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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - - - - -Title: Novellen - Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn - - -Author: Melchior Meyr - - - -Release Date: May 1, 2017 [eBook #54640] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - - -***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN*** - - -E-text prepared by the Online Distributed Proofreading Team -(http://www.pgdp.net) from page images generously made available by -Internet Archive (https://archive.org) - - - -Note: Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - https://archive.org/details/novellen00meyruoft - - -Anmerkungen zur Transkription - - Im Original gesperrt gesetzter Text wurde mit = markiert. - - Text, der im Original nicht in Fraktur, sondern in Antiqua - gesetzt war, wurde mit _ markiert. - - - - - -NOVELLEN - -von - -MELCHIOR MEYR. - - - - - - -Stuttgart. -Cotta'scher Verlag. -1863. - -Buchdruckerei der J. G. Cotta'schen Buchhandlung -in Stuttgart und Augsburg. - - - - - Inhalt. - - - Seite - - Die zweite Liebhaberin 1 - - Verlust und Gewinn 319 - - - - - Die zweite Liebhaberin. - - - I. - -An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug in den Bahnhof -der Residenz, um unter dem prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt -zu machen. Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom -wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, wo die Erwarteten von -Bekannten und Verwandten begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo man -das »Passagiergut« zurück erhielt. - -Unter den letzteren befand sich ein junger Mann von ungefähr -achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, in der vollen Kraft -gesunder Jugend. Eine elegante Reisetasche, etwas größer als -gewöhnlich, hing an seiner Schulter und das Haupt deckte ein -hellbrauner Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die vielleicht -um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen durften, den Hinterhals -beschatteten. In anständig modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte -man sagen flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng -weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, wo er zu -wohnen gedachte, und schickte sich an, zu Fuß nachzugehen. - -Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt und der mildsonnige -Abend hatte eine ungewöhnliche Zahl Spaziergänger auf die Straße -und auf den schönen Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling -schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles betrachtend, was -sich ihm darbot. Ihn schien Alles gleich lebhaft zu interessiren: die -neuen Häuser der Vorstadt und die zierlichen Gärtchen, die davor oder -dazwischen lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, und die -einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend bemerklich machten. Er -faßte mit demselben heitern Antheil das schmucke Dienstmädchen in's -Auge, die mit einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und die -feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben Gemahl oder Papa -nachlässig hingegossen saß; den Proletarier, der mit freiem Hals und -nicht ganz reinlichem Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den -Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein Racepferd durch -die Straße lenkte. Ja, wenn er hie und da zurückschaute, warf er auch -in den leicht aufgewirbelten, von der Sonne vergoldeten Staub, der -allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden half, -einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen Weg fortzusetzen. - -Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen setzt eine wohlwollende -Seele und gleicherweise ein begnügtes, zuversichtliches Herz voraus. -In der That hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem -hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der gutmüthigen -Freude, die es zunächst verschönte, sah auch ein tiefes Selbstgefühl -aus ihm, und zuweilen ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er -lächelnd auf die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer »Masse« -zusammengeflossen waren. - -Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, und der Leser -wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. In der Reisetasche des jungen -Mannes befand sich nicht nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit -einen Winter anständig zu leben war, sondern neben andern unschätzbaren -Papieren auch das stattliche Manuscript eines Trauerspiels, das in -seiner Heimath die günstigsten Urtheile erfahren hatte und das er nun -auf der Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal den -gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik angereiht zu sehen. -Die Wirkung, die er beim Vorlesen des Stückes erzielt hatte, war so -entschieden, die Lobsprüche, die er von Männern und Frauen erhalten, -waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden Effekt -auf dem Theater mit vollkommener Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte. -Manchmal, wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés gelehnt, -über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn allerdings auch wohl -Zweifel angewandelt und sein Herz in eine nicht unbedeutende Gährung -versetzt; allein das Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das -Spiel ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und wie er -nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz herfuhr, die ihm durch das -Seitenfenster in all ihrer Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das -reinste Vertrauen in seiner Seele Platz. - -Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger hingleiten -ließ, schien er nun zu denken: »Ihr laßt mich jetzt unbeachtet -vorübergehen, ihr guten Leute; ich bin euch nichts -- ein junger -Mensch wie jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, wenn ich -unter allgemeinem Applaus und Zurufen meines Namens auf die Bühne -trete und euch für den Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt -meiner Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht haben für -euch und den Weg des literarischen Ruhmes fortsetzen können unter den -herzerfreuenden, ermuthigenden Zeichen der Achtung meiner Nation.« - -Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so gewannen seine -Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, der ihnen entsprach. Er -strahlte in einer Mischung von Zuversicht und Selbstgefühl, die -von Selbstgefälligkeit nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit -einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann das Gesicht einen -ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah aus wie einer, der sich freut -um der Freude willen, die er geliebten Andern zu bereiten hofft. - -In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen fort. -Der Anblick, der sich ihm bot, war ihm nicht ganz neu, denn er hatte -vor einem Jahrzehnt schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber -wegen verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der Neuheit -auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so begreift man den Sinn für -charakteristische Gegenstände, die er in seiner Auffassung gleich -idealisirte und dichterisch empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der -Gedanke leitete, das so Geschaute als Zierde in einem seiner Werke -verwenden zu können. Aus diesem Grund -- um die Physiognomie der -Residenz rein in sich aufzunehmen -- hatte er den Weg vom Bahnhof eben -zu Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit waren ihm jetzt -nicht nur werthvoll an sich, er nahm sie auch behaglich als günstige -Vorbedeutung. Auf einmal blieb er stehen und besann sich. Die Lage -des ihm empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben -lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er dahin gelangen könne. Eben -kamen indeß zwei Damen gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu -fragen. - -Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und die -Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er Mutter und Tochter -vor sich habe. Sie waren es in der That und auch abgesehen von -seinem Anliegen gar sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen -bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich abgemagert; sie -machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens und ihr braunes Aug -zeigte anmuthig heitern Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das -Antlitz der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein wenig -in's Bräunliche spielte und auf den Wangen nur von sehr zartem Roth -überflogen war. Aus ihrem gleichfalls braunen Auge leuchtete noch -mehr und schöneres Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war -eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit und -Schalkheit. - -Während unser junger Mann die Aeltere fragte, den Weg sich bezeichnen -ließ, wieder fragte, um eine nähere Explikation zu erlangen, sah ihn -die Tochter mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein -schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth den Mann der -Provinz, der seine gesellige Bildung in einer mittleren Handelsstadt -und zwei kleinen Universitätsstädten erlangt hatte, nicht nur durch den -Dialekt, der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, sondern -er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen Verlegenheit, in der -sein gutmüthiges Wesen so ziemlich den Charakter der Unbeholfenheit -annahm. Gewandt und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten -oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte er die schöne -Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich im geselligen Verkehr eine -bestimmte Haltung zur Pflicht machen sollte; und das war ihm jetzt -sichtlich begegnet. Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das -ergötzlich vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht der Mutter hing -und auf sie selber auch nicht einen Blick zu werfen sich getraute. Dieß -verrieth ihr den Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der -junge Mann begann sie zu interessiren. - -Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten Theilnahmlosigkeit -verharrend sich empfehlen werde, that sie ihm doch Unrecht. Sobald -er hinlänglich unterrichtet war, sah er nach warm accentuirtem Danke -rasch auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, und -da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, so erröthete -sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich wieder und dankte auf -die Abschiedsverbeugung mit einer Freundlichkeit, die eben so viel -Theilnahme wie Herablassung verrieth. - -Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren gerettet, wenn auch -die Tournüre noch vieles zu wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens -gewußt, wie reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem -noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. Unser Poet wurde -durch Gestalt und Miene -- trotz einer entfernten Ahnung der Bedeutung -ihres Lächelns -- so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht -ein tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges Bild von -innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte weibliche Liebenswürdigkeit -nur mehr einen leichten, flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in -seinem Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung eines -Liebenden und Dichters empor sah und der allein zu huldigen das Glück -und der Stolz seines Lebens war. - -Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im dritten Stock und auf den -Hof, was ihm gerade recht war. Er hätte allenfalls noch in's Theater -gehen können; aber man gab eine Oper von einem Meister zweiten Rangs, -die ihn nicht reizen konnte, und er wußte sich zu Hause schöner zu -unterhalten. Nachdem er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte -er sich auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche -und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, sondern auch eine -Anzahl Briefe, mit denen eine noch nicht ganz getrocknete, halb offene -Rose herausfiel. Sein blaues Auge leuchtete, als er diese theuren -Gegenstände erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und drückte -sie an seine Lippen. Dann nahm er einen Brief, las, lächelte und las -weiter, bis sein Gesicht in einem innig glücklichen Schein erglänzte. - -Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit einer nur wenig -gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender Stirn und stark ausgeprägtem -Vorderkopf ähnelte er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister -selbst gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere, -weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und Gutmüthigkeit, die -den Grundton bildete, gesellte sich ein modern schwärmerisches Gefühl, -worin er zwar die ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer -Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten und -Aussichten hing. - -Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, in Ihren Briefen lesend, -nur Sie vor Augen hatte und nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter -Autor vor ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen -zu können? War er doch mit ihr so gut wie verlobt und bedurfte es zu -seinem höchsten Glück nichts als des Beweises, daß er der Mann war, -sie als glückliche, gefeierte, beneidenswerthe Frau durch's Leben zu -führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er hoffte sich zu -legitimiren als Dramatiker, als produktiver Geist, dem auch bei den -dermaligen Verhältnissen im deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt -genügend, wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein -verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde versagen wollen, -um wie viel weniger mehrjährig befreundete Verwandte die geliebte und -liebende Tochter. Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser -Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, über das der -Leser ohne Zweifel näher unterrichtet zu werden wünscht. - -Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, dem nach mühseligem -Ringen und Streben nicht nur die Stelle eines Oberlehrers in einem -Städtchen, sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft -zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens nachkommen und -den einzigen begabten Sohn studiren lassen konnte. Die Preise, die -derselbe auf dem Gymnasium davon trug, erfreuten ihn außerordentlich; -er schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der Studiosus im -dritten Semester erklärte, die begonnene Theologie unmöglich absolviren -zu können, sondern sein Leben und seine Geisteskraft der Literatur --- der Dichtkunst widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen -eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in unbedingtem -Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge von Gegengründen zu Gebote, -und als zu diesen noch Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen, -als der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob, -dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung bringen würde, da gab der -gute Vater nach und versöhnte sich, dem Talente des Einzigen selber -vertrauend, endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen -Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls gesunkene Hoffnung -neu wieder anfachten. - -Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht von diesem schlichten -Manne, sondern von der Mutter, der er auch viel ähnlicher sah und -die ihn mit ihrer zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer -Beistimmung gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, sondern -auch immer wohl unterstützt fortsetzen, indem sie bei den ehelichen -Berathungen über den »Wechsel« immer einer verhältnißmäßigen Zulage -das Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, die ihn -reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, die er zum Theil -ausführte, und imponirte zuletzt auch dem Vater noch ganz ernstlich, -indem er nach dem fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors -der Philosophie heimkehrte. - -Schon als Gymnasiast und angehender Student pflegte er in den Ferien -einen Verwandten zu besuchen -- Geschwisterkind seiner Mutter -- der -in einer nahe gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte -Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen hübschen Vetter -um so lieber auf, als das poetische Gemüth sich für die erwiesenen -Freundlichkeiten immer sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur -Unterhaltung beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien -regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, so erwartete man ihn -um so bestimmter im folgenden Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung -des gastfreien Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging; -denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre weniger zählte -als er, zu einer so auffallenden Schönheit herangeblüht, daß sie beim -ersten Wiedersehen sein Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos -seines Lebens für entschieden halten mußte. - -Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die Gestalt in allen -Verhältnissen untadelig, das Gesicht regelmäßig schön und die Wangen -sanft geröthet; Augen wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und Arme -nicht von jener gerühmten »blendenden Weiße,« sondern wie von einem -ätherischen Goldton angehaucht, der ihnen eine holde Wärme gab und -ihren Verehrern über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge -konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem Wesen lag etwas -natürlich Selbstbewußtes, Sicheres und zum Herrschen Geneigtes; und da -sie bald im Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte sie sich -etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten entgegennehmen, -als ob sie sich von selber verständen. Vor dem Mißbrauch der so -rasch erlangten Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn -und klarer Blick in's Leben, ein durch ihr Temperament begünstigter -Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer auch bedachte, was die andern -wünschen mochten. Wenn ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende -als dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch so freundlich -aus, daß man ihr immer gern nachkam; und wenn sie von ihren Verehrern, -alten und jungen, sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte -sie die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich jeder -belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet fühlte. - -Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast im Hause war und -sie mit Interesse beobachtet hatte, sagte dem Vater, als er von ihm -Abschied nahm: »Zu deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist -nicht nur sehr schön -- und, nebenbei gesagt, von einer dauerhaften -Schönheit -- sondern eines der verständigsten Mädchen, die mir -vorgekommen sind. Die laß nur immer gehen, und wenn's zum Heirathen -kommt, selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die beste -Wahl, für sich und für dich.« - -Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von ihrer ersten -Bekanntschaft an geduzt und außerdem herablassend mit ihr gespielt, wie -sich dieß bei einem um so viel älteren Jüngling von selber versteht. -Noch beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, obwohl er für -den Reiz der werdenden Schönheit nicht ganz unempfindlich war, blieb -er ruhig und fühlte sich selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie -er sie aber nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher -Schönheit wieder sah, da war's um ihn geschehen. Er erschrack förmlich, -als sie ihm den Willkomm bot; der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn -etwas so Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit der -Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken verwirrten sich, und erst -nach einigen ungeschickten Versicherungen, die auf den Gesichtern der -Anwesenden ein Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung -stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein. - -Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem Einen Ziel ein -zweites, das er mit jenem zusammen erreichen mußte. In dem Verkehr mit -ihr, der sich weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es -ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden sollte, daß er nur -im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen könnte, nach dem seine Hand -sich streckte. Sie war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er -nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar auszeichnete, so -glaubte er ihr doch mehr als irgend ein anderer zu seyn und die völlige -Gewinnung ihrer Liebe hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie -verdienen auf seine Weise. War doch auch das jetzige Glück in ihrem -Umgang schon unendlich; gingen doch die süßesten Gefühle durch sein -Herz und gaben seinen poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber -entzückte. Er fühlte sich wie in einem Garten voll der mannigfaltigsten -Blumen, die ihn in frischester Blüthe magisch anleuchteten und deren -Wohlgerüche stromgleich in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens, -der Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen Gehalt -nicht sogleich in die rechte Form bringen zu können, er hätte sich -damit gewiß den ersten Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was -jetzt nicht möglich war, das geschah später -- und am Ende noch besser -als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne sich hingeben, die -Zauberbilder des Liebelebens in sich aufnehmen, um sie später in reinen -Kunstwerken zu unwiderstehlicher Wirkung vorzuführen. - -Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller Vorzüge, welche die -Geliebte zierten, sich bewußt zu werden und sie in Versen und Prosa -für sich wiederzugeben. Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder -zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte in ihrer -Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem gesteigerten Zauber besonders -holder Momente wieder und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an -ihr poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung -entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens erschien ihm edel im -schönsten Sinne des Worts, das höhere Bewußtseyn, das nicht selten -aus ihren Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch -ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der sichere Takt und der -Verstand, den sie im Gespräch mit ihm zeigte, verrieth ihm einen -geradezu genialen Geist. Sie herrschte in ihrem Hause -- das gebührte -ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als Fürstin ein Volk zu -regieren; und wenn ihr dieses Loos nicht zufallen konnte, so war es -am Ende auch schön, als Gattin eines Dichters durch's Leben zu gehen -und als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation gefeiert zu -werden. - -Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten Sinne, konnte das -eine Frage seyn? Wenn er bisher keine Gewißheit hatte, jetzt war -sie gegeben: mit dem glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen, -hochstrebenden Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie -gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf die höchsten -Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften des Weibes -anschaute und die ihm zugleich die ausdauerndste Anstrengung, den -reinsten Kunstfleiß zur frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon -=sie= erquicken sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung, -seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und das Ziel -seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. Alles stimmte zusammen. -Zu der Leidenschaft und dem glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die -lieblichsten Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen ihm -und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm wieder einmal ein Poet -ausreifen, der, in eigenster Seele glücklich, auch die andern beglückte -und den himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen ergoß. - -Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, indem die beiden Herzen -vertrauter und in Momenten schöner Erregung die liebenden Blicke des -Dichters gar warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen -Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch nicht. Der Grund lag -in der Zurückhaltung Auguste's, die in ihrer Freundlichkeit, auch bei -lebhafterer Wallung des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und -auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu halten oder doch -wieder in sie zurückzuführen wußte. Außerdem war Heinrich so glücklich, -sie immer wieder sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit -der Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre es auch eine -glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. Was er hatte, war so hold, so -voller Duft und Poesie! Und das Andere mußte ja kommen -- in schönster -Weise kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine bloße -Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war! - -Die Liebe macht jedes Wesen klug und -- nach Möglichkeit -- praktisch, -sogar den poetischen Idealisten. Heinrich sah wohl, daß die Verwandten -ihre Tochter nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und wenn er -sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen und eigener Arbeiten -angenehm und interessant machte; wenn er bei Gelegenheit ein wirksames, -die betreffenden Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn -er hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in Journale zu -liefern begann, so versäumte er nicht, bei natürlichen Anlässen die -Vortheile jetzt lebender Schriftsteller vor ihren ehemaligen Genossen -in's Licht zu setzen und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn -er thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen zu -beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut besoldeten Staatsdieners -gleich komme, ganz abgesehen von den möglichen Erfolgen als Lyriker -und Erzähler, und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den -deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche Ehrensolde zu -erlangen vermöge. - -Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, so rechnete er genau -vor, was man durch Lieferung so und so vieler Bogen in politische und -literarische Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen, -die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen und Honorar ein -Stück abwerfe, das den Siegeszug über die Bühnen Deutschlands mache --- der wackere Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und -Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst mäßigen Gebrauch -machte und es für ehrenvoller und natürlicher hielt, seine Bezüge -fortgehenden Anstrengungen des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte -die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen Sinn des -Poeten einen vortheilhaften Begriff und sprach einmal seine ernstliche -Freude darüber aus, daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter -wie solide Menschen zu leben vermöchten. »Freilich,« setzte er lächelnd -hinzu, »müssen ihre Gedanken auch durchgehen!« Der Jüngling, in seiner -vollkommenen Sicherheit, stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der -Alte freundlich hinzufügte: »Nun, bei dir hoffen wir das Beste, nach -den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen hast....« - -Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, in -Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten Mannes diente -dem jungen Mann nachhaltig. Seine dichterischen Arbeiten wurden mit -größerem Antheil gehört, und als er am Geburtstag der Mutter ein -kleines Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle gab -und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen rührenden Eindruck machte, -gratulirte man ihm auf's wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die -Eltern glaubten auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen -setzen zu können und sagten sich, daß er am Ende doch der Mann wäre, -ihre Tochter glücklich zu machen. Unser Musensohn durfte unter den -Verehrern der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich -machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich auch angenommen, daß -er der Bevorzugte, der Erwählte sey, und daß man eines schönen Morgens -die Verlobungsanzeige lesen könnte. - -Während einer längeren Abwesenheit nach jenem poetischen Sieg drohte -seinen Hoffnungen indeß einen Moment große Gefahr. Ein Anbeter -Auguste's bewarb sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der eine -bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren stand und sich -einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die Eltern, geschmeichelt, wußten -die Ehre sehr zu schätzen, gaben aber die Entscheidung der Tochter -anheim; diese, in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen -Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das Ereigniß von einem -Bekannten gemeldet wurde. Nun hatte er den vollen Beweis, daß ihr -Herz ihm gehörte, auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht -länger säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, um die -Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen. - -Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, die ihn bald -vor allen andern Arbeiten anzog, und wenn er sich an sie hingab, ihn -anmuthete wie eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der -Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer fürstlichen -Familie gegeben, die wirksamsten Momente hatte er aber selber erfunden, -indem er die Hauptpersonen zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und -den Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act schien ihm -Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf die Zuschauer ergreifende, -erschütternde Eindrücke hervorbringen mußten. Es gibt eine Poesie der -Situation und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und diese -Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, daß er über -die gleichmäßige Hinausführung des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn -brauchte. Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den Entwurf -und das richtige, farbensatte Treffen des Anfangs an; dieser führt -dann zum entsprechenden Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem -das Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken in das -Gemälde kommt, von dem überwiegend Großen und Mächtigen immer selbst -wieder ausgestoßen wird. - -Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn ein wundersames, -reiches, romantisch holdes und großes Bild vor ihr steht und sie -dasselbe Zug für Zug, ja noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es -anschaut, auf's Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse dem -liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das Herz an Alles, was -erhaben, schaurig und süß in der Welt ist, dabei erinnert wird! In den -beglücktesten Momenten ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt, -etwas Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. Und wenn -das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten Schauspielern -dargestellt, auf die Herzen der Zuschauer eindringt? -- Der Sieg ist -unvermeidlich und die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln! - -Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung brachte Heinrich das -Stück zu Ende. Er ging es kritisch genau durch und opferte manchen -Vers, der ihm an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend -erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, welchen Effekt die -wesentlichsten Scenen auf der Bühne zu machen im Stande wären. Durch -Erfahrung belehrt, wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte -er das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien Freunden mit -und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden Aenderungen und -Streichungen bestimmen. Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn -und wollte das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es im -Hause der Geliebten vorlas. - -An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten Versammlung, die -den runden Theetisch im Gartenhaus umsaß, machte er den Versuch, der -über Erwarten gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen -glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die Verse weckten den -Muth des Autors, und bald las er mit einer Wärme, die sich nach und -nach zur Begeisterung steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen -Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, zermalmenden -Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig und schweigsam, dann erfreut, -gerührt und nach den effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht -karg, waren am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten Acten -nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, gehobene, -glückliche Gesichter. Am glücklichsten war freilich der Autor. Er -empfing -- wie das nach einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt --- von allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr besagten, -als es die Anerkennenden am andern Tage gutgeheißen hätten; sein -Antlitz, mitten im Fluß bescheidener Ablehnungen, strahlte in beinahe -mädchenhafter Wonne; und als er endlich einen Moment allein gelassen -wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten auch abgehen -möchte, ein würdiger Erfolg seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl -ganz gesichert. »Ein würdiger Erfolg?« rief eine Stimme aus den -Tiefen seiner Seele. »Das ist nicht genug! Ein durchschlagender, ein -hinreißender muß es seyn!« - -Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern und Geliebte mit -vertrauensvolleren Blicken an. Man gratulirte nochmals, der Vater -namentlich mit bedeutungsvoller Miene, und endlich wünschte man sich -mit einer so ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon -Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre. - -Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um durch Schilderung -seines Triumphs die Mutter zu entzücken, den Vater im Glauben zu -stärken und ihn zu einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft -letzten Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem Lächeln, -aber auch wieder mit bedenklicher Miene, sorgte für das bereits -erwähnte Päckchen Papiergeld, das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg -an entscheidender Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. Mit -dem elterlichen Segen ging dieser wieder zum Vetter zurück, um allerlei -Einkäufe zu machen, ein paar Tage in der Familie zu verleben und dann -auf Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen. - -Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen mit heiterer -Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, der dem Dichter ganz -besonders wohlthat. Am Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und -eilte, sie aufzusuchen. - -Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten begann er mit einem -gewissen Lächeln: »Morgen also, liebe Auguste, geht's fort -- in's -Feld.« -- »Ich wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,« erwiederte sie -mit ernster Empfindung; »von ganzem Herzen.« -- »Es gehört viel Muth -zu dem Unternehmen,« fuhr der junge Mann fort, indem er sie bedeutsam -ansah; »denn für mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!« - -Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: »Mögest du gewinnen -- -Alles gewinnen -- das ist mein Wunsch und meine Hoffnung!« -- Sie -schaute auf, ihm in's Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten -Theilnahme -- der Liebe, der ihn traf und entzückte. - -Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend mit -überwallender Herzlichkeit: »Ich danke dir, Auguste -- und gehe -getrost. Es muß mir ja gelingen -- wenn nicht um meinetwillen, so doch -um deinetwillen, da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. Wenn -nur,« setzte er mit einem eigenen Ausdruck von Sorge und Hoffnung -hinzu, »die Prinzessin gut gespielt wird!« - -Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu dieser Figur sie -gesessen und der Dichter alles aufgeboten hatte, sie darin zu -verherrlichen. »Wie mir der Doktor sagte,« bemerkte sie, »haben sie in -der Residenz gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!« -- -»In Gottes Namen,« versetzte der Autor. »Mir,« fügte er halb lächelnd -hinzu, »wird sie freilich nicht ganz genügen können, wie gut sie's -auch machen mag, aber dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum -ergreift und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. Nun, und wenn -ich dann wiederkehre -- mit dem Lorbeer wiederkehre --?« - -Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine eben aufbrechende Rose -zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe bot, sagte sie, mit einem leisen -Hauch von Verlegenheit, gütig: »Zum Andenken -- an unsern Garten, wo -wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie dir Glück -- alles Glück -bedeuten!« - -Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, und wäre dieser gern -um den Hals gefallen, wenn es auf dem häuser- und fensterumgebenen -Platz nur irgend hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre -Hand, preßte sie zärtlich und rief: »Dieser Rose wird der Kranz -folgen, nach dem ich trachtete von Jugend auf; und dann, dann hoff' -ich auf deinem Haupt einen noch schöneren zu sehen --« -- Das Mädchen, -unwillkürlich, erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer und sah -den schönen und liebenden Dichter mit dem reinsten Wohlwollen an. -- -- - -Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den ersten Abend in der -Residenz ganz dem Cultus der Geliebten widmete? Er hatte ihr lange -gedient, und ihr eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn -in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte machen lassen; -aber endlich hatte er das geliebte Herz gewonnen -- gewonnen für Zeit -und Ewigkeit. - -Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus verschiedenen Jahren. -Er hatte den ersten, den ihm die noch nicht erwachsene Cousine -schrieb, glücklicherweise nicht verloren und besaß also jede Zeile, -die sie, anfragend oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch -diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine gewisse ruhige -Zurückhaltung; in denen aus der letzten Zeit herrschte aber ein -wärmerer Ton, und wenn die freundlichsten Stellen an hingebender -Empfindung auch nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen, -so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung auf ihn. -Im übrigen war ihm alles köstlich, was er las; alles war bezeichnend -für sie und rief ihm ihr himmlisches Bild vor die Seele. - -Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, indem er das -schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht ersetzte. Ein Ausspruch, auf -den er traf, erinnerte ihn an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug -sie auf und las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder konnte er -nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -- Endlich legte -er das Manuscript weg. Es waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht -entgehen lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: »Gedanken -und Entwürfe,« schrieb, sann weiter nach, schrieb wieder, und blickte -zuletzt mit eben so innig vergnügten als selbstzufriedenen Mienen in -dem kerzenhellen Zimmer umher. - -Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte eine Art -Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr spielend und sich gelegentlich -selbst darüber belustigend, ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle -Einwirkung auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon wurde er sich -mit angenehmer Empfindung seines Namens »Born« bewußt, da er ihm in -seiner Kunst eine unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien; -und auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, unter andern der -größte deutsche Kaiser getragen, war er sehr zufrieden. Denn im Grunde, -sollte im _nomen_ nicht dennoch ein _omen_ gegeben seyn können? Daß -jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, in der That etwas -bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; aber das war auch noch -nicht erwiesen, daß hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht -gefallen sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen -durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf ernstere Ereignisse -vorzubereiten und zum Abwarten zu ermuthigen -- wer weiß es? - -Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund unwillkürlich seinen -Eintritt in die Residenz, den heitern Abend und die in ihm angeregten -frohen Gefühle; die interessante und anziehende Begegnung der beiden -Damen; das traute Zimmer im Gasthof und die seligen Eindrücke, welche -Geschenk und Briefe der Geliebten auf ihn gemacht; die Tragödie, die -ihm unwiderstehlich wieder imponirte, und endlich die Fülle neuer, -schöner Ideen. Aber noch blieb etwas übrig. - -Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei sich führte, suchte -den Namen des heutigen Tages, und las auf der katholischen Seite -»Justinian,« auf der protestantischen, zu seinem großen Vergnügen, -»Herkules.« Herkules! welch glorioser Patron! Und noch dazu bei -wachsendem Mond! -- Der folgende Tag war bezeichnet durch »Magnus,« der -dritte durch »Regina;« bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die -große Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht wünschen -können. - -Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, erhob er sich, -um in's Speisezimmer hinunterzugehen; denn bei der idealistischen -Beschäftigung hatten sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar -eingestellt. Er vollendete nun die guten Auspicien, indem er eine -bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche vom Besten ausstach, -wobei er das erste Glas für sich auf das Wohl der Geliebten leerte, -und endlich zu Bette gegangen rasch in tiefen Schlaf sank. - - - II. - -Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als wenn ein -phantasiebegabter Mensch nach gesundem Schlaf in einem Zimmer erwacht, -das dem überraschten Auge fremd erscheint und auf das er sich erst -wieder besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so wirkt der -Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer Dämmer webt vor seinen -Blicken. Das ist recht die Zeit der wachen Träume, der beglückenden -Vorstellungen, die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden Morgenhelle -wundersam, ungleich muthiger und frischer gelingen, als Abends zuvor. - -Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der Tag ließ sich -so heiter an wie der gestrige. Ein goldener Reflex der Wetterfahne, -die er von seinem Bett aus erblickte, verkündigte dem Liegenden die -aufgegangene Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen. -Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern vielmehr zum klaren -Ueberlegen und Handeln war er in die Residenz gekommen. - -Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das Frühstück. Im -Sopha zurückgelehnt überdachte er die Aufgaben des Tages. Er hatte -ein Empfehlungsschreiben von einem Universitätsfreund an einen -Schriftsteller, ein zweites von einem älteren Schauspieler, den er -in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge Kunstgenossin, -Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine Karte von einem Schulrektor -der Handelsstadt an einen Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten. -Sein Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. Er wollte -zuerst den Schriftsteller, dann den Professor und zu guter Letzt die -Künstlerin aufsuchen. - -Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der Hauptstraßen und -Plätze, wobei er sich am längsten vor dem Kunsttempel aufhielt, in -dessen Innern die für ihn so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab -er sich in die Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern -der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte. - -Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig blickenden Mann von -mittlerem Alter. Betroffen sah er ihn an; denn nach dem Feuer und -der blühenden Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz -anders vorgestellt. _Dr._ Willmann -- so hieß der Schriftsteller -- -nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf auf den Empfohlenen einen -prüfenden Blick und sagte dann: »Sie sind, wie ich aus dem Brief -abnehme, Literat?« -- Man kennt den Begriff, den Heinrich von sich -selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der Wirksamkeit eines Dichters -im hohen Styl, konnte sich eine ehrenvollere und segensreichere nicht -denken, und wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für -die Männer der Feder die Bezeichnung »Literat« im Gebrauch, allgemein -genug, um die besten und die schlechtesten in sich zu begreifen, -und darum den Behörden und dem Publikum sehr handlich, dagegen für -den Ehrgeizigen und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner -Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. An sich ein -Ehrentitel, hatte der Name durch allzuweite Ausdehnung auf Solche, die -sich mit _literis_ fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten, -eine Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu -peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. Das konnte -jetzt freilich nichts helfen; nach einer augenblicklichen unangenehmen -Empfindung und momentanem Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel -beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses vornehmes Lächeln -unterdrücken zu können: »Wenn Sie wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens -ist aber die Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines -=Dichters= verdienen zu können!« - -Der Erfahrene lächelte. »Um so besser,« erwiederte er. »Sie haben bis -jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?« -- »Noch nicht. Allein ich -will hier --« -- »Ein Stück aufführen lassen -- das steht im Brief. Ist -es ein Schauspiel? -- ein Lustspiel?« - -Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: »Bah!« -- »Eine -historisch-romantische Tragödie« erwiederte er. -- »Ah!« rief der -Andere; und heiter setzte er hinzu: »In Versen?« -- »Das meiste: -einzelne Scenen in Prosa.« -- »Wo Volk spricht -- shakespearisch! -- -Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.« - -Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten auf dessen -Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks im Allgemeinen mit. Willmann -horchte -- bald mit Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen -des Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben glaube, ein -Schein von ironischer Beistimmung in dem runden Gesicht aufging, so -verfehlte doch die ehrlich überzeugte, nach und nach begeisterte Art -der Darstellung nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er -fühlte, daß der junge Mann Talent habe -- guten Willen obendrein -- und -im Grund verdiene, damit auf den rechten Weg gewiesen zu werden. - -»Sehr interessant!« rief er, nachdem Heinrich das Referat geschlossen; -»und wenn das Alles gut und schön motivirt ist -- darauf kommt freilich -Alles an -- dann kann's auf der Bühne schon eine Wirkung machen. -Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind eigentlich nicht -mehr zeitgemäß. Man will heutzutag erheitert, unterhalten seyn und -wohlthuende Eindrücke empfangen, und man liebt daher vor allem den -sogenannten guten Ausgang.« -- »Mag seyn,« versetzte der Poet nach -einem unwillkürlichen Mundverziehen. »Aber zur Abwechslung wird doch -wohl auch eine Tragödie, wenn sie wirklich poetisch ist --« -- »Ihr -Publikum finden?« ergänzte der Andere; »allerdings; aber ein kleines -und minder treues,« fügte er lächelnd hinzu. »Sicherer werden Sie immer -gehen, wenn Sie das Lustspiel und Schauspiel cultiviren und darin -hauptsächlich moderne Gegenstände behandeln.« - -»Am sichersten,« versetzte Heinrich mit selbstgewissem Lächeln, »geht -der Dichter, wenn er seinem Genius folgt. Das hab' ich bei diesem -Stücke gethan, und ich hoffe, es wird sich rechtfertigen.« -- »_A la -bonne heure_,« erwiederte der Doctor erheitert. »Wenn das ist, dann -haben Sie freilich gewonnen und können Ihren Weg gehen nach Belieben. -Der Erfolg entscheidet. Indessen,« fuhr er nach momentanem Schweigen -fort, »wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn mag, der -Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst noch vorbereitet werden. -- -Haben Sie das Stück schon eingereicht?« -- »Noch nicht. Ich möchte -vorher noch eine Copie -- der Sicherheit wegen --« -- »Ich begreife. -Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich Ihnen, die Herren Regisseure -zu besuchen. Es sind meine Freunde, und Sie können sich bei jedem -auf mich berufen.« -- »Sehr dankbar.« -- »Und dann -- unnütz wär's -nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft der hiesigen -Theaterkritiker bald zu machen suchten. Es ist immer besser, sich ihnen -empfohlen zu haben.« - -Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte nach einigem -Zögern: »Herr Doctor, wenn ich offen reden soll, das widersteht mir -einigermaßen, und ich meine, ich kann's überhaupt unterlassen. Macht -mein Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker schon -gezwungen seyn --« -- »Es zu loben, meinen Sie? Da sind Sie doch wohl -im Irrthum. Kritiker lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur -Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums oft im direktesten -Widerspruch.« -- »Womit sie sich dann aber nur selber schaden!« -versetzte der Poet mit Nachdruck. - -Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. Nach einer Pause -erhoben sich beide und jener sagte: »Mein lieber Herr College, Sie -sind mir von einem guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum -auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen nützlich seyn kann. -Was Sie thun wollen, ist natürlich ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen -aber künftig in etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie -sich an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, Ihre -Bekanntschaft gemacht zu haben.« - -Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter Empfindung. Eine -gewisse Höflichkeit in den Formen konnte er ihm nicht absprechen; -indessen von einer höheren Gesinnung hatte er nicht sehr viel -wahrgenommen und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht -entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. »Ein Freund,« sagte er sich, -»wird das nicht werden, das ist klar. Allein dienstfertig scheint er -doch zu seyn, und am Ende muß man jeden nehmen, wie er ist.« - -Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. Durch ein -Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte übergeben hatte, angemeldet, -wurde er in der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, ihr -Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn und freue sich, den -Herrn Doctor kennen zu lernen. Sie fragte ihn nach der Familie des -Schulrektors, die sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und -die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute ihn bald mit -offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges hageres und ziemlich -bleichsüchtiges Mädchen trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von -der Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit der behaglich -aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit hatte, so glaubte -Heinrich von ihr einen Schluß auf den Vater ziehen zu können. Auch -sie thaute bald auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten, -wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur Mutter gewendet, -verstohlenerweise einen sehr beifälligen Blick. Endlich wurden in dem -entgegengesetzten Seitenzimmer Schritte hörbar, die Thüre ging auf -und eine lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: »Herr -Doctor, darf ich bitten?« - -Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte sich vor und -betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen errathen hatte, während -der ersten Begrüßungsreden mit Interesse. Professor Sartorius war -Lehrer der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher -Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer ankam, -diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht heimisch waren, ernstlich -zu schätzen. Er hatte sich durch zwei scharfsinnige Werke voll kühner -Hypothesen einen Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit -einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher Strenge -gepaart aus seinem raubvogelähnlichen Gesicht hervorsah. Freundlichkeit -war ihm eine schwierige Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv -haben oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie aber doch, -nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen Züge, welche -lächelten, erschienen unserem jungen Mann sehr charakteristisch. - -Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten Fragen gab, mußten -ihm gefallen, denn er sah diesen mit dem humansten Blick an, dessen -er fähig war, und sagte: »Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich -gleichfalls dem Lehrfach widmen?« -- Heinrich sah ihn überrascht an. --- »Sind Sie nicht Philolog?« fuhr jener fort. -- »Nein,« versetzte -Heinrich. »Ich habe --« -- »Ah so,« fiel der Professor ein; »ein -anderes Fach. Nun, und was für eines? -- Geschichte -- Mathematik -- -Naturwissenschaft -- Philosophie?« - -Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser Poet den Kopf, -erwiederte aber, mit ahnender Seele, zögernd: »Ich habe -- ich bin --- Dichter.« -- »Dichter!« wiederholte der Gelehrte, indem er ihn -mit einer Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch -erschienen wäre. »Dichter! -- Und sonst nichts?« - -Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich aus dem Munde -kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise der Poet verletzt. »Ich -meine, das wäre genug,« entgegnete er mit einer gewissen Schärfe. -»Wenn man's recht ist --« -- »Allerdings,« versetzte der Professor mit -einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen Mann bereits völlig -aufgegeben habe. Dieser sah, wie er mit dem Herrn daran war, und -sann auf eine Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte sich -wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen ihm Empfohlener müsse -doch irgend eine Bedeutung haben; und indem er seinem Gesicht mit -Anstrengung einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte, -fuhr er fort: »Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische Werke der -Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin in der neuesten deutschen Literatur -nicht sehr bewandert, wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und -Fachstudien --« - -»O,« versetzte Heinrich, »wenn Sie die neuesten Werke auch alle -angesehen hätten, von mir würden Sie doch keines darunter getroffen -haben; denn ich habe bis jetzt noch keines herausgegeben.« -- »So?« -erwiederte der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich -wurde. -- »Ich habe aber,« fuhr Heinrich trotz allem wieder mit -einem gewissen Bewußtseyn fort, »ein größeres Werk vollendet, eine -historisch-romantische Tragödie, die ich bei dem hiesigen Hoftheater -einreichen will.« - -Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen Ausdruck. Heinrich, -in seiner Zuversicht, fügte hinzu: »Wenn es gegeben wird und Sie der -Aufführung beiwohnen --« -- Nun war aber die Geduld des Mannes zu Ende. -Mit offenster Geringschätzung und gereizt scharfem Ton erwiederte er: -»Ich gehe =nie= in's Theater! -- Finde keine Zeit dazu, Herr =Doctor=,« -setzte er etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch -accentuirte, »und muß also schon bedauern --« - -Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern Hierseyns, -»glaubte also die kostbare Zeit des Herrn Professors nicht länger -in Anspruch nehmen zu dürfen,« und empfahl sich mit dem ernsten -Stolz eines Verletzten. Die Miene des Gelehrten, der sich einer -Last überhoben sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem -Abgehenden seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor auf, -geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, indem er sagte: »Wenn ich -Ihnen sonst in etwas dienen kann --« -- Heinrich, seinerseits ironisch, -verbeugte sich tief und entfernte sich. - -Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. »Nun,« rief sie, -»wie hat dir der junge Mann gefallen? Ist er wirklich --?« -- »Ein -Literat!« fiel der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf -ließ; »ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich begreife -nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen in's Haus schicken -konnte. Es sieht beinahe aus, als ob er mich damit ärgern wollte. Nun,« -setzte er mit einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, »er wird -so bald nicht wiederkommen.« -- Die Frau stand überrascht, ja betrübt, -und sagte endlich mit Bedauern: »Schade!« - -Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der Straße weiter. »Ein -fataler Mensch!« sagte er sich endlich, »und kein gutes Omen! Dieser -Pedant, der seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein großer -Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der Kunst, und weiß nicht, -daß er vor Gott und Menschen eine widerliche Figur ist. Ah, bah!« - -Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte über sich selbst -und schritt mit erneutem Muthe weiter. Körperlich fühlte er sich aber -ziemlich ermattet und folgte daher der Einladung eines Schildes, der -ihm eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang kommen, -trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, dankbar auf das Gewächs zu -sehen, das es so gut mit ihm meinte und so poetisch duftete, während -ihm die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm -wurden. - -Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die Stimmung, seinen dritten -und wichtigsten Gang zu unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte -ihm, daß er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin konnte -einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, unmöglich anders -als liebenswürdig empfangen; und sein Freund, der alte Schauspieler, -hatte ihm die Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber als -durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. Er machte -sich auf den Weg und stand bald im zweiten Stock eines hübschen Hauses -vor der gesuchten Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien eine alte -Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte seinen Namen und wurde von -der Wiederkehrenden in einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa -werde sogleich erscheinen. - -Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte sich sagen, daß -er nicht leicht ein reizender eingerichtetes Zimmer gesehen. Die -Vertheilung der Möbeln, Wandbilder und sonstigen Zierden war so -geschmackvoll, daß sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt -fühlten, und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus traulich -her. Die Bilder waren zum Theil Porträts berühmter Schauspielerinnen, -und unser Dramatiker, der die wenigsten davon gesehen, begann sie -zu mustern. Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch -lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid rauschte. Er -sah hin und stand auf's lebhafteste betroffen: es war die junge Dame -von gestern. Auch sie hatte ihn erkannt. »Ah,« rief sie nach momentan -überraschtem Blick mit heiterer Freundlichkeit, »das ist ja ein alter -Bekannter. Nun,« fuhr sie fort, indem sie auf ihn zuging und ihm -die Hand bot, »willkommen in der Residenz, willkommen im Namen des -Theaters!« - -Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand stärker, als er's -im Sinne gehabt, und dankte für den gütigen Empfang mit der Miene -eines Glücklichen. Ein paar Minuten später saßen sie beisammen auf der -Rohrbank in der Laube. - -»Ein dramatischer Dichter,« begann Rosa, indem sie ihn lächelnd ansah. -»Etwas Poetisches hab' ich gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie -dramatische Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht -zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,« fuhr sie fort. »Wir sehnen uns -Alle wieder nach einem guten, effektvollen Stück; ich für meine Person -wünschte dringend, eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich -sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich vorkäme.« - -Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft. Die -Schauspielerin errieth ihn sogleich. »Ihr Stück hat keine Rolle -für mich?« entgegnete sie. -- »Ich fürchte --« -- »Ah,« rief sie -bedauernd, »das ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine -Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.« -- »Eine -historisch-romantische Tragödie,« versetzte der Poet. -- »Eine -historisch-romantische Tragödie!« wiederholte sie. Und indem sie ihn -ansah, fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen -Lächeln hinzu: »Das hätt' ich mir denken sollen.« - -Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, wurde verlegen, -oder, wie er meinte, ärgerlich. »Also die dritte Opposition gegen mein -Streben!« rief's in ihm; »erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer -Besuch!« - -Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: »Ja, ja, so machen -es uns die ehrgeizigen Dichter heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und -Größte soll von ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den -ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber es gibt ein -Publikum, das auch etwas Anderes sehen, und Schauspieler, die etwas -Anderes spielen wollen.« Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden. -Dann, mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: »Also nicht einmal eine -hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So eine Vertraute z. B., -munter, fröhlich, schalkhaft, und doch vollkommen treu und anhänglich, -ein leichteres, irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen -Hauptheldin noch recht gut ausnehmen kann?« - -Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. -- »Wie?« rief sie, »gar -nichts?« -- »Leider!« erwiederte der Poet. »Wie ich's auch überlege, -ich finde keine Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur ist -Heroine, heroische Liebhaberin --« -- »Das begreift sich,« warf die -Schauspielerin dazwischen. -- »Und von den übrigen keine so bedeutend, -daß ich Sie Ihnen anbieten könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich -ernsthafter Natur sind.« -- »Also die reine Tragödie! Gar kein Humor?« --- »Ausgenommen in den Volksscenen, denen ich eine naturwahre Derbheit -zu geben suchte, die vielleicht belustigend wirkt.« - -Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: »Wissen Sie, verehrter Herr -Doctor, daß Sie im Grunde genommen sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück -aufführen lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir einen -Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich zu seyn! Kennen Sie -das Theater? Kennen Sie die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine -zweite Liebhaberin -- welches zu seyn ich die Ehre habe -- sich berufen -sehen kann, der ersten zu einem Triumph zu verhelfen? Wissen Sie, was -Künstlereifersucht ist? -- Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und -kennen das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich, aber die -Schauspielerherzen im Besondern haben Sie noch nicht kennen gelernt!« - -Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone gesagt, daß der -Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls nahm er sich zusammen und -entgegnete: »Unter diesen Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung -bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich hat aber den Fehler -doch Herr Holler gemacht. Er, obwohl er mein Stück so weit kannte, hat -mir Sie genannt --« -- »Weil er mich kennt,« fiel Rosa heiter ein; -»weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das sogar uneigennützig -seyn kann.« Und mit ernsterem Tone fuhr sie fort: »Keine Sorge, Herr -Doctor, wir Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht, -wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können wir allerdings -fühlen, und ich wollte Ihnen große Künstler nennen, die auch darin -nicht klein sind. Wir mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als -andere Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der Regel bleiben -sie auf der Oberfläche und sind bald wieder verflogen. Eigentlich und -für gewöhnlich sind wir ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns -außerordentlich leicht, und wenn wir uns schön thun, sind wir dabei so -ehrlich, wie andere gebildete Menschen.« - -Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte Bemerkung ein -bescheidenes Lachen hören, und die Schauspielerin fuhr fort: »Was mich -betrifft, so kommt Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn -Sie's nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze keinen -Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit Jahren zweite Liebhaberin -ist und meist für Nebenfiguren lodern muß, da wird man nach und nach -bescheiden, und das bischen höheres Streben, das man in seine Stellung -noch mitgebracht hat, verfliegt einem gänzlich. In der Regel haben wir -die Aufgabe, der hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin, -die sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß, freundlichen -Beistand zu leisten, und das gewöhnt man sich zuletzt förmlich an, so -daß man sich auch außer dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu -helfen, wenn's eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei mir doch -nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß es auch in meiner Macht -steht, etwas für Sie zu thun.« - -Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja herzlichen Klang, in -welchen die Künstlerin von dem scherzenden mit Anmuth übergegangen -war; und Heinrich konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr mit -Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem Blick, der fast lauter Güte -war und durch ein flüchtiges Licht von Schalkheit nur um so reizender -wurde. Dem Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf; -er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen Drang, gegen die -fühlende Seele sich vertrauensvoll über sein Streben auszusprechen, -und sagte: »Es ist mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß -Sie die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin nicht gegen -das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen Lebens auf dem -Theater; im Gegentheil, es können da recht gute Sachen entstehen, -rührende und erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische -Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch immer die -Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten Abgründe des Herzens -hinabführt, um uns zu den höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen. -Der Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben und -die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen erschließen. Wir -wollen mit ihm eintreten in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was -wir im gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit und -Fülle haben. Und dazu muß er sich den rechten Stoff wählen und den -rechten Schauplatz der dramatischen Handlung. Die Menschen, die er -schildert, müssen außerordentlich seyn =dürfen= -- er muß durch sie -nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben werden. Da -sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet der Geschichte und der Sage -liegen, besonders günstig; der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten -poetischen Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe, Tiefsinn -und romantischem Gefühl in ihm liegt. -- Wollte Gott,« setzte er mit -herzlichem Ernst hinzu, »daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre! -Ich würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern -- und Sie, mein -Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe -- bekehren.« - -Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme zugehört und -erwiederte nun auf die artig betonten Schlußworte: »Sie haben nicht -weit mehr dazu. Wer so gut über eine Sache reden kann und sie so -lebendig vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und nehmen -Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde mir große Freude machen, denn -ich sehe, Sie meinen es ehrlich mit Ihrer Kunst.« - -Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. Seine Augen -glänzten und sein männlich schönes Gesicht gewann so sehr den Ausdruck -eines Dichters, daß es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur -Bestätigung diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und über ihre -Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. Heinrich, von ihrem Anblick -seinerseits bewegt, rief: »Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite -Liebhaberin bleiben und nicht immer die bloß muntern oder bürgerlich -rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein höherer Geist, ein -dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur wollen, und Sie werden uns die -poesievollsten Gestalten vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe ---« - -Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den letzten Worten -erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich und der gemüthlich -schelmische Ausdruck erlangte wieder die Oberhand. »Nicht weiter, -mein begeisterter Freund!« entgegnete sie; »es könnte Sie gereuen! -Wollen Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich zum Einstand -einen Rollenstreit veranlassen? Nein, mein lieber Herr: jedem das -Seine, das ist ein guter Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in -der That einige Anlagen zum »Höheren« in mir liegen, so will ich sie -hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um nach und nach einer passenden -Rolle in einem Ihrer =künftigen= Stücke zuzureifen.« - -Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, und seine Miene -hatte bereits eine kleine Wendung zur Verlegenheit gemacht, als man die -äußere Thüre gehen hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich -nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob sich rasch. Jene, -die ihn erkannte, sah ihn verwundert, aber vergnügt an. - -»Unsere gestrige Begegnung,« rief die Tochter, zu ihr tretend. »Herr -Doctor Born, dramatischer Dichter, der mir durch Freund Holler -empfohlen ist und ein fertiges Stück mitgebracht hat.« -- »Ah,« rief -die Frau mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; »seyen Sie -doppelt willkommen!« Sie reichte ihm die Hand, und der Poet schüttelte -sie kräftig. -- »Du siehst,« bemerkte Rosa zu ihr, »wir haben gestern -nicht weit davon gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder -Maler, der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg und die Ehren zu -finden, die ihm gebühren.« - -Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden Blick auf sie, -erkundigte sich bei dem jungen Mann theilnehmend nach seinem Vorhaben -und der mitgebrachten Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen, -und Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. Unter -Anleitung der Erfahrenen nahm das Gespräch eine praktische Wendung. Was -ist zu thun? Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß war die -Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, die Regisseure zu besuchen, -wurde Heinrich im Lauf der Unterredung bestärkt: seine erklärte -Abneigung, den Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen -lächelndes Kopfschütteln zur Folge. »Vor der Aufführung,« sagte Rosa, -»sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. Aber die Sache geht ja ganz -einfach, wofür habt ihr Herrn denn das Wirthshaus?« - -»Es ist wahr,« versetzte der Poet. »Und einen literarischen -Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein kennen gelernt hat, kann -man am Ende besuchen.« -- »Ich sollt's meinen,« entgegnete die -Schauspielerin, nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen. - -Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: »Was nun aber die -Annahme betrifft --« -- »Ich hab' einen Gedanken,« rief hier die -Tochter. »Da Sie uns,« fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, »das Stück -zu lesen geben wollen --« -- »Sobald die Abschrift fertig ist.« -- -»Und ich voraussetze, daß außer unserer Heroine auch unser heroischer -Liebhaber, unser Heldenvater und unser Charakterspieler dankbare, sehr -dankbare Rollen darin haben werden --« -- Heinrich, nach einem Moment -der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: »Ich meine.« -- »So will ich -gelegentlich gegen diese Herrschaften ein Wort fallen lassen über das -Stück, was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen Rollen und -die Möglichkeit eines Triumphes, was sie mit großem Interesse hören -werden. Sie können das Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn -namentlich unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht lebhaft den -Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, dann hätten wir Aussicht.« - -Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige Theilnahme und die -freundlichen Rathschläge auf's wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber, -daß die Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er mit der -Copie bald möglichst wiederzukommen versprach. - -Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden Frauen zugewendet, -fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; er sah die Angelegenheit -in bester Einleitung begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den -Gasthof zurück. - -Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. Aus dem langen Brief -heben wir folgende Stellen aus: »Die persönliche Bekanntschaft mit -Friedrich Willmann hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht. -Im Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir nützlich werden -zu wollen. In seiner Art liegt aber etwas Ironisches, das mir nicht -recht gefallen kann. Er ist ein großer Verehrer der Klugheit -- mehr -als es sich für einen Dichter geziemen will -- und scheint mir bei -seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die Vortheile zu sehen, die sie -ihm bringen sollen. -- Mir ist die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe -sie um ihrer selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen -damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer Folgen mich locken und -reizend vor meiner Seele stehen mag, so ist es der Ruhm -- der Lorbeer, -der die Schläfe des Siegers krönen soll. An Weiteres denk' ich kaum, -wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will. Aber der wahre -Dichter steht unter dem Schutze der Götter und er hat die Verheißung, -daß ihm alles Uebrige zufallen wird. - -»Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an einen sonderbaren Kauz -empfohlen hat. Ich meinte bisher, die Stockphilologen im schlimmen -Sinne seyen ausgestorben und die Männer der Erudition trachten darnach, -dem Studium der Humaniora einige Humanität im wirklichen Leben -beizugesellen; allein es gibt doch noch einzelne Exemplare und ich bin -hier auf eines gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen -mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der sich das seine -fröhlich selber producirt, nur geringschätzen! -- Ich hab' mich aber -doch geärgert, als der Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ -und sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils sogar noch -etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß nicht nur dem Gottseligen, -sondern auch dem Poeten Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich -dieß schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner Seele, das -mich ergötzt, und es wird höchstens so viel Groll in mir bleiben, daß -ich ihn gelegentlich einmal satirisch verwenden kann. - -»Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn mein dritter Besuch --- der eigentlich bedeutsame -- ist über Erwarten gut ausgefallen. In -der Schauspielerin, an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte, -und in ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich zwei -außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen kennen lernen, -und ich darf wohl sagen, Freundinnen gewonnen. Die junge Dame ist -hübsch und könnte manchem Andern gefährlich werden -- ich freilich -bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, als das der -Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein Wesen von heiterem Humor -und einem Trieb, neckisch mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein -freundliches Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern -für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg des Stückes zur Bühne wird -geebnet, und wenn nur dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt -ist, dann bin ich außer Sorge. - -»Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen, das hab' ich schon -erkundet, und wenn sie der Künstlerin, die das Stück lesen wird, -einleuchtet, so wird dieß auch bei der Frage der Annahme von großem -Gewicht seyn. -- Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut an, und -meine Zuversicht ist keine Thorheit. - -»Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste Gebilde meiner -Phantasie, das gleichwohl nur ein schwaches Nachbild der geliebtesten -Wirklichkeit ist, auf der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst -seltsam wird mir dabei zu Muthe seyn! -- Zauberei! Blick in eine Welt -voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! -- O Auguste! -- ich -hab immer nur dich vor Augen, ich beziehe Alles, was ich erfahre, -schaue, denke, auf dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet, -scheint mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß ich dich -verherrliche und dir ein Leben der Ehre und Wonne bereite! -- O Liebe --- Poesie der Poesie! Das liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in -wunderholdem Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, bleibt -auch so viel zurück, daß es die ganze Welt verklärt und jeden Winkel -der Erde in süßem Scheine malt! - -»Laßt mir's gelingen, gute Geister! laßt mich den Sieg erstreiten, -nur um der Einen Lust willen, Ihr ihn zu melden! Ich wollte ja gern -entsagend warten und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt! -Aber um deinetwillen darf's nicht seyn -- um deinetwillen muß es, wird -es glücken! - -»Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil der Freude -empfindest, dieses zu lesen, die ich fühle, es zu schreiben, so bin ich -glücklich!« - - - III. - -Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der langsam schrieb, aber -eine deutliche, charaktervolle Hand nachgewiesen hatte. Der Autor -wartete indeß zum Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der -Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von Barnhelm auf und -Rosa gab darin die Franziska. Es war eine ihrer besten Rollen und sie -übertraf sich dießmal selber darin. Das Publikum war hingerissen und -unser Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte er die -eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels oder Lustspiels, wenn -er auch den Mangel der Gattung und das Einseitige des Lessing'schen -Stücks (was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich -überzeugte er sich aber, was in einer Partie wie Franziska geleistet -werden kann, wenn die Schauspielerin mit reizender Laune sie völlig -wieder zu beleben wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag -zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank mit Enthusiasmus -auszusprechen. - -Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete von ihrer Seite mit -dankendem Blick. Die Mutter trat aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr -heiter entgegen: »Ich hab' ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter! -und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes vor mir auszugießen!« - -Vergnügt erwiederte die Frau: »Das ist freundlich. Aber du hast die -Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich habe sie noch nicht so von dir -gesehen.« -- »Gott weiß, warum,« entgegnete die Künstlerin. »Zuweilen -ist man eben voller Lust und Uebermuth -- und das ist die Hauptsache -bei der Schauspielkunst.« -- »Bei jeder Kunst!« versetzte Heinrich. - -Die Schauspielerin sah für sich hin. »Nun,« bemerkte sie dann etwas -scheinheilig, »Sie haben sich also überzeugt, daß man in einer Rolle, -die aus dem gewöhnlichen Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung -machen kann?« -- »Das habe ich nie bezweifelt,« entgegnete Heinrich, -»aber in dieser Ausdehnung allerdings nicht für möglich gehalten. Es -war eben ein _non plus ultra_,« fügte er lächelnd hinzu, »und die -reißen immer hin.« - -Die Künstlerin wiegte den Kopf. »Sie geben also zu, daß es auch gar -keine so schlechte Aufgabe wäre, ein Schauspiel zu schreiben?« -- »Um -so lieber,« versetzte der Poet, »als ich's nie geläugnet habe. Das -Schauspiel in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, obschon --« --- »Es natürlich tief unter der Tragödie in Versen steht,« ergänzte -Rosa, »das ist klar! Aber wenn es nun so ausfiele, wie Minna von -Barnhelm --?« -- »Dieses Stück,« erwiederte Heinrich nach einigem -Besinnen ernsthaft, »ist vortrefflich in seiner Art; aber im Grunde ist -doch zu viel bürgerliche Moral und Tugend darin, wodurch es einen etwas -hausbackenen Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken, -hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. -- Das poetische Drama, die -Schöpfung der idealisirenden Phantasie, die uns in eine große, weite, -farbenreiche Welt führt, ist doch was ganz anderes.« - -Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit Heinrich dieses Urtheil -fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte unwillkürlich den Kopf. »Ei, -ei,« entgegnete sie, »das heißt leicht fertig werden mit einem Stück, -das eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! Diese -Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung überall auf dem -Repertoire geblieben, und das muß doch seinen Grund in einem Werth -haben, den wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.« - -Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer Querfrage dazwischen, -um ihm über eine angehende Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht -eine empfindliche Replik zur Folge gehabt hätte. Während der -Beantwortung sammelte sich der Getroffene und fühlte nun, daß =er= -etwas gut zu machen habe. Er kam auf die Lessing'sche Komödie zurück, -rühmte mit dem Ausdruck wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso -kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn in den -Regionen der Ethik und Aesthetik, die Geistesbildung des Dichters, -vermöge deren er dem bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu -verleihen gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als er zum -Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam und über ihre Auffassung -und Durchführung bestimmte ästhetische Urtheile fällte, die fast noch -schmeichelhafter klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, da -sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den braunen Augen. - -Nach einer Weile begann sie: »Wann bekommen wir aber Ihre Schöpfung, -die Tragödie zu lesen?« -- Der Poet versetzte: »In einer Woche soll ich -die Abschrift erhalten. Diese wird in's Bureau der Intendanz wandern, -mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu Füßen legen.« -- »Sehr viel -Ehre,« erwiederte sie heiter. -- »Aber,« fuhr sie nach einigem Besinnen -fort, »können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen -- -oder selbst vorlesen? -- Sie haben gewiß lyrische Gedichte gemacht.« -- -»Allerdings.« -- »Liebeslieder!« -- »Auch solche,« versetzte der Poet -lächelnd. -- »Natürlich,« rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. »Nun, -wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo ich frei bin, Abends zu uns -und bringen Sie Ihre Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen, -auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, dann können -Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück selber vorlesen, was unter -Umständen sehr nützlich seyn kann.« - -Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit Vergnügen zu. Man schied -im besten Einvernehmen und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme. - -Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa zur Mutter: -»Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch vornehm, im Grund aber doch -ein guter Mensch!« -- »Das erste,« versetzte die Mutter, »hast du ihn -vorhin beinahe zu deutlich fühlen lassen.« -- »Konnte nicht schaden,« -erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: »Auf seine Liebesgedichte -bin ich begierig; wird wohl viel Einbildungskraft dabei seyn.« -- -»Wer weiß!« bemerkte die Mutter. »Es ist ein hübscher Mann und die -Poeten --« -- »Phantasiren und idealisiren. Nun, wenn es nur schön -herauskommt, dann soll er doch Lob haben.« - -Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im Grunde vergnügt den -Gang in die kleine Wohnung, die er sich nicht allzuweit vom Theater -gemiethet hatte. »Sie hat Recht,« sagte er zu sich, »wenn sie das -Stück von Lessing hoch hält; aber ich hab' auch Recht. Wie geistreich -und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche Aroma der Poesie -ist doch nicht darin. Und hier allein liegt der wahre Zauber, das -überschwängliche holde Leben, und wir können uns baden in einem Meer -von Wohlgerüchen.« - -Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den Damen mit zwei -Heften ein, in die er seine Gedichte eingeschrieben hatte. Man setzte -sich um den runden Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte. -Das Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa ermuntert, -begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher durchgegangen und genau -bestimmt, was und in welcher Folge er vortragen wollte. Trotz der -geistigen Zuversicht, die er mitgebracht, fing er nun doch mit -unsicherer Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu lesen. -Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder gewählt, die eben so -anspruchslos wie hübsch waren; der aufrichtige Beifall der Hörerinnen -entband ihn und gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit. -Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im Schwunge des Gefühls gar -nicht mehr weiß, daß es eine Befangenheit gibt. - -Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen finden. An -den einen widersprachen Uebertreibungen ihrem Geschmack, an andern -vermißten sie den wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt -durch herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit einem -ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als Anerkennung ausdrücken -sollte, oder mit einem Ausruf begnügen, der etwa bedeutete: »Nun ja, -lassen wir's passiren!« -- In seinem Eifer machte er sich aber nicht -viel daraus, wenn er's auch richtig deutete, und im Ganzen war die -Lobernte doch überwiegend. Endlich, beim Aufschlagen eines neuen -Gedichts, wurde seine Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine -entsprechende Haltung an und begann mit herz- und klangvollem Ton zu -lesen. Es war eine begeisterte Schilderung der Geliebten und eine -leidenschaftliche Erklärung völlig und ewig sich hingebender Liebe. - -»Sehr schön!« rief die Mutter, als er geendet hatte; und Rosa bemerkte -mit Ernst: »Bei weitem das schönste! Das innigste Gefühl, edler -Schwung, der wahrste, herzlichste Ausdruck! Das,« setzte sie mit -einem leisen Lächeln hinzu, »das ist Poesie!« -- Heinrich antwortete -auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten Freude. Er sah -dann auf den Tisch und sagte: »Wenn mir dieses Gedicht gelungen ist, -so ist's auch nicht zu verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen -abgeschrieben, und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich verlobt bin!« - -Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß unwillkürlich zusammen -und sahen sich an. Auf dem Gesicht Rosa's folgte einer leichten Blässe -rasch eine tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der -Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: »Sie haben eine Braut? Und -davon haben Sie uns noch nichts gesagt?« -- »Es fand sich noch kein -Anlaß dazu,« erwiederte Heinrich. -- »Nun,« rief das Mädchen, die sich -völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, »davon müssen Sie uns -mehr erzählen! -- Das Idealbild,« fuhr sie nach kurzem Innehalten mit -Lächeln fort, »haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber wer ist -sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt in uns noch viel größern -Antheil.« - -Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab dann Antworten -auf weitere Fragen. Da die beiden Frauen das lebendigste Interesse -zeigten, so glaubte er mit genauem Bericht über Entstehung und Gang -des Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob Auguste's ihnen -eben die größte Freude zu machen, und that sich nun Genüge nach dem -Bedürfniß eines Liebenden, ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf -das geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte. - -Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen vermocht hätte, ein -eigenes Schauspiel gewesen, das Mädchen zu beobachten, deren Herz, -mehr als sie selber geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die -menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, als die -meisten Menschen gewahr werden, und gute und schlimme Gedanken, liebe -und leide Gefühle können in ihr so rasch wechseln, daß man an ein -förmliches Zugleichseyn glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar -durcheinander, als der Poet sein Liebesleben schilderte, sein Glück -ausmalte und seine Hoffnungen aussprach. Und sie ließ nicht nach mit -Fragen, als ob es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten -zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst standen ihr bei, -und mit ihnen gelang es ihr, die Theilnahme einer Freundin zu beweisen, -in nichts zu verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen -hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz des Weibes und ein im -tiefsten Grunde zartes Gefühl eingab. - -Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, sagte die Mutter: -»Unter diesen Umständen muß es Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit -einem ausgezeichneten Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles -wünschen, daß Sie ihn erringen.« -- »Allerdings,« fügte Rosa hinzu, die -ihn von der Seite mit einem Blick angesehen, wie man einen kindlich -Glücklichen betrachtet; »und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird -immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie können, was nicht -von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn -Sie nämlich dreinkommen, und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein, -wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen Sie nun, daß wir -Ihre Tragödie erhalten. Wir laden dann die Darsteller der Hauptrollen -ein, und Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie Ihr letztes -Gedicht, dann wird man die Rollen um so richtiger auffassen, um so -lieber lernen und um so besser spielen.« - -Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner natürlichen und -poetisch eingenommenen Seele nun doch fast eine Ahnung aufstieg, daß -die Schauspielerin ihm eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den -eigentlichen Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, und -verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, glücklichem Gemüth. - -Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen schweigend hin -und her. Die letztere that eine häusliche Frage und horchte auf -die gewissenhafte Beantwortung mit halbgeschlossenen Augen und -einem ernsten Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer -Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an zu lesen. -Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und Abwesenheit verriethen aber der -Mutter deutlich, von welchen Gefühlen sie beherrscht war. - -Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr zweiundzwanzigstes -Jahr hinter sich, ohne daß sie in eine ernstliche Herzensbeziehung -wäre verflochten worden. Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie -nicht nur eine erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter -verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, was die Franzosen -sage nennen, und ließ sich nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen -Annäherungen immer einen Schritt zurück, was dann die Folge hatte, daß -sie als »kalt« verschrieen wurde. Eigentlich war sie aber nur so klar, -hinter gewissen Betheurungen die egoistische Absicht wahrzunehmen und -darüber die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie sammelte -sich daher in dieser Hinsicht keine »Erinnerungen,« und ließ sich an -ihrem Beruf, an geselligem Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender -Lektüre genügen. Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur den Ton -einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, der ihr unmittelbar -von Herzen ging, sondern auch den Ausdruck tieferer Neigung, worüber -sich nur diejenigen wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren -Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, muß man nicht, was -man sagt, geliebt haben, so daß man darnach seine eigenen Erfahrungen -spielt, es genügt die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin, -mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie nun zu ihrem -Leide erfuhr. - -Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in ihr hinterlassen -nach der ersten Begegnung auf der Straße. Davon war die Ursache nicht -nur seine jugendlich männliche Schönheit, sondern der Schein des -Genius in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines Wesens, der das -lächelnerregende gelinde Ungeschick eher nützte als schadete. Als sie -in dem ihr Empfohlenen den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell -interessant geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, und -die erste Unterredung ließ geradezu eine Neigung in ihr aufkeimen, -wobei Streben und Vorhaben des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor -ihre Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska klang ihr -um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen sehen zu können -glaubte; und wenn sie ihm bei zu geringer Schätzung des classischen -Stücks mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag der Grund -eben in der näheren Theilnahme, der an dem Liebgewordenen eine Schwäche -ärgerlich war. Die leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die -ersten erotischen, aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, stimmten -zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung des Verlobten die zarte -Maienblüthe ihres Glücks mit einemmal hintilgen! - -Die Mutter, als Rosa sich endlich in's Lesen zu finden schien, -ging in die Küche. Nach einer Weile kam sie wieder und jene, das -Heft weglegend, bemerkte: »Da hab' ich nächstens wieder ziemlich -geschraubte Dinge zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden -drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen sollen, mit -einem Ernst, als ob sie uns just aus dem Herzen kämen!« Die Mutter, -ernst lächelnd, erwiederte: »Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens -gehört das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter uns helfen, -so müssen wir dagegen den mittelmäßigen beistehen.« -- »Eine Pflicht, -die zuweilen sehr lästig werden kann,« erwiederte Rosa mit einem -Seufzer. Sie fuhr über ihre Stirn und sagte: »Ich bin müde und mein -Kopf ist eingenommen. Am Ende,« fuhr sie mit halbem Lächeln fort, -»ist's der Duft der Poesie, die wir heute vernommen haben. -- Sey's was -es wolle, ich geh' zu Bette.« Sie reichte der Mutter die Hand und sagte -mit weicher Stimme: »Gute Nacht, Mutter!« - -Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie auf die Stirn und -erwiederte herzlich: »Schlafe wohl, mein Kind!« Beide sahen sich an und -der feuchte Glanz ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen -lesen. Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. Da hob -Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: »Dummes Zeug! Gute Nacht, -Mutter!« - -Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau eine Weile -nachdenkend und sagte dann: »Ich hoffe, es wird vorüber gehen. -Allerdings ist's ihre erste Neigung und sie geht tiefer, als sie -selber zu wissen scheint. Aber das Mädchen ist verständig und hat -Charakter -- sie wird's überwinden.« - -Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau den Liebling in einer -Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung bestärkte. Am andern Morgen nach -jenem aufklärenden Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und endlich -unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden zeigte sie ein -heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit der Mutter und benahm sich -fast ganz wie ehedem. Die Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte, -spielte sie mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach -über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach Hause zurück. - -Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie kam, wurde er von Mutter -und Tochter so heiter wie freundlich empfangen und das Manuscript von -der Künstlerin mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. »Endlich,« rief -sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, »haben wir es! -- Und das -andere?« fuhr sie nach einem Moment fort, »haben Sie's eingereicht?« --- »Heute,« erwiederte der Poet. »Der Herr Intendant war nicht zu -sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, das Manuscript mit einem -Schreiben eingesiegelt --« »Gut,« rief die Künstlerin. »Mögen unsere -Geschicke sich nun erfüllen! -- Ich bin sehr neugierig, besonders nach -der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist -- auf die Heldin.« - -Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. »Ich bitte nur,« sagte -er dann, »das Stück im Zusammenhang, Scene für Scene, und da es denn -doch eine Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.« -- -»Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit =Liebe= werde ich's lesen,« -erwiederte Rosa lächelnd. -- »Um so besser,« versetzte Heinrich. »Eine -Dichtung kann nur wirken, wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung -entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten sind eine Art -von Speise, die nur munden kann unter Voraussetzung des entsprechenden -Appetits.« -- »Da haben Sie's bei mir eben getroffen,« versetzte die -Schauspielerin. »Was ich vor Ihrem poetischen Mahl fühle, ist nicht nur -Appetit, sondern geradezu Hunger zu nennen. Das ist aber bekanntlich -der beste Koch und kann auch --« Sie unterbrach sich selbst und fuhr -mit zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: »Genug, -ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu seyn, Ihre Dichtung zu -würdigen, sondern ich verspreche Ihnen auch, mit allem Ernst an die -Lektüre zu gehen und mit aller Andacht dabei auszuharren.« -- »Und -ich,« versetzte der Poet mit glänzenden Augen, »glaube Ihnen und sage -Ihnen dafür den besten Dank.« - -Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr fort: »Es ist ein -großes Glück für mich, daß ich so liebenswürdige Gönnerinnen gefunden -habe. Ich weiß es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir's nur auch -ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen nicht! Ich werde -Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur immer mehr bedürfen -- und sie mit der -dankbarsten Verehrung erwiedern.« - -Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte die Mutter: -»Rechnen Sie auf jeden Dienst, den wir ihnen leisten können. Sie sind -uns von einem braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und in der -kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie liebgewonnen, erwarten -von Ihnen das Beste --« -- »Nun,« rief die Tochter mit gütigem Blick, -»und wenn es Sie beruhigen kann -- so lassen Sie uns Freundschaft -schließen, treue Freundschaft! --« Sie bot ihm die Hand, Heinrich -ergriff und drückte sie, indem ein Strahl des Dankes ihm aus dem Auge -ging. - -»Sie sind verlobt und glücklich,« fuhr das Mädchen mit edlem Ausdruck -fort, »und wenn der Erfolg hinzu kommt, haben Sie kaum noch etwas zu -wünschen. Aber eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker immer -noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer was zu thun.« -- Sie -hielt ein wenig inne, und indem ihre Miene sich anmuthig aufheiterte, -fügte sie hinzu: »Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu erweisen -gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir gelegentlich eine hübsche -Rolle schreiben.« - -»Oh,« rief Heinrich, »mit dem größten Vergnügen! Seit ich Sie als -Franziska gesehen, ist mir ein Licht aufgegangen über den bezaubernden -Reiz einer ächten Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es -wäre, wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber lassen wir -den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein -- Ihre Kunst, Ihren -Charakter, Ihre Herzensgüte, und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen -könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.« - -Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, beglückt, gerührt, ihm -nochmal die Hand gab, und die ernstfreundliche Mutter deßgleichen. - -Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, sagte Rosa zur -Mutter: »Ich wünsche von Herzen, daß das Stück sich bewährt und auf dem -Theater etwas macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des besten -Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende Mischung von Geschick -und Ungeschick, Verstand und Naivetät -- von einer Naivetät, die -andere vielleicht Blindheit nennen möchten --« -- »Ein Dichter,« fiel -die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens ein, »der -mehr in einer Welt der Träume als in der wirklichen zu Hause ist. Die -Erfahrung wird ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch -schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die Herzen für sich zu -gewinnen vermag.« -- »Vielleicht,« erwiederte Rosa, die nachdenklich -dagestanden, »hilft sie ihm auch beim Publikum durch -- es gelingt der -erste Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.« - -Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, welcher nach dem -plötzlichen Versinken einer lieblichen Hoffnung ihr Herz angefallen, -in Wahrheit erholt. Es war still geworden in ihr, nachdem sie mit -ausdauerndem Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden -hatte, und da sie dem jungen Mann, für den eine Neigung in ihr -entstanden war, doch eigentlich keinen Vorwurf machen konnte, so -glaubte sie in dem erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner -Freundin, seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn. - -Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, die, wie rasch -immer, sich einmal in's Herz gesenkt hat, nicht so leicht wieder -vergeht oder in ein anderes Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des -jungen Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr und mehr -einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und Wohlgefallen, welches nicht das -der Freundschaft war. Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch -immer noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen andern -Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich selber nährt und aus -der stillen tiefen Freude an dem Geliebten; die Liebe, die sich mit -Großmuth paart und im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann. -Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen lodert und deren -Strahlen geistig hold um den Geliebten spielen. Wenn sie unerwiedert -bleibt, so ist eben damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die -liebende Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens bewußt -seyn. Und wenn Geben, von Empfangen belohnt, seliger ist, Geben ohne -Lohn ist edler und größer. - -Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde in einen Strom von -Empfindungen getaucht, die ihr gänzlich neu waren und deren Schauer -sie mit Staunen erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt, -und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es war doch nur -eine Leidenschaft der Phantasie, wobei das Herz nur in gewissem Sinn -mitwirkte. Die Gefühle, die jetzt in ihr erstanden, waren That und -Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine unwiderstehliche -Anziehungskraft. - -In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder Neigung war -das Mädchen durch ein Zusammentreffen von Umständen an der Bühne nicht -beschäftigt. Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit -der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen stilleren, -sanfteren Charakter hatte, und die Mutter konnte wohl an eine -vollendete Heilung glauben. Aber die Krankheit war eine Liebe, die -vielmehr gepflegt und genährt wurde. - -Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum Verlangen wurde und -sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit vor sie stellte, begann es -freilich in ihr zu beben und zu glühen, und sie fühlte: wenn das -dauerte, wär' ich verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen -Empfindungen, die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich frischer -Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl nichts zurück, als eine -milde Trauer, die sie gleichfalls in sich zu verschließen wußte. - -Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. »Was ich jetzt habe,« -sagte sie sich einmal, »ist mir doch lieber, als meine frühere leichte -Fröhlichkeit. Ich würde mir's nicht mehr nehmen lassen! -- Wer weiß? -Vielleicht ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die Andere ist -glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, und vielleicht spielt nur -die Entsagung mit wahrer Innigkeit und Leidenschaft, und ich gewinne an -Ruhm auf dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.« - -Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der Tragödie gekommen war. -Wie stark erst ihre Neugierde gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu, -das Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie immer wieder -zögern ließ. War es die Besorgniß, die Dichtung möchte nicht gelungen -seyn, der Geliebte möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer -Poet und sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden zur -müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, deren Urbild der Autor -hatte errathen lassen? Die Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu -unähnlich seyn, allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher -Demüthigung, unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden? -Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl indeß wieder und -wieder nachgegeben, kam zu der innern Mahnung, ihr Versprechen zu -halten, größeres Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines -Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie das Heft vor und las. - -Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und Titeln alter Zeiten -ermangelte nicht, ein gewisses romantisches Verlangen in ihr zu -erregen. Sie ging die erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte -sich angezogen. Warme Situationen, und ein warmer, inniger Ton, dem -die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne Worte und Zeilen -verstiegen, nicht eigentlich schadete; glühende, tiefe Liebe zweier -Personen, die für einander geschaffen und einander werth waren; -heroische, opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf zu -treten und zu siegen in Triumph oder Untergang. - -Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. Die geahnten, -gefürchteten Wolken steigen am Horizont der sonnebeglänzten Landschaft, -in welche das Liebespaar gestellt erscheint, rasch empor und entfalten -sich drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die Liebe, die Treue -siegt. Aber andere Menschen mit andern Leidenschaften und Zwecken -treten auf, nähern sich der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr -angezogen, beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft -sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und dem giftigen Groll -unwiderstehlich dienen zu können scheint. - -Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung allerdings zu lang und -einzelne Scenen in der zweiten Hälfte nicht klar, nicht schlagend -genug. Aber beiden Uebelständen kann durch Streichen und theilweises -Umarbeiten abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur als Exposition -seine Schuldigkeit thun, sondern bereits wirklich ergreifen, einen -großen romantischen Prospekt eröffnen und durch die eigenthümliche -dichterische Sprache das Publikum anziehen und erheben. - -Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre hinaus begabt war, -fühlte sich zufrieden und wahrhaft glücklich. Sie freute sich im Namen -des Poeten, der sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen; -sie freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele strömte; -und -- sie freute sich über sich selber, daß die ihr allerdings -nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber dennoch fühlen konnte, ihr -vielmehr lieb geworden war. Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn -die Seele zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle -und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der Geist die -Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen. - -Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf das Kommende sich -freute, wollte für jetzt doch nicht weiter gehen. Sie fühlte sich durch -das Bisherige schon eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war -ein guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich ergötzen, ihn -wollte sie in der Seele tragen und den Genuß des verheißenen guten -Fortgangs auf die folgenden Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne -doch schon jetzt vertieft und erhöht -- durch die Achtung, die er ihr -eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit seiner ersten Dichtung, -um ihr immer bedeutendere, reifere nachfolgen zu lassen! -- Sie stand -auf, ernst und gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn -wollenden Gemüths. - -Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz umgesehen, neue -Bekanntschaften gemacht und, da er nicht feiern konnte, sogar eine -neue dramatische Arbeit begonnen -- wieder ein Trauerspiel. Dieses -freilich nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und auf -seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er nur dazu einen Entwurf -besaß und nicht zu einem Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin -dem Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm nun der -Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des Dramas in der neuen Dichtung -vereinigen und beide Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein -schien ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, während er -sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es wünschte, von der Höhe, zu -der er sich berufen halten mußte, doch einigermaßen herabzusteigen -schien. - -Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; er suchte ihn -wieder auf, benahm sich schon freier, kameradschaftlicher gegen ihn, -und der Schriftsteller nahm ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit, -die sich in einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist -jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere und mit Willmann -drei Literaten. Heinrich wurde von seinem Einführer als Dramatiker -vorgestellt und dann besonders mit einem der Schriftsteller bekannt -gemacht, der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn -- so hieß -derselbe -- bot ihm einen Stuhl neben sich, und es zeigte sich bald, -daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker war. Als Heinrich dieß -vernommen, konnte er nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen -und in seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen an den Tag zu -legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er erkundigte sich nach dem Stück, -und auf unsern Poeten hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt, -daß er unwillkürlich über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung -aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern dadurch als ein Mensch -erschien, dem man seiner Bravheit wegen unter die Arme greifen könne. -Das Bier, das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die neuen -Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach Durst und gingen um -Mitternacht fast als gute Freunde nach Hause, indem sie unter dem -dunkeln Nachthimmel mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und -Gesprächeslust hell erleuchtet waren. - -Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren Feuilleton -hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: »An der hiesigen Hofbühne -ist eine neue Tragödie eingereicht, welche durch effektvolle Scenen und -durch eine edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. Der -Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum durch geistreiche -Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt hier und ist bereits wieder mit -einem neuen Stück beschäftigt.« -- Heinrich, der das Blatt in einem -Speisehaus arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch die -öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich zurückfuhr. -Nach der ersten Ueberraschung wog aber das Vergnügen, mit so viel Ehren -genannt zu seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei -weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den wahrscheinlichen -Effekt auf Publikum und Intendanz und verließ die Restauration mit den -angenehmsten Empfindungen. - -Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. Mit einem Lächeln, -worin Bonhomie und gemüthliche Satire bis zur Liebenswürdigkeit -gemischt waren, rief dieser: »Nun, ich gratulire! Sie haben doch -gelesen?« -- »So eben,« erwiederte Heinrich, indem er ihm die Hand -reichte. »Es freut mich, und ich muß Ihnen für die Bekanntschaft -nochmal herzlich danken.« - -Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: »Er muß sehr für -Sie eingenommen seyn; sonst ist er mit Lob und Empfehlung nicht so -rasch bei der Hand.« Heiter für sich hinsehend schwieg er einen Moment. -»Apropos,« setzte er dann hinzu, »haben Sie die beiden Herrn schon -besucht?« -- »Besucht wohl,« erwiederte der Dramatiker, die Regisseure -verstehend, »aber nicht zu Hause getroffen.« -- »Ich habe vorgestern,« -sagte der Andere, »mit ihnen gesprochen. Gehen Sie morgen früh zu -ihnen, beide werden zu Hause seyn.« - -Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte sich im -Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, bis jetzt eigentlich -doch lauter freundliche, liebenswürdige Leute hier getroffen habe und -alles nur immer besser sich anlasse. - -Andern Tages machte er sich bald auf den Weg und besuchte zuerst den -Regisseur des ernsten Dramas. Er fand einen stattlichen Mann von reifem -Alter, dessen bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht eben -so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man sah ihm an und fühlte -auch durch seine Höflichkeit hindurch, daß er seit Jahren Heldenväter -spielte und eben so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf dem -Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem ersten Willkomm gestand er -dem jungen Dramatiker, daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen -nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im höheren Styl -darin zu finden, die er zur Aufführung befürworten könnte. Denn man -möge sagen was man wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache -für das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie die hiesige, -gepflegt werden. - -Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte die Hoffnung aus, -daß seine Tragödie, für deren höhere Haltung er einstehen könne, auch -als wirksames Theaterstück sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie -wohl noch seyn! - -Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte in seinem -Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. »Wenn das Stück nur sonst -gut gebaut ist,« sagte er dann, »den Uebelstand der Länge wollen wir -schon beseitigen.« Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln, -in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs in seine Verse einen -leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit brachte. Der Heldenvater, dieß -gewahrend, fuhr fort: »Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern an's -Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, die sie gern für -ihre schönsten zu halten pflegen. Aber es geschieht doch nur zu ihrem -Besten, und ich würde Ihnen rathen --« - -Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: »Herr -Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie zur Verfügung. Verfahren -Sie damit ganz, wie es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler -wie Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche, -damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser wirke.« -- »Darauf,« -erwiederte der Regisseur, »können Sie sich verlassen! Das Theater und -der Dichter haben Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit -man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück zum Lesen und ein -Stück zum Aufführen ist zweierlei. Was beim Lesen charmant seyn kann, -wird auf der Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, sehr -unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie würden die meisten -deutschen Bühnendichtungen an ihrer eigenen Poesie zu Grunde gehen. -- -Vertrauen Sie,« fuhr er lächelnd fort, »in dieser Beziehung ganz den -Schauspielern. Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen Sie später -auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller unbedenklich folgen und -noch mehr aufopfern; denn womit einer etwas machen kann, das läßt er -sich nicht nehmen.« - -Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen waren, unterdrückend, -gab seine Zustimmung mit Ernst und in so guter Manier, daß der Künstler -geradezu für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das Stück ein -günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der Einsicht an, die der junge -Mann bewies, und sagte endlich, indem er ihm die Hand gab: »Was ich -für Sie thun kann -- natürlich in Uebereinstimmung mit den Interessen -der Bühne -- das geschieht, verlassen Sie sich darauf! Es sollte mir -sehr lieb seyn, wenn wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes -Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um so neugieriger -darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen können.« - -Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen Mann. Er -fühlte, wie sich ihm der Boden unter den Füßen zusehends consolidirte, -und freute sich nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl er -in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse Scheu vor ihm -empfunden hatte. Unmittelbar verfügte er sich zu ihm. - -Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische Unordnung -verrieth, wurde er von einem länglichen, hageren Mann willkommen -geheißen, in dessen Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck -stehend geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner -Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen zu lernen, -einen unverkennbar ironischen Klang hatte. Heinrich, dem sich dieß -aufdrängte, fühlte sich etwas aus der Fassung gebracht, und es -wurde ihm noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer Miene -betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit hindurch, zu -sagen schien: »Der sieht mir auch aus, als ob er uns Zeug brächte, das -niemand genießen kann!« - -Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte sich aber der -Poet und empfahl seine Dichtung mit Würde, indem er hinzufügte: die -Urtheile, die er schon darüber vernommen, berechtigten ihn zu der -Hoffnung, daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen werde. --- »O,« rief dieser mit Emphase, »davon bin ich überzeugt! -- Auch die -Presse,« fuhr er nach einem Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, »hat -auf das Stück bereits aufmerksam gemacht --« -- »Aber ohne daß ich -dazu Veranlassung gegeben,« fiel Heinrich ein. »Ich wurde selber davon -überrascht.« - -Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben ausdrückte, entgegnete -der Schauspieler: »Fällt mir nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja -die Herrn Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um -hinterdrein -- Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt und zweifle -nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. Aber ich muß Ihnen doch -gestehen: Tragödien sind eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles -zu sagen -- auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu lernen, -kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich selten.« - -»Wenn aber eine einschlägt,« warf Heinrich ein, »dürfte sie doch --« -- -»Ein Gewinn seyn?« ergänzte der Andere, indem er ihn heiter fixirte, -»ja. Und wenn ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung -gewiß.« - -»Tragödien,« fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen mit halbem Lächeln -fort, »können am Ende doch nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen -werden.« -- »Natürlich nicht,« erwiederte der Regisseur. »Was würden -wir da mit unsern Tragikern -- unsern Heldenspielern und Heroinen -anfangen? Und sogar das Publikum will hie und da noch ein neues -Trauerspiel sehen.« -- »Zur Abwechslung,« setzte der Poet hinzu, der -auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. -- »Ja wohl,« versetzte -der Andere, »und am Ende aus alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten -kommen -- immer seltener --« -- »Bis sie endlich ganz verschwinden -können!« setzte der Poet halb fragend hinzu. -- »Ich meinerseits,« -entgegnete der Schauspieler, »würde mich zu trösten wissen.« - -Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige Person erkannte, -lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. Er sah den Poeten -freundlicher an und fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: »Sie -dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, Herr Doctor. -Jeder liebt am Ende, was er kann und womit er Ehre einzulegen hofft, -und meine Sphäre ist die Komödie, das Conversationsstück, und was so -drum herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal ein Bösewicht -an mich, der mehr drolliger Schuft als erhabener Verbrecher ist, -und größere Ansprüche kann ich auch nicht erheben. Abgesehen davon, -daß das Erhabene nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die -große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten und den -Schauerblick seines rollenden Auges dem Publikum Grauen einflößt, und -wenn dieser in Ihrem Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im -voraus. Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist für mich -geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur beiße, wenn's eben nicht -anders geht. So ist mir der Sinn für die Tragödie, den ich in meiner -Jugend wohl auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich -fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz so schätzen -kann, wie sie's verdienen. Indessen,« fügte er mit einer Miene hinzu, -die es fast bis zum Ernst brachte, »meine Pflicht verlangt, den -ehrenvollen Ruf und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und wenn -sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt -- zählen Sie auf mich!« - -Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt und die ernstliche -Zusage ermuthigt, reichte dem Künstler dankend die Hand und beide -schieden mit beinahe freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter -cordialen Betheurungen. - -»Auch das,« sagte der Poet auf der Straße zu sich, »ist besser -gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. Nun, der Poesie kann am -Ende niemand widerstehen, und wenn er sich dem Stück hingibt --« Er sah -geradeaus und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen Dame, -die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. Grüßend trat er zu ihr und -betrachtete sie verwundert. Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und -eine Güte, die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer Ernst, -als er je an ihr wahrgenommen hatte. - -»Es freut mich sehr,« antwortete sie auf den Gruß, »daß ich Sie treffe! -Ich hab' Ihre Tragödie gelesen -- anderthalb Acte --« -- »Nun?« rief -Heinrich, dessen Herz zu pochen anfing. -- »Ich wünsche Ihnen Glück -von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich außerordentlich -angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, und wenn das so fortgeht ---« -- »O,« rief Heinrich, an weitere Scenen denkend, mit inniger -Ueberzeugung, »es muß noch besser kommen!« -- »Nun,« versetzte sie, -»dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen Erfolg auf dem -Theater glauben. -- »Ah,« rief der Autor, dem ein Strom der Wonne durch -die Brust ging, »das ist heute ein glücklicher Tag!« - -Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und ließ deren Ergebniß -unbewußt im besten Licht erscheinen. Rosa's Gesicht erheiterte sich -und sie rief: »Das geht ja gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der -Regisseur des Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn ein -Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch er Respekt davor, -und überhaupt ist er nicht so schlimm, wie er aussieht. Ich gestehe -Ihnen, ich freue mich außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und -dann mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich freilich sehr -beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich damit fertig zu werden.« -Sie grüßte den Autor mit dem Blick einer Schwester und ging dem Theater -zu, wohin sie eine Probe rief. - -Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd um. »Eine wahre -Freundin!« rief er weitergehend. »Sie nimmt wirklichen Antheil an mir -und meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden habe!« - -Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und die Fülle seiner Gaben -noch nicht erschöpft. Als er nach Hause kam, fand er ein Schreiben -von Auguste. Er erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen -sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die ihn am meisten -erfreuten, lauteten: - -»Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt' ich dir schon -früher geantwortet, wenn ich nicht mit der Mutter acht Tage auf Besuch -bei Vetter Kronfeld gewesen wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine -halbe Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei und waren -gegen uns besonders freundlich. Der alte Herr, der mich längere Zeit -nicht sah, hat mich förmlich in Affektion genommen, und ich mußte -ihm beim Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit -wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter (die der -Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt und kopfhängerisch ist) -zum Vorbild zu dienen. Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin -jetzt doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und benutze die -erste freie Stunde, um dir zu schreiben. - -»O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über Alles, daß es dir auch -gut gehe und du für dein Streben, deinen Fleiß und deine Ausdauer nach -Verdienst belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann sich mehr -über dein Fortkommen und das Gelingen deiner Pläne freuen. Wie schön -wäre es, wenn du unsern rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß -man sich auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu -schaffen vermag -- von dem Ruhm des Namens zu schweigen. Und warum -sollte es nicht möglich seyn? Dir trau' ich zu, daß du alle Zweifler -beschämen wirst. - -»Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht hast, war von -großem Interesse für mich; das Benehmen des Professors hat mich aber in -deinem Namen recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich's vorhielt, -lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: »Ich meinte, er hätte -sich gebessert; nun scheint es aber nach den Angriffen, die sein -letztes Buch erfahren hat, mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es -schadet nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und den Zopf -entbehren können.« - -Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist sehr gut. Mache -dir nur Freunde und cultivire alle Bekanntschaften, die dir nützlich -werden können, denn der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht -aus, man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, und da darf -uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. Aber, aber! -- die schöne -Künstlerin, die »einem andern gefährlich werden könnte,« läßt mich doch -auch für dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so »gefeit« seyn, -wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen Herzens so ganz sicher? -Doch, es ist mir eigentlich nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die -treueste, ehrlichste Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe -wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich seyn kann. Dein -Stück, wenn es nur gegeben wird, muß dem Publikum gefallen. Schreibe -mir bald wieder.« - - - IV. - -Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf's angenehmste. Es ist -gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, das uns, nicht allzufern, in -reizendem Lichte winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht -mehr bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird ruhiger und in -Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: die Freude des Gelingens -wird im sichern Herzen voraus empfunden. - -Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß in wohlthuendem -Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz hatte er bisher nur -theilweise und flüchtig gesehen; jetzt widmete er ihnen eine ernstere -Betrachtung und erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle -poetischer Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant freien -Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, und während er -sich dem Vergnügen hingab, das die Handlung in ihm erweckte, lernte er -immer mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich war er -ganz Empfänglichkeit und der Kritik völlig unfähig beim Beginn eines -Stückes; er freute sich schon, daß es nur das gab, was ihm geboten -wurde. Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und wurde -nur um so strenger und kühner. Er sah manches, was ihm vorbildlich -erschien, noch mehr aber, was ihm unrichtig und schwach dünkte und was -er besser zu machen den Beruf hatte. - -Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu beobachten, welchen er -die Hauptrollen in seinem eigenen Werke zudachte. Mit dem Heldenvater -und dem Charakterspieler war er sehr zufrieden. Der letztere schien -ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu gehen; allein die -dämonische Persönlichkeit in seinem Stück war auch ungewöhnlich scharf -gezeichnet und eine frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht -eben in seinem Interesse. -- Die heroische Liebhaberin, die ihm schon -als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch als Jungfrau von Orleans, -und nach beiden Rollen mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen -halten, da diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse -Verwandtschaft hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und Hoheit, womit -sie alle Prüfungen bestand, über beide hinausragte. Bei dem Applaus, -den die Künstlerin errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken -und nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden hinzunehmen -hatte. - -Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war genau und erlaubte ihm -stetiges Fortarbeiten. Die fertigen Auftritte schienen ihm anziehend -und spannend, er freute sich von einem Tag zum andern auf die -Fortsetzung, und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden! - -Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor Dorn zu besuchen. Er wurde -freundlich empfangen und die Art, wie er seine Erkenntlichkeit -ausdrückte, heiter vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der -Journalist, welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als Heinrich ihm -bekannte, daß er in Journale seit längerer Zeit nichts geschrieben, -weil er ganz und gar von seinen dramatischen Arbeiten in Anspruch -genommen werde, schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: »Da -haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! Zeitungen müssen -einem immer zur Verfügung stehen, damit man Freundlichkeiten nicht nur -in Empfang nehmen, sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als Dichter -bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig auch als Referent und -Kritiker thätig seyn; denn wer seine Hand nicht in einigen Blättern -hat, also weder nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine -Rücksicht mehr nehmen.« - -Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht läugnen -- unter -gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er aber sein Streben und sein Talent -für eine Ausnahme hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben -würde, durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er nickte daher -bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die gute Lehre begriffen zu -haben. - -Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem schelmischen Zug um -den Mund, wie einen, den man auf den rechten Weg zu leiten im Begriff -ist. Nach etwelchen Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen -bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch vor und fragte ihn, ob -er es schon gelesen habe. Jener verneinte es und setzte hinzu, daß ihm -auch der Name des Autors noch nicht vorgekommen sey. - -Dorn schmunzelte. »Das ist nicht zu wundern,« sagte er. »Das Buch ist -von mir. Ich wollte aber in einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn, -und so hab' ich's pseudonym herausgegeben.« -- »Ah,« rief unser Poet, -»das muß pikant seyn!« -- »Ich meine schon,« erwiederte der Autor mit -gemüthlicher Selbstgefälligkeit. »Aber bis jetzt hat es doch noch -nicht die Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es ist -freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich erst bekannt werden. --- Interessirt Sie's?« fuhr er nach einem Moment fort, »wollen Sie's -lesen?« -- »Wäre mir allerdings sehr lieb --« -- »So nehmen Sie's mit -nach Hause.« - -Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung auf sich nahm. -Allein er konnte schicklicherweise nicht zurück, steckte das Buch ein -und verließ den guten Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und -wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen. - -Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. Rosa trat in -einem neuen Familienstück auf und führte die Partie eines Mädchens, -die mit aller Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber -nach hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit und -Hingebung bewies, in so ergreifender Weise durch, daß sie in den -letzten Akten den rauschendsten Beifall erntete. Die Theaterkenner -schauten sich verwundert an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht -zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen getreten waren, -fühlte sich überaus glücklich und namentlich auch dadurch befriedigt, -daß er ihr Talent so richtig begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit -schon aufmerksam gemacht hatte. - -Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren und ihr sein -früheres Wort in's Gedächtniß zurückzurufen. Das letztere gerieth ihm -etwas mentorartig und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln. -»Nun,« sagte sie, »ich muß am Ende doch daran glauben, daß noch etwas -mehr in mir steckt, als ich bis jetzt selber gedacht habe. Wenn das -Publikum mit seinem Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner -und Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,« fuhr -sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger fort, »kommt es -wohl nur auf die Rolle an, die man erhält. Der Dichter schreibt vor, -wir müssen ausführen, und -- es wächst der Mensch mit seinen größern -Zwecken.« - -Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey allerdings richtig, -aber das Wachsen setze die Kraft selber voraus, und die Freundin -thäte wohl daran, von der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der -Rührung und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch zu machen. Die -freundschaftliche Besorgtheit um ihr Talent und dessen Ausbildung zog -dem Poeten einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war, -obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine Vermuthung ging auf -eine geringere Schätzung eben dieser Gabe von Seiten der Künstlerin, -und er suchte nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende -Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene -Genugthuung sie dann empfinden würde. - -Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation fertig war, -sagte sie: »In Ihrer Tragödie hab' ich noch nicht weiter lesen -können; ich muß dazu ganz ruhig und gesammelt seyn.« -- »Ich dränge -durchaus nicht,« erwiederte Heinrich. -- »Das ist mir lieb. Auch für -die nächsten Tage geht's noch nicht. Sie wissen, das Theater ist -unberechenbar, und ich soll übermorgen gegen alles Erwarten eine Rolle -spielen, die ich fast ganz vergessen habe.« -- »Das verträgt sich -allerdings nicht mit der Lektüre meines Stücks,« versetzte der Poet, -»und ich würde selber bitten, daß Sie sich von jetzt an möglichst im -Zusammenhang erhalten möchten.« - -Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig wäre -- in acht, -höchstens zehn Tagen glaubte sie es zu seyn --, den Dichter zu sich -bitten lasse. Heinrich meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er -sich noch etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl -sich, »des Rufes gewärtig.« - -Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der Poet brachte den -ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende und machte sich rüstig an den -zweiten. Im Eifer des Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil -der Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei fernere Tage -ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei verstrichen, ohne daß Botschaft -an ihn ergangen wäre, da fing er doch an bedenklich zu werden; eine -dumpfe Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß, -unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war Verschiedenes möglich, er -brauchte noch gar nichts Uebles zu fürchten bei einer so geringen -Hinausschiebung, die ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte; -aber eben darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des wirklichen -Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, die ihn zu belästigen anfingen. - -Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die ihm so trauliche -Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen betrat, gegen Abend und wurde -von den beiden Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so -herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu athmen begann. - -Nach einer Weile sagte Rosa: »Sie kommen heute gelegen; ich hätte Sie -morgen zu uns eingeladen.« -- »Sie sind also fertig?« entgegnete der -Poet lebhaft. -- »Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt -gelesen habe.« - -Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer gehaltenen Miene -war ihr Urtheil nicht abzunehmen, obwohl dem Autor so viel klar wurde, -daß er unbedingte Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, in -Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. Etwas zögernd fragte er -daher: »Und Ihre Ansicht?« - -Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: »Ich habe das ganze Stück -mit dem größten Interesse gelesen.« Heinrich nickte, indem seine -Miene unwillkürliches Bedenken verrieth. »Und die Poesie, die Sie in -den ersten Acten fanden,« fragte er dann, »ist sie Ihnen auch in den -folgenden erschienen?« -- »O, allerdings,« erwiederte sie. »Es sind -reizende Scenen darin, ergreifende, erschütternde Momente!« -- »Nun,« -versetzte der Autor, wieder beruhigt, »das ist schon etwas! Wie lautet -aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, was hab' ich auf der Bühne -zu hoffen?« - -Das Mädchen sah ihn an und schien über die Antwort nicht mit sich in's -Reine zu kommen; dann, mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch -zugleich mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: »Was -den Bühnenerfolg betrifft, so getrau' ich mir, offen gestanden, nicht, -Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.« - -Der Poet war betroffen, ja bestürzt. »Ah,« rief er, »das hätt' ich -nicht erwartet! -- Sie glauben also, daß es auf der Bühne keine Wirkung -machen wird?« -- »Das ist nicht meine Meinung,« entgegnete Rosa -lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen konnte. - -Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen Arbeit gesessen -hatte, bemerkte nun: »Rosa will nichts weiter sagen, als daß sie Ihnen -einen Erfolg, wie wir ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die -Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.« -- »Durchaus nicht!« fuhr -die Schauspielerin fort. »Bei einer gewagten Handlung, und die Ihrige -ist gewagt, kömmt's auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern -bietet, ihnen eben noch recht, oder wird's ihnen schon zu viel, zu -stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich namentlich bei Tragödien -vor der Aufführung niemand eine sichere Antwort gestatten wird.« - -Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen und reinen Anerkennung -der ersten Akte hatte er eine Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze -um so mehr erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht der -Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt etwas bedenklich -geworden, hatte er sich doch höchstens auf Beanstandung einer und -der andern Einzelnheit gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische -Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden könnte, das hatte -er nicht für möglich gehalten; es überraschte ihn schmerzlich, er -konnte noch nicht daran glauben. - -»Aber,« begann er, indem sein verdüstertes Gesicht sich wieder zu einem -Ausdruck von Selbstgefühl erhob, »die Sprache, wie Sie selber zugeben, -ist doch poetisch, die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen -Akten, besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von denen Andere -gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt machen müßten.« -- »Gerade -über diese Auftritte in den letzten Akten,« entgegnete die Künstlerin, -»und über die Wirkung derselben auf's Publikum traue ich mir kein -bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist keine Frage. Aber -wenn sie nun -- wehe thäten?« -- »Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich -als tragisch wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch ihren -Geist und Charakter innerlich so reich und so erhaben, sie triumphiren -im Leid, gewinnen im Untergang --« -- »Das ist Ihre Absicht mit ihnen -gewesen,« versetzte Rosa, »man sieht das wohl. Nun, und in Rücksicht -darauf möcht' ich allerdings das Gelingen für eben so möglich halten.« - -»Meine Tochter,« begann die Frau wieder, »ist nur so ehrlich, Ihnen -keine Hoffnung machen zu wollen, die sich nachher nicht erfüllen -könnte; und darin, mein lieber Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben. -Ich habe Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin überein, -daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent verräth; wenn aber -die letzten Auftritte, worauf Sie alles angelegt haben, nicht den -beabsichtigten Effekt machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten, -der Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde ihn wünschen, -und niemand herzlicher als wir.« - -Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie einer, der zu -begreifen anfängt, und sagte mit trauriger Miene: »Das ist schlimm! Das -Vertrauen, das ich auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese -Urtheile erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin in -großer Verlegenheit.« - -Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns auf ihn -geworfen, sagte nun: »An dem ist es noch nicht, mein lieber Freund! -Wir haben Ihre Dichtung als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen -Gestalt, aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie können ja -ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.« -- Das Gesicht des -Autors erhellte sich wieder und er erwiederte: »Das ist wahr.« - -Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: »Lassen Sie nur -erst die Regisseure drüber kommen und das Stück »einrichten!« So -eine Einrichtung hat schon oft Wunder gethan, und wie sollte sie -nicht einem Stück zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich -ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne Partien ganz -umzuarbeiten --« - -Heinrich stand nachdenklich. »Und dazu,« sagte er dann, »müßte ich -mich wohl verstehen?« -- »Gewiß,« rief das Mädchen. »Ein Theaterstück -ist noch ganz was anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl -dem Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein wirksames Stück -herausschneiden kann! Es lohnt sich darum schon der Mühe, noch ein paar -Wochen daran zu setzen.« - -Heinrich lächelte mit Ergebung. »Ich sehe schon,« erwiederte er, »ich -muß wieder von vorn anfangen!« -- »Theilweise,« versetzte Rosa, »und -das thut nichts! Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure. -Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung gegenüber auf -etwas eingelassen, dem ich doch eigentlich nicht gewachsen bin. Einer -im höheren Styl gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie -auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das ist sehr schwer, -und da können noch ganz andere Leute daneben treffen, als eine junge -Schauspielerin, die in diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,« -fuhr sie nach einem Moment fort, »zuletzt muß man's eben darauf -ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen noch auf der Leseprobe -der beste Erfolg prophezeit wurde, so ziemlich durchgefallen sind, -während andere, über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben. -Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz unerwartet, und -wir Schauspieler bringen mit einander heraus, was wir vorher selber -nicht wissen können. Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu -urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und entscheidende -Spruch, und darauf hin muß man's wagen.« -- »In Gottes Namen!« rief -Heinrich; »wagen wir's! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen -verlangen -- ändern wir!« - -Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich die Mienen. Man -war zu einem Resultat gekommen und ließ die Sache für jetzt auf sich -beruhen, indem Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage -mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu berathen. Eine -Unterhaltung über andere Gegenstände konnte nicht lang dauern. Die -Frauen waren ausgebeten, und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu -seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, es auf das -»Glück der Schlachten« ankommen zu lassen. - -Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen überdachte -und eins in's andere rechnete, brauchte er den Muth in der That noch -nicht zu verlieren. Der Geschmack beider neigte sich zum Genre, -zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. Das Große, das -Erschütternde und eigentlich Tragische war ihnen -- zu stark. Darum das -enthusiastische Lob des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder -und höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das zweifelnde -Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich sich entladenden Gewitters. -Männer, zumal solche, deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig -anders urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten Hälfte den Vorzug -vor der ersten. - -Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als er in seine Stube -eintrat, sah er, trotz des nächtlichen Dunkels, auf seinem -Schreibtisch ein Paket liegen, das er mit einem zufriedenen Ausruf -begrüßte. Er hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes -gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich nun der schnellen -Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten von Hause, und machte eilig -Licht. Im Schein der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die -Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das Siegel und ein Schauer -überlief ihn: die Sendung kam von der Intendanz, es war die Abschrift -seiner Tragödie. - -In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen Umschlag. -Ein beigelegtes Schreiben, das der Poet mit einer heftigen Bewegung -entfaltete, lautete kurz: - -»Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript Ihrer -historisch-romantischen Tragödie hiemit ergebenst wieder zurück, indem -ich lebhaft bedaure, daß dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne -nicht geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung -- von Dachburg.« - -Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen lassen, stand und -rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam in ihm empor drang. Nun war -Alles verloren -- Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes -- sie, -die vor allen berufen war, höherer Dichtung entgegen zu kommen, ihm -ein Werk, das er mit seinem Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll -zurückschicken konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren -gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich getäuscht --- er war Nichts! Der Grund, auf dem er vorwärts zu gehen meinte, wich, -und er sank in's Bodenlose! - -Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! welch liebenden -Fleiß, Jahre hindurch! -- Was hatte er in sie hineingearbeitet -von edlen Gedanken, holden Gefühlen, großen Vorstellungen, -erhabenen Phantasiebildern! Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm -das Unaussprechliche doch auszusprechen gelungen war und es in -wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber wohlgefallen mußte! -Und nun war Alles nichts -- Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase -wies man die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle des -Lebens und rief ihm zu: »Fort in die Finsterniß -- und vergehe!« Nicht -einmal einen Versuch machen mit einer Schöpfung, deren poetischer -Gehalt über allen Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag, -die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! Verworfen ohne -Weiteres! - -So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß Angelegten gemacht, -während man das Seichte, das kindisch Ergötzliche begierig ergreift, -ja sogar dem Verderblichen die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr -ist also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! Die -Menge will das Gemeine, und das Theater bietet es ihr, um für die -hingeworfene Ehre das Geld in Empfang zu nehmen! - -Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, an ihre, an -seine Eltern -- und es war ihm, als ob eisige Messer ihm die Brust -zerschnitten. An derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste -Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine Prüfung für uns --- Auguste wird sie bestehen -- und ich muß sie auch bestehen! Die -Meinigen müssen sich ergeben! Was daraus werden mag -- genug der -Verzweiflung! - -Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der Intendanz und verschloß -es in seinen Schrank. Dann schlug er ein ästhetisches Werk auf, an -dem er eben studirte, las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu -vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in ähnlicher Lage war, -das mußte nun auch Heinrich erfahren. Die schmerzlich getroffene Seele -kann, so lange die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten, -die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem der kämpfende -Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht die Leidenschaft wieder -durch und vernichtet mit Einem Aufsturm die mühsam errungene stolze -Haltung. Die Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des Trostes an, -vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt und behaupten das Feld, das -gepeinigte Menschenherz! - -Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich auf's Lager und -suchte die erlösende Wohlthat des Schlafes; aber vergeblich. In -erneuerter Aufregung und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der -Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem Durcheinander -weher Empfindungen ging -- langsam genug -- Stunde um Stunde dahin, und -erst gegen Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen Schlummer -sinken. - -Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, der rüstige junge Mann -fühlte sich beim Erwachen doch wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes -erwies sich auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. Durch -ein substantielles Frühstück wurde die Restauration so weit geführt, -daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist in ihm aufkam. Er eilte zu -Willmann, ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas Näheres -über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, wornach er jetzt die größte -Neugier empfand. - -Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, in dem nur -ein viel feinerer Beobachter, als unser Poet jetzt war, auch noch den -Ausdruck einer gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie -Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er ihm: »Ich weiß -schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz hat Ihnen die Tragödie -zurückgeschickt --« -- »Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und -ich habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, was ich besaß, -und für die treueste Pflege desselben Verdruß und Schmach zu ernten!« - -Der Doctor nickte mit Ernst. »Ich kenne diese Empfindungen aus eigener -Erfahrung,« erwiederte er dann, »und bedaure Sie von Herzen. Zu thun -ist aber nichts mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich -gegen die Aufführung erklärt.« -- »Beide!« rief Heinrich, indem eine -leichte Blässe über seine Wangen flog. »Aber,« fuhr er nach einer Pause -sich wieder ermannend fort, »was haben sie denn für Gründe, das Stück -für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire natürlich, das -versteht sich von selbst; aber diese Gründe kennen zu lernen, hab' ich -wirklich ein großes Verlangen.« - -»Dieses,« versetzte Willmann, »glaube ich befriedigen zu können. Ich -habe mit den Herren gesprochen. Es thut beiden leid, daß sie das Stück -nicht zur Annahme empfehlen konnten -- ja, ja, auch dem Komiker, er -hat mir's wenigstens ernstlich versichert -- und ich glaube nun, daß -es ihnen selber lieb seyn wird, die Motive, die sie zu ihrem Votum -bestimmt haben, Ihnen bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich -Ihnen die Abschriften heute noch zuschicken.« Heinrich ergriff seine -Hand und rief: »Sie würden mich außerordentlich verbinden! Da ich nun -doch einmal nichts kann, so möcht' ich wenigstens erfahren, woran's -liegt, um allenfalls, wenn's unvermeidlich wird, bei Zeiten mich auf -ein anderes Metier zu werfen.« - -Willmann schüttelte den Kopf. »Nicht so desperat, mein Freund!« -entgegnete er. »Ich kenne Ihr Stück nicht und kann also eigentlich -über Ihr Talent nicht urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen -scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen Sie zunächst die -Urtheile der Regisseure, die ich selbst noch nicht kenne und auf die -ich ebenfalls gehörig neugierig bin.« - -Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend saß, kam die zugesagte -Sendung an. Mit begreiflicher Hast öffnete er das Couvert, nahm -die Papiere heraus und griff zuerst nach dem Votum des tragischen -Künstlers. Dasselbe lautete: - -»Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk und -erweckt als solches schöne Hoffnungen für die Zukunft. Der Dichter -gebietet über einen nicht gewöhnlichen Schatz von Empfindung und -Phantasie, besitzt auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo -diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, da gelingen ihm -anziehende und darstellbare Scenen. Noch im dritten Akt glaubte ich das -Stück zur Annahme vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben -zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und an Motivirung, der in -den letzten Akten immer fühlbarer wird, so daß wir von dem Ganzen -einen wüsten und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter -malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die bösen, sondern -auch die edlen Charaktere des Stücks machen endlich den Eindruck von -Carikaturen. Das Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum, -unter übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber nicht mehr -natürlich und menschlich empfunden wird, da können wir nicht mitfühlen -und finden daher auch keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen, -ob dem Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, daß -es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die Tragödie ist trotz des -poetischen Talents, das der Verfasser in allen Akten beweist, als -Theaterstück verfehlt, und die Aufführung in seinem eigenen Interesse -nicht zu wünschen.