auguste, und neben ihr einen
-stattlichen, elegant gekleideten Mann von seinem Alter,
-den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu haben.
-Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut,
-als selbst er, die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund
-und braun. Aussehen und Haltung verriethen
-einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte
-Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit
-verleihen.</p>
-
-<p>Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen
-Ausrufungen, womit er den Verwandten in die
-Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und gar. Da man
-auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete,
-da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem
-verlegenen Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn
-mit einemmal die schlimmste Ahnung, und eine unbeschreibliche
-Verwirrung ergriff ihn.</p>
-
-<p>Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer
-Haltung, deren sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt
-hätte, trat einen Schritt näher und sagte, vorstellend,
-zu Heinrich: &bdquo;Herr Kronfeld, Sohn unseres
-Verwandten, den du kennst &mdash; mein Bräutigam.&ldquo; Dann
-zu diesem: &bdquo;Doktor Born, unser Vetter &mdash; der Dichter,
-dessen Lob du in den Zeitungen gelesen hast.&ldquo;</p>
-
-<p>Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte
-seine Freude, die Bekanntschaft zu machen, nicht ohne
-einen merklichen Zug von Triumph in dem ruhig vornehmen
-Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte
-mechanisch.</p>
-
-<p>Das Wort &bdquo;Bräutigam&ldquo; hatte ihn trotz seiner
-Ahnung wie ein Donnerkeil getroffen und auf einen
-Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er wieder
-eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er
-Auguste und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz
-wäre, den sie mit ihm vorhatten &mdash; eine Comödie, die
-sie spielen wollten. &mdash; Aber die Mienen Aller widersprachen
-dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht
-der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten
-Entschluß; die Eltern sahen verlegen und sarkastisch
-her, wie man auf einen Geopferten und Getäuschten
-zu blicken pflegt.</p>
-
-<p>Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war
-begangen! Er war betrogen, geäfft, gehöhnt auf&rsquo;s
-Schnödeste! Ein Abgrund von Treulosigkeit that sich
-vor ihm auf. &mdash; Doch, ein unmännlich Jammerbild
-wollt&rsquo; er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die
-Falsche war seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht
-seines Zorns und einer Scene, die erzürnte Vorwürfe
-herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe der Verachtung
-mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das
-verächtlich Werthloseste entzogen wird! &mdash;</p>
-
-<p>Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht,
-was dem Dichter gelingen konnte, und auch in der That
-nur sein erster Gedanke. Ihm geziemte der Stolz der
-geistig sittlichen Ueberlegenheit und des reinen Bewußtseyns.
-Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen
-holen mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie
-sich nicht weiden an dem Geknickten, so war er doch zu
-gut, namentlich aber zu groß dazu, um Böses mit
-Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht
-nur in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch
-in der That und Wahrheit. Er wollte sie vernichten
-durch den Adel des wahren Poeten und durch die stolze
-Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging.</p>
-
-<p>Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen,
-entgegnete er mit einer ironischen Artigkeit, die in
-der That ganz von oben kam: &bdquo;Halten Sie es meiner
-Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten
-Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu
-antworten. Sie kennen meine Gesinnung und wissen,
-welchen Antheil ich an Allem nehme, was Sie betrifft.
-Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und
-möge dir, liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden,
-das du verdienst &mdash; und das der Mann deiner Wahl
-dir verbürgt!&ldquo;</p>
-
-<p>Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der
-Braut sehr fühlbar wurde, befreite die Gemüther gleichwohl:
-die Scene, die man fürchten mußte und fürchtete,
-obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen hatte, war
-vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit
-Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein
-Schein von Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen
-Mienen. Der Vater ergriff das Wort und versetzte mit
-großem Ernst: &bdquo;Ich danke dir, Heinrich! Wenn Leute,
-die sich lieben und in jeder Beziehung für einander
-passen, Glück haben können in der Welt, so dürfen
-wir&rsquo;s für unsern Sohn und unsere Tochter hoffen. Herr
-Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen und erst
-vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die
-Fabrik seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen,
-die er auswärts gesammelt hat, Gebrauch machen.
-Schon jetzt beschäftigt er dreihundert Arbeiter &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus
-der die ganze still sublime Geringschätzung des Idealisten
-heraussah. &mdash; &bdquo;Es werden aber,&ldquo; fuhr jener mit einem
-Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter dadurch
-mehr als gerechtfertigt wäre, &bdquo;mit der Zeit nochmal so
-viel werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist in der That großartig!&ldquo; rief
-Heinrich. &bdquo;Wie ich meine Cousine kenne, ist das auch
-der rechte Wirkungskreis für sie, das eigentliche Feld für
-ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren auf&rsquo;s
-Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche
-&mdash; und freue mich, daß sich Alles so schön gefügt
-hat.&ldquo;</p>
-
-<p>Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie,
-die sie ihm gönnen mußte, halb über die Art, gute
-Miene zu machen, wofür sie&rsquo;s nahm. In Folge eines
-instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr
-gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann
-sie: &bdquo;Laß uns jetzt aber auch von dir reden, lieber Heinrich!
-Du hast Glück gemacht, dein Stück hat Beifall
-gefunden. Wir haben&rsquo;s gehört und gelesen.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete
-mit einer Miene der Geringschätzung: &bdquo;Was will das
-heißen? Eine Kleinigkeit!&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; bemerkte der
-Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt
-hatte, &bdquo;es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne,
-eine solche Auszeichnung! Es ist immer ein schöner
-Anfang.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes
-Schamgefühl ausdrückte, mit einem Blick des Antheils
-fort; &bdquo;es hat uns Alle außerordentlich gefreut &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Und überrascht?&ldquo; fiel Heinrich ein; &bdquo;natürlich!&ldquo;</p>
-
-<p>Auguste, erröthend, entgegnete: &bdquo;Ich hab&rsquo; es nicht
-anders von dir erwartet.&ldquo; &mdash; &bdquo;Du schmeichelst!&ldquo; versetzte
-der Poet mit voller Ueberlegenheit. &bdquo;Ich, wenn
-ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses Zutrauen nicht von
-dir erwartet!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr
-fort: &bdquo;Ein Bekannter von uns, der zufällig dort war,
-Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung gesehen und
-uns genau erzählt, wie&rsquo;s gegangen ist. Anfangs war
-er für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz
-auf einen solchen Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft
-gerühmt. Uebrigens&ldquo; &mdash; fügte sie lächelnd
-hinzu &mdash; &bdquo;hat er gethan, was in seinen Kräften stand
-und dich mitgerufen.&ldquo; &mdash; Heinrich, lächelnd über die
-Naivetät dieser Mittheilung, erwiederte: &bdquo;Sagen Sie
-ihm gelegentlich meinen Dank.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Es muß ein eigenes Gefühl seyn,&ldquo; bemerkte nun
-der junge Fabrikbesitzer mit der Miene eines über solche
-Triumphe glücklicherweise Erhabenen, &bdquo;vor ein begeistertes
-Publikum zu treten und seinen Ruhm so handgreiflich
-in Empfang zu nehmen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Jedenfalls,&ldquo; erwiederte
-Heinrich, &bdquo;fühlt man sich dabei geehrter, als in
-mancher andern Situation!&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese
-Bemerkung gut finden. Im Grunde schien ihm jetzt
-nicht nur das Eis gebrochen, sondern der fatale Handel
-so gut wie beigelegt, und nun kehrte der Geschäftsmann,
-der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres
-zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen
-Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich
-an und rief mit cordialer Ermuthigung: &bdquo;Du mußt
-uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine Gesellschaft zusammen,
-Verwandte und Freunde, die du kennst und
-die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch
-hier deinen Triumph.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ach ja,&ldquo; rief die Gattin,
-&bdquo;das wäre charmant!&ldquo;</p>
-
-<p>Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen
-stechenden Blick der Verachtung auf Menschen zu werfen,
-die sich&rsquo;s mit ihm so außerordentlich leicht machten. Er
-nahm sich indeß zusammen und versetzte mit möglichstem
-Ernst: &bdquo;Wird doch nicht gehen, Base. Ich will so bald
-als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen
-und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen
-machen kann, nicht länger vorenthalten darf. Auch ich,
-wie Sie sich denken mögen, sehne mich darnach, sie wieder
-zu sehen.&ldquo; Und mit einem Ausdruck rückhaltloser
-Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte er
-hinzu: &bdquo;Genießen Sie das Glück, das die rühmliche
-Verbindung Ihnen Allen verheißt! Die Gesinnung, die
-es geschaffen hat, wird es auch erhalten; und mit aller
-Freude, die ein Freund darüber empfinden kann, scheid&rsquo;
-ich nun! Leben Sie wohl!&ldquo;</p>
-
-<p>Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und
-einen durchdringenden Blick auf Auguste ruhen lassen.
-Diese schlug die Augen nieder und machte eine Bewegung,
-als ob sie in&rsquo;s Herz getroffen wäre. Heinrich,
-es gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter.
-Als er der Alten ansichtig ward, rief er: &bdquo;Du
-hast Recht gehabt, Hanna! &mdash; Gott sey, Dank! Das
-wär&rsquo; überstanden!&ldquo;</p>
-
-<p>Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr
-Gesicht in strenge Falten legte, sagte sie mit gedämpfter
-Stimme: &bdquo;Fräulein Auguste hat sehr unrecht gegen Sie
-gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht nur
-meine Meinung, sondern gar viele denken so.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Wirklich?&ldquo; rief der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns.
-&mdash; &bdquo;Der Herr Rektor,&ldquo; fuhr Hanna fort,
-&bdquo;hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie
-mehr in unser Haus.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ein Ehrenmann,&ldquo; versetzte Heinrich; &bdquo;das ist begreiflich!
-&mdash; Nun, Hanna, lebe wohl! Es thut mir
-gut, wenigstens Eine treue Seele in diesem Hause getroffen
-zu haben.&ldquo; Ernst ergriff er ihre Hand, drückte
-sie und sagte herzlich: &bdquo;Behalte mich in gutem Andenken!&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Oh,&ldquo; rief die Alte mit Thränen in den
-Augen, &bdquo;Sie sind gut, Herr Heinrich, und Sie werden
-auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher!
-Machen Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie &mdash;&ldquo;</p>
-
-<p>Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den
-Kopf, machte eine Bewegung des Abschieds und ging
-der Thüre zu. Auf einmal, von der Treppe herab, ertönte
-der dringende Ruf: &bdquo;Heinrich!&ldquo; Er kam von Auguste,
-die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu
-ihm herabstieg.</p>
-
-<p>Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah
-er sie an und sagte kalt: &bdquo;Was wünschen Sie von mir?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Geh!&ldquo; versetzte das Mädchen mit einem Blick des
-Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht. &bdquo;Stell&rsquo; dich
-nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte
-und Jugendfreunde!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener
-Geringschätzung. Dann, nach einer Bewegung, die einen
-gefaßten Entschluß anzeigte, entgegnete er: &bdquo;Nun, also &mdash;
-was willst du von mir?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich muß mit dir reden,&ldquo;
-erwiederte das Mädchen. &mdash; &bdquo;Wozu das, gute Cousine?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Du mußt mich hören!&ldquo; fuhr sie leidenschaftlicher
-fort. &bdquo;Ich verlang&rsquo; es von dir! &mdash; Ich bitte dich darum,&ldquo;
-setzte sie weicher hinzu.</p>
-
-<p>Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem
-Ausdruck des Verstehens. Sie ging ihm voran in ein
-Zimmer, das er selbst, wenn er auf Besuch hier war,
-zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene glaubensloser
-Neugier.</p>
-
-<p>Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann:
-&bdquo;Ich weiß, Heinrich, daß du mich verdammst. Du
-denkst das Schlimmste, das Niedrigste von mir, weil du
-nicht weißt, wie Alles so gekommen ist &mdash; und ich kann
-dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das
-ist geschehen nach genauer Ueberlegung; und ich hab&rsquo;
-nur gethan, was ich für meine Pflicht hielt.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids.
-&bdquo;Ich will&rsquo;s nicht bestreiten,&ldquo; sagte er dann.
-&bdquo;Es gibt verschiedene Ansichten über das, was man
-Pflicht nennt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin,
-hat mich einen großen Kampf gekostet,&ldquo; fuhr Auguste
-mit Nachdruck fort. &mdash; &bdquo;Das kann ich glauben,&ldquo; erwiederte
-jener. &bdquo;Dem Verlobten die Treue zu brechen &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Wir waren nicht verlobt!&ldquo; fiel Auguste rasch ein.</p>
-
-<p>&bdquo;Förmlich nicht,&ldquo; versetzte Heinrich &mdash; &bdquo;allerdings!
-Wir hatten nicht Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten
-ausgegeben. Aber ich hab&rsquo; das Verhältniß nie
-anders angesehen, und du schienst dich doch auch zu benehmen,
-als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst
-du dich vielleicht noch unseres Abschieds und was
-du mir dabei gesagt hast? Erinnerst du dich der Briefe,
-die du mir geschrieben? Mir schienen das Betheurungen
-einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist&rsquo;s
-her, daß ich den letzten erhalten habe?&ldquo;</p>
-
-<p>Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment
-des Besinnens entgegnete sie, ohne die innere Bewegung
-verbergen zu können: &bdquo;Ich will meine Briefe nicht verläugnen,
-ich will kein Wort verläugnen, das in ihnen
-steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du
-hast mich liebgewonnen und ich dich, und wir haben so
-fortgelebt wie in einem Traum. Aus der Freundschaft
-naher Verwandter, die sich dutzten von Jugend auf, ist
-ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als es
-war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens
-mich weiter geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne
-deine Base zu seyn, hätt&rsquo; ich nie mit dir Briefe gewechselt.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Mag seyn,&ldquo; versetzte Heinrich, indem seine Augen
-zu funkeln begannen. &bdquo;Aber du hast sie nun einmal
-gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe und Treue
-vernommen und wieder vernommen &mdash; hast es erwiedert!
-Und wenn auch in deinen Briefen nicht die
-Wärme, die glühende Liebe herrschte wie in den meinen
-&mdash; von der Jungfrau hab&rsquo; ich das nicht verlangt &mdash;,
-so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für
-gebunden achtet, die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt
-hält.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja,&ldquo; versetzte Auguste, &bdquo;das ist wahr &mdash; wahr von
-den Briefen, die ich dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben
-habe! Damals, wenn du mich von meinen
-Eltern hättest verlangen können, wär&rsquo; ich dir gefolgt,
-mit Freuden gefolgt!&ldquo; &mdash; &bdquo;Aber dann,&ldquo; versetzte Heinrich,
-&bdquo;kam ein Anderer und Besserer &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Nein!&ldquo;
-unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher änderte sich
-meine Gesinnung &mdash; und mußte sich ändern.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an;
-Auguste fuhr fort: &bdquo;Erinnere dich, wie es dir ergangen
-ist, und versetze dich in meine Lage! Du bist in die
-Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die wir hier
-alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher
-du für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und
-die größten Vortheile versprochen hast. Du hast sie
-nicht einmal zur Aufführung bringen können. Und wie
-zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du doch
-selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht
-eignete. Dann hast du ein neues Stück angefangen
-und warst deiner Sache ganz sicher und hast mir wieder
-die besten und schönsten Erfolge prophezeit. Ich
-habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst
-bedenklich geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen.
-Da, nach Wochen erneuerter Hoffnungen, schreibst
-du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben und
-du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin
-den Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht,
-ich will es nicht läugnen, wankte auch mein Vertrauen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Zur unrechtesten Zeit!&ldquo; fiel Heinrich ein.</p>
-
-<p>Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und
-sagte: &bdquo;Ich bin keine Dichterin, wenn ich auch Dichter
-verehre; ich kann mir die Dinge nicht durch Phantasie
-verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind.
-Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du
-mein Vertrauen gerechtfertigt, so wär&rsquo; ich die Deine geworden.
-Aber nachdem zwei deiner stolzesten Verheißungen
-unerfüllt geblieben waren und sich recht
-eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär&rsquo; es mir
-möglich gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie
-konnte ich annehmen, daß dir mit dem fremden Entwurf
-gelingen werde, was dir mit deinen eigenen, die du so
-begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest, nicht
-gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein
-Talent überhaupt in einer Täuschung befangen warst,
-daß deine Kräfte zu dieser Art von Arbeiten nicht hinreichten,
-daß deine Bemühungen vergeblich seyn und
-bleiben würden &mdash; und daß du mich, wenn auch mit dem
-besten Glauben von der Welt, hinhalten würdest und
-müßtest, weil dir ein Plan um den andern fehlschlug.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm
-das Wort im Mund ab, indem sie fortfuhr: &bdquo;Sag&rsquo; selbst,
-welch ein Schicksal erwartete mich unter diesen Umständen?
-Wenn ich den Bitten, den dringenden Mahnungen
-meiner Eltern auch hätte widerstehen können,
-so wurde ich älter; ein Jahr um&rsquo;s andere und mit ihm
-das bischen Jugendblüthe ging dahin; und wenn mir
-das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen ist
-&mdash; wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber
-dein Herz von mir abkehrtest?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Oh!&ldquo; rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte.
-&mdash; &bdquo;Es wäre nicht das erstemal,&ldquo; fuhr Auguste
-fort, &bdquo;daß ein glühender Liebhaber kalt würde und sich
-zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue Liebe
-kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als
-die Pflicht der Treue. Genug, wenn ich mich nicht
-selbst verblenden wollte, konnte ich jetzt in einem fortgesetzten
-Verhältniß weder mehr auf mein Glück rechnen
-noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch
-sonst von ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung
-für sich allein nicht bestreiten, nicht <em class="gesperrt">mehr</em> bestreiten,
-mein guter Heinrich! Von dem Augenblick nun,
-wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete ich mich
-nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und
-wenn du meinen letzten Brief nochmals ansehen magst,
-wirst du dich überzeugen, daß sich in ihm nur die sorgenvolle
-Theilnahme an deinem Schicksal ausspricht,
-wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem
-ich diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld,
-gewann sein Herz, ganz ahnungslos von meiner
-Seite, und hörte seinen Antrag. Ich verbrachte trotz
-alledem Tage der größten Aufregung und der peinlichsten
-Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den
-dieser Schritt auf dich machen würde und eine Stimme
-in mir doch wieder für dich gesprochen hatte. Aber von
-dem ausgezeichneten jungen Mann, von meinen und
-seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen
-gedrängt, denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte,
-sagte ich endlich Ja.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung
-einer schlechten Sache, und entgegnete bitter: &bdquo;Das war
-zu derselben Zeit, wo dein Geliebter und Verlobter
-sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung
-seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine
-rühmliche Zukunft, uns beiden eine geehrte Existenz
-verbürgte!&ldquo;</p>
-
-<p>Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen
-Blick des Mitleids auf ihn zu werfen. &bdquo;Heinrich,&ldquo; erwiederte
-sie, &bdquo;ich freue mich dieses Glücks von ganzer
-Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber erhalten
-habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen,
-die du darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut
-dafür, daß dieses Stück auch anderswo so gefällt wie
-da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt und natürlich
-ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür,
-daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen,
-auch nur gibt? Und wenn es gegeben würde und gefiele,
-wer verbürgt dir, daß deine neuen Arbeiten eben
-den Beifall erhalten wie diese, die unter so besondern
-Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier
-und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht
-die Existenz eines einzelnen Mannes, geschweige denn
-einer Familie. Ich habe darüber im Hause meines
-Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen
-Dingen bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich
-in meinem Entschluß nur bestärken konnten. Darum
-will ich dir aber jetzt das Herz nicht schwer machen.
-Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten
-gelingt, und niemand kann es inniger wünschen
-als ich. Aber ich, in meinen Verhältnissen, konnte an
-diese Möglichkeit &mdash; noch dazu in einer Zeit, wo sie
-eine höchst entfernte war &mdash; nicht das Schicksal meines
-ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir
-und meinen Eltern das gesichertste, ehrenvollste Loos
-und ein Wirkungskreis geboten war, wie ich ihn mir
-immer gewünscht habe.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich stand mit bebender Lippe. &bdquo;Richtig!&ldquo; entgegnete
-er; &bdquo;richtig &mdash; und abscheulich!&ldquo; &mdash; Auguste
-sah ihn an wie eine Verletzte. &mdash; &bdquo;Du hast sehr einsichtsvoll
-gehandelt!&ldquo; fuhr jener fort; &bdquo;als ein wahres
-Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand!
-Aber von Gemüth und von Würde der Gesinnung erblick&rsquo;
-ich keine Spur in deinem Verhalten! Wenn diese
-Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen;
-denn immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige
-Zusage gegeben und unwandelbare Treue hoffen
-lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil, mehr Sicherheit,
-man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn,
-also laßt uns absagen und unser Lebensglück begründen!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heinrich!&ldquo; rief das Mädchen, gegen diese Auslegung
-sich wehrend, in einem Tone zugleich der Scham und
-der Entrüstung. &mdash; &bdquo;Geh,&ldquo; rief dieser, &bdquo;du kennst die
-Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit wunderbarer
-Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht.
-Die Liebe <em class="gesperrt">will</em> keine Sicherheit, sie will das
-Wagniß und die Gefahr, und freut sich ihrer! Denn
-nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt gegenüber
-kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur
-in der Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich!
-Die Liebe scheut nicht zurück vor dem Gedanken des
-Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe hofft Alles
-und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist
-auch bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem
-zeitlichen Verlust ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle
-dich zu deines Gleichen! Du verlierst mehr, als du gewinnst!
-Ein einziger Augenblick einer edeln Seele, die
-göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes
-Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren!
-Ich habe mich getäuscht, ja; aber nicht über mich und
-mein Talent; denn in mir glüht eine Flamme, die nie
-verlöschen und nur immer heller aufleuchten wird! Ueber
-dich hab&rsquo; ich mich getäuscht und über deine Gesinnung!
-In dir hab&rsquo; ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin
-hab&rsquo; ich dich gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist,
-als ein Weib, und zwar ein gewöhnliches Weib, mit
-all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge für
-den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß
-es tragen! Ich bin verschmäht und weggeworfen, und
-soll meine Schmach nun auch noch für Recht erkennen
-und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch, Gott
-sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben
-und liebend wagen und opfern! Es gibt noch Seelen,
-die mir anhängen mit einer Liebe und Treue, die nichts
-wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu
-meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles
-empfangen soll, was du verschmähst, und die es mit
-Freuden empfangen wird! &mdash; O,&ldquo; fuhr er mit Thränen
-in den Augen fort, &bdquo;der Boden brennt mir unter den
-Füßen &mdash; nie, nie werd&rsquo; ich dieses Haus mehr betreten!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Heinrich!&ldquo; rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem
-Bedauern in dem glühenden Gesicht. Aber dieser
-war fertig. &bdquo;Fahr wohl!&ldquo; rief er mit einem Stolz,
-der sein Gesicht leuchten machte; &bdquo;fahr wohl für diese
-Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß,
-daß meine Liebe jemals dir gehört hat! Sie war die
-Tochter des gröbsten Irrthums, ich bereue sie &mdash; und
-sie ist dahin für immer!&ldquo;</p>
-
-<p>In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen
-Schritten verließ er Zimmer und Haus.
-Auguste, sich fassend und wieder aufrichtend, sah auf
-die offene Thüre. &bdquo;Er stürmt fort,&ldquo; sagte sie zu sich
-selbst, &bdquo;mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir
-doch lieb, daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat
-meine Gründe gehört, und wie schlecht sie ihm jetzt
-vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß ruhiger
-bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen.
-Ich hab&rsquo; doch recht gethan, mich nicht für mein Leben
-an ihn zu fesseln. Das erkenn&rsquo; ich jetzt mehr als jemals.
-Und,&ldquo; setzte sie mit einem Ausdruck voll Selbstgefühl
-hinzu, &bdquo;wie verächtlich mein Loos ihm erscheinen
-mag, ich nehm&rsquo; es an.&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf
-sein Zimmer und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein
-Herz war unendlich gedrückt, von einem Strom der
-bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen stürzten
-ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs
-und des Zorns. &bdquo;Welch ein Verrath!&ldquo; rief er. &bdquo;Welch
-ein Abgrund von Selbstsucht! Ist es möglich? Hab&rsquo; ich
-mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich, unverzeihlich!
-Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei
-ihr Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach
-für mich! Sie hab&rsquo; ich angesehen und dargestellt als das
-Ideal des Weibes! leuchtend in allen Tugenden, die
-sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie des
-Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner
-waren als eben ihr! Doch &mdash; in Gottes Namen! Sey
-mein Irrthum der gröbste gewesen, Liebe hat in mir
-geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag ich der
-Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose
-war! Denn der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr,
-und wo die Liebe fehlt, da fehlt das Heil
-und die Ehre des Menschenthums!&ldquo;</p>
-
-<p>Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem
-Ernst nickend, fuhr er fort: &bdquo;Unerhört ist die
-Kränkung, die ich erfahren habe, und ich weiß es, ich
-werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell nicht
-genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und
-endlich, so Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner
-Eltern, das Herz edler Seelen, die mir Antheil bezeigt
-und mit liebevoll uneigennütziger Freundlichkeit und
-Güte mich gefördert haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Er hielt inne, und während die Thränen in seinen
-Augen versiegten, starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr
-er zusammen. Eine dunkle Röthe ergoß sich über seine
-Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge, die nur
-Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf
-einmal Schuldgefühl, Scham und Sorge.</p>
-
-<p>Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus:
-&bdquo;Zu meinen Eltern! Sie sollen meine Ehre, meine
-Schmach erfahren! &mdash; Bei ihnen hoffe ich Ruhe und,
-so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>XI.</h3>
-</div>
-
-<p>Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag
-war schön, und der schmerzlich Beraubte, aber der
-Entsagung Fähige hatte, in der offnen Chaise, die er
-für sich genommen, allein durch Feld und Wald hinrollend,
-wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen
-steigend in die sonnige Höhe &mdash; die frohen, frischen Klänge,
-die ihn von allen Seiten umtönten, übten auf das gedrückte
-Herz eine freundliche Wirkung. Je weiter er von
-der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er
-sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden
-Schimpf erfahren: die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet,
-schienen mit ihr zu vergehen, und das stechende
-Leid milderte sich zu linder Trauer.</p>
-
-<p>Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die
-Landschaftsbilder wohlthuender an, und die Poesie der
-Knabenjahre, der ersten Ausflüge, deren er sich hier
-erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die Seele.
-Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte
-ihn in der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die
-heilige Festigkeit des Bandes, das Eltern und Kind
-verknüpft. Die peinliche Erfahrung hatte ihn selbst
-wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte
-bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand
-angewiesen; und diesem Trost, wie sehnte er sich
-ihm entgegen! Als nun aber das Städtchen selbst hervortrat,
-da gingen schmerzlich erregte Gefühle durch die
-wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses,
-vor dem Unmuth und dem Schmerz der
-mitbeleidigten Eltern, und er mußte alle Kraft zusammennehmen,
-um endlich mit gefaßter Miene vor sie
-zu treten.</p>
-
-<p>Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen
-belehrten ihn, daß ein Geständniß nicht mehr nöthig
-sey. Die Untreue der Geliebten war im Orte schon bekannt,
-und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich
-von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich
-vernahm aus dem Munde der guten Frau Bedauern,
-Anklagen und Glückwünsche nacheinander, während der
-Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte.
-Er sah aber auch, wie die Freude über den
-öffentlichen Erfolg und den beginnenden Ruhm des
-Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in
-Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß
-er sich mit ihnen verständigen konnte. Wie wohl that
-ihm das! Gerührt sah er in die guten Augen, aus
-denen die treueste Liebe glänzte.</p>
-
-<p>Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen
-der letzten Tage, zu dem neuen Leben in möglichster
-Einsamkeit sich vorbereiten, und mit heimlichen, wenn
-auch melancholischen Empfindungen richtete er sich in
-dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen
-pflegte &mdash; still, abgelegen, mit der Aussicht auf den
-Garten, für ihn ein erinnerungsreicher Boden und ganz
-geeignet zum Rückgang in frühere Zeiten, zum Ueberdenken
-des Erlebten und zum Ausreifen neuer Entschließungen.
-&mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit
-den Seinen und mit den guten Freunden, deren er in
-dem Geburtsorte besaß, näher zu schildern. Auch die letztern
-nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche scharfe
-Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt,
-wogegen aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.</p>
-
-<p>Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen
-Sinn und schönen Muth früherer Tage wiederzufinden.
-Zuweilen sprach er sich über Auguste und ihr
-Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte,
-er sehe in der Lösung des Bandes ein für ihn unter
-allen Umständen günstiges Geschick. Dann erblickte man
-ihn aber doch wieder in Aufregung, Verwirrung und
-Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm
-fühlte, tröstete ihn in solchen Momenten und meinte:
-er werde schon die Rechte noch finden! Wenn er dann
-eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte sie nicht mit
-erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen
-sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin
-mit Ernst: &bdquo;Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich,
-der findet nicht leicht den Muth zu einer neuen Unternehmung.
-Wenn man einem Scheinbild nachjagt, sieht
-man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht
-gerade das wahre Glück, das man erlangen konnte,
-thöricht versäumt und auf immer verloren! &mdash; Nun,&ldquo;
-setzte er mit leisem Lächeln hinzu, &bdquo;immer bleibt mir
-ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe &mdash; und
-die mir nie untreu werden wird!&ldquo; &mdash; &bdquo;Das schon,&ldquo;
-erwiederte die Gute. &bdquo;Aber das ist nicht genug! Für
-dich nicht, und für mich auch nicht!&ldquo;</p>
-
-<p>Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung
-zu machen. Er gab sich den Gefühlen hin, die
-sich in ihm erzeugten, rechnete mit sich selbst und lebte
-ein Leben stiller Erwägungen.</p>
-
-<p>Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er
-an den ihm so freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt
-einen Brief, der uns den besten Blick in den Zustand
-seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht die
-Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern
-wie gelehrten Schulmann noch zu besuchen; aber durch
-die Nachricht, die ihm Hanna mitgetheilt, war die
-Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so vermehrt
-worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung
-verschaffte, gegen ihn mit aller Offenheit sich
-auszusprechen. Die Hauptstellen lauteten:</p>
-
-<p>&bdquo;Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen
-Sterblichen machen und immer wieder machen. In gewissen
-Dingen werden wir nicht nur nicht durch den
-Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch
-unsern eigenen. Immer wieder täuschen wir uns &mdash;
-weil der Trug so lieblich ist und ein tiefes, glühendes
-Verlangen der Seele stillt!</p>
-
-<p>Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! &mdash;
-und noch immer ist nicht recht in&rsquo;s Licht gesetzt, daß es
-zweierlei Liebe, zwei grundverschiedene Arten von Liebe
-gibt. Unterschieden sind sie wohl; aber nicht mit völliger
-Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die eine ist reizender,
-bestrickender gemalt wie die andere; und wenn
-diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt
-man aus dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht
-die reine, selige Begeisterung heraus. Was er erhöhen
-wollte, fand nicht auch die wahre höhere Schönheit
-und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die
-Spiegelung des Geringern gekommen ist.</p>
-
-<p>Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den
-Schein &mdash; und der Schein trügt. Es gibt eine Schönheit
-des Leibes, der keineswegs eine Schönheit der Seele
-entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit zur
-Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern
-nur, daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön
-thun kann. Auch die Seele ist also mehr zum Schein
-als zum Seyn ausgestattet, und mit dem Schein täuscht
-sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber täuschen,
-indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit
-nehmen, und nun triumphiren, als ob wir die
-schönste Wahrheit selber gefunden.</p>
-
-<p>Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden
-Muth blicken die leuchtenden Augen und strahlt das
-erröthete Angesicht! Aber im Innersten lebt das klare,
-kalte, berechnende Ich, das frei ist gegen die Affecte
-und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder zurückzunehmen,
-je nach Befund. Davon merken wir aber nichts,
-wir von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was
-uns so außerordentlich hold anspricht, das muß nothwendig
-wahr seyn! Die Liebe, die mit so wunderbarem
-Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht,
-kann nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere
-Liebe mit doppelter und dreifacher Macht, in dankbarer
-Rührung schmelzen wir und durch keine Verherrlichung
-glauben wir der Bewunderten genugthun zu können.
-Was wir an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu
-denken vermögen, sehen wir in ihr &mdash; tragen es über
-in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns daran:
-das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle
-Wandelung des Lebens nur ein Schönerwerden seyn
-kann!</p>
-
-<p>Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten
-Täuschungen? Gegen die Magie, die wir wollen und
-miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es gibt nur Ein
-wirksames: die Enttäuschung durch die That, &mdash; durch
-den thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf
-und das Herzeleid! &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung
-rechnen, wenn sie der Blendung erliegen!
-&mdash; Der Dichter muß gut seyn, er muß Glauben und
-Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und idealisiren
-Alles, was er sieht, &mdash; und dazu muß er schon
-Alles liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur
-sein Metier, wenn er verschönert und gläubig preist
-und liebevoll verherrlicht; darum ist er auch so sicher
-dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der
-hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange
-der Selbstsucht wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche
-Sachverhalt unerbittlich <i lang="la" xml:lang="la">ad oculos</i> demonstrirt werden,
-sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen ohne zu
-sehen! &mdash; Aber auch dann &mdash; der Zauber, an dem er
-so lange gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen
-Glücks umgaukeln den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten;
-der schöne Schein glänzt in unwiderstehlichen
-Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß
-er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen
-wollte und in entzückenden Träumen schon als erlangt
-sich vorgespiegelt hat! &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Doch, verehrter Freund, hier thu&rsquo; ich mir selber
-Unrecht. Regungen dieser Art hab&rsquo; ich freilich; aber
-doch nur selten, und ich verstehe ihnen zu antworten
-und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre Schönheit,
-die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem
-Glanz; ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger
-Zauber entkräftet den unheiligen, der die Schwäche bestrickt
-hat. Wenn sie vor mir lebendig wird, dann erbleichen
-die Farben der täuschenden Erscheinung und
-diese gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges
-Licht, das die letzten Sympathien im Herzen tilgt.</p>
-
-<p>Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was
-gibt es Holderes als die Güte, die darnach trachtet,
-daß sie Freude mache und Hülfe leiste, und die keinen
-andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten?
-Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth,
-die sich selber beraubt, um Andere zu bereichern?
-Was gibt es Himmlischeres, als den Blick aus dem
-Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte, Großmuth
-ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste,
-dessen die Sirene in Momenten der Rührung fähig ist,
-oberflächlich und machtlos! Dort nur sehen wir in den
-Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen uns unendlich
-heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns
-nicht nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig,
-sondern mit der Besten selber gut und edel geworden
-erblicken wir die Gestalt und Alles, Alles an ihr in
-dem Licht ewiger Schönheit!</p>
-
-<p>Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey
-Dank, es gibt noch solche! Es ist keine poetische Täuschung,
-wenn wir von Frauen reden, die Engel sind!
-Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie erweisen
-sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach
-thatsächlichem Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln
-könnte!</p>
-
-<p>Die That und die Bewährung durch die That, daran
-erkennt man sie. Denn sie geben sich nicht immer das
-Ansehen ihres innern Wesens und lieben es nicht selten,
-den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und
-Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden;
-aber es gibt auch heitere, die sich in lieblicher Laune
-gefallen und deren gütige Seele, wenn sie sich offenbart,
-nur um so rührender erscheint.</p>
-
-<p>Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war,
-von dem Schein getäuscht und betrogen zu werden. Hab&rsquo;
-ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens unwerth gemacht,
-so muß ich&rsquo;s dulden. Aber Ein Vortheil &mdash; Ein Ersatz
-ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit
-erkennen lernen auf Grund der falschen, und mein Herz
-lodert in Liebe zu Dem, was ewig liebenswerth ist.&ldquo;</p>
-
-<p>Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn
-das Antwortschreiben:</p>
-
-<p class="quotation">
-<i lang="la" xml:lang="la">&bdquo;Aequam memento rebus in arduis<br />
-Sevare mentem!</i>
-</p>
-
-<p>Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf&rsquo; ich
-Ihnen zu, damit Sie ihn beherzigen, wie&rsquo;s noth thut!
-Aus Ihrem freundlichen und dichterischen Brief hab&rsquo; ich
-zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß Sie sich
-über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet
-haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es
-dahin, daß Sie sich zu diesem Ende Glück wünschen.
-Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab&rsquo; mich zu
-schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer
-stolzen Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten.
-Ja, ja, der Mammon! &mdash; Mir will vorkommen, als
-ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen wäre,
-als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für
-unsicher, nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der
-Menschen, als Geld und Gut. Man stellt sich vor, was
-man Alles dafür haben kann, und trachtet immer nach
-mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere
-Dinge dafür eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich
-sind, und daß man oft nicht nur die Tugend, sondern
-auch die edelsten Freuden dafür hingibt. Aber das sind
-<i lang="la" xml:lang="la">nugae</i> für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller
-Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums
-so schön und überzeugend gelehrt haben: daß das wahre
-Glück in der Tugend bestehe, damit kann man heutzutag
-nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will die
-Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem
-Wege, der aus der Bildung heraus in die Rohheit führt,
-endlich Halt machen und zur Vernunft und edlen menschlichen
-Denkart umkehren?</p>
-
-<p>Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns
-jung, es verschafft uns den Boden in der Welt, den
-wir brauchen, und verheißt uns ein glückliches Alter.
-Mit großer Freude hab&rsquo; ich von Ihrem guten Erfolg
-auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke
-gekommen, und das beweist mir, daß das Drama das
-Fach ist, auf das Sie mit Ihrem Talent vorzüglich
-angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen
-Sie dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen
-und Römer! Sie wissen, ich bin kein Pedant und setze
-die Alten nicht unbedingt über die Neuern, weil ich in
-ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden aus
-ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus
-ihnen; und mich will bedünken, als ob man sie gegenwärtig
-besonders auch zum Vortheil der dramatischen
-Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden
-im Drama, wie mir scheint, &mdash; man bringt zuviel
-Stoff und verliert über den Effecten den Effect. Ein
-Streben nach größerer Concentration und Harmonie
-thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo
-finden sie da herrlichere Muster, als es die großen
-Tragiker der alten Griechen sind, deren einer jetzt sogar
-wieder von unsern Bühnen herab die Herzen erschüttert?</p>
-
-<p>Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium
-der Alten noch ganz besonders ersprießlich seyn;
-denn Sie &mdash; nehmen Sie mir&rsquo;s nicht übel! &mdash; verrathen
-noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die
-Vergötterung eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen;
-und nun scheinen Sie mir doch wieder nach
-einer andern Seite hin vergöttern zu wollen, phantasiren
-sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr,
-sich eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt
-es engelgute Frauen; aber auch diese bleiben immer
-menschliche Wesen mit verschiedenen menschlichen Eigenschaften,
-die mit dem Engelsideal oft gar sehr in Widerspruch
-treten. Man muß sich das zuvor sagen und
-natürlich-gesunden Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn
-man nicht Beschämung und Verdruß erleben will.</p>
-
-<p>Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber
-Poeta! Es gibt gute, brave, wohlgezogene Mädchen, und
-ich wünsche von Herzen, daß Sie eine solche finden und
-mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht schwebt
-Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines
-wünsche? Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen
-Sie nur frisch über alles Andere hinweg und gründen
-Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand! Denn
-dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich
-sage Ihnen: Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen
-von der Schönen, die so unwürdig gegen Sie
-gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern
-werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie
-nicht frei machen gegen die, welche denn doch immer
-noch lebendig da ist, sondern nur ein gutes braves
-Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. &mdash;
-Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn
-etwas eintrifft, das mir Freude machen kann, vergessen
-Sie nicht, es mir zu melden, sondern denken Sie auch
-im Glück an mich!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin,
-die tröstende Wirkung zu empfinden, die herzlicher
-Antheil, mit wackerm Humor ausgesprochen, immer auf
-uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch melancholisch
-den Kopf. &bdquo;Uebertriebene Vorstellungen?&ldquo; sagte er zu
-sich; &mdash; &bdquo;phantastische Ansprüche? &mdash; Wenn es nur
-das wäre!&ldquo;</p>
-
-<p>Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner
-Brust. &bdquo;O Verblendung,&ldquo; rief er aus. &bdquo;Stumpfsinn
-des Träumers, worüber kannst du hinwegsehen! &mdash; &mdash;
-Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen
-neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen!
-Meine Eltern sollen mich hören, und das heute noch!&ldquo;</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>XII.</h3>
-</div>
-
-<p>Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa
-von der Intendanz die ehrende Aufforderung erhalten.
-Die Vorstellung des Dramas, in welchem sie die Hauptrolle
-geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin eine
-Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner
-mit Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten
-Beifall spendete. Der Sieg war vollkommen und
-bildete denn auch andern Tags den Hauptgegenstand
-der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.</p>
-
-<p>Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch
-in überraschender Vollendung wiederholte, hatte ihre
-Begabung für die höhere Sphäre der strengsten Kritik
-dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und Willens
-im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte
-neue Fähigkeiten in ihr zu Tage gebracht und nicht nur
-ihrer Gestalt und Miene einen edleren, heroischeren
-Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und
-Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher
-und tönender erscheinen lassen. So wahr ist es,
-daß die physischen Mittel abhängen vom Geist, ein erhöhtes
-Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend
-scheinenden zureichend machen kann.</p>
-
-<p>Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung.
-Ein süßes Gefühl der Macht durchdrang sie,
-und am Abend während der Vorstellung, am andern
-Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand
-sie die reinste Freude. Sie hatte sich&rsquo;s ausgedacht, alle
-ihre Kräfte aufgerufen und zusammengenommen und das
-Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen wollen;
-aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte?
-Nun mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen
-Stimme glauben und durfte die Leistung für
-gelungen halten.</p>
-
-<p>Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam
-in ihr Herz und die Befriedigung ihrer Seele gewann
-einen Charakter des Ernstes, von dem sich eine stille
-Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung
-war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde
-von ihr als ein Zuwachs ihres Wesens, als dauernder
-Gewinn empfunden.</p>
-
-<p>Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen
-in&rsquo;s Zimmer trat, fand sie die Mutter eifrig lesend.
-Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die sämmtlich
-das Lob der Tochter verkündeten, und die gute
-Frau schwelgte eben in einem wahren Hymnus, in den
-sich die gefürchtete Feder Emil Schilfs ergossen hatte.
-Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive entgegen
-traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal,
-von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein
-Feuilletongenie in einem Panegyrikus blitzen lassen, daß
-die Mutter Edelsteine und Perlen zu lesen glaubte.
-Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu,
-meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die
-Presse und küßte sie unter Thränen der Freude. Sie
-war über den Erfolg noch glücklicher, jedenfalls stolzer
-als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas
-Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn
-noch eine Spendung zu erwarten wäre.</p>
-
-<p>Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach
-einem Moment des Besinnens ernst geworden, faßte sie
-die Hand der Tochter und sagte: &bdquo;Du hast Alles erreicht.
-Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist;
-die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten
-Namen an die Seite. Schau nun aufwärts, mein
-Kind! Widerstehe deiner Schwäche! Bezwing&rsquo; eine Leidenschaft,
-die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der
-ohne Zweifel dich vergessen hat!&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten,
-ungläubig oder gegen den Gedanken sich wehrend,
-schüttelte sie den Kopf. &mdash; &bdquo;Wie!&ldquo; rief jene, mit einem
-Anflug von Unmuth; &bdquo;du zweifelst noch? Kommt er
-auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan
-haben, ein paar Zeilen zu schreiben? Er denkt nicht an
-dich! Er lebt seiner Braut &mdash; oder seiner Frau. Er
-ist aufgegangen in seinem Glück &mdash; und wem verdankt
-er&rsquo;s?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Du bist ungerecht, Mutter,&ldquo; entgegnete die Tochter
-mit dem Humor eines melancholischen Herzens.
-&bdquo;Wem verdanke denn ich mein Glück? &mdash; wem verdank&rsquo;
-ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm,
-wie du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit &mdash;
-was mir nämlich so vorkam &mdash; und seiner Lieblosigkeit!
-Beide mußten zusammen kommen, um mich zu der
-Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und
-den Journalen gefeiert wird. Gestehen wir&rsquo;s uns jetzt,&ldquo;
-fuhr sie nach einem Moment fort, indem sie ihr launig
-in&rsquo;s Auge sah, &bdquo;ich war in der That ein oberflächliches
-Ding. Possen zu machen war meine Kunst und mein
-Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und
-nach eine Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste
-Ernst bereits anfing pretentiös zu erscheinen. Ich war
-leichtfertig und kalt &mdash; ja, auch kalt! In den besten
-Momenten war&rsquo;s doch nur soso, und nicht das Rechte.
-Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder
-eine Rolle von der lustigen Gattung bekomme, werde
-ich auch diese feiner und schöner spielen. Es war eine
-Schickung,&ldquo; fuhr sie mit einem unterdrückten Seufzer
-fort, &bdquo;und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also
-keinen Seitenhieb auf ihn &mdash; das bewußtlose Werkzeug
-meines guten Genius! Laß ihn das Glück genießen,
-das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn er
-uns dabei vergißt &mdash; dem Glücklichen, wie du weißt,
-schlägt keine Stunde.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen
-feucht wurden. &bdquo;Ich würde dich,&ldquo; entgegnete sie, &bdquo;für
-das edelste Geschöpf der Welt erklären, obwohl du mein
-Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe in
-allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen
-Gunsten? Du liebst ihn also noch! &mdash; O Welt, o
-Welt!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Was hast du nur dagegen?&ldquo; versetzte Rosa mit
-Lächeln. &bdquo;Wenn die Liebe großmüthig und edel macht,
-dann ist&rsquo;s ja genug, zu lieben und die Vortheile davon
-zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache?
-Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf
-es da noch des Geliebtwerdens?&ldquo; &mdash; &bdquo;Geh!&ldquo; rief
-die Mutter, halb gerührt, halb unwillig, &bdquo;du bist eine
-Thörin!&ldquo; &mdash; &bdquo;Das edelste Geschöpf,&ldquo; entgegnete Rosa,
-&bdquo;eine Thörin?&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo; versetzte die Mutter,
-&bdquo;eine Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie
-ihr Lebensglück versäumt, indem sie ein unerwiedertes
-Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch, ich hoffe, die
-Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und
-was du dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen
-sind, wird diese Leidenschaft dir erscheinen wie
-ein Traum, über den man lächelt, wenn man erwacht.
-Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann
-finden, der dich wieder liebt.&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte
-die Fortsetzung. &bdquo;Es mag seyn,&ldquo; erwiederte sie nach
-einem Moment. &bdquo;Bis jetzt hab&rsquo; ich aber nichts dergleichen
-im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber
-als das Wachen. Lassen wir&rsquo;s und erwarten wir alles
-Uebrige von der Zeit! Ich bin wirklich zufrieden; ich
-habe meine Plane als Schauspielerin und will die gute
-Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen
-wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich
-werde sie bekommen &mdash; was will ich mehr?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die
-Seite, machte sich an einem Schrank etwas zu thun
-und betrachtete dann die nachdenklich Dastehende mit
-einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung,
-als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen
-Sekunden die Köchin mit einem Brief erschien &bdquo;an die
-gnädige Frau.&ldquo; Diese erbrach ihn, las und ihre
-Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende
-Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht
-ausdrücken wollte, und sagte zu Rosa mit Lächeln: &bdquo;Ich
-muß ausgehen! Studire derweil die Blätter.&ldquo; &mdash; &bdquo;Wohin
-gehst du?&ldquo; fragte Rosa. &mdash; &bdquo;Vorderhand,&ldquo; erwiederte
-die Frau, &bdquo;bleibt das mein Geheimniß.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah!&ldquo;
-rief jene, &bdquo;du hast Geheimnisse vor mir? Das ist etwas
-Neues!&ldquo;</p>
-
-<p>Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter:
-&bdquo;Nicht gegen dich, mein Kind, wie du dir denken kannst,
-sondern für dich! Für dein Glück &mdash; dein wahres
-Glück &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; versetzte Rosa mit einem Aufschauen
-des Argwohns, &bdquo;ich hoffe nicht &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Keine
-Sorge!&ldquo; unterbrach sie die Frau kopfschüttelnd. &bdquo;Deine
-Freiheit soll dabei nicht angetastet werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Dann,&ldquo;
-erwiederte jene, &bdquo;thue, was du vorhast, und mögen
-deine Bemühungen gesegnet seyn!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem
-runden Tisch, nahm eine Zeitung und las. Ihre Züge
-erhellten sich. &bdquo;Es thut doch wohl, ausgezeichnet zu
-werden,&ldquo; sagte sie endlich; &bdquo;zumal von einem, dem sonst
-nichts gut genug ist und der lieber verwundet &mdash; um
-seinem Namen Ehre zu machen. Sonderbare Menschen!
-Die besten können die schlimmsten und die schlimmsten
-die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man
-sich heutzutag nicht mehr verlassen!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten
-Zeilen entrissen ihr einen Ausruf der Verwunderung.
-Es war der Preisgesang von Schilf, der mit seinen
-humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele der
-Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte,
-aber sie doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte
-den Kopf und lächelte. &bdquo;Welche Bekehrung!&ldquo; rief sie
-zuletzt; &bdquo;und was ist gegenwärtig nicht Alles möglich!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt
-wäre, suchte sie unbewußt die Bank in der Laube auf.
-Ihr Herz verlangte zu träumen und gewissen Gedanken
-sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie getroffen.
-&bdquo;Es ist in der That auffallend,&ldquo; sagte sie sich,
-&bdquo;daß er nicht einmal schreibt &mdash; einige wenige Zeilen
-schreibt! &mdash; Hat er uns wirklich vergessen im Hause der
-Braut &mdash; oder der Frau? Undankbar ist er doch sonst
-nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen
-Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,&ldquo;
-fuhr sie mit einem traurigen Lächeln fort, &bdquo;aus
-den Augen, aus dem Sinn, das ist ein bewährter
-Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste,
-was wir dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige
-Pflicht.&ldquo; Innehaltend schaute sie vor sich hin. Dann
-sagte sie: &bdquo;Oder wär&rsquo;s doch anders? Hätte ihn das
-Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über
-mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt,
-daß ich ihn liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er
-mir durch eine Schilderung seliger Tage nur nicht wehe
-thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr zu seinem
-Charakter!&ldquo;</p>
-
-<p>Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu
-vertiefen. Auf einmal erhob sie den Kopf und rief:
-&bdquo;Sachte, Phantasie! Nach Glück ausschauen heißt sich
-Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine Tugend,&ldquo;
-fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. &bdquo;Gönnen wir
-jener ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten
-Entsagung! Am Ende bleibt mir mein Geist &mdash;
-wie ich hoffe, auch mein Humor &mdash; und die Kunst, das
-göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll
-und zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.&ldquo;</p>
-
-<p>Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen,
-die Mutter zu sehen, erhob sich in ihr &mdash; eine
-Neugier, was sie vorhaben möge. Auf einmal ertönte
-die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht
-ein Klingeln, wie &mdash;? Ohne zu wissen, was sie that,
-mit schauerndem Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete
-sie, während die Magd eben die äußere aufmachte. Ein
-Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. &bdquo;Heinrich Born!&ldquo;
-rief sie. &bdquo;Sie kommen selbst?&ldquo; &mdash; Heinrich, der eingetreten
-und auf den Ruf still gestanden war, grüßte
-mit einem Ernst, den man feierlich nennen konnte, ging
-in&rsquo;s Zimmer und gab ihr die Hand.</p>
-
-<p>Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte,
-erkannte die Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin,
-als Schwester zu empfangen; sie raffte all ihre Kraft
-zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es klopfte, fügte
-sich. &bdquo;Nun,&ldquo; fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, &bdquo;Sie
-sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und
-&mdash; Erzählen Sie mir! Sie wissen, welch innigen Antheil
-ich nehme.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens
-auf eine Antwort harrend, fuhr fort: &bdquo;Was ist Ihnen?
-Das Glück macht ernst, ich weiß es &mdash; Aber Sie haben
-ein Aussehen &mdash; &mdash; Sind Sie nicht glücklich?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Nein,&ldquo; erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. &mdash;
-&bdquo;Wie!&ldquo; rief das Mädchen. &bdquo;Sind Sie nicht mit Auguste
-verheirathet? oder werden heirathen?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nein,&ldquo; rief jener, indem er bitter den Mund verzog.
-&bdquo;Das Verhältniß ist gelöst. Sie hat für gut gefunden,
-einen Andern &mdash; einen Reichen zu beglücken
-und wird nächstens &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah!&ldquo; rief die Liebende,
-jäh bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen,
-aber nach einem blitzähnlichen Gefühl der Freude doch
-mit einem Ernst des Bedauerns in ihrem Gesicht. &bdquo;Sie
-sind betrogen &mdash; und unglücklich?&ldquo; fuhr sie mit dem
-Tone des Mitleids fort.</p>
-
-<p>&bdquo;Betrogen und unglücklich &mdash; ja,&ldquo; versetzte Heinrich;
-&bdquo;aber unglücklich nicht durch den Betrug, sondern
-durch die unverantwortliche Selbsttäuschung, in der ich
-befangen und so sicher gewesen bin. Wie ist es möglich,
-daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung
-lebt? Was kann so einer noch von sich selber
-erwarten?</p>
-
-<p>Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser
-Antwort getroffen und irre geführt, sagte mit Ernst:
-&bdquo;Der Glaube an eine Liebe, die man Ihnen so lang
-und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen.
-Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch
-Andere der Treue fähig hält, und das ehrt Sie und
-Sie können stolz darauf seyn. Trösten Sie sich,&ldquo; fuhr
-sie mit Güte fort. &bdquo;Wenn es nicht der Verlust ist, der
-Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder
-mit neuem Muth an zu leben! Unternehmen Sie eine
-Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen, die in ihrer
-Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und
-wenn es ein Trost für Sie seyn kann, meine &mdash; unsere
-Freundschaft bleibt Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit,
-Ihnen zu dienen und zu helfen, wo wir können.&ldquo;</p>
-
-<p>Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten
-einen wohlthuenden und rührenden Eindruck gemacht.
-Er wollte reden; aber plötzlich, wie von einem heimlichen
-Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg.
-Das Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. &bdquo;Was
-ist Ihnen?&ldquo; rief sie. &bdquo;Hab&rsquo; ich etwas gesagt, das
-Sie beleidigt?&ldquo; &mdash; &bdquo;Nein, nein!&ldquo; rief Heinrich in
-tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und
-sagte mit traurig entschiedenem Ton: &bdquo;Fragen Sie mich
-nicht! Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal. Mir ist
-nicht mehr zu helfen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Also doch!&ldquo; erwiederte Rosa nach einem Moment
-des Schweigens, mit einem Ausdruck des Mitleids und
-der Betrübniß. &bdquo;Sie verzweifeln, und können und wollen
-keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht!
-Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen
-Sie deßwegen der Freundin untreu werden? Das finde
-ich nicht schön gehandelt!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub
-schmerzlich verwirrter Empfindungen. &mdash; &bdquo;Ermannen
-Sie sich!&ldquo; fuhr das Mädchen liebevoll mahnend, wie zu
-einem Kranken fort. &bdquo;Versuchen Sie, was eine neue
-Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden
-vermag! Ich weiß wohl,&ldquo; setzte sie mit einem Schein
-traurigen Lächelns hinzu, &bdquo;die Freundschaft ist kein Ersatz
-für verlorene Liebe; aber etwas sollte die unsere,
-die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht
-das Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei
-uns wieder finden können.&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte
-den Kopf. &bdquo;Wie!&ldquo; rief das Mädchen, nicht ohne ein
-Gefühl der Kränkung ihrerseits; &bdquo;auch das nicht? Sie
-sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?&ldquo;</p>
-
-<p>Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung
-übermannte ihn, und in ihr kam unaufhaltsam
-ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge. Obwohl
-er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns,
-der Bitte um Vergebung wandelte, so hatte
-ihn Rosa doch bemerkt und ahnte die Wahrheit. Unmöglich
-war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein der
-Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten.
-Aber noch war es nicht gewiß, noch war es
-nicht ausgesprochen, und sie konnte sich irren. Mit
-ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: &bdquo;Ihr Benehmen
-ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren
-haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie?
-und doch geberden Sie sich wie einer, der es ist. Sie
-geben sich für verloren, unrettbar verloren; und wenn
-man Ihnen Trost einsprechen will in der besten Meinung,
-wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also
-noch immer unglücklich! Warum?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil &mdash; weil &mdash;&ldquo; rief der Gedrängte, wie einer,
-der nicht länger an sich halten will. Aber als ob ihm
-die Zunge plötzlich den Dienst versagte, schwieg er dennoch.
-Dann, mit großer Anstrengung den Tumult der
-Seele niederhaltend, erwiederte er: &bdquo;Mein Fräulein,
-beste Freundin! ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen
-und begrüßen wollen; aber ich sehe, daß ich in
-einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor Ihnen
-wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie
-von diesem Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen
-mit Vorsätzen, die ich nicht halten kann. Vergeben
-Sie mir, und leben Sie wohl!&ldquo;</p>
-
-<p>Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt
-nicht mehr zweifeln konnte, erröthend, mit einem Ausdruck
-um die Lippen, dessen Ernst das Entzücken der
-Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief:
-&bdquo;Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig
-und ohne Rückhalt! Warum?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Weil,&ldquo; rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber
-nun antwortete besser, schöner und rührender ein Blick
-der Liebe und Verehrung, der aus der tiefsten Seele
-kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten.</p>
-
-<p>&bdquo;Weil Sie mich lieben!&ldquo; rief mit leuchtendem Antlitz
-das Mädchen. &bdquo;Weil Sie mich lieben!&ldquo; wiederholte sie,
-&bdquo;und weil Sie glauben, ich hegte für Sie nur Gefühle
-der Freundschaft! Ist&rsquo;s nicht so?&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ja!&ldquo; rief Heinrich erschüttert. &bdquo;Ja, weil ich Sie
-liebe und Ihrer nicht werth bin! Das ist der Grund!
-Und nun strafen Sie mich für meine Anmaßung, verschmähen
-Sie mich!&ldquo;</p>
-
-<p>Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: &bdquo;Das werd&rsquo;
-ich nicht thun, lieber Freund! Ich freue mich allzusehr
-über diese Bekehrung &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Wie,&ldquo; rief Heinrich,
-&bdquo;Sie könnten verzeihen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich habe Sie geliebt,&ldquo;
-erwiederte sie, &bdquo;vom ersten Tag an, wo ich Sie sah.
-Bei der ersten Begegnung schon regte sich&rsquo;s in meinem
-Herzen!&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie
-bei den Händen und drückte sie zärtlich. Auf einmal
-rief er bestürzt: &bdquo;Himmel! und mit dieser Gesinnung
-haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Nun,&ldquo; erwiederte sie, &bdquo;ich will&rsquo;s Ihnen nur gestehen:
-das hat mir auch wirklich manchmal Kummer gemacht.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Und doch!&ldquo; rief Heinrich ergriffen. &bdquo;Sie sind das
-liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir auf dieser
-Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich
-Sie finden ließ! &mdash; Und Sie könnten &mdash; Sie wollten
-die Meine werden?&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklärte,
-erwiederte: &bdquo;Da es nun doch einmal heraus ist, ja!
-Und von Herzen gern!&ldquo;</p>
-
-<p>Nun hatte der Glückliche keine Worte mehr. Er
-umfing die Geliebte und küßte die Lippen, die so lieblich
-entschieden hatten, mit dem Feuer der innigsten
-Leidenschaft, mit Thränen der Rührung und der Freude.
-Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fühlte sie
-die Seligkeit der Gegenliebe!</p>
-
-<p>Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen
-getaucht war, sich erhebend und den Geliebten mit
-nassen Augen zärtlich ansehend, rief sie: &bdquo;Wie schön ist
-Alles gegangen! Ich würde mir nichts nehmen lassen
-von dem, was ich erduldet habe! Zum glücklichen Leben
-bleibt uns noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig
-gut, wenn man vorher etwas ausgestanden hat! Wie
-wird sich die Mutter freuen! &mdash; die Mutter,&ldquo; setzte sie
-horchend hinzu, &bdquo;die, wie ich höre, so eben die Thüre
-aufschließt!&ldquo;</p>
-
-<p>Einen Moment später erschien die gute Frau, und
-zwar mit großer Genugthuung, im Zimmer und wollte
-eben reden, als sie den Poeten erblickte und ihn überrascht
-ansah. &bdquo;Doctor Born!&ldquo; rief sie, &bdquo;Sie sind hier,
-mit Frau Gemahlin?&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich schüttelte erröthend, lächelnd den Kopf und
-ging auf sie zu, ihre Hand zu fassen. Rosa, mit
-anmuthiger Heiterkeit, antwortete für ihn: &bdquo;So gut ist&rsquo;s
-uns nicht geworden! Man hat sich für einen Andern, einen
-Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schöne
-Hand vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten
-wünschten ihm glückliche Reise. So ist er nun
-wieder hier, ein armer Betrogener, mit wundem Herzen
-Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche
-sich dießmal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen
-haben, als die Leute draußen im Land, wo die Biederkeit
-zu Hause ist.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Mutter sah von einem auf&rsquo;s andere, sah die
-Gesichter glücklich, die Augen strahlend von Liebe, und
-ahnte, wußte die Wahrheit. Rosa nickte der gerührt
-Blickenden zu und sagte: &bdquo;Du erräthst es, liebe Mutter!
-Ja, er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich
-so schön, wie man&rsquo;s nur wünschen kann &mdash; und hat
-um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen
-Korb geben?&ldquo;</p>
-
-<p>Die Frau lächelte und schwieg: &bdquo;Was du thun
-wirst,&ldquo; versetzte sie dann, &bdquo;weiß ich nicht. Ich für
-meine Person hab&rsquo; einen Korb in Bereitschaft.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Wie!&ldquo; rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer
-Frage. &mdash; &bdquo;Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk,&ldquo;
-erläuterte die Gute, indem sie ein groß besiegeltes
-Schreiben hervorzog. &mdash; &bdquo;Ah!&ldquo; rief die Tochter ahnend,
-&bdquo;das ist dein Geheimniß?&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo; versetzte
-jene, indem sie ihr den Brief übergab. &bdquo;Dein Erfolg
-von letzthin hat meine Bemühungen unterstützt: du bist
-aufgerückt und dein Gehalt beinahe verdoppelt!&ldquo;</p>
-
-<p>Rosa öffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz,
-überflog es und rief: &bdquo;Tausend mehr &mdash; das
-ist stark! &mdash; Aber gut!&ldquo; setzte sie mit einem Blick auf
-den Poeten hinzu, &mdash; &bdquo;sehr gut! Wir werden es zu
-brauchen wissen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: &bdquo;Ich
-sehe, du meinst, ich selber bringe nichts als meine Lieder
-und meine Liebe! Erlaube mir, daß ich doch noch
-eine kleine Rente hinzufüge, die meine guten Eltern
-mir ausgeworfen haben &mdash; für den Haushalt.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Wie schön!&ldquo; rief das Mädchen und faßte lächelnd seine
-Hand.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich will es bekennen,&ldquo; fuhr Heinrich fort, &bdquo;ich bin
-hierher gekommen mit einer Liebe, die ich zu verbergen
-entschlossen war; aber die Hoffnung ließ ich mir nicht
-völlig rauben. Ich wollte schweigen, aber schweigend
-die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen,
-wie lange es dauern mochte. Das hab&rsquo; ich meinen Eltern
-gestanden, und sie, welche die edelsten Seelen aus
-meinen Schilderungen kannten, gaben mir ihren Segen
-dazu. &bdquo;Versuche dein Glück,&ldquo; sagte die gute Mutter
-zum Abschied; &bdquo;eine bessere Frau wirst du in der ganzen
-Welt nicht finden.&ldquo; Und weil es denn doch eine Gnade
-gibt in der Welt, so hab&rsquo; ich sie gefunden und,&ldquo; setzte
-er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, &bdquo;zur
-besten Frau die beste Schwiegermutter!&ldquo;</p>
-
-<p>Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte
-und liebkoste sie mit der Zärtlichkeit eines Sohnes.
-Die drei Glücklichen tauschten Reden und Bezeigungen
-der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und
-gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre
-ging auf und es zeigten sich die beiden Regisseure mit
-Doctor Willmann.</p>
-
-<p>&bdquo;Gratulire, gratulire!&ldquo; rief der Heldenvater, der
-den Zug eröffnete. Als er bei den Damen auch den
-Poeten erblickte, setzte er überrascht hinzu: &bdquo;Sie schon
-wieder hier? Und mit einer Miene &mdash; &mdash; was muß ich
-denken?&ldquo;</p>
-
-<p>Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der
-Hand und sagte: &bdquo;Meine Herrn, erlauben Sie mir eine
-Vorstellung! Rosa Wendling, erste Liebhaberin der Hofbühne
-&mdash; meine Braut!&ldquo;</p>
-
-<p>Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf
-diese Eröffnung. Nachdem Heinrich in der kürzesten Form
-erklärt hatte, wie es gekommen, folgten Glückwünsche
-unter frohem Beloben und Händeschütteln.</p>
-
-<p>&bdquo;Nun,&ldquo; rief Berger dem Poeten zu, &bdquo;nun sind
-Sie fertig! Arm in Arm mit Ihr werden Sie das
-Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden
-Schauspiele schreiben, Lustspiele &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Und Tragödien!&ldquo;
-fiel Hallfeld ein. &mdash; &bdquo;Diese letzteren,&ldquo; fuhr Berger
-fort, &bdquo;wenn sie unvermeidlich entstehen, werden wir mit
-dem größten Interesse <em class="gesperrt">lesen</em>.&ldquo; &mdash; &bdquo;Und wenn sie gelesen
-sind und sich erprobt haben &mdash; spielen,&ldquo; setzte
-Hallfeld hinzu.</p>
-
-<p>Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte,
-und zuckte die Achsel. Heinrich versetzte: &bdquo;Meine Freunde,
-ich habe Erfahrungen gemacht, die mir auch zu dramatischen
-Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles,
-was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten.
-Zunächst will ich glücklich seyn und Hochzeit machen,
-Hochzeit mit der edelsten und liebenswerthesten Braut,
-wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt hat &mdash; wozu
-die Herrn freundlich geladen sind.&ldquo;</p>
-
-
-
-
-<div class="chapter">
-<h2><a name="Verlust_und_Gewinn" id="Verlust_und_Gewinn">Verlust und Gewinn.</a></h2>
-</div>
-
-
-<h3>I.</h3>
-
-<p>Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem
-Thal des nordwestlichen Theils von Süddeutschland,
-war in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, an
-einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken
-kann als schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft
-versammelt. Die Witterung war in der That
-höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch leichte
-Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr,
-und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den
-schönsten Farben des Frühlings. Ueber diese Gunst des
-Himmels war vor allen der Baron erfreut, der seit mehreren
-Tagen einen einflußreichen Mann und entfernten
-Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und
-heute durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen
-zu Ehren in seinem Park veranstaltet, den bisherigen
-Festlichkeiten die Krone aufsetzen wollte. Wie es glückliche
-Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles nach
-Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche
-Gäste eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil
-sehr wohlklingend waren. Die Schützen nicht nur, auch
-die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an einer wohlbesetzten
-Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen,
-fanden sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache
-war aber, daß keiner der Geladenen so unhöflich
-war, besser zu schießen als der Graf. Dieser machte
-bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und
-kam dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und
-die vorgestellten Gäste benutzten die Gelegenheit, das
-Geschick Seiner Excellenz auf das Wärmste zu bewundern
-und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen.
-Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung
-versetzt, die eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich
-glücklich zu preisen, so etwas mit angesehen zu haben.</p>
-
-<p>Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin
-einen guten Namen zu machen, hatte ausdrücklich gegen
-den Baron den Wunsch ausgesprochen, daß auch das
-Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß
-hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes,
-der den Schützen eingeräumt war, hinter nothwendig
-erachteten Planken eine bunte Menge von Bewohnern
-des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im
-Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten
-natürlich, wer der König des Festes war, und vermöge
-jener verehrungsfrohen Theilnahme, die sich über alles
-beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich auszeichnet,
-oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit,
-die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise
-eine gehörige Schmeichelei bringen könne, machte sich
-unter ihnen ebenfalls ein sehr lebhaftes Staunen über
-die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die einen
-Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen,
-als ob sie selber den guten Schuß gethan hätten, so
-sagten andere, während der Gefeierte vorbei ging, für
-ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar: &bdquo;Das ist
-Einer! der versteht&rsquo;s! Hast du schon so was gesehen?
-Da können sich die andern verkriechen&ldquo; u. s. w. Der
-Graf lächelte und schien über diese Art der Anerkennung
-nicht weniger erfreut als über die Glückwünsche der
-Schützen und der schönen Damen.</p>
-
-<p>Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung
-strahlte. Was kann es für einen gastfreien
-Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß
-eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft?
-Das Anordnen ist unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen
-gehört außer der Kunst noch Glück. Beides, seine
-eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks genießt
-der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander;
-und wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der
-Welt ist, wie sie gar oft auch da nicht erscheinen will,
-wo man sie mit pomphaften Veranstaltungen sucht, der
-wird die innige Zufriedenheit des Barons über ihre
-damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr
-von Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht
-nur fähig sind, sich von Herzen zu freuen, sondern
-denen die Freude auch wohl ansteht. Er war von stattlicher
-Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner
-Kopf mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem
-Mund verrieth eben so wie seine Haltung den
-ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf Kenntniß
-und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem
-angehenden Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit
-unerschöpflicher Artigkeit den Wirth machte, wie er mit
-dem Schein der Absichtslosigkeit von einer Gruppe zur
-andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an
-bis zu dem geringsten derselben, ein passendes Compliment
-zu sagen wußte; wie er doppelt anmuthig und
-beglückt erschien, wenn er einer Dame den Hof machte;
-wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen
-Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen
-hervorrief, und mit Lächeln die Dorfbuben betrachtete,
-die sich in der Nähe der Tafel jubelnd im
-Grase wälzten &mdash; wer alles das auch nur als unbetheiligter
-Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen
-ungewöhnlich liebenswürdigen Mann erklärt haben. Und
-daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine Weine
-tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift
-sich.</p>
-
-<p>Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens
-war, hatten sich zwei junge Leute von ihr entfernt.
-Sie wandelten in einer Allee unter einem prächtigen
-Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und
-Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich
-aber doch auf&rsquo;s angenehmste zu unterhalten. Es war
-Arthur, der zwanzigjährige Sohn des Barons, und
-seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind
-einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem
-verwittweten Baron die Honneurs machte. Arthur, der
-ein ziemlich geübter Jagdschütze war, hatte anfangs
-auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den
-Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden
-Preise, wie billig, den Eingeladenen überlassen.