« - -Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz begonnen und -glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen zu können; aber der Trank, den -er zu verschlucken bekam, wurde gegen das Ende doch gar zu bitter; -unter unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand auf's -neue die ganze Pein der Niederlage. Für den einseitigen Beifall, den -ihm gute Freunde gespendet und den er sich selber zugesprochen hatte, -mußte er nun in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches -die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere Mixtur -ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur Hand und las: - -»Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born habe ich mit großem -Interesse gelesen; zur Darstellung auf unserer Hofbühne konnte ich -es aber mit dem besten Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der -Liebe, die im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, ist -zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog gehörig beschnitten -würde, möchte sich unser Publikum davon doch erwärmt und erbaut -fühlen. Die Aussicht, die uns durch die Exposition eröffnet wird, -ist ahnungsvoll; indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie -vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. Von dem -dritten Akt an bietet uns das Stück ein Interesse, das der Autor gewiß -nicht beabsichtigt hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden -Seufzer auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer -auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; obwohl dieß, und wie -Tugend und Laster meistens consequent nach Vorschrift sich aussprechen, -eines komischen Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist -aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. Die -Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden den Tod, obwohl sie ihn -in keiner Art verdient haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die -Länge schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen freilich -zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß auch der gelangweilte -Zuschauer beurtheilen mag, als Todsünden können sie am Ende doch nicht -gelten; und so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch -noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar untergeht, während -von den Missethätern nur Einer mit in den Abgrund gerissen wird und -die übrigen, die auch noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer -Betäubung sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. -- Sey -mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß der junge Dichter, trotz -aller dieser Mißgriffe, nicht nur poetische, sondern auch dramatische -Begabung verräth und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne -durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine große Beschämung -erspart.« - -Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das die menschliche Seele -in sich aufnehmen kann; was darüber in sie eindringen will, das findet -sie entweder fühllos oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann -daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur Verurtheilung -eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung der Liebe geschaffen und -das ihm theuer, ja heilig geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu -kosten bekommen. Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, welche -Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien der Köcher des Unheils -erschöpft zu seyn. - -Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm fiel jetzt namentlich -die Rücksichtslosigkeit auf, womit die Herren ihren Tadel ausdrückten. -Von der Achtung, die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen -Umständen ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen sehr wenig zu -bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, daß die zweite das Gegentheil -davon recht vergnüglich zur Schau trug. - -Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und Aenderungen, wie weit -sie gehen mochten, anzunehmen und auszuführen. Und wenn dieß geschah, -wie sollte eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt -hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch gewaltiger ergreifen? -Aber freilich: gespielt mußte sie werden, und dazu mußte sie verstanden -seyn! Die Hauptcharaktere mußten Darsteller finden, welche den Adel -derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung scheint -man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend verzichtet zu haben! -Den Seelenadel zu verspotten, war freilich leichter! - -Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, das hier zum wahren -Leben gelangen sollte, war hingetilgt und auch als Schatten vernichtet. -Der Autor, welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden -geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; er erlag den -Streichen, die -- ein Philister und ein Spaßmacher gegen ihn geführt -hatten! Der Unmuth, den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der -Stolz, der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen Kraft -des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl gab ihm endlich auch -die Stimmung zu einem Bericht seines Mißgeschicks an die Geliebte. -Er setzte sich an den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das -Erlebniß auffassen müßten, und schrieb: - -»In meiner Tragödie hab' ich große Seelen geschildert, welche den -Prüfungen des Lebens unbeugsamen Muth entgegenstellen und, vom wahren -Standpunkt angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine -geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, die ich -zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich durchaus unstatthaft finden -muß, hat die hiesige Intendanz die Annahme meines Stückes verweigert. -Man gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung -zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem Werke; aber man behauptet, -die Effekte in den letzten Akten wären zu stark, könnten eher den -gegentheiligen als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt -nun die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das in keiner Art -zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß durch gewisse Kürzungen und -Abänderungen eben das wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre. -Allein die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es unter -meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. Der Ersatz und Trost ist -jedoch schon da. Ich arbeite an einem neuen Stück, worin das, was man -am ersten getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen kann; -ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm noch entschiedener -zu erreichen, was mit unserer Tragödie anzustreben mir versagt wird, -indem ich mir vorbehalte, auch diese noch zu den Ehren durchgreifender -Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen ich hieher gekommen -bin, ist nur vertagt. - -»Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, und im ersten -Moment, wie ich nicht läugnen will, übte sie eine entmuthigende Wirkung -auf mich. Ich besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine Kraft, -und halte den Kopf oben. Laß mich du nun die Stimme der Liebe hören, -die Trostworte einer edeln und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und -meine Thatkraft hab' ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird mir -auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder bringen, womit die -Poesie von selbst aus der Seele fließt. Ich verlange sehnlich nach -einem Wort von dir. Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem -Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe mir bald, -liebe Auguste, sobald als möglich!« - -Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem dieß aber -geschehen, fühlte er sich matt an Leib und Seele, und da er in der -gegenwärtigen Situation durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten -zusammenzutreffen, so begab er sich in ein Gasthaus. Das preiswürdige -Getränk durch die Kehle gießend, empfand er bald seine zugleich -stärkende und besänftigende Wirkung. Es war eine eigene, in ihrer -Art auch poetische Lust, nach der eben so großen als unerwarteten -Niederlage melancholisch den Gaumen zu erquicken und im Herzen -allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; ein wundersames -Durcheinander von Gefühlen. Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des -Abendtrunkes noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, die -beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz tief unter sich zu -erblicken und ihnen mit allem Vergnügen die Titel zu geben, die sie -nach seiner Ansicht gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und -Hohn gegen Hohn -- das thut der männlichen Seele wohl, und der Geist -erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden Höhe. - -Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. Die Schmähmonologe -laut fortsetzend und damit sein Herz inniglich ergötzend, legte er sich -zu Bette und fiel bald in tiefen Schlaf. - - - V. - -Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble Eindrücke; aber -wie tief sie im ersten Moment gehen mochten, ihre Dauer war kurz, da -seine elastische, vorwärts gehende Natur sich nach Möglichkeit immer -wieder davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem Schlummer, in -welchem er das in voriger Nacht Versäumte gründlich hereinbrachte, -hatte er seine Gefaßtheit wieder und genoß einer wohlthuenden Stille -des Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben durch das -schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig getröstet. Im tiefsten -Innern war noch ein unerschütterlicher Rest von Zuversicht, und mit ihm -gedachte er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten. - -Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, ging ein -humoristisches Licht über seine Züge. Er nahm den Kalender, suchte den -Tag, an welchem die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte -und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. -- Konnte es (wenn es -nicht am Ende mehr war) ein auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein -aus dem Bauch eines Wallfisches an's Land gespuckter Prophet! Welche -Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie das bei Vergleichungen -geschehen muß, von der Unähnlichkeit Umgang nahm! Unser Poet sah sich -in seiner Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen -habe, was für den betreffenden Rachen nur viel zu gut, weil viel zu -ätherisch war; und man findet nun gewiß natürlich, daß er auf das -Erlebniß Reflexionen gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn -weiter zu beruhigen. - -Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden ist, -hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am nächsten Tage stand in -dem verbreitetsten Blatte der Residenz folgender Passus: »Die -historisch-romantische Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung -eines hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen sollte, -ist dem Autor, Heinrich Born, von der Intendanz als für die Darstellung -unbrauchbar wieder zugestellt worden. So hat also auch dießmal -voreiliges Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen, -sondern nur zur Beschämung verholfen!« - -Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und zwar gänzlich -unvorbereitet las, fuhr zurück wie von einer Schlange gebissen: er -fühlte in dem Einen Stich alle Pein literarischen Prangerstehens. -Hastig sah er in dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß -wenigstens kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können. -Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen Genanntwerdens, -nach dem er so großes Verlangen getragen und das er sich so schön -vorgestellt hatte! -- Der Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu -werden, da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, dem er bekannt -war, und verließ die Restauration in kürzester Zeit. - -Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er durch eine Straße -wandelte, in der die Möglichkeit einer unangenehmen Begegnung sehr -gering war, sah er plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er -jetzt von allen am wenigsten sich darstellen mochte -- den Professor -Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es wäre auch feige gewesen, -und so ging er gerade vorwärts, zog instinktmäßig den Hut und rief mit -gebührender socialer Achtung den Gruß des Tages. Der Professor lüpfte -seinen Hut schweigend, sah mit einem Gesicht für sich hin, das in -Spott und Schadenfreude die feinste Genugthuung verrieth, und ging an -ihm vorüber. Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern ihn -seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung abgenöthigt, wie gänzlich -er seinen Mann gleich beim ersten Gespräch erkannt habe. - -Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, drehte er sich um und -sah ihm nach. »Vermaledeiter Pedant!« rief er für sich und setzte -innerlich murrend seinen Weg fort. - -Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch ein Zusammentreffen -zu bestehen. Um eine Ecke biegend, stand er vor Doctor Dorn, der einen -leichten Ausruf der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem -höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine Complication -von Schadenfreude, eigener Beschämung und trotziger Geringschätzung -derselben, wozu noch ein Zug spottender Anklage kam. »Nun,« fragte er -den gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, »haben Sie schon -gelesen?« Der Poet machte eine Bewegung des Bedauerns, die zugleich -verachtende Erhebung über den Unfall ausdrücken sollte. - -»Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!« fuhr jener -fort. »Ich habe Ihr Stück nach Ihrem Referat und nach den Versen, die -Sie mir vordeklamirten, empfohlen, und bin nun im Grund mit Ihnen -blamirt!« -- Heinrich zuckte die Achsel. »Es thut mir leid,« entgegnete -er. »Indessen,« setzte er etwas spöttisch hinzu, »Sie werden es wohl -verschmerzen.« - -Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten Kämpfers den Bart. -»Nun,« versetzte er, »das hoff' ich auch. Morgen ist der Bettel -vergessen! -- Für Sie,« fuhr er spielend fort, »ist die Sache etwas -unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen Kummer ein! Solche -kleine Unglücksfälle kommen so oft vor, daß sie eigentlich gar nicht -der Rede werth sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von -Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben eine Celebrität; -und was kann man sich Besseres wünschen?« - -Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten im Verdruß des -Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende Bemerkung mit einem nur -halb erheiterten Gesicht. »Diese Veröffentlichung einer Niederlage,« -sagte er dann, »und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth doch -eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das Blatt gegen mich?« - -»Das Blatt hat nichts gegen Sie,« versetzte Dorn. »Aber der -Feuilletonist -- Emil Schilf -- ist Autor von zwei Stücken, die hier -mit Glanz durchgefallen sind. Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn -geärgert, das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem Neid -erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei Ihrem Unglück inniges -Vergnügen empfindet und sich die Freude macht, es an die große Glocke -zu hängen?« -- »Verächtlich!« rief Heinrich. - -»Begreiflich,« entgegnete Dorn, »und sehr gewöhnlich!« Er schwieg, -sah ihn freundlich an und sagte: »Wie steht's mit Ihrem neuen Stück? -Rückt's vor?« - -»Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich hoffe darin alles -vermeiden zu können, was man am ersten Drama gerügt hat.« -- »Bravo! -Nur immer lustig vorwärts!« Nach kurzem Innehalten sah er ihn von der -Seite an und fuhr fort: »Haben Sie zufällig auch schon Zeit gefunden, -einen Blick in mein Buch zu werfen?« -- »Noch nicht. Die Aufregung -und der Verdruß der letzten Tage --« -- »Natürlich,« fiel Dorn ein. -»Aber nehmen Sie's nun doch gelegentlich zur Hand! Sie werden manches -darin finden, was Ihnen eben jetzt wohlthut -- auch über Theater und -Theaterleute.« -- »Ah,« rief der Poet, »dafür hätt' ich gegenwärtig -allerdings die Stimmung!« -- »So lesen Sie,« erwiederte der Autor, -indem er ihm die Hand reichte; »amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre -Feder! Es wird alles noch gut werden.« - -Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, seine Freundinnen -zu besuchen, aber nicht die Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu -treten. Er war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den Frauen, -denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein Gegenstand des Mitleids und -vielleicht gar einer Art von Geringschätzung zu werden, hatte etwas -außerordentlich Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte er sich doch; -er wollte auch dieses Verhältniß in's Reine bringen, wenn auch um den -Preis eines vielleicht sehr fatalen Moments, und begab sich stehenden -Fußes zu ihnen. - -Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. Rosa ergriff seine -Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, achtungsvoller Art aus und fügte -die sachgemäßen Tröstungen so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft -erquickend wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte: -»Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein Poet, und hänge nicht -von Einem Stücke ab.« - -»Bravo!« rief das Mädchen erfreut, und die Mutter setzte hinzu: -»Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein Glück; man hat um so mehr -Hoffnung, mit Glück aufzuhören.« -- »Wenn man's erlebt!« erwiederte der -Poet mit etwas bitterem Humor. »Indessen, das hängt nicht von uns ab. -Thun wir das Unsere und erwarten wir die Folgen!« - -Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs abnahm, daß er im -Innern von seinem Mißgeschick doch noch sehr bedrückt war, sagte für -sich hinsehend: »Wer weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht -schon selber ein Glück war!« - -Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: »Sie meinen, -daß mir dieses kleine Unglück das noch viel größere eines eclatanten -Falles erspart haben könnte?« -- Rosa, leicht erröthend, machte eine -Bewegung mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen wollte. --- »Also auch Sie!« fuhr Heinrich mit einem Ausdruck von Anklage und -Kümmerniß fort, »auch Sie geben das Stück unrettbar verloren!« Er sah -sie an und brach unwillkürlich in die Frage aus: »Ist es denn aber so -gar schlecht?« - -Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses Ausrufs einer -Anwandlung von Lachen nicht erwehren und Rosa beeilte sich zu -erwiedern: »Durchaus nicht -- an sich selbst, aber für die Aufführung -höchst bedenklich!« -- »Höchst bedenklich!« wiederholte der Poet, -wie einer, der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. »Und das -sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?« -- »Vielleicht,« -erwiederte Rosa. »Aber es gab so viel Kopfzerbrechens und so viel -Arbeit, daß Sie leichter und sicherer ein neues Stück ausführten.« - -Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine entschlossene Bewegung -und rief: »In Gottes Namen! Das neue Stück, wie Sie wissen, ist -angefangen, und ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen, -ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!« -- Die Künstlerin -schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. -- »Sie zweifeln am -Gelingen?« rief Heinrich. »Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?« --- »Zu Ihnen,« erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, »alles, zu Ihrem -neuen Stück wenig. Es ist wieder ein Trauerspiel!« - -»Nun,« versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, »das ist doch wohl an sich -kein Verbrechen! Oder soll das Trauerspiel ganz in die Acht erklärt -seyn? Darf jetzt überhaupt keines mehr geschrieben werden?« -- »Das,« -versetzte Rosa, »will ich durchaus nicht sagen. Aber der Gegenstand -Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich wünsche Ihnen sicheren -und wo möglich allgemeinen Erfolg, und der ist jetzt nur mit einem -gelungenen Schauspiel oder Lustspiel zu hoffen.« - -Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, entgegnete: -»Es mag seyn; ein rein realistisches Drama kann, wie der Geschmack -jetzt ist, am sichersten durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich -habe keinen Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine Art und -würde auch zu nichts führen. Es mag ein Unglück seyn, aber es ist nun -einmal so.« - -Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. Jetzt, mit -Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: »Würden Sie eins ausführen, wenn -man Ihnen den Stoff dazu gäbe?« -- Heinrich, nachdem er sie forschend -betrachtet, erwiederte: »Das kommt darauf an. Wenn mich die Aufgabe in -die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft in mir erweckte --« - -Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt und einen Blick der -Verwunderung auf die Tochter geworfen, der sich aber bald in einen -Blick der Zärtlichkeit wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster -Freude, entgegnete dem Poeten: »Nun, ich glaube einen solchen Stoff zu -haben und will ihn an Sie abtreten!« - -Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. »Ist's möglich?« rief -er. -- »Ja, ja,« versetzte die Mutter. »Sie hat nicht nur einen Stoff, -sondern einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte Scenen!« - -Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein Auge hing an der -Künstlerin, die erröthet war, und mit einem Ton liebenden Interesses -rief er endlich: »Wie! Sie sind dramatische Dichterin? -- Und das -erfahr' ich erst jetzt?« -- »Ein gutes Sujet,« erwiederte das Mädchen, -»und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, macht noch lange keine -Poetin. Ich hab' im Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir -just die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr günstig -halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden Sie mich geradezu -glücklich machen, wenn Sie sich seiner annehmen wollten.« - -Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des Widerstrebens. -»Das geht nicht,« rief er, »das darf ich nicht! Ich Sie berauben? -Unmöglich!« -- »Wenn ich mich nun aber berauben lassen will?« -entgegnete das Mädchen nicht ohne Ungeduld. »Soll man Ihnen nicht -einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster aller Sterblichen? -Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! Es kleidet niemand gut, am -wenigsten die Poeten!« Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah, -fuhr sie fort: »Nun? -- Sie thun mir wirklich einen Gefallen. Ich bin -der Aufgabe nicht gewachsen und würde Gott weiß wie lange daran herum -arbeiten; aber Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen den -Stoff, und meinem Stoff den Poeten.« -- Das Gesicht Heinrichs klärte -sich auf. »Nun,« rief er, »wenn es Ihnen ernst ist --« -- »Vollkommen! -Hier meine Hand und meinen Dank.« - -Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa fuhr mit wahrer -Genugthuung fort: »Der Handel ist abgeschlossen. Ich will die Blätter -nochmal durchgehen und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen -Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.« - -Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster Güte wahrhaft gerührt. -Er dankte und pries das Glück, eine so treffliche Freundin gefunden zu -haben, in so warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die Mutter -bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, als ob sie entschlossen -wäre, sich in etwas Unvermeidliches zu fügen. - -Heinrich war von der neuen Aufgabe -- obwohl sie ihm noch eine bloß -allgemeine war -- sofort ergriffen. Er brachte die nächsten zwei -Tage in Ueberlegungen und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie -bezogen, versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich die -Erfahrungen in's Gedächtniß, die er selber gemacht, und suchte Reden -und Gesprächsfragmente auszudenken, die zugleich richtig und pikant -waren. Er bildete ein förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam -zu den Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem Feld -einen Versuch zu machen. - -Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm dann ihren Plan und -endlich, von ihm ermuthigt, sogar die ausgeführten Scenen vor. - -Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches Ereigniß in einem -früheren Bekanntenkreise der beiden Künstlerinnen, was dem Conflikt -und dem Ausgang etwas lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen -eine »alte Geschichte,« aber durch die neuen Beziehungen, in welchen -sie verlief, neu und charakteristisch für die gegenwärtige Zeit. -Menschliche Charaktere; die guten mit Schwächen und natürlichen -Beweggründen, ihre Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten -Elementen ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang der Intrigue -von der Art, daß die Hauptpersonen die verschiedenen Seiten ihres -Wesens herauswenden konnten, die edleren Charaktere im Moment der -Entscheidung siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und -steigerten, die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen -Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber fingen, um zuletzt -der Beschämung überliefert, zur Entsagung und Unterwerfung gezwungen zu -werden. Alles das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, daß -die Organisation im Wesentlichen gegeben war und die Phantasie nur auf -poetische Begründung und Bereicherung zu denken hatte. - -In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die Anschauung, was man -daraus machen könnte, ihn erhob, regte sich die erfindende Kraft. Was -jenes Votum des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen -Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die Künstlerin -angenehm überraschende Weise, indem er mit Sicherheit die Punkte -markirte, wo Angelegtes wirksamer entwickelt, neue Effekte angebracht -und mit dem Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar für -ein paar komische Auftritte ersah er den Platz und mehrte die Zahl -der Personen durch die Figur eines drolligen Gesellen, den er auf der -Universität kennen gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage -sehr plausibel zu machen wußte. - -Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar Stunden lang erwogen, -debattirt und sich verständigt hatte, konnte man sich rühmen, einen -Plan zu besitzen, den man für höchst versprechend halten mußte. -Heinrich war voller Freude. Das Thema begann vor seiner Seele zu -leuchten, und er sehnte sich innig nach der Gestaltung. - -Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die Heldin, die im Plan -Rosas Antonie hieß, zeigte eine nicht zu verkennende Aehnlichkeit -mit Auguste. Wie diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich -Antonie würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch Schickungen in -dieselbe Lage gekommen wäre. Eine Freundin dagegen war in einer Weise -gedacht, daß er bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa selber -verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er einen sehr anmuthigen -Charakter zu schaffen gewiß war. -- Welche Lust nun, in Ausführung -dieser Gestalten seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu -gleicher Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln Freundin -aber eine Rolle schreiben zu können, worin sie den Lohn des reichsten, -beglückendsten Beifalls ernten mußte! - -Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem lieben Mädchen zum -Abschied mit einer Herzlichkeit und Innigkeit in's Auge sah und die -Hand drückte, daß seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu -unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden Ueberlassung an Lohn -gedacht, in diesem Moment erhielt sie ihn. - -»Das muß gelingen!« rief der Poet noch mit frohem Pathos. »Ich werde -das Meinige -- das Meinigste thun, Sie werden helfen, verbessern, -zurechtweisen -- und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen, -das dem Publikum Thränen entlocken und es zu begeistertem Dank -hinreißen soll! Adieu für jetzt! In acht Tagen sehen Sie den ersten -Akt!« - -Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt und stattlich -seiner Wohnung zuzuwandern. - -Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, und hatte doch -das Gefühl, daß er dadurch nicht die Nemesis reizte. Der Erfolg lag -dießmal in der Sache. Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung, -Alles war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. Die -ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, daß man an ihre Tugend -glaubte und sich ihrer freute, die andern so viel Gutes, daß man ihr -Vergehen begriff und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte er -für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig beglückend, -erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, die freundliche Mäßigung und die -labende Frische der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die Herzen -gewinnen mußte. Er stellte sich's recht lebhaft vor und erquickte sich -innig an diesen Eigenschaften. - -Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche Empfindung malte -sich auf seinen Zügen und das schöne Roth der Freude wandelte sich -in das düsterdunkle der Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht, -mit dem klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend -überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war der täuschende Flor -gefallen, durch den er sie bis jetzt gesehen; sie standen vor ihm in -all ihrer Einseitigkeit, Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen -durch sein Inneres. - -So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. Man denkt -Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht die Bilder mit aller Liebe -und Freude des Schöpfers. Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt -die Gebrechen daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet. -Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung oder böser Wille gefällt; es -wäre Thorheit, ja Verrath, sich ihm zu unterwerfen! -- Neue, schärfere -Angriffe rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das Herz des -Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht das Wort der Rüge und -wirkt Bedenken, Zweifel. Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch -lebt in ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt das -Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist genöthigt, es als -Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen Gebilde; und wie in der -Sage Zauberinnen, welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder -der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme derselben -plötzlich durch eben so große Häßlichkeit erschrecken, so grinst den -Unglücklichen die Kehrseite des Bildes in aller Grellheit an; er sieht, -im Innersten verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, er -gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt gegen sich selber. - -Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen ihres Entwurfs -mit Seitenblicken auf die Figuren der abgewiesenen Tragödie -charakterisirt und den Autor an diesen den Mangel an Natur und -Wahrheit fühlen lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die -Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings etwas voraus, -aber diese noch mehr vor jenen; beide hatten ihren Werth, ihre -Schönheit, ihre Sphäre des Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie -Schuppen vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht zu sagen -Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher abgewiesen, verbanden -sich mit ihm und drangen mit ihm vereint gegen das Werk an, und es ging -in Trümmer. - -Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige Aufgebenmüssen einer -so unendlich geliebten und unwillkürlich bewunderten Schöpfung! Die -Selbstverdammung gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief sich -aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung begann ihre -schwarzen Fittige wieder um sein Haupt zu schlagen. - -Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. Gottlob! -gottlob! sein Werk lag zu Boden, er selber stand! Der Ersatz für den -schmerzlichen Verlust war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue -Dichtung mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener allzuhoch -gespannten nur trügerisch versprochen hatte. War es doch auch eine -schlichte Aufgabe, die er ergriff, der er sich fügte! Uebte er doch in -der That, wenn er ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und -Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der Einbildung sich -verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, Selbstüberhebung. Aber er war -vollauf gestraft, er erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere -- -und nun mußte es ihm auch gelingen. - -Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser Klarheit. Denn -freilich seit Langem kannte er die Aufgabe der Dichtung: die Natur zu -verklären, die Menschen aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren -wirklichen Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er sich das -gesagt! Auch geschrieben hatte er's und drucken lassen für Andere! -Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg verlocken, weil ihn eben der Wahn -blendete, in reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren jedes -leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll nach seinem Ziele -ging, das überschwänglich Poetische zu leisten. Nun aber, nachdem er -den Wahn als Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der Dichtung -nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch erprobte, durch Erfahrung -bestätigte Wahrheit. Nun hatte er's im Wollen, und nun mußte er's auch -haben im Vollbringen! - -Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. Er trat in seine -Stube als ein verwandelter Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder -erhoben und festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein Schreiben: -es war von Auguste. Der Liebende erbrach es mit dem Vorgefühl, daß es -herzlich Gewünschtes bringen werde -- und er täuschte sich nicht. Das -Schreiben lautete: - -»Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter Heinrich, hab' ich -deine letzte Meldung gelesen. Ist es denn möglich? Eine Dichtung, die -uns Alle begeisterte, von der wir noch lange nachher mit Bewunderung -gesprochen haben, sie soll nicht einmal der Aufführung werth seyn? Man -schickt sie dir wieder zurück, als wäre sie ein schlechtes Machwerk! O -wie unendlich bedaure ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung -abnehmen, wie groß die deine gewesen ist, und bewundere jetzt deine -Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie und die Liebe und der Fleiß, -den du auf diese Dichtung gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen -seyn? Bist du denn nicht verzweifelt? - -»Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen und lebhaft -daran denken, daß man eben so eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du -sie hast, in dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn -ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es -- ich hab' -es ja von dir gehört und mit dir erlebt! -- ein dramatisches Werk zu -schreiben! Damit ist aber noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung -bestehen von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen -mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es auf der Bühne -nach dem Geschmack des Publikums seyn, den man nicht berechnen kann. -Welche Gefahren, welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, die -Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall gewinnt, dürfen sehr -groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen und Aufregungen irgend belohnen -sollen! - -»Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und deine Ausdauer -vor, dann glaube ich, trotz allem, doch wieder an dich und hoffe auf's -neue. Gib dir nur Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden, -die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft mit Schauspielern -und mit Dichtern, die schon effektvolle Werke geschrieben haben, und -laß dir von ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung des -Publikums, die du im Theater studiren kannst, und trachte in deinem -Stück nach Scenen, die du am meisten auf die Herzen wirken siehst. -Wenn du das alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent -ganz gewiß durchdringen. - -»Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist mir sehr schwer -geworden. Bei ihrem großen Vertrauen auf dich wollten sie die Nachricht -zuerst gar nicht glauben. Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben -vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater entschlüpfte das -Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! Ich nahm mich aber deiner -an, und mein herzlicher Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine -Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen konnten. -Aber das rechte Vertrauen ist noch nicht wiedergekehrt. - -»Ein übles Nachspiel gab's, als die Zeitung eintraf, die deine -Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat. Auf die Fragen zu antworten, -die man jetzt von allen Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht -leicht und angenehm gewesen; ich hab' es aber in meiner Liebe zu dir -gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen ihr herzliches Bedauern -aus, und darunter der brave Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm -Bürge, daß es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken werde. -Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht zurückhalten und ihre -Reden wurden durch ihre Mienen so auffallend Lügen gestraft, daß ich -mich über beide sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse -geworden. - -»Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich nicht -entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete jetzt nur alle deine -Kräfte auf und erfreue mich bald mit einer guten Nachricht, die den -Glauben der Eltern stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich -zischeln, verstummen machen kann. Vertraue auf meine unwandelbare -innige Theilnahme an Allem, was du unternimmst; schreibe mir Alles, was -dir irgend Bedeutendes widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung des -neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, und harre in Hoffnung; -aber dann melde mir endlich einen Erfolg, der Alles wieder gut macht -und die treuesten deiner Freunde am glücklichsten!« - -Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung erfreute -und erhob den Liebenden im Innersten, und muthig blickte sein Auge, -als er die letzten Zeilen gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser -Erfolg war gefordert, aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das -Geschenk eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs war eine -Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß seiner Lage. Hülfe in -der Noth, doppelt und dreifach willkommen! Er fühlte das wunderbare -Zusammentreffen mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe -Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte. - -Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die ersten Scenen gelangen -ihm nach seinem Gefühl munter, frisch -- um nicht zu sagen keck. Als -er zu Tische ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines Herzens -trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und theilte ihm unter dem -Siegel der Verschwiegenheit seinen Fund, seine Hoffnung mit. Der -Doctor war ernstlich erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich -schelmischen Glanz hatte, rief er: »Also bekehrt! Einer von den Unsern! --- So rasch ist der Plan --« Er hielt inne, schüttelte ihm die Hand und -setzte hinzu: »Nehmen Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie -im rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des Jahrhunderts, und -_vogue la galère_!« - - - VI. - -Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, der hauptsächlich unsere -Epoche bezeichnet und auf allen Gebieten mit wechselndem Glücke geführt -wird, mußte nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten. -Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am Ende nur zur Ausgleichung -führen kann, braucht sinnigen Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden. -Aber wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter -der Gegensätze, welche sich, »des langen Haders müde,« zuletzt die -Hand reichen werden? Schwerlich. Der Kampf wird dazu dienen, die -Akten spruchreif zu machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk -seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, den Streit -in sich selber durchkämpfen und der Ausgleichung fähig werden in der -gerecht unterscheidenden, gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie, -denen der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern und -Zusammenwirken für den Sieg im Großen, der sich, wenn es Gott gefällt, -nach und nach wird erstreiten lassen. - -Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte in gewissem Sinn -auch den Dichter, dessen Schicksale hier dargestellt werden sollen. -Er hatte ein Auge für die wirkliche Welt, er lebte und liebte in -ihr, er fühlte die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in -verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte er einem -unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden der Phantasie, und glaubte -in ihnen eben das Größte, das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge -des idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus, und -sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, unscheinbarem Licht. Seinen -Hauptberuf erblickte er jenseits der Schranken des Irdischen, und auf -ihn warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger Jugend. - -Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß übel gelohnt. Gleich -Phaeton war er herabgestürzt aus den himmlischen Höhen: gewaltig -erschüttert, aber glücklicherweise doch nicht zerschmettert und kein -tragisches Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah er sich auf -der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, daß sie lieblich -anzuschauen war und ihm anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum -Ersatze bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten Licht und -freute sich über Alles, nachdem ihm das Große nicht gelungen war, um so -besser das traulich ansprechende Kleinere zu leisten. - -Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden Geist verklärte -Leben. Der Geist kann alles verklären, was er liebt; nicht nur das -Große, sondern auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den -Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste zeigt, auch -erlöst werden sollte und soll. Die Malerei hat Götter und Heroen -dargestellt, aber auch den Schmetterling, den Käfer und den Apfel -wiederzugeben nicht verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz -bewahrt hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, wenn sie -nämlich gelungen sind! - -Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des Poeten, als er sein Drama -weiter führte. Seine Liebe zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem -sie ruhiger wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen -mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein Schamgefühl über -ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, womit er auf solche Arbeiten -früher herabgesehen hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm -bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte aber auch, daß die -Buße heilsam war für ihn und seine Arbeit. - -Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er brauchte denn doch -länger dazu, als acht Tage), begab er sich zu den Freundinnen. -Unter guten Erwartungen las er ihnen die Reinschrift vor und wurde, -hinsichtlich des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im -Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen gründeten sich aber -auf Erfahrung und natürlichen Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht, -und er änderte mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu -Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns gegönnt. -Jetzt setzte er's nur fort und freute sich der wachsenden Reinheit. - -Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken hin als richtig -zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd an und sagte: »Mein lieber -Freund, Sie haben einen guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht -glauben, der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich -werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, erkennen Sie die unsere an -und lassen sie gelten. Das ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern -nicht sehr häufig vorkommen soll.« - -»Mir,« entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, »hat ihn auch erst ein -Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört er zu mir und ich -gedenke ihn zu behalten.« -- »Immer zu!« rief die Mutter lächelnd. -- -»Im Grunde,« fuhr der Poet fort, »kommt es auch hier nur darauf an, was -man eigentlich will: die Sache, die Kunst, oder sich selber. Wer die -Kunst will, der hat ein Ideal der Vollendung vor Augen, und er ruht -nicht, bis sein Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer =sich= will, -der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte Ideal, weil es -von ihm ist. Natürlich wird so Einem der Widerspruch als persönliche -Beleidigung erscheinen, während er jenem, als zur Verbesserung der -Sache dienend, lieb und willkommen ist.« - -»Weislich erklärt,« entgegnete Rosa mit Lächeln. »Nun, unsern -Widerspruch können Sie schon gelten lassen; er kommt weder aus einem -tadelsüchtigen noch frivolen Gemüth und hat nichts als die Schönheit -Ihres Werkes im Sinn.« -- »Das weiß ich,« erwiederte Heinrich, »und -darum hör' ich ihn mit Freuden und bitte um die Fortsetzung.« - -Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner Thätigkeit -und seinem Verkehr mit den beiden Frauen Schritt für Schritt zu -begleiten. Er arbeitete stetig jeden Tag, und wenn das Drama langsam -vorrückte, weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten und -wiederholte Versuche nöthig machten, so wuchs es doch und nährte die -Begierde des Autors zum Weitergang. - -Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich bedeutend oder -gewagt erschienen) las er an freien Abenden den Damen vor, hörte Lob -und Tadel und änderte nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und -ganze Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es interessant -gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin dabei sich ergänzten. -Heinrich strebte nach Gehalt, Geist, höherem Ausdruck, und vielfach -gerieth es ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu schwer, -zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; und so wurde -er von Rosa bekämpft, bis der Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte -vorzugsweise den Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden -Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge herzustellen. Hier -überschritt sie aber ein paarmal die Linie, schlug Reden vor, die -sich nicht natürlich aus der Situation ergaben, und mußte sich von -dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit über alles -ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit und der Wirkung einander -entgegen traten, ging es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte -sich wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde, daß in einem -Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll seyn müsse, und Heinrich, -wenn er die unmittelbaren Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch -in sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung Sorge trug. - -Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche Herz im Guten -und Schlimmen, so wie die Leiden und Freuden der bürgerlichen Sphäre -gar wohl kannte und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens -zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem er wirkliche, -lebendige Menschen zeichnete, die in natürlicher Entfaltung ihres -Innern Sympathie zu gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen -immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste Vergnügen. - -Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen Trauliches und -unter Umständen Heiteres, daß ein Besucher, auf den ersten Blick hin, -sich gesagt hätte, die sind glücklich und machen sich glücklich. -In der That unterhält nichts anziehender und schöner, als gleiches -Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. Rosa konnte das Drama so -gut ansprechen wie Heinrich, und jedenfalls lag ihr das Gelingen um -nichts weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes Auge glänzte -Genugthuung, wenn sie etwas für gut erklären mußte, besonders wenn -dieß nach einer zweiten Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert -hatte. Da rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es gleich so -richtig getroffen und sich dadurch als wahren Dichter bewiesen habe, so -warm, so froh, daß er beglückt lächelte und auch über das Gesicht der -Mutter ein Schein der Freude ging. - -Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, die es -schon längere Zeit waren und darum in ruhiger Freundlichkeit sich -gefielen. Bei näherer Betrachtung zeigte sich freilich, daß der -Poet an der Liebenswürdigkeit des Mädchens sein Vergnügen hatte und -sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber doch nur -in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte, während aus ihrem Auge -zuweilen Blicke kamen, die ihre tiefe Leidenschaft verriethen -- ein -süß und schmerzlich erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft -verschlossen gehalten wurde. - -Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der junge Mann diesen -Zustand ihrer Seele nicht endlich doch erkannte und nun mit sich -zu Rathe ging über das unter solchen Verhältnissen ihm gebotene -Benehmen? Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich -unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens Schuld, -die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, daß sie den Ausdruck -einer tieferen Empfindung rasch wieder in Scherz verkehren und damit -auslöschen konnte. Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben -entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für den Beweis -einer Freundschaft, die auch er gegen sie empfand, für die natürliche -Sympathie der Künstlerin mit dem Dichter, und endlich -- warum nicht? --- für den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das er -ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch, daß er verlobt war -und an der Geliebten mit unverbrüchlicher Treue hing; wie hätte er -denken sollen, daß sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in -Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte die Geliebte, -die Freundin die Freundin, und darum genoß von den dreien nur er allein -eines reinen, ungetrübten Glücks. - -Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren eigenen Weg -genommen. Der dramatische Dichter und die feinsinnige, reizende -Künstlerin schienen für einander geboren. Aber während sie ihn liebte -und in dieses Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit -leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern umgab sie, -die Schöne, nur um so eifriger mit den Zaubern einer verschönernden -Einbildungskraft. Sie war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin -seiner Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust -erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth über Alles, -und sie endlich sein zu nennen und sie mit allen an's Herz zu drücken, -eine nicht zu fassende Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große -Künstlerin, durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben erglänzen, -daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen ihr Licht verlieren -mußten. Wenn die Freundin sich um ihn verdient machte und ihm zur -Erreichung seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem -Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die Erwählte durch -seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend heimzuführen. - -Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes Gemüth schon -durch den großmüthigen Beistand sich beglückt fühlte, hatte doch eine -schmerzlich bittere Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal -so recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie nieder, und -es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit ihm an der Vorstellung seines -endlichen Glückes selber zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich -nur um so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse Scheu -gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu preisen und der Freude -seines Herzens Worte zu geben, so folgte er jetzt dem Drange desselben -um so rückhaltloser, weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude -zu machen glaubte. - -Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu erheben, wurde -Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. Ein Liebender findet so -viele Gelegenheit, von der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage -nach ihr gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit -mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu Rathe zieht. Eine -Erkundigung nach einem Bezug, der nur ihn selber betrifft, läßt ihn in -die Antwort einflechten, was =sie= vorher oder nachher, in oft sehr -entferntem Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. Heinrich, um -der bewiesenen Theilnahme durch eben so großes Vertrauen entgegen zu -kommen, theilte die schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von -Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich zum Ruhme -sang, und gab dazu Commentare, die oft noch viel poetischer waren als -die Gedichte selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber -die einmal angenommene Haltung zu bewahren hatte, so ahnt man, was sie -dabei litt. - -Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber in ihr an. Der -Poet hatte den Gedanken, in den beiden Mädchengestalten sowohl die -Geliebte als die Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und -es begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur in all -ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne und recht eigentlich secundär -erschien. Die Künstlerin hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe -ihren Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu entlasten. -Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern auch ästhetisch -verletzt. Denn eben jene erste Figur drückte sich in der Arbeit zu -hoch und zu kostbar aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig -beeinträchtigen mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu Rathe gegangen, -trat den Uebertreibungen in diesem Bilde so geschickt als möglich -entgegen, mußte aber doch länger kämpfen, indem der Poet endlich -nur nachgab, als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere -Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen ließe. Bei -der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge zu machen zu besserer -Ausstattung an Gemüth und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß -im Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich erheitert, -gehorchte. - -Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe genug hatte, so war ihr -doch auch ein Ersatz geboten. Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer -Beihülfe gedieh das Werk und klärte und bildete sich der Autor -selber. Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, erreichte -er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte sie sich sagen, daß -sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin seines Glückes war. Er -selbst war gewissermaßen ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte, -und sie hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer -gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht zu bloßer -Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches Herz forderte seine Rechte. -Eben nach längerer Zurückhaltung, in der Müdigkeit, welche stete -Selbstüberwindung zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle nur um -so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu erschüttern. - -Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben Rückfall Heinrichs -in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft, stellte sich ihr in -der Einsamkeit sein Benehmen vor die Seele und ein wahrer Unwille -erstand in ihr. Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in -seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und diese letzteren -erschienen ihr in grellem Licht. Da sie sich nun doch zu ihm hingezogen -fühlte, so war sie entrüstet über sich selber, klagte sich an und -empfand diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine Frage -erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen verursachte. War es die -Verlobte werth, daß sie ihr weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich -aus ihren Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff -beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden hätte Glauben -schenken können. Der Gedanke stellte sich ihr dar, daß dieser auch hier -sich täuschen und da, wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches -Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen und Streben -vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß sie, die Künstlerin, ihn -fördern, ergänzen, glücklich machen könnte. Sie dachte sich, wie -schön und fröhlich sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre -zusammenstimmenden Berufe zu treiben vermöchten, und ein Schmerz, eine -förmliche Indignation durchdrang sie, daß die Welt und das Geschick es -anders beschlossen, daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn -sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele, ihn trotz allem -durch ein anderes Benehmen gegen ihn zu gewinnen, mit der Abwesenden -zu kämpfen und -- zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er -gekommen war. »Nein,« rief sie, nicht ohne das Pathos des Stolzes, -»ich will keinen Mann erobern, der mich nicht liebend sucht! Eben weil -ich eine Schauspielerin bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen -Müttern und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist. Sie soll ihn -haben -- und ich, ich werde mich trösten!« - -Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese Art sich endlich zu -erheben. Zuweilen versank sie in stille, tiefe Trauer und erschien wie -krank, wofür sie sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung -des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah, so zu Herzen, daß -sie in ihrem Stübchen vor Zorn weinte und unter reichlich fließenden -Thränen ihr Geschick verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und -den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft vergiftet -habe. - -Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung nicht immer verborgen -bleiben. Sie schüttelte den Kopf und warf auf die Tochter Blicke, die, -ihr Innerstes durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend, wo -sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie, was ihr sey, und -das Mädchen sprach ihren Verdruß darüber aus, eine Rolle nicht erhalten -zu haben, die ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut habe. -Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, und sie rief: »Geh, -und mach mir nichts weis! Du hängst an diesem Menschen und verstrickst -dich immer tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück, das ihr -mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück, und ich erkläre mir nun -die fatale Empfindung, die ich hatte, als du es an ihn abtratest. Je -mehr er dich kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen -nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für ihn, und dein Lohn ist -Herzeleid!« - -Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. »Du übertreibst, liebe -Mutter,« entgegnete sie mit der Ueberlegenheit einer Seele, die an -ihrem Loos trotz allem festhält. »Wenn du aber auch Recht hättest, was -thät' es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am wenigsten -einer Schauspielerin. Man macht damit neue Erfahrungen, neue Sphären -menschlicher Gefühle schließen sich auf, und man spielt besser. Ja, -ja,« fuhr sie mit einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort, -»für mich insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich habe -mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere Seite gelegt, -und das geht wohl eine Zeit lang, wird aber nach und nach langweilig -und schädlich. Das Herzeleid führt in die Tiefe, macht uns ganz -- -allerdings, liebe Mutter! -- und wir gelangen zur wahren künstlerischen -Ausbildung.« - -Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den Mund, hatte den Kopf -geschüttelt. »Du rufst den Humor zu Hülfe!« entgegnete sie. »Wird -er immer vorhalten?« -- »Es ist mein Ernst,« versetzte Rosa mit -Ergebung. »Dieser Poet ist in unser Haus gekommen und wir haben uns -für ihn interessirt. Das Theater, von dem er alles erwartete, hat ihn -abgewiesen und recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte -ihm die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei alledem hab' ich -mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr Unglück dabei für mich heraus, als -mir lieb ist, so muß ich's tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht so -schwach, und werde schon damit fertig werden.« - -Die Augen der Frau waren naß geworden. »Du bist ein gutes Kind,« rief -sie, »ein edles Herz. Du hättest ein besseres Loos verdient!« -- »Ach, -Mutter,« versetzte das Mädchen, »man kann in dieser Welt nicht alles -haben und muß sich genügen lassen! Mir ist dieses Unglück im Grunde -doch lieber, als das ehemalige Glück, und ich würde es nicht dafür -hergeben, wenn sich's mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark -aufgelegt hat. Ich hab' nun einmal meine Freude dran! Laß mir's, bis -mich's von selber verläßt!« - -Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß sie an ihre Brust -und drückte einen zärtlichen Kuß auf ihre Stirn. »Wann wird das -aber geschehen?« entgegnete sie. »Die Arbeit, die euch immer wieder -zusammenführt, wird noch eine gute Zeit dauern. Kann sie die Krankheit -nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar wird?« -- »Im Gegentheil,« -versetzte das Mädchen; »eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird mich -heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, sorg' ich eigentlich -nur für mich selbst.« - -Die Mutter schaute sie zweifelnd an. -- »Ganz einfach,« erwiederte die -Tochter. »Wenn das Stück geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet -ein gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir nun gesehen, und -wenn er einmal erfährt, wie er's am besten verwenden kann, wird er den -Weg, auf den wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann um -seine Auguste anhalten und wird sie heirathen -- und ich werde mich -beruhigen; denn so kindisch bin ich nicht, daß ich einen weiblichen -Werther spielen werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns wenig -oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem Herzen wieder still werden -und nur der Nutzen der Erfahrung wird übrig bleiben.« -- Die Frau sah -ihr in's Auge und lächelte mitleidig. »Sehr gut berechnet,« entgegnete -sie. »Also für jetzt glaubst du dich deinem sogenannten Glück noch -ruhig überlassen zu können?« -- Das Mädchen sah für sich hin und über -ihr wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das nicht ohne -Schelmerei war. »Nun,« fuhr die Mutter fort, »ich kann's nicht ändern. -Du willst es haben -- sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!« - -Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich ihrem Ende. Sey es -die Einrichtung der Natur, zufolge welcher nach einer Zeit stürmischer -Erregung immer wieder eine Zeit der Ruhe kommt -- sey es der Einfluß, -den der gute Fortgang des Stücks auf ihr Gemüth übte, genug, Rosa wurde -schon in dieser Zeit heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch -einen Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber auch den Takt -oder das Glück, ihr fast nie mehr durch Naivetäten wehe zu thun. In der -Freude seines Herzens über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer -gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen guten Anlaß -vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte Akt brachte so das Ende gut -Alles gut nicht nur für die Personen des Stücks, sondern auch für die -Erfinderin, die eine große Genugthuung empfand, wobei das Bewußtseyn -gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung weit überwog. - -Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel Mühe hatte er sich -gegeben; aber nun durchdrang ihn eine Sicherheit, wie er sie in solcher -Klarheit nie empfunden hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem der -Freundinnen -- eine Täuschung war unmöglich. - -Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten Auftritte skizzirt -hatte und die Schönheit des Wetters ihn auf die Straße lockte, -begegnete ihm Willmann. Sie begrüßten sich und der Novellist sagte: -»Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut -- sehr gut werden.« -- -»Woher wissen Sie das?« fragte Heinrich. -- »Ich weiß es,« entgegnete -der Andere behaglich. - -Der Poet nickte begreifend und sagte dann: »Ich meine freilich selber, -daß es mir geräth; und ich hoffe nun, den beiden Herrn, die mich wegen -meiner Tragödie so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu -können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür sie mir Dank wissen -müssen.« -- »Dem,« versetzte Willmann, »sehen sie mit Freuden entgegen; -denn Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.« - -»Wie muß ich das verstehen?« rief Heinrich. -- »Nun,« erwiederte der -Doktor, »am Ende muß es ja doch heraus, ich will's Ihnen also gestehen, -daß wir Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu Ihrem -Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer Straße des Verderbens, -zeigten aber trotz Allem eine nicht gewöhnliche Befähigung zum -Dramatiker -- darüber waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung -nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, beriethen uns, und es -wurde beschlossen, eine energische Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die -Urtheile kennen zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den -Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und wirkte gründlich.« - -»Ah,« rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. »So habt -ihr also mit mir gespielt?« »Aus Antheil an Ihnen,« fuhr Willmann -begütigend fort, »aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie von Ihrer -tragischen Ueberschwänglichkeit _par force_ wegzubringen, und in diesem -Sinn hat Freund Berger allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug, -es ist geglückt, Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt -begeben, sondern nach allem, was ich höre, darauf auch schon einen Sieg -erkämpft.« - -Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der demüthigenden Empfindung, -geführt, wenn auch zu seinem Besten geführt zu seyn. »Es ist -geglückt,« begann er nach einer Pause; »aber nicht durch euch, ihr -Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das mich freundlich -aufgeklärt und mir das Bessere an die Hand gegeben hat.« - -»Wohl,« versetzte der Andere; »aber dieser Freundlichkeit mußte -vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem so verstockten Idealisten -durchdringen sollte. Die Heilung ist methodisch vor sich gegangen. -Nach der Erschütterung durch Donner und einschlagenden Blitz kam der -Sonnenschein und that das Uebrige.« -- »Die Hauptsache!« warf Heinrich -ein. -- »Die Hauptsache,« wiederholte der Schriftsteller, »zugegeben!« -Er schwieg einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: »Für Sie kann man -wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger Mann, der notorisch verlobt -ist, gewinnt noch andere Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer -bringen für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die Welt, darauf -können Sie sich verlassen. Und eins ins andere gerechnet, sind Sie nun -doch eigentlich mit einem sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.« - -Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt in die Nähe des Theaters -gelangt. Willmann richtete seinen Blick auf das stattliche Gebäude und -sein Gesicht erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor -getreten und kamen gegen sie her; es waren die Regisseure. Heinrich -konnte nicht umhin, mit Willmann vorwärts zu gehen, obwohl er vor der -Begegnung eine erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der -Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, sondern auch auf -der Straße glücklich vermieden, so daß für ihn jetzt eine Art Eis zu -brechen war. Indessen zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt -in sich aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang ihm, die -Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen. - -Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler) dankte freundlich -und sagte: »Wir haben uns lange nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind -Sie die Zeit her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes fertig -haben!« -- »Fertig,« entgegnete Heinrich, »wird es bald seyn. Ob es -etwas Schönes ist, werden Sie zu entscheiden haben.« - -Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen Blick auf ihn geworfen, -in welchem Spott und Wohlwollen sehr ergötzlich gemischt waren. »Sie -haben sich,« bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, »herabgelassen, -einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben zu behandeln -und ein Schauspiel zu schreiben?« -- Heinrich sah ihn an und zuckte -unwillkürlich die Achsel. -- »Sie soll gelungen seyn,« fuhr jener fort, -»die Frucht Ihrer Condescendenz.« -- »Die Freundin,« warf Hallfeld -ein, »hat mit uns darüber gesprochen. Demnach wäre am Erfolg nicht zu -zweifeln, und ich hoffe, daß wir es bald zu lesen bekommen werden.« - -»Ich freue mich sehr auf den Intrigant,« versetzte Berger, »der -recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir sagen nämlich ganz -besonders gemischte Charaktere zu -- Menschen, die mit respektabler -Schlechtigkeit eine Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So -Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen möchte, kommt in -Ihrem Stück vor.« -- »Und soll,« entgegnete Heinrich mit eingehender -Laune, »wenn das Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen, den -die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere dieser Art congenial -zu versinnlichen.« -- »Charmant!« rief der Komiker, während die Andern -lächelten. - -»Ich gestehe,« begann Willmann, »ich freue mich sehr auf die -Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. Sie haben,« fuhr er auf -Heinrich blickend fort, »durch Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil -erregt.« -- »Allerdings,« bemerkte der Heldenvater mit Würde. -- -»Unbedingt!« setzte der Komiker hinzu. -- »Und da Sie sich in der Zeit -der Calamität so ritterlich gehalten haben, so gönnen wir Ihnen von -ganzem Herzen einen öffentlichen Erfolg.« -- »Und den wohlverdienten -Lorbeer,« ergänzte Berger -- »den Lohn der Demuth, die sich selbst -bezwungen!« -- Nach weiterem Austausch von Höflichkeiten dieser Art -schied man erheitert und mit den besten Wünschen. Heinrich ging nach -der Wiederanknüpfung mit den Kunstverwandten eines hin und wieder doch -lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. Behaglich fühlte er, -wie sich der Weg für ihn mehr und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen -nach dem andern hervortrat. - -An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief an Auguste. Die -Geliebte hatte ihm auf die Meldung, daß er auch das zweite Trauerspiel -einstweilen liegen gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite, -nach längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die zärtlichste -Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem nach den bisherigen -Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit angenommen werden könne, daß -er bei dieser neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte -sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie nicht Ueberzeugung -bewirkten, doch Glauben fanden. Jetzt konnte er nicht nur die -Vollendung, sondern gleich auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen -- -und mit welch gerechtem Selbstgefühl that er es! - -»Ja, meine Theure,« schloß der Bericht, »meine Prüfungszeit ist vorüber -und der Lohn der Ausdauer so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand -zu haben glaube. Endlich, endlich ist mir's gelungen! Nicht nur die -Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der Bühne und das Verbleiben -auf dem Repertoire ist mir verbürgt -- durch das Urtheil von Kennern. -In vierzehn Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß -hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche Darstellung folgen, -und dann heißt's: Auf Wiedersehen! auf glückseliges Wiedersehen!« - -Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also lautete: »Die -frühere Aeußerung über Doctor Willmann muß ich zurücknehmen. Hinter -einer allerdings etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser -Schriftsteller ein tieferes Herz, und an mir und meinem Schicksal nimmt -er wahren Antheil. Theilt er nicht alle meine Ideen, so ist er doch ein -Mitstrebender und Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche, -neidlose Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.« - - - VII. - -Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem kleinen Kreise berathen -und nach wenigen Aenderungen gebilligt. Das Stück war fertig. - -Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den Genuß, das vollendete -Werk nochmal zu übergehen und im Einzelnen durchzubilden. Es gehört -dieß, wenn der Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den -angenehmsten Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch die Neige der -Schöpferfreuden _con amore_. Wie aber auf Erden kein Glück rein bleiben -soll, so wurde auch in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer -Tropfen geworfen, der ihn ärgerlich vergällte. - -Unser Poet hatte den satirischen Roman seines guten Freundes Dorn schon -vor Monaten zu lesen begonnen, aber sich nicht damit befreunden können. -Er fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des Autors, auch wo -sie das Schlechte geißelte, zu direkt und gehässig, als daß er mit ihr -hätte sympathisiren können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte -(dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der Geist der Rache und -der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, denen nichts Wohlthuendes -gelingen kann. Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier -wurde rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten Eindruck -und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen förmlichen Widerwillen, -so daß er es, noch nicht in die Mitte gekommen, bei Seite warf. - -Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, fühlte der -etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den guten Bekannten wie die -Wahrheit zu schonen, und sagte darum: er habe sich mit großem -Interesse hineingelesen, könne aber einen so stark gewürzten Trank -nur in kleineren Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine -Frist ausbitten. Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig -zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und man trennte sich unter -kameradschaftlichen Versicherungen. - -Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der Poet, daß er das Beißen -in den sauern Apfel nicht länger verschieben könne; er nahm das Buch -eines Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er konnte -das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im Einzelnen -- nicht -allzuhäufig --, unerquicklich im Ganzen; von der Schneide des Hohnes -Rügenswerthes, Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen, -das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in einem Sinne -zu besprechen, wie der Autor es wünschte, für Heinrich ganz und gar -unmöglich war. - -Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder mit Dorn zusammen. -Er theilte ihm auf Befragen das Neueste über sein Stück und seine -Hoffnungen mit, und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher -Zurückhaltung; dann sagte er: »Wie haben wir's aber mit unserem -Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl gelesen haben!« -- »Freilich,« -erwiederte Heinrich mit einer gewissen Hast. »Er hat mich interessirt -bis zu Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den Getroffenen -von Herzen gegönnt habe. Läugnen will ich aber nicht, daß ich auch auf -Angriffe gestoßen bin, die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.« --- »So?« entgegnete der Andere. -- »Nun,« fuhr er nach kurzem Schweigen -fort, »im Grunde ist das natürlich, man kann nicht in allen Stücken -gleich denken. Ihr Urtheil im Ganzen ist also?« -- »Daß das Buch von -dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen und Vergnügen -gelesen werden kann.« - -Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht darnach angethan, -eine Autorseele zu befriedigen. Unser Poet aber, der sich bewußt -war, daß der Roman eben so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen -werden könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit -ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung noch dazu als -abgenöthigt erschien. Dorn, dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn -mit verdächtigen Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand über, -machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen über Abwesende Luft, -und sagte zuletzt mit einem Lächeln »Guten Tag,« das nichts Gutes zu -bedeuten schien. - -Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern eine Schuld -unbezahlt lassen, und er überlegte daher ernstlich, ob nicht eine -Form auszudenken wäre, in der er, ohne der Gerechtigkeit eben in's -Angesicht zu schlagen, dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte, -doch auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand keine, und dieß -beunruhigte ihn sehr und trübte das Glück der schönen Tage. Endlich -rief er: »Zum Henker mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache -los, und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt ist, -dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen, die ich ihm ohne -Gewissensbisse erweisen kann!« - -Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete Heinrich die -Revision und stellte ein reinliches Manuscript her. - -Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das Stück sofort einreichen -könne, schüttelte Rosa den Kopf. »Vorher,« sagte sie, »muß noch was -Anderes geschehen. Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen -wahrhaft zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, und -Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor. Gut gelesen wird es nicht nur -einen gewinnenden Eindruck machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß -geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.« -- Heinrich, über die -consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, erklärte seine Zustimmung unter -Worten des Dankes. - -Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in dem traulichen Zimmer -versammelt. Man hatte sich cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen -des feinen Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. Der Poet -hatte offenbar eine günstige Position. Konnten ihn nicht alle, wie er -jetzt war, gewissermaßen als ihre Schöpfung ansprechen, und mußten sie -sich daher nicht über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen -wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von Befangenheit wich aus -seiner Seele. - -Willmann, ihn betrachtend, sagte:»Hat unser Dramatiker in der letzten -Zeit nicht geradezu ein anderes Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt -so menschlich, sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend --« - -»Sehr natürlich,« fiel Berger ein. »Er ist herabgestiegen aus den -ätherischen Höhen und Mensch geworden, indem er sich in wirkliche -Menschen versetzte, und -- menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute --- Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen kann -- wie ich -höre.« - -»Die Welt,« fuhr der Novellist heiter fort, »wird gesund, man kann -nicht mehr daran zweifeln. Der Realismus erstarkt und macht eine -bedeutsame Erwerbung nach der andern.« -- »Leben und Lebenlassen,« rief -der Regisseur, »das ist die Parole des Jahrhunderts! Sogar auf dem -Theater, wo man sonst mit wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in -die Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen bedeckte, wird -es mehr und mehr Sitte, in schlichter Prosa zu guter Letzt sich um den -Hals zu fallen und dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger -Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.« Mit einem Blick auf -Hallfeld, der launig den Mund rümpfte, fuhr er fort: »Der Herr College -scheinen nicht ganz einverstanden zu seyn?« - -»Doch,« versetzte dieser. »Aber in eurem eigenen Interesse möcht' -ich euch Herrn rathen: übertreibt's nicht mit eurer Prosa und eurem -Lebenlassen! Denn sonst möchte das Publikum am Ende auch das genug -kriegen und ihr könntet einen Rückfall erleben.« -- »O,« rief Berger, -»mir ist nicht bange!« -- »Man kann für nichts einstehen,« erwiederte -der Andere. Der Komiker sah ihn an, und da er, besonders vor einem -Auditorium, zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: »Sie -kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, aber Sie thun sich -selber Unrecht. Ihr Spiel ist im Prosadialog so vorzüglich wie in der -Versetragödie und für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender. -Es herrscht darin eine Natur, eine Frische --« -- »Bitte!« rief -Hallfeld. -- »Also davon abgesehen! Sagen Sie mir nun in allem Ernst: -was hat man eigentlich an einer versificirten Tragödie?« - -»In allem Ernst?« fragte Hallfeld erheitert. »Wollen Sie etwas -Ernsthaftes hören?« -- »Oh,« rief Berger mit einem Ton des Vorwurfs, -»von Ihnen mit Freuden! Und gewiß alle hier Anwesenden?« -- »Ja wohl, -ja wohl,« riefen Heinrich und Rosa. -- »Also, kurz gesprochen, was hat -man davon?« -- Hallfeld erwiederte mit ruhigem Nachdruck: »Die Kunst.« --- »Die Kunst!« wiederholte der Andere. »Sie meinen die Kunst im -aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen des wirklichen Lebens -hinaus geht?« -- »Die Kunst in dem Sinn, wo sie über die Kleinheit, -Gewöhnlichkeit und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,« -entgegnete Hallfeld. »Die Kunst, die in eine Welt versetzt, wo das -höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse so natürlich klingen, wie -im gewöhnlichen Leben die Prosa.« - -»Das klingt sehr schön,« erwiederte Berger, »und« (setzte er lächelnd -hinzu) »ungefähr so sagt's der Herr Professor auch. Aber ich, als ein -verstockter Realist, stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen -die Wirkung, die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen -halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. Wir geben also -eine versificirte Tragödie (denn um die Tragödie handelt sich's) -- -was ist, kurz und bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum -- in nicht -allzugroßer Zahl -- sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen Verse -beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon verübt oder wird verübt; -zunächst mit glücklichem Erfolg. »Triumph« ruft das Verbrechen, »Rache« -die Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei nicht selten das -nervenerschütternde Spiel noch durch einen gräulichen Lärm hinter den -Coulissen verstärkt wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer -Dämonen, wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn der Blitz, -die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, und der Vorhang fällt. Die -Zuschauer, wenn sie mit ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder -im Wirthshause sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden dauernde -Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt und gerüttelt, in -dumpfe Verwirrung gesetzt, und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg, -trotz der Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion sehr -natürlich geklungen haben.« - -Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur ergötzt, -lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach kurzem Schweigen erwiederte -dieser: »Darf ich nun auch eine Tragödie aufführen?« -- »Immer zu!« -rief Berger. - -Hallfeld begann: »Also -- das Publikum sitzt in ernster Erwartung und -der Vorhang geht auf. Schon durch den Klang der Verse wird der Hörer -der Atmosphäre des Alltagslebens entrückt und in eine höhere feierliche -Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige Kraft, deren Leidenschaft uns -mit Staunen erfüllt, wird zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen -hingerissen, und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die -Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf beginnt, den -wir mit erhabener Spannung begleiten. Wir fordern den Untergang des -Frevlers, indem wir seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt -endlich unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, um mit -einem Heros der tragischen Dichtung zu reden, ist zermalmt, aber -zugleich erhoben; und nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die -ebenfalls Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster Art ist, -nachdem er Blicke gethan hat in's Jenseits und in die Ewigkeit, verläßt -er das Theater, wie man einen Tempel verläßt. Und ein Tempel -- ein -Tempel der Kunst -- soll's ja auch seyn, das Theater, nicht ein Haus, -wie man's zu Hause auch und am Ende noch besser hat.« - -Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend, wenn auch -mit Würde spielend, begonnen, aber nach und nach zu einem Ernst sich -erhoben, der seines Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein -so lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte; die Wirthinnen -nickten beifällig und Berger sah schweigend auf den Tisch. Plötzlich -aufsehend und den Redner betrachtend, entgegnete der Komiker: »Ihre -Schilderung ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich in -fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen, und ich sehe dadurch -meinen alten Verdacht bestätigt, daß Sie im Geheimen dergleichen -anfertigen.« - -»Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,« erwiederte -Hallfeld. -- »Gewiß nicht,« entgegnete Berger, »namentlich das Erste -nicht. Nun, um Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön -gesprochen haben Sie; wenn's nur eben so wahr wäre! Gut, gut,« rief -er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, »ich weiß, was Sie sagen -wollen. Die classischen Stücke, classisch aufgeführt, wirken so. -Zugegeben. Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn wir's -ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen welche, die -vielmehr den von mir geschilderten Effekt machen. Neue Stücke, die -sich den classischen unter den classischen anreihen -- mit aller -Achtung vor den lebenden Talenten sey es gesagt -- dürften uns nicht in -allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre es gewiß ein billiger, -allen Verhältnissen Rechnung tragender Vorschlag: das Theater in so -fern als Tempel zu behandeln, als wir einmal in der Woche die Priester -der Tragödie darin fungiren lassen, an den übrigen Tagen aber es als -ein Haus zu benutzen, was es trotz alledem viel mehr ist, als ein -Tempel. Denn ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung und -metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es eben das Schauspielhaus, -das Haus, worin vorzugsweise gegeben werden sollen Schauspiele, -inclusive Lustspiele.« - -Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter aufzunehmen und der -ermunterte Komiker fuhr fort: »Ermessen wir dabei unsere Kräfte, -vielleicht auch die Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der -Geschichte in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß wir im -genreartigen Drama -- wenn Sie den Ausdruck erlauben wollen -- auch -besser spielen, als in der hochstylisirten Tragödie. Zum lebensgroßen -Bild reicht unsere Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns -schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer schön heraus. -Talente, mit einem Geist, einer Figur und -- einer Stimme, wie wir -sie an unserem Heldenvater bewundern, sind selten und werden immer -seltener. Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen, pikanten -Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung und geben dem Publikum -das, was es doch eigentlich am öftesten begehrt und wofür es auch am -dankbarsten sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung -der Kasse.« - -»Das,« fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld hinzu, »ist doch -wohl auch sehr zu bedenken. Das Publikum sieht sich jetzt am liebsten -selber auf der Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und -gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch besser machen, -besser spielen, so sind wir am Ende aus allen Gründen gemahnt, den -Zuschauern vorzugsweise zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so -freundlich sind.« - -»Gut gesagt!« rief Berger. »Und wie viel ist hier noch zu thun! Welche -Schätze warten noch der Hebung! Welch köstliche Narren, Philister und -Bösewichter können die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts auf -dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von Schauspielen und -Tragödien nach dem Verhältniß der Werkeltage und Festtage -- und es -wird wohl stehen im Lande!« - -Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden wünscht. -»Damit,« sagte er, könnte ich mich am Ende zufrieden erklären. -Festtage! Dazu gehören auch die Feiertage der Woche!« -- Berger, nach -einigem Besinnen, rief: »Meinetwegen! Ich will nicht knauserig seyn. -Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen Kalender! Dann: _Soyons -amis!_« Er reichte ihm die Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit -einer Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, schüttelte -sie. - -Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung mit einer Miene -dagesessen, die den Frauen und endlich auch Willmann aufgefallen -war. Ein Ernst sprach aus seinem Gesicht, der sich von dem des -Heldenspielers wesentlich unterschied, indem er einen poetisch -feierlichen Charakter hatte. »Was ist Ihnen?« rief ihm der -Schriftsteller zu. »Sie scheinen in höheren Sphären zu seyn!« -- »Ich -habe eine Idee,« versetzte der Angeredete, »eine Idee, die mir Freude -macht!« -- »Nun?« rief Willmann, während die Andern auf Heinrich -schauten. »Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben, die Sie abtrünnig -werden läßt. Ihr Aussehen --« -- »Verkündet Frieden -- Harmonie!« -rief der Poet. -- »Das laß ich mir gefallen!« entgegnete jener. »Sie -unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie und der -Tragödie?« -- »Mit einer Modifikation, die sich auf unser Metier -bezieht.« -- »Ah so! -- Nun?« - -Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: »Leben und -Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich glaube, daß wir ihn eben jetzt -auf unsere Fahne schreiben und unserem großen Dichter folgend das -»Gedenke zu sterben« in »Gedenke zu leben« umwandeln müssen.« -- -»Ah, bravo!« rief der Vertreter der Comödie, der an dem Redner mit -humoristischer Aufmerksamkeit hing. »Wir müssen zwar alle sterben,« -fuhr Heinrich fort, »und es wird gut seyn, auch daran zu denken. Aber -bevor es zu Ende geht, müssen wir leben, das Leben gründlich benützen, -und dürfen uns in diesem edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören -lassen.« -- »Recht gesprochen!« rief Berger -- »Also lob' ich die -Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir thatsächlich stehen, -zeichnet, aufhellt und auf Ziele weist, damit dieses Leben nicht -bleibe, wie es ist, sondern selbst immer schöner und erfreuender -werde.« -- Der Komiker blickte zweifelnd. - -»Die dramatische Poesie,« fuhr Heinrich fort, »lasse Streit und -Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie führe Irrthum und Schuld -vor, um davon zu heilen.« -- »Ja wohl,« fiel Berger ein; »aber das -darf nicht schulmeisterlich, tendenziös --« -- »Nein,« versetzte -Heinrich, »sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter sehe das -wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, er sehe es, wie es in der -That ist, reorganisire es liebevoll und zeige es im Bilde wahr und -schön. Er sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle, -ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit, und bereichere -die poetische Literatur, die dramatische Literatur, mit neuen und -neuschönen Gemälden.« - -»Ganz gut,« rief der Komiker. »Sie dürfen aber nur nicht gar zu schön ---« -- »Das sind sie nie, wenn sie wahr sind!« -- »_A la bonne heure!_« --- »Und weil es denn,« fuhr Heinrich fort, »an der Zeit ist und alle -Forderungen darauf hinweisen, so cultivire der Dichter jetzt vor allem -diese Poesie des wirklichen Lebens und liefere auch dem Theater Stücke, -die mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben, schließen!« - -»Bravo!« rief Willmann. -- »Diese Thätigkeit,« fuhr der Poet fort, »sey -ihm aber zugleich eine Schule, eine Vorschule für die wahre Tragödie.« --- »Ah so!« riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld -erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. -- »Für eine neue -Tragödie,« rief der Poet, »für die Tragödie der Zukunft!« -- »Hört, -hört!« rief Hallfeld, indem er den Collegen ansah. - -»Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, treffende -Sprache des wirklichen Lebens redet, lerne eine neue poetische Diction -schaffen, in der nicht der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder -wiederklingt, sondern ein neuer ertönt, worin jene frische, kernige, -treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.« -- »Hm!« erwiederte der -Anwalt des Lustspiels. -- »Er lerne, indem er das Leben glorificirt im -Schauspiel, das Leben glorificiren in der Tragödie!« - -»In der Tragödie -- das Leben?« wandte Berger ein. -- »Er lerne,« fuhr -Heinrich nickend fort, »indem er einen trostreichen Schluß herbeiführt -im Schauspiel, einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie. -Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde der Schuld und -Sühnung, aber er öffne mehr und schöner, als es bis jetzt geschehen -ist, die Sphäre der Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen -Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne in der Abspiegelung -irdisch guten Ausgangs die tragisch poetische Hinweisung auf den -himmlisch guten Ausgang, den wir alle fordern, der kommen muß und -kommen wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.« - -Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend bedenklich -geworden, und Berger rief: »Aber lieber Freund --« -- »Lassen Sie mich -alles sagen,« entgegnete Heinrich, »ich werde gleich fertig seyn! Der -Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit; -er erfülle sich mit der Kraft der Natur und schildere Menschen und -Verhältnisse, wie sie sind! Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit, -die Wunder der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je zuvor, -lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden von Idealen, die in -höherer Sphäre wieder Natur sind!« - -Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes Zunicken aus; der -Poet fuhr fort: »Wir wollen die Menschen nicht nur vorgeführt sehen, -wie sie sind, sondern auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser -tiefes Verlangen -- die Neugierde unseres Geistes gerichtet. Diese -Menschen, wie sie seyn sollen, müssen aber so natürlich, so motivirt -aus ihrem eigensten Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und -darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale Schauspiel für -die stylisirt ideale Tragödie Vorbild schon in dieser Beziehung; aber -eben so in der andern eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg -des Lebens. Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören, denn es gibt -tragische, hochtragische Persönlichkeiten nicht nur in der Mythologie -und der Sage, sondern auch in der wirklichen Geschichte; also auch die -Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert werden müssen, -wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber die Tragödie wird unerträglich, -wenn der Dichter nicht naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit -handelnde und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen -Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen sind durch die -Größe des Geistes und Sinnes, wenn er nicht die ganze Handlung in eine -höhere Sphäre rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt der -Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere für uns unerträglich, -wenn der Dichter auf den himmlischen Ausgang der Dinge nicht wenigstens -hinzeigt und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die Rettung -für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange also das natur- und -lebenswahre, durch seinen Ausgang erfreuliche Schauspiel; ich verlange -die natur- und lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der Erde -triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie, und ich glaube, daß -wir durch jenes zu dieser gelangen müssen und werden. -- Das ist mein -Bekenntniß.« - -»Das ich unterschreibe,« rief Hallfeld mit einem Eifer und zugleich mit -einem Ausdruck von Achtung, wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht -an den Tag gelegt hatte. »Sie haben mir aus der Seele gesprochen und -es besser ausgedrückt, als ich's gekonnt hätte! -- Den Teufel auch,« -setzte er lächelnd hinzu, »wo haben Sie diese Sachen her?« - -Der Poet sah ihn heiter an. »Das fragen Sie,« rief er, »einen -Doktor der Philosophie und Aesthetiker, der eine verfehlte Tragödie -geschrieben hat und durch ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft? -Ach, mein Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer -- das -Machenkönnen ist's! Und darauf werden wir, fürcht' ich, in Ansehung der -Tragödie noch einige Zeit warten müssen.« - -»Weise gesprochen!« rief hier der Regisseur der Comödie; »oder vielmehr -klug gesprochen nach imponirendem Weisesprechen! Schwer mag die -Tragödie seyn, die Sie in Aussicht gestellt haben -- sehr schwer -- -wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll mich's freuen, wenn Ihnen -zunächst Ihr Schauspiel so gut gelungen ist, wie sich's bei solchen -dramaturgischen Anschauungen allerdings nicht anders erwarten läßt.« - -»Und dieses Schauspiel,« setzte Willmann hinzu, »wollen wir jetzt -hören. Ihre Ausgleichung, lieber Freund, ist billig, und ich kann mich -damit recht gut einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama -in die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft -- das -ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie nun getrost unsern -Nachkommen; wir unsererseits wollen um so fröhlicher das Drama und die -Comödie cultiviren, spielen und genießen.« - -»Das,« versetzte Heinrich, »ist nicht ganz meine Meinung. Der Faden der -tragischen Dichtung darf und wird nie abreißen; und ich stehe nicht -gut dafür, daß ich selber --« -- »Ah,« rief Willmann auf die Thüre -blickend, »unsere verehrte Wirthin mit der Bowle! Jetzt, mein Bester, -hat die Discussion ein Ende. Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem -Genusse des Tranks und des Schauspiels geweiht!« - -Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf den Tisch gesetzt und Rosa -füllte die Gläser. Der Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht, -ausgezeichnet befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit und Duft -übten ihre Wirkung und erweckten alsbald jenes poetische Gefühl, das -die letzten Reste stattgehabter Differenz auslöschte. Der Dramatiker -holte sein Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das -Personenverzeichniß. - -Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte nun die junge -Künstlerin. Rosa war dem Gespräch der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt -und hatte an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach und -verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der Poet, den der Geist, -der über ihn kam, Ueberzeugungen und Ahnungen klar aussprechen lehrte, -hatte auch sie belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend -erschienen, daß sie für ihn auch als tragischen Dichter neue Hoffnungen -faßte. Wie er nun vor Kennern die erste Prüfung bestehen sollte, war -ihre Seele nur Interesse und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer -als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und bedeutender -erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete, konnte nicht umhin, -die Verwandlung in ihr erkennend, einen Theil der Wahrheit zu ahnen. - -Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text bald den richtigen -Ton und las den ersten Akt mit einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß -die beiden Schauspieler wiederholt beifällig nickten. Auch über den -Inhalt drückten die Mienen Beistimmung aus. - -»Gut,« rief Hallfeld; »klar angelegt und eingeleitet! Ich habe kaum -etwas dagegen zu bemerken.« -- »Der Akt,« bemerkte Willmann, »löst -seine Aufgabe. Der Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist, -reizt, und wir begehren die Fortsetzung.« -- »Die ersten Akte,« meinte -Berger, »sind heutzutag meistens gut. Haben Sie die Güte und lesen Sie -weiter.« - -Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich hauptsächlich der -Intrigant entwickelte. Sein artistischer Vertreter lächelte bei den -dialogischen und monologischen Aeußerungen, warf einen Blick auf den -Poeten, als ob er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu -schaffen, wunderte, und rief am Schluß: »Nicht übel! Hübsch! Daraus -läßt sich was machen!« - -Der Poet, erfreut, entgegnete: »Sonst aber, was haben Sie einzuwenden?« --- »Nun,« versetzte der Schauspieler, »allerlei. Aber im Wesentlichen -bin ich zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!« - -Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er brachte den -wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung der Hauptpersonen und, nach -charakteristisch erheiternden, die rührendsten, erhebendsten Scenen. -Heinrich, wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte -mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig war, und der Effekt war -bedeutend, um nicht zu sagen hinreißend. - -»Bravo!« riefen Hallfeld und Willmann wie aus Einem Munde, während ihre -Blicke eine bewegte Seele verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren -feucht geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes kein Hehl, -und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht. - -»Dieser Akt,« sagte Hallfeld, »entscheidet. Die Wirkung auf dem Theater -wird durchschlagend seyn, oder Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,« -fügte er lächelnd hinzu, »zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden -letzten Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben bei der -Klinge -- ein schützender Genius muß über dem Ganzen gewacht haben.« - -Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: »Hier sitzt er -in der Gestalt unserer edeln und liebenswürdigen Freundin!« - -»Das,« rief Berger, »hab' ich mir freilich schon lange gedacht! -Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein Herr Poet! Aber der Schritt vom -offenbaren Un- d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn -und Grazie macht man von selber nicht so schnell. Eine gütige Fee mußte -Ihnen helfen; und wie ich sehe, hat sie Ihnen geholfen, vielleicht -mehr, als wir jetzt noch denken.« - -»Sie thun dem Dichter Unrecht,« entgegnete Rosa mit ernstlichem -Verweisen. »Mein Antheil an dem Stück ist sehr gemessen. Wenn Sie -wollen, hab' ich im Kriegsrath meine Stimme abgegeben, die Schlacht -aber hat er gewonnen.« -- »Die Schlacht,« versetzte Berger, das Haupt -wiegend, »ist eigentlich noch im Gange, und obwohl die Zeichen auf Sieg -deuten, so ist doch noch Alles möglich.« - -Der Dramatiker las den vierten Akt. Während der ersten Hälfte -schüttelte Berger ein paarmal den Kopf, wie einer, der ungeduldig wird, -und sah dann mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten -dagegen hellten seine Mienen sich auf und am Schluß ergriff er zuerst -das Wort. Die Wendung der Intrigue gegen den Anspinner,« sagte er, -»hat -- ich kann's nicht anders sagen -- etwas Feines, und die Scene -zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu lustig. Ueberhaupt, -die Anna gefällt mir, und,« setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick -auf Rosa hinzu, »ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß sie auch dem -Publikum gefallen wird. Ich wittere hier etwas wie einen Triumph.« -- -Die Gesichter erheiterten sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht -ohne Mühe gewesen! - -»Nun,« rief Willmann dem Poeten zu, »lesen Sie schnell den letzten Akt! -Wir sind im Zuge! Fängt doch sogar Mephistopheles an zu loben!« -- -Berger drohte mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte. - -Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt, nahmen sich ernstlicher -zusammen, und da auch der Inhalt vorherrschend ernst war, saßen sie -mit beinahe feierlichen Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur -ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens bei -dieser und jener Einzelheit bemerken können. Der Schluß -- ein zierlich -erhebendes Wort des Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte --- entfesselte aber Herzen und Zungen, und in den Seelen Heinrichs und -Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der Anerkennung Schauer der Freude. - -»Die Schlacht ist gewonnen!« rief Hallfeld mit pathetischem Beifall. -»Was man im Einzelnen auch noch einwenden kann, das Ganze dringt in's -Herz und gewinnt es!« -- »Und das ist die Hauptsache,« fuhr Willmann -zum Poeten gewendet fort. »Ich kann's nicht verschweigen, ich fühle -eine gewisse Verwunderung, daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber -- um -so besser! Jetzt sind Sie über'm Berg!« - -Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln gedankt, schaute auf -den Komiker, der nach einem allgemeinen Ausruf der Billigung stumm -dagesessen hatte und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes viel -zu viel wäre. »Und Sie?« fragte der Poet. »Lassen Sie die Kritik hören, -die Sie versprochen haben! Ich bin gefaßt -- gerüstet!« - -»Nun,« erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen Behagen, »dießmal -wird es gnädig abgehen. Im Ganzen halt' ich das Drama für einen guten -Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen können, falls -nämlich darin gewisse unerläßliche Aenderungen vorgenommen werden.« -- -»Und die sind? Ich höre, mein Herr Regisseur!« -- »Sie haben,« fuhr -jener fort, »immer noch zwei Neigungen, die ich als Schauspieler, dem -einige Erfahrung zur Seite steht, sehr bedenklich finden muß, weil -Sie in den Dialog etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.« -- -Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. -- »Zunächst einen Hang -zu einer gewissen Umständlichkeit in der Entwicklung der Gedanken und -einer allzu gründlichen Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren, -werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode motiviren!« - -Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den Poeten bis zur -Verlegenheit. Berger, nachdem er sich daran geweidet, fuhr fort: -»Lebendige Menschen, die wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen -aus ihrem Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß, -den sie fassen, durch eine lange Demonstration einleiten. Sie haben -aber im zweiten, am Anfang des dritten, namentlich aber in der -ersten Hälfte des vierten Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft -physiologischer Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon beim -Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von der Bühne herab nur -eine geradezu unangenehme Wirkung prophezeien.« - -»Das ist wahr,« bemerkte Hallfeld ernsthaft, »und das muß allerdings -geändert werden.« -- »Sodann,« fuhr der Andere fort, »zeigen Sie immer -noch eine Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit beleidigen -zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich will Ihnen zwar bekennen, ich -wundere mich, daß der Verfasser der historisch-romantischen Tragödie -darin nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen über die -Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber es finden sich doch noch -einige starke Proben in dem Stück, und wie begreiflich sind es gerade -die edeln Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens vier -Stellen wünsch' ich eine tüchtige Beschneidung.« - -»Wenn es seyn muß --« versetzte Heinrich zögernd. -- »Es muß seyn,« -entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; »für die Aufführung unter -allen Umständen! Ueberhaupt,« fuhr er nach einem Moment lächelnd -fort, »kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre Anna um ein Gutes -besser gefällt als Ihre Antonie. Diese soll zwar viel bedeutender, -hochgesinnter und tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und -verwandten Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat sie aber eine -Art von Prätension, die mir nicht recht munden will. Die andere ist -bescheidener, aber eben darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt: -die Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende Reden -gestrichen werden) ist mir interessant, aber die Anna lieb' ich.« - -Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in's Herz getroffen, -war plötzlich erröthet, um den Mund Rosas zuckte dagegen ein Lächeln, -das unter dem Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth. -Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit des Poeten -ableitete, glaubte sich in's Mittel schlagen zu müssen. »Ich denke -nicht ganz so wie Freund Berger,« versetzte er. »Die Anna ist reizend, -aber die Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger -gefällt, so viel mehr imponirt sie.« -- »Die Geschmäcke,« bemerkte -Berger, »sind verschieden. Ich halte aber dießmal den meinen für besser -und habe Sie stark in Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch -davon ist nicht weiter zu reden.« - -»Zur Sache denn!« fuhr Hallfeld fort. »Das Stück wird nicht über drei -Stunden spielen; für ein Schauspiel ist das aber doch zu lang und der -Dichter wird daher noch etwelche Striche zu dulden haben.« -- »Immer -zu!« rief der Poet. -- »Es wird so arg nicht werden,« entgegnete -Hallfeld. »Eigentlich ist das Stück schon gestrichen und man sieht auch -daraus, daß nicht nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand -im Spiele gehabt haben.« -- »Gott vergelt's ihnen!« rief Heinrich mit -Laune. - -»Reichen Sie nun,« fuhr der Regisseur fort, »das Stück ohne Weiteres -ein. An der Annahme ist nicht zu zweifeln; die Intendanz wird nach -einem versprechenden Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges -vorkommt, mit beiden Händen greifen, und das Uebrige ist unsere Sache.« --- »So möge es denn,« rief Berger, »eingehen in's Fegfeuer der Regie, -um, nach glücklichem Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen -Leben zu gelangen!« - -Man stieß an, trank und spann nach Abmachung der Hauptsache, trotz der -vorgerückten Zeit, ein zwangloses Gespräch fort, worin man gleichwohl -immer wieder auf das Stück zurückkam und namentlich unter allerlei -pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, als durch eine -nochmalige Füllung der Gläser die Bowle erschöpft war, erhob sich -Willmann, der zuletzt überlegend dagesessen hatte, mit einer Art -humoristischer Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach: - -»Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem Akte beigewohnt, den -man, genau genommen, einen weltgeschichtlichen nennen müßte. Der -unvermeidliche Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch -eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, der die Eine -Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, ist vollzogen von einem Manne, der -noch vor Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft an der -großen Zauberin und Männerverlockerin hing. Freuen wir uns dieser That -auf der einen, dieser Eroberung auf der andern Seite! Freuen wir uns -als wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde gelungen ist, von -dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt hat, sich loszureißen und -der schönen grünen Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem -heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten tafelt und -denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht, königlich zu beschenken willig -ist. Die Welt, meine Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt, -den erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und dem realen -Spender kommt realer Segen in's Haus. Klar zu reden: was verlangt die -Welt eigentlich von uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr -Menschen zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht -nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und Geist und alle -Tugenden, die in Menschen sich finden. Und wer's versteht, der rundet -sein Gemälde, daß es anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines -Kunstwerks macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, daß wir im -Grunde auch die rechten Idealisten sind. Haben wir nicht eben von einer -solchen Verbindung den Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden -in höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, und sind uns -nicht Thränen idealer Ergriffenheit in's Auge gedrungen? Ja fürwahr, -unser Freund hat nicht nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht, -und wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen sich stürzend, ein -Werk vollbracht, dem gegenüber die Lästerungen und Verleumdungen der -Zurückgebliebenen schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine -holde Fee liebevoll geholfen -- preisen wir ihn glücklich und benedeien -wir die Fee! Wir können nichts ohne Feen! Wohl uns, daß, nachdem -die fabelhaften sich uns entzogen haben, die realen, die besseren -uns geblieben sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die Grazie des -Theaters, die liebenswürdigste aller Feen, um so liebenswürdiger, als -sie lebendig, wirklich ist -- sie lebe hoch!« - -Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen der Männer -stieß man an, trank, trank aus und schüttelte sich mit glänzenden -Mienen die Hände. Der Moment des Scheidens war gekommen, und man -trennte sich in der heitersten Stimmung. - -Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit nach Hause nahm, so -war das Gefühl, das die Seele der Künstlerin durchdrang, nicht minder -beglückend und hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck, -den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht. Heinrich hatte -nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, dessen Erfolg ihr über jeden -Zweifel erhaben schien, er hatte als Bühnendichter die fördernden -Einsichten erlangt, sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt -bekommen, und was er nun fernerhin unternahm, das konnte ihm nicht -anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks war gelegt, durch -sie gelegt! Dieser Gedanke erfüllte sie und erhob sie dergestalt über -sich selbst, daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung, -wie die Früchte des durch sie möglich gemachten Siegs einer Andern zu -Gute kamen, nichts Betrübendes für sie hatte, sondern Vielmehr etwas -Wohlthuendes. Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr -Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit Augen sehen -werde. - - - VIII. - -Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das nochmal durchgesehene -Stück dem Theater zu übergeben. Er verfügte sich mit dem Manuscript -zum Intendanten und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn -gleich in die beste Stimmung versetzte. - -Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den Fünfzigen, nahm das -Manuscript artig in Empfang. »Ich habe,« bemerkte er mit dem Wohlwollen -eines Hochgestellten, »von dem Werk schon viel Gutes gehört und freue -mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,« fügte er mit lächelnder -Miene hinzu, »politisch Anzügliches ist nicht darin?« -- »Durchaus -nicht,« erwiederte der Autor. »Es bewegt sich rein in der gebildeten -bürgerlichen Sphäre.« -- »Das ist gut,« versetzte jener. »Solche Stücke -sieht man jetzt gern und sie halten sich! Nun -- soll mir sehr lieb -seyn, wenn wir es geben können und damit Glück machen. Sie werden dann -mehr für's Theater schreiben?« - -»Die dramatische Poesie,« erwiederte Heinrich, »wird das Hauptgeschäft -meines Lebens seyn. Ich habe schon jetzt neue Entwürfe, und kann die -Zeit kaum erwarten, wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.« -- -»Vortrefflich!« bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. »Sie haben -sich,« fuhr er lächelnd fort, »von Ihrem Unfall schnell erholt und -gleich ein gutes Werk darauf gesetzt. So ist's recht! So kommt man -vorwärts! Ich muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch -Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. Mehr als einer, -wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt haben, weil damit nichts -anzufangen war, hat sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen -heruntergezogen. Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen und sich -vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames Stück zu verschaffen; Sie -sind ein Dichter, ein Mann von Ehre, und es soll mir eine große Freude -seyn, wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg verschaffen -können.« - -Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten das Herz auf und -es wandelte ihn fast eine Rührung an. Das Glück -- das Ja, die Hoffnung -auf das Ja -- macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen das -Nein erduldet hat, immer eine liebliche Wirkung; die Zustimmung dringt -wie Musik in's Ohr des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt, -gewinnt in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem Heinrich -von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin seinen Dank aussprach -und dem Intendanten gleichsam entgegen glänzte, machte er auch auf -diesen einen immer bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig, -und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten, wobei das -eigentlich seynsollende Verhältniß zwischen zwei Gleichberechtigten, -die ein gemeinschaftliches Unternehmen besprechen, fast schon erreicht -war. - -Als der Poet mit freuderothem Gesicht in's Vorzimmer trat, stand Berger -vor ihm. Man grüßte sich und der Regisseur betrachtete den Glücklichen -mit forschendem Blick. »Sie kommen vom Herrn Intendanten? Sind charmant -empfangen worden?« -- »Allerdings!« rief Heinrich. -- »Beneidenswerther -Dramatiker! Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie doch wohl -direkt zur Sonne fliegen?« Der Poet zuckte die Achsel. »In Ermanglung -derselben geh' ich direkt in's Weinhaus. Adieu!« - -Berger sah ihm nach und sagte für sich: »Er ist mir gar zu glücklich, -der junge Mann! Ich fürchte, ich fürchte, das Schicksal hat noch eine -Prüfung für ihn aufgespart!« - -Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob diese Besorgniß in -Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage nachher bekam Heinrich von der -Intendanz ein Schreiben zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme -seines Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die Vorstellung -noch in dieser Saison statthaben und möglichst beschleunigt werden -solle. - -Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt viel, sehr viel -gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht hatte! Und wie reizend es -gewesen, Sieg und Ruhm im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als -bloße Forderungen existirten -- der Hinblick auf eine Entscheidung in -nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall garantirt schien, war doch -etwas ganz anderes; eine markig poetische Vorstellung, dem wirklichen -Erleben am ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur in -Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl. - -Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden, rief ein Lächeln -auf sein Gesicht. Er nahm den Kalender, der auf seinem Schreibtisch -lag, suchte den heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm. -Der Name war: »Felicitas.« -- Felicitas! Das konnte nicht bloß die -Annahme seines Stückes bedeuten, das freilich an sich schon ein Glück -war, der ganze Sinn mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung das -Glück seines Lebens begründen würden. - -In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden Freundinnen. Die -günstige Entscheidung war für sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa -hatte sie schon mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde -doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so voll Glück und -Dank, daß ihn eine Art von Taumel anwandelte; er verwickelte sich in -den Artigkeiten, die er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus -Ueberfülle seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem Munde kamen, -die fast den Eindruck einer Liebeserklärung machten. Jedenfalls war es -eine Freundschaftserklärung der wärmsten Art, die er an die Künstlerin -richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer Zärtlichkeit, -welche auf die Wangen der Empfängerin Rosen und auf die Lippen ein -süßglückliches Lächeln rief. - -Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: »Es ist doch eine -grundgute Seele, unser Dichter! Der immer wiederholte Dank könnte einem -lästig werden; aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar ist -und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt hält, und das -freut mich doch auch wieder.« - -Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte. »Ach,« versetzte Rosa, -»laß das, gute Mutter! Man muß sich nicht immer heirathen, wenn man -sich lieb hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung --« -- »Geh!« -rief die Mutter. »Stelle dich nicht lustiger als du bist!« -- »Nun,« -fuhr das Mädchen ernster fort, »das mag seyn wie es will. Der Umgang -mit diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich habe Augenblicke, -in denen ich vollkommen glücklich bin. Sind es nur Brosamen, die von -des Herren Tische fallen -- ich bin damit zufrieden, und damit gut!« --- - -Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung erlitten hätte, wenn sie -erfuhr, welche Gedanken in diesem Moment den Dichter bewegten? Ein -anderer Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung ging Alles -überfluthend durch sein Inneres. Der Moment, den Liebe und Ehrgeiz mit -gleichem Glutverlangen herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er -konnte der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von Kennern, -sondern die wirkliche Annahme seines Stücks und die baldige Aufführung -melden -- Thatsachen, welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern -niederschlagen und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt, ihm die -Braut in die Arme führen mußten. Sobald er zu Hause war, schrieb er -in diesem Sinn und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht, -welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung hatte. - -Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich glücklich zu fühlen. -Freundschaft und Liebe begeisterten ihn. Aussichten auf Erfüllungen, -deren Duft ihm berauschend entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet, -und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen Unternehmens, die -ihm schon als völlig neue Geschäfte reizend erscheinen mußten. - -Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand in der folgenden -Woche statt. Wenn er sich davon einen besondern, oder gar einen -künstlerischen Genuß versprochen hatte, mußte er sich freilich -getäuscht sehen. Im Grunde machten die Rollenleser das Schauspiel -für sich zur Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut -oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden Ton und -benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit an den Tag zu legen. Berger hatte -als fungirender Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete, -die größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in der Würde -seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch nicht umhin, durch ein paar -komische Verlesungen allgemeines Lachen hervorzurufen. - -Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen Ganzen konnte nicht -die Rede seyn. Auch in dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich -durch eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte, denn sonst -wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels wohl nicht erspart worden. -Jetzt fand er sich darein und lachte, zum Theil auf seine Kosten, -herzlich mit. - -In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich bei seiner Antonie -und seinem Robert (dem Liebhaber) zu machen hatte. Die Künstlerin -war nicht mehr ganz jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit, -darum auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen Züge, -eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die Rolle sehr an's Herz -genommen, erklärte dem Autor ihre Freude darüber und las ihm eine ihr -besonders liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, daß der -Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz Neues selber bewunderte. -Auch der Liebhaber war mit seiner Partie ganz zufrieden, konnte -pathetisch Uebertriebenes mit nichten darin finden und bemerkte dem -Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen. - -Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen der letzten Zeit -mit Behagen. Er mußte sich gestehen, daß der Verein von Bildung, -Leichtigkeit, froher Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern -etwas eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen einen ganz -besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr nun in dem gemeinschaftlichen -Unternehmen eine praktische Basis hatte und für den Dramatiker, der -fort producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr erfreulicher -Gedanke. - -Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe gerufen. Als ihn der -Fuß zum erstenmal durch die Coulissen auf die Bühne trug, empfand er -mit einem gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der ihn in -die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte. Von Berger und -Rosa gebeten, vorläufig nur zu beobachten, nahm er an dem Tische des -Regisseurs im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die ersten -Inscenirungsversuche. - -Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben etwas Geheimnißvolles, -Nächtliches -- um nicht zu sagen Unterirdisches -- das auf den Autor -einen wunderseltsamen Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen -ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf eigene Weise damit zu -wirthschaften und sich eine Unterhaltung daraus zu machen. - -Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin richtete, gähnte ihn -in seiner absoluten Leerheit fragenvoll an. Wird er am Tage der -Entscheidung sich füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die -Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes gewaltige Rauschen -bewirken, das als entzückende Harmonie in die Ohren der Schauspieler -- -des Dichters dringt? - -Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum antwortete nicht und -sah in seinem braunen Dunkel auf ihn her -- ein Symbol mystischer -Allmöglichkeit. War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt -werden sollte, noch äußerst im Werden -- ein Kommen und Gehen, ein -Versuchen und Wiederversuchen, ein Recitiren, wobei der Souffleur -allgegenwärtig helfen und wieder helfen mußte, um oft nur schlechten -Dank dafür zu ernten. - -Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses erste Experiment in -Bezug auf Wirkung als nichts beweisend zu charakterisiren. Darüber -unterrichtet wurde es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe. -Er sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, und -die zweite Hälfte schien ihm nun bereits auch mehr Façon zu bekommen. -Die erste Liebhaberin und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz -mächtig, wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt und -erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen Herzensklang der Rede. -Er selber faßte den praktischen Zweck in's Auge und machte Vorschläge -zu Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden. - -Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt empfand, wurde -übrigens getrübt durch eine hingeworfene Bemerkung Bergers. »Das -Stück,« sagte dieser, als sie zusammen das Theater verließen, »ist doch -noch zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen, und dann -müssen Sie unter Umständen noch ein paar tüchtige Schnitte machen.« - -Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter sehr anziehende Weise. -Die Rollen waren unvergleichlich besser gelernt und die Reden gingen -so rasch vom Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu wirken -begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden Organisation, des lebendigen -Zusammengreifens, erquickte und hob seine Seele. Welch ein Gefühl, -den Dialog, den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen aus -dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen angewiesenen Theil zur -eigensten Sache machten! Welche Lust, die Gestalten, die er nur als -Bilder des Geistes besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten -eine Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, daß -Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen sich erzeugt zu haben -schienen! Es war von ihm, was er hörte und sah, und doch etwas Anderes: -gefärbt, gemodelt durch die Individualität des Schauspielers, neu -geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst und zum Theil in einer -Weise potenzirt, daß er, der Autor, es selber zu beklatschen große Lust -empfand. - -Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn. Er war Urheber -dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk vollenden wollte! Er war das -Princip, das mittelst liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie -in die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen erst -ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich hinzugaben, was -jenen noch fehlte, die sinnliche Realität. Allein in dem Bunde des -Dichters mit dem Künstler war jener doch die erfindende, anordnende, -vorschreibende, dieser die reproducirende, ausführende Macht. Nicht -so -- das fühlte er natürlich -- als ob die Kunst des Schauspielers -überhaupt keiner Erfindung bedürfte, die im Gegentheil auf's -dringendste gefordert war; aber die Kraft des Poeten war eine Kraft -zur Schöpfung, die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen -Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich mithin zu jener -als weibliche zur männlichen. - -Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß der Dichter gegen -Schauspieler überhaupt -- auch gegen die männlichen -- galant zu seyn -habe, so wurde es ihm durch Erfahrung beigebracht. - -Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen begann, machte -einmal einen Accentfehler, und der Poet rief ihm das hervorzuhebende -Wort mit der Lebhaftigkeit eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr -markirter Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche Einhülfe -nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte, daß die Oeffentlichkeit -der Correktur nicht angebracht sey, verhielt sich bei einem zweiten -Fehlgriff schweigend, und benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn, -um durch lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann ging er -mit ihm auf die Seite und schlug die richtige Accentuirung vor. Der -Schauspieler nickte lächelnd, und Heinrich gab in seinem Innern dem -geheimen Verfahren den Vorzug. - -Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte, trat ihm -Berger entgegen und sagte: »Es thut mir leid, Ihnen eine doch -vielleicht unangenehme Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne -dritte Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften und -sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht eigentlich zur Sache -gehören, sie müssen heraus!« - -»Aber, lieber Freund,« rief Heinrich nach einem Moment der Ueberlegung, -»das sind ja gerade die schönsten Stellen!« -- »Thut nichts! Sie müssen -heraus!« - -»Ah,« rief der Poet, »Spiele des Geistes -- Lichter, die einige -Minuten in Anspruch nehmen!« -- »Sie müssen heraus, sag' ich Ihnen!« --- »Wenn ich sie nun aber nicht streiche?« -- »Das ist etwas Anderes,« -entgegnete der Regisseur. »Dann wasch' ich meine Hände in Unschuld.« - -Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber einen guten Theil Ernst -enthielt, stampfte den Boden. Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt, -zuckte die Achseln und sagte: »Probiren wir die letzten Akte! Mir -schwant sogar noch etwas?« -- »Was?« rief der Poet, »noch etwas?« --- »Ich vermuthe sehr,« entgegnete der Andere. Und indem er ihn mit -väterlicher Freundschaft ansah, fuhr er fort: »Ja, ja, mein Bester! Das -Fegfeuer, von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel! Man muß -wirklich hindurch und die Flecken müssen weg, sonst kommt man nicht -- -Doch da naht Vater Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!« - -Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that hier, wie schon im -zweiten, sein Bestes, wirkte sogar auf die Schauspieler ergötzlich und -fand nun, daß an diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm, -doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften sah er auf die -Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte seine Partie zu Ende, nickte -aber bei den letzten Scenen mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte. - -Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der Gruppe der noch -Anwesenden den Poeten herbei und sagte: »Die Probe ist gut gegangen; -wir haben sogar wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen -und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen wird. Ueber drei -Stunden immer noch, und das ist so lang, daß es dem Stück den Untergang -bereiten kann.« - -»Ueber drei Stunden?« rief Hallfeld ungläubig. -- »Ueber drei Stunden,« -erwiederte Berger, »mit dem ersten und dritten Zwischenakt, die wegen -zweier Umkleidungen eine längere Zeit beanspruchen.« -- »Das ist wahr,« -versetzte Hallfeld nach einem Moment des Erwägens. - -Rosa schaute besorgt auf den Dichter. »Da muß noch gestrichen werden!« --- rief sie. -- »Meine Ansicht und mein Antrag,« versetzte Berger -- -»Herr Dichter, ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten -Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt habe, außerdem aber die -letzten Scenen des Stücks kürzen, umarbeiten, wie Sie wollen, so daß -sie Schlag auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende hinsieht, -dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige Interessen und für schöne -Reden, die nicht absolut zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es -herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen halten auf, -bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf dem Theater überflüssig sind. -Aendern Sie! Wir haben noch zwei Proben -- es geht noch!« - -Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und der Poet gab sich. -Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld und Rosa gewendet, fuhr er fort: -»Meine Herrn und Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht. -Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was beim Thee oder -Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal glücklicherweise keine -Anwendung findet, so ist uns doch in der süßen Betäubung des Getränks -und der Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter Blumen -entgangen -- mir sogar, der ich mich noch am meisten des kritischen -Umherspähens beflissen habe. Freuen wir uns, daß wir es noch in der -eilften Stunde gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente -Mittagbrod schmecken!« - -Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen konnte, war der -Poet. Er aß in seinem Speiselokal mit Hast, begab sich nach kurzem -Gang in laulicher Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit. -Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt strich er seufzend. -»Dieser Einfälle,« sagte er sich, »hab' ich mich gefreut, sie sind -unläugbar fein und schön, und nun müssen sie weg!« Die neue Verbindung, -nachdem er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, wie -die gestrichene. »Aber was thut's?« rief er ironisch. »Sie hat ja einen -Vorzug, der alle andern aufwiegt: sie ist kurz!« - -Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, wenn auch manches -aus den vorliegenden Scenen zu brauchen war, galt es eine völlige -Umarbeitung, und wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er -ohne Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das Beste, das Ende -gut Alles gut auf's Papier werfen? - -Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren haben: daß der Drang -der Nothwendigkeit die Initiative des Genius ersetzen kann. Das -Unumgängliche glüht wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt -uns, eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der Sprung -wird gewagt -- und er glückt. - -Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen vor ihm lagen; -aber sie freuten ihn selbst. Schlag auf Schlag! Der verwünschte -Regisseur hatte Recht: so war's besser! Nun mußte er die Aenderungen -noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er mitgenommen -hatte. Er that auch dieß, und besorgte dann die Rollen an ihre Inhaber, -zum Theil in eigener Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte, -auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg seiner Arbeit seyn müsse, -um ihn für die Aufregungen und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen -zu entschädigen. - -Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. Berger, nachdem er -die Aenderungen gelesen, rühmte ihn und drückte ihm die Hand. »Es hat -weh gethan,« sagte er dann, »der Schnitt in's Fleisch? Was? Aber 's ist -besser so! Beim Teufel, gut haben Sie's gemacht! Famos!« Lächelnd trat -er einen Schritt näher und sich heiter feierlich neigend, setzte er -hinzu: »_Succès complet!_« - -Die Wangen des Poeten, die von Mühen und Sorgen etwas gebleicht waren, -überzogen sich bei dieser Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und -er folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun seine Worte; -aber sie klangen nur um so traulicher zu ihm her, besonders aus dem -Munde der anmuthigen Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele -einzuhauchen wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig, und die -Effektmomente traten als solche deutlich hervor. - -Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst so seltsam -angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit einen vergnüglichen -Eindruck auf ihn. Es lag in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn -das verborgene Schmieden eines Complottes haben mag, das zum Sieg der -Betheiligten führen soll. In Puppenhülle geschah die Vorbereitung des -Schmetterlings, der an's Licht treten und in prachtvoller Entwicklung -alle Welt erfreuen sollte. - -Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig. Man gratulirte dem -Poeten von allen Seiten, und Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig -lächelnd. »Das hat Mühe gekostet,« rief sie ihm zu, »nicht wahr? Aber -es ist der Mühe werth gewesen!« -- »Das mein' ich auch,« rief Berger. -»Was wollen Sie? Wir haben wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!« - -Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das Speisehaus trat, -das er seit Wochen regelmäßig besuchte, ließen sich die dortigen -Bekannten Bericht erstatten, drückten ihr großes Verlangen aus, -das Stück zu sehen, und die gutgelaunten übten sich einstweilen im -Klatschen. Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült, aß mit -Lust und gründlichem Appetit. Nach einem tüchtigen Spaziergang suchte -er die Ruhe seiner Stube und fand ein Schreiben von Auguste. Mit -begreiflicher Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit -ernstem Gesicht las er es. - -Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die sich darin für ihn -ergoß, aber durch einen dunkeln Ton der Sorge, um nicht zu sagen der -Wehmuth, überschattet. Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne -zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an seine letzten -Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen Glauben schenken zu können. -Um so inniger und feuriger waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender -ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit sprach aus dem -Brief. »Ach, lieber Heinrich,« rief sie ihm zu, »du machst dir keine -Vorstellung, wie dein Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich -die Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich -und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, Sorgen und schweren Mühen. -Ach, wohl müssen die Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit -selber, denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig -wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! Wie müssen sie -alle Kräfte des Geistes und Herzens anstrengen und den höchsten Fleiß -anwenden Jahre hindurch, um endlich zu haben, was Andere spielend, im -Vorbeigehen erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch Nebensache ist, so -gehört er doch nothwendig zum Leben. Das Schaffen, wie göttlich es an -sich ist, muß sich doch, leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun -schon Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit zur andern -gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du mir so sicher den Erfolg -ankündigst, eine Furcht, die mich verzagen macht. Möge es dir gut -gehen, theurer Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß -ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem Herzen ausgepreßte -Ruf, den ich an dich aus der Ferne richte!« - -Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die Geliebte hatte sich -noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, aber auch noch nie so -geängstigt, so gedrückt gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in -ihrer Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? Hatte sie -von den Eltern zu leiden? Nach einem Schweigen aufathmend, rief er: -»Wahrlich, ein Erfolg thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie -einen greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im Grunde hat sie -dazu auch das Recht. Gott sey Dank, daß ich nur noch einen Tag vor der -Entscheidung stehe.« - -Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm schreibe vor ihrer -Abreise zu Kronfelds, deren dringender Einladung sie nicht länger habe -widerstehen können. Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung -finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige Botschaft -alle Sorgen zerstreute. Denn das wollte er thun. Was die Zeitungen -bekannt machten, das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte -brieflich nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten und -den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen. - -Die vierte und letzte Probe -- am Tage der Aufführung selber -- ging -so glatt wie eine Vorstellung. Heinrich mußte glauben, was ihm von -mehreren versichert wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt seyen. -Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte hinzu: »Das ist der -Vortheil des Schauspiels und der natürlichen Prosa. Verse würden sie -heute noch stottern und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen -müssen.« - -Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit worden war, -so hatte der Autor gegen Abend auf seiner einsamen Stube doch eine -sonderbare Empfindung. Der Tag war trüb und es begann fein zu -regnen; günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen -grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so lange ritterlich -gehalten, unser Dramatiker; nun, in thatenloser Stille, kamen ihm -wieder Gedanken, und mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu -seiner eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein leichter -Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte sich's nicht wegläugnen, er -bekam, was man eine Gänsehaut zu nennen pflegt, und aller gute Muth, -aller Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen -zurückzudrängen und darüber zu lächeln. - -Unstreitig, für ihn handelte sich's um keine gewöhnliche Entscheidung. -Auch derjenige, bei dem an solchem Tag nicht das ganze Lebensglück, -sondern nur ein bescheidener Theil davon auf dem Spiele steht, kann -doch, wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem -Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. Eben die Muße, -die ihn zur Passivität verurtheilt, macht ihn zum bloßen Instrument, -worauf nun beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen können. -Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern Verhältnisse und -einer ihm eigenen Feinfühligkeit alles das eine abnorme Steigerung. -Am Morgen schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch -die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den Straßenecken -entgegenschauten und zuzurufen schienen: »Unwiderruflich!« Es war ihm -gewesen, als ob man es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey, -der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und er hatte sich -darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. Die Glückwünsche bei -Tisch hatten für ihn heute einen Klang gehabt, in den etwas dämonisch -Gefahrdrohendes eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern -hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst verwandelt -und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes Wort mit nach Hause -gegeben. Nun saß er da, völlig allein, sah die Frist kleiner und -kleiner werden, die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat -ihm in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das Tribunal, -vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, die Stimmung des -Publikums, auf die Alles ankam und die gleichwohl unberechenbar war; an -mögliche Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten; an -das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen Versammlung, -die sich ablehnend verhielt oder gar mit entrüstetem Lärm verdammte -- -und trotz Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder schien man -(denn die Sache war ihm ja bereits ganz aus der Hand genommen) einen -Wurf zu wagen in seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren wie -gewinnen konnte. - -Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken in ihm erregten, -erhob er sich gewaltsam. Er kleidete sich an -- in sein bestes Gewand; -denn war er zum Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch -geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug sechs, er hüllte -sich in seinen Mantel, setzte den Hut auf und ging gegen die Thüre. - -Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem Ausdruck, als ob -er eine förmliche Thorheit beginge, die er aber doch nicht zu lassen -vermöchte, trat er zum Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und -suchte den Patron des Tages. Er las: »Emanuel.« Ernste, aber gute -Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf den Weg zum Theater. - -In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung einer Arena hatte, -angekommen, begab er sich auf die Bühne, wo er zunächst nur einige -Diener traf, die den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen -hatten. Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens -bei einer solchen ging ihm durch den Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte -es dazu, von dem Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem -untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am Strange des Vorhangs -zog! Das Publikum sagte sich das aber nicht, ja ließ sich am Ende das -Produkt so vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen. - -Allmählig regte sich's draußen im Zuschauerraum. Der Poet sah durch -die kleine Oeffnung des Vorhangs, die man ihm bezeichnet hatte, -und ward erfreut durch ein schon ziemlich gefülltes Parterre und -durch versprechend besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch -kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums war doch -schmeichelhaft und wirkte ermuthigend auf seine Seele. - -Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf die Scene. Der Poet -starrte die ersten, den Liebhaber und die beiden Regisseure, die durch -Costüm, Schminke und »Maske« unkenntlich gemacht waren, einen Moment -an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu schütteln. - -Immer näher rückte der Moment, immer festlich ernster wurde die -Zurüstung. Pochte das Herz des Autors auch ungleich lebhafter als -gewöhnlich, so war es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es -war eine »bange Wonne,« die ihn ergriff -- - - »Wie einen König bei der Thronbesteigung.« - -Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das Stück mit zu beginnen -hatten, und kamen auf die Gruppe zu -- in blendender Schönheit. Der -Poet begrüßte sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im Entzücken des -Anschauens verlor sich der letzte Rest von Angst aus seinem Herzen. Die -Freundin betrachtete ihn verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen -Schein von Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang und -rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme: »Ah, ganz schwarz! Kommen -Sie!« Heinrich eilte hin, sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume, -und ein Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer Gluthstrahl -durch sein Herz. - -Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne hätten ihn nothwendig -in der frohen Stimmung erhalten müssen; aber sie bezeichneten die -allerletzte Frist vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des -Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still begab er sich -zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen den vordersten Coulissen -einzunehmen. Der Vorhang wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen -Anfang. - -Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um den Ausgang, eine -Spannung, ein Sturm der Gefühle, die Geist und Sinne zu überwältigen -drohten? Nichts von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, fühlte -er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und ganz Aufmerksamkeit auf -das Spiel. Es ging, wie er es gewollt, das Publikum lauschte, die -große Stille verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich -hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, so zufrieden mit -der Darstellung, daß er es gar nicht merkte, wie das Publikum den Akt -schließen und den Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des -Beifalls zu geben. - -Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit feinster -Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit Bravos hervor, und ein -Wehen der Theilnahme ging durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur -wenig und kurz applaudirt. - -Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem Poeten und sagte: »Sie -sind heute wieder recht faul da draußen! Zusehen können sie, wenn sie -nur die Hände nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die -Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt werden sie wohl -losbrechen müssen.« -- »Warten wir!« versetzte der Poet. - -Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf Effekt angelegt waren, -verliefen ruhig. Als die ergreifenden kamen, herrschte im Haus zuerst -eine feierliche Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt, -als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden Reden, kamen aber auch -diese wiederholt in Thätigkeit, und unzweideutige Zeichen der Rührung -gelangten zur Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit genug -gethan zu haben? Oder war die Bewegung, in die es versetzt erschien, zu -ernster Natur? Oder endlich, fand es den Schluß doch nicht so drastisch -wie die freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der Applaus war -nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler eben hier erwartet -hatten; und da man auch den Vorhang nicht schnell genug aufzog, so -verhallte er wieder, ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende -Effekt war verfehlt. - -Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten Enttäuschung, -erhob sich von seinem Sitz und trat zu den Schauspielern, die sich an -der Coulisse gesammelt hatten. »Nun?« rief er, eine Gährung in seinem -Innern unterdrückend, mit Fassung, »das sieht aus wie eine Niederlage!« - -Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks auf einen Hervorruf -gerechnet hatte, zuckte verdrossen und schon mit einer Spur von -Geringschätzung die Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber -entgegnete mit dem Ton würdevoller Tröstung: »Das nicht, Herr Doktor. -Das Publikum nimmt Antheil, das Stück wirkt.« -- »Aber lange nicht so,« -versetzte der Poet, »wie wir's uns vorgestellt haben. Geht's so fort -und wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer, dann haben -wir einen _succès d'estime_, d. h. auf gut deutsch: das Stück fällt -durch!« - -»Nein, sag' ich Ihnen!« entgegnete der Regisseur energischer. »Man hat -bei diesem Akt weniger applaudirt, als er's verdient; Ihr Stück ist -aber gut und endet ansprechend, also wird man's hereinbringen. Ruhig -Blut! Noch ist nichts verloren!« - -»Das mein' ich auch,« rief Berger, der eben herzugetreten war. »Dieser -Akt wird entscheiden. Erst der Ernst, dann der Humor; -- wir wollen sie -schon weich machen, die hartgesottenen Sünder!« -- »Es sind Blöcke!« -rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, aber schlagenden Rede -auch auf Beifall gehofft zu haben schien, mit humoristischem Unmuth. - -Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, der für jetzt ohne -Widerspruch blieb. Die Musik des Zwischenaktes ging zu Ende, die -Schauspieler traten hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen -Platz wieder ein. - -Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet selbst über seine -Stimmung. Von ängstlicher Aufregung war keine Spur mehr in ihm! -Dagegen hatte sich ein Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und -durchströmte sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge harrte, die -da kommen sollten. - -Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden und erkannte, das -Seine vollauf gethan zu haben. Zeigte sich das Publikum spröde, kalt, -nur oberflächlich und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem -Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches Selbstgefühl -entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise nicht in die Lage kommen, -seine Ausdauer in dieser Stimmung darzuthun. - -Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß sie etwas gut zu -machen hatten, benutzten gleich die erste Gelegenheit zum Applaus -und befriedigten damit die edeln Liebenden, die alle beide einer -Ermunterung sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller, -dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes, -entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit und wurde auf offener -Scene gerufen. Anna in der Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche -des Vergnügens hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen. - -Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die Bühne zu gehen, weil er -seinen Namen nicht gehört, war doch hoch erfreut, und gegen die drei, -als der Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht eben karg. -Die Darsteller des Liebespaars, welche den fünften Akt zu beginnen -hatten, kamen mit heitern Mienen auf die Scene: sie wußten, das -Publikum war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte halten. - -So kam es denn auch. In den ersten Auftritten eine ernste, schöne -Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, am Schluß, nachdem die letzten -Scenen wirklich Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender, -langanhaltender Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der Anna und -- dem -Dichter. - -Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während die Mitgerufenen im -Hintergrund erschienen, trat auf das Proscenium und dankte. Er sah das -ganze Haus lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen -Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah huldvolles -Nicken und Applaudiren aus der Loge des Landesherrn und seiner Familie: -seine kühnsten Hoffnungen waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien -durch die Wirklichkeit erreicht, übertroffen! - -Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem Vorhang sich -umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen und rief mit einem Wohlwollen, -das etwas Feierliches hatte: »Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren -Lorbeeren!« Der zweite Regisseur, der sich genähert hatte, nickte -vergnügt. »Nun,« sagte er, »hab' ich mein Versprechen gehalten? Und,« -setzte er mit schelmischem Blinzeln hinzu, »bin ich nicht im Grunde ein -=guter= Mensch?« -- »Ein Engel!« rief der Poet lachend. »Aber Adieu für -heute! Auf Wiedersehen!« - -Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes eilte er auf die -andere Seite, die beiden Schauspielerinnen zu erhaschen, und traf sie, -die gegen ihre Gewohnheit etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem -Weg zum Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude küßte er der -ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit glänzte, die Hand; dann, -während jene sich entfernte, ergriff er die Hand Rosa's. In der Brust -des Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes, den er der -lieben Freundin schuldete, mit einemmal übermächtig empor, sein Herz -begann zu schmelzen. Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe -eine Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige Worte des Dankes. -Das Mädchen sah die feuchten Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine -Hand, um sie zu schütteln, und rief: »Wenn Sie glücklich sind, lieber -Freund -- mehr als ich können Sie's nicht seyn! Gute Nacht!« - - - IX. - -Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft des treuen Willmann -zu sich genommen, hatte sich nach Hause begeben und die Nacht war ihm -in jeder Hinsicht eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte -er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war der Schlaf so -gründlich, daß er andern Tags mit einem Wohlgefühl die Augen aufschlug, -wie er's lange nicht mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher, -erinnerte sich und rief: »Darf ich's wirklich glauben? Hab' ich gestern -das Residenzpublikum erobert?« -- »'S ist so,« antwortete er mit Humor -sich selbst, »der Traum ist Leben geworden!« - -In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete sich an und setzte -sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken zogen durch seinen Kopf und zum -Ueberfluß schien die Sonne der ersten Frühlingswoche durch's Fenster. -Eine natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen seinen -Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit größtem Vergnügen. - -Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber spät aufgestanden -war, traf er diesen schon in vollendeter Morgentoilette und wurde sehr -zuvorkommend empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten und -eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen während der Unterhaltung -nicht nur Höflichkeit, sondern eine unwillkürliche Hochachtung aus, -die ihm sehr wohl anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen -wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, die ihm sein Robert gestern -nach dem dritten Akt gezeigt, konnte nicht umhin, sich innerlich zu -fragen: wie er wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern -Lauf genommen hätten! - -Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. Nach einigem Warten -vorgelassen, sah er sich liebenswürdig begrüßt, huldvoll angelächelt. -Die Schauspielerin hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der -ihr eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem Manne, der -ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. Das blaue Auge gewann -eine gewisse poetische Zärtlichkeit, die ihr sehr anziehend ließ. Der -Dank des Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen -wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre, und die Künstlerin nahm -ihn um so freudiger hin. - -In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß mit sich führt, -gibt es doch glücklicherweise nicht nur die eigentlichen Honigwochen, -sondern auch uneigentliche Honigmomente, die von großem Werthe sind. -Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich -erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da so froh, so geneigt, ja gedrängt -zur Anerkennung, daß eine gegenseitige Steigerung des Glücks und -eine schöne Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. -- »In ihr hab' -ich auch eine Freundin,« sagte sich der Poet, als er wieder auf der -Straße war. »Freilich,« setzte er mit Laune hinzu, »muß ich fortfahren, -ihr Gelegenheit zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist ja -meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres, als ihre volle -Zufriedenheit.« - -Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten Freundinnen. -Er traf sie in einer Stimmung, die wohl zu den schönsten gehört, deren -wir uns im Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide; der -Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, das der Freude des -Herzens eine ernste Weihe gab. Das Licht derselben wirkte magisch -auf den Dichter, und Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines -Ernstes, mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie -noch profan erscheint. - -Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich gewesen; heute aber -kam sie ihm schön vor -- schön im edelsten Sinne des Worts. Da die -Schönheit vorzugsweise aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich. -In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre Gesinnung in Schönheit -verklärt wurde. Zu der Liebe ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer -Großmuth war jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der ihr -die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit ihre eigene innere -Vollendung brachte. Es wird immer eine Frage bleiben, ob das wirkliche -Lebensglück in der That werthvoller ist, als die Entsagung unter -solchen Verhältnissen. - -Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: »Sie haben bis -jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört. Erlauben Sie mir, Sie darauf -aufmerksam zu machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden auch -Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber lesen.« - -Der Poet sah sie an. »Was will man denn aber,« fragte er dann, »im -Grunde tadeln an dem Stück? Es ist doch offenbar gut; hat auch -entschieden gefallen --« - -Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. »Das ist ja eben der -größte Fehler in den Augen gewisser Kritiker!« entgegnete sie. »Lassen -Sie sich dadurch aber nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls -in Gesellschaften die Nase darüber gerümpft wird. Manche Leute sind -nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu beweisen meinen, wenn sie -absprechen. Aber das Wort verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind; -darum behalten Sie guten Muth!« - -Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied, um sich zum -Intendanten zu begeben. Im Theater angekommen, wurde er sogleich -vorgelassen. Mit einer Munterkeit, die ihm ordentlich etwas -Jugendliches gab, rief der würdige Bühnenchef: »Ah, da kommt ein -glücklicher Dramatiker! -- Nun,« setzte er Heinrichs Hand ergreifend -hinzu, »hat mich sehr gefreut -- in Ihrem Namen und in unserem! Das -Publikum, anfangs ein bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.« --- »Ausgezeichnet,« erwiederte der Autor. -- Der Intendant nickte -heiter. »Mit der Darstellung,« fragte er dann, »sind Sie zufrieden?« -- -»Vollkommen,« rief der Poet mit großer Wärme. -- »Das hör' ich selten -von den Herrn Dichtern,« erwiederte der Intendant lächelnd. »Und es ist -im Grund mehr, als ich zugeben könnte. Sie waren im Ganzen recht brav; -aber eins und das andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird -kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück übermorgen schon -wieder geben?« - -Heinrich sah ihn froh überrascht an. »Meine Zustimmung,« entgegnete -er, »haben Sie durchaus.« -- »Das glaub' ich,« versetzte der Intendant -erheitert, »an einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als das -erstemal.« -- »Ich bin Ihnen zum größten Danke verpflichtet!« rief der -Glückliche. -- Der Herr, ihn ansehend, fuhr fort: »Es wird eine zweite -Probe seyn, vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stück wird sie bestehen. -Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich gratulire nochmals.« Der -Poet empfahl sich. - -Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten die beiden Regisseure -herein. Heinrich, sie grüßend, zeigte ein Gesicht, welches nicht nur -den Sarkastischen, sondern auch den Ernsten zum Lächeln reizte. - -»Sie blühen ja wie eine Rose!« rief Hallfeld. -- »Austausch des -Vergnügens zwischen Theatervorstand und Dichters!« erklärte Berger. -»Anwartschaft auf ungezählte künftige Triumphe!« -- »Der Herr,« -bemerkte Hallfeld, »will Ihnen in der That sehr wohl.« - -»Er liebt die Bescheidenheit,« fuhr der Andere fort, »die Dankbarkeit, -das gute Herz!« -- »Verbunden mit der Kunst, ein Stück zu schreiben, -das volle Häuser macht,« ergänzte Hallfeld. -- »Also übermorgen? in -der großen Halle?« -- Heinrich, den Besuch auf der Bühne zusagend, -verabschiedete sich. - -Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein zufälliges Treffen -bezeichnet, das der Poet im Grund herbeigewünscht hatte. Nachmittags, -als er in der besten Laune die Hauptstraße hinabspazierte, kam -Professor Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom Geschick -ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmäßig zusammennehmend ging -er dem Gelehrten entgegen, grüßte mit der edeln Freundlichkeit eines -Mannes, der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete nun -in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon zu sehen. Das war freilich -eine Täuschung. Der Begrüßte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und -Spott, wie über jemand, der auf zufälliges Glück unangenehme Ansprüche -gründen will, und ging vorüber. - -Wir können verrathen, daß das Benehmen des Ehrenmannes eine Frucht -häuslichen Verdrusses war. Ein jüngerer Professor der Anstalt, der -Heinrichs Drama gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen, -hatte über den Erfolg berichtet und die Arbeit gerühmt. Als er wieder -fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf zum Gemahl: »Wir hätten -diesen Born doch einmal einladen sollen!« -- »Warum?« fragte jener mit -Stirnrunzeln. -- »Weil er ein talentvoller Mann ist,« versetzte die -Gattin; »viel mehr, als du's ihm angesehen hast.« -- »Pah!« rief der -Professor; »er hat ein Rührstück verfaßt, das den Unwissenden gefällt.« --- »So?« rief die Frau, »gehört Professor Holm zu den Unwissenden?« --- »Holm ist ein guter Mensch, aber auch ein Schöngeist,« entgegnete -der Mann. -- »Holm --« wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel -aufgebracht ein: »Geh! Laß mich ungeschoren mit deinen Belletristen!« -Sehr verdrießlich ging er in sein Studierzimmer zurück, wo sich die -Stimmung gegen einen Menschen, der ihm eine Verlegenheit bereitet -hatte, begreiflicherweise nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte -eine Freude, eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine Ansicht -über die Natur der Menschen vervollständigen. - -Am andern Morgen faßte Heinrich zunächst einen Bericht an seine Eltern -ab, worin er seine baldige Ankunft meldete. Er that seinem Herzen recht -Genüge und malte alles, wovon er wußte, daß es die liebenden Seelen -erquicken und für die bewiesene Ausdauer belohnen würde, mit glänzenden -Farben. Dann, nach Erholung trachtend, ging er an dem schönen Morgen in -eine Restauration. - -Er saß behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier überkam, ob die -Blätter noch keine Kritiken seines Dramas enthielten. Rasch ging er -die im Lokal vorhandenen durch; zwei Besprechungen waren da, von Emil -Schilf und von Dorn. - -Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes erwarten konnte, -nahm er die Auslassung des Befreundeten vor. Bei der dritten Zeile -schon verdunkelte sich sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las -weiter, starrte auf die Buchstaben, wie einer, der zu träumen glaubt, -schüttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit dem Rufe weg: -»Aber das ist ja eine wahre Bestie!« - -Die Kritik, die so übel auf ihn wirkte, lautete: »Wer noch daran -gezweifelt hätte, daß Theater und Drama bei uns immer größerem Verfall -entgegen gehen, der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis -davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht zu sehen war, -unter Anführung einer wohlvertheilten Claque) hat ein Schauspiel mit -Beifall aufgenommen, das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen -müssen, womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind. Das -Thema so abgedroschen als möglich, der Dialog von der plattesten Art; -edelseynsollende Personen, die im gewöhnlichen Verkehr langweilig, -in Rührscenen durch Prätension widerlich und lächerlich sind; ein -schlechter Geselle, der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn -machen können; und ein Ausgang wörtlich nach Schiller: - - Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. - -Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun eine nähere -Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den Beweis liefern soll, also -ganz in demselben Styl gehalten ist. Dann fährt der Kritiker fort): -»Wie war es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte? Man -könnte sagen, auch der Applaus war gemacht, und zum großen Theil ist -er's offenbar auch gewesen. Man könnte den Succeß auf Rechnung der -Schauspieler bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den -hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein es läßt sich nicht -in Abrede stellen, auch das Stück selber, mindestens in der zweiten -Hälfte, fand Anklang. Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine -Stufe gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter kann's nicht -gehen!« - -»Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie geschrieben, die für -ihn und seine Laufbahn als Dramatiker Hoffnungen erwecken konnte. Als -Theaterstück verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth sie -doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum ist Herr Born in -dieser Richtung nicht fortgegangen? Warum hat er sich nicht bemüht, -seine dichterische Fähigkeit, so viel die Natur ihm verliehen hat, in -einer zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit zu verwerthen? -Warum ist er zum Feind geworden seiner eigenen Begabung? Die Antwort -gibt sich jeder selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man -die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung erfordert, umgeht, um --- nach Gewinn zu langen. Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen. -Solche dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für unsere -Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir prophezeien dem spekulativen -Schreiber in dieser Beziehung eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn -an Honorar (_sic_) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre -zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack des Publikums -herunterbringen hilft, wird sich aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat -seine Grenzen, und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen, -der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst hinaustreiben -wird.« - -Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen Journal, -hatte eine Empfindung des Grimms und des Verdrusses, die für den -ersten Moment das höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog. -Dämonisch angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog es und -schüttelte den Kopf als über etwas völlig Unbegreifliches. Wie konnte -ein Mensch, mit dem er freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen -Ton anstimmen? Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, sein Buch -zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber gesagt, was er irgend -vermochte, und die Zögerung, sein Urtheil über die verwünschte Satire -öffentlich auszusprechen, wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde, stand -doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks und Charakters im -ungeheuersten Mißverhältniß. Die Schmähkritik verdammte ein Stück, das -den reinsten und ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack -eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer und Frauen der -Residenz gehörten; sie hatte nur Worte des gröbsten Tadels und der -Verleumdung, wo feine Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten: -woher kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und der öffentlichen -Meinung dermaßen in's Gesicht zu schlagen? Wie kommt man überhaupt -dazu, absichtlich ungerecht zu seyn? -- Heinrich versuchte sich in -einen Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, wie sie -hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu schreiben vermochte, es -gelang ihm nicht. Mit Staunen betrachtete er die Höhe der Gemeinheit, -um beschämt vor ihr die Blicke zu senken. - -Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in der Leidenschaft -übertreiben, das begriff er auch. Wie aber ein Wesen, das den Namen -Mensch beansprucht, Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und -den Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu behandeln -im Stande war, und zwar öffentlich, dem öffentlichen Urtheil sich -preisgebend, das begriff er nicht. - -Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik ungeahndet -hingehen lassen, oder gegen den Schreiber auftreten? Und wenn dieß, mit -welchen Waffen? Diese Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber -zu keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige hören. - -Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er das andere Journal zur -Hand; denn wie boshaft der Exdramatiker sich aussprechen mochte, den -Exfreund konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall. - -In der That blieb dem letzteren die Palme, da jener nur das Werk -verdammte und im Autor bloß gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen -suchte. Dieß that er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte -das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit, -daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte Leser wirken mochte, dem -Getroffenen doch die Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten -war die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte endlich eine -Bewegung wie über die Expektoration eines Tollkopfs. - -Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten und des Bittersten auf -zwei Tage zusammengedrängt! Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung -ein Gegenstand der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die -lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben zu besudeln -giftig herbei dringt! -- »Harpyen!« rief der Poet, »wortwörtlich! -Einladende Speisen zu beschmutzen, mit blinder Gier erfüllt! Welch ein -Tiefsinn der mythologischen Phantasie!« - -Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ er das Haus doch -noch mit sehr gemischten Empfindungen. Er fühlte eine wahre Sehnsucht, -einen braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann auf, von dem -er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters auf dem Weg zur Redaktion -eines Unterhaltungsblattes treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und -ging eilig auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, sagte -bescheiden lächelnd: »Sie scheinen von einem Dorn gestochen zu seyn?« - -»Allerdings,« erwiederte Heinrich mit entsprechendem Mundverziehen. -»Eben hab' ich sie mir aus dem Fleisch gezogen, die giftige Spitze. Was -sagen Sie dazu?« -- »Es ist stark,« versetzte Willmann, »sehr stark.« --- »Ein _non plus ultra_ in jeder Hinsicht!« rief der Gekränkte. »Was -soll ich dagegen thun?« -- »Nichts,« erwiederte der Andere mit ruhigem -Nachdruck. - -Heinrich sah ihn an. »Sie meinen, der Artikel richtet sich selbst? und -die Verachtung, womit man ihn lesen wird, kann mir Rache genug seyn?« --- Willmann sah ihn erheitert an. »Nichts weniger als das!« rief er. -»Der Artikel, fürcht' ich, wird mit großem Vergnügen gelesen werden.« --- »Wie!« rief der Poet. »Ist nicht das Publikum mit beschimpft? Und -wird es sich das gefallen lassen?« - -»O,« versetzte Willmann, »recht gern!« Und indem er ihn prüfend ansah, -fuhr er fort: »Sind Sie in der That so kindlich, daß Sie nicht wissen, -was Schadenfreude ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will sich -amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem schönen und guten -Stück, dann will es sich auch negativ amüsiren an der Durchhechelung, -ja an der Zerrupfung eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein -Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger, als Sie -anzunehmen scheinen.« -- »Das glaub ich nicht!« rief Heinrich in edlem -Eifer. - -Willmann schüttelte den Kopf. »Ihre realistische Durchbildung,« sagte -er, »ist noch lange nicht vollendet. Der Umstand, daß solche Artikel -geschrieben werden, und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen, -beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei der großen -Majorität der Leser. Schläge sind freilich sehr unangenehm für den, -der sie bekommt; aber für den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar -beglückend. Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner -in Stadt und Land, sondern auch manche vom zarten Geschlecht, wie ich's -kenne, den Artikel mit Vergnügen lesen werden.« - -»Und trotzdem soll ich --?« -- »Nichts dagegen thun -- allerdings! -Und zwar darum nicht, weil auch das vorübergeht, wie der Wind« -- -»Indessen,« versetzte der Poet, »hat dieser Mensch nicht nur mein -Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!« -- »Das ändert gar -nichts,« entgegnete Willmann. »Im Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu -Gute und schadet dem Kritikus, weil das Publikum sich =diesen= Vorwurf -nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,« fuhr er ihn heiter ansehend -fort, »wohl gar Lust, Händel anzufangen, weil man Ihnen vorgeworfen -hat, daß Sie lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen? -Im Namen der Preßfreiheit verlang' ich, daß Sie's gedruckt seyn lassen!« - -Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte beide umsehen -machten. Sie erblickten den Professor Sartorius, den der Heimweg vom -Gymnasium an ihnen vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und -Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des Gegengrußes, sah nun -auf den Poeten mit einer so stechend vergnügten Miene, daß dieser sich -augenblicklich sagte: »Er hat's gelesen -- und ist glücklich darüber!« - -In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich Beschämte die -Kritik mit großem Vergnügen entdeckt und genossen -- er hatte sie in -der Tasche, und freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu -beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich auch eine kleine -Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist und Literat (eine Gattung, -von der sonst eben er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein -durchaus zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität gegen den -Poeten. - -In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser Humor auf, und sein -Angesicht ward heiter. »Sie haben Recht!« sagte er zu dem Freund. »Laßt -sie schimpfen und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann -sind wir wieder oben!« - -Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den Dramatiker -wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden Kritiken waren -Lob und Tadel auf eine für den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und -dieser konnte das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen. -Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch ab, erbot -sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel gegen eine mäßige -Tantième zu versenden, zu protegiren, und man traf eine Verabredung -zu beiderseitiger Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß die -Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch mehr Glück machte, als die -erste Aufführung. Das überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt -in eine sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit einem Sturm -loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen des ersten Leseabends -verwirklichte. Der Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und -unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte sich in den -brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden Applauses -unendlich wohl, eilte zum Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und -unter Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft und Seligkeit. - -In der sichern Voraussicht, daß es wieder »gut gehen« würde, hatte -Willmann ein kleines Souper in einem besondern Zimmer des nächsten -Gasthauses veranstaltet. Theaterfreunde und Schauspieler, darunter -die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen, speisten -und ergaben sich bei nachfolgendem Weinpunsch fröhlichem Gespräch. -Es war natürlich, daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den -Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand auf, schilderte mit -elegantem Lob das Bestreben und Verhalten des Freundes, hob namentlich -die Ausdauer hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph geführt -habe, und sprach den Wunsch aus, daß die Verbindung des Dichters mit -dem Theater, insbesondere mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende, -sondern eine dauernde seyn möge. - -Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe der Versammlung -gerührt, begeistert, erwiederte: »Meine Freunde! Auf den ehrenden -Wunsch, den ein Kenner und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet -hat, muß ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen Thätigkeit -mit dem wirklichen deutschen Theater das Ziel meines Lebens ist und -immer bleiben wird. Dramatische Dichtung und Darstellung müssen Hand -in Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte fast sagen, wie -Mann und Frau! Sie sind geschaffen, sich wechselseitig zu hegen, zu -fördern, und nur im engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung -entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem Hinblick -auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze hervorgebracht wird, -erlangt nicht nur größere Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren -Werth an Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie ist -es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor allem ankommt. Wir -wollen hier nicht den Reiz der Erzählung und nicht den Zauber des -Liedes auf Kosten des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen -werden, dürfen sie nur Elemente -- Zierden bilden zum Vortheil der -Handlung. Die Bühne weist den dramatischen Dichter auf dieses höchste -Ziel immer wieder hin, sie zieht ihn von den Abschweifungen in die -Gebiete des Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum wird -es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer gewesen ist: die -reinste Entfaltung der Dramatik auch als Poesie wird abhängen von dem -lebendigen Verkehr der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung -der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck bühnengemäßer -Wirkung gestellt werden.« - -»Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem Theater, muß aber in -diesem Bund allerdings frei seyn und jene Forderungen des Theaters -vollkommen selbstständig erfüllen: durch Poesie -- durch Wahrheit -und Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig epischen -oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück, aber immer noch -ein dichterisches Werk; ein Drama, das nur Bühnenstück ist, sinkt -aus der Sphäre der Poesie überhaupt in die Region der Machwerke und -Surrogate. Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern zu -wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung des wirklichen, -des oft sogenannten prosaischen Lebens, und wie weit ich selber in -meinem ersten Versuch hinter dem Ideal zurückgeblieben seyn mag, -Kunstverständige geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung -in ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber von allen -Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem liebevollen Geist, der die -Stoffe kunstgemäß bildet; aber da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch -der Kunst aufgetreten wird. Das Drama, das den Forderungen der -Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, erhebt, adelt -die Darstellung. Das Bühnenstück aber, das jene Forderungen täuschend -erfüllt durch sinnlich wirkende Effekte, degradirt die Bühne und -entwürdigt die Kunst zum prosaischen Gewerbe.« - -»Es gibt einen wahren und einen falschen Bund der dramatischen -Dichtung mit der Bühne. Der wahre Bund zweier gleichmäßig freien, in -wechselseitiger Liebe freien Künste, die sich einander ganz machen -und gebend und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke -hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen Gedichts -- -dieser Bund der Ehren und des ehrenhaften Vortheils -- er lebe hoch!« - -Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen Rede, und unter -nachträglichen Bravos stießen Alle mit dem Poeten an. Berger konnte -aber nicht umhin zu bemerken: »Treffliche Grundsätze und sehr gut -ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!« -- »Handeln Sie darnach,« -rief Hallfeld pathetisch dagegen, »und lassen Sie sich nicht irre -machen! Wenn dem Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann -haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.« - -Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch und eine -Discussion hervor, die unter Anleitung Willmanns die Frage mehr und -mehr in Erwägung praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht -währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter den Streitenden -eine Art Versöhnung zu Stande, indem die idealere Partei zugab, -daß unter Umständen auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich -künstlerische Bühnenleistungen möglich machten, und man ging endlich in -guter Freundschaft auseinander. - -Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte er sich, trotz des -reichlichen Genusses alles Guten, doch vollkommen heiter und kräftig. -Aber das Glück der Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß -es die Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht, und nicht -nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern auch Hypochondristen können -wir nach einem Triumph, den sie während eines anstrengenden Schmauses -gefeiert haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen. - -Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz gehalten hatten, -waren erfüllt, der Tag der Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte -heute noch fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken, -legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den guten -Recensionen dazu und machte sich dann auf zu den Freundinnen, um -Abschied zu nehmen. - -Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe hinan stieg, um -zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit denen er so lange und so herzlich -verkehrt, von denen er so viel Liebes erfahren hatte. »Wie wird es Rosa -aufnehmen?« rief's unwillkürlich in ihm. »Keine Einbildung!« antwortete -er sich selbst, und zog entschlossen die Klingel. - -Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit sanft heiterer Miene -grüßte sie ihn; aber die Ahnung, was ihn herführe, gab ihrem Gesicht -alsbald einen Schein von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst -überkam ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein kleines -Gespräch über den gestrigen Abend, das den ersten Erkundigungen und -Antworten folgte, hielt nicht lange vor. In dem Schweigen, das eintrat, -nahm sich aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst und -sagte: »Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.« - -Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die Thatsache doch -so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr: »Ah!« rief sie, indem -eine leichte Blässe über ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln, -setzte sie hinzu: »Ich begreife!« -- »Ich reise zu den Meinigen,« -fuhr Heinrich fort, »die guten Nachrichten selber zu überbringen --« --- »Freilich, freilich!« rief die Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie -schmerzlich sie den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die -Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr gelingen. - -Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich Glücklichen zuwendet, -und mit einer gewissen Laune im Ton, fuhr sie fort: »Da wird große -Freude seyn im Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und -Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert vom Publikum, -angegriffen vom Neid, gerühmt von dramaturgischer Weisheit! Was können -die Verwandten und die liebende Braut sich Besseres wünschen? Das -Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend bewiesen, und der -öffentliche Erfolg in der Residenz muß dem Sieger die Huldigung der -Provinz eintragen! Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten -in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden und die Freunde -werden glücklich seyn -- die hiesigen, das mögen Sie glauben, nicht am -wenigsten!« - -Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich so befreit, daß -ihre Miene bei den letzten Worten das reinste Wohlwollen ausdrückte. -Der Schein desselben wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten. -Ja, es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte -- nicht -mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem Zögling und wollte -sein Bestes; aber sie lebte in einer Sonnensphäre der Kunst und der -Seelengüte, von wo sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück -hernieder sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen, -die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in ihr einen guten Engel, -einen Schutzgeist; von ihr geleitet, gefördert zu werden, hatte sein -günstiges Geschick ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie -immer, traulich sein ganzes Herz öffnen. - -»Ja,« rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden, »so, hoffe ich, -wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich gestehen, dieser Erfolg hat -mir auch noth gethan. Wie sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern -und Verwandte, die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, wenn ich -heimkehre, werden sie befriedigt seyn und Augen machen wie Kinder vor -dem brennenden Christbaum. Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann, -wird auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich höher stellen, -meinen Zusagen überhaupt und völlig glauben, und sie können es auch. -Nachdem ich -- mit Ihrer Hülfe, liebste Freundin -- meine Kraft erprobt -habe, ist mir's, als ob mir Alles gelingen müßte. Es liegt mir in -den Fingern und ich meine es nur auf's Papier werfen zu dürfen. Ja, -ich führe Auguste einem gesicherten Loos entgegen, ich bin davon -überzeugt, und werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.« - -Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden Blick beigestimmt -hatte, sagte: »Wann wollen Sie reisen?« -- »Heute noch, in einer -Stunde,« erwiederte Heinrich. »Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe -nichts an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen -wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig mündlich zu -schildern.« - -»Ich verstehe,« rief das Mädchen. Mit einem Lächeln der Trauer, das -aber sogleich in ein Lächeln der Liebe überging, reichte sie ihm die -Hand und sagte: »Reisen Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das -Ihr Herz sich wünscht! Aber -- vergessen Sie dabei nicht ganz Ihre -hiesigen Freunde!« - -»O,« rief Heinrich, »von niemand wird in unsern Unterhaltungen öfter -und ehrenvoller die Rede seyn, als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen -Lippen erschallen, und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre, wird -unser erster Gang zu Ihnen seyn!« -- Rosa nickte dankend. »Empfehlen -Sie mich,« fuhr Heinrich fort, »der lieben Mutter, es ist mir leider -unmöglich, sie zu erwarten. Und nun -- leben Sie wohl!« - -Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie, mit edler -Freundlichkeit, sagte: »Die herzlichsten Wünsche nochmals, und auf -Wiedersehen!« -- »Auf Wiedersehen, unbedingt!« entgegnete Heinrich, -nickte mit einem Blick des Dankes und verließ die Stube. -- Rosa -begleitete ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach: »Grüßen Sie -die Braut von der Freundin!« - -Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das Möglichste war -geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. -- Erschöpft, von tiefster Trauer -bezwungen, warf sie sich auf's Sopha. - -Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte ihr Leid besiegt und -die erhabene Freude der Großmuth empfunden. Aber dabei hatte sich doch -wieder eine Art Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles -veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer möglich ist, auch -nicht ganz und gar ohne Grund war. Jetzt aber, wo der Geliebte nach -erreichtem Zweck unmittelbar zu der Andern eilte, um das Band mit ihr -unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer von Hoffnung -genommen. Er war dahin für sie! Und wer konnte ihr verbürgen, daß er -als Gatte der Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde? - -Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den Ereignissen voraus. -Sie sah ihn in die Arme der Verlobten sinken und dieser, was sie selbst -vergeblich ersehnt hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil -werden. Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte über -ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. Jener war alles -gegeben, ihr war alles genommen: unselig wehvolles, grausames Geschick! -Und wieder die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte -Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? -- »Nein!« mußte sie -selber entscheiden. Denn welche Vorzüge sie haben mochte, sie liebte -ihn nicht wie sie! Sie hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein -gutes, fühlendes, reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von dem -schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, von dem Weitblick -des Geistes und der Beschränktheit des kindlichen Sinnes! Für sie hatte -die Natur ihn werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie -trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen! Seine -Schwächen waren ihr lieb, so lieb wie die Gaben, womit Gott und Natur -ihn ausgestattet! Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich seyn -mit ihm! - -Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden und sich mitten in -einer Welt des Leichtsinns, der oft so reizend ist, rein erhalten für -ihn? So sehr, daß auch ihr Herz -- ihr so oft kalt genanntes Herz -- -jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? Und alles das -nur, um das Liebste zu entbehren und für ihr ganzes Leben beraubt und -elend zu seyn? - -Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das Antlitz drückte ein -Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr Inneres zerfloß. Thränen -stürzten ihr in die Augen und rollten die Wangen herab; sie gab sich -ihrer Leidenschaft hin und weinte wie ein Kind. - - - X. - -Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern suchte, fuhr -Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen Platz in einem wenig besetzten -Coupé und sah die letzten Bedenken, die sich nach dem Abschied noch -in ihm erhoben hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut, die -schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs April, die Luft -mild, der Himmel dünn überzogen, die Wälder schwärzlich braun, aber -Saatfelder und Wiesen grün; und fort ging's in gewaltigem Rollen, -dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da beschäftigt die dichterisch -erregte Seele der Augenblick mit seinen Erscheinungen, und wenn sie -darüber hinausgeht, so ist's, in die Zukunft, der man entgegen zieht; -das Vergangene ist verschwunden. - -Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die Bilder der -Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum zwischen sich und ihr -kleiner und kleiner werden, und es war ihm, als ob er einem Paradies -entgegen zöge, das auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu -durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über die Gegenwart -hinweg, um das Künftige zur Gegenwart zu machen. - -Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat und sagte: »Hier bin -ich! Ich hab' Alles gehalten, was ich versprochen, und Alles erreicht, -was ich mir vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen, -eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!« Welch ein -Triumph, wenn er ihre Seelen mit Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn -die Familie und die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf -ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und er endlich in -der That als das vor ihnen galt, was er war! - -Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der Heimath. Nach einem -alten Worte gilt der Prophet nichts im Vaterlande; deßwegen muß er -eben fort aus ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie aber -gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer zu genießen in dem -Winkel der Erde, der ihn leben und streben sah, unerkannt, ungeglaubt. -Die Menschen, denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein -Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch die That, das ist -die Vollendung seines Werks, und wenn er dann die Mienen, deren Zweifel -und Spott ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen -Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster Ehrgeiz -gestillt; -- der Moment ist gekommen, wo er befriedigt ruhen kann. - -Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer wieder zur Produktion -sich drängte. Mitten in den Visionen des Glücks erzeugte er Gedanken -und Entwürfe zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der -dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, und -wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer Thätigkeit. Es waren -dieß nicht Bilder, wie er sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern -in seiner Tragödie angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten -und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste; sie konnten -überschritten, überglänzt werden durch Gestalten, die den größeren -Geist und Charakter, den höheren Schwung der Seele in der gemessen -schönen Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter ausdrückten. -Das war und blieb der Gipfel der Kunst, und ihn zu ersteigen, vielmehr -zu erfliegen, glaubte er sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel, -das in der Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben malte, -verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden Farben -ausgeführt war; und falls ihm selber künftig anziehende Stoffe sich -boten, wollte er sich ihnen nicht entziehen. Aber die eigentliche -Aufgabe des dramatischen Dichters war doch das hochpoetische Drama, -die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten Charakteren -und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften die höchst möglichen -Erscheinungen der Erde vor Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf -diesem Feld konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen --- die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und neuer Zeiten -sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu solchen Arbeiten gedrängt von -Jugend auf, sie waren seine erste Liebe -- sie mußten auch seine letzte -seyn. Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren Gebilde -durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der Wirklichkeit. Vielmehr: -noch wahrer mußten jene Gebilde seyn, als diese, weil sie schöner seyn -mußten, und in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten, -sondern ewiges. -- Darin lag nun eben der Fortschritt, den er in -Abweichung von seinem ersten Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis -der falschen die wahre Idealisirung sich eingeprägt -- daß er das -Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des gesunden Höchsten. - -Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte ihm den Beifall des -Publikums errungen. Die idealeren, die ihm gelingen mußten, sollten -ihm diesen Beifall auch erringen, aber das Publikum zugleich in die -Höhe hinanheben, die er selber erstiegen -- beglückend und wahrhaft -fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich erweisen. - -Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, sah er für sich hin, wie -sich erinnernd, und ein Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös -hatte man die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings -nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen und deßwegen -herabgestimmt, wo er vermochte. In dem wahrhaft poetischen Drama, -wie es ihm nun vorschwebte, konnte er aber sein Ideal des Weibes den -höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es natürlich; denn in -solche Sphäre gehörte dieser Ton. -- -- - -Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof eines größern Ortes, -von welchem Heinrich seinen Weg mit der Post fortzusetzen hatte. -Sein Gepäck an sich nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und -benützte die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. -- Der Wagen, der ihn -aufnahm, war glücklicherweise nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das -heimlichere, poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße -Träumereien. - -In derselben Stunde, welche den Poeten seinem Reise- und Lebensziel -entgegenbrachte, erging auch an die Zurückgelassene in der Residenz ein -Ruf, den sie für ihr Leben als epochemachend ansehen konnte. - -Sie hatte sich ausgeweint -- recht von Herzen -- und eine eigen -wohlthuende Stille war in sie gezogen: jener Friede der Genesung, wo -die Seele, von einer erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen -wieder erhebt und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu ertönen -scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte sie nicht zu verbergen. -Als die Mutter heimkehrte, trat sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen -entgegen und erwiederte auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton -unverholener Trauer: »Er hat Abschied genommen -- und ist fort!« -- Die -Mutter nickte mit einem Blick liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen -sagte sie: »Um so besser!« - -Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand war nicht mehr berührt, das -Mädchen gefaßter worden, und der Schein einer still gehobenen Seele -klärte ihr Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben von -der Intendanz nebst einer Rolle. - -Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem Munde. Ein schon länger -erschienenes, von der Hofbühne aber seit Jahren nicht gegebenes Drama -sollte auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die Hauptperson darin -war eine Figur, die der zweiten Liebhaberin, nach den bisherigen -Begriffen von ihr, immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber -nicht mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das fein, ergreifend -und schwungvoll ausgeführte Bild einer in schmerzlichen Lagen, in einer -Steigerung von Leid sich bewährenden treuen Liebe. -- Die Intendanz, -von jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen Künstlerin an, -ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen vermöchte. Jene, welche -die Dichtung kannte, war sofort entschlossen und antwortete mit einem -dankbaren Ja. - -Es war -- das Ganze der Rolle angesehen -- ein Schritt auf eine neue -und wesentlich höhere Stufe der Darstellung, eine Aufgabe, bei der -sie sich etwas zuzumuthen hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein -wahrer Segen für sie. - -Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster Bedeutung. -Sie war nicht nur ein Ersatz für das mangelnde Glück des Lebens, nicht -nur auch ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben, der -größere Wirkungskreis. -- Menschen darzustellen mit allen Mitteln einer -lebendigen Persönlichkeit; feinen, fühlenden Seelen zu erscheinen in -den anmuthigsten, wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen -sich einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine Freude zu -seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was dichterische Phantasie -geschaffen, am schönsten zu versinnlichen und dadurch nicht nur zu -beglücken, sondern Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten -an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber dennoch weiter -führt: -- das ist fürwahr eine Thätigkeit, die ein Menschenleben -ausfüllen, in der ein Menschengeist sich genügen kann. - -Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend, sagte zu sich -selbst: »Das Eine ist mir genommen, das Andere gegeben; ich muß -zufrieden seyn. -- Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis -zu erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse. -- In Gottes -Namen! Ich will nur Künstlerin seyn, aber dieß ganz! Und wer weiß? -Vielleicht hab' ich doch Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht -besser spielt, als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die -entbehrende Seele das Leben der Liebe um so glühender auf der Bühne, -und der Verlust des Menschenherzens wird ein Gewinn der Kunst, ein -Gewinn für ihre Freunde. -- -- Einerlei! Diese treu Liebende, die -ein deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und groß in der -Schmach, die sie vernichten sollte, dieses schöne Bild will ich spielen -und mir gütlich thun dabei. Ich will es aus mir herauslassen, was mich -schmerzt und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, sollen -sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin! Wahrlich, unsereins -darf nicht verzweifeln, ja kaum klagen! Eine Andere müßte sich grämen -und die Wunden von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so -dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen ergießen, daß -es rührt und wohlthut! -- -- Es ist,« setzte sie nach einem Augenblick -lächelnd hinzu, »ein wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin, -das ist nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll's genug -seyn!« - -Die Aufführung des Stücks war für die nächste Woche beantragt. Rosa -nahm die Rolle vor, erwog sie nach ihrem Grundcharakter und ihren -Wandelungen, vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. -- - -Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach einer Wendung um -eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm in Abendbeleuchtung, bescheidener -als die Residenz, aber heimlicher, und für den liebenden Dichter von -einem bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine -rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen Thürme schauten so -freundlich bekannt und doch poetisch anders her zu ihm, der selbst ein -Anderer geworden. Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen so -traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche, da lag es, das Heim -seiner Seele, das Haus, das die Erwählte beherbergte. Der äußerste -Garten vor der Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er -begrüßte sie. - -Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße: das Herz -des Liebenden begann zu klopfen, in Gefühlen zu klopfen, die ihn -überraschten. Die stolze Freude, womit er vor Auguste und die Eltern -zu treten gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause kam, -je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein unwillkürliches dumpfes -Beben zur Folge hatte. Sahen die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen -mit seinen Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents in -seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der Tochter in die seine -mit dem ehrenden Vertrauen, das er fordern konnte, und das zu seinem -Glück unentbehrlich war? Oder? -- - -Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken, welche den Moment des -Wiedersehens trüben wollten -- über den Kleinmuth, der kränkend war für -die braven Leute -- kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher doch -so freundlich geführt hatte. - -Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um und eilte dem -stattlichen Hause zu. In den untern Gang eingetreten, erblickte er -eine alte, seit Jahren zum Haushalt gehörende Magd, die ihn in der -Dämmerung forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf der -Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des Bedauerns hatte. - -Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken und rief -erfreut: »Hanna! -- Wie steht's? Sind alle zu Hause?« -- »Ja, Herr -Heinrich,« war die Antwort. -- »Alle?« - -»Alle miteinander.« -- »Gut!« rief der Glückliche, machte einen -Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich an und sagte zu der -ernst vor ihm Stehenden mit Lächeln: »Melde mich, Hanna!« - -Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. Aus's neue begann sein -Herz bange zu pochen. Er schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte -sich, die Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und bald -gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr. - -Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. -- Warum ließ man ihn warten? -Was hatte das zu bedeuten? Niemals war ihm das begegnet in diesem -Hause! -- Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: »Sie sind -willkommen, Herr Born.« Heinrich betrachtete sie und sagte: »Du bist -so ernsthaft, Hanna. -- Es ist doch nichts vorgefallen? Keinem ein -Unglück begegnet?« -- »Durchaus nicht,« erwiederte die Alte nicht ohne -ein gewisses Mundverziehen. »Sie werden aber doch nicht mehr Alles -so finden, wie's gewesen ist!« -- »Was ist geschehen?« rief Heinrich -schnell. -- »Gehen Sie nur hinauf!« war die Antwort. »Sie sind im -großen Zimmer.« - -Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu gerechtfertigt -waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an die Thüre und trat auf das -»Herein« des Vetters in den Salon. - -Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, nicht weit von -ihnen Auguste, und neben ihr einen stattlichen, elegant gekleideten -Mann von seinem Alter, den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu -haben. Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut, als selbst er, -die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund und braun. Aussehen und -Haltung verriethen einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte -Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit verleihen. - -Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen Ausrufungen, -womit er den Verwandten in die Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und -gar. Da man auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete, -da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem verlegenen -Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn mit einemmal die schlimmste Ahnung, -und eine unbeschreibliche Verwirrung ergriff ihn. - -Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer Haltung, deren -sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt hätte, trat einen Schritt -näher und sagte, vorstellend, zu Heinrich: »Herr Kronfeld, Sohn unseres -Verwandten, den du kennst -- mein Bräutigam.« Dann zu diesem: »Doktor -Born, unser Vetter -- der Dichter, dessen Lob du in den Zeitungen -gelesen hast.« - -Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte seine Freude, die -Bekanntschaft zu machen, nicht ohne einen merklichen Zug von Triumph -in dem ruhig vornehmen Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte -mechanisch. - -Das Wort »Bräutigam« hatte ihn trotz seiner Ahnung wie ein Donnerkeil -getroffen und auf einen Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er -wieder eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er Auguste -und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz wäre, den sie mit ihm -vorhatten -- eine Comödie, die sie spielen wollten. -- Aber die Mienen -Aller widersprachen dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht -der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten Entschluß; die -Eltern sahen verlegen und sarkastisch her, wie man auf einen Geopferten -und Getäuschten zu blicken pflegt. - -Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war begangen! Er war -betrogen, geäfft, gehöhnt auf's Schnödeste! Ein Abgrund von -Treulosigkeit that sich vor ihm auf. -- Doch, ein unmännlich Jammerbild -wollt' er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die Falsche war -seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht seines Zorns und einer -Scene, die erzürnte Vorwürfe herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe -der Verachtung mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das -verächtlich Werthloseste entzogen wird! -- - -Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht, was dem Dichter -gelingen konnte, und auch in der That nur sein erster Gedanke. Ihm -geziemte der Stolz der geistig sittlichen Ueberlegenheit und des -reinen Bewußtseyns. Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen holen -mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie sich nicht weiden an -dem Geknickten, so war er doch zu gut, namentlich aber zu groß dazu, -um Böses mit Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht nur -in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch in der That und -Wahrheit. Er wollte sie vernichten durch den Adel des wahren Poeten und -durch die stolze Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging. - -Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, entgegnete er mit -einer ironischen Artigkeit, die in der That ganz von oben kam: »Halten -Sie es meiner Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten -Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu antworten. Sie -kennen meine Gesinnung und wissen, welchen Antheil ich an Allem nehme, -was Sie betrifft. Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und möge dir, -liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden, das du verdienst -- und das -der Mann deiner Wahl dir verbürgt!« - -Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der Braut sehr fühlbar -wurde, befreite die Gemüther gleichwohl: die Scene, die man fürchten -mußte und fürchtete, obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen -hatte, war vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit -Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein Schein von -Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen Mienen. Der Vater ergriff das -Wort und versetzte mit großem Ernst: »Ich danke dir, Heinrich! Wenn -Leute, die sich lieben und in jeder Beziehung für einander passen, -Glück haben können in der Welt, so dürfen wir's für unsern Sohn und -unsere Tochter hoffen. Herr Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen -und erst vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die Fabrik -seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen, die er auswärts -gesammelt hat, Gebrauch machen. Schon jetzt beschäftigt er dreihundert -Arbeiter --« - -Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus der die ganze still -sublime Geringschätzung des Idealisten heraussah. -- »Es werden aber,« -fuhr jener mit einem Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter -dadurch mehr als gerechtfertigt wäre, »mit der Zeit nochmal so viel -werden.« -- »Das ist in der That großartig!« rief Heinrich. »Wie ich -meine Cousine kenne, ist das auch der rechte Wirkungskreis für sie, das -eigentliche Feld für ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren -auf's Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche -- und -freue mich, daß sich Alles so schön gefügt hat.« - -Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie, die sie ihm gönnen -mußte, halb über die Art, gute Miene zu machen, wofür sie's nahm. In -Folge eines instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr -gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann sie: »Laß uns jetzt -aber auch von dir reden, lieber Heinrich! Du hast Glück gemacht, dein -Stück hat Beifall gefunden. Wir haben's gehört und gelesen.« - -Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete mit einer -Miene der Geringschätzung: »Was will das heißen? Eine Kleinigkeit!« -- -»Nun,« bemerkte der Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt -hatte, »es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne, eine solche -Auszeichnung! Es ist immer ein schöner Anfang.« - -»Ja,« fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes Schamgefühl -ausdrückte, mit einem Blick des Antheils fort; »es hat uns Alle -außerordentlich gefreut --« -- »Und überrascht?« fiel Heinrich ein; -»natürlich!« - -Auguste, erröthend, entgegnete: »Ich hab' es nicht anders von dir -erwartet.« -- »Du schmeichelst!« versetzte der Poet mit voller -Ueberlegenheit. »Ich, wenn ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses -Zutrauen nicht von dir erwartet!« - -Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr fort: »Ein Bekannter von -uns, der zufällig dort war, Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung -gesehen und uns genau erzählt, wie's gegangen ist. Anfangs war er -für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz auf einen solchen -Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft gerühmt. Uebrigens« -- -fügte sie lächelnd hinzu -- »hat er gethan, was in seinen Kräften stand -und dich mitgerufen.« -- Heinrich, lächelnd über die Naivetät dieser -Mittheilung, erwiederte: »Sagen Sie ihm gelegentlich meinen Dank.« - -»Es muß ein eigenes Gefühl seyn,« bemerkte nun der junge Fabrikbesitzer -mit der Miene eines über solche Triumphe glücklicherweise Erhabenen, -»vor ein begeistertes Publikum zu treten und seinen Ruhm so -handgreiflich in Empfang zu nehmen.« -- »Jedenfalls,« erwiederte -Heinrich, »fühlt man sich dabei geehrter, als in mancher andern -Situation!« - -Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese Bemerkung gut -finden. Im Grunde schien ihm jetzt nicht nur das Eis gebrochen, -sondern der fatale Handel so gut wie beigelegt, und nun kehrte der -Geschäftsmann, der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres -zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen -Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich an und rief mit cordialer -Ermuthigung: »Du mußt uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine -Gesellschaft zusammen, Verwandte und Freunde, die du kennst und -die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch hier deinen -Triumph.« -- »Ach ja,« rief die Gattin, »das wäre charmant!« - -Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen stechenden Blick -der Verachtung auf Menschen zu werfen, die sich's mit ihm so -außerordentlich leicht machten. Er nahm sich indeß zusammen und -versetzte mit möglichstem Ernst: »Wird doch nicht gehen, Base. Ich -will so bald als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen -und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen machen kann, -nicht länger vorenthalten darf. Auch ich, wie Sie sich denken mögen, -sehne mich darnach, sie wieder zu sehen.« Und mit einem Ausdruck -rückhaltloser Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte -er hinzu: »Genießen Sie das Glück, das die rühmliche Verbindung Ihnen -Allen verheißt! Die Gesinnung, die es geschaffen hat, wird es auch -erhalten; und mit aller Freude, die ein Freund darüber empfinden kann, -scheid' ich nun! Leben Sie wohl!« - -Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und einen durchdringenden -Blick auf Auguste ruhen lassen. Diese schlug die Augen nieder und -machte eine Bewegung, als ob sie in's Herz getroffen wäre. Heinrich, es -gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer. - -Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. Als er der Alten -ansichtig ward, rief er: »Du hast Recht gehabt, Hanna! -- Gott sey, -Dank! Das wär' überstanden!« - -Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr Gesicht in strenge -Falten legte, sagte sie mit gedämpfter Stimme: »Fräulein Auguste hat -sehr unrecht gegen Sie gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht -nur meine Meinung, sondern gar viele denken so.« -- »Wirklich?« rief -der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. -- »Der Herr Rektor,« fuhr -Hanna fort, »hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie mehr -in unser Haus.« - -»Ein Ehrenmann,« versetzte Heinrich; »das ist begreiflich! -- Nun, -Hanna, lebe wohl! Es thut mir gut, wenigstens Eine treue Seele in -diesem Hause getroffen zu haben.« Ernst ergriff er ihre Hand, drückte -sie und sagte herzlich: »Behalte mich in gutem Andenken!« -- »Oh,« rief -die Alte mit Thränen in den Augen, »Sie sind gut, Herr Heinrich, und -Sie werden auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher! Machen -Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie --« - -Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den Kopf, machte eine -Bewegung des Abschieds und ging der Thüre zu. Auf einmal, von der -Treppe herab, ertönte der dringende Ruf: »Heinrich!« Er kam von -Auguste, die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu ihm -herabstieg. - -Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah er sie an und -sagte kalt: »Was wünschen Sie von mir?« -- »Geh!« versetzte das -Mädchen mit einem Blick des Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht. -»Stell' dich nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte und -Jugendfreunde!« - -Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener Geringschätzung. -Dann, nach einer Bewegung, die einen gefaßten Entschluß anzeigte, -entgegnete er: »Nun, also -- was willst du von mir?« -- »Ich muß mit -dir reden,« erwiederte das Mädchen. -- »Wozu das, gute Cousine?« - -»Du mußt mich hören!« fuhr sie leidenschaftlicher fort. »Ich verlang' -es von dir! -- Ich bitte dich darum,« setzte sie weicher hinzu. - -Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem Ausdruck des -Verstehens. Sie ging ihm voran in ein Zimmer, das er selbst, wenn er -auf Besuch hier war, zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene -glaubensloser Neugier. - -Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann: »Ich weiß, Heinrich, -daß du mich verdammst. Du denkst das Schlimmste, das Niedrigste von -mir, weil du nicht weißt, wie Alles so gekommen ist -- und ich kann -dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das ist geschehen nach -genauer Ueberlegung; und ich hab' nur gethan, was ich für meine Pflicht -hielt.« - -Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. »Ich will's -nicht bestreiten,« sagte er dann. »Es gibt verschiedene Ansichten über -das, was man Pflicht nennt.« - -»Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin, hat mich einen großen -Kampf gekostet,« fuhr Auguste mit Nachdruck fort. -- »Das kann ich -glauben,« erwiederte jener. »Dem Verlobten die Treue zu brechen --« -- -»Wir waren nicht verlobt!« fiel Auguste rasch ein. - -»Förmlich nicht,« versetzte Heinrich -- »allerdings! Wir hatten nicht -Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten ausgegeben. Aber ich hab' -das Verhältniß nie anders angesehen, und du schienst dich doch auch -zu benehmen, als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst du dich -vielleicht noch unseres Abschieds und was du mir dabei gesagt hast? -Erinnerst du dich der Briefe, die du mir geschrieben? Mir schienen das -Betheurungen einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist's -her, daß ich den letzten erhalten habe?« - -Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment des Besinnens entgegnete -sie, ohne die innere Bewegung verbergen zu können: »Ich will meine -Briefe nicht verläugnen, ich will kein Wort verläugnen, das in -ihnen steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du hast mich -liebgewonnen und ich dich, und wir haben so fortgelebt wie in einem -Traum. Aus der Freundschaft naher Verwandter, die sich dutzten von -Jugend auf, ist ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als -es war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens mich weiter -geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne deine Base zu seyn, hätt' -ich nie mit dir Briefe gewechselt.« - -»Mag seyn,« versetzte Heinrich, indem seine Augen zu funkeln begannen. -»Aber du hast sie nun einmal gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe -und Treue vernommen und wieder vernommen -- hast es erwiedert! Und wenn -auch in deinen Briefen nicht die Wärme, die glühende Liebe herrschte -wie in den meinen -- von der Jungfrau hab' ich das nicht verlangt --, -so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für gebunden achtet, -die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt hält.« - -»Ja,« versetzte Auguste, »das ist wahr -- wahr von den Briefen, die ich -dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben habe! Damals, wenn du mich -von meinen Eltern hättest verlangen können, wär' ich dir gefolgt, mit -Freuden gefolgt!« -- »Aber dann,« versetzte Heinrich, »kam ein Anderer -und Besserer --« -- »Nein!« unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher -änderte sich meine Gesinnung -- und mußte sich ändern.« - -Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; Auguste fuhr fort: -»Erinnere dich, wie es dir ergangen ist, und versetze dich in meine -Lage! Du bist in die Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die -wir hier alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher du -für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und die größten Vortheile -versprochen hast. Du hast sie nicht einmal zur Aufführung bringen -können. Und wie zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du -doch selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht eignete. -Dann hast du ein neues Stück angefangen und warst deiner Sache ganz -sicher und hast mir wieder die besten und schönsten Erfolge prophezeit. -Ich habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst bedenklich -geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. Da, nach Wochen erneuerter -Hoffnungen, schreibst du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben -und du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin den -Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht, ich will es nicht läugnen, -wankte auch mein Vertrauen.« -- »Zur unrechtesten Zeit!« fiel Heinrich -ein. - -Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und sagte: »Ich bin keine -Dichterin, wenn ich auch Dichter verehre; ich kann mir die Dinge nicht -durch Phantasie verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind. -Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du mein Vertrauen -gerechtfertigt, so wär' ich die Deine geworden. Aber nachdem zwei -deiner stolzesten Verheißungen unerfüllt geblieben waren und sich -recht eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär' es mir möglich -gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie konnte ich annehmen, -daß dir mit dem fremden Entwurf gelingen werde, was dir mit deinen -eigenen, die du so begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest, -nicht gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein Talent überhaupt -in einer Täuschung befangen warst, daß deine Kräfte zu dieser Art von -Arbeiten nicht hinreichten, daß deine Bemühungen vergeblich seyn und -bleiben würden -- und daß du mich, wenn auch mit dem besten Glauben -von der Welt, hinhalten würdest und müßtest, weil dir ein Plan um den -andern fehlschlug.« - -Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm das Wort im Mund -ab, indem sie fortfuhr: »Sag' selbst, welch ein Schicksal erwartete -mich unter diesen Umständen? Wenn ich den Bitten, den dringenden -Mahnungen meiner Eltern auch hätte widerstehen können, so wurde ich -älter; ein Jahr um's andere und mit ihm das bischen Jugendblüthe ging -dahin; und wenn mir das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen -ist -- wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber dein Herz -von mir abkehrtest?« - -»Oh!« rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. -- »Es wäre -nicht das erstemal,« fuhr Auguste fort, »daß ein glühender Liebhaber -kalt würde und sich zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue -Liebe kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als die Pflicht -der Treue. Genug, wenn ich mich nicht selbst verblenden wollte, konnte -ich jetzt in einem fortgesetzten Verhältniß weder mehr auf mein Glück -rechnen noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch sonst von -ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung für sich allein -nicht bestreiten, nicht =mehr= bestreiten, mein guter Heinrich! Von -dem Augenblick nun, wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete -ich mich nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und wenn du -meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, wirst du dich überzeugen, -daß sich in ihm nur die sorgenvolle Theilnahme an deinem Schicksal -ausspricht, wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem ich -diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, gewann sein -Herz, ganz ahnungslos von meiner Seite, und hörte seinen Antrag. -Ich verbrachte trotz alledem Tage der größten Aufregung und der -peinlichsten Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den dieser -Schritt auf dich machen würde und eine Stimme in mir doch wieder für -dich gesprochen hatte. Aber von dem ausgezeichneten jungen Mann, von -meinen und seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen gedrängt, -denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte, sagte ich endlich Ja.« - -Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung einer schlechten Sache, -und entgegnete bitter: »Das war zu derselben Zeit, wo dein Geliebter -und Verlobter sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung -seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine rühmliche Zukunft, uns -beiden eine geehrte Existenz verbürgte!« - -Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen Blick des Mitleids -auf ihn zu werfen. »Heinrich,« erwiederte sie, »ich freue mich dieses -Glücks von ganzer Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber -erhalten habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, die du -darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut dafür, daß dieses Stück -auch anderswo so gefällt wie da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt -und natürlich ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür, -daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen, auch nur gibt? -Und wenn es gegeben würde und gefiele, wer verbürgt dir, daß deine -neuen Arbeiten eben den Beifall erhalten wie diese, die unter so -besondern Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier -und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht die Existenz eines -einzelnen Mannes, geschweige denn einer Familie. Ich habe darüber im -Hause meines Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen Dingen -bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich in meinem Entschluß -nur bestärken konnten. Darum will ich dir aber jetzt das Herz nicht -schwer machen. Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten -gelingt, und niemand kann es inniger wünschen als ich. Aber ich, in -meinen Verhältnissen, konnte an diese Möglichkeit -- noch dazu in einer -Zeit, wo sie eine höchst entfernte war -- nicht das Schicksal meines -ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir und meinen Eltern -das gesichertste, ehrenvollste Loos und ein Wirkungskreis geboten war, -wie ich ihn mir immer gewünscht habe.« - -Heinrich stand mit bebender Lippe. »Richtig!« entgegnete er; »richtig --- und abscheulich!« -- Auguste sah ihn an wie eine Verletzte. -- »Du -hast sehr einsichtsvoll gehandelt!« fuhr jener fort; »als ein wahres -Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! Aber von Gemüth und -von Würde der Gesinnung erblick' ich keine Spur in deinem Verhalten! -Wenn diese Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen; denn -immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige Zusage gegeben und -unwandelbare Treue hoffen lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil, -mehr Sicherheit, man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn, also laßt -uns absagen und unser Lebensglück begründen!« - -»Heinrich!« rief das Mädchen, gegen diese Auslegung sich wehrend, in -einem Tone zugleich der Scham und der Entrüstung. -- »Geh,« rief -dieser, »du kennst die Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit -wunderbarer Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht. Die -Liebe =will= keine Sicherheit, sie will das Wagniß und die Gefahr, -und freut sich ihrer! Denn nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt -gegenüber kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur in der -Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich! Die Liebe scheut nicht -zurück vor dem Gedanken des Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe -hofft Alles und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist auch -bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem zeitlichen Verlust -ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle dich zu deines Gleichen! Du -verlierst mehr, als du gewinnst! Ein einziger Augenblick einer edeln -Seele, die göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes -Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren! Ich habe mich -getäuscht, ja; aber nicht über mich und mein Talent; denn in mir glüht -eine Flamme, die nie verlöschen und nur immer heller aufleuchten -wird! Ueber dich hab' ich mich getäuscht und über deine Gesinnung! In -dir hab' ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin hab' ich dich -gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist, als ein Weib, und zwar ein -gewöhnliches Weib, mit all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge -für den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß es tragen! Ich -bin verschmäht und weggeworfen, und soll meine Schmach nun auch noch -für Recht erkennen und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch, -Gott sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben und liebend -wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, die mir anhängen mit einer Liebe -und Treue, die nichts wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu -meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles empfangen soll, -was du verschmähst, und die es mit Freuden empfangen wird! -- O,« fuhr -er mit Thränen in den Augen fort, »der Boden brennt mir unter den Füßen --- nie, nie werd' ich dieses Haus mehr betreten!« - -»Heinrich!« rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem Bedauern in dem -glühenden Gesicht. Aber dieser war fertig. »Fahr wohl!« rief er mit -einem Stolz, der sein Gesicht leuchten machte; »fahr wohl für diese -Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß, daß meine Liebe -jemals dir gehört hat! Sie war die Tochter des gröbsten Irrthums, ich -bereue sie -- und sie ist dahin für immer!« - -In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen Schritten -verließ er Zimmer und Haus. Auguste, sich fassend und wieder -aufrichtend, sah auf die offene Thüre. »Er stürmt fort,« sagte sie zu -sich selbst, »mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir doch lieb, -daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat meine Gründe gehört, und -wie schlecht sie ihm jetzt vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß -ruhiger bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. Ich -hab' doch recht gethan, mich nicht für mein Leben an ihn zu fesseln. -Das erkenn' ich jetzt mehr als jemals. Und,« setzte sie mit einem -Ausdruck voll Selbstgefühl hinzu, »wie verächtlich mein Loos ihm -erscheinen mag, ich nehm' es an.« -- - -Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf sein Zimmer -und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein Herz war unendlich gedrückt, -von einem Strom der bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen -stürzten ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs und des Zorns. -»Welch ein Verrath!« rief er. »Welch ein Abgrund von Selbstsucht! -Ist es möglich? Hab' ich mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich, -unverzeihlich! Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei ihr -Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach für mich! Sie hab' -ich angesehen und dargestellt als das Ideal des Weibes! leuchtend in -allen Tugenden, die sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie -des Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner waren -als eben ihr! Doch -- in Gottes Namen! Sey mein Irrthum der gröbste -gewesen, Liebe hat in mir geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag -ich der Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose war! Denn -der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, und wo die Liebe -fehlt, da fehlt das Heil und die Ehre des Menschenthums!« - -Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem Ernst nickend, -fuhr er fort: »Unerhört ist die Kränkung, die ich erfahren habe, und -ich weiß es, ich werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell -nicht genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und endlich, so -Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner Eltern, das Herz edler -Seelen, die mir Antheil bezeigt und mit liebevoll uneigennütziger -Freundlichkeit und Güte mich gefördert haben.« - -Er hielt inne, und während die Thränen in seinen Augen versiegten, -starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr er zusammen. Eine dunkle Röthe -ergoß sich über seine Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge, -die nur Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf einmal -Schuldgefühl, Scham und Sorge. - -Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus: »Zu meinen Eltern! -Sie sollen meine Ehre, meine Schmach erfahren! -- Bei ihnen hoffe ich -Ruhe und, so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!« - - - XI. - -Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag war schön, und der -schmerzlich Beraubte, aber der Entsagung Fähige hatte, in der -offnen Chaise, die er für sich genommen, allein durch Feld und Wald -hinrollend, wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen steigend in die -sonnige Höhe -- die frohen, frischen Klänge, die ihn von allen Seiten -umtönten, übten auf das gedrückte Herz eine freundliche Wirkung. Je -weiter er von der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er -sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden Schimpf erfahren: -die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, schienen mit ihr zu -vergehen, und das stechende Leid milderte sich zu linder Trauer. - -Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die Landschaftsbilder -wohlthuender an, und die Poesie der Knabenjahre, der ersten Ausflüge, -deren er sich hier erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die -Seele. Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte ihn in -der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die heilige Festigkeit -des Bandes, das Eltern und Kind verknüpft. Die peinliche Erfahrung -hatte ihn selbst wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte -bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand angewiesen; -und diesem Trost, wie sehnte er sich ihm entgegen! Als nun aber das -Städtchen selbst hervortrat, da gingen schmerzlich erregte Gefühle -durch die wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, vor -dem Unmuth und dem Schmerz der mitbeleidigten Eltern, und er mußte -alle Kraft zusammennehmen, um endlich mit gefaßter Miene vor sie zu -treten. - -Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen belehrten ihn, daß -ein Geständniß nicht mehr nöthig sey. Die Untreue der Geliebten war -im Orte schon bekannt, und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich -von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich vernahm aus dem -Munde der guten Frau Bedauern, Anklagen und Glückwünsche nacheinander, -während der Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte. -Er sah aber auch, wie die Freude über den öffentlichen Erfolg und den -beginnenden Ruhm des Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in -Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß er sich mit ihnen -verständigen konnte. Wie wohl that ihm das! Gerührt sah er in die guten -Augen, aus denen die treueste Liebe glänzte. - -Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen der letzten Tage, -zu dem neuen Leben in möglichster Einsamkeit sich vorbereiten, und -mit heimlichen, wenn auch melancholischen Empfindungen richtete er -sich in dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen pflegte --- still, abgelegen, mit der Aussicht auf den Garten, für ihn ein -erinnerungsreicher Boden und ganz geeignet zum Rückgang in frühere -Zeiten, zum Ueberdenken des Erlebten und zum Ausreifen neuer -Entschließungen. -- -- - -Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit den Seinen und -mit den guten Freunden, deren er in dem Geburtsorte besaß, näher zu -schildern. Auch die letztern nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche -scharfe Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, wogegen -aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte. - -Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen Sinn und schönen -Muth früherer Tage wiederzufinden. Zuweilen sprach er sich über Auguste -und ihr Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, er sehe -in der Lösung des Bandes ein für ihn unter allen Umständen günstiges -Geschick. Dann erblickte man ihn aber doch wieder in Aufregung, -Verwirrung und Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm fühlte, -tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: er werde schon die Rechte -noch finden! Wenn er dann eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte -sie nicht mit erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen -sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin mit Ernst: -»Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, der findet nicht leicht den -Muth zu einer neuen Unternehmung. Wenn man einem Scheinbild nachjagt, -sieht man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht gerade -das wahre Glück, das man erlangen konnte, thöricht versäumt und auf -immer verloren! -- Nun,« setzte er mit leisem Lächeln hinzu, »immer -bleibt mir ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe -- und die -mir nie untreu werden wird!« -- »Das schon,« erwiederte die Gute. »Aber -das ist nicht genug! Für dich nicht, und für mich auch nicht!« - -Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung zu machen. -Er gab sich den Gefühlen hin, die sich in ihm erzeugten, rechnete mit -sich selbst und lebte ein Leben stiller Erwägungen. - -Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er an den ihm so -freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt einen Brief, der uns den -besten Blick in den Zustand seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht -die Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern wie gelehrten -Schulmann noch zu besuchen; aber durch die Nachricht, die ihm Hanna -mitgetheilt, war die Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so -vermehrt worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung verschaffte, -gegen ihn mit aller Offenheit sich auszusprechen. Die Hauptstellen -lauteten: - -»Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen Sterblichen machen und -immer wieder machen. In gewissen Dingen werden wir nicht nur nicht -durch den Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch unsern -eigenen. Immer wieder täuschen wir uns -- weil der Trug so lieblich -ist und ein tiefes, glühendes Verlangen der Seele stillt! - -Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! -- und noch immer -ist nicht recht in's Licht gesetzt, daß es zweierlei Liebe, zwei -grundverschiedene Arten von Liebe gibt. Unterschieden sind sie wohl; -aber nicht mit völliger Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die -eine ist reizender, bestrickender gemalt wie die andere; und wenn -diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt man aus -dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht die reine, selige -Begeisterung heraus. Was er erhöhen wollte, fand nicht auch die wahre -höhere Schönheit und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die -Spiegelung des Geringern gekommen ist. - -Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den Schein -- und der -Schein trügt. Es gibt eine Schönheit des Leibes, der keineswegs eine -Schönheit der Seele entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit -zur Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern nur, -daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön thun kann. Auch -die Seele ist also mehr zum Schein als zum Seyn ausgestattet, und mit -dem Schein täuscht sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber -täuschen, indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit nehmen, und -nun triumphiren, als ob wir die schönste Wahrheit selber gefunden. - -Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden Muth blicken die -leuchtenden Augen und strahlt das erröthete Angesicht! Aber im -Innersten lebt das klare, kalte, berechnende Ich, das frei ist -gegen die Affecte und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder -zurückzunehmen, je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, wir -von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was uns so außerordentlich -hold anspricht, das muß nothwendig wahr seyn! Die Liebe, die mit so -wunderbarem Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, kann -nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere Liebe mit doppelter und -dreifacher Macht, in dankbarer Rührung schmelzen wir und durch keine -Verherrlichung glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. Was wir -an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu denken vermögen, sehen wir -in ihr -- tragen es über in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns -daran: das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle Wandelung -des Lebens nur ein Schönerwerden seyn kann! - -Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten Täuschungen? Gegen -die Magie, die wir wollen und miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es -gibt nur Ein wirksames: die Enttäuschung durch die That, -- durch den -thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf und das Herzeleid! --- -- - -Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung rechnen, -wenn sie der Blendung erliegen! -- Der Dichter muß gut seyn, er -muß Glauben und Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und -idealisiren Alles, was er sieht, -- und dazu muß er schon Alles -liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur sein Metier, wenn er -verschönert und gläubig preist und liebevoll verherrlicht; darum ist -er auch so sicher dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der -hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange der Selbstsucht -wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche Sachverhalt unerbittlich _ad oculos_ -demonstrirt werden, sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen -ohne zu sehen! -- Aber auch dann -- der Zauber, an dem er so lange -gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen Glücks umgaukeln -den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; der schöne Schein glänzt in -unwiderstehlichen Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß -er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen wollte und in -entzückenden Träumen schon als erlangt sich vorgespiegelt hat! -- -- - -Doch, verehrter Freund, hier thu' ich mir selber Unrecht. Regungen -dieser Art hab' ich freilich; aber doch nur selten, und ich verstehe -ihnen zu antworten und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre -Schönheit, die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem Glanz; -ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger Zauber entkräftet den -unheiligen, der die Schwäche bestrickt hat. Wenn sie vor mir lebendig -wird, dann erbleichen die Farben der täuschenden Erscheinung und diese -gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges Licht, das die letzten -Sympathien im Herzen tilgt. - -Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was gibt es Holderes als -die Güte, die darnach trachtet, daß sie Freude mache und Hülfe leiste, -und die keinen andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten? -Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, die sich -selber beraubt, um Andere zu bereichern? Was gibt es Himmlischeres, -als den Blick aus dem Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte, -Großmuth ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, dessen die -Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, oberflächlich und machtlos! -Dort nur sehen wir in den Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen -uns unendlich heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns nicht -nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, sondern mit der -Besten selber gut und edel geworden erblicken wir die Gestalt und -Alles, Alles an ihr in dem Licht ewiger Schönheit! - -Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey Dank, es gibt noch -solche! Es ist keine poetische Täuschung, wenn wir von Frauen reden, -die Engel sind! Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie -erweisen sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach thatsächlichem -Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln könnte! - -Die That und die Bewährung durch die That, daran erkennt man sie. Denn -sie geben sich nicht immer das Ansehen ihres innern Wesens und lieben -es nicht selten, den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und -Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; aber es gibt -auch heitere, die sich in lieblicher Laune gefallen und deren gütige -Seele, wenn sie sich offenbart, nur um so rührender erscheint. - -Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, von dem Schein getäuscht -und betrogen zu werden. Hab' ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens -unwerth gemacht, so muß ich's dulden. Aber Ein Vortheil -- Ein Ersatz -ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit erkennen lernen -auf Grund der falschen, und mein Herz lodert in Liebe zu Dem, was ewig -liebenswerth ist.« - -Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn das Antwortschreiben: - - _»Aequam memento rebus in arduis - Sevare mentem!_ - -Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf' ich Ihnen zu, damit -Sie ihn beherzigen, wie's noth thut! Aus Ihrem freundlichen und -dichterischen Brief hab' ich zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß -Sie sich über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet -haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es dahin, daß Sie sich zu diesem -Ende Glück wünschen. Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab' -mich zu schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer stolzen -Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. Ja, ja, der Mammon! -- -Mir will vorkommen, als ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen -wäre, als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für unsicher, -nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der Menschen, als Geld und -Gut. Man stellt sich vor, was man Alles dafür haben kann, und trachtet -immer nach mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere Dinge dafür -eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich sind, und daß man oft -nicht nur die Tugend, sondern auch die edelsten Freuden dafür hingibt. -Aber das sind _nugae_ für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller -Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums so schön und -überzeugend gelehrt haben: daß das wahre Glück in der Tugend bestehe, -damit kann man heutzutag nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will -die Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem Wege, der aus -der Bildung heraus in die Rohheit führt, endlich Halt machen und zur -Vernunft und edlen menschlichen Denkart umkehren? - -Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns jung, es verschafft -uns den Boden in der Welt, den wir brauchen, und verheißt uns ein -glückliches Alter. Mit großer Freude hab' ich von Ihrem guten Erfolg -auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke gekommen, und -das beweist mir, daß das Drama das Fach ist, auf das Sie mit Ihrem -Talent vorzüglich angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen Sie -dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen und Römer! Sie -wissen, ich bin kein Pedant und setze die Alten nicht unbedingt über -die Neuern, weil ich in ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden -aus ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus ihnen; und mich -will bedünken, als ob man sie gegenwärtig besonders auch zum Vortheil -der dramatischen Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden im -Drama, wie mir scheint, -- man bringt zuviel Stoff und verliert über -den Effecten den Effect. Ein Streben nach größerer Concentration und -Harmonie thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo finden sie -da herrlichere Muster, als es die großen Tragiker der alten Griechen -sind, deren einer jetzt sogar wieder von unsern Bühnen herab die Herzen -erschüttert? - -Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium der Alten noch ganz -besonders ersprießlich seyn; denn Sie -- nehmen Sie mir's nicht übel! --- verrathen noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die Vergötterung -eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; und nun scheinen Sie -mir doch wieder nach einer andern Seite hin vergöttern zu wollen, -phantasiren sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, sich -eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt es engelgute Frauen; -aber auch diese bleiben immer menschliche Wesen mit verschiedenen -menschlichen Eigenschaften, die mit dem Engelsideal oft gar sehr in -Widerspruch treten. Man muß sich das zuvor sagen und natürlich-gesunden -Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn man nicht Beschämung und Verdruß -erleben will. - -Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber Poeta! Es gibt gute, -brave, wohlgezogene Mädchen, und ich wünsche von Herzen, daß Sie eine -solche finden und mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht -schwebt Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines wünsche? -Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen Sie nur frisch über alles -Andere hinweg und gründen Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand! -Denn dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich sage Ihnen: -Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen von der Schönen, die so -unwürdig gegen Sie gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern -werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie nicht frei machen -gegen die, welche denn doch immer noch lebendig da ist, sondern nur -ein gutes braves Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. -- -Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn etwas eintrifft, das -mir Freude machen kann, vergessen Sie nicht, es mir zu melden, sondern -denken Sie auch im Glück an mich!« -- - -Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, die tröstende -Wirkung zu empfinden, die herzlicher Antheil, mit wackerm Humor -ausgesprochen, immer auf uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch -melancholisch den Kopf. »Uebertriebene Vorstellungen?« sagte er zu -sich; -- »phantastische Ansprüche? -- Wenn es nur das wäre!« - -Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner Brust. »O -Verblendung,« rief er aus. »Stumpfsinn des Träumers, worüber kannst du -hinwegsehen! -- -- Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen -neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! Meine Eltern sollen -mich hören, und das heute noch!« - - - XII. - -Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa von der Intendanz die -ehrende Aufforderung erhalten. Die Vorstellung des Dramas, in welchem -sie die Hauptrolle geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin -eine Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner mit -Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten Beifall spendete. -Der Sieg war vollkommen und bildete denn auch andern Tags den -Hauptgegenstand der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt. - -Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch in überraschender -Vollendung wiederholte, hatte ihre Begabung für die höhere Sphäre -der strengsten Kritik dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und -Willens im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte neue Fähigkeiten -in ihr zu Tage gebracht und nicht nur ihrer Gestalt und Miene einen -edleren, heroischeren Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und -Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher und tönender -erscheinen lassen. So wahr ist es, daß die physischen Mittel abhängen -vom Geist, ein erhöhtes Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend -scheinenden zureichend machen kann. - -Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung. Ein süßes Gefühl der -Macht durchdrang sie, und am Abend während der Vorstellung, am andern -Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand sie die reinste -Freude. Sie hatte sich's ausgedacht, alle ihre Kräfte aufgerufen und -zusammengenommen und das Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen -wollen; aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte? Nun -mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen Stimme glauben und -durfte die Leistung für gelungen halten. - -Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam in ihr Herz und die -Befriedigung ihrer Seele gewann einen Charakter des Ernstes, von dem -sich eine stille Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung -war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde von ihr als ein -Zuwachs ihres Wesens, als dauernder Gewinn empfunden. - -Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen in's Zimmer trat, fand sie -die Mutter eifrig lesend. Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die -sämmtlich das Lob der Tochter verkündeten, und die gute Frau schwelgte -eben in einem wahren Hymnus, in den sich die gefürchtete Feder Emil -Schilfs ergossen hatte. Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive -entgegen traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal, -von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein Feuilletongenie in einem -Panegyrikus blitzen lassen, daß die Mutter Edelsteine und Perlen zu -lesen glaubte. Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu, -meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die Presse und küßte sie -unter Thränen der Freude. Sie war über den Erfolg noch glücklicher, -jedenfalls stolzer als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas -Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn noch eine Spendung -zu erwarten wäre. - -Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach einem Moment des -Besinnens ernst geworden, faßte sie die Hand der Tochter und sagte: -»Du hast Alles erreicht. Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist; -die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten Namen an -die Seite. Schau nun aufwärts, mein Kind! Widerstehe deiner Schwäche! -Bezwing' eine Leidenschaft, die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der -ohne Zweifel dich vergessen hat!« - -Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, ungläubig oder -gegen den Gedanken sich wehrend, schüttelte sie den Kopf. -- »Wie!« -rief jene, mit einem Anflug von Unmuth; »du zweifelst noch? Kommt er -auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan haben, ein paar Zeilen -zu schreiben? Er denkt nicht an dich! Er lebt seiner Braut -- oder -seiner Frau. Er ist aufgegangen in seinem Glück -- und wem verdankt -er's?« - -»Du bist ungerecht, Mutter,« entgegnete die Tochter mit dem Humor -eines melancholischen Herzens. »Wem verdanke denn ich mein Glück? -- -wem verdank' ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, wie -du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit -- was mir nämlich -so vorkam -- und seiner Lieblosigkeit! Beide mußten zusammen kommen, -um mich zu der Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und den -Journalen gefeiert wird. Gestehen wir's uns jetzt,« fuhr sie nach -einem Moment fort, indem sie ihr launig in's Auge sah, »ich war in der -That ein oberflächliches Ding. Possen zu machen war meine Kunst und -mein Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und nach eine -Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste Ernst bereits anfing -pretentiös zu erscheinen. Ich war leichtfertig und kalt -- ja, auch -kalt! In den besten Momenten war's doch nur soso, und nicht das Rechte. -Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder eine Rolle von der -lustigen Gattung bekomme, werde ich auch diese feiner und schöner -spielen. Es war eine Schickung,« fuhr sie mit einem unterdrückten -Seufzer fort, »und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also keinen -Seitenhieb auf ihn -- das bewußtlose Werkzeug meines guten Genius! Laß -ihn das Glück genießen, das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn -er uns dabei vergißt -- dem Glücklichen, wie du weißt, schlägt keine -Stunde.« - -Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen feucht wurden. »Ich -würde dich,« entgegnete sie, »für das edelste Geschöpf der Welt -erklären, obwohl du mein Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe -in allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen Gunsten? Du -liebst ihn also noch! -- O Welt, o Welt!« - -»Was hast du nur dagegen?« versetzte Rosa mit Lächeln. »Wenn die Liebe -großmüthig und edel macht, dann ist's ja genug, zu lieben und die -Vortheile davon zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache? -Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf es da noch des -Geliebtwerdens?« -- »Geh!« rief die Mutter, halb gerührt, halb -unwillig, »du bist eine Thörin!« -- »Das edelste Geschöpf,« entgegnete -Rosa, »eine Thörin?« -- »Allerdings,« versetzte die Mutter, »eine -Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie ihr Lebensglück versäumt, -indem sie ein unerwiedertes Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch, -ich hoffe, die Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und was du -dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen sind, wird diese -Leidenschaft dir erscheinen wie ein Traum, über den man lächelt, wenn -man erwacht. Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann finden, -der dich wieder liebt.« - -Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte die Fortsetzung. »Es mag -seyn,« erwiederte sie nach einem Moment. »Bis jetzt hab' ich aber -nichts dergleichen im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber als das -Wachen. Lassen wir's und erwarten wir alles Uebrige von der Zeit! Ich -bin wirklich zufrieden; ich habe meine Plane als Schauspielerin und -will die gute Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen -wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich werde sie bekommen --- was will ich mehr?« - -Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die Seite, machte sich -an einem Schrank etwas zu thun und betrachtete dann die nachdenklich -Dastehende mit einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung, -als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen Sekunden die Köchin -mit einem Brief erschien »an die gnädige Frau.« Diese erbrach ihn, las -und ihre Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende -Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht ausdrücken wollte, und -sagte zu Rosa mit Lächeln: »Ich muß ausgehen! Studire derweil die -Blätter.« -- »Wohin gehst du?« fragte Rosa. -- »Vorderhand,« erwiederte -die Frau, »bleibt das mein Geheimniß.« -- »Ah!« rief jene, »du hast -Geheimnisse vor mir? Das ist etwas Neues!« - -Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: »Nicht gegen dich, -mein Kind, wie du dir denken kannst, sondern für dich! Für dein Glück --- dein wahres Glück --« -- »Nun,« versetzte Rosa mit einem Aufschauen -des Argwohns, »ich hoffe nicht --« -- »Keine Sorge!« unterbrach sie -die Frau kopfschüttelnd. »Deine Freiheit soll dabei nicht angetastet -werden.« -- »Dann,« erwiederte jene, »thue, was du vorhast, und mögen -deine Bemühungen gesegnet seyn!« - -Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem runden Tisch, nahm -eine Zeitung und las. Ihre Züge erhellten sich. »Es thut doch wohl, -ausgezeichnet zu werden,« sagte sie endlich; »zumal von einem, dem -sonst nichts gut genug ist und der lieber verwundet -- um seinem Namen -Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! Die besten können die schlimmsten -und die schlimmsten die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man -sich heutzutag nicht mehr verlassen!« - -Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten Zeilen entrissen -ihr einen Ausruf der Verwunderung. Es war der Preisgesang von Schilf, -der mit seinen humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele -der Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, aber sie -doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte den Kopf und lächelte. -»Welche Bekehrung!« rief sie zuletzt; »und was ist gegenwärtig nicht -Alles möglich!« - -Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt wäre, suchte sie -unbewußt die Bank in der Laube auf. Ihr Herz verlangte zu träumen und -gewissen Gedanken sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie -getroffen. »Es ist in der That auffallend,« sagte sie sich, »daß er -nicht einmal schreibt -- einige wenige Zeilen schreibt! -- Hat er uns -wirklich vergessen im Hause der Braut -- oder der Frau? Undankbar -ist er doch sonst nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen -Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,« fuhr sie mit -einem traurigen Lächeln fort, »aus den Augen, aus dem Sinn, das ist ein -bewährter Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste, was wir -dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige Pflicht.« Innehaltend -schaute sie vor sich hin. Dann sagte sie: »Oder wär's doch anders? -Hätte ihn das Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über -mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt, daß ich ihn -liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er mir durch eine Schilderung -seliger Tage nur nicht wehe thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr -zu seinem Charakter!« - -Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu vertiefen. Auf -einmal erhob sie den Kopf und rief: »Sachte, Phantasie! Nach Glück -ausschauen heißt sich Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine -Tugend,« fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. »Gönnen wir jener -ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten Entsagung! Am Ende -bleibt mir mein Geist -- wie ich hoffe, auch mein Humor -- und die -Kunst, das göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll und -zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.« - -Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen, die Mutter zu -sehen, erhob sich in ihr -- eine Neugier, was sie vorhaben möge. Auf -einmal ertönte die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht -ein Klingeln, wie --? Ohne zu wissen, was sie that, mit schauerndem -Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete sie, während die Magd eben die -äußere aufmachte. Ein Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. »Heinrich -Born!« rief sie. »Sie kommen selbst?« -- Heinrich, der eingetreten -und auf den Ruf still gestanden war, grüßte mit einem Ernst, den man -feierlich nennen konnte, ging in's Zimmer und gab ihr die Hand. - -Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte, erkannte die -Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, als Schwester zu empfangen; -sie raffte all ihre Kraft zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es -klopfte, fügte sich. »Nun,« fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, »Sie -sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und -- Erzählen Sie -mir! Sie wissen, welch innigen Antheil ich nehme.« - -Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens auf eine Antwort -harrend, fuhr fort: »Was ist Ihnen? Das Glück macht ernst, ich weiß -es -- Aber Sie haben ein Aussehen -- -- Sind Sie nicht glücklich?« --- »Nein,« erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. -- »Wie!« rief -das Mädchen. »Sind Sie nicht mit Auguste verheirathet? oder werden -heirathen?« - -»Nein,« rief jener, indem er bitter den Mund verzog. »Das Verhältniß -ist gelöst. Sie hat für gut gefunden, einen Andern -- einen Reichen -zu beglücken und wird nächstens --« -- »Ah!« rief die Liebende, jäh -bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen, aber nach einem -blitzähnlichen Gefühl der Freude doch mit einem Ernst des Bedauerns in -ihrem Gesicht. »Sie sind betrogen -- und unglücklich?« fuhr sie mit dem -Tone des Mitleids fort. - -»Betrogen und unglücklich -- ja,« versetzte Heinrich; »aber unglücklich -nicht durch den Betrug, sondern durch die unverantwortliche -Selbsttäuschung, in der ich befangen und so sicher gewesen bin. Wie -ist es möglich, daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung -lebt? Was kann so einer noch von sich selber erwarten? - -Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser Antwort getroffen -und irre geführt, sagte mit Ernst: »Der Glaube an eine Liebe, die man -Ihnen so lang und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen. -Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch Andere der Treue -fähig hält, und das ehrt Sie und Sie können stolz darauf seyn. Trösten -Sie sich,« fuhr sie mit Güte fort. »Wenn es nicht der Verlust ist, der -Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder mit neuem Muth an zu -leben! Unternehmen Sie eine Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen, -die in ihrer Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und wenn -es ein Trost für Sie seyn kann, meine -- unsere Freundschaft bleibt -Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, Ihnen zu dienen und zu helfen, wo -wir können.« - -Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten einen wohlthuenden und -rührenden Eindruck gemacht. Er wollte reden; aber plötzlich, wie von -einem heimlichen Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. Das -Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. »Was ist Ihnen?« rief sie. »Hab' -ich etwas gesagt, das Sie beleidigt?« -- »Nein, nein!« rief Heinrich in -tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und sagte mit traurig -entschiedenem Ton: »Fragen Sie mich nicht! Ueberlassen Sie mich meinem -Schicksal. Mir ist nicht mehr zu helfen.« - -»Also doch!« erwiederte Rosa nach einem Moment des Schweigens, mit -einem Ausdruck des Mitleids und der Betrübniß. »Sie verzweifeln, und -können und wollen keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht! -Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen Sie deßwegen der -Freundin untreu werden? Das finde ich nicht schön gehandelt!« - -Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub schmerzlich -verwirrter Empfindungen. -- »Ermannen Sie sich!« fuhr das Mädchen -liebevoll mahnend, wie zu einem Kranken fort. »Versuchen Sie, was -eine neue Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden vermag! Ich -weiß wohl,« setzte sie mit einem Schein traurigen Lächelns hinzu, »die -Freundschaft ist kein Ersatz für verlorene Liebe; aber etwas sollte die -unsere, die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht das -Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei uns wieder finden -können.« - -Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte den Kopf. »Wie!« -rief das Mädchen, nicht ohne ein Gefühl der Kränkung ihrerseits; »auch -das nicht? Sie sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?« - -Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung übermannte ihn, und -in ihr kam unaufhaltsam ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge. -Obwohl er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns, der -Bitte um Vergebung wandelte, so hatte ihn Rosa doch bemerkt und ahnte -die Wahrheit. Unmöglich war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein -der Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten. -Aber noch war es nicht gewiß, noch war es nicht ausgesprochen, und sie -konnte sich irren. Mit ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: »Ihr -Benehmen ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren -haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie? und doch geberden Sie -sich wie einer, der es ist. Sie geben sich für verloren, unrettbar -verloren; und wenn man Ihnen Trost einsprechen will in der besten -Meinung, wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also noch immer -unglücklich! Warum?« - -»Weil -- weil --« rief der Gedrängte, wie einer, der nicht länger -an sich halten will. Aber als ob ihm die Zunge plötzlich den Dienst -versagte, schwieg er dennoch. Dann, mit großer Anstrengung den Tumult -der Seele niederhaltend, erwiederte er: »Mein Fräulein, beste Freundin! -ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen und begrüßen wollen; aber -ich sehe, daß ich in einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor -Ihnen wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie von diesem -Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen mit Vorsätzen, die ich -nicht halten kann. Vergeben Sie mir, und leben Sie wohl!« - -Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt nicht mehr zweifeln -konnte, erröthend, mit einem Ausdruck um die Lippen, dessen Ernst -das Entzücken der Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief: -»Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig und ohne Rückhalt! -Warum?« - -»Weil,« rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber nun antwortete -besser, schöner und rührender ein Blick der Liebe und Verehrung, der -aus der tiefsten Seele kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten. - -»Weil Sie mich lieben!« rief mit leuchtendem Antlitz das Mädchen. »Weil -Sie mich lieben!« wiederholte sie, »und weil Sie glauben, ich hegte für -Sie nur Gefühle der Freundschaft! Ist's nicht so?« - -»Ja!« rief Heinrich erschüttert. »Ja, weil ich Sie liebe und Ihrer -nicht werth bin! Das ist der Grund! Und nun strafen Sie mich für meine -Anmaßung, verschmähen Sie mich!« - -Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: »Das werd' ich nicht thun, lieber -Freund! Ich freue mich allzusehr über diese Bekehrung --« -- »Wie,« -rief Heinrich, »Sie könnten verzeihen?« -- »Ich habe Sie geliebt,« -erwiederte sie, »vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. Bei der ersten -Begegnung schon regte sich's in meinem Herzen!« - -Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie bei den Händen -und drückte sie zärtlich. Auf einmal rief er bestürzt: »Himmel! und -mit dieser Gesinnung haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?« --- »Nun,« erwiederte sie, »ich will's Ihnen nur gestehen: das hat mir -auch wirklich manchmal Kummer gemacht.« -- »Und doch!« rief Heinrich -ergriffen. »Sie sind das liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir -auf dieser Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich Sie -finden ließ! -- Und Sie könnten -- Sie wollten die Meine werden?« - -Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklärte, erwiederte: »Da es -nun doch einmal heraus ist, ja! Und von Herzen gern!« - -Nun hatte der Glückliche keine Worte mehr. Er umfing die Geliebte und -küßte die Lippen, die so lieblich entschieden hatten, mit dem Feuer -der innigsten Leidenschaft, mit Thränen der Rührung und der Freude. -Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fühlte sie die Seligkeit der -Gegenliebe! - -Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen getaucht war, sich -erhebend und den Geliebten mit nassen Augen zärtlich ansehend, rief -sie: »Wie schön ist Alles gegangen! Ich würde mir nichts nehmen lassen -von dem, was ich erduldet habe! Zum glücklichen Leben bleibt uns -noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig gut, wenn man vorher etwas -ausgestanden hat! Wie wird sich die Mutter freuen! -- die Mutter,« -setzte sie horchend hinzu, »die, wie ich höre, so eben die Thüre -aufschließt!« - -Einen Moment später erschien die gute Frau, und zwar mit großer -Genugthuung, im Zimmer und wollte eben reden, als sie den Poeten -erblickte und ihn überrascht ansah. »Doctor Born!« rief sie, »Sie sind -hier, mit Frau Gemahlin?« - -Heinrich schüttelte erröthend, lächelnd den Kopf und ging auf sie zu, -ihre Hand zu fassen. Rosa, mit anmuthiger Heiterkeit, antwortete für -ihn: »So gut ist's uns nicht geworden! Man hat sich für einen Andern, -einen Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schöne Hand -vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten wünschten ihm -glückliche Reise. So ist er nun wieder hier, ein armer Betrogener, mit -wundem Herzen Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche -sich dießmal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen haben, als die -Leute draußen im Land, wo die Biederkeit zu Hause ist.« - -Die Mutter sah von einem auf's andere, sah die Gesichter glücklich, die -Augen strahlend von Liebe, und ahnte, wußte die Wahrheit. Rosa nickte -der gerührt Blickenden zu und sagte: »Du erräthst es, liebe Mutter! Ja, -er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich so schön, wie man's nur -wünschen kann -- und hat um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen -Korb geben?« - -Die Frau lächelte und schwieg: »Was du thun wirst,« versetzte sie dann, -»weiß ich nicht. Ich für meine Person hab' einen Korb in Bereitschaft.« --- »Wie!« rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer Frage. -- -»Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk,« erläuterte die Gute, indem sie -ein groß besiegeltes Schreiben hervorzog. -- »Ah!« rief die Tochter -ahnend, »das ist dein Geheimniß?« -- »Allerdings,« versetzte jene, -indem sie ihr den Brief übergab. »Dein Erfolg von letzthin hat meine -Bemühungen unterstützt: du bist aufgerückt und dein Gehalt beinahe -verdoppelt!« - -Rosa öffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz, überflog es -und rief: »Tausend mehr -- das ist stark! -- Aber gut!« setzte sie -mit einem Blick auf den Poeten hinzu, -- »sehr gut! Wir werden es zu -brauchen wissen.« - -Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: »Ich sehe, du meinst, ich -selber bringe nichts als meine Lieder und meine Liebe! Erlaube mir, -daß ich doch noch eine kleine Rente hinzufüge, die meine guten Eltern -mir ausgeworfen haben -- für den Haushalt.« -- »Wie schön!« rief das -Mädchen und faßte lächelnd seine Hand. - -»Ich will es bekennen,« fuhr Heinrich fort, »ich bin hierher gekommen -mit einer Liebe, die ich zu verbergen entschlossen war; aber die -Hoffnung ließ ich mir nicht völlig rauben. Ich wollte schweigen, aber -schweigend die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen, -wie lange es dauern mochte. Das hab' ich meinen Eltern gestanden, und -sie, welche die edelsten Seelen aus meinen Schilderungen kannten, gaben -mir ihren Segen dazu. »Versuche dein Glück,« sagte die gute Mutter zum -Abschied; »eine bessere Frau wirst du in der ganzen Welt nicht finden.« -Und weil es denn doch eine Gnade gibt in der Welt, so hab' ich sie -gefunden und,« setzte er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, »zur -besten Frau die beste Schwiegermutter!« - -Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte und liebkoste sie -mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. Die drei Glücklichen tauschten -Reden und Bezeigungen der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und -gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre ging auf und es -zeigten sich die beiden Regisseure mit Doctor Willmann. - -»Gratulire, gratulire!« rief der Heldenvater, der den Zug eröffnete. -Als er bei den Damen auch den Poeten erblickte, setzte er überrascht -hinzu: »Sie schon wieder hier? Und mit einer Miene -- -- was muß ich -denken?« - -Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der Hand und sagte: -»Meine Herrn, erlauben Sie mir eine Vorstellung! Rosa Wendling, erste -Liebhaberin der Hofbühne -- meine Braut!« - -Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf diese Eröffnung. -Nachdem Heinrich in der kürzesten Form erklärt hatte, wie es gekommen, -folgten Glückwünsche unter frohem Beloben und Händeschütteln. - -»Nun,« rief Berger dem Poeten zu, »nun sind Sie fertig! Arm in Arm mit -Ihr werden Sie das Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden -Schauspiele schreiben, Lustspiele --« -- »Und Tragödien!« fiel Hallfeld -ein. -- »Diese letzteren,« fuhr Berger fort, »wenn sie unvermeidlich -entstehen, werden wir mit dem größten Interesse =lesen=.« -- »Und wenn -sie gelesen sind und sich erprobt haben -- spielen,« setzte Hallfeld -hinzu. - -Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte, und zuckte die Achsel. -Heinrich versetzte: »Meine Freunde, ich habe Erfahrungen gemacht, die -mir auch zu dramatischen Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles, -was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. Zunächst will -ich glücklich seyn und Hochzeit machen, Hochzeit mit der edelsten und -liebenswerthesten Braut, wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt -hat -- wozu die Herrn freundlich geladen sind.« - - - - - Verlust und Gewinn. - - - I. - -Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem Thal des nordwestlichen -Theils von Süddeutschland, war in der zweiten Hälfte der zwanziger -Jahre, an einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken kann als -schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft versammelt. Die -Witterung war in der That höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch -leichte Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr, -und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den schönsten Farben des -Frühlings. Ueber diese Gunst des Himmels war vor allen der Baron -erfreut, der seit mehreren Tagen einen einflußreichen Mann und -entfernten Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und heute -durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen zu Ehren in seinem -Park veranstaltet, den bisherigen Festlichkeiten die Krone aufsetzen -wollte. Wie es glückliche Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles -nach Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche Gäste -eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil sehr wohlklingend waren. -Die Schützen nicht nur, auch die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an -einer wohlbesetzten Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen, fanden -sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache war aber, daß -keiner der Geladenen so unhöflich war, besser zu schießen als der Graf. -Dieser machte bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und kam -dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und die vorgestellten -Gäste benutzten die Gelegenheit, das Geschick Seiner Excellenz auf das -Wärmste zu bewundern und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen. -Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung versetzt, die -eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich glücklich zu preisen, so -etwas mit angesehen zu haben. - -Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin einen guten Namen -zu machen, hatte ausdrücklich gegen den Baron den Wunsch ausgesprochen, -daß auch das Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß -hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, der den Schützen -eingeräumt war, hinter nothwendig erachteten Planken eine bunte Menge -von Bewohnern des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im -Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten natürlich, wer der -König des Festes war, und vermöge jener verehrungsfrohen Theilnahme, -die sich über alles beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich -auszeichnet, oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit, -die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise eine gehörige -Schmeichelei bringen könne, machte sich unter ihnen ebenfalls ein sehr -lebhaftes Staunen über die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die -einen Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen, als ob sie -selber den guten Schuß gethan hätten, so sagten andere, während der -Gefeierte vorbei ging, für ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar: -»Das ist Einer! der versteht's! Hast du schon so was gesehen? Da können -sich die andern verkriechen« u. s. w. Der Graf lächelte und schien -über diese Art der Anerkennung nicht weniger erfreut als über die -Glückwünsche der Schützen und der schönen Damen. - -Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung strahlte. Was kann es -für einen gastfreien Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß -eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft? Das Anordnen ist -unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen gehört außer der Kunst noch -Glück. Beides, seine eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks -genießt der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; und -wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der Welt ist, wie sie -gar oft auch da nicht erscheinen will, wo man sie mit pomphaften -Veranstaltungen sucht, der wird die innige Zufriedenheit des Barons -über ihre damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr von -Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht nur fähig sind, sich -von Herzen zu freuen, sondern denen die Freude auch wohl ansteht. Er -war von stattlicher Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner Kopf -mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem Mund verrieth eben -so wie seine Haltung den ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf -Kenntniß und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem angehenden -Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit unerschöpflicher Artigkeit den -Wirth machte, wie er mit dem Schein der Absichtslosigkeit von einer -Gruppe zur andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an bis zu -dem geringsten derselben, ein passendes Compliment zu sagen wußte; -wie er doppelt anmuthig und beglückt erschien, wenn er einer Dame den -Hof machte; wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen -Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen hervorrief, und mit -Lächeln die Dorfbuben betrachtete, die sich in der Nähe der Tafel -jubelnd im Grase wälzten -- wer alles das auch nur als unbetheiligter -Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen ungewöhnlich liebenswürdigen -Mann erklärt haben. Und daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine -Weine tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift sich. - -Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens war, hatten sich -zwei junge Leute von ihr entfernt. Sie wandelten in einer Allee unter -einem prächtigen Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und -Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich aber doch auf's -angenehmste zu unterhalten. Es war Arthur, der zwanzigjährige Sohn -des Barons, und seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind -einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem verwittweten Baron -die Honneurs machte. Arthur, der ein ziemlich geübter Jagdschütze war, -hatte anfangs auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den -Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden Preise, wie -billig, den Eingeladenen überlassen. Da er nun auch seinen geselligen -Pflichten als Sohn des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl -dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein wenig spazieren zu -gehen. - -Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes aus der Ferne zu -vernehmen. Wir empfinden hier, was man die romantische Poesie des -fröhlichen Lebens nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und -süßesten Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl bewegt, -und lauschen wir an lieblich heimlicher Stelle, dann gleicht nichts -dem Zauber, der bei solchen Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt. -Die beiden jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach einem -guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter und frohen Lärm, -wandten sich theilnehmend um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd -an und freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. »Wie schön ist -heute Alles!« rief zuletzt Anna mit einem Ausdruck des jugendlichen -Gesichts, der das Fest mehr ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur -stimmte herzlich bei und sagte: »Es ist mir besonders lieb meines -Vaters wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier leben.« - -Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte sich das Paar, einem -unbewußten Zuge der Herzen folgend, immer weiter davon. Sie waren an -der westlichen Grenze des Gartens angekommen und gingen in's Freie. -Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen, der zugleich -inniges Wohlgefühl und Befangenheit auf seinem Gesicht hervorrief. -Ein süßes und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar und -klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen Ernst wahrnahm, wurde -sie gleichfalls ernster und sah mit einer gewissen Verlegenheit vor -sich hin. So wandelten sie schweigend neben einander bis zum Fuß der -Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren nächste Partien -Eigenthum des Barons waren. »Wir wollen hinauf,« sagte Arthur wieder -freundlich und traulicher; »es ist schon lang, daß wir nicht mehr -zusammen herunter gesehen haben.« Das Mädchen, statt aller Antwort, -ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras glitschte und einen leichten -Schrei ausstieß, ergriff Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine -Röthe glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand ihrer -Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem Wohlgefallen war -in den jungen Seelen eine Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie -einen kindlichen Charakter behielt, nicht weniger tief und innig war, -eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl offenbarte und in -ihrer Bedeutung von Arthur klar erkannt, von Anna wenigstens geahnt -wurde. Der Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu seyn, -daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen. Denn zwischen -Verwandten ist ein traulicher Verkehr allerdings natürlich, aber die -Liebe verändert das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit -dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, wird durch sie -ein wunderbares, heiliges Wesen, dem er nur mit inniger Scheu, mit -tiefer Verehrung nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher -erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse, und unmöglich -dünkt es ihm, eine Hand zu berühren, die er sonst mit vetterlicher -Unbefangenheit ergriff. Dafür ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt -auch ein unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder mit -kühnem Entschluß erstrebt zu werden. - -Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen, wollen -wir einen kurzen Rückblick auf ihre Vergangenheit und ihre -Lebensverhältnisse werfen. - -Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine Mutter, die aus einer -Patricierfamilie stammte, erlag einer Krankheit, als er zehn Jahre alt -war. In der nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück, -für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, der in ihm -neben dem Sinn für die Wissenschaft ein Interesse für das Nützliche -und Gemeinnützige weckte und ein unbefangenes Urtheil, einen festen -Charakter in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als der Baron -in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen eines Lebemanns überließ -und für den Sohn ein gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war -von fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen -und war keineswegs unempfänglich für Schmeichelei, Eigenschaften, die -der Verlockung manche schwache Seite boten. In Folge der guten und -klugen Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien und -ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das Liebste. Mit Recht konnte man -ihn für einen musterhaften jungen Menschen erklären. - -Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von Holdingen ihren -Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen Gutes nahm. Der Gatte dieser -Dame war als Beamter in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts -hinterlassen als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der Stadt von -ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig leben konnte, bezog sie -ihre Villa, die etwa anderthalb Stunden von Waldfels lag. Als eine -Frau, die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr Gemahl -eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete sie sich mit ihren -geringen Mitteln dennoch würdig ein und führte ein Hauswesen, das bei -aller Einfachheit einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte. -Der Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit Rath und That -behilflich gewesen, und das Verhältniß der beiden Familien hatte sich -dadurch nur um so fester geknüpft. - -Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim ersten Anblick -großes Wohlgefallen. Er behandelte sie anfangs mit der wohlwollenden -Herablassung, die einem Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die -ersten Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges Kind -natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, die eine sehr gute -Erziehung erhalten hatte, war ihren Jahren körperlich und geistig -voraus. Sie gehörte zu den Naturen, die sich in harmonischem -Wachsthum entwickeln, immer dieselben zu bleiben scheinen und -immer liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die zuerst ein -unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit des Uebergangs vom Kinde -zur Jungfrau sich aber schnell zu überraschender Schönheit ausbilden, -so war Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese erreichte -später nur einen höheren Grad der Vollendung. Eine schlanke, feine -Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem Gepräge, das aber, von -kindlicher Freude und herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von -äußerlicher Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, fein, -ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon früh zeigte sie -entschiedene geistige Fähigkeiten, durch welche sie nach und nach in -den Stand gesetzt wurde, ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen -und mit verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen. Alles das -flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die ihn ein anderes Verhalten -gegen sie annehmen ließ. Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von -seinem Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen. Da sie -häufig beisammen waren, so entstand zwischen ihnen ein vertrauliches -Verhältniß, in welchem sich beide wohl und glücklich fühlten. Es war -jedoch vollkommen harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie sie in -solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich in ihnen. - -Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich bezog Arthur die -Universität. In der akademischen Freiheit gab er sich den Studien -hin, die ihn am meisten anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden -Naturgeschichte und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie -und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen. Die -Erde mit ihrem Reichthum an Natur- und Kunstprodukten, deren beste -Anwendung und Vertheilung, Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde -der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der Liebe zur -Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang ausfindig machte, so -hatte er über diese Gegenstände selber seine Gedanken und hielt sie -für wichtig genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner -angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte sich aber in -vorkommenden Fällen seines Standes würdig, und schonte da, wo es eine -Ehrensache war, etwas zu thun, das Geld weniger, als andere seiner -Commilitonen, die sich eines bessern »Wechsels« rühmten. In der neuen -Welt, die ihm in seinen Studien aufging, und bei den Bekanntschaften, -die er machte, war ihm das Bild der kleinen Anna einigermaßen -erblaßt, und zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren seines -Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch eine Zusammenkunft -wieder aufzufrischen. Vor wenigen Tagen nun, wo ihn sein Vater des -Grafen wegen nach Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal -wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr Wesen verrieth schon -jene Fülle des Gemüths und jenen eigenthümlichen Gehalt, der bei andern -Naturen erst später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter der -Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu geben pflegt. Es war -die Jungfrau in ihrer ersten, rosigen Erscheinung, noch Kind und doch -schon Weib -- ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden Lebens. -Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in's Herz getroffen. Er stand -nach dem ersten Gruße scheu und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte -er sich und suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden, -was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in seine Seele gesenkt, -der nun rasch aufging und sich drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle -Sehnsucht bemächtigte sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen, -und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen beschäftigt sah, -lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein. - -Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen. Obgleich hier eine -Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ Arthur die geliebte Hand doch nicht -los, indem er die Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das -Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste Erhöhung, -wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die Aussicht genießen wollten. -Der Anblick, der sich ihnen hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer -anderweitigen Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung. -Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig rein geworden und -der Glanz der Sonne im Westen nicht durch das kleinste Wölkchen -mehr getrübt. Die fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer -Beleuchtung vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der Büchsen -und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang der männlichen -Lustbarkeit anzeigte, und das nach Osten gebaute Schloß; weiterhin, -rechts und links sich ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten -Städtchen, freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern, reichen -Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche der Segen des -Thals, der blinkende Fluß dahinströmte; die gegenüberliegenden -Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern bedeckt, an ihrem Fuße hin und -wieder herrschaftliche Wohnungen und auf einem Gipfel, aus Bäumen -hervorragend, eine verwitterte Burgruine. Durch das allgemeine Grünen -und Blühen hatte die Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen -Charakter erhalten, und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling in -den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten Augen die vor ihnen -ausgebreitete Schönheit und in lautloser Verständigung sich selber -ansahen. - -Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: »Wie herrlich ist's hier -oben! Man möchte da wohnen und gar nicht mehr hinuntergehen!« -- -»Ich hab' auch im Sinn,« bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen -Selbstgefühl, »hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.« -- »Auf dieser -Stelle?« fragte das Mädchen. -- »Nein,« versetzte der junge Mann, -»nicht hier.« -- »Warum nicht?« entgegnete sie verwundert. Arthur -wiegte das Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen Mund. -Anna sah ihn fragend an und sagte: »Wo ist es denn schöner?« -- »Komm,« -erwiederte Arthur und ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte -sie nordwestlich an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf einen etwas -höher liegenden und mehr vortretenden Punkt und sagte: »Hier ist's -schöner.« Das Mädchen sah umher und schien den Unterschied nicht gleich -wahrnehmen zu können. Auf einmal rief sie: »Ah, da sieht man unser Haus --- und mein Fenster, ganz deutlich!« Eine glühende Röthe ergoß sich -bei diesen Worten über das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu -ihm, und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in ihrem Antlitz -auf. Sie hatte den Grund der Wahl dieser Stelle erkannt. Was bisher -nur in Ahnung vor ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie -der Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über alles und -für's ganze Leben. -- Ein Schauer von Wonne ergriff sie; bebend und wie -niedergedrückt durch die Fülle des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber -die Liebe war zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham -und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich über das -Gesicht des schönen Mädchens verbreitete. - -Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit erholt; er sah -auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus redlichen Gemüths, eine -freudige Hoffnung leuchtete aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu -ihm und schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte die -ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. Arthur faßte entzückt -ihre beiden Hände und rief: »Anna! liebe gute Anna! Du liebst mich! -Ja, du liebst mich!« Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte, -erwiederte nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von ihren Lippen -hören und rief dringend: »Sprich, Anna! Liebst du mich? Willst du -mir gehören?« Das Mädchen erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger -Liebe, mit dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie: -»Ja, Arthur!« Der Jüngling preßte ihre Hände an seine Brust und rief, -indem Thränen seine Augen füllten: »Dank dir, Anna! tausend, tausend -Dank! Ich bin dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll mein -Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als dich zu lieben und dich -glücklich zu machen!« -- -- - -Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf dem Rückwege. Die Liebe -erweckt in redlichen und lebensvollen Gemüthern vom ersten Moment -ihres Entstehens an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare -Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt sie nach dem -ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist ihr süßes Leben verschmolzen -mit der Heiterkeit des Siegs, mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes. -Der freudige Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem Dank -für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden. Die Seele ist klar und -ruhig bewegt, aber die Empfindung tiefer als je vorher. Der Himmel, in -welchem die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als ob sie -immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu, wie ein Wunder, das sich -eben vor ihren Augen begeben. - -Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern können, sie hätten -sich vielleicht in dieser Weise ausgedrückt; aber sie waren in ihr -Glück versenkt und hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie -vergaßen auch des Redens unter sich und gingen schweigend den Hügel -hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich darauf, daß sie von Zeit zu -Zeit die jugendlichen Gesichter gegen einander wandten und sich wie -träumend mit seligem Lächeln ansahen. - -Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar nach einem -Schuß ein allgemeines Freudengeschrei. Die Trompeter und Hornisten -bliesen den Siegestusch mit nie vernommener Stärke und wiederholten -ihn mehrmals. Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das Paar -beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien Platz angelangt, -erblickten sie den Grafen, von Herrn und Damen umgeben, die ihm -mit dem lebhaftesten Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie -warum. Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, wie -es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist. Wir sehen bei -Hazardspielen, daß gewisse Spieler an gewissen Tagen unwiderstehlich -glücklich sind. Dasselbe können wir bei den Unterhaltungen bemerken, -wo es hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um vieles -begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen offenbar eine -die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt. Nun wohl, der Graf hatte -heute seinen gesegneten Tag und so eben seinen Leistungen die Krone -aufgesetzt, indem er die Krone des Vogels herunterschoß und damit -den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall dabei sehr -begünstigt. Andere Schützen hatten das Stück, welches dießmal besonders -gut befestigt war, so wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was -konnte das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das Glück und -die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß ihm sein Glück nun eben als -das höchste Verdienst angerechnet wurde. Die vornehmeren Gäste, die -ihn umgaben, überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren Leistungen, -und einige Bauernbursche hatten beim Fallen der Krone gerade heraus -gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. Dieß hätte man sonst wohl als -ungehörig empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, so hoch war -der Strom der Begeisterung gestiegen. - -Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen durchdringen konnte. -Als er ihn begrüßte, rief dieser: »Ah, junger Freund, wo stecken Sie? -Man hat Sie seit zwei Stunden nicht gesehen.« -- Arthur erwiederte, er -habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. »Allein?« fragte der -Graf. »Sind Sie Poet? Philosoph? Wie?« -- Der junge Mann bemerkte, -er habe seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. -- »Ah so!« -rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war ein großer Kenner in -Herzensangelegenheiten, hatte schon früher einen Blick aufgefangen, den -Arthur arglos auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben machte -ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. Durch seinen Erfolg als -Schütze zur Güte und Milde gestimmt, unterdrückte er indeß vor den -andern eine neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und sagte -beifällig: »Damendienst geht allem vor. -- Aber,« setzte er vergnügt -hinzu, »etwas früher hätten Sie doch kommen sollen. Sie haben etwas -versäumt.« -- In Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und -er sagte: »Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von einem Schusse -gewesen zu seyn, von dem man in Waldfels »noch reden wird in spätsten -Zeiten.« Allein überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone -keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.« -- »Ei, ei,« versetzte -der Graf, »Sie schmeicheln!« -- »Die Schmeichelei,« erwiederte Arthur, -»liegt nicht in dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz thun.« --- »Schon gut,« sagte der Graf. »Uebrigens,« fuhr er heiter fort, -»muß ich gestehen, daß der heutige Tag der schönste ist, den ich seit -lange erlebt habe. Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn -und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig Dank wissen.« -- »Der -heutige Tag,« erwiederte Arthur mit schelmischem Doppelsinn, »wird -einen Glanzpunkt in der Geschichte von Waldfels bilden. Was sich an -ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu bemerken und die spätesten -Geschlechter sollen sich noch daran erfreuen.« -- Der Graf lachte und -verabschiedete den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung. -Später sagte er zu dem Baron: »Ihr Arthur gefällt mir immer besser. Er -hat Geist, viel Geist, und wenn er sich für den Staatsdienst bestimmen -will, verbürge ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was ich -dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen, soll mit dem größten -Vergnügen geschehen.« - -Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf von dem Wahlplatz -zurück und überließ es Andern, das schon geplünderte Thier vollends -zu Grunde zu richten. Als die Sonne gesunken war, bestimmte und -vertheilte man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt, -war doppelt und dreifach der König des Tages. Den würdigen Schluß des -Festes machte ein Souper, das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf -bildete natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm prangte -in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß; hinter ihm an der Wand -hatte man die von ihm gewonnenen prächtigen Fahnen aufgehängt. Er -war offenbar von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er gehalten -wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses Gefühl gab sich in der -Form der Huld und jedermann gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es -schön und groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben seine -Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der Freude seines Herzens -unbefangen mit ihr, und das Paar theilte sich die lieblichsten Dinge -mit, ohne daß die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden Zeit, -hie und da einen Blick auf sie zu werfen und Wahrnehmungen zu machen, -die Sie zu ergötzen schienen. Der Baron ließ seine Blicke über die -Gesellschaft hingleiten wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah, -daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten Tafeln -untadelich servirt wurde; er vernahm von allen Seiten das empfundene -Lob der Speisen und Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu- -als abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in einen -frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes Gelächter zuweilen -unterbrochen und überboten wurde. Das alles freute ihn in tiefster -Seele. Und als er nun zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und -Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit grenzenlosem -Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte in höchst anerkennenden -Ausdrücken den Wirth leben ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als -ob sie nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den Herrn von -Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht nicht ganz zu theilen, und -an einem der Geladenen hätte man beim Serviren des Champagners sogar -ein unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können. - -Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der Graf zog sich in -seine Gemächer zurück und die Gäste verabschiedeten sich. Arthur fand -Gelegenheit, der Geliebten durch einen Händedruck zu sagen, was seine -Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und die beglückendste -Antwort zu empfangen. Er war zu aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu -begeben, und ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön, -thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten Himmel und verklärte -die Landschaft mit jenem silberklaren, ahnungsvollen Licht, das in -gewisse Stimmungen süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht. -Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem theuern Mädchen -durchwandelt, ließ die Erlebnisse des Tages an sich vorüberziehen und -entwarf reizende Plane für die Zukunft, indem er einstweilen an dem -Bilde des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen sollte. -Spät ging er zu Bette und setzte in Träumen fort, was er wachend -begonnen hatte. - - - II. - -Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr förderlich seyn kann, -wenn sie nicht übertrieben in Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es, -unentschiedene Verhältnisse sobald als möglich in's Klare zu bringen, -und das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft auszuführen. Als -er nach der Abreise des Grafen am Abend des folgenden Tags über seine -Verlobung mit Anna -- denn das war ihm die wechselseitige Erklärung --- und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, kam er zu dem -Entschluß, dem Vater alles zu gestehen und sein und Annas Glück durch -die Beistimmung der Eltern zu sichern. - -Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch nicht alles an ihm -billigen konnte, und hatte zu seinem Wohlwollen, seiner theilnehmenden -Güte das vollste Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er -am nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm über seine -Herzensangelegenheit zu sprechen. -- Uns liegt nun aber vor allem -ob, die Leser mit dem Manne, von welchem das Schicksal des Jünglings -abhing, näher bekannt zu machen. - -Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer Klasse von Adeligen, wie -sie jetzt seltener geworden sind. Sein Vater, schon bei der Uebernahme -des Familiengutes sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber -doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande nichts und übte eine -würdige Gastfreundschaft; allein da er sich beinahe ausschließlich -auf seiner Besitzung aufhielt und sich mit der Verwaltung seines -Vermögens beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte -zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich daher Capitalien und -Güter. Bei seinem Tode war Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der -ältere Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge die Güter, -während sein um mehrere Jahre jüngerer Bruder in's Landesheer eintrat. - -Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen Mannes zur -Verschwendung geneigt ist; im Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer -muß seinen Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue -Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem diese durch die -väterliche Autorität niedergehalten gewesen, traten sie in der Freiheit -um so glänzender hervor. Jung, schön und reich -- warum sollte er -sich etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit, der Baron -Günther, und bewährte diese eben so gegen sich selbst, wie gegen -Andere. Er begriff nicht, wie man ein anderes Streben haben könne, als -das Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern Genuß zu -bereiten. Beides that er denn auch in großem Maßstabe. Mehrere Jahre -lang besaß er den Ruhm des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der -ganzen Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben hatte, waren -dafür in den Kauf gegeben. - -Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des Stammgutes beschränkt -sah, lernte er in einer süddeutschen Handelsstadt ein schönes, blondes, -zartgebautes Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige -Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das Geschlecht, -aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem reich, war jetzt kaum -mehr wohlhabend zu nennen; statt der Mitgift brachte aber die junge -Frau ökonomische Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung -Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig geringen Mitteln -doch ein anständiges Haus zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr -sich gleich blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so -hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen immer noch -bedeutenden Revenuen. Leider starb die gute Frau an den Folgen einer -unglücklichen Niederkunft. Der Baron war untröstlich; er zog sich von -der Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin mit einer -Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte. Allein noch war nicht ein -volles Jahr verflossen, so fühlte sein Herz sich befreit und sein -ursprünglicher Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor. - -Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den Sprößling eines alten -Geschlechts nicht wohl passend sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern -Seite aber höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten -und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität zu übertreffen. -Er verschmähte die Spekulation und hielt es unter seiner Würde, bei -Kauf und Verkauf zu feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern -mit ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines »einsichtsvollen« -Mannes priesen. Handwerker und Künstler durch Bestellungen aufzumuntern -und überhaupt durch Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien -ihm als Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei dieser -Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß. Gefiel ihm ein -Pferd, ein Jagdhund oder was sonst immer, so mußte er es haben; und -daß diese Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. Dabei -war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst angenehme Erscheinung. -Er hatte die noble Würde eines Mannes, der fähig ist Andere zu -erfreuen, und das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft -freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim Spiel mit mehr guter Laune -zu verlieren. Es schien ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine -Geldstücke zu dem Häufchen eines andern wanderten, und wenn dieser -seine Freude darüber nicht verbergen konnte, so betrachtete er ihn -mit einem wohlwollend überlegenen Lächeln, wie etwa ein Vater sein -Söhnchen, wenn es wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen -blicken läßt. - -Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen gegönnt, so wohl -stand ihm sein prächtiges Leben an. Die seinen waren es nicht. Schon im -ersten Jahre reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf -einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum Geldaufnehmen -geschritten werden. Dieses, das nöthige Abbezahlen kleiner und das -Aufborgen größerer Summen wurde von da an die hauptsächlichste -Beschäftigung des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf -gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen Reiz. Er wandte -ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft daran, das ihn, der -Verwaltung seiner Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen -müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam bei diesen Geschäften -zum Vorschein. Er sorgte dafür, daß seine Passiva der Welt möglichst -ein Geheimniß blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen -immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei verläugnete er seine noble -Denkart keineswegs. Er beglückte die Frauen und Kinder der Gläubiger -durch Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige Bedingungen, -und wenn er seine Lieferanten und Handwerker nur sehr theilweise -bezahlte, so hinderte er sie doch auf keine Weise, übermäßig große -Rechnungen zu machen. - -Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr drei Jahre vor dem Beginn -unserer Erzählung kam er in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze -Stärke seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß -merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend anstrengen, um das Schiff -wieder flott zu machen, und so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her -seinen kostspieligsten Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses mußte -jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, vor welchem er die Lage -der Dinge zu verbergen verstand, mußte auf Gymnasium und Universität -als junger Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte Graf nach -wiederholten Einladungen endlich Waldfels zu besuchen versprach, so -durfte er nichts vermissen, was er von einem Wirthe seines Gleichen nur -irgend zu erwarten berechtigt war. -- - -So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. Die Leser können -daraus einen Schluß ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu -fürchten hatte. - -Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte Herr eben in einem -Haufen von Papieren. Er horchte hoch auf, als jener ihm eröffnete, -daß er mit ihm über eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe. -Der junge Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur war, -entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur Erreichung guter -Absichten die geeigneten Mittel zu finden weiß. Er hielt es dießmal -für gut, etwas auszuholen, und sprach zuerst von einem Lebensplan, den -er sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen, daß ihn -eine besondere Neigung zu cameralistischen und ökonomischen Studien -treibe, und daß er sich nichts anderes wünsche und auch nichts anderes -vorhabe, als nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung -des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei Verbesserungen, die er -für möglich halte, den Ertrag desselben glaube steigern zu können. --- Der Baron antwortete mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte -ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. -- Arthur ging nun -über auf das angenehme Leben in und um Waldfels. Er sprach von dem -gemüthlichen Charakter des Volks, von den vortrefflichen Familien in -der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen und ihre Tochter -als ausgezeichnet durch Bildung, Geist und Charakter, hinzufügend, daß -der Vater dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze und -am liebsten mit ihnen umgehe. -- Der Baron, der darin nur eine weitere -Begründung des Wunsches erblickte, später in Waldfels zu leben, kam -noch nicht auf die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten -von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn die größte Freude und sprach -nun die zuversichtlichste Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß -seinem innigsten Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf dem -Lande leben bei seinem Vater und an der Seite einer braven Frau. Alle -Tugenden, die er von einer Frau verlange, habe er aber in Anna von -Holdingen gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder -geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung ihrer Liebe und -Treue von ihr erhalten und er bitte den Vater inständig, zu diesem -Bunde der Herzen seine Beistimmung zu geben. - -Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung aus, wie einer, der -zweifelt, ob er recht höre. Er erhob sich, betrachtete den Sohn halb -mitleidig und sagte: »Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben -- -mit einem Kind?