-Da er nun auch seinen geselligen Pflichten als Sohn
-des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl
-dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein
-wenig spazieren zu gehen.</p>
-
-<p>Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes
-aus der Ferne zu vernehmen. Wir empfinden hier,
-was man die romantische Poesie des fröhlichen Lebens
-nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und süßesten
-Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl
-bewegt, und lauschen wir an lieblich heimlicher
-Stelle, dann gleicht nichts dem Zauber, der bei solchen
-Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt. Die beiden
-jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach
-einem guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter
-und frohen Lärm, wandten sich theilnehmend
-um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd an und
-freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. &bdquo;Wie
-schön ist heute Alles!&ldquo; rief zuletzt Anna mit einem
-Ausdruck des jugendlichen Gesichts, der das Fest mehr
-ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur stimmte herzlich
-bei und sagte: &bdquo;Es ist mir besonders lieb meines Vaters
-wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier
-leben.&ldquo;</p>
-
-<p>Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte
-sich das Paar, einem unbewußten Zuge der Herzen
-folgend, immer weiter davon. Sie waren an der westlichen
-Grenze des Gartens angekommen und gingen in&rsquo;s
-Freie. Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen,
-der zugleich inniges Wohlgefühl und Befangenheit
-auf seinem Gesicht hervorrief. Ein süßes
-und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar
-und klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen
-Ernst wahrnahm, wurde sie gleichfalls ernster und sah
-mit einer gewissen Verlegenheit vor sich hin. So wandelten
-sie schweigend neben einander bis zum Fuß der
-Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren
-nächste Partien Eigenthum des Barons waren. &bdquo;Wir
-wollen hinauf,&ldquo; sagte Arthur wieder freundlich und
-traulicher; &bdquo;es ist schon lang, daß wir nicht mehr zusammen
-herunter gesehen haben.&ldquo; Das Mädchen, statt
-aller Antwort, ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras
-glitschte und einen leichten Schrei ausstieß, ergriff
-Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine Röthe
-glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand
-ihrer Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem
-Wohlgefallen war in den jungen Seelen eine
-Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie einen kindlichen
-Charakter behielt, nicht weniger tief und innig
-war, eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl
-offenbarte und in ihrer Bedeutung von Arthur klar
-erkannt, von Anna wenigstens geahnt wurde. Der
-Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu
-seyn, daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen.
-Denn zwischen Verwandten ist ein traulicher
-Verkehr allerdings natürlich, aber die Liebe verändert
-das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit
-dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester,
-wird durch sie ein wunderbares, heiliges Wesen,
-dem er nur mit inniger Scheu, mit tiefer Verehrung
-nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher
-erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse,
-und unmöglich dünkt es ihm, eine Hand zu berühren,
-die er sonst mit vetterlicher Unbefangenheit ergriff. Dafür
-ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt auch ein
-unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder
-mit kühnem Entschluß erstrebt zu werden.</p>
-
-<p>Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen,
-wollen wir einen kurzen Rückblick auf ihre
-Vergangenheit und ihre Lebensverhältnisse werfen.</p>
-
-<p>Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine
-Mutter, die aus einer Patricierfamilie stammte, erlag
-einer Krankheit, als er zehn Jahre alt war. In der
-nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück,
-für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten,
-der in ihm neben dem Sinn für die Wissenschaft ein
-Interesse für das Nützliche und Gemeinnützige weckte
-und ein unbefangenes Urtheil, einen festen Charakter
-in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als
-der Baron in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen
-eines Lebemanns überließ und für den Sohn ein
-gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war von
-fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen
-und war keineswegs unempfänglich für
-Schmeichelei, Eigenschaften, die der Verlockung manche
-schwache Seite boten. In Folge der guten und klugen
-Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien
-und ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das
-Liebste. Mit Recht konnte man ihn für einen musterhaften
-jungen Menschen erklären.</p>
-
-<p>Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von
-Holdingen ihren Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen
-Gutes nahm. Der Gatte dieser Dame war als Beamter
-in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts hinterlassen
-als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der
-Stadt von ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig
-leben konnte, bezog sie ihre Villa, die etwa anderthalb
-Stunden von Waldfels lag. Als eine Frau,
-die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr
-Gemahl eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete
-sie sich mit ihren geringen Mitteln dennoch würdig ein
-und führte ein Hauswesen, das bei aller Einfachheit
-einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte. Der
-Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit
-Rath und That behilflich gewesen, und das Verhältniß
-der beiden Familien hatte sich dadurch nur um so fester
-geknüpft.</p>
-
-<p>Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim
-ersten Anblick großes Wohlgefallen. Er behandelte sie
-anfangs mit der wohlwollenden Herablassung, die einem
-Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die ersten
-Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges
-Kind natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna,
-die eine sehr gute Erziehung erhalten hatte, war ihren
-Jahren körperlich und geistig voraus. Sie gehörte zu
-den Naturen, die sich in harmonischem Wachsthum entwickeln,
-immer dieselben zu bleiben scheinen und immer
-liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die
-zuerst ein unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit
-des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau sich aber
-schnell zu überraschender Schönheit ausbilden, so war
-Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese
-erreichte später nur einen höheren Grad der Vollendung.
-Eine schlanke, feine Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem
-Gepräge, das aber, von kindlicher Freude und
-herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von äußerlicher
-Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume,
-fein, ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon
-früh zeigte sie entschiedene geistige Fähigkeiten, durch
-welche sie nach und nach in den Stand gesetzt wurde,
-ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen und mit
-verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen.
-Alles das flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die
-ihn ein anderes Verhalten gegen sie annehmen ließ.
-Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von seinem
-Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen.
-Da sie häufig beisammen waren, so entstand zwischen
-ihnen ein vertrauliches Verhältniß, in welchem sich
-beide wohl und glücklich fühlten. Es war jedoch vollkommen
-harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie
-sie in solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich
-in ihnen.</p>
-
-<p>Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich
-bezog Arthur die Universität. In der akademischen Freiheit
-gab er sich den Studien hin, die ihn am meisten
-anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden Naturgeschichte
-und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie
-und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen.
-Die Erde mit ihrem Reichthum an Natur-
-und Kunstprodukten, deren beste Anwendung und Vertheilung,
-Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde
-der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der
-Liebe zur Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang
-ausfindig machte, so hatte er über diese Gegenstände
-selber seine Gedanken und hielt sie für wichtig
-genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner
-angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte
-sich aber in vorkommenden Fällen seines Standes würdig,
-und schonte da, wo es eine Ehrensache war, etwas zu
-thun, das Geld weniger, als andere seiner Commilitonen,
-die sich eines bessern &bdquo;Wechsels&ldquo; rühmten. In
-der neuen Welt, die ihm in seinen Studien aufging,
-und bei den Bekanntschaften, die er machte, war ihm
-das Bild der kleinen Anna einigermaßen erblaßt, und
-zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren
-seines Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch
-eine Zusammenkunft wieder aufzufrischen. Vor wenigen
-Tagen nun, wo ihn sein Vater des Grafen wegen nach
-Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal
-wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr
-Wesen verrieth schon jene Fülle des Gemüths und jenen
-eigenthümlichen Gehalt, der bei andern Naturen erst
-später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter
-der Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu
-geben pflegt. Es war die Jungfrau in ihrer ersten,
-rosigen Erscheinung, noch Kind und doch schon Weib
-&mdash; ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden
-Lebens. Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in&rsquo;s
-Herz getroffen. Er stand nach dem ersten Gruße scheu
-und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte er sich und
-suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden,
-was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in
-seine Seele gesenkt, der nun rasch aufging und sich
-drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle Sehnsucht bemächtigte
-sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen,
-und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen
-beschäftigt sah, lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.</p>
-
-<p>Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen.
-Obgleich hier eine Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ
-Arthur die geliebte Hand doch nicht los, indem er die
-Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das
-Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste
-Erhöhung, wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die
-Aussicht genießen wollten. Der Anblick, der sich ihnen
-hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer anderweitigen
-Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung.
-Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig
-rein geworden und der Glanz der Sonne im Westen
-nicht durch das kleinste Wölkchen mehr getrübt. Die
-fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer Beleuchtung
-vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der
-Büchsen und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang
-der männlichen Lustbarkeit anzeigte, und das nach
-Osten gebaute Schloß; weiterhin, rechts und links sich
-ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten Städtchen,
-freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern,
-reichen Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche
-der Segen des Thals, der blinkende Fluß dahinströmte;
-die gegenüberliegenden Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern
-bedeckt, an ihrem Fuße hin und wieder herrschaftliche
-Wohnungen und auf einem Gipfel, aus
-Bäumen hervorragend, eine verwitterte Burgruine.
-Durch das allgemeine Grünen und Blühen hatte die
-Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen Charakter erhalten,
-und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling
-in den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten
-Augen die vor ihnen ausgebreitete Schönheit und in
-lautloser Verständigung sich selber ansahen.</p>
-
-<p>Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: &bdquo;Wie
-herrlich ist&rsquo;s hier oben! Man möchte da wohnen und
-gar nicht mehr hinuntergehen!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich hab&rsquo; auch im
-Sinn,&ldquo; bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen
-Selbstgefühl, &bdquo;hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Auf dieser Stelle?&ldquo; fragte das Mädchen. &mdash; &bdquo;Nein,&ldquo;
-versetzte der junge Mann, &bdquo;nicht hier.&ldquo; &mdash; &bdquo;Warum
-nicht?&ldquo; entgegnete sie verwundert. Arthur wiegte das
-Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen
-Mund. Anna sah ihn fragend an und sagte: &bdquo;Wo ist
-es denn schöner?&ldquo; &mdash; &bdquo;Komm,&ldquo; erwiederte Arthur und
-ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte sie nordwestlich
-an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf
-einen etwas höher liegenden und mehr vortretenden
-Punkt und sagte: &bdquo;Hier ist&rsquo;s schöner.&ldquo; Das Mädchen
-sah umher und schien den Unterschied nicht gleich wahrnehmen
-zu können. Auf einmal rief sie: &bdquo;Ah, da sieht
-man unser Haus &mdash; und mein Fenster, ganz deutlich!&ldquo;
-Eine glühende Röthe ergoß sich bei diesen Worten über
-das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu ihm,
-und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in
-ihrem Antlitz auf. Sie hatte den Grund der Wahl
-dieser Stelle erkannt. Was bisher nur in Ahnung vor
-ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie der
-Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über
-alles und für&rsquo;s ganze Leben. &mdash; Ein Schauer von Wonne
-ergriff sie; bebend und wie niedergedrückt durch die Fülle
-des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber die Liebe war
-zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham
-und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich
-über das Gesicht des schönen Mädchens verbreitete.</p>
-
-<p>Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit
-erholt; er sah auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus
-redlichen Gemüths, eine freudige Hoffnung leuchtete
-aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu ihm und
-schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte
-die ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte.
-Arthur faßte entzückt ihre beiden Hände und rief: &bdquo;Anna!
-liebe gute Anna! Du liebst mich! Ja, du liebst mich!&ldquo;
-Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte, erwiederte
-nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von
-ihren Lippen hören und rief dringend: &bdquo;Sprich, Anna!
-Liebst du mich? Willst du mir gehören?&ldquo; Das Mädchen
-erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger Liebe, mit
-dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie:
-&bdquo;Ja, Arthur!&ldquo; Der Jüngling preßte ihre Hände an
-seine Brust und rief, indem Thränen seine Augen füllten:
-&bdquo;Dank dir, Anna! tausend, tausend Dank! Ich bin
-dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll
-mein Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als
-dich zu lieben und dich glücklich zu machen!&ldquo; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf
-dem Rückwege. Die Liebe erweckt in redlichen und lebensvollen
-Gemüthern vom ersten Moment ihres Entstehens
-an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare
-Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt
-sie nach dem ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist
-ihr süßes Leben verschmolzen mit der Heiterkeit des Siegs,
-mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes. Der freudige
-Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem
-Dank für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden.
-Die Seele ist klar und ruhig bewegt, aber die Empfindung
-tiefer als je vorher. Der Himmel, in welchem
-die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als
-ob sie immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu,
-wie ein Wunder, das sich eben vor ihren Augen begeben.</p>
-
-<p>Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern
-können, sie hätten sich vielleicht in dieser Weise
-ausgedrückt; aber sie waren in ihr Glück versenkt und
-hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie vergaßen
-auch des Redens unter sich und gingen schweigend
-den Hügel hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich
-darauf, daß sie von Zeit zu Zeit die jugendlichen Gesichter
-gegen einander wandten und sich wie träumend
-mit seligem Lächeln ansahen.</p>
-
-<p>Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar
-nach einem Schuß ein allgemeines Freudengeschrei.
-Die Trompeter und Hornisten bliesen den Siegestusch
-mit nie vernommener Stärke und wiederholten ihn mehrmals.
-Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das
-Paar beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien
-Platz angelangt, erblickten sie den Grafen, von Herrn
-und Damen umgeben, die ihm mit dem lebhaftesten
-Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie warum.
-Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben,
-wie es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist.
-Wir sehen bei Hazardspielen, daß gewisse Spieler an
-gewissen Tagen unwiderstehlich glücklich sind. Dasselbe
-können wir bei den Unterhaltungen bemerken, wo es
-hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um
-vieles begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen
-offenbar eine die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt.
-Nun wohl, der Graf hatte heute seinen gesegneten Tag
-und so eben seinen Leistungen die Krone aufgesetzt, indem
-er die Krone des Vogels herunterschoß und damit
-den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall
-dabei sehr begünstigt. Andere Schützen hatten das
-Stück, welches dießmal besonders gut befestigt war, so
-wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was konnte
-das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das
-Glück und die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß
-ihm sein Glück nun eben als das höchste Verdienst angerechnet
-wurde. Die vornehmeren Gäste, die ihn umgaben,
-überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren
-Leistungen, und einige Bauernbursche hatten beim Fallen
-der Krone gerade heraus gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz.
-Dieß hätte man sonst wohl als ungehörig
-empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen,
-so hoch war der Strom der Begeisterung gestiegen.</p>
-
-<p>Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen
-durchdringen konnte. Als er ihn begrüßte, rief dieser:
-&bdquo;Ah, junger Freund, wo stecken Sie? Man hat Sie
-seit zwei Stunden nicht gesehen.&ldquo; &mdash; Arthur erwiederte,
-er habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen.
-&bdquo;Allein?&ldquo; fragte der Graf. &bdquo;Sind Sie Poet? Philosoph?
-Wie?&ldquo; &mdash; Der junge Mann bemerkte, er habe
-seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. &mdash; &bdquo;Ah
-so!&ldquo; rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war
-ein großer Kenner in Herzensangelegenheiten, hatte
-schon früher einen Blick aufgefangen, den Arthur arglos
-auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben
-machte ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser.
-Durch seinen Erfolg als Schütze zur Güte und Milde
-gestimmt, unterdrückte er indeß vor den andern eine
-neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und
-sagte beifällig: &bdquo;Damendienst geht allem vor. &mdash; Aber,&ldquo;
-setzte er vergnügt hinzu, &bdquo;etwas früher hätten Sie doch
-kommen sollen. Sie haben etwas versäumt.&ldquo; &mdash; In
-Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und
-er sagte: &bdquo;Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von
-einem Schusse gewesen zu seyn, von dem man in
-Waldfels &bdquo;noch reden wird in spätsten Zeiten.&ldquo; Allein
-überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone
-keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ei, ei,&ldquo; versetzte der Graf, &bdquo;Sie schmeicheln!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Die Schmeichelei,&ldquo; erwiederte Arthur, &bdquo;liegt nicht in
-dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz
-thun.&ldquo; &mdash; &bdquo;Schon gut,&ldquo; sagte der Graf. &bdquo;Uebrigens,&ldquo;
-fuhr er heiter fort, &bdquo;muß ich gestehen, daß der heutige
-Tag der schönste ist, den ich seit lange erlebt habe.
-Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn
-und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig
-Dank wissen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Der heutige Tag,&ldquo; erwiederte Arthur
-mit schelmischem Doppelsinn, &bdquo;wird einen Glanzpunkt
-in der Geschichte von Waldfels bilden. Was
-sich an ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu
-bemerken und die spätesten Geschlechter sollen sich noch
-daran erfreuen.&ldquo; &mdash; Der Graf lachte und verabschiedete
-den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung.
-Später sagte er zu dem Baron: &bdquo;Ihr Arthur gefällt
-mir immer besser. Er hat Geist, viel Geist, und wenn
-er sich für den Staatsdienst bestimmen will, verbürge
-ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was
-ich dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen,
-soll mit dem größten Vergnügen geschehen.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf
-von dem Wahlplatz zurück und überließ es Andern, das
-schon geplünderte Thier vollends zu Grunde zu richten.
-Als die Sonne gesunken war, bestimmte und vertheilte
-man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt,
-war doppelt und dreifach der König des Tages.
-Den würdigen Schluß des Festes machte ein Souper,
-das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf bildete
-natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm
-prangte in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß;
-hinter ihm an der Wand hatte man die von ihm gewonnenen
-prächtigen Fahnen aufgehängt. Er war offenbar
-von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er
-gehalten wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses
-Gefühl gab sich in der Form der Huld und jedermann
-gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es schön und
-groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben
-seine Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der
-Freude seines Herzens unbefangen mit ihr, und das
-Paar theilte sich die lieblichsten Dinge mit, ohne daß
-die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden
-Zeit, hie und da einen Blick auf sie zu werfen und
-Wahrnehmungen zu machen, die Sie zu ergötzen schienen.
-Der Baron ließ seine Blicke über die Gesellschaft hingleiten
-wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah,
-daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten
-Tafeln untadelich servirt wurde; er vernahm
-von allen Seiten das empfundene Lob der Speisen und
-Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu- als
-abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in
-einen frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes
-Gelächter zuweilen unterbrochen und überboten wurde.
-Das alles freute ihn in tiefster Seele. Und als er nun
-zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und
-Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit
-grenzenlosem Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte
-in höchst anerkennenden Ausdrücken den Wirth leben
-ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als ob sie
-nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den
-Herrn von Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht
-nicht ganz zu theilen, und an einem der Geladenen
-hätte man beim Serviren des Champagners sogar ein
-unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können.</p>
-
-<p>Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der
-Graf zog sich in seine Gemächer zurück und die Gäste
-verabschiedeten sich. Arthur fand Gelegenheit, der Geliebten
-durch einen Händedruck zu sagen, was seine
-Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und
-die beglückendste Antwort zu empfangen. Er war zu
-aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu begeben, und
-ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön,
-thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten
-Himmel und verklärte die Landschaft mit jenem silberklaren,
-ahnungsvollen Licht, das in gewisse Stimmungen
-süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht.
-Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem
-theuern Mädchen durchwandelt, ließ die Erlebnisse des
-Tages an sich vorüberziehen und entwarf reizende Plane
-für die Zukunft, indem er einstweilen an dem Bilde
-des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen
-sollte. Spät ging er zu Bette und setzte in
-Träumen fort, was er wachend begonnen hatte.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>II.</h3>
-</div>
-
-<p>Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr
-förderlich seyn kann, wenn sie nicht übertrieben in
-Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es, unentschiedene Verhältnisse
-sobald als möglich in&rsquo;s Klare zu bringen, und
-das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft
-auszuführen. Als er nach der Abreise des Grafen am
-Abend des folgenden Tags über seine Verlobung mit
-Anna &mdash; denn das war ihm die wechselseitige Erklärung
-&mdash; und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte,
-kam er zu dem Entschluß, dem Vater alles zu
-gestehen und sein und Annas Glück durch die Beistimmung
-der Eltern zu sichern.</p>
-
-<p>Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch
-nicht alles an ihm billigen konnte, und hatte zu seinem
-Wohlwollen, seiner theilnehmenden Güte das vollste
-Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er am
-nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm
-über seine Herzensangelegenheit zu sprechen. &mdash; Uns
-liegt nun aber vor allem ob, die Leser mit dem Manne,
-von welchem das Schicksal des Jünglings abhing, näher
-bekannt zu machen.</p>
-
-<p>Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer
-Klasse von Adeligen, wie sie jetzt seltener geworden sind.
-Sein Vater, schon bei der Uebernahme des Familiengutes
-sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber
-doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande
-nichts und übte eine würdige Gastfreundschaft; allein
-da er sich beinahe ausschließlich auf seiner Besitzung aufhielt
-und sich mit der Verwaltung seines Vermögens
-beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte
-zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich
-daher Capitalien und Güter. Bei seinem Tode war
-Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der ältere
-Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge
-die Güter, während sein um mehrere Jahre jüngerer
-Bruder in&rsquo;s Landesheer eintrat.</p>
-
-<p>Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen
-Mannes zur Verschwendung geneigt ist; im
-Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer muß seinen
-Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue
-Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem
-diese durch die väterliche Autorität niedergehalten
-gewesen, traten sie in der Freiheit um so glänzender
-hervor. Jung, schön und reich &mdash; warum sollte er sich
-etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit,
-der Baron Günther, und bewährte diese eben so
-gegen sich selbst, wie gegen Andere. Er begriff nicht,
-wie man ein anderes Streben haben könne, als das
-Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern
-Genuß zu bereiten. Beides that er denn auch in großem
-Maßstabe. Mehrere Jahre lang besaß er den Ruhm
-des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der ganzen
-Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben
-hatte, waren dafür in den Kauf gegeben.</p>
-
-<p>Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des
-Stammgutes beschränkt sah, lernte er in einer süddeutschen
-Handelsstadt ein schönes, blondes, zartgebautes
-Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige
-Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das
-Geschlecht, aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem
-reich, war jetzt kaum mehr wohlhabend zu nennen;
-statt der Mitgift brachte aber die junge Frau ökonomische
-Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung
-Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig
-geringen Mitteln doch ein anständiges Haus
-zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr sich gleich
-blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so
-hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen
-immer noch bedeutenden Revenuen. Leider starb die
-gute Frau an den Folgen einer unglücklichen Niederkunft.
-Der Baron war untröstlich; er zog sich von der
-Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin
-mit einer Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte.
-Allein noch war nicht ein volles Jahr verflossen, so
-fühlte sein Herz sich befreit und sein ursprünglicher
-Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor.</p>
-
-<p>Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den
-Sprößling eines alten Geschlechts nicht wohl passend
-sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern Seite aber
-höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten
-und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität
-zu übertreffen. Er verschmähte die Spekulation und
-hielt es unter seiner Würde, bei Kauf und Verkauf zu
-feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern mit
-ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines &bdquo;einsichtsvollen&ldquo;
-Mannes priesen. Handwerker und Künstler
-durch Bestellungen aufzumuntern und überhaupt durch
-Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien ihm als
-Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei
-dieser Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß.
-Gefiel ihm ein Pferd, ein Jagdhund oder was
-sonst immer, so mußte er es haben; und daß diese
-Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst.
-Dabei war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst
-angenehme Erscheinung. Er hatte die noble Würde
-eines Mannes, der fähig ist Andere zu erfreuen, und
-das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft
-freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim
-Spiel mit mehr guter Laune zu verlieren. Es schien
-ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine Geldstücke
-zu dem Häufchen eines andern wanderten, und
-wenn dieser seine Freude darüber nicht verbergen konnte,
-so betrachtete er ihn mit einem wohlwollend überlegenen
-Lächeln, wie etwa ein Vater sein Söhnchen, wenn es
-wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen blicken
-läßt.</p>
-
-<p>Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen
-gegönnt, so wohl stand ihm sein prächtiges Leben an.
-Die seinen waren es nicht. Schon im ersten Jahre
-reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf
-einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum
-Geldaufnehmen geschritten werden. Dieses, das nöthige
-Abbezahlen kleiner und das Aufborgen größerer Summen
-wurde von da an die hauptsächlichste Beschäftigung
-des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf
-gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen
-Reiz. Er wandte ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft
-daran, das ihn, der Verwaltung seiner
-Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen
-müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam
-bei diesen Geschäften zum Vorschein. Er sorgte dafür,
-daß seine Passiva der Welt möglichst ein Geheimniß
-blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen
-immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei
-verläugnete er seine noble Denkart keineswegs. Er beglückte
-die Frauen und Kinder der Gläubiger durch
-Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige
-Bedingungen, und wenn er seine Lieferanten und
-Handwerker nur sehr theilweise bezahlte, so hinderte er
-sie doch auf keine Weise, übermäßig große Rechnungen
-zu machen.</p>
-
-<p>Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr
-drei Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung kam er
-in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze Stärke
-seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß
-merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend
-anstrengen, um das Schiff wieder flott zu machen, und
-so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her seinen kostspieligsten
-Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses
-mußte jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn,
-vor welchem er die Lage der Dinge zu verbergen verstand,
-mußte auf Gymnasium und Universität als junger
-Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte
-Graf nach wiederholten Einladungen endlich Waldfels
-zu besuchen versprach, so durfte er nichts vermissen, was
-er von einem Wirthe seines Gleichen nur irgend zu erwarten
-berechtigt war. &mdash;</p>
-
-<p>So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten.
-Die Leser können daraus einen Schluß
-ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu fürchten
-hatte.</p>
-
-<p>Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte
-Herr eben in einem Haufen von Papieren. Er horchte
-hoch auf, als jener ihm eröffnete, daß er mit ihm über
-eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe. Der junge
-Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur
-war, entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur
-Erreichung guter Absichten die geeigneten Mittel zu finden
-weiß. Er hielt es dießmal für gut, etwas auszuholen,
-und sprach zuerst von einem Lebensplan, den er
-sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen,
-daß ihn eine besondere Neigung zu cameralistischen und
-ökonomischen Studien treibe, und daß er sich nichts anderes
-wünsche und auch nichts anderes vorhabe, als
-nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung
-des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei
-Verbesserungen, die er für möglich halte, den Ertrag
-desselben glaube steigern zu können. &mdash; Der Baron antwortete
-mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte
-ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. &mdash; Arthur
-ging nun über auf das angenehme Leben in und
-um Waldfels. Er sprach von dem gemüthlichen Charakter
-des Volks, von den vortrefflichen Familien in
-der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen
-und ihre Tochter als ausgezeichnet durch Bildung,
-Geist und Charakter, hinzufügend, daß der Vater
-dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze
-und am liebsten mit ihnen umgehe. &mdash; Der Baron, der
-darin nur eine weitere Begründung des Wunsches erblickte,
-später in Waldfels zu leben, kam noch nicht auf
-die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten
-von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn
-die größte Freude und sprach nun die zuversichtlichste
-Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß seinem innigsten
-Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf
-dem Lande leben bei seinem Vater und an der Seite
-einer braven Frau. Alle Tugenden, die er von einer
-Frau verlange, habe er aber in Anna von Holdingen
-gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder
-geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung
-ihrer Liebe und Treue von ihr erhalten und er bitte den
-Vater inständig, zu diesem Bunde der Herzen seine Beistimmung
-zu geben.</p>
-
-<p>Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung
-aus, wie einer, der zweifelt, ob er recht höre. Er erhob
-sich, betrachtete den Sohn halb mitleidig und sagte:
-&bdquo;Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben &mdash; mit
-einem Kind?&ldquo; &mdash; &bdquo;Anna,&ldquo; versetzte Arthur mit bescheidenem
-Ernst, &bdquo;ist kein Kind mehr. &mdash; Indeß,&ldquo;
-fügte er mit einem Lächeln hinzu, &bdquo;wenn sie&rsquo;s noch
-wäre, so wär&rsquo; es ihr einziger Fehler; und du weißt
-ja, daß man eben diesen am schnellsten und sichersten
-ablegt.&ldquo;</p>
-
-<p>Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem
-Bedenken schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu
-seinem Wesen, daß er sich über die Zukunft Arthurs
-nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte für
-die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn
-gewähren. In den seltenen Augenblicken, wo er wegen
-der Zerrüttung des ererbten Vermögens doch einige
-selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte er
-sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der
-so viele Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium
-zeige, werde seiner Zeit in den Staatsdienst treten, um
-eine gute Carrière zu machen; und als er den Grafen
-zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch
-daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung
-desselben einen einflußreichen Protektor zu gewinnen.
-Auf der andern Seite erwog er, daß es einem
-Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig,
-unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie
-zu machen und durch die Reichthümer der Erwählten
-die Mängel des väterlichen Vermögens zu decken. So
-mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen
-bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in
-ihm erregen. Als der Sohn auf seinem Gesicht einen
-Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien, wurde er
-sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung:
-&bdquo;Wär&rsquo;s möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele?
-Hättest du an Anna etwas auszusetzen?&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron versetzte mit Würde: &bdquo;Nach meiner Ansicht
-ist die Zeit, wo du an Verlobung, oder gar an
-Verheirathung denken kannst, überhaupt noch nicht gekommen.
-Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir
-aus vielen Gründen eine reichere Partie wünschen, da
-unsere Vermögensverhältnisse keineswegs mehr brillant
-sind.&ldquo; &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief der Sohn, &bdquo;wenn es nur das ist,
-dann hab&rsquo; ich keine Sorge!&ldquo; Und mit Selbstgefühl setzte
-er hinzu: &bdquo;Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten,
-daß ich eine reiche Frau nicht nöthig habe. Ich
-habe meine Gedanken, und wenn du mir freie Hand
-gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren
-stehen wir so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete
-Familie einführen kann.&ldquo; &mdash; &bdquo;Du weißt nicht,&ldquo;
-entgegnete der Vater mit einem Seufzer, &bdquo;wie weit es
-gekommen ist!&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist einerlei!&ldquo; versetzte der liebende,
-muthige Jüngling. &bdquo;Im schlimmsten Fall hätten
-wir nur ein paar Jahre mehr nöthig.&ldquo; Und indem er
-ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief er in bittendem
-Ton: &bdquo;Sey der gute, liebe Vater, der du immer
-warst! Gib deine Einwilligung!&ldquo;</p>
-
-<p>Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage
-so klar vor Augen, wie nie vorher. Das Gefühl, daß
-sein einziger Sohn und das gute Mädchen einem traurigen
-Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn,
-und eben die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur
-Strenge. Er wies die Hand des Sohnes zurück und
-sagte mit Entschiedenheit: &bdquo;Laß diese Thorheiten! Du bist
-selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben
-gehört!&ldquo; &mdash; Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes
-anführen zu können, fuhr er fort: &bdquo;Ich
-war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner
-Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig
-allenfalls an&rsquo;s Heirathen denken darf. Die kindischen
-Schwärmereien der Jugend sind dann von selber
-vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in
-jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß
-ich wissen, der ich Erfahrung habe und die Welt kenne.
-Aber ihr jungen Leute wollt heutzutage klüger seyn als
-die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch in die gehörigen
-Schranken zurückzuweisen. &mdash; Kurz, ich gebe zu
-dieser Verbindung meine Einwilligung nicht und werde
-dafür sorgen, daß die voreilige Liebschaft ein Ende
-findet.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte
-Herr wieder an den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt
-ihn zurück. Mit Ernst und Festigkeit erwiederte er:
-&bdquo;Du bist hart gegen mich, Vater, und das thut mir
-weh, denn ich bin&rsquo;s nicht von dir gewöhnt. Aber deine
-Härte &mdash; verzeih&rsquo; mir, daß ich so zu dir rede &mdash; kann
-und wird meinen Entschluß nicht ändern. Ich habe es
-wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich muß
-vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht
-halte. Ich <em class="gesperrt">kann</em> meiner Cousine nicht entsagen. Sie
-ist ein so liebenswürdiges Mädchen, daß sie das Bild,
-das ich mir immer von dem vortrefflichsten Weib gemacht
-habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt
-vereinigt sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den
-heitersten Geist und den klarsten Verstand. Und wenn
-sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist, was muß
-man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein
-solches Wesen existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden
-habe, ein unendliches Glück &mdash; und dieses
-Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde, sollt&rsquo;
-ich von mir stoßen? &mdash; Das ist es aber nicht allein.
-Ich habe mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen
-der Treue mit ihr gewechselt, und glaubst du,
-daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes Wort brechen
-werde?&ldquo;</p>
-
-<p>Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser
-Entgegnung nicht ganz verschließen; aber noch bewahrte
-der Baron seine Festigkeit und rief im Ton des Unwillens
-aus: &bdquo;Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler,
-daß du ein solches Wort gegeben hast!&ldquo; &mdash; &bdquo;Es ist
-dazu gekommen,&ldquo; erwiederte Arthur, &bdquo;ich weiß selbst
-nicht wie. Ich folgte meinem Herzen und es ist mir
-nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich
-fand das höchste Glück des Lebens &mdash; konnte ich da
-noch an etwas anderes denken? &mdash; Und was ist denn
-alles andere im Vergleich mit diesem Glück? Was kann
-denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das Herz
-eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken
-und Gott auf den Knieen danken möchten? &mdash;
-Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die so klein von
-sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein über alles
-geliebtes Weib durch&rsquo;s Leben zu führen. Ich aber, lieber
-Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse
-jetzt auch beschaffen seyn mögen, ich werde
-Anna glücklich machen, glücklicher als irgend jemand in
-der Welt es vermag.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten,
-mit Theilnahme auf den Sohn zu blicken und
-in seinem ganzen Wesen eine innere Bewegung zu verrathen.
-Er sagte mit sanfterer Stimme: &bdquo;Lieber Arthur,
-du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die
-Klippen nicht, die dich bedrohen! Du wirst scheitern,
-wie so viele vor dir gescheitert sind!&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich werde
-nicht scheitern!&ldquo; rief Arthur mit dem Ausdruck innerster
-Zuversicht. &bdquo;Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts
-zu schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft
-eine Stimme: du wirst über alle Schwierigkeiten triumphiren!
-&mdash; Aber,&ldquo; fuhr er dringend und herzlich fort,
-&bdquo;du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine
-Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du
-warst immer so gut gegen mich und in den letzten Jahren,
-ich darf es wohl sagen, Vater und Freund in Einer
-Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu
-meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung
-dazu, ich kann und will es nicht haben ohne sie. Darum
-schenke sie mir und gib mir dein Jawort! Wir
-wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott
-und uns selber vertrauen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende.
-Sein Herz war erweicht; und zugleich hatte der Muth
-und die Zuversicht des Sohns ihn angesteckt. Was er
-so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem gerührten
-Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe
-wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine
-gethan; er hatte gewarnt und lange genug gekämpft.
-Der junge Mensch fügte sich nicht; man mußte sich
-überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. &mdash;
-Allen diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte:
-&bdquo;Wenn du es nicht anders haben willst, so mag
-es seyn. Ich gebe meine förmliche Einwilligung noch
-nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß die
-Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat.
-Dann aber,&ldquo; setzte er mit Bedeutung hinzu, &bdquo;vergiß
-nie, daß ich dich gewarnt und nur deiner Hartnäckigkeit
-nachgegeben habe.&ldquo;</p>
-
-<p>Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet,
-um dankerfüllt des Vaters Hand zu ergreifen
-und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit kindlicher
-Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte:
-&bdquo;Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so
-wenig wie die unendliche Güte, womit du meine Bitte
-erfüllt hast. Wenn ich unglücklich werde, so ist es nur
-meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe, so hab&rsquo; ich es
-einzig und allein dir zu danken.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gut,&ldquo; versetzte der
-Baron mit väterlichem Ansehen, &bdquo;dieß ist abgemacht.