« -- »Anna,« versetzte Arthur mit bescheidenem Ernst, -»ist kein Kind mehr. -- Indeß,« fügte er mit einem Lächeln hinzu, -»wenn sie's noch wäre, so wär' es ihr einziger Fehler; und du weißt ja, -daß man eben diesen am schnellsten und sichersten ablegt.« - -Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem Bedenken -schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu seinem Wesen, daß er sich über -die Zukunft Arthurs nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte -für die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn gewähren. -In den seltenen Augenblicken, wo er wegen der Zerrüttung des ererbten -Vermögens doch einige selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte -er sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der so viele -Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium zeige, werde seiner Zeit -in den Staatsdienst treten, um eine gute Carrière zu machen; und als -er den Grafen zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch -daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung desselben einen -einflußreichen Protektor zu gewinnen. Auf der andern Seite erwog er, -daß es einem Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig, -unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie zu machen und durch -die Reichthümer der Erwählten die Mängel des väterlichen Vermögens -zu decken. So mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen -bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in ihm erregen. Als der Sohn -auf seinem Gesicht einen Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien, -wurde er sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung: -»Wär's möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele? Hättest du an Anna -etwas auszusetzen?« - -Der Baron versetzte mit Würde: »Nach meiner Ansicht ist die Zeit, wo du -an Verlobung, oder gar an Verheirathung denken kannst, überhaupt noch -nicht gekommen. Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir aus vielen -Gründen eine reichere Partie wünschen, da unsere Vermögensverhältnisse -keineswegs mehr brillant sind.« -- »O,« rief der Sohn, »wenn es nur das -ist, dann hab' ich keine Sorge!« Und mit Selbstgefühl setzte er hinzu: -»Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, daß ich eine reiche -Frau nicht nöthig habe. Ich habe meine Gedanken, und wenn du mir freie -Hand gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren stehen wir -so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete Familie einführen kann.« --- »Du weißt nicht,« entgegnete der Vater mit einem Seufzer, »wie -weit es gekommen ist!« -- »Das ist einerlei!« versetzte der liebende, -muthige Jüngling. »Im schlimmsten Fall hätten wir nur ein paar Jahre -mehr nöthig.« Und indem er ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief -er in bittendem Ton: »Sey der gute, liebe Vater, der du immer warst! -Gib deine Einwilligung!« - -Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage so klar vor Augen, -wie nie vorher. Das Gefühl, daß sein einziger Sohn und das gute Mädchen -einem traurigen Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn, und eben -die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur Strenge. Er wies die Hand -des Sohnes zurück und sagte mit Entschiedenheit: »Laß diese Thorheiten! -Du bist selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben gehört!« -- -Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes anführen zu können, -fuhr er fort: »Ich war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner -Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig allenfalls an's -Heirathen denken darf. Die kindischen Schwärmereien der Jugend sind -dann von selber vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in -jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß ich wissen, der -ich Erfahrung habe und die Welt kenne. Aber ihr jungen Leute wollt -heutzutage klüger seyn als die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch -in die gehörigen Schranken zurückzuweisen. -- Kurz, ich gebe zu dieser -Verbindung meine Einwilligung nicht und werde dafür sorgen, daß die -voreilige Liebschaft ein Ende findet.« - -Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte Herr wieder an -den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt ihn zurück. Mit Ernst und -Festigkeit erwiederte er: »Du bist hart gegen mich, Vater, und das -thut mir weh, denn ich bin's nicht von dir gewöhnt. Aber deine Härte -- -verzeih' mir, daß ich so zu dir rede -- kann und wird meinen Entschluß -nicht ändern. Ich habe es wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich -muß vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht halte. Ich -=kann= meiner Cousine nicht entsagen. Sie ist ein so liebenswürdiges -Mädchen, daß sie das Bild, das ich mir immer von dem vortrefflichsten -Weib gemacht habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt vereinigt -sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den heitersten Geist und den -klarsten Verstand. Und wenn sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist, -was muß man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein solches Wesen -existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden habe, ein unendliches -Glück -- und dieses Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde, -sollt' ich von mir stoßen? -- Das ist es aber nicht allein. Ich habe -mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen der Treue mit ihr -gewechselt, und glaubst du, daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes -Wort brechen werde?« - -Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser Entgegnung nicht ganz -verschließen; aber noch bewahrte der Baron seine Festigkeit und rief -im Ton des Unwillens aus: »Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler, -daß du ein solches Wort gegeben hast!« -- »Es ist dazu gekommen,« -erwiederte Arthur, »ich weiß selbst nicht wie. Ich folgte meinem Herzen -und es ist mir nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich -fand das höchste Glück des Lebens -- konnte ich da noch an etwas -anderes denken? -- Und was ist denn alles andere im Vergleich mit -diesem Glück? Was kann denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das -Herz eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken und -Gott auf den Knieen danken möchten? -- Ich weiß nicht, ob es Menschen -gibt, die so klein von sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein -über alles geliebtes Weib durch's Leben zu führen. Ich aber, lieber -Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse jetzt auch -beschaffen seyn mögen, ich werde Anna glücklich machen, glücklicher als -irgend jemand in der Welt es vermag.« - -Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, mit Theilnahme -auf den Sohn zu blicken und in seinem ganzen Wesen eine innere -Bewegung zu verrathen. Er sagte mit sanfterer Stimme: »Lieber Arthur, -du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die Klippen nicht, die -dich bedrohen! Du wirst scheitern, wie so viele vor dir gescheitert -sind!« -- »Ich werde nicht scheitern!« rief Arthur mit dem Ausdruck -innerster Zuversicht. »Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts zu -schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft eine Stimme: du wirst -über alle Schwierigkeiten triumphiren! -- Aber,« fuhr er dringend -und herzlich fort, »du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine -Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du warst immer so gut -gegen mich und in den letzten Jahren, ich darf es wohl sagen, Vater -und Freund in Einer Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu -meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung dazu, ich kann und -will es nicht haben ohne sie. Darum schenke sie mir und gib mir dein -Jawort! Wir wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott und uns -selber vertrauen.« - -Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. Sein Herz war erweicht; -und zugleich hatte der Muth und die Zuversicht des Sohns ihn -angesteckt. Was er so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem -gerührten Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe -wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine gethan; er hatte gewarnt -und lange genug gekämpft. Der junge Mensch fügte sich nicht; man -mußte sich überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. -- Allen -diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte: »Wenn du es -nicht anders haben willst, so mag es seyn. Ich gebe meine förmliche -Einwilligung noch nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß -die Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. Dann aber,« -setzte er mit Bedeutung hinzu, »vergiß nie, daß ich dich gewarnt und -nur deiner Hartnäckigkeit nachgegeben habe.« - -Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet, um dankerfüllt -des Vaters Hand zu ergreifen und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit -kindlicher Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte: -»Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so wenig wie -die unendliche Güte, womit du meine Bitte erfüllt hast. Wenn ich -unglücklich werde, so ist es nur meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe, -so hab' ich es einzig und allein dir zu danken.« -- »Gut,« versetzte -der Baron mit väterlichem Ansehen, »dieß ist abgemacht. Aber Eines muß -ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag gehen wir zur Baronin: bis -dahin wirst du das Schloß nicht verlassen.« -- Arthur versprach es und -verabschiedete sich. - -Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu der Geliebten zu -eilen, aber er schrieb an sie und sorgte dafür, daß der Brief ihr -geheim übergeben wurde. Er meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit -seinem Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls -ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft seines Vaters ihre -Beistimmung zu erlangen. -- Den andern Morgen hätte man an dem schönen -Mädchen wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz ihre -Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche Thätigkeit als -sonst. Wenn sie davon abließ, stand sie bald in tiefen Gedanken und -ihren reizenden Mund verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln. -Sie schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu können und -nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. Dieses Instrument spielte -sie mit Fertigkeit, heute aber führte sie die gewählten ernsten Stücke -mit einem Gefühl und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu einer -weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung horchte und -unwillkürlich dem rührenden Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal -erhob sich das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben -nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer großen Jugend rief eine -holde Schamröthe auf ihren Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt -und die Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen. -Sie erklärte der etwas befremdet blickenden Mutter, daß sie ihr ein -Bekenntniß abzulegen habe, und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör -zu schenken. Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag mit der -Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber zugleich mit dem Muthe einer -liebenden Seele, durchaus getreu nach der Wahrheit. - -Frau von Holdingen war auf's höchste überrascht. Sie hatte nicht -geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit des jungen Vetters, die ihr -natürlich nicht entgangen war, eine so ernstliche Neigung verborgen -wäre, und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen. Aber sie -war nicht, wie der Baron, in der Lage, die Vereinigung der Kinder -bedenklich zu finden; im Gegentheil, sie empfand sogleich eine große -Befriedigung. Die Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande, -Arthur war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und, was sie schon -früher zum öftern hervorgehoben hatte, so recht von adelig schöner -Gestalt. Die Vermögenszustände des Barons hielt die von ihres Gleichen -stets das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie waren, den -Sohn mithin für den Erben einer immerhin noch bedeutenden Besitzung, -und da ihr Kind wenig oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die -materielle Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut -bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin von Waldfels -werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches und Beruhigendes. -Sie mußte sich Mühe geben, ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu -merken zu lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten. -Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls ihre hohe -Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei dieser Jugend sowohl des -Vetters als namentlich Anna's selber ein solcher Vorgang habe möglich -seyn können. - -Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: »Ich weiß wohl, daß ich noch jung -bin, aber ich bin alt genug, um einzusehen, daß ich einen besseren und -edleren Mann, als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb, -daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum Spaziergang -einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, was kommen sollte. Es ist, wie -wenn's vom Himmel gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war's -geschehen. Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges Versprechen -- und -du,« setzte sie mit herzlich bittendem und zuversichtlichem Ton hinzu, -»du, liebe Mutter, wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.« - -Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen folgend umarmte sie das -Kind, indem sie mit Güte sagte: »Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs -Gesinnung auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht zu -fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen werde. Es kommt aber -hier vor allem auf den Baron an, der mit seinem Sohn vielleicht andere -Absichten hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre es für -dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.« - -Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise des Barons in den Hof. -Der wackere Herr war in froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem -Appetit gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen Weinsorte -vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön und die wehende Ostluft -erquickend; als er daher mit dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr, -vergaß er den düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und -hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines Auftretens schöpfte -Frau von Holdingen sogleich die vollste Beruhigung, und die erröthenden -jungen Leute gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf -beiden Seiten alles wohl stehe. - -Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der nicht gewohnt war, in -solchen Dingen lang zurückzuhalten, seine Blicke von der Tochter zur -Mutter gleiten und sich dann also vernehmen: »Ich sehe, liebe Base, -daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. Nun, was -sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das nicht erstaunlich? Hat man in -unsern Zeiten von so etwas gehört? -- Sie haben uns eine eigenthümliche -Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber denken, wir -können nicht vermeiden, uns nun damit zu beschäftigen.« - -Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung an und erwiederte: -»Allerdings hat mir meine Tochter alles gestanden und ich habe mein -Urtheil nicht zurückgehalten über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend -zu einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben diese Jugend, -lieber Baron, muß sie entschuldigen. Was jetzt geschehen soll, das -hängt allein von Ihrer Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß -und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute nur die geringste -Einwendung zu machen, so kenne ich meine Pflicht, und ich werde dafür -sorgen, daß aller Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.« -- »Ach, -beste Baronin,« versetzte der alte Herr, »das würde nicht viel helfen. -Arthur hat sich mir von einer ganz neuen Seite gezeigt: er wäre im -Stand, seinem Vater zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht -nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit ohne weiteres -Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir thun? Die Kinder lieben sich, -sie haben sich Treue gelobt -- und wir müssen zu ihrem Spiel gute -Miene machen; -- das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht aus mir -unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre Einwilligung zu geben.« - -Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die Verbindung ihrer -Tochter mit dem Sohne des Barons von Waldfels für höchst ehrenvoll -und für das größte Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte. -Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann völlig unmöglich -gewesen, sein Jawort zu versagen. Er liebte es ohnehin nicht, Scenen -dieser Art hinauszudehnen, und versetzte daher mit herzlicher -Freundlichkeit: »Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und in -Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir in Gottes Namen unsere -Einwilligung und behalten uns vor, die wirkliche Verlobung so lange -hinauszuschieben, als es uns schicklich dünkt. -- Möge der Himmel,« -setzte er mit Ernst hinzu, »seinen Segen dazu geben!« -- Dann, mit -Liebe zu dem Paare gewandt, rief er: »Bedankt euch nun bei der guten -Baronin, Kinder!« - -Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder etwas bange -geworden, folgten der Aufforderung rasch und ließen ihre zärtlichen -Gefühle an den Eltern so herzlich aus, daß diese selbst der Rührung -nicht widerstehen konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten -Blicken ansahen. Arthur hatte Anna's Hand ergriffen, sein Auge hing an -ihr in triumphirender, seliger Liebe. Er wagte es nicht, ihre Lippen -zu küssen, und drückte, indem er sie an sich zog, seinen glühenden -Mund auf ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön aus und -ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter, daß der Baron der -Mutter zuflüsterte: »Mein Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses -Kleinod so früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden die -Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es hätte ihm doch wohl -einer gefährlich werden können. Er hat auch in dieser Sache den -Verstand und die Klugheit bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.« --- Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen -Lächeln. -- - -So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche bedenkliche Seite -darzubieten schien, einem Ende zugeführt, das alle Theile zufrieden -stellte. Der Baron hielt es um so weniger für nöthig, auf seine -dermaligen Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder -gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen zu fassen. Und -wenn es nicht der Fall gewesen wäre, wie hätte ein so guter Mann es -über's Herz bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung durch -einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte sich darüber, die -förmliche Verlobung in Ansehung der Jugend Annas erst nach einem Jahr -erfolgen zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, reisen und -endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann nach den Umständen früher -oder später die Vermählung stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte -sich nicht abgeneigt, das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna die -Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt zu werden. - -Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere, aber ächte Weinsorte -der Baronin eben so gut schmecken, wie seine bessere zu Hause. Seine -Laune belebte sich mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken -und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des Mädchens. Unter -andern wollte er darin einen Hauptbeweis für das Fortschreiten der -Menschheit erkennen, daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey, -so früh zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche Wahl zu -treffen und mit Leidenschaft Verstand und Festigkeit zu verbinden. -Er selber gestehe, sich mit der Thorheit länger abgegeben zu haben, -was er übrigens auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von -Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von dem besten Maler der -altniederländischen Schule porträtirt und in der Poesie seines Wesens -für alle Zeiten bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um -einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er wünschte und verkündete -ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit und mit dem besten Glauben ein Leben -voll Liebe, Glück und Freude. - -Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit den frohesten Empfindungen -entgegensehen? Mußten sie sich nicht schon angeweht fühlen von dem -Hauch der vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche das -Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre Gründe, eben diejenigen, -die ein schönes, ruhiges Daseyn zu verdienen scheinen, die Wege des -Unglücks zu führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von denen -die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben waren, eine nach der andern -zertrümmert werden sollten. - -Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war mit dem Baron eine -eigene Veränderung vorgegangen. Das Glück der beiden Kinder hatte -ihn in Wahrheit tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit -nachdenklich gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie etwas zu -thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor, seinen Haushalt noch -weiter einzuschränken und auf den Ruhm eines glänzenden Edelmanns -ganz zu verzichten. Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern -wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte sich eine -bewährte Köchin und befahl ihr, zwei Gerichte weniger zu geben als -bisher. Da er von seinem gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich -nicht entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren -Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche Gelegenheiten auf. -Ein reicher Nachbar hatte früher umsonst großes Verlangen nach seinen -zwei vorzüglichen Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das -Gelüste desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um hohen Preis -ab und bezahlte damit einen drängenden Gläubiger. Er fing an bei den -nöthigen Einkäufen auf Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten -Kaufleuten um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar um -seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst auf die Felder, um die -Arbeiten mit anzusehen, und unterhielt sich mit dem Verwalter über die -vortheilhafteste Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten -hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit einer -sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger Würde, als ob er nie an etwas -anderes gedacht hätte. Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so -lange sie vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten sie sich -nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln. - -Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in der eingeschlagenen -Richtung zu beharren, können wir nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn -der Probe. Er fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher als -gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. Ein Schlagfluß hatte -seinem Leben ein Ende gemacht. -- -- - -Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und lebenskräftigen -Person hat für diejenigen, die ihr mit Liebe anhingen, etwas tief -Erschreckendes. Zu dem Schmerz über den Verlust gesellt sich der -grausame Zweifel an allem, was man bisher für sicher und dauernd -gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die Unzuverlässigkeit alles -Irdischen sieht mit dem Antlitz der Gorgone auf uns her, und es -erfordert die höchste Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den -Pflichten des Tages zu genügen. - -Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht mit Entsetzen. -Die Ahnung einer unheilvollen Wendung ihres Geschicks durchzuckte -sie, als sie die bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich -mit thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in größter Eile nach -Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt eben erklärt hatte, daß man jede -Hoffnung aufgeben müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen, -die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte sich Frau von -Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden Boten an den Sohn und -übernahm als nächste anwesende Verwandte die Leitung des Hauses. - -Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung seines Oheims, den er -von der Landstadt, wo er als pensionirter Oberst lebte, mitgenommen -hatte. Wir versuchen es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe, -die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen gütiges -Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit noch erhöht. Wenn er -seinen vertrauten Freunden von ihm erzählte, so glänzten seine Augen, -als spräche er von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl -war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu reichen und den -geliebten Vater todt vor sich zu sehen! Er gab sich seinem Schmerz ohne -Widerstand hin. Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von dem -Oheim und Frau von Holdingen übernommen werden. - -Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine zahlreiche, -hochansehnliche Versammlung von Freunden der Familie Waldfels. Wenn -nicht Alle wahre Trauer um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die -Gruft seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein Ableben -aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede des Ortsgeistlichen, der -ihnen seine menschlich schönen Charakterzüge mit schonender Hindeutung -auf seine Schwächen in's Gedächtniß rief. - -Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; der Sohn war daher -alleiniger Erbe und der Oberst, als der nächste Verwandte, wurde sein -Vormund. Als beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit dem -Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die Lage der Dinge und -durch die Gesetze des Landes geboten waren. Aber bald sollte dieser -Muth niedergeschlagen werden. - -Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte sich. -Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere ließ die beiden -Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen auf den wahren Stand der -Vermögensverhältnisse. Als aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die -sämmtlichen Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die -Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten gefürchtet -hatten: die Summe der Forderungen drohte das ganze Erbe zu verschlingen. - -Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen gewiegt und so heilige -Pflichten übernommen hatte, war es ein schreckliches Gefühl, als er -zum erstenmal diese Wahrnehmung machte. Er war gerade allein -- sein -Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen --, die klar -erkannte Thatsache wirkte daher um so grausamer und niederwerfender -auf ihn; die Verzweiflung wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran -dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen worden war, -so konnte er sich einer bittern Empfindung nicht erwehren. Wie war es -möglich, solchen Wohlstand gänzlich zu untergraben und den Sohn dem -Bettelstab nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg zum Untergang -vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt zu werden? -- Bei alledem -vermochte er dem Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte -Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande gehegt hatte, -und der Ruin des Familienvermögens erschien ihm als eine Art von -Verhängniß, als eine Folge von Schwächen des Vaters, die zu seiner -Natur gehörten und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht -werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er nicht gesehen, wohin die -allzu glänzende Lebensweise zuletzt führen müsse, daß er sich nicht -schon früher ernstlich von dem Stande des Vermögens unterrichtet und -versucht habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen zu -bestimmen. Was sollte er nun beginnen? Welch ein Loos wartete seiner? -Wie sollte er die Hoffnungen seiner Geliebten, wie sollte er seine -feierlich ertheilten Zusagen erfüllen? -- Er hatte keine Antwort auf -diese Fragen. - - - III. - -Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes Gemüth -eine unsäglich bittere, aber eine heilsame Arznei. Sie führt es -in dürre, todte Wüsten, aber eben hier wird der Resignation des -Rechtschaffenen das Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die -tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen erscheinen dem -emporblickenden Auge die Sterne des Himmels. Gleich einem Erdbeben -öffnet die Erschütterung des Herzens neue Quellen und macht Kräfte -frei, deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. Eben so -wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich hereinbrechendes, -niederschmetterndes Unglück die im Innersten zerbrochene Seele zu -Gott und gibt der passiven Religiosität eines edeln, aber ungeprüften -Herzens die Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung. - -Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, und wir dürfen -es wohl sagen, daß die grausame Enttäuschung ihm bittere Thränen -auspreßte. Nach und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen -und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl der -Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte er das Große der Prüfung, die -ihm auferlegt war; er fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem -er an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich seine Seele -und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein Herz. In dieser Stimmung -vermochte er Gott zu danken für die ihm zugemutheten Arbeiten; er -fühlte sich durch sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen -Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht geschenkt werden -sollte, durch sich selbst zu erringen. - -Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den Gläubigern zur Beute -fallen würde und müßte, so dachte er nach, welche Mittel ihm wohl -noch blieben, seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben. -Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater so warm über -ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich nieder, erstattete dem -hochgestellten Mann einen treuen Bericht von seiner Lage und bat ihn um -gütige Aufklärung darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in den -Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine ehrenvolle Existenz -zu schaffen. Mitten in der Abfassung dieses Schreibens tauchte eine -eigenthümliche Vorstellung in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte, -über sich selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt hatte, -trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und er hing ihm nach, wie -man Träumen nachhängt, ohne mehr daraus zu machen als sie sind. Seine -Einbildungskraft mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein Gesicht -glättete sich und gewann beinahe einen heitern Ausdruck. - -Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen: er mußte Frau -von Holdingen und Anna von dem Stand der Dinge unterrichten. Als er -nach dem Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten -gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung, die er nur mit -Mühe bemeistern konnte. Er fand die nöthige Ruhe erst in der Begrüßung -der Frauen, schilderte ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß, -wie es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation. -Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. Er betrachtete Mutter -und Tochter und bemerkte zu seinem Troste, daß der Eindruck seiner -Erzählung nicht so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte. -Bei Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und ihrer Jugend -begründet; Frau von Holdingen aber war auf eine solche Eröffnung schon -einigermaßen vorbereitet, da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die -ungefähr auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte sie sich -nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen Ausruf schmerzlichen -Staunens zu unterbrechen und einen mütterlich tiefbesorgten Blick auf -die Tochter zu werfen. - -Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge Waldfels mit der -Erklärung hervorgetreten sey, er gebe unter solchen Umständen Fräulein -von Holdingen das von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr, -um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem Glücke, das sie -zu erwarten das Recht habe, sich in den Weg zu stellen. Ein solcher -Gedanke hatte sich Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings -auch dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. Er kannte -Anna und wußte, daß er sie durch eine solche Erklärung nur kränken -würde. Er gehörte ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe, -die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem -Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren muß. Wie sehr er Recht -hatte, zeigte sich jetzt. Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna -liebevoll zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem Ernst: -»Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet- und um unsertwillen -schmerzlich bedaure. Aber wir wollen auch das mit einander tragen. -Jetzt ist es gut für uns, daß wir so jung sind, wir können warten. Ich -traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles gelingen. Wenn andere, -die mit Nichts anfangen mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum -solltest du's nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden könnte,« setzte -sie mit dem schönen Aufschwung jugendlicher Gemüther hinzu, »so würde -ich doch stets die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und ich -wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll meine Hand erhalten!« --- Arthur hörte mit freudiger Bewegung diese schmeichelhaften Worte und -umarmte und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen glänzten. -»Im Unglück muß man seyn,« rief er aus, »wenn man edle Seelen kennen -lernen will! Wenn man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch -innig wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue mir nur, -Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen! Was ich auch unternehme, -es muß gesegnet werden um deinetwillen. Wir werden glücklich seyn, -verlasse dich darauf -- ja, glücklicher als wenn der Reichthum des -Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!« - -Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem Ausdruck auf die -jungen Leute gesehen, wie er der Welterfahrung eigen ist, wenn sie -von liebenswürdigen Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren -Erfüllung, wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen können. -»Ihr armen Kinder,« schien sie sagen zu wollen, »wie leicht versprecht -ihr das Höchste, und und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von -dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben glaubt!« Aber ein -Hauch von der Begeisterung der Liebenden war in ihre Seele gedrungen. -Sie bekämpfte eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und -sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: »In Gottes Namen denn! -Ich kann zwar euer jugendliches Vertrauen nicht ganz theilen und warne -euch, in dieser Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten. -Aber eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich habe meine -Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben und ich werde sie nicht -zurücknehmen. Möge es euch,« setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, »so -wohl gehen als ihr's verdient!« - -Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung wieder, die ihn schon -einmal freundlich angemuthet hatte. In der Bewegtheit seines Geistes -formte er unwillkürlich einen Plan daraus, und ein Wunsch regte sich -in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht zu sehen. »Sollte -das,« sagte er zu sich selbst, »meine Bestimmung seyn? Sollte ich auf -diesem Weg finden, was ich suche?« Er schüttelte den Kopf. Er dachte -an den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an die möglichen -Aussichten, die sich ihm von dieser Seite her eröffnen könnten. »Er -wird mir irgend einen annehmbaren Vorschlag machen und ich werde ihnen -bald eine gute Nachricht bringen können,« sagte er zu sich selbst. -Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er kam völlig beruhigt -nach Hause. - -Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und schöpferischen -Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse! So leicht stellt sich -der innerlich begabte Mensch wieder her, wo andere vernichtet und -trostlos am Boden hinschleichen! -- Aber ein anderes freilich ist es, -über den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben, und ein -anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn sie nun anrücken, zu -bestehen und zu überwinden. Da wandelt sich der Muth gar oft wieder in -Niedergeschlagenheit, die Hoffnungslust in Unmuth und Pein. - -Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem Wohnort zurück, um sich für -die Dauer der Vormundschaft im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte -sich, ihm seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann schien -davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er nickte nur ernsthaft mit dem -Kopf und sagte: »Das hab' ich mir gedacht!« - -Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Bruder, -unterschied sich aber von diesem durch Energie und eine Anlage zur -Heftigkeit, die während seiner militärischen Laufbahn eine Art -methodischer Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht die -behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür um so strammer und -schlagfertiger. Auch er hatte sein Erbe großentheils durchgebracht. In -der ersten Zeit war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte -ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer Leute seine Kasse -erschöpft. Der Sohn derselben machte Ansprüche auf seine Unterstützung, -und der unverheirathete Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über -den Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt. Wenige Jahre vor -dem Tode seines Bruders machte ein Sturz vom Pferde den damaligen -Oberstlieutenant dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine -Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich schmal, und er -mußte nun auch allerlei Manöver anwenden, um sich nichts abgehen zu -lassen. In die Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut. -Obschon er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht gering dachte, -so wußte er doch dem großen Geldbesitz die zeitgemäßen Concessionen zu -machen, und wenn er in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach, -so ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein Mann, wie es -viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung ihrer Pflichten auch -verschiedene schwache Seiten blicken lassen, und zum Theil solche, die -sie an andern sehr ernstlich tadeln können. - -Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann nicht nur darum so ruhig, -weil er sich das Verhältniß ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch -schon ein Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus -praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts wissen konnte, rief mit -Verwunderung über die scheinbare Theilnahmlosigkeit: »Mein Unglück -scheint Sie nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können Sie mir -aus dieser Noth heraushelfen?« -- Der Oberst erwiederte: »Nach meiner -Ansicht ist die Sache leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater -schuldig wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten, daß bei -gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der Erlös sie nicht einmal -decken wird. Dieß müssen wir den Gläubigern begreiflich machen und es -dahin zu bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen. Die -Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent begnügen. Dann -übernimmst du das Gut und stellst deine Angelegenheiten wieder her.« - -An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, aber durch -nähere Prüfung der verschiedenen Forderungen war er davon ab- und -zu dem Entschluß gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu -lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert, die andern -hatten bloß Handschriften des Barons aufzuweisen. Jene waren reich, -diese fast ohne Ausnahme nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen, -daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder halten und allein die -unversicherten »kleinen Leute« zu einem Nachlaß zu bestimmen seyn -würden. Dieß zu versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes, -während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im besten Fall doch nur -eine kümmerliche seyn würde. Sein Geist hatte sich ohnehin nach einer -andern Seite gewendet und sich mit dem Gedanken, das Stammgut aufgeben -zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum erwiederte er jetzt ruhig: -»Das geht nicht, lieber Onkel!« - -»Warum nicht,« fragte der Oberst, der sich von der Sicherheit des -Neffen unangenehm berührt fühlte. -- Arthur bemerkte zunächst: »Weil -dabei Leute ihr Geld verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr -empfindlich fallen müßte« -- »Das sind Skrupel eines jungen Menschen,« -versetzte der Oberst ungeduldig. »Es handelt sich darum, ob eine -alte Familie im Besitz ihres Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern -preisgeben soll, die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich -darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen oder untergehen -soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß einige Philister verlieren, -- -darum sollen sie verlieren!« -- Arthur, durch diesen Ton seinerseits -verletzt und gereizt, entgegnete: »Wenn eine Familie nur auf Kosten -Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.« - -Der Oberst sah ihn groß an. »Ist das Ernst?« sagte er endlich. »Bis -jetzt hielt ich dich für einen verständigen Menschen -- hätt' ich mich -getäuscht? wärst du ein phantastischer Thor?« -- Arthur versetzte: -»Den Verstand, den Sie mir zutrauen, hab' ich vielleicht; aber er geht -allerdings nur Hand in Hand mit der Ehrlichkeit. Ich =will= nicht -verständig seyn, wenn ich unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall -halt' ich's noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.« - -Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe überzog sein Gesicht -und er schien eine heftige Entgegnung auf der Zunge zu haben. Allein -er bezwang sich, um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen. Er -sagte: »Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt ist, waren -reich und hochangesehen. Sie haben in dieser Gegend seit Jahrhunderten -Gutes gethan, sie haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht -für das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal für uns ein -Opfer bringen!« -- Arthur schüttelte den Kopf und entgegnete: »Wenn -unsere Voreltern dem Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur -ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.« -- »Das ist die Folgerung -eines hochmüthigen Narren!« platzte der Oberst heraus. -- »Es ist die -Logik eines rechtschaffenen Mannes,« erwiederte Arthur mit Festigkeit. --- Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich in tiefem Unmuth -von dem Jüngling ab. In einer Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch -die Nothwendigkeit, seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann -mit erneuerter Geduld: »Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit hast --- gut! folg' ihr! Aber folg' ihr zu einer Zeit, wo sie dich nicht zu -Grunde richtet. Deine erste Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den -Gläubigern dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich wieder -empor, und wenn du wohlhabend bist, dann ersetze ihnen ihre Verluste.« --- Arthur wiederholte sein Kopfschütteln und bemerkte: »Ich wäre nicht -im Stande, auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht -wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze zu handeln. Aber -solchen Ersatz zu leisten, hab' ich nicht einmal Aussicht.« - -Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, daß die -versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung und ihrem Charakter nach -zu einer Einbuße sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen -der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der Schuldenmasse -betrügen, er mithin auch im Fall eines Accords nur eine geringe -Erleichterung zu erwarten hätte. -- Der Oberst war betroffen. Wie es -Menschen von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, was er -wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht und angenommen, daß -man die Gläubiger überhaupt zu einem Nachlaß würde bestimmen können. -Nun schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse richtiger -angesehen haben sollte, und empfand nur um so mehr Unmuth gegen ihn. -Er fühlte einen Drang, ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte -endlich: »Vielleicht! -- vielleicht ist es so! -- Aber so geht's, wenn -man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten war, selber verbaut! -Der Bankier Pranger, dem du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter, -die jetzt achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater noch -Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich pries, aus seinem Laden -etwas in's Schloß liefern zu dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt, -er ist ein reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen nichts -mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, und es wäre nicht das -erstemal, daß der Abkömmling eines guten Hauses durch eine solche -Heirath seine zerrütteten Verhältnisse wieder herstellte.« - -Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht und erwiederte -nun mit Ernst und Strenge: »Wozu sagen Sie mir das? Wollen Sie doch -bedenken, daß dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.« --- »Nun,« fuhr der Oberst heraus, »wenn ich dein Vater gewesen wäre, -so hätte ich meine Einwilligung zu dem thörichten Verhältniß, das -du angeknüpft hast, nicht gegeben und du wärest frei -- --« Weiter -konnte er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und funkelnden -Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: »Kein Wort mehr davon, -Onkel! Ich =bitte= Sie!« -- Die Betonung dieses »bitte« verrieth eine -Leidenschaft, die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von ihm -und ging düster im Zimmer auf und ab. - -In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum Nachdenken. Er fühlte, -daß er den Neffen doch ungebührlich verletzt habe, und ein gewisses -Bedauern, das er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den Ton -der »Güte« anzustimmen. Er sagte: »Wenn man sieht, daß ein junger -Mensch im Begriff ist sich unglücklich zu machen, so dürfen seine -Verwandten nicht ablassen, ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei -Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt sind. Ich folge -dieser Pflicht und frage dich: Was willst du für die Zukunft beginnen? -Hast du schon einen Entschluß gefaßt?« -- Arthur erwiederte der -Wahrheit gemäß: »Noch nicht.« -- Dieser Ungewißheit gegenüber erschien -dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig beste, und mit -erneuter Sicherheit begann er: »Du willst also dein Haus einreißen, -bevor du wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die Ansicht -eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur keine bessere, sondern gar -keine entgegenzusetzen? Du gehst also blind in dein Verderben?« -- Der -junge Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn erschüttert zu -haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: »Arthur, du kennst mich dafür, -daß ich kein Schwätzer bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag; -wenn du ihn verwirfst, so werd' ich ihn nicht wiederholen. Laß mich -versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund und kenne -meine Rechte, aber was ich thue, will ich mit deiner Beistimmung thun. -Entschließe dich und gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich's -vorstellt. Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu günstigen -Bedingungen überreden: solche Menschen sind irgendwo zu packen. -- -Bedenke,« setzte er mit Ernst hinzu, »daß du dir nicht allein gehörst, -sondern einem Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast, der -zu den besten im Lande gehört, und daß dieser Name mit dir untergehen -wird.« -- Arthur erwiederte nach kurzem Bedenken: »Sie wollen mein -Bestes auf Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den Sie -dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den Sie mir vorschlagen, kann -ich nicht gehen. Ich erkenne meine Pflichten gegen meinen Namen an -und werde sie erfüllen, -- aber nur so, wie mein Charakter und meine -Ueberzeugung es gestatten.« - -Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, den er so lang -erhalten hatte, mußte endlich reißen. Er empfand all den Zorn, den man -über die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet, -dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten Rath ertheilt hat, und -indem er sich mit grimmigem Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er: -»Gut, junger Herr! Jetzt hab' ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen, -nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen nach sich ziehen -wird. Mir, dem erfahrenen Mann, kann nichts abgeschmackter vorkommen -als der Hochmuth, der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen -Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, die -den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich halte deinen Leichtsinn für -unverantwortlich und sage dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh' -ich meine Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist, und -überlasse dich deinem Schicksal!« -- »Und ich,« erwiederte Arthur, -»erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren muß, daß ich mich aber -immer als Ihren Neffen betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn -und diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.« -- Der Oberst -zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an und verließ das Zimmer. - -In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm hervorgerufen, empfand -Arthur die Befriedigung eines Menschen, der sich sagen kann, mit -Festigkeit nach seiner Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber -mit kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch peinlich, -mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß gerathen zu seyn, dessen -Aufhören er nach seiner Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm -unmögliche Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen -Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine Gelegenheit gefunden, -von den Aussichten zu reden, die ihm gar bald durch den Grafen -eröffnet werden könnten. Da er aber diesen Herrn dringend gebeten -hatte, in Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath ihm -bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis zum Einlauf des -Schreibens zu warten und den Oheim durch eine gute Nachricht, auf die -er hoffte, wo möglich wieder zu versöhnen. - -Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des Obersten entsprach seiner -Erklärung. Er genügte seinen Pflichten als Vormund, ohne seines -Projektes noch einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen seinen -Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er suchte die Momente -des Zusammenseyns möglichst abzukürzen und zog sich theils auf sein -Zimmer zurück, theils machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur -entschädigte sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier die Scene -mit dem Oheim, und da auch dieser für gut fand, nichts zu sagen, so -blieb der junge Mann glücklicherweise mit einer neuen Erörterung -verschont. Mutter und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf -Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen müsse. Darum -bildete nun das Schreiben, das Arthur an den Grafen abgesandt hatte, -und die zu erwartende Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung -und mancher Vermuthung. - -Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der junge Waldfels -betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem Herzklopfen, eilte auf -sein Zimmer und las in größter Spannung. - -In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte der hochgestellte -Herr zunächst sein Leidwesen über den frühzeitigen Hintritt des Vaters -aus, eines der vortrefflichsten Männer, die er gekannt, und dessen -Andenken seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann ging er auf -Arthurs Verlobung über, an der er um so herzlicheren Antheil nehme, -als =er= vielleicht zuerst an dem edeln jungen Paar die Anzeichen -einer tieferen Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe. Er -wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten könne, und bedaure -auf's innigste, daß die Hinterlassenschaft des Vaters nicht von der -Art sey, um ihnen sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren. -Was die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er hierauf -eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für seine Person würde es -am liebsten gesehen haben, wenn er sich der diplomatischen Carrière -hätte widmen können, denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent -zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes -Vermögen die nothwendige Voraussetzung, und so könne in Ermanglung -eines solchen leider auch dießmal wieder eine glänzende Begabung -nicht die ihr zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von -der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die baldige Erlangung -einer Lieutenantsstelle allenfalls auch garantiren, so verböte sich -für ihn die Wahl dieses Standes doch wegen der Bedingungen, an welche -die Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften. Alles -wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten rathen, auf der -Universität die Jurisprudenz zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu -widmen. Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu machen, daß -der Concurrenten jetzt gar viele seyen und daß er eine Reihe von Jahren -werde Geduld haben müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende -Stellung werde erlangen können. Allein als begabter junger Mann werde -er sich auch hier mit der Zeit hervorthun und ihm Veranlassung geben, -seine Schritte zu fördern. Er auf seinem Posten habe sich freilich -die strengste Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht; -allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem edelgesinnten -jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich unter die Arme greifen -könne. Im Uebrigen rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt sey -manches möglich und es könne von irgend einer Seite her eine unerwartet -günstige Wendung seines Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung -seiner höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so werde sie -ihn nur um so inniger beglücken, und er werde das erhebende Gefühl -eines mit Ausdauer errungenen und in jeder Hinsicht verdienten Looses -haben. Indem er daher u. s. w. u. s. w. - -Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das Haupt in tiefer -Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem Mann, der ihm so viel Theilnahme -bewiesen und dessen Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag -erwartet, der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten Ziel -führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten Rath gegeben! Er sah -sich mit Redensarten beschenkt, die ihm von purer Gleichgültigkeit -dictirt und nur den Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht -weiter! - -Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er weniger gehofft haben, -durch das Ergebniß seiner Anfrage aber auch weniger erschüttert worden -seyn. Der vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft -und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu versorgen, die ihn näher -angingen als Arthur. Auch Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren -erwiesen und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter waren -Männer, die nützlich oder schädlich werden konnten, und diese mußte -er vor allen berücksichtigen. Als kluger Mann hatte er von jeher -die Nothwendigkeit begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über -Belohnungs- und Anfeuerungsmittel verfügen zu können, und es sich daher -zur Regel gemacht, sich niemals ohne Noth durch eine schriftliche -Zusage zu binden. Da er sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin -von Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen sollte -- -konnte er dem jungen Waldfels unter den gegenwärtigen Verhältnissen -mehr zuwenden, als ein mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein -ausführliches theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar ein Uebriges -gethan und durch das ernstlich gemeinte Versprechen einer späteren -gelegentlichen Unterstützung seine wohlwollende Gesinnung vollkommen -bewiesen zu haben. - -Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns nicht hineindenken; -er beschuldigte ihn daher unfreundlicher Kälte und sah in ihm nur -einen herzlosen Weltmenschen, von welchem für ihn gar nichts mehr -zu erwarten sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn man eine -unerwünschte Antwort erhalten hat! Die vorgeschlagene Laufbahn, die -für den Jüngling an sich nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt -geradezu widerwärtig; sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein -welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem Oberst sagen, den -er durch eine gute Nachricht zu gewinnen und zu beschämen gehofft? -Die Reihe sich zu schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau von -Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann eben so wie er eine -trostreiche Auskunft erwartet hatte? -- Bei diesem Gedanken ergriff -ihn eine marternde Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die -Stiche der Verzweiflung im Herzen. - -In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos hingab, erschien Arthur -endlich jenes Traumbild, das in der letzten Zeit vor den Geschäften des -Tags zurückgewichen war, auf's neue. Sein nach Rettung verlangendes -Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das, was ihm zuerst nur spielender -Gedanke gewesen, erschien ihm nun als eine Eingebung, und siegreich -trat in ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie sie ihm -hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in ihr sein Glück finden -und sein Geschick wieder herstellen werde. Die Stunde der Entscheidung -war für ihn gekommen. Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang -betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: »Ja, -diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern will ich mir selbst -vertrauen und kühn der Göttin mich weihen, die heutzutage allein noch -Wunder zu thun vermag. Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt -und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein Vertrauen mich -nicht täuschen. -- Aergert euch dann, ihr Herrn,« setzte er mit stolzer -Geringschätzung hinzu, »mit euch bin ich fertig!« -- - -Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande gefaßt, hielt -die Probe nüchterner Untersuchung aus. Den andern Tag, nachdem er -alle Verhältnisse wohl erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte -sich, nicht wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber von der -Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch nicht der Geliebten, -ein Geständniß davon zu machen. Er nahm sich vor, es für Alle ein -undurchdringliches Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von -Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche Herzen einem -Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe Ruhe nahm in seiner Seele Platz. -Es war die Ruhe des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer -Bestimmung zu folgen. - -Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die Antwort des Grafen -mittheilen sollte, ohne ihre Herzen zu erschrecken und zu betrüben. Aus -dieser Verlegenheit riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt -wie ein Bote des Schicksals entgegenkam -- ein Unterhändler seines -Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus den Reden desselben gar bald, daß -es den reichen Landsmann über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von -Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von ihm gehört, diese -Neigung begreiflich und knüpfte an sie seine Hoffnungen an. - -Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß, Daniel von Pranger -war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers in dem zwei Stunden -von Waldfels entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine -Kunden mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein nicht ganz -unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel, der die Kaufmannschaft -in der altberühmten Handelsstadt erlernt, aus der die Baronin von -Waldfels stammte, übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und -Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, gewann er. Endlich -setzte er seinen Spekulationen die Krone auf, indem er die Wittwe -eines Bankiers heirathete und damit eine gar viel bessere Partie -machte, als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs Mutter -heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein gesicherter Reichthum mit -Stolz erfüllte, so war es ihm doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz -desselben umstrahlt in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen -des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu vernehmen, womit -ihn seine Jugendfreunde beehrten. Er wiederholte diese Besuche mit -Familie in gemessenen Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang -Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu geben, das wochenlang -den Hauptgegenstand der Unterhaltung im Städtchen bildete. Bei einem -dieser Besuche mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels -veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren rühmten -die Pracht derselben und noch mehr die noble Feinheit, mit welcher -der Baron seine Gäste zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für -den damals noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große -Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen Mann mit einem -Gefühl, das wir nicht mit Unrecht als Neid bezeichnen können. Der Baron -ehrte ihn gelegentlich durch eine Einladung, was ihn freute; aber er -behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm nicht eifrig genug -vorkam, und zeichnete ihn nicht vor andern aus, wie er es erwartet -hatte; er fühlte sich gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich -nach Hause. -- Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher für -ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in seinem Hause erschien, -um ein bedeutendes Anlehen bei ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als -der Baron verlangt hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und -fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle Protector eines -Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend so hoch über sich erblickt -hatte und dem er auch in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht -abzulaufen vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, daß ihm bei -der Lebensweise des Barons wohl einmal seine Besitzung in die Hände -fallen könnte. Er hatte seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner -Angelegenheiten und es war ihm angenehm, sich wegen nicht bezahlter -Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, daß die bisherige Schuld -um ein Ziemliches größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr, -trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf's lebhafteste in -ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle Segel aufzuspannen, um sich -einen so glänzenden Ruhesitz zu verschaffen und zu dem Ruhm eines -reichen Mannes noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den Erben -durch Kündigung des Capitals in die Enge zu treiben, schien ihm aus -Gründen der Ehre und Klugheit nicht räthlich; er drängte ihn daher in -keiner Weise und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche der -Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für das Zweckmäßigste, bei -dem unerfahrenen, in Verlegenheit befindlichen Jüngling durch einen -geschickten Unterhändler das Geschäft beginnen zu lassen. - -Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, erwähnte -natürlich nichts davon, daß er von dem Bankier zu seiner Anfrage -beauftragt sey. Er habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den -gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die schöne Besitzung -gut zu verkaufen, und die Verehrung, die er gehegt für den seligen -Herrn Vater, mit dem er so manches Geschäft gemacht, und das Interesse -für das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn bewogen, sich -nach einem Mann umzusehen, wie man ihn brauche. Er habe einen solchen -gefunden, einen Mann, reich und reell, der im Stande sey, die -Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen könnte, sie zu -kaufen -- den Herrn von Pranger. Wenn der Herr Baron geneigt seyen, -sie zu veräußern, so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das -Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen, das er nicht -bereuen werde. - -Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit auf den Mann zu -sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit und Wärme vortrug, als -ob jede Sylbe aus seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an -ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so vorsichtig der -Jude antwortete, so gewann Arthur doch die klarste Anschauung von dem -wirklichen Stand der Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die -Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, sofern es -nämlich preiswürdig bezahlt würde; vorher müsse er sich aber mit den -Seinen berathen. -- »Natürlich,« erwiederte der Jude, »bei einer Sache -von solcher Wichtigkeit! -- Aber,« setzte er fein hinzu, »der Herr -Oberst haben vielleicht eine zu militärische Ansicht von der Sache und -muthen Ihnen zu, eine Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden -könnte. Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf alle Ehren -in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer Besitzung plagen, die -sich unter den jetzigen Verhältnissen -- verzeihen Sie, daß ich das -sage! -- für einen Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren -kann. Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein bekannt, und -wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten ist.« -- Arthur ließ -das gut seyn. Man bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und -trennte sich. - - - IV. - -In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem jüdischen Unterhändler -im jungen Waldfels angeregt, glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu -müssen. Er fand ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß -herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm wegen eines -Anerbietens, das ihm gemacht sey, den Rath der Erfahrung ertheilen zu -wollen. Der Oberst, durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt, -brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. Als Arthur -in seinem Bericht Herrn von Pranger als Käufer nannte, machte der -Kriegsmann ein erzürntes Gesicht. »Dieser Sohn eines Käsekrämers,« rief -er aus, »will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!« -- Arthur stellte -dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn von Pranger Aussicht habe, das -Gut vortheilhaft zu verkaufen. »Und was den Umstand betrifft,« fuhr er -lächelnd fort, »daß der Sohn eines Krämers in den Besitz von Waldfels -kommen würde, so erlaube ich mir, Sie daran zu erinnern, daß Sie selber -einen Vorschlag gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und nach -Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels werden sollte.« -- Der -Oberst schnitt eine Grimasse des Verdrusses und versetzte: »Ja, das -hab' ich gesagt! -- Hol's der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!« --- Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und stieß abwechselnd Flüche -und Seufzer aus. Endlich stellte er sich vor den Neffen hin und sagte -mit einem grimmigen Humor: »Nun, wenn der Kerl durchaus unser Stammgut -haben will und du nicht davon zurückzubringen bist, es abzugeben, so -laß dir's wenigstens so gut als möglich bezahlen!« -- Arthur, erfreut -über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: »Dafür, -lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. =Bezahlen= soll er es!« - -In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, wenn wir jemanden -tractabler finden, als wir zu hoffen gewagt, begab sich Arthur zu Frau -von Holdingen. Er sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des -Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß nicht verbergen, -daß ein Gut, welches die Familie Waldfels Jahrhunderte hindurch -besessen hatte, in die Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie -mußte indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück halten -müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer Summe Geldes gelange, -die er zu seinem Fortkommen gar sehr würde brauchen können. »Um so -mehr,« fiel Arthur ein, »als unser edler Verwandter, der Herr Graf, -die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, vor der Hand nicht -erfüllen zu wollen scheint.« Er überreichte der Baronin das Schreiben, -das sie begierig las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und -sagte: »Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, der nur an sich -denkt.« Sie schwieg bekümmert und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn -schon vorher mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: »In -Gottes Namen, das macht es nicht aus!« Nun lenkte sie das Gespräch auf -einen andern Gegenstand und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß -sich nach einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden. -Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: »Wir wollen uns jetzt an das -Nächste halten und einen vortheilhaften Verkauf zu bewerkstelligen -suchen. Ich hoffe Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.« - -Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels und Herrn von Pranger -begannen. Jener, durch seinen Oheim unterstützt, benahm sich dabei so -klug, daß die Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in -seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. Es kam Arthur zu -gute, daß die übrigen Gläubiger in seine Redlichkeit volles Vertrauen -setzten und in das Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde -es ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter die Leute -gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen einen schlimmen Streich zu -spielen, indem er das Geld zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich --- und das war die Hauptsache -- hatte Arthur noch das Glück, den -jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, auf seine Seite zu -bekommen. - -Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war er von Herzen -freundlich gegen jedermann. An Samuel Rosenheimer ergötzte ihn das -mit der Sicherheit eines Künstlers durchgeführte Spiel, welches -er durchschaute; er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei -mit Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter Mann -Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen kehrte gegen seinen -Unterhändler bald die unangenehme Seite des Auftraggebers hervor. Er -ward ärgerlich, daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte; -einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb einen Brief, -in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende Vorwürfe machte und ihm -erklärte, daß er sich in die Nothwendigkeit versetzt sehen könnte, -einen andern Unterhändler zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel -gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen verletzen -ihn aber um so tiefer und eine stille Wuth bleibt um so länger in -seinem Gemüthe. Als Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte, -verzog er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: »Der Herr Baron -von Waldfels, der Abkömmling einer so alten und so angesehenen Familie, -ist höflich gegen mich, und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel -gestorben ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! -- -Nu, wir wollen sehen!« - -Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder wollte eine gewisse -Aufregung nicht verbergen. Er faßte den jungen Mann bei der Hand und -sagte: »Herr Baron, erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen -rede. Ich mein's gut mit Ihnen -- glauben Sie mir! Sie sind ein braver -und liebenswürdiger Herr und unverdient -- das weiß der liebe Gott! -- -in eine schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater -- Gott hab' ihn selig! --- er war auch ein braver Herr; aber er trieb's ein bischen zu hoch, er -war auch zu gut -- und wie's so geht wenn man einmal anfängt Schulden -zu machen, ist's oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und nun steht's -so -- unter uns, Herr Baron, können wir das schon sagen -- daß Sie -möglicherweise um Ihr ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh, -ich versichere Sie, weh thut's mir! Ich weiß ja auch, warum Sie jetzt -wünschen müßten, das ganze große Vermögen zu haben, das an Ihren Herrn -Vater gekommen ist. So wahr ich hier stehe, 's freut mich allemal, -wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen -- zwanzig Meilen in der -Runde gibt es kein so liebes und so schönes Paar! -- Herr Baron -- -nichts für ungut! -- ich hab' auch ein Herz!« - -Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen feucht geworden und Arthur -wußte nicht, was er von ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend -fuhr jener fort: »Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will, -das will ich Ihnen sagen. -- Ihnen, Herr Baron, muß geholfen werden! --- und ich, Samuel Rosenheimer, der ich hier vor Ihnen stehe -- ich -will Ihnen helfen!« -- Arthur sah ihn verwundert an. Es kam ihm vor, -als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, und er sagte freundlich: -»Wie wollen Sie das machen, lieber Herr Rosenheimer?« -- »Fragen Sie -mich nicht,« erwiederte jener, »ich werd's machen! -- Wissen Sie was? -Ich kehre auf eine Stunde in's Wirthshaus zurück. Gehen Sie unterdeß -zum Herrn Onkel, berathen Sie sich mit ihm und schreiben Sie die -Bedingungen, unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen Bogen -Papier; weiter nichts. -- Herr Baron, ich empfehle mich Ihnen.« - -Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur übergab ihm lächelnd -das gewünschte Papier. Rosenheimer las es und sagte bedenklich: »Sie -fordern viel, Herr Baron.« -- »Nicht mehr,« erwiederte Arthur, »als -die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich selbst würde sie um -diesen Preis nicht abgeben, wenn ich nicht dazu gezwungen wäre.« -- Der -Jude versetzte: »Nu, wir wollen sehen! -- Für jetzt muß ich Sie aber -bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und mit niemand darüber -zu reden. Vertrauen Sie dem Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er -wieder kommt.« - -Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger durch einen -Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst von N. habe geäußert, er wolle -das Gut Waldfels kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit -geheimnißvoller Miene in's Comptoir. Der Bankier nahm ihn sogleich mit -in sein Zimmer und fragte ihn hastig: »Ist's wahr, daß der Fürst von N. -die Absicht hat, Waldfels an sich zu bringen?« -- »Haben Sie auch schon -davon gehört?« versetzte der Jude ruhig. »Ich kann Ihnen nur sagen, -was mir mein Schwager aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat: -daß dieser Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen seiner -Beamten nach Waldfels zu schicken.« -- Dem Bankier stieg das Blut in's -Gesicht und er rief unwillig aus: »Das wäre ja schändlich, wenn mir ein -Gut, auf das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt -würde?« -- »Können Sie sich wundern,« versetzte Rosenheimer, »daß eine -so schöne Besitzung noch mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie -sich gratuliren: noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht des -reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu Gebot. Aber wie? Bezahlen -müssen Sie's! Der junge Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth -seines Gutes genau -- nu, was red' ich viel? Hier sind die Bedingungen!« - -Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und übergab ihm das -Papier. Der Bankier las rasch und rief unmuthig aus: »Wie, das ist ---« -- »Das Ultimatum von dem Herrn Baron,« fiel Rosenheimer ein. -- -»Ist der junge Mann klug?« versetzte Herr von Pranger; »diese Summe!« --- »Die Summe ist schön,« bemerkte Rosenheimer, »aber Waldfels ist -noch schöner.« -- »Und die Bedingungen?« fuhr der Bankier fort. »Sechs -Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden keine wesentlichen -Aenderungen vornehmen zu dürfen! Was soll das?« -- »Herr von Pranger,« -erwiederte Rosenheimer, »Sie wissen, solche Herren hängen mit einer -ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem Stammsitz ihrer Familie. Es thut -dem armen jungen Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. Da -es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür sorgen, daß es -noch einige Jahre so besteht, wie er es gefunden hat. Eine Grille, -wenn Sie wollen! Aber was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal -haben, geben Sie's doch nicht wieder her, und Veränderungen an den -Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, wenn ein Fürst -- was sag' ich? -- -wenn ein König es beziehen wollte.« - -Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer auf und ab. Der Jude -las in seinem Gesicht, daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern -kommen zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm und sagte: -»Herr von Pranger, Sie sind ein reicher Mann, -- keine Widerrede! --- Sie sind ein reicher Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar -tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie's nicht wissen, spüren Sie's -nicht, aber dem jungen Mann thun sie gut. Und wenn es wird bekannt -werden, was Sie gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von -Pranger ist ein großmüthiger Charakter; -- er hat dem jungen Mann in -seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt -- er hat gehandelt als -ein wahrer Edelmann -- er verdient den Edelmannssitz zu haben.« -- Das -hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. Herr von Pranger -wurde um vieles freundlicher und vermochte seinen Worten kaum den -Schein eines Vorwurfs zu geben, als er sagte: »Was sind Sie für ein -Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!« -- »Ich nehme nicht -die Partie des Barons,« entgegnete Rosenheimer. »Ich habe gethan, was -ich konnte. Kann ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß -der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu kaufen?« Die letzten -Worte gaben dem Bankier wieder einen Stich in's Herz. »Nun, wollen -Sie?« fragte Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg, -aber der Jude sah, woran er war. »Herr von Pranger,« sagte er, seinen -Hut ergreifend, »ich habe meine Schuldigkeit gethan und will Sie nicht -weiter belästigen. Aber um eins bitt' ich Sie: wenn das Gut in drei -oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine Vorwürfe.« - -Er ging gegen die Thüre. »Warten Sie,« rief Herr von Pranger. -- »Haben -Sie sich entschlossen?« entgegnete der Jude. -- »Ja,« versetzte der -Bankier mit heroischer Anstrengung, »in's Teufels Namen! Melden Sie dem -jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen werde, um den Kauf mit ihm -abzuschließen.« -- »Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an -den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.« Herr von Pranger -schrieb ein Billet, siegelte und gab es Rosenheimer, indem er sagte: -»So eilen Sie!« -- »Ich werde eilen,« sagte der Jude und empfahl sich. - -Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln und sagte -mit der Miene tiefer Geringschätzung: »Wie dieser Mensch zu seinem -Reichthum gekommen ist, möcht' ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann? -Gott soll helfen!« -- Samuel Rosenheimer bedachte in diesem Augenblick -nicht, daß eine übermäßige Begierde nach einem zu erlangenden -Gegenstand auch verständige Männer zuweilen toll und blind machen kann. - -Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes Fest. Es war -der 31. März, der Tag, an welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das -Licht der Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. Er, der -Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten gemeinschaftlich gespeist -und saßen eben beim Kaffee, als der alte Diener hereintrat und zu -Arthur sagte: »Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke, -er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes zu melden.« -- »Ah,« -rief Arthur, »er soll hier hereinkommen.« -- Herr Rosenheimer trat ein, -begrüßte die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden Augen vor -Arthur. »Herr Baron,« sagte er, das Billet des Bankiers emporhaltend, -»was hab' ich hier? was meinen Sie?« -- Arthur erwiederte lächelnd: -»Wie kann ich das wissen?« -- »Haben Sie die Güte zu lesen,« sagte -Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben und erklärte den andern: »Es ist -eine Einladung vom Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem -Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft wegen Waldfels vor -sich gehen soll.« -- »Ist es wahr?« fragte der Oberst den Neffen, der -das Billet gelesen hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und -rief in der ersten Ueberraschung: »Was doch so ein« -- er wollte sagen: -»verdammter Jude nicht alles durchsetzen kann!« Aber er besann sich, -nahm einen Armstuhl, rückte ihn zurecht und sagte freundlich: »Herr -Rosenheimer, setzen Sie sich!« Dieser hatte indeß noch keine Ohren für -ihn und dankte nur leichthin. Er sah den jungen Waldfels an und sagte: -»Nun, Herr Baron, verdien' ich Lob? Hab' ich mein Wort gehalten? Wie?« -Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit Herzlichkeit: »Ich bin -Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben sich um mich und uns alle verdient -gemacht. Nehmen Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine ganze -Erkenntlichkeit.« -- »O ich bitte!« rief Rosenheimer und setzte sich. --- Nachdem Arthur den Damen die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der -Jude dem Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte Frau von -Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: »Dieser Erfolg macht Ihnen in -der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. Trinken Sie mit uns eine Tasse -Kaffee?« -- Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste -Lächeln. »Gnädige Frau Baronin,« rief er, »diese Ehre! Sie beschämen -mich wahrhaftig!« Unterdessen hatte die Dame eine Tasse eingeschenkt -und präsentirte sie ihm; Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank. - -Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. Obwohl der Gedanke, -das alte Familiengut einem Andern überlassen zu müssen, für Arthur und -die Seinen schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es so -vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in diesem Ausgang -der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, einen Anfang des Glücks, -das sich jetzt auch wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna -bemerkte, sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten Vertrauen -in's Gesicht. Rosenheimer weidete sich an dem Anblick des Paares und -seine Augen füllten sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey, -der dieses schöne Vergnügen gestiftet. - -Während die andern einen Spaziergang in den Park machten, fragte Arthur -den Juden, wie er zu dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer -hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht des -Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen und nur im Allgemeinen zu -bekennen, daß er Herrn von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der -Furcht, das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei der =Ehre= -angefaßt habe. Nachdem er dem jungen Waldfels nochmal eingeschärft, zur -bestimmten Stunde sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl -er sich. -- Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine so vollkommene -Genugthuung, wie nie vorher. Er hatte sich gerächt; er hatte Gutes -gethan und Lob und Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den -Lohn, den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten mußte, durch -einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit des Herrn -Barons gemehrt zu sehen. Bei dieser Erwägung sagte er zu sich selber: -»Der junge Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum Glück -gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn so ein Mann auch -Verstand hat, was hilft das? Man muß die Mittel und Wege kennen -- ein -Geschäft ist ein Geschäft! -- Aber 's freut mich von ganzer Seele, daß -ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel Geld ließ' ich mir das -nicht abkaufen!« - -Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag rasch vor sich. Herr von -Pranger machte keine Schwierigkeiten; er dachte jetzt nicht mehr an -die Summe, die er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer -des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt zu werden, und trieb -selber zur Erledigung. Als Arthur und der Oberst ihm gratulirten, -fühlte er sich so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte einige -seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen gelobte. Nach einem -kleinen Gelag fuhren beide Theile vergnügt nach Hause. - -Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier kam, sagte er: »Wissen -Sie was Neues, Herr von Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer, -daß Sie ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, und denken -Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die Absicht gehabt hat, es zu -acquiriren!« -- »Mag er sich ärgern,« versetzte Herr von Pranger; »ich -hab' es jetzt und werd's behalten.« - -Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, setzten Arthur in -den Stand, alle Forderungen an ihn ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn -Rosenheimer, nach dessen eigenem Ausdruck »wahrhaft edelmännisch« zu -bedenken und noch etliche Tausend Gulden in der Hand zu behalten. -Die unversicherten Gläubiger priesen ihn laut und meinten, eine so -rechtschaffene Handlungsweise könne nicht ohne Lohn bleiben; aber -auch Herr von Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein -gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen Waldfels nicht -mißbraucht, sondern die Besitzung als reicher Mann großherzig bezahlt -habe. - -Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, trotz des -glücklichen Verkaufs, eine trübe und melancholische. Der Oberst, den -keine Pflicht mehr in Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von -Pranger nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu seiner -gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige Tage vor seiner Abreise, -wo der Gedanke des guten Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit -besaß, hatte er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung zu -quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, seinem ersten Rath -zu folgen und das Gut für sich zu erhalten. Er hatte ihm das Prekäre -seiner Lage vorgestellt, ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen -Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, und was dergleichen -lästige Bemerkungen mehr waren, so daß Arthur eine wahre Erleichterung -fühlte, als er sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit -wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des Scheidens und Meidens um -so empfänglicher, als der launische April sich eben in einer lenzlich -milden Heiterkeit gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer so -sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche im Dorfe und kehrte -weich gestimmt zurück. Er wandelte allein in all den geliebten Räumen -der Besitzung umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen -seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in dem Gedanken, daß er -sein Stammgut wenigstens für die nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung -gesichert habe. Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich mit -der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? Konnte er es -irgend für möglich halten, daß der neue Eigenthümer sie wieder abgeben, -daß er selber in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? -- Sollen wir -die Wahrheit sagen, so folgte er einer instinktmäßigen Regung, über -deren Vernünftigkeit er sich keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser -Gedanke ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung linderte. - -An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen beiden Söhnen sich zu -einem glanzvollen Einzug in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den -wenigen Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen über. -Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden und ihm befreundeten -Mannes, der in fremden Landen Geld erworben hatte, um es in seinem -Geburtsort zu verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing im -größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten und Koffer unter, -das kleinere richtete er sich zur Wohnung ein. Als er in dem fertigen -Nest allein da saß, hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied -von Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, die ihm mit -nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, hatte ihn gerührt und -erschüttert. Wie wohl ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er -doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich ungestört den -Gedanken widmen zu können, die seine Seele erfüllten. - -Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil des Tages verwendete -er auf Studien, die Abende brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von -Holdingen zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, saß er hier -zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und die Schatten der Sorge flogen -über seine jugendlichen Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und -spielte eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen waren. -Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit gingen unter im süßen -Gefühl, das die edeln Töne in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren -innern Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der Hoffnung sich -durchdrangen, wo düstere Bilder an der Seele vorüberzogen, ohne zu -erschrecken, glänzende, ohne zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer -im Herzen erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und zu dem -Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein Gespräch, welches Arthur -Gelegenheit gab, Beispiele zu erzählen, wie muthige Herzen kühne -Dinge gewagt unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt zur -Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen fühlten sich mit einander -gestärkt und erhoben. - -Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals über einen Lebensplan -aussprach. Sie versuchte es ein paarmal, ihn durch Anspielungen -zum Reden zu bringen, aber er lenkte das Gespräch auf einen andern -Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, ihn geradezu um eine -Erklärung anzugehen, warum er nicht auf die Universität zurückkehre und -was er denn überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß er -nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob die Ausführung -ihres Entschlusses von einem Tag zum andern. - -Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, auf den er mit Verlangen -gewartet haben mußte, denn er wechselte die Farbe, als er das -Postzeichen erblickte, schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den -ganzen Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen brachte er mit -Schreiben zu, hatte dann eine längere Unterredung mit seinem Wirth, -machte mehrere Gänge und packte Abends einen Koffer. - -Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, wanderte er nach -dem Landhaus. Er traf Anna allein im Zimmer und gab ihr die Hand. -Sie sah ihn an und sagte: »Wie siehst du heute aus? So feierlich!« --- Arthur erwiederte: »Ich komme auch in einer feierlichen Absicht: -ich muß dir eine Prüfung zumuthen.« -- Anna lächelte und sagte: »Eine -Prüfung?« Der Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: »Ich muß dich -verlassen.« Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht des Mädchens; sie -erwiederte mit Ergebung: »Darauf bin ich gefaßt.« -- Arthur schüttelte -den Kopf und sagte: »Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich -muß weit hinweg, ich muß außer Landes gehen -- und ich kann nicht -sagen, wann ich wiederkehre.« -- Anna sah ihn bestürzt an, der nun -entschlossen fortfuhr: »Und das ist noch nicht das Schlimmste. Ich -kann dir auch nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was -ich unternehmen werde.« -- Das gute Kind wußte nicht was sie denken -sollte; sie richtete einen traurigen und vorwurfsvollen Blick auf ihn. -Arthur umfaßte sie zärtlich und sagte: »Glaubst du, ich würde vor dir -ein Geheimniß haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es so besser -sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge in der Welt, die man zuerst -thun muß, ehe man davon reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen -lächerlich erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen, -die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller haben. In meinem -Innern lebt ein Trieb, der mich unwiderstehlich zu einem Unternehmen -hindrängt, aber zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden -werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen dürfte, um -zu nehmen, was für mich bereit liegt. Willst du diesen Glauben mit -mir theilen, ohne zu sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß, -das du mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?« --- Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen kommenden Worten nicht -widerstehen; sie erhob sich mit einem Aufschwung des Geistes auf die -Höhe des Geliebten und erwiederte mit inniger Zuversicht: »Ja, Arthur!« --- »Wirst du mir«, fragte dieser weiter, »vollkommen vertrauen?« -- -»Vollkommen,« erwiederte das Mädchen. -- »Und wenn Monate vergehen, -ehe ein Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor ich -wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie in deinem Glauben -wanken?« -- »Niemals,« versetzte sie. -- »Ich hab' es ja gewußt,« rief -Arthur freudig, »daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! -- -O,« fuhr er fort, »der Glaube ist etwas so Schönes! Ich begreife jetzt, -warum diejenigen, die fähig sind zu glauben, zum Dulden und Harren -berufen werden. Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen! -Wir werden uns glücklich wiedersehen!« - -In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. Arthur hatte den Muth, -ihr sogleich seinen Entschluß und seine Forderung mitzutheilen. Die -Wangen der guten Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: »Wie, -das können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite Welt gehen, -Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, und ich, die Mutter Ihrer -Verlobten, soll nicht erfahren, was Sie thun und treiben?« -- »Verehrte -Frau,« entgegnete Arthur mit Ernst, »ich muthe Ihnen nichts zu, als -was eine edle Seele gewähren kann. Hier zu Land müßte ich mit geringer -Neigung einen Weg einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung -und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen Loose -führen würde. In der Ferne dagegen winkt mir ein Glück, nach dem ich -mit Freuden ausziehe und das ein fröhliches Streben auch viel reicher -lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten -Prüfung. Aber an die Ausführung kann ich nur dann mit Muth und Freude -gehen, wenn Sie mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir -Anna erlassen hat.« -- »Das ist ja unerhört!« rief die Baronin. -»Nein, lieber Freund,« setzte sie hinzu, »ich kann, ich darf es nicht -dulden!« -- Nun trat Anna zu ihr, nahm sie beim Arm und sagte: »Schau -ihm doch nur in's Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, dem man -nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht sagt, was er beginnen will, -so ist das Geheimniß nothwendig, und wir sollten ihn vielmehr bitten, -zu schweigen.« -- Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: »O -Kind, Kind!« -- Anna fuhr fort, indem ein ernstes Lächeln ihren Mund -umspielte: »Als ich ein Kind war, da erzähltest du mir Geschichten -aus einer Zeit, die du vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich -Treue gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer oder zu -heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn vertrauensvoll ziehen ließ. Du -hast mir damals die Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und -solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß ich etwas -von dir gelernt habe?« -- Das Gesicht der Baronin hellte sich bei -dieser Rede ein wenig auf. Sie wendete sich gegen Arthur und rief: -»Sollten Sie vielleicht --« -- »Ich bitte Sie, liebe Mutter« fiel -Arthur ein, indem er sie bei der Hand nahm, »fragen Sie mich nicht!« -- -Die Baronin, durch einen eigenthümlichen Gedanken getröstet, war schon -überwunden. »Ihr macht mich selber thöricht,« rief sie. »Wahrlich, -wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die Kinder die Eltern -regieren!« Nach einem Moment des Schweigens fand sie das ganze Ansehen -der Mutter und sagte mit Ernst und Würde: »Ein Trost ist es mir, daß -Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand und ein Mann von Ehre -sind. Ihrem Verstand und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen -Sie, was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen dazu geben!« -- -»Amen,« riefen die beiden Kinder und hingen an der Mutter in liebender -Umarmung. - -Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel für ein -Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, daß er das zu der eben -geschilderten Scene nicht zu Gesichte bekam. Arthur hielt es nämlich -für seine Pflicht, auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich -in der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst den Brief -gelesen, sagte er zu sich selber: »Da haben wir's! Der Mensch ist -verrückt und wird ein Abenteurer! Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte -er Ursache, es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! Er nimmt -das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche und geht auf und davon. -So machen's die Leute, die tugendhafter seyn wollen, als andere!« -- -Nachdem er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft, -setzte er hinzu: »Wär' es nicht meine Pflicht, die Post zu nehmen und -ihm den Kopf zurechtzusetzen?« Er sah in den Brief und sagte: »Es ist -zu spät! -- Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich mich wegen -eines Menschen kümmern soll, der meinen Rath verschmäht und es für -nobel hält, sich zu ruiniren!« - -Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur mit den Seinigen und -einem alten Diener im Posthofe stand. Dieser hatte seine Stelle bei -Herrn von Pranger aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise -begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem geborenen Baron -nicht hätte gefallen lassen. Da er sich ein kleines Vermögen erspart -hatte, so fragte er Arthur, ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne, -und als dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag -Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem es tröstlich war, eine -vertraute Seele bei den Seinen zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr -Haus aufgenommen. Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse große -Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, das alles überbieten -solle, was früher dort gesehen worden sey. Aber,« setzte der treue -Diener hinzu, »sie mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön -wird's doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen Pfingstmontag. -Wer hätte damals gedacht, daß dieses Schloß und dieser Park in andere -Hände kommen und der junge Herr außer Landes gehen würden!« -- Arthur -klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Halte dich nur gut, alter -Freund, und wir feiern vielleicht noch schönere Feste mit einander, -wenn auch nicht in Waldfels.« -- »Gott geb' es!« erwiederte der Alte, -halb gläubig und halb resignirt. - -Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein Wort gegangen, als -hie und da eine Ermahnung, die sich auf die Pflege der Gesundheit -und auf die Bequemlichkeit des Abreisenden bezog. Anna war still; an -der Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, daß sie zu -ergriffen war, um reden zu können. Die Postpferde waren endlich an -den Wagen gespannt. Arthur trat zu Mutter und Tochter, um den letzten -Abschied zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten Vollendung -der Jungfrau, so schön in Liebe und Leid, so unendlich Werth, Glück -zu genießen, so unendlich fähig, Glück zu bereiten -- da verließ ihn -die bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen auf Jahre, -vielleicht auf immer, von der Wonne seines Lebens! Zwischen sich und -das höchste Ziel seiner Wünsche die Zeit und das Schicksal treten -zu lassen! Der Gegenwart zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der -liebsten Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! -- Gegen diese -Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, die ihn bis dahin -erfüllten, nicht mehr Stand; ein unendliches Weh ergriff sein Herz. -Er preßte die Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen -vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt riß er -sich endlich los und stieg in den Wagen, der nach Norden rollte. Die -Zurückgebliebenen sahen ihm weinend nach und das liebende Mädchen -wollte in Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des Posthorns -erschallen und schwächer und schwächer werden hörte. - - - V. - -Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause eine Zeit stillen -Lebens ein, wie es entsagende Gemüther zu führen pflegen. Mutter und -Tochter füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen aus; -sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste mit einander zu reden, -und überließen sich meist ihren Gedanken. Es war eine Zeit, wo man -das Ticken der Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für die -Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. Eine solche -Existenz hat ihre eigenen Reize. Ergebung und Hoffnung können das -Leid der Entbehrung versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten -Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit der Natur -wirken eindringlicher auf das weiche Gemüth und erheben es über -bedrückende Gefühle, die tröstenden Einflüsse der Religion finden ein -bereiteres Herz. - -Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens freilich durch -einen Mißton unterbrochen und getrübt, indem die Mutter sich nicht -enthalten konnte, in eine sorgliche Stimmung zurückzufallen und über -den Abwesenden Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie das schon -Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. Anna schwieg dazu; sie -wußte, daß dergleichen Anwandlungen am schnellsten vergehen, wenn sie -keinen Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte sie -die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur mit rührender -Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch mit ihr um so mehr erhob, als er -sah, wie sehr es die junge Herrin beglückte. - -Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende Macht und -erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge um jemand setzt ohnehin eine -Kenntniß von seiner Lage voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer -Nähe und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig bei ihren -Unternehmungen begleiten können. Die Abwesenden, bei denen dieß nicht -der Fall ist, übergeben wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum, -weil uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß einer der -Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben nichts Bestimmtes aussagen -wollte. - -Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus wenig Personen. -Hauptsächlich verkehrte sie mit dem Rentier, der die Familienbilder und -sonstige werthvolle Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken -als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben von den Vorfahren -desselben, gedachte man des Abwesenden und die Baronin erging sich -gelegentlich in Vermuthungen. Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts -Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser war durch einen -zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine Spur gekommen, die er für die -richtige hielt. Eben darum ließ er vor den Damen nichts davon merken -und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für den Fall seines Todes -über die Hälfte seines Vermögens, die bei ihm angelegt war, zu Gunsten -Annas verfügt hatte. - -Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer von Waldfels, einen -milden und verständigen Seelenhirten, der ebenfalls mit Liebe an dem -freiherrlichen Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit der -Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches Grüßen, wenn sie sich -zufällig an einem dritten Ort sahen. Die Baronin hörte nur von andern, -wie es im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger sich -Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige Streiche machten, -und nur die Mutter eine gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen -könne, als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder. - -Es war mitten im Sommer. Die Baronin und Anna saßen im Zimmer beisammen -und hatten eben von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen -würden, als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von Pranger mit ihrer -Tochter bei ihnen vorgefahren kam. Sie erkundigte sich mit Wärme nach -dem Befinden der Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt -mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. Die Baronin sagte -höflich zu und rieth nach ihrer Entfernung hin und her, was wohl der -Zweck dieses plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während des -Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft überhäufte, sah -sie nicht klarer, wohl aber hatte Anna, mit welcher August, der ältere -Sohn des Hauses, sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit -nahe kam. - -Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen wir erwähnen, daß in -der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht war, die Verlobung zwischen -dem jungen Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig -geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß sie gegenseitig -ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, den sie im Posthofe von -einander genommen, sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war -auch nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden worden. -August von Pranger, auf den Anna schon beim ersten Anblick einen -ungewöhnlichen Eindruck gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen -an, als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, daß er bei -der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz gänzlich an sie verlor. -Ein Bekannter, dem er das erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die -Wahrheit desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte ihn jetzt -auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im Gefühl seiner selbst faßte er -den Beschluß, den Kampf, wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem -Abwesenden zu wagen und sich um die Gunst des schönen Fräuleins zu -bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem der Mutter, deren Liebling er -war, und machte von seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so -ergreifende Schilderung, daß die gute Dame bald den Versuch aufgab, -ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie bedachte, daß eine Verbindung -mit der alten Familie Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein ein -gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. Nachdem sie ihre -Hülfe zugesagt, rückte man hinter den Vater und brachte ihn endlich -zu der Erklärung, daß sie in dieser Sache freie Hand haben sollten. -Mutter und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch bei Frau von -Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs. - -Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer Muthmaßung, die -ja auch eine trügerische seyn konnte, und so knüpfte sich zwischen -den beiden Familien eine Beziehung, die verschiedene wechselseitige -Besuche zur Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger seiner -Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke zu, daß ein Zweifel -über seine Gefühle nicht mehr möglich war. Anna mußte fürchten, daß -es von Blicken zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß, -seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch abkühlende Mittel -zu heilen. Als er das nächstemal sich zu entschieden huldigenden -Reden verstieg, behandelte sie dieß als eine galante Sprechübung, -rühmte ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck nicht zu -weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit schaden müßte. -Erneuten Versicherungen setzte sie erneuten Spott entgegen. Ein -Unbefangener hätte dabei in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste -Gleichgültigkeit, sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung -erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, daß sie alles, was -überhaupt noch einer Auslegung fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen. -Der junge Herr sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art von -Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, dem vorausgesetzten -Wunsche zu entsprechen. - -Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach dem Landhause. Er -wußte es zu machen, daß er mit Anna allein im Garten war, und ergoß -sein Herz in einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte -um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von ihren Mitteln doch -eine andere Wirkung erwartet hatte, war hochbetroffen. Der Ausdruck -ihres errötheten Gesichts verrieth, daß sich nicht nur die Liebende, -sondern auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, und -mit dem Stolz beider erwiederte sie: »Herr von Pranger, Sie wissen, -daß ich mit meinem Vetter, dem Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie -haben selbst die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu lernen. -Und nun frag' ich Sie: was hat Ihnen den Muth gegeben, der Braut eines -solchen Mannes einen solchen Antrag zu machen?« Der junge Mensch sah -sie bestürzt an. Anna fuhr fort: »Ich kann mir denken, daß ein längeres -Verweilen in unserem Hause Ihnen nicht angenehm seyn wird. Nehmen -Sie die Ueberzeugung mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze Welt -ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine Mutter nicht, der ich ihn -mitzutheilen verpflichtet bin.« -- Nun regte sich der Stolz auch in -dem Abgewiesenen; er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der -Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich. - -Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das Erlebniß. Die Baronin -hörte mit Entrüstung zu und sagte zuletzt: »Das war also der Grund -dieser plötzlichen Freundlichkeit? Ich hätte mir's denken sollen, daß -irgend etwas Unedles dahinter verborgen war.« Mit trübem Lächeln setzte -sie hinzu: »Wie unersättlich diese Menschen sind! Sie haben dem jungen -Mann sein Stammgut abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte -nehmen!« -- Anna bemerkte mit Ernst: »Für diese Absicht, glaub' ich, -sind sie genug, vielleicht zu sehr gestraft.« -- -- - -Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine nachtheilige Folge: -der Aufenthalt im Landhause begann ihr verleidet zu werden. Schon das -Gerede, das ihr plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte, -mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, daß diese Familie sich -anstrengte, die erlittene Niederlage durch Siege auf einem andern -Gebiete wieder gut zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang. -Es gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs im Plane -lag, und Speisen und Getränke wurden immer vortrefflicher. Die Wirthe -bemühten sich nun auch mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder -der Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald ertönte die ganze -Gegend von ihrem Lob. Es traten geschworene Anhänger des Hauses Pranger -auf, die den Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen -Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und die drei Kinder als -die liebenswürdigsten Sterblichen priesen. Der Reichthum hat so viele -Hülfsmittel! - -Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen in Waldfels hörte, -hatte sie eine verdrießliche Empfindung. Sie konnte sich nicht -enthalten, mißliebige Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend -zu machen und Einzelne zu nennen, von denen sie das wiederholte -Erscheinen im Schlosse nicht erwartet hätte. Anna versetzte lächelnd: -»Kannst du dich darüber wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben so -gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth dafür loben, so ist das -hübsch: es beweist, daß sie dankbar sind.« -- »Allerdings,« erwiederte -die Mutter. »Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, der -ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. Aber Herrn von A. und -Herrn von O. hätt' ich's nicht zugetraut.« -- Anna wiegte das Haupt und -schwieg. - -Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer neuen und milderen -Schönheit, der Tochter des Herrn von A. seine Huldigung zuwende. Die -Baronin sagte lächelnd zu Anna: »Er hat sich getröstet.« -- »Gott sey -Dank,« versetzte diese heiter, »daß ich ihn nicht mehr auf dem Gewissen -habe.« -- Eine Woche später wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit -Fräulein von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in diesem -Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: »Nun begreif' ich die -eifrigen Besuche dieses Herrn bei dem Bankier und finde sie verständig. -Er braucht einen solchen Schwiegervater.« Ein Verziehen der Oberlippe -zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet hatte. Ihre -gute Laune verlor sich mehr und mehr. Wenn wir bedenken, daß sie in -der zweiten Hälfte des Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen -angewiesen sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so -werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich Mühe geben, den -Geist der Mutter oben zu erhalten; allein glücklicherweise kam ihr das -Schicksal zu Hülfe. - -An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen ein Brief überbracht, -bei dessen Anblick ihre Augen strahlten. Er war von Arthur, aus London -datirt und die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche -verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. Diese las und ihr -Gesicht klärte sich einigermaßen auf. »Es ist gut,« sagte sie zuletzt; -»aber nach der Freude, die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung -eines glücklichen Resultats erwartet haben.« -- »O,« rief das Mädchen, -»ich bin damit vollkommen zufrieden!« - -Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse sind, lauteten: -»Ich bin in einer eigenen Lage. Ich möchte dir täglich schreiben, wie -ich immer an dich denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und -Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich darauf beziehen --- und ich hab' nun einmal das Gelübde gethan zu schweigen. Laß mich -dem gefaßten Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen dazu -beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, mag es auch unser -Verhältniß und unser Verhalten seyn. Ich habe dein geliebtes Bild -stets vor Augen, all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich, -jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze Existenz durch -dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie oft ich mich glücklich preise -und wie ich dir danke!..... Ich kann dir nun melden, daß ich meinen -vorläufigen Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen unter -guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung abgehe. Es wird eine -weite Reise seyn, und lange kann es dauern, bis ein zweites Schreiben -von mir in deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht Muth -zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für diejenigen, die sich -lieben und vertrauen, ist die Entfernung nichts, denn sie sind im Geist -innigst beisammen. Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist und in -Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild im Herzen hege, wenn ich -fühle, daß du mich im Herzen trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken -tausche, dann empfind' ich eine unaussprechliche Lust. Und ich weiß -dann: was im Geist ist, das wird für die, welche ausharren, zuletzt in -Wirklichkeit seyn.« - -Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob dieser Brief trotz -der Schlichtheit seiner Sprache nicht darnach angethan war, das Mädchen -zu beglücken. Für die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt -war, hatte das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. Zwei -Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr die verstorbene Frau -von B. das Gut Schönbach vermacht habe. Sie empfand große Freude -und eine unendliche Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! Und -selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war die Verbindung der -Kinder möglich. Allerdings war Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte -kein volles Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten doch -für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt für weitere -Unternehmungen. Wie schön war es von der hochbetagten Verwandten, daß -sie sich vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, als -die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine Aeußerung übel genommen -und den Verkehr mit ihr abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die -Vorstellung dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen in die Augen -kamen, die freilich bald wieder versiegten. Mit beinahe kindlicher -Lebhaftigkeit theilte sie der von einem Spaziergang heimkehrenden -Tochter die gute Neuigkeit und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu -verkaufen und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen -südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr erfreut; sie -sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden unter sich fühlte, daß ihr -heiterer Sinn wiedergekehrt war, um sie hoffentlich nicht wieder zu -verlassen. Der neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre -Seele. Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, ihn -vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine Adresse nicht und mußte -ihn seinen Gang gehen lassen. - -Die erste Person, welche die Baronin mit dem Glücksfall und ihrem -Vorhaben bekannt machte, war der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck -seiner Freude die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und -stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für so günstig hielt, -daß sie den Handel auf der Stelle abschloß. Mit baarem Geld versehen -und um so vergnügter bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten -und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen später finden -wir sie in Schönbach eingerichtet. Das sogenannte Schlößchen war -ein zweistockiges Haus am Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und -gegenüber lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein ziemlich -großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten die Zimmer des obern -Stocks, die Räume des untern dienten den Bedürfnissen der Haushaltung. - -Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein lebendiges Menschenherz -immer etwas Erfreuliches, um so mehr, wenn man einer unangenehmen -Situation entgangen ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue -Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das Neue zeigt in -der Regel zuerst die schönere Seite. -- Die Baronin fühlte sich als -Gutseigenthümerin gar wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen -unter ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei Mägde, einen -Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer war, und den alten -Diener. Die neuen Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister -namentlich zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, Böden und -Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. Der Winter stand vor der -Thür, aber man war auf ihn gerüstet. - -Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate hindurch -eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur durch wenige Besuche -unterbrochen wurde, trat der in Anna liegende Hang zum Nachdenken -hervor, und sie fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen, -in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen sieht, begünstigen -ohnehin die Einkehr in sich selbst und die Vergeistigung des Menschen. -Die höchsten Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung im -Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt und hochhält. Und -je mehr man äußerlich entbehrt, desto mehr gewinnt man innerlich. -Je weniger man von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto -freier entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der Mann durch -das Nachdenken über sich selbst, über Gott und Welt, rechtshin oder -linkshin, zu dieser oder jener eigenthümlichen Ansicht geführt werden -kann, so wird die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen -Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden ihr auf dem Wege -des Nachdenkens entgegen kommen und der Lohn desselben wird seyn, -daß sie in jene Lehren eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr -lebendig, ihr wahres Eigenthum werden. -- Das war bei Anna der Fall. -Die Frucht ihres Nachdenkens bestand darin, daß das Verhältniß zu Gott, -welches dem Christen durch seinen Glauben geboten und in gewissem Sinn -anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes und erlangtes -wurde, daß ihr in dem, was sie bisher nur kindlich geglaubt hatte, ein -neues Licht aufging, welches sie in ihrem Glauben befestigte. - -Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die verschiedenen Arten, -wie die Menschen sich zu Gott verhalten können, im Zusammenhang -darzustellen und zu beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten --- von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, ohne sich -ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, die vor Gott die -Welt nicht sieht! Von der Religiosität solcher, die sich begnügen, -Gott die äußere Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen -an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen und Weisen, -der erkennend und liebend in Gott lebt! Wie viele Abstufungen sind -in jeder Hauptrichtung möglich, und wie erscheint jede derselben in -der Wirklichkeit motivirt und charakteristisch! -- Die Religiosität, -die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde gegen die -Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme zu verlieren, wird immer als -das Ziel des Menschen erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und -mit dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen für jede, -auch für die beste Natur; denn auch in der besten Natur sind Gefühle -und Neigungen, denen man sich arglos hingeben kann, die aber erst -eine Prüfung auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. Durch -die Richtung auf das religiöse Ziel werden die selbstsüchtigen Triebe -zurückgedrängt, die guten geklärt und erhöht und der Geist tüchtig -gemacht für alle Beziehungen des Lebens. - -Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna bei einem Einblick in ihr -Inneres erkennen, daß mit ihr eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr -Vertrauen auf Gott war befestigt und klar geworden. In der Prüfung, -der sie sich früher nur unterworfen hatte, erkannte sie den heilvollen -Zweck und pries den Willen, der sie dazu berufen. Der Glaube an den -entfernten Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, an die -Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte einen wesentlich heitern -Charakter erhalten, und nicht selten war es ihr, als ob alles, was sie -hoffte, schon erfüllt wäre. - -Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller Schönheit. Der Mai -verdiente dießmal seinen Namen des Wonnemonats, was bekanntlich nicht -in jedem Jahr der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche -Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich in die Pflichten -der Herrschaft. Jene behielt sich das oberste Regiment vor und notirte -Ausgaben und Einnahmen; die Tochter leitete die Arbeiten im Garten. -Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie hier so thätig, -daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, Bäume, Sträucher und -Spaliere gleich gut im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach -ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines üppig entgegen -glänzte, so wurde das Wohlgefallen an seiner Schönheit noch gar sehr -durch den Gedanken erhöht, daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war -ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. Die Heuernte, -eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie vom Wetter begünstigt wird, -begleitete sie von Anfang bis zu Ende. - -Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß sie mit verschiedenen -Dorfleuten näher bekannt wurde. Sie fand unter Weibern und Mädchen -solche, mit denen gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber -besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, über -gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche Vorgänge. Anna freute sich, -von dem Leben und Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud -dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte über sich -selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines solchen Umgangs noch -vor einem Jahr nicht fähig gewesen wäre und in der Mitte der Bäuerinnen -schwerlich ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens -und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit der ökonomischen -Interessen eine gewisse Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß -ein solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher sey. -Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt geistig arm, das Herabsteigen -zu wohlwollender Theilnahme befreit und bereichert. -- Nach und nach -hatten sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten -Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich ältere und junge Männer -in Schönbach ein, die der Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter -galante Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten nicht umhin, -zuweilen an geselligen Partien Theil zu nehmen, und sahen, daß es ihnen -eben so wenig an Unterhaltung wie an Arbeit fehlte. - -In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach nur dadurch -gestört, daß von Arthur keine Nachricht einging. Obwohl Anna nach dem -ersten Brief sich darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben, -obwohl sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so fing sie doch -endlich an besorgt zu werden. Das Ziel seiner Reise mochte seyn, -welches es wollte, für den Fall glücklicher Erreichung desselben sollte -eine Meldung schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren -gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, seine Ankunft -zu melden? Wollte er erst ein glückliches Ergebniß seiner Unternehmung -abwarten? -- Die Beruhigung der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem -der ersehnte Brief ankam. Er war aus =Calcutta=, bezog sich auf ein -früheres, von dort abgesandtes Schreiben und bestätigte somit die erste -Vermuthung Annas. Die Hauptstellen darin lauteten: - -»Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. Mit jedem Tag wird -sie mir interessanter und lieber. Wenn man die Gabe besitzt, sich -von einer Unternehmung eine schöne Vorstellung zu machen, so hat -man freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu bestehen. -Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und unangenehme Erfahrungen. Die -Begeisterung entflieht zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke, -wo man von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in der Wahl -seines Berufs vergriffen. Doch das dauert nicht; es ist nur der Rauch, -der aufsteigt, so lange die Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen -hat. Die Arbeit wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten -gewachsen, und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; man findet, -daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit so schön ist, wie sie -in der Vorstellung war, ja schöner noch. -- Ich stehe im Anfang, und -doch habe ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist mir -Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein Beruf mir halten -werde, was ich mir davon versprochen..... Wie entzückend ist es, die -ersten Schritte gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und -bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er näher dem Momente -bringt, wo die Träume eines liebevollen Herzens sich erfüllen werden! O -theure Braut! mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich -es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem Thun und Treiben -glänzt mir die Sonne eines glücklichen Wiedersehens und vergoldet seine -Umrisse. Aber in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung ist -dieselbe.« - -Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter zeigte, rief -diese beim ersten Blick in ihn: »Ah, Calcutta!« Sie las ihn mit -Aufmerksamkeit und gab ihn mit ernster, aber zufriedener Miene wieder -zurück. Nicht länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung über -den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er sey offenbar in die -indisch brittische Armee getreten und habe eine Carrière eingeschlagen, -die zwar der Gefahren mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung -ungewöhnlicher Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein Recht -verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben darum hätte er aber keine -Ursache gehabt, die Wahl dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die -Gefahr auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild für -ein edelgeborenes Weib. -- Anna schwieg; sie konnte die Sicherheit der -Mutter nicht theilen, wußte aber auch keine andere bestimmte Ansicht -entgegenzustellen. Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt hatte, -es war das Rechte. - -In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen Wunsch genau, was sie -bisher erlebt und gethan; sie war mit Liebe ausführlich. Nach einem -reizenden Gemälde des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß er -nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und einem bescheidenen -Besitz. Sie sage ihm dieß nur für den Fall, daß die Aussichten in der -Fremde sich trübten, und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem -einmal gefaßten Entschluß abzubringen. - -Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe Arthurs im Hause der -Baronin eingekehrt war, trug nicht wenig bei, daß die Getreideernte -eben so glücklich von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die -Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen war sehr zufrieden -gestellt und lernte eine neue Schönheit der Landwirthschaft in guten -Einnahmen kennen, die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die -es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, hatte trotz der -Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas gebräunten Teint erhalten. -Die Mutter schüttelte lächelnd den Kopf und meinte, sie sey eine -ganze Bäuerin geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen sie -aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, und ein malender -Dilettant, der sie einmal im Obstgarten sah, rief enthusiastisch: -Pomona! -- - -In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen vier Jahre. -Es waren in ökonomischer Hinsicht gute Jahre, wo beim Gedeihen des -Ganzen einzelnes Unglück in Feld und Stall nicht in Betracht kommen -konnte. Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand gesetzt, -ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu verfeinern, sondern -zuletzt auch eine Summe Geldes auszuleihen. -- Sie hatte dabei ein -höchst behagliches Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in -die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend günstig -lauteten. -- Von diesem liefen jährlich in der Regel zwei Schreiben -ein, theils aus Calcutta, theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie -zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von der guten Laune, -womit er die Mühen seines Berufes ertrug, von seinem immer vorwärts -strebenden Geist. In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung -von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß er sich nun erst -recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges Aequivalent zu sorgen. Die -letzten Briefe meldeten, daß er viel im Lande herumgekommen, manche -Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt sey. Frau -von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht vollkommen bestätigt, fand -es aber um so unbegreiflicher, daß er aus der Wahl seines Standes -auch jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal jenen -ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, näher bezeichne. -Anna setzte den Geliebten in Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise -geschah, und machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen -über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun auch nicht so -häufig schreiben konnten, wie andere, so waren ihre wenigen Briefe -doch um so gehaltvoller und gedankenreicher. - -Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte die Mutter nicht, -an der weiteren Ausbildung ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben -zu arbeiten. Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und -sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil überflügelt -zu sehen; aber noch immer vermißte sie manches in den Stücken, die -zur Repräsentation gehören. Als sie einmal wieder eine Ausstellung -zu machen hatte und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit -einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen Dingen -eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin aber bemerkte gleichfalls -heiter: »Man muß auf alles gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem -Nabobsvermögen zurückkehrt und eine seinem Reichthum entsprechende -Stellung im Vaterlande erlangt, so soll er eine Frau haben, die ihm -durch die Würde und Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.« - -Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen eine sichermachende -Wirkung. Es gehört schon eine eigenthümliche Erfahrung und eine -Gewohnheit des Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage an -die bösen denkt, die kommen möchten, und sich darauf gefaßt macht. -Die hoffende und vertrauende Natur wird das in der Regel vergessen -und glauben, was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist -die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre Störung das -Gewöhnliche im Leben. - -Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in ihrem Besitzthum -verlebten, war von besonderer Schönheit. In den ersten Tagen des Mai -sagte Anna zum Baumeister: »Wir werden ein sonniges Jahr haben.« -Dieser versetzte bedenklich: »Wenn wir nur nicht zu viel Sonne -bekommen! Unsere Felder können eher noch einen nassen als einen gar zu -trockenen Jahrgang ertragen, und ich fürchte --« -- »Keine schlimme -Prophezeihung!« fiel Anna ein. »Es ist noch immer recht geworden.« -- -»Eben deßwegen,« meinte der Baumeister, »kann es auch einmal schief -gehen. Doch wir wollen das Beste hoffen.« - -Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann hoffte, sondern was -der erfahrene fürchtete. Nach wenigen Wochen schon konnte sich Anna -von den schlimmen Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen. -Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen erhalten, wo sie -dessen am meisten bedurften; sie waren zum großen Theil verdorrt, -selbst auf den besten Plätzen verkümmert. Und das Jahr behauptete den -einmal angenommenen Charakter. Regentage waren selten, die heißen -schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche trockneten ein, der Boden -bekam Risse, die Natur verschmachtete. Wie sehnsüchtig sahen die armen -Bewohner der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie freuten sie -sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! Aber sie ging, -wie sie gekommen, und später erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo -niedergeströmt hatte. -- Das Sonnenlicht, das die Welt verschönt und -Aug und Herz erquickt, wurde den Menschen eine Qual, sein Wieder- und -Wiedererscheinen fürchterlich. - -Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende Verluste zur Folge. -Die Baronin, bei welcher die Ausgaben die Einnahmen ebenfalls -erklecklich überstiegen, mußte die angelegte Summe zurückfordern und -großentheils verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten guten -Jahre die bemittelteren Familien in den Stand gesetzt, ein Fehljahr -auszuhalten; die Noth wurde nicht so groß, als man besorgte, und an -Frau von Holdingen kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele -Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie wurde von der -Tochter angetrieben, so viel als möglich zu thun; denn für diese hatte -der Sommer wenigstens =eine= herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben -Arthurs, worin er meldete, daß ihn das Glück auf's neue begünstigt, -und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte Braut in zwei bis drei -Jahren hoffe wiedersehen zu können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun -um so mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo sie konnte. - -Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam im nächsten Frühling -reichlich; schöne Tage fehlten nicht, man konnte sich ein fruchtbares -Jahr versprechen. Leider überwog der Regen nach und nach, die schönen -Tage wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte in Nässe -zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen ängstigten die Herzen der -Landleute. Es war nicht bloß der Schmerz über den Verlust, der sie -quälte, es war auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön -gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses Leid erneuerte -sich fortwährend; denn es ist dem Landmann unmöglich, ein für allemal -zu resigniren. Sobald die Wolken sich wieder ein wenig verziehen, -hofft er wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf's neue. Das stete -Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, und man möchte -verzweifeln, wenn man es jeden Morgen die Welt verdüstern sieht. - -Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. Sie konnte im -Fall eines neuen Fehljahres Noth und Verlegenheit nicht vermeiden, und -diese Vorstellung entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen. -Anna machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende Unglück mit -mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen gelassener waren, als die der -Mutter. Sie wunderte sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich -war. Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und ihre Wünsche -geltend zu machen, empfinden es um so schmerzlicher, wenn das Geschick -sich ihnen entgegenstellt, während Schultern, die für gewöhnlich mit -Lasten beschwert sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen können. - -Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine Reihe schöner Tage. -Das Wort des Baumeisters, daß die Felder von Schönbach noch eher Nässe -als Dürre ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, das -übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte begann und die Gesichter -erheiterten sich, denn die Frucht war besser, als man erwartet hatte; -aber kaum hatte man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am -Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art alles, was noch -draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde vernichtete. - -Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann sich sagen, daß er -die schrecklichste Erfahrung des Landmanns kennen gelernt. Was als -bloße Vorstellung die Seele erbangen macht, das steht als grausame, -unwiderrufliche Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust wird -zugleich unter den erschütterndsten Formen erlitten! Dießmal wurde -das ohnehin Fürchterliche des Schauspiels noch dadurch erhöht, daß -die ungewöhnlich großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern -zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben das Getöse -des Sturmes noch schauerlicher machte. Es war den armen Bewohnern des -Dorfes, als ob die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und Anna -hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter waren erbleicht und -ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. Als die Betroffenen den Schaden -besichtigten, erneuerte sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf -die schlimmsten Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat aber -wenigstens das Gute, daß man die Pein des Verlierens mit einemmal -absolvirt. Man hat in dieser Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch -nichts mehr zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten -Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz nehmen. So fügten sich nun die -armen Landleute in das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch -zu retten war. - -Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser als das drohende, -und war zunächst bemüht, die Mittel zur Fortführung ihres Haushalts -herbeizuschaffen. Sie bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt -sie von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit zu Zeit Briefe -gewechselt hatte. Als der Bedarf durch Einkäufe gedeckt war, sah -sie der Zukunft mit ruhigerem Herzen entgegen. -- Es war dennoch -ein trauriger Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte -Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere Sorge. Seit dem -vorigen Sommer war keine Nachricht von Arthur eingegangen. Man konnte -freilich denken, daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder -daß der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines Berichts zu -verzögern. Allein in Folge des erlebten Unglücks und der Noth, welche -die beiden Frauen mit Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren -ihre Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten sich durch -düstere Vorstellungen, über die sie sich nur mit Anstrengung wieder zu -erheben vermochten. - -Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem Rentier eine -Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen Eindruck auf sie machen -konnte. Herr von Pranger, dessen Vermögensverhältnisse durch die -Lebensweise der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge großer -Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, seine Zahlungen -einstellen müssen; das Gut Waldfels befand sich in den Händen seiner -Gläubiger. »Auch andere Leute haben Unglück,« sagte Anna zur Mutter. -»Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.« -- »Und mich,« -bemerkte die Mutter, »dauert auch die schöne Besitzung, die jetzt dem -Schicksal der Zertrümmerung schwerlich entgehen wird. Doch -- das -Unglück mag seinen Lauf nehmen!« - -Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde im Laufe des Winters -auf die stärkste Probe gestellt. Sie erhielt keine Nachricht von dem -Geliebten. Die Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, mußte -für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und sie erfuhr dabei, daß auch -der festeste Wille nicht im Stande ist, das angefochtene Menschengemüth -immer aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im glücklichsten -Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen sich wieder zu erheben -und weiter zu kämpfen. Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher -Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des Geistes. Wer Gott -vertrauen gelernt, der wird sich freilich in dem Glauben, daß zuletzt -alles ein gutes Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er -muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im irdischen Leben die -Krönung seiner Wünsche erfolgen werde. Für dieses Leben kann er, wie -ja so viele seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt -seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen hängt, um so peinvoller wird -es für ihn seyn, an ihrer Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in -den geistigsten Momenten wird er seine Schmerzen unter sich drängen -können. - -Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen ausgesetzt war, griffen -zuletzt auch ihre Gesundheit an. Sie verlor die Farbe und die -zierliche Rundung ihrer Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah -sie mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, ein so herrliches -Geschöpf, sollte es wirklich um das Glück des Lebens betrogen und -dem Leide geweiht seyn? -- Traurig senkte sie das Haupt und ein -schmerzlicher Seufzer entrang sich der Brust. - -Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als ein wohlhabender adeliger -Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, der Anna schon früher eine -gewisse Aufmerksamkeit gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen -ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen würde. Aus -den Reden der Dame ging hervor, daß sowohl sie als ihr Cousin das -Verhältniß Annas gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben -glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt fühlten. Frau -von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung den Kopf und schwieg -kummervoll. Den Mund Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie -erwiederte: »Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; aber -mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist nicht gelöst und wird sich -niemals lösen. Ich weiß, daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue -halten wird bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, so würde -ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.« -- -- - -Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so schön, daß auch die -bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert fühlen mußten. Ein guter -Jahrgang war an der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau -von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die leere Scheuer den -Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, der es bemerkt hatte: »Sie wird -wieder voll werden. Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, das -Sie in Schönbach zugebracht haben.« - -Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich die erste Versicherung -als eine Täuschung erweisen. In einer Nacht des Mai wurden die Bewohner -des Schlößchens durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause. -Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte die Flamme bereits auch -ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. Mit größter Mühe wurden die -Ställe geräumt und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus -blieben nur die Mauern übrig. -- Es heißt, kein Unglück komme allein, -und dieser Spruch hat eine reiche Erfahrung für sich. Man kann die -Thatsache aus der Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber -enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden in sich. Im -gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu dem Hagelschaden eine genaue -Beziehung. Frau von Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an -den Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken lassen und -die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten vorbehalten. Das Stroh -hatte Feuer gefangen, wo Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis -Hülfe gekommen wäre; und so war der erste Verlust an dem zweiten Schuld -geworden. - -Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen Gelegenheiten den -Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr jetzt vergolten. Die bemittelten -Familien erboten sich eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe -aufzunehmen. Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und im -Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein des Trostes -in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald wieder. Die schlimmste -Frucht des fortgesetzten Unglücks ist der Wahn, daß man ganz von -Gott verlassen und einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn -ein solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen kann, so -kann er sie doch in einzelnen Momenten anfallen und zu Boden drücken. -Noch immer war keine Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die -Frauenseelen, die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht endlich -von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das Schreckbild seines -Untergangs dem geängsteten Mädchen nicht näher und näher treten? Als -der Dorfbote von der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte -Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft und ohne -Widerstand brach sie zusammen. Ihre Thränen flossen, als ob sie die -Seele in ihnen hinströmen wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit -der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche Kind in -den Armen. - - - VI. - -Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung den Gewitterstürmen. -Sie vertreiben aus der Atmosphäre der Seele die niederdrückende Schwüle -und schaffen Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In einem -Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom von Thränen endet, wird -eine Last abgeworfen. Was dem Menschen vorher unmöglich war, das wird -ihm dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung nicht von sich -zu erlangen vermochte, das kommt beinahe von selber. Es ist dieß mit -ein Beweis, daß im Menschen eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat -und nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam zu -leisten. - -Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir Mutter und Tochter -im gemeinschaftlichen Zimmer des Schlößchens. Anna war in eine Ecke -des Sophas gelehnt, ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine -Melancholie aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von Heiterkeit -war -- die Frucht der Ergebung. Wenn der Verlust eines theuren Wesens -die Seele in tiefe Trauer versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses -Wesen nicht für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes über -die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das Dunkel des Leids. Aber -das Herz der Liebenden war auch durch die Hoffnung erhellt, welche -nicht abließ, sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein -sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, und eine Hoffnung -durch Entsagung gedämpft; ein Schweben durch eine milde Region der -Trauer, deren Ende als Möglichkeit vor der Seele steht. - -Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer Besorgniß an. Sie -erblickte in ihr nur ein hinwelkendes Bild der Resignation, und bei -dem plötzlich aufsteigenden Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit -da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte, fuhr sie erschreckt -zusammen. - -In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und meldete einen -Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne und die gnädige Frau um -einige Minuten Gehör bitte. -- »Vielleicht ein Zimmermeister aus der -Nachbarschaft, der sich um den Bau bewerben will. Führ' ihn her!« --- Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß sie sich -geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter Mann in den Dreißigen, -dessen Haltung den feiner Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den -Norddeutschen verriethen. Der Fremde begann: »Ich habe --« einen -Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die Hand, die er -der Brusttasche genähert hatte, wieder zurück und sagte nach kurzem -Bedenken: »Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.« -- Anna -sah ihn an; die Mutter erwiederte: »Eine gute Nachricht? Zögern Sie -nicht, werther Herr, wir bedürfen einer solchen.« -- Der Fremde fuhr -fort: »Ich bin beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels --« Anna, -die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: »Arthur von Waldfels? --- Er lebt? Er ist gesund?« -- »Er lebt und ist gesund,« erwiederte -der Fremde. »Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt, -die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu ihm anzunehmen.« --- Anna starrte ihn an; das Zuviel des Glücks machte sie mißtrauisch, -aber das ehrliche Gesicht des Fremden tröstete sie wieder. »Ist es -möglich?« rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß, »ist -es möglich?« -- Der Fremde nahm einen Brief aus der Tasche und übergab -ihn Anna. Diese öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem -Gesicht. - -Der Brief lautete: »Auf dem Boden des deutschen Vaterlandes, aus -seiner ersten Handelsstadt, begrüße ich dich, Geliebteste, und die -innig verehrte Mutter. Ich lebe des Glaubens, daß dieser Brief die -theuersten Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen wird und -bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin wiedergekehrt, nachdem ich den -Zweck, um dessen willen ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem -Dank gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten gesegnet hat. -Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen Treue erprobt ist, wird dich -und die geliebte Mutter zu mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei -deiner Ankunft, warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.« - -Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den Brief nahm und -öffnete, mit der höchsten Spannung betrachtet; auch ihr war das Glück -zu unerwartet gekommen, als daß sie sich dem Glauben daran sogleich -hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der Liebenden sah sie die -Nachricht bestätigt und Thränen füllten die Augen der geprüften Frau. -Sie trat näher; Anna rief mit himmlischer Freude: »Es ist wahr! Mutter, -liebe Mutter!« und fiel ihr um den Hals. Lange hielten sie sich umfaßt. -Die Ueberglückliche weinte am treuen Mutterherzen und ihre Thränen -wollten kein Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: »Das -vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen Wunsch mehr übrig läßt, -war mir aufgespart -- und ich hatte den Glauben daran verloren und war -verzweifelt! Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die ich gestellt -wurde, und bin beschämt!« - -Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der Sekretär schon -längere Zeit in Arthurs Diensten stehe. Die Mutter forderte ihn wie -gelegentlich auf, etwas von den Schicksalen des Barons mitzutheilen. -Aber jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen zu -können; die Erzählung seiner Schicksale habe sich Herr von Waldfels -selber vorbehalten. -- »Ah,« rief die Baronin heiter, »noch immer -geheimnißvoll! -- Nun,« setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, »wir glauben -die Hauptsache errathen zu haben und können uns für das Uebrige noch -einige Tage gedulden.« - -Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem stattlichen Reisewagen -vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt hatte. Unter fröhlichem -Blasen ging es durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute Grüße -und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der Wagen auf der weißen -Landstraße fort. Mit welcher Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten, -den grünen Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie -freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! -- Sie saß da so -leicht, mit so edler und freier Haltung, daß Wagen und Pferde für sie -erfunden zu seyn und keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu -dienen. - -Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, die den Damen -bekannt war. Etwa drei Meilen weiter nach Westen lag das Thal mit -Waldfels und dem Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin, -ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das schöne Gut seiner -Ahnen verloren seyn sollte. Vor Kurzem hatte ein Besucher nach -Schönbach die Nachricht gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft -worden sey. Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für die -Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung haben? Aber im Glück -regen sich neue Bedürfnisse; wenn die großen Wünsche erfüllt sind, -dann tauchen die kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt -nach dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken des Himmels -begnadigt, empfand sie in der That ein Verlangen nach dem Besitz von -Waldfels, und es that ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen. - -Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und zunächst einen kleinen -Hügel hinanstieg, wurde sichtbar. Anna machte die Mutter darauf -aufmerksam. Diese, ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone: -»'s ist Schade!« -- Die Anschauung ihres Gefühls an der Mutter brachte -aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß und sie sagte: »Was doch die -Menschen ungenügsam sind! Ich habe das Höchste erlangt -- ein Glück, -dessen ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu können -glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! -- -- Weg mit den Augen!« -sagte sie zu sich selbst und richtete die Blicke die Linie entlang, -auf der sie dem Geliebten näher kommen sollte. - -In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, daß der Postillon -in die Seitenstraße einbog; aber Frau von Holdingen rief: »Was ist -das?« und sah den Sekretär mit betroffen fragendem Blick an. Dieser -versetzte mit einem Lächeln: »Wir fahren die rechte Straße, gnädige -Frau.« -- Anna, die den Ausruf der Mutter und diese Antwort vernommen -hatte, sah, wo sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine -Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels war Arthur! Sie -sollte den Geliebten in der Besitzung seiner Ahnen wiedersehen -- auch -ihr letzter Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen faßte -sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz, aus dem ihr derselbe -Glaube entgegen blickte. Und dieser Glaube wurde vom Abgesandten -bestätigt -- durch Schweigen. -- Wie wonnig klopfte das Herz der -Liebenden, wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und weiter -rollte und sie dem Bräutigam näher und näher brachte! Endlich fuhren -sie in das Thal ein, das im reichen Schmuck des Frühlings prangte. -Der letzte Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen das -Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. Dort lag es, -überglänzt von der Abendsonne, das Schloß mit dem Park, die Krone des -Dorfs. Das Posthorn schmetterte -- wie anders klangen jetzt seine Töne -zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! Der Wagen rollte in die -alte Allee, dem Thore zu, das mit Blumen geziert hersah. - -Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, eilte ihnen -entgegen und rief: »Willkommen!« Es war Arthur. Der Wagen hielt. Anna, -von der Rechten des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war -kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen schlugen an -einander -- ihr Glück war vollendet! Ein Wunder der staunenden Seele, -war es helle, klare, selige Wirklichkeit! -- Anna erhob ihr Haupt, -Freudenthränen rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten hingen. -Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen und sah sie aus -feuchten Augen mit unendlicher Liebe an. Dann sagte er in herzlichem -Ton: »Siehst du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! Die -muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; Alles ist erreicht, was -wir gehofft haben, ja mehr als das; der Himmel ist mir günstig gewesen -um deinetwillen -- selbst über meine Träume hinaus!« -- Anna rief: »Was -soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu verdienen?« -- »Bleibe, wie -du bist!« erwiederte dieser liebevoll. - -Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre Hand, umarmte sie und -rief: »Verzeihen Sie, liebe Mutter!« -- Diese erwiederte gerührt: -»Der Braut gebührt der Vorrang. -- Meine Augen haben das Schönste -gesehen, was eine Mutter sehen kann -- Ihre Liebe zu Anna ist dieselbe -geblieben.« - -Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren war, kamen der Rentier -und der Pfarrer von Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die -Gesellschaft in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft ehrerbietig -begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten in allem die Zeichen des -wiederhergestellten Glanzes, und von welchen Empfindungen mußten sie -bewegt seyn, als sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das -schöne Schloß eintraten! - -Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen Kreis in einem Zimmer -vereinigt, dessen Wände mit den Familienbildern des Hauses Waldfels -geschmückt waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den -Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem Geistlichen, der -Rentier mit dem Sekretär unterhielt, saß die Baronin allein an der -Seite und ließ ihre Blicke von Arthur zu einem Bilde gleiten, das -einen stattlichen Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte. -Ihr schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner Ahnen -mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um so begreiflicher, daß -die kriegerische Neigung desselben in ihm wieder erwacht sey. Arthurs -Glieder waren beinahe so kräftig wie die des alten Generals, und -sein Gesicht eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige -Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir können nicht -verschweigen, daß die Baronin gleich nach der ersten Begrüßung in dem -Gesicht des Wiedergekehrten nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit -gesucht hatte. Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium -zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu diesen mußte der -Baron gehören. Die Neugierde, die sie bis jetzt unterdrückt hatte, -regte sich aber bei dieser Vergleichung auf's neue. Sie widerstand -jetzt nicht länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur -daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale und seiner -=Thaten= schuldig sey. »Oder,« setzte sie lächelnd hinzu, »wäre die -Zeit dazu noch immer nicht gekommen?« -- »In der That, noch nicht -ganz,« erwiederte Arthur. »Wir haben bis zum Abendessen nur noch eine -halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich lange dauern und ich -will ihn daher Ihnen und mir erst nach einer entsprechenden Stärkung -zumuthen. Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben Sie die -Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach zu erzählen, von der -wir hier nur sehr wenig und gar nichts Bestimmtes wissen.« - -Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen Einleitung -schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag des vorigen Jahrs. -Sie zeigte sich dabei in ökonomischen Ausdrücken so bewandert, daß -Arthur sich nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks -auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen Kenntnisse -auszusprechen, was sie indeß mit einem leichten Achselzucken hinnahm, -vielleicht um damit anzudeuten, daß die Kenntniß jener Ausdrücke -noch lange nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen des -Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur betroffen. »Wie!« rief -er aus, »Sie haben meinen letzten Brief nicht erhalten?« -- Die Baronin -erwiederte mit Bedeutung: »Wir haben keinen Brief von Ihnen erhalten -seit mehr als anderthalb Jahren.« -- Arthur saß mit dem Ausdruck tiefen -Bedauerns da und sagte: »Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung -sollte man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander -abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit des Verlustes um so -viel näher liegt. Aber das Glück hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht -daran. -- In diesem Schreiben,« fuhr er zu Anna gewendet fort, »hatte -ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine Angelegenheiten in -Ostindien zu ordnen und nach Europa zurückzukehren. Ausdrücklich war -darin bemerkt, daß von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.« -- -Nach einer Pause begann die Baronin: »Eine Schilderung, wie wir unter -solchen Umständen den Winter verlebten, will ich Ihnen erlassen.« --- Arthur, die Hand der Geliebten fassend, rief herzlich: »Verzeih -mir!« -- Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die -Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung betrübender -Erlebnisse. Arthur sagte: »Das Schicksal hat ungleich getheilt. Sie -haben das Unglück gehabt und ich das Glück. Aber,« setzte er hinzu, -»mein Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.« -- »Es ist eigen,« -bemerkte Anna; »ich möchte mir jetzt das Unglück der letzten Jahre -nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und die Angst nicht, die ich um -deinetwillen empfunden. Nur das erlebte Leid beruhigt das Herz bei -allzugroßer Freude.« -- »Dieß,« setzte der Geistliche hinzu, »ist unter -andern der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel dankt man -dem lieben Gott für das Mittel erst später.« - -Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer beisammen. Während -des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen die Natur erfrischt und -balsamische Luft strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war -unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der Glanz im Westen. -Niemand achtete der Schönheit des Abends; die Geister waren gespannt -auf die Erzählung Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich, -indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete. - -»Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London ging. Dort lebte ein -Kaufmann, ein Großhändler, den mein Vater vor etwa zehn Jahren -sich verpflichtet hatte, indem er ihm bei einer Ehrensache einen -wesentlichen Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben, -das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte mich brieflich -an diesen Mann gewendet und Rath und Hülfe war mir zugesagt worden. In -London stellte ich mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der -mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, theilte ich ihm -sogleich mit, was in meinem Briefe schon angedeutet war: daß ich den -Entschluß gefaßt habe, Kaufmann zu werden.« - -Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren nicht trauen. »Wie?« -rief sie, »Kaufmann? -- daran dachten Sie? -- Doch,« setzte sie hinzu, -indem sie sich bezwang, »ich will Sie nicht unterbrechen.« -- Arthur, -der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken konnte, -fuhr fort: »Herr Goodman -- dieß war der Name des Kaufmanns -- sah -mich prüfend an und sagte dann mit Ernst: »Ich begreife, daß Sie einen -Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das Sie suchen, am -schnellsten und sichersten erreichen zu können glauben. Allein es ist -möglich, lieber Freund, daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden, -als Sie erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam zu -machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft hat für eine gewisse Art von -Menschen seine großen Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und -- -wie er lächelnd hinzusetzte -- als deutscher Edelmann dabei aushalten, -das ist noch die Frage. Aber angenommen Sie bleiben standhaft und -erlangen eine Stellung, in der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei -der consequentesten Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches -Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus Ihrem Brief kenne, endlich -erreichen wollen. Ist Ihnen das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß -die Früchte des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.« - -»Gut,« rief hier die Baronin, »das schreckte Sie ab und Sie suchten ---« -- »Keineswegs,« fiel Arthur ein, »das schreckte mich nicht ab, -denn ich war auf solche Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit -Entschiedenheit, mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle mich -zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, als er -mir vielleicht zutraue; Mühen und Anstrengungen vermöchten mich nicht -abzuschrecken und ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich -auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr Goodman, der mich -mit Ruhe angehört hatte, ergriff nun meine Hand mit jener männlichen -Herzlichkeit, welche der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen. -»Wenn das ist,« versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen, -sondern helfen.« Er hielt Wort -- und Arthur Waldfels trat als Lehrling -in seine Handlung ein. - -Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna einen gleich starken, -aber sehr verschiedenen Eindruck. Die Verlobte, die sich zwar immer zu -der Annahme der Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden -hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. Gehörte nun auch -nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher Entschluß dazu, einen solchen -Stand zu ergreifen, so war die Ausführung nur ein Beweis mehr für -die Tiefe und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese -Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach eine herzliche -Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen erschien ganz außer Fassung -gebracht. Mit der Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie: -»Kaufmannslehrling! -- ein Baron von Waldfels -- -- Ah,« setzte sie -nach einem Moment auf die Ahnenbilder deutend hinzu, »was würden diese -da zu einem solchen Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!« -- »Diese -da,« entgegnete Arthur, »würden sich wohl nicht in der Lage befinden, -von Ihnen gegenwärtig angerufen zu werden, wenn ich jenen Schritt nicht -gethan hätte!« - -Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, wie dem Leser -schon bekannt ist, eine verständige und keineswegs unpraktische Frau. -Von dem Gewicht dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen -des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und erwiederte -lächelnd: »Es mag wahr seyn. Am Ende gilt hier das Wort: der Zweck ---« -- »Heiligt das Mittel?« fiel Arthur ein. »In diesem Falle gewiß! -Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von Ihnen angerufenen -Bilder aufmerksam zu machen: es stellt eine Dame vor, die, wie Sie -sich erinnern werden, von Kaufleuten abstammt.« -- »Es ist wahr,« rief -die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur sie mahnte, wie -eine Enthüllung wirkte. »Der Genius der Mutter hat in Ihnen gesiegt!« --- »Und dem Himmel sey dafür gedankt!« versetzte Arthur; »denn der -Genius meines Vaters -- mit aller Hochachtung sey von ihm gesprochen --- hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.« -- Die Baronin, -welche die Wahrheit dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich -zusammen und sagte dann mit Anmuth: »Verzeihen Sie meine Verwunderung -über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit Sie selber nicht läugnen -werden. Sie haben reussirt -- das ist die Hauptsache.« - -»Im Vorgefühl des Erfolgs,« bemerkte Arthur, »wurde ich Kaufmann. -Da ich gegen Herrn Goodman meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte -ich alle meine Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft. -Mancher Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um meine Geduld -zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine wissenschaftliche Bildung, -meine Vorkenntnisse und eine gewisse Anlage zum praktischen Denken -förderten mich rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben -sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang der -verschiedenen Arbeiten vor Augen, und die einzelnen erschienen mir um -so interessanter. Es dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte, -und schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das Schwierige -mir geläufig wurde. -- Sie sehen aus allem, daß ich ein ungewöhnlicher -Lehrling war; ich hatte auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war -kein Vierteljahr verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ, meine -Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu dem Schluß kam, daß ich -verdiene, ein Kaufmann zu werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen -nicht enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete mir, -daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich unter glücklichen -Umständen rasch fördern werde, -- in die Stelle eines Commis bei einem -Geschäftsfreund in Calcutta. Ich war auf's angenehmste überrascht. -Ostindien war das Land meiner kaufmännischen Träume und ich sah in -diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung. Goodman hatte mir -Aufträge in seinem Interesse zu ertheilen und rüstete mich mit den -nöthigen Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat nach -Deutschland zu melden, und ein rascher Segler trug Cäsar und sein -Glück.« - -»Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne besondere Abenteuer -vorüber -- die »Stadt der Paläste« lag vor mir. Ich erinnere mich noch -wohl der zauberhaften Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens, -welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, welche mit der Pracht -Europas und der Pracht Asiens die Augen blendet -- die Vereinigung -der wunderbarsten Contraste -- der Versammlungsort von Repräsentanten -aller Nationen, aller Religionen und aller Stände -- der Schauplatz -der mannigfaltigsten und seltsamsten Gesichter, Figuren und Trachten -im Rahmen einer tropischen Natur! -- Es steht wie ein Mährchen vor den -Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! -- Doch,« unterbrach -sich der Erzähler mit einem Lächeln, »ich muß der Lust zu schildern -Widerstand leisten, wenn ich meinen Bericht heute noch zu Ende bringen -soll. Also zur Sache!« - -»Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner Beschützers, Herrn -Warren, gütig empfangen, besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen -Aufträge und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft ein. -Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen nöthig; aber ich -ließ es daran nicht fehlen und orientirte mich bald. Das Talent -- -Sie erlauben mir schon, mir so etwas beizulegen -- und die Liebe zur -Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon vorher eine Ahnung -von dem, was man sich zu eigen machen soll; man sucht und man findet. -Je weiter man vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit. -Für Leute, die reflektiren -- und als guter Deutscher gehör' ich zu -diesen -- hat die Beobachtung eines so bedeutenden Handelshauses an -sich großen Reiz. Wie in einem gut regierten Staate thut jeder an -seiner Stelle seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des -Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen zum Gedeihen -des Ganzen. Man benützt die Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und -Einrichtungen, welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen und zu -erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine Art von Allwissenheit; -sie befähigen den Kaufmann, über den Stand der mannigfaltigsten -Geschäfte und Beziehungen sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der -Geist herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl, ganz -ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, oder dem eines -Künstlers, der seinem Gegenstand Form und Schönheit gibt.« Arthur -hielt ein wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, dessen -Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an die Zeiten, wo er selber -als Buchhalter wirkte, sich angenehm aufgeklärt hatte. Die beiden -Geschäftsleute nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung -wieder auf. - -»Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein Eifer freute, -begünstigte mich ungewöhnlich. In den ersten dritthalb Jahren fungirte -ich als Korrespondent und als Reisender. Bei einer Handlung, die -jährlich Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches -denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte Land und Menschen -kennen, lernte die Sprache des Landes und konnte unserem Hause manchen -guten Dienst leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein -Geist und ich hatte =Ideen=. Warren hörte sie, hieß sie gut, und sie -bewährten sich. Wir ersahen hie und dort unsern Vortheil, kauften -wohlfeil ein, verkauften theuer und machten großen Gewinn.« - -Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich geworden, und -unwillkürlich rief sie: »Aber Sie werden doch nicht --« -- Sie hielt -inne, das Wort wollte nicht über die Zunge. -- »Betrogen haben?« -ergänzte Arthur heiter. »Mit nichten, verehrte Frau! -- Erlauben -Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der Kaufmannschaft -anzunehmen. Daß im Handel betrogen wird, ja, daß der Handel zum Betrug -reizt, will ich nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern -Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive Eigenschaften. -Um als Kaufmann etwas zu erwerben, muß man Kenntnisse, Verstand, -Einfälle, Muth und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas -kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In der Regel wird aber -gerade der Betrüger die kleinen und mittelmäßigen, der begabte und -muthige Kaufmann dagegen die großen Geschäfte machen. Nur muß man die -Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf die politischen -und merkantilischen Ereignisse, wenn ich in die Zukunft sehe, ihre -Bedürfnisse erkenne und zu rechter Zeit mich in den Stand setze, sie -zu befriedigen, so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger. -Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie dahin fördere, -wo sie theuer sind, benachtheilige ich weder Verkäufer noch Käufer, -im Gegentheil, ich diene beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme -von dem, der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen will; ich -befriedige die Wünsche beider und nütze beiden. Der Gewinn, der dabei -abfällt, gebührt mir von Rechtswegen, denn ich habe gethan, was ihn zur -Folge hat, und niemand gehindert, dasselbe zu thun. -- Shakespeare, -wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig einen =königlichen= -Kaufmann. Kann man denken, daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat? -Aber solcher königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals. -Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen mit dem vollen -Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen desselben für die Welt, Männer, -deren Reichthum die Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die -von ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.« - -»Ich geb' es zu,« erwiederte die Baronin, »und sehe nun wohl, zu -welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.« -- Arthur fuhr fort: »Die -Folge meiner Dienstleistungen war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen -schenkte. Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er mich -zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers erhob.« -- -»Das also,« fiel die Baronin lächelnd ein, »war der bedeutende Posten, -zu dem Sie sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen, -ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden. Nachdem ich Ihren -ersten Brief aus Calcutta gelesen, glaubte ich nämlich nicht anders, -als Sie hätten den Militärstand ergriffen.« -- »Damit sagen Sie mir -nichts Neues,« versetzte Arthur. »Ich konnte das schon lange aus -Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie mir eine Bemerkung. Wenn -ich auch Geld und Gunst genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche -Zahl oder Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen und eine -Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch in derselben Zeit -doch schwerlich in den Stand gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen -nach Hause zu kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als Offizier -in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn man in dieser Eigenschaft -mit irgend einem diplomatischen Posten betraut wird; allein immer -bleibt der Unterschied, daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche -Einflüsse im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten muß, während -der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. Ich fühlte einen Drang, -selbstständiger zu handeln, meine Gedanken rascher zu verwerthen, und -wählte den Stand des Kaufmanns.« - -»Das mag seyn,« erwiederte die Baronin; »allein ich wurde zu meiner -Annahme durch den Glauben verleitet, Offizier zu werden läge dem Baron -Waldfels am nächsten.« -- »Ich begreife das,« versetzte Arthur. »In -Deutschland sieht man das so an, aber in England und in Indien hat man -dafür einen andern Standpunkt.« -- Anna, die mit großer Aufmerksamkeit -zugehört hatte, wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das -indische Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine Gründung -verdanke und noch von einer solchen regiert werde. »Die Armee steht im -Dienste der Compagnie, sie wird von einem Manne befehligt, den diese -gewählt hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich nicht -unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die Stellung derselben auch -seyn mag.« - -Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war ihr begegnet, was so -oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, aber sie hatte nie diese -Folgerung daraus gezogen. Arthur bemerkte: »Allerdings regiert -in Indien eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und -diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten Familien -Englands, sie hat auch Fürsten und Könige des Landes unter sich und -schreibt ihnen die Wege vor, die sie wandeln sollen. Daß bei solchen -Verhältnissen der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie besitzt, -ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich zu verwundern. -Doch,« setzte er hinzu, »das hat er auch in Deutschland, und man gönnt -es ihm, wenn er reich ist.« -- »Nun wohl,« rief die Baronin nicht ohne -eine gewisse gute Laune, »ich bin überwunden und Ihre Erzählung wird -von jetzt an vor meinen Einreden sicher seyn.« -- »Ich bitte Sie um -das Gegentheil,« versetzte Arthur. »Wenn mein Bericht Anlaß zu einer -interessanten Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen Sie mich -übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, daß der Stolz der Geburt --- und zwar nicht nur der, den man zeigen zu können glaubt, sondern -auch der, den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit -verbirgt -- daß dieser Stolz, sage ich, für den, der nachzudenken -pflegt, eben in Indien einer starken Probe ausgesetzt ist. Wenn man -den Kastengeist in seiner vollendetsten Ausbildung und mit all seinen -Folgen erblickt, wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt, -bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint, wenn man überhaupt -die verschiedensten Menschen mit den verschiedensten Prätensionen -hervortreten sieht, die man schwach finden muß, so kann man sich wohl -fragen, ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben so zu -beurtheilen.« - -Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen, indem sie sich nicht -enthalten konnte, zu rufen: »Wie, wollen Sie Geburt und Stand für -nichts erklären?« -- »Keineswegs,« erwiederte Arthur mit Ernst. »In -einer Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas darauf zu -gute thut, freue ich mich auch dessen, was mir zu Theil geworden ist, -und namentlich des Glücks, unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die -sich in Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient haben, -dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe und Stolz auf die Bilder, -die ihre Züge bewahren, und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie -gewandelt sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron Waldfels,« -setzte er heiter hinzu, »klingt schön, und ich freue mich, so genannt -zu werden.« -- »Gut!« rief die Baronin ebenfalls heiter; »aber? -- denn -ein Aber wird doch nicht fehlen.« -- »Aber,« fuhr Arthur fort, »indem -ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine Augen offen für die -Vorzüge Anderer, ich bewundere diejenigen, mit welchen Gott die Geister -und Herzen der Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung, -wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte Billigung -hätte blicken lassen, die uns nicht mehr zu Gesichte steht. Ich will -es Ihnen gestehen, ich hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut, -daß ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.« -- »Ich habe zwar,« -versetzte die Baronin, »von einem solchen Hang nichts bemerkt; indessen -wollen wir Ihr Wort gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer -Geschichte bitten.« - -Arthur begann wieder: »Es war ein Beweis großen Vertrauens, daß mich -Warren so jung auf diesen Posten erhob; allein ich kann sagen, daß ich -es rechtfertigte. Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte -dem Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt hatte, um den -mich ein Major hätte beneiden können, der Chef des Hauses mir überdieß -einen Antheil an dem Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine -eigenen Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein Vermögen -seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen will. Dennoch konnte -ich damit etwas thun, was mich außerordentlich freute und immer meine -schönste Erinnerung von jenem Lande bleiben wird.« - -Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn die Zuhörer -erwartungsvoll an, und er fuhr fort: »Nicht lange nach meiner Ankunft -in Calcutta hatte ich die Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht, -der um etliche Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und -reizende Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn es gehört zu -meinen größten Genüssen, Glückliche zu sehen, und namentlich eine -glückliche Familie. Im Lauf der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre, -herzliche Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der besten -Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders unter den Seinen von dem -angenehmsten Humor und der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends, -als ich ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und sehr -niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit der Sprache heraus; -endlich gestand er mir, daß er in jüngster Zeit einen großen Verlust -erlitten habe und daß gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem -Schiff anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach Europa -geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück erwarte. Ich tröstete -ihn, so gut ich konnte, und es gelang mir, ihn wieder aufzuheitern. -Bald darauf kam ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie's -sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn in stummer -Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes, aber er sah voraus, daß -in Folge dieses Gerüchts Forderungen bei ihm eingehen würden, denen -gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein Entschluß war -gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und bald konnte ich dem Bedrängten -nicht nur mein Vermögen, sondern auch eine namhafte Summe von Warren -zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger wurden befriedigt und -mein Freund war gerettet.« - -»Ah,« rief die Baronin, »da sieht man den Edelmann unter den -Kaufleuten!« -- Arthur erwiederte: »Es wäre schlimm für die gedrängten -Kaufleute, wenn nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung -fähig wären! -- Uebrigens hatte diese Aushülfe die Folgen der feinsten -Spekulation: sie war es, die mein Glück entschied. Das Schiff -Mackenzies war allerdings einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber -es hatte ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein. Freude -und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein Freund, dessen erhobener -Geist sich jetzt mit kühnen Entwürfen trug, bat mich dringend, mich -mit ihm zu verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter -Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab ich nach. Wir strengten -unser Talent an, wir wagten und wir gewannen. -- Ach, liebe Mutter,« -fuhr der Erzähler fort, »welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns! -In welcher Spannung wird er erhalten und in welches Entzücken kann er -versetzt werden! Nichts gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein -wohlberechnetes, aber immer noch gewagtes Unternehmen gelingt und der -Segen desselben in goldener Wirklichkeit in sein Haus einzieht.« - -Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und sie sagte: »Es -scheint doch, daß du nach und nach gelernt hast, dein Metier um seiner -selbst willen zu lieben.« -- »In gewissem Sinn allerdings,« erwiederte -Arthur, »ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich. Der -Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich in die Handlung meines -Freundes gebracht hatte, um das Vierfache gemehrt sah und hinreichend -fand, um denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein -angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte ich zu mir selber: -Genug! und kündigte dem Freund meinen Entschluß an, nach Deutschland -zurückzukehren.« -- Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort -der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth die Empfindung der -Baronin. - -»Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, mich zurückzuhalten. Er -rief: Das Glück ist für uns, noch einige Jahre und wir sind Millionäre! -Obwohl diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund für mich -an den Tag legte, rührend war, so blieb ich dennoch fest, wobei ich -übrigens gern gestehe, daß das Gewicht des Hauptgrundes, der mich -nach Hause trieb, durch das einiger andern noch verstärkt wurde.« -- -»Und die sind?« fragte die Baronin. -- »Zunächst das Klima, das zu -einem Leben nöthigt, in welchem die Sinne eine größere Rolle spielen, -als einem Deutschen von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben -dort Monate der schönsten und angenehmsten Witterung; aber auf sie -folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte die heißen Tage in -Deutschland Kinderspiel sind, und die Glut wird endlich durch eine -Regenzeit gekühlt, deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen -ertränken zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten und -Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast unausgesetzt, und man kann -Dinge erleben, die an eine Landplage Egyptens erinnern. Allerdings -wissen sich die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen, und -es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen zu lernen, durch -welche man jene lästigen Erscheinungen zu beseitigen oder zu mildern -sucht. Die Häuser erhalten durch solche Einrichtungen einen neuen -Zuwachs von Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein -diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und die Erholungen, -die man sich dabei gönnen zu müssen glaubt, machen selber materiell, -und es gehört ein fester Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache -ist, um den Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen zu -widerstehen. -- Was mich betrifft, so war ich von einem Gedanken -erfüllt und durch eine, ich darf wohl sagen fieberhafte Thätigkeit -in Anspruch genommen. Ich ging also durch die Ausflüsse des Klimas -hindurch zu dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. Mein -Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft und ließen mich die -Anfälle der tropischen Natur überwinden. Aber zuletzt war ich doch -froh bei dem Gedanken, den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen -Lebens zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in das Vaterland -zurückkehren zu können.« -- »Das leuchtet ein,« bemerkte die Baronin. - -»Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen des Landes. Ich -bin zwar ein zu guter Germane und glaube zu sehr an einen vernünftigen -Gang der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer in Indien -für ein Uebel und nicht vielmehr für einen Erfolg im Interesse des -Menschengeschlechts halten sollte. Ich kenne auch wohl die Anstalten, -die man in's Leben gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes -und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind mit ihr immer noch -gewaltige Mißbräuche verbunden, Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen, -von denen auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden können und -werden. Ich will ein andermal Beispiele geben und Sie werden mir dann -zugestehen, daß das englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von -meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu bauen.« - -»Ich begreife das,« nahm jetzt der Pfarrer das Wort, »freue mich aber, -daß Sie über das englische Regiment nicht den Stab zu brechen haben. -Denn wir müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft eines -christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie mitbringen, dem -beherrschten Lande zuletzt immer zum Segen gereichen werden.« - -»Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime, die jetzt vorhanden -sind, nach und nach sich entfalten werden. Aber mein Herz trachtete -endlich aus diesen Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im -Vaterlande, wo das Christenthum das Leben zwar auch noch lange nicht -ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat, aber in der Umbildung doch -schon weiter gekommen ist. -- Meine Sehnsucht nach der Heimath,« fuhr -der Erzähler zu Anna gewendet fort, »wurde hauptsächlich durch die -Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus Schönbach erhielt und die mir -in der Glut meiner Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie -reizend die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend -die Mittheilungen aus dem innern! -- Da es mir nicht einfallen konnte, -dich und die Mutter nach Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig, -als nach erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. -- Ich -stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor und überzeugte ihn; -und mit demselben Eifer, mit welchem er sich zuerst meiner Abreise -widersetzt hatte, förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im -Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir in London und -Hamburg zur Verfügung gestellt; ich nahm Abschied und bestieg das -Schiff, das mich nach Europa führen sollte. -- Darf ich dir gestehen, -daß ich in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken jauchzte, -dich und meine Freunde in Deutschland wiederzusehen, doch Augenblicke -hatte, wo ich Bedauern empfand, von dem Feld meiner Thaten auf immer -scheiden zu müssen? -- Mein Leben ist im Vaterland, und ihm will ich -dienen, nachdem ich mir die Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne -zu thun. Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern seiner -Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen Eindrücke auf meinen -Reisen und die Abenteuer, die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit -der Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres Weltverkehrs!« - -Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen Worten innehielt, -benützte Frau von Holdingen die Gelegenheit, zu fragen, wie es sich -denn mit den Gefahren verhalte, die er in jenem Lande bestanden -habe. Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich in -ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in der Armee diene. -Arthur erwiederte: »In einem Lande, wo es Löwen, Tiger und Schlangen -erster Größe gibt, in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren -haben werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die ihrer -Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, und wo der Reisende -fast ausschließlich auf Selbsthülfe angewiesen ist, da braucht man -keineswegs Militär zu seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde -Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir aufstießen, und -kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich mich dabei auf eine Weise aus der -Affaire gezogen habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.« - -»Nun, Gott sey Dank,« fiel Anna ein, »du bist jetzt zu Schiff und hast -dieses Land hinter dir!« -- »Ja,« versetzte Arthur, »ich bin zu Schiff, -ich segle nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht und der mir -in den letzten Jahren der treueste Gehülfe war. Die Reise ging auch -dießmal ohne jedes außergewöhnliche Erlebniß von Statten. Wir fuhren -zuerst nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen Gefallen -hatte erweisen können, so empfing er mich mit doppelter Freude und -war stolz auf seinen Zögling. -- Von London aus, wo ich mehrere Tage -verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund Hellmuth. -- Was -man wünscht, das glaubt man gern. Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß -Waldfels wieder zu erlangen seyn würde; und da man in solchen Fällen -eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so bat ich unsern Freund, -mein Anerbieten sogleich Herrn von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam -zu rechter Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es an einen -Liebhaber abzugeben.« - -»So ist es,« bemerkte der Rentier auf einen fragenden Blick der -Baronin. »Da mir aber der Herr Baron den unkaufmännischen Auftrag -gegeben hatte, genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder -zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus dem Felde zu -schlagen. Die runde Summe trug übrigens dazu bei, Herrn von Pranger den -Vergleich mit seinen Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung -seines Geschäfts möglich zu machen.« - -»Das hör' ich gerne,« rief Anna. »Möge ihm der Verkauf des Gutes so -wohl gedeihen, wie dir,« sagte sie zu Arthur. -- Dieser nickte und fuhr -fort: »Die Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in Hamburg. -Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach und eilte nach Waldfels, um es -würdig zu machen für den Einzug meiner theuersten Gäste. -- Daß ich -diese gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone meines -Glücks -- und Gott möge es mir erhalten!« - -Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten trat eine Stille -in der Versammlung ein, indem alle den Empfindungen sich hingaben, -welche die Erzählung in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur -auf's neue das Wort und sagte: »Wenn ich zurückdenke an die Zeit des -letzten Abschiednehmens, so kommt mir alles, was unterdessen geschehen -ist, wie ein Traum vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine -Thatsache vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert danke ich -dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan hat. Der Instinkt, der mich -beherrschte, hat mich richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist -eine Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur Freude des Lebens -nothwendig ist, ich bin in den Stand gesetzt, meinem Vaterlande und -meinen Freunden nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe -ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung mich erfreut -und erhebt, und die mir Bürge seyn dürfen, daß ich mir's auch erhalten -werde. O meine Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage, -daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als wenn mir der -Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt worden wäre. Gesegnet sey -das Mißgeschick, gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch -eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im tiefsten Sinne des -Wortes =mein= nennen kann!« - -Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er dann seine Blicke auf -das Porträt des Vaters, auf welches eben der Schein der Lampe fiel. -Der Baron, der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung -gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl auf die Gesellschaft, -und dem phantasiebegabten Betrachter konnte es scheinen, als ob ihn die -Erzählung des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte. Arthurs -Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen Eigenschaften des Vaters -so klar und rein vor seiner Seele gestanden, als in diesem Augenblick. -Die Gesellschaft errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer Miene -wandte er sich zu der Baronin und sagte mit der Laune eines liebevollen -Gemüthes: »Werden Sie mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie -mir verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen habe, -mein Wort zu halten?« -- »O,« rief die Baronin mit freundschaftlichem -Vorwurf, »wollen Sie mich beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den -Erfolg, der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen, das -Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.« - -Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung auf die Seele -der Baronin schon vollständig geübt, das Mittel glänzte verschönt in -den Strahlen seines Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand, -begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum er denn aus -seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und sie nicht gleich in dasselbe -eingeweiht habe? Hier konnten Arthur und Anna nicht umhin, sich -lächelnd anzusehen, und jener versetzte: »Ich habe nicht zu hoffen -gewagt, daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor Ihren Augen -finden würde, und hielt es für sicherer, zu schweigen.« -- Die Baronin -hatte den Humor zu erwiedern: »Sie mögen Recht gehabt haben.« -- - -Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond stand hoch am Himmel, der -Zeiger der Uhr wies auf eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm -ein Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von Holdingen: »Für -heute hab' ich noch eine Bitte an Sie. Ich bin zwar aus Indien nicht -als Millionär, aber doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch -den Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben Sie mir -nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk mache, wodurch Sie wieder das -werden, was Sie zur Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin -der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden verlebt -haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der Restauration; und wenn Sie -auch später mit uns das Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch, -wie früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen können.« Er -übergab ihr das Dokument und die Baronin erwiederte: »Ich nehme das -Geschenk an und danke Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich -irre mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon alles zu -unserer Aufnahme bereit ist?« -- »Allerdings,« versetzte Arthur. Die -Baronin drückte ihm die Hand. - - - VII. - -Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft Arthurs und sein -Einzug in Waldfels die Bewohner der Umgegend in große Aufregung -versetzt. Als man aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner -Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme auf's Höchste. -Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich in allen Schichten der -Bevölkerung, und da es sich gleich von Anfang sehr entschieden -aussprach, so wurde auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger -des Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten sie Anstalten -sich zu bekehren. - -Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe Waldfels selber. -Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern hätte sich bei diesem Anlaß -auch bewährt, wenn der Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe -zurückkehrte, ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie freuten sie -sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen und gefeierten -Herrn! Wie freuten sie sich seines Reichthums, seines Ansehens, seiner -schönen Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, wenn er -ihm Ehre macht durch Eigenschaften des Geistes und Herzens, vor allen -andern einmal voraus: man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung -und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn er Glücksgüter -erwirbt, die seinem Rang entsprechen. - -Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei dieser Gelegenheit -der Oberst von Waldfels durchlaufen. Arthur hatte ihm seine Schicksale -in einem Schreiben mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und -bestimmt war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat erst in -den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem Worte »Kaufmannslehrling« -und »Handlungsdiener« gerieth der alte Krieger in eine schwer zu -beschreibende Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten -und er machte eine Bewegung, als wollte er den Brief wegwerfen. Allein -die Neugierde bewog ihn fortzufahren und sein Blut begann ruhiger -zu fließen, als er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der -letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, und als er an -die Nachricht von der Wiedererwerbung des Gutes kam, stieß er einen -Freudenschrei aus. Er las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte -dann lächelnd den Kopf, indem er sagte: »Wer hätte dem Jungen das -zugetraut? -- Zwar Verstand hat er immer gehabt und Obstination wie -ein Satan! -- Kaufmann! Verwünschter Einfall! -- Aber die Hauptsache -ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die Engländer zu sagen -pflegen. So oder so! Er ist der Baron von Waldfels und -- beim Teufel! -er ist zu rechter Zeit gekommen!« - -Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man wissen, daß der Oberst -sich in der Zwischenzeit wieder seiner alten Passion, dem Spiel, -ergeben hatte und in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der -Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm und namentlich -auch seinem herangewachsenen Sohn unter die Arme greifen werde, hatte -etwas sehr Tröstliches für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine -gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, und war stolz, -sein Oheim zu seyn. - -In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte er sich, dem -freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem Wege traf er durch einen eigenen -Zufall mit Seiner Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine -Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, neuerdings aber -wieder gewonnen und war nun um so ängstlicher darauf bedacht, sie zu -behaupten. Als ihm der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte -ihm sein Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten einen -Gegner finden könnte; er wußte sich aber zu beherrschen und drückte -mit Würde seinen freudigen Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey -überzeugt, daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten Gaben -die conservative Partei verstärken und eine Zierde derselben seyn -werde. Der Oberst hatte die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit -entgegenzuhalten, daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze eingesogen -haben könnte und daß ihn eben seine unabhängige Stellung verleiten -könnte, sie geltend zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von -einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr glauben. - -Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war sehr herzlich. Der -Oberst, dem graue Haare jetzt ein ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß -den Glücklichen in seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen. -Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: »Sind Sie mit mir -zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen --« -- »Lieber Neffe,« fiel der -Oberst ein, »wer so viel Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht -das Sonderbarste und Tollste zu unternehmen. -- Scherz bei Seite: du -hast deine Sache gut gemacht und ich gebe dir meinen Beifall.« - -Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. Daß Waldfels der -Familie gesichert war, erfüllte ihn mit stets erneuter Genugthuung. -Arthur hatte sich auf eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt, -für seinen jungen »Vetter« zu sorgen, was ihm eine große Last von -seinen Schultern nahm. In der Freude seines Herzens zeigte er gegen die -Damen von Holdingen alle Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn -für ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft des Zorns -nicht zuweilen gegen irgend einen Diener bei einem wirklichen oder -vermeintlichen Fehler desselben gezeigt hätte. - -Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter Bekannter im Schlosse auf: -Herr Samuel Rosenheimer. Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten -sich ziemlich gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum, -wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb. Eben mit seinem -jüngsten Sohn im Städtchen anwesend konnte er dem Verlangen nicht -widerstehen, dem Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung -war sehr warm. »Herr Baron,« begann Rosenheimer nach den ersten -Complimenten, »ich kann Ihnen versichern, keine größere Freude hab' -ich in meinem Leben gehabt, als wie ich gehört hab', daß Sie wieder in -unserem Lande angekommen sind! -- und wie? -- Edmund,« rief er seinem -Sohn zu, »küß dem Herrn die Hand! 's ist ein großer Baron -- aber ein -noch größerer Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt, wie so -ein Herr aussieht!« -- Der Junge gaffte den Belobten mit einer Mischung -von Dreistigkeit und Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit -überwog. Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte einen Schmatz -darauf. - -»Aber sagen Sie mir, Herr Baron,« fuhr Rosenheimer mit galantem Lächeln -fort, »wie haben Sie's angefangen? Wie ist's möglich, daß man in so -kurzer Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? -- Ja, ja,« setzte -er hinzu, »wir dürfen uns gratuliren, daß nicht mehr Herrn Barone -auf den Einfall kommen, Kaufleute zu werden. Gott soll hüten! was -würde aus uns werden?« -- Arthur konnte nicht umhin, über diese Art -von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über das Glück eines -Kaufmanns sollte sich am wenigsten derjenige wundern, der nach allem, -was man sehe, selbst bedeutend vorwärts gekommen sey. -- Rosenheimer -protestirte gewaltig gegen diese Annahme. »Rückwärts, Herr Baron, -rückwärts! -- Und wie soll's anders seyn? Die Geschäfte gehen für -unser einen alle Tage schlechter. Kein Mensch will mehr bezahlen, und -wenn man jemand hilft, wär's Noth, man gäb' ihm noch Geld dafür, daß -er sich helfen läßt.« -- Er hielt ein wenig inne, dann fuhr er mit -einem gewissen Ernst fort: »Herr Baron, weil wir gerade unter uns -sind, erlauben Sie mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen -einen Dienst zu leisten. Ich hab's gern gethan und ich bin dafür -bezahlt worden, es fällt mir nicht ein, Ansprüche zu machen. Aber wahr -bleibt wahr: ich hab' doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie -jetzt wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und ich bin -überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte machen, werden Sie sich -erinnern, daß es einen gewissen Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.« - -Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört und er gedenke -jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -- Rosenheimer lächelte. »Sagen -Sie das einem andern, Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht -hat, wie Sie, der kann's nicht mehr lassen! -- Und wenn Sie so gewiß, -als Sie wieder Geschäfte machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen -beehren werden, so will ich mich glücklich schätzen.« -- »Unter dieser -Bedingung,« versetzte Arthur, »haben Sie mein Versprechen.« -- »Ich -dank' Ihnen,« erwiederte der Jude. -- »Ach,« fuhr er nach einer Pause -fort, »Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu thun habe, -wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei gemacht gegen die Herrn von -Adel! Ich möcht' wissen! Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig -und anmaßend; ich will die Grobheiten nicht zählen, die ich von solchen -Leuten schon hab' verschlucken müssen. Aber die rechten vornehmen -Herrn sind freundlich und höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn, -der ist's nicht, und wer keinen Grund hat, der ist's. Wie kommt das, -Herr Baron?« -- »Das ist schwer zu sagen,« versetzte Arthur erheitert. -»Vielleicht aber daher, weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz -zu seyn und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und weil Leute -von Bildung es nicht lieben, für schwach zu gelten.« -- »Sie haben -Recht,« erwiederte der Jude. »Bildung! -- Siehst du, Edmund? Hab' ich -dir's nicht immer gesagt? -- Herr Baron, ich danke Ihnen nochmal und -freue mich außerordentlich auf Ihren ersten Auftrag.« -- Er fuhr sehr -befriedigt nach Hause. -- - -Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte Sache. Wir -erwähnen darum nur im Vorbeigehen, daß Waldfels zu dieser Zeit eine -nicht geringe Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch ihre -Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen in wenigen Fällen so -viele Gratulationen von Herzen gegangen seyn, wie in diesem. - -Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer verbinden sollte, nahte -heran. Hätten wir erwähnen sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise -nach Waldfels ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt -hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. -- Am Tage der Trauung -glänzte sie in einer Schönheit, die selbst ihrer Mutter auffiel. Die -Aufregung des Moments gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck; -eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. Es war die -vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten und lieblichsten Leben -der Seele. -- Wir bewohnen eine Welt der Unvollkommenheit; aber in -dieser Welt gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen zu -seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente, wo man sagen möchte: -Engel des Himmels müssen neben ihnen verlieren! - -Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter Anwesenheit nur der -nächsten Freunde statt. Der Geistliche sprach über einen Text, der -ihm Gelegenheit gab, das Heil der Prüfungen zu schildern, die über -den Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die zum Theil schon -von dem Brautpaar ausgesprochen waren, die aber vor dem Altar, an die -höchsten Gründe angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen, -feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge blieb ohne Thränen -der Rührung. - -Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin Gelegenheit, zu dem -Rentier zu sagen: »Ich finde, daß mit dem Bräutigam während seiner -Abwesenheit doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich -unterdessen ein Mann geworden -- aber das ist es nicht allein. Er hat -in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches, was mir sehr gefällt; und -ich glaube, man kann sagen, er hat etwas --« -- »Von einem Engländer,« -ergänzte der Freund. -- »Allerdings,« erwiederte die Baronin, »und -zwar erinnert er mich an die edelsten, die ich gesehen. Doch -- das -ist begreiflich!« -- Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf das -Brautpaar und setzte hinzu: »Er sieht so unendlich zuverlässig aus! -Mein Kind wird glücklich seyn!« -- - -Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau allein in ihrem Zimmer, -mit einer weiblichen Arbeit beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung -und einem gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man -schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es. Nach einer Weile -kam Arthur und lud sie zu einem Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie -sich, denn das Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen durch -den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die Anhöhen lagen. Wie anders -war jetzt ihre Empfindung, als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter -der süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg wandelten! -Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen jetzt mit der reizendsten -Empfindung. Von dem Hügel sah ein zierliches Belvedere herab, das erst -vor einer halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, und -ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur hatte sein Wort von -damals gehalten und Anna dankte mit einem liebevollen Blick. Am Fuße -des Hügels angekommen, lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig bei -Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige Schritte über das -Haidegras hin; plötzlich glitschte sie, stieß einen Schrei aus und fiel -in die Arme Arthurs, der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen -sie Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor. Anna rühmte und -bewunderte es und beide sahen von ihm schweigend in das Thal hinab, das -wieder im Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren Pause sagte -Arthur mit einem Ausdruck von Laune, durch die er den innern Ernst zu -verdecken strebte: »Was man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die -Fülle!« -- Und Anna erwiederte: »Wir haben in früher Jugend gewünscht, -und der Himmel hat die Gnade gehabt, uns von der Bedingung des Alters -zu dispensiren.« -- »Ja,« sagte Arthur, »er gab uns das Glück in der -besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; wir vertrauen -dem Geber und wollen von seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch -den wir die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit -rechtfertigen.« -- Die junge Frau reichte ihm schweigend die Hand. - - - - - * * * * * * - - - - -Anmerkungen zur Transkription - - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anführungszeichen - wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt. - - - -***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN*** - - -******* This file should be named 54640-8.txt or 54640-8.zip ******* - - -This and all associated files of various formats will be found in: -http://www.gutenberg.org/dirs/5/4/6/4/54640 - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. 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Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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You may copy it, give it away or re-use it -under the terms of the Project Gutenberg License included with this -eBook or online at <a -href="http://www.gutenberg.org">www.gutenberg.org</a>. If you are not -located in the United States, you'll have to check the laws of the -country where you are located before using this ebook.</p> -<p>Title: Novellen</p> -<p> Die zweite Liebhaberin; Verlust und Gewinn</p> -<p>Author: Melchior Meyr</p> -<p>Release Date: May 1, 2017 [eBook #54640]</p> -<p>Language: German</p> -<p>Character set encoding: ISO-8859-1</p> -<p>***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***</p> -<p> </p> -<h4>E-text prepared by the Online Distributed Proofreading<br /> - (<a href="http://www.pgdp.net">http://www.pgdp.net</a>)<br /> - from page images generously made available by<br /> - Internet Archive<br /> - (<a href="https://archive.org">https://archive.org</a>)</h4> -<p> </p> -<table border="0" style="background-color: #ccccff;margin: 0 auto;" cellpadding="10"> - <tr> - <td valign="top"> - Note: - </td> - <td> - Images of the original pages are available through - Internet Archive. See - <a href="https://archive.org/details/novellen00meyruoft"> - https://archive.org/details/novellen00meyruoft</a> - </td> - </tr> -</table> -<p> </p> -<hr class="full" /> - -<h1>Novellen</h1> - -<p class="center spaced">von</p> - -<p class="title spaced">Melchior Meyr.</p> - -<p class="title big_spaced">Stuttgart.</p> -<p class="title_gesperrt"> -Cotta’scher Verlag. -</p> -<p class="title"> -1863. -</p> - - - - -<p class="center big_spaced"> -Buchdruckerei der J. G. Cotta’schen Buchhandlung<br /> -in Stuttgart und Augsburg. -</p> - - - - -<h2><a name="Inhalt" id="Inhalt">Inhalt.</a></h2> - - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt" width="80%"> -<tr><td align="left"></td><td align="right">Seite</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Die_zweite_Liebhaberin">Die zweite Liebhaberin.</a></td><td align="right">1</td></tr> -<tr><td align="left"><a href="#Verlust_und_Gewinn">Verlust und Gewinn.</a></td><td align="right">319</td></tr> -</table></div> - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Die_zweite_Liebhaberin" id="Die_zweite_Liebhaberin">Die zweite Liebhaberin.</a></h2> -</div> - - -<h3>I.</h3> - -<p>An einem schönen Septemberabend fuhr der Personenzug -in den Bahnhof der Residenz, um unter dem -prächtigen Dache des Hauptgebäudes Halt zu machen. -Die Wagen entleerten sich und ein bunter Menschenstrom -wogte an der Mauer hin, die einen zum Ausgang, -wo die Erwarteten von Bekannten und Verwandten -begrüßt wurden, andere zum Packwagen, wo -man das „Passagiergut“ zurück erhielt.</p> - -<p>Unter den letzteren befand sich ein junger Mann -von ungefähr achtundzwanzig Jahren, stattlich gewachsen, -in der vollen Kraft gesunder Jugend. Eine elegante -Reisetasche, etwas größer als gewöhnlich, hing an -seiner Schulter und das Haupt deckte ein hellbrauner -Sommerhut, unter welchem dunkelblonde Haare, die -vielleicht um ihrer Schönheit willen etwas länger wachsen -durften, den Hinterhals beschatteten. In anständig -modischer Kleidung, die ihm gut, fast möchte man sagen -flott stand, bewegte er sich ruhig und sicher im Gedräng -weiter, besorgte sein Gepäck in den Wagen des Gasthofs, -wo er zu wohnen gedachte, und schickte sich an, zu -Fuß nachzugehen.</p> - -<p>Der Bahnhof lag am äußersten Ende der Vorstadt -und der mildsonnige Abend hatte eine ungewöhnliche -Zahl Spaziergänger auf die Straße und auf den schönen -Platz vor dem Hauptbau gelockt. Der Ankömmling -schritt durch sie hindurch, mit frohen Augen Alles -betrachtend, was sich ihm darbot. Ihn schien Alles -gleich lebhaft zu interessiren: die neuen Häuser der Vorstadt -und die zierlichen Gärtchen, die davor oder dazwischen -lagen, die Menge, die sich hin und her bewegte, -und die einzelnen Figuren, die sich ihm vorübergehend -bemerklich machten. Er faßte mit demselben heitern -Antheil das schmucke Dienstmädchen in’s Auge, die mit -einem Korb am runden Arme munter dahin schritt, und -die feine Dame, die im eleganten offenen Wagen neben -Gemahl oder Papa nachlässig hingegossen saß; den -Proletarier, der mit freiem Hals und nicht ganz reinlichem -Hemd behaglich eine Cigarre rauchte, und den -Officier, der mit angenehmem Kriegerbewußtseyn ein -Racepferd durch die Straße lenkte. Ja, wenn er hie -und da zurückschaute, warf er auch in den leicht aufgewirbelten, -von der Sonne vergoldeten Staub, der -allerdings die schöne Abendlichkeit des Bildes mit vollenden -half, einen vergnügten Blick, um gemüthlich seinen -Weg fortzusetzen.</p> - -<p>Ein so lebendiges Gefallen an den Außendingen -setzt eine wohlwollende Seele und gleicherweise ein begnügtes, -zuversichtliches Herz voraus. In der That -hätte sich dem schärferen Beobachter auch dieses in dem -hübschen Gesicht gar wohl bemerklich gemacht. Mit der -gutmüthigen Freude, die es zunächst verschönte, sah -auch ein tiefes Selbstgefühl aus ihm, und zuweilen -ging ein Stolz in ihm auf, mit dem er lächelnd auf -die Menschen sah, die für ihn wieder zu einer „Masse“ -zusammengeflossen waren.</p> - -<p>Der Grund dieser Zuversicht war ein sehr triftiger, -und der Leser wird ihn gewiß mit Vergnügen erfahren. -In der Reisetasche des jungen Mannes befand sich nicht -nur eine Anzahl von Kassenscheinen, womit einen -Winter anständig zu leben war, sondern neben andern -unschätzbaren Papieren auch das stattliche Manuscript -eines Trauerspiels, das in seiner Heimath die günstigsten -Urtheile erfahren hatte und das er nun auf der -Hofbühne geben zu lassen gedachte, um sich mit einemmal -den gefeiertsten Namen der gegenwärtigen Dramatik -angereiht zu sehen. Die Wirkung, die er beim Vorlesen -des Stückes erzielt hatte, war so entschieden, die Lobsprüche, -die er von Männern und Frauen erhalten, -waren so empfindungsvoll betont, daß er einen durchschlagenden -Effekt auf dem Theater mit vollkommener -Sicherheit erwarten zu dürfen glaubte. Manchmal, -wenn er auf der Herfahrt, in die Ecke des Coupés -gelehnt, über sein Vorhaben nachdachte, hatten ihn -allerdings auch wohl Zweifel angewandelt und sein Herz -in eine nicht unbedeutende Gährung versetzt; allein das -Ueberdenken der ergreifenden Scenen, womit das Spiel -ausgestattet war, hatte ihn wieder völlig beruhigt; und -wie er nun an dem sonnigen Tag gegen die Residenz -herfuhr, die ihm durch das Seitenfenster in all ihrer -Gebäudepracht entgegenglänzte, da nahm das reinste -Vertrauen in seiner Seele Platz.</p> - -<p>Bei dem tief heitern Blick, den er über die Spaziergänger -hingleiten ließ, schien er nun zu denken: -„Ihr laßt mich jetzt unbeachtet vorübergehen, ihr guten -Leute; ich bin euch nichts — ein junger Mensch wie -jeder andere. Aber ihr werdet mich schon ansehen, -wenn ich unter allgemeinem Applaus und Zurufen -meines Namens auf die Bühne trete und euch für den -Beifall danke, den ich euch durch die Gewalt meiner -Tragödie entrissen habe. Dann werde ich ein Gesicht -haben für euch und den Weg des literarischen Ruhmes -fortsetzen können unter den herzerfreuenden, ermuthigenden -Zeichen der Achtung meiner Nation.“</p> - -<p>Wenn er diese Gedanken nicht wörtlich hatte, so -gewannen seine Züge doch mehr und mehr einen Ausdruck, -der ihnen entsprach. Er strahlte in einer Mischung -von Zuversicht und Selbstgefühl, die von Selbstgefälligkeit -nicht mehr zu unterscheiden war. Doch mit -einemmal, nach einer Reflexion, wie es schien, gewann -das Gesicht einen ernsteren, löblicheren Ausdruck: er sah -aus wie einer, der sich freut um der Freude willen, -die er geliebten Andern zu bereiten hofft.</p> - -<p>In die Stadt selbst eingetreten setzte er seine Beobachtungen -fort. Der Anblick, der sich ihm bot, war -ihm nicht ganz neu, denn er hatte vor einem Jahrzehnt -schon ein paar Tage hier verbracht, wirkte aber wegen -verschönerter Häuser und Läden mit allem Reiz der -Neuheit auf ihn. Da man ihn als Poeten kennt, so -begreift man den Sinn für charakteristische Gegenstände, -die er in seiner Auffassung gleich idealisirte und dichterisch -empfand, indem ihn instinktmäßig dabei der Gedanke -leitete, das so Geschaute als Zierde in einem -seiner Werke verwenden zu können. Aus diesem Grund -— um die Physiognomie der Residenz rein in sich aufzunehmen -— hatte er den Weg vom Bahnhof eben zu -Fuß gemacht; und die Bilder in ihrer Erfreulichkeit -waren ihm jetzt nicht nur werthvoll an sich, er nahm -sie auch behaglich als günstige Vorbedeutung. Auf einmal -blieb er stehen und besann sich. Die Lage des ihm -empfohlenen neuen Gasthofs hatte er sich zu Hause beschreiben -lassen, wußte aber nun doch nicht, wie er -dahin gelangen könne. Eben kamen indeß zwei Damen -gegen ihn heran, und er beschloß die ältere zu fragen.</p> - -<p>Es waren feine Gestalten und feine Gesichter, und -die Familienähnlichkeit verrieth ihm sogleich, daß er -Mutter und Tochter vor sich habe. Sie waren es in -der That und auch abgesehen von seinem Anliegen gar -sehr der Beachtung werth. Die Mutter hatte einen -bräunlichen Teint und ihre Wangen erschienen ziemlich -abgemagert; sie machte aber den Eindruck völligen Wohlbefindens -und ihr braunes Aug zeigte anmuthig heitern -Geist und alle Wärme der Herzensgüte. Das Antlitz -der Tochter glänzte in gesunder Blässe, die ein klein -wenig in’s Bräunliche spielte und auf den Wangen nur -von sehr zartem Roth überflogen war. Aus ihrem -gleichfalls braunen Auge leuchtete noch mehr und schöneres -Feuer, und der ganze Ausdruck des Gesichts war -eine reizende Mischung von Gutmüthigkeit, froher Ueberlegenheit -und Schalkheit.</p> - -<p>Während unser junger Mann die Aeltere fragte, -den Weg sich bezeichnen ließ, wieder fragte, um eine -nähere Explikation zu erlangen, sah ihn die Tochter -mit großer Unbefangenheit an, und bald verschönte ein -schelmisches Lächeln ihren Mund. Unser Poet verrieth -den Mann der Provinz, der seine gesellige Bildung in -einer mittleren Handelsstadt und zwei kleinen Universitätsstädten -erlangt hatte, nicht nur durch den Dialekt, -der aus seinem Hochdeutsch sehr merklich herausklang, -sondern er stand auch vor der Mutter mit einer gewissen -Verlegenheit, in der sein gutmüthiges Wesen so ziemlich -den Charakter der Unbeholfenheit annahm. Gewandt -und leicht auftretend, wenn er unter guten Bekannten -oder unerkannt unter den Menschen sich bewegte, konnte -er die schöne Sicherheit gar wohl verlieren, wenn er sich -im geselligen Verkehr eine bestimmte Haltung zur Pflicht -machen sollte; und das war ihm jetzt sichtlich begegnet. -Der jungen Dame kam nun insbesondere noch das ergötzlich -vor, daß der Fragende steif an dem Angesicht -der Mutter hing und auf sie selber auch nicht einen -Blick zu werfen sich getraute. Dieß verrieth ihr den -Ungewohnten noch mehr als alles Bisherige, und der -junge Mann begann sie zu interessiren.</p> - -<p>Wenn sie glaubte, daß er in dieser ungalanten -Theilnahmlosigkeit verharrend sich empfehlen werde, that -sie ihm doch Unrecht. Sobald er hinlänglich unterrichtet -war, sah er nach warm accentuirtem Danke rasch -auf die jugendliche Gestalt; ihre Blicke begegneten sich, -und da sie doch fühlte, daß sie ihn eigentlich auslächelte, -so erröthete sie ein wenig; indeß erheiterte sie sich gleich -wieder und dankte auf die Abschiedsverbeugung mit einer -Freundlichkeit, die eben so viel Theilnahme wie Herablassung -verrieth.</p> - -<p>Geschmack und Galanterie des Dramatikers waren -gerettet, wenn auch die Tournüre noch vieles zu -wünschen übrig ließ. Hätte sie übrigens gewußt, wie -reizend sie ihm erschienen war, so hätte sie mit einem -noch günstigeren Begriff ihre Promenade fortgesetzt. -Unser Poet wurde durch Gestalt und Miene — trotz -einer entfernten Ahnung der Bedeutung ihres Lächelns -— so lieblich getroffen, daß der Eindruck vielleicht ein -tieferer geworden wäre, hätte nicht ein übermächtiges -Bild von innen entgegengewirkt. Aber auf ihn konnte -weibliche Liebenswürdigkeit nur mehr einen leichten, -flüchtig angenehmen Effekt machen; denn in seinem -Herzen thronte eine Königin, zu der er mit aller Verehrung -eines Liebenden und Dichters empor sah und -der allein zu huldigen das Glück und der Stolz seines -Lebens war.</p> - -<p>Im Gasthof erhielt er ein kleines Zimmer im -dritten Stock und auf den Hof, was ihm gerade recht -war. Er hätte allenfalls noch in’s Theater gehen können; -aber man gab eine Oper von einem Meister -zweiten Rangs, die ihn nicht reizen konnte, und er -wußte sich zu Hause schöner zu unterhalten. Nachdem -er einen leichten Hausrock angezogen hatte, setzte er sich -auf das Sopha, öffnete die auf den Tisch gelegte Reisetasche -und zog nicht nur das Bühnenmanuscript hervor, -sondern auch eine Anzahl Briefe, mit denen eine noch -nicht ganz getrocknete, halb offene Rose herausfiel. Sein -blaues Auge leuchtete, als er diese theuren Gegenstände -erblickte. Er sog den Duft der welken Rose ein und -drückte sie an seine Lippen. Dann nahm er einen -Brief, las, lächelte und las weiter, bis sein Gesicht in -einem innig glücklichen Schein erglänzte.</p> - -<p>Deutsch ausdrucksvolle, wohlgebildete Züge; mit -einer nur wenig gebogenen Nase, gerade aufwärts gehender -Stirn und stark ausgeprägtem Vorderkopf ähnelte -er dem Bild Albrecht Dürers, wie es der Meister selbst -gefertigt, nur daß aus seinem Gesicht eine subjektivere, -weltlichere Seele hervor sah. Der Treuherzigkeit und -Gutmüthigkeit, die den Grundton bildete, gesellte sich -ein modern schwärmerisches Gefühl, worin er zwar die -ganze Welt liebend umfangen konnte, mit specifischer -Lust aber doch an sich selber, seinen eigensten Angelegenheiten -und Aussichten hing.</p> - -<p>Wer mochte es ihm verdenken, wenn er dermalen, -in Ihren Briefen lesend, nur Sie vor Augen hatte und -nur die Eine Hoffnung, als erfolggekrönter Autor vor -ihre Eltern treten, ihre Hand erhalten und sie heimführen -zu können? War er doch mit ihr so gut wie -verlobt und bedurfte es zu seinem höchsten Glück nichts -als des Beweises, daß er der Mann war, sie als glückliche, -gefeierte, beneidenswerthe Frau durch’s Leben zu -führen. Diesen Beweis hoffte er aber zu liefern; er -hoffte sich zu legitimiren als Dramatiker, als produktiver -Geist, dem auch bei den dermaligen Verhältnissen im -deutschen Vaterlande Ruhm und Wohlfahrt genügend, -wo nicht überflüssig in Aussicht ständen und dem kein -verständiger Vater, keine gütige Mutter ihr Kind würde -versagen wollen, um wie viel weniger mehrjährig befreundete -Verwandte die geliebte und liebende Tochter. -Die Erkorene war nämlich seine Cousine, und dieser -Umstand brachte etwas Eigenthümliches in das Verhältniß, -über das der Leser ohne Zweifel näher unterrichtet -zu werden wünscht.</p> - -<p>Heinrich Born war der Sohn eines braven Mannes, -dem nach mühseligem Ringen und Streben nicht -nur die Stelle eines Oberlehrers in einem Städtchen, -sondern auch eine nicht ganz unbedeutende Erbschaft -zufiel, so daß er dem schönsten Wunsch seines Herzens -nachkommen und den einzigen begabten Sohn studiren -lassen konnte. Die Preise, die derselbe auf dem Gymnasium -davon trug, erfreuten ihn außerordentlich; er -schüttelte aber sehr bedenklich den Kopf, als ihm der -Studiosus im dritten Semester erklärte, die begonnene -Theologie unmöglich absolviren zu können, sondern sein -Leben und seine Geisteskraft der Literatur — der Dichtkunst -widmen zu wollen. Er machte alle Einwendungen -eines praktischen Mannes; dem Jüngling stand aber in -unbedingtem Selbstvertrauen eine unerschöpfliche Menge -von Gegengründen zu Gebote, und als zu diesen noch -Betheurungen und dringende Bitten hinzukamen, als -der junge Poet die Unwiderstehlichkeit des Triebes hervorhob, -dessen Nichtbefriedigung ihn zur Verzweiflung -bringen würde, da gab der gute Vater nach und versöhnte -sich, dem Talente des Einzigen selber vertrauend, -endlich mit dem gewagten Lebensplan, indem die poetischen -Versuche, die jener ihm mittheilte, die allenfalls -gesunkene Hoffnung neu wieder anfachten.</p> - -<p>Die dichterische Seele hatte unser Heinrich nicht -von diesem schlichten Manne, sondern von der Mutter, -der er auch viel ähnlicher sah und die ihn mit ihrer -zärtlichen Liebe zum Poeten verderben half. Ihrer Beistimmung -gewiß, konnte er seinen Weg nicht nur ungehindert, -sondern auch immer wohl unterstützt fortsetzen, -indem sie bei den ehelichen Berathungen über den -„Wechsel“ immer einer verhältnißmäßigen Zulage das -Wort redete. Er nährte sich nun von den Wissenschaften, -die ihn reizten, machte Verse und Entwürfe zu Tragödien, -die er zum Theil ausführte, und imponirte zuletzt -auch dem Vater noch ganz ernstlich, indem er nach dem -fünften Universitätsjahr mit dem Diplom eines Doktors -der Philosophie heimkehrte.</p> - -<p>Schon als Gymnasiast und angehender Student -pflegte er in den Ferien einen Verwandten zu besuchen -— Geschwisterkind seiner Mutter — der in einer nahe -gelegenen größeren Stadt Kaufmann war. Die bemittelte -Familie, die sich als solche fühlte, nahm den jungen -hübschen Vetter um so lieber auf, als das poetische -Gemüth sich für die erwiesenen Freundlichkeiten immer -sehr dankbar zeigte und nach Kräften zur Unterhaltung -beitrug. Er war für einen Theil der Herbstferien -regelmäßig geladen, und wenn er einmal nicht kam, -so erwartete man ihn um so bestimmter im folgenden -Jahr. Bald ehrte er aber die Einladung des gastfreien -Hauses so weit es schicklicherweise nur immer anging; -denn unterdeß war die älteste Tochter, die sechs Jahre -weniger zählte als er, zu einer so auffallenden Schönheit -herangeblüht, daß sie beim ersten Wiedersehen sein -Herz völlig in Besitz nahm und er das Loos seines -Lebens für entschieden halten mußte.</p> - -<p>Auguste Werthlieb war von stattlichem Wuchs, die -Gestalt in allen Verhältnissen untadelig, das Gesicht -regelmäßig schön und die Wangen sanft geröthet; Augen -wie Haare schwarzbraun, und Hals, Nacken und -Arme nicht von jener gerühmten „blendenden Weiße,“ -sondern wie von einem ätherischen Goldton angehaucht, -der ihnen eine holde Wärme gab und ihren Verehrern -über alles bezaubernd erschien. Den Ausdruck der Züge -konnte man sowohl vornehm als edel nennen. In ihrem -Wesen lag etwas natürlich Selbstbewußtes, Sicheres -und zum Herrschen Geneigtes; und da sie bald im -Hause und in der Stadt gefeiert wurde, so gewöhnte -sie sich etwas ruhig Gebietendes an und lernte die Artigkeiten -entgegennehmen, als ob sie sich von selber -verständen. Vor dem Mißbrauch der so rasch erlangten -Macht schützte sie aber ein angeborener gesunder Sinn -und klarer Blick in’s Leben, ein durch ihr Temperament -begünstigter Gleichmuth der Seele, mit dem sie immer -auch bedachte, was die andern wünschen mochten. Wenn -ihre Thätigkeit im Hause eine mehr anordnende als -dienende war, so sprach sie ihre Willensmeinung doch -so freundlich aus, daß man ihr immer gern nachkam; -und wenn sie von ihren Verehrern, alten und jungen, -sich huldigen ließ wie eine Fürstin, so erwiederte sie -die geleisteten Dienste mit so anmuthigem Dank, daß sich -jeder belohnt, wenn auch nicht eben vor andern ausgezeichnet -fühlte.</p> - -<p>Ein alter Verwandter, der eine Zeitlang als Gast -im Hause war und sie mit Interesse beobachtet hatte, -sagte dem Vater, als er von ihm Abschied nahm: „Zu -deiner Auguste kann ich dir nur gratuliren. Sie ist -nicht nur sehr schön — und, nebenbei gesagt, von -einer dauerhaften Schönheit — sondern eines der verständigsten -Mädchen, die mir vorgekommen sind. Die -laß nur immer gehen, und wenn’s zum Heirathen kommt, -selber wählen! Ich verbürge mich dafür, sie trifft die -beste Wahl, für sich und für dich.“</p> - -<p>Heinrich hatte sich mit dem kleinen Bäschen von -ihrer ersten Bekanntschaft an geduzt und außerdem -herablassend mit ihr gespielt, wie sich dieß bei einem -um so viel älteren Jüngling von selber versteht. Noch -beim letzten Abschied von der eben Sechzehnjährigen, -obwohl er für den Reiz der werdenden Schönheit nicht -ganz unempfindlich war, blieb er ruhig und fühlte sich -selbst als die höhere Persönlichkeit. Wie er sie aber -nach einem Jahr in dem Glanz vollendeter jungfräulicher -Schönheit wieder sah, da war’s um ihn geschehen. -Er erschrack förmlich, als sie ihm den Willkomm bot; -der Ausdruck ihres Gesichts hatte für ihn etwas so -Ernstes und Feierliches, daß ihm die frühere Leichtigkeit -der Begrüßung unmöglich wurde; seine Gedanken -verwirrten sich, und erst nach einigen ungeschickten Versicherungen, -die auf den Gesichtern der Anwesenden ein -Lächeln hervorriefen, und nach erduldeter Beschämung -stellte sich der alte Ton wieder bei ihm ein.</p> - -<p>Er war gefangen, bezaubert, und hatte nun zu dem -Einen Ziel ein zweites, das er mit jenem zusammen -erreichen mußte. In dem Verkehr mit ihr, der sich -weiterhin in heiterer Gemüthlichkeit herstellte, ward es -ihm klar, daß sie die Seine werden müsse, werden -sollte, daß er nur im Bunde mit ihr den Lorbeer erreichen -könnte, nach dem seine Hand sich streckte. Sie -war freundlich, ja herzlich gegen ihn, und wenn er -nicht erwarten durfte, daß sie ihn vor andern merkbar -auszeichnete, so glaubte er ihr doch mehr als irgend ein -anderer zu seyn und die völlige Gewinnung ihrer Liebe -hoffen zu dürfen. Er wollte ihr dienen und sie verdienen -auf seine Weise. War doch auch das jetzige -Glück in ihrem Umgang schon unendlich; gingen doch -die süßesten Gefühle durch sein Herz und gaben seinen -poetischen Phantasien einen Glanz, der ihn selber entzückte. -Er fühlte sich wie in einem Garten voll der -mannigfaltigsten Blumen, die ihn in frischester Blüthe -magisch anleuchteten und deren Wohlgerüche stromgleich -in ihn einzogen. Es war eine Fülle des Lebens, der -Lust und der Poesie, daß er nur bedauerte, den wunderreichen -Gehalt nicht sogleich in die rechte Form bringen -zu können, er hätte sich damit gewiß den ersten -Dichtern an die Seite gestellt. Indessen was jetzt nicht -möglich war, das geschah später — und am Ende noch -besser als jetzt. Jetzt wollte er leben, lieben, der Wonne -sich hingeben, die Zauberbilder des Liebelebens in sich -aufnehmen, um sie später in reinen Kunstwerken zu unwiderstehlicher -Wirkung vorzuführen.</p> - -<p>Einen ganz besondern Reiz hatte es für ihn, aller -Vorzüge, welche die Geliebte zierten, sich bewußt zu -werden und sie in Versen und Prosa für sich wiederzugeben. -Wie ein Künstler seine Geliebte immer wieder -zeichnet und malt, so wurde er nicht müde, die Erwählte -in ihrer Erscheinung, ihrem Benehmen, in dem -gesteigerten Zauber besonders holder Momente wieder -und wieder zu beschreiben. Er fühlte alles an ihr -poetisch; jede Linie ihrer Gestalt, jeder Blick, jede Bewegung -entzückte ihn. Die ruhige Anmuth ihres Benehmens -erschien ihm edel im schönsten Sinne des Worts, -das höhere Bewußtseyn, das nicht selten aus ihren -Zügen sprach, für eine von der Natur so verschwenderisch -ausgestattete Jungfrau durchaus geziemend; der -sichere Takt und der Verstand, den sie im Gespräch -mit ihm zeigte, verrieth ihm einen geradezu genialen -Geist. Sie herrschte in ihrem Hause — das gebührte -ihr. Nach Geist und Charakter war sie geartet, als -Fürstin ein Volk zu regieren; und wenn ihr dieses Loos -nicht zufallen konnte, so war es am Ende auch schön, -als Gattin eines Dichters durch’s Leben zu gehen und -als Urbild seiner schönsten Gestalten von einer Nation -gefeiert zu werden.</p> - -<p>Daß er zum Dichter bestimmt war im vollsten -Sinne, konnte das eine Frage seyn? Wenn er bisher -keine Gewißheit hatte, jetzt war sie gegeben: mit dem -glühenden Gefühl, mit dem phantasievollen, hochstrebenden -Geist, den er sich zusprechen durfte, hatte er Sie -gefunden, die alle seine Kräfte belebte, steigerte, auf -die höchsten Ziele lenkte, an der er die herrlichsten Eigenschaften -des Weibes anschaute und die ihm zugleich die -ausdauerndste Anstrengung, den reinsten Kunstfleiß zur -frohen Pflicht machte, weil die Früchte davon <em class="gesperrt">sie</em> erquicken -sollten. Jetzt hatte das Schicksal seine Hoffnung, -seinen Glauben feierlich bestätigt, ihm die Richtung und -das Ziel seines Lebens im hellsten Sonnenlicht gezeigt. -Alles stimmte zusammen. Zu der Leidenschaft und dem -glühenden Ehrgeiz des Dichters kamen die lieblichsten -Geschenke der Welt und der Natur; gute Geister halfen -ihm und bereiteten ihm die Wege; ja es sollte in ihm -wieder einmal ein Poet ausreifen, der, in eigenster -Seele glücklich, auch die andern beglückte und den -himmlischen Glanz der Liebe und Freude in die Seelen -ergoß.</p> - -<p>Jahre gingen hin. Das Verhältniß gedieh weiter, -indem die beiden Herzen vertrauter und in Momenten -schöner Erregung die liebenden Blicke des Dichters gar -warm und hold erwiedert wurden; aber zur förmlichen -Erklärung und zum festen Beschluß kam es dennoch -nicht. Der Grund lag in der Zurückhaltung Auguste’s, -die in ihrer Freundlichkeit, auch bei lebhafterer Wallung -des Herzens, ein gewisses Maß nicht überschritt und -auch den Liebenden in den Schranken des Verehrers zu -halten oder doch wieder in sie zurückzuführen wußte. -Außerdem war Heinrich so glücklich, sie immer wieder -sehen, mit ihr verkehren und ihr die Aufmerksamkeit der -Liebe erweisen zu können, daß er eine Aenderung, wäre -es auch eine glückerhöhende gewesen, kaum wünschte. -Was er hatte, war so hold, so voller Duft und Poesie! -Und das Andere mußte ja kommen — in schönster Weise -kommen, wenn sein Ruhm als Dichter nicht mehr eine -bloße Verheißung, sondern eine vollendete Thatsache war!</p> - -<p>Die Liebe macht jedes Wesen klug und — nach -Möglichkeit — praktisch, sogar den poetischen Idealisten. -Heinrich sah wohl, daß die Verwandten ihre Tochter -nur einem wohlgestellten Manne geben würden; und -wenn er sich nun durch Vorlesen klassischer Dichtungen -und eigener Arbeiten angenehm und interessant machte; -wenn er bei Gelegenheit ein wirksames, die betreffenden -Personen schmeichelhaft berührendes Lied sang; wenn er -hie und da auch eine der Kritiken mittheilte, die er in -Journale zu liefern begann, so versäumte er nicht, bei -natürlichen Anlässen die Vortheile jetzt lebender Schriftsteller -vor ihren ehemaligen Genossen in’s Licht zu setzen -und nachzuweisen, daß ein Mann der Feder, wenn er -thätig sey, durch bloße Zeitungsartikel sich ein Einkommen -zu beschaffen im Stande wäre, das dem eines gut -besoldeten Staatsdieners gleich komme, ganz abgesehen -von den möglichen Erfolgen als Lyriker und Erzähler, -und nun gar als dramatischer Dichter, der erst von den -deutschen Bühnen und dann von dem Verleger stattliche -Ehrensolde zu erlangen vermöge.</p> - -<p>Da es galt, eine Kaufmannsfamilie zu überzeugen, -so rechnete er genau vor, was man durch Lieferung -so und so vieler Bogen in politische und literarische -Journale sich erwerben könne, was Bücher einbringen, -die Auflagen erleben, und was namentlich an Tantièmen -und Honorar ein Stück abwerfe, das den Siegeszug -über die Bühnen Deutschlands mache — der wackere -Jüngling, der, während er diese Möglichkeiten sich und -Andern vorhielt, auch von der ersten einen nur äußerst -mäßigen Gebrauch machte und es für ehrenvoller und -natürlicher hielt, seine Bezüge fortgehenden Anstrengungen -des Vaters zu danken. Der Vetter indeß hörte -die Darlegung mit Antheil, gewann von dem merkantilischen -Sinn des Poeten einen vortheilhaften Begriff -und sprach einmal seine ernstliche Freude darüber aus, -daß nun doch auch die Schriftsteller und Dichter wie -solide Menschen zu leben vermöchten. „Freilich,“ setzte -er lächelnd hinzu, „müssen ihre Gedanken auch durchgehen!“ -Der Jüngling, in seiner vollkommenen Sicherheit, -stimmte mit so heiterer Miene bei, daß der Alte -freundlich hinzufügte: „Nun, bei dir hoffen wir das -Beste, nach den schönen Sachen, die du uns schon vorgelesen -hast....“</p> - -<p>Die instinktmäßige Beschwichtigung eines rechnenden, -in Literaturverhältnissen aber nicht eben bewanderten -Mannes diente dem jungen Mann nachhaltig. Seine -dichterischen Arbeiten wurden mit größerem Antheil gehört, -und als er am Geburtstag der Mutter ein kleines -Festspiel aufführen ließ, in welchem Auguste die Hauptrolle -gab und das einen sehr anmuthigen, deßgleichen -rührenden Eindruck machte, gratulirte man ihm auf’s -wärmste; Auguste dankte ihm zärtlich, die Eltern glaubten -auch auf die dramatischen Projekte des Poeten Vertrauen -setzen zu können und sagten sich, daß er am -Ende doch der Mann wäre, ihre Tochter glücklich zu -machen. Unser Musensohn durfte unter den Verehrern -der gefeierten Schönheit nicht nur ungestört sich bemerklich -machen, sondern es wurde in dem Kreise allmählich -auch angenommen, daß er der Bevorzugte, der Erwählte -sey, und daß man eines schönen Morgens die Verlobungsanzeige -lesen könnte.</p> - -<p>Während einer längeren Abwesenheit nach jenem -poetischen Sieg drohte seinen Hoffnungen indeß einen -Moment große Gefahr. Ein Anbeter Auguste’s bewarb -sich um ihre Hand. Es war ein Beamter, der -eine bedeutende Stelle inne hatte, noch in guten Jahren -stand und sich einer ansehnlichen Gestalt erfreute. Die -Eltern, geschmeichelt, wußten die Ehre sehr zu schätzen, -gaben aber die Entscheidung der Tochter anheim; diese, -in höflichen Ausdrücken, ertheilte dem Bewerber einen -Korb. Heinrich war unendlich erfreut, als ihm das -Ereigniß von einem Bekannten gemeldet wurde. Nun -hatte er den vollen Beweis, daß ihr Herz ihm gehörte, -auf ewig gehörte! Und nun wollte auch er nicht länger -säumen, sondern in muthigem Anlauf sein Glück versuchen, -um die Hauptentscheidung seines Lebens herbeizuführen.</p> - -<p>Er hatte eine historisch romantische Tragödie begonnen, -die ihn bald vor allen andern Arbeiten anzog, -und wenn er sich an sie hingab, ihn anmuthete wie -eine erhabene poetische Waldlandschaft. Der Kern der -Handlung war ihm durch die sagenhafte Geschichte einer -fürstlichen Familie gegeben, die wirksamsten Momente -hatte er aber selber erfunden, indem er die Hauptpersonen -zu gleicher Zeit romantisch idealisirte und den -Sinn der historischen Vorgänge vertiefte. Jeder Act -schien ihm Scenen zu enthalten, die, gut gespielt, auf -die Zuschauer ergreifende, erschütternde Eindrücke hervorbringen -mußten. Es gibt eine Poesie der Situation -und der Sprache, der sich niemand entziehen kann; und -diese Poesie schien ihm in den fertigen Theilen so gelungen, -daß er über die gleichmäßige Hinausführung -des Ganzen nicht mehr in Sorge zu seyn brauchte. -Denn bei poetischen Kunstwerken kommt es auf den -Entwurf und das richtige, farbensatte Treffen des -Anfangs an; dieser führt dann zum entsprechenden -Fortgang und Ende mit Nothwendigkeit, indem das -Oberflächliche und Matte, das in schwächeren Augenblicken -in das Gemälde kommt, von dem überwiegend -Großen und Mächtigen immer selbst wieder ausgestoßen -wird.</p> - -<p>Reines Glück der jugendlichen Dichterseele, wenn -ein wundersames, reiches, romantisch holdes und großes -Bild vor ihr steht und sie dasselbe Zug für Zug, ja -noch farbiger und mannigfaltiger, als sie es anschaut, -auf’s Papier bringen zu können hofft! Wenn die Verse -dem liebenden Sinn leuchten, würzig duften und das -Herz an Alles, was erhaben, schaurig und süß in der -Welt ist, dabei erinnert wird! In den beglücktesten Momenten -ist es keinem zu verdenken, wenn er glaubt, etwas -Hamlet- und Faustähnliches hervorgebracht zu haben. -Und wenn das nun, prächtig ausgestattet, von ausgezeichneten -Schauspielern dargestellt, auf die Herzen der -Zuschauer eindringt? — Der Sieg ist unvermeidlich und -die Ueberwundenen müssen Beifall jubeln!</p> - -<p>Ein Jahr etwa vor dem Beginn unserer Erzählung -brachte Heinrich das Stück zu Ende. Er ging es kritisch -genau durch und opferte manchen Vers, der ihm -an sich poetisch, aber den Gang der Handlung aufhaltend -erschien, so wie er sich überhaupt immer fragte, -welchen Effekt die wesentlichsten Scenen auf der Bühne -zu machen im Stande wären. Durch Erfahrung belehrt, -wie sehr Autoren sich täuschen können, theilte er -das reingeschriebene Manuscript nacheinander zweien -Freunden mit und ließ sich von diesen zu nicht unbedeutenden -Aenderungen und Streichungen bestimmen. -Endlich glaubte er einstweilen sicher zu seyn und wollte -das Werk eine erste Probe bestehen lassen, indem er es -im Hause der Geliebten vorlas.</p> - -<p>An einem schönen Sommerabend, vor einer gewählten -Versammlung, die den runden Theetisch im Gartenhaus -umsaß, machte er den Versuch, der über Erwarten -gelang. Die Einleitung, die er voranschicken zu müssen -glaubte, wurde noch etwas befangen gegeben, aber die -Verse weckten den Muth des Autors, und bald las er -mit einer Wärme, die sich nach und nach zur Begeisterung -steigerte. Er fand den Ton der Liebe, des innigen -Ernstes, des pathetischen Schwunges, des schlagenden, -zermalmenden Ausbruchs. Die Zuhörer, erst ruhig -und schweigsam, dann erfreut, gerührt und nach den -effektvollsten Stellen mit ihrem Beifall nicht karg, waren -am Schluß höchlichst erregt, und die bei den letzten -Acten nöthig gewordenen Lampen beleuchteten ernst ergriffene, -gehobene, glückliche Gesichter. Am glücklichsten -war freilich der Autor. Er empfing — wie das nach -einem derartigen Sieg der Fall zu seyn pflegt — von -allen Seiten Lobsprüche, die noch um ein Gutes mehr -besagten, als es die Anerkennenden am andern Tage -gutgeheißen hätten; sein Antlitz, mitten im Fluß bescheidener -Ablehnungen, strahlte in beinahe mädchenhafter -Wonne; und als er endlich einen Moment allein -gelassen wurde, gestand er sich, wie viel von diesen Beifallsworten -auch abgehen möchte, ein würdiger Erfolg -seines Stücks auf der Bühne sey doch wohl ganz gesichert. -„Ein würdiger Erfolg?“ rief eine Stimme aus -den Tiefen seiner Seele. „Das ist nicht genug! Ein -durchschlagender, ein hinreißender muß es seyn!“</p> - -<p>Nach der Entfernung der Geladenen sahen ihn Eltern -und Geliebte mit vertrauensvolleren Blicken an. Man -gratulirte nochmals, der Vater namentlich mit bedeutungsvoller -Miene, und endlich wünschte man sich mit einer so -ruhigen Freude und Zufriedenheit Gutenacht, als ob schon -Alles gewonnen, der Bund schon geschlossen wäre.</p> - -<p>Andern Tages reiste der Glückliche nach Hause, um -durch Schilderung seines Triumphs die Mutter zu entzücken, -den Vater im Glauben zu stärken und ihn zu -einer freilich bedeutenden, aber jetzt unzweifelhaft letzten -Spendung zu vermögen. Der brave Herr, mit hoffendem -Lächeln, aber auch wieder mit bedenklicher Miene, -sorgte für das bereits erwähnte Päckchen Papiergeld, -das dem Sohne Muße gab, den Bühnenerfolg an entscheidender -Stelle vorzubereiten und gründlich zu erkämpfen. -Mit dem elterlichen Segen ging dieser wieder -zum Vetter zurück, um allerlei Einkäufe zu machen, ein -paar Tage in der Familie zu verleben und dann auf -Postwagen und Eisenbahn dem Wahlplatz zuzueilen.</p> - -<p>Die Verwandten halfen ihm bei seinen Besorgungen -mit heiterer Traulichkeit und einem Ausdruck von Achtung, -der dem Dichter ganz besonders wohlthat. Am -Abend wußte er die Geliebte allein im Garten und eilte, -sie aufzusuchen.</p> - -<p>Nach etwelchen alltäglichen Fragen und Antworten -begann er mit einem gewissen Lächeln: „Morgen also, -liebe Auguste, geht’s fort — in’s Feld.“ — „Ich -wünsche dir alles Glück dazu, Heinrich,“ erwiederte sie -mit ernster Empfindung; „von ganzem Herzen.“ — „Es -gehört viel Muth zu dem Unternehmen,“ fuhr der junge -Mann fort, indem er sie bedeutsam ansah; „denn für -mich steht nicht weniger als Alles auf dem Spiel!“</p> - -<p>Das Mädchen, zu Boden sehend, versetzte: „Mögest -du gewinnen — Alles gewinnen — das ist mein Wunsch -und meine Hoffnung!“ — Sie schaute auf, ihm in’s -Auge; es war ein Blick der freundschaftlichsten Theilnahme -— der Liebe, der ihn traf und entzückte.</p> - -<p>Rasch faßte er ihre Hand und rief, sie zärtlich drückend -mit überwallender Herzlichkeit: „Ich danke dir, -Auguste — und gehe getrost. Es muß mir ja gelingen -— wenn nicht um meinetwillen, so doch um deinetwillen, -da du so lieb und so gut bist, es zu wünschen. -Wenn nur,“ setzte er mit einem eigenen Ausdruck von -Sorge und Hoffnung hinzu, „die Prinzessin gut gespielt -wird!“</p> - -<p>Auguste lächelte. Sie hatte wohl gemerkt, daß zu -dieser Figur sie gesessen und der Dichter alles aufgeboten -hatte, sie darin zu verherrlichen. „Wie mir der -Doktor sagte,“ bemerkte sie, „haben sie in der Residenz -gerade für diese Rolle eine sehr gute Schauspielerin!“ -— „In Gottes Namen,“ versetzte der Autor. „Mir,“ -fügte er halb lächelnd hinzu, „wird sie freilich nicht ganz -genügen können, wie gut sie’s auch machen mag, aber -dafür kann sie nicht! Wenn sie nur das Publikum ergreift -und hinreißt; denn diese Rolle muß entscheiden. -Nun, und wenn ich dann wiederkehre — mit dem Lorbeer -wiederkehre —?“</p> - -<p>Auguste war zu einem Strauch getreten, um eine -eben aufbrechende Rose zu pflücken. Indem sie ihm dieselbe -bot, sagte sie, mit einem leisen Hauch von Verlegenheit, -gütig: „Zum Andenken — an unsern Garten, -wo wir so schöne Stunden verlebten. Möge sie -dir Glück — alles Glück bedeuten!“</p> - -<p>Heinrich sah auf die Rose und die rosig Blühende, -und wäre dieser gern um den Hals gefallen, wenn es -auf dem häuser- und fensterumgebenen Platz nur irgend -hätte gewagt werden können. Dafür ergriff er ihre -Hand, preßte sie zärtlich und rief: „Dieser Rose wird -der Kranz folgen, nach dem ich trachtete von Jugend -auf; und dann, dann hoff’ ich auf deinem Haupt einen -noch schöneren zu sehen —“ — Das Mädchen, unwillkürlich, -erwiederte den Druck der Hand, erröthete tiefer -und sah den schönen und liebenden Dichter mit dem -reinsten Wohlwollen an. — —</p> - -<p>Wird der Leser nun begreifen, daß Heinrich den -ersten Abend in der Residenz ganz dem Cultus der -Geliebten widmete? Er hatte ihr lange gedient, und ihr -eigenartiges Wesen, ihr jungfräulicher Stolz hatte ihn -in ihrer Neigung sichtlich nur langsame Fortschritte -machen lassen; aber endlich hatte er das geliebte Herz -gewonnen — gewonnen für Zeit und Ewigkeit.</p> - -<p>Die Briefe, die er von ihr erhalten, waren aus -verschiedenen Jahren. Er hatte den ersten, den ihm die -noch nicht erwachsene Cousine schrieb, glücklicherweise -nicht verloren und besaß also jede Zeile, die sie, anfragend -oder antwortend, an ihn gerichtet hatte. Auch -diese ihre Aeußerungen charakterisirte im Ganzen eine -gewisse ruhige Zurückhaltung; in denen aus der letzten -Zeit herrschte aber ein wärmerer Ton, und wenn die -freundlichsten Stellen an hingebender Empfindung auch -nicht den entsprechenden in seinen Briefen gleichkamen, -so übten sie doch auch jetzt wieder eine beseligende Wirkung -auf ihn. Im übrigen war ihm alles köstlich, was -er las; alles war bezeichnend für sie und rief ihm ihr -himmlisches Bild vor die Seele.</p> - -<p>Er ging so ziemlich wieder alle ihre Briefe durch, -indem er das schwindende Tageslicht durch Kerzenlicht -ersetzte. Ein Ausspruch, auf den er traf, erinnerte ihn -an eine Stelle in seiner Tragödie; er schlug sie auf und -las, indem er vorwärts und rückwärts ging. Wieder -konnte er nicht umhin, die Dichtung von Herzen zu approbiren. -— Endlich legte er das Manuscript weg. Es -waren ihm Ideen gekommen, die er sich nicht entgehen -lassen durfte; er nahm ein Heft mit der Aufschrift: „Gedanken -und Entwürfe,“ schrieb, sann weiter nach, schrieb -wieder, und blickte zuletzt mit eben so innig vergnügten -als selbstzufriedenen Mienen in dem kerzenhellen Zimmer -umher.</p> - -<p>Der Dichter, wie wir hier bemerken müssen, cultivirte -eine Art Aberglauben; nicht ernstlich, vielmehr -spielend und sich gelegentlich selbst darüber belustigend, -ohne indeß den angenommenen Vorzeichen alle Einwirkung -auf sein Gemüth rauben zu wollen. Früh schon -wurde er sich mit angenehmer Empfindung seines Namens -„Born“ bewußt, da er ihm in seiner Kunst eine -unerschöpflich quellende Frische zu verheißen schien; und -auch mit seinem Vornamen, den so gewaltige Männer, -unter andern der größte deutsche Kaiser getragen, -war er sehr zufrieden. Denn im Grunde, sollte im -<i lang="la" xml:lang="la">nomen</i> nicht dennoch ein <i lang="la" xml:lang="la">omen</i> gegeben seyn können? -Daß jedes Zeichen, dem eine Bedeutung beigelegt wird, -in der That etwas bedeute, konnte man freilich nicht behaupten; -aber das war auch noch nicht erwiesen, daß -hier immer der blinde Zufall waltete. Vielleicht gefallen -sich höhere Mächte doch darin, gewisse bevorzugte Naturen -durch entsprechende sinnliche Erscheinungen auf -ernstere Ereignisse vorzubereiten und zum Abwarten zu -ermuthigen — wer weiß es?</p> - -<p>Dermalen vergegenwärtigte sich nun der gute Freund -unwillkürlich seinen Eintritt in die Residenz, den heitern -Abend und die in ihm angeregten frohen Gefühle; die -interessante und anziehende Begegnung der beiden Damen; -das traute Zimmer im Gasthof und die seligen -Eindrücke, welche Geschenk und Briefe der Geliebten auf -ihn gemacht; die Tragödie, die ihm unwiderstehlich wieder -imponirte, und endlich die Fülle neuer, schöner -Ideen. Aber noch blieb etwas übrig.</p> - -<p>Er schlug einen kleinen Kalender auf, den er bei -sich führte, suchte den Namen des heutigen Tages, und -las auf der katholischen Seite „Justinian,“ auf der -protestantischen, zu seinem großen Vergnügen, „Herkules.“ -Herkules! welch glorioser Patron! Und noch -dazu bei wachsendem Mond! — Der folgende Tag war -bezeichnet durch „Magnus,“ der dritte durch „Regina;“ -bessere Tage zum Einzug in die Stadt, wo die große -Entscheidung fallen sollte, hätte er sich offenbar nicht -wünschen können.</p> - -<p>Wundersam erheitert und kaum über sich selbst lächelnd, -erhob er sich, um in’s Speisezimmer hinunterzugehen; -denn bei der idealistischen Beschäftigung hatten -sich endlich doch Hunger und Durst sehr merkbar eingestellt. -Er vollendete nun die guten Auspicien, indem -er eine bedeutende Portion Braten verzehrte, eine Flasche -vom Besten ausstach, wobei er das erste Glas für sich -auf das Wohl der Geliebten leerte, und endlich zu Bette -gegangen rasch in tiefen Schlaf sank.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>II.</h3> -</div> - -<p>Es gibt nicht leicht ein angenehmeres Gefühl, als -wenn ein phantasiebegabter Mensch nach gesundem -Schlaf in einem Zimmer erwacht, das dem überraschten -Auge fremd erscheint und auf das er sich erst wieder -besinnen muß. Sagt er sich dann auch, wo er ist, so -wirkt der Zauber der Neuheit doch fort, und ein poetischer -Dämmer webt vor seinen Blicken. Das ist recht -die Zeit der wachen Träume, der beglückenden Vorstellungen, -die dem hoffenden Gemüth in der wachsenden -Morgenhelle wundersam, ungleich muthiger und frischer -gelingen, als Abends zuvor.</p> - -<p>Heinrich machte davon die lieblichste Erfahrung. Der -Tag ließ sich so heiter an wie der gestrige. Ein goldener -Reflex der Wetterfahne, die er von seinem Bett aus -erblickte, verkündigte dem Liegenden die aufgegangene -Sonne, und nun ließ es ihn doch nicht länger ruhen. -Denn nicht zum Phantasiren und Träumen, sondern -vielmehr zum klaren Ueberlegen und Handeln war er -in die Residenz gekommen.</p> - -<p>Er erhob sich, kleidete sich an und bestellte das -Frühstück. Im Sopha zurückgelehnt überdachte er die -Aufgaben des Tages. Er hatte ein Empfehlungsschreiben -von einem Universitätsfreund an einen Schriftsteller, -ein zweites von einem älteren Schauspieler, den -er in der letzteren Zeit kennen gelernt, an eine junge -Kunstgenossin, Mitglied der hiesigen Hofbühne, und eine -Karte von einem Schulrektor der Handelsstadt an einen -Gymnasialprofessor und namhaften Gelehrten. Sein -Beschluß war, die Gänge gleich den Vormittag zu machen. -Er wollte zuerst den Schriftsteller, dann den Professor -und zu guter Letzt die Künstlerin aufsuchen.</p> - -<p>Nach gemüthlichem Schlendern und Betrachten der -Hauptstraßen und Plätze, wobei er sich am längsten vor -dem Kunsttempel aufhielt, in dessen Innern die für ihn -so wichtige Entscheidung fallen sollte, begab er sich in die -Wohnung des Autors, der sich besonders in den Fächern -der Erzählung und der Kritik bekannt gemacht hatte.</p> - -<p>Er fand einen untersetzten, wohlgenährten, ruhig -blickenden Mann von mittlerem Alter. Betroffen sah er -ihn an; denn nach dem Feuer und der blühenden -Sprache einer seiner Novellen hatte er sich ihn ganz -anders vorgestellt. <i>Dr.</i> Willmann — so hieß der Schriftsteller -— nahm das Empfehlungsschreiben, las es, warf -auf den Empfohlenen einen prüfenden Blick und sagte -dann: „Sie sind, wie ich aus dem Brief abnehme, -Literat?“ — Man kennt den Begriff, den Heinrich -von sich selbst erlangt hatte. Er trachtete nach der -Wirksamkeit eines Dichters im hohen Styl, konnte sich -eine ehrenvollere und segensreichere nicht denken, und -wollte darum als Dichter auch gelten. Nun war aber für -die Männer der Feder die Bezeichnung „Literat“ im Gebrauch, -allgemein genug, um die besten und die schlechtesten -in sich zu begreifen, und darum den Behörden -und dem Publikum sehr handlich, dagegen für den Ehrgeizigen -und Hochstrebenden, der so den schlimmsten seiner -Metiergenossen gleichgestellt wurde, sehr übel anzuhören. -An sich ein Ehrentitel, hatte der Name durch -allzuweite Ausdehnung auf Solche, die sich mit <i lang="la" xml:lang="la">literis</i> -fast nur im materiellsten Sinne zu thun machten, eine -Zweideutigkeit erlangt, daß er auf gewisse Nerven geradezu -peinlich wirkte; und zu diesen gehörten die Heinrichs. -Das konnte jetzt freilich nichts helfen; nach einer -augenblicklichen unangenehmen Empfindung und momentanem -Zucken fühlte er, daß er in den sauern Apfel -beißen müsse, und sagte dann, ohne indeß ein gewisses -vornehmes Lächeln unterdrücken zu können: „Wenn Sie -wollen, ja. Die Aufgabe meines Lebens ist aber die -Poesie, und ich hoffe mit der Zeit das Prädikat eines -<em class="gesperrt">Dichters</em> verdienen zu können!“</p> - -<p>Der Erfahrene lächelte. „Um so besser,“ erwiederte -er. „Sie haben bis jetzt noch nichts Größeres veröffentlicht?“ -— „Noch nicht. Allein ich will hier —“ -— „Ein Stück aufführen lassen — das steht im Brief. -Ist es ein Schauspiel? — ein Lustspiel?“</p> - -<p>Heinrich schüttelte den Kopf, als ob er sagen wollte: -„Bah!“ — „Eine historisch-romantische Tragödie“ erwiederte -er. — „Ah!“ rief der Andere; und heiter setzte -er hinzu: „In Versen?“ — „Das meiste: einzelne Scenen -in Prosa.“ — „Wo Volk spricht — shakespearisch! -— Ich bitte Sie, Platz zu nehmen.“</p> - -<p>Heinrich setzte sich und theilte dem neuen Bekannten -auf dessen Befragen Gegenstand und Verlauf des Stücks -im Allgemeinen mit. Willmann horchte — bald mit -Interesse. Wenn auch bei gewissen Versicherungen des -Poeten, wie er dieß und jenes ausgeführt zu haben -glaube, ein Schein von ironischer Beistimmung in dem -runden Gesicht aufging, so verfehlte doch die ehrlich -überzeugte, nach und nach begeisterte Art der Darstellung -nicht, einen gewissen Eindruck auf ihn zu machen. Er -fühlte, daß der junge Mann Talent habe — guten -Willen obendrein — und im Grund verdiene, damit -auf den rechten Weg gewiesen zu werden.</p> - -<p>„Sehr interessant!“ rief er, nachdem Heinrich das -Referat geschlossen; „und wenn das Alles gut und schön -motivirt ist — darauf kommt freilich Alles an — dann -kann’s auf der Bühne schon eine Wirkung machen. -Indessen, mein lieber Herr Doctor, Trauerspiele sind -eigentlich nicht mehr zeitgemäß. Man will heutzutag -erheitert, unterhalten seyn und wohlthuende Eindrücke -empfangen, und man liebt daher vor allem den -sogenannten guten Ausgang.“ — „Mag seyn,“ versetzte -der Poet nach einem unwillkürlichen Mundverziehen. -„Aber zur Abwechslung wird doch wohl auch eine Tragödie, -wenn sie wirklich poetisch ist —“ — „Ihr Publikum -finden?“ ergänzte der Andere; „allerdings; aber -ein kleines und minder treues,“ fügte er lächelnd hinzu. -„Sicherer werden Sie immer gehen, wenn Sie das Lustspiel -und Schauspiel cultiviren und darin hauptsächlich -moderne Gegenstände behandeln.“</p> - -<p>„Am sichersten,“ versetzte Heinrich mit selbstgewissem -Lächeln, „geht der Dichter, wenn er seinem Genius -folgt. Das hab’ ich bei diesem Stücke gethan, und ich -hoffe, es wird sich rechtfertigen.“ — „<i lang="fr" xml:lang="fr">A la bonne -heure</i>,“ erwiederte der Doctor erheitert. „Wenn das -ist, dann haben Sie freilich gewonnen und können Ihren -Weg gehen nach Belieben. Der Erfolg entscheidet. Indessen,“ -fuhr er nach momentanem Schweigen fort, -„wie sehr er durch die Güte der Arbeit verbürgt seyn -mag, der Erfolg auf der Bühne muß doch auch sonst -noch vorbereitet werden. — Haben Sie das Stück schon -eingereicht?“ — „Noch nicht. Ich möchte vorher noch -eine Copie — der Sicherheit wegen —“ — „Ich begreife. -Nun, wenn es die Intendanz hat, rathe ich -Ihnen, die Herren Regisseure zu besuchen. Es sind -meine Freunde, und Sie können sich bei jedem auf -mich berufen.“ — „Sehr dankbar.“ — „Und dann — -unnütz wär’s nicht, wenn Sie auch die persönliche Bekanntschaft -der hiesigen Theaterkritiker bald zu machen -suchten. Es ist immer besser, sich ihnen empfohlen zu -haben.“</p> - -<p>Hier sah ihn der Dramatiker zweifelnd an und sagte -nach einigem Zögern: „Herr Doctor, wenn ich offen -reden soll, das widersteht mir einigermaßen, und ich -meine, ich kann’s überhaupt unterlassen. Macht mein -Stück die Wirkung, die ich hoffe, dann werden die Kritiker -schon gezwungen seyn —“ — „Es zu loben, meinen -Sie? Da sind Sie doch wohl im Irrthum. Kritiker -lassen sich zu nichts zwingen, am wenigsten zur -Anerkennung. Ihr Urtheil steht mit dem des Publikums -oft im direktesten Widerspruch.“ — „Womit sie -sich dann aber nur selber schaden!“ versetzte der Poet -mit Nachdruck.</p> - -<p>Doctor Willmann zuckte die Achseln und schwieg. -Nach einer Pause erhoben sich beide und jener sagte: -„Mein lieber Herr College, Sie sind mir von einem -guten Freunde empfohlen und ich glaubte Sie darum -auf Alles aufmerksam machen zu müssen, was Ihnen -nützlich seyn kann. Was Sie thun wollen, ist natürlich -ganz Ihre Sache. Sollte ich Ihnen aber künftig in -etwas dienen können, so bitte ich Sie, wenden Sie sich -an mich. Unter allen Umständen ist es mir sehr angenehm, -Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben.“</p> - -<p>Heinrich verließ den Schriftsteller mit gemischter -Empfindung. Eine gewisse Höflichkeit in den Formen -konnte er ihm nicht absprechen; indessen von einer höheren -Gesinnung hatte er nicht sehr viel wahrgenommen -und das gelegentliche sarkastische Lächeln, das ihm nicht -entgangen war, konnte ihm nicht gefallen. „Ein Freund,“ -sagte er sich, „wird das nicht werden, das ist klar. -Allein dienstfertig scheint er doch zu seyn, und am Ende -muß man jeden nehmen, wie er ist.“</p> - -<p>Nach kurzem Luftschöpfen begab er sich zum Professor. -Durch ein Dienstmädchen, dem er die Empfehlungskarte -übergeben hatte, angemeldet, wurde er in -der Wohnstube von der Frau empfangen, die ihm sagte, -ihr Mann arbeite noch, werde aber bald fertig seyn -und freue sich, den Herrn Doctor kennen zu lernen. -Sie fragte ihn nach der Familie des Schulrektors, die -sie kannte, ließ sich von ihm über seine Herfahrt und -die ersten Eindrücke der Residenz berichten und schaute -ihn bald mit offenem Wohlwollen an. Ein etwa siebzehnjähriges -hageres und ziemlich bleichsüchtiges Mädchen -trat von einem Seitenzimmer ein und wurde von der -Frau als ihre älteste Tochter vorgestellt. Da sie mit -der behaglich aussehenden Dame fast gar keine Aehnlichkeit -hatte, so glaubte Heinrich von ihr einen Schluß -auf den Vater ziehen zu können. Auch sie thaute bald -auf und warf auf den stattlichen jungen Gelehrten, -wofür sie ihn hielt, nach einer Weile, da er sich zur -Mutter gewendet, verstohlenerweise einen sehr beifälligen -Blick. Endlich wurden in dem entgegengesetzten Seitenzimmer -Schritte hörbar, die Thüre ging auf und eine -lange, hagere Figur mit gelblich braunem Gesicht rief: -„Herr Doctor, darf ich bitten?“</p> - -<p>Heinrich verfügte sich in das Studirzimmer, stellte -sich vor und betrachtete die Züge, die er schon einigermaßen -errathen hatte, während der ersten Begrüßungsreden -mit Interesse. Professor Sartorius war Lehrer -der obersten Gymnasialklasse und ein so leidenschaftlicher -Pfleger der classischen Philologie, daß es ihn schwer -ankam, diejenigen, die in der Sphäre derselben nicht -heimisch waren, ernstlich zu schätzen. Er hatte sich durch -zwei scharfsinnige Werke voll kühner Hypothesen einen -Namen und Gegner gemacht, und dieß erfüllte ihn mit -einem galligen Stolz, der für gewöhnlich mit richterlicher -Strenge gepaart aus seinem raubvogelähnlichen -Gesicht hervorsah. Freundlichkeit war ihm eine schwierige -Sache; er mußte dazu ein gewichtiges Motiv haben -oder einen besondern Anlauf nehmen. Dießmal war sie -aber doch, nach Möglichkeit, vorhanden, und die eigenthümlichen -Züge, welche lächelten, erschienen unserem -jungen Mann sehr charakteristisch.</p> - -<p>Die Antworten, die ihm Heinrich auf seine ersten -Fragen gab, mußten ihm gefallen, denn er sah diesen -mit dem humansten Blick an, dessen er fähig war, und -sagte: „Ich irre mich wohl nicht, Sie wollen sich gleichfalls -dem Lehrfach widmen?“ — Heinrich sah ihn überrascht -an. — „Sind Sie nicht Philolog?“ fuhr jener -fort. — „Nein,“ versetzte Heinrich. „Ich habe —“ — -„Ah so,“ fiel der Professor ein; „ein anderes Fach. -Nun, und was für eines? — Geschichte — Mathematik -— Naturwissenschaft — Philosophie?“</p> - -<p>Bei diesen schwerwiegenden Namen schüttelte unser -Poet den Kopf, erwiederte aber, mit ahnender Seele, -zögernd: „Ich habe — ich bin — Dichter.“ — „Dichter!“ -wiederholte der Gelehrte, indem er ihn mit einer -Betroffenheit ansah, die einem ruhigen Beobachter komisch -erschienen wäre. „Dichter! — Und sonst nichts?“</p> - -<p>Durch diese Frage, die dem Gelehrten unwillkürlich -aus dem Munde kam, fühlte sich nun aber begreiflicherweise -der Poet verletzt. „Ich meine, das wäre genug,“ -entgegnete er mit einer gewissen Schärfe. „Wenn man’s -recht ist —“ — „Allerdings,“ versetzte der Professor -mit einem Ausdruck, der bezeugte, daß er den jungen -Mann bereits völlig aufgegeben habe. Dieser sah, wie -er mit dem Herrn daran war, und sann auf eine -Form, hinwegzukommen. Aber der Schulmann sammelte -sich wieder, da er bedachte, ein von seinem Collegen -ihm Empfohlener müsse doch irgend eine Bedeutung -haben; und indem er seinem Gesicht mit Anstrengung -einen gewissen Schein von Höflichkeit zu geben suchte, -fuhr er fort: „Ohne Zweifel haben Sie schon dichterische -Werke der Oeffentlichkeit übergeben? Ich bin -in der neuesten deutschen Literatur nicht sehr bewandert, -wie ich Ihnen bekennen muß. Berufsgeschäfte und -Fachstudien —“</p> - -<p>„O,“ versetzte Heinrich, „wenn Sie die neuesten -Werke auch alle angesehen hätten, von mir würden Sie -doch keines darunter getroffen haben; denn ich habe bis -jetzt noch keines herausgegeben.“ — „So?“ erwiederte -der Professor, dem sein College nun ganz unbegreiflich -wurde. — „Ich habe aber,“ fuhr Heinrich trotz allem wieder -mit einem gewissen Bewußtseyn fort, „ein größeres -Werk vollendet, eine historisch-romantische Tragödie, die -ich bei dem hiesigen Hoftheater einreichen will.“</p> - -<p>Der Professor nickte mit einem unbeschreiblichen -Ausdruck. Heinrich, in seiner Zuversicht, fügte hinzu: -„Wenn es gegeben wird und Sie der Aufführung beiwohnen -—“ — Nun war aber die Geduld des Mannes -zu Ende. Mit offenster Geringschätzung und gereizt -scharfem Ton erwiederte er: „Ich gehe <em class="gesperrt">nie</em> in’s Theater! -— Finde keine Zeit dazu, Herr <em class="gesperrt">Doctor</em>,“ setzte er -etwas milder hinzu, indem er den gelehrten Titel ironisch -accentuirte, „und muß also schon bedauern —“</p> - -<p>Heinrich begriff die vollkommene Zwecklosigkeit weitern -Hierseyns, „glaubte also die kostbare Zeit des Herrn -Professors nicht länger in Anspruch nehmen zu dürfen,“ -und empfahl sich mit dem ernsten Stolz eines Verletzten. -Die Miene des Gelehrten, der sich einer Last überhoben -sah, erhellte sich wieder einigermaßen; er trug dem Abgehenden -seltsam lächelnd einen Gruß an den Schulrektor -auf, geleitete ihn und zeigte ihm die Gangthüre, -indem er sagte: „Wenn ich Ihnen sonst in etwas dienen -kann —“ — Heinrich, seinerseits ironisch, verbeugte sich -tief und entfernte sich.</p> - -<p>Dem Rückkehrenden trat die Frau neugierig entgegen. -„Nun,“ rief sie, „wie hat dir der junge Mann -gefallen? Ist er wirklich —?“ — „Ein Literat!“ fiel -der Gatte ein, indem er seiner Verachtung freien Lauf -ließ; „ein Mensch, der noch nicht einmal Literat ist! Ich -begreife nicht, wie mir der alte Krug so einen Gesellen -in’s Haus schicken konnte. Es sieht beinahe aus, als -ob er mich damit ärgern wollte. Nun,“ setzte er mit -einem selbstzufriedenen grimmigen Lächeln hinzu, „er -wird so bald nicht wiederkommen.“ — Die Frau stand -überrascht, ja betrübt, und sagte endlich mit Bedauern: -„Schade!“</p> - -<p>Heinrich ging mit sehr ernstem Gesicht auf der -Straße weiter. „Ein fataler Mensch!“ sagte er sich -endlich, „und kein gutes Omen! Dieser Pedant, der -seine Weisheit aus Büchern gezogen hat, glaubt ein -großer Geist zu seyn, brüstet sich mit Verachtung der -Kunst, und weiß nicht, daß er vor Gott und Menschen -eine widerliche Figur ist. Ah, bah!“</p> - -<p>Entschlossen zog er den Hut auf die Stirn, lächelte -über sich selbst und schritt mit erneutem Muthe weiter. -Körperlich fühlte er sich aber ziemlich ermattet und -folgte daher der Einladung eines Schildes, der ihm -eine Auffrischung versprach. Er ließ einen guten Jahrgang -kommen, trank mit Bedacht und konnte nicht umhin, -dankbar auf das Gewächs zu sehen, das es so gut -mit ihm meinte und so poetisch duftete, während ihm -die Menschen prosaisch erschienen oder gar ernstlich unangenehm -wurden.</p> - -<p>Der Wein versetzte ihn trotz allem bald in die -Stimmung, seinen dritten und wichtigsten Gang zu -unternehmen; und ein gewisses Gefühl sagte ihm, daß -er damit besser fahren werde. Eine Schauspielerin -konnte einen Dichter, der ihr Rollen zu schreiben verhieß, -unmöglich anders als liebenswürdig empfangen; -und sein Freund, der alte Schauspieler, hatte ihm die -Betreffende zwar etwas zum Necken geneigt, sonst aber -als durchaus verständig, edeldenkend und gutartig geschildert. -Er machte sich auf den Weg und stand bald -im zweiten Stock eines hübschen Hauses vor der gesuchten -Thüre. Auf sein kräftiges Klingeln erschien -eine alte Magd; er übergab ihr das Schreiben, nannte -seinen Namen und wurde von der Wiederkehrenden in -einen kleinen Salon geleitet: Fräulein Rosa werde sogleich -erscheinen.</p> - -<p>Heinrich, allein gelassen, schaute umher und mußte -sich sagen, daß er nicht leicht ein reizender eingerichtetes -Zimmer gesehen. Die Vertheilung der Möbeln, Wandbilder -und sonstigen Zierden war so geschmackvoll, daß -sich die Augen unmittelbar wohlthuend berührt fühlten, -und eine kleine Epheulaube in der Ecke sah überaus -traulich her. Die Bilder waren zum Theil Porträts -berühmter Schauspielerinnen, und unser Dramatiker, -der die wenigsten davon gesehen, begann sie zu mustern. -Eben betrachtete er den genialen Kopf einer großen noch -lebenden Tragödin, als die Thüre aufging und ein Kleid -rauschte. Er sah hin und stand auf’s lebhafteste betroffen: -es war die junge Dame von gestern. Auch sie -hatte ihn erkannt. „Ah,“ rief sie nach momentan überraschtem -Blick mit heiterer Freundlichkeit, „das ist ja -ein alter Bekannter. Nun,“ fuhr sie fort, indem sie -auf ihn zuging und ihm die Hand bot, „willkommen in -der Residenz, willkommen im Namen des Theaters!“</p> - -<p>Heinrich, etwas erröthet, drückte die zierliche Hand -stärker, als er’s im Sinne gehabt, und dankte für den -gütigen Empfang mit der Miene eines Glücklichen. Ein -paar Minuten später saßen sie beisammen auf der -Rohrbank in der Laube.</p> - -<p>„Ein dramatischer Dichter,“ begann Rosa, indem -sie ihn lächelnd ansah. „Etwas Poetisches hab’ ich -gestern in Ihnen vermuthet; aber daß Sie dramatische -Werke schreiben, für uns arbeiten, das hätte ich nicht -zu hoffen gewagt. Nun, um so besser,“ fuhr sie fort. -„Wir sehnen uns Alle wieder nach einem guten, effektvollen -Stück; ich für meine Person wünschte dringend, -eine neue hübsche Rolle zu bekommen, und würde mich -sehr freuen, wenn in Ihrer Dichtung eine für mich -vorkäme.“</p> - -<p>Heinrich sah sie an, überlegte, und schaute zweifelhaft. -Die Schauspielerin errieth ihn sogleich. „Ihr -Stück hat keine Rolle für mich?“ entgegnete sie. — -„Ich fürchte —“ — „Ah,“ rief sie bedauernd, „das -ist ja ein Mangel! Was ist es denn aber für eine -Gattung? Freund Holler hat mir darüber nichts geschrieben.“ -— „Eine historisch-romantische Tragödie,“ -versetzte der Poet. — „Eine historisch-romantische Tragödie!“ -wiederholte sie. Und indem sie ihn ansah, -fügte sie mit einem gutmüthigen, aber noch mehr schelmischen -Lächeln hinzu: „Das hätt’ ich mir denken -sollen.“</p> - -<p>Heinrich, dem der Sinn dieser Rede nicht entging, -wurde verlegen, oder, wie er meinte, ärgerlich. „Also -die dritte Opposition gegen mein Streben!“ rief’s in -ihm; „erneuerter Unglaube, und ein neuer unnützer -Besuch!“</p> - -<p>Die Künstlerin, seine Gedanken ahnend, fuhr fort: -„Ja, ja, so machen es uns die ehrgeizigen Dichter -heutiger Zeit! Nur das Erhabenste und Größte soll von -ihnen über die Bretter gehen, damit sie sich gleich den -ersten Classikern an die Seite stellen! Recht schön, aber -es gibt ein Publikum, das auch etwas Anderes sehen, -und Schauspieler, die etwas Anderes spielen wollen.“ -Sie schwieg und betrachtete den Schweigenden. Dann, -mit anmuthiger Laune, fuhr sie fort: „Also nicht einmal -eine hübsche Nebenfigur haben Sie für mich? So -eine Vertraute z. B., munter, fröhlich, schalkhaft, und -doch vollkommen treu und anhänglich, ein leichteres, -irdisches Wesen, das sich aber neben der idealen Hauptheldin -noch recht gut ausnehmen kann?“</p> - -<p>Der Poet, halb erheitert, schüttelte den Kopf. — -„Wie?“ rief sie, „gar nichts?“ — „Leider!“ erwiederte -der Poet. „Wie ich’s auch überlege, ich finde keine -Rolle darin, die Ihrer würdig wäre. Die Hauptfigur -ist Heroine, heroische Liebhaberin —“ — „Das begreift -sich,“ warf die Schauspielerin dazwischen. — „Und von -den übrigen keine so bedeutend, daß ich Sie Ihnen anbieten -könnte; abgesehen davon, daß alle wesentlich ernsthafter -Natur sind.“ — „Also die reine Tragödie! Gar -kein Humor?“ — „Ausgenommen in den Volksscenen, -denen ich eine naturwahre Derbheit zu geben suchte, die -vielleicht belustigend wirkt.“</p> - -<p>Die Künstlerin schwieg, dann sagte sie: „Wissen -Sie, verehrter Herr Doctor, daß Sie im Grunde genommen -sehr naiv sind? Sie wollen ein Stück aufführen -lassen, in dem ich keine Rolle habe, und bringen mir -einen Brief mit der Aufforderung, Ihnen dabei behülflich -zu seyn! Kennen Sie das Theater? Kennen Sie -die Leute vom Theater? Glauben Sie, daß eine zweite -Liebhaberin — welches zu seyn ich die Ehre habe — -sich berufen sehen kann, der ersten zu einem Triumph -zu verhelfen? Wissen Sie, was Künstlereifersucht ist? -— Ach, mein bester Herr, Sie sind Dichter und kennen -das menschliche Herz im Allgemeinen gewiß vortrefflich, -aber die Schauspielerherzen im Besondern haben Sie -noch nicht kennen gelernt!“</p> - -<p>Sie hatte das Letzte mit so ernst resignirtem Tone -gesagt, daß der Poet fast wieder irre wurde. Jedenfalls -nahm er sich zusammen und entgegnete: „Unter diesen -Umständen muß ich dann freilich um Verzeihung -bitten und meinen Wunsch zurücknehmen. Eigentlich -hat aber den Fehler doch Herr Holler gemacht. Er, -obwohl er mein Stück so weit kannte, hat mir Sie genannt —“ -— „Weil er mich kennt,“ fiel Rosa heiter -ein; „weil er weiß, daß ich ein gutes Herz habe, das -sogar uneigennützig seyn kann.“ Und mit ernsterem -Tone fuhr sie fort: „Keine Sorge, Herr Doctor, wir -Schauspieler sind nicht so schlimm, wie man uns macht, -wenigstens lange nicht alle. Eifersucht und Neid können -wir allerdings fühlen, und ich wollte Ihnen große -Künstler nennen, die auch darin nicht klein sind. Wir -mögen auch wohl mehr Anfälle davon erleiden, als andere -Sterbliche: das liegt im Handwerk; aber in der -Regel bleiben sie auf der Oberfläche und sind bald wieder -verflogen. Eigentlich und für gewöhnlich sind wir -ein gutmüthiges Völkchen; wir versöhnen uns außerordentlich -leicht, und wenn wir uns schön thun, sind -wir dabei so ehrlich, wie andere gebildete Menschen.“</p> - -<p>Der Poet, mit befreiter Seele, ließ auf die letzte -Bemerkung ein bescheidenes Lachen hören, und die -Schauspielerin fuhr fort: „Was mich betrifft, so kommt -Ihnen eine Tugend zu statten, die ich habe, wenn Sie’s -nicht lieber einen Mangel nennen wollen. Ich besitze -keinen Ehrgeiz. Natürlich, wenn man, wie ich, seit -Jahren zweite Liebhaberin ist und meist für Nebenfiguren -lodern muß, da wird man nach und nach bescheiden, -und das bischen höheres Streben, das man in -seine Stellung noch mitgebracht hat, verfliegt einem -gänzlich. In der Regel haben wir die Aufgabe, der -hochgesinnten und tief fühlenden ersten Liebhaberin, die -sich natürlich nicht zu rathen und zu helfen weiß, -freundlichen Beistand zu leisten, und das gewöhnt man -sich zuletzt förmlich an, so daß man sich auch außer -dem Theater ein Vergnügen daraus macht, zu helfen, -wenn’s eben geht. Sie sehen, so gar übel sind Sie bei -mir doch nicht angekommen, und ich wünsche nur, daß -es auch in meiner Macht steht, etwas für Sie zu thun.“</p> - -<p>Die letzten Worte hatten einen verbindlichen, ja -herzlichen Klang, in welchen die Künstlerin von dem -scherzenden mit Anmuth übergegangen war; und Heinrich -konnte nicht umhin, ihre Hand zu fassen und ihr -mit Wärme zu danken. Sie antwortete mit einem -Blick, der fast lauter Güte war und durch ein flüchtiges -Licht von Schalkheit nur um so reizender wurde. Dem -Poeten, unter dem Strahl desselben, ging das Herz auf; -er ahnte, daß er verstanden wurde, empfand einen -Drang, gegen die fühlende Seele sich vertrauensvoll -über sein Streben auszusprechen, und sagte: „Es ist -mir sehr lieb, verehrtes Fräulein, zu sehen, daß Sie -die höhere dramatische Poesie nicht verwerfen. Ich bin -nicht gegen das Schauspiel und die Darstellung des gewöhnlichen -Lebens auf dem Theater; im Gegentheil, es -können da recht gute Sachen entstehen, rührende und -erheiternde, und man kann auch eine schöne poetische -Wirkung herausbringen; aber die Hauptsache bleibt doch -immer die Tragödie, die Tragödie, die uns in die tiefsten -Abgründe des Herzens hinabführt, um uns zu den -höchsten Höhen der Menschheit emporzutragen. Der -Dichter soll uns über die gemeine Wirklichkeit hinwegheben -und die Welt des Ungewöhnlichen, des Außerordentlichen -erschließen. Wir wollen mit ihm eintreten -in das Reich der Poesie, wo wir Alles, was wir im -gewöhnlichen Leben entbehren, in erquickendster Schönheit -und Fülle haben. Und dazu muß er sich den -rechten Stoff wählen und den rechten Schauplatz der -dramatischen Handlung. Die Menschen, die er schildert, -müssen außerordentlich seyn <em class="gesperrt">dürfen</em> — er muß durch -sie nicht nur nicht gehindert, sondern selbst emporgehoben -werden. Da sind nun Stoffe, die auf dem Grenzgebiet -der Geschichte und der Sage liegen, besonders günstig; -der Dichter hat volle Freiheit zum höchsten poetischen -Ton und kann Alles herausgeben, was an Größe, -Tiefsinn und romantischem Gefühl in ihm liegt. — -Wollte Gott,“ setzte er mit herzlichem Ernst hinzu, -„daß es mir mit meinem Versuch gelungen wäre! Ich -würde gewiß das Publikum ergreifen, begeistern — und -Sie, mein Fräulein, wie ich zuversichtlich hoffe — bekehren.“</p> - -<p>Die Schauspielerin hatte mit wirklicher Theilnahme -zugehört und erwiederte nun auf die artig betonten -Schlußworte: „Sie haben nicht weit mehr dazu. Wer -so gut über eine Sache reden kann und sie so lebendig -vor Augen hat, dem muß es mit ihr auch gelingen. Und -nehmen Sie das in vollem Ernst: Ihr Erfolg würde -mir große Freude machen, denn ich sehe, Sie meinen -es ehrlich mit Ihrer Kunst.“</p> - -<p>Diese Worte erfüllten den Poeten mit tiefer Genugthuung. -Seine Augen glänzten und sein männlich schönes -Gesicht gewann so sehr den Ausdruck eines Dichters, daß -es den von ihm geäußerten Hoffnungen förmlich zur Bestätigung -diente. Die Künstlerin betrachtete ihn, und -über ihre Wange floß eine Röthe froher Anerkennung. -Heinrich, von ihrem Anblick seinerseits bewegt, rief: -„Mein Fräulein, Sie werden nicht immer zweite Liebhaberin -bleiben und nicht immer die bloß muntern oder -bürgerlich rührenden Partien spielen! In Ihnen lebt ein -höherer Geist, ein dichterisches Gemüth! Sie dürfen nur -wollen, und Sie werden uns die poesievollsten Gestalten -vor Augen stellen! Ja, je mehr ich Sie ansehe —“</p> - -<p>Rosa hatte diese Rede betroffen angehört; nach den -letzten Worten erheiterten sich indeß ihre Mienen plötzlich -und der gemüthlich schelmische Ausdruck erlangte -wieder die Oberhand. „Nicht weiter, mein begeisterter -Freund!“ entgegnete sie; „es könnte Sie gereuen! Wollen -Sie mir nicht gar Ihre Heroine antragen und gleich -zum Einstand einen Rollenstreit veranlassen? Nein, -mein lieber Herr: jedem das Seine, das ist ein guter -Spruch. Ich bleibe, was ich bin; und wenn in der -That einige Anlagen zum „Höheren“ in mir liegen, so -will ich sie hervorsuchen, pflegen und ausbilden, um -nach und nach einer passenden Rolle in einem Ihrer -<em class="gesperrt">künftigen</em> Stücke zuzureifen.“</p> - -<p>Heinrich, auf eine galante Antwort sinnend, schwieg, -und seine Miene hatte bereits eine kleine Wendung zur -Verlegenheit gemacht, als man die äußere Thüre gehen -hörte. Die junge Dame sah erheitert auf, und gleich -nachher trat die Mutter in das Zimmer. Der Poet erhob -sich rasch. Jene, die ihn erkannte, sah ihn verwundert, -aber vergnügt an.</p> - -<p>„Unsere gestrige Begegnung,“ rief die Tochter, zu -ihr tretend. „Herr Doctor Born, dramatischer Dichter, -der mir durch Freund Holler empfohlen ist und ein fertiges -Stück mitgebracht hat.“ — „Ah,“ rief die Frau -mit einem so wohlwollenden als feinen Lächeln; „seyen -Sie doppelt willkommen!“ Sie reichte ihm die Hand, -und der Poet schüttelte sie kräftig. — „Du siehst,“ bemerkte -Rosa zu ihr, „wir haben gestern nicht weit davon -gerathen: ein schöner Geist, Schriftsteller oder Maler, -der in die Residenz kommt, um hier den Erfolg -und die Ehren zu finden, die ihm gebühren.“</p> - -<p>Die Mutter, nach einem freundlich verweisenden -Blick auf sie, erkundigte sich bei dem jungen Mann -theilnehmend nach seinem Vorhaben und der mitgebrachten -Dichtung. Man setzte sich nochmal zusammen, und -Heinrich gab den beiden Damen alle gewünschte Aufklärung. -Unter Anleitung der Erfahrenen nahm das -Gespräch eine praktische Wendung. Was ist zu thun? -Was kann zur Annahme des Stücks beitragen? Dieß -war die Frage, die man erwog. In seinem Vorsatz, -die Regisseure zu besuchen, wurde Heinrich im Lauf -der Unterredung bestärkt: seine erklärte Abneigung, den -Herrn Kritikern sich zu empfehlen, hatte dagegen lächelndes -Kopfschütteln zur Folge. „Vor der Aufführung,“ -sagte Rosa, „sollten Sie doch mit einigen bekannt seyn. -Aber die Sache geht ja ganz einfach, wofür habt ihr -Herrn denn das Wirthshaus?“</p> - -<p>„Es ist wahr,“ versetzte der Poet. „Und einen literarischen -Fachgenossen, den man bei einem Glas Wein -kennen gelernt hat, kann man am Ende besuchen.“ — -„Ich sollt’s meinen,“ entgegnete die Schauspielerin, -nicht ohne ein spöttisches Mundrümpfen.</p> - -<p>Die Mutter sah ihn lächelnd an, dann sagte sie: -„Was nun aber die Annahme betrifft —“ — „Ich -hab’ einen Gedanken,“ rief hier die Tochter. „Da Sie -uns,“ fuhr sie zu dem Autor gewendet fort, „das Stück -zu lesen geben wollen —“ — „Sobald die Abschrift -fertig ist.“ — „Und ich voraussetze, daß außer unserer -Heroine auch unser heroischer Liebhaber, unser Heldenvater -und unser Charakterspieler dankbare, sehr dankbare -Rollen darin haben werden —“ — Heinrich, nach -einem Moment der Erwägung, erwiederte zuversichtlich: -„Ich meine.“ — „So will ich gelegentlich gegen diese -Herrschaften ein Wort fallen lassen über das Stück, -was sie ruhig vernehmen, dann über die verschiedenen -Rollen und die Möglichkeit eines Triumphes, was sie -mit großem Interesse hören werden. Sie können das -Manuscript auch ihnen mittheilen; und wenn namentlich -unsere Heroine gegen den Herrn Intendanten recht -lebhaft den Wunsch ausspräche, die Rolle zu spielen, -dann hätten wir Aussicht.“</p> - -<p>Der Autor nickte vergnügt und dankte für die gütige -Theilnahme und die freundlichen Rathschläge auf’s -wärmste. Die Stockuhr belehrte ihn aber, daß die -Essenszeit heran nahte, und er empfahl sich, indem er -mit der Copie bald möglichst wiederzukommen versprach.</p> - -<p>Durch den herzlichen Antheil, den ihm die beiden -Frauen zugewendet, fühlte er sich in tiefster Seele ermuthigt; -er sah die Angelegenheit in bester Einleitung -begriffen und kehrte durchaus zufrieden in den Gasthof -zurück.</p> - -<p>Noch am selben Tage schrieb er an die Geliebte. -Aus dem langen Brief heben wir folgende Stellen aus: -„Die persönliche Bekanntschaft mit Friedrich Willmann -hat mich über diesen Autor einigermaßen enttäuscht. Im -Grunde hat er mich gut aufgenommen und scheint mir -nützlich werden zu wollen. In seiner Art liegt aber -etwas Ironisches, das mir nicht recht gefallen kann. -Er ist ein großer Verehrer der Klugheit — mehr als -es sich für einen Dichter geziemen will — und scheint -mir bei seinen Arbeiten doch hauptsächlich auf die -Vortheile zu sehen, die sie ihm bringen sollen. — Mir ist -die Poesie eine heilige Sache. Ich liebe sie um ihrer -selbst und des Glückes willen, das man fühlenden Herzen -damit bereiten kann. Wenn ja noch eine ihrer -Folgen mich locken und reizend vor meiner Seele stehen -mag, so ist es der Ruhm — der Lorbeer, der die Schläfe -des Siegers krönen soll. An Weiteres denk’ ich kaum, -wie ich dir, edle und große Seele, frei bekennen will. -Aber der wahre Dichter steht unter dem Schutze der -Götter und er hat die Verheißung, daß ihm alles -Uebrige zufallen wird.</p> - -<p>„Unserem Rektor kannst du sagen, daß er mich an -einen sonderbaren Kauz empfohlen hat. Ich meinte -bisher, die Stockphilologen im schlimmen Sinne seyen -ausgestorben und die Männer der Erudition trachten -darnach, dem Studium der Humaniora einige Humanität -im wirklichen Leben beizugesellen; allein es gibt -doch noch einzelne Exemplare und ich bin hier auf eines -gestoßen. Ein Mensch, der sich sein gelerntes Wissen -mühselig erworben hat, kann freilich einen andern, der -sich das seine fröhlich selber producirt, nur geringschätzen! -— Ich hab’ mich aber doch geärgert, als der -Pedant seine Empfindung so deutlich merken ließ und -sich mit der groben Ungerechtigkeit seines Vorurtheils -sogar noch etwas zu wissen schien. Das Gute ist, daß -nicht nur dem Gottseligen, sondern auch dem Poeten -Alles zum Besten dienen muß. Jetzt, wo ich dieß -schreibe, steht der Mann als ein Original vor meiner -Seele, das mich ergötzt, und es wird höchstens so viel -Groll in mir bleiben, daß ich ihn gelegentlich einmal -satirisch verwenden kann.</p> - -<p>„Ich bin vergnügt, meine geliebte Auguste, denn -mein dritter Besuch — der eigentlich bedeutsame — ist -über Erwarten gut ausgefallen. In der Schauspielerin, -an die ich, wie du weißt, ein Schreiben hatte, und in -ihrer Mutter, die ebenfalls beim Theater war, habe ich -zwei außerordentlich theilnehmende, liebenswürdige Personen -kennen lernen, und ich darf wohl sagen, Freundinnen -gewonnen. Die junge Dame ist hübsch und -könnte manchem Andern gefährlich werden — ich freilich -bin gefeit und in mein Herz dringt kein anderes Bild, -als das der Einen, die allmächtig in ihm regiert. Ein -Wesen von heiterem Humor und einem Trieb, neckisch -mit den Menschen zu spielen, aber dabei ein freundliches -Gemüth, das es nicht beim bloßen Wünschen läßt, sondern -für Andere auch zu handeln vermag. Der Weg -des Stückes zur Bühne wird geebnet, und wenn nur -dieses erste Ziel erreicht, die Annahme erfolgt ist, dann -bin ich außer Sorge.</p> - -<p>„Die Hauptrolle wird in sehr gute Hände gelangen, -das hab’ ich schon erkundet, und wenn sie der Künstlerin, -die das Stück lesen wird, einleuchtet, so wird -dieß auch bei der Frage der Annahme von großem Gewicht -seyn. — Du siehst, es läßt sich wirklich Alles gut -an, und meine Zuversicht ist keine Thorheit.</p> - -<p>„Wie unendlich gespannt bin ich darauf, das herrlichste -Gebilde meiner Phantasie, das gleichwohl nur ein -schwaches Nachbild der geliebtesten Wirklichkeit ist, auf -der Bühne verwirklicht zu sehen! Wie höchst seltsam wird -mir dabei zu Muthe seyn! — Zauberei! Blick in eine -Welt voll unaussprechlicher, magischer Erscheinungen! — -O Auguste! — ich hab immer nur dich vor Augen, -ich beziehe Alles, was ich erfahre, schaue, denke, auf -dich, und wenn dein Bild vor mir aufleuchtet, scheint -mir alle Kraft und Kunst nur gegeben zu seyn, daß -ich dich verherrliche und dir ein Leben der Ehre und -Wonne bereite! — O Liebe — Poesie der Poesie! Das -liebende Auge sieht nicht nur die Geliebte in wunderholdem -Licht; von dem Glanz, den es in sich aufgenommen, -bleibt auch so viel zurück, daß es die ganze -Welt verklärt und jeden Winkel der Erde in süßem -Scheine malt!</p> - -<p>„Laßt mir’s gelingen, gute Geister! laßt mich den -Sieg erstreiten, nur um der Einen Lust willen, Ihr -ihn zu melden! Ich wollte ja gern entsagend warten -und ausdauern in Verkanntheit und Undank der Welt! -Aber um deinetwillen darf’s nicht seyn — um deinetwillen -muß es, wird es glücken!</p> - -<p>„Lebe wohl, Theuerste! Wenn du nur ein Tausendtheil -der Freude empfindest, dieses zu lesen, die ich -fühle, es zu schreiben, so bin ich glücklich!“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Die Tragödie wurde einem Copisten übergeben, der -langsam schrieb, aber eine deutliche, charaktervolle Hand -nachgewiesen hatte. Der Autor wartete indeß zum -Wiederbesuch seiner Gönnerinnen die Vollendung der -Copie nicht ab. Man führte im Hoftheater Minna von -Barnhelm auf und Rosa gab darin die Franziska. Es -war eine ihrer besten Rollen und sie übertraf sich dießmal -selber darin. Das Publikum war hingerissen und unser -Poet außerordentlich erfreut. Zum erstenmal erkannte -er die eigenthümliche Bedeutung eines wahren Schauspiels -oder Lustspiels, wenn er auch den Mangel der -Gattung und das Einseitige des Lessing’schen Stücks -(was er dafür halten mußte) nicht übersah. Hauptsächlich -überzeugte er sich aber, was in einer Partie -wie Franziska geleistet werden kann, wenn die Schauspielerin -mit reizender Laune sie völlig wieder zu beleben -wußte, und er eilte daher gleich am andern Vormittag -zu der Künstlerin, um ihr seine Freude, seinen Dank -mit Enthusiasmus auszusprechen.</p> - -<p>Rosa lächelte befriedigt, glücklich und antwortete -von ihrer Seite mit dankendem Blick. Die Mutter trat -aus dem Seitenzimmer und sie rief ihr heiter entgegen: -„Ich hab’ ihm gestern gefallen, dem Tragödiendichter! -und er ist gekommen, ein wahres Füllhorn des Lobes -vor mir auszugießen!“</p> - -<p>Vergnügt erwiederte die Frau: „Das ist freundlich. -Aber du hast die Rolle gestern wirklich gut gespielt; ich -habe sie noch nicht so von dir gesehen.“ — „Gott weiß, -warum,“ entgegnete die Künstlerin. „Zuweilen ist man -eben voller Lust und Uebermuth — und das ist die -Hauptsache bei der Schauspielkunst.“ — „Bei jeder -Kunst!“ versetzte Heinrich.</p> - -<p>Die Schauspielerin sah für sich hin. „Nun,“ bemerkte -sie dann etwas scheinheilig, „Sie haben sich also -überzeugt, daß man in einer Rolle, die aus dem gewöhnlichen -Leben genommen ist, doch auch eine Wirkung -machen kann?“ — „Das habe ich nie bezweifelt,“ entgegnete -Heinrich, „aber in dieser Ausdehnung allerdings -nicht für möglich gehalten. Es war eben ein <i lang="la" xml:lang="la">non plus -ultra</i>,“ fügte er lächelnd hinzu, „und die reißen immer -hin.“</p> - -<p>Die Künstlerin wiegte den Kopf. „Sie geben also -zu, daß es auch gar keine so schlechte Aufgabe wäre, -ein Schauspiel zu schreiben?“ — „Um so lieber,“ versetzte -der Poet, „als ich’s nie geläugnet habe. Das Schauspiel -in Prosa hat seine Vorzüge und seine Vortheile, -obschon —“ — „Es natürlich tief unter der Tragödie -in Versen steht,“ ergänzte Rosa, „das ist klar! Aber -wenn es nun so ausfiele, wie Minna von Barnhelm —?“ -— „Dieses Stück,“ erwiederte Heinrich nach einigem -Besinnen ernsthaft, „ist vortrefflich in seiner Art; aber -im Grunde ist doch zu viel bürgerliche Moral und -Tugend darin, wodurch es einen etwas hausbackenen -Charakter erhält, und die Sphäre, in die wir blicken, -hat etwas Enges, ja hie und da Gequältes. — Das -poetische Drama, die Schöpfung der idealisirenden Phantasie, -die uns in eine große, weite, farbenreiche Welt -führt, ist doch was ganz anderes.“</p> - -<p>Die Schauspielerin, durch die Sicherheit, womit -Heinrich dieses Urtheil fällte, betroffen, ja gereizt, schüttelte -unwillkürlich den Kopf. „Ei, ei,“ entgegnete sie, -„das heißt leicht fertig werden mit einem Stück, das -eine Probe bestanden hat, wie sie nicht viele bestehen! -Diese Minna von Barnhelm ist seit ihrer ersten Aufführung -überall auf dem Repertoire geblieben, und das -muß doch seinen Grund in einem Werth haben, den -wenige Dramatiker zu erreichen sich schmeicheln dürfen.“</p> - -<p>Der Poet schwieg und die Mutter trat mit einer -Querfrage dazwischen, um ihm über eine angehende -Verlegenheit hinwegzuhelfen, die vielleicht eine empfindliche -Replik zur Folge gehabt hätte. Während der Beantwortung -sammelte sich der Getroffene und fühlte -nun, daß <em class="gesperrt">er</em> etwas gut zu machen habe. Er kam auf -die Lessing’sche Komödie zurück, rühmte mit dem Ausdruck -wahrer Achtung die Charakteristik, den ebenso -kernigen wie zierlichen Dialog, und namentlich das Zuhauseseyn -in den Regionen der Ethik und Aesthetik, die -Geistesbildung des Dichters, vermöge deren er dem -bürgerlichen Spiel einen ewigen Gehalt zu verleihen -gewußt habe. Rosa hörte mit Vergnügen zu, und als -er zum Schluß wieder auf die Franziska zu reden kam -und über ihre Auffassung und Durchführung bestimmte -ästhetische Urtheile fällte, die fast noch schmeichelhafter -klangen als die Ausdrücke allgemeiner Bewunderung, -da sah völlig wiederhergestelltes Vertrauen aus den -braunen Augen.</p> - -<p>Nach einer Weile begann sie: „Wann bekommen -wir aber Ihre Schöpfung, die Tragödie zu lesen?“ — -Der Poet versetzte: „In einer Woche soll ich die Abschrift -erhalten. Diese wird in’s Bureau der Intendanz -wandern, mein eigenes Manuscript werde ich Ihnen zu -Füßen legen.“ — „Sehr viel Ehre,“ erwiederte sie -heiter. — „Aber,“ fuhr sie nach einigem Besinnen fort, -„können Sie uns nicht einstweilen andere Produkte mittheilen -— oder selbst vorlesen? — Sie haben gewiß -lyrische Gedichte gemacht.“ — „Allerdings.“ — „Liebeslieder!“ -— „Auch solche,“ versetzte der Poet lächelnd. -— „Natürlich,“ rief sie, indem sie ihn vergnügt ansah. -„Nun, wissen Sie was? Kommen Sie übermorgen, wo -ich frei bin, Abends zu uns und bringen Sie Ihre -Gedichte mit. Wir lernen Sie dadurch näher kennen, -auch als Vorleser, und wenn Sie hier die Probe bestehen, -dann können Sie den Schauspielern vielleicht Ihr Stück -selber vorlesen, was unter Umständen sehr nützlich -seyn kann.“</p> - -<p>Die Mutter stimmte bei, und Heinrich sagte mit -Vergnügen zu. Man schied im besten Einvernehmen -und gesteigerter wechselseitiger Theilnahme.</p> - -<p>Als der Poet die Stube verlassen hatte, sagte Rosa -zur Mutter: „Vornehm ist er sehr, ich meine poetisch -vornehm, im Grund aber doch ein guter Mensch!“ — -„Das erste,“ versetzte die Mutter, „hast du ihn vorhin -beinahe zu deutlich fühlen lassen.“ — „Konnte nicht -schaden,“ erwiederte sie. Und lächelnd fuhr sie fort: -„Auf seine Liebesgedichte bin ich begierig; wird wohl -viel Einbildungskraft dabei seyn.“ — „Wer weiß!“ -bemerkte die Mutter. „Es ist ein hübscher Mann und -die Poeten —“ — „Phantasiren und idealisiren. Nun, -wenn es nur schön herauskommt, dann soll er doch Lob -haben.“</p> - -<p>Der Dichter machte mit allerlei Gedanken, aber im -Grunde vergnügt den Gang in die kleine Wohnung, -die er sich nicht allzuweit vom Theater gemiethet hatte. -„Sie hat Recht,“ sagte er zu sich, „wenn sie das Stück -von Lessing hoch hält; aber ich hab’ auch Recht. Wie -geistreich und fein die Comödie seyn mag, das eigentliche -Aroma der Poesie ist doch nicht darin. Und hier -allein liegt der wahre Zauber, das überschwängliche -holde Leben, und wir können uns baden in einem -Meer von Wohlgerüchen.“</p> - -<p>Am Abend des zweiten Tages stellte er sich bei den -Damen mit zwei Heften ein, in die er seine Gedichte -eingeschrieben hatte. Man setzte sich um den runden -Tisch, auf welchem bald die Theekanne brodelte. Das -Getränk durchduftete die Stube, und Heinrich, von Rosa -ermuntert, begann zu lesen. Er hatte die Hefte vorher -durchgegangen und genau bestimmt, was und in welcher -Folge er vortragen wollte. Trotz der geistigen Zuversicht, -die er mitgebracht, fing er nun doch mit unsicherer -Stimme und rothem, ziemlich befangenem Gesicht an zu -lesen. Glücklicherweise hatte er zum Eingang Lieder -gewählt, die eben so anspruchslos wie hübsch waren; -der aufrichtige Beifall der Hörerinnen entband ihn und -gab auch seinen Sprachwerkzeugen die nöthige Freiheit. -Bald war er in der höheren Stimmung, wo man im -Schwunge des Gefühls gar nicht mehr weiß, daß es -eine Befangenheit gibt.</p> - -<p>Die Frauen konnten die Gedichte nicht immer gelungen -finden. An den einen widersprachen Uebertreibungen -ihrem Geschmack, an andern vermißten sie den -wahrhaft schließenden Schluß. Der Dichter, jetzt durch -herzliches Lob erfreut, mußte sich ein andermal mit -einem ernsten Gesicht, das mehr Tadel zurückhalten als -Anerkennung ausdrücken sollte, oder mit einem Ausruf -begnügen, der etwa bedeutete: „Nun ja, lassen wir’s -passiren!“ — In seinem Eifer machte er sich aber nicht -viel daraus, wenn er’s auch richtig deutete, und im -Ganzen war die Lobernte doch überwiegend. Endlich, -beim Aufschlagen eines neuen Gedichts, wurde seine -Miene ernst bis zur Feierlichkeit; er nahm eine entsprechende -Haltung an und begann mit herz- und klangvollem -Ton zu lesen. Es war eine begeisterte Schilderung -der Geliebten und eine leidenschaftliche Erklärung -völlig und ewig sich hingebender Liebe.</p> - -<p>„Sehr schön!“ rief die Mutter, als er geendet hatte; -und Rosa bemerkte mit Ernst: „Bei weitem das schönste! -Das innigste Gefühl, edler Schwung, der wahrste, herzlichste -Ausdruck! Das,“ setzte sie mit einem leisen Lächeln -hinzu, „das ist Poesie!“ — Heinrich antwortete -auf diese Anerkennung mit dem Ausdruck einer ernsten -Freude. Er sah dann auf den Tisch und sagte: „Wenn -mir dieses Gedicht gelungen ist, so ist’s auch nicht zu -verwundern: es ist einfach aus meinem Herzen abgeschrieben, -und an das Mädchen gerichtet, mit dem ich -verlobt bin!“</p> - -<p>Mutter und Tochter fuhren bei diesem Geständniß -unwillkürlich zusammen und sahen sich an. Auf dem -Gesicht Rosa’s folgte einer leichten Blässe rasch eine -tiefere Röthe; aber schnell sich fassend rief sie mit der -Miene und Stimme herzlicher Theilnahme: „Sie haben -eine Braut? Und davon haben Sie uns noch nichts gesagt?“ -— „Es fand sich noch kein Anlaß dazu,“ erwiederte -Heinrich. — „Nun,“ rief das Mädchen, die -sich völlig wieder in ihre Gewalt bekommen hatte, „davon -müssen Sie uns mehr erzählen! — Das Idealbild,“ -fuhr sie nach kurzem Innehalten mit Lächeln -fort, „haben wir aus dem Gedicht kennen gelernt. Aber -wer ist sie? Weihen Sie uns ein; das Original erweckt -in uns noch viel größern Antheil.“</p> - -<p>Heinrich befriedigte die erste Neugierde und gab -dann Antworten auf weitere Fragen. Da die beiden -Frauen das lebendigste Interesse zeigten, so glaubte er -mit genauem Bericht über Entstehung und Gang des -Verhältnisses und namentlich mit dem freudigen Lob -Auguste’s ihnen eben die größte Freude zu machen, und -that sich nun Genüge nach dem Bedürfniß eines Liebenden, -ohne zu ahnen, welche Eindrücke er damit auf das -geheime Innere der jungen Hörerin hervorbrachte.</p> - -<p>Es wäre für den, der in dieses Innere zu schauen -vermocht hätte, ein eigenes Schauspiel gewesen, das -Mädchen zu beobachten, deren Herz, mehr als sie selber -geahnt, sich dem jungen Mann zugewendet hatte. Die -menschliche Seele ist reicher an Fähigkeiten und Affekten, -als die meisten Menschen gewahr werden, und gute und -schlimme Gedanken, liebe und leide Gefühle können in -ihr so rasch wechseln, daß man an ein förmliches Zugleichseyn -glauben möchte. In Rosa spielten sie wunderbar -durcheinander, als der Poet sein Liebesleben -schilderte, sein Glück ausmalte und seine Hoffnungen -aussprach. Und sie ließ nicht nach mit Fragen, als ob -es jetzt für sie nichts Süßeres gäbe, als die Antworten -zu vernehmen. Doch ein geübter Wille und geübte Kunst -standen ihr bei, und mit ihnen gelang es ihr, die -Theilnahme einer Freundin zu beweisen, in nichts zu -verrathen, daß sie den Verlobten der Andern liebgewonnen -hatte, sondern zu thun, was ihr der Stolz -des Weibes und ein im tiefsten Grunde zartes Gefühl -eingab.</p> - -<p>Als Heinrich seine Bekenntnisse geschlossen hatte, -sagte die Mutter: „Unter diesen Umständen muß es -Ihnen freilich doppelt lieb seyn, mit einem ausgezeichneten -Erfolg heimzukehren, und wir müssen über alles -wünschen, daß Sie ihn erringen.“ — „Allerdings,“ -fügte Rosa hinzu, die ihn von der Seite mit einem -Blick angesehen, wie man einen kindlich Glücklichen betrachtet; -„und unsere Pflicht, Beistand zu leisten, wird -immer ernsthafter. Hören Sie meinen Vorschlag! Sie -können, was nicht von jedem Poeten zu sagen ist, Ihre -eigenen Gedichte gut vorlesen: wenn Sie nämlich dreinkommen, -und Sie kommen, wie es scheint, gerne drein, -wenn gute Menschen Ihnen Vertrauen einflößen. Machen -Sie nun, daß wir Ihre Tragödie erhalten. Wir -laden dann die Darsteller der Hauptrollen ein, und -Sie lesen ihnen das Stück. Tragen Sie es vor, wie -Ihr letztes Gedicht, dann wird man die Rollen um so -richtiger auffassen, um so lieber lernen und um so besser -spielen.“</p> - -<p>Heinrich dankte mit Herzlichkeit, indem in seiner -natürlichen und poetisch eingenommenen Seele nun doch -fast eine Ahnung aufstieg, daß die Schauspielerin ihm -eine besondere Freundlichkeit zuwendete. Den eigentlichen -Zustand ihres Herzens errieth er freilich nicht, -und verließ darum das Haus mit vollkommen ruhigem, -glücklichem Gemüth.</p> - -<p>Mutter und Tochter, als sie allein waren, gingen -schweigend hin und her. Die letztere that eine häusliche -Frage und horchte auf die gewissenhafte Beantwortung -mit halbgeschlossenen Augen und einem ernsten -Schein von Aufmerksamkeit. Dann suchte sie eine ihrer -Rollen hervor, setzte sich damit zur Lampe und fing an -zu lesen. Unwillkürliche Zeichen von Ungeduld und -Abwesenheit verriethen aber der Mutter deutlich, von -welchen Gefühlen sie beherrscht war.</p> - -<p>Rosa war sechs Jahre beim Theater und hatte ihr -zweiundzwanzigstes Jahr hinter sich, ohne daß sie in -eine ernstliche Herzensbeziehung wäre verflochten worden. -Vor leichtsinnigem Vertrauen schützte sie nicht nur eine -erfahrene, sorgsame Mutter, sondern ihr eigener heiter -verständiger Sinn. Sie war durch Natur und Erziehung, -was die Franzosen sage nennen, und ließ sich -nun wohl huldigen, trat aber vor gewissen Annäherungen -immer einen Schritt zurück, was dann die -Folge hatte, daß sie als „kalt“ verschrieen wurde. Eigentlich -war sie aber nur so klar, hinter gewissen Betheurungen -die egoistische Absicht wahrzunehmen und darüber -die entsprechende Geringschätzung zu empfinden. Sie -sammelte sich daher in dieser Hinsicht keine „Erinnerungen,“ -und ließ sich an ihrem Beruf, an geselligem -Verkehr, an unterhaltender, unterrichtender Lektüre genügen. -Auf der Bühne traf sie gleichwohl nicht nur -den Ton einer fröhlichen und schalkhaften Liebhaberin, -der ihr unmittelbar von Herzen ging, sondern auch den -Ausdruck tieferer Neigung, worüber sich nur diejenigen -wundern können, denen die Schöpferkraft der wahren -Künstlernatur unbekannt ist. Um Liebe darzustellen, -muß man nicht, was man sagt, geliebt haben, so daß -man darnach seine eigenen Erfahrungen spielt, es genügt -die Liebefähigkeit. Und diese besaß die Künstlerin, -mächtiger als sie bis jetzt sich zugetraut hatte, wie sie -nun zu ihrem Leide erfuhr.</p> - -<p>Heinrich hatte schon einen freundlichen Eindruck in -ihr hinterlassen nach der ersten Begegnung auf der -Straße. Davon war die Ursache nicht nur seine jugendlich -männliche Schönheit, sondern der Schein des Genius -in seinem Gesicht und die Treuherzigkeit seines -Wesens, der das lächelnerregende gelinde Ungeschick eher -nützte als schadete. Als sie in dem ihr Empfohlenen -den jungen Mann erkannte, der ihr so schnell interessant -geworden war, hatte sie die angenehmste Empfindung, -und die erste Unterredung ließ geradezu eine -Neigung in ihr aufkeimen, wobei Streben und Vorhaben -des Poeten heitere Bilder der Hoffnung vor ihre -Seele riefen. Sein begeistertes Lob ihrer Franziska -klang ihr um so wohlthuender, als sie darin ein Entgegenkommen -sehen zu können glaubte; und wenn sie -ihm bei zu geringer Schätzung des classischen Stücks -mit einer empfindlichen Mahnung entgegen trat, so lag -der Grund eben in der näheren Theilnahme, der an -dem Liebgewordenen eine Schwäche ärgerlich war. Die -leichten Lieder, die er heute gelesen, auch die ersten erotischen, -aus denen kein natürlicher Ernst hervorsah, -stimmten zu ihrer Hoffnung; und nun mußte die Erklärung -des Verlobten die zarte Maienblüthe ihres -Glücks mit einemmal hintilgen!</p> - -<p>Die Mutter, als Rosa sich endlich in’s Lesen zu -finden schien, ging in die Küche. Nach einer Weile kam -sie wieder und jene, das Heft weglegend, bemerkte: -„Da hab’ ich nächstens wieder ziemlich geschraubte Dinge -zu sagen. Was doch die Poeten manchmal für Reden -drechseln, die wir dann natürlich und zierlich vortragen -sollen, mit einem Ernst, als ob sie uns just aus dem -Herzen kämen!“ Die Mutter, ernst lächelnd, erwiederte: -„Es wird so arg nicht seyn. Uebrigens gehört -das eben zum Komödiespielen. Wenn die guten Dichter -uns helfen, so müssen wir dagegen den mittelmäßigen -beistehen.“ — „Eine Pflicht, die zuweilen sehr lästig -werden kann,“ erwiederte Rosa mit einem Seufzer. Sie -fuhr über ihre Stirn und sagte: „Ich bin müde und -mein Kopf ist eingenommen. Am Ende,“ fuhr sie mit -halbem Lächeln fort, „ist’s der Duft der Poesie, die wir -heute vernommen haben. — Sey’s was es wolle, ich -geh’ zu Bette.“ Sie reichte der Mutter die Hand und -sagte mit weicher Stimme: „Gute Nacht, Mutter!“</p> - -<p>Die gute Frau nahm sie in ihre Arme, küßte sie -auf die Stirn und erwiederte herzlich: „Schlafe wohl, -mein Kind!“ Beide sahen sich an und der feuchte Glanz -ihrer Augen ließ sie wechselseits in ihren Herzen lesen. -Die Mutter nickte mit dem Ausdruck ernsten Bedauerns. -Da hob Rosa den Kopf empor, lächelte und rief: -„Dummes Zeug! Gute Nacht, Mutter!“</p> - -<p>Als sie das Zimmer verlassen hatte, stand die Frau -eine Weile nachdenkend und sagte dann: „Ich hoffe, es -wird vorüber gehen. Allerdings ist’s ihre erste Neigung -und sie geht tiefer, als sie selber zu wissen scheint. Aber -das Mädchen ist verständig und hat Charakter — sie -wird’s überwinden.“</p> - -<p>Nach Verfluß einiger Tage sah die wackere Frau -den Liebling in einer Stimmung, die sie in ihrer Hoffnung -bestärkte. Am andern Morgen nach jenem aufklärenden -Abend hatte sie über Kopfweh geklagt und -endlich unterbrochenen Schlaf bekannt; aber am folgenden -zeigte sie ein heiteres Gesicht, scherzte zärtlich mit -der Mutter und benahm sich fast ganz wie ehedem. Die -Rolle, über deren Unnatur sie geklagt hatte, spielte sie -mit mehr Leben und Beifall als früher, lächelte darnach -über sich selber und kehrte mit zufriedenem Gemüth nach -Hause zurück.</p> - -<p>Als Heinrich einen Tag später mit der Tragödie -kam, wurde er von Mutter und Tochter so heiter wie -freundlich empfangen und das Manuscript von der Künstlerin -mit einem Ausruf des Vergnügens begrüßt. „Endlich,“ -rief sie, indem sie es mit beiden Händen faßte, -„haben wir es! — Und das andere?“ fuhr sie nach -einem Moment fort, „haben Sie’s eingereicht?“ — -„Heute,“ erwiederte der Poet. „Der Herr Intendant -war nicht zu sprechen, ich hatte mich aber vorgesehen, -das Manuscript mit einem Schreiben eingesiegelt —“ -„Gut,“ rief die Künstlerin. „Mögen unsere Geschicke -sich nun erfüllen! — Ich bin sehr neugierig, besonders -nach der Andeutung, die Ihnen letzthin entschlüpft ist -— auf die Heldin.“</p> - -<p>Heinrich lächelte mit einer gewissen Unruhe. „Ich -bitte nur,“ sagte er dann, „das Stück im Zusammenhang, -Scene für Scene, und da es denn doch eine -Tragödie ist, mit ernster Hingebung lesen zu wollen.“ -— „Mit dem günstigsten Vorurtheil, mit <em class="gesperrt">Liebe</em> werde -ich’s lesen,“ erwiederte Rosa lächelnd. — „Um so besser,“ -versetzte Heinrich. „Eine Dichtung kann nur wirken, -wenn ihr der Leser mit Vertrauen und Neigung -entgegen kommt. Es ist natürlich, die Gaben des Poeten -sind eine Art von Speise, die nur munden kann -unter Voraussetzung des entsprechenden Appetits.“ — -„Da haben Sie’s bei mir eben getroffen,“ versetzte die -Schauspielerin. „Was ich vor Ihrem poetischen Mahl -fühle, ist nicht nur Appetit, sondern geradezu Hunger -zu nennen. Das ist aber bekanntlich der beste Koch und -kann auch —“ Sie unterbrach sich selbst und fuhr mit -zurückgehaltener, nur leise durchscheinender Laune fort: -„Genug, ich glaube nicht nur in bester Stimmung zu -seyn, Ihre Dichtung zu würdigen, sondern ich verspreche -Ihnen auch, mit allem Ernst an die Lektüre zu gehen -und mit aller Andacht dabei auszuharren.“ — „Und -ich,“ versetzte der Poet mit glänzenden Augen, „glaube -Ihnen und sage Ihnen dafür den besten Dank.“</p> - -<p>Er sah von der Tochter auf die Mutter und fuhr -fort: „Es ist ein großes Glück für mich, daß ich so -liebenswürdige Gönnerinnen gefunden habe. Ich weiß -es aber auch zu schätzen. Lassen Sie mir’s nur auch -ferner angedeihen! Entziehen Sie mir Ihr Wohlwollen -nicht! Ich werde Ihres Raths und Ihrer Hülfe nur -immer mehr bedürfen — und sie mit der dankbarsten -Verehrung erwiedern.“</p> - -<p>Auf diese mit Herzlichkeit gesprochenen Worte versetzte -die Mutter: „Rechnen Sie auf jeden Dienst, den -wir ihnen leisten können. Sie sind uns von einem -braven Mann und bewährten Freund empfohlen, und -in der kurzen Zeit, wo wir Sie kennen, haben wir Sie -liebgewonnen, erwarten von Ihnen das Beste —“ — -„Nun,“ rief die Tochter mit gütigem Blick, „und wenn -es Sie beruhigen kann — so lassen Sie uns Freundschaft -schließen, treue Freundschaft! —“ Sie bot ihm -die Hand, Heinrich ergriff und drückte sie, indem ein -Strahl des Dankes ihm aus dem Auge ging.</p> - -<p>„Sie sind verlobt und glücklich,“ fuhr das Mädchen -mit edlem Ausdruck fort, „und wenn der Erfolg hinzu -kommt, haben Sie kaum noch etwas zu wünschen. Aber -eine Freundin beim Theater kann einem Dramatiker -immer noch nützlich seyn, denn hier findet sich immer -was zu thun.“ — Sie hielt ein wenig inne, und indem -ihre Miene sich anmuthig aufheiterte, fügte sie -hinzu: „Nun, und für alle Dienste, die ich Ihnen zu -erweisen gedenke, verlange ich nichts, als daß Sie mir -gelegentlich eine hübsche Rolle schreiben.“</p> - -<p>„Oh,“ rief Heinrich, „mit dem größten Vergnügen! -Seit ich Sie als Franziska gesehen, ist mir ein Licht -aufgegangen über den bezaubernden Reiz einer ächten -Lustspielfigur, und ich sage mir, wie schön es wäre, -wenn mir auch auf diesem Felde etwas gelänge. Aber -lassen wir den Vortheil; ich verehre Sie, mein Fräulein -— Ihre Kunst, Ihren Charakter, Ihre Herzensgüte, -und wenn ich Ihnen etwas zu Danke machen -könnte, würde ich mich unendlich glücklich schätzen.“</p> - -<p>Dieß war mit einer Wärme gesprochen, daß Rosa, -beglückt, gerührt, ihm nochmal die Hand gab, und die -ernstfreundliche Mutter deßgleichen.</p> - -<p>Nachdem der Poet sich empfohlen und entfernt hatte, -sagte Rosa zur Mutter: „Ich wünsche von Herzen, daß -das Stück sich bewährt und auf dem Theater etwas -macht. Es ist wirklich ein braver Mensch, voll des -besten Willens und kein Falsch in ihm. Eine rührende -Mischung von Geschick und Ungeschick, Verstand und -Naivetät — von einer Naivetät, die andere vielleicht -Blindheit nennen möchten —“ — „Ein Dichter,“ fiel -die Mutter mit dem halb ironischen Lächeln des Wohlwollens -ein, „der mehr in einer Welt der Träume als -in der wirklichen zu Hause ist. Die Erfahrung wird -ihn schon klüger machen, obwohl ich sehe, daß er auch -schon mit seiner Naivetät gar sehr zu wirken und die -Herzen für sich zu gewinnen vermag.“ — „Vielleicht,“ -erwiederte Rosa, die nachdenklich dagestanden, „hilft sie -ihm auch beim Publikum durch — es gelingt der erste -Wurf, und wir haben einen Glücklichen mehr.“</p> - -<p>Die Künstlerin hatte sich von dem ersten Schmerz, -welcher nach dem plötzlichen Versinken einer lieblichen -Hoffnung ihr Herz angefallen, in Wahrheit erholt. Es -war still geworden in ihr, nachdem sie mit ausdauerndem -Wollen den letzten Unmuth der Enttäuschung überwunden -hatte, und da sie dem jungen Mann, für den -eine Neigung in ihr entstanden war, doch eigentlich -keinen Vorwurf machen konnte, so glaubte sie in dem -erhebenden Gefühl der Genesung ganz zu seiner Freundin, -seiner uneigennützigen Freundin geeignet zu seyn.</p> - -<p>Nun mußte sie aber doch erfahren, daß eine Neigung, -die, wie rasch immer, sich einmal in’s Herz gesenkt -hat, nicht so leicht wieder vergeht oder in ein anderes -Gefühl sich wandeln läßt. Das Bild des jungen -Mannes stellte sich ihr vor die Seele, sie fühlte mehr -und mehr einen Zug zu ihm hin, ein Hangen und -Wohlgefallen, welches nicht das der Freundschaft war. -Konnte sie nicht mehr hoffen, so war es doch immer -noch Liebe, was sie empfand, und diese hatte nur einen -andern Charakter. Es war die Liebe, die sich aus sich -selber nährt und aus der stillen tiefen Freude an dem -Geliebten; die Liebe, die sich mit Großmuth paart und -im Bunde mit ihr auch die Entsagung versüßen kann. -Es ist auch eine schöne Flamme, die heimlich im Herzen -lodert und deren Strahlen geistig hold um den Geliebten -spielen. Wenn sie unerwiedert bleibt, so ist eben -damit ein eigenthümliches Glück verbunden; die liebende -Seele kann sich dann des reinen Schenkens und Gebens -bewußt seyn. Und wenn Geben, von Empfangen -belohnt, seliger ist, Geben ohne Lohn ist edler und -größer.</p> - -<p>Rosa, der schmeichelnden Einladung folgend, wurde -in einen Strom von Empfindungen getaucht, die ihr -gänzlich neu waren und deren Schauer sie mit Staunen -erfüllten. Wie oft hatte sie die Liebe schon gespielt, -und mit Leben, ja mit Leidenschaft gespielt! Aber es -war doch nur eine Leidenschaft der Phantasie, wobei -das Herz nur in gewissem Sinn mitwirkte. Die Gefühle, -die jetzt in ihr erstanden, waren That und -Wahrheit, von Natur getränkt, und übten auf sie eine -unwiderstehliche Anziehungskraft.</p> - -<p>In diesen Tagen einer verhängnißvoll sich entwickelnder -Neigung war das Mädchen durch ein Zusammentreffen -von Umständen an der Bühne nicht beschäftigt. -Sie brachte die meiste Zeit daheim zu, verkehrte mit -der Mutter in alter Gemüthlichkeit, die jetzt nur einen -stilleren, sanfteren Charakter hatte, und die Mutter -konnte wohl an eine vollendete Heilung glauben. Aber -die Krankheit war eine Liebe, die vielmehr gepflegt und -genährt wurde.</p> - -<p>Zuweilen, wenn die Neigung in der Liebenden zum -Verlangen wurde und sich plötzlich die Hoffnungslosigkeit -vor sie stellte, begann es freilich in ihr zu beben und -zu glühen, und sie fühlte: wenn das dauerte, wär’ ich -verloren! Aber sie riß sich heraus aus diesen Empfindungen, -die Kraft der Entsagung überwog, ihr natürlich -frischer Sinn half, und es blieb von dem Leidgefühl -nichts zurück, als eine milde Trauer, die sie -gleichfalls in sich zu verschließen wußte.</p> - -<p>Sonderbare Gedanken gingen durch ihren Kopf. -„Was ich jetzt habe,“ sagte sie sich einmal, „ist mir doch -lieber, als meine frühere leichte Fröhlichkeit. Ich würde -mir’s nicht mehr nehmen lassen! — Wer weiß? Vielleicht -ist das eben recht für eine Schauspielerin! Die -Andere ist glücklich in der Wirklichkeit, ich im Bilde, -und vielleicht spielt nur die Entsagung mit wahrer Innigkeit -und Leidenschaft, und ich gewinne an Ruhm auf -dem Theater, was ich an Glück im Leben verliere.“</p> - -<p>Eine Woche ging hin, ohne daß sie zum Lesen der -Tragödie gekommen war. Wie stark erst ihre Neugierde -gewesen, es erhob sich in ihr eine Scheu, das -Manuscript anzusehen, die mächtiger wurde und sie -immer wieder zögern ließ. War es die Besorgniß, die -Dichtung möchte nicht gelungen seyn, der Geliebte -möchte sich nicht rechtfertigen als dramatischer Poet und -sie in die Lage kommen, ihn beklagen, mit ihm leiden -zur müssen? Oder war es ein Zagen vor der Heldin, -deren Urbild der Autor hatte errathen lassen? Die -Furcht, sie möchte diesem Idealbild allzu unähnlich seyn, -allzu tief unter ihm stehen, und schmerzlicher Demüthigung, -unwiderstehlicher Eifersucht überliefert werden? -Vielleicht alles zusammen. Nachdem sie diesem Gefühl -indeß wieder und wieder nachgegeben, kam zu der innern -Mahnung, ihr Versprechen zu halten, größeres -Vertrauen zu dem Dichter und zu sich selber. Eines -Abends, wo die Mutter ausgegangen war, nahm sie -das Heft vor und las.</p> - -<p>Das Verzeichniß der Personen mit den Namen und -Titeln alter Zeiten ermangelte nicht, ein gewisses romantisches -Verlangen in ihr zu erregen. Sie ging die -erste, zweite, dritte Scene durch und fühlte sich angezogen. -Warme Situationen, und ein warmer, inniger -Ton, dem die Ueberschwänglichkeit, zu welcher sich einzelne -Worte und Zeilen verstiegen, nicht eigentlich schadete; -glühende, tiefe Liebe zweier Personen, die für einander -geschaffen und einander werth waren; heroische, -opferfreudige Kraft, mit feindlichen Mächten in Kampf -zu treten und zu siegen in Triumph oder Untergang.</p> - -<p>Die Schauspielerin, sich selbst vergessend, las weiter. -Die geahnten, gefürchteten Wolken steigen am Horizont -der sonnebeglänzten Landschaft, in welche das Liebespaar -gestellt erscheint, rasch empor und entfalten sich -drohend. Ein erster Zusammenstoß erfolgt, und die -Liebe, die Treue siegt. Aber andere Menschen mit andern -Leidenschaften und Zwecken treten auf, nähern sich -der feindlichen Gewalt, sehen sich von ihr angezogen, -beredet, und in Verflechtung selbstischer Interessen knüpft -sich ein Bund, welcher dem Neid, der Eifersucht und -dem giftigen Groll unwiderstehlich dienen zu können -scheint.</p> - -<p>Der erste Akt ist zu Ende. Für die Aufführung -allerdings zu lang und einzelne Scenen in der zweiten -Hälfte nicht klar, nicht schlagend genug. Aber beiden -Uebelständen kann durch Streichen und theilweises Umarbeiten -abgeholfen werden. Dann wird er nicht nur -als Exposition seine Schuldigkeit thun, sondern bereits -wirklich ergreifen, einen großen romantischen Prospekt -eröffnen und durch die eigenthümliche dichterische Sprache -das Publikum anziehen und erheben.</p> - -<p>Die Künstlerin, die über ihre bisherige Rollensphäre -hinaus begabt war, fühlte sich zufrieden und wahrhaft -glücklich. Sie freute sich im Namen des Poeten, der -sich als dramatischen, als Bühnendichter bewiesen; sie -freute sich der Poesie, die aus dem Buch in ihre Seele -strömte; und — sie freute sich über sich selber, daß die -ihr allerdings nicht ähnliche Heldin, mit der sie aber -dennoch fühlen konnte, ihr vielmehr lieb geworden war. -Die Poesie ist heilig und heiligend. Wenn die Seele -zu ihr sich erhoben hat, schweigen die irdischen Gefühle -und Leidenschaften, und bewußt oder unbewußt sieht der -Geist die Wirklichkeit vom Gesichtspunkt des Ewigen.</p> - -<p>Rosa, wie gerührt sie war und wie sehr sie auf -das Kommende sich freute, wollte für jetzt doch nicht -weiter gehen. Sie fühlte sich durch das Bisherige schon -eingenommen und gewissermaßen gesättigt. Es war ein -guter, ein sehr guter Anfang; an ihm wollte sie sich -ergötzen, ihn wollte sie in der Seele tragen und den -Genuß des verheißenen guten Fortgangs auf die folgenden -Tage sparen. War ihre Liebe zu dem Manne doch -schon jetzt vertieft und erhöht — durch die Achtung, die -er ihr eingeflößt! Wie schön, wenn er durchdrang mit -seiner ersten Dichtung, um ihr immer bedeutendere, reifere -nachfolgen zu lassen! — Sie stand auf, ernst und -gehoben, mit dem Ausdruck eines guten und gut seyn -wollenden Gemüths.</p> - -<p>Unterdessen hatte sich Heinrich weiter in der Residenz -umgesehen, neue Bekanntschaften gemacht und, da er -nicht feiern konnte, sogar eine neue dramatische Arbeit -begonnen — wieder ein Trauerspiel. Dieses freilich -nicht aus Trotz gegen die Rathschläge der Klugheit und -auf seinen Genius pochend, sondern einfach, weil er -nur dazu einen Entwurf besaß und nicht zu einem -Schauspiel oder Lustspiel. Er trat aber darin dem -Schauspiel bereits etwas näher, und sehr schmeichelte ihm -nun der Gedanke, die Vorzüge der Tragödie und des -Dramas in der neuen Dichtung vereinigen und beide -Parteien zufrieden stellen zu können. Das allein schien -ihm auch die seiner in der That würdige Aufgabe, -während er sich, ein Schauspiel fertigend, wie man es -wünschte, von der Höhe, zu der er sich berufen halten -mußte, doch einigermaßen herabzusteigen schien.</p> - -<p>Doctor Willmann hatte ihm einen Gegenbesuch gemacht; -er suchte ihn wieder auf, benahm sich schon freier, -kameradschaftlicher gegen ihn, und der Schriftsteller nahm -ihn eines Abends in eine Gesellschaft mit, die sich in -einem Bierlokal zu versammeln pflegte. Es waren meist -jüngere Männer, Beamte, Aerzte, ein paar Offiziere -und mit Willmann drei Literaten. Heinrich wurde von -seinem Einführer als Dramatiker vorgestellt und dann -besonders mit einem der Schriftsteller bekannt gemacht, -der ungefähr seine Jahre hatte. Doctor Dorn — so -hieß derselbe — bot ihm einen Stuhl neben sich, und -es zeigte sich bald, daß er, unter anderem, auch Theaterkritiker -war. Als Heinrich dieß vernommen, konnte er -nicht umhin, seine Freude darüber auszusprechen und in -seiner Miene eben so viel Achtung wie Vergnügen -an den Tag zu legen. Dem Kritiker gefiel dieß; er -erkundigte sich nach dem Stück, und auf unsern Poeten -hatte die Residenzluft schon so gut gewirkt, daß er unwillkürlich -über die Aufgabe mit Wärme, über die Leistung -aber bescheiden sich ausdrückte und dem andern -dadurch als ein Mensch erschien, dem man seiner Bravheit -wegen unter die Arme greifen könne. Das Bier, -das man in dem Lokal erhielt, war schmackhaft, die -neuen Bekannten stießen wiederholt an, tranken nach -Durst und gingen um Mitternacht fast als gute Freunde -nach Hause, indem sie unter dem dunkeln Nachthimmel -mit Köpfen hinwandelten, die durch Getränk und Gesprächeslust -hell erleuchtet waren.</p> - -<p>Zwei Tage darauf las man in einer Zeitung, deren -Feuilleton hauptsächlich der Feder Dorns offen stand: -„An der hiesigen Hofbühne ist eine neue Tragödie eingereicht, -welche durch effektvolle Scenen und durch eine -edle, schwungvolle Diktion große Hoffnungen erweckt. -Der Dichter, Heinrich Born, dem literarischen Publikum -durch geistreiche Aufsätze und Kritiken bekannt, weilt -hier und ist bereits wieder mit einem neuen Stück beschäftigt.“ -— Heinrich, der das Blatt in einem Speisehaus -arglos zur Hand genommen hatte, fühlte sich durch -die öffentliche Hervorhebung so betroffen, daß er ordentlich -zurückfuhr. Nach der ersten Ueberraschung wog -aber das Vergnügen, mit so viel Ehren genannt zu -seyn, als es zunächst irgend möglich erschien, doch bei -weitem vor; er las die Notiz wiederholt, überlegte den -wahrscheinlichen Effekt auf Publikum und Intendanz -und verließ die Restauration mit den angenehmsten -Empfindungen.</p> - -<p>Zufällig kam ihm auf der Straße Willmann entgegen. -Mit einem Lächeln, worin Bonhomie und gemüthliche -Satire bis zur Liebenswürdigkeit gemischt -waren, rief dieser: „Nun, ich gratulire! Sie haben doch -gelesen?“ — „So eben,“ erwiederte Heinrich, indem er -ihm die Hand reichte. „Es freut mich, und ich muß -Ihnen für die Bekanntschaft nochmal herzlich danken.“</p> - -<p>Der Doctor zuckte ablehnend die Achsel und bemerkte: -„Er muß sehr für Sie eingenommen seyn; sonst -ist er mit Lob und Empfehlung nicht so rasch bei der -Hand.“ Heiter für sich hinsehend schwieg er einen -Moment. „Apropos,“ setzte er dann hinzu, „haben Sie -die beiden Herrn schon besucht?“ — „Besucht wohl,“ erwiederte -der Dramatiker, die Regisseure verstehend, „aber -nicht zu Hause getroffen.“ — „Ich habe vorgestern,“ -sagte der Andere, „mit ihnen gesprochen. Gehen Sie -morgen früh zu ihnen, beide werden zu Hause seyn.“</p> - -<p>Sie trennten sich händeschüttelnd, und Heinrich sagte -sich im Weitergehen, daß er, mit Ausnahme eines Einzigen, -bis jetzt eigentlich doch lauter freundliche, liebenswürdige -Leute hier getroffen habe und alles nur immer -besser sich anlasse.</p> - -<p>Andern Tages machte er sich bald auf den Weg -und besuchte zuerst den Regisseur des ernsten Dramas. -Er fand einen stattlichen Mann von reifem Alter, dessen -bedeutendes, mit einigen Runzeln versehenes Gesicht -eben so viel Würde als Wohlwollen ausdrückte. Man -sah ihm an und fühlte auch durch seine Höflichkeit hindurch, -daß er seit Jahren Heldenväter spielte und eben -so auf dem Schlachtfeld wie im Thronsaal oder auf -dem Throne selbst an seinem Platze war. Nach dem -ersten Willkomm gestand er dem jungen Dramatiker, -daß er sein Stück nur dem Titel und den Personen -nach kenne, sich aber freuen würde, eine Tragödie im -höheren Styl darin zu finden, die er zur Aufführung -befürworten könnte. Denn man möge sagen was man -wolle, das Trauerspiel bleibe immer die Hauptsache für -das Theater und müsse namentlich an Hofbühnen, wie -die hiesige, gepflegt werden.</p> - -<p>Heinrich war damit freudig einverstanden und drückte -die Hoffnung aus, daß seine Tragödie, für deren höhere -Haltung er einstehen könne, auch als wirksames Theaterstück -sich erproben möchte. Nur zu lang würde sie wohl -noch seyn!</p> - -<p>Der Regisseur, der bis jetzt ernst dagestanden, zeigte -in seinem Gesicht den Ausdruck heiterer Ueberlegenheit. -„Wenn das Stück nur sonst gut gebaut ist,“ sagte er -dann, „den Uebelstand der Länge wollen wir schon -beseitigen.“ Der Poet nickte begreifend, mit einem Lächeln, -in das die Ahnung eines mörderischen Einbruchs -in seine Verse einen leisen Zug von Schmerz und Verlegenheit -brachte. Der Heldenvater, dieß gewahrend, -fuhr fort: „Ich weiß wohl, daß wir den Herrn Dichtern -an’s Herz greifen, wenn wir ihnen Stellen herausstreichen, -die sie gern für ihre schönsten zu halten pflegen. -Aber es geschieht doch nur zu ihrem Besten, und -ich würde Ihnen rathen —“</p> - -<p>Heinrich, nach einer heroischen Anstrengung, entgegnete: -„Herr Regisseur, ich stelle Ihnen meine Tragödie -zur Verfügung. Verfahren Sie damit ganz, wie -es Ihnen gut dünkt; denn ich weiß, ein Künstler wie -Sie, streicht nur das Ueberflüssige und wirklich Schädliche, -damit das Aechte, Schöne und Reine um so besser -wirke.“ — „Darauf,“ erwiederte der Regisseur, „können -Sie sich verlassen! Das Theater und der Dichter haben -Ein Interesse, und wir werden nichts aufgeben, womit -man auf die Zuschauer Effekt machen kann. Ein Stück -zum Lesen und ein Stück zum Aufführen ist zweierlei. -Was beim Lesen charmant seyn kann, wird auf der -Bühne, wenn es die Handlung aufhält, unangenehm, -sehr unangenehm, und ohne die Streichfeder der Regie -würden die meisten deutschen Bühnendichtungen an ihrer -eigenen Poesie zu Grunde gehen. — Vertrauen Sie,“ fuhr -er lächelnd fort, „in dieser Beziehung ganz den Schauspielern. -Wenn Ihr Stück angenommen wird, so dürfen -Sie später auch den Vorschlägen der einzelnen Darsteller -unbedenklich folgen und noch mehr aufopfern; -denn womit einer etwas machen kann, das läßt er sich -nicht nehmen.“</p> - -<p>Unser Poet, die Skrupel, die in ihm aufgestiegen -waren, unterdrückend, gab seine Zustimmung mit Ernst -und in so guter Manier, daß der Künstler geradezu -für ihn eingenommen wurde. Er eignete sich für das -Stück ein günstiges Vorurtheil hauptsächlich wegen der -Einsicht an, die der junge Mann bewies, und sagte -endlich, indem er ihm die Hand gab: „Was ich für -Sie thun kann — natürlich in Uebereinstimmung mit -den Interessen der Bühne — das geschieht, verlassen -Sie sich darauf! Es sollte mir sehr lieb seyn, wenn -wir aus Ihrer Dichtung mit einander ein rechtes -Theaterstück herausarbeiten könnten. Ich bin jetzt um -so neugieriger darauf und hoffe, ich werde es bald vornehmen -können.“</p> - -<p>Mit großer Beruhigung verließ Heinrich den einflußreichen -Mann. Er fühlte, wie sich ihm der Boden -unter den Füßen zusehends consolidirte, und freute sich -nun auf den Besuch bei dem zweiten Regisseur, obwohl -er in Folge der ihm gewordenen Charakteristik eine gewisse -Scheu vor ihm empfunden hatte. Unmittelbar -verfügte er sich zu ihm.</p> - -<p>Eingetreten in eine Stube, die eine ziemlich malerische -Unordnung verrieth, wurde er von einem länglichen, -hageren Mann willkommen geheißen, in dessen -Gesicht und Accent ein sarkastischer Ausdruck stehend -geworden war, so daß nun auch die Versicherung seiner -Freude, den Autor des eingegangenen Theaterstücks kennen -zu lernen, einen unverkennbar ironischen Klang -hatte. Heinrich, dem sich dieß aufdrängte, fühlte sich -etwas aus der Fassung gebracht, und es wurde ihm -noch unheimlicher, als der Regisseur ihn mit einer -Miene betrachtete, welche, durch alle äußere Freundlichkeit -hindurch, zu sagen schien: „Der sieht mir auch -aus, als ob er uns Zeug brächte, das niemand genießen -kann!“</p> - -<p>Seiner anderweitigen Protektionen gedenkend, faßte -sich aber der Poet und empfahl seine Dichtung mit -Würde, indem er hinzufügte: die Urtheile, die er schon -darüber vernommen, berechtigten ihn zu der Hoffnung, -daß sie auch dem Herrn Regisseur nicht ganz mißfallen -werde. — „O,“ rief dieser mit Emphase, „davon bin -ich überzeugt! — Auch die Presse,“ fuhr er nach einem -Schweigen mit bedeutsamem Blick fort, „hat auf das -Stück bereits aufmerksam gemacht —“ — „Aber ohne -daß ich dazu Veranlassung gegeben,“ fiel Heinrich ein. -„Ich wurde selber davon überrascht.“</p> - -<p>Mit einem Gesicht, welches vergnügten Unglauben -ausdrückte, entgegnete der Schauspieler: „Fällt mir -nicht ein, das anzunehmen! Man kennt ja die Herrn -Feuilletonisten und ihre Art voreilig zu protegiren, um -hinterdrein — Nun, ich bin auf Ihre Dichtung gespannt -und zweifle nicht, daß sie vortrefflich seyn wird. -Aber ich muß Ihnen doch gestehen: Tragödien sind -eigentlich nicht mein Fach, und, um Alles zu sagen -— auch nicht meine Passion. Sie sind schwierig zu -lernen, kostspielig in Scene zu setzen und lohnen sich -selten.“</p> - -<p>„Wenn aber eine einschlägt,“ warf Heinrich ein, -„dürfte sie doch —“ — „Ein Gewinn seyn?“ ergänzte -der Andere, indem er ihn heiter fixirte, „ja. Und wenn -ich das der Ihrigen ansehe, ist Ihnen meine Empfehlung -gewiß.“</p> - -<p>„Tragödien,“ fuhr der Poet nach leichtem Kopfneigen -mit halbem Lächeln fort, „können am Ende doch -nicht ganz vom Repertoire ausgeschlossen werden.“ — -„Natürlich nicht,“ erwiederte der Regisseur. „Was -würden wir da mit unsern Tragikern — unsern Heldenspielern -und Heroinen anfangen? Und sogar das -Publikum will hie und da noch ein neues Trauerspiel -sehen.“ — „Zur Abwechslung,“ setzte der Poet hinzu, -der auf die Manier des Mannes einzugehen anfing. — -„Ja wohl,“ versetzte der Andere, „und am Ende aus -alter Gewohnheit. Aber sie müssen selten kommen — -immer seltener —“ — „Bis sie endlich ganz verschwinden -können!“ setzte der Poet halb fragend hinzu. — -„Ich meinerseits,“ entgegnete der Schauspieler, „würde -mich zu trösten wissen.“</p> - -<p>Heinrich, der im Regisseur nun deutlich die lustige -Person erkannte, lachte und jener schien das wohl aufzunehmen. -Er sah den Poeten freundlicher an und -fuhr dann mit einer gewissen Bonhomie fort: „Sie -dürfen diese Aeußerungen nicht so schlimm aufnehmen, -Herr Doctor. Jeder liebt am Ende, was er kann und -womit er Ehre einzulegen hofft, und meine Sphäre ist -die Komödie, das Conversationsstück, und was so drum -herum liegt. In Tragödien kommt höchstens einmal -ein Bösewicht an mich, der mehr drolliger Schuft als -erhabener Verbrecher ist, und größere Ansprüche kann -ich auch nicht erheben. Abgesehen davon, daß das Erhabene -nicht mein Fach ist, so besitzen wir hier für die -große Gattung einen Mimen, der schon durch sein Auftreten -und den Schauerblick seines rollenden Auges dem -Publikum Grauen einflößt, und wenn dieser in Ihrem -Stück eine Rolle hat, gratulire ich Ihnen im voraus. -Eine edle, tugendhafte Partie in einem Trauerspiel ist -für mich geradezu ein saurer Apfel, in den ich nur -beiße, wenn’s eben nicht anders geht. So ist mir der -Sinn für die Tragödie, den ich in meiner Jugend wohl -auch gehabt habe, fast gänzlich entschwunden, und ich -fühle leider, daß ich auch die hochpoetischen nicht ganz -so schätzen kann, wie sie’s verdienen. Indessen,“ fügte -er mit einer Miene hinzu, die es fast bis zum Ernst -brachte, „meine Pflicht verlangt, den ehrenvollen Ruf -und den Vortheil der Bühne im Auge zu haben, und -wenn sich dieß mit Ihren Wünschen vereinigen läßt — -zählen Sie auf mich!“</p> - -<p>Der Dramatiker, durch das launige Bekenntniß ergötzt -und die ernstliche Zusage ermuthigt, reichte dem -Künstler dankend die Hand und beide schieden mit beinahe -freundlichen Empfindungen, jedenfalls unter cordialen -Betheurungen.</p> - -<p>„Auch das,“ sagte der Poet auf der Straße zu sich, -„ist besser gegangen, als es zuerst das Aussehen hatte. -Nun, der Poesie kann am Ende niemand widerstehen, -und wenn er sich dem Stück hingibt —“ Er sah geradeaus -und seine Miene erhellte sich froh: in einer jungen -Dame, die auf ihn zukam, hatte er Rosa erkannt. -Grüßend trat er zu ihr und betrachtete sie verwundert. -Aus ihrem Gesicht sprach eine Freude und eine Güte, -die es glänzend verschönten, und zugleich ein höherer -Ernst, als er je an ihr wahrgenommen hatte.</p> - -<p>„Es freut mich sehr,“ antwortete sie auf den Gruß, -„daß ich Sie treffe! Ich hab’ Ihre Tragödie gelesen — -anderthalb Acte —“ — „Nun?“ rief Heinrich, dessen -Herz zu pochen anfing. — „Ich wünsche Ihnen Glück -von ganzem Herzen! Was ich bis jetzt kenne, hat mich -außerordentlich angezogen; es ist ein förmlicher Zauber, -und wenn das so fortgeht —“ — „O,“ rief Heinrich, -an weitere Scenen denkend, mit inniger Ueberzeugung, -„es muß noch besser kommen!“ — „Nun,“ versetzte sie, -„dann kann ich wenigstens nur an einen vollständigen -Erfolg auf dem Theater glauben. — „Ah,“ rief der -Autor, dem ein Strom der Wonne durch die Brust -ging, „das ist heute ein glücklicher Tag!“</p> - -<p>Er berichtete ihr in Kürze über seine Besuche und -ließ deren Ergebniß unbewußt im besten Licht erscheinen. -Rosa’s Gesicht erheiterte sich und sie rief: „Das geht ja -gut über Erwarten! Vor Berger (so hieß der Regisseur des -Lustspiels) brauchen Sie nicht bange zu seyn. Wenn -ein Trauerspiel wirklich ergreift und fortreißt, hat auch -er Respekt davor, und überhaupt ist er nicht so schlimm, -wie er aussieht. Ich gestehe Ihnen, ich freue mich -außerordentlich, das Stück zu Ende zu lesen und dann -mit Ihnen darüber zu sprechen. Diese Woche bin ich -freilich sehr beschäftigt, aber in der nächsten hoffe ich -damit fertig zu werden.“ Sie grüßte den Autor mit -dem Blick einer Schwester und ging dem Theater zu, -wohin sie eine Probe rief.</p> - -<p>Heinrich sah ihr nach und wandte sich nur zögernd -um. „Eine wahre Freundin!“ rief er weitergehend. -„Sie nimmt wirklichen Antheil an mir und -meinem Schicksal. Wie schön, daß ich sie gefunden -habe!“</p> - -<p>Das Glück des Poeten war aber heute im Zug und -die Fülle seiner Gaben noch nicht erschöpft. Als er nach -Hause kam, fand er ein Schreiben von Auguste. Er -erbrach es mit hastigem Finger, las und seine Mienen -sagten: das ist mehr, als ich verdiene! Die Stellen, die -ihn am meisten erfreuten, lauteten:</p> - -<p>„Auf deinen lieben, schönen, poetischen Brief hätt’ -ich dir schon früher geantwortet, wenn ich nicht mit der -Mutter acht Tage auf Besuch bei Vetter Kronfeld gewesen -wäre, der, wie du weißt, seine Fabrik eine halbe -Tagereise von uns hat. Die Leute sind reich, gastfrei -und waren gegen uns besonders freundlich. Der alte -Herr, der mich längere Zeit nicht sah, hat mich förmlich -in Affektion genommen, und ich mußte ihm beim -Abschied versprechen, nächstes Frühjahr auf längere Zeit -wiederzukehren, um, wie er sich ausdrückte, seiner Tochter -(die der Mutter nachschlägt und etwas in sich gekehrt -und kopfhängerisch ist) zum Vorbild zu dienen. -Wie viel Vergnügen wir aber dort hatten, ich bin jetzt -doch auch wieder herzlich froh, zu Hause zu seyn, und -benutze die erste freie Stunde, um dir zu schreiben.</p> - -<p>„O Heinrich, du bist gut, und ich wünsche über -Alles, daß es dir auch gut gehe und du für dein Streben, -deinen Fleiß und deine Ausdauer nach Verdienst -belohnt werdest. Gewiß, niemand in der Welt kann -sich mehr über dein Fortkommen und das Gelingen deiner -Pläne freuen. Wie schön wäre es, wenn du unsern -rechnenden Kaufleuten beweisen könntest, daß man sich -auch durch poetische Arbeiten eine ehrenvolle Existenz zu -schaffen vermag — von dem Ruhm des Namens zu schweigen. -Und warum sollte es nicht möglich seyn? Dir -trau’ ich zu, daß du alle Zweifler beschämen wirst.</p> - -<p>„Die Schilderung der Bekanntschaften, die du gemacht -hast, war von großem Interesse für mich; das -Benehmen des Professors hat mich aber in deinem Namen -recht geärgert. Unser guter Rektor, dem ich’s vorhielt, -lachte und sagte zu seiner Entschuldigung nur: -„Ich meinte, er hätte sich gebessert; nun scheint es aber -nach den Angriffen, die sein letztes Buch erfahren hat, -mit ihm noch ärger geworden zu seyn. Es schadet -nichts. Unser Dichter wird Freunde genug finden und -den Zopf entbehren können.“</p> - -<p>Daß sich die Schauspielerin für dich interessirt, ist -sehr gut. Mache dir nur Freunde und cultivire alle -Bekanntschaften, die dir nützlich werden können, denn -der Werth der Leistungen reicht allein noch nicht aus, -man muß auch die Gunst der Menschen dazu gewinnen, -und da darf uns kein Gang und keine Artigkeit reuen. -Aber, aber! — die schöne Künstlerin, die „einem andern -gefährlich werden könnte,“ läßt mich doch auch für -dich nicht ganz ohne Sorge! Wirst du immer so „gefeit“ -seyn, wie du mir schreibst? Bist du deines poetischen -Herzens so ganz sicher? Doch, es ist mir eigentlich -nicht ernst mit diesen Reden. Du bist die treueste, ehrlichste -Seele, ich kenne dich und ich vertraue dir. Lebe -wohl! Versäume nichts, was deinem Unternehmen dienlich -seyn kann. Dein Stück, wenn es nur gegeben wird, -muß dem Publikum gefallen. Schreibe mir bald wieder.“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>IV.</h3> -</div> - -<p>Die nächsten Tage verflossen unserem Dichter auf’s -angenehmste. Es ist gar schön, auf ein Ziel hinzublicken, -das uns, nicht allzufern, in reizendem Lichte -winkt und dessen Erreichen vernünftigerweise nicht mehr -bezweifelt werden kann. Das Verlangen darnach wird -ruhiger und in Ruhe lieblicher als vor erweckter Zuversicht: -die Freude des Gelingens wird im sichern -Herzen voraus empfunden.</p> - -<p>Heinrich füllte seine Stunden mit Arbeit und Genuß -in wohlthuendem Verhältniß. Die Kunstschätze der Residenz -hatte er bisher nur theilweise und flüchtig gesehen; -jetzt widmete er ihnen eine ernstere Betrachtung und -erhielt unter Ergötzungen aller Art eine Fülle poetischer -Anregungen. Das Theater, in das ihm der Intendant -freien Eintritt gewährt hatte, besuchte er fast regelmäßig, -und während er sich dem Vergnügen hingab, -das die Handlung in ihm erweckte, lernte er immer -mehr einsehen, worauf es hier eigentlich ankam. Gewöhnlich -war er ganz Empfänglichkeit und der Kritik -völlig unfähig beim Beginn eines Stückes; er freute sich -schon, daß es nur das gab, was ihm geboten wurde. -Nach und nach trat aber das Urtheil in ihm hervor und -wurde nur um so strenger und kühner. Er sah manches, -was ihm vorbildlich erschien, noch mehr aber, was -ihm unrichtig und schwach dünkte und was er besser zu -machen den Beruf hatte.</p> - -<p>Sehr anziehend war es für ihn, die Darsteller zu -beobachten, welchen er die Hauptrollen in seinem eigenen -Werke zudachte. Mit dem Heldenvater und dem Charakterspieler -war er sehr zufrieden. Der letztere schien -ihm zwar an die Grenze des ästhetisch Erlaubten zu -gehen; allein die dämonische Persönlichkeit in seinem -Stück war auch ungewöhnlich scharf gezeichnet und eine -frappante Entfaltung mimischer Kräfte vielleicht eben in -seinem Interesse. — Die heroische Liebhaberin, die ihm -schon als Maria Stuart imponirt hatte, sah er auch -als Jungfrau von Orleans, und nach beiden Rollen -mußte er sie für seine Heldin wie geschaffen halten, da -diese mit den Schillerschen Charakteren eine gewisse Verwandtschaft -hatte, obwohl sie durch eine Reinheit und -Hoheit, womit sie alle Prüfungen bestand, über beide -hinausragte. Bei dem Applaus, den die Künstlerin -errang, konnte er nicht umhin, kräftig mitzuwirken und -nebenbei an denjenigen zu denken, den er bescheiden -hinzunehmen hatte.</p> - -<p>Sein neues Drama rückte vor. Der Entwurf war -genau und erlaubte ihm stetiges Fortarbeiten. Die fertigen -Auftritte schienen ihm anziehend und spannend, -er freute sich von einem Tag zum andern auf die Fortsetzung, -und ein Gefühl sagte ihm: es muß werden!</p> - -<p>Eine Mahnung des Dankes bewog ihn, Doctor -Dorn zu besuchen. Er wurde freundlich empfangen und -die Art, wie er seine Erkenntlichkeit ausdrückte, heiter -vernommen. Nach einer Weile fragte ihn der Journalist, -welche Blätter ihm dermalen offen ständen. Als -Heinrich ihm bekannte, daß er in Journale seit längerer -Zeit nichts geschrieben, weil er ganz und gar von seinen -dramatischen Arbeiten in Anspruch genommen werde, -schüttelte Dorn mißbilligend den Kopf und sagte: „Da -haben Sie sehr unrecht gethan, mein lieber Freund! -Zeitungen müssen einem immer zur Verfügung stehen, -damit man Freundlichkeiten nicht nur in Empfang nehmen, -sondern auch erwiedern kann. Wenn Sie als -Dichter bekannt werden wollen, müssen Sie nothwendig -auch als Referent und Kritiker thätig seyn; denn wer -seine Hand nicht in einigen Blättern hat, also weder -nützen noch schaden kann, auf den wird man bald keine -Rücksicht mehr nehmen.“</p> - -<p>Heinrich konnte die Bündigkeit des Schlusses nicht -läugnen — unter gewöhnlichen Verhältnissen. Daß er -aber sein Streben und sein Talent für eine Ausnahme -hielt, die solche Vorsorge gar nicht nöthig haben würde, -durfte er dem Andern doch auch nicht gestehen. Er -nickte daher bedeutsam, lächelte ein wenig und schien die -gute Lehre begriffen zu haben.</p> - -<p>Dorn betrachtete ihn mit Vergnügen und mit einem -schelmischen Zug um den Mund, wie einen, den man -auf den rechten Weg zu leiten im Begriff ist. Nach etwelchen -Fragen, die sich auf Heinrichs jüngste Erfahrungen -bezogen, legte er diesem ein broschirtes Buch -vor und fragte ihn, ob er es schon gelesen habe. Jener -verneinte es und setzte hinzu, daß ihm auch der Name -des Autors noch nicht vorgekommen sey.</p> - -<p>Dorn schmunzelte. „Das ist nicht zu wundern,“ -sagte er. „Das Buch ist von mir. Ich wollte aber in -einem satirischen Roman ganz ungenirt seyn, und so -hab’ ich’s pseudonym herausgegeben.“ — „Ah,“ rief -unser Poet, „das muß pikant seyn!“ — „Ich meine -schon,“ erwiederte der Autor mit gemüthlicher Selbstgefälligkeit. -„Aber bis jetzt hat es doch noch nicht die -Beachtung gefunden, die ich mir versprochen habe. Es -ist freilich noch nicht lang heraus und muß eigentlich -erst bekannt werden. — Interessirt Sie’s?“ fuhr er nach -einem Moment fort, „wollen Sie’s lesen?“ — „Wäre -mir allerdings sehr lieb —“ — „So nehmen Sie’s mit -nach Hause.“</p> - -<p>Heinrich fühlte wohl, daß er damit eine Verpflichtung -auf sich nahm. Allein er konnte schicklicherweise -nicht zurück, steckte das Buch ein und verließ den guten -Freund mit dem Entschluß, das Opus zu lesen, und -wenn es irgend anging, in einem Journal zu empfehlen.</p> - -<p>Im Theater war ihm eine eigene Genugthuung vorbehalten. -Rosa trat in einem neuen Familienstück auf -und führte die Partie eines Mädchens, die mit aller -Munterkeit eines fröhlichen Herzens auftrat, aber nach -hereingebrochenem Unglück unerwartete, rührende Festigkeit -und Hingebung bewies, in so ergreifender Weise -durch, daß sie in den letzten Akten den rauschendsten -Beifall erntete. Die Theaterkenner schauten sich verwundert -an und gestanden sich, daß sie ihr das nicht -zugetraut hätten; Heinrich, dem Thränen in die Augen -getreten waren, fühlte sich überaus glücklich und namentlich -auch dadurch befriedigt, daß er ihr Talent so richtig -begriffen, sie auf die besondere Fähigkeit schon aufmerksam -gemacht hatte.</p> - -<p>Am andern Tage trieb es ihn zu ihr, um zu gratuliren -und ihr sein früheres Wort in’s Gedächtniß zurückzurufen. -Das letztere gerieth ihm etwas mentorartig -und die Künstlerin zuckte unwillkürlich die Achseln. -„Nun,“ sagte sie, „ich muß am Ende doch daran glauben, -daß noch etwas mehr in mir steckt, als ich bis jetzt -selber gedacht habe. Wenn das Publikum mit seinem -Beifall sich irren kann, so geben mir doch Kenner und -Aesthetiker, wie Sie, die vollste Bürgschaft. Eigentlich,“ -fuhr sie nach kurzem Innehalten leichter und gutmüthiger -fort, „kommt es wohl nur auf die Rolle an, -die man erhält. Der Dichter schreibt vor, wir müssen -ausführen, und — es wächst der Mensch mit seinen -größern Zwecken.“</p> - -<p>Heinrich erwiederte, dieser Schillersche Spruch sey -allerdings richtig, aber das Wachsen setze die Kraft selber -voraus, und die Freundin thäte wohl daran, von -der gestern Abend glänzend erwiesenen Gabe der Rührung -und Erhebung öfteren und umfassenderen Gebrauch -zu machen. Die freundschaftliche Besorgtheit um -ihr Talent und dessen Ausbildung zog dem Poeten -einen Blick zu, den er zu deuten nicht in der Lage war, -obwohl ihn ein neues Achselzucken begleitete. Seine -Vermuthung ging auf eine geringere Schätzung eben -dieser Gabe von Seiten der Künstlerin, und er suchte -nun zu beweisen, wie sehr sie durch die entsprechende -Pflege derselben sich steigern, ergänzen, und welch vollkommene -Genugthuung sie dann empfinden würde.</p> - -<p>Rosa hörte stumm zu. Als er mit seiner Argumentation -fertig war, sagte sie: „In Ihrer Tragödie hab’ -ich noch nicht weiter lesen können; ich muß dazu ganz -ruhig und gesammelt seyn.“ — „Ich dränge durchaus -nicht,“ erwiederte Heinrich. — „Das ist mir lieb. Auch -für die nächsten Tage geht’s noch nicht. Sie wissen, -das Theater ist unberechenbar, und ich soll übermorgen -gegen alles Erwarten eine Rolle spielen, die ich fast -ganz vergessen habe.“ — „Das verträgt sich allerdings -nicht mit der Lektüre meines Stücks,“ versetzte der -Poet, „und ich würde selber bitten, daß Sie sich von -jetzt an möglichst im Zusammenhang erhalten möchten.“</p> - -<p>Es wurde ausgemacht, daß Rosa, wenn sie fertig -wäre — in acht, höchstens zehn Tagen glaubte sie es -zu seyn —, den Dichter zu sich bitten lasse. Heinrich -meinte lächelnd: es sey vielleicht gut, wenn er sich noch -etliche Zeit in süßer Täuschung wiegen könne, und empfahl -sich, „des Rufes gewärtig.“</p> - -<p>Acht Tage vergingen, ohne daß dieser erfolgte. Der -Poet brachte den ersten Akt seines neuen Stücks zu Ende -und machte sich rüstig an den zweiten. Im Eifer des -Schaffens kam in ihm die Neugierde, das Urtheil der -Künstlerin zu vernehmen, so wenig empor, daß er drei -fernere Tage ruhig hingehen ließ. Als aber noch zwei -verstrichen, ohne daß Botschaft an ihn ergangen wäre, -da fing er doch an bedenklich zu werden; eine dumpfe -Aufregung störte sein Denken und Schaffen, und er beschloß, -unaufgefordert anzufragen. Im Grunde war -Verschiedenes möglich, er brauchte noch gar nichts Uebles -zu fürchten bei einer so geringen Hinausschiebung, die -ein kleiner Zwischenfall beim Theater erklärte; aber eben -darum wollte er nachsehen, um durch Kenntniß des -wirklichen Motivs den Gedanken ein Ende zu machen, -die ihn zu belästigen anfingen.</p> - -<p>Es war ein Operntag; Heinrich begab sich in die -ihm so trauliche Wohnung, die er nun doch mit Herzklopfen -betrat, gegen Abend und wurde von den beiden -Frauen, obschon er sie ernster als gewöhnlich traf, so -herzlich, so gütig empfangen, daß er sofort leichter zu -athmen begann.</p> - -<p>Nach einer Weile sagte Rosa: „Sie kommen heute -gelegen; ich hätte Sie morgen zu uns eingeladen.“ — -„Sie sind also fertig?“ entgegnete der Poet lebhaft. — -„Seit gestern, obwohl ich manche Scenen wiederholt -gelesen habe.“</p> - -<p>Heinrich, dankend, sah die Künstlerin an. Aus ihrer -gehaltenen Miene war ihr Urtheil nicht abzunehmen, -obwohl dem Autor so viel klar wurde, daß er unbedingte -Beistimmung, wie die ersten Akte sie gefunden, -in Bezug auf das Ganze nicht wohl erwarten durfte. -Etwas zögernd fragte er daher: „Und Ihre Ansicht?“</p> - -<p>Rosa schwieg einen Moment, dann sagte sie: „Ich -habe das ganze Stück mit dem größten Interesse gelesen.“ -Heinrich nickte, indem seine Miene unwillkürliches -Bedenken verrieth. „Und die Poesie, die Sie in -den ersten Acten fanden,“ fragte er dann, „ist sie Ihnen -auch in den folgenden erschienen?“ — „O, allerdings,“ -erwiederte sie. „Es sind reizende Scenen darin, ergreifende, -erschütternde Momente!“ — „Nun,“ versetzte der -Autor, wieder beruhigt, „das ist schon etwas! Wie -lautet aber Ihr Urtheil im Ganzen? und namentlich, -was hab’ ich auf der Bühne zu hoffen?“</p> - -<p>Das Mädchen sah ihn an und schien über die -Antwort nicht mit sich in’s Reine zu kommen; dann, -mit einer gewissen Entschlossenheit, aber doch zugleich -mit bescheidener Zurückhaltung im Ton, versetzte sie: -„Was den Bühnenerfolg betrifft, so getrau’ ich mir, -offen gestanden, nicht, Ihnen etwas Bestimmtes vorherzusagen.“</p> - -<p>Der Poet war betroffen, ja bestürzt. „Ah,“ rief -er, „das hätt’ ich nicht erwartet! — Sie glauben also, -daß es auf der Bühne keine Wirkung machen wird?“ -— „Das ist nicht meine Meinung,“ entgegnete Rosa -lebhaft, indem sie eine gewisse Verwirrung nicht verbergen -konnte.</p> - -<p>Die Mutter, die bisher still vor einer weiblichen -Arbeit gesessen hatte, bemerkte nun: „Rosa will nichts -weiter sagen, als daß sie Ihnen einen Erfolg, wie wir -ihn alle wünschen, nur nicht verbürgen kann. Die -Möglichkeit will sie keineswegs bestreiten.“ — „Durchaus -nicht!“ fuhr die Schauspielerin fort. „Bei einer -gewagten Handlung, und die Ihrige ist gewagt, kömmt’s -auf eine Linie an. Wird das, was man den Zuschauern -bietet, ihnen eben noch recht, oder wird’s ihnen schon -zu viel, zu stark seyn? Das ist die Frage, auf die sich -namentlich bei Tragödien vor der Aufführung niemand -eine sichere Antwort gestatten wird.“</p> - -<p>Der Dichter war sehr betreten. Nach der schönen -und reinen Anerkennung der ersten Akte hatte er eine -Ausdehnung dieses Urtheils auf das Ganze um so mehr -erwartet, als nach seiner Meinung das Hauptgewicht -der Handlung durchaus in der zweiten Hälfte lag. Zuletzt -etwas bedenklich geworden, hatte er sich doch höchstens -auf Beanstandung einer und der andern Einzelnheit -gefaßt gemacht. Daß das Ganze, die scenische -Wirksamkeit der Tragödie überhaupt, eine Frage werden -könnte, das hatte er nicht für möglich gehalten; es -überraschte ihn schmerzlich, er konnte noch nicht daran -glauben.</p> - -<p>„Aber,“ begann er, indem sein verdüstertes Gesicht -sich wieder zu einem Ausdruck von Selbstgefühl erhob, -„die Sprache, wie Sie selber zugeben, ist doch poetisch, -die Handlung anziehend, fesselnd, und in allen Akten, -besonders in den letzten, kommen Auftritte vor, von -denen Andere gemeint haben, daß sie bedeutenden Effekt -machen müßten.“ — „Gerade über diese Auftritte in -den letzten Akten,“ entgegnete die Künstlerin, „und über -die Wirkung derselben auf’s Publikum traue ich mir -kein bestimmtes Urtheil zu. Effektvoll sind sie, das ist -keine Frage. Aber wenn sie nun — wehe thäten?“ — -„Sie meinen, daß sie vielmehr peinlich als tragisch -wirken könnten? Aber meine Hauptpersonen sind durch -ihren Geist und Charakter innerlich so reich und so -erhaben, sie triumphiren im Leid, gewinnen im Untergang -—“ — „Das ist Ihre Absicht mit ihnen gewesen,“ -versetzte Rosa, „man sieht das wohl. Nun, und in -Rücksicht darauf möcht’ ich allerdings das Gelingen für -eben so möglich halten.“</p> - -<p>„Meine Tochter,“ begann die Frau wieder, „ist nur -so ehrlich, Ihnen keine Hoffnung machen zu wollen, die -sich nachher nicht erfüllen könnte; und darin, mein lieber -Herr Doctor, muß ich ihr Recht geben. Ich habe -Ihre Dichtung auch gelesen und stimme mit Rosa darin -überein, daß sie große Vorzüge besitzt und großes Talent -verräth; wenn aber die letzten Auftritte, worauf -Sie alles angelegt haben, nicht den beabsichtigten Effekt -machen, dann kann doch, trotz aller Schönheiten, der -Erfolg nicht so ganz herauskommen, wie Ihre Freunde -ihn wünschen, und niemand herzlicher als wir.“</p> - -<p>Heinrich sah von einer auf die andere, nickte wie -einer, der zu begreifen anfängt, und sagte mit trauriger -Miene: „Das ist schlimm! Das Vertrauen, das ich -auf diese Tragödie gesetzt habe, ist durch diese Urtheile -erschüttert; ich kann nicht mehr daran glauben und bin -in großer Verlegenheit.“</p> - -<p>Die Schauspielerin, die einen Blick herzlichen Bedauerns -auf ihn geworfen, sagte nun: „An dem ist es -noch nicht, mein lieber Freund! Wir haben Ihre Dichtung -als Theaterstück beurtheilt in ihrer jetzigen Gestalt, -aber die braucht sie ja nicht zu behalten. Sie -können ja ändern und was bedenklich erscheint, herausbringen.“ -— Das Gesicht des Autors erhellte sich wieder -und er erwiederte: „Das ist wahr.“</p> - -<p>Rosa, mit einem gutmüthigen Lächeln, fuhr fort: -„Lassen Sie nur erst die Regisseure drüber kommen und -das Stück „einrichten!“ So eine Einrichtung hat schon -oft Wunder gethan, und wie sollte sie nicht einem Stück -zu Gute kommen können, das an Schönheiten so reich -ist? Vielleicht schlägt man Ihnen auch vor, einzelne -Partien ganz umzuarbeiten —“</p> - -<p>Heinrich stand nachdenklich. „Und dazu,“ sagte er -dann, „müßte ich mich wohl verstehen?“ — „Gewiß,“ -rief das Mädchen. „Ein Theaterstück ist noch ganz was -anderes, als eine dramatische Dichtung; und wohl dem -Autor, wenn man aus einer solchen überhaupt ein -wirksames Stück herausschneiden kann! Es lohnt sich -darum schon der Mühe, noch ein paar Wochen daran -zu setzen.“</p> - -<p>Heinrich lächelte mit Ergebung. „Ich sehe schon,“ -erwiederte er, „ich muß wieder von vorn anfangen!“ -— „Theilweise,“ versetzte Rosa, „und das thut nichts! -Hören Sie überhaupt erst das Urtheil der Regisseure. -Ich muß Ihnen bekennen, ich habe mich Ihrer Dichtung -gegenüber auf etwas eingelassen, dem ich doch -eigentlich nicht gewachsen bin. Einer im höheren Styl -gearbeiteten Tragödie es anzusehen, welchen Erfolg sie -auf der Bühne haben werde, mein lieber Freund, das -ist sehr schwer, und da können noch ganz andere Leute -daneben treffen, als eine junge Schauspielerin, die in -diesem Fach wirklich nicht zu Hause ist. Nun,“ fuhr sie -nach einem Moment fort, „zuletzt muß man’s eben darauf -ankommen lassen. Ich weiß, daß Stücke, denen -noch auf der Leseprobe der beste Erfolg prophezeit -wurde, so ziemlich durchgefallen sind, während andere, -über die man die Achseln zuckte, angesprochen haben. -Auf den Brettern ändern sich die Verhältnisse oft ganz -unerwartet, und wir Schauspieler bringen mit einander -heraus, was wir vorher selber nicht wissen können. -Das Publikum, das die Eindrücke empfängt, hat zu -urtheilen, und urtheilt auch; bei ihm ist der letzte und -entscheidende Spruch, und darauf hin muß man’s wagen.“ -— „In Gottes Namen!“ rief Heinrich; „wagen -wir’s! Und wenn Männer von Einsicht vorher Aenderungen -verlangen — ändern wir!“</p> - -<p>Nach diesen kräftig betonten Worten erheiterten sich -die Mienen. Man war zu einem Resultat gekommen -und ließ die Sache für jetzt auf sich beruhen, indem -Heinrich sich vorbehielt, an einem der nächsten Tage -mit den Freundinnen über Einzelnheiten des Stücks zu -berathen. Eine Unterhaltung über andere Gegenstände -konnte nicht lang dauern. Die Frauen waren ausgebeten, -und Heinrich verabschiedete sich. Er hatte zu -seinem Opus wieder Vertrauen gewonnen und war entschlossen, -es auf das „Glück der Schlachten“ ankommen -zu lassen.</p> - -<p>Wenn Heinrich die Erklärungen der beiden Schauspielerinnen -überdachte und eins in’s andere rechnete, -brauchte er den Muth in der That noch nicht zu verlieren. -Der Geschmack beider neigte sich zum Genre, -zum Angenehmen und Reizenden, zur leichten Rührung. -Das Große, das Erschütternde und eigentlich Tragische -war ihnen — zu stark. Darum das enthusiastische Lob -des ersten Drittheils seines Stücks, das in milder und -höchstens ahnungsvoller Beleuchtung stand, und das -zweifelnde Zurückscheuen vor den Schlägen des endlich -sich entladenden Gewitters. Männer, zumal solche, -deren Fach die Tragödie war, mußten nothwendig anders -urtheilen und gaben wohl umgekehrt der zweiten -Hälfte den Vorzug vor der ersten.</p> - -<p>Unter solchen Gedanken kam er nach Hause. Als -er in seine Stube eintrat, sah er, trotz des nächtlichen -Dunkels, auf seinem Schreibtisch ein Paket liegen, -das er mit einem zufriedenen Ausruf begrüßte. Er -hatte seinen Vater um Uebersendung eines Collegienheftes -gebeten, das er zu Hause gelassen, freute sich -nun der schnellen Besorgung, deßgleichen auf Nachrichten -von Hause, und machte eilig Licht. Im Schein -der brennenden Kerze warf er einen Blick auf die -Adresse: die Hand war fremd. Er betrachtete das -Siegel und ein Schauer überlief ihn: die Sendung -kam von der Intendanz, es war die Abschrift seiner -Tragödie.</p> - -<p>In der That enthüllte sich diese aus dem aufgerissenen -Umschlag. Ein beigelegtes Schreiben, das der -Poet mit einer heftigen Bewegung entfaltete, lautete -kurz:</p> - -<p>„Ew. Wohlgeboren stelle ich das eingereichte Manuscript -Ihrer historisch-romantischen Tragödie hiemit -ergebenst wieder zurück, indem ich lebhaft bedaure, daß -dieselbe zur Darstellung auf hiesiger Hofbühne nicht -geeignet befunden wurde. Mit Hochachtung — von -Dachburg.“</p> - -<p>Heinrich, nachdem er das Blatt auf den Tisch fallen -lassen, stand und rang mit der Verzweiflung, die unaufhaltsam -in ihm empor drang. Nun war Alles -verloren — Alles! Wenn die erste Bühne seines Landes -— sie, die vor allen berufen war, höherer Dichtung -entgegen zu kommen, ihm ein Werk, das er mit seinem -Herzblut geschrieben, so verachtungsvoll zurückschicken -konnte, dann hatte er bisher im Traum eines Thoren -gelebt; er hatte sich über die Welt und sich selber gänzlich -getäuscht — er war Nichts! Der Grund, auf dem -er vorwärts zu gehen meinte, wich, und er sank in’s -Bodenlose!</p> - -<p>Welche Liebe hatte er seiner Dichtung zugewendet! -welch liebenden Fleiß, Jahre hindurch! — Was hatte -er in sie hineingearbeitet von edlen Gedanken, holden -Gefühlen, großen Vorstellungen, erhabenen Phantasiebildern! -Wie hatte er sich gefreut, wenn ihm das Unaussprechliche -doch auszusprechen gelungen war und es -in wohllautendem Vers, in blühendem Bild ihm selber -wohlgefallen mußte! Und nun war Alles nichts — -Alles umsonst! Mit tödtlich kühler Phrase wies man -die Frucht ausdauernder Begeisterung von der Schwelle -des Lebens und rief ihm zu: „Fort in die Finsterniß -— und vergehe!“ Nicht einmal einen Versuch machen -mit einer Schöpfung, deren poetischer Gehalt über allen -Zweifel erhaben war! Nicht einmal einen Vorschlag, -die Fülle des Schönen darin für die Bühne zu retten! -Verworfen ohne Weiteres!</p> - -<p>So kurzer Proceß wird mit dem Ernsten und groß -Angelegten gemacht, während man das Seichte, das -kindisch Ergötzliche begierig ergreift, ja sogar dem Verderblichen -die Hallen des Kunsttempels öffnet! Wahr ist -also, was geklagt wird: die Poesie ist in die Acht erklärt! -Die Menge will das Gemeine, und das Theater -bietet es ihr, um für die hingeworfene Ehre das Geld -in Empfang zu nehmen!</p> - -<p>Und nun, was soll geschehen? Er dachte an Auguste, -an ihre, an seine Eltern — und es war ihm, -als ob eisige Messer ihm die Brust zerschnitten. An -derselben Vorstellung aber, die ihm noch die bitterste -Qual verursachte, erhob er sich wieder. Es ist eine -Prüfung für uns — Auguste wird sie bestehen — und -ich muß sie auch bestehen! Die Meinigen müssen sich -ergeben! Was daraus werden mag — genug der Verzweiflung!</p> - -<p>Er nahm das Manuscript nebst dem Schreiben der -Intendanz und verschloß es in seinen Schrank. Dann -schlug er ein ästhetisches Werk auf, an dem er eben studirte, -las und suchte sich mit Gewalt in den Inhalt zu -vertiefen. Was aber schon so mancher erfuhr, der in -ähnlicher Lage war, das mußte nun auch Heinrich erfahren. -Die schmerzlich getroffene Seele kann, so lange -die Wunde brennt, sich nicht in der Fassung erhalten, -die sie sich auferlegt. In demselben Augenblick, in dem -der kämpfende Wille schon gesiegt zu haben meint, bricht -die Leidenschaft wieder durch und vernichtet mit Einem -Aufsturm die mühsam errungene stolze Haltung. Die -Motive des Zorns dringen gegen die Gründe des -Trostes an, vertreiben sie mit unwiderstehlicher Gewalt -und behaupten das Feld, das gepeinigte Menschenherz!</p> - -<p>Heinrich, matt an Leib und Seele, warf sich endlich -auf’s Lager und suchte die erlösende Wohlthat des -Schlafes; aber vergeblich. In erneuerter Aufregung -und neuem Kampf dagegen, in tief ödem Gefühl, der -Frucht klarster Anschauung seiner Niederlage, und wüstem -Durcheinander weher Empfindungen ging — langsam -genug — Stunde um Stunde dahin, und erst gegen -Morgen ließ ihn die Erschöpfung in einen dumpfen -Schlummer sinken.</p> - -<p>Wie kurz dieser währte und wie unruhig er war, -der rüstige junge Mann fühlte sich beim Erwachen doch -wieder gekräftigt. Die Pflege des Leibes erwies sich -auch für ihn als abziehend von den Leiden der Seele. -Durch ein substantielles Frühstück wurde die Restauration -so weit geführt, daß wieder förmlicher Unternehmungsgeist -in ihm aufkam. Er eilte zu Willmann, -ihm sein Unglück mitzutheilen und wo möglich etwas -Näheres über die Gründe der Ablehnung zu erfahren, -wornach er jetzt die größte Neugier empfand.</p> - -<p>Der praktische Literat empfing ihn mit ernstem Gesicht, -in dem nur ein viel feinerer Beobachter, als -unser Poet jetzt war, auch noch den Ausdruck einer -gewissen Zurückhaltung hätte bemerken können. Wie -Heinrich den Bericht anfangen wollte, entgegnete er -ihm: „Ich weiß schon, was Sie zu mir führt. Die Intendanz -hat Ihnen die Tragödie zurückgeschickt —“ — -„Mit den geringsten Umständen von der Welt! Und ich -habe nun das Vergnügen, für die Aussaat des Besten, -was ich besaß, und für die treueste Pflege desselben Verdruß -und Schmach zu ernten!“</p> - -<p>Der Doctor nickte mit Ernst. „Ich kenne diese Empfindungen -aus eigener Erfahrung,“ erwiederte er dann, -„und bedaure Sie von Herzen. Zu thun ist aber nichts -mehr in dieser Sache, denn beide Regisseure haben sich -gegen die Aufführung erklärt.“ — „Beide!“ rief Heinrich, -indem eine leichte Blässe über seine Wangen flog. -„Aber,“ fuhr er nach einer Pause sich wieder ermannend -fort, „was haben sie denn für Gründe, das Stück -für ganz und gar unbrauchbar zu erklären? Ich resignire -natürlich, das versteht sich von selbst; aber diese -Gründe kennen zu lernen, hab’ ich wirklich ein großes -Verlangen.“</p> - -<p>„Dieses,“ versetzte Willmann, „glaube ich befriedigen -zu können. Ich habe mit den Herren gesprochen. -Es thut beiden leid, daß sie das Stück nicht zur Annahme -empfehlen konnten — ja, ja, auch dem Komiker, -er hat mir’s wenigstens ernstlich versichert — und ich -glaube nun, daß es ihnen selber lieb seyn wird, die -Motive, die sie zu ihrem Votum bestimmt haben, Ihnen -bekannt werden zu lassen. Vielleicht kann ich Ihnen -die Abschriften heute noch zuschicken.“ Heinrich ergriff -seine Hand und rief: „Sie würden mich außerordentlich -verbinden! Da ich nun doch einmal nichts kann, -so möcht’ ich wenigstens erfahren, woran’s liegt, um -allenfalls, wenn’s unvermeidlich wird, bei Zeiten mich -auf ein anderes Metier zu werfen.“</p> - -<p>Willmann schüttelte den Kopf. „Nicht so desperat, -mein Freund!“ entgegnete er. „Ich kenne Ihr Stück -nicht und kann also eigentlich über Ihr Talent nicht -urtheilen; aber zum Aufgeben Ihrer Bestrebungen -scheint mir noch durchaus kein Grund vorhanden. Lesen -Sie zunächst die Urtheile der Regisseure, die ich selbst -noch nicht kenne und auf die ich ebenfalls gehörig neugierig -bin.“</p> - -<p>Als unser Poet Abends in seiner Stube brütend -saß, kam die zugesagte Sendung an. Mit begreiflicher -Hast öffnete er das Couvert, nahm die Papiere heraus -und griff zuerst nach dem Votum des tragischen Künstlers. -Dasselbe lautete:</p> - -<p>„Das historisch-romantische Trauerspiel ist ein Erstlingswerk -und erweckt als solches schöne Hoffnungen für -die Zukunft. Der Dichter gebietet über einen nicht gewöhnlichen -Schatz von Empfindung und Phantasie, besitzt -auch einen natürlichen poetischen Takt, und wo -diese mit einander ausreichen, wie in den ersten Akten, -da gelingen ihm anziehende und darstellbare Scenen. -Noch im dritten Akt glaubte ich das Stück zur Annahme -vorschlagen zu können, aber gegen das Ende desselben -zeigt sich ein Mangel an Klarheit des Baus und -an Motivirung, der in den letzten Akten immer fühlbarer -wird, so daß wir von dem Ganzen einen wüsten -und peinlichen Eindruck mit hinwegnehmen. Der Dichter -malt zu sehr in extremen Farben, und nicht nur die -bösen, sondern auch die edlen Charaktere des Stücks -machen endlich den Eindruck von Carikaturen. Das -Liebespaar drängt sich ordentlich zum Märtyrthum, unter -übertriebenen und prunkenden Deklamationen; wo aber -nicht mehr natürlich und menschlich empfunden wird, -da können wir nicht mitfühlen und finden daher auch -keine Befriedigung. Ich habe reiflich erwogen, ob dem -Stück durch Streichen zu helfen wäre, aber bald gesehen, -daß es einer völligen Umarbeitung bedürfte. Die -Tragödie ist trotz des poetischen Talents, das der Verfasser -in allen Akten beweist, als Theaterstück verfehlt, -und die Aufführung in seinem eigenen Interesse nicht zu -wünschen.“</p> - -<p>Heinrich hatte die Lektüre mit einem gewissen Trotz -begonnen und glaubte mit ihm das Schlimmste bestehen -zu können; aber der Trank, den er zu verschlucken bekam, -wurde gegen das Ende doch gar zu bitter; unter -unwillkürlichem Schaudern leerte er den Kelch und empfand -auf’s neue die ganze Pein der Niederlage. Für -den einseitigen Beifall, den ihm gute Freunde gespendet -und den er sich selber zugesprochen hatte, mußte er nun -in der That grausam büßen. Mit einem Lächeln, welches -die Gefaßtheit auf eine noch stärkere und abschmeckendere -Mixtur ausdrückte, nahm er das zweite Blatt zur -Hand und las:</p> - -<p>„Das fünfaktige Trauerspiel von Heinrich Born -habe ich mit großem Interesse gelesen; zur Darstellung -auf unserer Hofbühne konnte ich es aber mit dem besten -Willen nicht empfehlen. Die Schwärmerei der Liebe, die -im ersten Akt und theilweise noch im zweiten herrscht, -ist zwar noch recht jugendlich; aber wenn der Dialog -gehörig beschnitten würde, möchte sich unser Publikum -davon doch erwärmt und erbaut fühlen. Die Aussicht, -die uns durch die Exposition eröffnet wird, ist ahnungsvoll; -indem wir aber gespannt in eine großartige Scenerie -vorschreiten wollen, versinken wir plötzlich in Moorgrund. -Von dem dritten Akt an bietet uns das Stück -ein Interesse, das der Autor gewiß nicht beabsichtigt -hat. Daß uns hier überlange pathetische Reden Seufzer -auspressen, dort eine Reihe kleiner Scenen wie Hagelschauer -auf uns herstürzen, bemerke ich nur beiläufig; -obwohl dieß, und wie Tugend und Laster meistens consequent -nach Vorschrift sich aussprechen, eines komischen -Eindrucks nicht verfehlen würde. Das Schlimmste ist -aber die Verletzung der poetischen Gerechtigkeit im Ausgang. -Die Hauptpersonen erliegen im Kampf und finden -den Tod, obwohl sie ihn in keiner Art verdient -haben. Uebertriebenes Pathos und ein auf die Länge -schwer zu ertragender Adel der Gesinnung muß ihnen -freilich zur Last gelegt werden; aber wie streng dieß -auch der gelangweilte Zuschauer beurtheilen mag, als -Todsünden können sie am Ende doch nicht gelten; und -so würde sich das schwergeprüfte Publikum zuletzt auch -noch darüber ärgern müssen, daß das überedle Paar -untergeht, während von den Missethätern nur Einer mit -in den Abgrund gerissen wird und die übrigen, die auch -noch erkleckliche Bösewichter sind, aus ihrer Betäubung -sich wieder erholen und ihr Metier fortsetzen können. — -Sey mir zum Schluß noch erlaubt zu bemerken, daß -der junge Dichter, trotz aller dieser Mißgriffe, nicht nur -poetische, sondern auch dramatische Begabung verräth -und darum in aller Weise verdient, daß die Hofbühne -durch Nichtaufführung dieser seiner Tragödie ihm eine -große Beschämung erspart.“</p> - -<p>Es gibt ein gewisses Maß von Widerwärtigkeit, das -die menschliche Seele in sich aufnehmen kann; was darüber -in sie eindringen will, das findet sie entweder fühllos -oder entschlossen zur vollkommenen Entsagung, kann -daher nicht mehr auf sie wirken. Unser Poet hatte zur -Verurtheilung eines Werkes, daß er mit aller Begeisterung -der Liebe geschaffen und das ihm theuer, ja heilig -geworden war, jetzt auch noch den Hohn zu kosten bekommen. -Was konnte weiter geschehen? Welche Anklage, -welche Schande gab es noch für ihn? Vorderhand schien -der Köcher des Unheils erschöpft zu seyn.</p> - -<p>Ruhiger las er die beiden Absprüche wieder. Ihm -fiel jetzt namentlich die Rücksichtslosigkeit auf, womit -die Herren ihren Tadel ausdrückten. Von der Achtung, -die nach seiner Ansicht ein Dichter unter allen Umständen -ansprechen konnte, war in diesen Erklärungen -sehr wenig zu bemerken, ja es ließ sich nicht läugnen, -daß die zweite das Gegentheil davon recht vergnüglich -zur Schau trug.</p> - -<p>Er war bereit, Vorschläge zu Streichungen und -Aenderungen, wie weit sie gehen mochten, anzunehmen -und auszuführen. Und wenn dieß geschah, wie sollte -eine Dichtung, die schon beim Vorlesen Begeisterung erweckt -hatte, von der Bühne herab nicht vielmehr noch -gewaltiger ergreifen? Aber freilich: gespielt mußte sie -werden, und dazu mußte sie verstanden seyn! Die Hauptcharaktere -mußten Darsteller finden, welche den Adel -derselben als Natur erscheinen ließen; und auf diese Bedingung -scheint man im Gefühl der Ohnmacht hier stillschweigend -verzichtet zu haben! Den Seelenadel zu verspotten, -war freilich leichter!</p> - -<p>Nun war aber in der That alles aus. Das Gebilde, -das hier zum wahren Leben gelangen sollte, war hingetilgt -und auch als Schatten vernichtet. Der Autor, -welcher Märtyrer der höchsten menschlichen Tugenden -geschildert hatte, war selbst Märtyrer seines Strebens; -er erlag den Streichen, die — ein Philister und ein -Spaßmacher gegen ihn geführt hatten! Der Unmuth, -den er über die Ungerechtigkeit empfand, und der Stolz, -der sich in ihm regte, erhoben ihn wieder zur vollen -Kraft des Trotzes gegen die Welt; und dieses Gefühl -gab ihm endlich auch die Stimmung zu einem Bericht -seines Mißgeschicks an die Geliebte. Er setzte sich an -den Pult, überlegte, wie sie und ihre Eltern das Erlebniß -auffassen müßten, und schrieb:</p> - -<p>„In meiner Tragödie hab’ ich große Seelen geschildert, -welche den Prüfungen des Lebens unbeugsamen -Muth entgegenstellen und, vom wahren Standpunkt -angesehen, aus allen siegreich hervorgehen. Nun, meine -geliebte Auguste, mir selber ist jetzt eine Prüfung auferlegt, -die ich zu bestehen habe. Aus Gründen, die ich -durchaus unstatthaft finden muß, hat die hiesige Intendanz -die Annahme meines Stückes verweigert. Man -gesteht mir poetische und speciell dramatisch poetische Begabung -zu, man findet Anmuth und Schönheit in dem -Werke; aber man behauptet, die Effekte in den letzten -Akten wären zu stark, könnten eher den gegentheiligen -als den beabsichtigten Eindruck machen, und glaubt nun -die Aufführung nicht wagen zu dürfen. Ich kann das -in keiner Art zugeben, bin vielmehr überzeugt, daß -durch gewisse Kürzungen und Abänderungen eben das -wirksamste Bühnenstück daraus zu machen wäre. Allein -die Ablehnung ist nun einmal erfolgt, und ich halte es -unter meiner Würde, mich damit wieder aufzudrängen. -Der Ersatz und Trost ist jedoch schon da. Ich arbeite -an einem neuen Stück, worin das, was man am ersten -getadelt hat, aus allen Gründen gar nicht vorkommen -kann; ich bin schon im zweiten Akt, und hoffe mit ihm -noch entschiedener zu erreichen, was mit unserer Tragödie -anzustreben mir versagt wird, indem ich mir vorbehalte, -auch diese noch zu den Ehren durchgreifender -Bühnenwirkung zu bringen. Der Erfolg, den zu holen -ich hieher gekommen bin, ist nur vertagt.</p> - -<p>„Sehr verdrießlich ist mir diese Erfahrung dennoch, -und im ersten Moment, wie ich nicht läugnen will, -übte sie eine entmuthigende Wirkung auf mich. Ich -besann mich aber wieder auf meinen Beruf, meine -Kraft, und halte den Kopf oben. Laß mich du nun -die Stimme der Liebe hören, die Trostworte einer edeln -und gütigen Seele! Mein Selbstgefühl und meine Thatkraft -hab’ ich wieder; aber dein liebender Zuruf wird -mir auch die Freude, die schöne Begeisterung wieder -bringen, womit die Poesie von selbst aus der Seele -fließt. Ich verlange sehnlich nach einem Wort von dir. -Grüße die Eltern und laß ihnen die Sache in einem -Licht erscheinen, das sie am wenigsten verletzt. Schreibe -mir bald, liebe Auguste, sobald als möglich!“</p> - -<p>Heinrich trug diesen Brief selber auf die Post. Nachdem -dieß aber geschehen, fühlte er sich matt an Leib -und Seele, und da er in der gegenwärtigen Situation -durchaus kein Interesse hatte, mit Bekannten zusammenzutreffen, -so begab er sich in ein Gasthaus. Das -preiswürdige Getränk durch die Kehle gießend, empfand -er bald seine zugleich stärkende und besänftigende Wirkung. -Es war eine eigene, in ihrer Art auch poetische -Lust, nach der eben so großen als unerwarteten Niederlage -melancholisch den Gaumen zu erquicken und im -Herzen allgemach die Hoffnung wieder aufleben zu lassen; -ein wundersames Durcheinander von Gefühlen. -Nachdem er dem gewöhnlichen Maß des Abendtrunkes -noch einen Zusatz gegeben, fand er die Kraft in sich, -die beiden Regisseure mitsammt der Theaterintendanz -tief unter sich zu erblicken und ihnen mit allem Vergnügen -die Titel zu geben, die sie nach seiner Ansicht -gründlich verdient hatten. Schlag gegen Schlag und -Hohn gegen Hohn — das thut der männlichen Seele -wohl, und der Geist erhebt sich wieder zu der ihm gebührenden -Höhe.</p> - -<p>Es war Mitternacht, als Heinrich nach Hause kam. -Die Schmähmonologe laut fortsetzend und damit sein -Herz inniglich ergötzend, legte er sich zu Bette und fiel -bald in tiefen Schlaf.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>V.</h3> -</div> - -<p>Heinrich, als Dichter, war sehr empfindlich für üble -Eindrücke; aber wie tief sie im ersten Moment gehen -mochten, ihre Dauer war kurz, da seine elastische, vorwärts -gehende Natur sich nach Möglichkeit immer wieder -davon befreite. Am folgenden Morgen, nach einem -Schlummer, in welchem er das in voriger Nacht Versäumte -gründlich hereinbrachte, hatte er seine Gefaßtheit -wieder und genoß einer wohlthuenden Stille des -Herzens. Freudlos war er allerdings und nicht gehoben -durch das schöne Leben der Hoffnung, aber doch vorläufig -getröstet. Im tiefsten Innern war noch ein unerschütterlicher -Rest von Zuversicht, und mit ihm gedachte -er das gefallene Gebäude seines Glücks aufzurichten.</p> - -<p>Als er in der warmen Stube hin und her wandelte, -ging ein humoristisches Licht über seine Züge. -Er nahm den Kalender, suchte den Tag, an welchem -die Intendanz ihm seine Tragödie zurückgeschickt hatte -und lächelte seltsam. Er las den Namen Jonas. — -Konnte es (wenn es nicht am Ende mehr war) ein -auffallenderes Spiel des Zufalls geben? Ein aus dem -Bauch eines Wallfisches an’s Land gespuckter Prophet! -Welche Aehnlichkeit mit seinem Fall, wenn man, wie -das bei Vergleichungen geschehen muß, von der Unähnlichkeit -Umgang nahm! Unser Poet sah sich in seiner -Ansicht bestärkt, daß man hier als ungenießbar ausgeworfen -habe, was für den betreffenden Rachen nur viel -zu gut, weil viel zu ätherisch war; und man findet nun -gewiß natürlich, daß er auf das Erlebniß Reflexionen -gründete, die ganz darnach angethan waren, ihn weiter -zu beruhigen.</p> - -<p>Eine Widerwärtigkeit, auch wenn das Aergste überstanden -ist, hat aber doch immer noch ihre Folgen. Am -nächsten Tage stand in dem verbreitetsten Blatte der -Residenz folgender Passus: „Die historisch-romantische -Tragödie, die nach der pomphaften Ankündigung eines -hiesigen Journals ganz ungewöhnliche Hoffnungen erregen -sollte, ist dem Autor, Heinrich Born, von der -Intendanz als für die Darstellung unbrauchbar wieder -zugestellt worden. So hat also auch dießmal voreiliges -Lob einem jungen sogenannten Talent nicht zum Fortkommen, -sondern nur zur Beschämung verholfen!“</p> - -<p>Heinrich, als er diese Zeilen beim Mittagessen, und -zwar gänzlich unvorbereitet las, fuhr zurück wie von -einer Schlange gebissen: er fühlte in dem Einen Stich -alle Pein literarischen Prangerstehens. Hastig sah er in -dem Lokal sich um und pries sein Geschick, daß wenigstens -kein Bekannter da war, der ihn hätte beobachten können. -Allerdings ein sehr fataler Beginn des öffentlichen -Genanntwerdens, nach dem er so großes Verlangen getragen -und das er sich so schön vorgestellt hatte! — Der -Appetit war ihm verdorben; er eilte fertig zu werden, -da immerhin Ein und der Andere eintreten mochte, -dem er bekannt war, und verließ die Restauration in -kürzester Zeit.</p> - -<p>Aber niemand entgeht seinem Schicksal. Als er -durch eine Straße wandelte, in der die Möglichkeit einer -unangenehmen Begegnung sehr gering war, sah er -plötzlich eine Figur auf sich zukommen, der er jetzt von -allen am wenigsten sich darstellen mochte — den Professor -Sartorius. Ausweichen konnte er nicht mehr, es -wäre auch feige gewesen, und so ging er gerade vorwärts, -zog instinktmäßig den Hut und rief mit gebührender -socialer Achtung den Gruß des Tages. Der -Professor lüpfte seinen Hut schweigend, sah mit einem -Gesicht für sich hin, das in Spott und Schadenfreude -die feinste Genugthuung verrieth, und ging an ihm vorüber. -Er hatte den Passus nicht nur auch gelesen, sondern -ihn seiner Frau gezeigt und ihr die Anerkennung -abgenöthigt, wie gänzlich er seinen Mann gleich beim -ersten Gespräch erkannt habe.</p> - -<p>Als der Poet sechs Schritte über ihn hinaus war, -drehte er sich um und sah ihm nach. „Vermaledeiter -Pedant!“ rief er für sich und setzte innerlich murrend -seinen Weg fort.</p> - -<p>Eine halbe Stunde unbehelligt, hatte er doch noch -ein Zusammentreffen zu bestehen. Um eine Ecke biegend, -stand er vor Doctor Dorn, der einen leichten Ausruf -der Ueberraschung hören ließ und ihn dann mit einem -höchst eigenthümlichen Lächeln begrüßte. Es war eine -Complication von Schadenfreude, eigener Beschämung -und trotziger Geringschätzung derselben, wozu noch ein -Zug spottender Anklage kam. „Nun,“ fragte er den -gleichfalls Ueberraschten und ziemlich Verlegenen, „haben -Sie schon gelesen?“ Der Poet machte eine Bewegung -des Bedauerns, die zugleich verachtende Erhebung über -den Unfall ausdrücken sollte.</p> - -<p>„Da haben wir uns eine saubere Geschichte eingebrockt!“ -fuhr jener fort. „Ich habe Ihr Stück nach -Ihrem Referat und nach den Versen, die Sie mir vordeklamirten, -empfohlen, und bin nun im Grund mit -Ihnen blamirt!“ — Heinrich zuckte die Achsel. „Es -thut mir leid,“ entgegnete er. „Indessen,“ setzte er -etwas spöttisch hinzu, „Sie werden es wohl verschmerzen.“</p> - -<p>Dorn strich sich mit der Miene eines erprobten -Kämpfers den Bart. „Nun,“ versetzte er, „das hoff’ -ich auch. Morgen ist der Bettel vergessen! — Für -Sie,“ fuhr er spielend fort, „ist die Sache etwas -unangenehmer; aber bilden Sie sich darum noch keinen -Kummer ein! Solche kleine Unglücksfälle kommen so -oft vor, daß sie eigentlich gar nicht der Rede werth -sind. Auch schaden sie nichts; im Gegentheil: ein von -Vielen gelobter und Vielen geschmähter Mann ist eben -eine Celebrität; und was kann man sich Besseres -wünschen?“</p> - -<p>Der Poet antwortete auf diese richtige, aber mitten -im Verdruß des Bloßgestelltseyns doch nicht völlig tröstende -Bemerkung mit einem nur halb erheiterten Gesicht. -„Diese Veröffentlichung einer Niederlage,“ sagte -er dann, „und der Ton, worin sie gehalten ist, verräth -doch eigentlich eine große Feindseligkeit. Was hat das -Blatt gegen mich?“</p> - -<p>„Das Blatt hat nichts gegen Sie,“ versetzte Dorn. -„Aber der Feuilletonist — Emil Schilf — ist Autor -von zwei Stücken, die hier mit Glanz durchgefallen sind. -Die Hervorhebung Ihrer Tragödie hat ihn geärgert, -das wirkliche Reüssiren derselben hätte ihn mit giftigem -Neid erfüllt; was ist also natürlicher, als daß er bei -Ihrem Unglück inniges Vergnügen empfindet und sich -die Freude macht, es an die große Glocke zu hängen?“ -— „Verächtlich!“ rief Heinrich.</p> - -<p>„Begreiflich,“ entgegnete Dorn, „und sehr gewöhnlich!“ -Er schwieg, sah ihn freundlich an und sagte: -„Wie steht’s mit Ihrem neuen Stück? Rückt’s vor?“</p> - -<p>„Der zweite Akt ist zur Hälfte gediehen, und ich -hoffe darin alles vermeiden zu können, was man am -ersten Drama gerügt hat.“ — „Bravo! Nur immer -lustig vorwärts!“ Nach kurzem Innehalten sah er ihn -von der Seite an und fuhr fort: „Haben Sie zufällig -auch schon Zeit gefunden, einen Blick in mein Buch zu -werfen?“ — „Noch nicht. Die Aufregung und der Verdruß -der letzten Tage —“ — „Natürlich,“ fiel Dorn -ein. „Aber nehmen Sie’s nun doch gelegentlich zur -Hand! Sie werden manches darin finden, was Ihnen -eben jetzt wohlthut — auch über Theater und Theaterleute.“ -— „Ah,“ rief der Poet, „dafür hätt’ ich gegenwärtig -allerdings die Stimmung!“ — „So lesen Sie,“ -erwiederte der Autor, indem er ihm die Hand reichte; -„amüsiren Sie sich und spitzen Sie Ihre Feder! Es -wird alles noch gut werden.“</p> - -<p>Unser Dichter hatte wiederholt die Mahnung empfunden, -seine Freundinnen zu besuchen, aber nicht die -Scheu bezwingen können, jetzt vor sie zu treten. Er -war gar zu sehr gedemüthigt, und der Gedanke, den -Frauen, denen er Achtung abgewonnen hatte, nun ein -Gegenstand des Mitleids und vielleicht gar einer Art -von Geringschätzung zu werden, hatte etwas außerordentlich -Unangenehmes für ihn. Endlich aber faßte -er sich doch; er wollte auch dieses Verhältniß in’s Reine -bringen, wenn auch um den Preis eines vielleicht sehr -fatalen Moments, und begab sich stehenden Fußes zu -ihnen.</p> - -<p>Mutter und Tochter begrüßten ihn sehr herzlich. -Rosa ergriff seine Hand, sprach ihr Bedauern in ernster, -achtungsvoller Art aus und fügte die sachgemäßen Tröstungen -so freundlich hinzu, daß sie wahrhaft erquickend -wirkten. Heinrich, sich selbst wiedergegeben, versetzte: -„Seyen Sie außer Sorge! Ich bin noch immer ein -Poet, und hänge nicht von Einem Stücke ab.“</p> - -<p>„Bravo!“ rief das Mädchen erfreut, und die Mutter -setzte hinzu: „Ein Unglück beim Anfang ist oft eher ein -Glück; man hat um so mehr Hoffnung, mit Glück aufzuhören.“ -— „Wenn man’s erlebt!“ erwiederte der Poet -mit etwas bitterem Humor. „Indessen, das hängt nicht -von uns ab. Thun wir das Unsere und erwarten wir -die Folgen!“</p> - -<p>Rosa, die aus dem Accent und der Miene Heinrichs -abnahm, daß er im Innern von seinem Mißgeschick doch -noch sehr bedrückt war, sagte für sich hinsehend: „Wer -weiß, ob diese Zurücksendung Ihrer Tragödie nicht schon -selber ein Glück war!“</p> - -<p>Der Autor, der sie augenblicklich verstand, entgegnete: -„Sie meinen, daß mir dieses kleine Unglück das -noch viel größere eines eclatanten Falles erspart haben -könnte?“ — Rosa, leicht erröthend, machte eine Bewegung -mit den Armen, welche die Möglichkeit nicht läugnen -wollte. — „Also auch Sie!“ fuhr Heinrich mit einem -Ausdruck von Anklage und Kümmerniß fort, „auch Sie -geben das Stück unrettbar verloren!“ Er sah sie an -und brach unwillkürlich in die Frage aus: „Ist es denn -aber so gar schlecht?“</p> - -<p>Die Frauen konnten sich bei der Naivetät dieses -Ausrufs einer Anwandlung von Lachen nicht erwehren -und Rosa beeilte sich zu erwiedern: „Durchaus nicht — -an sich selbst, aber für die Aufführung höchst bedenklich!“ -— „Höchst bedenklich!“ wiederholte der Poet, wie einer, -der betroffen die Stärke eines Ausdrucks erwägt. „Und -das sogenannte Einrichten konnte dem nicht abhelfen?“ -— „Vielleicht,“ erwiederte Rosa. „Aber es gab so viel -Kopfzerbrechens und so viel Arbeit, daß Sie leichter -und sicherer ein neues Stück ausführten.“</p> - -<p>Der Poet, nach momentanem Besinnen, machte eine -entschlossene Bewegung und rief: „In Gottes Namen! -Das neue Stück, wie Sie wissen, ist angefangen, und -ich werde es zu Ende bringen. Die Lust, zu schaffen, -ist noch die alte, und der Muth deßgleichen!“ — Die -Künstlerin schwieg und ihre Miene verrieth keine Zustimmung. -— „Sie zweifeln am Gelingen?“ rief Heinrich. -„Wie! Haben Sie gar kein Vertrauen zu mir?“ -— „Zu Ihnen,“ erwiederte Rosa mit herzlichem Ernst, -„alles, zu Ihrem neuen Stück wenig. Es ist wieder -ein Trauerspiel!“</p> - -<p>„Nun,“ versetzte Heinrich nicht ohne Unmuth, „das -ist doch wohl an sich kein Verbrechen! Oder soll das -Trauerspiel ganz in die Acht erklärt seyn? Darf jetzt -überhaupt keines mehr geschrieben werden?“ — „Das,“ -versetzte Rosa, „will ich durchaus nicht sagen. Aber der -Gegenstand Ihres neuen Stücks hat seine Gefahren; ich -wünsche Ihnen sicheren und wo möglich allgemeinen Erfolg, -und der ist jetzt nur mit einem gelungenen Schauspiel -oder Lustspiel zu hoffen.“</p> - -<p>Heinrich, durch die freundschaftliche Theilnahme begütigt, -entgegnete: „Es mag seyn; ein rein realistisches -Drama kann, wie der Geschmack jetzt ist, am sichersten -durchschlagen. Aber was hilft mich das? Ich habe keinen -Entwurf. Mir einen abzuquälen, ist nicht meine -Art und würde auch zu nichts führen. Es mag ein -Unglück seyn, aber es ist nun einmal so.“</p> - -<p>Rosa hatte bei dieser Entgegnung für sich hingesehen. -Jetzt, mit Lächeln den Kopf erhebend, fragte sie: „Würden -Sie eins ausführen, wenn man Ihnen den Stoff -dazu gäbe?“ — Heinrich, nachdem er sie forschend betrachtet, -erwiederte: „Das kommt darauf an. Wenn -mich die Aufgabe in die Seele träfe, Liebe und Leidenschaft -in mir erweckte —“</p> - -<p>Während dem hatte die Mutter den Kopf geschüttelt -und einen Blick der Verwunderung auf die Tochter geworfen, -der sich aber bald in einen Blick der Zärtlichkeit -wandelte. Rosa, mit einem Ausdruck ernster Freude, -entgegnete dem Poeten: „Nun, ich glaube einen solchen -Stoff zu haben und will ihn an Sie abtreten!“</p> - -<p>Heinrich schaute betroffen, fast gerührt auf sie. -„Ist’s möglich?“ rief er. — „Ja, ja,“ versetzte die -Mutter. „Sie hat nicht nur einen Stoff, sondern -einen genauen Plan, und schon einzelne ausgeführte -Scenen!“</p> - -<p>Heinrich wußte nicht, was er sagen sollte. Sein -Auge hing an der Künstlerin, die erröthet war, und -mit einem Ton liebenden Interesses rief er endlich: -„Wie! Sie sind dramatische Dichterin? — Und das erfahr’ -ich erst jetzt?“ — „Ein gutes Sujet,“ erwiederte -das Mädchen, „und ein harmloser Versuch, es zu dramatisiren, -macht noch lange keine Poetin. Ich hab’ im -Gegentheil bei der Ausführung gefunden, daß mir just -die Poesie abgeht, und da ich den Gegenstand für sehr -günstig halte und ganz dafür eingenommen bin, so würden -Sie mich geradezu glücklich machen, wenn Sie sich -seiner annehmen wollten.“</p> - -<p>Heinrich schüttelte den Kopf mit einer Miene des -Widerstrebens. „Das geht nicht,“ rief er, „das darf -ich nicht! Ich Sie berauben? Unmöglich!“ — „Wenn -ich mich nun aber berauben lassen will?“ entgegnete -das Mädchen nicht ohne Ungeduld. „Soll man Ihnen -nicht einmal etwas schenken dürfen, Sie großartigster -aller Sterblichen? Seyen Sie doch nicht gar zu gewissenhaft! -Es kleidet niemand gut, am wenigsten die Poeten!“ -Nach einer Pause, in der sie ihn lächelnd ansah, -fuhr sie fort: „Nun? — Sie thun mir wirklich einen -Gefallen. Ich bin der Aufgabe nicht gewachsen und -würde Gott weiß wie lange daran herum arbeiten; aber -Sie können etwas daraus machen. Ich gönne Ihnen -den Stoff, und meinem Stoff den Poeten.“ — Das -Gesicht Heinrichs klärte sich auf. „Nun,“ rief er, „wenn -es Ihnen ernst ist —“ — „Vollkommen! Hier meine -Hand und meinen Dank.“</p> - -<p>Der Poet schüttelte die dargebotene Rechte und Rosa -fuhr mit wahrer Genugthuung fort: „Der Handel ist -abgeschlossen. Ich will die Blätter nochmal durchgehen -und Ihnen das Ganze dann säuberlich vorlegen. Prüfen -Sie und machen Sie daraus, was Sie wollen.“</p> - -<p>Der Poet war von diesem Beweis theilnehmendster -Güte wahrhaft gerührt. Er dankte und pries das Glück, -eine so treffliche Freundin gefunden zu haben, in so -warmen Ausdrücken, daß ihn beim Abschied auch die -Mutter bewegt lächelnd und mit einer Miene ansah, -als ob sie entschlossen wäre, sich in etwas Unvermeidliches -zu fügen.</p> - -<p>Heinrich war von der neuen Aufgabe — obwohl sie -ihm noch eine bloß allgemeine war — sofort ergriffen. -Er brachte die nächsten zwei Tage in Ueberlegungen -und Phantasien zu, die sich fast alle auf sie bezogen, -versetzte sich in moderne bürgerliche Menschen, rief sich -die Erfahrungen in’s Gedächtniß, die er selber gemacht, -und suchte Reden und Gesprächsfragmente auszudenken, -die zugleich richtig und pikant waren. Er bildete ein -förmliches Schauspielwollen in sich aus und kam zu den -Freundinnen am dritten Tage voller Begierde, auf diesem -Feld einen Versuch zu machen.</p> - -<p>Rosa theilte ihm das Sujet in Kürze mit, las ihm -dann ihren Plan und endlich, von ihm ermuthigt, sogar -die ausgeführten Scenen vor.</p> - -<p>Die Handlung gründete sich auf ein thatsächliches -Ereigniß in einem früheren Bekanntenkreise der beiden -Künstlerinnen, was dem Conflikt und dem Ausgang etwas -lebendig Eigenthümliches gab. Im Wesentlichen -eine „alte Geschichte,“ aber durch die neuen Beziehungen, -in welchen sie verlief, neu und charakteristisch für -die gegenwärtige Zeit. Menschliche Charaktere; die guten -mit Schwächen und natürlichen Beweggründen, ihre -Gegner neben begreiflicher Selbstsucht mit honetten Elementen -ausgestattet; der Zusammenstoß und der Gang -der Intrigue von der Art, daß die Hauptpersonen die -verschiedenen Seiten ihres Wesens herauswenden konnten, -die edleren Charaktere im Moment der Entscheidung -siegreich die bessere Wahl trafen, sich erprobten und steigerten, -die Vertreter der Intrigue, der Lockung anfänglichen -Gelingens nachgebend, sich verstrickten und selber -fingen, um zuletzt der Beschämung überliefert, zur Entsagung -und Unterwerfung gezwungen zu werden. Alles -das verlief im Plane so natürlich zusammenhängend, -daß die Organisation im Wesentlichen gegeben war und -die Phantasie nur auf poetische Begründung und Bereicherung -zu denken hatte.</p> - -<p>In Heinrich, als er den Entwurf übersah und die -Anschauung, was man daraus machen könnte, ihn erhob, -regte sich die erfindende Kraft. Was jenes Votum -des ersten Regisseurs an ihm als natürlichen poetischen -Takt gerühmt hatte, das zeigte er jetzt auf eine die -Künstlerin angenehm überraschende Weise, indem er mit -Sicherheit die Punkte markirte, wo Angelegtes wirksamer -entwickelt, neue Effekte angebracht und mit dem -Vorhandenen lebendig verbunden werden konnten. Sogar -für ein paar komische Auftritte ersah er den Platz -und mehrte die Zahl der Personen durch die Figur eines -drolligen Gesellen, den er auf der Universität kennen -gelernt hatte und jetzt der Freundin als Einlage sehr -plausibel zu machen wußte.</p> - -<p>Nachdem man, unter Assistenz der Mutter, ein paar -Stunden lang erwogen, debattirt und sich verständigt -hatte, konnte man sich rühmen, einen Plan zu besitzen, -den man für höchst versprechend halten mußte. Heinrich -war voller Freude. Das Thema begann vor seiner -Seele zu leuchten, und er sehnte sich innig nach der -Gestaltung.</p> - -<p>Eines erschien ihm daran besonders reizend. Die -Heldin, die im Plan Rosas Antonie hieß, zeigte eine -nicht zu verkennende Aehnlichkeit mit Auguste. Wie -diese mußte er Antonie sich vorstellen, und gleich Antonie -würde Auguste gehandelt haben, wenn sie durch -Schickungen in dieselbe Lage gekommen wäre. Eine -Freundin dagegen war in einer Weise gedacht, daß er -bei Zeichnung des Bildes mit Glück Züge von Rosa -selber verwenden konnte, unter welcher Voraussetzung er -einen sehr anmuthigen Charakter zu schaffen gewiß war. -— Welche Lust nun, in Ausführung dieser Gestalten -seiner Zärtlichkeit als Liebender und Freund zu gleicher -Zeit genügen, die Geliebte verherrlichen, der edeln -Freundin aber eine Rolle schreiben zu können, worin -sie den Lohn des reichsten, beglückendsten Beifalls ernten -mußte!</p> - -<p>Dieser Gedanke entzückte ihn so sehr, daß er dem -lieben Mädchen zum Abschied mit einer Herzlichkeit und -Innigkeit in’s Auge sah und die Hand drückte, daß -seine Haltung von der eines Liebenden kaum mehr zu -unterscheiden war. Hätte sie bei der wohlwollenden -Ueberlassung an Lohn gedacht, in diesem Moment erhielt -sie ihn.</p> - -<p>„Das muß gelingen!“ rief der Poet noch mit -frohem Pathos. „Ich werde das Meinige — das Meinigste -thun, Sie werden helfen, verbessern, zurechtweisen -— und mit einander werden wir ein Werk hervorbringen, -das dem Publikum Thränen entlocken und -es zu begeistertem Dank hinreißen soll! Adieu für jetzt! -In acht Tagen sehen Sie den ersten Akt!“</p> - -<p>Mit strahlenden Blicken empfahl er sich, um selbstbewußt -und stattlich seiner Wohnung zuzuwandern.</p> - -<p>Er war voller Zuversicht, er anticipirte den Sieg, -und hatte doch das Gefühl, daß er dadurch nicht die -Nemesis reizte. Der Erfolg lag dießmal in der Sache. -Charaktere, Beziehungen, Conflict und Lösung, Alles -war natürlich, menschlich ansprechend und befriedigend. -Die ehrenwerthen Personen hatten so viel Schwäche, -daß man an ihre Tugend glaubte und sich ihrer freute, -die andern so viel Gutes, daß man ihr Vergehen begriff -und ertrug. In dichterischer Ausführung konnte -er für alle interessiren, und der Schluß mußte nothwendig -beglückend, erhebend wirken. Die Lebenswahrheit, -die freundliche Mäßigung und die labende Frische -der Natur, das war es, was dem neuen Gemälde die -Herzen gewinnen mußte. Er stellte sich’s recht lebhaft -vor und erquickte sich innig an diesen Eigenschaften.</p> - -<p>Auf einmal zuckte er, wie erschreckt. Eine peinliche -Empfindung malte sich auf seinen Zügen und das schöne -Roth der Freude wandelte sich in das düsterdunkle der -Scham. Er hatte an seine Tragödie gedacht, mit dem -klaren Blick des Moments die Gestalten derselben prüfend -überschaut: und wie durch einen Zauberschlag war -der täuschende Flor gefallen, durch den er sie bis jetzt -gesehen; sie standen vor ihm in all ihrer Einseitigkeit, -Unnatur, Uebertreibung, und Qualgefühle gingen durch -sein Inneres.</p> - -<p>So vollzieht sich der Fortschritt in gewissen Naturen. -Man denkt Ideale, prägt sie mit Lust aus und sieht -die Bilder mit aller Liebe und Freude des Schöpfers. -Der untersuchende Verstand Anderer entdeckt die Gebrechen -daran und hebt sie hervor; man ist dagegen gewaffnet. -Das Mißurtheil hat Mangel an Auffassung -oder böser Wille gefällt; es wäre Thorheit, ja Verrath, -sich ihm zu unterwerfen! — Neue, schärfere Angriffe -rütteln an dem Werk und dringen schmerzend in das -Herz des Urhebers. Die Stimme der Freundschaft spricht -das Wort der Rüge und wirkt Bedenken, Zweifel. -Zweifel! Das Herz wird beunruhigt, aber noch lebt in -ihm die Hoffnung. Da sieht der Geist in reiner Gestalt -das Aechte, Gute, wenn auch bescheiden Gute; er ist -genöthigt, es als Maßstab anzulegen an die so hochgehaltenen -Gebilde; und wie in der Sage Zauberinnen, -welche durch eine magische Zierrath als Musterbilder -der Schönheit die Sinne bestrickten, nach Hinwegnahme -derselben plötzlich durch eben so große Häßlichkeit -erschrecken, so grinst den Unglücklichen die Kehrseite des -Bildes in aller Grellheit an; er sieht, im Innersten -verwirrt, nur die Ungestalt und diese noch übertrieben, -er gesellt sich zu den Feinden seines Produkts und tobt -gegen sich selber.</p> - -<p>Noch vor einer Stunde hatte die Freundin die Personen -ihres Entwurfs mit Seitenblicken auf die Figuren -der abgewiesenen Tragödie charakterisirt und den Autor -an diesen den Mangel an Natur und Wahrheit fühlen -lassen. Aber dadurch wurde er noch nicht besiegt. Die -Schauspielfiguren hatten vor jenen Idealen allerdings -etwas voraus, aber diese noch mehr vor jenen; beide -hatten ihren Werth, ihre Schönheit, ihre Sphäre des -Wirkens. Jetzt aber, nachdem es ihm wie Schuppen -vom Auge gefallen, wurde er selbst Richter, um nicht -zu sagen Rächer; die Angriffe der Andern, die er früher -abgewiesen, verbanden sich mit ihm und drangen mit -ihm vereint gegen das Werk an, und es ging in -Trümmer.</p> - -<p>Es war ein sehr schmerzliches Gefühl, das völlige -Aufgebenmüssen einer so unendlich geliebten und unwillkürlich -bewunderten Schöpfung! Die Selbstverdammung -gab dem Urheber eine Art Genugthuung, verlief -sich aber in tiefe Oede des Herzens, und die Verzweiflung -begann ihre schwarzen Fittige wieder um sein Haupt -zu schlagen.</p> - -<p>Doch jetzt konnte sie ihn wohl anfallen, nicht bezwingen. -Gottlob! gottlob! sein Werk lag zu Boden, -er selber stand! Der Ersatz für den schmerzlichen Verlust -war gegeben, er täuschte sich nicht. Die neue Dichtung -mußte gelingen und ihm halten, was er sich von jener -allzuhoch gespannten nur trügerisch versprochen hatte. -War es doch auch eine schlichte Aufgabe, die er ergriff, -der er sich fügte! Uebte er doch in der That, wenn er -ihr sich hingab, die Tugend der Selbstbezwingung und -Selbstbescheidung! Er hatte durch die Sirenenstimme der -Einbildung sich verlocken lassen zur Selbstüberschätzung, -Selbstüberhebung. Aber er war vollauf gestraft, er -erkannte sein Unrecht, er wollte das Bessere — und nun -mußte es ihm auch gelingen.</p> - -<p>Die neue Arbeit stand vor ihm in täuschungsloser -Klarheit. Denn freilich seit Langem kannte er die Aufgabe -der Dichtung: die Natur zu verklären, die Menschen -aufzufassen, wie sie sind, und sie mit ihren wirklichen -Eigenschaften zu idealisiren. Wie oft hatte er -sich das gesagt! Auch geschrieben hatte er’s und drucken -lassen für Andere! Dennoch ließ er sich auf einen Irrweg -verlocken, weil ihn eben der Wahn blendete, in -reinen Musterbildern des Guten und Bösen, deren -jedes leidenschaftlich und in diesem Sinn auch lebensvoll -nach seinem Ziele ging, das überschwänglich Poetische -zu leisten. Nun aber, nachdem er den Wahn als -Wahn erkannt, war ihm jenes natürliche Ideal der -Dichtung nicht mehr bloßer Gedanke, sondern historisch -erprobte, durch Erfahrung bestätigte Wahrheit. Nun -hatte er’s im Wollen, und nun mußte er’s auch haben -im Vollbringen!</p> - -<p>Unter diesen Gedanken war er nach Hause gekommen. -Er trat in seine Stube als ein verwandelter -Mensch: gedemüthigt, aber auch wieder erhoben und -festen, freudigen Sinnes. Auf dem Tisch lag ein -Schreiben: es war von Auguste. Der Liebende erbrach -es mit dem Vorgefühl, daß es herzlich Gewünschtes -bringen werde — und er täuschte sich nicht. Das -Schreiben lautete:</p> - -<p>„Mit dem größten Leidwesen, mein lieber, guter -Heinrich, hab’ ich deine letzte Meldung gelesen. Ist es -denn möglich? Eine Dichtung, die uns Alle begeisterte, -von der wir noch lange nachher mit Bewunderung gesprochen -haben, sie soll nicht einmal der Aufführung -werth seyn? Man schickt sie dir wieder zurück, als wäre -sie ein schlechtes Machwerk! O wie unendlich bedaure -ich dich! Ich kann an meiner eigenen Entrüstung abnehmen, -wie groß die deine gewesen ist, und bewundere -jetzt deine Fassung und deinen neuen Muth. Das Genie -und die Liebe und der Fleiß, den du auf diese Dichtung -gewendet hast, Alles soll vergebens gewesen seyn? -Bist du denn nicht verzweifelt?</p> - -<p>„Ich muß mir dein poetisches Talent recht vergegenwärtigen -und lebhaft daran denken, daß man eben so -eigene und ungewöhnliche Zwecke, wie du sie hast, in -dieser Welt nicht auf den ersten Anlauf erreicht, wenn -ich nicht selbst verzweifeln soll. Wie schwierig ist es -— ich hab’ es ja von dir gehört und mit dir erlebt! -— ein dramatisches Werk zu schreiben! Damit ist aber -noch nichts gethan. Nun soll es die Prüfung bestehen -von Menschen, die vielleicht gar nicht gerecht urtheilen -mögen, und wenn es diese bestanden hat, dann soll es -auf der Bühne nach dem Geschmack des Publikums seyn, -den man nicht berechnen kann. Welche Gefahren, -welche Sorgen liegen auf diesem Weg! Ja wahrlich, -die Ehren und das Glück, die man im günstigen Fall -gewinnt, dürfen sehr groß seyn, wenn sie diese Anstrengungen -und Aufregungen irgend belohnen sollen!</p> - -<p>„Stelle ich mir dein Talent, deine Begeisterung und -deine Ausdauer vor, dann glaube ich, trotz allem, doch -wieder an dich und hoffe auf’s neue. Gib dir nur -Mühe, in deinem zweiten Werk die Fehler zu vermeiden, -die man am ersten getadelt hat. Mache Bekanntschaft -mit Schauspielern und mit Dichtern, die schon -effektvolle Werke geschrieben haben, und laß dir von -ihnen rathen. Richte dich nach der jetzigen Stimmung -des Publikums, die du im Theater studiren kannst, -und trachte in deinem Stück nach Scenen, die du am -meisten auf die Herzen wirken siehst. Wenn du das -alles recht beobachtest, dann wirst du mit deinem Talent -ganz gewiß durchdringen.</p> - -<p>„Den Eltern dein Mißgeschick recht vorzustellen, ist -mir sehr schwer geworden. Bei ihrem großen Vertrauen -auf dich wollten sie die Nachricht zuerst gar nicht glauben. -Als ich nun die Stellen aus deinem Schreiben -vorlas, wurden sie verstimmt, verlegen, und dem Vater -entschlüpfte das Wort: es ist doch ein unsicheres Handwerk! -Ich nahm mich aber deiner an, und mein herzlicher -Eifer gab mir Gedanken und Gründe für deine -Bestrebungen ein, daß sie mir zuletzt nichts mehr entgegnen -konnten. Aber das rechte Vertrauen ist noch -nicht wiedergekehrt.</p> - -<p>„Ein übles Nachspiel gab’s, als die Zeitung eintraf, -die deine Abweisung so hämisch bekannt gemacht hat. -Auf die Fragen zu antworten, die man jetzt von allen -Seiten an mich richtete, ist mir auch gar nicht leicht -und angenehm gewesen; ich hab’ es aber in meiner -Liebe zu dir gethan, so gut ich konnte. Die Einen sprachen -ihr herzliches Bedauern aus, und darunter der brave -Rektor, der mir sagte, dein Brief sey ihm Bürge, daß -es dir mit dem nächsten Versuch um so besser glücken -werde. Andere konnten aber ihre Schadenfreude nicht -zurückhalten und ihre Reden wurden durch ihre Mienen -so auffallend Lügen gestraft, daß ich mich über beide -sehr geärgert habe. Ich bin den Menschen förmlich böse -geworden.</p> - -<p>„Diese Nachrichten, mein lieber Heinrich, sollen dich -nicht entmuthigen, sondern vielmehr anfeuern. Biete -jetzt nur alle deine Kräfte auf und erfreue mich bald -mit einer guten Nachricht, die den Glauben der Eltern -stärken und die bösen Zungen, die bereits über dich zischeln, -verstummen machen kann. Vertraue auf meine -unwandelbare innige Theilnahme an Allem, was du -unternimmst; schreibe mir Alles, was dir irgend Bedeutendes -widerfährt! Ich weiß, daß du zur Vollendung -des neuen Werkes noch eine gute Zeit brauchen wirst, -und harre in Hoffnung; aber dann melde mir endlich -einen Erfolg, der Alles wieder gut macht und die treuesten -deiner Freunde am glücklichsten!“</p> - -<p>Die eben so klare und verständige wie herzliche Erwiederung -erfreute und erhob den Liebenden im Innersten, -und muthig blickte sein Auge, als er die letzten Zeilen -gelesen. Ein Erfolg, ein naher, gewisser Erfolg war gefordert, -aber jetzt, Gott sey Dank, auch sicher! Das Geschenk -eines unfehlbar zum Gelingen führenden Entwurfs -war eine Fügung, berechnet auf das dringende Bedürfniß -seiner Lage. Hülfe in der Noth, doppelt und dreifach -willkommen! Er fühlte das wunderbare Zusammentreffen -mit tiefem Dank gegen die Vorsehung und gegen die liebe -Freundin, die ihr sichtlich als Werkzeug gedient hatte.</p> - -<p>Am andern Morgen griff er die Arbeit an und die -ersten Scenen gelangen ihm nach seinem Gefühl munter, -frisch — um nicht zu sagen keck. Als er zu Tische -ging, begegnete er Willmann. In der Freude seines -Herzens trat er auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und -theilte ihm unter dem Siegel der Verschwiegenheit seinen -Fund, seine Hoffnung mit. Der Doctor war ernstlich -erfreut. Mit einem Blick, der einen fast zärtlich schelmischen -Glanz hatte, rief er: „Also bekehrt! Einer von -den Unsern! — So rasch ist der Plan —“ Er hielt -inne, schüttelte ihm die Hand und setzte hinzu: „Nehmen -Sie meinen herzlichen Glückwunsch! Jetzt sind Sie im -rechten Fahrwasser! Vorwärts mit dem Genius des -Jahrhunderts, und <i lang="fr" xml:lang="fr">vogue la galère</i>!“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>VI.</h3> -</div> - -<p>Der Kampf des Realismus mit dem Idealismus, -der hauptsächlich unsere Epoche bezeichnet und auf allen -Gebieten mit wechselndem Glücke geführt wird, mußte -nothwendig auch in der Sphäre der Dichtung hervortreten. -Daß ein Streit so berechtigter Gegensätze am -Ende nur zur Ausgleichung führen kann, braucht sinnigen -Lesern wohl nicht mehr gesagt zu werden. Aber -wie soll diese erfolgen? Durch die leidenschaftlichen Vertreter -der Gegensätze, welche sich, „des langen Haders -müde,“ zuletzt die Hand reichen werden? Schwerlich. -Der Kampf wird dazu dienen, die Akten spruchreif zu -machen; aber die gedeihende Harmonie wird das Werk -seyn derjenigen Geister, die, zu beiden Richtungen begabt, -den Streit in sich selber durchkämpfen und der -Ausgleichung fähig werden in der gerecht unterscheidenden, -gerecht urtheilenden Liebe zu beiden. Sie, denen -der Sieg gelingt im Kleinen, können das Vorbild liefern -und Zusammenwirken für den Sieg im Großen, -der sich, wenn es Gott gefällt, nach und nach wird erstreiten -lassen.</p> - -<p>Zu den Geistern solch doppelter Begabung gehörte -in gewissem Sinn auch den Dichter, dessen Schicksale -hier dargestellt werden sollen. Er hatte ein Auge für -die wirkliche Welt, er lebte und liebte in ihr, er fühlte -die Poesie des Lebens und suchte sie auszusprechen in -verschiedenen dichterischen Formen. Aber zugleich folgte -er einem unwiderstehlichen Hang zu idealen Gebilden -der Phantasie, und glaubte in ihnen eben das Größte, -das Erhabenste leisten zu können. Im Schwunge des -idealisirenden Geistes ging er über die Wirklichkeit hinaus, -und sogar ihre Poesie stand vor ihm in kleinem, -unscheinbarem Licht. Seinen Hauptberuf erblickte er -jenseits der Schranken des Irdischen, und auf ihn -warf er sich daher mit aller Leidenschaft muthiger -Jugend.</p> - -<p>Der erste durchgeführte Flug hatte sich ihm indeß -übel gelohnt. Gleich Phaeton war er herabgestürzt aus -den himmlischen Höhen: gewaltig erschüttert, aber glücklicherweise -doch nicht zerschmettert und kein tragisches -Opfer der Unternehmung. Sich wieder erhebend sah -er sich auf der Erde und fand, unter freundlicher Aufmunterung, -daß sie lieblich anzuschauen war und ihm -anspruchlosere, aber erreichbare Schönheit zum Ersatze -bot. Dankbaren Sinnes erblickte er diese im besten -Licht und freute sich über Alles, nachdem ihm das -Große nicht gelungen war, um so besser das traulich -ansprechende Kleinere zu leisten.</p> - -<p>Im Grunde: was ist Poesie? Das durch den liebenden -Geist verklärte Leben. Der Geist kann alles verklären, -was er liebt; nicht nur das Große, sondern -auch das Kleine, das auch erlöst seyn will von den -Banden der Prosa, und wie die Geschichte aller Künste -zeigt, auch erlöst werden sollte und soll. Die Malerei -hat Götter und Heroen dargestellt, aber auch den Schmetterling, -den Käfer und den Apfel wiederzugeben nicht -verschmäht. Und wer, der sich ein offenes Herz bewahrt -hat, wird sich nicht auch solcher Abbildungen freuen, -wenn sie nämlich gelungen sind!</p> - -<p>Gedanken dieser Art gingen durch den Kopf des -Poeten, als er sein Drama weiter führte. Seine Liebe -zu dem Stoff hielt aus und gewann, indem sie ruhiger -wurde, vielmehr an Innigkeit. Allerdings kam zuweilen -mitten in der Freude über die gelingenden Figuren ein -Schamgefühl über ihn, wenn er der Vornehmheit gedachte, -womit er auf solche Arbeiten früher herabgesehen -hatte. Er büßte die Ueberhebung, die ihm so schlimm -bekommen war, nachträglich noch wiederholt, fühlte -aber auch, daß die Buße heilsam war für ihn und seine -Arbeit.</p> - -<p>Als er den ersten Akt zu Ende gebracht hatte (er -brauchte denn doch länger dazu, als acht Tage), begab -er sich zu den Freundinnen. Unter guten Erwartungen -las er ihnen die Reinschrift vor und wurde, hinsichtlich -des Ganzen, mit herzlicher Beistimmung erfreut. Im -Einzelnen hatten beide zu tadeln; die Ausstellungen -gründeten sich aber auf Erfahrung und natürlichen -Takt, wurden ihm einleuchtend gemacht, und er änderte -mit Vergnügen. Hatte er doch schon selbst über sich zu -Gerichte gesessen und sich vielfach die Lust des Verbesserns -gegönnt. Jetzt setzte er’s nur fort und freute sich -der wachsenden Reinheit.</p> - -<p>Nachdem er den letzten Einwand auf kurzes Bedenken -hin als richtig zugestanden hatte, sah ihn Rosa lächelnd -an und sagte: „Mein lieber Freund, Sie haben einen -guten Fortschritt gemacht. Sollte man nicht glauben, -der Tadel wäre Ihnen jetzt lieb? Statt daß Sie empfindlich -werden und Ihre Lesart heftig vertheidigen, -erkennen Sie die unsere an und lassen sie gelten. Das -ist ein Zug, der bei deutschen Dramatikern nicht sehr -häufig vorkommen soll.“</p> - -<p>„Mir,“ entgegnete Heinrich mit Heiterkeit, „hat ihn -auch erst ein Kraftmittel beigebracht. Jetzt freilich gehört -er zu mir und ich gedenke ihn zu behalten.“ — -„Immer zu!“ rief die Mutter lächelnd. — „Im Grunde,“ -fuhr der Poet fort, „kommt es auch hier nur darauf -an, was man eigentlich will: die Sache, die Kunst, -oder sich selber. Wer die Kunst will, der hat ein Ideal -der Vollendung vor Augen, und er ruht nicht, bis sein -Werk diesem so nahe als möglich kommt. Wer <em class="gesperrt">sich</em> -will, der gibt etwas von sich und hält es für das realisirte -Ideal, weil es von ihm ist. Natürlich wird so -Einem der Widerspruch als persönliche Beleidigung erscheinen, -während er jenem, als zur Verbesserung der -Sache dienend, lieb und willkommen ist.“</p> - -<p>„Weislich erklärt,“ entgegnete Rosa mit Lächeln. -„Nun, unsern Widerspruch können Sie schon gelten lassen; -er kommt weder aus einem tadelsüchtigen noch frivolen -Gemüth und hat nichts als die Schönheit Ihres -Werkes im Sinn.“ — „Das weiß ich,“ erwiederte Heinrich, -„und darum hör’ ich ihn mit Freuden und bitte -um die Fortsetzung.“</p> - -<p>Wir können nicht gemeint seyn, den Poeten in seiner -Thätigkeit und seinem Verkehr mit den beiden Frauen -Schritt für Schritt zu begleiten. Er arbeitete stetig -jeden Tag, und wenn das Drama langsam vorrückte, -weil nach und nach die Schwierigkeiten mehr hervortraten -und wiederholte Versuche nöthig machten, so -wuchs es doch und nährte die Begierde des Autors zum -Weitergang.</p> - -<p>Die fertigen Partien (auch kleinere, wenn sie an sich -bedeutend oder gewagt erschienen) las er an freien Abenden -den Damen vor, hörte Lob und Tadel und änderte -nach gewonnener Ueberzeugung Einzelnheiten und ganze -Scenen. Für einen theilnehmenden Beobachter wäre es -interessant gewesen, zu sehen, wie Dichter und Schauspielerin -dabei sich ergänzten. Heinrich strebte nach Gehalt, -Geist, höherem Ausdruck, und vielfach gerieth es -ihm damit. Nicht selten wurde der Dialog aber zu -schwer, zu gefüllt, oder gewann einen verstiegenen Charakter; -und so wurde er von Rosa bekämpft, bis der -Poet sich fügte. Die Künstlerin hatte vorzugsweise den -Effekt im Auge, drängte in diesem Sinn die rührenden -Scenen auszubeuten und besonders drastische Abgänge -herzustellen. Hier überschritt sie aber ein paarmal -die Linie, schlug Reden vor, die sich nicht natürlich -aus der Situation ergaben, und mußte sich von -dem Dichter widerlegt sehen, dem die poetische Wahrheit -über alles ging. Wenn die Forderungen der Wahrheit -und der Wirkung einander entgegen traten, ging -es nicht ohne Conflikt ab; allein man vereinigte sich -wieder, indem von beiden Seiten eingeräumt wurde, -daß in einem Bühnenstück eben die Wahrheit wirkungsvoll -seyn müsse, und Heinrich, wenn er die unmittelbaren -Forderungen Rosas ablehnte, folgte ihr doch in -sofern, als er dann für naturgemäße Kraftentwicklung -Sorge trug.</p> - -<p>Im Ganzen bewies unser Poet, daß er das menschliche -Herz im Guten und Schlimmen, so wie die Leiden -und Freuden der bürgerlichen Sphäre gar wohl kannte -und über fein abgelauschte Züge des realen Lebens -zu gebieten wußte. Er erprobte sich als Poeten, indem -er wirkliche, lebendige Menschen zeichnete, die -in natürlicher Entfaltung ihres Innern Sympathie zu -gewinnen vermochten. Das wurde den Freundinnen -immer deutlicher, und Rosa empfand darüber das reinste -Vergnügen.</p> - -<p>Der Verkehr der drei Leute hatte etwas so ungezwungen -Trauliches und unter Umständen Heiteres, daß -ein Besucher, auf den ersten Blick hin, sich gesagt hätte, -die sind glücklich und machen sich glücklich. In der -That unterhält nichts anziehender und schöner, als -gleiches Interesse bei einem gemeinsamen Unternehmen. -Rosa konnte das Drama so gut ansprechen wie Heinrich, -und jedenfalls lag ihr das Gelingen um nichts -weniger am Herzen, als ihm. Ihr schönes braunes -Auge glänzte Genugthuung, wenn sie etwas für gut -erklären mußte, besonders wenn dieß nach einer zweiten -Bearbeitung der Fall war, die sie gefordert hatte. Da -rühmte sie den Autor, daß er ihren Rath befolgt, es -gleich so richtig getroffen und sich dadurch als wahren -Dichter bewiesen habe, so warm, so froh, daß er beglückt -lächelte und auch über das Gesicht der Mutter -ein Schein der Freude ging.</p> - -<p>Die jungen Leute erschienen zuweilen fast wie Verlobte, -die es schon längere Zeit waren und darum in -ruhiger Freundlichkeit sich gefielen. Bei näherer Betrachtung -zeigte sich freilich, daß der Poet an der Liebenswürdigkeit -des Mädchens sein Vergnügen hatte und -sich unwillkürlich dem Reiz ihres Umgangs hingab, aber -doch nur in Gefühlen der Freundschaft sich bewegte, -während aus ihrem Auge zuweilen Blicke kamen, die -ihre tiefe Leidenschaft verriethen — ein süß und schmerzlich -erregtes inneres Leben, das nur durch Willenskraft -verschlossen gehalten wurde.</p> - -<p>Man fragt vielleicht, wie es möglich war, daß der -junge Mann diesen Zustand ihrer Seele nicht endlich doch -erkannte und nun mit sich zu Rathe ging über das -unter solchen Verhältnissen ihm gebotene Benehmen? -Daran war aber theils die Naivetät, die recht eigentlich -unschuldige Natur Heinrichs, theils die Kunst des Mädchens -Schuld, die sich selbst so sehr in der Gewalt hatte, -daß sie den Ausdruck einer tieferen Empfindung rasch -wieder in Scherz verkehren und damit auslöschen konnte. -Ihr zärtlicher Antheil an ihm und seinem Vorhaben -entging Heinrich freilich nicht; allein er nahm ihn für -den Beweis einer Freundschaft, die auch er gegen sie -empfand, für die natürliche Sympathie der Künstlerin -mit dem Dichter, und endlich — warum nicht? — für -den Ausdruck eines Wohlgefallens an seiner Person, das -er ebenfalls reichlich wieder vergalt. Wußte sie doch, -daß er verlobt war und an der Geliebten mit unverbrüchlicher -Treue hing; wie hätte er denken sollen, daß -sie eine Glut in ihrem Herzen nährte, die nur in -Auguste gerechtfertigt war? Ihm blieb daher die Geliebte -die Geliebte, die Freundin die Freundin, und darum -genoß von den dreien nur er allein eines reinen, -ungetrübten Glücks.</p> - -<p>Die Wirklichkeit hatte auch dießmal rücksichtslos ihren -eigenen Weg genommen. Der dramatische Dichter und -die feinsinnige, reizende Künstlerin schienen für einander -geboren. Aber während sie ihn liebte und in dieses -Gefühl sich immer mehr vertiefte, hing er nicht nur mit -leidenschaftlicher Innigkeit an der Jugendgeliebten, sondern -umgab sie, die Schöne, nur um so eifriger mit -den Zaubern einer verschönernden Einbildungskraft. Sie -war ihm die edle, die hohe Gestalt, die Königin seiner -Gedanken, zu der emporzustreben ihn mit der süßesten Lust -erfüllte. Alle Eigenschaften an ihr waren liebenswerth -über Alles, und sie endlich sein zu nennen und sie -mit allen an’s Herz zu drücken, eine nicht zu fassende -Wonne. Die schöpferische Phantasie, die große Künstlerin, -durchleuchtete das Bild und ließ es in Farben -erglänzen, daß neben ihnen auch die lieblichsten wirklichen -ihr Licht verlieren mußten. Wenn die Freundin -sich um ihn verdient machte und ihm zur Erreichung -seines Zweckes half, so erwiederte er dieß mit herzlichem -Dank. Aber den Zweck wollte er nur erreichen, um die -Erwählte durch seinen Triumph zu erfreuen und triumphirend -heimzuführen.</p> - -<p>Rosa, wie resignirt sie war und wie sehr ihr liebendes -Gemüth schon durch den großmüthigen Beistand -sich beglückt fühlte, hatte doch eine schmerzlich bittere -Empfindung, als diese Gesinnung Heinrichs einmal so -recht offen hervortrat. Sie kämpfte dagegen, hielt sie -nieder, und es gelang ihr so sehr, daß sie sich mit -ihm an der Vorstellung seines endlichen Glückes selber -zu weiden schien. Dadurch wurde aber Heinrich nur um -so sicherer gemacht, und wenn er erst noch eine gewisse -Scheu gefühlt hatte, die Geliebte vor der Freundin zu -preisen und der Freude seines Herzens Worte zu geben, -so folgte er jetzt dem Drange desselben um so rückhaltloser, -weil er dadurch der Theilnehmenden selber Freude -zu machen glaubte.</p> - -<p>Mit all ihren Fähigkeiten, sich über sich selber zu -erheben, wurde Rosa jetzt doch auf harte Proben gestellt. -Ein Liebender findet so viele Gelegenheit, von -der Geliebten zu reden! Eine allgemeine Frage nach ihr -gibt ihm Anlaß zu ausführlichem Bericht, wobei er weit -mehr sein eigenes Bedürfniß, als das der Hörer zu -Rathe zieht. Eine Erkundigung nach einem Bezug, der -nur ihn selber betrifft, läßt ihn in die Antwort einflechten, -was <em class="gesperrt">sie</em> vorher oder nachher, in oft sehr entferntem -Zusammenhange, gesagt oder gethan hat u. s. w. -Heinrich, um der bewiesenen Theilnahme durch eben so -großes Vertrauen entgegen zu kommen, theilte die -schönsten Stellen aus den Briefen mit, die er von -Auguste erhielt; er las Gedichte vor, die er ihr gelegentlich -zum Ruhme sang, und gab dazu Commentare, -die oft noch viel poetischer waren als die Gedichte -selbst. Wenn man bedenkt, daß Rosa dem allem gegenüber -die einmal angenommene Haltung zu bewahren -hatte, so ahnt man, was sie dabei litt.</p> - -<p>Ein eigenes Gefühl regte die dramatische Arbeit selber -in ihr an. Der Poet hatte den Gedanken, in den -beiden Mädchengestalten sowohl die Geliebte als die -Freundin zu schildern, gewissenhaft ausgeführt; und es -begreift sich, daß im Vergleich zur ersten die zweite Figur -in all ihrer Artigkeit als Mond neben der Sonne -und recht eigentlich secundär erschien. Die Künstlerin -hielt bei der ersten Wahrnehmung mit Mühe ihren -Unmuth zurück, um erst in der Einsamkeit ihr Herz zu -entlasten. Sie war nicht nur persönlich gekränkt, sondern -auch ästhetisch verletzt. Denn eben jene erste Figur -drückte sich in der Arbeit zu hoch und zu kostbar -aus, so daß es den Effekt des Ganzen nothwendig beeinträchtigen -mußte. Rosa, nachdem sie mit sich zu -Rathe gegangen, trat den Uebertreibungen in diesem -Bilde so geschickt als möglich entgegen, mußte aber doch -länger kämpfen, indem der Poet endlich nur nachgab, -als sie ihm bewies, daß eine natürlichere und ruhigere -Sprache die Liebhaberin auch herzgewinnender erscheinen -ließe. Bei der andern Gestalt hatte sie dagegen Vorschläge -zu machen zu besserer Ausstattung an Gemüth -und an Witz. Sie zeigte indeß klar, daß auch dieß im -Interesse der Dichtung sey, und der Poet, hier innerlich -erheitert, gehorchte.</p> - -<p>Wenn die muthige Führerin nun Leid und Mühe -genug hatte, so war ihr doch auch ein Ersatz geboten. -Ihre Mühe trug Früchte. Unter ihrer Beihülfe gedieh -das Werk und klärte und bildete sich der Autor selber. -Drang er durch zum vollen Gebrauch seines Talents, -erreichte er schon etwas mit dem ersten Werk, so konnte -sie sich sagen, daß sie Miturheberin, ja eigentliche Stifterin -seines Glückes war. Er selbst war gewissermaßen -ihr Werk, der von ihr Gelenkte, Beschenkte, und sie -hatte ihm gegenüber das Gefühl des Künstlers vor einer -gedeihenden Schöpfung. Freilich, ihre Natur war nicht -zu bloßer Geduldübung geschaffen, und ihr weibliches -Herz forderte seine Rechte. Eben nach längerer Zurückhaltung, -in der Müdigkeit, welche stete Selbstüberwindung -zu hinterlassen pflegt, brachen ihre Gefühle -nur um so gewaltsamer hervor, um sie schmerzlich zu -erschüttern.</p> - -<p>Einmal, nach einem eben so arglosen wie groben -Rückfall Heinrichs in die Ausschließlichkeit der Leidenschaft, -stellte sich ihr in der Einsamkeit sein Benehmen -vor die Seele und ein wahrer Unwille erstand in ihr. -Sie sah ihn in den Widersprüchen seiner Natur, in -seinen anziehenden und abstoßenden Eigenschaften, und -diese letzteren erschienen ihr in grellem Licht. Da sie -sich nun doch zu ihm hingezogen fühlte, so war sie -entrüstet über sich selber, klagte sich an und empfand -diese Bekanntschaft als ein unseliges Verhängniß. Eine -Frage erhob sich in ihr, deren Erwägung ihr Qualen -verursachte. War es die Verlobte werth, daß sie ihr -weichen mußte? Die Stellen, die Heinrich aus ihren -Briefen mitgetheilt, hatten ihr keinen so guten Begriff -beigebracht, daß sie den Lobeserhebungen des Liebenden -hätte Glauben schenken können. Der Gedanke stellte -sich ihr dar, daß dieser auch hier sich täuschen und da, -wo er einen Engel erwartete, nur ein gewöhnliches -Weib finden könnte, die sich seinem poetischen Wollen -und Streben vielmehr entgegen setzte. Sie fühlte, daß -sie, die Künstlerin, ihn fördern, ergänzen, glücklich -machen könnte. Sie dachte sich, wie schön und fröhlich -sie mit einander zu leben, wie reizend sie ihre zusammenstimmenden -Berufe zu treiben vermöchten, und ein -Schmerz, eine förmliche Indignation durchdrang sie, -daß die Welt und das Geschick es anders beschlossen, -daß das eben so Schöne, wie Vernünftige nicht seyn -sollte. Sonderbar! Die Möglichkeit trat vor ihre Seele, -ihn trotz allem durch ein anderes Benehmen gegen ihn -zu gewinnen, mit der Abwesenden zu kämpfen und — -zu siegen. Aber sie verwarf den Gedanken, wie er gekommen -war. „Nein,“ rief sie, nicht ohne das Pathos -des Stolzes, „ich will keinen Mann erobern, der mich -nicht liebend sucht! Eben weil ich eine Schauspielerin -bin, darf ich nicht thun, was bei den ehrsamen Müttern -und Töchtern der guten Gesellschaft Regel ist. -Sie soll ihn haben — und ich, ich werde mich trösten!“</p> - -<p>Nicht immer gelang es ihr, über ihr Leid auf diese -Art sich endlich zu erheben. Zuweilen versank sie in -stille, tiefe Trauer und erschien wie krank, wofür sie -sich dann auch ausgab. Einmal ging ihr eine Aeußerung -des Poeten über das Glück, dem er entgegen sah, -so zu Herzen, daß sie in ihrem Stübchen vor Zorn -weinte und unter reichlich fließenden Thränen ihr Geschick -verklagte, das sie mit diesem Manne belastet und -den Frieden ihres Herzens durch eine sinnlose Leidenschaft -vergiftet habe.</p> - -<p>Der Mutter konnte solche schmerzvolle Aufregung -nicht immer verborgen bleiben. Sie schüttelte den Kopf -und warf auf die Tochter Blicke, die, ihr Innerstes -durchdringend, sie erröthen machten. An einem Abend, -wo sie ihr besonders niedergedrückt erschien, fragte sie, -was ihr sey, und das Mädchen sprach ihren Verdruß -darüber aus, eine Rolle nicht erhalten zu haben, die -ihr zukäme und auf die sie sich schon lange gefreut -habe. Die Züge der Mutter wurden ernst, vorwurfsvoll, -und sie rief: „Geh, und mach mir nichts weis! -Du hängst an diesem Menschen und verstrickst dich immer -tiefer in deine unselige Leidenschaft! Das Stück, -das ihr mit einander ausarbeitet, ist dein Unglück, -und ich erkläre mir nun die fatale Empfindung, die ich -hatte, als du es an ihn abtratest. Je mehr er dich -kränkt, desto mehr liebst du ihn. Deine Gedanken kommen -nicht von ihm los, du sorgst und arbeitest für -ihn, und dein Lohn ist Herzeleid!“</p> - -<p>Rosa hatte sich während dieser Rede gefaßt. „Du -übertreibst, liebe Mutter,“ entgegnete sie mit der Ueberlegenheit -einer Seele, die an ihrem Loos trotz allem -festhält. „Wenn du aber auch Recht hättest, was thät’ -es? Ein bischen unglückliche Liebe schadet nicht, am -wenigsten einer Schauspielerin. Man macht damit neue -Erfahrungen, neue Sphären menschlicher Gefühle schließen -sich auf, und man spielt besser. Ja, ja,“ fuhr sie mit -einem Blick auf die achselzuckende Mutter fort, „für mich -insbesondere ist dieses Unglück ein wahres Glück. Ich -habe mich bis jetzt offenbar zu einseitig auf die muntere -Seite gelegt, und das geht wohl eine Zeit lang, wird -aber nach und nach langweilig und schädlich. Das Herzeleid -führt in die Tiefe, macht uns ganz — allerdings, -liebe Mutter! — und wir gelangen zur wahren künstlerischen -Ausbildung.“</p> - -<p>Die Frau, mit einem Zug des Tadels um den -Mund, hatte den Kopf geschüttelt. „Du rufst den -Humor zu Hülfe!“ entgegnete sie. „Wird er immer -vorhalten?“ — „Es ist mein Ernst,“ versetzte Rosa mit -Ergebung. „Dieser Poet ist in unser Haus gekommen -und wir haben uns für ihn interessirt. Das Theater, -von dem er alles erwartete, hat ihn abgewiesen und -recht eigentlich in Verzweiflung gestürzt; ich konnte ihm -die rettende Hand bieten, und ich bot sie ihm. Bei -alledem hab’ ich mir nichts vorzuwerfen. Kommt mehr -Unglück dabei für mich heraus, als mir lieb ist, so -muß ich’s tragen. Aber sey nur ruhig, ich bin nicht -so schwach, und werde schon damit fertig werden.“</p> - -<p>Die Augen der Frau waren naß geworden. „Du -bist ein gutes Kind,“ rief sie, „ein edles Herz. Du -hättest ein besseres Loos verdient!“ — „Ach, Mutter,“ -versetzte das Mädchen, „man kann in dieser Welt nicht -alles haben und muß sich genügen lassen! Mir ist -dieses Unglück im Grunde doch lieber, als das ehemalige -Glück, und ich würde es nicht dafür hergeben, -wenn sich’s mir in der letzten Zeit auch ein wenig stark -aufgelegt hat. Ich hab’ nun einmal meine Freude -dran! Laß mir’s, bis mich’s von selber verläßt!“</p> - -<p>Die Mutter, gerührt, umfaßte die Tochter, schloß -sie an ihre Brust und drückte einen zärtlichen Kuß auf -ihre Stirn. „Wann wird das aber geschehen?“ entgegnete -sie. „Die Arbeit, die euch immer wieder zusammenführt, -wird noch eine gute Zeit dauern. Kann -sie die Krankheit nicht so verschlimmern, daß sie unheilbar -wird?“ — „Im Gegentheil,“ versetzte das -Mädchen; „eben diese Arbeit, wenn sie gelingt, wird -mich heilen; und wenn ich mich so eifrig darum annehme, -sorg’ ich eigentlich nur für mich selbst.“</p> - -<p>Die Mutter schaute sie zweifelnd an. — „Ganz -einfach,“ erwiederte die Tochter. „Wenn das Stück -geräth und gut aufgenommen wird, ist der Poet ein -gemachter Mann. Denn Talent hat er, das haben wir -nun gesehen, und wenn er einmal erfährt, wie er’s -am besten verwenden kann, wird er den Weg, auf den -wir ihn gebracht haben, nicht mehr verlassen. Er kann -um seine Auguste anhalten und wird sie heirathen — -und ich werde mich beruhigen; denn so kindisch bin -ich nicht, daß ich einen weiblichen Werther spielen -werde. Ist der Poet ein Ehemann und sehen wir uns -wenig oder gar nicht mehr, dann wird es in meinem -Herzen wieder still werden und nur der Nutzen der -Erfahrung wird übrig bleiben.“ — Die Frau sah ihr -in’s Auge und lächelte mitleidig. „Sehr gut berechnet,“ -entgegnete sie. „Also für jetzt glaubst du dich -deinem sogenannten Glück noch ruhig überlassen zu -können?“ — Das Mädchen sah für sich hin und über ihr -wehmüthiges Gesicht ging ein Schein von Lächeln, das -nicht ohne Schelmerei war. „Nun,“ fuhr die Mutter -fort, „ich kann’s nicht ändern. Du willst es haben — -sieh nun auch, wie du die Folgen trägst!“</p> - -<p>Tage, Wochen gingen hin, die Arbeit näherte sich -ihrem Ende. Sey es die Einrichtung der Natur, zufolge -welcher nach einer Zeit stürmischer Erregung immer -wieder eine Zeit der Ruhe kommt — sey es der -Einfluß, den der gute Fortgang des Stücks auf ihr -Gemüth übte, genug, Rosa wurde schon in dieser Zeit -heiterer gestimmt und erfreute die Mutter durch einen -Ausdruck ernster Zufriedenheit. Der Poet hatte aber -auch den Takt oder das Glück, ihr fast nie mehr durch -Naivetäten wehe zu thun. In der Freude seines Herzens -über das Gelingen der Arbeit wurde er dankbarer -gegen die Spenderin, unwillkürlich zarter, und ließ keinen -guten Anlaß vorübergehen, ihr Lob zu sagen. Der letzte -Akt brachte so das Ende gut Alles gut nicht nur für -die Personen des Stücks, sondern auch für die Erfinderin, -die eine große Genugthuung empfand, wobei das -Bewußtseyn gelungener Hülfe die Melancholie der Entsagung -weit überwog.</p> - -<p>Heinrich fühlte sich im Innersten glücklich. Viel -Mühe hatte er sich gegeben; aber nun durchdrang ihn -eine Sicherheit, wie er sie in solcher Klarheit nie empfunden -hatte. Sein eigenes Urtheil stimmte mit dem -der Freundinnen — eine Täuschung war unmöglich.</p> - -<p>Als er an einem sonnigen Wintermorgen die letzten -Auftritte skizzirt hatte und die Schönheit des Wetters -ihn auf die Straße lockte, begegnete ihm Willmann. -Sie begrüßten sich und der Novellist sagte: -„Nun, ich gratulire. Ihr Schauspiel soll gut — sehr -gut werden.“ — „Woher wissen Sie das?“ fragte -Heinrich. — „Ich weiß es,“ entgegnete der Andere -behaglich.</p> - -<p>Der Poet nickte begreifend und sagte dann: „Ich -meine freilich selber, daß es mir geräth; und ich hoffe -nun, den beiden Herrn, die mich wegen meiner Tragödie -so schmählich heruntergemacht haben, beweisen zu -können, daß ich auch etwas zu liefern vermag, wofür -sie mir Dank wissen müssen.“ — „Dem,“ versetzte -Willmann, „sehen sie mit Freuden entgegen; denn -Jeder freut sich, wenn er ein Projekt gelingen sieht.“</p> - -<p>„Wie muß ich das verstehen?“ rief Heinrich. — -„Nun,“ erwiederte der Doktor, „am Ende muß es ja -doch heraus, ich will’s Ihnen also gestehen, daß wir -Ihnen einen Streich gespielt haben, einen Streich zu -Ihrem Besten. In Ihrer Tragödie waren Sie auf einer -Straße des Verderbens, zeigten aber trotz Allem eine -nicht gewöhnliche Befähigung zum Dramatiker — darüber -waren die Regisseure einig. Wie diese Befähigung -nun von jenem Pfad abziehen? Wir kamen zusammen, -beriethen uns, und es wurde beschlossen, eine energische -Kur anzuwenden. Ihr Verlangen, die Urtheile kennen -zu lernen, setzte man voraus und redigirte sie für den -Autor besonders. Der Trank wurde verschluckt und -wirkte gründlich.“</p> - -<p>„Ah,“ rief Heinrich mit einem Ausdruck von Empfindlichkeit. -„So habt ihr also mit mir gespielt?“ -„Aus Antheil an Ihnen,“ fuhr Willmann begütigend -fort, „aus Achtung vor Ihrem Talent! Es galt, Sie -von Ihrer tragischen Ueberschwänglichkeit <i lang="fr" xml:lang="fr">par force</i> -wegzubringen, und in diesem Sinn hat Freund Berger -allerdings vortrefflich gearbeitet. Genug, es ist geglückt, -Sie haben sich nicht nur auf die rechte Wahlstatt begeben, -sondern nach allem, was ich höre, darauf auch -schon einen Sieg erkämpft.“</p> - -<p>Unser Poet entrang sich doch nur mit Mühe der -demüthigenden Empfindung, geführt, wenn auch zu -seinem Besten geführt zu seyn. „Es ist geglückt,“ begann -er nach einer Pause; „aber nicht durch euch, ihr -Herrn, sondern durch ein liebenswürdiges Geschöpf, das -mich freundlich aufgeklärt und mir das Bessere an die -Hand gegeben hat.“</p> - -<p>„Wohl,“ versetzte der Andere; „aber dieser Freundlichkeit -mußte vorgearbeitet seyn, wenn sie bei einem -so verstockten Idealisten durchdringen sollte. Die Heilung -ist methodisch vor sich gegangen. Nach der Erschütterung -durch Donner und einschlagenden Blitz -kam der Sonnenschein und that das Uebrige.“ — „Die -Hauptsache!“ warf Heinrich ein. — „Die Hauptsache,“ -wiederholte der Schriftsteller, „zugegeben!“ Er schwieg -einen Moment und fuhr dann lächelnd fort: „Für Sie -kann man wirklich gute Hoffnungen hegen. Ein junger -Mann, der notorisch verlobt ist, gewinnt noch andere -Frauenherzen, so sehr, daß sie sogar Opfer bringen -für ihn. Mein lieber College, Sie kommen durch die -Welt, darauf können Sie sich verlassen. Und eins ins -andere gerechnet, sind Sie nun doch eigentlich mit einem -sehr gnädigen Lehrgeld davon gekommen.“</p> - -<p>Während dieses Gesprächs waren sie unvermerkt -in die Nähe des Theaters gelangt. Willmann richtete -seinen Blick auf das stattliche Gebäude und sein Gesicht -erheiterte sich. Zwei Männer waren aus einem Seitenthor -getreten und kamen gegen sie her; es waren die -Regisseure. Heinrich konnte nicht umhin, mit Willmann -vorwärts zu gehen, obwohl er vor der Begegnung eine -erklärliche Scheu empfand. Er hatte die Herrn nach der -Lektüre ihrer Urtheile nicht nur nicht wieder besucht, -sondern auch auf der Straße glücklich vermieden, so daß -für ihn jetzt eine Art Eis zu brechen war. Indessen -zeigte sich, daß er die Zeit her doch viel Welt in sich -aufgenommen hatte; denn er bezwang sich und es gelang -ihm, die Begrüßung möglichst unbefangen abzumachen.</p> - -<p>Hallfeld (so hieß der ältere der beiden Schauspieler) -dankte freundlich und sagte: „Wir haben uns lange -nicht gesehen. Wie ich aber höre, sind Sie die Zeit -her fleißig gewesen und werden bald etwas Schönes -fertig haben!“ — „Fertig,“ entgegnete Heinrich, „wird -es bald seyn. Ob es etwas Schönes ist, werden Sie -zu entscheiden haben.“</p> - -<p>Der Komiker und Intrigant hatte unterdeß einen -Blick auf ihn geworfen, in welchem Spott und Wohlwollen -sehr ergötzlich gemischt waren. „Sie haben sich,“ -bemerkte er mit höflichem Kopfneigen, „herabgelassen, -einen Stoff aus dem gewöhnlichen bürgerlichen Leben -zu behandeln und ein Schauspiel zu schreiben?“ — Heinrich -sah ihn an und zuckte unwillkürlich die Achsel. — -„Sie soll gelungen seyn,“ fuhr jener fort, „die Frucht -Ihrer Condescendenz.“ — „Die Freundin,“ warf Hallfeld -ein, „hat mit uns darüber gesprochen. Demnach -wäre am Erfolg nicht zu zweifeln, und ich hoffe, daß -wir es bald zu lesen bekommen werden.“</p> - -<p>„Ich freue mich sehr auf den Intrigant,“ versetzte -Berger, „der recht eine Rolle für mich seyn soll. Mir -sagen nämlich ganz besonders gemischte Charaktere zu -— Menschen, die mit respektabler Schlechtigkeit eine -Art von Gutmüthigkeit, ja Biederkeit verbinden. So -Einer, wie ich aus den gegebenen Andeutungen schließen -möchte, kommt in Ihrem Stück vor.“ — „Und soll,“ -entgegnete Heinrich mit eingehender Laune, „wenn das -Stück angenommen wird, auch dem Künstler zufallen, -den die Natur geschaffen zu haben scheint, Charaktere -dieser Art congenial zu versinnlichen.“ — „Charmant!“ -rief der Komiker, während die Andern lächelten.</p> - -<p>„Ich gestehe,“ begann Willmann, „ich freue mich -sehr auf die Vorstellung, an der ich nicht mehr zweifle. -Sie haben,“ fuhr er auf Heinrich blickend fort, „durch -Ihre erste Arbeit ernstlichen Antheil erregt.“ — „Allerdings,“ -bemerkte der Heldenvater mit Würde. — „Unbedingt!“ -setzte der Komiker hinzu. — „Und da Sie -sich in der Zeit der Calamität so ritterlich gehalten haben, -so gönnen wir Ihnen von ganzem Herzen einen öffentlichen -Erfolg.“ — „Und den wohlverdienten Lorbeer,“ -ergänzte Berger — „den Lohn der Demuth, die sich -selbst bezwungen!“ — Nach weiterem Austausch von -Höflichkeiten dieser Art schied man erheitert und mit den -besten Wünschen. Heinrich ging nach der Wiederanknüpfung -mit den Kunstverwandten eines hin und wieder -doch lästig empfundenen Druckes entledigt nach Hause. -Behaglich fühlte er, wie sich der Weg für ihn mehr -und mehr ebnete und ein günstiges Zeichen nach dem -andern hervortrat.</p> - -<p>An demselben Tag schrieb er einen längeren Brief -an Auguste. Die Geliebte hatte ihm auf die Meldung, -daß er auch das zweite Trauerspiel einstweilen liegen -gelassen und nun an einem Schauspiel arbeite, nach -längerem Schweigen eine Antwort gesandt, welche die -zärtlichste Besorgniß für ihn an den Tag legte, indem -nach den bisherigen Erfahrungen leider nicht mit Gewißheit -angenommen werden könne, daß er bei dieser -neuen Arbeit ausharren werde. Darauf hatte der Verlobte -sie durch Versicherungen beruhigt, die, wenn sie -nicht Ueberzeugung bewirkten, doch Glauben fanden. -Jetzt konnte er nicht nur die Vollendung, sondern gleich -auch die Gelungenheit des Stücks anzeigen — und mit -welch gerechtem Selbstgefühl that er es!</p> - -<p>„Ja, meine Theure,“ schloß der Bericht, „meine -Prüfungszeit ist vorüber und der Lohn der Ausdauer -so gewiß, daß ich ihn schon in der Hand zu haben -glaube. Endlich, endlich ist mir’s gelungen! Nicht nur -die Annahme des Stücks, auch die Wirkung auf der -Bühne und das Verbleiben auf dem Repertoire ist mir -verbürgt — durch das Urtheil von Kennern. In vierzehn -Tagen ist die Arbeit fertig, revidirt, bühnengemäß -hergestellt; der raschen Annahme wird die rasche -Darstellung folgen, und dann heißt’s: Auf Wiedersehen! -auf glückseliges Wiedersehen!“</p> - -<p>Dem Brief war eine Nachschrift beigefügt, die also -lautete: „Die frühere Aeußerung über Doctor Willmann -muß ich zurücknehmen. Hinter einer allerdings -etwas gewöhnlichen Außenseite verbirgt dieser Schriftsteller -ein tieferes Herz, und an mir und meinem -Schicksal nimmt er wahren Antheil. Theilt er nicht -alle meine Ideen, so ist er doch ein Mitstrebender und -Literat im besten Sinne des Worts, eine redliche, neidlose -Seele, ein Freund, auf den ich rechnen kann.“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>VII.</h3> -</div> - -<p>Die letzten Scenen wurden ausgeführt, in dem -kleinen Kreise berathen und nach wenigen Aenderungen -gebilligt. Das Stück war fertig.</p> - -<p>Für die nächsten Tage hatte der Autor nun den -Genuß, das vollendete Werk nochmal zu übergehen und -im Einzelnen durchzubilden. Es gehört dieß, wenn der -Organismus im Wesentlichen gelungen ist, zu den angenehmsten -Arbeiten, und Heinrich schlürfte denn auch -die Neige der Schöpferfreuden <i lang="it" xml:lang="it">con amore</i>. Wie aber -auf Erden kein Glück rein bleiben soll, so wurde auch -in den süßen Trank dieser Tage ein bitterer Tropfen -geworfen, der ihn ärgerlich vergällte.</p> - -<p>Unser Poet hatte den satirischen Roman seines -guten Freundes Dorn schon vor Monaten zu lesen begonnen, -aber sich nicht damit befreunden können. Er -fand den Witz vielfach gezwungen und die Bosheit des -Autors, auch wo sie das Schlechte geißelte, zu direkt -und gehässig, als daß er mit ihr hätte sympathisiren -können. Der Geist, der das Opus eingegeben hatte -(dieß erkannte er aus den ersten Kapiteln), war der -Geist der Rache und der Schadenfreude, blinder Leidenschaften, -denen nichts Wohlthuendes gelingen kann. -Einzelne Treffer ergötzten ihn freilich, die Neugier wurde -rege erhalten, aber das Gelesene hinterließ keinen guten -Eindruck und das Buch erzeugte in Heinrich zuletzt einen -förmlichen Widerwillen, so daß er es, noch nicht in die -Mitte gekommen, bei Seite warf.</p> - -<p>Als Dorn sich gelegentlich einmal darnach erkundigte, -fühlte der etwas Befangene die Nöthigung, ebenso den -guten Bekannten wie die Wahrheit zu schonen, und sagte -darum: er habe sich mit großem Interesse hineingelesen, -könne aber einen so stark gewürzten Trank nur in kleineren -Dosen zu sich nehmen, und müsse sich noch eine Frist ausbitten. -Der Autor, durch diese Erklärung nicht übermäßig -zufriedengestellt, machte doch gute Miene, und -man trennte sich unter kameradschaftlichen Versicherungen.</p> - -<p>Nach der Vollendung seines Dramas erkannte der -Poet, daß er das Beißen in den sauern Apfel nicht -länger verschieben könne; er nahm das Buch eines -Abends vor und verschluckte den Rest heroisch. Aber er -konnte das frühere Urtheil nur bestätigen. Ergötzlich im -Einzelnen — nicht allzuhäufig —, unerquicklich im -Ganzen; von der Schneide des Hohnes Rügenswerthes, -Verwerfliches, aber auch Gutes, ja Großes getroffen, -das der Schreiber nur nicht begriff; ein Buch, das in -einem Sinne zu besprechen, wie der Autor es wünschte, -für Heinrich ganz und gar unmöglich war.</p> - -<p>Kurz nach Gewinnung dieser Ansicht traf er wieder -mit Dorn zusammen. Er theilte ihm auf Befragen -das Neueste über sein Stück und seine Hoffnungen mit, -und der Feuilletonist gratulirte mit sichtlicher Zurückhaltung; -dann sagte er: „Wie haben wir’s aber mit -unserem Roman? Jetzt werden Sie ihn doch wohl -gelesen haben!“ — „Freilich,“ erwiederte Heinrich mit -einer gewissen Hast. „Er hat mich interessirt bis zu -Ende. Sie haben darin Hiebe ausgetheilt, die ich den -Getroffenen von Herzen gegönnt habe. Läugnen will -ich aber nicht, daß ich auch auf Angriffe gestoßen bin, -die ich durchaus nicht unterschreiben möchte.“ — „So?“ -entgegnete der Andere. — „Nun,“ fuhr er nach kurzem -Schweigen fort, „im Grunde ist das natürlich, -man kann nicht in allen Stücken gleich denken. Ihr -Urtheil im Ganzen ist also?“ — „Daß das Buch von -dem Publikum, für das es geschrieben ist, mit Nutzen -und Vergnügen gelesen werden kann.“</p> - -<p>Dieses bedingte Zugeständniß war an sich nicht -darnach angethan, eine Autorseele zu befriedigen. Unser -Poet aber, der sich bewußt war, daß der Roman eben -so gut mit Schaden und Mißvergnügen gelesen werden -könne, hatte es zum Ueberfluß mit einer gewissen Verlegenheit -ausgesprochen, so daß die eingeschränkte Beistimmung -noch dazu als abgenöthigt erschien. Dorn, -dem sich dieß aufdrängte, betrachtete ihn mit verdächtigen -Blicken. Er ging auf einen andern Gegenstand -über, machte seinem Herzen in scharfen Bemerkungen -über Abwesende Luft, und sagte zuletzt mit einem Lächeln -„Guten Tag,“ das nichts Gutes zu bedeuten -schien.</p> - -<p>Heinrich gehörte zu den Menschen, die nicht gern -eine Schuld unbezahlt lassen, und er überlegte daher -ernstlich, ob nicht eine Form auszudenken wäre, in der -er, ohne der Gerechtigkeit eben in’s Angesicht zu schlagen, -dem Autor, der ihn öffentlich gelobt hatte, doch -auch einen Dienst erweisen könnte. Allein er fand -keine, und dieß beunruhigte ihn sehr und trübte das -Glück der schönen Tage. Endlich rief er: „Zum Henker -mit dieser Affaire! Gehen wir auf die Hauptsache los, -und wenn sie erreicht, dem Kritikus Respekt eingeflößt -ist, dann wird ihn eine Gefälligkeit zufrieden stellen, -die ich ihm ohne Gewissensbisse erweisen kann!“</p> - -<p>Im Nachklang dieses heroischen Entschlusses vollendete -Heinrich die Revision und stellte ein reinliches -Manuscript her.</p> - -<p>Als er den Freundinnen ankündigte, daß er das -Stück sofort einreichen könne, schüttelte Rosa den Kopf. -„Vorher,“ sagte sie, „muß noch was Anderes geschehen. -Die Regisseure und Doctor Willmann sind Ihnen wahrhaft -zugethan. Wir wollen diese Herrn zum Thee einladen, -und Sie tragen ihnen dann Ihr Stück vor. -Gut gelesen wird es nicht nur einen gewinnenden Eindruck -machen, sondern auch zu Bemerkungen Anlaß -geben, die Ihnen weiter nützlich werden können.“ — -Heinrich, über die consequent liebevolle Sorgfalt erfreut, -erklärte seine Zustimmung unter Worten des Dankes.</p> - -<p>Am nächsten Sonnabend war die Gesellschaft in -dem traulichen Zimmer versammelt. Man hatte sich -cordial begrüßt, und unter dem Schlürfen des feinen -Getränks nahmen bald gute Geister die Seelen ein. -Der Poet hatte offenbar eine günstige Position. Konnten -ihn nicht alle, wie er jetzt war, gewissermaßen als ihre -Schöpfung ansprechen, und mußten sie sich daher nicht -über alles ihm Gelungene freuen, als ob es von ihnen -wäre? Er fühlte das auch, und der letzte Rest von -Befangenheit wich aus seiner Seele.</p> - -<p>Willmann, ihn betrachtend, sagte:„Hat unser -Dramatiker in der letzten Zeit nicht geradezu ein anderes -Aussehen bekommen? Sein Blick ist jetzt so menschlich, -sein ganzes Wesen so vertrauenerweckend —“</p> - -<p>„Sehr natürlich,“ fiel Berger ein. „Er ist herabgestiegen -aus den ätherischen Höhen und Mensch geworden, -indem er sich in wirkliche Menschen versetzte, -und — menschlich gesinnt auch für uns Theaterleute -— Rollen geschrieben hat, die man wirklich spielen -kann — wie ich höre.“</p> - -<p>„Die Welt,“ fuhr der Novellist heiter fort, „wird -gesund, man kann nicht mehr daran zweifeln. Der -Realismus erstarkt und macht eine bedeutsame Erwerbung -nach der andern.“ — „Leben und Lebenlassen,“ -rief der Regisseur, „das ist die Parole des Jahrhunderts! -Sogar auf dem Theater, wo man sonst mit -wohlklingenden Versen im Mund sich dem Tod in die -Arme warf, daß die Bühne sich endlich mit Leichen -bedeckte, wird es mehr und mehr Sitte, in schlichter -Prosa zu guter Letzt sich um den Hals zu fallen und -dem Publikum das wohlthuende Schauspiel verständiger -Gemüther zu geben, die dem Glück entgegen gehen.“ -Mit einem Blick auf Hallfeld, der launig den Mund -rümpfte, fuhr er fort: „Der Herr College scheinen nicht -ganz einverstanden zu seyn?“</p> - -<p>„Doch,“ versetzte dieser. „Aber in eurem eigenen -Interesse möcht’ ich euch Herrn rathen: übertreibt’s nicht -mit eurer Prosa und eurem Lebenlassen! Denn sonst -möchte das Publikum am Ende auch das genug kriegen -und ihr könntet einen Rückfall erleben.“ — „O,“ rief -Berger, „mir ist nicht bange!“ — „Man kann für -nichts einstehen,“ erwiederte der Andere. Der Komiker -sah ihn an, und da er, besonders vor einem Auditorium, -zu necken und zu streiten liebte, fuhr er fort: -„Sie kämpfen für Ihr scheinbares Gebiet, lieber College, -aber Sie thun sich selber Unrecht. Ihr Spiel ist im -Prosadialog so vorzüglich wie in der Versetragödie und -für mich und Meinesgleichen noch viel erquickender. Es -herrscht darin eine Natur, eine Frische —“ — „Bitte!“ -rief Hallfeld. — „Also davon abgesehen! Sagen Sie -mir nun in allem Ernst: was hat man eigentlich an -einer versificirten Tragödie?“</p> - -<p>„In allem Ernst?“ fragte Hallfeld erheitert. „Wollen -Sie etwas Ernsthaftes hören?“ — „Oh,“ rief Berger -mit einem Ton des Vorwurfs, „von Ihnen mit Freuden! -Und gewiß alle hier Anwesenden?“ — „Ja wohl, ja -wohl,“ riefen Heinrich und Rosa. — „Also, kurz gesprochen, -was hat man davon?“ — Hallfeld erwiederte -mit ruhigem Nachdruck: „Die Kunst.“ — „Die Kunst!“ -wiederholte der Andere. „Sie meinen die Kunst im -aparten Sinne, wo sie über die natürlichen Formen -des wirklichen Lebens hinaus geht?“ — „Die Kunst in -dem Sinn, wo sie über die Kleinheit, Gewöhnlichkeit -und Dürftigkeit des wirklichen Lebens sich erhebt,“ entgegnete -Hallfeld. „Die Kunst, die in eine Welt versetzt, -wo das höhere Maß in der Ordnung ist und die Verse -so natürlich klingen, wie im gewöhnlichen Leben die -Prosa.“</p> - -<p>„Das klingt sehr schön,“ erwiederte Berger, „und“ -(setzte er lächelnd hinzu) „ungefähr so sagt’s der Herr -Professor auch. Aber ich, als ein verstockter Realist, -stelle mir die Sache selbst vor und muß Ihnen die Wirkung, -die faktisch so oft mit angesehene Wirkung entgegen -halten. Erlauben Sie mir eine kleine Charakteristik. -Wir geben also eine versificirte Tragödie (denn -um die Tragödie handelt sich’s) — was ist, kurz und -bündig gesagt, der Effekt? Das Publikum — in nicht -allzugroßer Zahl — sitzt erwartungsvoll, und die pathetischen -Verse beginnen. Irgend eine Gräuelthat ist schon -verübt oder wird verübt; zunächst mit glücklichem Erfolg. -„Triumph“ ruft das Verbrechen, „Rache“ die -Tugend. Man streitet, man tobt, man rast, wobei -nicht selten das nervenerschütternde Spiel noch durch -einen gräulichen Lärm hinter den Coulissen verstärkt -wird. Der Frevler, unter dem Beistand höllischer Dämonen, -wehrt sich verzweifelt. Endlich, krach, trifft ihn -der Blitz, die Exekution gelingt, der Tod heimst ein, -und der Vorhang fällt. Die Zuschauer, wenn sie mit -ihren Gedanken nicht schon lange daheim oder im Wirthshause -sind und die ganze, meist drei bis vier Stunden -dauernde Handlung mitgeduldet haben, fühlen sich geschüttelt -und gerüttelt, in dumpfe Verwirrung gesetzt, -und gehen mit zerschlagenen Gliedern weg, trotz der -Verse, und trotzdem, daß sie zu der grausigen Aktion -sehr natürlich geklungen haben.“</p> - -<p>Die Gesellschaft, von der drastisch gezeichneten Carikatur -ergötzt, lachte, Hallfeld mit eingeschlossen. Nach -kurzem Schweigen erwiederte dieser: „Darf ich nun auch -eine Tragödie aufführen?“ — „Immer zu!“ rief Berger.</p> - -<p>Hallfeld begann: „Also — das Publikum sitzt in -ernster Erwartung und der Vorhang geht auf. Schon -durch den Klang der Verse wird der Hörer der Atmosphäre -des Alltagslebens entrückt und in eine höhere -feierliche Stimmung versetzt. Eine große, gewaltige -Kraft, deren Leidenschaft uns mit Staunen erfüllt, wird -zum tragischen Uebermuth, zum Verbrechen hingerissen, -und die Göttin, die dadurch verletzt ist, bereitet die -Strafe; ihre Organe setzen sich in Action und ein Kampf -beginnt, den wir mit erhabener Spannung begleiten. -Wir fordern den Untergang des Frevlers, indem wir -seinen dämonischen Geist bewundern, und er sinkt endlich -unter den Schlägen der Gerechtigkeit. Der Zuschauer, -um mit einem Heros der tragischen Dichtung -zu reden, ist zermalmt, aber zugleich erhoben; und -nachdem er in eine Welt Blicke gethan hat, die ebenfalls -Natur und Wahrheit, aber Natur und Wahrheit oberster -Art ist, nachdem er Blicke gethan hat in’s Jenseits und -in die Ewigkeit, verläßt er das Theater, wie man einen -Tempel verläßt. Und ein Tempel — ein Tempel der -Kunst — soll’s ja auch seyn, das Theater, nicht ein -Haus, wie man’s zu Hause auch und am Ende noch -besser hat.“</p> - -<p>Der tragische Künstler hatte diese Entgegnung spielend, -wenn auch mit Würde spielend, begonnen, aber -nach und nach zu einem Ernst sich erhoben, der seines -Eindrucks nicht verfehlen konnte. Heinrich rief ein so -lebhaftes Bravo, daß Willmann ihm bedeutsam drohte; -die Wirthinnen nickten beifällig und Berger sah schweigend -auf den Tisch. Plötzlich aufsehend und den Redner -betrachtend, entgegnete der Komiker: „Ihre Schilderung -ist so pathetisch poetisch gerathen, daß sie eigentlich -in fünffüßigen Jamben hätte gegeben werden sollen, -und ich sehe dadurch meinen alten Verdacht bestätigt, -daß Sie im Geheimen dergleichen anfertigen.“</p> - -<p>„Wäre heutzutage weder eine Kunst noch ein Verbrechen,“ -erwiederte Hallfeld. — „Gewiß nicht,“ entgegnete -Berger, „namentlich das Erste nicht. Nun, um -Ihnen meine aufrichtige Meinung zu sagen: schön gesprochen -haben Sie; wenn’s nur eben so wahr wäre! -Gut, gut,“ rief er, als Hallfeld zu reden sich anschickte, -„ich weiß, was Sie sagen wollen. Die classischen -Stücke, classisch aufgeführt, wirken so. Zugegeben. -Aber classische Stücke haben wir nicht viel, und wenn -wir’s ehrlich bekennen wollen, sind auch unter den classischen -welche, die vielmehr den von mir geschilderten -Effekt machen. Neue Stücke, die sich den classischen -unter den classischen anreihen — mit aller Achtung vor -den lebenden Talenten sey es gesagt — dürften uns -nicht in allzugroßer Anzahl geliefert werden; also wäre -es gewiß ein billiger, allen Verhältnissen Rechnung -tragender Vorschlag: das Theater in so fern als Tempel -zu behandeln, als wir einmal in der Woche die -Priester der Tragödie darin fungiren lassen, an den -übrigen Tagen aber es als ein Haus zu benutzen, was -es trotz alledem viel mehr ist, als ein Tempel. Denn -ein Tempel ist es doch nur in poetischer Anschauung -und metaphorisch; dem unbestochenen Auge bleibt es -eben das Schauspielhaus, das Haus, worin vorzugsweise -gegeben werden sollen Schauspiele, inclusive Lustspiele.“</p> - -<p>Die Hörer schienen den Vorschlag zur Güte heiter -aufzunehmen und der ermunterte Komiker fuhr fort: -„Ermessen wir dabei unsere Kräfte, vielleicht auch die -Kräfte des Zeitalters! Mir scheint ein Wink der Geschichte -in der unbestreitbaren Thatsache zu liegen, daß -wir im genreartigen Drama — wenn Sie den Ausdruck -erlauben wollen — auch besser spielen, als in der hochstylisirten -Tragödie. Zum lebensgroßen Bild reicht unsere -Natur hin, zum überlebensgroßen müssen wir uns -schon verteufelt strecken, und das kommt gar nicht immer -schön heraus. Talente, mit einem Geist, einer Figur -und — einer Stimme, wie wir sie an unserem Heldenvater -bewundern, sind selten und werden immer seltener. -Wir Andern bewegen uns im lustigen, gemüthlichen, -pikanten Kreis, bewirken Lachen und nebenbei Rührung -und geben dem Publikum das, was es doch eigentlich -am öftesten begehrt und wofür es auch am dankbarsten -sich zeigt durch Ausfüllung des Hauses und durch Füllung -der Kasse.“</p> - -<p>„Das,“ fügte Willmann mit einem Blick auf Hallfeld -hinzu, „ist doch wohl auch sehr zu bedenken. Das -Publikum sieht sich jetzt am liebsten selber auf der -Bühne, namentlich in wohlwollender Zeichnung und -gewinnendem Bilde. Da wir aber dergleichen jetzt auch -besser machen, besser spielen, so sind wir am Ende aus -allen Gründen gemahnt, den Zuschauern vorzugsweise -zu bieten, was sie vorzugsweise zu wünschen so freundlich -sind.“</p> - -<p>„Gut gesagt!“ rief Berger. „Und wie viel ist hier -noch zu thun! Welche Schätze warten noch der Hebung! -Welch köstliche Narren, Philister und Bösewichter können -die Poeten noch herauf bringen! Also vorwärts -auf dieser Straße! Richten wir uns in Vorführung von -Schauspielen und Tragödien nach dem Verhältniß der -Werkeltage und Festtage — und es wird wohl stehen -im Lande!“</p> - -<p>Hallfeld lächelte, als einer, der den Streit zu beenden -wünscht. „Damit,“ sagte er, könnte ich mich am -Ende zufrieden erklären. Festtage! Dazu gehören auch -die Feiertage der Woche!“ — Berger, nach einigem Besinnen, -rief: „Meinetwegen! Ich will nicht knauserig -seyn. Aber, wohlgemerkt, nach dem protestantischen -Kalender! Dann: <i lang="fr" xml:lang="fr">Soyons amis!</i>“ Er reichte ihm die -Hand und der Anwalt des Trauerspiels, mit einer -Freundlichkeit, die nicht ganz ohne Herablassung war, -schüttelte sie.</p> - -<p>Unser Poet hatte während der letzten Verhandlung -mit einer Miene dagesessen, die den Frauen und endlich -auch Willmann aufgefallen war. Ein Ernst sprach aus -seinem Gesicht, der sich von dem des Heldenspielers -wesentlich unterschied, indem er einen poetisch feierlichen -Charakter hatte. „Was ist Ihnen?“ rief ihm der -Schriftsteller zu. „Sie scheinen in höheren Sphären zu -seyn!“ — „Ich habe eine Idee,“ versetzte der Angeredete, -„eine Idee, die mir Freude macht!“ — -„Nun?“ rief Willmann, während die Andern auf Heinrich -schauten. „Ich hoffe nicht, daß Sie eine Idee haben, -die Sie abtrünnig werden läßt. Ihr Aussehen —“ -— „Verkündet Frieden — Harmonie!“ rief der Poet. -— „Das laß ich mir gefallen!“ entgegnete jener. „Sie -unterschreiben also die Capitulation zwischen der Comödie -und der Tragödie?“ — „Mit einer Modifikation, -die sich auf unser Metier bezieht.“ — „Ah so! — -Nun?“</p> - -<p>Der Poet begann unter allgemeiner Aufmerksamkeit: -„Leben und Lebenlassen ist ein guter Spruch. Ich -glaube, daß wir ihn eben jetzt auf unsere Fahne schreiben -und unserem großen Dichter folgend das „Gedenke -zu sterben“ in „Gedenke zu leben“ umwandeln -müssen.“ — „Ah, bravo!“ rief der Vertreter der Comödie, -der an dem Redner mit humoristischer Aufmerksamkeit -hing. „Wir müssen zwar alle sterben,“ fuhr -Heinrich fort, „und es wird gut seyn, auch daran zu -denken. Aber bevor es zu Ende geht, müssen wir leben, -das Leben gründlich benützen, und dürfen uns in diesem -edeln Beruf nicht durch Todesgedanken stören lassen.“ -— „Recht gesprochen!“ rief Berger — „Also lob’ ich -die Richtung in der Kunst, die das Leben, in dem wir -thatsächlich stehen, zeichnet, aufhellt und auf Ziele -weist, damit dieses Leben nicht bleibe, wie es ist, sondern -selbst immer schöner und erfreuender werde.“ — -Der Komiker blickte zweifelnd.</p> - -<p>„Die dramatische Poesie,“ fuhr Heinrich fort, „lasse -Streit und Verwirrung entstehen, um sie zu lösen, sie -führe Irrthum und Schuld vor, um davon zu heilen.“ -— „Ja wohl,“ fiel Berger ein; „aber das darf nicht -schulmeisterlich, tendenziös —“ — „Nein,“ versetzte -Heinrich, „sondern nur poetisch geschehen! Der Dichter -sehe das wirkliche Leben mit den Augen der Liebe, -er sehe es, wie es in der That ist, reorganisire es -liebevoll und zeige es im Bilde wahr und schön. Er -sey Realist, er ergreife die Wirklichkeit in ihrer Fülle, -ihrer Eigenthümlichkeit und eigenthümlichen Schönheit, -und bereichere die poetische Literatur, die dramatische Literatur, -mit neuen und neuschönen Gemälden.“</p> - -<p>„Ganz gut,“ rief der Komiker. „Sie dürfen aber -nur nicht gar zu schön —“ — „Das sind sie nie, -wenn sie wahr sind!“ — „<i lang="fr" xml:lang="fr">A la bonne heure!</i>“ — -„Und weil es denn,“ fuhr Heinrich fort, „an der -Zeit ist und alle Forderungen darauf hinweisen, so cultivire -der Dichter jetzt vor allem diese Poesie des wirklichen -Lebens und liefere auch dem Theater Stücke, die -mit dem Vorsatz und der Möglichkeit, schön zu leben, -schließen!“</p> - -<p>„Bravo!“ rief Willmann. — „Diese Thätigkeit,“ -fuhr der Poet fort, „sey ihm aber zugleich eine Schule, -eine Vorschule für die wahre Tragödie.“ — „Ah so!“ -riefen Willmann und Berger zugleich, während Hallfeld -erheitert aufhorchte und die Frauen lächelten. — „Für -eine neue Tragödie,“ rief der Poet, „für die Tragödie -der Zukunft!“ — „Hört, hört!“ rief Hallfeld, indem -er den Collegen ansah.</p> - -<p>„Der Dichter unserer Zeit, indem er die frische, kernige, -treffende Sprache des wirklichen Lebens redet, -lerne eine neue poetische Diction schaffen, in der nicht -der Ton unserer großen Poeten mehr oder minder wiederklingt, -sondern ein neuer ertönt, worin jene frische, -kernige, treffende Sprache geadelt, verklärt erscheint.“ -— „Hm!“ erwiederte der Anwalt des Lustspiels. — -„Er lerne, indem er das Leben glorificirt im Schauspiel, -das Leben glorificiren in der Tragödie!“</p> - -<p>„In der Tragödie — das Leben?“ wandte Berger -ein. — „Er lerne,“ fuhr Heinrich nickend fort, „indem -er einen trostreichen Schluß herbeiführt im Schauspiel, -einen trostreichen Schluß herbeiführen in der Tragödie. -Er erschüttere die Herzen durch das flammende Gemälde -der Schuld und Sühnung, aber er öffne mehr und -schöner, als es bis jetzt geschehen ist, die Sphäre der -Ewigkeit und erhebe über das Grauen des zeitlichen -Todes durch die Anschauung ewigen Lebens! Er lerne -in der Abspiegelung irdisch guten Ausgangs die tragisch -poetische Hinweisung auf den himmlisch guten Ausgang, -den wir alle fordern, der kommen muß und kommen -wird, auf Grund ewiger Gerechtigkeit und Schönheit.“</p> - -<p>Willmanns Gesicht war bei dieser Wendung auffallend -bedenklich geworden, und Berger rief: „Aber -lieber Freund —“ — „Lassen Sie mich alles sagen,“ -entgegnete Heinrich, „ich werde gleich fertig seyn! Der -Dichter also studire das wirkliche Leben in seiner Eigenthümlichkeit; -er erfülle sich mit der Kraft der Natur -und schildere Menschen und Verhältnisse, wie sie sind! -Indem er aber die Wunder der Wirklichkeit, die Wunder -der Natur wieder erkennt und tiefer erfaßt, als je -zuvor, lerne er die Art der Natur gebrauchen zum Bilden -von Idealen, die in höherer Sphäre wieder Natur -sind!“</p> - -<p>Hallfeld drückte seine Beistimmung durch lebhaftes -Zunicken aus; der Poet fuhr fort: „Wir wollen die -Menschen nicht nur vorgeführt sehen, wie sie sind, sondern -auch wie sie seyn sollen. Auch darauf ist unser -tiefes Verlangen — die Neugierde unseres Geistes gerichtet. -Diese Menschen, wie sie seyn sollen, müssen -aber so natürlich, so motivirt aus ihrem eigensten -Wesen heraus handeln, wie die realen Menschen, und -darum ist das Genre für die höhere Kunst, das reale -Schauspiel für die stylisirt ideale Tragödie Vorbild -schon in dieser Beziehung; aber eben so in der andern -eines befriedigenden Schlusses durch den Sieg des Lebens. -Die Tragödiendichtung kann nicht aufhören, -denn es gibt tragische, hochtragische Persönlichkeiten -nicht nur in der Mythologie und der Sage, sondern -auch in der wirklichen Geschichte; also auch die -Forderung des Realisten, daß die Menschen geschildert -werden müssen, wie sie sind, führt zur Tragödie. Aber -die Tragödie wird unerträglich, wenn der Dichter nicht -naturwahre, aus innerster Nothwendigkeit handelnde -und zugleich erhöhte Menschen vorführt, die dem strengen -Gericht, das die tragische Nemesis hält, auch gewachsen -sind durch die Größe des Geistes und Sinnes, -wenn er nicht die ganze Handlung in eine höhere Sphäre -rückt und die Zuschauer zwingt, sie vom Standpunkt -der Ewigkeit aus zu betrachten. Sie wird insbesondere -für uns unerträglich, wenn der Dichter auf den himmlischen -Ausgang der Dinge nicht wenigstens hinzeigt -und im irdischen Ausgang nicht das Heil, d. h. die -Rettung für die Ewigkeit fühlbar macht. Ich verlange -also das natur- und lebenswahre, durch seinen Ausgang -erfreuliche Schauspiel; ich verlange die natur- und -lebenswahre, durch ihren Ausgang über das Leid der -Erde triumphiren machende, wahrhaft erhebende Tragödie, -und ich glaube, daß wir durch jenes zu dieser -gelangen müssen und werden. — Das ist mein Bekenntniß.“</p> - -<p>„Das ich unterschreibe,“ rief Hallfeld mit einem -Eifer und zugleich mit einem Ausdruck von Achtung, -wie er sie dem Poeten gegenüber noch nicht an den -Tag gelegt hatte. „Sie haben mir aus der Seele gesprochen -und es besser ausgedrückt, als ich’s gekonnt -hätte! — Den Teufel auch,“ setzte er lächelnd hinzu, -„wo haben Sie diese Sachen her?“</p> - -<p>Der Poet sah ihn heiter an. „Das fragen Sie,“ -rief er, „einen Doktor der Philosophie und Aesthetiker, -der eine verfehlte Tragödie geschrieben hat und durch -ein Schauspiel sich zu rehabilitiren hofft? Ach, mein -Freund, das Sagenkönnen ist heutzutage nicht schwer -— das Machenkönnen ist’s! Und darauf werden wir, -fürcht’ ich, in Ansehung der Tragödie noch einige Zeit -warten müssen.“</p> - -<p>„Weise gesprochen!“ rief hier der Regisseur der Comödie; -„oder vielmehr klug gesprochen nach imponirendem -Weisesprechen! Schwer mag die Tragödie seyn, -die Sie in Aussicht gestellt haben — sehr schwer — -wenn am Ende nicht gar unmöglich. Darum soll -mich’s freuen, wenn Ihnen zunächst Ihr Schauspiel so -gut gelungen ist, wie sich’s bei solchen dramaturgischen -Anschauungen allerdings nicht anders erwarten -läßt.“</p> - -<p>„Und dieses Schauspiel,“ setzte Willmann hinzu, -„wollen wir jetzt hören. Ihre Ausgleichung, lieber -Freund, ist billig, und ich kann mich damit recht gut -einverstanden erklären. Sie weisen das reale Drama in -die Gegenwart, die neue realideale Tragödie in die Zukunft -— das ist ein Vorschlag. Ueberlassen wir die Tragödie -nun getrost unsern Nachkommen; wir unsererseits -wollen um so fröhlicher das Drama und die Comödie -cultiviren, spielen und genießen.“</p> - -<p>„Das,“ versetzte Heinrich, „ist nicht ganz meine -Meinung. Der Faden der tragischen Dichtung darf -und wird nie abreißen; und ich stehe nicht gut dafür, -daß ich selber —“ — „Ah,“ rief Willmann auf die -Thüre blickend, „unsere verehrte Wirthin mit der -Bowle! Jetzt, mein Bester, hat die Discussion ein Ende. -Was von dem Abend noch übrig ist, sey dem Genusse -des Tranks und des Schauspiels geweiht!“</p> - -<p>Die dampfende Bowle wurde von der Mutter auf -den Tisch gesetzt und Rosa füllte die Gläser. Der -Punsch, auf Männer berechnet, wurde versucht, ausgezeichnet -befunden und gepriesen. Stärke, Süßigkeit -und Duft übten ihre Wirkung und erweckten alsbald -jenes poetische Gefühl, das die letzten Reste stattgehabter -Differenz auslöschte. Der Dramatiker holte sein -Manuscript herbei, setzte sich damit zurecht und las das -Personenverzeichniß.</p> - -<p>Das eigenthümlichste Bild unter den Hörenden gewährte -nun die junge Künstlerin. Rosa war dem Gespräch -der Gäste mit Aufmerksamkeit gefolgt und hatte -an der Art, wie Heinrich zuletzt seine Sätze aussprach -und verfocht, eine eigene, tiefe Freude gehabt. Der -Poet, den der Geist, der über ihn kam, Ueberzeugungen -und Ahnungen klar aussprechen lehrte, hatte auch sie -belehrt, und seine Worte waren ihr so einleuchtend erschienen, -daß sie für ihn auch als tragischen Dichter -neue Hoffnungen faßte. Wie er nun vor Kennern die -erste Prüfung bestehen sollte, war ihre Seele nur Interesse -und Sorge für ihn. Ihr Gesicht, etwas blässer -als gewöhnlich, hatte einen Glanz, der es geistiger und -bedeutender erscheinen ließ, und Hallfeld, der sie betrachtete, -konnte nicht umhin, die Verwandlung in ihr erkennend, -einen Theil der Wahrheit zu ahnen.