-Aber Eines muß ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag
-gehen wir zur Baronin: bis dahin wirst du das
-Schloß nicht verlassen.&ldquo; &mdash; Arthur versprach es und
-verabschiedete sich.</p>
-
-<p>Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu
-der Geliebten zu eilen, aber er schrieb an sie und sorgte
-dafür, daß der Brief ihr geheim übergeben wurde. Er
-meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit seinem
-Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls
-ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft
-seines Vaters ihre Beistimmung zu erlangen. &mdash; Den
-andern Morgen hätte man an dem schönen Mädchen
-wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz
-ihre Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche
-Thätigkeit als sonst. Wenn sie davon abließ, stand
-sie bald in tiefen Gedanken und ihren reizenden Mund
-verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln. Sie
-schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu
-können und nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte.
-Dieses Instrument spielte sie mit Fertigkeit, heute aber
-führte sie die gewählten ernsten Stücke mit einem Gefühl
-und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu
-einer weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung
-horchte und unwillkürlich dem rührenden
-Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal erhob sich
-das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben
-nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer
-großen Jugend rief eine holde Schamröthe auf ihren
-Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt und die
-Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen.
-Sie erklärte der etwas befremdet blickenden
-Mutter, daß sie ihr ein Bekenntniß abzulegen habe,
-und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör zu schenken.
-Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag
-mit der Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber
-zugleich mit dem Muthe einer liebenden Seele, durchaus
-getreu nach der Wahrheit.</p>
-
-<p>Frau von Holdingen war auf&rsquo;s höchste überrascht.
-Sie hatte nicht geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit
-des jungen Vetters, die ihr natürlich nicht entgangen
-war, eine so ernstliche Neigung verborgen wäre,
-und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen.
-Aber sie war nicht, wie der Baron, in der Lage, die
-Vereinigung der Kinder bedenklich zu finden; im Gegentheil,
-sie empfand sogleich eine große Befriedigung. Die
-Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande, Arthur
-war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und,
-was sie schon früher zum öftern hervorgehoben hatte,
-so recht von adelig schöner Gestalt. Die Vermögenszustände
-des Barons hielt die von ihres Gleichen stets
-das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie
-waren, den Sohn mithin für den Erben einer immerhin
-noch bedeutenden Besitzung, und da ihr Kind wenig
-oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die materielle
-Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut
-bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin
-von Waldfels werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches
-und Beruhigendes. Sie mußte sich Mühe geben,
-ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu merken zu
-lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten.
-Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls
-ihre hohe Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei
-dieser Jugend sowohl des Vetters als namentlich Anna&rsquo;s
-selber ein solcher Vorgang habe möglich seyn können.</p>
-
-<p>Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: &bdquo;Ich weiß
-wohl, daß ich noch jung bin, aber ich bin alt genug,
-um einzusehen, daß ich einen besseren und edleren Mann,
-als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb,
-daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum
-Spaziergang einlud, hatte ich keine Ahnung von dem,
-was kommen sollte. Es ist, wie wenn&rsquo;s vom Himmel
-gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war&rsquo;s geschehen.
-Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges
-Versprechen &mdash; und du,&ldquo; setzte sie mit herzlich bittendem
-und zuversichtlichem Ton hinzu, &bdquo;du, liebe Mutter,
-wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen
-folgend umarmte sie das Kind, indem sie mit Güte
-sagte: &bdquo;Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs Gesinnung
-auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht
-zu fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen
-werde. Es kommt aber hier vor allem auf den Baron
-an, der mit seinem Sohn vielleicht andere Absichten
-hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre
-es für dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.&ldquo;</p>
-
-<p>Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise
-des Barons in den Hof. Der wackere Herr war in
-froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem Appetit
-gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen
-Weinsorte vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön
-und die wehende Ostluft erquickend; als er daher mit
-dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr, vergaß er den
-düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und
-hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines
-Auftretens schöpfte Frau von Holdingen sogleich die
-vollste Beruhigung, und die erröthenden jungen Leute
-gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf
-beiden Seiten alles wohl stehe.</p>
-
-<p>Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der
-nicht gewohnt war, in solchen Dingen lang zurückzuhalten,
-seine Blicke von der Tochter zur Mutter gleiten
-und sich dann also vernehmen: &bdquo;Ich sehe, liebe Base,
-daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat.
-Nun, was sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das
-nicht erstaunlich? Hat man in unsern Zeiten von so
-etwas gehört? &mdash; Sie haben uns eine eigenthümliche
-Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber
-denken, wir können nicht vermeiden, uns nun damit zu
-beschäftigen.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung
-an und erwiederte: &bdquo;Allerdings hat mir meine Tochter
-alles gestanden und ich habe mein Urtheil nicht zurückgehalten
-über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend zu
-einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben
-diese Jugend, lieber Baron, muß sie entschuldigen.
-Was jetzt geschehen soll, das hängt allein von Ihrer
-Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß
-und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute
-nur die geringste Einwendung zu machen, so kenne ich
-meine Pflicht, und ich werde dafür sorgen, daß aller
-Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ach,
-beste Baronin,&ldquo; versetzte der alte Herr, &bdquo;das würde
-nicht viel helfen. Arthur hat sich mir von einer ganz
-neuen Seite gezeigt: er wäre im Stand, seinem Vater
-zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht
-nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit
-ohne weiteres Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir
-thun? Die Kinder lieben sich, sie haben sich Treue gelobt
-&mdash; und wir müssen zu ihrem Spiel gute Miene
-machen; &mdash; das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht
-aus mir unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre
-Einwilligung zu geben.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die
-Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne des Barons
-von Waldfels für höchst ehrenvoll und für das größte
-Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte.
-Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann
-völlig unmöglich gewesen, sein Jawort zu versagen. Er
-liebte es ohnehin nicht, Scenen dieser Art hinauszudehnen,
-und versetzte daher mit herzlicher Freundlichkeit:
-&bdquo;Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und
-in Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir
-in Gottes Namen unsere Einwilligung und behalten
-uns vor, die wirkliche Verlobung so lange hinauszuschieben,
-als es uns schicklich dünkt. &mdash; Möge der
-Himmel,&ldquo; setzte er mit Ernst hinzu, &bdquo;seinen Segen dazu
-geben!&ldquo; &mdash; Dann, mit Liebe zu dem Paare gewandt,
-rief er: &bdquo;Bedankt euch nun bei der guten Baronin,
-Kinder!&ldquo;</p>
-
-<p>Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder
-etwas bange geworden, folgten der Aufforderung rasch
-und ließen ihre zärtlichen Gefühle an den Eltern so
-herzlich aus, daß diese selbst der Rührung nicht widerstehen
-konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten
-Blicken ansahen. Arthur hatte Anna&rsquo;s Hand ergriffen,
-sein Auge hing an ihr in triumphirender, seliger Liebe.
-Er wagte es nicht, ihre Lippen zu küssen, und drückte,
-indem er sie an sich zog, seinen glühenden Mund auf
-ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön
-aus und ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter,
-daß der Baron der Mutter zuflüsterte: &bdquo;Mein
-Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses Kleinod so
-früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden
-die Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es
-hätte ihm doch wohl einer gefährlich werden können. Er
-hat auch in dieser Sache den Verstand und die Klugheit
-bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.&ldquo; &mdash;
-Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen
-Lächeln. &mdash;</p>
-
-<p>So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche
-bedenkliche Seite darzubieten schien, einem Ende zugeführt,
-das alle Theile zufrieden stellte. Der Baron
-hielt es um so weniger für nöthig, auf seine dermaligen
-Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder
-gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen
-zu fassen. Und wenn es nicht der Fall gewesen
-wäre, wie hätte ein so guter Mann es über&rsquo;s Herz
-bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung
-durch einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte
-sich darüber, die förmliche Verlobung in Ansehung
-der Jugend Annas erst nach einem Jahr erfolgen
-zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden,
-reisen und endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann
-nach den Umständen früher oder später die Vermählung
-stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte sich nicht abgeneigt,
-das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna
-die Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt
-zu werden.</p>
-
-<p>Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere,
-aber ächte Weinsorte der Baronin eben so gut schmecken,
-wie seine bessere zu Hause. Seine Laune belebte sich
-mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken
-und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des
-Mädchens. Unter andern wollte er darin einen Hauptbeweis
-für das Fortschreiten der Menschheit erkennen,
-daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey, so früh
-zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche
-Wahl zu treffen und mit Leidenschaft Verstand und
-Festigkeit zu verbinden. Er selber gestehe, sich mit der
-Thorheit länger abgegeben zu haben, was er übrigens
-auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von
-Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von
-dem besten Maler der altniederländischen Schule porträtirt
-und in der Poesie seines Wesens für alle Zeiten
-bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um
-einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er
-wünschte und verkündete ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit
-und mit dem besten Glauben ein Leben voll Liebe,
-Glück und Freude.</p>
-
-<p>Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit
-den frohesten Empfindungen entgegensehen? Mußten sie
-sich nicht schon angeweht fühlen von dem Hauch der
-vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche
-das Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre
-Gründe, eben diejenigen, die ein schönes, ruhiges Daseyn
-zu verdienen scheinen, die Wege des Unglücks zu
-führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von
-denen die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben
-waren, eine nach der andern zertrümmert werden sollten.</p>
-
-<p>Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war
-mit dem Baron eine eigene Veränderung vorgegangen.
-Das Glück der beiden Kinder hatte ihn in Wahrheit
-tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit nachdenklich
-gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie
-etwas zu thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor,
-seinen Haushalt noch weiter einzuschränken und auf den
-Ruhm eines glänzenden Edelmanns ganz zu verzichten.
-Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern
-wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte
-sich eine bewährte Köchin und befahl ihr, zwei
-Gerichte weniger zu geben als bisher. Da er von seinem
-gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich nicht
-entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren
-Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche
-Gelegenheiten auf. Ein reicher Nachbar hatte früher
-umsonst großes Verlangen nach seinen zwei vorzüglichen
-Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das Gelüste
-desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um
-hohen Preis ab und bezahlte damit einen drängenden
-Gläubiger. Er fing an bei den nöthigen Einkäufen auf
-Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten Kaufleuten
-um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar
-um seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst
-auf die Felder, um die Arbeiten mit anzusehen, und
-unterhielt sich mit dem Verwalter über die vortheilhafteste
-Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten
-hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit
-einer sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger
-Würde, als ob er nie an etwas anderes gedacht hätte.
-Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so lange sie
-vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten
-sie sich nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln.</p>
-
-<p>Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in
-der eingeschlagenen Richtung zu beharren, können wir
-nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn der Probe. Er
-fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher
-als gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt.
-Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht.
-&mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und
-lebenskräftigen Person hat für diejenigen, die ihr mit
-Liebe anhingen, etwas tief Erschreckendes. Zu dem
-Schmerz über den Verlust gesellt sich der grausame
-Zweifel an allem, was man bisher für sicher und
-dauernd gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die
-Unzuverlässigkeit alles Irdischen sieht mit dem Antlitz
-der Gorgone auf uns her, und es erfordert die höchste
-Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den Pflichten
-des Tages zu genügen.</p>
-
-<p>Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht
-mit Entsetzen. Die Ahnung einer unheilvollen
-Wendung ihres Geschicks durchzuckte sie, als sie die
-bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich mit
-thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in
-größter Eile nach Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt
-eben erklärt hatte, daß man jede Hoffnung aufgeben
-müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen,
-die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte
-sich Frau von Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden
-Boten an den Sohn und übernahm als nächste anwesende
-Verwandte die Leitung des Hauses.</p>
-
-<p>Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung
-seines Oheims, den er von der Landstadt, wo er als
-pensionirter Oberst lebte, mitgenommen hatte. Wir versuchen
-es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe,
-die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen
-gütiges Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit
-noch erhöht. Wenn er seinen vertrauten Freunden von
-ihm erzählte, so glänzten seine Augen, als spräche er
-von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl
-war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu
-reichen und den geliebten Vater todt vor sich zu sehen!
-Er gab sich seinem Schmerz ohne Widerstand hin.
-Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von
-dem Oheim und Frau von Holdingen übernommen
-werden.</p>
-
-<p>Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine
-zahlreiche, hochansehnliche Versammlung von Freunden
-der Familie Waldfels. Wenn nicht Alle wahre Trauer
-um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die Gruft
-seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein
-Ableben aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede
-des Ortsgeistlichen, der ihnen seine menschlich schönen
-Charakterzüge mit schonender Hindeutung auf seine
-Schwächen in&rsquo;s Gedächtniß rief.</p>
-
-<p>Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor;
-der Sohn war daher alleiniger Erbe und der Oberst,
-als der nächste Verwandte, wurde sein Vormund. Als
-beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit
-dem Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die
-Lage der Dinge und durch die Gesetze des Landes geboten
-waren. Aber bald sollte dieser Muth niedergeschlagen
-werden.</p>
-
-<p>Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte
-sich. Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere
-ließ die beiden Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen
-auf den wahren Stand der Vermögensverhältnisse. Als
-aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die sämmtlichen
-Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die
-Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten
-gefürchtet hatten: die Summe der Forderungen
-drohte das ganze Erbe zu verschlingen.</p>
-
-<p>Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen
-gewiegt und so heilige Pflichten übernommen hatte, war
-es ein schreckliches Gefühl, als er zum erstenmal diese
-Wahrnehmung machte. Er war gerade allein &mdash; sein
-Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen
-&mdash;, die klar erkannte Thatsache wirkte daher
-um so grausamer und niederwerfender auf ihn; die Verzweiflung
-wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran
-dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen
-worden war, so konnte er sich einer bittern Empfindung
-nicht erwehren. Wie war es möglich, solchen Wohlstand
-gänzlich zu untergraben und den Sohn dem Bettelstab
-nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg
-zum Untergang vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt
-zu werden? &mdash; Bei alledem vermochte er dem
-Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte
-Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande
-gehegt hatte, und der Ruin des Familienvermögens erschien
-ihm als eine Art von Verhängniß, als eine Folge
-von Schwächen des Vaters, die zu seiner Natur gehörten
-und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht
-werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er
-nicht gesehen, wohin die allzu glänzende Lebensweise
-zuletzt führen müsse, daß er sich nicht schon früher ernstlich
-von dem Stande des Vermögens unterrichtet und versucht
-habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen
-zu bestimmen. Was sollte er nun beginnen?
-Welch ein Loos wartete seiner? Wie sollte er die Hoffnungen
-seiner Geliebten, wie sollte er seine feierlich
-ertheilten Zusagen erfüllen? &mdash; Er hatte keine Antwort
-auf diese Fragen.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>III.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes
-Gemüth eine unsäglich bittere, aber eine heilsame
-Arznei. Sie führt es in dürre, todte Wüsten, aber
-eben hier wird der Resignation des Rechtschaffenen das
-Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die
-tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen
-erscheinen dem emporblickenden Auge die Sterne des
-Himmels. Gleich einem Erdbeben öffnet die Erschütterung
-des Herzens neue Quellen und macht Kräfte frei,
-deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte.
-Eben so wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich
-hereinbrechendes, niederschmetterndes Unglück die im Innersten
-zerbrochene Seele zu Gott und gibt der passiven
-Religiosität eines edeln, aber ungeprüften Herzens die
-Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung.</p>
-
-<p>Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit,
-und wir dürfen es wohl sagen, daß die grausame
-Enttäuschung ihm bittere Thränen auspreßte. Nach
-und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen
-und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl
-der Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte
-er das Große der Prüfung, die ihm auferlegt war; er
-fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem er
-an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich
-seine Seele und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein
-Herz. In dieser Stimmung vermochte er Gott zu danken
-für die ihm zugemutheten Arbeiten; er fühlte sich durch
-sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen
-Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht
-geschenkt werden sollte, durch sich selbst zu erringen.</p>
-
-<p>Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den
-Gläubigern zur Beute fallen würde und müßte, so
-dachte er nach, welche Mittel ihm wohl noch blieben,
-seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben.
-Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater
-so warm über ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich
-nieder, erstattete dem hochgestellten Mann einen treuen
-Bericht von seiner Lage und bat ihn um gütige Aufklärung
-darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in
-den Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine
-ehrenvolle Existenz zu schaffen. Mitten in der Abfassung
-dieses Schreibens tauchte eine eigenthümliche Vorstellung
-in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte, über sich
-selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt
-hatte, trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und
-er hing ihm nach, wie man Träumen nachhängt, ohne
-mehr daraus zu machen als sie sind. Seine Einbildungskraft
-mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein
-Gesicht glättete sich und gewann beinahe einen heitern
-Ausdruck.</p>
-
-<p>Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen:
-er mußte Frau von Holdingen und Anna von
-dem Stand der Dinge unterrichten. Als er nach dem
-Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten
-gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung,
-die er nur mit Mühe bemeistern konnte. Er fand die
-nöthige Ruhe erst in der Begrüßung der Frauen, schilderte
-ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß, wie
-es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation.
-Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein.
-Er betrachtete Mutter und Tochter und bemerkte zu
-seinem Troste, daß der Eindruck seiner Erzählung nicht
-so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte. Bei
-Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und
-ihrer Jugend begründet; Frau von Holdingen aber war
-auf eine solche Eröffnung schon einigermaßen vorbereitet,
-da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die ungefähr
-auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte
-sie sich nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen
-Ausruf schmerzlichen Staunens zu unterbrechen und einen
-mütterlich tiefbesorgten Blick auf die Tochter zu werfen.</p>
-
-<p>Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge
-Waldfels mit der Erklärung hervorgetreten sey, er gebe
-unter solchen Umständen Fräulein von Holdingen das
-von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr,
-um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem
-Glücke, das sie zu erwarten das Recht habe, sich in
-den Weg zu stellen. Ein solcher Gedanke hatte sich
-Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings auch
-dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden.
-Er kannte Anna und wußte, daß er sie durch
-eine solche Erklärung nur kränken würde. Er gehörte
-ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe,
-die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem
-Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren
-muß. Wie sehr er Recht hatte, zeigte sich jetzt.
-Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna liebevoll
-zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem
-Ernst: &bdquo;Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet-
-und um unsertwillen schmerzlich bedaure. Aber wir
-wollen auch das mit einander tragen. Jetzt ist es gut
-für uns, daß wir so jung sind, wir können warten.
-Ich traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles
-gelingen. Wenn andere, die mit Nichts anfangen
-mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum
-solltest du&rsquo;s nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden
-könnte,&ldquo; setzte sie mit dem schönen Aufschwung
-jugendlicher Gemüther hinzu, &bdquo;so würde ich doch stets
-die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und
-ich wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll
-meine Hand erhalten!&ldquo; &mdash; Arthur hörte mit freudiger
-Bewegung diese schmeichelhaften Worte und umarmte
-und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen
-glänzten. &bdquo;Im Unglück muß man seyn,&ldquo; rief er
-aus, &bdquo;wenn man edle Seelen kennen lernen will! Wenn
-man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch innig
-wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue
-mir nur, Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen!
-Was ich auch unternehme, es muß gesegnet werden um
-deinetwillen. Wir werden glücklich seyn, verlasse dich
-darauf &mdash; ja, glücklicher als wenn der Reichthum des
-Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem
-Ausdruck auf die jungen Leute gesehen, wie er der
-Welterfahrung eigen ist, wenn sie von liebenswürdigen
-Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren Erfüllung,
-wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen
-können. &bdquo;Ihr armen Kinder,&ldquo; schien sie sagen
-zu wollen, &bdquo;wie leicht versprecht ihr das Höchste, und
-und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von
-dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben
-glaubt!&ldquo; Aber ein Hauch von der Begeisterung der
-Liebenden war in ihre Seele gedrungen. Sie bekämpfte
-eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und
-sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: &bdquo;In
-Gottes Namen denn! Ich kann zwar euer jugendliches
-Vertrauen nicht ganz theilen und warne euch, in dieser
-Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten. Aber
-eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich
-habe meine Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben
-und ich werde sie nicht zurücknehmen. Möge es euch,&ldquo;
-setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, &bdquo;so wohl gehen als
-ihr&rsquo;s verdient!&ldquo;</p>
-
-<p>Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung
-wieder, die ihn schon einmal freundlich angemuthet
-hatte. In der Bewegtheit seines Geistes formte er unwillkürlich
-einen Plan daraus, und ein Wunsch regte
-sich in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht
-zu sehen. &bdquo;Sollte das,&ldquo; sagte er zu sich selbst, &bdquo;meine
-Bestimmung seyn? Sollte ich auf diesem Weg finden,
-was ich suche?&ldquo; Er schüttelte den Kopf. Er dachte an
-den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an
-die möglichen Aussichten, die sich ihm von dieser Seite
-her eröffnen könnten. &bdquo;Er wird mir irgend einen annehmbaren
-Vorschlag machen und ich werde ihnen bald
-eine gute Nachricht bringen können,&ldquo; sagte er zu sich
-selbst. Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er
-kam völlig beruhigt nach Hause.</p>
-
-<p>Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und
-schöpferischen Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse!
-So leicht stellt sich der innerlich begabte Mensch
-wieder her, wo andere vernichtet und trostlos am Boden
-hinschleichen! &mdash; Aber ein anderes freilich ist es, über
-den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben,
-und ein anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn
-sie nun anrücken, zu bestehen und zu überwinden. Da
-wandelt sich der Muth gar oft wieder in Niedergeschlagenheit,
-die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.</p>
-
-<p>Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem
-Wohnort zurück, um sich für die Dauer der Vormundschaft
-im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte sich, ihm
-seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann
-schien davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er
-nickte nur ernsthaft mit dem Kopf und sagte: &bdquo;Das
-hab&rsquo; ich mir gedacht!&ldquo;</p>
-
-<p>Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit
-mit seinem Bruder, unterschied sich aber von diesem
-durch Energie und eine Anlage zur Heftigkeit, die während
-seiner militärischen Laufbahn eine Art methodischer
-Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht
-die behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür
-um so strammer und schlagfertiger. Auch er hatte sein
-Erbe großentheils durchgebracht. In der ersten Zeit
-war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte
-ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer
-Leute seine Kasse erschöpft. Der Sohn derselben machte
-Ansprüche auf seine Unterstützung, und der unverheirathete
-Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über den
-Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt.
-Wenige Jahre vor dem Tode seines Bruders machte
-ein Sturz vom Pferde den damaligen Oberstlieutenant
-dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine
-Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich
-schmal, und er mußte nun auch allerlei Manöver anwenden,
-um sich nichts abgehen zu lassen. In die
-Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut. Obschon
-er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht
-gering dachte, so wußte er doch dem großen Geldbesitz
-die zeitgemäßen Concessionen zu machen, und wenn er
-in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach, so
-ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein
-Mann, wie es viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung
-ihrer Pflichten auch verschiedene schwache Seiten
-blicken lassen, und zum Theil solche, die sie an andern
-sehr ernstlich tadeln können.</p>
-
-<p>Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann
-nicht nur darum so ruhig, weil er sich das Verhältniß
-ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch schon ein
-Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus
-praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts
-wissen konnte, rief mit Verwunderung über die scheinbare
-Theilnahmlosigkeit: &bdquo;Mein Unglück scheint Sie
-nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können
-Sie mir aus dieser Noth heraushelfen?&ldquo; &mdash; Der
-Oberst erwiederte: &bdquo;Nach meiner Ansicht ist die Sache
-leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater schuldig
-wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten,
-daß bei gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der
-Erlös sie nicht einmal decken wird. Dieß müssen wir
-den Gläubigern begreiflich machen und es dahin zu
-bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen.
-Die Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent
-begnügen. Dann übernimmst du das Gut und stellst
-deine Angelegenheiten wieder her.&ldquo;</p>
-
-<p>An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht,
-aber durch nähere Prüfung der verschiedenen
-Forderungen war er davon ab- und zu dem Entschluß
-gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu
-lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert,
-die andern hatten bloß Handschriften des Barons
-aufzuweisen. Jene waren reich, diese fast ohne Ausnahme
-nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen,
-daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder
-halten und allein die unversicherten &bdquo;kleinen Leute&ldquo; zu
-einem Nachlaß zu bestimmen seyn würden. Dieß zu
-versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes,
-während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im
-besten Fall doch nur eine kümmerliche seyn würde. Sein
-Geist hatte sich ohnehin nach einer andern Seite gewendet
-und sich mit dem Gedanken, das Stammgut
-aufgeben zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum
-erwiederte er jetzt ruhig: &bdquo;Das geht nicht, lieber Onkel!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Warum nicht,&ldquo; fragte der Oberst, der sich von der
-Sicherheit des Neffen unangenehm berührt fühlte. &mdash;
-Arthur bemerkte zunächst: &bdquo;Weil dabei Leute ihr Geld
-verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr empfindlich
-fallen müßte&ldquo; &mdash; &bdquo;Das sind Skrupel eines
-jungen Menschen,&ldquo; versetzte der Oberst ungeduldig. &bdquo;Es
-handelt sich darum, ob eine alte Familie im Besitz ihres
-Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern preisgeben soll,
-die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich
-darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen
-oder untergehen soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß
-einige Philister verlieren, &mdash; darum sollen sie verlieren!&ldquo;
-&mdash; Arthur, durch diesen Ton seinerseits verletzt und
-gereizt, entgegnete: &bdquo;Wenn eine Familie nur auf Kosten
-Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Oberst sah ihn groß an. &bdquo;Ist das Ernst?&ldquo;
-sagte er endlich. &bdquo;Bis jetzt hielt ich dich für einen verständigen
-Menschen &mdash; hätt&rsquo; ich mich getäuscht? wärst
-du ein phantastischer Thor?&ldquo; &mdash; Arthur versetzte: &bdquo;Den
-Verstand, den Sie mir zutrauen, hab&rsquo; ich vielleicht;
-aber er geht allerdings nur Hand in Hand mit der
-Ehrlichkeit. Ich <em class="gesperrt">will</em> nicht verständig seyn, wenn ich
-unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall halt&rsquo; ich&rsquo;s
-noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.&ldquo;</p>
-
-<p>Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe
-überzog sein Gesicht und er schien eine heftige Entgegnung
-auf der Zunge zu haben. Allein er bezwang sich,
-um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen.
-Er sagte: &bdquo;Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt
-ist, waren reich und hochangesehen. Sie haben
-in dieser Gegend seit Jahrhunderten Gutes gethan, sie
-haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht für
-das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal
-für uns ein Opfer bringen!&ldquo; &mdash; Arthur schüttelte den
-Kopf und entgegnete: &bdquo;Wenn unsere Voreltern dem
-Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur
-ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das
-ist die Folgerung eines hochmüthigen Narren!&ldquo; platzte
-der Oberst heraus. &mdash; &bdquo;Es ist die Logik eines rechtschaffenen
-Mannes,&ldquo; erwiederte Arthur mit Festigkeit.
-&mdash; Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich
-in tiefem Unmuth von dem Jüngling ab. In einer
-Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch die Nothwendigkeit,
-seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann mit
-erneuerter Geduld: &bdquo;Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit
-hast &mdash; gut! folg&rsquo; ihr! Aber folg&rsquo; ihr zu einer
-Zeit, wo sie dich nicht zu Grunde richtet. Deine erste
-Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den Gläubigern
-dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich
-wieder empor, und wenn du wohlhabend bist, dann
-ersetze ihnen ihre Verluste.&ldquo; &mdash; Arthur wiederholte sein
-Kopfschütteln und bemerkte: &bdquo;Ich wäre nicht im Stande,
-auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht
-wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze
-zu handeln. Aber solchen Ersatz zu leisten, hab&rsquo; ich
-nicht einmal Aussicht.&ldquo;</p>
-
-<p>Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam,
-daß die versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung
-und ihrem Charakter nach zu einer Einbuße
-sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen
-der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der
-Schuldenmasse betrügen, er mithin auch im Fall eines
-Accords nur eine geringe Erleichterung zu erwarten
-hätte. &mdash; Der Oberst war betroffen. Wie es Menschen
-von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er,
-was er wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht
-und angenommen, daß man die Gläubiger überhaupt
-zu einem Nachlaß würde bestimmen können. Nun
-schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse
-richtiger angesehen haben sollte, und empfand nur um
-so mehr Unmuth gegen ihn. Er fühlte einen Drang,
-ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte endlich:
-&bdquo;Vielleicht! &mdash; vielleicht ist es so! &mdash; Aber so geht&rsquo;s,
-wenn man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten
-war, selber verbaut! Der Bankier Pranger, dem
-du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter, die jetzt
-achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater
-noch Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich
-pries, aus seinem Laden etwas in&rsquo;s Schloß liefern zu
-dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt, er ist ein
-reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen
-nichts mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden,
-und es wäre nicht das erstemal, daß der Abkömmling
-eines guten Hauses durch eine solche Heirath seine zerrütteten
-Verhältnisse wieder herstellte.&ldquo;</p>
-
-<p>Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht
-und erwiederte nun mit Ernst und Strenge: &bdquo;Wozu
-sagen Sie mir das? Wollen Sie doch bedenken, daß
-dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Nun,&ldquo; fuhr der Oberst heraus, &bdquo;wenn ich dein
-Vater gewesen wäre, so hätte ich meine Einwilligung
-zu dem thörichten Verhältniß, das du angeknüpft hast,
-nicht gegeben und du wärest frei &mdash; &mdash;&ldquo; Weiter konnte
-er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und
-funkelnden Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief:
-&bdquo;Kein Wort mehr davon, Onkel! Ich <em class="gesperrt">bitte</em> Sie!&ldquo; &mdash;
-Die Betonung dieses &bdquo;bitte&ldquo; verrieth eine Leidenschaft,
-die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von
-ihm und ging düster im Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum
-Nachdenken. Er fühlte, daß er den Neffen doch ungebührlich
-verletzt habe, und ein gewisses Bedauern, das
-er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den
-Ton der &bdquo;Güte&ldquo; anzustimmen. Er sagte: &bdquo;Wenn man
-sieht, daß ein junger Mensch im Begriff ist sich unglücklich
-zu machen, so dürfen seine Verwandten nicht ablassen,
-ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei
-Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt
-sind. Ich folge dieser Pflicht und frage dich: Was
-willst du für die Zukunft beginnen? Hast du schon einen
-Entschluß gefaßt?&ldquo; &mdash; Arthur erwiederte der Wahrheit
-gemäß: &bdquo;Noch nicht.&ldquo; &mdash; Dieser Ungewißheit gegenüber
-erschien dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig
-beste, und mit erneuter Sicherheit begann
-er: &bdquo;Du willst also dein Haus einreißen, bevor du
-wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die
-Ansicht eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur
-keine bessere, sondern gar keine entgegenzusetzen? Du
-gehst also blind in dein Verderben?&ldquo; &mdash; Der junge
-Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn
-erschüttert zu haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort:
-&bdquo;Arthur, du kennst mich dafür, daß ich kein Schwätzer
-bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag; wenn du ihn
-verwirfst, so werd&rsquo; ich ihn nicht wiederholen. Laß mich
-versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund
-und kenne meine Rechte, aber was ich thue, will
-ich mit deiner Beistimmung thun. Entschließe dich und
-gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich&rsquo;s vorstellt.
-Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu
-günstigen Bedingungen überreden: solche Menschen sind
-irgendwo zu packen. &mdash; Bedenke,&ldquo; setzte er mit Ernst
-hinzu, &bdquo;daß du dir nicht allein gehörst, sondern einem
-Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast,
-der zu den besten im Lande gehört, und daß dieser
-Name mit dir untergehen wird.&ldquo; &mdash; Arthur erwiederte
-nach kurzem Bedenken: &bdquo;Sie wollen mein Bestes auf
-Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den
-Sie dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den
-Sie mir vorschlagen, kann ich nicht gehen. Ich erkenne
-meine Pflichten gegen meinen Namen an und werde
-sie erfüllen, &mdash; aber nur so, wie mein Charakter und
-meine Ueberzeugung es gestatten.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden,
-den er so lang erhalten hatte, mußte endlich
-reißen. Er empfand all den Zorn, den man über
-die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet,
-dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten
-Rath ertheilt hat, und indem er sich mit grimmigem
-Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er: &bdquo;Gut, junger
-Herr! Jetzt hab&rsquo; ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen,
-nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen
-nach sich ziehen wird. Mir, dem erfahrenen Mann,
-kann nichts abgeschmackter vorkommen als der Hochmuth,
-der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen
-Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei,
-die den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich
-halte deinen Leichtsinn für unverantwortlich und sage
-dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh&rsquo; ich meine
-Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist,
-und überlasse dich deinem Schicksal!&ldquo; &mdash; &bdquo;Und ich,&ldquo; erwiederte
-Arthur, &bdquo;erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren
-muß, daß ich mich aber immer als Ihren Neffen
-betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn und
-diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.&ldquo;
-&mdash; Der Oberst zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an
-und verließ das Zimmer.</p>
-
-<p>In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm
-hervorgerufen, empfand Arthur die Befriedigung eines
-Menschen, der sich sagen kann, mit Festigkeit nach seiner
-Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber mit
-kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch
-peinlich, mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß
-gerathen zu seyn, dessen Aufhören er nach seiner
-Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm unmögliche
-Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen
-Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine
-Gelegenheit gefunden, von den Aussichten zu reden, die
-ihm gar bald durch den Grafen eröffnet werden könnten.
-Da er aber diesen Herrn dringend gebeten hatte, in
-Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath
-ihm bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis
-zum Einlauf des Schreibens zu warten und den Oheim
-durch eine gute Nachricht, auf die er hoffte, wo möglich
-wieder zu versöhnen.</p>
-
-<p>Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des
-Obersten entsprach seiner Erklärung. Er genügte seinen
-Pflichten als Vormund, ohne seines Projektes noch
-einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen
-seinen Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er
-suchte die Momente des Zusammenseyns möglichst abzukürzen
-und zog sich theils auf sein Zimmer zurück, theils
-machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur entschädigte
-sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier
-die Scene mit dem Oheim, und da auch dieser für gut
-fand, nichts zu sagen, so blieb der junge Mann glücklicherweise
-mit einer neuen Erörterung verschont. Mutter
-und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf
-Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen
-müsse. Darum bildete nun das Schreiben, das Arthur
-an den Grafen abgesandt hatte, und die zu erwartende
-Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung und
-mancher Vermuthung.</p>
-
-<p>Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der
-junge Waldfels betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem
-Herzklopfen, eilte auf sein Zimmer und las
-in größter Spannung.</p>
-
-<p>In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte
-der hochgestellte Herr zunächst sein Leidwesen über den
-frühzeitigen Hintritt des Vaters aus, eines der vortrefflichsten
-Männer, die er gekannt, und dessen Andenken
-seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann
-ging er auf Arthurs Verlobung über, an der er um so
-herzlicheren Antheil nehme, als <em class="gesperrt">er</em> vielleicht zuerst an
-dem edeln jungen Paar die Anzeichen einer tieferen
-Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe.
-Er wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten
-könne, und bedaure auf&rsquo;s innigste, daß die Hinterlassenschaft
-des Vaters nicht von der Art sey, um ihnen
-sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren. Was
-die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er
-hierauf eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für
-seine Person würde es am liebsten gesehen haben, wenn
-er sich der diplomatischen Carrière hätte widmen können,
-denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent
-zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes
-Vermögen die nothwendige Voraussetzung,
-und so könne in Ermanglung eines solchen leider auch
-dießmal wieder eine glänzende Begabung nicht die ihr
-zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von
-der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die
-baldige Erlangung einer Lieutenantsstelle allenfalls auch
-garantiren, so verböte sich für ihn die Wahl dieses
-Standes doch wegen der Bedingungen, an welche die
-Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften.
-Alles wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten
-rathen, auf der Universität die Jurisprudenz
-zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu widmen.
-Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu
-machen, daß der Concurrenten jetzt gar viele seyen und
-daß er eine Reihe von Jahren werde Geduld haben
-müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende Stellung
-werde erlangen können. Allein als begabter junger
-Mann werde er sich auch hier mit der Zeit hervorthun
-und ihm Veranlassung geben, seine Schritte zu fördern.
-Er auf seinem Posten habe sich freilich die strengste
-Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht;
-allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem
-edelgesinnten jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich
-unter die Arme greifen könne. Im Uebrigen
-rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt
-sey manches möglich und es könne von irgend einer
-Seite her eine unerwartet günstige Wendung seines
-Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung seiner
-höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so
-werde sie ihn nur um so inniger beglücken, und er werde
-das erhebende Gefühl eines mit Ausdauer errungenen
-und in jeder Hinsicht verdienten Looses haben. Indem
-er daher u. s. w. u. s. w.</p>
-
-<p>Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das
-Haupt in tiefer Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem
-Mann, der ihm so viel Theilnahme bewiesen und dessen
-Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag erwartet,
-der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten
-Ziel führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten
-Rath gegeben! Er sah sich mit Redensarten beschenkt,
-die ihm von purer Gleichgültigkeit dictirt und nur den
-Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht weiter!</p>
-
-<p>Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er
-weniger gehofft haben, durch das Ergebniß seiner Anfrage
-aber auch weniger erschüttert worden seyn. Der
-vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft
-und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu
-versorgen, die ihn näher angingen als Arthur. Auch
-Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren erwiesen
-und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter
-waren Männer, die nützlich oder schädlich werden
-konnten, und diese mußte er vor allen berücksichtigen.
-Als kluger Mann hatte er von jeher die Nothwendigkeit
-begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über Belohnungs-
-und Anfeuerungsmittel verfügen zu können,
-und es sich daher zur Regel gemacht, sich niemals ohne
-Noth durch eine schriftliche Zusage zu binden. Da er
-sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin von
-Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen
-sollte &mdash; konnte er dem jungen Waldfels unter den
-gegenwärtigen Verhältnissen mehr zuwenden, als ein
-mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein ausführliches
-theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar
-ein Uebriges gethan und durch das ernstlich gemeinte
-Versprechen einer späteren gelegentlichen Unterstützung
-seine wohlwollende Gesinnung vollkommen bewiesen zu
-haben.</p>
-
-<p>Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns
-nicht hineindenken; er beschuldigte ihn daher unfreundlicher
-Kälte und sah in ihm nur einen herzlosen Weltmenschen,
-von welchem für ihn gar nichts mehr zu erwarten
-sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn
-man eine unerwünschte Antwort erhalten hat! Die
-vorgeschlagene Laufbahn, die für den Jüngling an sich
-nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt geradezu widerwärtig;
-sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein
-welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem
-Oberst sagen, den er durch eine gute Nachricht zu gewinnen
-und zu beschämen gehofft? Die Reihe sich zu
-schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau
-von Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann
-eben so wie er eine trostreiche Auskunft erwartet hatte?
-&mdash; Bei diesem Gedanken ergriff ihn eine marternde
-Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die
-Stiche der Verzweiflung im Herzen.</p>
-
-<p>In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos
-hingab, erschien Arthur endlich jenes Traumbild, das
-in der letzten Zeit vor den Geschäften des Tags zurückgewichen
-war, auf&rsquo;s neue. Sein nach Rettung verlangendes
-Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das,
-was ihm zuerst nur spielender Gedanke gewesen, erschien
-ihm nun als eine Eingebung, und siegreich trat in
-ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie
-sie ihm hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in
-ihr sein Glück finden und sein Geschick wieder herstellen
-werde. Die Stunde der Entscheidung war für ihn gekommen.
-Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang
-betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus:
-&bdquo;Ja, diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern
-will ich mir selbst vertrauen und kühn der Göttin mich
-weihen, die heutzutage allein noch Wunder zu thun vermag.
-Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt
-und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein
-Vertrauen mich nicht täuschen. &mdash; Aergert euch dann,
-ihr Herrn,&ldquo; setzte er mit stolzer Geringschätzung hinzu,
-&bdquo;mit euch bin ich fertig!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande
-gefaßt, hielt die Probe nüchterner Untersuchung aus.
-Den andern Tag, nachdem er alle Verhältnisse wohl
-erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte sich, nicht
-wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber
-von der Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch
-nicht der Geliebten, ein Geständniß davon zu machen.
-Er nahm sich vor, es für Alle ein undurchdringliches
-Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von
-Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche
-Herzen einem Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe
-Ruhe nahm in seiner Seele Platz. Es war die Ruhe
-des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer
-Bestimmung zu folgen.</p>
-
-<p>Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die
-Antwort des Grafen mittheilen sollte, ohne ihre Herzen
-zu erschrecken und zu betrüben. Aus dieser Verlegenheit
-riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt wie
-ein Bote des Schicksals entgegenkam &mdash; ein Unterhändler
-seines Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus
-den Reden desselben gar bald, daß es den reichen Landsmann
-über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von
-Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von
-ihm gehört, diese Neigung begreiflich und knüpfte an
-sie seine Hoffnungen an.</p>
-
-<p>Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß,
-Daniel von Pranger war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers
-in dem zwei Stunden von Waldfels
-entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine Kunden
-mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein
-nicht ganz unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel,
-der die Kaufmannschaft in der altberühmten Handelsstadt
-erlernt, aus der die Baronin von Waldfels stammte,
-übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und
-Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte,
-gewann er. Endlich setzte er seinen Spekulationen die
-Krone auf, indem er die Wittwe eines Bankiers heirathete
-und damit eine gar viel bessere Partie machte,
-als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs
-Mutter heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein
-gesicherter Reichthum mit Stolz erfüllte, so war es ihm
-doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz desselben umstrahlt
-in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen
-des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu
-vernehmen, womit ihn seine Jugendfreunde beehrten.
-Er wiederholte diese Besuche mit Familie in gemessenen
-Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang
-Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu
-geben, das wochenlang den Hauptgegenstand der Unterhaltung
-im Städtchen bildete. Bei einem dieser Besuche
-mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels
-veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren
-rühmten die Pracht derselben und noch mehr
-die noble Feinheit, mit welcher der Baron seine Gäste
-zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für den damals
-noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große
-Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen
-Mann mit einem Gefühl, das wir nicht mit Unrecht
-als Neid bezeichnen können. Der Baron ehrte ihn gelegentlich
-durch eine Einladung, was ihn freute; aber
-er behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm
-nicht eifrig genug vorkam, und zeichnete ihn nicht vor
-andern aus, wie er es erwartet hatte; er fühlte sich
-gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich nach Hause.
-&mdash; Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher
-für ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in
-seinem Hause erschien, um ein bedeutendes Anlehen bei
-ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als der Baron verlangt
-hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und
-fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle
-Protector eines Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend
-so hoch über sich erblickt hatte und dem er auch
-in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht abzulaufen
-vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran,
-daß ihm bei der Lebensweise des Barons wohl einmal
-seine Besitzung in die Hände fallen könnte. Er hatte
-seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner Angelegenheiten
-und es war ihm angenehm, sich wegen
-nicht bezahlter Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen,
-daß die bisherige Schuld um ein Ziemliches
-größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr,
-trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf&rsquo;s
-lebhafteste in ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle
-Segel aufzuspannen, um sich einen so glänzenden Ruhesitz
-zu verschaffen und zu dem Ruhm eines reichen Mannes
-noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den
-Erben durch Kündigung des Capitals in die Enge zu
-treiben, schien ihm aus Gründen der Ehre und Klugheit
-nicht räthlich; er drängte ihn daher in keiner Weise
-und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche
-der Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für
-das Zweckmäßigste, bei dem unerfahrenen, in Verlegenheit
-befindlichen Jüngling durch einen geschickten Unterhändler
-das Geschäft beginnen zu lassen.</p>
-
-<p>Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft,
-erwähnte natürlich nichts davon, daß er von
-dem Bankier zu seiner Anfrage beauftragt sey. Er
-habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den
-gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die
-schöne Besitzung gut zu verkaufen, und die Verehrung,
-die er gehegt für den seligen Herrn Vater, mit dem er
-so manches Geschäft gemacht, und das Interesse für
-das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn
-bewogen, sich nach einem Mann umzusehen, wie man
-ihn brauche. Er habe einen solchen gefunden, einen
-Mann, reich und reell, der im Stande sey, die
-Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen
-könnte, sie zu kaufen &mdash; den Herrn von Pranger.
-Wenn der Herr Baron geneigt seyen, sie zu veräußern,
-so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das
-Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen,
-das er nicht bereuen werde.</p>
-
-<p>Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit
-auf den Mann zu sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit
-und Wärme vortrug, als ob jede Sylbe aus
-seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an
-ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so
-vorsichtig der Jude antwortete, so gewann Arthur doch
-die klarste Anschauung von dem wirklichen Stand der
-Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die
-Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen,
-sofern es nämlich preiswürdig bezahlt würde;
-vorher müsse er sich aber mit den Seinen berathen. &mdash;
-&bdquo;Natürlich,&ldquo; erwiederte der Jude, &bdquo;bei einer Sache
-von solcher Wichtigkeit! &mdash; Aber,&ldquo; setzte er fein hinzu,
-&bdquo;der Herr Oberst haben vielleicht eine zu militärische
-Ansicht von der Sache und muthen Ihnen zu, eine
-Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden könnte.
-Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf
-alle Ehren in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer
-Besitzung plagen, die sich unter den jetzigen Verhältnissen
-&mdash; verzeihen Sie, daß ich das sage! &mdash; für einen
-Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren kann.
-Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein
-bekannt, und wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten
-ist.&ldquo; &mdash; Arthur ließ das gut seyn. Man
-bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und
-trennte sich.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>IV.</h3>
-</div>
-
-<p>In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem
-jüdischen Unterhändler im jungen Waldfels angeregt,
-glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu müssen. Er fand
-ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß
-herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm
-wegen eines Anerbietens, das ihm gemacht sey, den
-Rath der Erfahrung ertheilen zu wollen. Der Oberst,
-durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt,
-brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit.
-Als Arthur in seinem Bericht Herrn von Pranger
-als Käufer nannte, machte der Kriegsmann ein erzürntes
-Gesicht. &bdquo;Dieser Sohn eines Käsekrämers,&ldquo; rief er
-aus, &bdquo;will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!&ldquo; &mdash;
-Arthur stellte dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn
-von Pranger Aussicht habe, das Gut vortheilhaft zu
-verkaufen. &bdquo;Und was den Umstand betrifft,&ldquo; fuhr er
-lächelnd fort, &bdquo;daß der Sohn eines Krämers in den
-Besitz von Waldfels kommen würde, so erlaube ich mir,
-Sie daran zu erinnern, daß Sie selber einen Vorschlag
-gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und
-nach Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels
-werden sollte.&ldquo; &mdash; Der Oberst schnitt eine Grimasse
-des Verdrusses und versetzte: &bdquo;Ja, das hab&rsquo; ich gesagt!
-&mdash; Hol&rsquo;s der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!&ldquo;
-&mdash; Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und
-stieß abwechselnd Flüche und Seufzer aus. Endlich
-stellte er sich vor den Neffen hin und sagte mit einem
-grimmigen Humor: &bdquo;Nun, wenn der Kerl durchaus
-unser Stammgut haben will und du nicht davon zurückzubringen
-bist, es abzugeben, so laß dir&rsquo;s wenigstens
-so gut als möglich bezahlen!&ldquo; &mdash; Arthur, erfreut
-über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte:
-&bdquo;Dafür, lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen.
-<em class="gesperrt">Bezahlen</em> soll er es!&ldquo;</p>
-
-<p>In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben,
-wenn wir jemanden tractabler finden, als wir zu hoffen
-gewagt, begab sich Arthur zu Frau von Holdingen. Er
-sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des
-Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß
-nicht verbergen, daß ein Gut, welches die Familie
-Waldfels Jahrhunderte hindurch besessen hatte, in die
-Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie mußte
-indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück
-halten müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer
-Summe Geldes gelange, die er zu seinem Fortkommen
-gar sehr würde brauchen können. &bdquo;Um so mehr,&ldquo; fiel
-Arthur ein, &bdquo;als unser edler Verwandter, der Herr
-Graf, die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben,
-vor der Hand nicht erfüllen zu wollen scheint.&ldquo; Er
-überreichte der Baronin das Schreiben, das sie begierig
-las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und
-sagte: &bdquo;Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten,
-der nur an sich denkt.&ldquo; Sie schwieg bekümmert
-und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn schon vorher
-mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien:
-&bdquo;In Gottes Namen, das macht es nicht aus!&ldquo; Nun
-lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand
-und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß sich nach
-einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden.
-Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: &bdquo;Wir
-wollen uns jetzt an das Nächste halten und einen vortheilhaften
-Verkauf zu bewerkstelligen suchen. Ich hoffe
-Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels
-und Herrn von Pranger begannen. Jener, durch seinen
-Oheim unterstützt, benahm sich dabei so klug, daß die
-Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in
-seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde.
-Es kam Arthur zu gute, daß die übrigen Gläubiger in
-seine Redlichkeit volles Vertrauen setzten und in das
-Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde es
-ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter
-die Leute gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen
-einen schlimmen Streich zu spielen, indem er das Geld
-zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich &mdash; und das
-war die Hauptsache &mdash; hatte Arthur noch das Glück,
-den jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer,
-auf seine Seite zu bekommen.</p>
-
-<p>Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war
-er von Herzen freundlich gegen jedermann. An Samuel
-Rosenheimer ergötzte ihn das mit der Sicherheit eines
-Künstlers durchgeführte Spiel, welches er durchschaute;
-er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei mit
-Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter
-Mann Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen
-kehrte gegen seinen Unterhändler bald die unangenehme
-Seite des Auftraggebers hervor. Er ward ärgerlich,
-daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte;
-einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb
-einen Brief, in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende
-Vorwürfe machte und ihm erklärte, daß er sich in die
-Nothwendigkeit versetzt sehen könnte, einen andern Unterhändler
-zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel
-gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen
-verletzen ihn aber um so tiefer und eine stille
-Wuth bleibt um so länger in seinem Gemüthe. Als
-Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte, verzog
-er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: &bdquo;Der
-Herr Baron von Waldfels, der Abkömmling einer so
-alten und so angesehenen Familie, ist höflich gegen mich,
-und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel gestorben
-ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung!
-&mdash; Nu, wir wollen sehen!&ldquo;</p>
-
-<p>Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder
-wollte eine gewisse Aufregung nicht verbergen. Er faßte
-den jungen Mann bei der Hand und sagte: &bdquo;Herr Baron,
-erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen
-rede. Ich mein&rsquo;s gut mit Ihnen &mdash; glauben Sie mir!
-Sie sind ein braver und liebenswürdiger Herr und unverdient
-&mdash; das weiß der liebe Gott! &mdash; in eine
-schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater &mdash; Gott
-hab&rsquo; ihn selig! &mdash; er war auch ein braver Herr; aber
-er trieb&rsquo;s ein bischen zu hoch, er war auch zu gut &mdash;
-und wie&rsquo;s so geht wenn man einmal anfängt Schulden
-zu machen, ist&rsquo;s oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und
-nun steht&rsquo;s so &mdash; unter uns, Herr Baron, können wir
-das schon sagen &mdash; daß Sie möglicherweise um Ihr
-ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh,
-ich versichere Sie, weh thut&rsquo;s mir! Ich weiß ja auch,
-warum Sie jetzt wünschen müßten, das ganze große Vermögen
-zu haben, das an Ihren Herrn Vater gekommen
-ist. So wahr ich hier stehe, &rsquo;s freut mich allemal,
-wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen &mdash;
-zwanzig Meilen in der Runde gibt es kein so liebes
-und so schönes Paar! &mdash; Herr Baron &mdash; nichts für ungut!
-&mdash; ich hab&rsquo; auch ein Herz!&ldquo;</p>
-
-<p>Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen
-feucht geworden und Arthur wußte nicht, was er von
-ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend fuhr jener
-fort: &bdquo;Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will,
-das will ich Ihnen sagen. &mdash; Ihnen, Herr Baron,
-muß geholfen werden! &mdash; und ich, Samuel Rosenheimer,
-der ich hier vor Ihnen stehe &mdash; ich will Ihnen
-helfen!&ldquo; &mdash; Arthur sah ihn verwundert an. Es kam
-ihm vor, als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe,
-und er sagte freundlich: &bdquo;Wie wollen Sie das machen,
-lieber Herr Rosenheimer?&ldquo; &mdash; &bdquo;Fragen Sie mich nicht,&ldquo;
-erwiederte jener, &bdquo;ich werd&rsquo;s machen! &mdash; Wissen Sie
-was? Ich kehre auf eine Stunde in&rsquo;s Wirthshaus zurück.
-Gehen Sie unterdeß zum Herrn Onkel, berathen
-Sie sich mit ihm und schreiben Sie die Bedingungen,
-unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen
-Bogen Papier; weiter nichts. &mdash; Herr Baron, ich empfehle
-mich Ihnen.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur
-übergab ihm lächelnd das gewünschte Papier. Rosenheimer
-las es und sagte bedenklich: &bdquo;Sie fordern viel,
-Herr Baron.&ldquo; &mdash; &bdquo;Nicht mehr,&ldquo; erwiederte Arthur,
-&bdquo;als die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich
-selbst würde sie um diesen Preis nicht abgeben, wenn
-ich nicht dazu gezwungen wäre.&ldquo; &mdash; Der Jude versetzte:
-&bdquo;Nu, wir wollen sehen! &mdash; Für jetzt muß ich Sie
-aber bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und
-mit niemand darüber zu reden. Vertrauen Sie dem
-Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er wieder
-kommt.&ldquo;</p>
-
-<p>Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger
-durch einen Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst
-von N. habe geäußert, er wolle das Gut Waldfels
-kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit
-geheimnißvoller Miene in&rsquo;s Comptoir. Der Bankier
-nahm ihn sogleich mit in sein Zimmer und fragte ihn
-hastig: &bdquo;Ist&rsquo;s wahr, daß der Fürst von N. die Absicht
-hat, Waldfels an sich zu bringen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Haben Sie
-auch schon davon gehört?&ldquo; versetzte der Jude ruhig.
-&bdquo;Ich kann Ihnen nur sagen, was mir mein Schwager
-aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat: daß dieser
-Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen
-seiner Beamten nach Waldfels zu schicken.&ldquo; &mdash; Dem
-Bankier stieg das Blut in&rsquo;s Gesicht und er rief unwillig
-aus: &bdquo;Das wäre ja schändlich, wenn mir ein Gut, auf
-das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt
-würde?&ldquo; &mdash; &bdquo;Können Sie sich wundern,&ldquo;
-versetzte Rosenheimer, &bdquo;daß eine so schöne Besitzung noch
-mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie sich gratuliren:
-noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht
-des reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu
-Gebot. Aber wie? Bezahlen müssen Sie&rsquo;s! Der junge
-Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth seines
-Gutes genau &mdash; nu, was red&rsquo; ich viel? Hier sind die
-Bedingungen!&ldquo;</p>
-
-<p>Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und
-übergab ihm das Papier. Der Bankier las rasch und
-rief unmuthig aus: &bdquo;Wie, das ist &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Das Ultimatum
-von dem Herrn Baron,&ldquo; fiel Rosenheimer ein.
-&mdash; &bdquo;Ist der junge Mann klug?&ldquo; versetzte Herr von Pranger;
-&bdquo;diese Summe!&ldquo; &mdash; &bdquo;Die Summe ist schön,&ldquo; bemerkte
-Rosenheimer, &bdquo;aber Waldfels ist noch schöner.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Und die Bedingungen?&ldquo; fuhr der Bankier fort.
-&bdquo;Sechs Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden
-keine wesentlichen Aenderungen vornehmen zu
-dürfen! Was soll das?&ldquo; &mdash; &bdquo;Herr von Pranger,&ldquo; erwiederte
-Rosenheimer, &bdquo;Sie wissen, solche Herren hängen
-mit einer ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem
-Stammsitz ihrer Familie. Es thut dem armen jungen
-Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann.
-Da es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür
-sorgen, daß es noch einige Jahre so besteht, wie er
-es gefunden hat. Eine Grille, wenn Sie wollen! Aber
-was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal
-haben, geben Sie&rsquo;s doch nicht wieder her, und Veränderungen
-an den Gebäulichkeiten wären nicht nöthig,
-wenn ein Fürst &mdash; was sag&rsquo; ich? &mdash; wenn ein König
-es beziehen wollte.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer
-auf und ab. Der Jude las in seinem Gesicht,
-daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern kommen
-zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm
-und sagte: &bdquo;Herr von Pranger, Sie sind ein reicher
-Mann, &mdash; keine Widerrede! &mdash; Sie sind ein reicher
-Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar
-tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie&rsquo;s nicht wissen,
-spüren Sie&rsquo;s nicht, aber dem jungen Mann thun
-sie gut. Und wenn es wird bekannt werden, was Sie
-gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von
-Pranger ist ein großmüthiger Charakter; &mdash; er hat dem
-jungen Mann in seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt
-&mdash; er hat gehandelt als ein wahrer Edelmann
-&mdash; er verdient den Edelmannssitz zu haben.&ldquo; &mdash; Das
-hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen.
-Herr von Pranger wurde um vieles freundlicher und
-vermochte seinen Worten kaum den Schein eines Vorwurfs
-zu geben, als er sagte: &bdquo;Was sind Sie für ein
-Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ich nehme nicht die Partie des Barons,&ldquo; entgegnete
-Rosenheimer. &bdquo;Ich habe gethan, was ich konnte. Kann
-ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß
-der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu
-kaufen?&ldquo; Die letzten Worte gaben dem Bankier wieder
-einen Stich in&rsquo;s Herz. &bdquo;Nun, wollen Sie?&ldquo; fragte
-Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg,
-aber der Jude sah, woran er war. &bdquo;Herr von Pranger,&ldquo;
-sagte er, seinen Hut ergreifend, &bdquo;ich habe meine
-Schuldigkeit gethan und will Sie nicht weiter belästigen.
-Aber um eins bitt&rsquo; ich Sie: wenn das Gut in
-drei oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine
-Vorwürfe.&ldquo;</p>
-
-<p>Er ging gegen die Thüre. &bdquo;Warten Sie,&ldquo; rief
-Herr von Pranger. &mdash; &bdquo;Haben Sie sich entschlossen?&ldquo;
-entgegnete der Jude. &mdash; &bdquo;Ja,&ldquo; versetzte der Bankier mit
-heroischer Anstrengung, &bdquo;in&rsquo;s Teufels Namen! Melden
-Sie dem jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen
-werde, um den Kauf mit ihm abzuschließen.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an
-den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.&ldquo;
-Herr von Pranger schrieb ein Billet, siegelte und gab
-es Rosenheimer, indem er sagte: &bdquo;So eilen Sie!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ich werde eilen,&ldquo; sagte der Jude und empfahl sich.</p>
-
-<p>Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln
-und sagte mit der Miene tiefer Geringschätzung:
-&bdquo;Wie dieser Mensch zu seinem Reichthum gekommen ist,
-möcht&rsquo; ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann? Gott soll
-helfen!&ldquo; &mdash; Samuel Rosenheimer bedachte in diesem
-Augenblick nicht, daß eine übermäßige Begierde nach
-einem zu erlangenden Gegenstand auch verständige Männer
-zuweilen toll und blind machen kann.</p>
-
-<p>Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes
-Fest. Es war der 31. März, der Tag, an
-welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das Licht der
-Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte.
-Er, der Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten
-gemeinschaftlich gespeist und saßen eben beim Kaffee,
-als der alte Diener hereintrat und zu Arthur sagte:
-&bdquo;Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke,
-er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes
-zu melden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo; rief Arthur, &bdquo;er soll
-hier hereinkommen.&ldquo; &mdash; Herr Rosenheimer trat ein, begrüßte
-die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden
-Augen vor Arthur. &bdquo;Herr Baron,&ldquo; sagte er, das Billet
-des Bankiers emporhaltend, &bdquo;was hab&rsquo; ich hier? was
-meinen Sie?&ldquo; &mdash; Arthur erwiederte lächelnd: &bdquo;Wie
-kann ich das wissen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Haben Sie die Güte zu
-lesen,&ldquo; sagte Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben
-und erklärte den andern: &bdquo;Es ist eine Einladung vom
-Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem
-Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft
-wegen Waldfels vor sich gehen soll.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ist es wahr?&ldquo;
-fragte der Oberst den Neffen, der das Billet gelesen
-hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und
-rief in der ersten Ueberraschung: &bdquo;Was doch so ein&ldquo;
-&mdash; er wollte sagen: &bdquo;verdammter Jude nicht alles durchsetzen
-kann!&ldquo; Aber er besann sich, nahm einen Armstuhl,
-rückte ihn zurecht und sagte freundlich: &bdquo;Herr
-Rosenheimer, setzen Sie sich!&ldquo; Dieser hatte indeß noch
-keine Ohren für ihn und dankte nur leichthin. Er
-sah den jungen Waldfels an und sagte: &bdquo;Nun, Herr
-Baron, verdien&rsquo; ich Lob? Hab&rsquo; ich mein Wort gehalten?
-Wie?&ldquo; Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit
-Herzlichkeit: &bdquo;Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben
-sich um mich und uns alle verdient gemacht. Nehmen
-Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine
-ganze Erkenntlichkeit.&ldquo; &mdash; &bdquo;O ich bitte!&ldquo; rief Rosenheimer
-und setzte sich. &mdash; Nachdem Arthur den Damen
-die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der Jude dem
-Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte
-Frau von Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: &bdquo;Dieser
-Erfolg macht Ihnen in der That alle Ehre, Herr Rosenheimer.
-Trinken Sie mit uns eine Tasse Kaffee?&ldquo; &mdash;
-Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste
-Lächeln. &bdquo;Gnädige Frau Baronin,&ldquo; rief er, &bdquo;diese Ehre!
-Sie beschämen mich wahrhaftig!&ldquo; Unterdessen hatte die
-Dame eine Tasse eingeschenkt und präsentirte sie ihm;
-Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.</p>
-
-<p>Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig.
-Obwohl der Gedanke, das alte Familiengut einem Andern
-überlassen zu müssen, für Arthur und die Seinen
-schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es
-so vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in
-diesem Ausgang der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen,
-einen Anfang des Glücks, das sich jetzt auch
-wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna bemerkte,
-sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten
-Vertrauen in&rsquo;s Gesicht. Rosenheimer weidete
-sich an dem Anblick des Paares und seine Augen füllten
-sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey, der
-dieses schöne Vergnügen gestiftet.</p>
-
-<p>Während die andern einen Spaziergang in den
-Park machten, fragte Arthur den Juden, wie er zu
-dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer
-hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht
-des Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen
-und nur im Allgemeinen zu bekennen, daß er Herrn
-von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der Furcht,
-das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei
-der <em class="gesperrt">Ehre</em> angefaßt habe. Nachdem er dem jungen
-Waldfels nochmal eingeschärft, zur bestimmten Stunde
-sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl er
-sich. &mdash; Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine
-so vollkommene Genugthuung, wie nie vorher. Er
-hatte sich gerächt; er hatte Gutes gethan und Lob und
-Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den Lohn,
-den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten
-mußte, durch einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit
-des Herrn Barons gemehrt zu sehen. Bei
-dieser Erwägung sagte er zu sich selber: &bdquo;Der junge
-Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum
-Glück gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn
-so ein Mann auch Verstand hat, was hilft das? Man
-muß die Mittel und Wege kennen &mdash; ein Geschäft ist
-ein Geschäft! &mdash; Aber &rsquo;s freut mich von ganzer Seele,
-daß ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel
-Geld ließ&rsquo; ich mir das nicht abkaufen!&ldquo;</p>
-
-<p>Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag
-rasch vor sich. Herr von Pranger machte keine Schwierigkeiten;
-er dachte jetzt nicht mehr an die Summe, die
-er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer
-des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt
-zu werden, und trieb selber zur Erledigung. Als
-Arthur und der Oberst ihm gratulirten, fühlte er sich
-so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte
-einige seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen
-gelobte. Nach einem kleinen Gelag fuhren beide Theile
-vergnügt nach Hause.</p>
-
-<p>Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier
-kam, sagte er: &bdquo;Wissen Sie was Neues, Herr von
-Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer, daß Sie
-ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich,
-und denken Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die
-Absicht gehabt hat, es zu acquiriren!&ldquo; &mdash; &bdquo;Mag er sich
-ärgern,&ldquo; versetzte Herr von Pranger; &bdquo;ich hab&rsquo; es jetzt
-und werd&rsquo;s behalten.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden,
-setzten Arthur in den Stand, alle Forderungen an ihn
-ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn Rosenheimer, nach
-dessen eigenem Ausdruck &bdquo;wahrhaft edelmännisch&ldquo; zu bedenken
-und noch etliche Tausend Gulden in der Hand
-zu behalten. Die unversicherten Gläubiger priesen ihn
-laut und meinten, eine so rechtschaffene Handlungsweise
-könne nicht ohne Lohn bleiben; aber auch Herr von
-Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein
-gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen
-Waldfels nicht mißbraucht, sondern die Besitzung
-als reicher Mann großherzig bezahlt habe.</p>
-
-<p>Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur,
-trotz des glücklichen Verkaufs, eine trübe und
-melancholische. Der Oberst, den keine Pflicht mehr in
-Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von Pranger
-nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu
-seiner gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige
-Tage vor seiner Abreise, wo der Gedanke des guten
-Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit besaß, hatte
-er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung
-zu quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte,
-seinem ersten Rath zu folgen und das Gut für sich zu
-erhalten. Er hatte ihm das Prekäre seiner Lage vorgestellt,
-ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen
-Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten,
-und was dergleichen lästige Bemerkungen mehr waren,
-so daß Arthur eine wahre Erleichterung fühlte, als er
-sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit
-wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des
-Scheidens und Meidens um so empfänglicher, als der
-launische April sich eben in einer lenzlich milden Heiterkeit
-gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer
-so sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche
-im Dorfe und kehrte weich gestimmt zurück. Er wandelte
-allein in all den geliebten Räumen der Besitzung
-umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen
-seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in
-dem Gedanken, daß er sein Stammgut wenigstens für die
-nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung gesichert habe.
-Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich
-mit der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben?
-Konnte er es irgend für möglich halten, daß
-der neue Eigenthümer sie wieder abgeben, daß er selber
-in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? &mdash;
-Sollen wir die Wahrheit sagen, so folgte er einer
-instinktmäßigen Regung, über deren Vernünftigkeit er sich
-keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser Gedanke
-ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung
-linderte.</p>
-
-<p>An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen
-beiden Söhnen sich zu einem glanzvollen Einzug
-in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den wenigen
-Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen
-über. Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden
-und ihm befreundeten Mannes, der in fremden Landen
-Geld erworben hatte, um es in seinem Geburtsort zu
-verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing
-im größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten
-und Koffer unter, das kleinere richtete er sich zur Wohnung
-ein. Als er in dem fertigen Nest allein da saß,
-hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied von
-Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern,
-die ihm mit nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen,
-hatte ihn gerührt und erschüttert. Wie wohl
-ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er
-doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich
-ungestört den Gedanken widmen zu können, die seine
-Seele erfüllten.</p>
-
-<p>Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil
-des Tages verwendete er auf Studien, die Abende
-brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von Holdingen
-zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend,
-saß er hier zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und
-die Schatten der Sorge flogen über seine jugendlichen
-Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und spielte
-eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen
-waren. Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit
-gingen unter im süßen Gefühl, das die edeln Töne
-in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren innern
-Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der
-Hoffnung sich durchdrangen, wo düstere Bilder an der
-Seele vorüberzogen, ohne zu erschrecken, glänzende, ohne
-zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer im Herzen
-erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und
-zu dem Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein
-Gespräch, welches Arthur Gelegenheit gab, Beispiele zu
-erzählen, wie muthige Herzen kühne Dinge gewagt
-unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt
-zur Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen
-fühlten sich mit einander gestärkt und erhoben.</p>
-
-<p>Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals
-über einen Lebensplan aussprach. Sie versuchte es ein
-paarmal, ihn durch Anspielungen zum Reden zu bringen,
-aber er lenkte das Gespräch auf einen andern
-Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor,
-ihn geradezu um eine Erklärung anzugehen, warum er
-nicht auf die Universität zurückkehre und was er denn
-überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß
-er nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob
-die Ausführung ihres Entschlusses von einem Tag
-zum andern.</p>
-
-<p>Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben,
-auf den er mit Verlangen gewartet haben mußte, denn
-er wechselte die Farbe, als er das Postzeichen erblickte,
-schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den ganzen
-Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen
-brachte er mit Schreiben zu, hatte dann eine längere
-Unterredung mit seinem Wirth, machte mehrere Gänge
-und packte Abends einen Koffer.</p>
-
-<p>Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne,
-wanderte er nach dem Landhaus. Er traf Anna
-allein im Zimmer und gab ihr die Hand. Sie sah ihn
-an und sagte: &bdquo;Wie siehst du heute aus? So feierlich!&ldquo;
-&mdash; Arthur erwiederte: &bdquo;Ich komme auch in einer feierlichen
-Absicht: ich muß dir eine Prüfung zumuthen.&ldquo;
-&mdash; Anna lächelte und sagte: &bdquo;Eine Prüfung?&ldquo; Der
-Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: &bdquo;Ich muß
-dich verlassen.&ldquo; Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht
-des Mädchens; sie erwiederte mit Ergebung: &bdquo;Darauf
-bin ich gefaßt.&ldquo; &mdash; Arthur schüttelte den Kopf und
-sagte: &bdquo;Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich muß
-weit hinweg, ich muß außer Landes gehen &mdash; und ich
-kann nicht sagen, wann ich wiederkehre.&ldquo; &mdash; Anna sah
-ihn bestürzt an, der nun entschlossen fortfuhr: &bdquo;Und
-das ist noch nicht das Schlimmste. Ich kann dir auch
-nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was
-ich unternehmen werde.&ldquo; &mdash; Das gute Kind wußte nicht
-was sie denken sollte; sie richtete einen traurigen und
-vorwurfsvollen Blick auf ihn. Arthur umfaßte sie zärtlich
-und sagte: &bdquo;Glaubst du, ich würde vor dir ein Geheimniß
-haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es
-so besser sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge
-in der Welt, die man zuerst thun muß, ehe man davon
-reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen lächerlich
-erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen,
-die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller
-haben. In meinem Innern lebt ein Trieb, der mich
-unwiderstehlich zu einem Unternehmen hindrängt, aber
-zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden
-werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen
-dürfte, um zu nehmen, was für mich bereit liegt.