</p> - -<p>Heinrich, sinnlich und geistig gehoben, fand im Text -bald den richtigen Ton und las den ersten Akt mit -einer Lebendigkeit, einer Wahrheit, daß die beiden Schauspieler -wiederholt beifällig nickten. Auch über den Inhalt -drückten die Mienen Beistimmung aus.</p> - -<p>„Gut,“ rief Hallfeld; „klar angelegt und eingeleitet! -Ich habe kaum etwas dagegen zu bemerken.“ — „Der -Akt,“ bemerkte Willmann, „löst seine Aufgabe. Der -Conflikt, der vorbereitet und angekündigt ist, reizt, und -wir begehren die Fortsetzung.“ — „Die ersten Akte,“ -meinte Berger, „sind heutzutag meistens gut. Haben -Sie die Güte und lesen Sie weiter.“</p> - -<p>Der Poet las den zweiten Akt, in welchem sich -hauptsächlich der Intrigant entwickelte. Sein artistischer -Vertreter lächelte bei den dialogischen und monologischen -Aeußerungen, warf einen Blick auf den Poeten, als ob -er sich über seine Fähigkeit, derartige Charaktere zu -schaffen, wunderte, und rief am Schluß: „Nicht übel! -Hübsch! Daraus läßt sich was machen!“</p> - -<p>Der Poet, erfreut, entgegnete: „Sonst aber, was -haben Sie einzuwenden?“ — „Nun,“ versetzte der -Schauspieler, „allerlei. Aber im Wesentlichen bin ich -zufrieden, und das Uebrige nach der Lektüre!“</p> - -<p>Der dritte Akt war der ernst- und inhaltreichste. Er -brachte den wirklichen Zusammenstoß, die Bewährung -der Hauptpersonen und, nach charakteristisch erheiternden, -die rührendsten, erhebendsten Scenen. Heinrich, -wissend, um was es sich handelte, las die letzten Auftritte -mit aller Kraft und Innigkeit, deren er fähig -war, und der Effekt war bedeutend, um nicht zu sagen -hinreißend.</p> - -<p>„Bravo!“ riefen Hallfeld und Willmann wie aus -Einem Munde, während ihre Blicke eine bewegte Seele -verriethen. Die Augen der Wirthinnen waren feucht -geworden. Rosa hatte ihrer Rührung und ihres Glückes -kein Hehl, und auch Berger nickte mit ernsthaftem Gesicht.</p> - -<p>„Dieser Akt,“ sagte Hallfeld, „entscheidet. Die Wirkung -auf dem Theater wird durchschlagend seyn, oder -Alles müßte mich täuschen. Und jetzt,“ fügte er lächelnd -hinzu, „zweifle ich nicht mehr, daß auch die beiden letzten -Akte gut seyn werden. Handlung und Dialog bleiben -bei der Klinge — ein schützender Genius muß über -dem Ganzen gewacht haben.“</p> - -<p>Heinrich, mit einem Blick auf Rosa deutend, erwiederte: -„Hier sitzt er in der Gestalt unserer edeln und -liebenswürdigen Freundin!“</p> - -<p>„Das,“ rief Berger, „hab’ ich mir freilich schon -lange gedacht! Alle Achtung vor Ihrem Talent, mein -Herr Poet! Aber der Schritt vom offenbaren Un- -d. h. von offenbarer Ueberphantasie zu Verstand, Sinn -und Grazie macht man von selber nicht so schnell. -Eine gütige Fee mußte Ihnen helfen; und wie ich sehe, -hat sie Ihnen geholfen, vielleicht mehr, als wir jetzt -noch denken.“</p> - -<p>„Sie thun dem Dichter Unrecht,“ entgegnete Rosa -mit ernstlichem Verweisen. „Mein Antheil an dem Stück -ist sehr gemessen. Wenn Sie wollen, hab’ ich im Kriegsrath -meine Stimme abgegeben, die Schlacht aber hat -er gewonnen.“ — „Die Schlacht,“ versetzte Berger, -das Haupt wiegend, „ist eigentlich noch im Gange, und -obwohl die Zeichen auf Sieg deuten, so ist doch noch -Alles möglich.“</p> - -<p>Der Dramatiker las den vierten Akt. Während -der ersten Hälfte schüttelte Berger ein paarmal den -Kopf, wie einer, der ungeduldig wird, und sah dann -mit halbgeschlossenen Augen für sich hin; bei der zweiten -dagegen hellten seine Mienen sich auf und am -Schluß ergriff er zuerst das Wort. Die Wendung der -Intrigue gegen den Anspinner,“ sagte er, „hat — ich -kann’s nicht anders sagen — etwas Feines, und die -Scene zwischen Anna und dem alten Studenten ist geradezu -lustig. Ueberhaupt, die Anna gefällt mir, -und,“ setzte er mit einem fein bedeutsamen Blick auf -Rosa hinzu, „ich habe allen Grund, zu vermuthen, daß -sie auch dem Publikum gefallen wird. Ich wittere hier -etwas wie einen Triumph.“ — Die Gesichter erheiterten -sich, und Rosa dachte bei sich: Das ist nicht ohne Mühe -gewesen!</p> - -<p>„Nun,“ rief Willmann dem Poeten zu, „lesen Sie -schnell den letzten Akt! Wir sind im Zuge! Fängt doch -sogar Mephistopheles an zu loben!“ — Berger drohte -mit dem Zeigefinger und der Doktor lächelte.</p> - -<p>Heinrich las weiter. Die Hörer, zu guter Letzt, -nahmen sich ernstlicher zusammen, und da auch der Inhalt -vorherrschend ernst war, saßen sie mit beinahe feierlichen -Mienen da. Jeder war in sich gekehrt, und nur -ein scharfes Auge hätte die Andeutung besondern Wohlgefallens -bei dieser und jener Einzelheit bemerken können. -Der Schluß — ein zierlich erhebendes Wort des -Glücklichen, der die gerettete Antonie heimführte — entfesselte -aber Herzen und Zungen, und in den Seelen -Heinrichs und Rosas weckten herzlich lebhafte Rufe der -Anerkennung Schauer der Freude.</p> - -<p>„Die Schlacht ist gewonnen!“ rief Hallfeld mit pathetischem -Beifall. „Was man im Einzelnen auch -noch einwenden kann, das Ganze dringt in’s Herz und -gewinnt es!“ — „Und das ist die Hauptsache,“ fuhr -Willmann zum Poeten gewendet fort. „Ich kann’s -nicht verschweigen, ich fühle eine gewisse Verwunderung, -daß es Ihnen so gut gerathen ist, aber — um so besser! -Jetzt sind Sie über’m Berg!“</p> - -<p>Heinrich, nachdem er beiden mit Händeschütteln -gedankt, schaute auf den Komiker, der nach einem allgemeinen -Ausruf der Billigung stumm dagesessen hatte -und nun ein Gesicht machte, als ob ihm des Lobes -viel zu viel wäre. „Und Sie?“ fragte der Poet. „Lassen -Sie die Kritik hören, die Sie versprochen haben! Ich -bin gefaßt — gerüstet!“</p> - -<p>„Nun,“ erwiederte der Schauspieler mit einem gewissen -Behagen, „dießmal wird es gnädig abgehen. -Im Ganzen halt’ ich das Drama für einen guten -Wurf und zweifle nicht, daß wir es mit Glück aufführen -können, falls nämlich darin gewisse unerläßliche -Aenderungen vorgenommen werden.“ — „Und die sind? -Ich höre, mein Herr Regisseur!“ — „Sie haben,“ -fuhr jener fort, „immer noch zwei Neigungen, die ich -als Schauspieler, dem einige Erfahrung zur Seite steht, -sehr bedenklich finden muß, weil Sie in den Dialog -etwas fatal Aufhaltendes und Lähmendes bringen.“ — -Heinrich, ernster geworden, sah ihn fragend an. — -„Zunächst einen Hang zu einer gewissen Umständlichkeit -in der Entwicklung der Gedanken und einer allzu gründlichen -Motivirung. Man kann auch zu viel motiviren, -werther Herr; ja, man kann sogar etwas zu Tode -motiviren!“</p> - -<p>Dieser Spruch, der die andern erheiterte, traf den -Poeten bis zur Verlegenheit. Berger, nachdem er sich -daran geweidet, fuhr fort: „Lebendige Menschen, die -wir Schauspieler ja doch vorstellen, müssen aus ihrem -Charakter heraus handeln und dürfen nicht jeden Entschluß, -den sie fassen, durch eine lange Demonstration -einleiten. Sie haben aber im zweiten, am Anfang des -dritten, namentlich aber in der ersten Hälfte des vierten -Aktes Entwicklungen beliebt von wahrhaft physiologischer -Gründlichkeit. Wenn ich bedenke, daß ich schon -beim Lesen davon chokirt worden bin, so kann ich von -der Bühne herab nur eine geradezu unangenehme Wirkung -prophezeien.“</p> - -<p>„Das ist wahr,“ bemerkte Hallfeld ernsthaft, „und -das muß allerdings geändert werden.“ — „Sodann,“ -fuhr der Andere fort, „zeigen Sie immer noch eine -Tendenz zu einem Pathos, das ich, ohne Sie damit -beleidigen zu wollen, hochtrabend nennen möchte. Ich -will Ihnen zwar bekennen, ich wundere mich, daß der -Verfasser der historisch-romantischen Tragödie darin -nicht noch viel mehr geleistet hat, und mache Ihnen -über die Bekehrung mein aufrichtiges Compliment. Aber -es finden sich doch noch einige starke Proben in dem -Stück, und wie begreiflich sind es gerade die edeln -Liebenden, die sich dadurch hervorthun. An wenigstens -vier Stellen wünsch’ ich eine tüchtige Beschneidung.“</p> - -<p>„Wenn es seyn muß —“ versetzte Heinrich zögernd. -— „Es muß seyn,“ entgegnete der Regisseur mit Nachdruck; -„für die Aufführung unter allen Umständen! -Ueberhaupt,“ fuhr er nach einem Moment lächelnd -fort, „kann ich Ihnen nicht verhalten, daß mir Ihre -Anna um ein Gutes besser gefällt als Ihre Antonie. -Diese soll zwar viel bedeutender, hochgesinnter und -tieffühlender seyn, das sieht man wohl, und verwandten -Seelen mag sie auch so vorkommen. Für mich hat -sie aber eine Art von Prätension, die mir nicht recht -munden will. Die andere ist bescheidener, aber eben -darum ansprechender, wohlthuender. Kurz gesagt: die -Antonie (vorausgesetzt, daß ihr noch einige hochgehende -Reden gestrichen werden) ist mir interessant, aber die -Anna lieb’ ich.“</p> - -<p>Heinrich, durch diese vergleichende Würdigung in’s -Herz getroffen, war plötzlich erröthet, um den Mund -Rosas zuckte dagegen ein Lächeln, das unter dem -Schleier des Ernstes eine innige Genugthuung verrieth. -Hallfeld, der das Erröthen Heinrichs aus der Verletztheit -des Poeten ableitete, glaubte sich in’s Mittel schlagen -zu müssen. „Ich denke nicht ganz so wie Freund -Berger,“ versetzte er. „Die Anna ist reizend, aber die -Antonie hat ihre eigenen Vorzüge, und so viel sie weniger -gefällt, so viel mehr imponirt sie.“ — „Die Geschmäcke,“ -bemerkte Berger, „sind verschieden. Ich halte aber -dießmal den meinen für besser und habe Sie stark in -Verdacht, daß Sie ihn im Stillen theilen. Doch davon -ist nicht weiter zu reden.“</p> - -<p>„Zur Sache denn!“ fuhr Hallfeld fort. „Das Stück -wird nicht über drei Stunden spielen; für ein Schauspiel -ist das aber doch zu lang und der Dichter wird -daher noch etwelche Striche zu dulden haben.“ — „Immer -zu!“ rief der Poet. — „Es wird so arg nicht -werden,“ entgegnete Hallfeld. „Eigentlich ist das Stück -schon gestrichen und man sieht auch daraus, daß nicht -nur Kennerinnen, sondern Künstlerinnen die feine Hand -im Spiele gehabt haben.“ — „Gott vergelt’s ihnen!“ -rief Heinrich mit Laune.</p> - -<p>„Reichen Sie nun,“ fuhr der Regisseur fort, „das -Stück ohne Weiteres ein. An der Annahme ist nicht zu -zweifeln; die Intendanz wird nach einem versprechenden -Schauspiel, in dem noch dazu nichts Anstößiges vorkommt, -mit beiden Händen greifen, und das Uebrige -ist unsere Sache.“ — „So möge es denn,“ rief Berger, -„eingehen in’s Fegfeuer der Regie, um, nach glücklichem -Bestehen desselben, auf dem Repertoire zum ewigen -Leben zu gelangen!“</p> - -<p>Man stieß an, trank und spann nach Abmachung -der Hauptsache, trotz der vorgerückten Zeit, ein zwangloses -Gespräch fort, worin man gleichwohl immer wieder -auf das Stück zurückkam und namentlich unter -allerlei pikanten Bemerkungen die Rollen besetzte. Endlich, -als durch eine nochmalige Füllung der Gläser die -Bowle erschöpft war, erhob sich Willmann, der zuletzt -überlegend dagesessen hatte, mit einer Art humoristischer -Feierlichkeit in seinem Gesicht, und sprach:</p> - -<p>„Meine Damen und Herrn! Wir haben heut einem -Akte beigewohnt, den man, genau genommen, einen -weltgeschichtlichen nennen müßte. Der unvermeidliche -Schritt vom Idealismus zum Realismus, von despotisch -eigenmächtiger Phantasie zur Natur und Naturwahrheit, -der die Eine Aufgabe der Gegenwart bezeichnet, -ist vollzogen von einem Manne, der noch vor -Kurzem mit germanischer Innigkeit und Leidenschaft -an der großen Zauberin und Männerverlockerin hing. -Freuen wir uns dieser That auf der einen, dieser Eroberung -auf der andern Seite! Freuen wir uns als -wohlwollende Herzen, daß es dem begabten Freunde -gelungen ist, von dem Dämon, der ihn im Kreis herumgeführt -hat, sich loszureißen und der schönen grünen -Weide froh zu werden! Er ist angekommen auf dem -heitern Plan, wo muntere Gesellschaft in offenen Gezelten -tafelt und denjenigen, der ihr Vergnügen erhöht, -königlich zu beschenken willig ist. Die Welt, meine -Freunde, ist nicht undankbar. Wer sie erquickt, den -erquickt sie wieder; ihr Dank entspricht der Gabe und -dem realen Spender kommt realer Segen in’s Haus. -Klar zu reden: was verlangt die Welt eigentlich von -uns, den heutigen Schriftstellern? Daß wir ihr Menschen -zeichnen. Wer aber Menschen zeichnet, der zeichnet nicht -nur Leidenschaft und Natur, sondern auch Gemüth und -Geist und alle Tugenden, die in Menschen sich finden. -Und wer’s versteht, der rundet sein Gemälde, daß es -anzieht, fesselt und die reizende Wirkung eines Kunstwerks -macht. Wir Realisten lassen es uns nicht nehmen, -daß wir im Grunde auch die rechten Idealisten sind. -Haben wir nicht eben von einer solchen Verbindung den -Beweis erlangt? Sind wir nicht erhoben worden in -höhere Regionen durch den Aufschwung edler Seelen, -und sind uns nicht Thränen idealer Ergriffenheit in’s -Auge gedrungen? Ja fürwahr, unser Freund hat nicht -nur einen Schritt, er hat einen Sprung gemacht, und -wie ein Löwe vom alten Standpunkt auf den neuen -sich stürzend, ein Werk vollbracht, dem gegenüber die -Lästerungen und Verleumdungen der Zurückgebliebenen -schmählich zu Boden fallen werden. Hat ihm dabei eine -holde Fee liebevoll geholfen — preisen wir ihn glücklich -und benedeien wir die Fee! Wir können nichts ohne -Feen! Wohl uns, daß, nachdem die fabelhaften sich -uns entzogen haben, die realen, die besseren uns geblieben -sind! Der Schutzgeist unseres Dramas, die -Grazie des Theaters, die liebenswürdigste aller Feen, -um so liebenswürdiger, als sie lebendig, wirklich ist — -sie lebe hoch!“</p> - -<p>Alle erhoben sich; unter freudigen Hoch- und Bravorufen -der Männer stieß man an, trank, trank aus und -schüttelte sich mit glänzenden Mienen die Hände. Der -Moment des Scheidens war gekommen, und man trennte -sich in der heitersten Stimmung.</p> - -<p>Wenn der Dramatiker eine tiefe Befriedigung mit -nach Hause nahm, so war das Gefühl, das die Seele -der Künstlerin durchdrang, nicht minder beglückend und -hatte einen edleren, größeren Charakter. Der Zweck, -den ihr liebendes Gemüth sich gesetzt, war erreicht. -Heinrich hatte nicht nur ein Drama zu Stande gebracht, -dessen Erfolg ihr über jeden Zweifel erhaben schien, er -hatte als Bühnendichter die fördernden Einsichten erlangt, -sich gebildet, seine Fähigkeiten in seine Gewalt bekommen, -und was er nun fernerhin unternahm, das konnte -ihm nicht anders als gerathen. Der Grund seines Lebensglücks -war gelegt, durch sie gelegt! Dieser Gedanke -erfüllte sie und erhob sie dergestalt über sich selbst, -daß in dem süßen Stolz der Großmuth auch die Vorstellung, -wie die Früchte des durch sie möglich gemachten -Siegs einer Andern zu Gute kamen, nichts Betrübendes -für sie hatte, sondern Vielmehr etwas Wohlthuendes. -Die Entsagende gönnte der Besitzenden nicht nur ihr -Glück, sie war sicher, daß sie es ruhig, ja freudig mit -Augen sehen werde.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>VIII.</h3> -</div> - -<p>Nach wenigen Tagen war Heinrich im Stande, das -nochmal durchgesehene Stück dem Theater zu übergeben. -Er verfügte sich mit dem Manuscript zum Intendanten -und wurde mit einer Freundlichkeit empfangen, die ihn -gleich in die beste Stimmung versetzte.</p> - -<p>Baron von Dachburg, ein stattlicher Herr in den -Fünfzigen, nahm das Manuscript artig in Empfang. -„Ich habe,“ bemerkte er mit dem Wohlwollen eines -Hochgestellten, „von dem Werk schon viel Gutes gehört -und freue mich sehr, es kennen zu lernen. Bedenkliches,“ -fügte er mit lächelnder Miene hinzu, „politisch -Anzügliches ist nicht darin?“ — „Durchaus nicht,“ erwiederte -der Autor. „Es bewegt sich rein in der gebildeten -bürgerlichen Sphäre.“ — „Das ist gut,“ versetzte -jener. „Solche Stücke sieht man jetzt gern und sie halten -sich! Nun — soll mir sehr lieb seyn, wenn wir es geben -können und damit Glück machen. Sie werden dann -mehr für’s Theater schreiben?“</p> - -<p>„Die dramatische Poesie,“ erwiederte Heinrich, „wird -das Hauptgeschäft meines Lebens seyn. Ich habe schon -jetzt neue Entwürfe, und kann die Zeit kaum erwarten, -wo ich wieder einen in Angriff nehmen kann.“ — „Vortrefflich!“ -bemerkte der Intendant mit Freundlichkeit. -„Sie haben sich,“ fuhr er lächelnd fort, „von Ihrem -Unfall schnell erholt und gleich ein gutes Werk darauf -gesetzt. So ist’s recht! So kommt man vorwärts! Ich -muß Ihnen gestehen, ich habe mit Schriftstellern auch -Erfahrungen gemacht, die nicht ganz angenehm sind. -Mehr als einer, wenn wir ihm ein Stück nicht aufgeführt -haben, weil damit nichts anzufangen war, hat -sich hingesetzt und unsere Anstalt in Journalen heruntergezogen. -Sie haben die Ablehnung nicht übel genommen -und sich vielmehr bestrebt, uns ein neues wirksames -Stück zu verschaffen; Sie sind ein Dichter, ein Mann -von Ehre, und es soll mir eine große Freude seyn, -wenn wir Ihnen jetzt auch den wohlverdienten Erfolg -verschaffen können.“</p> - -<p>Unserem Poeten ging bei diesen Worten des Intendanten -das Herz auf und es wandelte ihn fast eine -Rührung an. Das Glück — das Ja, die Hoffnung auf -das Ja — macht auf den, der unter schmerzlichen Empfindungen -das Nein erduldet hat, immer eine liebliche -Wirkung; die Zustimmung dringt wie Musik in’s Ohr -des Verlangenden, und der, welcher sie ertheilt, gewinnt -in seinen Augen selber ein verklärtes Aussehen. Indem -Heinrich von solchen Gefühlen durchdrungen war, darin -seinen Dank aussprach und dem Intendanten gleichsam -entgegen glänzte, machte er auch auf diesen einen immer -bessern Eindruck; das Gefallen war gegenseitig, -und man schied endlich unter wechselseitigen Höflichkeiten, -wobei das eigentlich seynsollende Verhältniß -zwischen zwei Gleichberechtigten, die ein gemeinschaftliches -Unternehmen besprechen, fast schon erreicht war.</p> - -<p>Als der Poet mit freuderothem Gesicht in’s Vorzimmer -trat, stand Berger vor ihm. Man grüßte sich -und der Regisseur betrachtete den Glücklichen mit forschendem -Blick. „Sie kommen vom Herrn Intendanten? -Sind charmant empfangen worden?“ — „Allerdings!“ -rief Heinrich. — „Beneidenswerther Dramatiker! -Jetzt, wenn Sie Flügel hätten, würden Sie -doch wohl direkt zur Sonne fliegen?“ Der Poet zuckte -die Achsel. „In Ermanglung derselben geh’ ich direkt -in’s Weinhaus. Adieu!“</p> - -<p>Berger sah ihm nach und sagte für sich: „Er ist -mir gar zu glücklich, der junge Mann! Ich fürchte, -ich fürchte, das Schicksal hat noch eine Prüfung für -ihn aufgespart!“</p> - -<p>Zunächst sah es aber nicht darnach aus, als ob -diese Besorgniß in Erfüllung gehen sollte. Wenige Tage -nachher bekam Heinrich von der Intendanz ein Schreiben -zugesandt, worin ihm nicht nur die Annahme seines -Dramas gemeldet, sondern hinzugefügt war, daß die -Vorstellung noch in dieser Saison statthaben und möglichst -beschleunigt werden solle.</p> - -<p>Köstliche Eröffnung für einen Poeten, der bis jetzt -viel, sehr viel gestrebt, aber sehr wenig Reales erreicht -hatte! Und wie reizend es gewesen, Sieg und Ruhm -im Geiste vorauszunehmen, da beide noch als bloße -Forderungen existirten — der Hinblick auf eine Entscheidung -in nächster Nähe, deren glücklicher Ausfall -garantirt schien, war doch etwas ganz anderes; eine -markig poetische Vorstellung, dem wirklichen Erleben am -ähnlichsten, und für ihn, der in dieser Beziehung nur -in Phantasien gelebt hatte, ein ganz neues Gefühl.</p> - -<p>Ein Verlangen, das er längere Zeit nicht empfunden, -rief ein Lächeln auf sein Gesicht. Er nahm den -Kalender, der auf seinem Schreibtisch lag, suchte den -heutigen Tag auf und ein heiterer Ausruf entfuhr ihm. -Der Name war: „Felicitas.“ — Felicitas! Das konnte -nicht bloß die Annahme seines Stückes bedeuten, das -freilich an sich schon ein Glück war, der ganze Sinn -mußte vielmehr seyn, daß Annahme und Aufführung -das Glück seines Lebens begründen würden.</p> - -<p>In der Freude seines Herzens eilte er zu den beiden -Freundinnen. Die günstige Entscheidung war für -sie freilich keine Neuigkeit mehr, Rosa hatte sie schon -mit nach Hause gebracht, aber die Verbriefung wurde -doch mit Jubel aufgenommen. Der gute Poet war so -voll Glück und Dank, daß ihn eine Art von Taumel -anwandelte; er verwickelte sich in den Artigkeiten, die -er noch einmal spenden zu müssen glaubte, aus Ueberfülle -seines Herzens dergestalt, daß Worte aus seinem -Munde kamen, die fast den Eindruck einer Liebeserklärung -machten. Jedenfalls war es eine Freundschaftserklärung -der wärmsten Art, die er an die Künstlerin -richtete, und ein Händedruck begleitete sie, von einer -Zärtlichkeit, welche auf die Wangen der Empfängerin -Rosen und auf die Lippen ein süßglückliches Lächeln rief.</p> - -<p>Als er fort war, sagte die Tochter zur Mutter: -„Es ist doch eine grundgute Seele, unser Dichter! Der -immer wiederholte Dank könnte einem lästig werden; -aber man sieht daraus eben, daß er wirklich dankbar -ist und nicht mit Einer Erklärung den Dienst für abbezahlt -hält, und das freut mich doch auch wieder.“</p> - -<p>Die Mutter schaute sie an, lächelte und seufzte. -„Ach,“ versetzte Rosa, „laß das, gute Mutter! Man -muß sich nicht immer heirathen, wenn man sich lieb -hat. Im Gegentheil. Manche sind der Meinung —“ -— „Geh!“ rief die Mutter. „Stelle dich nicht lustiger -als du bist!“ — „Nun,“ fuhr das Mädchen ernster -fort, „das mag seyn wie es will. Der Umgang mit -diesem Bräutigam hat mir Freude gemacht und ich -habe Augenblicke, in denen ich vollkommen glücklich -bin. Sind es nur Brosamen, die von des Herren -Tische fallen — ich bin damit zufrieden, und damit -gut!“ —</p> - -<p>Ob die Zufriedenheit Rosas wohl keine Störung -erlitten hätte, wenn sie erfuhr, welche Gedanken in -diesem Moment den Dichter bewegten? Ein anderer -Zug hatte sein Herz ergriffen, eine andere Strömung -ging Alles überfluthend durch sein Inneres. Der Moment, -den Liebe und Ehrgeiz mit gleichem Glutverlangen -herbeigesehnt hatten, war endlich erschienen: er konnte -der Geliebten jetzt nicht nur das günstige Urtheil von -Kennern, sondern die wirkliche Annahme seines Stücks -und die baldige Aufführung melden — Thatsachen, -welche die letzten Bedenken im Herzen der Eltern niederschlagen -und, durch den Erfolg auf der Bühne gekrönt, -ihm die Braut in die Arme führen mußten. -Sobald er zu Hause war, schrieb er in diesem Sinn -und ergoß die Fülle seines Herzens in einem Bericht, -welcher die Glut und den Schwung einer Dichtung -hatte.</p> - -<p>Man gesteht, daß Heinrich ein Recht hatte, sich -glücklich zu fühlen. Freundschaft und Liebe begeisterten -ihn. Aussichten auf Erfüllungen, deren Duft ihm berauschend -entgegen strömte, hatten sich ihm eröffnet, -und zunächst erwarteten ihn Vorbereitungen des großen -Unternehmens, die ihm schon als völlig neue Geschäfte -reizend erscheinen mußten.</p> - -<p>Eines derselben, die Leseprobe seines Dramas, fand -in der folgenden Woche statt. Wenn er sich davon einen -besondern, oder gar einen künstlerischen Genuß versprochen -hatte, mußte er sich freilich getäuscht sehen. Im Grunde -machten die Rollenleser das Schauspiel für sich zur -Komödie, lasen nach Laune scherz- oder ernsthaft, laut -oder murmelnd, versuchten hie und da einen travestirenden -Ton und benützten jeden Anlaß, um Heiterkeit -an den Tag zu legen. Berger hatte als fungirender -Regisseur, der mit dem Autor die Lektüre leitete, die -größte Mühe, sich gegen seinen eigenen Muthwillen in -der Würde seines Amtes zu erhalten, konnte aber doch -nicht umhin, durch ein paar komische Verlesungen allgemeines -Lachen hervorzurufen.</p> - -<p>Von einer Wirkung des Stücks als eines dramatischen -Ganzen konnte nicht die Rede seyn. Auch in -dieser Beziehung war es gut, daß der Autor sich durch -eigenes Vorlesen hierüber Gewißheit verschafft hatte, -denn sonst wären ihm Anwandlungen peinlichen Zweifels -wohl nicht erspart worden. Jetzt fand er sich darein -und lachte, zum Theil auf seine Kosten, herzlich mit.</p> - -<p>In die nächsten Tage fielen Besuche, die Heinrich -bei seiner Antonie und seinem Robert (dem Liebhaber) -zu machen hatte. Die Künstlerin war nicht mehr ganz -jung, aber noch immer von stattlicher Schönheit, darum -auf dem Theater, bei der Regelmäßigkeit ihrer deutschen -Züge, eine glänzende Erscheinung. Sie hatte die -Rolle sehr an’s Herz genommen, erklärte dem Autor -ihre Freude darüber und las ihm eine ihr besonders -liebe Rede aus dem dritten Akt mit einer Innigkeit, -daß der Hingerissene sie unwillkürlich wie etwas ganz -Neues selber bewunderte. Auch der Liebhaber war mit -seiner Partie ganz zufrieden, konnte pathetisch Uebertriebenes -mit nichten darin finden und bemerkte dem -Dichter lächelnd, er solle ihn nur machen lassen.</p> - -<p>Heinrich überlegte auf dem Heimweg die Erfahrungen -der letzten Zeit mit Behagen. Er mußte sich gestehen, -daß der Verein von Bildung, Leichtigkeit, froher -Laune und gutmüthigem Wesen den Schauspielern etwas -eigen Anziehendes und dem Verkehr mit ihnen -einen ganz besondern Reiz gab. Daß dieser Verkehr -nun in dem gemeinschaftlichen Unternehmen eine praktische -Basis hatte und für den Dramatiker, der fort -producirte, überhaupt niemals abriß, war ihm ein sehr -erfreulicher Gedanke.</p> - -<p>Nicht lange, so wurde er zur ersten Theaterprobe -gerufen. Als ihn der Fuß zum erstenmal durch die -Coulissen auf die Bühne trug, empfand er mit einem -gewissen Schauer die ganze Größe des Moments, der -ihn in die nächste Nähe einer Lebensentscheidung versetzte. -Von Berger und Rosa gebeten, vorläufig nur -zu beobachten, nahm er an dem Tische des Regisseurs -im Vordergrund Platz und sah wie träumend auf die -ersten Inscenirungsversuche.</p> - -<p>Die schwache Beleuchtung gab dem ganzen Treiben -etwas Geheimnißvolles, Nächtliches — um nicht zu sagen -Unterirdisches — das auf den Autor einen wunderseltsamen -Eindruck machte. Es war ihm, als ob Gnomen -ihm sein Werk abgenommen hätten, um nun auf -eigene Weise damit zu wirthschaften und sich eine Unterhaltung -daraus zu machen.</p> - -<p>Der Zuschauerraum, wenn der Blick sich dahin -richtete, gähnte ihn in seiner absoluten Leerheit fragenvoll -an. Wird er am Tage der Entscheidung sich -füllen? Werden die Gesichter freudig schauen und die -Hände mit gefühlt kräftigem Zusammenschlagen jenes -gewaltige Rauschen bewirken, das als entzückende Harmonie -in die Ohren der Schauspieler — des Dichters -dringt?</p> - -<p>Große Frage! Mächtiges Anliegen! Aber der Raum -antwortete nicht und sah in seinem braunen Dunkel -auf ihn her — ein Symbol mystischer Allmöglichkeit. -War doch auch die Handlung, die dem Publikum vorgeführt -werden sollte, noch äußerst im Werden — ein -Kommen und Gehen, ein Versuchen und Wiederversuchen, -ein Recitiren, wobei der Souffleur allgegenwärtig -helfen und wieder helfen mußte, um oft nur -schlechten Dank dafür zu ernten.</p> - -<p>Man hatte sehr Recht gehabt, dem Autor dieses -erste Experiment in Bezug auf Wirkung als nichts beweisend -zu charakterisiren. Darüber unterrichtet wurde -es ihm nach und nach geradezu heimlich zu Muthe. Er -sah sich in das wundersame Treiben verflochten, eingesponnen, -und die zweite Hälfte schien ihm nun bereits -auch mehr Façon zu bekommen. Die erste Liebhaberin -und Rosa waren ihrer Partien schon fast ganz mächtig, -wurden in einzelnen Auftritten zu förmlichem Spiel erwärmt -und erquickten den Poeten durch den reinen kräftigen -Herzensklang der Rede. Er selber faßte den -praktischen Zweck in’s Auge und machte Vorschläge zu -Stellungen, die ein paarmal sogar befolgt wurden.</p> - -<p>Die verhältnißmäßige Befriedigung, die er zuletzt -empfand, wurde übrigens getrübt durch eine hingeworfene -Bemerkung Bergers. „Das Stück,“ sagte dieser, -als sie zusammen das Theater verließen, „ist doch noch -zu lang. Uebermorgen werden wir hierüber klar sehen, -und dann müssen Sie unter Umständen noch ein paar -tüchtige Schnitte machen.“</p> - -<p>Die zweite Probe begann auf eine für den Dichter -sehr anziehende Weise. Die Rollen waren unvergleichlich -besser gelernt und die Reden gingen so rasch vom -Munde, daß sie bereits im Zusammenhang auf ihn zu -wirken begannen. Die Wahrnehmung der beginnenden -Organisation, des lebendigen Zusammengreifens, erquickte -und hob seine Seele. Welch ein Gefühl, den Dialog, -den er in einsamer Stube geschaffen, hier zu vernehmen -aus dem Munde von Künstlern, die alle den ihnen -angewiesenen Theil zur eigensten Sache machten! Welche -Lust, die Gestalten, die er nur als Bilder des Geistes -besaß, durch sie verkörpert und die vorzüglichsten eine -Innigkeit, Kraft und Leidenschaft offenbaren zu sehen, -daß Entschlüsse und Worte mit Nothwendigkeit in ihnen -sich erzeugt zu haben schienen! Es war von ihm, was -er hörte und sah, und doch etwas Anderes: gefärbt, -gemodelt durch die Individualität des Schauspielers, -neu geworden durch eigenthümliche Natur und Kunst -und zum Theil in einer Weise potenzirt, daß er, der -Autor, es selber zu beklatschen große Lust empfand.</p> - -<p>Ein tiefes Bewußtseyn der Macht durchdrang ihn. -Er war Urheber dieser Aktion, die sich zum Kunstwerk -vollenden wollte! Er war das Princip, das mittelst -liebevoller Organe die Gebilde seiner Phantasie in -die Sinnenwelt treten sah! Freilich erlangten die Ideen -erst ihre Vollendung durch die Organe, die das aus sich -hinzugaben, was jenen noch fehlte, die sinnliche Realität. -Allein in dem Bunde des Dichters mit dem Künstler -war jener doch die erfindende, anordnende, vorschreibende, -dieser die reproducirende, ausführende Macht. -Nicht so — das fühlte er natürlich — als ob die Kunst -des Schauspielers überhaupt keiner Erfindung bedürfte, -die im Gegentheil auf’s dringendste gefordert war; aber -die Kraft des Poeten war eine Kraft zur Schöpfung, -die Kraft des Schauspielers eine Kraft zur schönen -Aeußerung des bereits Geschaffenen und verhielt sich -mithin zu jener als weibliche zur männlichen.</p> - -<p>Wenn er daraus nicht von selber den Schluß zog, daß -der Dichter gegen Schauspieler überhaupt — auch gegen -die männlichen — galant zu seyn habe, so wurde es -ihm durch Erfahrung beigebracht.</p> - -<p>Der erste Liebhaber, der heute förmlich zu spielen -begann, machte einmal einen Accentfehler, und der Poet -rief ihm das hervorzuhebende Wort mit der Lebhaftigkeit -eines Verletzten zu. Die Folge war ein sehr markirter -Verdruß auf dem Gesicht des Künstlers, der solche -Einhülfe nicht gewohnt zu seyn schien. Heinrich fühlte, -daß die Oeffentlichkeit der Correktur nicht angebracht sey, -verhielt sich bei einem zweiten Fehlgriff schweigend, und -benutzte eine kräftige Schlußrede des Herrn, um durch -lauten Beifall sein Gesicht wieder aufzuhellen. Dann -ging er mit ihm auf die Seite und schlug die richtige -Accentuirung vor. Der Schauspieler nickte lächelnd, -und Heinrich gab in seinem Innern dem geheimen Verfahren -den Vorzug.</p> - -<p>Als er in der Seele vergnügt auf die Bühne zurückkehrte, -trat ihm Berger entgegen und sagte: „Es -thut mir leid, Ihnen eine doch vielleicht unangenehme -Bemerkung machen zu müssen. Der so schöne dritte -Akt hat einen großen Fehler: er ist zu lang. Im fünften -und sechsten Auftritt kommen Reden vor, die nicht -eigentlich zur Sache gehören, sie müssen heraus!“</p> - -<p>„Aber, lieber Freund,“ rief Heinrich nach einem -Moment der Ueberlegung, „das sind ja gerade die schönsten -Stellen!“ — „Thut nichts! Sie müssen heraus!“</p> - -<p>„Ah,“ rief der Poet, „Spiele des Geistes — Lichter, -die einige Minuten in Anspruch nehmen!“ — „Sie -müssen heraus, sag’ ich Ihnen!“ — „Wenn ich sie nun -aber nicht streiche?“ — „Das ist etwas Anderes,“ entgegnete -der Regisseur. „Dann wasch’ ich meine Hände -in Unschuld.“</p> - -<p>Der Poet, mit humoristischem Unmuth, der aber -einen guten Theil Ernst enthielt, stampfte den Boden. -Der Regisseur betrachtete ihn vergnügt, zuckte die Achseln -und sagte: „Probiren wir die letzten Akte! Mir schwant -sogar noch etwas?“ — „Was?“ rief der Poet, „noch -etwas?“ — „Ich vermuthe sehr,“ entgegnete der Andere. -Und indem er ihn mit väterlicher Freundschaft -ansah, fuhr er fort: „Ja, ja, mein Bester! Das Fegfeuer, -von dem ich neulich sprach, ist keine bloße Floskel! -Man muß wirklich hindurch und die Flecken müssen -weg, sonst kommt man nicht — Doch da naht Vater -Hallfeld mit dem Liebespaar, hören wir sie!“</p> - -<p>Der vierte Akt ging sehr gut vorüber. Berger that -hier, wie schon im zweiten, sein Bestes, wirkte sogar -auf die Schauspieler ergötzlich und fand nun, daß an -diesem Akt, obwohl er Zeit genug in Anspruch nahm, -doch nichts zu streichen sey. Beim Beginn des fünften -sah er auf die Uhr. Er ließ ihn ruhig spielen, agirte -seine Partie zu Ende, nickte aber bei den letzten Scenen -mit einem Ernst, der etwas Drohendes hatte.</p> - -<p>Als das letzte Wort gesprochen war, holte er zu der -Gruppe der noch Anwesenden den Poeten herbei und -sagte: „Die Probe ist gut gegangen; wir haben sogar -wunderbarer Weise keine Scenen wiederholen müssen -und können mithin sagen, wie lang das Stück spielen -wird. Ueber drei Stunden immer noch, und das ist -so lang, daß es dem Stück den Untergang bereiten -kann.“</p> - -<p>„Ueber drei Stunden?“ rief Hallfeld ungläubig. — -„Ueber drei Stunden,“ erwiederte Berger, „mit dem -ersten und dritten Zwischenakt, die wegen zweier Umkleidungen -eine längere Zeit beanspruchen.“ — „Das -ist wahr,“ versetzte Hallfeld nach einem Moment des -Erwägens.</p> - -<p>Rosa schaute besorgt auf den Dichter. „Da muß -noch gestrichen werden!“ — rief sie. — „Meine Ansicht -und mein Antrag,“ versetzte Berger — „Herr Dichter, -ich kann Ihnen nicht helfen! Sie müssen aus dem dritten -Akt herausbringen, was ich Ihnen schon gesagt -habe, außerdem aber die letzten Scenen des Stücks kürzen, -umarbeiten, wie Sie wollen, so daß sie Schlag -auf Schlag gehen. Wenn der Zuschauer auf das Ende -hinsieht, dann hat er keinen Sinn mehr für nebenläufige -Interessen und für schöne Reden, die nicht absolut -zur Handlung gehören. Wie der Blitz muß es -herabfahren, nichts darf aufhalten! Ihre letzten Scenen -halten auf, bringen Sentenzen, Beleuchtungen, die auf -dem Theater überflüssig sind. Aendern Sie! Wir haben -noch zwei Proben — es geht noch!“</p> - -<p>Die Schauspieler ohne Ausnahme stimmten zu, und -der Poet gab sich. Berger lobte ihn; dann, zu Hallfeld -und Rosa gewendet, fuhr er fort: „Meine Herrn und -Damen, wir haben uns eben wieder einmal getäuscht. -Wenn auch unser altbewährter Spruch, daß Alles, was -beim Thee oder Punsch gelobt wird, nichts tauge, dießmal -glücklicherweise keine Anwendung findet, so ist uns -doch in der süßen Betäubung des Getränks und der -Freundschaft bei den letzten Scenen die Schlange hinter -Blumen entgangen — mir sogar, der ich mich noch am -meisten des kritischen Umherspähens beflissen habe. -Freuen wir uns, daß wir es noch in der eilften Stunde -gemerkt haben und lassen wir uns nun das wohlverdiente -Mittagbrod schmecken!“</p> - -<p>Wer der letzten Aufforderung am wenigsten nachkommen -konnte, war der Poet. Er aß in seinem Speiselokal -mit Hast, begab sich nach kurzem Gang in laulicher -Luft heim und machte sich entschlossen an die Arbeit. -Die beanstandeten Zierlichkeiten im dritten Akt -strich er seufzend. „Dieser Einfälle,“ sagte er sich, „hab’ -ich mich gefreut, sie sind unläugbar fein und schön, und -nun müssen sie weg!“ Die neue Verbindung, nachdem -er sie fertig gebracht, schien ihm lange nicht so elegant, -wie die gestrichene. „Aber was thut’s?“ rief er ironisch. -„Sie hat ja einen Vorzug, der alle andern aufwiegt: -sie ist kurz!“</p> - -<p>Die zweite Operation war ungleich schwieriger. Hier, -wenn auch manches aus den vorliegenden Scenen zu -brauchen war, galt es eine völlige Umarbeitung, und -wie sollte ihm diese jetzt gelingen? Wie sollte er ohne -Freiheit, ohne Behagen, ohne Begeisterung eben das -Beste, das Ende gut Alles gut auf’s Papier werfen?</p> - -<p>Er erfuhr nun aber, was wir Alle schon erfahren -haben: daß der Drang der Nothwendigkeit die Initiative -des Genius ersetzen kann. Das Unumgängliche glüht -wie Feuer auf uns her, die Gefahr erregt, erhitzt uns, -eine stille Wuth gedeiht zu förmlicher Begeisterung: der -Sprung wird gewagt — und er glückt.</p> - -<p>Drei Stunden waren vorübergegangen, als die Aenderungen -vor ihm lagen; aber sie freuten ihn selbst. -Schlag auf Schlag! Der verwünschte Regisseur hatte -Recht: so war’s besser! Nun mußte er die Aenderungen -noch in die verschiedenen Rollen einschreiben, die er -mitgenommen hatte. Er that auch dieß, und besorgte -dann die Rollen an ihre Inhaber, zum Theil in eigener -Person. Todtmüde kam er nach Hause, und überlegte, -auf das Sopha gestreckt, wie groß der Erfolg -seiner Arbeit seyn müsse, um ihn für die Aufregungen -und Strapazen dieser Tage nur einigermaßen zu entschädigen.</p> - -<p>Einen Lohn brachte ihm doch schon die dritte Probe. -Berger, nachdem er die Aenderungen gelesen, rühmte -ihn und drückte ihm die Hand. „Es hat weh gethan,“ -sagte er dann, „der Schnitt in’s Fleisch? Was? Aber -’s ist besser so! Beim Teufel, gut haben Sie’s gemacht! -Famos!“ Lächelnd trat er einen Schritt näher und -sich heiter feierlich neigend, setzte er hinzu: „<i lang="fr" xml:lang="fr">Succès -complet!</i>“</p> - -<p>Die Wangen des Poeten, die von Mühen und -Sorgen etwas gebleicht waren, überzogen sich bei dieser -Zustimmung mit Röthe. Die Probe begann und er -folgte ihr mit Freude. Zum drittenmal hörte er nun -seine Worte; aber sie klangen nur um so traulicher zu -ihm her, besonders aus dem Munde der anmuthigen -Schauspielerinnen, die ihnen die schönste Seele einzuhauchen -wußten. Der Dialog überhaupt ging flüssig, -und die Effektmomente traten als solche deutlich hervor.</p> - -<p>Die nächtliche Scenerie des Lokals, die ihn zuerst -so seltsam angemuthet hatte, machte nun in ihrer Heimlichkeit -einen vergnüglichen Eindruck auf ihn. Es lag -in dem Thun und Treiben ein Reiz, wie ihn das verborgene -Schmieden eines Complottes haben mag, das -zum Sieg der Betheiligten führen soll. In Puppenhülle -geschah die Vorbereitung des Schmetterlings, der -an’s Licht treten und in prachtvoller Entwicklung alle -Welt erfreuen sollte.</p> - -<p>Die neuen letzten Scenen erprobten sich vollständig. -Man gratulirte dem Poeten von allen Seiten, und -Rosa nickte mit gesenkter Wimper selig lächelnd. „Das -hat Mühe gekostet,“ rief sie ihm zu, „nicht wahr? Aber -es ist der Mühe werth gewesen!“ — „Das mein’ ich -auch,“ rief Berger. „Was wollen Sie? Wir haben -wieder einmal ein Stück, und damit Punktum!“</p> - -<p>Als Heinrich mit auffallend heiterem Gesicht in das -Speisehaus trat, das er seit Wochen regelmäßig besuchte, -ließen sich die dortigen Bekannten Bericht erstatten, -drückten ihr großes Verlangen aus, das Stück zu sehen, -und die gutgelaunten übten sich einstweilen im Klatschen. -Der Poet, überall von wohlthuenden Wellen umspült, -aß mit Lust und gründlichem Appetit. Nach einem -tüchtigen Spaziergang suchte er die Ruhe seiner Stube -und fand ein Schreiben von Auguste. Mit begreiflicher -Hast, denn er hatte lange darauf gewartet, erbrach, mit -ernstem Gesicht las er es.</p> - -<p>Es war die lebendigste, wärmste Theilnahme, die -sich darin für ihn ergoß, aber durch einen dunkeln Ton -der Sorge, um nicht zu sagen der Wehmuth, überschattet. -Die Geliebte, die freilich nur aus der Ferne -zu sehen vermochte, schien den Hoffnungen, die er an -seine letzten Erfahrungen geknüpft hatte, keinen vollen -Glauben schenken zu können. Um so inniger und feuriger -waren ihre Wünsche für ihn, um so dringender -ihre Ermahnungen. Eine fast mütterliche Zärtlichkeit -sprach aus dem Brief. „Ach, lieber Heinrich,“ rief sie -ihm zu, „du machst dir keine Vorstellung, wie dein -Glück der Gedanke meines Herzens ist, wie mich die -Sorge für dich zittern macht! Dein Lebensplan ist ungewöhnlich -und begeisternd, aber umgeben von Gefahr, -Sorgen und schweren Mühen. Ach, wohl müssen die -Dichter ihre Befriedigung finden in ihrer Arbeit selber, -denn wie gering ist eigentlich ihr Lohn, und wie gehässig -wird ihnen auch der geringe noch streitig gemacht! -Wie müssen sie alle Kräfte des Geistes und Herzens -anstrengen und den höchsten Fleiß anwenden Jahre hindurch, -um endlich zu haben, was Andere spielend, im Vorbeigehen -erwerben! Und doch, wenn der Erwerb auch -Nebensache ist, so gehört er doch nothwendig zum Leben. -Das Schaffen, wie göttlich es an sich ist, muß sich doch, -leider, auch irdisch lohnen. Ich sehe dich nun schon -Jahre lang streben und ringen und von einer Arbeit -zur andern gehen; und mich ergreift eben jetzt, wo du -mir so sicher den Erfolg ankündigst, eine Furcht, die -mich verzagen macht. Möge es dir gut gehen, theurer -Heinrich! Mögest du alles gehoffte Glück erlangen! Dieß -ist der brennende Wunsch meiner Seele, der meinem -Herzen ausgepreßte Ruf, den ich an dich aus der Ferne -richte!“</p> - -<p>Heinrich legte den Brief still aus der Hand. Die -Geliebte hatte sich noch nie mit so leidenschaftlicher Innigkeit, -aber auch noch nie so geängstigt, so gedrückt -gegen ihn ausgesprochen. War die Stimmung in ihrer -Familie gegen ihn eine zweifelnde, schlimmere geworden? -Hatte sie von den Eltern zu leiden? Nach einem -Schweigen aufathmend, rief er: „Wahrlich, ein Erfolg -thut mir jetzt noth! Ich sehe, daß die Familie einen -greiflichen Beweis meiner Kunst verlangt, und im -Grunde hat sie dazu auch das Recht. Gott sey Dank, -daß ich nur noch einen Tag vor der Entscheidung stehe.“</p> - -<p>Eingangs hatte Auguste gemeldet, daß sie ihm -schreibe vor ihrer Abreise zu Kronfelds, deren dringender -Einladung sie nicht länger habe widerstehen können. -Ihm war es nun tröstlich, daß sie hier Zerstreuung -finden würde, bis er selber kam und durch die glückselige -Botschaft alle Sorgen zerstreute. Denn das -wollte er thun. Was die Zeitungen bekannt machten, -das konnte er nicht hindern; aber er selbst wollte brieflich -nichts melden, sondern in Person den Bericht erstatten -und den Lohn aller Anstrengungen, die Wirkung genießen.</p> - -<p>Die vierte und letzte Probe — am Tage der Aufführung -selber — ging so glatt wie eine Vorstellung. -Heinrich mußte glauben, was ihm von mehreren versichert -wurde, daß die Rollen auffallend gut gelernt -seyen. Berger, der die Bemerkung auch machte, fügte -hinzu: „Das ist der Vortheil des Schauspiels und der -natürlichen Prosa. Verse würden sie heute noch stottern -und unter Kunstpausen vom Souffleur herauflangen -müssen.“</p> - -<p>Obwohl ihm schließlich von Allen das Beste prophezeit -worden war, so hatte der Autor gegen Abend auf -seiner einsamen Stube doch eine sonderbare Empfindung. -Der Tag war trüb und es begann fein zu regnen; -günstiges Wetter in Einem Betracht, das aber doch einen -grauen Flor über seine Seele warf. Er hatte sich so -lange ritterlich gehalten, unser Dramatiker; nun, in -thatenloser Stille, kamen ihm wieder Gedanken, und -mit den Gedanken Zweifel. Sein Herz fing zu seiner -eigenen Ueberraschung wieder an zu klopfen, und ein -leichter Schauer ging ihm über den Leib. Er konnte -sich’s nicht wegläugnen, er bekam, was man eine Gänsehaut -zu nennen pflegt, und aller gute Muth, aller -Trotz, der in ihm lag, war nöthig, die Bängniß einigermaßen -zurückzudrängen und darüber zu lächeln.</p> - -<p>Unstreitig, für ihn handelte sich’s um keine gewöhnliche -Entscheidung. Auch derjenige, bei dem an solchem -Tag nicht das ganze Lebensglück, sondern nur ein bescheidener -Theil davon auf dem Spiele steht, kann doch, -wenn Alles gethan und fest bestimmt ist, mit empfindlichem -Unbehagen die letzten Stunden des Harrens verbringen. -Eben die Muße, die ihn zur Passivität verurtheilt, -macht ihn zum bloßen Instrument, worauf nun -beunruhigende Geister nach Lust und Laune spielen -können. Bei Heinrich erhielt aber in Folge seiner besondern -Verhältnisse und einer ihm eigenen Feinfühligkeit -alles das eine abnorme Steigerung. Am Morgen -schon, als er zur Probe ging, waren seine Augen durch -die Theaterzettel erschreckt worden, die ihm von den -Straßenecken entgegenschauten und zuzurufen schienen: -„Unwiderruflich!“ Es war ihm gewesen, als ob man -es ihm ansehen müßte, daß er der Heinrich Born sey, -der mit so fetter Schrift auf dem Zettel prangte, und -er hatte sich darum an dem ersten sachte vorbeigeschlichen. -Die Glückwünsche bei Tisch hatten für ihn heute einen -Klang gehabt, in den etwas dämonisch Gefahrdrohendes -eingemischt war. Die scherzhafte Laune von gestern -hatte sich auch bei den muntersten Tischgenossen in Ernst -verwandelt und keiner von ihnen hatte ihm ein belustigendes -Wort mit nach Hause gegeben. Nun saß er da, -völlig allein, sah die Frist kleiner und kleiner werden, -die ihn von dem Ereigniß trennte, und dieses trat ihm -in riesiger Bedeutung vor die Seele. Er dachte an das -Tribunal, vor das er sich zu stellen hatte, an die Neigung, -die Stimmung des Publikums, auf die Alles ankam -und die gleichwohl unberechenbar war; an mögliche -Zwischenfälle, die störend, ja verderblich werden konnten; -an das Handgreifliche der Niederlage vor einer öffentlichen -Versammlung, die sich ablehnend verhielt oder -gar mit entrüstetem Lärm verdammte — und trotz -Allem schien er einen Wurf wagen zu müssen, oder -schien man (denn die Sache war ihm ja bereits ganz -aus der Hand genommen) einen Wurf zu wagen in -seinem Namen, der ganz eben so gut Alles verlieren -wie gewinnen konnte.</p> - -<p>Aus dem Sturm der Gefühle, welche diese Gedanken -in ihm erregten, erhob er sich gewaltsam. Er kleidete -sich an — in sein bestes Gewand; denn war er zum -Opfer bestimmt, so wollte er als Opfer wenigstens auch -geschmückt seyn. Die Uhr des nächsten Thurmes schlug -sechs, er hüllte sich in seinen Mantel, setzte den Hut -auf und ging gegen die Thüre.</p> - -<p>Auf einmal stand er und kehrte sich um. Mit einem -Ausdruck, als ob er eine förmliche Thorheit beginge, -die er aber doch nicht zu lassen vermöchte, trat er zum -Schreibtisch, nahm den Kalender zur Hand und suchte -den Patron des Tages. Er las: „Emanuel.“ Ernste, -aber gute Vorbedeutung. Beruhigter machte er sich auf -den Weg zum Theater.</p> - -<p>In dem Kunsttempel, der heute für ihn die Bedeutung -einer Arena hatte, angekommen, begab er sich auf -die Bühne, wo er zunächst nur einige Diener traf, die -den mechanischen Theil der Vorstellung zu besorgen hatten. -Der Gedanke des complicirten, stufenmäßigen Zusammenwirkens -bei einer solchen ging ihm durch den -Kopf. Wie vieler Kräfte bedurfte es dazu, von dem -Dichter an, der das Werk schuf, bis hinunter zu dem -untersten Gehülfen, der die Coulisse schob oder am -Strange des Vorhangs zog! Das Publikum sagte sich -das aber nicht, ja ließ sich am Ende das Produkt so -vieler Anstrengungen gar nicht einmal gefallen.</p> - -<p>Allmählig regte sich’s draußen im Zuschauerraum. -Der Poet sah durch die kleine Oeffnung des Vorhangs, -die man ihm bezeichnet hatte, und ward erfreut durch -ein schon ziemlich gefülltes Parterre und durch versprechend -besetzte Punkte der numerirten Plätze. Was auch -kommen mochte, die vertrauende Theilnahme des Publikums -war doch schmeichelhaft und wirkte ermuthigend -auf seine Seele.</p> - -<p>Die Schauspieler, einer um den andern, kamen auf -die Scene. Der Poet starrte die ersten, den Liebhaber -und die beiden Regisseure, die durch Costüm, Schminke -und „Maske“ unkenntlich gemacht waren, einen Moment -an, um, sie erkennend, die dargereichten Hände zu -schütteln.</p> - -<p>Immer näher rückte der Moment, immer festlich -ernster wurde die Zurüstung. Pochte das Herz des -Autors auch ungleich lebhafter als gewöhnlich, so war -es doch eine feierliche Unruhe, die ihn bewegte; es war -eine „bange Wonne,“ die ihn ergriff —</p> - -<p class="quotation"> -„Wie einen König bei der Thronbesteigung.“<br /> -</p> - -<p>Zuletzt traten die beiden Damen herein, die das -Stück mit zu beginnen hatten, und kamen auf die -Gruppe zu — in blendender Schönheit. Der Poet begrüßte -sie mit dem Blick eines Bezauberten, und im -Entzücken des Anschauens verlor sich der letzte Rest von -Angst aus seinem Herzen. Die Freundin betrachtete ihn -verklärt lächelnd mit einem unmerklich süßen Schein von -Wehmuth um die Lippen; dann schwebte sie zum Vorhang -und rief, sich umsehend, mit gedämpfter Stimme: -„Ah, ganz schwarz! Kommen Sie!“ Heinrich eilte hin, -sah hinaus, erblickte ringsum gefüllte Räume, und ein -Gefühl der Macht über die Massen ging wie ein süßer -Gluthstrahl durch sein Herz.</p> - -<p>Die Ouvertüre begann. Die freundlichen Töne -hätten ihn nothwendig in der frohen Stimmung erhalten -müssen; aber sie bezeichneten die allerletzte Frist -vor Seyn oder Nichtseyn und klangen in das Ohr des -Bedenkenden wie von einem tragischen Hauch umbebt. Still -begab er sich zur Seite, einen etwas erhöhten Sitz zwischen -den vordersten Coulissen einzunehmen. Der Vorhang -wurde aufgezogen und das Spiel nahm seinen Anfang.</p> - -<p>Und nun? Ergriff den Autor eine Besorgtheit um -den Ausgang, eine Spannung, ein Sturm der Gefühle, -die Geist und Sinne zu überwältigen drohten? Nichts -von alledem! Sobald die Handlung begonnen hatte, -fühlte er sich durchaus ruhig, war nur Zuschauer und -ganz Aufmerksamkeit auf das Spiel. Es ging, wie er -es gewollt, das Publikum lauschte, die große Stille -verrieth sein Interesse, froh gehoben nickte er vor sich -hin. Er war so ganz angezogen von der Entwicklung, -so zufrieden mit der Darstellung, daß er es gar nicht -merkte, wie das Publikum den Akt schließen und den -Vorhang fallen ließ, ohne irgend ein Zeichen des Beifalls -zu geben.</p> - -<p>Im zweiten Akt rief Berger, der seine Rolle mit -feinster Charakterisirung gab, ein paarmal Heiterkeit mit -Bravos hervor, und ein Wehen der Theilnahme ging -durch das Haus; am Schluß wurde aber doch nur wenig -und kurz applaudirt.</p> - -<p>Im Zwischenakt trat der erste Liebhaber zu dem -Poeten und sagte: „Sie sind heute wieder recht faul da -draußen! Zusehen können sie, wenn sie nur die Hände -nicht rühren dürfen! Aber haben Sie keine Sorge, die -Hauptwirkung Ihres Stücks liegt im dritten Akt, jetzt -werden sie wohl losbrechen müssen.“ — „Warten wir!“ -versetzte der Poet.</p> - -<p>Die ersten Scenen des Hauptaktes, die nicht auf -Effekt angelegt waren, verliefen ruhig. Als die ergreifenden -kamen, herrschte im Haus zuerst eine feierliche -Stille, die für den Kenner feineren Beifall ausdrückt, -als der Applaus der Hände. Dann, bei gipfelnden -Reden, kamen aber auch diese wiederholt in Thätigkeit, -und unzweideutige Zeichen der Rührung gelangten zur -Wahrnehmung des Poeten. Glaubte das Publikum damit -genug gethan zu haben? Oder war die Bewegung, -in die es versetzt erschien, zu ernster Natur? Oder endlich, -fand es den Schluß doch nicht so drastisch wie die -freundlichen Hörer bei der Vorlesung? Genug, der -Applaus war nicht so durchgreifend, wie ihn die Schauspieler -eben hier erwartet hatten; und da man auch den -Vorhang nicht schnell genug aufzog, so verhallte er wieder, -ohne daß es zum Hervorruf kam. Der entscheidende -Effekt war verfehlt.</p> - -<p>Heinrich, nach der auch für ihn höchst unerwarteten -Enttäuschung, erhob sich von seinem Sitz und trat zu den -Schauspielern, die sich an der Coulisse gesammelt hatten. -„Nun?“ rief er, eine Gährung in seinem Innern -unterdrückend, mit Fassung, „das sieht aus wie eine -Niederlage!“</p> - -<p>Der erste Liebhaber, der mit der Heldin des Stücks -auf einen Hervorruf gerechnet hatte, zuckte verdrossen -und schon mit einer Spur von Geringschätzung die -Achsel; die andern blieben stumm; Hallfeld aber entgegnete -mit dem Ton würdevoller Tröstung: „Das nicht, -Herr Doktor. Das Publikum nimmt Antheil, das Stück -wirkt.“ — „Aber lange nicht so,“ versetzte der Poet, -„wie wir’s uns vorgestellt haben. Geht’s so fort und -wird der Beifall, wie zu fürchten ist, noch schwächer, -dann haben wir einen <i lang="fr" xml:lang="fr">succès d’estime</i>, d. h. auf gut -deutsch: das Stück fällt durch!“</p> - -<p>„Nein, sag’ ich Ihnen!“ entgegnete der Regisseur -energischer. „Man hat bei diesem Akt weniger applaudirt, -als er’s verdient; Ihr Stück ist aber gut und -endet ansprechend, also wird man’s hereinbringen. Ruhig -Blut! Noch ist nichts verloren!“</p> - -<p>„Das mein’ ich auch,“ rief Berger, der eben herzugetreten -war. „Dieser Akt wird entscheiden. Erst der -Ernst, dann der Humor; — wir wollen sie schon weich -machen, die hartgesottenen Sünder!“ — „Es sind -Blöcke!“ rief hier der alte Student, der bei einer kurzen, -aber schlagenden Rede auch auf Beifall gehofft zu -haben schien, mit humoristischem Unmuth.</p> - -<p>Die Gesichter erheiterten sich bei diesem Ausruf, -der für jetzt ohne Widerspruch blieb. Die Musik des -Zwischenaktes ging zu Ende, die Schauspieler traten -hinter die Coulissen und Heinrich nahm seinen Platz -wieder ein.</p> - -<p>Als der vierte Akt begann, wunderte sich der Poet -selbst über seine Stimmung. Von ängstlicher Aufregung -war keine Spur mehr in ihm! Dagegen hatte sich ein -Quell heroischen Muthes in ihm erschlossen und durchströmte -sein Herz, daß er trotzig, ja stolz der Dinge -harrte, die da kommen sollten.</p> - -<p>Er war sich der Güte des Stückes bewußt geworden -und erkannte, das Seine vollauf gethan zu haben. -Zeigte sich das Publikum spröde, kalt, nur oberflächlich -und flüchtig erregt, dann that es ihm Unrecht. Dem -Unrecht aber konnte er gerechte Indignation und männliches -Selbstgefühl entgegensetzen. Er sollte glücklicherweise -nicht in die Lage kommen, seine Ausdauer in dieser -Stimmung darzuthun.</p> - -<p>Die Zuschauer, just als fühlten sie wirklich, daß -sie etwas gut zu machen hatten, benutzten gleich die -erste Gelegenheit zum Applaus und befriedigten damit -die edeln Liebenden, die alle beide einer Ermunterung -sehr benöthigt waren. Berger leistete als Fallensteller, -dessen Situation tragisch zu werden anfängt, sein Vorzüglichstes, -entwickelte eine geradezu geniale Naturwahrheit -und wurde auf offener Scene gerufen. Anna in der -Scene mit dem alten Studenten rief Ausbrüche des Vergnügens -hervor, und am Schluß wurden alle dreie gerufen.</p> - -<p>Der Poet, der sich geweigert hatte, mit auf die -Bühne zu gehen, weil er seinen Namen nicht gehört, -war doch hoch erfreut, und gegen die drei, als der -Vorhang herab gelassen war, mit Lobsprüchen nicht -eben karg. Die Darsteller des Liebespaars, welche -den fünften Akt zu beginnen hatten, kamen mit heitern -Mienen auf die Scene: sie wußten, das Publikum -war im Zuge, und nun würden auch sie ihre Ernte -halten.</p> - -<p>So kam es denn auch. In den ersten Auftritten -eine ernste, schöne Aufmerksamkeit, dann lebhafter Applaus, -am Schluß, nachdem die letzten Scenen wirklich -Schlag auf Schlag gegangen waren, rauschender, langanhaltender -Beifall; Rufe nach dem Liebespaar, der -Anna und — dem Dichter.</p> - -<p>Der Vorhang wurde aufgezogen. Heinrich, während -die Mitgerufenen im Hintergrund erschienen, trat auf -das Proscenium und dankte. Er sah das ganze Haus -lebendig, klatschend und rufend, sah die Blicke von allen -Seiten auf sich, den Helden des Abends, gerichtet, sah -huldvolles Nicken und Applaudiren aus der Loge des -Landesherrn und seiner Familie: seine kühnsten Hoffnungen -waren erfüllt, seine stolzesten Phantasien durch -die Wirklichkeit erreicht, übertroffen!</p> - -<p>Als er nicht ohne heroische Haltung nach gefallenem -Vorhang sich umwendete, trat ihm Hallfeld entgegen -und rief mit einem Wohlwollen, das etwas Feierliches -hatte: „Doktor Born, schlafen Sie ruhig auf Ihren -Lorbeeren!“ Der zweite Regisseur, der sich genähert -hatte, nickte vergnügt. „Nun,“ sagte er, „hab’ ich mein -Versprechen gehalten? Und,“ setzte er mit schelmischem -Blinzeln hinzu, „bin ich nicht im Grunde ein <em class="gesperrt">guter</em> -Mensch?“ — „Ein Engel!“ rief der Poet lachend. „Aber -Adieu für heute! Auf Wiedersehen!“</p> - -<p>Ihn rief eine süße Pflicht hinweg. Flüchtigen Fußes -eilte er auf die andere Seite, die beiden Schauspielerinnen -zu erhaschen, und traf sie, die gegen ihre Gewohnheit -etwas gezögert hatten, glücklich noch auf dem Weg zum -Garderobezimmer. Mit aller Galanterie der Freude -küßte er der ersten Liebhaberin, welche vor Zufriedenheit -glänzte, die Hand; dann, während jene sich entfernte, -ergriff er die Hand Rosa’s. In der Brust des -Glücklichen drang das Gefühl des unendlichen Dankes, -den er der lieben Freundin schuldete, mit einemmal -übermächtig empor, sein Herz begann zu schmelzen. -Während er die zarten Finger küßte, fiel beinahe eine -Thräne darauf, und nur mit Mühe fand er einige -Worte des Dankes. Das Mädchen sah die feuchten -Augen, die tiefe Bewegung, faßte seine Hand, um sie -zu schütteln, und rief: „Wenn Sie glücklich sind, lieber -Freund — mehr als ich können Sie’s nicht seyn! Gute -Nacht!“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>IX.</h3> -</div> - -<p>Heinrich, nach einem Imbiß, den er in Gesellschaft -des treuen Willmann zu sich genommen, hatte sich nach -Hause begeben und die Nacht war ihm in jeder Hinsicht -eine gute gewesen. Geraume Zeit freilich konnte -er nicht einschlummern; als es ihm aber gelang, war -der Schlaf so gründlich, daß er andern Tags mit einem -Wohlgefühl die Augen aufschlug, wie er’s lange nicht -mehr empfunden hatte. Blinzelnd sah er umher, erinnerte -sich und rief: „Darf ich’s wirklich glauben? -Hab’ ich gestern das Residenzpublikum erobert?“ — -„’S ist so,“ antwortete er mit Humor sich selbst, „der -Traum ist Leben geworden!“</p> - -<p>In der heitersten Stimmung erhob er sich, kleidete -sich an und setzte sich zum Frühstück. Sonnige Gedanken -zogen durch seinen Kopf und zum Ueberfluß schien die -Sonne der ersten Frühlingswoche durch’s Fenster. Eine -natürliche Sitte gebot ihm, den Darstellern der Hauptrollen -seinen Besuch abzustatten, und er folgte ihr mit -größtem Vergnügen.</p> - -<p>Zunächst begab er sich zum Liebhaber. Da er selber -spät aufgestanden war, traf er diesen schon in vollendeter -Morgentoilette und wurde sehr zuvorkommend -empfangen. Haltung und Blicke des hübschen, beliebten -und eben so verwöhnten jungen Mannes sprachen -während der Unterhaltung nicht nur Höflichkeit, sondern -eine unwillkürliche Hochachtung aus, die ihm sehr wohl -anstand und vom Poeten mit Genugthuung wahrgenommen -wurde. Dieser, an die Miene sich erinnernd, -die ihm sein Robert gestern nach dem dritten Akt gezeigt, -konnte nicht umhin, sich innerlich zu fragen: wie er -wohl aussehen möchte, wenn die Geschicke einen andern -Lauf genommen hätten!</p> - -<p>Der zweite Besuch galt der heroischen Liebhaberin. -Nach einigem Warten vorgelassen, sah er sich liebenswürdig -begrüßt, huldvoll angelächelt. Die Schauspielerin -hatte ihr Vergnügen nicht nur an dem Dichter, der ihr -eine dankbare Rolle geschrieben, sondern auch an dem -Manne, der ihr so stattlich bis jetzt nicht erschienen war. -Das blaue Auge gewann eine gewisse poetische Zärtlichkeit, -die ihr sehr anziehend ließ. Der Dank des -Poeten für ihre gestrige Leistung fiel unter diesen Umständen -wärmer aus, als es sonst wohl geschehen wäre, -und die Künstlerin nahm ihn um so freudiger hin.</p> - -<p>In diesem Leben, das so viel Ungemach und Verdruß -mit sich führt, gibt es doch glücklicherweise nicht -nur die eigentlichen Honigwochen, sondern auch uneigentliche -Honigmomente, die von großem Werthe sind. -Zu ihnen gehört das erste Wiedersehen nach einem gemeinschaftlich -erkämpften Sieg. Die Gemüther sind da -so froh, so geneigt, ja gedrängt zur Anerkennung, daß -eine gegenseitige Steigerung des Glücks und eine schöne -Annäherung der Seelen unvermeidlich ist. — „In ihr -hab’ ich auch eine Freundin,“ sagte sich der Poet, als -er wieder auf der Straße war. „Freilich,“ setzte er -mit Laune hinzu, „muß ich fortfahren, ihr Gelegenheit -zu ausgezeichnetem Spiel zu geben. Aber das ist -ja meine Absicht, und ich wünsche mir nichts Besseres, -als ihre volle Zufriedenheit.“</p> - -<p>Mit beschleunigten Schritten ging er zu den altbewährten -Freundinnen. Er traf sie in einer Stimmung, -die wohl zu den schönsten gehört, deren wir uns im -Leben erfreuen können. Sie waren glücklich alle beide; -der Ausdruck ihrer Mienen hatte aber etwas Gehobenes, -das der Freude des Herzens eine ernste Weihe gab. Das -Licht derselben wirkte magisch auf den Dichter, und -Alles, was er sagte, hatte den Charakter eines Ernstes, -mit welchem verglichen auch der Ton der wärmsten Galanterie -noch profan erscheint.</p> - -<p>Heinrich war für die Anmuth Rosas nie unempfindlich -gewesen; heute aber kam sie ihm schön vor — schön -im edelsten Sinne des Worts. Da die Schönheit vorzugsweise -aus der Seele kommt, so war dieß begreiflich. -In dem Mädchen lebte ein Gefühl, das durch ihre -Gesinnung in Schönheit verklärt wurde. Zu der Liebe -ihres Herzens, zum Bewußtseyn ihrer Großmuth war -jetzt ein großer äußerer Erfolg hinzu gekommen, der -ihr die Erfüllung der liebevollsten Absicht und damit -ihre eigene innere Vollendung brachte. Es wird immer -eine Frage bleiben, ob das wirkliche Lebensglück in der -That werthvoller ist, als die Entsagung unter solchen -Verhältnissen.</p> - -<p>Als Heinrich zu gehen sich anschickte, bemerkte Rosa: -„Sie haben bis jetzt nur Schönes über Ihr Stück gehört. -Erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu -machen, daß das nicht so fortgehen wird. Sie werden -auch Tadel, scharfen Tadel hören, namentlich aber -lesen.“</p> - -<p>Der Poet sah sie an. „Was will man denn aber,“ -fragte er dann, „im Grunde tadeln an dem Stück? Es -ist doch offenbar gut; hat auch entschieden gefallen —“</p> - -<p>Die Künstlerin konnte nicht umhin zu lächeln. „Das -ist ja eben der größte Fehler in den Augen gewisser -Kritiker!“ entgegnete sie. „Lassen Sie sich dadurch aber -nicht böse machen; auch nicht, wenn allenfalls in Gesellschaften -die Nase darüber gerümpft wird. Manche -Leute sind nun einmal so, daß sie nur Gescheidtheit zu -beweisen meinen, wenn sie absprechen. Aber das Wort -verhallt, das Schmähblatt verweht der Wind; darum -behalten Sie guten Muth!“</p> - -<p>Heinrich versprach es ihr lächelnd und nahm Abschied, -um sich zum Intendanten zu begeben. Im Theater -angekommen, wurde er sogleich vorgelassen. Mit einer -Munterkeit, die ihm ordentlich etwas Jugendliches gab, -rief der würdige Bühnenchef: „Ah, da kommt ein glücklicher -Dramatiker! — Nun,“ setzte er Heinrichs Hand -ergreifend hinzu, „hat mich sehr gefreut — in Ihrem -Namen und in unserem! Das Publikum, anfangs ein -bischen spröde, hat sich sehr gut benommen.“ — „Ausgezeichnet,“ -erwiederte der Autor. — Der Intendant -nickte heiter. „Mit der Darstellung,“ fragte er dann, -„sind Sie zufrieden?“ — „Vollkommen,“ rief der Poet -mit großer Wärme. — „Das hör’ ich selten von den -Herrn Dichtern,“ erwiederte der Intendant lächelnd. -„Und es ist im Grund mehr, als ich zugeben könnte. -Sie waren im Ganzen recht brav; aber eins und das -andere kann noch viel besser werden. Nun, das wird -kommen! Was sagen Sie aber dazu, daß wir das Stück -übermorgen schon wieder geben?“</p> - -<p>Heinrich sah ihn froh überrascht an. „Meine Zustimmung,“ -entgegnete er, „haben Sie durchaus.“ — -„Das glaub’ ich,“ versetzte der Intendant erheitert, „an -einem Feiertag! Das Haus wird voller werden, als -das erstemal.“ — „Ich bin Ihnen zum größten Danke -verpflichtet!“ rief der Glückliche. — Der Herr, ihn ansehend, -fuhr fort: „Es wird eine zweite Probe seyn, -vor einem neuen Publikum; aber Ihr Stück wird sie -bestehen. Also es hat mich von Herzen gefreut, und ich -gratulire nochmals.“ Der Poet empfahl sich.</p> - -<p>Als er im Vorzimmer den Ueberrock anzog, traten -die beiden Regisseure herein. Heinrich, sie grüßend, -zeigte ein Gesicht, welches nicht nur den Sarkastischen, -sondern auch den Ernsten zum Lächeln reizte.</p> - -<p>„Sie blühen ja wie eine Rose!“ rief Hallfeld. — -„Austausch des Vergnügens zwischen Theatervorstand -und Dichters!“ erklärte Berger. „Anwartschaft auf ungezählte -künftige Triumphe!“ — „Der Herr,“ bemerkte -Hallfeld, „will Ihnen in der That sehr wohl.“</p> - -<p>„Er liebt die Bescheidenheit,“ fuhr der Andere fort, -„die Dankbarkeit, das gute Herz!“ — „Verbunden mit -der Kunst, ein Stück zu schreiben, das volle Häuser -macht,“ ergänzte Hallfeld. — „Also übermorgen? in -der großen Halle?“ — Heinrich, den Besuch auf der -Bühne zusagend, verabschiedete sich.</p> - -<p>Sonst war dieser Tag der Besuche noch durch ein -zufälliges Treffen bezeichnet, das der Poet im Grund -herbeigewünscht hatte. Nachmittags, als er in der besten -Laune die Hauptstraße hinabspazierte, kam Professor -Sartorius gegen ihn heran. War das nicht eine vom -Geschick ihm zugewendete Genugthuung? Sich instinktmäßig -zusammennehmend ging er dem Gelehrten entgegen, -grüßte mit der edeln Freundlichkeit eines Mannes, -der wohlverdiente Achtung ansprechen kann, und erwartete -nun in dem Gesicht des Widerlegten etwas davon -zu sehen. Das war freilich eine Täuschung. Der -Begrüßte dankte mit einem Ausdruck von Aerger und -Spott, wie über jemand, der auf zufälliges Glück unangenehme -Ansprüche gründen will, und ging vorüber.</p> - -<p>Wir können verrathen, daß das Benehmen des -Ehrenmannes eine Frucht häuslichen Verdrusses war. -Ein jüngerer Professor der Anstalt, der Heinrichs Drama -gesehen, war nach Tisch bei der Familie gewesen, hatte -über den Erfolg berichtet und die Arbeit gerühmt. Als -er wieder fort war, sagte die Frau mit stillem Vorwurf -zum Gemahl: „Wir hätten diesen Born doch einmal -einladen sollen!“ — „Warum?“ fragte jener mit -Stirnrunzeln. — „Weil er ein talentvoller Mann ist,“ -versetzte die Gattin; „viel mehr, als du’s ihm angesehen -hast.“ — „Pah!“ rief der Professor; „er hat ein -Rührstück verfaßt, das den Unwissenden gefällt.“ — -„So?“ rief die Frau, „gehört Professor Holm zu den -Unwissenden?“ — „Holm ist ein guter Mensch, aber -auch ein Schöngeist,“ entgegnete der Mann. — „Holm —“ -wollte die Gattin fortfahren; aber jener fiel aufgebracht -ein: „Geh! Laß mich ungeschoren mit deinen Belletristen!“ -Sehr verdrießlich ging er in sein Studierzimmer -zurück, wo sich die Stimmung gegen einen Menschen, -der ihm eine Verlegenheit bereitet hatte, begreiflicherweise -nicht verbessern konnte. Aber auch ihm sollte eine Freude, -eine Genugthuung werden, und der Poet sollte seine -Ansicht über die Natur der Menschen vervollständigen.</p> - -<p>Am andern Morgen faßte Heinrich zunächst einen -Bericht an seine Eltern ab, worin er seine baldige Ankunft -meldete. Er that seinem Herzen recht Genüge -und malte alles, wovon er wußte, daß es die liebenden -Seelen erquicken und für die bewiesene Ausdauer -belohnen würde, mit glänzenden Farben. Dann, nach -Erholung trachtend, ging er an dem schönen Morgen -in eine Restauration.</p> - -<p>Er saß behaglich in einer Ecke, als ihn eine Neugier -überkam, ob die Blätter noch keine Kritiken seines -Dramas enthielten. Rasch ging er die im Lokal vorhandenen -durch; zwei Besprechungen waren da, von -Emil Schilf und von Dorn.</p> - -<p>Da er von dem erstern mit Recht nicht viel Gutes -erwarten konnte, nahm er die Auslassung des Befreundeten -vor. Bei der dritten Zeile schon verdunkelte sich -sein Antlitz bis zu tiefem Roth. Er las weiter, starrte -auf die Buchstaben, wie einer, der zu träumen glaubt, -schüttelte zornig den Kopf und warf endlich das Blatt mit -dem Rufe weg: „Aber das ist ja eine wahre Bestie!“</p> - -<p>Die Kritik, die so übel auf ihn wirkte, lautete: -„Wer noch daran gezweifelt hätte, daß Theater und -Drama bei uns immer größerem Verfall entgegen gehen, -der konnte vorgestern in unserem Hoftheater den Beweis -davon erlangen. Das Publikum (allerdings, wie leicht -zu sehen war, unter Anführung einer wohlvertheilten -Claque) hat ein Schauspiel mit Beifall aufgenommen, -das wir zu den geistlosesten Produkten rechnen müssen, -womit wir in den letzten Jahren gestraft worden sind. -Das Thema so abgedroschen als möglich, der Dialog -von der plattesten Art; edelseynsollende Personen, die -im gewöhnlichen Verkehr langweilig, in Rührscenen durch -Prätension widerlich und lächerlich sind; ein schlechter Geselle, -der nur dazu erfunden ist, damit jene in Edelsinn -machen können; und ein Ausgang wörtlich nach Schiller:</p> - -<p class="quotation"> -Wenn sich das Laster erbricht, setzt sich die Tugend zu Tisch. -</p> - -<p>Der Gang der Handlung ist kürzlich der (folgt nun -eine nähere Inhaltsangabe, die zu dem Gesagten den -Beweis liefern soll, also ganz in demselben Styl gehalten -ist. Dann fährt der Kritiker fort): „Wie war -es möglich, daß ein solches Machwerk Beifall erlangte? -Man könnte sagen, auch der Applaus war gemacht, -und zum großen Theil ist er’s offenbar auch gewesen. -Man könnte den Succeß auf Rechnung der Schauspieler -bringen, die in der That alles Mögliche leisteten, den -hölzernen Figuren Blut und Leben einzugießen. Allein -es läßt sich nicht in Abrede stellen, auch das Stück -selber, mindestens in der zweiten Hälfte, fand Anklang. -Der Geschmack ist also wirklich bereits auf eine Stufe -gesunken, wo er mit Abhub vorlieb nimmt! Weiter -kann’s nicht gehen!“</p> - -<p>„Der Autor des Stücks hat früher eine Tragödie -geschrieben, die für ihn und seine Laufbahn als Dramatiker -Hoffnungen erwecken konnte. Als Theaterstück -verfehlt und zur Aufführung nicht brauchbar, verrieth -sie doch eine höhere Tendenz und enthielt Poesie. Warum -ist Herr Born in dieser Richtung nicht fortgegangen? -Warum hat er sich nicht bemüht, seine dichterische Fähigkeit, -so viel die Natur ihm verliehen hat, in einer -zugleich höher gehaltenen und bühnengemäßen Arbeit -zu verwerthen? Warum ist er zum Feind geworden -seiner eigenen Begabung? Die Antwort gibt sich jeder -selbst. Das ist eben der Fluch unserer Zeit, daß man -die Aufgaben, deren Lösung Fleiß und Anstrengung -erfordert, umgeht, um — nach Gewinn zu langen. -Nun, der wird dem Verfasser nicht entgehen. Solche -dramatisirte Gemeinplätze sind recht ein Futter für -unsere Bühnen, wie sie gegenwärtig sind, und wir -prophezeien dem spekulativen Schreiber in dieser Beziehung -eine recht schöne Ernte. Dem Gewinn an Honorar -(<i lang="la" xml:lang="la">sic</i>) wird aber ein tödtlicher Verlust an Dichterehre -zur Seite gehen. Herr Born, indem er den Geschmack -des Publikums herunterbringen hilft, wird sich -aufhelfen. Aber Alles in der Welt hat seine Grenzen, -und endlich wird auch bei uns der Messias erscheinen, -der ihn und seinesgleichen aus dem Tempel der Kunst -hinaustreiben wird.“</p> - -<p>Der Poet, so schmählich behandelt in einem vielgelesenen -Journal, hatte eine Empfindung des Grimms -und des Verdrusses, die für den ersten Moment das -höchste Glücksgefühl der letzten Tage aufwog. Dämonisch -angezogen, ergriff er das Blatt noch einmal, überflog -es und schüttelte den Kopf als über etwas völlig -Unbegreifliches. Wie konnte ein Mensch, mit dem er -freundlich verkehrt hatte, gegen ihn diesen Ton anstimmen? -Aus Rache, weil er nicht dazu gekommen war, -sein Buch zu loben? Aber er hatte ja das Beste darüber -gesagt, was er irgend vermochte, und die Zögerung, -sein Urtheil über die verwünschte Satire öffentlich auszusprechen, -wenn sie als Kränkung aufgefaßt wurde, -stand doch mit einer solchen Beschimpfung seines Werks -und Charakters im ungeheuersten Mißverhältniß. Die -Schmähkritik verdammte ein Stück, das den reinsten und -ehrlichsten Sieg errungen; sie verdammte den Geschmack -eines Publikums, zu welchem die gebildetsten Männer -und Frauen der Residenz gehörten; sie hatte nur Worte -des gröbsten Tadels und der Verleumdung, wo feine -Seelen mit Vergnügen und Achtung anerkannten: woher -kam dem Verfasser nur der Muth, der Wahrheit und -der öffentlichen Meinung dermaßen in’s Gesicht zu -schlagen? Wie kommt man überhaupt dazu, absichtlich -ungerecht zu seyn? — Heinrich versuchte sich in einen -Menschen hineinzudenken, der unter Voraussetzungen, -wie sie hier gegeben waren, einen solchen Artikel zu -schreiben vermochte, es gelang ihm nicht. Mit Staunen -betrachtete er die Höhe der Gemeinheit, um beschämt -vor ihr die Blicke zu senken.</p> - -<p>Man kann sich irren, das begriff er. Man kann in -der Leidenschaft übertreiben, das begriff er auch. Wie -aber ein Wesen, das den Namen Mensch beansprucht, -Wahrheit und Gerechtigkeit völlig umkehren und den -Urheber eines guten Produkts wie einen Verbrecher zu -behandeln im Stande war, und zwar öffentlich, dem -öffentlichen Urtheil sich preisgebend, das begriff er nicht.</p> - -<p>Was sollte er nun aber thun? Sollte er die Lästerkritik -ungeahndet hingehen lassen, oder gegen den Schreiber -auftreten? Und wenn dieß, mit welchen Waffen? Diese -Frage beschäftigte ihn eine Zeitlang, er kam aber zu -keinem Beschluß und wollte darüber Sachverständige -hören.</p> - -<p>Mit einem Lächeln der Geringschätzung nahm er -das andere Journal zur Hand; denn wie boshaft der -Exdramatiker sich aussprechen mochte, den Exfreund -konnte er nicht erreichen, überbieten auf keinen Fall.</p> - -<p>In der That blieb dem letzteren die Palme, da -jener nur das Werk verdammte und im Autor bloß -gänzliche Talentlosigkeit nachzuweisen suchte. Dieß that -er freilich mit so frohem Eifer, er zauste und rupfte -das Stück mit einem so glückseligen Gefühl der Machtvollkommenheit, -daß er, wie ergötzlich er auf unbetheiligte -Leser wirken mochte, dem Getroffenen doch die -Hand jucken machte. Allein im Vergleich zur ersten war -die zweite Kritik dennoch harmlos und Heinrich machte -endlich eine Bewegung wie über die Expektoration eines -Tollkopfs.</p> - -<p>Sonderbare Erfahrungen! Der Genuß des Süßesten -und des Bittersten auf zwei Tage zusammengedrängt! -Der Gegenstand der herzlichsten Zustimmung ein Gegenstand -der gehässigsten Anfeindung! Hier die Liebe, die -lieblich schenkt, dort der Haß, der die reizenden Gaben -zu besudeln giftig herbei dringt! — „Harpyen!“ rief der -Poet, „wortwörtlich! Einladende Speisen zu beschmutzen, -mit blinder Gier erfüllt! Welch ein Tiefsinn der mythologischen -Phantasie!“</p> - -<p>Etwas gehoben durch seinen gerechten Groll, verließ -er das Haus doch noch mit sehr gemischten Empfindungen. -Er fühlte eine wahre Sehnsucht, einen -braven Menschen zu sehen, und suchte daher Willmann -auf, von dem er wußte, daß er sich um diese Zeit öfters -auf dem Weg zur Redaktion eines Unterhaltungsblattes -treffen ließ. Zum Glück sah er ihn bald und ging eilig -auf ihn zu. Der Erfahrene, nach einem Blick auf ihn, -sagte bescheiden lächelnd: „Sie scheinen von einem Dorn -gestochen zu seyn?“</p> - -<p>„Allerdings,“ erwiederte Heinrich mit entsprechendem -Mundverziehen. „Eben hab’ ich sie mir aus dem Fleisch -gezogen, die giftige Spitze. Was sagen Sie dazu?“ — -„Es ist stark,“ versetzte Willmann, „sehr stark.“ — -„Ein <i lang="la" xml:lang="la">non plus ultra</i> in jeder Hinsicht!“ rief der Gekränkte. -„Was soll ich dagegen thun?“ — „Nichts,“ -erwiederte der Andere mit ruhigem Nachdruck.</p> - -<p>Heinrich sah ihn an. „Sie meinen, der Artikel richtet -sich selbst? und die Verachtung, womit man ihn lesen -wird, kann mir Rache genug seyn?“ — Willmann sah -ihn erheitert an. „Nichts weniger als das!“ rief er. „Der -Artikel, fürcht’ ich, wird mit großem Vergnügen gelesen -werden.“ — „Wie!“ rief der Poet. „Ist nicht das -Publikum mit beschimpft? Und wird es sich das gefallen -lassen?“</p> - -<p>„O,“ versetzte Willmann, „recht gern!“ Und indem -er ihn prüfend ansah, fuhr er fort: „Sind Sie in der -That so kindlich, daß Sie nicht wissen, was Schadenfreude -ist? Das Publikum, mein lieber Freund, will -sich amüsiren. Hat es sich nun positiv amüsirt an einem -schönen und guten Stück, dann will es sich auch negativ -amüsiren an der Durchhechelung, ja an der Zerrupfung -eben desselben Stücks. Der menschliche Geist, mein -Freund, ist reicher und seine Bedürfnisse sind mannigfaltiger, -als Sie anzunehmen scheinen.“ — „Das glaub -ich nicht!“ rief Heinrich in edlem Eifer.</p> - -<p>Willmann schüttelte den Kopf. „Ihre realistische -Durchbildung,“ sagte er, „ist noch lange nicht vollendet. -Der Umstand, daß solche Artikel geschrieben werden, -und zwar viel häufiger, als Sie zu wissen scheinen, -beweist ja gerade ihre Beliebtheit, ihre Beliebtheit bei -der großen Majorität der Leser. Schläge sind freilich -sehr unangenehm für den, der sie bekommt; aber für -den Zuschauer? Interessant, wo nicht gar beglückend. -Ich bin fest überzeugt, daß nicht nur unsere Biedermänner -in Stadt und Land, sondern auch manche vom -zarten Geschlecht, wie ich’s kenne, den Artikel mit Vergnügen -lesen werden.“</p> - -<p>„Und trotzdem soll ich —?“ — „Nichts dagegen -thun — allerdings! Und zwar darum nicht, weil auch -das vorübergeht, wie der Wind“ — „Indessen,“ versetzte -der Poet, „hat dieser Mensch nicht nur mein -Stück, sondern auch meinen Charakter angegriffen!“ — -„Das ändert gar nichts,“ entgegnete Willmann. „Im -Gegentheil, es kommt eben Ihnen zu Gute und schadet -dem Kritikus, weil das Publikum sich <em class="gesperrt">diesen</em> Vorwurf -nur aus Neid erklären wird. Hätten Sie,“ fuhr er ihn -heiter ansehend fort, „wohl gar Lust, Händel anzufangen, -weil man Ihnen vorgeworfen hat, daß Sie -lieber Stücke schreiben, die gefallen und Geld eintragen? -Im Namen der Preßfreiheit verlang’ ich, daß -Sie’s gedruckt seyn lassen!“</p> - -<p>Heinrich wollte eben antworten, als nahende Tritte -beide umsehen machten. Sie erblickten den Professor -Sartorius, den der Heimweg vom Gymnasium an ihnen -vorüberführte. Willmann kannte und grüßte ihn und -Heinrich mußte folgen. Der Gelehrte, während des -Gegengrußes, sah nun auf den Poeten mit einer so -stechend vergnügten Miene, daß dieser sich augenblicklich -sagte: „Er hat’s gelesen — und ist glücklich darüber!“</p> - -<p>In der That, so war es! Nicht nur hatte der häuslich -Beschämte die Kritik mit großem Vergnügen entdeckt -und genossen — er hatte sie in der Tasche, und -freute sich nun herzlich, damit seinerseits die Frau zu -beschämen. Bei dieser Gelegenheit machte er natürlich -auch eine kleine Ausnahme von der Regel; der Feuilletonist -und Literat (eine Gattung, von der sonst eben -er am schlechtesten zu denken pflegte) war hier ein durchaus -zuverlässiger Mann und eine unumstößliche Autorität -gegen den Poeten.</p> - -<p>In der Seele des Nachschauenden kam ein gewisser -Humor auf, und sein Angesicht ward heiter. „Sie haben -Recht!“ sagte er zu dem Freund. „Laßt sie schimpfen -und am Schimpf sich erquicken! Ueber ein Kleines, dann -sind wir wieder oben!“</p> - -<p>Zunächst schien sich das feindliche Princip gegen den -Dramatiker wirklich erschöpft zu haben. In den nachfolgenden -Kritiken waren Lob und Tadel auf eine für -den Autor ehrenvolle Weise gemischt, und dieser konnte -das Gift durch das Gegengift unschädlich gemacht sehen. -Der Theateragent der Residenz stattete ihm einen Besuch -ab, erbot sich, das als Manuscript zu druckende Schauspiel -gegen eine mäßige Tantième zu versenden, zu -protegiren, und man traf eine Verabredung zu beiderseitiger -Zufriedenheit. Die Hauptsache war aber, daß -die Wiederholung des Stücks an dem Feiertag noch -mehr Glück machte, als die erste Aufführung. Das -überfüllte Haus gerieth schon beim zweiten Akt in eine -sehr erfreuliche Bewegung, um dann im dritten mit -einem Sturm loszubrechen, der die kühnsten Prophezeiungen -des ersten Leseabends verwirklichte. Der -Dichter, im Hintergrund einer Loge unerkannt und -unbeachtet, genoß sein Werk zum erstenmal rein, fühlte -sich in den brausenden Wellen des sich selbst höher hinauftreibenden -Applauses unendlich wohl, eilte zum -Schluß der Vorstellung auf die Bühne, und unter -Händedrücken und Umarmungen war eitel Freundschaft -und Seligkeit.</p> - -<p>In der sichern Voraussicht, daß es wieder „gut -gehen“ würde, hatte Willmann ein kleines Souper in -einem besondern Zimmer des nächsten Gasthauses veranstaltet. -Theaterfreunde und Schauspieler, darunter -die beiden Regisseure, kamen nach der Aufführung zusammen, -speisten und ergaben sich bei nachfolgendem -Weinpunsch fröhlichem Gespräch. Es war natürlich, -daß das Gelag den Charakter einer Ovation für den -Poeten annahm. Der Regisseur der Tragödie stand -auf, schilderte mit elegantem Lob das Bestreben und -Verhalten des Freundes, hob namentlich die Ausdauer -hervor, die ihn endlich zum wohlverdienten Triumph -geführt habe, und sprach den Wunsch aus, daß die -Verbindung des Dichters mit dem Theater, insbesondere -mit der hiesigen Bühne, keine vorübergehende, sondern -eine dauernde seyn möge.</p> - -<p>Heinrich, durch die lauten und herzlichen Zurufe -der Versammlung gerührt, begeistert, erwiederte: „Meine -Freunde! Auf den ehrenden Wunsch, den ein Kenner -und Künstler ersten Ranges an mich gerichtet hat, muß -ich erklären, daß die Verbindung meiner poetischen -Thätigkeit mit dem wirklichen deutschen Theater das -Ziel meines Lebens ist und immer bleiben wird. Dramatische -Dichtung und Darstellung müssen Hand in -Hand gehen, wie Freund und Freund, ja ich möchte -fast sagen, wie Mann und Frau! Sie sind geschaffen, -sich wechselseitig zu hegen, zu fördern, und nur im -engsten Bunde kann jede ihrer eigensten Vollendung -entgegen gehen. Das dichterische Werk, das in bestimmtem -Hinblick auf die scenische Darstellung und ihre Gesetze -hervorgebracht wird, erlangt nicht nur größere -Bühnenwirksamkeit, sondern auch höheren Werth an -Poesie, an dramatischer Poesie. Die dramatische Poesie -ist es aber doch unstreitig, auf die es beim Drama vor -allem ankommt. Wir wollen hier nicht den Reiz der -Erzählung und nicht den Zauber des Liedes auf Kosten -des dramatischen Lebens: wenn diese beiden zugelassen -werden, dürfen sie nur Elemente — Zierden bilden zum -Vortheil der Handlung. Die Bühne weist den dramatischen -Dichter auf dieses höchste Ziel immer wieder hin, -sie zieht ihn von den Abschweifungen in die Gebiete des -Epos und der Lyrik immer wieder zurück, und darum -wird es in der Zukunft seyn, wie es in Wahrheit immer -gewesen ist: die reinste Entfaltung der Dramatik auch -als Poesie wird abhängen von dem lebendigen Verkehr -der Dichter mit dem Theater und von der Erfüllung -der Ansprüche, welche an das Drama durch den Zweck -bühnengemäßer Wirkung gestellt werden.“</p> - -<p>„Die Dichtung, die solchen Bund eingeht mit dem -Theater, muß aber in diesem Bund allerdings frei seyn -und jene Forderungen des Theaters vollkommen selbstständig -erfüllen: durch Poesie — durch Wahrheit und -Schönheit. Ein poetisches Drama, das einen einseitig -epischen oder lyrischen Charakter hat, ist kein Bühnenstück, -aber immer noch ein dichterisches Werk; ein Drama, -das nur Bühnenstück ist, sinkt aus der Sphäre der Poesie -überhaupt in die Region der Machwerke und Surrogate. -Fern sey es von mir, den Kreis der Poesie verengern -zu wollen! Schönheit ist möglich auch in Abspiegelung -des wirklichen, des oft sogenannten prosaischen Lebens, -und wie weit ich selber in meinem ersten Versuch hinter -dem Ideal zurückgeblieben seyn mag, Kunstverständige -geben mir zu, daß sie gleichwohl poetische Ergötzung in -ihm gefunden haben. Schönheit ist möglich gegenüber -von allen Stoffen, denn die Schönheit kommt aus dem -liebevollen Geist, der die Stoffe kunstgemäß bildet; aber -da muß sie seyn, wo mit dem Anspruch der Kunst aufgetreten -wird. Das Drama, das den Forderungen der -Darstellung entgegen kommt in und mit Poesie, steigert, -erhebt, adelt die Darstellung. Das Bühnenstück aber, -das jene Forderungen täuschend erfüllt durch sinnlich -wirkende Effekte, degradirt die Bühne und entwürdigt -die Kunst zum prosaischen Gewerbe.“</p> - -<p>„Es gibt einen wahren und einen falschen Bund -der dramatischen Dichtung mit der Bühne. Der wahre -Bund zweier gleichmäßig freien, in wechselseitiger Liebe -freien Künste, die sich einander ganz machen und gebend -und empfangend mit einander das höchste aller Kunstwerke -hervorbringen, die scenische Darstellung des dramatischen -Gedichts — dieser Bund der Ehren und des -ehrenhaften Vortheils — er lebe hoch!“</p> - -<p>Großer Applaus folgte der mit Schwung vorgetragenen -Rede, und unter nachträglichen Bravos stießen -Alle mit dem Poeten an. Berger konnte aber nicht -umhin zu bemerken: „Treffliche Grundsätze und sehr -gut ausgesprochen! Aber nehmen Sie sich in Acht!“ — -„Handeln Sie darnach,“ rief Hallfeld pathetisch dagegen, -„und lassen Sie sich nicht irre machen! Wenn dem -Theater auch diese Zumuthungen zu viel sind, dann -haben wir kein Recht mehr, uns Künstler zu nennen.“</p> - -<p>Der kräftige Spruch des Heldenvaters rief Widerspruch -und eine Discussion hervor, die unter Anleitung -Willmanns die Frage mehr und mehr in Erwägung -praktischer Fälle beleuchtete und bis nach Mitternacht -währte. Die endlich geleerte zweite Bowle brachte unter -den Streitenden eine Art Versöhnung zu Stande, indem -die idealere Partei zugab, daß unter Umständen -auch poetisch bedeutungslose Dramen wirklich künstlerische -Bühnenleistungen möglich machten, und man ging -endlich in guter Freundschaft auseinander.</p> - -<p>Als Heinrich am andern Morgen erwachte, fühlte -er sich, trotz des reichlichen Genusses alles Guten, doch -vollkommen heiter und kräftig. Aber das Glück der -Seele hat eben auch die schöne Eigenschaft, daß es die -Nahrung des Leibes möglichst wohl bekommen macht, -und nicht nur gesunde Männer, wie Heinrich, sondern -auch Hypochondristen können wir nach einem Triumph, -den sie während eines anstrengenden Schmauses gefeiert -haben, oft zu holdseliger Jugend erblüht sehen.</p> - -<p>Die letzten Pflichten, die den Dichter in der Residenz -gehalten hatten, waren erfüllt, der Tag der -Abreise zur Geliebten gekommen. Er wollte heute noch -fort, packte einen kleinen Koffer mit Kleidungsstücken, -legte die Theaterzettel der beiden Aufführungen mit den -guten Recensionen dazu und machte sich dann auf zu -den Freundinnen, um Abschied zu nehmen.</p> - -<p>Es war doch ein eigenes Gefühl, als er die Treppe -hinan stieg, um zweien Wesen Lebewohl zu sagen, mit -denen er so lange und so herzlich verkehrt, von denen -er so viel Liebes erfahren hatte. „Wie wird es Rosa -aufnehmen?“ rief’s unwillkürlich in ihm. „Keine Einbildung!“ -antwortete er sich selbst, und zog entschlossen -die Klingel.</p> - -<p>Die junge Künstlerin war allein zu Hause. Mit -sanft heiterer Miene grüßte sie ihn; aber die Ahnung, -was ihn herführe, gab ihrem Gesicht alsbald einen Schein -von Wehmuth. Heinrich betrachtete sie, ein Ernst überkam -ihn und steigerte sein Gefühl zur Verlegenheit. Ein -kleines Gespräch über den gestrigen Abend, das den -ersten Erkundigungen und Antworten folgte, hielt nicht -lange vor. In dem Schweigen, das eintrat, nahm sich -aber der Poet endlich zusammen, lächelte durch den Ernst -und sagte: „Ich bin gekommen, um Abschied zu nehmen.“</p> - -<p>Rosa, obwohl sie das erwartet, fühlte sich durch die -Thatsache doch so getroffen, daß sie unwillkürlich auffuhr: -„Ah!“ rief sie, indem eine leichte Blässe über -ihr Gesicht flog. Aber schnell, mit Lächeln, setzte sie -hinzu: „Ich begreife!“ — „Ich reise zu den Meinigen,“ -fuhr Heinrich fort, „die guten Nachrichten selber -zu überbringen —“ — „Freilich, freilich!“ rief die -Künstlerin mit lebhaftem Nicken. Wie schmerzlich sie -den Stich in ihrem Herzen empfand, sie erkannte die -Nothwendigkeit, ihn zu verbergen, und es mußte ihr -gelingen.</p> - -<p>Mit einer Theilnahme, wie man sie einem kindlich -Glücklichen zuwendet, und mit einer gewissen Laune im -Ton, fuhr sie fort: „Da wird große Freude seyn im -Lande! Ein Dichter, der auszog mit Manuscripten und -Projekten und heimkehrt mit einem Lorbeerkranz! Gefeiert -vom Publikum, angegriffen vom Neid, gerühmt -von dramaturgischer Weisheit! Was können die Verwandten -und die liebende Braut sich Besseres wünschen? -Das Talent, an das man glaubte, ist bewiesen, glänzend -bewiesen, und der öffentliche Erfolg in der Residenz -muß dem Sieger die Huldigung der Provinz eintragen! -Mit Stolz werden die Eltern die Hand der Geliebten -in die seine legen, der Bund wird geschlossen werden -und die Freunde werden glücklich seyn — die hiesigen, -das mögen Sie glauben, nicht am wenigsten!“</p> - -<p>Die Liebende hatte sich während dieser Rede innerlich -so befreit, daß ihre Miene bei den letzten Worten -das reinste Wohlwollen ausdrückte. Der Schein desselben -wirkte nun aber auch befreiend auf den Poeten. Ja, -es war liebevolle Freundschaft, was sie beseelte — nicht -mehr! Sie war ihm gut, sie hing an ihm als ihrem -Zögling und wollte sein Bestes; aber sie lebte in einer -Sonnensphäre der Kunst und der Seelengüte, von wo -sie nur mit freudigem Antheil auf sein Glück hernieder -sah. Gewisse Gedanken, die er sich gemacht, Vermuthungen, -die er gehegt, waren grundlos. Er besaß in -ihr einen guten Engel, einen Schutzgeist; von ihr geleitet, -gefördert zu werden, hatte sein günstiges Geschick -ihn zu ihr geführt, und ihr konnte er nun auch, wie -immer, traulich sein ganzes Herz öffnen.</p> - -<p>„Ja,“ rief er mit dem Glücksgefühl eines Liebenden, -„so, hoffe ich, wird es kommen! Ich will Ihnen ehrlich -gestehen, dieser Erfolg hat mir auch noth gethan. Wie -sehr Auguste an mich glaubt, sie hat Eltern und Verwandte, -die sehen wollen, um zu glauben. Aber jetzt, -wenn ich heimkehre, werden sie befriedigt seyn und -Augen machen wie Kinder vor dem brennenden Christbaum. -Der Erfolg, wie ich ihn berichten kann, wird -auf sie den größten Effekt machen; sie werden mich -höher stellen, meinen Zusagen überhaupt und völlig -glauben, und sie können es auch. Nachdem ich — mit -Ihrer Hülfe, liebste Freundin — meine Kraft erprobt -habe, ist mir’s, als ob mir Alles gelingen müßte. Es -liegt mir in den Fingern und ich meine es nur auf’s -Papier werfen zu dürfen. Ja, ich führe Auguste einem -gesicherten Loos entgegen, ich bin davon überzeugt, und -werde daher mit aller Zuversicht vor die Eltern treten.“</p> - -<p>Rosa, nachdem sie mit einem schwer zu beschreibenden -Blick beigestimmt hatte, sagte: „Wann wollen Sie -reisen?“ — „Heute noch, in einer Stunde,“ erwiederte -Heinrich. „Es ist auch die höchste Zeit. Ich habe nichts -an Auguste geschrieben, weil ich mir den Genuß verschaffen -wollte, die Erlebnisse der letzten Tage vollständig -mündlich zu schildern.“</p> - -<p>„Ich verstehe,“ rief das Mädchen. Mit einem Lächeln -der Trauer, das aber sogleich in ein Lächeln der Liebe -überging, reichte sie ihm die Hand und sagte: „Reisen -Sie mit Gott! und finden Sie alles Glück, das Ihr -Herz sich wünscht! Aber — vergessen Sie dabei nicht -ganz Ihre hiesigen Freunde!“</p> - -<p>„O,“ rief Heinrich, „von niemand wird in unsern -Unterhaltungen öfter und ehrenvoller die Rede seyn, -als von Ihnen! Ihr Lob wird von allen Lippen erschallen, -und wenn ich dann mit Auguste zurückkehre, -wird unser erster Gang zu Ihnen seyn!“ — Rosa nickte -dankend. „Empfehlen Sie mich,“ fuhr Heinrich fort, -„der lieben Mutter, es ist mir leider unmöglich, sie zu -erwarten. Und nun — leben Sie wohl!“</p> - -<p>Er war näher getreten und gab ihr die Hand. Sie, -mit edler Freundlichkeit, sagte: „Die herzlichsten Wünsche -nochmals, und auf Wiedersehen!“ — „Auf Wiedersehen, -unbedingt!“ entgegnete Heinrich, nickte mit einem Blick -des Dankes und verließ die Stube. — Rosa begleitete -ihn vor die Thüre und rief ihm noch heiter nach: -„Grüßen Sie die Braut von der Freundin!“</p> - -<p>Dann kehrte sie rasch in die Stube zurück. Das -Möglichste war geleistet, ihre Kraft aber zu Ende. — -Erschöpft, von tiefster Trauer bezwungen, warf sie sich -auf’s Sopha.</p> - -<p>Sie hatte entsagt, wiederholt entsagt. Sie hatte -ihr Leid besiegt und die erhabene Freude der Großmuth -empfunden. Aber dabei hatte sich doch wieder eine Art -Hoffnung erhoben, die ja in einem Leben, wo alles -veränderlich und das Unwahrscheinlichste noch immer -möglich ist, auch nicht ganz und gar ohne Grund war. -Jetzt aber, wo der Geliebte nach erreichtem Zweck unmittelbar -zu der Andern eilte, um das Band mit ihr -unauflöslich zu knüpfen, jetzt war ihr der letzte Schimmer -von Hoffnung genommen. Er war dahin für sie! -Und wer konnte ihr verbürgen, daß er als Gatte der -Andern ihr auch nur als Freund bleiben werde?</p> - -<p>Ihre Einbildungskraft führte sie ihm nach und den -Ereignissen voraus. Sie sah ihn in die Arme der Verlobten -sinken und dieser, was sie selbst vergeblich ersehnt -hatte und ersehnte, alles, alles allein zu Theil werden. -Ein Gefühl der Eifersucht erhob sich in ihr und stürmte -über ihr Wollen und Denken hin gleich einer Springfluth. -Jener war alles gegeben, ihr war alles genommen: -unselig wehvolles, grausames Geschick! Und wieder -die Eine Frage, die sich so oft in ihr erhoben: Konnte -Auguste ihm seyn, was sie ihm hätte seyn können? — -„Nein!“ mußte sie selber entscheiden. Denn welche Vorzüge -sie haben mochte, sie liebte ihn nicht wie sie! Sie -hatte ihn nicht erkannt, sah nicht in sein gutes, fühlendes, -reiches Herz wie sie, war nicht bezaubert von -dem schöpferischen Genius und der lebenswarmen Phantasie, -von dem Weitblick des Geistes und der Beschränktheit -des kindlichen Sinnes! Für sie hatte die Natur ihn -werden lassen! Denn sie bewunderte sein Talent und sie -trat ein, wo es zu gut war, um sich mit der Welt abzukämpfen! -Seine Schwächen waren ihr lieb, so lieb -wie die Gaben, womit Gott und Natur ihn ausgestattet! -Sie konnte ihn beglücken, sie konnte glücklich -seyn mit ihm!</p> - -<p>Hatte sie nicht so mancher Versuchung widerstanden -und sich mitten in einer Welt des Leichtsinns, der oft -so reizend ist, rein erhalten für ihn? So sehr, daß -auch ihr Herz — ihr so oft kalt genanntes Herz — -jungfräulich war, und ihre Liebe zu ihm ihre erste Liebe? -Und alles das nur, um das Liebste zu entbehren und -für ihr ganzes Leben beraubt und elend zu seyn?</p> - -<p>Ihre Lippe zuckte bei diesem Gedanken und das -Antlitz drückte ein Gefühl tiefster Gekränktheit aus. Ihr -Inneres zerfloß. Thränen stürzten ihr in die Augen -und rollten die Wangen herab; sie gab sich ihrer Leidenschaft -hin und weinte wie ein Kind.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>X.</h3> -</div> - -<p>Während die Liebende sich in Thränen zu erleichtern -suchte, fuhr Heinrich auf die Eisenbahn, nahm einen -Platz in einem wenig besetzten Coupé und sah die letzten -Bedenken, die sich nach dem Abschied noch in ihm erhoben -hatten, bald durch die Reisegefühle zerstreut, -die schmeichelnd seine Brust durchzogen. Es war Anfangs -April, die Luft mild, der Himmel dünn überzogen, -die Wälder schwärzlich braun, aber Saatfelder -und Wiesen grün; und fort ging’s in gewaltigem Rollen, -dem Neuen und Neugewordenen entgegen. Da -beschäftigt die dichterisch erregte Seele der Augenblick -mit seinen Erscheinungen, und wenn sie darüber hinausgeht, -so ist’s, in die Zukunft, der man entgegen zieht; -das Vergangene ist verschwunden.</p> - -<p>Heinrich athmete froh am geöffneten Fenster, sah die -Bilder der Landschaft vorüberfliegen, sah den Raum -zwischen sich und ihr kleiner und kleiner werden, und es -war ihm, als ob er einem Paradies entgegen zöge, das -auch schon die zu ihm führenden Wege mit Poesie zu -durchhauchen vermochte. Sein Geist eilte voraus, über -die Gegenwart hinweg, um das Künftige zur Gegenwart -zu machen.</p> - -<p>Welch ein Moment, wenn er vor die Eltern trat -und sagte: „Hier bin ich! Ich hab’ Alles gehalten, -was ich versprochen, und Alles erreicht, was ich mir -vorgesetzt! Anerkennung ist mir geworden und verheißen, -eine schöne, glückliche Zukunft mir und Auguste verbürgt!“ -Welch ein Triumph, wenn er ihre Seelen mit -Liebe, mit Bewunderung erfüllte! Wenn die Familie und -die Freunde des Hauses mit Blicken einer Achtung auf -ihn sahen, die nicht mehr erschüttert werden konnte, und -er endlich in der That als das vor ihnen galt, was -er war!</p> - -<p>Der Ruhm ist süß, nirgends aber süßer als in der -Heimath. Nach einem alten Worte gilt der Prophet -nichts im Vaterlande; deßwegen muß er eben fort aus -ihm und draußen Geltung und Ehre suchen. Hat er sie -aber gefunden, dann ist ihm nichts reizender, als ihrer -zu genießen in dem Winkel der Erde, der ihn leben und -streben sah, unerkannt, ungeglaubt. Die Menschen, -denen bei allem persönlichen Wohlwollen sein Ideal ein -Aergerniß oder eine Thorheit war, zu überführen durch -die That, das ist die Vollendung seines Werks, und -wenn er dann die Mienen, deren Zweifel und Spott -ihm wehegethan, im Lichte des Beifalls, ja der stolzen -Mitfreude glänzen sieht, dann ist sein letzter und feinster -Ehrgeiz gestillt; — der Moment ist gekommen, wo er -befriedigt ruhen kann.</p> - -<p>Heinrich war aber ein Dichter, dessen Geist immer -wieder zur Produktion sich drängte. Mitten in den Visionen -des Glücks erzeugte er Gedanken und Entwürfe -zu neuen, größeren und schöneren Werken. Ideale der -dramatischen Poesie traten vor seine Seele, lockend, erregend, -und wiesen ihn auf die höchsten Ziele dichterischer -Thätigkeit. Es waren dieß nicht Bilder, wie er -sie in dem Schauspiel vorgeführt, sondern in seiner Tragödie -angestrebt hatte. Jene menschlich interessanten -und liebenswürdigen Figuren waren nicht das Höchste; -sie konnten überschritten, überglänzt werden durch Gestalten, -die den größeren Geist und Charakter, den -höheren Schwung der Seele in der gemessen schönen -Rede, der Musik des Wortes, der Sprache der Götter -ausdrückten. Das war und blieb der Gipfel der Kunst, -und ihn zu ersteigen, vielmehr zu erfliegen, glaubte er -sich vorzugsweise berufen. Das Schauspiel, das in der -Sprache des gewöhnlichen Lebens eben dieses Leben -malte, verdiente Anerkennung, wenn es mit ächten, ergötzenden -Farben ausgeführt war; und falls ihm selber -künftig anziehende Stoffe sich boten, wollte er sich ihnen -nicht entziehen. Aber die eigentliche Aufgabe des dramatischen -Dichters war doch das hochpoetische Drama, -die Tragödie, die in göttlich und dämonisch begabten -Charakteren und im Zusammenstoß gewaltigster Leidenschaften -die höchst möglichen Erscheinungen der Erde vor -Augen stellte; und nur durch Arbeiten auf diesem Feld -konnte der lebende deutsche Dichter hoffen an die großen -— die allein stehengebliebenen Dramatiker alter und -neuer Zeiten sich würdig anzureihen. Ihn hatte es zu -solchen Arbeiten gedrängt von Jugend auf, sie waren -seine erste Liebe — sie mußten auch seine letzte seyn. -Nur ächtes Leben, Quell der Natur mußte die höheren -Gebilde durchströmen, wie die bescheidenen Bilder der -Wirklichkeit. Vielmehr: noch wahrer mußten jene Gebilde -seyn, als diese, weil sie schöner seyn mußten, und -in der edelsten Form nicht vergängliches Leben ausdrückten, -sondern ewiges. — Darin lag nun eben der -Fortschritt, den er in Abweichung von seinem ersten -Wege gemacht, daß er nach der Erkenntnis der falschen -die wahre Idealisirung sich eingeprägt — daß er das -Wollen in sich aufgerufen hatte zum Vollbringen des -gesunden Höchsten.</p> - -<p>Die bescheidene Arbeit, die ihm gelungen war, hatte -ihm den Beifall des Publikums errungen. Die idealeren, -die ihm gelingen mußten, sollten ihm diesen Beifall -auch erringen, aber das Publikum zugleich in die -Höhe hinanheben, die er selber erstiegen — beglückend -und wahrhaft fördernd, wahrhaft bildend zugleich sich -erweisen.</p> - -<p>Als er mit seinen Gedanken dahin gekommen war, -sah er für sich hin, wie sich erinnernd, und ein -Lächeln verklärte sein Angesicht. Pretentiös hatte man -die Reden seiner Schauspielheldin gefunden? Allerdings -nicht ganz ohne Grund; er hatte das auch eingesehen -und deßwegen herabgestimmt, wo er vermochte. In -dem wahrhaft poetischen Drama, wie es ihm nun vorschwebte, -konnte er aber sein Ideal des Weibes den -höchsten Ton anstimmen lassen, und man fand es -natürlich; denn in solche Sphäre gehörte dieser -Ton. — —</p> - -<p>Der Zug ging langsamer; er fuhr in den Bahnhof -eines größern Ortes, von welchem Heinrich seinen Weg -mit der Post fortzusetzen hatte. Sein Gepäck an sich -nehmend, sorgte der Reisende für einen Platz und benützte -die Zwischenzeit zu behaglichem Speisen. — -Der Wagen, der ihn aufnahm, war glücklicherweise -nicht allzuvoll, und bald wiegte ihn das heimlichere, -poetischere Fahren durch Ebenen und Waldthäler in süße -Träumereien.</p> - -<p>In derselben Stunde, welche den Poeten seinem -Reise- und Lebensziel entgegenbrachte, erging auch an -die Zurückgelassene in der Residenz ein Ruf, den sie für -ihr Leben als epochemachend ansehen konnte.</p> - -<p>Sie hatte sich ausgeweint — recht von Herzen — -und eine eigen wohlthuende Stille war in sie gezogen: -jener Friede der Genesung, wo die Seele, von einer -erdrückenden Last befreit, leise die Schwingen wieder erhebt -und holde, tröstende Stimmen ihr vom Himmel zu -ertönen scheinen. Die Spuren des Thränengusses suchte -sie nicht zu verbergen. Als die Mutter heimkehrte, trat -sie ihr mit feuchten, gerötheten Augen entgegen und erwiederte -auf die Frage, was ihr wäre, mit einem Ton -unverholener Trauer: „Er hat Abschied genommen — -und ist fort!“ — Die Mutter nickte mit einem Blick -liebenden Mitleids. Nach kurzem Schweigen sagte sie: -„Um so besser!“</p> - -<p>Zwei Stunden gingen vorüber. Der Gegenstand -war nicht mehr berührt, das Mädchen gefaßter worden, -und der Schein einer still gehobenen Seele klärte ihr -Antlitz. Da kam ein Theaterdiener mit einem Schreiben -von der Intendanz nebst einer Rolle.</p> - -<p>Rosa las, und ein froher Ausruf entfuhr ihrem -Munde. Ein schon länger erschienenes, von der Hofbühne -aber seit Jahren nicht gegebenes Drama sollte -auf hohen Wunsch zur Aufführung kommen. Die -Hauptperson darin war eine Figur, die der zweiten -Liebhaberin, nach den bisherigen Begriffen von ihr, -immer noch zu hoch lag, für welche die erste aber nicht -mehr Jugend und Naivetät genug hatte. Es war das -fein, ergreifend und schwungvoll ausgeführte Bild einer -in schmerzlichen Lagen, in einer Steigerung von Leid -sich bewährenden treuen Liebe. — Die Intendanz, von -jenem Wunsche gedrängt, fragte nun bei der jungen -Künstlerin an, ob sie die Partie nicht doch zu übernehmen -vermöchte. Jene, welche die Dichtung kannte, -war sofort entschlossen und antwortete mit einem dankbaren -Ja.</p> - -<p>Es war — das Ganze der Rolle angesehen — ein -Schritt auf eine neue und wesentlich höhere Stufe der -Darstellung, eine Aufgabe, bei der sie sich etwas zuzumuthen -hatte, in ihrem jetzigen Gemüthszustand ein -wahrer Segen für sie.</p> - -<p>Die Kunst erschien ihr, die das empfand, in erhebendster -Bedeutung. Sie war nicht nur ein Ersatz -für das mangelnde Glück des Lebens, nicht nur auch -ein Quell der Befriedigung, sondern das höhere Leben, -der größere Wirkungskreis. — Menschen darzustellen mit -allen Mitteln einer lebendigen Persönlichkeit; feinen, -fühlenden Seelen zu erscheinen in den anmuthigsten, -wohlthuendsten Offenbarungen des Gemüths; ihnen sich -einzuprägen in den edelsten Gestalten und ihnen eine -Freude zu seyn auch in der Erinnerung; das Beste, was -dichterische Phantasie geschaffen, am schönsten zu versinnlichen -und dadurch nicht nur zu beglücken, sondern -Muster zu werden für die Lebenden und mitzuarbeiten -an dem großen Werk der Bildung, das unmerklich, aber -dennoch weiter führt: — das ist fürwahr eine Thätigkeit, -die ein Menschenleben ausfüllen, in der ein Menschengeist -sich genügen kann.</p> - -<p>Rosa, an diesen Ideen und Möglichkeiten sich erhebend, -sagte zu sich selbst: „Das Eine ist mir genommen, -das Andere gegeben; ich muß zufrieden seyn. — -Ich will dem Rufe folgen und suchen meinen Kreis zu -erweitern, und meine fast, daß es mir gelingen müsse. -— In Gottes Namen! Ich will nur Künstlerin seyn, -aber dieß ganz! Und wer weiß? Vielleicht hab’ ich doch -Recht, wenn ich glaube, daß die Sehnsucht besser spielt, -als die Fülle des Glücks. Vielleicht erobert die entbehrende -Seele das Leben der Liebe um so glühender -auf der Bühne, und der Verlust des Menschenherzens -wird ein Gewinn der Kunst, ein Gewinn für ihre -Freunde. — — Einerlei! Diese treu Liebende, die ein -deutsches Dichterherz erfunden, rührend im Leid und -groß in der Schmach, die sie vernichten sollte, dieses -schöne Bild will ich spielen und mir gütlich thun dabei. -Ich will es aus mir herauslassen, was mich schmerzt -und bedrängt, und wenn ich nur mein Herz erleichtere, -sollen sie mich loben und rufen: es ist eine Künstlerin! -Wahrlich, unsereins darf nicht verzweifeln, ja kaum -klagen! Eine Andere müßte sich grämen und die Wunden -von der Zeit heilen lassen, die so langsam und so -dürftig heilt; ich kann mein Herzeleid in andere Herzen -ergießen, daß es rührt und wohlthut! — — Es ist,“ -setzte sie nach einem Augenblick lächelnd hinzu, „ein -wenig ideell, dieses Glück der Schauspielerin, das ist -nicht zu läugnen; aber es ist ein Ersatz, und mir soll’s -genug seyn!“</p> - -<p>Die Aufführung des Stücks war für die nächste -Woche beantragt. Rosa nahm die Rolle vor, erwog sie -nach ihrem Grundcharakter und ihren Wandelungen, -vertiefte sich in sie und lebte ganz ihrer Aufgabe. —</p> - -<p>Heinrich näherte sich dem Ende seiner Fahrt. Nach -einer Wendung um eine Anhöhe lag die Stadt vor ihm -in Abendbeleuchtung, bescheidener als die Residenz, aber -heimlicher, und für den liebenden Dichter von einem -bezaubernden romantischen Duft umflossen. Die Schornsteine -rauchten, die hervorragenden Gebäude, die hohen -Thürme schauten so freundlich bekannt und doch poetisch -anders her zu ihm, der selbst ein Anderer geworden. -Die Gärten am Zwinger umkränzten die Häusermassen -so traulich. Dort aber, in der Nähe der Hauptkirche, -da lag es, das Heim seiner Seele, das Haus, das die -Erwählte beherbergte. Der äußerste Garten vor der -Stadtmauer war erreicht, eine kurze Frist noch, und er -begrüßte sie.</p> - -<p>Der Wagen ging durch das Thor, durch die Hauptstraße: -das Herz des Liebenden begann zu klopfen, in -Gefühlen zu klopfen, die ihn überraschten. Die stolze -Freude, womit er vor Auguste und die Eltern zu treten -gedachte, war noch in ihm; aber je näher er dem Hause -kam, je mehr erhob sich daneben eine Sorge, die ein -unwillkürliches dumpfes Beben zur Folge hatte. Sahen -die Eltern seine Erfolge und Hoffnungen mit seinen -Augen an? Würdigten sie die Bedeutung seines Talents -in seiner ganzen Ausdehnung? Legten sie die Hand der -Tochter in die seine mit dem ehrenden Vertrauen, das -er fordern konnte, und das zu seinem Glück unentbehrlich -war? Oder? —</p> - -<p>Unwillig schüttelte er den Kopf über Gedanken, -welche den Moment des Wiedersehens trüben wollten — -über den Kleinmuth, der kränkend war für die braven -Leute — kränkend auch für das Geschick, das ihn bisher -doch so freundlich geführt hatte.</p> - -<p>Im nächsten Gasthof stieg er ab, kleidete sich um -und eilte dem stattlichen Hause zu. In den untern -Gang eingetreten, erblickte er eine alte, seit Jahren zum -Haushalt gehörende Magd, die ihn in der Dämmerung -forschend ansah, und als sie ihn erkannte, einen Ausruf -der Ueberraschung hören ließ, der einen Klang des -Bedauerns hatte.</p> - -<p>Heinrich war nicht in der Verfassung, dieß zu bemerken -und rief erfreut: „Hanna! — Wie steht’s? Sind -alle zu Hause?“ — „Ja, Herr Heinrich,“ war die Antwort. -— „Alle?“</p> - -<p>„Alle miteinander.“ — „Gut!“ rief der Glückliche, -machte einen Schritt gegen die Treppe, hielt aber plötzlich -an und sagte zu der ernst vor ihm Stehenden mit -Lächeln: „Melde mich, Hanna!“</p> - -<p>Die Alte stieg hinan, Heinrich ging auf und ab. -Aus’s neue begann sein Herz bange zu pochen. Er -schüttelte den Kopf über sich selbst und mühte sich, die -Unruhe niederzuhalten; aber das änderte nichts und -bald gerieth sein ganzes Wesen in Aufruhr.</p> - -<p>Die Alte blieb ungewöhnlich lange aus. — Warum -ließ man ihn warten? Was hatte das zu bedeuten? -Niemals war ihm das begegnet in diesem Hause! — -Endlich erschien sie mit einem Licht und rief: „Sie -sind willkommen, Herr Born.“ Heinrich betrachtete sie -und sagte: „Du bist so ernsthaft, Hanna. — Es ist -doch nichts vorgefallen? Keinem ein Unglück begegnet?“ -— „Durchaus nicht,“ erwiederte die Alte nicht ohne ein -gewisses Mundverziehen. „Sie werden aber doch nicht -mehr Alles so finden, wie’s gewesen ist!“ — „Was ist -geschehen?“ rief Heinrich schnell. — „Gehen Sie nur -hinauf!“ war die Antwort. „Sie sind im großen -Zimmer.“</p> - -<p>Der Liebende, mit Vorgefühlen, die jetzt nur gar zu -gerechtfertigt waren, eilte die Treppe hinan, klopfte an -die Thüre und trat auf das „Herein“ des Vetters in -den Salon.</p> - -<p>Er erblickte beim Schein einer Lampe die Eltern, -nicht weit von ihnen Auguste, und neben ihr einen -stattlichen, elegant gekleideten Mann von seinem Alter, -den er sich nicht erinnerte früher gesehen zu haben. -Der Unbekannte war größer und muskulöser gebaut, -als selbst er, die Haare dunkel, die Gesichtsfarbe gesund -und braun. Aussehen und Haltung verriethen -einen Mann, dem eine feste Lebensbasis und bewährte -Fähigkeiten eine ungewöhnliche Ruhe und Sicherheit -verleihen.</p> - -<p>Dem Poeten entfielen bei diesem Anblick die freudigen -Ausrufungen, womit er den Verwandten in die -Arme zu eilen gedacht hatte, ganz und gar. Da man -auf seinen ersten Gruß auch noch sehr förmlich antwortete, -da Auguste tief erröthet war und mit unwillkürlichem -verlegenen Bedauern zu ihm hersah, befiel ihn -mit einemmal die schlimmste Ahnung, und eine unbeschreibliche -Verwirrung ergriff ihn.</p> - -<p>Auguste, mit plötzlicher Entschlossenheit und einer -Haltung, deren sich eine Heroine nicht zu schämen gehabt -hätte, trat einen Schritt näher und sagte, vorstellend, -zu Heinrich: „Herr Kronfeld, Sohn unseres -Verwandten, den du kennst — mein Bräutigam.“ Dann -zu diesem: „Doktor Born, unser Vetter — der Dichter, -dessen Lob du in den Zeitungen gelesen hast.“</p> - -<p>Der junge Kaufmann verneigte sich und erklärte -seine Freude, die Bekanntschaft zu machen, nicht ohne -einen merklichen Zug von Triumph in dem ruhig vornehmen -Gesicht. Heinrich starrte ihn an und dankte -mechanisch.</p> - -<p>Das Wort „Bräutigam“ hatte ihn trotz seiner -Ahnung wie ein Donnerkeil getroffen und auf einen -Moment förmlich gelähmt. Ringend suchte er wieder -eine Haltung zu gewinnen, instinktmäßig betrachtete er -Auguste und die Eltern, ob es nicht doch ein Scherz -wäre, den sie mit ihm vorhatten — eine Comödie, die -sie spielen wollten. — Aber die Mienen Aller widersprachen -dieser Meinung strengstens. Das glühende Gesicht -der Tochter verkündete einen unwiderruflich gefaßten -Entschluß; die Eltern sahen verlegen und sarkastisch -her, wie man auf einen Geopferten und Getäuschten -zu blicken pflegt.</p> - -<p>Es war geschehen! Der beispiellose Verrath war -begangen! Er war betrogen, geäfft, gehöhnt auf’s -Schnödeste! Ein Abgrund von Treulosigkeit that sich -vor ihm auf. — Doch, ein unmännlich Jammerbild -wollt’ er den verrätherischen Seelen nicht geben. Die -Falsche war seiner Verzweiflung nicht werth, auch nicht -seines Zorns und einer Scene, die erzürnte Vorwürfe -herbeigeführt hätten. Die kalte Ruhe der Verachtung -mußte er zeigen, den Hohn des Mannes, dem nur das -verächtlich Werthloseste entzogen wird! —</p> - -<p>Trotz der besten Vorsätze war es aber das nicht, -was dem Dichter gelingen konnte, und auch in der That -nur sein erster Gedanke. Ihm geziemte der Stolz der -geistig sittlichen Ueberlegenheit und des reinen Bewußtseyns. -Das war das Arsenal, aus dem er die Waffen -holen mußte gegen die empörende Unbill. Durften sie -sich nicht weiden an dem Geknickten, so war er doch zu -gut, namentlich aber zu groß dazu, um Böses mit -Bösem zu vergelten. Er wollte zeigen, daß er nicht -nur in seinen Poesien hochsinnig dachte, sondern auch -in der That und Wahrheit. Er wollte sie vernichten -durch den Adel des wahren Poeten und durch die stolze -Gleichgültigkeit, die damit Hand in Hand ging.</p> - -<p>Indem es dem Dichter wirklich gelang, sich zu fassen, -entgegnete er mit einer ironischen Artigkeit, die in -der That ganz von oben kam: „Halten Sie es meiner -Ueberraschung zu gute, daß ich nicht gleich die rechten -Worte gefunden, auf Ihre erfreuliche Mittheilung zu -antworten. Sie kennen meine Gesinnung und wissen, -welchen Antheil ich an Allem nehme, was Sie betrifft. -Empfangen Sie nun meine besten Wünsche, und -möge dir, liebe Cousine, alles Glück zu Theil werden, -das du verdienst — und das der Mann deiner Wahl -dir verbürgt!“</p> - -<p>Diese Rede, trotz der Ironie, die namentlich der -Braut sehr fühlbar wurde, befreite die Gemüther gleichwohl: -die Scene, die man fürchten mußte und fürchtete, -obwohl man sie zu bestehen sich entschlossen hatte, war -vermieden, und man konnte die aufgerissene Kluft mit -Versicherungen überdecken. In der That zeigte sich ein -Schein von Erkenntlichkeit und Wohlwollen in allen -Mienen. Der Vater ergriff das Wort und versetzte mit -großem Ernst: „Ich danke dir, Heinrich! Wenn Leute, -die sich lieben und in jeder Beziehung für einander -passen, Glück haben können in der Welt, so dürfen -wir’s für unsern Sohn und unsere Tochter hoffen. Herr -Kronfeld, der Jahre lang im Ausland gewesen und erst -vor wenig Wochen aus London zurückgekehrt ist, wird die -Fabrik seines Vaters übernehmen und von den Kenntnissen, -die er auswärts gesammelt hat, Gebrauch machen. -Schon jetzt beschäftigt er dreihundert Arbeiter —“</p> - -<p>Heinrich verneigte sich mit einer Anerkennung, aus -der die ganze still sublime Geringschätzung des Idealisten -heraussah. — „Es werden aber,“ fuhr jener mit einem -Ausdruck fort, als ob die Verlobung der Tochter dadurch -mehr als gerechtfertigt wäre, „mit der Zeit nochmal so -viel werden.“ — „Das ist in der That großartig!“ rief -Heinrich. „Wie ich meine Cousine kenne, ist das auch -der rechte Wirkungskreis für sie, das eigentliche Feld für -ihren ausgezeichneten praktischen Sinn und ihren auf’s -Große gerichteten Geist. Ich wiederhole meine Glückwünsche -— und freue mich, daß sich Alles so schön gefügt -hat.“</p> - -<p>Mutter Werthlieb lächelte, halb über die Ironie, -die sie ihm gönnen mußte, halb über die Art, gute -Miene zu machen, wofür sie’s nahm. In Folge eines -instinktmäßigen Dranges, nun auch dem gleichwohl sehr -gekränkten Vetter etwas Angenehmes zu sagen, begann -sie: „Laß uns jetzt aber auch von dir reden, lieber Heinrich! -Du hast Glück gemacht, dein Stück hat Beifall -gefunden. Wir haben’s gehört und gelesen.“</p> - -<p>Heinrich zuckte unwillkürlich die Achsel und entgegnete -mit einer Miene der Geringschätzung: „Was will das -heißen? Eine Kleinigkeit!“ — „Nun,“ bemerkte der -Vetter, der die Rede wörtlich zu nehmen den Takt -hatte, „es hat mich doch sehr gefreut. Auf der Hofbühne, -eine solche Auszeichnung! Es ist immer ein schöner -Anfang.“</p> - -<p>„Ja,“ fuhr Auguste, deren Miene schwer bekämpftes -Schamgefühl ausdrückte, mit einem Blick des Antheils -fort; „es hat uns Alle außerordentlich gefreut —“ -— „Und überrascht?“ fiel Heinrich ein; „natürlich!“</p> - -<p>Auguste, erröthend, entgegnete: „Ich hab’ es nicht -anders von dir erwartet.“ — „Du schmeichelst!“ versetzte -der Poet mit voller Ueberlegenheit. „Ich, wenn -ich aufrichtig seyn soll, hätte dieses Zutrauen nicht von -dir erwartet!“</p> - -<p>Die Mutter, der Tochter zu Hülfe kommend, fuhr -fort: „Ein Bekannter von uns, der zufällig dort war, -Stadtrath Weiß, hat die erste Aufführung gesehen und -uns genau erzählt, wie’s gegangen ist. Anfangs war -er für dich sehr in Sorge; aber dann wurde er stolz -auf einen solchen Landsmann und hat sich deiner Bekanntschaft -gerühmt. Uebrigens“ — fügte sie lächelnd -hinzu — „hat er gethan, was in seinen Kräften stand -und dich mitgerufen.“ — Heinrich, lächelnd über die -Naivetät dieser Mittheilung, erwiederte: „Sagen Sie -ihm gelegentlich meinen Dank.“</p> - -<p>„Es muß ein eigenes Gefühl seyn,“ bemerkte nun -der junge Fabrikbesitzer mit der Miene eines über solche -Triumphe glücklicherweise Erhabenen, „vor ein begeistertes -Publikum zu treten und seinen Ruhm so handgreiflich -in Empfang zu nehmen.“ — „Jedenfalls,“ erwiederte -Heinrich, „fühlt man sich dabei geehrter, als in -mancher andern Situation!“</p> - -<p>Der alte Herr lächelte unwillkürlich, er mußte diese -Bemerkung gut finden. Im Grunde schien ihm jetzt -nicht nur das Eis gebrochen, sondern der fatale Handel -so gut wie beigelegt, und nun kehrte der Geschäftsmann, -der in seiner Familie das Behagen liebte, ohne weiteres -zur vetterlichen Traulichkeit und zur Bonhomie des vieljährigen -Gönners zurück. Er sah den Poeten freundlich -an und rief mit cordialer Ermuthigung: „Du mußt -uns das Stück vorlesen! Wir bitten eine Gesellschaft zusammen, -Verwandte und Freunde, die du kennst und -die dich als Dichter verehren, und du feierst dann auch -hier deinen Triumph.“ — „Ach ja,“ rief die Gattin, -„das wäre charmant!“</p> - -<p>Dießmal konnte der Poet doch nicht umhin, einen -stechenden Blick der Verachtung auf Menschen zu werfen, -die sich’s mit ihm so außerordentlich leicht machten. Er -nahm sich indeß zusammen und versetzte mit möglichstem -Ernst: „Wird doch nicht gehen, Base. Ich will so bald -als möglich zu meinen Eltern, die sich nach mir sehnen -und deren treuer Liebe ich die Freude, die ich ihnen -machen kann, nicht länger vorenthalten darf. Auch ich, -wie Sie sich denken mögen, sehne mich darnach, sie wieder -zu sehen.“ Und mit einem Ausdruck rückhaltloser -Superiorität, der vielleicht die beste Rache ist, setzte er -hinzu: „Genießen Sie das Glück, das die rühmliche -Verbindung Ihnen Allen verheißt! Die Gesinnung, die -es geschaffen hat, wird es auch erhalten; und mit aller -Freude, die ein Freund darüber empfinden kann, scheid’ -ich nun! Leben Sie wohl!“</p> - -<p>Er hatte bei den letzten Worten umhergesehen und -einen durchdringenden Blick auf Auguste ruhen lassen. -Diese schlug die Augen nieder und machte eine Bewegung, -als ob sie in’s Herz getroffen wäre. Heinrich, -es gewahrend, verbeugte sich und verließ das Zimmer.</p> - -<p>Mit brennenden Wangen ging er die Treppe hinunter. -Als er der Alten ansichtig ward, rief er: „Du -hast Recht gehabt, Hanna! — Gott sey, Dank! Das -wär’ überstanden!“</p> - -<p>Jene trat einen Schritt näher, und indem sie ihr -Gesicht in strenge Falten legte, sagte sie mit gedämpfter -Stimme: „Fräulein Auguste hat sehr unrecht gegen Sie -gehandelt. Ich kann Ihnen sagen, das ist nicht nur -meine Meinung, sondern gar viele denken so.“ — -„Wirklich?“ rief der Poet mit dem Ton ironischen Verwunderns. -— „Der Herr Rektor,“ fuhr Hanna fort, -„hat ihr die Freundschaft aufgekündigt und kommt nie -mehr in unser Haus.“</p> - -<p>„Ein Ehrenmann,“ versetzte Heinrich; „das ist begreiflich! -— Nun, Hanna, lebe wohl! Es thut mir -gut, wenigstens Eine treue Seele in diesem Hause getroffen -zu haben.“ Ernst ergriff er ihre Hand, drückte -sie und sagte herzlich: „Behalte mich in gutem Andenken!“ -— „Oh,“ rief die Alte mit Thränen in den -Augen, „Sie sind gut, Herr Heinrich, und Sie werden -auch noch glücklich seyn! Besser vorher als nachher! -Machen Sie sich keinen Kummer! Ein Herr wie Sie —“</p> - -<p>Der junge Mann, trüb lächelnd, schüttelte den -Kopf, machte eine Bewegung des Abschieds und ging -der Thüre zu. Auf einmal, von der Treppe herab, ertönte -der dringende Ruf: „Heinrich!“ Er kam von Auguste, -die sich alsbald zeigte und mit raschen Tritten zu -ihm herabstieg.</p> - -<p>Heinrich hatte sich wieder umgewendet, befremdet sah -er sie an und sagte kalt: „Was wünschen Sie von mir?“ -— „Geh!“ versetzte das Mädchen mit einem Blick des -Vorwurfs in dem schuldbewußten Gesicht. „Stell’ dich -nicht fremd gegen mich! Wir sind immer noch Verwandte -und Jugendfreunde!“</p> - -<p>Heinrich lächelte mit einem Ausdruck unverholener -Geringschätzung. Dann, nach einer Bewegung, die einen -gefaßten Entschluß anzeigte, entgegnete er: „Nun, also — -was willst du von mir?“ — „Ich muß mit dir reden,“ -erwiederte das Mädchen. — „Wozu das, gute Cousine?“</p> - -<p>„Du mußt mich hören!“ fuhr sie leidenschaftlicher -fort. „Ich verlang’ es von dir! — Ich bitte dich darum,“ -setzte sie weicher hinzu.</p> - -<p>Heinrich, nach einem Blick auf sie, nickte mit dem -Ausdruck des Verstehens. Sie ging ihm voran in ein -Zimmer, das er selbst, wenn er auf Besuch hier war, -zu bewohnen pflegte; er folgte mit der Miene glaubensloser -Neugier.</p> - -<p>Jene, nachdem sie die Thüre geschlossen, begann: -„Ich weiß, Heinrich, daß du mich verdammst. Du -denkst das Schlimmste, das Niedrigste von mir, weil du -nicht weißt, wie Alles so gekommen ist — und ich kann -dich nicht so gehen lassen! Was ich gethan habe, das -ist geschehen nach genauer Ueberlegung; und ich hab’ -nur gethan, was ich für meine Pflicht hielt.“</p> - -<p>Heinrich betrachtete sie mit einem Blick des Mitleids. -„Ich will’s nicht bestreiten,“ sagte er dann. -„Es gibt verschiedene Ansichten über das, was man -Pflicht nennt.“</p> - -<p>„Der Entschluß, zu dem ich endlich gekommen bin, -hat mich einen großen Kampf gekostet,“ fuhr Auguste -mit Nachdruck fort. — „Das kann ich glauben,“ erwiederte -jener. „Dem Verlobten die Treue zu brechen —“ -— „Wir waren nicht verlobt!“ fiel Auguste rasch ein.</p> - -<p>„Förmlich nicht,“ versetzte Heinrich — „allerdings! -Wir hatten nicht Ringe gewechselt und keine Verlobungskarten -ausgegeben. Aber ich hab’ das Verhältniß nie -anders angesehen, und du schienst dich doch auch zu benehmen, -als ob es eben diese Bedeutung hätte. Erinnerst -du dich vielleicht noch unseres Abschieds und was -du mir dabei gesagt hast? Erinnerst du dich der Briefe, -die du mir geschrieben? Mir schienen das Betheurungen -einer Liebenden, die treu seyn will. Und wie lang ist’s -her, daß ich den letzten erhalten habe?“</p> - -<p>Auguste war tief erröthet. Nach einem Moment -des Besinnens entgegnete sie, ohne die innere Bewegung -verbergen zu können: „Ich will meine Briefe nicht verläugnen, -ich will kein Wort verläugnen, das in ihnen -steht. Wir sind eben mit einander aufgewachsen; du -hast mich liebgewonnen und ich dich, und wir haben so -fortgelebt wie in einem Traum. Aus der Freundschaft -naher Verwandter, die sich dutzten von Jugend auf, ist -ein Verhältniß entstanden, das ernster schien, als es -war. Die hergebrachte Vertraulichkeit hat wenigstens -mich weiter geführt, als ich sonst gegangen wäre: ohne -deine Base zu seyn, hätt’ ich nie mit dir Briefe gewechselt.“</p> - -<p>„Mag seyn,“ versetzte Heinrich, indem seine Augen -zu funkeln begannen. „Aber du hast sie nun einmal -gewechselt, hast mein Gelöbniß der Liebe und Treue -vernommen und wieder vernommen — hast es erwiedert! -Und wenn auch in deinen Briefen nicht die -Wärme, die glühende Liebe herrschte wie in den meinen -— von der Jungfrau hab’ ich das nicht verlangt —, -so sind es doch Ergießungen einer Seele, die sich für -gebunden achtet, die ihr Loos an das des Geliebten gefesselt -hält.“</p> - -<p>„Ja,“ versetzte Auguste, „das ist wahr — wahr von -den Briefen, die ich dir bis zu einer gewissen Zeit geschrieben -habe! Damals, wenn du mich von meinen -Eltern hättest verlangen können, wär’ ich dir gefolgt, -mit Freuden gefolgt!“ — „Aber dann,“ versetzte Heinrich, -„kam ein Anderer und Besserer —“ — „Nein!“ -unterbrach ihn das Mädchen. Schon vorher änderte sich -meine Gesinnung — und mußte sich ändern.“</p> - -<p>Der Poet sah sie erstaunt, mit tiefem Unmuth an; -Auguste fuhr fort: „Erinnere dich, wie es dir ergangen -ist, und versetze dich in meine Lage! Du bist in die -Residenz gereist mit einer Theaterdichtung, die wir hier -alle für ausgezeichnet gehalten haben und von welcher -du für deine Person dir Ehre, glänzenden Ruhm und -die größten Vortheile versprochen hast. Du hast sie -nicht einmal zur Aufführung bringen können. Und wie -zornig du über den Vorfall warst, endlich hast du doch -selber zugeben müssen, daß sie für die Bühne sich nicht -eignete. Dann hast du ein neues Stück angefangen -und warst deiner Sache ganz sicher und hast mir wieder -die besten und schönsten Erfolge prophezeit. Ich -habe dir wieder geglaubt und meine Eltern, die höchst -bedenklich geworden waren, nochmal zum Glauben bewogen. -Da, nach Wochen erneuerter Hoffnungen, schreibst -du mir: die zweite Arbeit sey wieder aufgegeben und -du habest eine dritte begonnen, wozu dir diese Schauspielerin -den Stoff überlassen habe. Auf diese Nachricht, -ich will es nicht läugnen, wankte auch mein Vertrauen.“ -— „Zur unrechtesten Zeit!“ fiel Heinrich ein.</p> - -<p>Auguste sah ihn mit einem eigenen Blick an und -sagte: „Ich bin keine Dichterin, wenn ich auch Dichter -verehre; ich kann mir die Dinge nicht durch Phantasie -verschönern und muß sie daher nehmen, wie sie sind. -Ich habe dich geliebt und dir vertraut, und hättest du -mein Vertrauen gerechtfertigt, so wär’ ich die Deine geworden. -Aber nachdem zwei deiner stolzesten Verheißungen -unerfüllt geblieben waren und sich recht -eigentlich in Nichts aufgelöst hatten, wie wär’ es mir -möglich gewesen, ernstlich an die dritte zu glauben? Wie -konnte ich annehmen, daß dir mit dem fremden Entwurf -gelingen werde, was dir mit deinen eigenen, die du so -begeistert ausgedacht und so sehr gepriesen hattest, nicht -gelungen war? Ich mußte denken, daß du über dein -Talent überhaupt in einer Täuschung befangen warst, -daß deine Kräfte zu dieser Art von Arbeiten nicht hinreichten, -daß deine Bemühungen vergeblich seyn und -bleiben würden — und daß du mich, wenn auch mit dem -besten Glauben von der Welt, hinhalten würdest und -müßtest, weil dir ein Plan um den andern fehlschlug.“</p> - -<p>Heinrich wollte reden, aber das Mädchen schnitt ihm -das Wort im Mund ab, indem sie fortfuhr: „Sag’ selbst, -welch ein Schicksal erwartete mich unter diesen Umständen? -Wenn ich den Bitten, den dringenden Mahnungen -meiner Eltern auch hätte widerstehen können, -so wurde ich älter; ein Jahr um’s andere und mit ihm -das bischen Jugendblüthe ging dahin; und wenn mir -das in einer Art geschah, wie es mancher geschehen ist -— wer stand mir dafür gut, daß du nicht endlich selber -dein Herz von mir abkehrtest?“</p> - -<p>„Oh!“ rief Heinrich, indem er sich unwillig wegwandte. -— „Es wäre nicht das erstemal,“ fuhr Auguste -fort, „daß ein glühender Liebhaber kalt würde und sich -zurückzöge! Poeten sind wandelbar, und eine neue Liebe -kann für ihr Herz gar leicht mehr Reize haben, als -die Pflicht der Treue. Genug, wenn ich mich nicht -selbst verblenden wollte, konnte ich jetzt in einem fortgesetzten -Verhältniß weder mehr auf mein Glück rechnen -noch auf das deine. Mein Vater (wenn ich das auch -sonst von ihm hätte erwarten dürfen) konnte unsere Erhaltung -für sich allein nicht bestreiten, nicht <em class="gesperrt">mehr</em> bestreiten, -mein guter Heinrich! Von dem Augenblick nun, -wo ich das in aller Klarheit sah, betrachtete ich mich -nur noch als deine Verwandte, deine Freundin; und -wenn du meinen letzten Brief nochmals ansehen magst, -wirst du dich überzeugen, daß sich in ihm nur die sorgenvolle -Theilnahme an deinem Schicksal ausspricht, -wie sie eine Freundin empfindet. Kurze Zeit, nachdem -ich diesen Brief geschrieben, sah ich den jungen Kronfeld, -gewann sein Herz, ganz ahnungslos von meiner -Seite, und hörte seinen Antrag. Ich verbrachte trotz -alledem Tage der größten Aufregung und der peinlichsten -Zweifel, weil ich mir den Eindruck vorstellte, den -dieser Schritt auf dich machen würde und eine Stimme -in mir doch wieder für dich gesprochen hatte. Aber von -dem ausgezeichneten jungen Mann, von meinen und -seinen Eltern gedrängt, wiederholt und mit Gründen -gedrängt, denen ich nichts mehr entgegenzusetzen wußte, -sagte ich endlich Ja.“</p> - -<p>Heinrich nickte, wie zu der guten Vertheidigung -einer schlechten Sache, und entgegnete bitter: „Das war -zu derselben Zeit, wo dein Geliebter und Verlobter -sein Wort zur Wahrheit machte und mit der Schöpfung -seines Geistes einen Erfolg errang, der ihm eine -rühmliche Zukunft, uns beiden eine geehrte Existenz -verbürgte!“</p> - -<p>Auguste konnte nicht umhin, nun einen flüchtigen -Blick des Mitleids auf ihn zu werfen. „Heinrich,“ erwiederte -sie, „ich freue mich dieses Glücks von ganzer -Seele! Aber nach der Belehrung, die ich darüber erhalten -habe, kann ich die Hoffnungen nicht mehr theilen, -die du darauf zu bauen scheinst. Wer ist dir denn gut -dafür, daß dieses Stück auch anderswo so gefällt wie -da, wo die Mitarbeiterin darin gespielt und natürlich -ihre Freunde und Verehrer hat? Wer ist dir gut dafür, -daß man es an andern Orten, wo keine Gönner helfen, -auch nur gibt? Und wenn es gegeben würde und gefiele, -wer verbürgt dir, daß deine neuen Arbeiten eben -den Beifall erhalten wie diese, die unter so besondern -Verhältnissen entstanden ist? Ein Theaterstück, das hier -und dort wohl aufgenommen wird, gründet noch nicht -die Existenz eines einzelnen Mannes, geschweige denn -einer Familie. Ich habe darüber im Hause meines -Bräutigams von einem Schriftsteller, der in diesen -Dingen bewandert ist, Aufklärungen erhalten, die mich -in meinem Entschluß nur bestärken konnten. Darum -will ich dir aber jetzt das Herz nicht schwer machen. -Es ist möglich, daß dir von nun an Alles über Erwarten -gelingt, und niemand kann es inniger wünschen -als ich. Aber ich, in meinen Verhältnissen, konnte an -diese Möglichkeit — noch dazu in einer Zeit, wo sie -eine höchst entfernte war — nicht das Schicksal meines -ganzen Lebens knüpfen, während von anderer Seite mir -und meinen Eltern das gesichertste, ehrenvollste Loos -und ein Wirkungskreis geboten war, wie ich ihn mir -immer gewünscht habe.“</p> - -<p>Heinrich stand mit bebender Lippe. „Richtig!“ entgegnete -er; „richtig — und abscheulich!“ — Auguste -sah ihn an wie eine Verletzte. — „Du hast sehr einsichtsvoll -gehandelt!“ fuhr jener fort; „als ein wahres -Muster von Ueberlegung und praktischem Verstand! -Aber von Gemüth und von Würde der Gesinnung erblick’ -ich keine Spur in deinem Verhalten! Wenn diese -Gründe gelten, dann kann man jede Treue brechen; -denn immer kann man sagen: ich habe zwar eine heilige -Zusage gegeben und unwandelbare Treue hoffen -lassen; aber dort bietet sich mehr Vortheil, mehr Sicherheit, -man lebt nur Einmal und muß vernünftig seyn, -also laßt uns absagen und unser Lebensglück begründen!“</p> - -<p>„Heinrich!“ rief das Mädchen, gegen diese Auslegung -sich wehrend, in einem Tone zugleich der Scham und -der Entrüstung. — „Geh,“ rief dieser, „du kennst die -Liebe nicht! Die Liebe ist eine Flamme, die mit wunderbarer -Gewalt auflodert und über alle Rücksichten hinweggeht. -Die Liebe <em class="gesperrt">will</em> keine Sicherheit, sie will das -Wagniß und die Gefahr, und freut sich ihrer! Denn -nur der Gefahr und dem Unglauben der Welt gegenüber -kann sie zeigen, was in ihr und an ihr ist! Nur -in der Selbstaufgebung und im Opfer genügt sie sich! -Die Liebe scheut nicht zurück vor dem Gedanken des -Leides, ja nicht des Untergangs! Die Liebe hofft Alles -und geht Hand in Hand mit dem Glauben; aber sie ist -auch bereit, Alles zu dulden, weil sie weiß, daß jedem -zeitlichen Verlust ewiger Ersatz wird! Geh hin und stelle -dich zu deines Gleichen! Du verlierst mehr, als du gewinnst! -Ein einziger Augenblick einer edeln Seele, die -göttlich denkt und handelt, ist mehr werth als ein ganzes -Leben solcher verständigen, klugen, herzlosen Figuren! -Ich habe mich getäuscht, ja; aber nicht über mich und -mein Talent; denn in mir glüht eine Flamme, die nie -verlöschen und nur immer heller aufleuchten wird! Ueber -dich hab’ ich mich getäuscht und über deine Gesinnung! -In dir hab’ ich eine Göttin erblickt und als eine Göttin -hab’ ich dich gefeiert, und sehe nun, daß du nichts bist, -als ein Weib, und zwar ein gewöhnliches Weib, mit -all dem trivialen Verstand und dem offenen Auge für -den Vortheil! Meinethalb! Ich bin beschämt und muß -es tragen! Ich bin verschmäht und weggeworfen, und -soll meine Schmach nun auch noch für Recht erkennen -und der Verächterin meinen Beifall zollen! Doch, Gott -sey Dank, es gibt noch Seelen in der Welt, die lieben -und liebend wagen und opfern! Es gibt noch Seelen, -die mir anhängen mit einer Liebe und Treue, die nichts -wankend machen kann! Fort, fort zu ihnen! fort zu -meinen Eltern! fort an das Herz der Mutter, die alles -empfangen soll, was du verschmähst, und die es mit -Freuden empfangen wird! — O,“ fuhr er mit Thränen -in den Augen fort, „der Boden brennt mir unter den -Füßen — nie, nie werd’ ich dieses Haus mehr betreten!“</p> - -<p>„Heinrich!“ rief Auguste erschüttert, mit schmerzlichem -Bedauern in dem glühenden Gesicht. Aber dieser -war fertig. „Fahr wohl!“ rief er mit einem Stolz, -der sein Gesicht leuchten machte; „fahr wohl für diese -Welt! Sey glücklich, wie du es vermagst, und vergiß, -daß meine Liebe jemals dir gehört hat! Sie war die -Tochter des gröbsten Irrthums, ich bereue sie — und -sie ist dahin für immer!“</p> - -<p>In größter Aufregung, aber dennoch mit stolz gemessenen -Schritten verließ er Zimmer und Haus. -Auguste, sich fassend und wieder aufrichtend, sah auf -die offene Thüre. „Er stürmt fort,“ sagte sie zu sich -selbst, „mit Verachtung im Herzen! Aber es ist mir -doch lieb, daß ich ihn noch gesprochen habe. Er hat -meine Gründe gehört, und wie schlecht sie ihm jetzt -vorkommen mögen, wenn er meinen Entschluß ruhiger -bedenkt, wird er mich und sich selbst besser beurtheilen. -Ich hab’ doch recht gethan, mich nicht für mein Leben -an ihn zu fesseln. Das erkenn’ ich jetzt mehr als jemals. -Und,“ setzte sie mit einem Ausdruck voll Selbstgefühl -hinzu, „wie verächtlich mein Loos ihm erscheinen -mag, ich nehm’ es an.“ —</p> - -<p>Heinrich ging rasch in den Gasthof zurück, eilte auf -sein Zimmer und schloß sich ein. Es war Zeit. Sein -Herz war unendlich gedrückt, von einem Strom der -bittersten Empfindung durchfluthet, und Thränen stürzten -ihm aus den Augen, Thränen der Scham, des Wehs -und des Zorns. „Welch ein Verrath!“ rief er. „Welch -ein Abgrund von Selbstsucht! Ist es möglich? Hab’ ich -mich so völlig getäuscht? Unverzeihlich, unverzeihlich! -Bei mir war Alles Ernst, hoher, heiliger Ernst, bei -ihr Alles Schein, Phrase, hohle Phrase! Ewige Schmach -für mich! Sie hab’ ich angesehen und dargestellt als das -Ideal des Weibes! leuchtend in allen Tugenden, die -sie zu haben schien, mit jener diabolischen Magie des -Weibes zu haben sich anstellte, und die doch keiner ferner -waren als eben ihr! Doch — in Gottes Namen! Sey -mein Irrthum der gröbste gewesen, Liebe hat in mir -geirrt und ein großmüthig fühlendes Herz! Mag ich der -Dumme gewesen seyn, wenn ich nur nicht der Lieblose -war! Denn der Weltverstand lernt sich, die Liebe nimmermehr, -und wo die Liebe fehlt, da fehlt das Heil -und die Ehre des Menschenthums!“</p> - -<p>Schweigend saß er eine Zeitlang. Dann, mit schmerzlichem -Ernst nickend, fuhr er fort: „Unerhört ist die -Kränkung, die ich erfahren habe, und ich weiß es, ich -werde von dem Gift, das mich peinigt, so schnell nicht -genesen; aber Etwas bleibt mir, das mich trösten und -endlich, so Gott will, auch heilen wird: das Herz meiner -Eltern, das Herz edler Seelen, die mir Antheil bezeigt -und mit liebevoll uneigennütziger Freundlichkeit und -Güte mich gefördert haben.“</p> - -<p>Er hielt inne, und während die Thränen in seinen -Augen versiegten, starrte er für sich hin. Plötzlich fuhr -er zusammen. Eine dunkle Röthe ergoß sich über seine -Wangen, seine Brust arbeitete und die Züge, die nur -Anklage und Leid ausgedrückt hatten, verriethen auf -einmal Schuldgefühl, Scham und Sorge.</p> - -<p>Mit der Hand über die Stirn fahrend, rief er aus: -„Zu meinen Eltern! Sie sollen meine Ehre, meine -Schmach erfahren! — Bei ihnen hoffe ich Ruhe und, -so Gott will, neuen Lebensmuth zu finden!“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>XI.</h3> -</div> - -<p>Am andern Morgen reiste Heinrich ab. Der Tag -war schön, und der schmerzlich Beraubte, aber der -Entsagung Fähige hatte, in der offnen Chaise, die er -für sich genommen, allein durch Feld und Wald hinrollend, -wundersame Empfindungen. Die Lerchen sangen -steigend in die sonnige Höhe — die frohen, frischen Klänge, -die ihn von allen Seiten umtönten, übten auf das gedrückte -Herz eine freundliche Wirkung. Je weiter er von -der Stadt sich entfernte, um so erleichterter fühlte er -sich. Sie versank hinter ihm, in der er so brennenden -Schimpf erfahren: die Flecken, die seiner Ehre sich angeheftet, -schienen mit ihr zu vergehen, und das stechende -Leid milderte sich zu linder Trauer.</p> - -<p>Als er der Heimath sich näherte, sprachen ihn die -Landschaftsbilder wohlthuender an, und die Poesie der -Knabenjahre, der ersten Ausflüge, deren er sich hier -erinnern mußte, legte sich ihm balsamisch an die Seele. -Die Liebe, der er entgegenging, beglückte und rührte -ihn in der bloßen Vorstellung, und tief empfand er die -heilige Festigkeit des Bandes, das Eltern und Kind -verknüpft. Die peinliche Erfahrung hatte ihn selbst -wieder zum Kinde gemacht, das Trost und Hülfe suchte -bei denen, welche die Natur ihm zum treuesten Beistand -angewiesen; und diesem Trost, wie sehnte er sich -ihm entgegen! Als nun aber das Städtchen selbst hervortrat, -da gingen schmerzlich erregte Gefühle durch die -wohlthuenden: er bangte vor dem Moment des Geständnisses, -vor dem Unmuth und dem Schmerz der -mitbeleidigten Eltern, und er mußte alle Kraft zusammennehmen, -um endlich mit gefaßter Miene vor sie -zu treten.</p> - -<p>Die ersten zärtlichen Begrüßungen und Umarmungen -belehrten ihn, daß ein Geständniß nicht mehr nöthig -sey. Die Untreue der Geliebten war im Orte schon bekannt, -und das Benehmen des Mädchens wurde namentlich -von der Mutter leidenschaftlich verurtheilt. Heinrich -vernahm aus dem Munde der guten Frau Bedauern, -Anklagen und Glückwünsche nacheinander, während der -Vater schweigend oder mit ernsten, kurzen Worten zustimmte. -Er sah aber auch, wie die Freude über den -öffentlichen Erfolg und den beginnenden Ruhm des -Sohnes den Verdruß über die erlittene Kränkung in -Beiden überwog, und fühlte mit tiefer Beruhigung, daß -er sich mit ihnen verständigen konnte. Wie wohl that -ihm das! Gerührt sah er in die guten Augen, aus -denen die treueste Liebe glänzte.</p> - -<p>Er wollte sich entstricken von den Erschütterungen -der letzten Tage, zu dem neuen Leben in möglichster -Einsamkeit sich vorbereiten, und mit heimlichen, wenn -auch melancholischen Empfindungen richtete er sich in -dem Stübchen ein, das er seit Jahren zu bewohnen -pflegte — still, abgelegen, mit der Aussicht auf den -Garten, für ihn ein erinnerungsreicher Boden und ganz -geeignet zum Rückgang in frühere Zeiten, zum Ueberdenken -des Erlebten und zum Ausreifen neuer Entschließungen. -— —</p> - -<p>Es ist nicht meine Absicht, den Verkehr Heinrichs mit -den Seinen und mit den guten Freunden, deren er in -dem Geburtsorte besaß, näher zu schildern. Auch die letztern -nahmen lebhaft Partei für ihn, und manche scharfe -Bemerkung fiel über das weibliche Geschlecht überhaupt, -wogegen aber eben der Geschädigte zu protestiren pflegte.</p> - -<p>Er genas, wenn auch langsam und ohne den fröhlichen -Sinn und schönen Muth früherer Tage wiederzufinden. -Zuweilen sprach er sich über Auguste und ihr -Verhalten in einer Art aus, daß man schließen mußte, -er sehe in der Lösung des Bandes ein für ihn unter -allen Umständen günstiges Geschick. Dann erblickte man -ihn aber doch wieder in Aufregung, Verwirrung und -Betrübniß. Die Mutter, die am innigsten mit ihm -fühlte, tröstete ihn in solchen Momenten und meinte: -er werde schon die Rechte noch finden! Wenn er dann -eigen seufzte und die Achsel zuckte, ruhte sie nicht mit -erheiternden, ja schmeichelnden Reden, bis seine Mienen -sich wieder aufhellten. Einmal entgegnete er der Trösterin -mit Ernst: „Wer eine Erfahrung gemacht hat, wie ich, -der findet nicht leicht den Muth zu einer neuen Unternehmung. -Wenn man einem Scheinbild nachjagt, sieht -man sich am Ende nicht nur getäuscht, man hat vielleicht -gerade das wahre Glück, das man erlangen konnte, -thöricht versäumt und auf immer verloren! — Nun,“ -setzte er mit leisem Lächeln hinzu, „immer bleibt mir -ja eine Mutter, die mich liebt, wie ich sie liebe — und -die mir nie untreu werden wird!“ — „Das schon,“ -erwiederte die Gute. „Aber das ist nicht genug! Für -dich nicht, und für mich auch nicht!“</p> - -<p>Unser Freund scheute sich, den Eltern eine letzte Eröffnung -zu machen. Er gab sich den Gefühlen hin, die -sich in ihm erzeugten, rechnete mit sich selbst und lebte -ein Leben stiller Erwägungen.</p> - -<p>Ungefähr acht Tage nach seiner Heimkehr schrieb er -an den ihm so freundlich gewogenen Rector der Handelsstadt -einen Brief, der uns den besten Blick in den Zustand -seines Herzens thun läßt. Er hatte nicht die -Stimmung gefunden, den eben so braven und heitern -wie gelehrten Schulmann noch zu besuchen; aber durch -die Nachricht, die ihm Hanna mitgetheilt, war die -Achtung, die er immer gegen ihn empfunden, so vermehrt -worden, daß es ihm jetzt eine wahre Genugthuung -verschaffte, gegen ihn mit aller Offenheit sich -auszusprechen. Die Hauptstellen lauteten:</p> - -<p>„Es ist sonderbar, welche Erfahrungen wir armen -Sterblichen machen und immer wieder machen. In gewissen -Dingen werden wir nicht nur nicht durch den -Schaden Anderer klug, sondern auch nicht einmal durch -unsern eigenen. Immer wieder täuschen wir uns — -weil der Trug so lieblich ist und ein tiefes, glühendes -Verlangen der Seele stillt!</p> - -<p>Wie viel ist über die Liebe gesagt und gesungen! — -und noch immer ist nicht recht in’s Licht gesetzt, daß es -zweierlei Liebe, zwei grundverschiedene Arten von Liebe -gibt. Unterschieden sind sie wohl; aber nicht mit völliger -Gerechtigkeit und siegreicher Klarheit. Die eine ist reizender, -bestrickender gemalt wie die andere; und wenn -diese auch als die bessere hingestellt worden ist, so fühlt -man aus dem Bilde das Pflichtgefühl des Malers, nicht -die reine, selige Begeisterung heraus. Was er erhöhen -wollte, fand nicht auch die wahre höhere Schönheit -und muß dem Zauber weichen, der unwillkürlich in die -Spiegelung des Geringern gekommen ist.</p> - -<p>Wir lieben am Weib die äußere Erscheinung, den -Schein — und der Schein trügt. Es gibt eine Schönheit -des Leibes, der keineswegs eine Schönheit der Seele -entsprechen muß. Die Seele hat wohl eine Fähigkeit zur -Schönheit, aber nicht so viel, daß sie schön seyn, sondern -nur, daß sie (wie unsere Sprache so treffend sagt) schön -thun kann. Auch die Seele ist also mehr zum Schein -als zum Seyn ausgestattet, und mit dem Schein täuscht -sie uns; sie erscheint uns so, daß wir uns selber täuschen, -indem wir das bloße So-Thun für Seyn und Wahrheit -nehmen, und nun triumphiren, als ob wir die -schönste Wahrheit selber gefunden.</p> - -<p>Ja wohl: edlen Sinn, treue Liebe, aufopfernden -Muth blicken die leuchtenden Augen und strahlt das -erröthete Angesicht! Aber im Innersten lebt das klare, -kalte, berechnende Ich, das frei ist gegen die Affecte -und sich vorbehält, diese zu bestätigen oder zurückzunehmen, -je nach Befund. Davon merken wir aber nichts, -wir von dem schönen Doppelschein Betrogenen! Was -uns so außerordentlich hold anspricht, das muß nothwendig -wahr seyn! Die Liebe, die mit so wunderbarem -Feuer aus den Augen in unser tiefstes Herz einglüht, -kann nur eine ewige seyn! Und nun erhebt sich unsere -Liebe mit doppelter und dreifacher Macht, in dankbarer -Rührung schmelzen wir und durch keine Verherrlichung -glauben wir der Bewunderten genugthun zu können. -Was wir an lieblichen und edeln Eigenschaften nur zu -denken vermögen, sehen wir in ihr — tragen es über -in sie und sehen es wirklich und gewöhnen uns daran: -das Weib steht als eine Göttin vor uns, an der alle -Wandelung des Lebens nur ein Schönerwerden seyn -kann!</p> - -<p>Was haben wir für Mittel gegen diese vereinten -Täuschungen? Gegen die Magie, die wir wollen und -miterzeugen, weil sie uns beseligt? Es gibt nur Ein -wirksames: die Enttäuschung durch die That, — durch -den thatsächlichen Schaden, den thatsächlichen Schimpf -und das Herzeleid! — —</p> - -<p>Dichterische Seelen dürfen doch vielleicht auf Entschuldigung -rechnen, wenn sie der Blendung erliegen! -— Der Dichter muß gut seyn, er muß Glauben und -Liebe haben; denn er soll in Schönheit führen und idealisiren -Alles, was er sieht, — und dazu muß er schon -Alles liebevoll und schön sehen. Der Dichter treibt nur -sein Metier, wenn er verschönert und gläubig preist -und liebevoll verherrlicht; darum ist er auch so sicher -dabei und erlangt am schwersten den Scharfblick, der -hinter den Blumen der äußeren Lieblichkeit die Schlange -der Selbstsucht wahrnimmt. Ihm muß der wirkliche -Sachverhalt unerbittlich <i lang="la" xml:lang="la">ad oculos</i> demonstrirt werden, -sollen es nicht länger Augen seyn, die sehen ohne zu -sehen! — Aber auch dann — der Zauber, an dem er -so lange gehangen hat, wirkt noch immer! Bilder ehemaligen -Glücks umgaukeln den Beraubten, Sehnsuchtgepeinigten; -der schöne Schein glänzt in unwiderstehlichen -Reizen, und tiefstes Leid erfüllt seine Seele, daß -er verlieren soll, was er zu höchster Seligkeit erlangen -wollte und in entzückenden Träumen schon als erlangt -sich vorgespiegelt hat! — —</p> - -<p>Doch, verehrter Freund, hier thu’ ich mir selber -Unrecht. Regungen dieser Art hab’ ich freilich; aber -doch nur selten, und ich verstehe ihnen zu antworten -und sie abzuweisen. Die Wahrheit, die wahre Schönheit, -die Schönheit der Seele leuchtet mir in siegendem -Glanz; ich sehe sie immer schöner, und ihr heiliger -Zauber entkräftet den unheiligen, der die Schwäche bestrickt -hat. Wenn sie vor mir lebendig wird, dann erbleichen -die Farben der täuschenden Erscheinung und -diese gewinnt durch ihr erkanntes Wesen ein mißtöniges -Licht, das die letzten Sympathien im Herzen tilgt.</p> - -<p>Was gibt es Lieberes, als ein ehrliches Herz? Was -gibt es Holderes als die Güte, die darnach trachtet, -daß sie Freude mache und Hülfe leiste, und die keinen -andern Lohn will, als das frohe Gesicht des Beglückten? -Was gibt es Schöneres und Rührenderes, als die Großmuth, -die sich selber beraubt, um Andere zu bereichern? -Was gibt es Himmlischeres, als den Blick aus dem -Aug eines Weibes, deren innerstes Wesen Güte, Großmuth -ist? O, neben diesem Blick erscheint der süßeste, -dessen die Sirene in Momenten der Rührung fähig ist, -oberflächlich und machtlos! Dort nur sehen wir in den -Himmel, in heilig holdes Leben; wir fühlen uns unendlich -heimlich und gesichert, unser Gefühl beglückt uns -nicht nur, es erhöht und weiht uns, und nicht nur selig, -sondern mit der Besten selber gut und edel geworden -erblicken wir die Gestalt und Alles, Alles an ihr in -dem Licht ewiger Schönheit!</p> - -<p>Hat es solche Frauen nicht gegeben? Und Gott sey -Dank, es gibt noch solche! Es ist keine poetische Täuschung, -wenn wir von Frauen reden, die Engel sind! -Sie wandeln auf Erden, diese schönen Wesen, sie erweisen -sich, und wehe dem Stumpfsinnigen, der nach -thatsächlichem Erweis ihre himmlische Güte noch bezweifeln -könnte!</p> - -<p>Die That und die Bewährung durch die That, daran -erkennt man sie. Denn sie geben sich nicht immer das -Ansehen ihres innern Wesens und lieben es nicht selten, -den Adel ihres Denkens und Fühlens hinter Scherz und -Spiel zu verstecken. Es gibt ernste Heilige auf Erden; -aber es gibt auch heitere, die sich in lieblicher Laune -gefallen und deren gütige Seele, wenn sie sich offenbart, -nur um so rührender erscheint.</p> - -<p>Menschen haben ihre Schicksale. Das meine war, -von dem Schein getäuscht und betrogen zu werden. Hab’ -ich mich dadurch eines ehrlichen Herzens unwerth gemacht, -so muß ich’s dulden. Aber Ein Vortheil — Ein Ersatz -ist mir doch geworden: ich habe die wahre Schönheit -erkennen lernen auf Grund der falschen, und mein Herz -lodert in Liebe zu Dem, was ewig liebenswerth ist.“</p> - -<p>Zwei Tage darauf erhielt er von dem alten Herrn -das Antwortschreiben:</p> - -<p class="quotation"> -<i lang="la" xml:lang="la">„Aequam memento rebus in arduis<br /> -Sevare mentem!</i> -</p> - -<p>Diesen alten Spruch, mein lieber Freund, ruf’ ich -Ihnen zu, damit Sie ihn beherzigen, wie’s noth thut! -Aus Ihrem freundlichen und dichterischen Brief hab’ ich -zu meiner großen Beruhigung ersehen, daß Sie sich -über den Verlust der schönen Werthlieb fast schon getröstet -haben. Fahren Sie fort und bringen Sie es -dahin, daß Sie sich zu diesem Ende Glück wünschen. -Sie hat uns Alle getäuscht, und auch ich hab’ mich zu -schämen, daß ich sie, weil sie schön war und in ihrer -stolzen Ruhe etwas Klassisches hatte, für gut gehalten. -Ja, ja, der Mammon! — Mir will vorkommen, als -ob er noch nie so der Gott der Welt gewesen wäre, -als gerade in unsern Tagen! Alles hält man jetzt für -unsicher, nichts erweckt mehr Vertrauen im Herzen der -Menschen, als Geld und Gut. Man stellt sich vor, was -man Alles dafür haben kann, und trachtet immer nach -mehr, ohne zu bedenken, daß man doch nur äußere -Dinge dafür eintauscht, welche sehr häufig auch schädlich -sind, und daß man oft nicht nur die Tugend, sondern -auch die edelsten Freuden dafür hingibt. Aber das sind -<i lang="la" xml:lang="la">nugae</i> für die jetzige Zeit. Was die Moralisten aller -Jahrhunderte, Philosophen und Poeten des Alterthums -so schön und überzeugend gelehrt haben: daß das wahre -Glück in der Tugend bestehe, damit kann man heutzutag -nur noch den Spott auf sich ziehen. Wo will die -Welt hin, mein lieber Freund? Und wird sie auf diesem -Wege, der aus der Bildung heraus in die Rohheit führt, -endlich Halt machen und zur Vernunft und edlen menschlichen -Denkart umkehren?</p> - -<p>Thätigkeit, Maß und gute Laune, das erhält uns -jung, es verschafft uns den Boden in der Welt, den -wir brauchen, und verheißt uns ein glückliches Alter. -Mit großer Freude hab’ ich von Ihrem guten Erfolg -auf der Bühne gelesen. Sie sind doch schnell zum Zwecke -gekommen, und das beweist mir, daß das Drama das -Fach ist, auf das Sie mit Ihrem Talent vorzüglich -angewiesen sind. Cultiviren Sie es, und versäumen -Sie dabei nicht, die alten Autoren zu studieren, Griechen -und Römer! Sie wissen, ich bin kein Pedant und setze -die Alten nicht unbedingt über die Neuern, weil ich in -ihnen zu Hause bin und meine liebsten Freuden aus -ihnen schöpfe. Aber lernen kann man sehr viel aus -ihnen; und mich will bedünken, als ob man sie gegenwärtig -besonders auch zum Vortheil der dramatischen -Dichtung studieren sollte. Man ist zu bunt geworden -im Drama, wie mir scheint, — man bringt zuviel -Stoff und verliert über den Effecten den Effect. Ein -Streben nach größerer Concentration und Harmonie -thut den jetzigen dramatischen Autoren noth; und wo -finden sie da herrlichere Muster, als es die großen -Tragiker der alten Griechen sind, deren einer jetzt sogar -wieder von unsern Bühnen herab die Herzen erschüttert?</p> - -<p>Ihnen, mein lieber junger Freund, wird das Studium -der Alten noch ganz besonders ersprießlich seyn; -denn Sie — nehmen Sie mir’s nicht übel! — verrathen -noch immer zu viel Ueberschwänglichkeit! Die -Vergötterung eines Weibes hat Ihnen Kummer eingetragen; -und nun scheinen Sie mir doch wieder nach -einer andern Seite hin vergöttern zu wollen, phantasiren -sich Engel in Menschengestalt, und sind in Gefahr, -sich eine neue Enttäuschung zu bereiten. Freilich gibt -es engelgute Frauen; aber auch diese bleiben immer -menschliche Wesen mit verschiedenen menschlichen Eigenschaften, -die mit dem Engelsideal oft gar sehr in Widerspruch -treten. Man muß sich das zuvor sagen und -natürlich-gesunden Sinnes nicht zuviel erwarten, wenn -man nicht Beschämung und Verdruß erleben will.</p> - -<p>Doch darum nicht den Muth verloren, mein lieber -Poeta! Es gibt gute, brave, wohlgezogene Mädchen, und -ich wünsche von Herzen, daß Sie eine solche finden und -mit ihr des Lebens froh werden mögen. Vielleicht schwebt -Ihnen bereits ein liebes Kind vor, wie ich Ihnen eines -wünsche? Sind Sie der Hauptsache gewiß, dann sehen -Sie nur frisch über alles Andere hinweg und gründen -Sie mit Besonnenheit ihr Glück im Ehestand! Denn -dafür, wie ich Sie kenne, hat Sie Gott geschaffen. Ich -sage Ihnen: Ihre Phantasie wird sich nie ganz losringen -von der Schönen, die so unwürdig gegen Sie -gehandelt hat, wenn Sie nicht der Gatte einer Andern -werden. Ein Engel, den Sie nur träumen, wird Sie -nicht frei machen gegen die, welche denn doch immer -noch lebendig da ist, sondern nur ein gutes braves -Weib, das Sie die Freuden des Hauses kosten läßt. — -Leben Sie wohl, handeln Sie als Mann, und wenn -etwas eintrifft, das mir Freude machen kann, vergessen -Sie nicht, es mir zu melden, sondern denken Sie auch -im Glück an mich!“ —</p> - -<p>Als Heinrich diesen Brief las, konnte er nicht umhin, -die tröstende Wirkung zu empfinden, die herzlicher -Antheil, mit wackerm Humor ausgesprochen, immer auf -uns übt. Zuletzt schüttelte er aber doch melancholisch -den Kopf. „Uebertriebene Vorstellungen?“ sagte er zu -sich; — „phantastische Ansprüche? — Wenn es nur -das wäre!“</p> - -<p>Er schwieg, und ein Seufzer stahl sich aus seiner -Brust. „O Verblendung,“ rief er aus. „Stumpfsinn -des Träumers, worüber kannst du hinwegsehen! — — -Aber Geschehenes ist nicht zu ändern. Ich muß einen -neuen Plan machen zum Leben und etwas versuchen! -Meine Eltern sollen mich hören, und das heute noch!“</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>XII.</h3> -</div> - -<p>Vierzehn Tage waren hingegangen, seitdem Rosa -von der Intendanz die ehrende Aufforderung erhalten. -Die Vorstellung des Dramas, in welchem sie die Hauptrolle -geben sollte, hatte stattgefunden und sie darin eine -Kraft, Leidenschaft und Kunst entwickelt, daß die Kenner -mit Staunen folgten und das Publikum den aufgeregtesten -Beifall spendete. Der Sieg war vollkommen und -bildete denn auch andern Tags den Hauptgegenstand -der Unterhaltung in den feineren Kreisen der Stadt.</p> - -<p>Rosa, indem sie den früher schon gelungenen Versuch -in überraschender Vollendung wiederholte, hatte ihre -Begabung für die höhere Sphäre der strengsten Kritik -dargethan. Die Verwandlung ihres Herzens und Willens -im Bunde mit der angesammelten Erfahrung hatte -neue Fähigkeiten in ihr zu Tage gebracht und nicht nur -ihrer Gestalt und Miene einen edleren, heroischeren -Ausdruck, ihrem Spiel mehr Feuer, Innigkeit und -Schwung verliehen, sondern auch ihre Stimme umfangreicher -und tönender erscheinen lassen. So wahr ist es, -daß die physischen Mittel abhängen vom Geist, ein erhöhtes -Wollen auch sie erhöhen und die unzureichend -scheinenden zureichend machen kann.</p> - -<p>Es war der Künstlerin doch eine große Genugthuung. -Ein süßes Gefühl der Macht durchdrang sie, -und am Abend während der Vorstellung, am andern -Tag bei Besuchen glückwünschender Verehrer empfand -sie die reinste Freude. Sie hatte sich’s ausgedacht, alle -ihre Kräfte aufgerufen und zusammengenommen und das -Bild ihrer Seele auf der Scene verwirklichen wollen; -aber wer stand ihr gut dafür, daß sie es auch konnte? -Nun mußte sie dem Beifall der Zuschauer, der allgemeinen -Stimme glauben und durfte die Leistung für -gelungen halten.</p> - -<p>Nach und nach sank die bewegte Fluth, Ruhe kam -in ihr Herz und die Befriedigung ihrer Seele gewann -einen Charakter des Ernstes, von dem sich eine stille -Melancholie nicht abhalten ließ. Die Grundempfindung -war doch eine beglückende. Die innere Vertiefung wurde -von ihr als ein Zuwachs ihres Wesens, als dauernder -Gewinn empfunden.</p> - -<p>Als sie am dritten Morgen aus ihrem Stübchen -in’s Zimmer trat, fand sie die Mutter eifrig lesend. -Verschiedene Zeitungen waren eingegangen, die sämmtlich -das Lob der Tochter verkündeten, und die gute -Frau schwelgte eben in einem wahren Hymnus, in den -sich die gefürchtete Feder Emil Schilfs ergossen hatte. -Dieser Gute konnte, wenn nicht höhere Motive entgegen -traten, eben so tapfer preisen wie schmähen, und dießmal, -von dem Spiel Rosas bezwungen, hatte er sein -Feuilletongenie in einem Panegyrikus blitzen lassen, daß -die Mutter Edelsteine und Perlen zu lesen glaubte. -Mit leuchtenden Augen ging sie auf die Tochter zu, -meldete ihr die Vollendung des Triumphs durch die -Presse und küßte sie unter Thränen der Freude. Sie -war über den Erfolg noch glücklicher, jedenfalls stolzer -als Rosa, und ihre Mienen hatten zugleich etwas -Geheimnißvolles, als ob aus dem umgedrehten Füllhorn -noch eine Spendung zu erwarten wäre.</p> - -<p>Zunächst beschäftigte sie ein anderer Gedanke. Nach -einem Moment des Besinnens ernst geworden, faßte sie -die Hand der Tochter und sagte: „Du hast Alles erreicht. -Du hast gezeigt, daß du eine Künstlerin bist; -die schärfsten Kritiker setzen dich schon den berühmtesten -Namen an die Seite. Schau nun aufwärts, mein -Kind! Widerstehe deiner Schwäche! Bezwing’ eine Leidenschaft, -die an deinem Herzen zehrt! Vergiß ihn, der -ohne Zweifel dich vergessen hat!“</p> - -<p>Rosa hatte ernsthaft gehorcht. Bei den letzten Worten, -ungläubig oder gegen den Gedanken sich wehrend, -schüttelte sie den Kopf. — „Wie!“ rief jene, mit einem -Anflug von Unmuth; „du zweifelst noch? Kommt er -auch nur dazu, uns, die wir Alles für ihn gethan -haben, ein paar Zeilen zu schreiben? Er denkt nicht an -dich! Er lebt seiner Braut — oder seiner Frau. Er -ist aufgegangen in seinem Glück — und wem verdankt -er’s?“</p> - -<p>„Du bist ungerecht, Mutter,“ entgegnete die Tochter -mit dem Humor eines melancholischen Herzens. -„Wem verdanke denn ich mein Glück? — wem verdank’ -ich den Triumph, den ich gefeiert habe? Offenbar Ihm, -wie du selber zugeben mußt, seiner Liebenswürdigkeit — -was mir nämlich so vorkam — und seiner Lieblosigkeit! -Beide mußten zusammen kommen, um mich zu der -Schauspielerin zu machen, die nun vom Publikum und -den Journalen gefeiert wird. Gestehen wir’s uns jetzt,“ -fuhr sie nach einem Moment fort, indem sie ihr launig -in’s Auge sah, „ich war in der That ein oberflächliches -Ding. Possen zu machen war meine Kunst und mein -Bestreben. Die Soubrettenrollen hatten mir nach und -nach eine Frivolität beigebracht, daß mir der ehrlichste -Ernst bereits anfing pretentiös zu erscheinen. Ich war -leichtfertig und kalt — ja, auch kalt! In den besten -Momenten war’s doch nur soso, und nicht das Rechte. -Nun ist Alles anders geworden, und wenn ich wieder -eine Rolle von der lustigen Gattung bekomme, werde -ich auch diese feiner und schöner spielen. Es war eine -Schickung,“ fuhr sie mit einem unterdrückten Seufzer -fort, „und der Hauptvortheil ist auf meiner Seite. Also -keinen Seitenhieb auf ihn — das bewußtlose Werkzeug -meines guten Genius! Laß ihn das Glück genießen, -das er um mich gar wohl verdient hat! Und wenn er -uns dabei vergißt — dem Glücklichen, wie du weißt, -schlägt keine Stunde.“</p> - -<p>Die Mutter schüttelte den Kopf, indem ihre Augen -feucht wurden. „Ich würde dich,“ entgegnete sie, „für -das edelste Geschöpf der Welt erklären, obwohl du mein -Kind bist, wenn ich nicht wüßte, daß die Liebe in -allen Geschöpfen großmüthig ist. Du sprichst zu seinen -Gunsten? Du liebst ihn also noch! — O Welt, o -Welt!“</p> - -<p>„Was hast du nur dagegen?“ versetzte Rosa mit -Lächeln. „Wenn die Liebe großmüthig und edel macht, -dann ist’s ja genug, zu lieben und die Vortheile davon -zu haben. Ist edle Gesinnung nicht die Hauptsache? -Und wenn zu ihr die bloße Liebe führt, wozu bedarf -es da noch des Geliebtwerdens?“ — „Geh!“ rief -die Mutter, halb gerührt, halb unwillig, „du bist eine -Thörin!“ — „Das edelste Geschöpf,“ entgegnete Rosa, -„eine Thörin?“ — „Allerdings,“ versetzte die Mutter, -„eine Schwärmerin, von der ich sorgen muß, daß sie -ihr Lebensglück versäumt, indem sie ein unerwiedertes -Gefühl wie ein Heiligthum pflegt. Doch, ich hoffe, die -Zeit wird das Ihre thun. Du bist noch jung, und -was du dir auch einbilden magst, ehe Monate dahingegangen -sind, wird diese Leidenschaft dir erscheinen wie -ein Traum, über den man lächelt, wenn man erwacht. -Du wirst die Augen aufmachen und endlich den Mann -finden, der dich wieder liebt.“</p> - -<p>Rosa, mit einer ablehnenden Bewegung, hemmte -die Fortsetzung. „Es mag seyn,“ erwiederte sie nach -einem Moment. „Bis jetzt hab’ ich aber nichts dergleichen -im Sinn und das Träumen ist mir noch lieber -als das Wachen. Lassen wir’s und erwarten wir alles -Uebrige von der Zeit! Ich bin wirklich zufrieden; ich -habe meine Plane als Schauspielerin und will die gute -Gelegenheit benutzen, um noch einige Rollen zu spielen -wie die so gut gelungene und so viel gepriesene. Ich -werde sie bekommen — was will ich mehr?“</p> - -<p>Die Mutter nickte und schwieg. Sie trat auf die -Seite, machte sich an einem Schrank etwas zu thun -und betrachtete dann die nachdenklich Dastehende mit -einer eigenthümlichen Mischung von Trauer und Hoffnung, -als plötzlich die Klingel ertönte und nach einigen -Sekunden die Köchin mit einem Brief erschien „an die -gnädige Frau.“ Diese erbrach ihn, las und ihre -Wangen rötheten sich; mit Mühe hielt sie eine triumphirende -Empfindung nieder, die sich auf ihrem Gesicht -ausdrücken wollte, und sagte zu Rosa mit Lächeln: „Ich -muß ausgehen! Studire derweil die Blätter.“ — „Wohin -gehst du?“ fragte Rosa. — „Vorderhand,“ erwiederte -die Frau, „bleibt das mein Geheimniß.“ — „Ah!“ -rief jene, „du hast Geheimnisse vor mir? Das ist etwas -Neues!“</p> - -<p>Mit einem liebevollen Blick entgegnete die Mutter: -„Nicht gegen dich, mein Kind, wie du dir denken kannst, -sondern für dich! Für dein Glück — dein wahres -Glück —“ — „Nun,“ versetzte Rosa mit einem Aufschauen -des Argwohns, „ich hoffe nicht —“ — „Keine -Sorge!“ unterbrach sie die Frau kopfschüttelnd. „Deine -Freiheit soll dabei nicht angetastet werden.“ — „Dann,“ -erwiederte jene, „thue, was du vorhast, und mögen -deine Bemühungen gesegnet seyn!