-Willst du diesen Glauben mit mir theilen, ohne zu
-sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß, das du
-mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?&ldquo;
-&mdash; Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen
-kommenden Worten nicht widerstehen; sie erhob sich mit
-einem Aufschwung des Geistes auf die Höhe des Geliebten
-und erwiederte mit inniger Zuversicht: &bdquo;Ja,
-Arthur!&ldquo; &mdash; &bdquo;Wirst du mir&ldquo;, fragte dieser weiter,
-&bdquo;vollkommen vertrauen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Vollkommen,&ldquo; erwiederte
-das Mädchen. &mdash; &bdquo;Und wenn Monate vergehen, ehe ein
-Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor
-ich wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie
-in deinem Glauben wanken?&ldquo; &mdash; &bdquo;Niemals,&ldquo; versetzte
-sie. &mdash; &bdquo;Ich hab&rsquo; es ja gewußt,&ldquo; rief Arthur freudig,
-&bdquo;daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue!
-&mdash; O,&ldquo; fuhr er fort, &bdquo;der Glaube ist etwas so Schönes!
-Ich begreife jetzt, warum diejenigen, die fähig sind zu
-glauben, zum Dulden und Harren berufen werden.
-Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen!
-Wir werden uns glücklich wiedersehen!&ldquo;</p>
-
-<p>In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein.
-Arthur hatte den Muth, ihr sogleich seinen Entschluß und
-seine Forderung mitzutheilen. Die Wangen der guten
-Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: &bdquo;Wie, das
-können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite
-Welt gehen, Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten,
-und ich, die Mutter Ihrer Verlobten, soll nicht
-erfahren, was Sie thun und treiben?&ldquo; &mdash; &bdquo;Verehrte
-Frau,&ldquo; entgegnete Arthur mit Ernst, &bdquo;ich muthe Ihnen
-nichts zu, als was eine edle Seele gewähren kann. Hier
-zu Land müßte ich mit geringer Neigung einen Weg
-einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung
-und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen
-Loose führen würde. In der Ferne dagegen
-winkt mir ein Glück, nach dem ich mit Freuden ausziehe
-und das ein fröhliches Streben auch viel reicher
-lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten
-Prüfung. Aber an die Ausführung kann
-ich nur dann mit Muth und Freude gehen, wenn Sie
-mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir Anna
-erlassen hat.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist ja unerhört!&ldquo; rief die Baronin.
-&bdquo;Nein, lieber Freund,&ldquo; setzte sie hinzu, &bdquo;ich
-kann, ich darf es nicht dulden!&ldquo; &mdash; Nun trat Anna zu
-ihr, nahm sie beim Arm und sagte: &bdquo;Schau ihm doch
-nur in&rsquo;s Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus,
-dem man nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht
-sagt, was er beginnen will, so ist das Geheimniß nothwendig,
-und wir sollten ihn vielmehr bitten, zu schweigen.&ldquo;
-&mdash; Die Baronin schüttelte das Haupt und rief:
-&bdquo;O Kind, Kind!&ldquo; &mdash; Anna fuhr fort, indem ein ernstes
-Lächeln ihren Mund umspielte: &bdquo;Als ich ein Kind war,
-da erzähltest du mir Geschichten aus einer Zeit, die du
-vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich Treue
-gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer
-oder zu heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn
-vertrauensvoll ziehen ließ. Du hast mir damals die
-Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und
-solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß
-ich etwas von dir gelernt habe?&ldquo; &mdash; Das Gesicht der
-Baronin hellte sich bei dieser Rede ein wenig auf. Sie
-wendete sich gegen Arthur und rief: &bdquo;Sollten Sie vielleicht
-&mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich bitte Sie, liebe Mutter&ldquo; fiel Arthur
-ein, indem er sie bei der Hand nahm, &bdquo;fragen
-Sie mich nicht!&ldquo; &mdash; Die Baronin, durch einen eigenthümlichen
-Gedanken getröstet, war schon überwunden.
-&bdquo;Ihr macht mich selber thöricht,&ldquo; rief sie. &bdquo;Wahrlich,
-wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die
-Kinder die Eltern regieren!&ldquo; Nach einem Moment des
-Schweigens fand sie das ganze Ansehen der Mutter und
-sagte mit Ernst und Würde: &bdquo;Ein Trost ist es mir,
-daß Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand
-und ein Mann von Ehre sind. Ihrem Verstand
-und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen Sie,
-was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen
-dazu geben!&ldquo; &mdash; &bdquo;Amen,&ldquo; riefen die beiden Kinder und
-hingen an der Mutter in liebender Umarmung.</p>
-
-<p>Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel
-für ein Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust,
-daß er das zu der eben geschilderten Scene nicht zu Gesichte
-bekam. Arthur hielt es nämlich für seine Pflicht,
-auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich in
-der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst
-den Brief gelesen, sagte er zu sich selber: &bdquo;Da haben
-wir&rsquo;s! Der Mensch ist verrückt und wird ein Abenteurer!
-Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte er Ursache,
-es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts!
-Er nimmt das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche
-und geht auf und davon. So machen&rsquo;s die Leute, die
-tugendhafter seyn wollen, als andere!&ldquo; &mdash; Nachdem
-er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft,
-setzte er hinzu: &bdquo;Wär&rsquo; es nicht meine Pflicht,
-die Post zu nehmen und ihm den Kopf zurechtzusetzen?&ldquo;
-Er sah in den Brief und sagte: &bdquo;Es ist zu spät! &mdash;
-Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich
-mich wegen eines Menschen kümmern soll, der meinen
-Rath verschmäht und es für nobel hält, sich zu ruiniren!&ldquo;</p>
-
-<p>Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur
-mit den Seinigen und einem alten Diener im Posthofe
-stand. Dieser hatte seine Stelle bei Herrn von Pranger
-aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise
-begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem
-geborenen Baron nicht hätte gefallen lassen. Da er sich
-ein kleines Vermögen erspart hatte, so fragte er Arthur,
-ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne, und als
-dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag
-Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem
-es tröstlich war, eine vertraute Seele bei den Seinen
-zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr Haus aufgenommen.
-Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse
-große Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden,
-das alles überbieten solle, was früher dort gesehen
-worden sey. Aber,&ldquo; setzte der treue Diener hinzu, &bdquo;sie
-mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön
-wird&rsquo;s doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen
-Pfingstmontag. Wer hätte damals gedacht, daß dieses
-Schloß und dieser Park in andere Hände kommen und
-der junge Herr außer Landes gehen würden!&ldquo; &mdash; Arthur
-klopfte ihm auf die Schulter und sagte: &bdquo;Halte
-dich nur gut, alter Freund, und wir feiern vielleicht
-noch schönere Feste mit einander, wenn auch nicht in
-Waldfels.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gott geb&rsquo; es!&ldquo; erwiederte der Alte,
-halb gläubig und halb resignirt.</p>
-
-<p>Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein
-Wort gegangen, als hie und da eine Ermahnung, die
-sich auf die Pflege der Gesundheit und auf die Bequemlichkeit
-des Abreisenden bezog. Anna war still; an der
-Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen,
-daß sie zu ergriffen war, um reden zu können. Die
-Postpferde waren endlich an den Wagen gespannt. Arthur
-trat zu Mutter und Tochter, um den letzten Abschied
-zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten
-Vollendung der Jungfrau, so schön in Liebe und
-Leid, so unendlich Werth, Glück zu genießen, so unendlich
-fähig, Glück zu bereiten &mdash; da verließ ihn die
-bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen
-auf Jahre, vielleicht auf immer, von der Wonne seines
-Lebens! Zwischen sich und das höchste Ziel seiner Wünsche
-die Zeit und das Schicksal treten zu lassen! Der Gegenwart
-zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der liebsten
-Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! &mdash; Gegen
-diese Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen,
-die ihn bis dahin erfüllten, nicht mehr Stand;
-ein unendliches Weh ergriff sein Herz. Er preßte die
-Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen
-vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt
-riß er sich endlich los und stieg in den Wagen,
-der nach Norden rollte. Die Zurückgebliebenen sahen
-ihm weinend nach und das liebende Mädchen wollte in
-Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des
-Posthorns erschallen und schwächer und schwächer werden
-hörte.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>V.</h3>
-</div>
-
-<p>Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause
-eine Zeit stillen Lebens ein, wie es entsagende
-Gemüther zu führen pflegen. Mutter und Tochter
-füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen
-aus; sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste
-mit einander zu reden, und überließen sich meist ihren
-Gedanken. Es war eine Zeit, wo man das Ticken der
-Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für
-die Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen.
-Eine solche Existenz hat ihre eigenen Reize.
-Ergebung und Hoffnung können das Leid der Entbehrung
-versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten
-Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit
-der Natur wirken eindringlicher auf das weiche
-Gemüth und erheben es über bedrückende Gefühle, die
-tröstenden Einflüsse der Religion finden ein bereiteres
-Herz.</p>
-
-<p>Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens
-freilich durch einen Mißton unterbrochen und getrübt,
-indem die Mutter sich nicht enthalten konnte, in eine
-sorgliche Stimmung zurückzufallen und über den Abwesenden
-Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie
-das schon Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm.
-Anna schwieg dazu; sie wußte, daß dergleichen Anwandlungen
-am schnellsten vergehen, wenn sie keinen
-Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte
-sie die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur
-mit rührender Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch
-mit ihr um so mehr erhob, als er sah, wie sehr
-es die junge Herrin beglückte.</p>
-
-<p>Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende
-Macht und erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge
-um jemand setzt ohnehin eine Kenntniß von seiner Lage
-voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer Nähe
-und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig
-bei ihren Unternehmungen begleiten können. Die
-Abwesenden, bei denen dieß nicht der Fall ist, übergeben
-wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum, weil
-uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß
-einer der Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben
-nichts Bestimmtes aussagen wollte.</p>
-
-<p>Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus
-wenig Personen. Hauptsächlich verkehrte sie mit dem
-Rentier, der die Familienbilder und sonstige werthvolle
-Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken
-als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben
-von den Vorfahren desselben, gedachte man des Abwesenden
-und die Baronin erging sich gelegentlich in Vermuthungen.
-Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts
-Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser
-war durch einen zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine
-Spur gekommen, die er für die richtige hielt. Eben
-darum ließ er vor den Damen nichts davon merken
-und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für
-den Fall seines Todes über die Hälfte seines Vermögens,
-die bei ihm angelegt war, zu Gunsten Annas
-verfügt hatte.</p>
-
-<p>Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer
-von Waldfels, einen milden und verständigen Seelenhirten,
-der ebenfalls mit Liebe an dem freiherrlichen
-Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit
-der Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches
-Grüßen, wenn sie sich zufällig an einem dritten Ort
-sahen. Die Baronin hörte nur von andern, wie es
-im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger
-sich Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige
-Streiche machten, und nur die Mutter eine
-gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen könne,
-als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.</p>
-
-<p>Es war mitten im Sommer. Die Baronin und
-Anna saßen im Zimmer beisammen und hatten eben
-von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen würden,
-als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von
-Pranger mit ihrer Tochter bei ihnen vorgefahren kam.
-Sie erkundigte sich mit Wärme nach dem Befinden der
-Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt
-mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels.
-Die Baronin sagte höflich zu und rieth nach ihrer
-Entfernung hin und her, was wohl der Zweck dieses
-plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während
-des Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft
-überhäufte, sah sie nicht klarer, wohl aber hatte
-Anna, mit welcher August, der ältere Sohn des Hauses,
-sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit
-nahe kam.</p>
-
-<p>Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen
-wir erwähnen, daß in der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht
-war, die Verlobung zwischen dem jungen
-Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig
-geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß
-sie gegenseitig ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied,
-den sie im Posthofe von einander genommen,
-sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war auch
-nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden
-worden. August von Pranger, auf den Anna
-schon beim ersten Anblick einen ungewöhnlichen Eindruck
-gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen an,
-als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war,
-daß er bei der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz
-gänzlich an sie verlor. Ein Bekannter, dem er das
-erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die Wahrheit
-desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte
-ihn jetzt auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im
-Gefühl seiner selbst faßte er den Beschluß, den Kampf,
-wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem Abwesenden
-zu wagen und sich um die Gunst des schönen
-Fräuleins zu bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem
-der Mutter, deren Liebling er war, und machte von
-seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so ergreifende
-Schilderung, daß die gute Dame bald den
-Versuch aufgab, ihn von seinem Vorhaben abzubringen.
-Sie bedachte, daß eine Verbindung mit der alten Familie
-Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein
-ein gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey.
-Nachdem sie ihre Hülfe zugesagt, rückte man hinter den
-Vater und brachte ihn endlich zu der Erklärung, daß
-sie in dieser Sache freie Hand haben sollten. Mutter
-und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch
-bei Frau von Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.</p>
-
-<p>Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer
-Muthmaßung, die ja auch eine trügerische seyn konnte,
-und so knüpfte sich zwischen den beiden Familien eine
-Beziehung, die verschiedene wechselseitige Besuche zur
-Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger
-seiner Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke
-zu, daß ein Zweifel über seine Gefühle nicht mehr möglich
-war. Anna mußte fürchten, daß es von Blicken
-zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß,
-seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch
-abkühlende Mittel zu heilen. Als er das nächstemal
-sich zu entschieden huldigenden Reden verstieg, behandelte
-sie dieß als eine galante Sprechübung, rühmte
-ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck
-nicht zu weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit
-schaden müßte. Erneuten Versicherungen setzte sie
-erneuten Spott entgegen. Ein Unbefangener hätte dabei
-in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste Gleichgültigkeit,
-sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung
-erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt,
-daß sie alles, was überhaupt noch einer Auslegung
-fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen. Der junge Herr
-sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art
-von Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß,
-dem vorausgesetzten Wunsche zu entsprechen.</p>
-
-<p>Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach
-dem Landhause. Er wußte es zu machen, daß er mit
-Anna allein im Garten war, und ergoß sein Herz in
-einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte
-um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von
-ihren Mitteln doch eine andere Wirkung erwartet hatte,
-war hochbetroffen. Der Ausdruck ihres errötheten Gesichts
-verrieth, daß sich nicht nur die Liebende, sondern
-auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte,
-und mit dem Stolz beider erwiederte sie: &bdquo;Herr von
-Pranger, Sie wissen, daß ich mit meinem Vetter, dem
-Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie haben selbst
-die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu
-lernen. Und nun frag&rsquo; ich Sie: was hat Ihnen den
-Muth gegeben, der Braut eines solchen Mannes einen
-solchen Antrag zu machen?&ldquo; Der junge Mensch sah sie
-bestürzt an. Anna fuhr fort: &bdquo;Ich kann mir denken,
-daß ein längeres Verweilen in unserem Hause Ihnen
-nicht angenehm seyn wird. Nehmen Sie die Ueberzeugung
-mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze
-Welt ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine
-Mutter nicht, der ich ihn mitzutheilen verpflichtet bin.&ldquo;
-&mdash; Nun regte sich der Stolz auch in dem Abgewiesenen;
-er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der
-Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.</p>
-
-<p>Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das
-Erlebniß. Die Baronin hörte mit Entrüstung zu und
-sagte zuletzt: &bdquo;Das war also der Grund dieser plötzlichen
-Freundlichkeit? Ich hätte mir&rsquo;s denken sollen, daß irgend
-etwas Unedles dahinter verborgen war.&ldquo; Mit trübem
-Lächeln setzte sie hinzu: &bdquo;Wie unersättlich diese Menschen
-sind! Sie haben dem jungen Mann sein Stammgut
-abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte
-nehmen!&ldquo; &mdash; Anna bemerkte mit Ernst: &bdquo;Für
-diese Absicht, glaub&rsquo; ich, sind sie genug, vielleicht zu
-sehr gestraft.&ldquo; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine
-nachtheilige Folge: der Aufenthalt im Landhause begann
-ihr verleidet zu werden. Schon das Gerede, das ihr
-plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte,
-mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch,
-daß diese Familie sich anstrengte, die erlittene Niederlage
-durch Siege auf einem andern Gebiete wieder gut
-zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang. Es
-gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs
-im Plane lag, und Speisen und Getränke wurden immer
-vortrefflicher. Die Wirthe bemühten sich nun auch
-mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder der
-Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald
-ertönte die ganze Gegend von ihrem Lob. Es traten
-geschworene Anhänger des Hauses Pranger auf, die den
-Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen
-Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und
-die drei Kinder als die liebenswürdigsten Sterblichen
-priesen. Der Reichthum hat so viele Hülfsmittel!</p>
-
-<p>Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen
-in Waldfels hörte, hatte sie eine verdrießliche
-Empfindung. Sie konnte sich nicht enthalten, mißliebige
-Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend
-zu machen und Einzelne zu nennen, von denen
-sie das wiederholte Erscheinen im Schlosse nicht erwartet
-hätte. Anna versetzte lächelnd: &bdquo;Kannst du dich darüber
-wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben
-so gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth
-dafür loben, so ist das hübsch: es beweist, daß sie
-dankbar sind.&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo; erwiederte die Mutter.
-&bdquo;Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt,
-der ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert.
-Aber Herrn von A. und Herrn von O. hätt&rsquo; ich&rsquo;s nicht
-zugetraut.&ldquo; &mdash; Anna wiegte das Haupt und schwieg.</p>
-
-<p>Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer
-neuen und milderen Schönheit, der Tochter des Herrn
-von A. seine Huldigung zuwende. Die Baronin sagte
-lächelnd zu Anna: &bdquo;Er hat sich getröstet.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gott
-sey Dank,&ldquo; versetzte diese heiter, &bdquo;daß ich ihn nicht
-mehr auf dem Gewissen habe.&ldquo; &mdash; Eine Woche später
-wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit Fräulein
-von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in
-diesem Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte:
-&bdquo;Nun begreif&rsquo; ich die eifrigen Besuche dieses Herrn bei
-dem Bankier und finde sie verständig. Er braucht einen
-solchen Schwiegervater.&ldquo; Ein Verziehen der Oberlippe
-zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet
-hatte. Ihre gute Laune verlor sich mehr und mehr.
-Wenn wir bedenken, daß sie in der zweiten Hälfte des
-Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen angewiesen
-sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so
-werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich
-Mühe geben, den Geist der Mutter oben zu erhalten;
-allein glücklicherweise kam ihr das Schicksal zu Hülfe.</p>
-
-<p>An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen
-ein Brief überbracht, bei dessen Anblick ihre Augen
-strahlten. Er war von Arthur, aus London datirt und
-die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche
-verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter.
-Diese las und ihr Gesicht klärte sich einigermaßen auf.
-&bdquo;Es ist gut,&ldquo; sagte sie zuletzt; &bdquo;aber nach der Freude,
-die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung eines
-glücklichen Resultats erwartet haben.&ldquo; &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief
-das Mädchen, &bdquo;ich bin damit vollkommen zufrieden!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse
-sind, lauteten: &bdquo;Ich bin in einer eigenen Lage. Ich
-möchte dir täglich schreiben, wie ich immer an dich
-denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und
-Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich
-darauf beziehen &mdash; und ich hab&rsquo; nun einmal das Gelübde
-gethan zu schweigen. Laß mich dem gefaßten
-Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen
-dazu beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich,
-mag es auch unser Verhältniß und unser Verhalten
-seyn. Ich habe dein geliebtes Bild stets vor Augen,
-all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich,
-jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze
-Existenz durch dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie
-oft ich mich glücklich preise und wie ich dir danke!.....
-Ich kann dir nun melden, daß ich meinen vorläufigen
-Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen
-unter guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung
-abgehe. Es wird eine weite Reise seyn, und lange
-kann es dauern, bis ein zweites Schreiben von mir in
-deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht
-Muth zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für
-diejenigen, die sich lieben und vertrauen, ist die Entfernung
-nichts, denn sie sind im Geist innigst beisammen.
-Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist
-und in Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild
-im Herzen hege, wenn ich fühle, daß du mich im Herzen
-trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken tausche,
-dann empfind&rsquo; ich eine unaussprechliche Lust. Und ich
-weiß dann: was im Geist ist, das wird für die, welche
-ausharren, zuletzt in Wirklichkeit seyn.&ldquo;</p>
-
-<p>Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob
-dieser Brief trotz der Schlichtheit seiner Sprache nicht
-darnach angethan war, das Mädchen zu beglücken. Für
-die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt war, hatte
-das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit.
-Zwei Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr
-die verstorbene Frau von B. das Gut Schönbach vermacht
-habe. Sie empfand große Freude und eine unendliche
-Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert!
-Und selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war
-die Verbindung der Kinder möglich. Allerdings war
-Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte kein volles
-Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten
-doch für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt
-für weitere Unternehmungen. Wie schön
-war es von der hochbetagten Verwandten, daß sie sich
-vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner,
-als die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine
-Aeußerung übel genommen und den Verkehr mit ihr
-abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die Vorstellung
-dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen
-in die Augen kamen, die freilich bald wieder versiegten.
-Mit beinahe kindlicher Lebhaftigkeit theilte sie der von
-einem Spaziergang heimkehrenden Tochter die gute Neuigkeit
-und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu verkaufen
-und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen
-südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr
-erfreut; sie sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden
-unter sich fühlte, daß ihr heiterer Sinn wiedergekehrt
-war, um sie hoffentlich nicht wieder zu verlassen. Der
-neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre Seele.
-Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt,
-ihn vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine
-Adresse nicht und mußte ihn seinen Gang gehen lassen.</p>
-
-<p>Die erste Person, welche die Baronin mit dem
-Glücksfall und ihrem Vorhaben bekannt machte, war
-der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck seiner Freude
-die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und
-stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für
-so günstig hielt, daß sie den Handel auf der Stelle
-abschloß. Mit baarem Geld versehen und um so vergnügter
-bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten
-und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen
-später finden wir sie in Schönbach eingerichtet. Das
-sogenannte Schlößchen war ein zweistockiges Haus am
-Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und gegenüber
-lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein
-ziemlich großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten
-die Zimmer des obern Stocks, die Räume des untern
-dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.</p>
-
-<p>Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein
-lebendiges Menschenherz immer etwas Erfreuliches, um
-so mehr, wenn man einer unangenehmen Situation entgangen
-ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue
-Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das
-Neue zeigt in der Regel zuerst die schönere Seite. &mdash;
-Die Baronin fühlte sich als Gutseigenthümerin gar
-wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen unter
-ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei
-Mägde, einen Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer
-war, und den alten Diener. Die neuen
-Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister namentlich
-zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer,
-Böden und Keller waren gut versehen, das Vieh gesund.
-Der Winter stand vor der Thür, aber man war auf
-ihn gerüstet.</p>
-
-<p>Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate
-hindurch eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur
-durch wenige Besuche unterbrochen wurde, trat der in
-Anna liegende Hang zum Nachdenken hervor, und sie
-fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen,
-in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen
-sieht, begünstigen ohnehin die Einkehr in sich
-selbst und die Vergeistigung des Menschen. Die höchsten
-Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung
-im Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt
-und hochhält. Und je mehr man äußerlich entbehrt,
-desto mehr gewinnt man innerlich. Je weniger man
-von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto freier
-entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der
-Mann durch das Nachdenken über sich selbst, über Gott
-und Welt, rechtshin oder linkshin, zu dieser oder jener
-eigenthümlichen Ansicht geführt werden kann, so wird
-die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen
-Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden
-ihr auf dem Wege des Nachdenkens entgegen kommen
-und der Lohn desselben wird seyn, daß sie in jene Lehren
-eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr lebendig,
-ihr wahres Eigenthum werden. &mdash; Das war bei
-Anna der Fall. Die Frucht ihres Nachdenkens bestand
-darin, daß das Verhältniß zu Gott, welches dem Christen
-durch seinen Glauben geboten und in gewissem
-Sinn anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes
-und erlangtes wurde, daß ihr in dem, was sie bisher
-nur kindlich geglaubt hatte, ein neues Licht aufging,
-welches sie in ihrem Glauben befestigte.</p>
-
-<p>Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die
-verschiedenen Arten, wie die Menschen sich zu Gott verhalten
-können, im Zusammenhang darzustellen und zu
-beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten &mdash;
-von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht,
-ohne sich ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen,
-die vor Gott die Welt nicht sieht! Von der
-Religiosität solcher, die sich begnügen, Gott die äußere
-Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen
-an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen
-und Weisen, der erkennend und liebend in Gott
-lebt! Wie viele Abstufungen sind in jeder Hauptrichtung
-möglich, und wie erscheint jede derselben in der Wirklichkeit
-motivirt und charakteristisch! &mdash; Die Religiosität,
-die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde
-gegen die Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme
-zu verlieren, wird immer als das Ziel des Menschen
-erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und mit
-dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen
-für jede, auch für die beste Natur; denn auch in der
-besten Natur sind Gefühle und Neigungen, denen man
-sich arglos hingeben kann, die aber erst eine Prüfung
-auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben.
-Durch die Richtung auf das religiöse Ziel werden die
-selbstsüchtigen Triebe zurückgedrängt, die guten geklärt
-und erhöht und der Geist tüchtig gemacht für alle Beziehungen
-des Lebens.</p>
-
-<p>Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna
-bei einem Einblick in ihr Inneres erkennen, daß mit ihr
-eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr Vertrauen
-auf Gott war befestigt und klar geworden. In der
-Prüfung, der sie sich früher nur unterworfen hatte,
-erkannte sie den heilvollen Zweck und pries den Willen,
-der sie dazu berufen. Der Glaube an den entfernten
-Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück,
-an die Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte
-einen wesentlich heitern Charakter erhalten, und nicht
-selten war es ihr, als ob alles, was sie hoffte, schon
-erfüllt wäre.</p>
-
-<p>Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller
-Schönheit. Der Mai verdiente dießmal seinen Namen
-des Wonnemonats, was bekanntlich nicht in jedem Jahr
-der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche
-Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich
-in die Pflichten der Herrschaft. Jene behielt sich das
-oberste Regiment vor und notirte Ausgaben und Einnahmen;
-die Tochter leitete die Arbeiten im Garten.
-Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie
-hier so thätig, daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse,
-Bäume, Sträucher und Spaliere gleich gut
-im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach
-ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines
-üppig entgegen glänzte, so wurde das Wohlgefallen an
-seiner Schönheit noch gar sehr durch den Gedanken erhöht,
-daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war
-ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie.
-Die Heuernte, eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie
-vom Wetter begünstigt wird, begleitete sie von Anfang
-bis zu Ende.</p>
-
-<p>Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß
-sie mit verschiedenen Dorfleuten näher bekannt wurde.
-Sie fand unter Weibern und Mädchen solche, mit denen
-gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber
-besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft,
-über gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche
-Vorgänge. Anna freute sich, von dem Leben und
-Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud
-dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte
-über sich selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines
-solchen Umgangs noch vor einem Jahr nicht fähig gewesen
-wäre und in der Mitte der Bäuerinnen schwerlich
-ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens
-und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit
-der ökonomischen Interessen eine gewisse
-Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß ein
-solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher
-sey. Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt
-geistig arm, das Herabsteigen zu wohlwollender Theilnahme
-befreit und bereichert. &mdash; Nach und nach hatten
-sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten
-Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich
-ältere und junge Männer in Schönbach ein, die der
-Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter galante
-Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten
-nicht umhin, zuweilen an geselligen Partien Theil zu
-nehmen, und sahen, daß es ihnen eben so wenig an
-Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.</p>
-
-<p>In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach
-nur dadurch gestört, daß von Arthur keine Nachricht
-einging. Obwohl Anna nach dem ersten Brief sich
-darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben, obwohl
-sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so
-fing sie doch endlich an besorgt zu werden. Das Ziel
-seiner Reise mochte seyn, welches es wollte, für den
-Fall glücklicher Erreichung desselben sollte eine Meldung
-schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren
-gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet,
-seine Ankunft zu melden? Wollte er erst ein glückliches
-Ergebniß seiner Unternehmung abwarten? &mdash; Die Beruhigung
-der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem der
-ersehnte Brief ankam. Er war aus <em class="gesperrt">Calcutta</em>, bezog
-sich auf ein früheres, von dort abgesandtes Schreiben
-und bestätigte somit die erste Vermuthung Annas. Die
-Hauptstellen darin lauteten:</p>
-
-<p>&bdquo;Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt.
-Mit jedem Tag wird sie mir interessanter und lieber.
-Wenn man die Gabe besitzt, sich von einer Unternehmung
-eine schöne Vorstellung zu machen, so hat man
-freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu
-bestehen. Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und
-unangenehme Erfahrungen. Die Begeisterung entflieht
-zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke, wo man
-von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in
-der Wahl seines Berufs vergriffen. Doch das dauert
-nicht; es ist nur der Rauch, der aufsteigt, so lange die
-Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen hat. Die Arbeit
-wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten gewachsen,
-und nun stellt sich auch die Freude wieder ein;
-man findet, daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit
-so schön ist, wie sie in der Vorstellung war, ja
-schöner noch. &mdash; Ich stehe im Anfang, und doch habe
-ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist
-mir Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein
-Beruf mir halten werde, was ich mir davon versprochen.....
-Wie entzückend ist es, die ersten Schritte
-gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und
-bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er
-näher dem Momente bringt, wo die Träume eines liebevollen
-Herzens sich erfüllen werden! O theure Braut!
-mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich
-es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem
-Thun und Treiben glänzt mir die Sonne eines glücklichen
-Wiedersehens und vergoldet seine Umrisse. Aber
-in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung
-ist dieselbe.&ldquo;</p>
-
-<p>Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter
-zeigte, rief diese beim ersten Blick in ihn: &bdquo;Ah, Calcutta!&ldquo;
-Sie las ihn mit Aufmerksamkeit und gab ihn
-mit ernster, aber zufriedener Miene wieder zurück. Nicht
-länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung
-über den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er
-sey offenbar in die indisch brittische Armee getreten und
-habe eine Carrière eingeschlagen, die zwar der Gefahren
-mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung ungewöhnlicher
-Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein
-Recht verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben
-darum hätte er aber keine Ursache gehabt, die Wahl
-dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die Gefahr
-auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild
-für ein edelgeborenes Weib. &mdash; Anna schwieg; sie
-konnte die Sicherheit der Mutter nicht theilen, wußte
-aber auch keine andere bestimmte Ansicht entgegenzustellen.
-Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt
-hatte, es war das Rechte.</p>
-
-<p>In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen
-Wunsch genau, was sie bisher erlebt und gethan; sie
-war mit Liebe ausführlich. Nach einem reizenden Gemälde
-des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß
-er nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und
-einem bescheidenen Besitz. Sie sage ihm dieß nur für
-den Fall, daß die Aussichten in der Fremde sich trübten,
-und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem einmal
-gefaßten Entschluß abzubringen.</p>
-
-<p>Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe
-Arthurs im Hause der Baronin eingekehrt war, trug
-nicht wenig bei, daß die Getreideernte eben so glücklich
-von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die
-Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen
-war sehr zufrieden gestellt und lernte eine neue Schönheit
-der Landwirthschaft in guten Einnahmen kennen,
-die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die
-es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen,
-hatte trotz der Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas
-gebräunten Teint erhalten. Die Mutter schüttelte lächelnd
-den Kopf und meinte, sie sey eine ganze Bäuerin
-geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen
-sie aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher,
-und ein malender Dilettant, der sie einmal im Obstgarten
-sah, rief enthusiastisch: Pomona! &mdash;</p>
-
-<p>In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen
-vier Jahre. Es waren in ökonomischer Hinsicht gute
-Jahre, wo beim Gedeihen des Ganzen einzelnes Unglück
-in Feld und Stall nicht in Betracht kommen konnte.
-Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand
-gesetzt, ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu
-verfeinern, sondern zuletzt auch eine Summe Geldes
-auszuleihen. &mdash; Sie hatte dabei ein höchst behagliches
-Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in
-die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend
-günstig lauteten. &mdash; Von diesem liefen jährlich
-in der Regel zwei Schreiben ein, theils aus Calcutta,
-theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie
-zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von
-der guten Laune, womit er die Mühen seines Berufes
-ertrug, von seinem immer vorwärts strebenden Geist.
-In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung
-von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß
-er sich nun erst recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges
-Aequivalent zu sorgen. Die letzten Briefe meldeten,
-daß er viel im Lande herumgekommen, manche
-Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt
-sey. Frau von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht
-vollkommen bestätigt, fand es aber um so unbegreiflicher,
-daß er aus der Wahl seines Standes auch
-jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal
-jenen ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen,
-näher bezeichne. Anna setzte den Geliebten in
-Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise geschah, und
-machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen
-über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun
-auch nicht so häufig schreiben konnten, wie andere, so
-waren ihre wenigen Briefe doch um so gehaltvoller und
-gedankenreicher.</p>
-
-<p>Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte
-die Mutter nicht, an der weiteren Ausbildung
-ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben zu arbeiten.
-Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und
-sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil
-überflügelt zu sehen; aber noch immer vermißte sie
-manches in den Stücken, die zur Repräsentation gehören.
-Als sie einmal wieder eine Ausstellung zu machen hatte
-und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit
-einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen
-Dingen eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin
-aber bemerkte gleichfalls heiter: &bdquo;Man muß auf alles
-gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem Nabobsvermögen
-zurückkehrt und eine seinem Reichthum
-entsprechende Stellung im Vaterlande erlangt, so soll
-er eine Frau haben, die ihm durch die Würde und
-Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen
-eine sichermachende Wirkung. Es gehört schon eine
-eigenthümliche Erfahrung und eine Gewohnheit des
-Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage
-an die bösen denkt, die kommen möchten, und sich
-darauf gefaßt macht. Die hoffende und vertrauende
-Natur wird das in der Regel vergessen und glauben,
-was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist
-die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre
-Störung das Gewöhnliche im Leben.</p>
-
-<p>Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in
-ihrem Besitzthum verlebten, war von besonderer Schönheit.
-In den ersten Tagen des Mai sagte Anna zum
-Baumeister: &bdquo;Wir werden ein sonniges Jahr haben.&ldquo;
-Dieser versetzte bedenklich: &bdquo;Wenn wir nur nicht zu viel
-Sonne bekommen! Unsere Felder können eher noch einen
-nassen als einen gar zu trockenen Jahrgang ertragen,
-und ich fürchte &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Keine schlimme Prophezeihung!&ldquo;
-fiel Anna ein. &bdquo;Es ist noch immer recht geworden.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Eben deßwegen,&ldquo; meinte der Baumeister, &bdquo;kann es
-auch einmal schief gehen. Doch wir wollen das Beste
-hoffen.&ldquo;</p>
-
-<p>Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann
-hoffte, sondern was der erfahrene fürchtete. Nach wenigen
-Wochen schon konnte sich Anna von den schlimmen
-Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen.
-Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen
-erhalten, wo sie dessen am meisten bedurften; sie waren
-zum großen Theil verdorrt, selbst auf den besten Plätzen
-verkümmert. Und das Jahr behauptete den einmal angenommenen
-Charakter. Regentage waren selten, die
-heißen schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche
-trockneten ein, der Boden bekam Risse, die Natur verschmachtete.
-Wie sehnsüchtig sahen die armen Bewohner
-der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie
-freuten sie sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete!
-Aber sie ging, wie sie gekommen, und später
-erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo niedergeströmt
-hatte. &mdash; Das Sonnenlicht, das die Welt
-verschönt und Aug und Herz erquickt, wurde den
-Menschen eine Qual, sein Wieder- und Wiedererscheinen
-fürchterlich.</p>
-
-<p>Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende
-Verluste zur Folge. Die Baronin, bei welcher die Ausgaben
-die Einnahmen ebenfalls erklecklich überstiegen,
-mußte die angelegte Summe zurückfordern und großentheils
-verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten
-guten Jahre die bemittelteren Familien in den Stand
-gesetzt, ein Fehljahr auszuhalten; die Noth wurde nicht
-so groß, als man besorgte, und an Frau von Holdingen
-kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele
-Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie
-wurde von der Tochter angetrieben, so viel als möglich
-zu thun; denn für diese hatte der Sommer wenigstens
-<em class="gesperrt">eine</em> herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben Arthurs,
-worin er meldete, daß ihn das Glück auf&rsquo;s neue begünstigt,
-und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte
-Braut in zwei bis drei Jahren hoffe wiedersehen zu
-können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun um so
-mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo
-sie konnte.</p>
-
-<p>Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam
-im nächsten Frühling reichlich; schöne Tage fehlten nicht,
-man konnte sich ein fruchtbares Jahr versprechen. Leider
-überwog der Regen nach und nach, die schönen Tage
-wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte
-in Nässe zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen
-ängstigten die Herzen der Landleute. Es war nicht bloß
-der Schmerz über den Verlust, der sie quälte, es war
-auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön
-gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses
-Leid erneuerte sich fortwährend; denn es ist dem Landmann
-unmöglich, ein für allemal zu resigniren. Sobald
-die Wolken sich wieder ein wenig verziehen, hofft er
-wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf&rsquo;s neue. Das
-stete Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend,
-und man möchte verzweifeln, wenn man es jeden Morgen
-die Welt verdüstern sieht.</p>
-
-<p>Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt.
-Sie konnte im Fall eines neuen Fehljahres Noth
-und Verlegenheit nicht vermeiden, und diese Vorstellung
-entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen. Anna
-machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende
-Unglück mit mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen
-gelassener waren, als die der Mutter. Sie wunderte
-sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich war.
-Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und
-ihre Wünsche geltend zu machen, empfinden es um so
-schmerzlicher, wenn das Geschick sich ihnen entgegenstellt,
-während Schultern, die für gewöhnlich mit Lasten beschwert
-sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen
-können.</p>
-
-<p>Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine
-Reihe schöner Tage. Das Wort des Baumeisters, daß
-die Felder von Schönbach noch eher Nässe als Dürre
-ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben,
-das übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte
-begann und die Gesichter erheiterten sich, denn die Frucht
-war besser, als man erwartet hatte; aber kaum hatte
-man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am
-Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art
-alles, was noch draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde
-vernichtete.</p>
-
-<p>Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann
-sich sagen, daß er die schrecklichste Erfahrung des Landmanns
-kennen gelernt. Was als bloße Vorstellung die
-Seele erbangen macht, das steht als grausame, unwiderrufliche
-Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust
-wird zugleich unter den erschütterndsten Formen
-erlitten! Dießmal wurde das ohnehin Fürchterliche des
-Schauspiels noch dadurch erhöht, daß die ungewöhnlich
-großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern
-zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben
-das Getöse des Sturmes noch schauerlicher machte.
-Es war den armen Bewohnern des Dorfes, als ob
-die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und
-Anna hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter
-waren erbleicht und ihre Seelen rangen mit dem Schrecken.
-Als die Betroffenen den Schaden besichtigten, erneuerte
-sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf die schlimmsten
-Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat
-aber wenigstens das Gute, daß man die Pein des
-Verlierens mit einemmal absolvirt. Man hat in dieser
-Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch nichts mehr
-zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten
-Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz
-nehmen. So fügten sich nun die armen Landleute in
-das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch zu
-retten war.</p>
-
-<p>Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser
-als das drohende, und war zunächst bemüht, die Mittel
-zur Fortführung ihres Haushalts herbeizuschaffen. Sie
-bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt sie
-von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit
-zu Zeit Briefe gewechselt hatte. Als der Bedarf durch
-Einkäufe gedeckt war, sah sie der Zukunft mit ruhigerem
-Herzen entgegen. &mdash; Es war dennoch ein trauriger
-Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte
-Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere
-Sorge. Seit dem vorigen Sommer war keine Nachricht
-von Arthur eingegangen. Man konnte freilich denken,
-daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder daß
-der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines
-Berichts zu verzögern. Allein in Folge des erlebten
-Unglücks und der Noth, welche die beiden Frauen mit
-Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren ihre
-Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten
-sich durch düstere Vorstellungen, über die sie sich nur
-mit Anstrengung wieder zu erheben vermochten.</p>
-
-<p>Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem
-Rentier eine Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen
-Eindruck auf sie machen konnte. Herr von Pranger,
-dessen Vermögensverhältnisse durch die Lebensweise
-der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge
-großer Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten,
-seine Zahlungen einstellen müssen; das Gut Waldfels
-befand sich in den Händen seiner Gläubiger. &bdquo;Auch
-andere Leute haben Unglück,&ldquo; sagte Anna zur Mutter.
-&bdquo;Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Und mich,&ldquo; bemerkte die Mutter, &bdquo;dauert auch die
-schöne Besitzung, die jetzt dem Schicksal der Zertrümmerung
-schwerlich entgehen wird. Doch &mdash; das Unglück
-mag seinen Lauf nehmen!&ldquo;</p>
-
-<p>Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde
-im Laufe des Winters auf die stärkste Probe gestellt.
-Sie erhielt keine Nachricht von dem Geliebten. Die
-Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe,
-mußte für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und
-sie erfuhr dabei, daß auch der festeste Wille nicht im
-Stande ist, das angefochtene Menschengemüth immer
-aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im
-glücklichsten Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen
-sich wieder zu erheben und weiter zu kämpfen.
-Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher
-Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des
-Geistes. Wer Gott vertrauen gelernt, der wird sich
-freilich in dem Glauben, daß zuletzt alles ein gutes
-Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er
-muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im
-irdischen Leben die Krönung seiner Wünsche erfolgen
-werde. Für dieses Leben kann er, wie ja so viele
-seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt
-seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen
-hängt, um so peinvoller wird es für ihn seyn, an ihrer
-Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in den geistigsten
-Momenten wird er seine Schmerzen unter sich
-drängen können.</p>
-
-<p>Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen
-ausgesetzt war, griffen zuletzt auch ihre Gesundheit an.
-Sie verlor die Farbe und die zierliche Rundung ihrer
-Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah sie
-mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind,
-ein so herrliches Geschöpf, sollte es wirklich um das
-Glück des Lebens betrogen und dem Leide geweiht seyn?
-&mdash; Traurig senkte sie das Haupt und ein schmerzlicher
-Seufzer entrang sich der Brust.</p>
-
-<p>Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als
-ein wohlhabender adeliger Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft,
-der Anna schon früher eine gewisse Aufmerksamkeit
-gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen
-ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen
-würde. Aus den Reden der Dame ging hervor,
-daß sowohl sie als ihr Cousin das Verhältniß Annas
-gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben
-glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt
-fühlten. Frau von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung
-den Kopf und schwieg kummervoll. Den Mund
-Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie erwiederte:
-&bdquo;Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung;
-aber mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist
-nicht gelöst und wird sich niemals lösen. Ich weiß,
-daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue halten wird
-bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre,
-so würde ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.&ldquo;
-&mdash; &mdash;</p>
-
-<p>Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so
-schön, daß auch die bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert
-fühlen mußten. Ein guter Jahrgang war an
-der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau
-von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die
-leere Scheuer den Kopf schüttelte, sagte der Baumeister,
-der es bemerkt hatte: &bdquo;Sie wird wieder voll werden.
-Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste,
-das Sie in Schönbach zugebracht haben.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich
-die erste Versicherung als eine Täuschung erweisen. In
-einer Nacht des Mai wurden die Bewohner des Schlößchens
-durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause.
-Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte
-die Flamme bereits auch ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen.
-Mit größter Mühe wurden die Ställe geräumt
-und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus
-blieben nur die Mauern übrig. &mdash; Es heißt, kein
-Unglück komme allein, und dieser Spruch hat eine reiche
-Erfahrung für sich. Man kann die Thatsache aus der
-Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber
-enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden
-in sich. Im gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu
-dem Hagelschaden eine genaue Beziehung. Frau von
-Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an den
-Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken
-lassen und die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten
-vorbehalten. Das Stroh hatte Feuer gefangen, wo
-Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis Hülfe gekommen
-wäre; und so war der erste Verlust an dem
-zweiten Schuld geworden.</p>
-
-<p>Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen
-Gelegenheiten den Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr
-jetzt vergolten. Die bemittelten Familien erboten sich
-eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe aufzunehmen.
-Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und
-im Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein
-des Trostes in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald
-wieder. Die schlimmste Frucht des fortgesetzten Unglücks
-ist der Wahn, daß man ganz von Gott verlassen und
-einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn ein
-solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen
-kann, so kann er sie doch in einzelnen Momenten
-anfallen und zu Boden drücken. Noch immer war keine
-Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die Frauenseelen,
-die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht
-endlich von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das
-Schreckbild seines Untergangs dem geängsteten Mädchen
-nicht näher und näher treten? Als der Dorfbote von
-der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte
-Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft
-und ohne Widerstand brach sie zusammen. Ihre
-Thränen flossen, als ob sie die Seele in ihnen hinströmen
-wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit
-der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche
-Kind in den Armen.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>VI.</h3>
-</div>
-
-<p>Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung
-den Gewitterstürmen. Sie vertreiben aus der Atmosphäre
-der Seele die niederdrückende Schwüle und schaffen
-Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In
-einem Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom
-von Thränen endet, wird eine Last abgeworfen. Was
-dem Menschen vorher unmöglich war, das wird ihm
-dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung
-nicht von sich zu erlangen vermochte, das kommt beinahe
-von selber. Es ist dieß mit ein Beweis, daß im Menschen
-eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat und
-nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam
-zu leisten.</p>
-
-<p>Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir
-Mutter und Tochter im gemeinschaftlichen Zimmer des
-Schlößchens. Anna war in eine Ecke des Sophas gelehnt,
-ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine Melancholie
-aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von
-Heiterkeit war &mdash; die Frucht der Ergebung. Wenn der
-Verlust eines theuren Wesens die Seele in tiefe Trauer
-versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses Wesen nicht
-für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes
-über die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das
-Dunkel des Leids. Aber das Herz der Liebenden war
-auch durch die Hoffnung erhellt, welche nicht abließ,
-sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein
-sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung,
-und eine Hoffnung durch Entsagung gedämpft; ein
-Schweben durch eine milde Region der Trauer, deren
-Ende als Möglichkeit vor der Seele steht.</p>
-
-<p>Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer
-Besorgniß an. Sie erblickte in ihr nur ein hinwelkendes
-Bild der Resignation, und bei dem plötzlich aufsteigenden
-Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit
-da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte,
-fuhr sie erschreckt zusammen.</p>
-
-<p>In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und
-meldete einen Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne
-und die gnädige Frau um einige Minuten Gehör bitte.
-&mdash; &bdquo;Vielleicht ein Zimmermeister aus der Nachbarschaft,
-der sich um den Bau bewerben will. Führ&rsquo; ihn her!&ldquo;
-&mdash; Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß
-sie sich geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter
-Mann in den Dreißigen, dessen Haltung den feiner
-Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den Norddeutschen
-verriethen. Der Fremde begann: &bdquo;Ich habe &mdash;&ldquo; einen
-Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die
-Hand, die er der Brusttasche genähert hatte, wieder
-zurück und sagte nach kurzem Bedenken: &bdquo;Ich habe
-Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.&ldquo; &mdash; Anna
-sah ihn an; die Mutter erwiederte: &bdquo;Eine gute Nachricht?
-Zögern Sie nicht, werther Herr, wir bedürfen
-einer solchen.&ldquo; &mdash; Der Fremde fuhr fort: &bdquo;Ich bin
-beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels &mdash;&ldquo;
-Anna, die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief:
-&bdquo;Arthur von Waldfels? &mdash; Er lebt? Er ist gesund?&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Er lebt und ist gesund,&ldquo; erwiederte der Fremde.
-&bdquo;Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt,
-die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu
-ihm anzunehmen.&ldquo; &mdash; Anna starrte ihn an; das Zuviel
-des Glücks machte sie mißtrauisch, aber das ehrliche Gesicht
-des Fremden tröstete sie wieder. &bdquo;Ist es möglich?&ldquo;
-rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß,
-&bdquo;ist es möglich?&ldquo; &mdash; Der Fremde nahm einen
-Brief aus der Tasche und übergab ihn Anna. Diese
-öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem
-Gesicht.</p>
-
-<p>Der Brief lautete: &bdquo;Auf dem Boden des deutschen
-Vaterlandes, aus seiner ersten Handelsstadt, begrüße
-ich dich, Geliebteste, und die innig verehrte Mutter. Ich
-lebe des Glaubens, daß dieser Brief die theuersten
-Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen
-wird und bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin
-wiedergekehrt, nachdem ich den Zweck, um dessen willen
-ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem Dank
-gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten
-gesegnet hat. Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen
-Treue erprobt ist, wird dich und die geliebte Mutter zu
-mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei deiner Ankunft,
-warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den
-Brief nahm und öffnete, mit der höchsten Spannung
-betrachtet; auch ihr war das Glück zu unerwartet gekommen,
-als daß sie sich dem Glauben daran sogleich
-hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der
-Liebenden sah sie die Nachricht bestätigt und Thränen
-füllten die Augen der geprüften Frau. Sie trat näher;
-Anna rief mit himmlischer Freude: &bdquo;Es ist wahr!
-Mutter, liebe Mutter!&ldquo; und fiel ihr um den Hals.
-Lange hielten sie sich umfaßt. Die Ueberglückliche weinte
-am treuen Mutterherzen und ihre Thränen wollten kein
-Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte:
-&bdquo;Das vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen
-Wunsch mehr übrig läßt, war mir aufgespart &mdash; und
-ich hatte den Glauben daran verloren und war verzweifelt!
-Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die
-ich gestellt wurde, und bin beschämt!&ldquo;</p>
-
-<p>Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der
-Sekretär schon längere Zeit in Arthurs Diensten stehe.
-Die Mutter forderte ihn wie gelegentlich auf, etwas
-von den Schicksalen des Barons mitzutheilen. Aber
-jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen
-zu können; die Erzählung seiner Schicksale habe
-sich Herr von Waldfels selber vorbehalten. &mdash; &bdquo;Ah,&ldquo;
-rief die Baronin heiter, &bdquo;noch immer geheimnißvoll! &mdash;
-Nun,&ldquo; setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, &bdquo;wir glauben
-die Hauptsache errathen zu haben und können uns für
-das Uebrige noch einige Tage gedulden.&ldquo;</p>
-
-<p>Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem
-stattlichen Reisewagen vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt
-hatte. Unter fröhlichem Blasen ging es
-durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute
-Grüße und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der
-Wagen auf der weißen Landstraße fort. Mit welcher
-Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten, den grünen
-Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie
-freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! &mdash;
-Sie saß da so leicht, mit so edler und freier Haltung,
-daß Wagen und Pferde für sie erfunden zu seyn und
-keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu
-dienen.</p>
-
-<p>Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend,
-die den Damen bekannt war. Etwa drei Meilen weiter
-nach Westen lag das Thal mit Waldfels und dem
-Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin,
-ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das
-schöne Gut seiner Ahnen verloren seyn sollte. Vor
-Kurzem hatte ein Besucher nach Schönbach die Nachricht
-gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft worden sey.
-Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für
-die Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung
-haben? Aber im Glück regen sich neue Bedürfnisse;
-wenn die großen Wünsche erfüllt sind, dann tauchen die
-kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt nach
-dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken
-des Himmels begnadigt, empfand sie in der That ein
-Verlangen nach dem Besitz von Waldfels, und es that
-ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen.</p>
-
-<p>Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und
-zunächst einen kleinen Hügel hinanstieg, wurde sichtbar.
-Anna machte die Mutter darauf aufmerksam. Diese,
-ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone:
-&bdquo;&rsquo;s ist Schade!&ldquo; &mdash; Die Anschauung ihres Gefühls an
-der Mutter brachte aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß
-und sie sagte: &bdquo;Was doch die Menschen ungenügsam
-sind! Ich habe das Höchste erlangt &mdash; ein Glück, dessen
-ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu
-können glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! &mdash;
-&mdash; Weg mit den Augen!&ldquo; sagte sie zu sich selbst und
-richtete die Blicke die Linie entlang, auf der sie dem
-Geliebten näher kommen sollte.</p>
-
-<p>In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht,
-daß der Postillon in die Seitenstraße einbog; aber Frau
-von Holdingen rief: &bdquo;Was ist das?&ldquo; und sah den Sekretär
-mit betroffen fragendem Blick an. Dieser versetzte
-mit einem Lächeln: &bdquo;Wir fahren die rechte Straße,
-gnädige Frau.&ldquo; &mdash; Anna, die den Ausruf der Mutter
-und diese Antwort vernommen hatte, sah, wo
-sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine
-Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels
-war Arthur! Sie sollte den Geliebten in der Besitzung
-seiner Ahnen wiedersehen &mdash; auch ihr letzter
-Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen
-faßte sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz,
-aus dem ihr derselbe Glaube entgegen blickte. Und
-dieser Glaube wurde vom Abgesandten bestätigt &mdash; durch
-Schweigen. &mdash; Wie wonnig klopfte das Herz der Liebenden,
-wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und
-weiter rollte und sie dem Bräutigam näher und näher
-brachte! Endlich fuhren sie in das Thal ein, das im
-reichen Schmuck des Frühlings prangte. Der letzte
-Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen
-das Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels.
-Dort lag es, überglänzt von der Abendsonne,
-das Schloß mit dem Park, die Krone des Dorfs. Das
-Posthorn schmetterte &mdash; wie anders klangen jetzt seine
-Töne zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied!
-Der Wagen rollte in die alte Allee, dem Thore zu, das
-mit Blumen geziert hersah.</p>
-
-<p>Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung,
-eilte ihnen entgegen und rief: &bdquo;Willkommen!&ldquo; Es
-war Arthur. Der Wagen hielt. Anna, von der Rechten
-des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war
-kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen
-schlugen an einander &mdash; ihr Glück war vollendet!
-Ein Wunder der staunenden Seele, war es helle, klare,
-selige Wirklichkeit! &mdash; Anna erhob ihr Haupt, Freudenthränen
-rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten
-hingen. Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen
-und sah sie aus feuchten Augen mit unendlicher
-Liebe an. Dann sagte er in herzlichem Ton: &bdquo;Siehst
-du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen!
-Die muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden;
-Alles ist erreicht, was wir gehofft haben, ja mehr
-als das; der Himmel ist mir günstig gewesen um deinetwillen
-&mdash; selbst über meine Träume hinaus!&ldquo; &mdash; Anna
-rief: &bdquo;Was soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu
-verdienen?&ldquo; &mdash; &bdquo;Bleibe, wie du bist!&ldquo; erwiederte dieser
-liebevoll.</p>
-
-<p>Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre
-Hand, umarmte sie und rief: &bdquo;Verzeihen Sie, liebe
-Mutter!&ldquo; &mdash; Diese erwiederte gerührt: &bdquo;Der Braut gebührt
-der Vorrang. &mdash; Meine Augen haben das Schönste
-gesehen, was eine Mutter sehen kann &mdash; Ihre Liebe zu
-Anna ist dieselbe geblieben.&ldquo;</p>
-
-<p>Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren
-war, kamen der Rentier und der Pfarrer von
-Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die Gesellschaft
-in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft
-ehrerbietig begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten
-in allem die Zeichen des wiederhergestellten Glanzes, und
-von welchen Empfindungen mußten sie bewegt seyn, als
-sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das
-schöne Schloß eintraten!</p>
-
-<p>Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen
-Kreis in einem Zimmer vereinigt, dessen Wände mit
-den Familienbildern des Hauses Waldfels geschmückt
-waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den
-Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem
-Geistlichen, der Rentier mit dem Sekretär unterhielt,
-saß die Baronin allein an der Seite und ließ ihre Blicke
-von Arthur zu einem Bilde gleiten, das einen stattlichen
-Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte. Ihr
-schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner
-Ahnen mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um
-so begreiflicher, daß die kriegerische Neigung desselben in
-ihm wieder erwacht sey. Arthurs Glieder waren beinahe
-so kräftig wie die des alten Generals, und sein Gesicht
-eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige
-Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir
-können nicht verschweigen, daß die Baronin gleich nach
-der ersten Begrüßung in dem Gesicht des Wiedergekehrten
-nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit gesucht hatte.
-Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium
-zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu
-diesen mußte der Baron gehören. Die Neugierde, die
-sie bis jetzt unterdrückt hatte, regte sich aber bei dieser
-Vergleichung auf&rsquo;s neue. Sie widerstand jetzt nicht
-länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur
-daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale
-und seiner <em class="gesperrt">Thaten</em> schuldig sey. &bdquo;Oder,&ldquo; setzte sie
-lächelnd hinzu, &bdquo;wäre die Zeit dazu noch immer nicht
-gekommen?&ldquo; &mdash; &bdquo;In der That, noch nicht ganz,&ldquo; erwiederte
-Arthur. &bdquo;Wir haben bis zum Abendessen nur
-noch eine halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich
-lange dauern und ich will ihn daher Ihnen und
-mir erst nach einer entsprechenden Stärkung zumuthen.
-Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben
-Sie die Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach
-zu erzählen, von der wir hier nur sehr wenig und
-gar nichts Bestimmtes wissen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen
-Einleitung schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag
-des vorigen Jahrs. Sie zeigte sich dabei in ökonomischen
-Ausdrücken so bewandert, daß Arthur sich
-nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks
-auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen
-Kenntnisse auszusprechen, was sie indeß mit einem
-leichten Achselzucken hinnahm, vielleicht um damit anzudeuten,
-daß die Kenntniß jener Ausdrücke noch lange
-nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen
-des Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur
-betroffen. &bdquo;Wie!&ldquo; rief er aus, &bdquo;Sie haben meinen
-letzten Brief nicht erhalten?&ldquo; &mdash; Die Baronin erwiederte
-mit Bedeutung: &bdquo;Wir haben keinen Brief von Ihnen
-erhalten seit mehr als anderthalb Jahren.&ldquo; &mdash; Arthur
-saß mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns da und sagte:
-&bdquo;Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung sollte
-man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander
-abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit
-des Verlustes um so viel näher liegt. Aber das Glück
-hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht daran. &mdash; In
-diesem Schreiben,&ldquo; fuhr er zu Anna gewendet fort,
-&bdquo;hatte ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine
-Angelegenheiten in Ostindien zu ordnen und nach Europa
-zurückzukehren. Ausdrücklich war darin bemerkt, daß
-von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.&ldquo; &mdash;
-Nach einer Pause begann die Baronin: &bdquo;Eine Schilderung,
-wie wir unter solchen Umständen den Winter
-verlebten, will ich Ihnen erlassen.&ldquo; &mdash; Arthur, die Hand
-der Geliebten fassend, rief herzlich: &bdquo;Verzeih mir!&ldquo; &mdash;
-Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die
-Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung
-betrübender Erlebnisse. Arthur sagte: &bdquo;Das Schicksal
-hat ungleich getheilt. Sie haben das Unglück gehabt
-und ich das Glück. Aber,&ldquo; setzte er hinzu, &bdquo;mein
-Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.&ldquo; &mdash; &bdquo;Es ist
-eigen,&ldquo; bemerkte Anna; &bdquo;ich möchte mir jetzt das Unglück
-der letzten Jahre nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und
-die Angst nicht, die ich um deinetwillen empfunden. Nur
-das erlebte Leid beruhigt das Herz bei allzugroßer Freude.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Dieß,&ldquo; setzte der Geistliche hinzu, &bdquo;ist unter andern
-der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel
-dankt man dem lieben Gott für das Mittel erst später.&ldquo;</p>
-
-<p>Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer
-beisammen. Während des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen
-die Natur erfrischt und balsamische Luft
-strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war
-unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der
-Glanz im Westen. Niemand achtete der Schönheit des
-Abends; die Geister waren gespannt auf die Erzählung
-Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich,
-indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete.</p>
-
-<p>&bdquo;Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London
-ging. Dort lebte ein Kaufmann, ein Großhändler, den
-mein Vater vor etwa zehn Jahren sich verpflichtet hatte,
-indem er ihm bei einer Ehrensache einen wesentlichen
-Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben,
-das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte
-mich brieflich an diesen Mann gewendet und Rath und
-Hülfe war mir zugesagt worden. In London stellte ich
-mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der
-mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt,
-theilte ich ihm sogleich mit, was in meinem
-Briefe schon angedeutet war: daß ich den Entschluß gefaßt
-habe, Kaufmann zu werden.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren
-nicht trauen. &bdquo;Wie?&ldquo; rief sie, &bdquo;Kaufmann? &mdash; daran
-dachten Sie? &mdash; Doch,&ldquo; setzte sie hinzu, indem sie sich
-bezwang, &bdquo;ich will Sie nicht unterbrechen.&ldquo; &mdash; Arthur,
-der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken
-konnte, fuhr fort: &bdquo;Herr Goodman &mdash; dieß
-war der Name des Kaufmanns &mdash; sah mich prüfend an
-und sagte dann mit Ernst: &bdquo;Ich begreife, daß Sie einen
-Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das
-Sie suchen, am schnellsten und sichersten erreichen zu
-können glauben. Allein es ist möglich, lieber Freund,
-daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden, als Sie
-erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam
-zu machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft
-hat für eine gewisse Art von Menschen seine großen
-Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und &mdash; wie
-er lächelnd hinzusetzte &mdash; als deutscher Edelmann dabei
-aushalten, das ist noch die Frage. Aber angenommen
-Sie bleiben standhaft und erlangen eine Stellung, in
-der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei der consequentesten
-Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches
-Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus
-Ihrem Brief kenne, endlich erreichen wollen. Ist Ihnen
-das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß die Früchte
-des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Gut,&ldquo; rief hier die Baronin, &bdquo;das schreckte Sie ab
-und Sie suchten &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Keineswegs,&ldquo; fiel Arthur ein,
-&bdquo;das schreckte mich nicht ab, denn ich war auf solche
-Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit Entschiedenheit,
-mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle
-mich zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse,
-als er mir vielleicht zutraue; Mühen und
-Anstrengungen vermöchten mich nicht abzuschrecken und
-ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich
-auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr
-Goodman, der mich mit Ruhe angehört hatte, ergriff
-nun meine Hand mit jener männlichen Herzlichkeit, welche
-der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen. &bdquo;Wenn
-das ist,&ldquo; versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen,
-sondern helfen.&ldquo; Er hielt Wort &mdash; und Arthur Waldfels
-trat als Lehrling in seine Handlung ein.</p>
-
-<p>Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna
-einen gleich starken, aber sehr verschiedenen Eindruck.
-Die Verlobte, die sich zwar immer zu der Annahme der
-Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden
-hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren.
-Gehörte nun auch nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher
-Entschluß dazu, einen solchen Stand zu ergreifen, so
-war die Ausführung nur ein Beweis mehr für die Tiefe
-und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese
-Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach
-eine herzliche Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen
-erschien ganz außer Fassung gebracht. Mit der
-Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie: &bdquo;Kaufmannslehrling!
-&mdash; ein Baron von Waldfels &mdash; &mdash;
-Ah,&ldquo; setzte sie nach einem Moment auf die Ahnenbilder
-deutend hinzu, &bdquo;was würden diese da zu einem solchen
-Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!&ldquo; &mdash; &bdquo;Diese
-da,&ldquo; entgegnete Arthur, &bdquo;würden sich wohl nicht in der
-Lage befinden, von Ihnen gegenwärtig angerufen zu
-werden, wenn ich jenen Schritt nicht gethan hätte!&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen,
-wie dem Leser schon bekannt ist, eine verständige
-und keineswegs unpraktische Frau. Von dem Gewicht
-dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen
-des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und
-erwiederte lächelnd: &bdquo;Es mag wahr seyn. Am Ende
-gilt hier das Wort: der Zweck &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Heiligt das
-Mittel?&ldquo; fiel Arthur ein. &bdquo;In diesem Falle gewiß!
-Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von
-Ihnen angerufenen Bilder aufmerksam zu machen: es
-stellt eine Dame vor, die, wie Sie sich erinnern werden,
-von Kaufleuten abstammt.&ldquo; &mdash; &bdquo;Es ist wahr,&ldquo; rief
-die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur
-sie mahnte, wie eine Enthüllung wirkte. &bdquo;Der Genius
-der Mutter hat in Ihnen gesiegt!&ldquo; &mdash; &bdquo;Und dem Himmel
-sey dafür gedankt!&ldquo; versetzte Arthur; &bdquo;denn der Genius
-meines Vaters &mdash; mit aller Hochachtung sey von ihm
-gesprochen &mdash; hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.&ldquo;
-&mdash; Die Baronin, welche die Wahrheit
-dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich
-zusammen und sagte dann mit Anmuth: &bdquo;Verzeihen Sie
-meine Verwunderung über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit
-Sie selber nicht läugnen werden. Sie
-haben reussirt &mdash; das ist die Hauptsache.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Im Vorgefühl des Erfolgs,&ldquo; bemerkte Arthur,
-&bdquo;wurde ich Kaufmann. Da ich gegen Herrn Goodman
-meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte ich alle meine
-Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft. Mancher
-Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um
-meine Geduld zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine
-wissenschaftliche Bildung, meine Vorkenntnisse und eine
-gewisse Anlage zum praktischen Denken förderten mich
-rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben
-sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang
-der verschiedenen Arbeiten vor Augen, und
-die einzelnen erschienen mir um so interessanter. Es
-dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte, und
-schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das
-Schwierige mir geläufig wurde. &mdash; Sie sehen aus allem,
-daß ich ein ungewöhnlicher Lehrling war; ich hatte
-auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war kein Vierteljahr
-verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ,
-meine Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu
-dem Schluß kam, daß ich verdiene, ein Kaufmann zu
-werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen nicht
-enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete
-mir, daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich
-unter glücklichen Umständen rasch fördern werde, &mdash; in
-die Stelle eines Commis bei einem Geschäftsfreund in
-Calcutta. Ich war auf&rsquo;s angenehmste überrascht. Ostindien
-war das Land meiner kaufmännischen Träume
-und ich sah in diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung.
-Goodman hatte mir Aufträge in seinem Interesse
-zu ertheilen und rüstete mich mit den nöthigen
-Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat
-nach Deutschland zu melden, und ein rascher Segler
-trug Cäsar und sein Glück.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne
-besondere Abenteuer vorüber &mdash; die &bdquo;Stadt der Paläste&ldquo;
-lag vor mir. Ich erinnere mich noch wohl der zauberhaften
-Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens,
-welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt,
-welche mit der Pracht Europas und der Pracht Asiens
-die Augen blendet &mdash; die Vereinigung der wunderbarsten
-Contraste &mdash; der Versammlungsort von Repräsentanten
-aller Nationen, aller Religionen und aller Stände
-&mdash; der Schauplatz der mannigfaltigsten und seltsamsten
-Gesichter, Figuren und Trachten im Rahmen einer tropischen
-Natur! &mdash; Es steht wie ein Mährchen vor den
-Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! &mdash; Doch,&ldquo;
-unterbrach sich der Erzähler mit einem Lächeln, &bdquo;ich
-muß der Lust zu schildern Widerstand leisten, wenn ich
-meinen Bericht heute noch zu Ende bringen soll. Also
-zur Sache!&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner
-Beschützers, Herrn Warren, gütig empfangen,
-besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen Aufträge
-und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft
-ein. Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen
-nöthig; aber ich ließ es daran nicht fehlen und orientirte
-mich bald. Das Talent &mdash; Sie erlauben mir
-schon, mir so etwas beizulegen &mdash; und die Liebe zur
-Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon
-vorher eine Ahnung von dem, was man sich zu eigen
-machen soll; man sucht und man findet. Je weiter man
-vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit.
-Für Leute, die reflektiren &mdash; und als guter Deutscher
-gehör&rsquo; ich zu diesen &mdash; hat die Beobachtung eines so
-bedeutenden Handelshauses an sich großen Reiz. Wie
-in einem gut regierten Staate thut jeder an seiner Stelle
-seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des
-Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen
-zum Gedeihen des Ganzen. Man benützt die
-Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und Einrichtungen,
-welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen
-und zu erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine
-Art von Allwissenheit; sie befähigen den Kaufmann,
-über den Stand der mannigfaltigsten Geschäfte und Beziehungen
-sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der Geist
-herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl,
-ganz ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt,
-oder dem eines Künstlers, der seinem Gegenstand
-Form und Schönheit gibt.&ldquo; Arthur hielt ein
-wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier,
-dessen Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an
-die Zeiten, wo er selber als Buchhalter wirkte, sich angenehm
-aufgeklärt hatte. Die beiden Geschäftsleute
-nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung
-wieder auf.</p>
-
-<p>&bdquo;Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein
-Eifer freute, begünstigte mich ungewöhnlich. In den
-ersten dritthalb Jahren fungirte ich als Korrespondent
-und als Reisender. Bei einer Handlung, die jährlich
-Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches
-denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte
-Land und Menschen kennen, lernte die Sprache des
-Landes und konnte unserem Hause manchen guten Dienst
-leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein
-Geist und ich hatte <em class="gesperrt">Ideen</em>. Warren hörte sie, hieß sie
-gut, und sie bewährten sich. Wir ersahen hie und dort
-unsern Vortheil, kauften wohlfeil ein, verkauften theuer
-und machten großen Gewinn.&ldquo;</p>
-
-<p>Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich
-geworden, und unwillkürlich rief sie: &bdquo;Aber Sie werden
-doch nicht &mdash;&ldquo; &mdash; Sie hielt inne, das Wort wollte nicht
-über die Zunge. &mdash; &bdquo;Betrogen haben?&ldquo; ergänzte Arthur
-heiter. &bdquo;Mit nichten, verehrte Frau! &mdash; Erlauben
-Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der
-Kaufmannschaft anzunehmen. Daß im Handel betrogen
-wird, ja, daß der Handel zum Betrug reizt, will ich
-nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern
-Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive
-Eigenschaften. Um als Kaufmann etwas zu erwerben,
-muß man Kenntnisse, Verstand, Einfälle, Muth
-und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas
-kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In
-der Regel wird aber gerade der Betrüger die kleinen und
-mittelmäßigen, der begabte und muthige Kaufmann dagegen
-die großen Geschäfte machen. Nur muß man die
-Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf
-die politischen und merkantilischen Ereignisse, wenn ich
-in die Zukunft sehe, ihre Bedürfnisse erkenne und zu
-rechter Zeit mich in den Stand setze, sie zu befriedigen,
-so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger.
-Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie
-dahin fördere, wo sie theuer sind, benachtheilige ich
-weder Verkäufer noch Käufer, im Gegentheil, ich diene
-beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme von dem,
-der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen
-will; ich befriedige die Wünsche beider und nütze beiden.
-Der Gewinn, der dabei abfällt, gebührt mir von Rechtswegen,
-denn ich habe gethan, was ihn zur Folge hat,
-und niemand gehindert, dasselbe zu thun. &mdash; Shakespeare,
-wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig
-einen <em class="gesperrt">königlichen</em> Kaufmann. Kann man denken,
-daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat? Aber solcher
-königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals.
-Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen
-mit dem vollen Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen
-desselben für die Welt, Männer, deren Reichthum die
-Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die von
-ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich geb&rsquo; es zu,&ldquo; erwiederte die Baronin, &bdquo;und sehe
-nun wohl, zu welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.&ldquo;
-&mdash; Arthur fuhr fort: &bdquo;Die Folge meiner Dienstleistungen
-war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen schenkte.
-Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er
-mich zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers
-erhob.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das also,&ldquo; fiel die Baronin lächelnd
-ein, &bdquo;war der bedeutende Posten, zu dem Sie
-sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen,
-ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden.
-Nachdem ich Ihren ersten Brief aus Calcutta gelesen,
-glaubte ich nämlich nicht anders, als Sie hätten den
-Militärstand ergriffen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Damit sagen Sie mir nichts
-Neues,&ldquo; versetzte Arthur. &bdquo;Ich konnte das schon lange
-aus Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie
-mir eine Bemerkung. Wenn ich auch Geld und Gunst
-genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche Zahl oder
-Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen
-und eine Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch
-in derselben Zeit doch schwerlich in den Stand
-gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen nach Hause zu
-kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als
-Offizier in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn
-man in dieser Eigenschaft mit irgend einem diplomatischen
-Posten betraut wird; allein immer bleibt der Unterschied,
-daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche Einflüsse
-im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten
-muß, während der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann.
-Ich fühlte einen Drang, selbstständiger zu handeln, meine
-Gedanken rascher zu verwerthen, und wählte den Stand
-des Kaufmanns.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das mag seyn,&ldquo; erwiederte die Baronin; &bdquo;allein ich
-wurde zu meiner Annahme durch den Glauben verleitet,
-Offizier zu werden läge dem Baron Waldfels am nächsten.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ich begreife das,&ldquo; versetzte Arthur. &bdquo;In
-Deutschland sieht man das so an, aber in England und
-in Indien hat man dafür einen andern Standpunkt.&ldquo;
-&mdash; Anna, die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte,
-wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das indische
-Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine
-Gründung verdanke und noch von einer solchen regiert
-werde. &bdquo;Die Armee steht im Dienste der Compagnie,
-sie wird von einem Manne befehligt, den diese gewählt
-hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich
-nicht unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die
-Stellung derselben auch seyn mag.&ldquo;</p>
-
-<p>Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war
-ihr begegnet, was so oft geschieht: sie kannte die Thatsachen,
-aber sie hatte nie diese Folgerung daraus gezogen.
-Arthur bemerkte: &bdquo;Allerdings regiert in Indien
-eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und
-diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten
-Familien Englands, sie hat auch Fürsten und Könige
-des Landes unter sich und schreibt ihnen die Wege vor,
-die sie wandeln sollen. Daß bei solchen Verhältnissen
-der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie
-besitzt, ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich
-zu verwundern. Doch,&ldquo; setzte er hinzu, &bdquo;das hat er
-auch in Deutschland, und man gönnt es ihm, wenn er
-reich ist.&ldquo; &mdash; &bdquo;Nun wohl,&ldquo; rief die Baronin nicht ohne
-eine gewisse gute Laune, &bdquo;ich bin überwunden und Ihre
-Erzählung wird von jetzt an vor meinen Einreden sicher
-seyn.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich bitte Sie um das Gegentheil,&ldquo; versetzte
-Arthur. &bdquo;Wenn mein Bericht Anlaß zu einer interessanten
-Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen
-Sie mich übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen,
-daß der Stolz der Geburt &mdash; und zwar nicht nur der,
-den man zeigen zu können glaubt, sondern auch der,
-den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit
-verbirgt &mdash; daß dieser Stolz, sage ich, für den, der
-nachzudenken pflegt, eben in Indien einer starken Probe
-ausgesetzt ist. Wenn man den Kastengeist in seiner vollendetsten
-Ausbildung und mit all seinen Folgen erblickt,
-wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt,
-bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint,
-wenn man überhaupt die verschiedensten Menschen mit
-den verschiedensten Prätensionen hervortreten sieht, die
-man schwach finden muß, so kann man sich wohl fragen,
-ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben
-so zu beurtheilen.&ldquo;</p>
-
-<p>Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen,
-indem sie sich nicht enthalten konnte, zu rufen: &bdquo;Wie,
-wollen Sie Geburt und Stand für nichts erklären?&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Keineswegs,&ldquo; erwiederte Arthur mit Ernst. &bdquo;In einer
-Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas
-darauf zu gute thut, freue ich mich auch dessen, was
-mir zu Theil geworden ist, und namentlich des Glücks,
-unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die sich in
-Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient
-haben, dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe
-und Stolz auf die Bilder, die ihre Züge bewahren,
-und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie gewandelt
-sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron
-Waldfels,&ldquo; setzte er heiter hinzu, &bdquo;klingt schön, und ich
-freue mich, so genannt zu werden.&ldquo; &mdash; &bdquo;Gut!&ldquo; rief die
-Baronin ebenfalls heiter; &bdquo;aber? &mdash; denn ein Aber wird
-doch nicht fehlen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Aber,&ldquo; fuhr Arthur fort, &bdquo;indem
-ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine
-Augen offen für die Vorzüge Anderer, ich bewundere
-diejenigen, mit welchen Gott die Geister und Herzen der
-Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung,
-wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte
-Billigung hätte blicken lassen, die uns nicht
-mehr zu Gesichte steht. Ich will es Ihnen gestehen, ich
-hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut, daß
-ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich
-habe zwar,&ldquo; versetzte die Baronin, &bdquo;von einem solchen
-Hang nichts bemerkt; indessen wollen wir Ihr Wort
-gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer Geschichte
-bitten.&ldquo;</p>
-
-<p>Arthur begann wieder: &bdquo;Es war ein Beweis großen
-Vertrauens, daß mich Warren so jung auf diesen Posten
-erhob; allein ich kann sagen, daß ich es rechtfertigte.
-Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte dem
-Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt
-hatte, um den mich ein Major hätte beneiden können,
-der Chef des Hauses mir überdieß einen Antheil an dem
-Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine eigenen
-Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein
-Vermögen seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen
-will. Dennoch konnte ich damit etwas thun, was mich
-außerordentlich freute und immer meine schönste Erinnerung
-von jenem Lande bleiben wird.&ldquo;</p>
-
-<p>Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn
-die Zuhörer erwartungsvoll an, und er fuhr fort: &bdquo;Nicht
-lange nach meiner Ankunft in Calcutta hatte ich die
-Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht, der um etliche
-Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und reizende
-Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn
-es gehört zu meinen größten Genüssen, Glückliche zu
-sehen, und namentlich eine glückliche Familie. Im Lauf
-der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre, herzliche
-Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der
-besten Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders
-unter den Seinen von dem angenehmsten Humor und
-der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends, als ich
-ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und
-sehr niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit
-der Sprache heraus; endlich gestand er mir, daß er in
-jüngster Zeit einen großen Verlust erlitten habe und daß
-gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem Schiff
-anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach
-Europa geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück
-erwarte. Ich tröstete ihn, so gut ich konnte, und es
-gelang mir, ihn wieder aufzuheitern. Bald darauf kam
-ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie&rsquo;s
-sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn
-in stummer Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes,
-aber er sah voraus, daß in Folge dieses Gerüchts
-Forderungen bei ihm eingehen würden, denen
-gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein
-Entschluß war gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und
-bald konnte ich dem Bedrängten nicht nur mein Vermögen,
-sondern auch eine namhafte Summe von Warren
-zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger
-wurden befriedigt und mein Freund war gerettet.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ah,&ldquo; rief die Baronin, &bdquo;da sieht man den Edelmann
-unter den Kaufleuten!&ldquo; &mdash; Arthur erwiederte:
-&bdquo;Es wäre schlimm für die gedrängten Kaufleute, wenn
-nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung
-fähig wären! &mdash; Uebrigens hatte diese Aushülfe die
-Folgen der feinsten Spekulation: sie war es, die mein
-Glück entschied. Das Schiff Mackenzies war allerdings
-einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber es hatte
-ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein.
-Freude und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein
-Freund, dessen erhobener Geist sich jetzt mit kühnen
-Entwürfen trug, bat mich dringend, mich mit ihm zu
-verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter
-Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab
-ich nach. Wir strengten unser Talent an, wir wagten
-und wir gewannen. &mdash; Ach, liebe Mutter,&ldquo; fuhr der
-Erzähler fort, &bdquo;welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns!
-In welcher Spannung wird er erhalten und
-in welches Entzücken kann er versetzt werden! Nichts
-gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein wohlberechnetes,
-aber immer noch gewagtes Unternehmen
-gelingt und der Segen desselben in goldener Wirklichkeit
-in sein Haus einzieht.&ldquo;</p>
-
-<p>Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und
-sie sagte: &bdquo;Es scheint doch, daß du nach und nach gelernt
-hast, dein Metier um seiner selbst willen zu lieben.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;In gewissem Sinn allerdings,&ldquo; erwiederte Arthur,
-&bdquo;ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich.
-Der Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich
-in die Handlung meines Freundes gebracht hatte, um
-das Vierfache gemehrt sah und hinreichend fand, um
-denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein
-angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte
-ich zu mir selber: Genug! und kündigte dem Freund
-meinen Entschluß an, nach Deutschland zurückzukehren.&ldquo;
-&mdash; Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort
-der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth
-die Empfindung der Baronin.</p>
-
-<p>&bdquo;Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf,
-mich zurückzuhalten. Er rief: Das Glück ist für uns,
-noch einige Jahre und wir sind Millionäre! Obwohl
-diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund
-für mich an den Tag legte, rührend war, so blieb ich
-dennoch fest, wobei ich übrigens gern gestehe, daß das
-Gewicht des Hauptgrundes, der mich nach Hause trieb,
-durch das einiger andern noch verstärkt wurde.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Und die sind?&ldquo; fragte die Baronin. &mdash; &bdquo;Zunächst das
-Klima, das zu einem Leben nöthigt, in welchem die
-Sinne eine größere Rolle spielen, als einem Deutschen
-von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben dort
-Monate der schönsten und angenehmsten Witterung;
-aber auf sie folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte
-die heißen Tage in Deutschland Kinderspiel sind,
-und die Glut wird endlich durch eine Regenzeit gekühlt,
-deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen ertränken
-zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten
-und Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast
-unausgesetzt, und man kann Dinge erleben, die an eine
-Landplage Egyptens erinnern. Allerdings wissen sich
-die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen,
-und es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen
-zu lernen, durch welche man jene lästigen Erscheinungen
-zu beseitigen oder zu mildern sucht. Die Häuser erhalten
-durch solche Einrichtungen einen neuen Zuwachs von
-Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein
-diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und
-die Erholungen, die man sich dabei gönnen zu müssen
-glaubt, machen selber materiell, und es gehört ein fester
-Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache ist, um den
-Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen
-zu widerstehen. &mdash; Was mich betrifft, so war ich von
-einem Gedanken erfüllt und durch eine, ich darf wohl
-sagen fieberhafte Thätigkeit in Anspruch genommen. Ich
-ging also durch die Ausflüsse des Klimas hindurch zu
-dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte.
-Mein Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft
-und ließen mich die Anfälle der tropischen Natur überwinden.
-Aber zuletzt war ich doch froh bei dem Gedanken,
-den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen Lebens
-zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in
-das Vaterland zurückkehren zu können.&ldquo; &mdash; &bdquo;Das leuchtet
-ein,&ldquo; bemerkte die Baronin.</p>
-
-<p>&bdquo;Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen
-des Landes. Ich bin zwar ein zu guter Germane
-und glaube zu sehr an einen vernünftigen Gang
-der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer
-in Indien für ein Uebel und nicht vielmehr für einen
-Erfolg im Interesse des Menschengeschlechts halten sollte.
-Ich kenne auch wohl die Anstalten, die man in&rsquo;s Leben
-gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes
-und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind
-mit ihr immer noch gewaltige Mißbräuche verbunden,
-Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen, von denen
-auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden
-können und werden. Ich will ein andermal Beispiele
-geben und Sie werden mir dann zugestehen, daß das
-englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von
-meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu
-bauen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Ich begreife das,&ldquo; nahm jetzt der Pfarrer das
-Wort, &bdquo;freue mich aber, daß Sie über das englische
-Regiment nicht den Stab zu brechen haben. Denn wir
-müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft
-eines christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie
-mitbringen, dem beherrschten Lande zuletzt immer zum
-Segen gereichen werden.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime,
-die jetzt vorhanden sind, nach und nach sich entfalten
-werden. Aber mein Herz trachtete endlich aus diesen
-Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im Vaterlande,
-wo das Christenthum das Leben zwar auch noch
-lange nicht ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat,
-aber in der Umbildung doch schon weiter gekommen ist.
-&mdash; Meine Sehnsucht nach der Heimath,&ldquo; fuhr der Erzähler
-zu Anna gewendet fort, &bdquo;wurde hauptsächlich
-durch die Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus
-Schönbach erhielt und die mir in der Glut meiner
-Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie reizend
-die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend
-die Mittheilungen aus dem innern! &mdash; Da es
-mir nicht einfallen konnte, dich und die Mutter nach
-Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig, als nach
-erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. &mdash;
-Ich stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor
-und überzeugte ihn; und mit demselben Eifer, mit
-welchem er sich zuerst meiner Abreise widersetzt hatte,
-förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im
-Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir
-in London und Hamburg zur Verfügung gestellt; ich
-nahm Abschied und bestieg das Schiff, das mich nach
-Europa führen sollte. &mdash; Darf ich dir gestehen, daß ich
-in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken
-jauchzte, dich und meine Freunde in Deutschland
-wiederzusehen, doch Augenblicke hatte, wo ich Bedauern
-empfand, von dem Feld meiner Thaten auf
-immer scheiden zu müssen? &mdash; Mein Leben ist im Vaterland,
-und ihm will ich dienen, nachdem ich mir die
-Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne zu thun.
-Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern
-seiner Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen
-Eindrücke auf meinen Reisen und die Abenteuer,
-die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit der
-Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres
-Weltverkehrs!&ldquo;</p>
-
-<p>Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen
-Worten innehielt, benützte Frau von Holdingen die
-Gelegenheit, zu fragen, wie es sich denn mit den Gefahren
-verhalte, die er in jenem Lande bestanden habe.
-Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich
-in ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in
-der Armee diene. Arthur erwiederte: &bdquo;In einem Lande,
-wo es Löwen, Tiger und Schlangen erster Größe gibt,
-in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren haben
-werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die
-ihrer Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen,
-und wo der Reisende fast ausschließlich auf Selbsthülfe
-angewiesen ist, da braucht man keineswegs Militär zu
-seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde
-Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir
-aufstießen, und kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich
-mich dabei auf eine Weise aus der Affaire gezogen
-habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Nun, Gott sey Dank,&ldquo; fiel Anna ein, &bdquo;du bist
-jetzt zu Schiff und hast dieses Land hinter dir!&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Ja,&ldquo; versetzte Arthur, &bdquo;ich bin zu Schiff, ich segle
-nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht
-und der mir in den letzten Jahren der treueste Gehülfe
-war. Die Reise ging auch dießmal ohne jedes außergewöhnliche
-Erlebniß von Statten. Wir fuhren zuerst
-nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen
-Gefallen hatte erweisen können, so empfing
-er mich mit doppelter Freude und war stolz auf seinen
-Zögling. &mdash; Von London aus, wo ich mehrere Tage
-verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund
-Hellmuth. &mdash; Was man wünscht, das glaubt man gern.
-Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß Waldfels wieder
-zu erlangen seyn würde; und da man in solchen
-Fällen eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so
-bat ich unsern Freund, mein Anerbieten sogleich Herrn
-von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam zu rechter
-Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es
-an einen Liebhaber abzugeben.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;So ist es,&ldquo; bemerkte der Rentier auf einen fragenden
-Blick der Baronin. &bdquo;Da mir aber der Herr
-Baron den unkaufmännischen Auftrag gegeben hatte,
-genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder
-zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus
-dem Felde zu schlagen. Die runde Summe trug übrigens
-dazu bei, Herrn von Pranger den Vergleich mit seinen
-Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung
-seines Geschäfts möglich zu machen.&ldquo;</p>
-
-<p>&bdquo;Das hör&rsquo; ich gerne,&ldquo; rief Anna. &bdquo;Möge ihm der
-Verkauf des Gutes so wohl gedeihen, wie dir,&ldquo; sagte
-sie zu Arthur. &mdash; Dieser nickte und fuhr fort: &bdquo;Die
-Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in
-Hamburg. Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach
-und eilte nach Waldfels, um es würdig zu machen für
-den Einzug meiner theuersten Gäste. &mdash; Daß ich diese
-gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone
-meines Glücks &mdash; und Gott möge es mir erhalten!&ldquo;</p>
-
-<p>Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten
-trat eine Stille in der Versammlung ein, indem alle
-den Empfindungen sich hingaben, welche die Erzählung
-in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur auf&rsquo;s
-neue das Wort und sagte: &bdquo;Wenn ich zurückdenke an
-die Zeit des letzten Abschiednehmens, so kommt mir
-alles, was unterdessen geschehen ist, wie ein Traum
-vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine Thatsache
-vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert
-danke ich dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan
-hat. Der Instinkt, der mich beherrschte, hat mich
-richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist eine
-Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur
-Freude des Lebens nothwendig ist, ich bin in den
-Stand gesetzt, meinem Vaterlande und meinen Freunden
-nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe
-ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung
-mich erfreut und erhebt, und die mir Bürge seyn
-dürfen, daß ich mir&rsquo;s auch erhalten werde. O meine
-Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage,
-daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als
-wenn mir der Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt
-worden wäre. Gesegnet sey das Mißgeschick,
-gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch
-eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im
-tiefsten Sinne des Wortes <em class="gesperrt">mein</em> nennen kann!&ldquo;</p>
-
-<p>Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er
-dann seine Blicke auf das Porträt des Vaters, auf
-welches eben der Schein der Lampe fiel. Der Baron,
-der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung
-gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl
-auf die Gesellschaft, und dem phantasiebegabten Betrachter
-konnte es scheinen, als ob ihn die Erzählung
-des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte.
-Arthurs Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen
-Eigenschaften des Vaters so klar und rein vor seiner
-Seele gestanden, als in diesem Augenblick. Die Gesellschaft
-errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer
-Miene wandte er sich zu der Baronin und sagte mit
-der Laune eines liebevollen Gemüthes: &bdquo;Werden Sie
-mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie mir
-verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen
-habe, mein Wort zu halten?&ldquo; &mdash; &bdquo;O,&ldquo; rief die Baronin
-mit freundschaftlichem Vorwurf, &bdquo;wollen Sie mich
-beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den Erfolg,
-der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen,
-das Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.&ldquo;</p>
-
-<p>Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung
-auf die Seele der Baronin schon vollständig geübt,
-das Mittel glänzte verschönt in den Strahlen seines
-Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand,
-begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum
-er denn aus seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und
-sie nicht gleich in dasselbe eingeweiht habe? Hier konnten
-Arthur und Anna nicht umhin, sich lächelnd anzusehen,
-und jener versetzte: &bdquo;Ich habe nicht zu hoffen gewagt,
-daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor
-Ihren Augen finden würde, und hielt es für sicherer,
-zu schweigen.&ldquo; &mdash; Die Baronin hatte den Humor zu
-erwiedern: &bdquo;Sie mögen Recht gehabt haben.&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond
-stand hoch am Himmel, der Zeiger der Uhr wies auf
-eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm ein
-Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von
-Holdingen: &bdquo;Für heute hab&rsquo; ich noch eine Bitte an Sie.
-Ich bin zwar aus Indien nicht als Millionär, aber
-doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch den
-Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben
-Sie mir nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk
-mache, wodurch Sie wieder das werden, was Sie zur
-Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin
-der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden
-verlebt haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der
-Restauration; und wenn Sie auch später mit uns das
-Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch, wie
-früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen
-können.&ldquo; Er übergab ihr das Dokument und die Baronin
-erwiederte: &bdquo;Ich nehme das Geschenk an und danke
-Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich irre
-mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon
-alles zu unserer Aufnahme bereit ist?&ldquo; &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo;
-versetzte Arthur. Die Baronin drückte ihm die Hand.</p>
-
-
-<div class="chapter">
-<h3>VII.</h3>
-</div>
-
-<p>Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft
-Arthurs und sein Einzug in Waldfels die Bewohner
-der Umgegend in große Aufregung versetzt. Als man
-aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner
-Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme
-auf&rsquo;s Höchste. Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich
-in allen Schichten der Bevölkerung, und da es sich
-gleich von Anfang sehr entschieden aussprach, so wurde
-auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger des
-Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten
-sie Anstalten sich zu bekehren.</p>
-
-<p>Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe
-Waldfels selber. Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern
-hätte sich bei diesem Anlaß auch bewährt, wenn der
-Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe zurückkehrte,
-ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie
-freuten sie sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen
-und gefeierten Herrn! Wie freuten sie sich
-seines Reichthums, seines Ansehens, seiner schönen
-Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens,
-wenn er ihm Ehre macht durch Eigenschaften
-des Geistes und Herzens, vor allen andern einmal voraus:
-man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung
-und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn
-er Glücksgüter erwirbt, die seinem Rang entsprechen.</p>
-
-<p>Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei
-dieser Gelegenheit der Oberst von Waldfels durchlaufen.
-Arthur hatte ihm seine Schicksale in einem Schreiben
-mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und bestimmt
-war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat
-erst in den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem
-Worte &bdquo;Kaufmannslehrling&ldquo; und &bdquo;Handlungsdiener&ldquo;
-gerieth der alte Krieger in eine schwer zu beschreibende
-Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten
-und er machte eine Bewegung, als wollte er den
-Brief wegwerfen. Allein die Neugierde bewog ihn fortzufahren
-und sein Blut begann ruhiger zu fließen, als
-er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der
-letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr,
-und als er an die Nachricht von der Wiedererwerbung
-des Gutes kam, stieß er einen Freudenschrei aus. Er
-las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte dann
-lächelnd den Kopf, indem er sagte: &bdquo;Wer hätte dem
-Jungen das zugetraut? &mdash; Zwar Verstand hat er immer
-gehabt und Obstination wie ein Satan! &mdash; Kaufmann!
-Verwünschter Einfall! &mdash; Aber die Hauptsache
-ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die
-Engländer zu sagen pflegen. So oder so! Er ist der
-Baron von Waldfels und &mdash; beim Teufel! er ist zu
-rechter Zeit gekommen!&ldquo;</p>
-
-<p>Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man
-wissen, daß der Oberst sich in der Zwischenzeit wieder
-seiner alten Passion, dem Spiel, ergeben hatte und
-in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der
-Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm
-und namentlich auch seinem herangewachsenen Sohn
-unter die Arme greifen werde, hatte etwas sehr Tröstliches
-für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine
-gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden,
-und war stolz, sein Oheim zu seyn.</p>
-
-<p>In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte
-er sich, dem freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem
-Wege traf er durch einen eigenen Zufall mit Seiner
-Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine
-Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren,
-neuerdings aber wieder gewonnen und war nun um so
-ängstlicher darauf bedacht, sie zu behaupten. Als ihm
-der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte ihm sein
-Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten
-einen Gegner finden könnte; er wußte sich
-aber zu beherrschen und drückte mit Würde seinen freudigen
-Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey überzeugt,
-daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten
-Gaben die conservative Partei verstärken
-und eine Zierde derselben seyn werde. Der Oberst hatte
-die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit entgegenzuhalten,
-daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze
-eingesogen haben könnte und daß ihn eben seine
-unabhängige Stellung verleiten könnte, sie geltend
-zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von
-einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr
-glauben.</p>
-
-<p>Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war
-sehr herzlich. Der Oberst, dem graue Haare jetzt ein
-ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß den Glücklichen in
-seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen.
-Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: &bdquo;Sind
-Sie mit mir zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen &mdash;&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Lieber Neffe,&ldquo; fiel der Oberst ein, &bdquo;wer so viel
-Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht das Sonderbarste
-und Tollste zu unternehmen. &mdash; Scherz bei
-Seite: du hast deine Sache gut gemacht und ich gebe
-dir meinen Beifall.&ldquo;</p>
-
-<p>Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf.
-Daß Waldfels der Familie gesichert war, erfüllte ihn
-mit stets erneuter Genugthuung. Arthur hatte sich auf
-eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt, für seinen
-jungen &bdquo;Vetter&ldquo; zu sorgen, was ihm eine große Last
-von seinen Schultern nahm. In der Freude seines
-Herzens zeigte er gegen die Damen von Holdingen alle
-Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn für
-ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft
-des Zorns nicht zuweilen gegen irgend einen Diener
-bei einem wirklichen oder vermeintlichen Fehler desselben
-gezeigt hätte.</p>
-
-<p>Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter
-Bekannter im Schlosse auf: Herr Samuel Rosenheimer.
-Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten sich ziemlich
-gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum,
-wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb.
-Eben mit seinem jüngsten Sohn im Städtchen anwesend
-konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, dem
-Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung
-war sehr warm. &bdquo;Herr Baron,&ldquo; begann Rosenheimer
-nach den ersten Complimenten, &bdquo;ich kann Ihnen versichern,
-keine größere Freude hab&rsquo; ich in meinem Leben
-gehabt, als wie ich gehört hab&rsquo;, daß Sie wieder in
-unserem Lande angekommen sind! &mdash; und wie? &mdash; Edmund,&ldquo;
-rief er seinem Sohn zu, &bdquo;küß dem Herrn die
-Hand! &rsquo;s ist ein großer Baron &mdash; aber ein noch größerer
-Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt,
-wie so ein Herr aussieht!&ldquo; &mdash; Der Junge gaffte den
-Belobten mit einer Mischung von Dreistigkeit und
-Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit überwog.
-Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte
-einen Schmatz darauf.</p>
-
-<p>&bdquo;Aber sagen Sie mir, Herr Baron,&ldquo; fuhr Rosenheimer
-mit galantem Lächeln fort, &bdquo;wie haben Sie&rsquo;s
-angefangen? Wie ist&rsquo;s möglich, daß man in so kurzer
-Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? &mdash; Ja, ja,&ldquo;
-setzte er hinzu, &bdquo;wir dürfen uns gratuliren, daß nicht
-mehr Herrn Barone auf den Einfall kommen, Kaufleute
-zu werden. Gott soll hüten! was würde aus
-uns werden?&ldquo; &mdash; Arthur konnte nicht umhin, über diese
-Art von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über
-das Glück eines Kaufmanns sollte sich am wenigsten
-derjenige wundern, der nach allem, was man sehe, selbst
-bedeutend vorwärts gekommen sey. &mdash; Rosenheimer protestirte
-gewaltig gegen diese Annahme. &bdquo;Rückwärts,
-Herr Baron, rückwärts! &mdash; Und wie soll&rsquo;s anders seyn?
-Die Geschäfte gehen für unser einen alle Tage schlechter.
-Kein Mensch will mehr bezahlen, und wenn man jemand
-hilft, wär&rsquo;s Noth, man gäb&rsquo; ihm noch Geld dafür,
-daß er sich helfen läßt.&ldquo; &mdash; Er hielt ein wenig inne,
-dann fuhr er mit einem gewissen Ernst fort: &bdquo;Herr
-Baron, weil wir gerade unter uns sind, erlauben Sie
-mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen
-einen Dienst zu leisten. Ich hab&rsquo;s gern gethan und
-ich bin dafür bezahlt worden, es fällt mir nicht ein,
-Ansprüche zu machen. Aber wahr bleibt wahr: ich hab&rsquo;
-doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie jetzt
-wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und
-ich bin überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte
-machen, werden Sie sich erinnern, daß es einen gewissen
-Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.&ldquo;</p>
-
-<p>Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört
-und er gedenke jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen.
-&mdash; Rosenheimer lächelte. &bdquo;Sagen Sie das einem andern,
-Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht
-hat, wie Sie, der kann&rsquo;s nicht mehr lassen! &mdash;
-Und wenn Sie so gewiß, als Sie wieder Geschäfte
-machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen beehren
-werden, so will ich mich glücklich schätzen.&ldquo; &mdash;
-&bdquo;Unter dieser Bedingung,&ldquo; versetzte Arthur, &bdquo;haben Sie
-mein Versprechen.&ldquo; &mdash; &bdquo;Ich dank&rsquo; Ihnen,&ldquo; erwiederte
-der Jude. &mdash; &bdquo;Ach,&ldquo; fuhr er nach einer Pause fort,
-&bdquo;Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu
-thun habe, wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei
-gemacht gegen die Herrn von Adel! Ich möcht&rsquo; wissen!
-Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig und anmaßend;
-ich will die Grobheiten nicht zählen, die
-ich von solchen Leuten schon hab&rsquo; verschlucken müssen.
-Aber die rechten vornehmen Herrn sind freundlich und
-höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn, der ist&rsquo;s
-nicht, und wer keinen Grund hat, der ist&rsquo;s. Wie
-kommt das, Herr Baron?&ldquo; &mdash; &bdquo;Das ist schwer zu
-sagen,&ldquo; versetzte Arthur erheitert. &bdquo;Vielleicht aber daher,
-weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz zu seyn
-und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und
-weil Leute von Bildung es nicht lieben, für schwach
-zu gelten.&ldquo; &mdash; &bdquo;Sie haben Recht,&ldquo; erwiederte der
-Jude. &bdquo;Bildung! &mdash; Siehst du, Edmund? Hab&rsquo; ich
-dir&rsquo;s nicht immer gesagt? &mdash; Herr Baron, ich danke
-Ihnen nochmal und freue mich außerordentlich auf
-Ihren ersten Auftrag.&ldquo; &mdash; Er fuhr sehr befriedigt nach
-Hause. &mdash;</p>
-
-<p>Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte
-Sache. Wir erwähnen darum nur im Vorbeigehen,
-daß Waldfels zu dieser Zeit eine nicht geringe
-Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch
-ihre Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen
-in wenigen Fällen so viele Gratulationen von Herzen
-gegangen seyn, wie in diesem.</p>
-
-<p>Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer
-verbinden sollte, nahte heran. Hätten wir erwähnen
-sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise nach Waldfels
-ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt
-hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. &mdash; Am
-Tage der Trauung glänzte sie in einer Schönheit, die
-selbst ihrer Mutter auffiel. Die Aufregung des Moments
-gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck;
-eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen.
-Es war die vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten
-und lieblichsten Leben der Seele. &mdash; Wir bewohnen
-eine Welt der Unvollkommenheit; aber in dieser Welt
-gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen
-zu seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente,
-wo man sagen möchte: Engel des Himmels
-müssen neben ihnen verlieren!</p>
-
-<p>Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter
-Anwesenheit nur der nächsten Freunde statt. Der Geistliche
-sprach über einen Text, der ihm Gelegenheit gab,
-das Heil der Prüfungen zu schildern, die über den
-Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die
-zum Theil schon von dem Brautpaar ausgesprochen
-waren, die aber vor dem Altar, an die höchsten Gründe
-angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen,
-feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge
-blieb ohne Thränen der Rührung.</p>
-
-<p>Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin
-Gelegenheit, zu dem Rentier zu sagen: &bdquo;Ich finde,
-daß mit dem Bräutigam während seiner Abwesenheit
-doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich
-unterdessen ein Mann geworden &mdash; aber das ist es
-nicht allein. Er hat in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches,
-was mir sehr gefällt; und ich glaube, man
-kann sagen, er hat etwas &mdash;&ldquo; &mdash; &bdquo;Von einem Engländer,&ldquo;
-ergänzte der Freund. &mdash; &bdquo;Allerdings,&ldquo; erwiederte
-die Baronin, &bdquo;und zwar erinnert er mich an
-die edelsten, die ich gesehen. Doch &mdash; das ist begreiflich!&ldquo;
-&mdash; Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf
-das Brautpaar und setzte hinzu: &bdquo;Er sieht so unendlich
-zuverlässig aus! Mein Kind wird glücklich seyn!&ldquo; &mdash;</p>
-
-<p>Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau
-allein in ihrem Zimmer, mit einer weiblichen Arbeit
-beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung und einem
-gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man
-schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es.
-Nach einer Weile kam Arthur und lud sie zu einem
-Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie sich, denn das
-Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen
-durch den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die
-Anhöhen lagen. Wie anders war jetzt ihre Empfindung,
-als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter der
-süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg
-wandelten! Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen
-jetzt mit der reizendsten Empfindung. Von dem Hügel
-sah ein zierliches Belvedere herab, das erst vor einer
-halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte,
-und ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur
-hatte sein Wort von damals gehalten und Anna dankte
-mit einem liebevollen Blick. Am Fuße des Hügels angekommen,
-lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig
-bei Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige
-Schritte über das Haidegras hin; plötzlich glitschte sie,
-stieß einen Schrei aus und fiel in die Arme Arthurs,
-der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen sie
-Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor.
-Anna rühmte und bewunderte es und beide sahen von
-ihm schweigend in das Thal hinab, das wieder im
-Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren
-Pause sagte Arthur mit einem Ausdruck von Laune,
-durch die er den innern Ernst zu verdecken strebte: &bdquo;Was
-man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die
-Fülle!&ldquo; &mdash; Und Anna erwiederte: &bdquo;Wir haben in früher
-Jugend gewünscht, und der Himmel hat die Gnade
-gehabt, uns von der Bedingung des Alters zu dispensiren.&ldquo;
-&mdash; &bdquo;Ja,&ldquo; sagte Arthur, &bdquo;er gab uns das Glück
-in der besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen;
-wir vertrauen dem Geber und wollen von
-seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch den wir
-die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit
-rechtfertigen.&ldquo; &mdash; Die junge Frau reichte ihm
-schweigend die Hand.</p>
-
-<div class="transnote">
-<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription
-</p>
-<p>
- Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn
- verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander
- verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anführungszeichen
- wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden
- berichtigt.</p>
-<p>Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public Domain eingebracht.</p>
-<p class="ebook-only">
- Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em>
- dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen.
-</p>
-</div>
-
-<p>&nbsp;</p>
-<p>&nbsp;</p>
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-DAMAGE.</p>
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-without further opportunities to fix the problem.</p>
-
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-in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
-OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.</p>
-
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-warranties or the exclusion or limitation of certain types of
-damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
-violates the law of the state applicable to this agreement, the
-agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
-limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.</p>
-
-<p>1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
-providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
-accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
-production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
-electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
-including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
-the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
-or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
-additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
-Defect you cause. </p>
-
-<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of
-computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.</p>
-
-<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org.</p>
-
-<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
-U.S. federal laws and your state's laws.</p>
-
-<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact</p>
-
-<p>For additional contact information:</p>
-
-<p> Dr. Gregory B. Newby<br />
- Chief Executive and Director<br />
- gbnewby@pglaf.org</p>
-
-<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation</h3>
-
-<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
-array of equipment including outdated equipment. Many small donations
-($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
-status with the IRS.</p>
-
-<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating
-charities and charitable donations in all 50 states of the United
-States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
-considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
-with these requirements. We do not solicit donations in locations
-where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
-DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
-state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p>
-
-<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we
-have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
-against accepting unsolicited donations from donors in such states who
-approach us with offers to donate.</p>
-
-<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p>
-
-<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate</p>
-
-<h3>Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.</h3>
-
-<p>Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
-volunteer support.</p>
-
-<p>Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
-necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
-edition.</p>
-
-<p>Most people start at our Web site which has the main PG search
-facility: www.gutenberg.org</p>
-
-<p>This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
-subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.</p>
-
-</body>
-</html>
-
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