“</p> - -<p>Die Mutter verließ die Stube. Rosa trat zu dem -runden Tisch, nahm eine Zeitung und las. Ihre Züge -erhellten sich. „Es thut doch wohl, ausgezeichnet zu -werden,“ sagte sie endlich; „zumal von einem, dem sonst -nichts gut genug ist und der lieber verwundet — um -seinem Namen Ehre zu machen. Sonderbare Menschen! -Die besten können die schlimmsten und die schlimmsten -die besten werden! Sogar auf die Bosheit kann man -sich heutzutag nicht mehr verlassen!“</p> - -<p>Sie ergriff ein anderes Blatt, und schon die ersten -Zeilen entrissen ihr einen Ausruf der Verwunderung. -Es war der Preisgesang von Schilf, der mit seinen -humoristisch-pathetischen Sprüngen auf die klare Seele der -Gefeierten nur einen sonderbaren Eindruck machen konnte, -aber sie doch erheiterte und vergnügte. Sie schüttelte -den Kopf und lächelte. „Welche Bekehrung!“ rief sie -zuletzt; „und was ist gegenwärtig nicht Alles möglich!“</p> - -<p>Das Blatt weglegend, als ob sie von Lob gesättigt -wäre, suchte sie unbewußt die Bank in der Laube auf. -Ihr Herz verlangte zu träumen und gewissen Gedanken -sich hinzugeben. Eine Rede der Mutter hatte sie getroffen. -„Es ist in der That auffallend,“ sagte sie sich, -„daß er nicht einmal schreibt — einige wenige Zeilen -schreibt! — Hat er uns wirklich vergessen im Hause der -Braut — oder der Frau? Undankbar ist er doch sonst -nicht gewesen; im Gegentheil, er konnte mit seinen -Danksagungen ordentlich zur Last fallen. Aber allerdings,“ -fuhr sie mit einem traurigen Lächeln fort, „aus -den Augen, aus dem Sinn, das ist ein bewährter -Spruch. Das Glück entrückt den Geist, und das Erste, -was wir dabei vergessen, ist die Pflicht, die leidige -Pflicht.“ Innehaltend schaute sie vor sich hin. Dann -sagte sie: „Oder wär’s doch anders? Hätte ihn das -Glück vielmehr belehrt und ihm die Augen geöffnet über -mich und meine Gefühle? Hätte er hinterdrein erkannt, -daß ich ihn liebe, leidenschaftlich liebe, und wollte er -mir durch eine Schilderung seliger Tage nur nicht wehe -thun? Möglich auch das! und das stimmt mehr zu seinem -Charakter!“</p> - -<p>Sie schwieg und schien sich in eine Vorstellung zu -vertiefen. Auf einmal erhob sie den Kopf und rief: -„Sachte, Phantasie! Nach Glück ausschauen heißt sich -Unglück holen! Machen wir aus der Noth eine Tugend,“ -fuhr sie mit ruhiger Entschlossenheit fort. „Gönnen wir -jener ihr Glück und befassen wir uns mit der vielgerühmten -Entsagung! Am Ende bleibt mir mein Geist — -wie ich hoffe, auch mein Humor — und die Kunst, das -göttliche Gefäß, in das ich mein Herz, wenn es zu voll -und zu schwer geworden, immer wieder ausströmen kann.“</p> - -<p>Sie stand auf und sah auf die Thüre. Ein Verlangen, -die Mutter zu sehen, erhob sich in ihr — eine -Neugier, was sie vorhaben möge. Auf einmal ertönte -die Klingel, von kräftiger Hand gezogen. War das nicht -ein Klingeln, wie —? Ohne zu wissen, was sie that, -mit schauerndem Herzen, ging sie zur Thüre und öffnete -sie, während die Magd eben die äußere aufmachte. Ein -Schrei der Ueberraschung entfuhr ihr. „Heinrich Born!“ -rief sie. „Sie kommen selbst?“ — Heinrich, der eingetreten -und auf den Ruf still gestanden war, grüßte -mit einem Ernst, den man feierlich nennen konnte, ging -in’s Zimmer und gab ihr die Hand.</p> - -<p>Rosa, nach der Ueberzeugung, die sie haben mußte, -erkannte die Nothwendigkeit, ihn als liebende Freundin, -als Schwester zu empfangen; sie raffte all ihre Kraft -zusammen, und ihr Herz, wie mächtig es klopfte, fügte -sich. „Nun,“ fragte sie mit gutmüthigem Lächeln, „Sie -sind glücklich? Haben Alles nach Wunsch getroffen, und -— Erzählen Sie mir! Sie wissen, welch innigen Antheil -ich nehme.“</p> - -<p>Heinrich stand betreten, verdüstert. Rosa, vergebens -auf eine Antwort harrend, fuhr fort: „Was ist Ihnen? -Das Glück macht ernst, ich weiß es — Aber Sie haben -ein Aussehen — — Sind Sie nicht glücklich?“ — -„Nein,“ erwiederte Heinrich mit traurigem Ton. — -„Wie!“ rief das Mädchen. „Sind Sie nicht mit Auguste -verheirathet? oder werden heirathen?“</p> - -<p>„Nein,“ rief jener, indem er bitter den Mund verzog. -„Das Verhältniß ist gelöst. Sie hat für gut gefunden, -einen Andern — einen Reichen zu beglücken -und wird nächstens —“ — „Ah!“ rief die Liebende, -jäh bestürmt von den widersprechendsten Empfindungen, -aber nach einem blitzähnlichen Gefühl der Freude doch -mit einem Ernst des Bedauerns in ihrem Gesicht. „Sie -sind betrogen — und unglücklich?“ fuhr sie mit dem -Tone des Mitleids fort.</p> - -<p>„Betrogen und unglücklich — ja,“ versetzte Heinrich; -„aber unglücklich nicht durch den Betrug, sondern -durch die unverantwortliche Selbsttäuschung, in der ich -befangen und so sicher gewesen bin. Wie ist es möglich, -daß ein Mensch eine solche Zeit in solcher Verblendung -lebt? Was kann so einer noch von sich selber -erwarten?</p> - -<p>Rosa, durch den bittern und traurigen Ton dieser -Antwort getroffen und irre geführt, sagte mit Ernst: -„Der Glaube an eine Liebe, die man Ihnen so lang -und so gut geheuchelt hat, kann Sie nicht beschimpfen. -Er verräth nur ein liebendes, treues Herz, das auch -Andere der Treue fähig hält, und das ehrt Sie und -Sie können stolz darauf seyn. Trösten Sie sich,“ fuhr -sie mit Güte fort. „Wenn es nicht der Verlust ist, der -Sie unglücklich macht, dann fangen Sie nur wieder -mit neuem Muth an zu leben! Unternehmen Sie eine -Arbeit! Sie gehören ja zu den Glücklichen, die in ihrer -Kunst den Balsam haben für die Wunden der Seele! Und -wenn es ein Trost für Sie seyn kann, meine — unsere -Freundschaft bleibt Ihnen. Wir sind nach wie vor bereit, -Ihnen zu dienen und zu helfen, wo wir können.“</p> - -<p>Die freundlichen Worte hatten auf den Ermahnten -einen wohlthuenden und rührenden Eindruck gemacht. -Er wollte reden; aber plötzlich, wie von einem heimlichen -Gedanken getroffen, wandte er sich heftig weg. -Das Mädchen sah ihn erstaunt, bestürzt an. „Was -ist Ihnen?“ rief sie. „Hab’ ich etwas gesagt, das -Sie beleidigt?“ — „Nein, nein!“ rief Heinrich in -tiefer Erregung. Er schwieg, faßte sich wieder, und -sagte mit traurig entschiedenem Ton: „Fragen Sie mich -nicht! Ueberlassen Sie mich meinem Schicksal. Mir ist -nicht mehr zu helfen.“</p> - -<p>„Also doch!“ erwiederte Rosa nach einem Moment -des Schweigens, mit einem Ausdruck des Mitleids und -der Betrübniß. „Sie verzweifeln, und können und wollen -keinen Trost annehmen! Aber Sie sind ungerecht! -Wenn Ihnen die Geliebte untreu geworden ist, dürfen -Sie deßwegen der Freundin untreu werden? Das finde -ich nicht schön gehandelt!“</p> - -<p>Heinrich, mit sich selber kämpfend, stand ein Raub -schmerzlich verwirrter Empfindungen. — „Ermannen -Sie sich!“ fuhr das Mädchen liebevoll mahnend, wie zu -einem Kranken fort. „Versuchen Sie, was eine neue -Beschäftigung und der Umgang mit treuen Freunden -vermag! Ich weiß wohl,“ setzte sie mit einem Schein -traurigen Lächelns hinzu, „die Freundschaft ist kein Ersatz -für verlorene Liebe; aber etwas sollte die unsere, -die ja nicht von gestern ist, doch vermögen. Wenn nicht -das Glück, so sollten Sie doch die Ruhe der Seele bei -uns wieder finden können.“</p> - -<p>Heinrich, mit unwillkürlichem Widerspruch, schüttelte -den Kopf. „Wie!“ rief das Mädchen, nicht ohne ein -Gefühl der Kränkung ihrerseits; „auch das nicht? Sie -sind also unheilbar? Sie wollen es seyn?“</p> - -<p>Der so wunderbar Verkannte sah sie an. Eine Rührung -übermannte ihn, und in ihr kam unaufhaltsam -ein Schmerzensblick der Liebe aus seinem Auge. Obwohl -er ihn so schnell als möglich in einen Blick des Bedauerns, -der Bitte um Vergebung wandelte, so hatte -ihn Rosa doch bemerkt und ahnte die Wahrheit. Unmöglich -war es ihr, von ihrem Antlitz einen Schein der -Freude, von ihrem Blick ein Leuchten der Liebe zurückzuhalten. -Aber noch war es nicht gewiß, noch war es -nicht ausgesprochen, und sie konnte sich irren. Mit -ernstem, herzlichem Ton fuhr sie fort: „Ihr Benehmen -ist sonderbar. Die kränkende Behandlung, die Sie erfahren -haben, macht Sie nicht unglücklich, sagen Sie? -und doch geberden Sie sich wie einer, der es ist. Sie -geben sich für verloren, unrettbar verloren; und wenn -man Ihnen Trost einsprechen will in der besten Meinung, -wenden Sie sich wie beleidigt ab. Sie sind also -noch immer unglücklich! Warum?“</p> - -<p>„Weil — weil —“ rief der Gedrängte, wie einer, -der nicht länger an sich halten will. Aber als ob ihm -die Zunge plötzlich den Dienst versagte, schwieg er dennoch. -Dann, mit großer Anstrengung den Tumult der -Seele niederhaltend, erwiederte er: „Mein Fräulein, -beste Freundin! ich habe Sie nach meiner Rückkehr besuchen -und begrüßen wollen; aber ich sehe, daß ich in -einer unsinnigen Stimmung bin, daß ich mich vor Ihnen -wie ein Thor benehme, und es ist meine Pflicht, Sie -von diesem Anblick zu befreien. Ich bin zu Ihnen gekommen -mit Vorsätzen, die ich nicht halten kann. Vergeben -Sie mir, und leben Sie wohl!“</p> - -<p>Er wandte sich, um zu gehen; allein Rosa, die jetzt -nicht mehr zweifeln konnte, erröthend, mit einem Ausdruck -um die Lippen, dessen Ernst das Entzücken der -Seele nur einigermaßen zu dämpfen vermochte, rief: -„Bleiben Sie! Reden Sie! antworten Sie aufrichtig -und ohne Rückhalt! Warum?“</p> - -<p>„Weil,“ rief Heinrich, und stockte noch einmal. Aber -nun antwortete besser, schöner und rührender ein Blick -der Liebe und Verehrung, der aus der tiefsten Seele -kam, und Thränen, die in seinen Augen glänzten.</p> - -<p>„Weil Sie mich lieben!“ rief mit leuchtendem Antlitz -das Mädchen. „Weil Sie mich lieben!“ wiederholte sie, -„und weil Sie glauben, ich hegte für Sie nur Gefühle -der Freundschaft! Ist’s nicht so?“</p> - -<p>„Ja!“ rief Heinrich erschüttert. „Ja, weil ich Sie -liebe und Ihrer nicht werth bin! Das ist der Grund! -Und nun strafen Sie mich für meine Anmaßung, verschmähen -Sie mich!“</p> - -<p>Das Mädchen erwiederte süß lächelnd: „Das werd’ -ich nicht thun, lieber Freund! Ich freue mich allzusehr -über diese Bekehrung —“ — „Wie,“ rief Heinrich, -„Sie könnten verzeihen?“ — „Ich habe Sie geliebt,“ -erwiederte sie, „vom ersten Tag an, wo ich Sie sah. -Bei der ersten Begegnung schon regte sich’s in meinem -Herzen!“</p> - -<p>Heinrich, der voll Entzücken gehorcht hatte, faßte sie -bei den Händen und drückte sie zärtlich. Auf einmal -rief er bestürzt: „Himmel! und mit dieser Gesinnung -haben Sie die Lobpreisungen der Andern gehört?“ — -„Nun,“ erwiederte sie, „ich will’s Ihnen nur gestehen: -das hat mir auch wirklich manchmal Kummer gemacht.“ -— „Und doch!“ rief Heinrich ergriffen. „Sie sind das -liebenswürdigste und beste Geschöpf, das mir auf dieser -Welt begegnet ist! Gott sey gepriesen, daß er mich -Sie finden ließ! — Und Sie könnten — Sie wollten -die Meine werden?“</p> - -<p>Rosa, indem ein seliges Licht ihr Antlitz verklärte, -erwiederte: „Da es nun doch einmal heraus ist, ja! -Und von Herzen gern!“</p> - -<p>Nun hatte der Glückliche keine Worte mehr. Er -umfing die Geliebte und küßte die Lippen, die so lieblich -entschieden hatten, mit dem Feuer der innigsten -Leidenschaft, mit Thränen der Rührung und der Freude. -Rosa schauerte zusammen. Endlich, endlich fühlte sie -die Seligkeit der Gegenliebe!</p> - -<p>Aus dem Wonnerausch, in den ihr ganzes Wesen -getaucht war, sich erhebend und den Geliebten mit -nassen Augen zärtlich ansehend, rief sie: „Wie schön ist -Alles gegangen! Ich würde mir nichts nehmen lassen -von dem, was ich erduldet habe! Zum glücklichen Leben -bleibt uns noch Zeit genug, und es thut wahrhaftig -gut, wenn man vorher etwas ausgestanden hat! Wie -wird sich die Mutter freuen! — die Mutter,“ setzte sie -horchend hinzu, „die, wie ich höre, so eben die Thüre -aufschließt!“</p> - -<p>Einen Moment später erschien die gute Frau, und -zwar mit großer Genugthuung, im Zimmer und wollte -eben reden, als sie den Poeten erblickte und ihn überrascht -ansah. „Doctor Born!“ rief sie, „Sie sind hier, -mit Frau Gemahlin?“</p> - -<p>Heinrich schüttelte erröthend, lächelnd den Kopf und -ging auf sie zu, ihre Hand zu fassen. Rosa, mit -anmuthiger Heiterkeit, antwortete für ihn: „So gut ist’s -uns nicht geworden! Man hat sich für einen Andern, einen -Reichern entschieden; als der Poet kam, war die schöne -Hand vergeben und die gepriesenen Lippen der Angebeteten -wünschten ihm glückliche Reise. So ist er nun -wieder hier, ein armer Betrogener, mit wundem Herzen -Trost suchend bei seinen Freunden in der Residenz, welche -sich dießmal ausnahmsweise etwas herzlicher benommen -haben, als die Leute draußen im Land, wo die Biederkeit -zu Hause ist.“</p> - -<p>Die Mutter sah von einem auf’s andere, sah die -Gesichter glücklich, die Augen strahlend von Liebe, und -ahnte, wußte die Wahrheit. Rosa nickte der gerührt -Blickenden zu und sagte: „Du erräthst es, liebe Mutter! -Ja, er hat sich bekehrt! er liebt mich, liebt mich -so schön, wie man’s nur wünschen kann — und hat -um meine Hand angehalten! Werden wir ihm einen -Korb geben?“</p> - -<p>Die Frau lächelte und schwieg: „Was du thun -wirst,“ versetzte sie dann, „weiß ich nicht. Ich für -meine Person hab’ einen Korb in Bereitschaft.“ — -„Wie!“ rief Heinrich, einen Scherz erkennend, mit heiterer -Frage. — „Den Korb mit dem Hochzeitsgeschenk,“ -erläuterte die Gute, indem sie ein groß besiegeltes -Schreiben hervorzog. — „Ah!“ rief die Tochter ahnend, -„das ist dein Geheimniß?“ — „Allerdings,“ versetzte -jene, indem sie ihr den Brief übergab. „Dein Erfolg -von letzthin hat meine Bemühungen unterstützt: du bist -aufgerückt und dein Gehalt beinahe verdoppelt!“</p> - -<p>Rosa öffnete das Schreiben der einsichtsvollen Intendanz, -überflog es und rief: „Tausend mehr — das -ist stark! — Aber gut!“ setzte sie mit einem Blick auf -den Poeten hinzu, — „sehr gut! Wir werden es zu -brauchen wissen.“</p> - -<p>Der Poet nickte erheitert, sagte dann aber: „Ich -sehe, du meinst, ich selber bringe nichts als meine Lieder -und meine Liebe! Erlaube mir, daß ich doch noch -eine kleine Rente hinzufüge, die meine guten Eltern -mir ausgeworfen haben — für den Haushalt.“ — -„Wie schön!“ rief das Mädchen und faßte lächelnd seine -Hand.</p> - -<p>„Ich will es bekennen,“ fuhr Heinrich fort, „ich bin -hierher gekommen mit einer Liebe, die ich zu verbergen -entschlossen war; aber die Hoffnung ließ ich mir nicht -völlig rauben. Ich wollte schweigen, aber schweigend -die unendlich Geliebte zu verdienen, zu gewinnen suchen, -wie lange es dauern mochte. Das hab’ ich meinen Eltern -gestanden, und sie, welche die edelsten Seelen aus -meinen Schilderungen kannten, gaben mir ihren Segen -dazu. „Versuche dein Glück,“ sagte die gute Mutter -zum Abschied; „eine bessere Frau wirst du in der ganzen -Welt nicht finden.“ Und weil es denn doch eine Gnade -gibt in der Welt, so hab’ ich sie gefunden und,“ setzte -er mit liebendem Blick auf die Mutter hinzu, „zur -besten Frau die beste Schwiegermutter!“</p> - -<p>Diese gab ihm gerührt die Hand und Heinrich umarmte -und liebkoste sie mit der Zärtlichkeit eines Sohnes. -Die drei Glücklichen tauschten Reden und Bezeigungen -der Liebe, als die Klingel wieder ertönte und -gleich darauf Männertritte sich hören ließen. Die Thüre -ging auf und es zeigten sich die beiden Regisseure mit -Doctor Willmann.</p> - -<p>„Gratulire, gratulire!“ rief der Heldenvater, der -den Zug eröffnete. Als er bei den Damen auch den -Poeten erblickte, setzte er überrascht hinzu: „Sie schon -wieder hier? Und mit einer Miene — — was muß ich -denken?“</p> - -<p>Heinrich besann sich kurz, nahm die Geliebte bei der -Hand und sagte: „Meine Herrn, erlauben Sie mir eine -Vorstellung! Rosa Wendling, erste Liebhaberin der Hofbühne -— meine Braut!“</p> - -<p>Rufe des Staunens und der Freude antworteten auf -diese Eröffnung. Nachdem Heinrich in der kürzesten Form -erklärt hatte, wie es gekommen, folgten Glückwünsche -unter frohem Beloben und Händeschütteln.</p> - -<p>„Nun,“ rief Berger dem Poeten zu, „nun sind -Sie fertig! Arm in Arm mit Ihr werden Sie das -Jahrhundert in die Schranken fordern! Sie werden -Schauspiele schreiben, Lustspiele —“ — „Und Tragödien!“ -fiel Hallfeld ein. — „Diese letzteren,“ fuhr Berger -fort, „wenn sie unvermeidlich entstehen, werden wir mit -dem größten Interesse <em class="gesperrt">lesen</em>.“ — „Und wenn sie gelesen -sind und sich erprobt haben — spielen,“ setzte -Hallfeld hinzu.</p> - -<p>Berger sah Willmann an, der angenehm lächelte, -und zuckte die Achsel. Heinrich versetzte: „Meine Freunde, -ich habe Erfahrungen gemacht, die mir auch zu dramatischen -Arbeiten sehr förderlich seyn werden. Alles, -was Arbeit heißt, bleibt aber der Zukunft vorbehalten. -Zunächst will ich glücklich seyn und Hochzeit machen, -Hochzeit mit der edelsten und liebenswerthesten Braut, -wie sie nur je der Glücklichste heimgeführt hat — wozu -die Herrn freundlich geladen sind.“</p> - - - - -<div class="chapter"> -<h2><a name="Verlust_und_Gewinn" id="Verlust_und_Gewinn">Verlust und Gewinn.</a></h2> -</div> - - -<h3>I.</h3> - -<p>Auf der Besitzung des Baron Waldfels, in einem -Thal des nordwestlichen Theils von Süddeutschland, -war in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, an -einem Tage, den man sich nicht wohl anders denken -kann als schön, am Pfingstmontag, eine fröhliche Gesellschaft -versammelt. Die Witterung war in der That -höchst angenehm. Die Sonne, wiederholt durch leichte -Wölkchen verschleiert, erwärmte die Luft nicht allzusehr, -und doch glänzte die fruchtbare Gegend in den -schönsten Farben des Frühlings. Ueber diese Gunst des -Himmels war vor allen der Baron erfreut, der seit mehreren -Tagen einen einflußreichen Mann und entfernten -Anverwandten, den Grafen Warburg, bewirthete und -heute durch ein Vogelschießen, das er dem guten Schützen -zu Ehren in seinem Park veranstaltet, den bisherigen -Festlichkeiten die Krone aufsetzen wollte. Wie es glückliche -Tage gibt, so ging ihm dießmal auch alles nach -Wunsch. Es hatten sich aus der Umgegend zahlreiche -Gäste eingefunden, deren Namen und Titel zum Theil -sehr wohlklingend waren. Die Schützen nicht nur, auch -die Zuschauer und Zuschauerinnen, die an einer wohlbesetzten -Tafel im Schatten einer Baumgruppe saßen, -fanden sich bald in der heitersten Stimmung. Die Hauptsache -war aber, daß keiner der Geladenen so unhöflich -war, besser zu schießen als der Graf. Dieser machte -bald nach einander Scepter und Reichsapfel fallen und -kam dadurch in die freundlichste Laune. Der Wirth und -die vorgestellten Gäste benutzten die Gelegenheit, das -Geschick Seiner Excellenz auf das Wärmste zu bewundern -und ihm darüber die zierlichsten Dinge zu sagen. -Die ganze Gesellschaft wurde in eine freudige Aufregung -versetzt, die eine geraume Zeit anhielt. Man schien sich -glücklich zu preisen, so etwas mit angesehen zu haben.</p> - -<p>Der Graf, der es liebte, sich nach allen Seiten hin -einen guten Namen zu machen, hatte ausdrücklich gegen -den Baron den Wunsch ausgesprochen, daß auch das -Landvolk in den Park zugelassen werden möchte. Demgemäß -hatte sich auf beiden Seiten des Grasplatzes, -der den Schützen eingeräumt war, hinter nothwendig -erachteten Planken eine bunte Menge von Bewohnern -des herrschaftlichen und anderer benachbarter Dörfer im -Sonntagsputz aufstellen dürfen. Die Bauern wußten -natürlich, wer der König des Festes war, und vermöge -jener verehrungsfrohen Theilnahme, die sich über alles -beglückt fühlt, wenn ein Hochstehender sich auszeichnet, -oder auch in Folge jener eben so volksmäßigen Schlauheit, -die bei sich erwägt, welchen Nutzen möglicherweise -eine gehörige Schmeichelei bringen könne, machte sich -unter ihnen ebenfalls ein sehr lebhaftes Staunen über -die Geschicklichkeit des Grafen laut. Wenn die einen -Ausrufe des Triumphes hören ließen und aussahen, -als ob sie selber den guten Schuß gethan hätten, so -sagten andere, während der Gefeierte vorbei ging, für -ihn vernehmlich, zu irgend einem Nachbar: „Das ist -Einer! der versteht’s! Hast du schon so was gesehen? -Da können sich die andern verkriechen“ u. s. w. Der -Graf lächelte und schien über diese Art der Anerkennung -nicht weniger erfreut als über die Glückwünsche der -Schützen und der schönen Damen.</p> - -<p>Alles das bewirkte, daß der Baron vor Genugthuung -strahlte. Was kann es für einen gastfreien -Mann auch Angenehmeres geben, als zu sehen, daß -eine von ihm veranstaltete Festlichkeit gut verläuft? -Das Anordnen ist unstreitig eine Kunst; aber zum Gelingen -gehört außer der Kunst noch Glück. Beides, seine -eigene Schöpfung und die Gunst des Augenblicks genießt -der Wirth bei einem wohlgerathenen Fest mit einander; -und wer bedenkt, wie selten wahre Fröhlichkeit in der -Welt ist, wie sie gar oft auch da nicht erscheinen will, -wo man sie mit pomphaften Veranstaltungen sucht, der -wird die innige Zufriedenheit des Barons über ihre -damalige Gegenwart um so begreiflicher finden. Herr -von Waldfels gehörte zu den guten Naturen, die nicht -nur fähig sind, sich von Herzen zu freuen, sondern -denen die Freude auch wohl ansteht. Er war von stattlicher -Größe und behaglicher Rundung. Ein schöner -Kopf mit ziemlich hoher Stirn, nobler Nase und feinem -Mund verrieth eben so wie seine Haltung den -ächten Cavalier. Eine gewisse Röthe, die auf Kenntniß -und Schätzung edler Getränke deutete, geziemte dem -angehenden Fünfziger. Wer ihn heute sah, wie er mit -unerschöpflicher Artigkeit den Wirth machte, wie er mit -dem Schein der Absichtslosigkeit von einer Gruppe zur -andern ging und jedem seiner Gäste, vom Grafen an -bis zu dem geringsten derselben, ein passendes Compliment -zu sagen wußte; wie er doppelt anmuthig und -beglückt erschien, wenn er einer Dame den Hof machte; -wie er gelegentlich auch einem Bauern oder einer hübschen -Bäuerin einen Scherz zuwarf, der großes Vergnügen -hervorrief, und mit Lächeln die Dorfbuben betrachtete, -die sich in der Nähe der Tafel jubelnd im -Grase wälzten — wer alles das auch nur als unbetheiligter -Zuschauer gesehen, der würde ihn für einen -ungewöhnlich liebenswürdigen Mann erklärt haben. Und -daß diejenigen, die seine Kuchen aßen und seine Weine -tranken, sich noch wärmer über ihn ausdrückten, begreift -sich.</p> - -<p>Als die Gesellschaft im besten Zuge des Vergnügens -war, hatten sich zwei junge Leute von ihr entfernt. -Sie wandelten in einer Allee unter einem prächtigen -Laubdach hin und führten in gelegentlichen Fragen und -Antworten nur ein abgerissenes Gespräch, schienen sich -aber doch auf’s angenehmste zu unterhalten. Es war -Arthur, der zwanzigjährige Sohn des Barons, und -seine fünfzehnjährige Cousine, Anna, das einzige Kind -einer Freifrau von Holdingen, welche heute bei dem -verwittweten Baron die Honneurs machte. Arthur, der -ein ziemlich geübter Jagdschütze war, hatte anfangs -auch einige Kugeln nach dem Vogel gesendet, aber den -Wettkampf um die von seinem Vater ausgesetzten splendiden -Preise, wie billig, den Eingeladenen überlassen. -Da er nun auch seinen geselligen Pflichten als Sohn -des Hauses bereits genügt hatte, so konnte er wohl -dem Verlangen nachgeben, mit seinem Bäschen ein -wenig spazieren zu gehen.</p> - -<p>Es hat einen eigenen Reiz, den Jubel eines Festes -aus der Ferne zu vernehmen. Wir empfinden hier, -was man die romantische Poesie des fröhlichen Lebens -nennen könnte; wir athmen seinen zartesten und süßesten -Duft ein. Sind wir ohnehin von einem schönen Gefühl -bewegt, und lauschen wir an lieblich heimlicher -Stelle, dann gleicht nichts dem Zauber, der bei solchen -Tönen ungesehener Lust unser Herz erfüllt. Die beiden -jungen Leute, wenn sie eine Fanfare hörten, die nach -einem guten Schuß geblasen wurde, oder lautes Gelächter -und frohen Lärm, wandten sich theilnehmend -um und horchten. Sie sahen sich dann lächelnd an und -freuten sich wechselseitig über ihr Vergnügen. „Wie -schön ist heute Alles!“ rief zuletzt Anna mit einem -Ausdruck des jugendlichen Gesichts, der das Fest mehr -ehrte, als das geistreichste Lob. Arthur stimmte herzlich -bei und sagte: „Es ist mir besonders lieb meines Vaters -wegen, und daß der Graf sieht, wie vergnügt wir hier -leben.“</p> - -<p>Trotz der gerühmten Schönheit des Festes entfernte -sich das Paar, einem unbewußten Zuge der Herzen -folgend, immer weiter davon. Sie waren an der westlichen -Grenze des Gartens angekommen und gingen in’s -Freie. Den jungen Mann schien ein Gedanke zu beschäftigen, -der zugleich inniges Wohlgefühl und Befangenheit -auf seinem Gesicht hervorrief. Ein süßes -und banges Geheimniß schien ihm zum erstenmal klar -und klarer zu werden. Als das schöne Kind diesen -Ernst wahrnahm, wurde sie gleichfalls ernster und sah -mit einer gewissen Verlegenheit vor sich hin. So wandelten -sie schweigend neben einander bis zum Fuß der -Hügelreihe, die sich hinter dem Garten erhob und deren -nächste Partien Eigenthum des Barons waren. „Wir -wollen hinauf,“ sagte Arthur wieder freundlich und -traulicher; „es ist schon lang, daß wir nicht mehr zusammen -herunter gesehen haben.“ Das Mädchen, statt -aller Antwort, ging ihm voran. Als sie auf dem Heidegras -glitschte und einen leichten Schrei ausstieß, ergriff -Arthur ihre Hand, um sie zu führen. Eine Röthe -glühte in den beiden Gesichtern auf, die über den Zustand -ihrer Herzen keinen Zweifel mehr ließ. Aus wechselseitigem -Wohlgefallen war in den jungen Seelen eine -Neigung aufgekeimt, die dadurch, daß sie einen kindlichen -Charakter behielt, nicht weniger tief und innig -war, eine Neigung, die sich jetzt in wonnigem Gefühl -offenbarte und in ihrer Bedeutung von Arthur klar -erkannt, von Anna wenigstens geahnt wurde. Der -Jüngling schien von Dank gegen den Zufall erfüllt zu -seyn, daß er ihm Anlaß gegeben, Annas Hand zu ergreifen. -Denn zwischen Verwandten ist ein traulicher -Verkehr allerdings natürlich, aber die Liebe verändert -das erste, unbefangene Verhältniß. Das Mädchen, mit -dem ein junger Mensch umging, wie mit einer Schwester, -wird durch sie ein wunderbares, heiliges Wesen, -dem er nur mit inniger Scheu, mit tiefer Verehrung -nahen kann. Die Vertraulichkeiten, die er sich früher -erlaubte, scheinen ihm jetzt die kühnsten Wagnisse, -und unmöglich dünkt es ihm, eine Hand zu berühren, -die er sonst mit vetterlicher Unbefangenheit ergriff. Dafür -ist aber, was früher ein Spiel war, jetzt auch ein -unendliches Glück, wohl werth in Demuth erharrt oder -mit kühnem Entschluß erstrebt zu werden.</p> - -<p>Während die beiden Glücklichen Hand in Hand emporsteigen, -wollen wir einen kurzen Rückblick auf ihre -Vergangenheit und ihre Lebensverhältnisse werfen.</p> - -<p>Arthur war das einzige Kind des Barons. Seine -Mutter, die aus einer Patricierfamilie stammte, erlag -einer Krankheit, als er zehn Jahre alt war. In der -nächstfolgenden traurigen Zeit hatte der Vater das Glück, -für den Knaben einen vortrefflichen Erzieher zu erhalten, -der in ihm neben dem Sinn für die Wissenschaft ein -Interesse für das Nützliche und Gemeinnützige weckte -und ein unbefangenes Urtheil, einen festen Charakter -in ihm ausbildete. Dieß war um so nothwendiger, als -der Baron in dieser Zeit sich immer mehr den Neigungen -eines Lebemanns überließ und für den Sohn ein -gefährliches Beispiel werden konnte. Arthur war von -fröhlicher Gemüthsart, er gefiel sich bei geselligen Vergnügungen -und war keineswegs unempfänglich für -Schmeichelei, Eigenschaften, die der Verlockung manche -schwache Seite boten. In Folge der guten und klugen -Führung lernte er sich aber beherrschen, und seine Studien -und ein gehaltvolles Gespräch wurden ihm das -Liebste. Mit Recht konnte man ihn für einen musterhaften -jungen Menschen erklären.</p> - -<p>Er war sechzehn Jahre alt, als die Baronin von -Holdingen ihren Wohnsitz in der Nähe seines väterlichen -Gutes nahm. Der Gatte dieser Dame war als Beamter -in der Residenz gestorben und hatte ihr nichts hinterlassen -als ein bescheidenes Landhaus. Da sie in der -Stadt von ihrem Wittwengehalt nicht mehr standesmäßig -leben konnte, bezog sie ihre Villa, die etwa anderthalb -Stunden von Waldfels lag. Als eine Frau, -die auf ihre Abstammung, auf die Stellung, die ihr -Gemahl eingenommen hatte, große Stücke hielt, richtete -sie sich mit ihren geringen Mitteln dennoch würdig ein -und führte ein Hauswesen, das bei aller Einfachheit -einen angenehm aristokratischen Zuschnitt hatte. Der -Baron, als ziemlich naher Verwandter, war ihr mit -Rath und That behilflich gewesen, und das Verhältniß -der beiden Familien hatte sich dadurch nur um so fester -geknüpft.</p> - -<p>Arthur hatte an seiner kleinen Cousine gleich beim -ersten Anblick großes Wohlgefallen. Er behandelte sie -anfangs mit der wohlwollenden Herablassung, die einem -Jüngling, auf dessen Wangen sich schon die ersten -Spuren eines Flaums zeigen, gegen ein eilfjähriges -Kind natürlich ist; aber bald kam er davon ab. Anna, -die eine sehr gute Erziehung erhalten hatte, war ihren -Jahren körperlich und geistig voraus. Sie gehörte zu -den Naturen, die sich in harmonischem Wachsthum entwickeln, -immer dieselben zu bleiben scheinen und immer -liebenswürdiger werden. Wenn es Mädchen gibt, die -zuerst ein unscheinbares Aussehen haben, in der Zeit -des Uebergangs vom Kinde zur Jungfrau sich aber -schnell zu überraschender Schönheit ausbilden, so war -Anna schon als Kind von großer Schönheit, und diese -erreichte später nur einen höheren Grad der Vollendung. -Eine schlanke, feine Gestalt, ein Gesicht von aristokratischem -Gepräge, das aber, von kindlicher Freude und -herzlicher Güte belebt, nicht eine Spur von äußerlicher -Vornehmheit zeigte. Sie war wie eine edle Blume, -fein, ätherisch, aber durchaus frisch und natürlich. Schon -früh zeigte sie entschiedene geistige Fähigkeiten, durch -welche sie nach und nach in den Stand gesetzt wurde, -ernsthaften Gesprächen mit Interesse zu folgen und mit -verständigen Worten selber daran Theil zu nehmen. -Alles das flößte dem Jüngling eine Achtung ein, die -ihn ein anderes Verhalten gegen sie annehmen ließ. -Er behandelte sie nun wie ein Mädchen von seinem -Alter, und dieß schien auch ihr am besten zu gefallen. -Da sie häufig beisammen waren, so entstand zwischen -ihnen ein vertrauliches Verhältniß, in welchem sich -beide wohl und glücklich fühlten. Es war jedoch vollkommen -harmlos; nicht ein Hauch von Leidenschaft, wie -sie in solchem Alter auch schon möglich ist, regte sich -in ihnen.</p> - -<p>Nach einer Reise durch die Schweiz und Frankreich -bezog Arthur die Universität. In der akademischen Freiheit -gab er sich den Studien hin, die ihn am meisten -anzogen, und seine Lieblingsfächer wurden Naturgeschichte -und Physik, auf der andern Seite Nationalökonomie -und Statistik, und seine Lieblingslektüre Reisebeschreibungen. -Die Erde mit ihrem Reichthum an Natur- -und Kunstprodukten, deren beste Anwendung und Vertheilung, -Handel und Wandel kennen zu lernen, wurde -der vorherrschende Trieb in seiner Seele. Da er bei der -Liebe zur Sache leicht faßte und bald einen Zusammenhang -ausfindig machte, so hatte er über diese Gegenstände -selber seine Gedanken und hielt sie für wichtig -genug, um sie niederzuschreiben. Er führte bei seiner -angenehmen Beschäftigung ein geregeltes Leben, zeigte -sich aber in vorkommenden Fällen seines Standes würdig, -und schonte da, wo es eine Ehrensache war, etwas zu -thun, das Geld weniger, als andere seiner Commilitonen, -die sich eines bessern „Wechsels“ rühmten. In -der neuen Welt, die ihm in seinen Studien aufging, -und bei den Bekanntschaften, die er machte, war ihm -das Bild der kleinen Anna einigermaßen erblaßt, und -zufällig ward ihm in den ersten anderthalb Jahren -seines Universitätslebens nicht die Gelegenheit, es durch -eine Zusammenkunft wieder aufzufrischen. Vor wenigen -Tagen nun, wo ihn sein Vater des Grafen wegen nach -Hause gerufen, sah er seine Cousine zum erstenmal -wieder. Sie war beinahe völlig herangewachsen. Ihr -Wesen verrieth schon jene Fülle des Gemüths und jenen -eigenthümlichen Gehalt, der bei andern Naturen erst -später hervorzubrechen und dem Aeußern den Charakter -der Tiefe und eines geheimnißvollen innern Lebens zu -geben pflegt. Es war die Jungfrau in ihrer ersten, -rosigen Erscheinung, noch Kind und doch schon Weib -— ein überaus holdes Bild des in Unschuld blühenden -Lebens. Arthur fühlte sich bei ihrem Anblick tief in’s -Herz getroffen. Er stand nach dem ersten Gruße scheu -und verlegen vor ihr. Nur mit Mühe faßte er sich und -suchte den früheren vertraulichen Ton mit ihr zu finden, -was ihm einigermaßen gelang. Aber ein Keim war in -seine Seele gesenkt, der nun rasch aufging und sich -drängend entfaltete. Eine ahnungsvolle Sehnsucht bemächtigte -sich seiner, das liebe Kind allein zu sprechen, -und als er am heutigen Fest Alle mit ihrem Vergnügen -beschäftigt sah, lud er sie zu dem kleinen Spaziergang ein.</p> - -<p>Sie waren auf dem Rücken des Hügels angekommen. -Obgleich hier eine Hülfe nicht mehr nöthig war, ließ -Arthur die geliebte Hand doch nicht los, indem er die -Eigenthümerin derselben durch Bemerkungen über das -Fest zu beschäftigen suchte. Er führte sie auf die nächste -Erhöhung, wo sie ihrem erklärten Zweck zufolge die -Aussicht genießen wollten. Der Anblick, der sich ihnen -hier darbot, entriß ihnen trotz ihrer anderweitigen -Gedanken doch herzliche Ausrufungen der Bewunderung. -Es war um die sechste Stunde, der Himmel völlig -rein geworden und der Glanz der Sonne im Westen -nicht durch das kleinste Wölkchen mehr getrübt. Die -fruchtbare Landschaft lag in abendlich warmer Beleuchtung -vor ihnen: rechts der Park, wo das Knallen der -Büchsen und das entfernte Zischen der Kugeln den Fortgang -der männlichen Lustbarkeit anzeigte, und das nach -Osten gebaute Schloß; weiterhin, rechts und links sich -ausdehnend, das Thal mit einem wohlgebauten Städtchen, -freundlichen, von Obstgärten umkränzten Dörfern, -reichen Getreidefeldern und üppigen Wiesen, durch welche -der Segen des Thals, der blinkende Fluß dahinströmte; -die gegenüberliegenden Hügelreihen mit herrlichen Laubwäldern -bedeckt, an ihrem Fuße hin und wieder herrschaftliche -Wohnungen und auf einem Gipfel, aus -Bäumen hervorragend, eine verwitterte Burgruine. -Durch das allgemeine Grünen und Blühen hatte die -Landschaft einen eigenen, frühlingsseligen Charakter erhalten, -und dieser stimmte so völlig zu dem Frühling -in den Herzen der jungen Leute, daß sie mit feuchten -Augen die vor ihnen ausgebreitete Schönheit und in -lautloser Verständigung sich selber ansahen.</p> - -<p>Endlich rief Anna mit kindlicher Freude: „Wie -herrlich ist’s hier oben! Man möchte da wohnen und -gar nicht mehr hinuntergehen!“ — „Ich hab’ auch im -Sinn,“ bemerkte hierauf Arthur mit einem gewissen -Selbstgefühl, „hier oben ein Belvedere bauen zu lassen.“ -— „Auf dieser Stelle?“ fragte das Mädchen. — „Nein,“ -versetzte der junge Mann, „nicht hier.“ — „Warum -nicht?“ entgegnete sie verwundert. Arthur wiegte das -Haupt und ein geheimnißvolles Lächeln umspielte seinen -Mund. Anna sah ihn fragend an und sagte: „Wo ist -es denn schöner?“ — „Komm,“ erwiederte Arthur und -ergriff die losgelassene Hand wieder. Er führte sie nordwestlich -an zwei kleinen Anschwellungen vorüber auf -einen etwas höher liegenden und mehr vortretenden -Punkt und sagte: „Hier ist’s schöner.“ Das Mädchen -sah umher und schien den Unterschied nicht gleich wahrnehmen -zu können. Auf einmal rief sie: „Ah, da sieht -man unser Haus — und mein Fenster, ganz deutlich!“ -Eine glühende Röthe ergoß sich bei diesen Worten über -das Gesicht des Jünglings. Anna wendete sich zu ihm, -und wie durch einen Zauber flammte dieselbe Röthe in -ihrem Antlitz auf. Sie hatte den Grund der Wahl -dieser Stelle erkannt. Was bisher nur in Ahnung vor -ihre Seele getreten war, das stand jetzt klar wie der -Tag vor ihr: sie war über alles geliebt, sie liebte über -alles und für’s ganze Leben. — Ein Schauer von Wonne -ergriff sie; bebend und wie niedergedrückt durch die Fülle -des Glücks, senkte sie das Haupt. Aber die Liebe war -zu mächtig, sie besiegte die Bangigkeit und die Scham -und ihr Sieg kündigte sich in der Heiterkeit an, die sich -über das Gesicht des schönen Mädchens verbreitete.</p> - -<p>Auch Arthur hatte sich von der ersten Verlegenheit -erholt; er sah auf Anna mit der Zärtlichkeit eines durchaus -redlichen Gemüths, eine freudige Hoffnung leuchtete -aus seinen Zügen. Da wendete sich Anna zu ihm und -schaute ihn mit einem Blick an, der in unendlicher Güte -die ganze Liebe und Treue ihres Herzens offenbarte. -Arthur faßte entzückt ihre beiden Hände und rief: „Anna! -liebe gute Anna! Du liebst mich! Ja, du liebst mich!“ -Das Mädchen, die ja schon alles gestanden hatte, erwiederte -nichts; aber Arthur wollte das holde Wort von -ihren Lippen hören und rief dringend: „Sprich, Anna! -Liebst du mich? Willst du mir gehören?“ Das Mädchen -erhob ihr Haupt, und mit dem Ton inniger Liebe, mit -dem Ausdruck einer heiligen Verpflichtung erwiederte sie: -„Ja, Arthur!“ Der Jüngling preßte ihre Hände an -seine Brust und rief, indem Thränen seine Augen füllten: -„Dank dir, Anna! tausend, tausend Dank! Ich bin -dein in Freud und Leid! Und kein anderer Trieb soll -mein Herz erfüllen mein ganzes Leben hindurch, als -dich zu lieben und dich glücklich zu machen!“ — —</p> - -<p>Nach einer Weile finden wir das junge Paar auf -dem Rückwege. Die Liebe erweckt in redlichen und lebensvollen -Gemüthern vom ersten Moment ihres Entstehens -an bei jedem Schritt ihrer Entwicklung wunderbare -Empfindungen; aber das höchste und reinste Glück gewährt -sie nach dem ersten gegenseitigen Geständniß. Hier ist -ihr süßes Leben verschmolzen mit der Heiterkeit des Siegs, -mit dem Wohlgefühl des gewissen Besitzes. Der freudige -Stolz, ein Herz gewonnen zu haben, ist mit innigem -Dank für ein erhaltenes höchstes Geschenk verbunden. -Die Seele ist klar und ruhig bewegt, aber die Empfindung -tiefer als je vorher. Der Himmel, in welchem -die Liebenden wandeln, erscheint ihnen so vertraut, als -ob sie immer in ihm geweilt hätten, und doch so neu, -wie ein Wunder, das sich eben vor ihren Augen begeben.</p> - -<p>Hätten Arthur und Anna ihre Empfindungen schildern -können, sie hätten sich vielleicht in dieser Weise -ausgedrückt; aber sie waren in ihr Glück versenkt und -hatten keine Zeit, sich selber zu beobachten. Sie vergaßen -auch des Redens unter sich und gingen schweigend -den Hügel hinab. Ihr ganzer Verkehr beschränkte sich -darauf, daß sie von Zeit zu Zeit die jugendlichen Gesichter -gegen einander wandten und sich wie träumend -mit seligem Lächeln ansahen.</p> - -<p>Als sie mitten im Park waren, hörten sie unmittelbar -nach einem Schuß ein allgemeines Freudengeschrei. -Die Trompeter und Hornisten bliesen den Siegestusch -mit nie vernommener Stärke und wiederholten ihn mehrmals. -Offenbar hatte sich etwas Großes ereignet. Das -Paar beflügelte neugierig seine Schritte, und am freien -Platz angelangt, erblickten sie den Grafen, von Herrn -und Damen umgeben, die ihm mit dem lebhaftesten -Eifer Complimente machten. Bald erfuhren sie warum. -Es hatte sich in der That etwas Wunderbares begeben, -wie es aber im Leben doch nicht ganz ungewöhnlich ist. -Wir sehen bei Hazardspielen, daß gewisse Spieler an -gewissen Tagen unwiderstehlich glücklich sind. Dasselbe -können wir bei den Unterhaltungen bemerken, wo es -hauptsächlich auf Geschicklichkeit ankommt und wo es um -vieles begreiflicher ist, da die Freude über das erste Gelingen -offenbar eine die Fähigkeiten steigernde Kraft besitzt. -Nun wohl, der Graf hatte heute seinen gesegneten Tag -und so eben seinen Leistungen die Krone aufgesetzt, indem -er die Krone des Vogels herunterschoß und damit -den ersten Preis gewann. Freilich hatte ihn der Zufall -dabei sehr begünstigt. Andere Schützen hatten das -Stück, welches dießmal besonders gut befestigt war, so -wohl getroffen, daß es bereits wankte. Aber was konnte -das helfen? Sie hatten das Verdienst, der Graf das -Glück und die Ehre. Es versteht sich von selbst, daß -ihm sein Glück nun eben als das höchste Verdienst angerechnet -wurde. Die vornehmeren Gäste, die ihn umgaben, -überboten in Artigkeiten sogar ihre früheren -Leistungen, und einige Bauernbursche hatten beim Fallen -der Krone gerade heraus gejauchzt wie bei einem Kirchweihtanz. -Dieß hätte man sonst wohl als ungehörig -empfunden, jetzt wurde es ganz wohl aufgenommen, -so hoch war der Strom der Begeisterung gestiegen.</p> - -<p>Es dauerte einige Zeit, bis Arthur zu dem Grafen -durchdringen konnte. Als er ihn begrüßte, rief dieser: -„Ah, junger Freund, wo stecken Sie? Man hat Sie -seit zwei Stunden nicht gesehen.“ — Arthur erwiederte, -er habe sich erlaubt einen Spaziergang zu machen. -„Allein?“ fragte der Graf. „Sind Sie Poet? Philosoph? -Wie?“ — Der junge Mann bemerkte, er habe -seine Cousine, Anna von Holdingen, begleitet. — „Ah -so!“ rief der Graf und lächelte. Der edle Herr war -ein großer Kenner in Herzensangelegenheiten, hatte -schon früher einen Blick aufgefangen, den Arthur arglos -auf Anna warf, und ein leichtes Erröthen desselben -machte ihn jetzt in seiner Vermuthung um so gewisser. -Durch seinen Erfolg als Schütze zur Güte und Milde -gestimmt, unterdrückte er indeß vor den andern eine -neckende Frage, die ihm schon auf der Zunge lag, und -sagte beifällig: „Damendienst geht allem vor. — Aber,“ -setzte er vergnügt hinzu, „etwas früher hätten Sie doch -kommen sollen. Sie haben etwas versäumt.“ — In -Arthur regte sich nun auch ein gewisser Humor und -er sagte: „Ich bedaure unendlich, nicht Augenzeuge von -einem Schusse gewesen zu seyn, von dem man in -Waldfels „noch reden wird in spätsten Zeiten.“ Allein -überrascht hätte mich der Anblick der fallenden Krone -keineswegs: Excellenz können was Sie wollen.“ — -„Ei, ei,“ versetzte der Graf, „Sie schmeicheln!“ — -„Die Schmeichelei,“ erwiederte Arthur, „liegt nicht in -dem, was ich sage, sondern in dem, was Excellenz -thun.“ — „Schon gut,“ sagte der Graf. „Uebrigens,“ -fuhr er heiter fort, „muß ich gestehen, daß der heutige -Tag der schönste ist, den ich seit lange erlebt habe. -Ich erinnere mich kaum, so vergnügt gewesen zu seyn -und werde meinem freundlichen Wirthe dafür ewig -Dank wissen.“ — „Der heutige Tag,“ erwiederte Arthur -mit schelmischem Doppelsinn, „wird einen Glanzpunkt -in der Geschichte von Waldfels bilden. Was -sich an ihm Wunderbares begeben, werde ich getreu -bemerken und die spätesten Geschlechter sollen sich noch -daran erfreuen.“ — Der Graf lachte und verabschiedete -den jungen Vetter mit einer huldvollen Handbewegung. -Später sagte er zu dem Baron: „Ihr Arthur gefällt -mir immer besser. Er hat Geist, viel Geist, und wenn -er sich für den Staatsdienst bestimmen will, verbürge -ich Ihnen, daß er seine Carrière machen wird. Was -ich dazu beitragen kann, ihn in die Höhe zu bringen, -soll mit dem größten Vergnügen geschehen.“</p> - -<p>Nach dem letzten glücklichen Schuß zog sich der Graf -von dem Wahlplatz zurück und überließ es Andern, das -schon geplünderte Thier vollends zu Grunde zu richten. -Als die Sonne gesunken war, bestimmte und vertheilte -man die Preise, und der Graf, der die drei ersten erhielt, -war doppelt und dreifach der König des Tages. -Den würdigen Schluß des Festes machte ein Souper, -das im Gartensaal aufgetragen wurde. Der Graf bildete -natürlich den Mittelpunkt der Gesellschaft. Vor ihm -prangte in schönster Vase ein riesiger Blumenstrauß; -hinter ihm an der Wand hatte man die von ihm gewonnenen -prächtigen Fahnen aufgehängt. Er war offenbar -von dem Gefühl dessen, was er war und wofür er -gehalten wurde, vollständig durchdrungen; aber dieses -Gefühl gab sich in der Form der Huld und jedermann -gönnte es ihm nicht nur, sondern fand es schön und -groß. Arthur hatte es einzurichten gewußt, daß er neben -seine Cousine zu sitzen kam. Er unterhielt sich in der -Freude seines Herzens unbefangen mit ihr, und das -Paar theilte sich die lieblichsten Dinge mit, ohne daß -die Nachbarn es merkten. Nur Seine Excellenz fanden -Zeit, hie und da einen Blick auf sie zu werfen und -Wahrnehmungen zu machen, die Sie zu ergötzen schienen. -Der Baron ließ seine Blicke über die Gesellschaft hingleiten -wie ein Feldherr über seine Truppen. Er sah, -daß in dem herrlich erleuchteten Raum an schön geschmückten -Tafeln untadelich servirt wurde; er vernahm -von allen Seiten das empfundene Lob der Speisen und -Getränke; er bemerkte, wie das Vergnügen eher zu- als -abnahm und die verschiedenen Unterhaltungen endlich in -einen frohen Lärm zusammenfloßen, der nur durch lautes -Gelächter zuweilen unterbrochen und überboten wurde. -Das alles freute ihn in tiefster Seele. Und als er nun -zuletzt in Champagner ein Hoch auf den Grafen und -Schützenkönig ausbrachte, in welches die Gesellschaft mit -grenzenlosem Enthusiasmus einstimmte, und der Gefeierte -in höchst anerkennenden Ausdrücken den Wirth leben -ließ, da mußte es den Gästen vorkommen, als ob sie -nie einen glücklicheren Mann gesehen hätten, als den -Herrn von Waldfels. Nur wenige schienen diese Ansicht -nicht ganz zu theilen, und an einem der Geladenen -hätte man beim Serviren des Champagners sogar ein -unwillkürliches Achselzucken wahrnehmen können.</p> - -<p>Zuletzt fand auch dieser schöne Tag ein Ende. Der -Graf zog sich in seine Gemächer zurück und die Gäste -verabschiedeten sich. Arthur fand Gelegenheit, der Geliebten -durch einen Händedruck zu sagen, was seine -Lippen vor der Mutter nicht auszusprechen wagten, und -die beglückendste Antwort zu empfangen. Er war zu -aufgeregt, um sich schon zur Ruhe zu begeben, und -ging allein in den Park zurück. Die Nacht war schön, -thauig, zaubervoll. Der Mond strahlte vom reinsten -Himmel und verklärte die Landschaft mit jenem silberklaren, -ahnungsvollen Licht, das in gewisse Stimmungen -süßer einklingt, als das goldene Sonnenlicht. -Der Liebende suchte die Plätze auf, die er mit dem -theuern Mädchen durchwandelt, ließ die Erlebnisse des -Tages an sich vorüberziehen und entwarf reizende Plane -für die Zukunft, indem er einstweilen an dem Bilde -des Lebens sich weidete, das auf Schloß Waldfels erblühen -sollte. Spät ging er zu Bette und setzte in -Träumen fort, was er wachend begonnen hatte.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>II.</h3> -</div> - -<p>Arthur hatte eine Eigenschaft, die im Leben sehr -förderlich seyn kann, wenn sie nicht übertrieben in -Thätigkeit gesetzt wird: er liebte es, unentschiedene Verhältnisse -sobald als möglich in’s Klare zu bringen, und -das, was er für gut und nothwendig hielt, herzhaft -auszuführen. Als er nach der Abreise des Grafen am -Abend des folgenden Tags über seine Verlobung mit -Anna — denn das war ihm die wechselseitige Erklärung -— und das nun von ihm geforderte Verhalten nachdachte, -kam er zu dem Entschluß, dem Vater alles zu -gestehen und sein und Annas Glück durch die Beistimmung -der Eltern zu sichern.</p> - -<p>Arthur liebte seinen Vater herzlich, wenn er auch -nicht alles an ihm billigen konnte, und hatte zu seinem -Wohlwollen, seiner theilnehmenden Güte das vollste -Vertrauen. Er fühlte daher guten Muth, als er am -nächsten Morgen sein Zimmer aufsuchte, um mit ihm -über seine Herzensangelegenheit zu sprechen. — Uns -liegt nun aber vor allem ob, die Leser mit dem Manne, -von welchem das Schicksal des Jünglings abhing, näher -bekannt zu machen.</p> - -<p>Baron Günther von Waldfels gehörte zu einer -Klasse von Adeligen, wie sie jetzt seltener geworden sind. -Sein Vater, schon bei der Uebernahme des Familiengutes -sehr wohl gestellt, führte ein zwar stattliches, aber -doch ökonomisches Leben. Er vergab seinem Stande -nichts und übte eine würdige Gastfreundschaft; allein -da er sich beinahe ausschließlich auf seiner Besitzung aufhielt -und sich mit der Verwaltung seines Vermögens -beschäftigte, so kam er nicht in den Fall, seine Einkünfte -zu verzehren, und im Lauf der Zeit mehrten sich -daher Capitalien und Güter. Bei seinem Tode war -Günther zweiundzwanzig Jahre alt. Als der ältere -Sohn übernahm er dem väterlichen Testament zufolge -die Güter, während sein um mehrere Jahre jüngerer -Bruder in’s Landesheer eintrat.</p> - -<p>Es kommt oft vor, daß der Sohn eines haushälterischen -Mannes zur Verschwendung geneigt ist; im -Volk sagt man in Bezug darauf: der Sparer muß seinen -Zehrer haben. Den letzteren vorzustellen, hatte der neue -Herr von Waldfels in der That alle Talente, und nachdem -diese durch die väterliche Autorität niedergehalten -gewesen, traten sie in der Freiheit um so glänzender -hervor. Jung, schön und reich — warum sollte er sich -etwas versagen? Er war von grenzenloser Gutmüthigkeit, -der Baron Günther, und bewährte diese eben so -gegen sich selbst, wie gegen Andere. Er begriff nicht, -wie man ein anderes Streben haben könne, als das -Leben zu genießen, und einen höhern Ehrgeiz, als Andern -Genuß zu bereiten. Beides that er denn auch in großem -Maßstabe. Mehrere Jahre lang besaß er den Ruhm -des prächtigsten und freigebigsten Herrn in der ganzen -Umgegend; aber die Güter, die sein Vater erworben -hatte, waren dafür in den Kauf gegeben.</p> - -<p>Als er sich beinahe ganz auf die Einkünfte des -Stammgutes beschränkt sah, lernte er in einer süddeutschen -Handelsstadt ein schönes, blondes, zartgebautes -Mädchen kennen. Er empfand in Kurzem eine heftige -Leidenschaft für sie und sie wurde seine Gattin. Das -Geschlecht, aus welchem Arthurs Mutter stammte, ehedem -reich, war jetzt kaum mehr wohlhabend zu nennen; -statt der Mitgift brachte aber die junge Frau ökonomische -Tugenden nach Waldfels. Sie wußte der Verschwendung -Günthers Einhalt zu thun und mit verhältnißmäßig -geringen Mitteln doch ein anständiges Haus -zu machen. Da die Liebe des Barons zu ihr sich gleich -blieb und die häuslichen Freuden ihn beschäftigten, so -hielt er wirklich an sich und begnügte sich mit seinen -immer noch bedeutenden Revenuen. Leider starb die -gute Frau an den Folgen einer unglücklichen Niederkunft. -Der Baron war untröstlich; er zog sich von der -Gesellschaft zurück und trauerte um die geliebte Gattin -mit einer Ausdauer, die ihm niemand zugetraut hätte. -Allein noch war nicht ein volles Jahr verflossen, so -fühlte sein Herz sich befreit und sein ursprünglicher -Charakter trat in der alten Stärke wieder hervor.</p> - -<p>Es lag diesem Herrn im Blute, daß es für den -Sprößling eines alten Geschlechts nicht wohl passend -sey, auf Erwerb zu sehen, auf der andern Seite aber -höchlich geziemend, diejenigen, die etwas erworben hatten -und fortfuhren es zu thun, gleichwohl an Generosität -zu übertreffen. Er verschmähte die Spekulation und -hielt es unter seiner Würde, bei Kauf und Verkauf zu -feilschen, weßwegen die Handelsleute überaus gern mit -ihm zu thun hatten und ihn als das Muster eines „einsichtsvollen“ -Mannes priesen. Handwerker und Künstler -durch Bestellungen aufzumuntern und überhaupt durch -Freigebigkeit Glückliche zu machen, erschien ihm als -Pflicht und Ehrensache. Natürlich war es, daß er bei -dieser Beglückung Anderer sich selbst am wenigsten vergaß. -Gefiel ihm ein Pferd, ein Jagdhund oder was -sonst immer, so mußte er es haben; und daß diese -Passion ausgebeutet wurde, versteht sich von selbst. -Dabei war er zu Hause und in Gesellschaft eine höchst -angenehme Erscheinung. Er hatte die noble Würde -eines Mannes, der fähig ist Andere zu erfreuen, und -das liebenswürdige Mit- und Selbstgefühl eines wahrhaft -freundlichen Gebers. Unmöglich war es, beim -Spiel mit mehr guter Laune zu verlieren. Es schien -ihm ordentlich Vergnügen zu machen, wenn seine Geldstücke -zu dem Häufchen eines andern wanderten, und -wenn dieser seine Freude darüber nicht verbergen konnte, -so betrachtete er ihn mit einem wohlwollend überlegenen -Lächeln, wie etwa ein Vater sein Söhnchen, wenn es -wegen irgend einer Bagatelle kindisches Vergnügen blicken -läßt.</p> - -<p>Man hätte diesem Mann unerschöpfliche Hülfsquellen -gegönnt, so wohl stand ihm sein prächtiges Leben an. -Die seinen waren es nicht. Schon im ersten Jahre -reichten die Einkünfte nicht zu; bald mußte zum Verkauf -einzelner entbehrlicher Grundstücke und endlich zum -Geldaufnehmen geschritten werden. Dieses, das nöthige -Abbezahlen kleiner und das Aufborgen größerer Summen -wurde von da an die hauptsächlichste Beschäftigung -des Barons. War er durch die Nothwendigkeit darauf -gewiesen, so fand er in ihr bald auch einen eigenen -Reiz. Er wandte ein Capital von Zeit, Geist und Erfindungskraft -daran, das ihn, der Verwaltung seiner -Besitzungen gewidmet, zum reichen Mann hätte machen -müssen. Alles, was an Schlauheit in ihm lag, kam -bei diesen Geschäften zum Vorschein. Er sorgte dafür, -daß seine Passiva der Welt möglichst ein Geheimniß -blieben, und wußte durch feines, liebenswürdiges Benehmen -immer neue Gläubiger zu gewinnen. Dabei -verläugnete er seine noble Denkart keineswegs. Er beglückte -die Frauen und Kinder der Gläubiger durch -Geschenke, er machte bei seinen Anleihen großmüthige -Bedingungen, und wenn er seine Lieferanten und -Handwerker nur sehr theilweise bezahlte, so hinderte er -sie doch auf keine Weise, übermäßig große Rechnungen -zu machen.</p> - -<p>Dieß ging, so lange es gehen konnte. Ungefähr -drei Jahre vor dem Beginn unserer Erzählung kam er -in große Bedrängniß, und es gehörte die ganze Stärke -seiner glücklichen Natur dazu, um nach außen keine Bekümmerniß -merken zu lassen. Er mußte sich bedeutend -anstrengen, um das Schiff wieder flott zu machen, und -so hart es ihn ankam, die letzte Zeit her seinen kostspieligsten -Gewohnheiten entsagen. Die Ehre des Hauses -mußte jedoch aufrecht erhalten werden. Sein Sohn, -vor welchem er die Lage der Dinge zu verbergen verstand, -mußte auf Gymnasium und Universität als junger -Mann von Stande leben. Als der ihm verwandte -Graf nach wiederholten Einladungen endlich Waldfels -zu besuchen versprach, so durfte er nichts vermissen, was -er von einem Wirthe seines Gleichen nur irgend zu erwarten -berechtigt war. —</p> - -<p>So war der Mann, und so standen seine Angelegenheiten. -Die Leser können daraus einen Schluß -ziehen, was der Sohn von ihm zu hoffen und zu fürchten -hatte.</p> - -<p>Als Arthur in das Zimmer trat, kramte der alte -Herr eben in einem Haufen von Papieren. Er horchte -hoch auf, als jener ihm eröffnete, daß er mit ihm über -eine Sache von Wichtigkeit zu sprechen habe. Der junge -Mann, wenn er auch eine wesentlich redliche Natur -war, entbehrte doch keineswegs der Klugheit, welche zur -Erreichung guter Absichten die geeigneten Mittel zu finden -weiß. Er hielt es dießmal für gut, etwas auszuholen, -und sprach zuerst von einem Lebensplan, den er -sich gebildet habe. Er müsse dem Vater endlich gestehen, -daß ihn eine besondere Neigung zu cameralistischen und -ökonomischen Studien treibe, und daß er sich nichts anderes -wünsche und auch nichts anderes vorhabe, als -nach Absolvirung der Universität ihm bei der Verwaltung -des Guts zu helfen, wobei er durch mancherlei -Verbesserungen, die er für möglich halte, den Ertrag -desselben glaube steigern zu können. — Der Baron antwortete -mit einem bedeutungsvollen Hm! und forderte -ihn durch seine Mienen auf, weiter zu reden. — Arthur -ging nun über auf das angenehme Leben in und -um Waldfels. Er sprach von dem gemüthlichen Charakter -des Volks, von den vortrefflichen Familien in -der Umgegend und rühmte namentlich Frau von Holdingen -und ihre Tochter als ausgezeichnet durch Bildung, -Geist und Charakter, hinzufügend, daß der Vater -dieß selbst anerkenne, indem er sie am höchsten schätze -und am liebsten mit ihnen umgehe. — Der Baron, der -darin nur eine weitere Begründung des Wunsches erblickte, -später in Waldfels zu leben, kam noch nicht auf -die rechte Fährte und stimmte dem Lob seiner Verwandten -von Herzen bei. Darüber bezeigte der Sohn -die größte Freude und sprach nun die zuversichtlichste -Hoffnung aus, daß der gute Vater gewiß seinem innigsten -Wunsch nicht entgegentreten werde. Er wolle auf -dem Lande leben bei seinem Vater und an der Seite -einer braven Frau. Alle Tugenden, die er von einer -Frau verlange, habe er aber in Anna von Holdingen -gefunden; er liebe seine Cousine und werde von ihr wieder -geliebt; er habe beim letzten Feste die Versicherung -ihrer Liebe und Treue von ihr erhalten und er bitte den -Vater inständig, zu diesem Bunde der Herzen seine Beistimmung -zu geben.</p> - -<p>Der Baron sah bei dieser unerwarteten Eröffnung -aus, wie einer, der zweifelt, ob er recht höre. Er erhob -sich, betrachtete den Sohn halb mitleidig und sagte: -„Bist du klug, Arthur? Du willst dich verloben — mit -einem Kind?“ — „Anna,“ versetzte Arthur mit bescheidenem -Ernst, „ist kein Kind mehr. — Indeß,“ -fügte er mit einem Lächeln hinzu, „wenn sie’s noch -wäre, so wär’ es ihr einziger Fehler; und du weißt -ja, daß man eben diesen am schnellsten und sichersten -ablegt.“</p> - -<p>Des Barons Antlitz verdüsterte sich und mit schwerem -Bedenken schüttelte er den Kopf. Es gehörte zu -seinem Wesen, daß er sich über die Zukunft Arthurs -nie eine klare Vorstellung gemacht hatte. Er sorgte für -die ihm gebührende Ausbildung, im übrigen ließ er ihn -gewähren. In den seltenen Augenblicken, wo er wegen -der Zerrüttung des ererbten Vermögens doch einige -selbstanklagende Regungen empfand, beschwichtigte er -sein Gewissen dadurch, daß er annahm, der Sohn, der -so viele Fähigkeit und so viel Ausdauer im Studium -zeige, werde seiner Zeit in den Staatsdienst treten, um -eine gute Carrière zu machen; und als er den Grafen -zu sich einlud, dachte er unter anderem wirklich auch -daran, seinem Arthur durch die ehrenvolle Bewirthung -desselben einen einflußreichen Protektor zu gewinnen. -Auf der andern Seite erwog er, daß es einem -Träger des Namens Waldfels, begabt und liebenswürdig, -unmöglich fehlen könne, eine vorzügliche Partie -zu machen und durch die Reichthümer der Erwählten -die Mängel des väterlichen Vermögens zu decken. So -mußte das Geständniß Arthurs, wodurch beide Hoffnungen -bedroht waren, tiefen Verdruß und Unmuth in -ihm erregen. Als der Sohn auf seinem Gesicht einen -Ernst sah, der ihm völlig ungewohnt erschien, wurde er -sehr betreten und fragte im Ton trauriger Ueberraschung: -„Wär’s möglich, Vater, daß dir meine Wahl mißfiele? -Hättest du an Anna etwas auszusetzen?“</p> - -<p>Der Baron versetzte mit Würde: „Nach meiner Ansicht -ist die Zeit, wo du an Verlobung, oder gar an -Verheirathung denken kannst, überhaupt noch nicht gekommen. -Wenn sie aber gekommen ist, so muß ich dir -aus vielen Gründen eine reichere Partie wünschen, da -unsere Vermögensverhältnisse keineswegs mehr brillant -sind.“ — „O,“ rief der Sohn, „wenn es nur das ist, -dann hab’ ich keine Sorge!“ Und mit Selbstgefühl setzte -er hinzu: „Wir wollen das Gut schon mit einander verwalten, -daß ich eine reiche Frau nicht nöthig habe. Ich -habe meine Gedanken, und wenn du mir freie Hand -gibst, so verbürge ich mich dafür, in wenigen Jahren -stehen wir so, daß ich Anna in eine glückliche, gesegnete -Familie einführen kann.“ — „Du weißt nicht,“ -entgegnete der Vater mit einem Seufzer, „wie weit es -gekommen ist!“ — „Das ist einerlei!“ versetzte der liebende, -muthige Jüngling. „Im schlimmsten Fall hätten -wir nur ein paar Jahre mehr nöthig.“ Und indem er -ihn schmeichelnd bei den Händen faßte, rief er in bittendem -Ton: „Sey der gute, liebe Vater, der du immer -warst! Gib deine Einwilligung!“</p> - -<p>Dem Baron stellte sich bei diesem Drängen seine Lage -so klar vor Augen, wie nie vorher. Das Gefühl, daß -sein einziger Sohn und das gute Mädchen einem traurigen -Loos entgegen gehen würden, erschütterte ihn, -und eben die Liebe, die Sorge, gab ihm nun Kraft zur -Strenge. Er wies die Hand des Sohnes zurück und -sagte mit Entschiedenheit: „Laß diese Thorheiten! Du bist -selbst noch ein Kind und weißt nicht, was zum Leben -gehört!“ — Und froh, von sich selber etwas Empfehlenswerthes -anführen zu können, fuhr er fort: „Ich -war zehn volle Jahre älter, als ich mich mit deiner -Mutter verlobte. Das ist die Zeit, wo man gegenwärtig -allenfalls an’s Heirathen denken darf. Die kindischen -Schwärmereien der Jugend sind dann von selber -vergangen und der Kopf ist hell genug, um eine in -jeder Beziehung glückliche Wahl zu treffen. Das muß -ich wissen, der ich Erfahrung habe und die Welt kenne. -Aber ihr jungen Leute wollt heutzutage klüger seyn als -die Alten, und es ist doppelt nöthig, euch in die gehörigen -Schranken zurückzuweisen. — Kurz, ich gebe zu -dieser Verbindung meine Einwilligung nicht und werde -dafür sorgen, daß die voreilige Liebschaft ein Ende -findet.“</p> - -<p>Nach diesem Beweis von Energie wollte sich der alte -Herr wieder an den Schreibtisch setzen, aber Arthur hielt -ihn zurück. Mit Ernst und Festigkeit erwiederte er: -„Du bist hart gegen mich, Vater, und das thut mir -weh, denn ich bin’s nicht von dir gewöhnt. Aber deine -Härte — verzeih’ mir, daß ich so zu dir rede — kann -und wird meinen Entschluß nicht ändern. Ich habe es -wohl überlegt, um was ich dich bitte, und ich muß -vor allem das thun, was ich für meine höchste Pflicht -halte. Ich <em class="gesperrt">kann</em> meiner Cousine nicht entsagen. Sie -ist ein so liebenswürdiges Mädchen, daß sie das Bild, -das ich mir immer von dem vortrefflichsten Weib gemacht -habe, noch bei weitem übertrifft. Schon jetzt -vereinigt sie mit dem schönsten und tiefsten Gefühl den -heitersten Geist und den klarsten Verstand. Und wenn -sie nach deiner Ansicht noch ein Kind ist, was muß -man erst in der Zukunft von ihr erwarten? Daß ein -solches Wesen existirt, ist ein Wunder, daß ich sie gefunden -habe, ein unendliches Glück — und dieses -Glück, das ich mit meinem Blute erkaufen würde, sollt’ -ich von mir stoßen? — Das ist es aber nicht allein. -Ich habe mich gegen Anna erklärt, ich habe das Versprechen -der Treue mit ihr gewechselt, und glaubst du, -daß ein Waldfels sein feierlich gegebenes Wort brechen -werde?“</p> - -<p>Das Vaterherz konnte sich dem Eindruck dieser -Entgegnung nicht ganz verschließen; aber noch bewahrte -der Baron seine Festigkeit und rief im Ton des Unwillens -aus: „Das ist eben dein unverzeihlicher Fehler, -daß du ein solches Wort gegeben hast!“ — „Es ist -dazu gekommen,“ erwiederte Arthur, „ich weiß selbst -nicht wie. Ich folgte meinem Herzen und es ist mir -nicht eingefallen, daß es jemand betrüben könnte. Ich -fand das höchste Glück des Lebens — konnte ich da -noch an etwas anderes denken? — Und was ist denn -alles andere im Vergleich mit diesem Glück? Was kann -denn noch in die Wagschale fallen, wenn wir das Herz -eines Mädchens gewinnen, für dessen Besitz wir niedersinken -und Gott auf den Knieen danken möchten? — -Ich weiß nicht, ob es Menschen gibt, die so klein von -sich denken, daß sie sich nicht zutrauen, ein über alles -geliebtes Weib durch’s Leben zu führen. Ich aber, lieber -Vater, gehöre nicht zu ihnen; und wie unsere Verhältnisse -jetzt auch beschaffen seyn mögen, ich werde -Anna glücklich machen, glücklicher als irgend jemand in -der Welt es vermag.“</p> - -<p>Der Baron konnte sich bei diesen Worten nicht enthalten, -mit Theilnahme auf den Sohn zu blicken und -in seinem ganzen Wesen eine innere Bewegung zu verrathen. -Er sagte mit sanfterer Stimme: „Lieber Arthur, -du weißt nicht, was du versprichst! Du kennst die -Klippen nicht, die dich bedrohen! Du wirst scheitern, -wie so viele vor dir gescheitert sind!“ — „Ich werde -nicht scheitern!“ rief Arthur mit dem Ausdruck innerster -Zuversicht. „Ich fühle einen Muth in mir, dem nichts -zu schwer vorkommt, und hier in meinem Herzen ruft -eine Stimme: du wirst über alle Schwierigkeiten triumphiren! -— Aber,“ fuhr er dringend und herzlich fort, -„du, Vater, mußt mir zu diesem Unternehmen deine -Beistimmung schenken und deinen Segen geben. Du -warst immer so gut gegen mich und in den letzten Jahren, -ich darf es wohl sagen, Vater und Freund in Einer -Person. Deine Liebe, deine Freundschaft gehören zu -meinem Glück, sie sind das Mittel und die Bedingung -dazu, ich kann und will es nicht haben ohne sie. Darum -schenke sie mir und gib mir dein Jawort! Wir -wollen dann zusammen arbeiten und hoffen und Gott -und uns selber vertrauen.“</p> - -<p>Die Widerstandskraft des Barons war zu Ende. -Sein Herz war erweicht; und zugleich hatte der Muth -und die Zuversicht des Sohns ihn angesteckt. Was er -so eben noch in Abrede gestellt, das erschien dem gerührten -Herzen jetzt nicht nur wieder möglich, sondern beinahe -wahrscheinlich. Ohnehin hatte er ja das Seine -gethan; er hatte gewarnt und lange genug gekämpft. -Der junge Mensch fügte sich nicht; man mußte sich -überzeugen, daß hier nichts mehr zu ändern sey. — -Allen diesen Eindrücken wich der Vater endlich und erklärte: -„Wenn du es nicht anders haben willst, so mag -es seyn. Ich gebe meine förmliche Einwilligung noch -nicht, aber ich verspreche sie dir für den Fall, daß die -Baronin nichts gegen eure Verlobung einzuwenden hat. -Dann aber,“ setzte er mit Bedeutung hinzu, „vergiß -nie, daß ich dich gewarnt und nur deiner Hartnäckigkeit -nachgegeben habe.“</p> - -<p>Arthur hatte nicht bis zum Schluß dieser Rede gewartet, -um dankerfüllt des Vaters Hand zu ergreifen -und zu drücken. Er umarmte ihn nun mit kindlicher -Zärtlichkeit und rief mit Bezug auf die letzten Worte: -„Nein, lieber Vater, nie werde ich das vergessen, so -wenig wie die unendliche Güte, womit du meine Bitte -erfüllt hast. Wenn ich unglücklich werde, so ist es nur -meine Schuld. Wenn ich Glück erlebe, so hab’ ich es -einzig und allein dir zu danken.“ — „Gut,“ versetzte der -Baron mit väterlichem Ansehen, „dieß ist abgemacht. -Aber Eines muß ich mir noch bedingen. Morgen Nachmittag -gehen wir zur Baronin: bis dahin wirst du das -Schloß nicht verlassen.“ — Arthur versprach es und -verabschiedete sich.</p> - -<p>Er hielt Wort. Er unterdrückte das Verlangen, zu -der Geliebten zu eilen, aber er schrieb an sie und sorgte -dafür, daß der Brief ihr geheim übergeben wurde. Er -meldete ihr das Ergebniß der Unterredung mit seinem -Vater und forderte sie dringend auf, ihrer Mutter gleichfalls -ein Geständniß zu machen und bis zur Ankunft -seines Vaters ihre Beistimmung zu erlangen. — Den -andern Morgen hätte man an dem schönen Mädchen -wohl bemerken können, daß ein ungewöhnlicher Vorsatz -ihre Seele beschäftigte. Sie zeigte eine bewegtere häusliche -Thätigkeit als sonst. Wenn sie davon abließ, stand -sie bald in tiefen Gedanken und ihren reizenden Mund -verschönte ein eigenes, halb verlegenes Lächeln. Sie -schien die rechte Form der Ausführung nicht finden zu -können und nahm endlich ihre Zuflucht zum Pianoforte. -Dieses Instrument spielte sie mit Fertigkeit, heute aber -führte sie die gewählten ernsten Stücke mit einem Gefühl -und einer Kraft aus, daß die Mutter, die sich zu -einer weiblichen Arbeit gesetzt hatte, selbst mit Verwunderung -horchte und unwillkürlich dem rührenden -Eindruck der Musik sich hingab. Auf einmal erhob sich -das junge Mädchen und trat vor die Mutter. Ihr Vorhaben -nicht nur, sondern auch das Bewußtseyn ihrer -großen Jugend rief eine holde Schamröthe auf ihren -Wangen hervor; aber ihr Entschluß war gefaßt und die -Stimmung, wo sie ihn ausführen konnte, hatte sie gewonnen. -Sie erklärte der etwas befremdet blickenden -Mutter, daß sie ihr ein Bekenntniß abzulegen habe, -und bat sie, ihr mit Güte ein ruhiges Gehör zu schenken. -Dann erzählte sie den Vorgang am Pfingstmontag -mit der Ergebung einer kindlich bescheidenen, aber -zugleich mit dem Muthe einer liebenden Seele, durchaus -getreu nach der Wahrheit.</p> - -<p>Frau von Holdingen war auf’s höchste überrascht. -Sie hatte nicht geglaubt, daß hinter der Aufmerksamkeit -des jungen Vetters, die ihr natürlich nicht entgangen -war, eine so ernstliche Neigung verborgen wäre, -und staunte nun über ihr plötzliches Hervorbrechen. -Aber sie war nicht, wie der Baron, in der Lage, die -Vereinigung der Kinder bedenklich zu finden; im Gegentheil, -sie empfand sogleich eine große Befriedigung. Die -Familie Waldfels war eine der ältesten im Lande, Arthur -war ein Jüngling von soliden Eigenschaften und, -was sie schon früher zum öftern hervorgehoben hatte, -so recht von adelig schöner Gestalt. Die Vermögenszustände -des Barons hielt die von ihres Gleichen stets -das Bessere annehmende Dame für geordneter als sie -waren, den Sohn mithin für den Erben einer immerhin -noch bedeutenden Besitzung, und da ihr Kind wenig -oder gar keine Mitgift zu erwarten hatte, die materielle -Denkweise der lebenden Männerwelt ihr aber nur zu gut -bekannt war, so hatte der Gedanke, ihre Anna Baronin -von Waldfels werden zu sehen, für sie etwas höchst Erfreuliches -und Beruhigendes. Sie mußte sich Mühe geben, -ihr Vergnügen vor der Tochter nicht geradezu merken zu -lassen, und die ernste Miene einer Beichtigerin zu behaupten. -Am Ende fiel ihr nichts Besseres ein, als ebenfalls -ihre hohe Verwunderung darüber auszudrücken, wie bei -dieser Jugend sowohl des Vetters als namentlich Anna’s -selber ein solcher Vorgang habe möglich seyn können.</p> - -<p>Darauf erwiederte Anna mit Ergebung: „Ich weiß -wohl, daß ich noch jung bin, aber ich bin alt genug, -um einzusehen, daß ich einen besseren und edleren Mann, -als Arthur, nie finden würde, und ich habe ihn so lieb, -daß ich ihn nicht lieber haben könnte! Als er mich zum -Spaziergang einlud, hatte ich keine Ahnung von dem, -was kommen sollte. Es ist, wie wenn’s vom Himmel -gefallen wäre. Als ich darüber nachdachte, war’s geschehen. -Nun hat Arthur mein Wort, mein heiliges -Versprechen — und du,“ setzte sie mit herzlich bittendem -und zuversichtlichem Ton hinzu, „du, liebe Mutter, -wirst mich gewiß nicht hindern, es zu halten.“</p> - -<p>Frau von Holdingen erhob sich. Ihrem Herzen -folgend umarmte sie das Kind, indem sie mit Güte -sagte: „Beruhige dich, Anna! Hält Arthurs Gesinnung -auch die Prüfung der Mutter aus, dann hast du nicht -zu fürchten, daß ich eurer Verlobung mich widersetzen -werde. Es kommt aber hier vor allem auf den Baron -an, der mit seinem Sohn vielleicht andere Absichten -hat. Wenn er die Verbindung nicht wünschte, so wäre -es für dich eine Ehrensache, deinem Vetter zu entsagen.“</p> - -<p>Um vier Uhr Nachmittags rollte die offene Chaise -des Barons in den Hof. Der wackere Herr war in -froher, gemüthlicher Laune. Er hatte mit gutem Appetit -gegessen und die ihm zugesandte Probe einer neuen -Weinsorte vortrefflich gefunden. Das Wetter war schön -und die wehende Ostluft erquickend; als er daher mit -dem Sohn an blühenden Wiesen hinfuhr, vergaß er den -düstern Hintergrund seiner Angelegenheiten gänzlich und -hatte nur heitere Anschauungen. Aus der Art seines -Auftretens schöpfte Frau von Holdingen sogleich die -vollste Beruhigung, und die erröthenden jungen Leute -gaben sich durch Blicke die freudige Gewißheit, daß auf -beiden Seiten alles wohl stehe.</p> - -<p>Nach den ersten Begrüßungen ließ der Baron, der -nicht gewohnt war, in solchen Dingen lang zurückzuhalten, -seine Blicke von der Tochter zur Mutter gleiten -und sich dann also vernehmen: „Ich sehe, liebe Base, -daß unsere gute kleine Cousine auch schon gebeichtet hat. -Nun, was sagen Sie zu den jungen Leuten? Ist das -nicht erstaunlich? Hat man in unsern Zeiten von so -etwas gehört? — Sie haben uns eine eigenthümliche -Aufgabe gestellt, unsere Kinder; aber wie wir darüber -denken, wir können nicht vermeiden, uns nun damit zu -beschäftigen.“</p> - -<p>Frau von Holdingen nahm eine würdevolle Haltung -an und erwiederte: „Allerdings hat mir meine Tochter -alles gestanden und ich habe mein Urtheil nicht zurückgehalten -über die Art, wie sie sich in ihrer Jugend zu -einem solchen Schritt hat hinreißen lassen. Aber eben -diese Jugend, lieber Baron, muß sie entschuldigen. -Was jetzt geschehen soll, das hängt allein von Ihrer -Entscheidung ab. Haben Sie gegen das Verhältniß -und gegen die künftige Verbindung der jungen Leute -nur die geringste Einwendung zu machen, so kenne ich -meine Pflicht, und ich werde dafür sorgen, daß aller -Verkehr zwischen ihnen abgebrochen wird.“ — „Ach, -beste Baronin,“ versetzte der alte Herr, „das würde -nicht viel helfen. Arthur hat sich mir von einer ganz -neuen Seite gezeigt: er wäre im Stand, seinem Vater -zu trotzen! Auch unsere Anna, im Vertrauen, sieht -nicht darnach aus, als ob sie in dieser Angelegenheit -ohne weiteres Gehorsam leisten wollte. Was sollen wir -thun? Die Kinder lieben sich, sie haben sich Treue gelobt -— und wir müssen zu ihrem Spiel gute Miene -machen; — das heißt, wenn Sie, verehrte Frau, nicht -aus mir unbekannten Gründen Bedenken tragen, Ihre -Einwilligung zu geben.“</p> - -<p>Die Baronin beeilte sich zu erklären, daß sie die -Verbindung ihrer Tochter mit dem Sohne des Barons -von Waldfels für höchst ehrenvoll und für das größte -Glück halte, das Anna nur irgend erwarten könnte. -Nun wäre es dem wohlwollenden und galanten Mann -völlig unmöglich gewesen, sein Jawort zu versagen. Er -liebte es ohnehin nicht, Scenen dieser Art hinauszudehnen, -und versetzte daher mit herzlicher Freundlichkeit: -„Da Sie so liebenswürdig denken, gnädige Frau, und -in Ihrer Güte sich selbst übertreffen, so geben wir -in Gottes Namen unsere Einwilligung und behalten -uns vor, die wirkliche Verlobung so lange hinauszuschieben, -als es uns schicklich dünkt. — Möge der -Himmel,“ setzte er mit Ernst hinzu, „seinen Segen dazu -geben!“ — Dann, mit Liebe zu dem Paare gewandt, -rief er: „Bedankt euch nun bei der guten Baronin, -Kinder!“</p> - -<p>Die beiden, denen bei den ersten Reden doch wieder -etwas bange geworden, folgten der Aufforderung rasch -und ließen ihre zärtlichen Gefühle an den Eltern so -herzlich aus, daß diese selbst der Rührung nicht widerstehen -konnten und sich mit feuchten, tiefbefriedigten -Blicken ansahen. Arthur hatte Anna’s Hand ergriffen, -sein Auge hing an ihr in triumphirender, seliger Liebe. -Er wagte es nicht, ihre Lippen zu küssen, und drückte, -indem er sie an sich zog, seinen glühenden Mund auf -ihre Stirne. Das Mädchen sah dabei so bräutlich schön -aus und ihr Glück hatte einen so strahlend edeln Charakter, -daß der Baron der Mutter zuflüsterte: „Mein -Arthur hat sehr wohl gethan, sich dieses Kleinod so -früh zu gewinnen. Hätte er noch gezaudert, so würden -die Mitbewerber aus der Erde gewachsen seyn, und es -hätte ihm doch wohl einer gefährlich werden können. Er -hat auch in dieser Sache den Verstand und die Klugheit -bewiesen, die ihn immer ausgezeichnet haben.“ — -Die Mutter antwortete mit einem dankbaren und wohlgefälligen -Lächeln. —</p> - -<p>So leicht wurde diese Angelegenheit, die so manche -bedenkliche Seite darzubieten schien, einem Ende zugeführt, -das alle Theile zufrieden stellte. Der Baron -hielt es um so weniger für nöthig, auf seine dermaligen -Vermögensverhältnisse hinzudeuten, als es ihm ja wieder -gelungen war, in dieser Beziehung gute Hoffnungen -zu fassen. Und wenn es nicht der Fall gewesen -wäre, wie hätte ein so guter Mann es über’s Herz -bringen können, die gegenwärtige heitere Stimmung -durch einen prosaischen Mißton zu trüben? Man vereinigte -sich darüber, die förmliche Verlobung in Ansehung -der Jugend Annas erst nach einem Jahr erfolgen -zu lassen. Arthur sollte seine Studien beenden, -reisen und endlich nach Waldfels zurückkehren, wo dann -nach den Umständen früher oder später die Vermählung -stattfinden sollte. Der alte Herr zeigte sich nicht abgeneigt, -das Gut an Arthur zu übergeben, so daß Anna -die Aussicht hatte, als Herrin in das Schloß geführt -zu werden.</p> - -<p>Beim Abendessen ließ sich der Baron die geringere, -aber ächte Weinsorte der Baronin eben so gut schmecken, -wie seine bessere zu Hause. Seine Laune belebte sich -mehr und mehr. Er begann die Kinder zu necken -und freute sich an dem jungfräulichen Erröthen des -Mädchens. Unter andern wollte er darin einen Hauptbeweis -für das Fortschreiten der Menschheit erkennen, -daß die jetzige Generation nicht nur fähig sey, so früh -zu lieben, sondern auch so früh schon eine glückliche -Wahl zu treffen und mit Leidenschaft Verstand und -Festigkeit zu verbinden. Er selber gestehe, sich mit der -Thorheit länger abgegeben zu haben, was er übrigens -auch nicht bereue. Wie er so dasaß, glänzend von -Wohlwollen und Vergnügen, hätte er verdient, von -dem besten Maler der altniederländischen Schule porträtirt -und in der Poesie seines Wesens für alle Zeiten -bewahrt zu werden. Endlich ergriff er das Glas, um -einen Toast auf das Liebespaar auszubringen. Er -wünschte und verkündete ihnen mit väterlicher Zärtlichkeit -und mit dem besten Glauben ein Leben voll Liebe, -Glück und Freude.</p> - -<p>Mußten Arthur und Anna der Zukunft nicht mit -den frohesten Empfindungen entgegensehen? Mußten sie -sich nicht schon angeweht fühlen von dem Hauch der -vollkommensten Erdenseligkeit? Aber die Macht, welche -das Geschick der Menschen bestimmt, hat oft ihre -Gründe, eben diejenigen, die ein schönes, ruhiges Daseyn -zu verdienen scheinen, die Wege des Unglücks zu -führen. Die Zeit nahte heran, wo die Hoffnungen, von -denen die Herzen der Liebenden bewegt und erhoben -waren, eine nach der andern zertrümmert werden sollten.</p> - -<p>Seit der Rückreise Arthurs auf die Universität war -mit dem Baron eine eigene Veränderung vorgegangen. -Das Glück der beiden Kinder hatte ihn in Wahrheit -tief gerührt und in der nun folgenden Einsamkeit nachdenklich -gemacht. Er fühlte die Verpflichtung, für sie -etwas zu thun, und nahm sich mit völligem Ernste vor, -seinen Haushalt noch weiter einzuschränken und auf den -Ruhm eines glänzenden Edelmanns ganz zu verzichten. -Daß sein Koch ihn zu dieser Zeit im Lohn steigern -wollte, kam ihm gerade recht. Er entließ ihn, verschaffte -sich eine bewährte Köchin und befahl ihr, zwei -Gerichte weniger zu geben als bisher. Da er von seinem -gewohnten Weinmaß etwas abzubrechen sich nicht -entschließen konnte, so begnügte er sich mit einer billigeren -Sorte und bewahrte die besten für unumgängliche -Gelegenheiten auf. Ein reicher Nachbar hatte früher -umsonst großes Verlangen nach seinen zwei vorzüglichen -Wagenpferden blicken lassen; jetzt benützte er das Gelüste -desselben, trat ihm die beiden Grauschimmel um -hohen Preis ab und bezahlte damit einen drängenden -Gläubiger. Er fing an bei den nöthigen Einkäufen auf -Billigkeit zu sehen und mit den verwunderten Kaufleuten -um den Preis zu handeln. Ja, er bekümmerte sich sogar -um seine Land- und Forstwirthschaft, ging selbst -auf die Felder, um die Arbeiten mit anzusehen, und -unterhielt sich mit dem Verwalter über die vortheilhafteste -Benützung des Bodens. Bei verschiedenen Gelegenheiten -hielt er seinen Untergebenen Reden über die Nothwendigkeit -einer sparsamen Haushaltung mit so anmuthiger -Würde, als ob er nie an etwas anderes gedacht hätte. -Die Leute stimmten ihm achtungsvoll bei, so lange sie -vor ihm standen; wenn sie sich allein sahen, konnten -sie sich nicht enthalten, lächelnd den Kopf zu schütteln.</p> - -<p>Ob es dem guten Herrn möglich gewesen wäre, in -der eingeschlagenen Richtung zu beharren, können wir -nicht sagen. Das Schicksal enthob ihn der Probe. Er -fühlte sich eines Abends unwohl und legte sich früher -als gewöhnlich zu Bette. Morgens fand man ihn todt. -Ein Schlagfluß hatte seinem Leben ein Ende gemacht. -— —</p> - -<p>Das plötzliche Hinscheiden einer lebensfrohen und -lebenskräftigen Person hat für diejenigen, die ihr mit -Liebe anhingen, etwas tief Erschreckendes. Zu dem -Schmerz über den Verlust gesellt sich der grausame -Zweifel an allem, was man bisher für sicher und -dauernd gehalten. Die Hinfälligkeit des Menschen, die -Unzuverlässigkeit alles Irdischen sieht mit dem Antlitz -der Gorgone auf uns her, und es erfordert die höchste -Stärke, sich noch aufrecht zu erhalten und den Pflichten -des Tages zu genügen.</p> - -<p>Frau von Holdingen und Anna hörten die Todesnachricht -mit Entsetzen. Die Ahnung einer unheilvollen -Wendung ihres Geschicks durchzuckte sie, als sie die -bleichen Gesichter gegen einander wandten und sich mit -thränenlosen Augen ansahen. Sie begaben sich in -größter Eile nach Waldfels, wo der herbeigerufene Arzt -eben erklärt hatte, daß man jede Hoffnung aufgeben -müsse. In der allgemeinen Trauer, unter den Thränen, -die jetzt reichlich um den Gestorbenen flossen, ermannte -sich Frau von Holdingen zuerst. Sie sandte einen reitenden -Boten an den Sohn und übernahm als nächste anwesende -Verwandte die Leitung des Hauses.</p> - -<p>Arthur erschien am folgenden Tage in Begleitung -seines Oheims, den er von der Landstadt, wo er als -pensionirter Oberst lebte, mitgenommen hatte. Wir versuchen -es nicht, seinen Schmerz zu schildern. Die Liebe, -die er für seinen Vater empfand, hatte sich durch dessen -gütiges Benehmen bei der ihm theuersten Angelegenheit -noch erhöht. Wenn er seinen vertrauten Freunden von -ihm erzählte, so glänzten seine Augen, als spräche er -von der Verlobten. Welch ein erschütterndes Gefühl -war es nun, dem theuern Mädchen wieder die Hand zu -reichen und den geliebten Vater todt vor sich zu sehen! -Er gab sich seinem Schmerz ohne Widerstand hin. -Die Anordnung der Trauerfeierlichkeiten mußte von -dem Oheim und Frau von Holdingen übernommen -werden.</p> - -<p>Noch einmal sahen die Räume des Schlosses eine -zahlreiche, hochansehnliche Versammlung von Freunden -der Familie Waldfels. Wenn nicht Alle wahre Trauer -um den Mann empfinden konnten, der jetzt in die Gruft -seiner Väter gesenkt wurde, so bedauerten doch Alle sein -Ableben aufrichtig und hörten mit Theilnahme die Rede -des Ortsgeistlichen, der ihnen seine menschlich schönen -Charakterzüge mit schonender Hindeutung auf seine -Schwächen in’s Gedächtniß rief.</p> - -<p>Ein letzter Wille des Barons fand sich nicht vor; -der Sohn war daher alleiniger Erbe und der Oberst, -als der nächste Verwandte, wurde sein Vormund. Als -beides geordnet war, ging Arthur in Verbindung mit -dem Oberst muthig an die Arbeiten, die ihm durch die -Lage der Dinge und durch die Gesetze des Landes geboten -waren. Aber bald sollte dieser Muth niedergeschlagen -werden.</p> - -<p>Was die Leser schon errathen haben müssen, enthüllte -sich. Schon die Durchsicht der hinterlassenen Papiere -ließ die beiden Waldfels einen ungefähren Schluß ziehen -auf den wahren Stand der Vermögensverhältnisse. Als -aber in Folge des öffentlichen Aufrufs die sämmtlichen -Gläubiger der Verlassenschaft sich meldeten, übertraf die -Wirklichkeit selbst das, was sie in den schlimmsten Momenten -gefürchtet hatten: die Summe der Forderungen -drohte das ganze Erbe zu verschlingen.</p> - -<p>Für Arthur, der sich in so schönen Hoffnungen -gewiegt und so heilige Pflichten übernommen hatte, war -es ein schreckliches Gefühl, als er zum erstenmal diese -Wahrnehmung machte. Er war gerade allein — sein -Oheim war auf einige Tage in seinen Wohnort zurückgegangen -—, die klar erkannte Thatsache wirkte daher -um so grausamer und niederwerfender auf ihn; die Verzweiflung -wühlte in seinem Herzen. Wenn er daran -dachte, welch ein reiches Erbe seinem Vater hinterlassen -worden war, so konnte er sich einer bittern Empfindung -nicht erwehren. Wie war es möglich, solchen Wohlstand -gänzlich zu untergraben und den Sohn dem Bettelstab -nahe zu bringen? Wie war es möglich, den Weg -zum Untergang vorwärts zu gehen und nie zurückgeschreckt -zu werden? — Bei alledem vermochte er dem -Vater nicht zu grollen. Er dachte an seine unbegrenzte -Gutmüthigkeit, an die Begriffe, die er von seinem Stande -gehegt hatte, und der Ruin des Familienvermögens erschien -ihm als eine Art von Verhängniß, als eine Folge -von Schwächen des Vaters, die zu seiner Natur gehörten -und für die er nicht mit Strenge verantwortlich gemacht -werden konnte. Er tadelte sich selbst, daß er -nicht gesehen, wohin die allzu glänzende Lebensweise -zuletzt führen müsse, daß er sich nicht schon früher ernstlich -von dem Stande des Vermögens unterrichtet und versucht -habe, den Vater zu den unausweichlichen Einschränkungen -zu bestimmen. Was sollte er nun beginnen? -Welch ein Loos wartete seiner? Wie sollte er die Hoffnungen -seiner Geliebten, wie sollte er seine feierlich -ertheilten Zusagen erfüllen? — Er hatte keine Antwort -auf diese Fragen.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>III.</h3> -</div> - -<p>Die Verzweiflung ist für ein kräftiges, emporstrebendes -Gemüth eine unsäglich bittere, aber eine heilsame -Arznei. Sie führt es in dürre, todte Wüsten, aber -eben hier wird der Resignation des Rechtschaffenen das -Manna des Geistes zu Theil. Sie wirft es in die -tiefsten, dunkelsten Abgründe, aber gerade in ihnen -erscheinen dem emporblickenden Auge die Sterne des -Himmels. Gleich einem Erdbeben öffnet die Erschütterung -des Herzens neue Quellen und macht Kräfte frei, -deren Umfang bis dahin nicht geahnt werden konnte. -Eben so wie großes, unerwartetes Glück, führt plötzlich -hereinbrechendes, niederschmetterndes Unglück die im Innersten -zerbrochene Seele zu Gott und gibt der passiven -Religiosität eines edeln, aber ungeprüften Herzens die -Weihe zur Thatkraft, zur Bewährung.</p> - -<p>Arthur fühlte die ganze Pein der Hoffnungslosigkeit, -und wir dürfen es wohl sagen, daß die grausame -Enttäuschung ihm bittere Thränen auspreßte. Nach -und nach aber legte sich der Sturm in seinem Herzen -und es wurde stiller darin. Er empfand leise das Vorgefühl -der Genesung. Mit beruhigterem Geist erkannte -er das Große der Prüfung, die ihm auferlegt war; er -fühlte den Muth in sich, sie zu bestehen. Indem er -an die Kämpfe dachte, die seiner warteten, erhob sich -seine Seele und die Hoffnung auf den Sieg stärkte sein -Herz. In dieser Stimmung vermochte er Gott zu danken -für die ihm zugemutheten Arbeiten; er fühlte sich durch -sie geehrt und gelobte sich, mit den ihm verliehenen -Kräften Alles zu thun, um das Glück, das ihm nicht -geschenkt werden sollte, durch sich selbst zu erringen.</p> - -<p>Da er sich überzeugt hatte, daß sein Erbe den -Gläubigern zur Beute fallen würde und müßte, so -dachte er nach, welche Mittel ihm wohl noch blieben, -seinem Geschick eine Wendung zum Bessern zu geben. -Da fiel ihm der Graf ein, der sich gegen seinen Vater -so warm über ihn ausgesprochen hatte. Er setzte sich -nieder, erstattete dem hochgestellten Mann einen treuen -Bericht von seiner Lage und bat ihn um gütige Aufklärung -darüber, welche Laufbahn ihn am schnellsten in -den Stand setzen könnte, seiner Verlobten und sich eine -ehrenvolle Existenz zu schaffen. Mitten in der Abfassung -dieses Schreibens tauchte eine eigenthümliche Vorstellung -in ihm auf, bei der er nicht umhin konnte, über sich -selber zu lächeln. Als er es beendet und abgeschickt -hatte, trat dieser Gedanke wieder vor seine Seele, und -er hing ihm nach, wie man Träumen nachhängt, ohne -mehr daraus zu machen als sie sind. Seine Einbildungskraft -mußte sich sehr gefällig erzeigen, denn sein -Gesicht glättete sich und gewann beinahe einen heitern -Ausdruck.</p> - -<p>Zunächst hatte er aber eine ernste Pflicht zu erfüllen: -er mußte Frau von Holdingen und Anna von -dem Stand der Dinge unterrichten. Als er nach dem -Landhause fuhr, wohin er so gern die besten Nachrichten -gebracht hätte, fühlte er doch wieder eine Bewegung, -die er nur mit Mühe bemeistern konnte. Er fand die -nöthige Ruhe erst in der Begrüßung der Frauen, schilderte -ihnen aber nun das thatsächliche Verhältniß, wie -es sich ihm endlich dargestellt hatte, mit würdiger Resignation. -Als er geendet, trat eine tiefe Stille ein. -Er betrachtete Mutter und Tochter und bemerkte zu -seinem Troste, daß der Eindruck seiner Erzählung nicht -so niederschlagend war, als er gefürchtet hatte. Bei -Anna war dieß in ihrem Herzen, ihrem Charakter und -ihrer Jugend begründet; Frau von Holdingen aber war -auf eine solche Eröffnung schon einigermaßen vorbereitet, -da ihr Gerüchte zu Ohren gekommen waren, die ungefähr -auf dasselbe hinaus liefen. Dessen ungeachtet konnte -sie sich nicht enthalten, das Schweigen zuerst durch einen -Ausruf schmerzlichen Staunens zu unterbrechen und einen -mütterlich tiefbesorgten Blick auf die Tochter zu werfen.</p> - -<p>Mancher erwartet nun vielleicht, daß der junge -Waldfels mit der Erklärung hervorgetreten sey, er gebe -unter solchen Umständen Fräulein von Holdingen das -von ihr empfangene Wort zurück; er liebe sie zu sehr, -um sie an sein unsicheres Loos zu fesseln und dem -Glücke, das sie zu erwarten das Recht habe, sich in -den Weg zu stellen. Ein solcher Gedanke hatte sich -Arthur in der ersten Niedergedrücktheit allerdings auch -dargeboten, war aber sogleich von ihm verworfen worden. -Er kannte Anna und wußte, daß er sie durch -eine solche Erklärung nur kränken würde. Er gehörte -ihr, wie sie ihm; sie hatte Ansprüche auf eine Liebe, -die sich nicht in muthloser Entsagung, sondern in vertrauensvollem -Behaupten des gewonnenen Besitzes offenbaren -muß. Wie sehr er Recht hatte, zeigte sich jetzt. -Nach dem Ausruf der Mutter wandte sich Anna liebevoll -zu ihm, ergriff seine Hand und sagte mit innigem -Ernst: „Es ist ein Unglück, Arthur, das ich um deinet- -und um unsertwillen schmerzlich bedaure. Aber wir -wollen auch das mit einander tragen. Jetzt ist es gut -für uns, daß wir so jung sind, wir können warten. -Ich traue dir alles zu und meine, es müßte dir alles -gelingen. Wenn andere, die mit Nichts anfangen -mußten, in der Welt etwas erreicht haben, warum -solltest du’s nicht? Und wenn ich nie deine Frau werden -könnte,“ setzte sie mit dem schönen Aufschwung -jugendlicher Gemüther hinzu, „so würde ich doch stets -die Deine seyn. Ich habe dir mein Wort gegeben, und -ich wiederhole es jetzt: entweder du oder keiner soll -meine Hand erhalten!“ — Arthur hörte mit freudiger -Bewegung diese schmeichelhaften Worte und umarmte -und küßte die Geliebte, indem Thränen in seinen Augen -glänzten. „Im Unglück muß man seyn,“ rief er -aus, „wenn man edle Seelen kennen lernen will! Wenn -man auch weiß, wie gut sie sind, so thut es doch innig -wohl, zu hören und zu sehen, was man weiß. Vertraue -mir nur, Anna, dein Glaube soll dich nicht täuschen! -Was ich auch unternehme, es muß gesegnet werden um -deinetwillen. Wir werden glücklich seyn, verlasse dich -darauf — ja, glücklicher als wenn der Reichthum des -Großvaters ganz auf mich gekommen wäre!“</p> - -<p>Die Baronin hatte während dieser Reden mit einem -Ausdruck auf die jungen Leute gesehen, wie er der -Welterfahrung eigen ist, wenn sie von liebenswürdigen -Seelen Hoffnungen aussprechen hört, gegen deren Erfüllung, -wie sie leider weiß, so viele Hemmnisse aufstehen -können. „Ihr armen Kinder,“ schien sie sagen -zu wollen, „wie leicht versprecht ihr das Höchste, und -und wie schwer wird es euch werden, nur etwas von -dem zu halten, was ihr jetzt schon gethan zu haben -glaubt!“ Aber ein Hauch von der Begeisterung der -Liebenden war in ihre Seele gedrungen. Sie bekämpfte -eine Regung weltlichen Sinnes, trat zu dem Paar und -sagte mit dem Ausdruck edler Selbstüberwindung: „In -Gottes Namen denn! Ich kann zwar euer jugendliches -Vertrauen nicht ganz theilen und warne euch, in dieser -Welt das Gute so leicht und so rasch zu erwarten. Aber -eurer Treue soll von mir kein Hinderniß kommen. Ich -habe meine Einwilligung zu eurer Verbindung gegeben -und ich werde sie nicht zurücknehmen. Möge es euch,“ -setzte sie mit besorgter Liebe hinzu, „so wohl gehen als -ihr’s verdient!“</p> - -<p>Auf dem Heimweg nahte Arthur jene Vorstellung -wieder, die ihn schon einmal freundlich angemuthet -hatte. In der Bewegtheit seines Geistes formte er unwillkürlich -einen Plan daraus, und ein Wunsch regte -sich in seinem Herzen, das Phantasiegebild verwirklicht -zu sehen. „Sollte das,“ sagte er zu sich selbst, „meine -Bestimmung seyn? Sollte ich auf diesem Weg finden, -was ich suche?“ Er schüttelte den Kopf. Er dachte an -den Brief, den er an den Grafen abgesandt hatte, an -die möglichen Aussichten, die sich ihm von dieser Seite -her eröffnen könnten. „Er wird mir irgend einen annehmbaren -Vorschlag machen und ich werde ihnen bald -eine gute Nachricht bringen können,“ sagte er zu sich -selbst. Diese Vorstellung erheiterte ihn sichtlich und er -kam völlig beruhigt nach Hause.</p> - -<p>Solche Gegengewichte ruhen in jugendlichen und -schöpferischen Seelen gegen den Druck äußerer Verhältnisse! -So leicht stellt sich der innerlich begabte Mensch -wieder her, wo andere vernichtet und trostlos am Boden -hinschleichen! — Aber ein anderes freilich ist es, über -den Gedanken einer mühevollen Zukunft sich zu erheben, -und ein anderes, die wirklichen Schwierigkeiten, wenn -sie nun anrücken, zu bestehen und zu überwinden. Da -wandelt sich der Muth gar oft wieder in Niedergeschlagenheit, -die Hoffnungslust in Unmuth und Pein.</p> - -<p>Am folgenden Tag kam der Oberst von seinem -Wohnort zurück, um sich für die Dauer der Vormundschaft -im Schlosse einzurichten. Arthur beeilte sich, ihm -seine traurige Entdeckung mitzutheilen. Der Kriegsmann -schien davon nicht sonderlich bewegt zu seyn. Er -nickte nur ernsthaft mit dem Kopf und sagte: „Das -hab’ ich mir gedacht!“</p> - -<p>Hugo von Waldfels hatte eine gewisse Aehnlichkeit -mit seinem Bruder, unterschied sich aber von diesem -durch Energie und eine Anlage zur Heftigkeit, die während -seiner militärischen Laufbahn eine Art methodischer -Ausbildung erlangt hatte. Sein Aeußeres hatte nicht -die behagliche Rundung Günthers, erschien aber dafür -um so strammer und schlagfertiger. Auch er hatte sein -Erbe großentheils durchgebracht. In der ersten Zeit -war ihm das Spiel verderblich geworden; später hatte -ein Liebesverhältniß mit der schönen Tochter armer -Leute seine Kasse erschöpft. Der Sohn derselben machte -Ansprüche auf seine Unterstützung, und der unverheirathete -Cavalier, der ihn liebte, hatte schon über den -Rest seines Vermögens zu seinen Gunsten verfügt. -Wenige Jahre vor dem Tode seines Bruders machte -ein Sturz vom Pferde den damaligen Oberstlieutenant -dienstunfähig, und es erfolgte die Pensionirung. Seine -Mittel wurden dadurch für seine Bedürfnisse ziemlich -schmal, und er mußte nun auch allerlei Manöver anwenden, -um sich nichts abgehen zu lassen. In die -Forderungen der Welt schickte er sich ziemlich gut. Obschon -er von seiner Abkunft und seinem Stande nicht -gering dachte, so wußte er doch dem großen Geldbesitz -die zeitgemäßen Concessionen zu machen, und wenn er -in seiner Heftigkeit den Stab über jemand brach, so -ließ er sich doch auch wieder begütigen. Es war ein -Mann, wie es viele gibt, einer von denen, die bei Erfüllung -ihrer Pflichten auch verschiedene schwache Seiten -blicken lassen, und zum Theil solche, die sie an andern -sehr ernstlich tadeln können.</p> - -<p>Bei der Mittheilung Arthurs war dieser Mann -nicht nur darum so ruhig, weil er sich das Verhältniß -ähnlich vorgestellt, sondern weil er auch schon ein -Mittel zur Abhülfe gefunden hatte, das er für durchaus -praktikabel hielt. Der Neffe, der davon nichts -wissen konnte, rief mit Verwunderung über die scheinbare -Theilnahmlosigkeit: „Mein Unglück scheint Sie -nicht sehr zu betrüben! Wissen Sie mir Rath? Können -Sie mir aus dieser Noth heraushelfen?“ — Der -Oberst erwiederte: „Nach meiner Ansicht ist die Sache -leicht. Wenn die Gesammtsumme, die dein Vater schuldig -wurde, so groß ist, wie du sagst, so ist zu fürchten, -daß bei gerichtlichem Verkauf der Hinterlassenschaft der -Erlös sie nicht einmal decken wird. Dieß müssen wir -den Gläubigern begreiflich machen und es dahin zu -bringen suchen, einen Vergleich mit ihnen abzuschließen. -Die Bursche sollen sich mit fünfzig oder sechzig Procent -begnügen. Dann übernimmst du das Gut und stellst -deine Angelegenheiten wieder her.“</p> - -<p>An diese Möglichkeit hatte Arthur auch schon gedacht, -aber durch nähere Prüfung der verschiedenen -Forderungen war er davon ab- und zu dem Entschluß -gekommen, eine solche Procedur nicht vornehmen zu -lassen. Die einen der Gläubiger waren nämlich versichert, -die andern hatten bloß Handschriften des Barons -aufzuweisen. Jene waren reich, diese fast ohne Ausnahme -nur mittelmäßig begütert. Nun war anzunehmen, -daß eben die reichen sich an ihre Unterpfänder -halten und allein die unversicherten „kleinen Leute“ zu -einem Nachlaß zu bestimmen seyn würden. Dieß zu -versuchen widerstrebte der Denkart des jungen Mannes, -während er zugleich erkannte, daß die Auskunft im -besten Fall doch nur eine kümmerliche seyn würde. Sein -Geist hatte sich ohnehin nach einer andern Seite gewendet -und sich mit dem Gedanken, das Stammgut -aufgeben zu müssen, schon vertraut gemacht. Darum -erwiederte er jetzt ruhig: „Das geht nicht, lieber Onkel!“</p> - -<p>„Warum nicht,“ fragte der Oberst, der sich von der -Sicherheit des Neffen unangenehm berührt fühlte. — -Arthur bemerkte zunächst: „Weil dabei Leute ihr Geld -verlieren würden, denen eine solche Einbuße sehr empfindlich -fallen müßte“ — „Das sind Skrupel eines -jungen Menschen,“ versetzte der Oberst ungeduldig. „Es -handelt sich darum, ob eine alte Familie im Besitz ihres -Erbgutes bleiben oder ob sie es Andern preisgeben soll, -die es zertrümmern, vernichten werden; es handelt sich -darum, ob diese Familie selbst mit Ehren fortbestehen -oder untergehen soll. Dieß ist nicht möglich, ohne daß -einige Philister verlieren, — darum sollen sie verlieren!“ -— Arthur, durch diesen Ton seinerseits verletzt und -gereizt, entgegnete: „Wenn eine Familie nur auf Kosten -Anderer bestehen kann, so thut sie besser unterzugehen.“</p> - -<p>Der Oberst sah ihn groß an. „Ist das Ernst?“ -sagte er endlich. „Bis jetzt hielt ich dich für einen verständigen -Menschen — hätt’ ich mich getäuscht? wärst -du ein phantastischer Thor?“ — Arthur versetzte: „Den -Verstand, den Sie mir zutrauen, hab’ ich vielleicht; -aber er geht allerdings nur Hand in Hand mit der -Ehrlichkeit. Ich <em class="gesperrt">will</em> nicht verständig seyn, wenn ich -unehrlich seyn müßte! Und in diesem Fall halt’ ich’s -noch dazu für nicht verständig, unehrlich zu seyn.“</p> - -<p>Das war dem Oberst zu viel. Eine dunkle Röthe -überzog sein Gesicht und er schien eine heftige Entgegnung -auf der Zunge zu haben. Allein er bezwang sich, -um den jungen Menschen durch Gründe zu besiegen. -Er sagte: „Unsere Voreltern, wie dir ohne Zweifel bekannt -ist, waren reich und hochangesehen. Sie haben -in dieser Gegend seit Jahrhunderten Gutes gethan, sie -haben zu verschiedenen Zeiten wahre Opfer gebracht für -das Volk. Nun wohl, diese Leute sollen auch einmal -für uns ein Opfer bringen!“ — Arthur schüttelte den -Kopf und entgegnete: „Wenn unsere Voreltern dem -Volke Gutes gethan haben, so würden wir uns nur -ausgeartet zeigen, wenn wir es beraubten.“ — „Das -ist die Folgerung eines hochmüthigen Narren!“ platzte -der Oberst heraus. — „Es ist die Logik eines rechtschaffenen -Mannes,“ erwiederte Arthur mit Festigkeit. -— Der Oberst stampfte mit dem Fuß und wendete sich -in tiefem Unmuth von dem Jüngling ab. In einer -Pause der Ueberlegung fühlte er jedoch die Nothwendigkeit, -seine Leidenschaft zu unterdrücken, und begann mit -erneuerter Geduld: „Wenn du eine solche Art von Ehrlichkeit -hast — gut! folg’ ihr! Aber folg’ ihr zu einer -Zeit, wo sie dich nicht zu Grunde richtet. Deine erste -Pflicht ist, durch einen Vergleich mit den Gläubigern -dich zu retten. Ist dieß geschehen, dann arbeite dich -wieder empor, und wenn du wohlhabend bist, dann -ersetze ihnen ihre Verluste.“ — Arthur wiederholte sein -Kopfschütteln und bemerkte: „Ich wäre nicht im Stande, -auf die bloße Möglichkeit hin, daß ich begangenes Unrecht -wieder gut machen könnte, gegen meine Grundsätze -zu handeln. Aber solchen Ersatz zu leisten, hab’ ich -nicht einmal Aussicht.“</p> - -<p>Er machte den Oheim nun auf den Umstand aufmerksam, -daß die versicherten Gläubiger ihrer Lebensstellung -und ihrem Charakter nach zu einer Einbuße -sich nicht verstehen würden, daß aber die Forderungen -der Handschriftenbesitzer wenig mehr als ein Drittel der -Schuldenmasse betrügen, er mithin auch im Fall eines -Accords nur eine geringe Erleichterung zu erwarten -hätte. — Der Oberst war betroffen. Wie es Menschen -von despotischem Hange begegnen kann, so hatte er, -was er wünschte, sich auch als leicht ausführbar gedacht -und angenommen, daß man die Gläubiger überhaupt -zu einem Nachlaß würde bestimmen können. Nun -schämte er sich, daß der junge Mensch die Verhältnisse -richtiger angesehen haben sollte, und empfand nur um -so mehr Unmuth gegen ihn. Er fühlte einen Drang, -ihn seinerseits wieder zu treffen, und sagte endlich: -„Vielleicht! — vielleicht ist es so! — Aber so geht’s, -wenn man sich den Rettungsweg, der einem noch geboten -war, selber verbaut! Der Bankier Pranger, dem -du das meiste schuldig bist, hat eine Tochter, die jetzt -achtzehn Jahre seyn muß. Es ist wahr, daß sein Vater -noch Krämer dort im Städtchen war und sich glücklich -pries, aus seinem Laden etwas in’s Schloß liefern zu -dürfen. Aber der Sohn hat Glück gehabt, er ist ein -reicher Mann und geadelt. Dergleichen Leute wünschen -nichts mehr, als sich mit alten Familien zu verbinden, -und es wäre nicht das erstemal, daß der Abkömmling -eines guten Hauses durch eine solche Heirath seine zerrütteten -Verhältnisse wieder herstellte.“</p> - -<p>Arthur hatte dieser Rede mit Verwunderung gehorcht -und erwiederte nun mit Ernst und Strenge: „Wozu -sagen Sie mir das? Wollen Sie doch bedenken, daß -dergleichen Reden jetzt gar keinen Zweck mehr haben.“ -— „Nun,“ fuhr der Oberst heraus, „wenn ich dein -Vater gewesen wäre, so hätte ich meine Einwilligung -zu dem thörichten Verhältniß, das du angeknüpft hast, -nicht gegeben und du wärest frei — —“ Weiter konnte -er nicht reden. Arthur, mit gerötheten Wangen und -funkelnden Augen, hatte sich vor ihn gestellt und rief: -„Kein Wort mehr davon, Onkel! Ich <em class="gesperrt">bitte</em> Sie!“ — -Die Betonung dieses „bitte“ verrieth eine Leidenschaft, -die den Oberst verstummen machte. Er wandte sich von -ihm und ging düster im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>In der Stille, die nun eintrat, fand er Zeit zum -Nachdenken. Er fühlte, daß er den Neffen doch ungebührlich -verletzt habe, und ein gewisses Bedauern, das -er darüber empfand, gab ihm die Kraft, nochmals den -Ton der „Güte“ anzustimmen. Er sagte: „Wenn man -sieht, daß ein junger Mensch im Begriff ist sich unglücklich -zu machen, so dürfen seine Verwandten nicht ablassen, -ihn darüber aufzuklären, und wenn sie dabei -Dinge hören sollten, die sie zu hören nicht gewohnt -sind. Ich folge dieser Pflicht und frage dich: Was -willst du für die Zukunft beginnen? Hast du schon einen -Entschluß gefaßt?“ — Arthur erwiederte der Wahrheit -gemäß: „Noch nicht.“ — Dieser Ungewißheit gegenüber -erschien dem Oberst sein Vorschlag wieder als der verhältnißmäßig -beste, und mit erneuter Sicherheit begann -er: „Du willst also dein Haus einreißen, bevor du -wenigstens eine neue Hütte gebaut? Du verwirfst die -Ansicht eines erfahrenen Mannes und weißt nicht nur -keine bessere, sondern gar keine entgegenzusetzen? Du -gehst also blind in dein Verderben?“ — Der junge -Mann stand nachdenklich da und der Oberst, der ihn -erschüttert zu haben glaubte, fuhr mit Gewicht fort: -„Arthur, du kennst mich dafür, daß ich kein Schwätzer -bin. Ich mache dir jetzt einen Vorschlag; wenn du ihn -verwirfst, so werd’ ich ihn nicht wiederholen. Laß mich -versuchen, dir Waldfels zu retten! Ich bin dein Vormund -und kenne meine Rechte, aber was ich thue, will -ich mit deiner Beistimmung thun. Entschließe dich und -gib sie mir! Manches geht leichter, als man sich’s vorstellt. -Vielleicht läßt sich der geadelte Kaufmann zu -günstigen Bedingungen überreden: solche Menschen sind -irgendwo zu packen. — Bedenke,“ setzte er mit Ernst -hinzu, „daß du dir nicht allein gehörst, sondern einem -Geschlecht, daß du Pflichten gegen einen Namen hast, -der zu den besten im Lande gehört, und daß dieser -Name mit dir untergehen wird.“ — Arthur erwiederte -nach kurzem Bedenken: „Sie wollen mein Bestes auf -Ihre Weise und ich danke Ihnen für den Eifer, den -Sie dabei an den Tag legen. Allein den Weg, den -Sie mir vorschlagen, kann ich nicht gehen. Ich erkenne -meine Pflichten gegen meinen Namen an und werde -sie erfüllen, — aber nur so, wie mein Charakter und -meine Ueberzeugung es gestatten.“</p> - -<p>Der Oberst stöhnte bei diesen Worten. Der Geduldfaden, -den er so lang erhalten hatte, mußte endlich -reißen. Er empfand all den Zorn, den man über -die Hartnäckigkeit und die Blindheit eines Menschen empfindet, -dem man vergebens den besten und zweckmäßigsten -Rath ertheilt hat, und indem er sich mit grimmigem -Gesicht vor Arthur hinstellte, rief er: „Gut, junger -Herr! Jetzt hab’ ich nur noch Eine Pflicht zu erfüllen, -nämlich dir zu erklären, was dein Betragen für Folgen -nach sich ziehen wird. Mir, dem erfahrenen Mann, -kann nichts abgeschmackter vorkommen als der Hochmuth, -der meint, die Welt müsse sich nach ihm und seinen -Bedürfnissen richten, nichts widerlicher als die Phantasterei, -die den Unverstand für Tugend ausgibt. Ich -halte deinen Leichtsinn für unverantwortlich und sage -dir daher: wenn du dabei bleibst, so zieh’ ich meine -Hand von dir ab, ich vergesse, daß du mein Neffe bist, -und überlasse dich deinem Schicksal!“ — „Und ich,“ erwiederte -Arthur, „erkläre, daß ich gleichwohl dabei beharren -muß, daß ich mich aber immer als Ihren Neffen -betrachten, für Ihren guten Willen dankbar seyn und -diese Gesinnung im glücklichen Fall beweisen werde.“ -— Der Oberst zuckte die Achseln, sah ihn mitleidig an -und verließ das Zimmer.</p> - -<p>In der ersten Aufregung, welche die Scene in ihm -hervorgerufen, empfand Arthur die Befriedigung eines -Menschen, der sich sagen kann, mit Festigkeit nach seiner -Ueberzeugung gehandelt zu haben. Als er aber mit -kühlerem Blut darüber nachdachte, erschien es ihm doch -peinlich, mit seinem Oheim in ein gespanntes Verhältniß -gerathen zu seyn, dessen Aufhören er nach seiner -Meinung nicht erwarten konnte, ohne eine ihm unmögliche -Nachgiebigkeit zu beweisen. Wie es bei leidenschaftlichen -Erörterungen zu gehen pflegt, hatte er keine -Gelegenheit gefunden, von den Aussichten zu reden, die -ihm gar bald durch den Grafen eröffnet werden könnten. -Da er aber diesen Herrn dringend gebeten hatte, in -Rücksicht auf die geschilderte Lage seinen gütigen Rath -ihm bald ertheilen zu wollen, so beschloß er jetzt, bis -zum Einlauf des Schreibens zu warten und den Oheim -durch eine gute Nachricht, auf die er hoffte, wo möglich -wieder zu versöhnen.</p> - -<p>Mehrere Tage gingen hin. Das Benehmen des -Obersten entsprach seiner Erklärung. Er genügte seinen -Pflichten als Vormund, ohne seines Projektes noch -einmal Erwähnung zu thun, und beobachtete gegen -seinen Neffen die Formen kalter Höflichkeit; aber er -suchte die Momente des Zusammenseyns möglichst abzukürzen -und zog sich theils auf sein Zimmer zurück, theils -machte er Besuche in der Nachbarschaft. Arthur entschädigte -sich im Hause der Verlobten. Er verschwieg hier -die Scene mit dem Oheim, und da auch dieser für gut -fand, nichts zu sagen, so blieb der junge Mann glücklicherweise -mit einer neuen Erörterung verschont. Mutter -und Tochter hatten mit ihm angenommen, daß er auf -Waldfels verzichten und sein Glück anderweitig suchen -müsse. Darum bildete nun das Schreiben, das Arthur -an den Grafen abgesandt hatte, und die zu erwartende -Proposition den Hauptgegenstand der Unterhaltung und -mancher Vermuthung.</p> - -<p>Die sehnlich erharrte Antwort erschien endlich. Der -junge Waldfels betrachtete Adresse und Siegel mit begreiflichem -Herzklopfen, eilte auf sein Zimmer und las -in größter Spannung.</p> - -<p>In verhältnißmäßig ausführlichem Schreiben drückte -der hochgestellte Herr zunächst sein Leidwesen über den -frühzeitigen Hintritt des Vaters aus, eines der vortrefflichsten -Männer, die er gekannt, und dessen Andenken -seinen Freunden stets theuer bleiben werde. Dann -ging er auf Arthurs Verlobung über, an der er um so -herzlicheren Antheil nehme, als <em class="gesperrt">er</em> vielleicht zuerst an -dem edeln jungen Paar die Anzeichen einer tieferen -Neigung wahrgenommen und sich darüber gefreut habe. -Er wünsche demselben alles Glück, das die Erde bieten -könne, und bedaure auf’s innigste, daß die Hinterlassenschaft -des Vaters nicht von der Art sey, um ihnen -sogleich die hiezu nöthige Unterlage zu gewähren. Was -die Anfrage des jungen Freundes betreffe, so wolle er -hierauf eine gewissenhafte Antwort ertheilen. Er für -seine Person würde es am liebsten gesehen haben, wenn -er sich der diplomatischen Carrière hätte widmen können, -denn dazu scheine er ihm ganz besonderes Talent -zu besitzen. Allein zu dieser Laufbahn sey ein nicht unbedeutendes -Vermögen die nothwendige Voraussetzung, -und so könne in Ermanglung eines solchen leider auch -dießmal wieder eine glänzende Begabung nicht die ihr -zukommende Bethätigung finden. Aehnliches gelte von -der militärischen Laufbahn. Könnte er dem Baron die -baldige Erlangung einer Lieutenantsstelle allenfalls auch -garantiren, so verböte sich für ihn die Wahl dieses -Standes doch wegen der Bedingungen, an welche die -Landesgesetze die Verheirathung eines Offiziers knüpften. -Alles wohl erwogen, müsse er seinem trefflichen Verwandten -rathen, auf der Universität die Jurisprudenz -zu absolviren und sich dem Staatsdienst zu widmen. -Zwar sey es seine Pflicht, ihn darauf aufmerksam zu -machen, daß der Concurrenten jetzt gar viele seyen und -daß er eine Reihe von Jahren werde Geduld haben -müssen, bis er eine seinen Wünschen entsprechende Stellung -werde erlangen können. Allein als begabter junger -Mann werde er sich auch hier mit der Zeit hervorthun -und ihm Veranlassung geben, seine Schritte zu fördern. -Er auf seinem Posten habe sich freilich die strengste -Gerechtigkeit und Unparteilichkeit zum Gesetz gemacht; -allein es freue ihn außerordentlich, wenn er einem -edelgesinnten jungen Mann mit gutem Recht freundschaftlich -unter die Arme greifen könne. Im Uebrigen -rathe er, nur guten Muthes zu seyn. In der Welt -sey manches möglich und es könne von irgend einer -Seite her eine unerwartet günstige Wendung seines -Geschicks eintreten. Sollte aber die Erfüllung seiner -höchsten Lebenswünsche dennoch erst spät eintreten, so -werde sie ihn nur um so inniger beglücken, und er werde -das erhebende Gefühl eines mit Ausdauer errungenen -und in jeder Hinsicht verdienten Looses haben. Indem -er daher u. s. w. u. s. w.</p> - -<p>Als Arthur diesen Brief gelesen hatte, senkte er das -Haupt in tiefer Niedergeschlagenheit. Er hatte von dem -Mann, der ihm so viel Theilnahme bewiesen und dessen -Macht anerkannt war, irgend einen Vorschlag erwartet, -der ihn auf ungewöhnlichem Weg rasch zum ersehnten -Ziel führen könnte. Nun sah er sich den gewöhnlichsten -Rath gegeben! Er sah sich mit Redensarten beschenkt, -die ihm von purer Gleichgültigkeit dictirt und nur den -Wunsch auszudrücken schienen: belästige mich nicht weiter!</p> - -<p>Hätte er den Grafen näher gekannt, so würde er -weniger gehofft haben, durch das Ergebniß seiner Anfrage -aber auch weniger erschüttert worden seyn. Der -vielvermögende Herr besaß eine ausgebreitete Verwandtschaft -und hatte eben gegenwärtig mehrere Vettern zu -versorgen, die ihn näher angingen als Arthur. Auch -Andere hatten ihm Gefälligkeiten und Ehren erwiesen -und konnten nun mit Ansprüchen hervortreten. Darunter -waren Männer, die nützlich oder schädlich werden -konnten, und diese mußte er vor allen berücksichtigen. -Als kluger Mann hatte er von jeher die Nothwendigkeit -begriffen, für brauchbare Persönlichkeiten über Belohnungs- -und Anfeuerungsmittel verfügen zu können, -und es sich daher zur Regel gemacht, sich niemals ohne -Noth durch eine schriftliche Zusage zu binden. Da er -sich nun auf seinem hohen Standpunkt ohnehin von -Supplicirenden umdrängt sah, denen er allen helfen -sollte — konnte er dem jungen Waldfels unter den -gegenwärtigen Verhältnissen mehr zuwenden, als ein -mäßiges Theilchen von Sympathie? Durch sein ausführliches -theilnehmendes Schreiben glaubte er sogar -ein Uebriges gethan und durch das ernstlich gemeinte -Versprechen einer späteren gelegentlichen Unterstützung -seine wohlwollende Gesinnung vollkommen bewiesen zu -haben.</p> - -<p>Arthur konnte sich in die Seele des Staatsmanns -nicht hineindenken; er beschuldigte ihn daher unfreundlicher -Kälte und sah in ihm nur einen herzlosen Weltmenschen, -von welchem für ihn gar nichts mehr zu erwarten -sey. Es ist so schwer, gerecht zu seyn, wenn -man eine unerwünschte Antwort erhalten hat! Die -vorgeschlagene Laufbahn, die für den Jüngling an sich -nichts Reizendes hatte, erschien ihm jetzt geradezu widerwärtig; -sein Herz wandte sich gänzlich davon ab. Allein -welche andere bot sich ihm dafür? Was sollte er dem -Oberst sagen, den er durch eine gute Nachricht zu gewinnen -und zu beschämen gehofft? Die Reihe sich zu -schämen war nun an ihm. Und was sollte er Frau -von Holdingen sagen, die von dem einflußreichen Mann -eben so wie er eine trostreiche Auskunft erwartet hatte? -— Bei diesem Gedanken ergriff ihn eine marternde -Empfindung, und schmerzlicher als je fühlte er die -Stiche der Verzweiflung im Herzen.</p> - -<p>In der Gedankenbewegung, der er sich willenlos -hingab, erschien Arthur endlich jenes Traumbild, das -in der letzten Zeit vor den Geschäften des Tags zurückgewichen -war, auf’s neue. Sein nach Rettung verlangendes -Herz fühlte sich zu ihm hingedrängt; das, -was ihm zuerst nur spielender Gedanke gewesen, erschien -ihm nun als eine Eingebung, und siegreich trat in -ihm der Glaube hervor, daß er zu der Thätigkeit, wie -sie ihm hiemit sich öffnen würde, berufen sey, daß er in -ihr sein Glück finden und sein Geschick wieder herstellen -werde. Die Stunde der Entscheidung war für ihn gekommen. -Nachdem er die Vorstellung noch eine zeitlang -betrachtet hatte, erhob er sich entschlossen und rief aus: -„Ja, diesem Zuge will ich folgen! Verlassen von Andern -will ich mir selbst vertrauen und kühn der Göttin mich -weihen, die heutzutage allein noch Wunder zu thun vermag. -Ich fühle mich dazu begabt, die Aussicht reizt -und lockt mich, und dießmal, das weiß ich, wird mein -Vertrauen mich nicht täuschen. — Aergert euch dann, -ihr Herrn,“ setzte er mit stolzer Geringschätzung hinzu, -„mit euch bin ich fertig!“ —</p> - -<p>Der Entschluß, den Arthur in aufgeregtem Zustande -gefaßt, hielt die Probe nüchterner Untersuchung aus. -Den andern Tag, nachdem er alle Verhältnisse wohl -erwogen hatte, erneuerte er ihn und gelobte sich, nicht -wieder von ihm abzugehen. Sein Vorhaben war aber -von der Art, daß es ihm geboten schien, niemand, auch -nicht der Geliebten, ein Geständniß davon zu machen. -Er nahm sich vor, es für Alle ein undurchdringliches -Geheimniß seyn zu lassen und bei Anna und Frau von -Holdingen an das Vertrauen zu appelliren, das redliche -Herzen einem Ehrenmann schenken müssen. Eine tiefe -Ruhe nahm in seiner Seele Platz. Es war die Ruhe -des Bewußtseyns, einem höheren Rufe zu naturgemäßer -Bestimmung zu folgen.</p> - -<p>Die Frage war jetzt nur, wie er den Frauen die -Antwort des Grafen mittheilen sollte, ohne ihre Herzen -zu erschrecken und zu betrüben. Aus dieser Verlegenheit -riß ihn ein Mann, der seinen Wünschen überhaupt wie -ein Bote des Schicksals entgegenkam — ein Unterhändler -seines Hauptgläubigers. Arthur erkannte aus -den Reden desselben gar bald, daß es den reichen Landsmann -über die Maßen gelüstete, Eigenthümer von -Waldfels zu werden. Er fand nach dem, was er von -ihm gehört, diese Neigung begreiflich und knüpfte an -sie seine Hoffnungen an.</p> - -<p>Daniel Pranger, oder wie er seit vier Jahren hieß, -Daniel von Pranger war der Sohn eines kleinen Materialwaarenhändlers -in dem zwei Stunden von Waldfels -entfernten Städtchen. Schon der Vater, der seine Kunden -mit Eifer bedient, hatte sich nach und nach ein -nicht ganz unbedeutendes Vermögen gesammelt. Daniel, -der die Kaufmannschaft in der altberühmten Handelsstadt -erlernt, aus der die Baronin von Waldfels stammte, -übertraf ihn als selbstständiger Mann an Glück und -Unternehmungsgeist. Er wagte viel, und wo er wagte, -gewann er. Endlich setzte er seinen Spekulationen die -Krone auf, indem er die Wittwe eines Bankiers heirathete -und damit eine gar viel bessere Partie machte, -als der verstorbene Baron, der kurz zuvor Arthurs -Mutter heimgeführt hatte. Wenn den Glücklichen sein -gesicherter Reichthum mit Stolz erfüllte, so war es ihm -doch das süßeste Gefühl, von dem Glanz desselben umstrahlt -in der Vaterstadt aufzutreten und die Ausrufungen -des Staunens und die respektvollen Schmeicheleien zu -vernehmen, womit ihn seine Jugendfreunde beehrten. -Er wiederholte diese Besuche mit Familie in gemessenen -Zeiträumen und unterließ nicht, vor seinem Abgang -Verwandten und Bekannten jedesmal ein Diner zu -geben, das wochenlang den Hauptgegenstand der Unterhaltung -im Städtchen bildete. Bei einem dieser Besuche -mußte er hören, daß die Festlichkeiten, die in Waldfels -veranstaltet wurden, in Aller Munde waren. Die Honoratioren -rühmten die Pracht derselben und noch mehr -die noble Feinheit, mit welcher der Baron seine Gäste -zu unterhalten wisse; die Frauen ließen für den damals -noch in den besten Jahren stehenden Herrn eine große -Eingenommenheit blicken. Alles das erfüllte den reichen -Mann mit einem Gefühl, das wir nicht mit Unrecht -als Neid bezeichnen können. Der Baron ehrte ihn gelegentlich -durch eine Einladung, was ihn freute; aber -er behandelte ihn dabei mit einer Höflichkeit, die ihm -nicht eifrig genug vorkam, und zeichnete ihn nicht vor -andern aus, wie er es erwartet hatte; er fühlte sich -gedrückt und kam unbefriedigt und verdrießlich nach Hause. -— Ein glücklicher und stolzer Moment war es daher -für ihn, als Herr von Waldfels ein Jahr später in -seinem Hause erschien, um ein bedeutendes Anlehen bei -ihm zu machen. Er bot ihm mehr, als der Baron verlangt -hatte, bedang sich hinreichende Sicherheit und -fühlte sich groß in dem Bewußtseyn, der finanzielle -Protector eines Mannes zu seyn, den er in seiner Jugend -so hoch über sich erblickt hatte und dem er auch -in der Fülle seines Reichthums den Rang nicht abzulaufen -vermochte. Schon zu dieser Zeit dachte er daran, -daß ihm bei der Lebensweise des Barons wohl einmal -seine Besitzung in die Hände fallen könnte. Er hatte -seitdem ein lauerndes Auge auf den Gang seiner Angelegenheiten -und es war ihm angenehm, sich wegen -nicht bezahlter Zinsen in einer Weise mit ihm zu vergleichen, -daß die bisherige Schuld um ein Ziemliches -größer wurde. Als er das Ableben des Barons erfuhr, -trat der Wunsch, das Edelmannsgut zu besitzen, auf’s -lebhafteste in ihm hervor. Er faßte den Entschluß, alle -Segel aufzuspannen, um sich einen so glänzenden Ruhesitz -zu verschaffen und zu dem Ruhm eines reichen Mannes -noch den eines Herrn von Waldfels zu fügen. Den -Erben durch Kündigung des Capitals in die Enge zu -treiben, schien ihm aus Gründen der Ehre und Klugheit -nicht räthlich; er drängte ihn daher in keiner Weise -und wartete mit Ruhe seine Zeit ab. Als die Epoche -der Mündigkeit Arthurs herannahte, hielt er es für -das Zweckmäßigste, bei dem unerfahrenen, in Verlegenheit -befindlichen Jüngling durch einen geschickten Unterhändler -das Geschäft beginnen zu lassen.</p> - -<p>Dieser, ein jüdischer Handelsmann aus der Nachbarschaft, -erwähnte natürlich nichts davon, daß er von -dem Bankier zu seiner Anfrage beauftragt sey. Er -habe sich gedacht, daß es dem Herrn Baron unter den -gegenwärtigen Umständen erwünscht seyn könnte, die -schöne Besitzung gut zu verkaufen, und die Verehrung, -die er gehegt für den seligen Herrn Vater, mit dem er -so manches Geschäft gemacht, und das Interesse für -das Wohlergehen des jungen Herrn Baron habe ihn -bewogen, sich nach einem Mann umzusehen, wie man -ihn brauche. Er habe einen solchen gefunden, einen -Mann, reich und reell, der im Stande sey, die -Besitzung gut zu bezahlen, und den man dazu bringen -könnte, sie zu kaufen — den Herrn von Pranger. -Wenn der Herr Baron geneigt seyen, sie zu veräußern, -so biete er ihm seine Dienste an, und so wahr er das -Leben habe, der Herr Baron solle ein Geschäft machen, -das er nicht bereuen werde.</p> - -<p>Arthur konnte sich nicht erwehren, mit Heiterkeit -auf den Mann zu sehen, der dieß Alles mit einer Lebhaftigkeit -und Wärme vortrug, als ob jede Sylbe aus -seinem Herzen käme. Er richtete mehrere Fragen an -ihn, die sich auf Herrn von Pranger bezogen, und so -vorsichtig der Jude antwortete, so gewann Arthur doch -die klarste Anschauung von dem wirklichen Stand der -Dinge. Sehr angenehm berührt davon, gab er die -Erklärung: er sey nicht abgeneigt, das Gut zu verkaufen, -sofern es nämlich preiswürdig bezahlt würde; -vorher müsse er sich aber mit den Seinen berathen. — -„Natürlich,“ erwiederte der Jude, „bei einer Sache -von solcher Wichtigkeit! — Aber,“ setzte er fein hinzu, -„der Herr Oberst haben vielleicht eine zu militärische -Ansicht von der Sache und muthen Ihnen zu, eine -Last zu tragen, die zu schwer für Sie werden könnte. -Ein junger Herr, wie Sie, kann Anspruch machen auf -alle Ehren in der Welt. Warum sollten Sie sich mit einer -Besitzung plagen, die sich unter den jetzigen Verhältnissen -— verzeihen Sie, daß ich das sage! — für einen -Herrn von Stande doch schwerlich mehr rentiren kann. -Indessen der Herr Baron sind klug, das ist allgemein -bekannt, und wissen selbst, was für Sie am vortheilhaftesten -ist.“ — Arthur ließ das gut seyn. Man -bestimmte die Zeit der nächsten Zusammenkunft und -trennte sich.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>IV.</h3> -</div> - -<p>In der Stimmung, welche die Unterredung mit dem -jüdischen Unterhändler im jungen Waldfels angeregt, -glaubte er seinen Oheim aufsuchen zu müssen. Er fand -ihn in seinem Zimmer, bat ihn nach bescheidenem Gruß -herzlich, den Auftritt von letzthin vergessen und ihm -wegen eines Anerbietens, das ihm gemacht sey, den -Rath der Erfahrung ertheilen zu wollen. Der Oberst, -durch dieses Entgegenkommen einigermaßen begütigt, -brummte etwas von Pflicht und erklärte sich dazu bereit. -Als Arthur in seinem Bericht Herrn von Pranger -als Käufer nannte, machte der Kriegsmann ein erzürntes -Gesicht. „Dieser Sohn eines Käsekrämers,“ rief er -aus, „will Waldfels haben? Das ist ja schamlos!“ — -Arthur stellte dem Oheim vor, daß er eben bei Herrn -von Pranger Aussicht habe, das Gut vortheilhaft zu -verkaufen. „Und was den Umstand betrifft,“ fuhr er -lächelnd fort, „daß der Sohn eines Krämers in den -Besitz von Waldfels kommen würde, so erlaube ich mir, -Sie daran zu erinnern, daß Sie selber einen Vorschlag -gemacht haben, nach dem er der Schwiegervater und -nach Umständen der Großvater eines Herrn von Waldfels -werden sollte.“ — Der Oberst schnitt eine Grimasse -des Verdrusses und versetzte: „Ja, das hab’ ich gesagt! -— Hol’s der Henker! Das Geld ist heutzutag Alles!“ -— Er ging unmuthig im Zimmer auf und ab und -stieß abwechselnd Flüche und Seufzer aus. Endlich -stellte er sich vor den Neffen hin und sagte mit einem -grimmigen Humor: „Nun, wenn der Kerl durchaus -unser Stammgut haben will und du nicht davon zurückzubringen -bist, es abzugeben, so laß dir’s wenigstens -so gut als möglich bezahlen!“ — Arthur, erfreut -über die Willfährigkeit, die sich hierin kund gab, versetzte: -„Dafür, lieber Oheim, lassen Sie mich sorgen. -<em class="gesperrt">Bezahlen</em> soll er es!“</p> - -<p>In dem erleichterten Gefühl, das wir immer haben, -wenn wir jemanden tractabler finden, als wir zu hoffen -gewagt, begab sich Arthur zu Frau von Holdingen. Er -sprach hier aus Gründen zuerst von der Absicht des -Bankiers. Die Baronin konnte ebenfalls ihre Betrübniß -nicht verbergen, daß ein Gut, welches die Familie -Waldfels Jahrhunderte hindurch besessen hatte, in die -Hände eines solchen Mannes kommen solle. Sie mußte -indeß gestehen, daß man es am Ende noch für ein Glück -halten müsse, wenn Arthur dadurch in den Besitz einer -Summe Geldes gelange, die er zu seinem Fortkommen -gar sehr würde brauchen können. „Um so mehr,“ fiel -Arthur ein, „als unser edler Verwandter, der Herr -Graf, die Hoffnungen, die wir auf ihn gesetzt haben, -vor der Hand nicht erfüllen zu wollen scheint.“ Er -überreichte der Baronin das Schreiben, das sie begierig -las. Als sie es geendet, zuckte sie die Achseln und -sagte: „Ich habe ihn immer für einen Menschen gehalten, -der nur an sich denkt.“ Sie schwieg bekümmert -und Arthur wandte sich zu Anna, die ihn schon vorher -mit einem Blick angesehen hatte, der zu sagen schien: -„In Gottes Namen, das macht es nicht aus!“ Nun -lenkte sie das Gespräch auf einen andern Gegenstand -und zog auch die Mutter in dasselbe, so daß sich nach -einiger Zeit alle drei wieder in gefaßter Stimmung befanden. -Arthur sagte beim Abschied zur Baronin: „Wir -wollen uns jetzt an das Nächste halten und einen vortheilhaften -Verkauf zu bewerkstelligen suchen. Ich hoffe -Ihnen bald gute Nachrichten geben zu können.“</p> - -<p>Die Verhandlungen zwischen dem jungen Waldfels -und Herrn von Pranger begannen. Jener, durch seinen -Oheim unterstützt, benahm sich dabei so klug, daß die -Begierde des Bankiers, die freiherrliche Besitzung in -seine Hände zu bekommen, immer mehr gestachelt wurde. -Es kam Arthur zu gute, daß die übrigen Gläubiger in -seine Redlichkeit volles Vertrauen setzten und in das -Geschäft keine Störung brachten. Nützlich wurde es -ihm, daß der Oberst auf seine Faust das Gerücht unter -die Leute gehen ließ, er sey im Stande einem Gewissen -einen schlimmen Streich zu spielen, indem er das Geld -zu seiner Bezahlung herbeischaffe. Endlich — und das -war die Hauptsache — hatte Arthur noch das Glück, -den jüdischen Unterhändler, Herrn Samuel Rosenheimer, -auf seine Seite zu bekommen.</p> - -<p>Wie wir unsern jungen Freund kennen gelernt, war -er von Herzen freundlich gegen jedermann. An Samuel -Rosenheimer ergötzte ihn das mit der Sicherheit eines -Künstlers durchgeführte Spiel, welches er durchschaute; -er verkehrte gern mit ihm und erwies ihm dabei mit -Vergnügen die Höflichkeiten, auf die ein so geschickter -Mann Anspruch machen konnte. Herr von Pranger dagegen -kehrte gegen seinen Unterhändler bald die unangenehme -Seite des Auftraggebers hervor. Er ward ärgerlich, -daß die Sache nicht von der Stelle rücken wollte; -einmal in übler Laune, setzte er sich hin und schrieb -einen Brief, in welchem er Herrn Rosenheimer kränkende -Vorwürfe machte und ihm erklärte, daß er sich in die -Nothwendigkeit versetzt sehen könnte, einen andern Unterhändler -zu wählen. Nun kann der Israelit in der Regel -gar vieles vertragen, wenn es seyn muß; gewisse Beleidigungen -verletzen ihn aber um so tiefer und eine stille -Wuth bleibt um so länger in seinem Gemüthe. Als -Samuel Rosenheimer diesen Brief gelesen hatte, verzog -er seinen Mund verächtlich und sagte für sich: „Der -Herr Baron von Waldfels, der Abkömmling einer so -alten und so angesehenen Familie, ist höflich gegen mich, -und dieser Mensch, dessen Großvater im Spittel gestorben -ist, belohnt meine Mühe mit Undank und Geringschätzung! -— Nu, wir wollen sehen!“</p> - -<p>Am andern Tag kam er zu Arthur und konnte oder -wollte eine gewisse Aufregung nicht verbergen. Er faßte -den jungen Mann bei der Hand und sagte: „Herr Baron, -erlauben Sie, daß ich heute ernsthaft mit Ihnen -rede. Ich mein’s gut mit Ihnen — glauben Sie mir! -Sie sind ein braver und liebenswürdiger Herr und unverdient -— das weiß der liebe Gott! — in eine -schlimme Lage gekommen. Der Herr Vater — Gott -hab’ ihn selig! — er war auch ein braver Herr; aber -er trieb’s ein bischen zu hoch, er war auch zu gut — -und wie’s so geht wenn man einmal anfängt Schulden -zu machen, ist’s oft nicht mehr möglich aufzuhören. Und -nun steht’s so — unter uns, Herr Baron, können wir -das schon sagen — daß Sie möglicherweise um Ihr -ganzes Vermögen kommen können. Das thut mir weh, -ich versichere Sie, weh thut’s mir! Ich weiß ja auch, -warum Sie jetzt wünschen müßten, das ganze große Vermögen -zu haben, das an Ihren Herrn Vater gekommen -ist. So wahr ich hier stehe, ’s freut mich allemal, -wenn ich Sie sehe mit Fräulein von Holdingen — -zwanzig Meilen in der Runde gibt es kein so liebes -und so schönes Paar! — Herr Baron — nichts für ungut! -— ich hab’ auch ein Herz!“</p> - -<p>Dem Juden waren bei diesen Worten die Augen -feucht geworden und Arthur wußte nicht, was er von -ihm halten sollte. Seine Gedanken errathend fuhr jener -fort: „Sie wünschen zu erfahren, was ich eigentlich will, -das will ich Ihnen sagen. — Ihnen, Herr Baron, -muß geholfen werden! — und ich, Samuel Rosenheimer, -der ich hier vor Ihnen stehe — ich will Ihnen -helfen!“ — Arthur sah ihn verwundert an. Es kam -ihm vor, als ob er dießmal kein Spiel vor sich sähe, -und er sagte freundlich: „Wie wollen Sie das machen, -lieber Herr Rosenheimer?“ — „Fragen Sie mich nicht,“ -erwiederte jener, „ich werd’s machen! — Wissen Sie -was? Ich kehre auf eine Stunde in’s Wirthshaus zurück. -Gehen Sie unterdeß zum Herrn Onkel, berathen -Sie sich mit ihm und schreiben Sie die Bedingungen, -unter denen Sie das Gut ablassen wollen, auf einen -Bogen Papier; weiter nichts. — Herr Baron, ich empfehle -mich Ihnen.“</p> - -<p>Nach einer Stunde kam der Jude wieder. Arthur -übergab ihm lächelnd das gewünschte Papier. Rosenheimer -las es und sagte bedenklich: „Sie fordern viel, -Herr Baron.“ — „Nicht mehr,“ erwiederte Arthur, -„als die Besitzung für einen Liebhaber werth ist. Ich -selbst würde sie um diesen Preis nicht abgeben, wenn -ich nicht dazu gezwungen wäre.“ — Der Jude versetzte: -„Nu, wir wollen sehen! — Für jetzt muß ich Sie -aber bitten, in dieser Sache nichts weiter zu thun und -mit niemand darüber zu reden. Vertrauen Sie dem -Samuel Rosenheimer und warten Sie, bis er wieder -kommt.“</p> - -<p>Zwei Tage nachher gelangte an Herrn von Pranger -durch einen Geschäftsfreund die Nachricht, der Fürst -von N. habe geäußert, er wolle das Gut Waldfels -kaufen. Einige Stunden nachher trat Rosenheimer mit -geheimnißvoller Miene in’s Comptoir. Der Bankier -nahm ihn sogleich mit in sein Zimmer und fragte ihn -hastig: „Ist’s wahr, daß der Fürst von N. die Absicht -hat, Waldfels an sich zu bringen?“ — „Haben Sie -auch schon davon gehört?“ versetzte der Jude ruhig. -„Ich kann Ihnen nur sagen, was mir mein Schwager -aus der Residenz des Fürsten geschrieben hat: daß dieser -Herr beabsichtigt, schon in den nächsten Tagen einen -seiner Beamten nach Waldfels zu schicken.“ — Dem -Bankier stieg das Blut in’s Gesicht und er rief unwillig -aus: „Das wäre ja schändlich, wenn mir ein Gut, auf -das ich schon Jahre lang spekulire, vor der Nase weggeschnappt -würde?“ — „Können Sie sich wundern,“ -versetzte Rosenheimer, „daß eine so schöne Besitzung noch -mehr Liebhaber findet? Uebrigens dürfen Sie sich gratuliren: -noch weiß der junge Herr nichts von dieser Absicht -des reichen Fürsten, noch steht Ihnen Waldfels zu -Gebot. Aber wie? Bezahlen müssen Sie’s! Der junge -Baron ist zäh, grausam zäh; er kennt den Werth seines -Gutes genau — nu, was red’ ich viel? Hier sind die -Bedingungen!“</p> - -<p>Er hatte unterdessen die Brieftasche gezogen und -übergab ihm das Papier. Der Bankier las rasch und -rief unmuthig aus: „Wie, das ist —“ — „Das Ultimatum -von dem Herrn Baron,“ fiel Rosenheimer ein. -— „Ist der junge Mann klug?“ versetzte Herr von Pranger; -„diese Summe!“ — „Die Summe ist schön,“ bemerkte -Rosenheimer, „aber Waldfels ist noch schöner.“ -— „Und die Bedingungen?“ fuhr der Bankier fort. -„Sechs Jahre das Gut nicht verkaufen, an den Gebäuden -keine wesentlichen Aenderungen vornehmen zu -dürfen! Was soll das?“ — „Herr von Pranger,“ erwiederte -Rosenheimer, „Sie wissen, solche Herren hängen -mit einer ganz sonderbaren Zärtlichkeit an dem -Stammsitz ihrer Familie. Es thut dem armen jungen -Mann weh, daß er Waldfels nicht behaupten kann. -Da es aber nicht möglich ist, so will er wenigstens dafür -sorgen, daß es noch einige Jahre so besteht, wie er -es gefunden hat. Eine Grille, wenn Sie wollen! Aber -was kümmert das Sie? Wenn Sie Waldfels einmal -haben, geben Sie’s doch nicht wieder her, und Veränderungen -an den Gebäulichkeiten wären nicht nöthig, -wenn ein Fürst — was sag’ ich? — wenn ein König -es beziehen wollte.“</p> - -<p>Der Bankier zuckte die Achseln und ging im Zimmer -auf und ab. Der Jude las in seinem Gesicht, -daß ihm der Gedanke, Waldfels an einen Andern kommen -zu lassen, unerträglich fiel; er näherte sich ihm -und sagte: „Herr von Pranger, Sie sind ein reicher -Mann, — keine Widerrede! — Sie sind ein reicher -Mann! Was macht es Ihnen, wenn Sie ein paar -tausend Gulden weniger haben? Wenn Sie’s nicht wissen, -spüren Sie’s nicht, aber dem jungen Mann thun -sie gut. Und wenn es wird bekannt werden, was Sie -gegeben haben, so wird man sagen: der Bankier von -Pranger ist ein großmüthiger Charakter; — er hat dem -jungen Mann in seiner Verlegenheit das Gut nicht abgedrückt -— er hat gehandelt als ein wahrer Edelmann -— er verdient den Edelmannssitz zu haben.“ — Das -hieß seinen Mann bei der schwächsten Seite fassen. -Herr von Pranger wurde um vieles freundlicher und -vermochte seinen Worten kaum den Schein eines Vorwurfs -zu geben, als er sagte: „Was sind Sie für ein -Unterhändler! Sie nehmen die Partie des Barons!“ — -„Ich nehme nicht die Partie des Barons,“ entgegnete -Rosenheimer. „Ich habe gethan, was ich konnte. Kann -ich dafür, daß der junge Baron so hartnäckig, und daß -der Fürst auf den Einfall gekommen ist, das Gut zu -kaufen?“ Die letzten Worte gaben dem Bankier wieder -einen Stich in’s Herz. „Nun, wollen Sie?“ fragte -Rosenheimer und sah ihn scharf an. Der Andere schwieg, -aber der Jude sah, woran er war. „Herr von Pranger,“ -sagte er, seinen Hut ergreifend, „ich habe meine -Schuldigkeit gethan und will Sie nicht weiter belästigen. -Aber um eins bitt’ ich Sie: wenn das Gut in -drei oder vier Tagen gekauft ist, machen Sie mir keine -Vorwürfe.“</p> - -<p>Er ging gegen die Thüre. „Warten Sie,“ rief -Herr von Pranger. — „Haben Sie sich entschlossen?“ -entgegnete der Jude. — „Ja,“ versetzte der Bankier mit -heroischer Anstrengung, „in’s Teufels Namen! Melden -Sie dem jungen Mann, daß ich morgen nach * * kommen -werde, um den Kauf mit ihm abzuschließen.“ — -„Wollen Sie mir nicht eine schriftliche Einladung an -den Baron mitgeben? Es macht einen besseren Effekt.“ -Herr von Pranger schrieb ein Billet, siegelte und gab -es Rosenheimer, indem er sagte: „So eilen Sie!“ — -„Ich werde eilen,“ sagte der Jude und empfahl sich.</p> - -<p>Als er das Haus verlassen hatte, zuckte er die Achseln -und sagte mit der Miene tiefer Geringschätzung: -„Wie dieser Mensch zu seinem Reichthum gekommen ist, -möcht’ ich wissen! Ist das ein Geschäftsmann? Gott soll -helfen!“ — Samuel Rosenheimer bedachte in diesem -Augenblick nicht, daß eine übermäßige Begierde nach -einem zu erlangenden Gegenstand auch verständige Männer -zuweilen toll und blind machen kann.</p> - -<p>Den andern Tag feierte man zu Waldfels ein bescheidenes -Fest. Es war der 31. März, der Tag, an -welchem Arthur vor einundzwanzig Jahren das Licht der -Welt erblickt hatte und der ihn heute mündig machte. -Er, der Oberst, Frau von Holdingen und Anna hatten -gemeinschaftlich gespeist und saßen eben beim Kaffee, -als der alte Diener hereintrat und zu Arthur sagte: -„Herr Samuel Rosenheimer bittet um einige Augenblicke, -er habe Ihnen etwas Interessantes und Angenehmes -zu melden.“ — „Ah,“ rief Arthur, „er soll -hier hereinkommen.“ — Herr Rosenheimer trat ein, begrüßte -die Gesellschaft und stellte sich mit glänzenden -Augen vor Arthur. „Herr Baron,“ sagte er, das Billet -des Bankiers emporhaltend, „was hab’ ich hier? was -meinen Sie?“ — Arthur erwiederte lächelnd: „Wie -kann ich das wissen?“ — „Haben Sie die Güte zu -lesen,“ sagte Rosenheimer, übergab ihm das Schreiben -und erklärte den andern: „Es ist eine Einladung vom -Bankier Pranger nach * *, wo morgen auf die von dem -Herrn Baron gestellten Bedingungen hin das Geschäft -wegen Waldfels vor sich gehen soll.“ — „Ist es wahr?“ -fragte der Oberst den Neffen, der das Billet gelesen -hatte. Arthur übergab es ihm, der Oberst las und -rief in der ersten Ueberraschung: „Was doch so ein“ -— er wollte sagen: „verdammter Jude nicht alles durchsetzen -kann!“ Aber er besann sich, nahm einen Armstuhl, -rückte ihn zurecht und sagte freundlich: „Herr -Rosenheimer, setzen Sie sich!“ Dieser hatte indeß noch -keine Ohren für ihn und dankte nur leichthin. Er -sah den jungen Waldfels an und sagte: „Nun, Herr -Baron, verdien’ ich Lob? Hab’ ich mein Wort gehalten? -Wie?“ Arthur reichte ihm die Hand und erwiederte mit -Herzlichkeit: „Ich bin Ihnen sehr verpflichtet, Sie haben -sich um mich und uns alle verdient gemacht. Nehmen -Sie meinen besten Dank und rechnen Sie auf meine -ganze Erkenntlichkeit.“ — „O ich bitte!“ rief Rosenheimer -und setzte sich. — Nachdem Arthur den Damen -die Kaufbedingungen mitgetheilt, welche der Jude dem -Bankier annehmlich zu machen gewußt hatte, bemerkte -Frau von Holdingen mit graziöser Kopfbewegung: „Dieser -Erfolg macht Ihnen in der That alle Ehre, Herr Rosenheimer. -Trinken Sie mit uns eine Tasse Kaffee?“ — -Das Gesicht des Unterhändlers zerschmolz in das süßeste -Lächeln. „Gnädige Frau Baronin,“ rief er, „diese Ehre! -Sie beschämen mich wahrhaftig!“ Unterdessen hatte die -Dame eine Tasse eingeschenkt und präsentirte sie ihm; -Herr Rosenheimer nahm sie mit Würde und trank.</p> - -<p>Das menschliche Herz ist seltsamer Regungen fähig. -Obwohl der Gedanke, das alte Familiengut einem Andern -überlassen zu müssen, für Arthur und die Seinen -schmerzlich war, so freuten sich jetzt doch alle sehr, es -so vortheilhaft angebracht zu sehen. Arthur erblickte in -diesem Ausgang der Unterhandlungen ein günstiges Vorzeichen, -einen Anfang des Glücks, das sich jetzt auch -wieder einfinden müsse. Als er dieß gegen Anna bemerkte, -sah ihm das schöne Mädchen mit dem liebevollsten -Vertrauen in’s Gesicht. Rosenheimer weidete -sich an dem Anblick des Paares und seine Augen füllten -sich mit Wasser bei dem Gedanken, daß er es sey, der -dieses schöne Vergnügen gestiftet.</p> - -<p>Während die andern einen Spaziergang in den -Park machten, fragte Arthur den Juden, wie er zu -dem glücklichen Resultat gekommen sey. Rosenheimer -hatte den Takt, die kleine Kriegslist, die angebliche Absicht -des Fürsten von N. betreffend, zu verschweigen -und nur im Allgemeinen zu bekennen, daß er Herrn -von Pranger bei zwei schwachen Seiten, bei der Furcht, -das Gut durch einen Andern gekauft zu sehen, und bei -der <em class="gesperrt">Ehre</em> angefaßt habe. Nachdem er dem jungen -Waldfels nochmal eingeschärft, zur bestimmten Stunde -sich an dem bezeichneten Ort einzufinden, empfahl er -sich. — Auf dem Heimwege empfand dieser Mann eine -so vollkommene Genugthuung, wie nie vorher. Er -hatte sich gerächt; er hatte Gutes gethan und Lob und -Ehre dafür empfangen; er hatte die Aussicht, den Lohn, -den ihm Herr von Pranger für seine Mühe entrichten -mußte, durch einen sicherlich glänzenden Beweis der Erkenntlichkeit -des Herrn Barons gemehrt zu sehen. Bei -dieser Erwägung sagte er zu sich selber: „Der junge -Herr hat Ursache, mich gut zu bezahlen. Er ist zum -Glück gekommen, er weiß nicht wie. Lieber Gott, wenn -so ein Mann auch Verstand hat, was hilft das? Man -muß die Mittel und Wege kennen — ein Geschäft ist -ein Geschäft! — Aber ’s freut mich von ganzer Seele, -daß ich diesen braven Leuten geholfen habe. Um viel -Geld ließ’ ich mir das nicht abkaufen!“</p> - -<p>Der Abschluß des Geschäfts ging den andern Tag -rasch vor sich. Herr von Pranger machte keine Schwierigkeiten; -er dachte jetzt nicht mehr an die Summe, die -er zahlen mußte, sondern nur an das Glück, Eigenthümer -des Edelmannsgutes in der Nähe seiner Vaterstadt -zu werden, und trieb selber zur Erledigung. Als -Arthur und der Oberst ihm gratulirten, fühlte er sich -so groß, daß er den Wunsch des erstern, er möchte -einige seiner Diener behalten, ohne weiteres zu erfüllen -gelobte. Nach einem kleinen Gelag fuhren beide Theile -vergnügt nach Hause.</p> - -<p>Als Rosenheimer einige Tage später zum Bankier -kam, sagte er: „Wissen Sie was Neues, Herr von -Pranger? Der Fürst von N. ärgert sich schwer, daß Sie -ihm das schöne Gut weggekauft haben. Er schämt sich, -und denken Sie, jetzt soll niemand sagen, daß er die -Absicht gehabt hat, es zu acquiriren!“ — „Mag er sich -ärgern,“ versetzte Herr von Pranger; „ich hab’ es jetzt -und werd’s behalten.“</p> - -<p>Die Geldsummen, die nach und nach flüssig wurden, -setzten Arthur in den Stand, alle Forderungen an ihn -ohne Ausnahme zu tilgen, Herrn Rosenheimer, nach -dessen eigenem Ausdruck „wahrhaft edelmännisch“ zu bedenken -und noch etliche Tausend Gulden in der Hand -zu behalten. Die unversicherten Gläubiger priesen ihn -laut und meinten, eine so rechtschaffene Handlungsweise -könne nicht ohne Lohn bleiben; aber auch Herr von -Pranger, wie Rosenheimer vorausgesagt, wurde allgemein -gerühmt, daß er die mißlichen Umstände des jungen -Waldfels nicht mißbraucht, sondern die Besitzung -als reicher Mann großherzig bezahlt habe.</p> - -<p>Die letzte Zeit im Hause seiner Väter war für Arthur, -trotz des glücklichen Verkaufs, eine trübe und -melancholische. Der Oberst, den keine Pflicht mehr in -Waldfels hielt und der den Einzug des Herrn von Pranger -nicht mit ansehen mochte, war in seinen Wohnort, zu -seiner gewöhnlichen Lebensweise zurückgekehrt. Einige -Tage vor seiner Abreise, wo der Gedanke des guten -Verkaufs nicht mehr den Reiz der Neuheit besaß, hatte -er wieder angefangen, den Neffen mit der Bemerkung -zu quälen, daß er doch am Ende besser gethan hätte, -seinem ersten Rath zu folgen und das Gut für sich zu -erhalten. Er hatte ihm das Prekäre seiner Lage vorgestellt, -ihn ermahnt, jetzt nur rasch und mit allen -Kräften nach einem sichern Unterkommen zu trachten, -und was dergleichen lästige Bemerkungen mehr waren, -so daß Arthur eine wahre Erleichterung fühlte, als er -sich verabschiedete. In der nun folgenden Einsamkeit -wurde der junge Mann aber für die Wehmuth des -Scheidens und Meidens um so empfänglicher, als der -launische April sich eben in einer lenzlich milden Heiterkeit -gefiel, die in zarten Gemüthern eine stille Trauer -so sehr begünstigt. Arthur machte die letzten Besuche -im Dorfe und kehrte weich gestimmt zurück. Er wandelte -allein in all den geliebten Räumen der Besitzung -umher und konnte nicht verhindern, daß heiße Thränen -seine Wangen herabliefen. Am Ende fand er Trost in -dem Gedanken, daß er sein Stammgut wenigstens für die -nächsten sechs Jahre vor Zertrümmerung gesichert habe. -Was dachte er sich wohl dabei? Schmeichelte er sich -mit der Hoffnung, die Besitzung jemals wieder zu erwerben? -Konnte er es irgend für möglich halten, daß -der neue Eigenthümer sie wieder abgeben, daß er selber -in den Stand kommen werde, sie zu bezahlen? — -Sollen wir die Wahrheit sagen, so folgte er einer -instinktmäßigen Regung, über deren Vernünftigkeit er sich -keine Rechenschaft gab. Genug, daß dieser Gedanke -ihm wirklich wohl that und den Schmerz der Trennung -linderte.</p> - -<p>An demselben Tag, wo Herr von Pranger mit seinen -beiden Söhnen sich zu einem glanzvollen Einzug -in Waldfels rüstete, siedelte Arthur mit den wenigen -Effekten, die er für sich behielt, nach dem Städtchen -über. Im alten gothischen Hause eines wohlhabenden -und ihm befreundeten Mannes, der in fremden Landen -Geld erworben hatte, um es in seinem Geburtsort zu -verzehren, standen zwei Zimmer für ihn bereit. Er hing -im größern seine Familienbilder auf und brachte Kisten -und Koffer unter, das kleinere richtete er sich zur Wohnung -ein. Als er in dem fertigen Nest allein da saß, -hatte er ein angenehmes Gefühl. Der Abschied von -Waldfels, von seinen Dienern und den Dorfbewohnern, -die ihm mit nassen Augen ein herzliches Lebewohl nachriefen, -hatte ihn gerührt und erschüttert. Wie wohl -ihm die Liebe that, die man ihm bewies, so war er -doch froh, die Aufregung überstanden zu haben und sich -ungestört den Gedanken widmen zu können, die seine -Seele erfüllten.</p> - -<p>Sein Leben war sehr einfach. Den größten Theil -des Tages verwendete er auf Studien, die Abende -brachte er fast ohne Ausnahme bei Frau von Holdingen -zu. In der Regel guten Muthes und unterhaltend, -saß er hier zuweilen doch auch in tiefen Gedanken und -die Schatten der Sorge flogen über seine jugendlichen -Züge. Dann setzte sich Anna zum Clavier und spielte -eines von ihren Lieblingsstücken, die auch die seinigen -waren. Die Regungen des Zweifels und der Bangigkeit -gingen unter im süßen Gefühl, das die edeln Töne -in ihm hervorriefen, in einem wunderbaren innern -Leben, wo die Empfindungen der Ergebung und der -Hoffnung sich durchdrangen, wo düstere Bilder an der -Seele vorüberzogen, ohne zu erschrecken, glänzende, ohne -zu erheitern, und beide nur sanfte Schauer im Herzen -erweckten. Wenn Anna die Saiten ausklingen ließ und -zu dem Geliebten trat, dann entspann sich wohl ein -Gespräch, welches Arthur Gelegenheit gab, Beispiele zu -erzählen, wie muthige Herzen kühne Dinge gewagt -unter dem Spott der Welt, aber endlich durchgeführt -zur Beschämung der Welt. Und die jungen Seelen -fühlten sich mit einander gestärkt und erhoben.</p> - -<p>Der Baronin fiel es auf, daß Arthur sich niemals -über einen Lebensplan aussprach. Sie versuchte es ein -paarmal, ihn durch Anspielungen zum Reden zu bringen, -aber er lenkte das Gespräch auf einen andern -Gegenstand. In ihrer Besorgniß nahm sie sich vor, -ihn geradezu um eine Erklärung anzugehen, warum er -nicht auf die Universität zurückkehre und was er denn -überhaupt vorzunehmen gedenke. Da sie aber sah, daß -er nicht gerne sprach, so wurde sie bedenklich und verschob -die Ausführung ihres Entschlusses von einem Tag -zum andern.</p> - -<p>Eines Tages wurde Arthur ein Brief übergeben, -auf den er mit Verlangen gewartet haben mußte, denn -er wechselte die Farbe, als er das Postzeichen erblickte, -schloß sich in sein Zimmer ein und wurde den ganzen -Abend nicht wieder sichtbar. Den folgenden Morgen -brachte er mit Schreiben zu, hatte dann eine längere -Unterredung mit seinem Wirth, machte mehrere Gänge -und packte Abends einen Koffer.</p> - -<p>Am zweiten Morgen, in den Strahlen der Maiensonne, -wanderte er nach dem Landhaus. Er traf Anna -allein im Zimmer und gab ihr die Hand. Sie sah ihn -an und sagte: „Wie siehst du heute aus? So feierlich!“ -— Arthur erwiederte: „Ich komme auch in einer feierlichen -Absicht: ich muß dir eine Prüfung zumuthen.“ -— Anna lächelte und sagte: „Eine Prüfung?“ Der -Jüngling aber blieb ernst und setzte hinzu: „Ich muß -dich verlassen.“ Das Lächeln verlor sich aus dem Gesicht -des Mädchens; sie erwiederte mit Ergebung: „Darauf -bin ich gefaßt.“ — Arthur schüttelte den Kopf und -sagte: „Ich verlasse dich nicht, wie du meinst, ich muß -weit hinweg, ich muß außer Landes gehen — und ich -kann nicht sagen, wann ich wiederkehre.“ — Anna sah -ihn bestürzt an, der nun entschlossen fortfuhr: „Und -das ist noch nicht das Schlimmste. Ich kann dir auch -nicht sagen, wohin ich gehe, und eben so wenig, was -ich unternehmen werde.“ — Das gute Kind wußte nicht -was sie denken sollte; sie richtete einen traurigen und -vorwurfsvollen Blick auf ihn. Arthur umfaßte sie zärtlich -und sagte: „Glaubst du, ich würde vor dir ein Geheimniß -haben, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß es -so besser sey für dich wie für mich? Es gibt Dinge -in der Welt, die man zuerst thun muß, ehe man davon -reden kann, Vorsätze, die den Gleichgültigen lächerlich -erscheinen und theilnehmenden Herzen Sorge einflößen, -die aber glücklich durchgeführt den Beifall Aller -haben. In meinem Innern lebt ein Trieb, der mich -unwiderstehlich zu einem Unternehmen hindrängt, aber -zugleich ein siegesmuthiger Glaube, daß ich hier finden -werde, was ich suche. Es ist mir, als ob ich nur ausgehen -dürfte, um zu nehmen, was für mich bereit liegt. -Willst du diesen Glauben mit mir theilen, ohne zu -sehen? Willst du mir gestatten, das Geheimniß, das du -mitzubesitzen ein Recht hättest, für mich allein zu behalten?“ -— Anna konnte diesen aus tiefstem Herzen -kommenden Worten nicht widerstehen; sie erhob sich mit -einem Aufschwung des Geistes auf die Höhe des Geliebten -und erwiederte mit inniger Zuversicht: „Ja, -Arthur!“ — „Wirst du mir“, fragte dieser weiter, -„vollkommen vertrauen?“ — „Vollkommen,“ erwiederte -das Mädchen. — „Und wenn Monate vergehen, ehe ein -Brief von mir an dich gelangt, Jahre vergehen, bevor -ich wiederkehre, wirst du nie an mir irre werden, nie -in deinem Glauben wanken?“ — „Niemals,“ versetzte -sie. — „Ich hab’ es ja gewußt,“ rief Arthur freudig, -„daß du mir vertrauen würdest, wie ich dir vertraue! -— O,“ fuhr er fort, „der Glaube ist etwas so Schönes! -Ich begreife jetzt, warum diejenigen, die fähig sind zu -glauben, zum Dulden und Harren berufen werden. -Glaube mir nur unbedingt. Wir werden uns wiedersehen! -Wir werden uns glücklich wiedersehen!“</p> - -<p>In diesem Moment trat Frau von Holdingen herein. -Arthur hatte den Muth, ihr sogleich seinen Entschluß und -seine Forderung mitzutheilen. Die Wangen der guten -Frau rötheten sich und unwillig rief sie aus: „Wie, das -können Sie von mir verlangen? Sie wollen in die weite -Welt gehen, Sie wollen sich Jahre lang entfernt halten, -und ich, die Mutter Ihrer Verlobten, soll nicht -erfahren, was Sie thun und treiben?“ — „Verehrte -Frau,“ entgegnete Arthur mit Ernst, „ich muthe Ihnen -nichts zu, als was eine edle Seele gewähren kann. Hier -zu Land müßte ich mit geringer Neigung einen Weg -einschlagen, der mich nach mehrjähriger Anstrengung -und im glücklichen Falle doch nur zu einem sehr bescheidenen -Loose führen würde. In der Ferne dagegen -winkt mir ein Glück, nach dem ich mit Freuden ausziehe -und das ein fröhliches Streben auch viel reicher -lohnen wird. Mein Entschluß ist das Ergebniß der gewissenhaftesten -Prüfung. Aber an die Ausführung kann -ich nur dann mit Muth und Freude gehen, wenn Sie -mir ein besonderes Geständniß erlassen, wie es mir Anna -erlassen hat.“ — „Das ist ja unerhört!“ rief die Baronin. -„Nein, lieber Freund,“ setzte sie hinzu, „ich -kann, ich darf es nicht dulden!“ — Nun trat Anna zu -ihr, nahm sie beim Arm und sagte: „Schau ihm doch -nur in’s Gesicht, Mutter! Sieht so ein Mann aus, -dem man nicht vertrauen kann? Wenn er uns nicht -sagt, was er beginnen will, so ist das Geheimniß nothwendig, -und wir sollten ihn vielmehr bitten, zu schweigen.“ -— Die Baronin schüttelte das Haupt und rief: -„O Kind, Kind!“ — Anna fuhr fort, indem ein ernstes -Lächeln ihren Mund umspielte: „Als ich ein Kind war, -da erzähltest du mir Geschichten aus einer Zeit, die du -vor allen liebst, aus einer Zeit, wo man sich Treue -gelobte und hielt, wo der Liebende auszog auf Abenteuer -oder zu heiligen Kämpfen und die Geliebte ihn -vertrauensvoll ziehen ließ. Du hast mir damals die -Tugenden dieser Zeit zur Nachahmung empfohlen und -solltest mir jetzt nicht den Beweis gestatten wollen, daß -ich etwas von dir gelernt habe?“ — Das Gesicht der -Baronin hellte sich bei dieser Rede ein wenig auf. Sie -wendete sich gegen Arthur und rief: „Sollten Sie vielleicht -—“ — „Ich bitte Sie, liebe Mutter“ fiel Arthur -ein, indem er sie bei der Hand nahm, „fragen -Sie mich nicht!“ — Die Baronin, durch einen eigenthümlichen -Gedanken getröstet, war schon überwunden. -„Ihr macht mich selber thöricht,“ rief sie. „Wahrlich, -wir leben in einer neuen und seltsamen Zeit, wo die -Kinder die Eltern regieren!“ Nach einem Moment des -Schweigens fand sie das ganze Ansehen der Mutter und -sagte mit Ernst und Würde: „Ein Trost ist es mir, -daß Sie, lieber Sohn, ein Mann von Kopf und Verstand -und ein Mann von Ehre sind. Ihrem Verstand -und Ihrer Ehre will ich vertrauen. Unternehmen Sie, -was Ihr Herz Sie heißt, und möge Gott seinen Segen -dazu geben!“ — „Amen,“ riefen die beiden Kinder und -hingen an der Mutter in liebender Umarmung.</p> - -<p>Das Leben sorgt bei gewissen Ereignissen in der Regel -für ein Gegenbild, und für Arthur war es kein Verlust, -daß er das zu der eben geschilderten Scene nicht zu Gesichte -bekam. Arthur hielt es nämlich für seine Pflicht, -auch dem Oheim sein Vorhaben zu melden, natürlich in -der von ihm beschlossenen Allgemeinheit. Als der Oberst -den Brief gelesen, sagte er zu sich selber: „Da haben -wir’s! Der Mensch ist verrückt und wird ein Abenteurer! -Wenn sein Projekt etwas taugte, hätte er Ursache, -es mir zu verschweigen? Es taugt also nichts! -Er nimmt das Bischen, was ihm bleibt, in die Tasche -und geht auf und davon. So machen’s die Leute, die -tugendhafter seyn wollen, als andere!“ — Nachdem -er hierauf mit Selbstgefühl seine Tabakspfeife ausgeklopft, -setzte er hinzu: „Wär’ es nicht meine Pflicht, -die Post zu nehmen und ihm den Kopf zurechtzusetzen?“ -Er sah in den Brief und sagte: „Es ist zu spät! — -Nun, mag er gehen! Ich sehe nicht ein, warum ich -mich wegen eines Menschen kümmern soll, der meinen -Rath verschmäht und es für nobel hält, sich zu ruiniren!“</p> - -<p>Es war am letzten des schönen Monats, als Arthur -mit den Seinigen und einem alten Diener im Posthofe -stand. Dieser hatte seine Stelle bei Herrn von Pranger -aufgegeben, weil ihm einer der Söhne in einer Weise -begegnet war, die er sich, wie er sagte, auch von einem -geborenen Baron nicht hätte gefallen lassen. Da er sich -ein kleines Vermögen erspart hatte, so fragte er Arthur, -ob er ihm nicht unentgeltlich dienen könne, und als -dieser es für unmöglich erklärte, machte er seinen Antrag -Frau von Holdingen. Auf Arthurs Bitte, dem -es tröstlich war, eine vertraute Seele bei den Seinen -zu wissen, hatte ihn die Baronin in ihr Haus aufgenommen. -Der gute Alte erzählte jetzt, daß im Schlosse -große Vorbereitungen zu einem Feste getroffen würden, -das alles überbieten solle, was früher dort gesehen -worden sey. Aber,“ setzte der treue Diener hinzu, „sie -mögen Geld aufwenden so viel sie wollen, so schön -wird’s doch nicht werden, wie unser Fest am vorjährigen -Pfingstmontag. Wer hätte damals gedacht, daß dieses -Schloß und dieser Park in andere Hände kommen und -der junge Herr außer Landes gehen würden!“ — Arthur -klopfte ihm auf die Schulter und sagte: „Halte -dich nur gut, alter Freund, und wir feiern vielleicht -noch schönere Feste mit einander, wenn auch nicht in -Waldfels.“ — „Gott geb’ es!“ erwiederte der Alte, -halb gläubig und halb resignirt.</p> - -<p>Ueber die Lippen der Frau von Holdingen war kein -Wort gegangen, als hie und da eine Ermahnung, die -sich auf die Pflege der Gesundheit und auf die Bequemlichkeit -des Abreisenden bezog. Anna war still; an der -Bewegung ihrer jugendlichen Brust konnte man sehen, -daß sie zu ergriffen war, um reden zu können. Die -Postpferde waren endlich an den Wagen gespannt. Arthur -trat zu Mutter und Tochter, um den letzten Abschied -zu nehmen. Als er die Geliebte sah in der holdesten -Vollendung der Jungfrau, so schön in Liebe und -Leid, so unendlich Werth, Glück zu genießen, so unendlich -fähig, Glück zu bereiten — da verließ ihn die -bis dahin behauptete Kraft. Sich trennen zu müssen -auf Jahre, vielleicht auf immer, von der Wonne seines -Lebens! Zwischen sich und das höchste Ziel seiner Wünsche -die Zeit und das Schicksal treten zu lassen! Der Gegenwart -zu entsagen für eine ungewisse Zukunft, der liebsten -Wirklichkeit für ein Mährchen vielleicht! — Gegen -diese Gedanken hielt auch der Glaube und das Vertrauen, -die ihn bis dahin erfüllten, nicht mehr Stand; -ein unendliches Weh ergriff sein Herz. Er preßte die -Verlobte an seine Brust; die Thränen der Unglücklichen -vermischten sich und flossen vereint zu Boden. Mit Gewalt -riß er sich endlich los und stieg in den Wagen, -der nach Norden rollte. Die Zurückgebliebenen sahen -ihm weinend nach und das liebende Mädchen wollte in -Leid und Wehmuth vergehen, als sie die Töne des -Posthorns erschallen und schwächer und schwächer werden -hörte.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>V.</h3> -</div> - -<p>Nach der Abreise des Verlobten trat in dem Landhause -eine Zeit stillen Lebens ein, wie es entsagende -Gemüther zu führen pflegen. Mutter und Tochter -füllten die Stunden mit ihren gewohnten Beschäftigungen -aus; sie begnügten sich aber, nur das Nöthigste -mit einander zu reden, und überließen sich meist ihren -Gedanken. Es war eine Zeit, wo man das Ticken der -Stubenuhr am Tage öfter hörte als sonst, aber für -die Liebende zugleich eine Zeit wundersamer Empfindungen. -Eine solche Existenz hat ihre eigenen Reize. -Ergebung und Hoffnung können das Leid der Entbehrung -versüßen und den Geist oft zu unerwartet lichten -Anschauungen führen. Die Werke der Kunst, die Schönheit -der Natur wirken eindringlicher auf das weiche -Gemüth und erheben es über bedrückende Gefühle, die -tröstenden Einflüsse der Religion finden ein bereiteres -Herz.</p> - -<p>Hie und da wurde der sanfte Fluß dieses Lebens -freilich durch einen Mißton unterbrochen und getrübt, -indem die Mutter sich nicht enthalten konnte, in eine -sorgliche Stimmung zurückzufallen und über den Abwesenden -Bemerkungen hören zu lassen, in denen sie -das schon Zugestandene zum Theil wieder zurücknahm. -Anna schwieg dazu; sie wußte, daß dergleichen Anwandlungen -am schnellsten vergehen, wenn sie keinen -Widerspruch erfahren. Fühlte sie sich betrübt, so suchte -sie die Gesellschaft des alten Dieners auf, der an Arthur -mit rührender Zärtlichkeit hing und ihn im Gespräch -mit ihr um so mehr erhob, als er sah, wie sehr -es die junge Herrin beglückte.</p> - -<p>Die Zeit bewährte zuletzt auch hier ihre beruhigende -Macht und erleichterte die Gefühle Aller. Die Sorge -um jemand setzt ohnehin eine Kenntniß von seiner Lage -voraus. Wir sorgen nur um Personen in unserer Nähe -und um entfernte nur in so weit, als wir sie geistig -bei ihren Unternehmungen begleiten können. Die -Abwesenden, bei denen dieß nicht der Fall ist, übergeben -wir der Obhut Gottes und vertrauen schon darum, weil -uns nichts anderes übrig bleibt. Vielleicht war dieß -einer der Gründe, warum Arthur über sein Vorhaben -nichts Bestimmtes aussagen wollte.</p> - -<p>Der Umgang der Baronin bestand jetzt nur aus -wenig Personen. Hauptsächlich verkehrte sie mit dem -Rentier, der die Familienbilder und sonstige werthvolle -Mobilien Arthurs bewahrte und sich in allen Stücken -als sein väterlicher Freund bewiesen hatte. Umgeben -von den Vorfahren desselben, gedachte man des Abwesenden -und die Baronin erging sich gelegentlich in Vermuthungen. -Arthur hatte auch seinem Wirthe nichts -Näheres über sein Vorhaben mitgetheilt, aber dieser -war durch einen zufällig entschlüpften Ausdruck auf eine -Spur gekommen, die er für die richtige hielt. Eben -darum ließ er vor den Damen nichts davon merken -und verschwieg auch was er wußte: daß Arthur für -den Fall seines Todes über die Hälfte seines Vermögens, -die bei ihm angelegt war, zu Gunsten Annas -verfügt hatte.</p> - -<p>Von Zeit zu Zeit sah die Baronin den Pfarrer -von Waldfels, einen milden und verständigen Seelenhirten, -der ebenfalls mit Liebe an dem freiherrlichen -Hause, besonders an Arthur hing. Ihr Verkehr mit -der Familie Pranger beschränkte sich auf höfliches -Grüßen, wenn sie sich zufällig an einem dritten Ort -sahen. Die Baronin hörte nur von andern, wie es -im Schlosse immer hoch hergehe, wie Herr von Pranger -sich Weihrauch streuen lasse, die jungen Herrn übermüthige -Streiche machten, und nur die Mutter eine -gutmüthige Frau sey, der man nichts vorwerfen könne, -als eine allzugroße Verliebtheit in ihre Kinder.</p> - -<p>Es war mitten im Sommer. Die Baronin und -Anna saßen im Zimmer beisammen und hatten eben -von der Einsamkeit gesprochen, in der sie gelassen würden, -als zu ihrer großen Ueberraschung Frau von -Pranger mit ihrer Tochter bei ihnen vorgefahren kam. -Sie erkundigte sich mit Wärme nach dem Befinden der -Damen, verweilte über eine Stunde und bat sie zuletzt -mit aller Herzlichkeit um einen Besuch in Waldfels. -Die Baronin sagte höflich zu und rieth nach ihrer -Entfernung hin und her, was wohl der Zweck dieses -plötzlichen Entgegenkommens seyn möchte. Auch während -des Gegenbesuchs im Schlosse, wo man sie mit Freundschaft -überhäufte, sah sie nicht klarer, wohl aber hatte -Anna, mit welcher August, der ältere Sohn des Hauses, -sich unterhielt, eine Vermuthung, die der Wahrheit -nahe kam.</p> - -<p>Um das Folgende begreiflicher zu machen, müssen -wir erwähnen, daß in der letzten Zeit das Gerücht aufgetaucht -war, die Verlobung zwischen dem jungen -Waldfels und Anna von Holdingen sey wieder rückgängig -geworden, indem beide Theile eingesehen hätten, daß -sie gegenseitig ihrem Glück im Wege ständen; der Abschied, -den sie im Posthofe von einander genommen, -sey der letzte überhaupt gewesen. Diese Fabel war auch -nach Waldfels gedrungen und dort wahrscheinlich gefunden -worden. August von Pranger, auf den Anna -schon beim ersten Anblick einen ungewöhnlichen Eindruck -gemacht hatte, sah sie nun mit andern Augen an, -als er sonst wohl gethan hätte, und die Folge war, -daß er bei der nächsten zufälligen Begegnung sein Herz -gänzlich an sie verlor. Ein Bekannter, dem er das -erwähnte Gerücht mittheilte, bestritt die Wahrheit -desselben mit gewichtigen Gründen, aber das konnte -ihn jetzt auf seinem Weg nicht mehr aufhalten. Im -Gefühl seiner selbst faßte er den Beschluß, den Kampf, -wenn davon noch die Rede seyn könne, mit dem Abwesenden -zu wagen und sich um die Gunst des schönen -Fräuleins zu bewerben. Er öffnete sein Herz vor allem -der Mutter, deren Liebling er war, und machte von -seiner Flamme und der Pein, die er leide, eine so ergreifende -Schilderung, daß die gute Dame bald den -Versuch aufgab, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. -Sie bedachte, daß eine Verbindung mit der alten Familie -Holdingen für sie ehrenvoll und dem Fräulein -ein gesichertes Loos mit ihrem Sohn zu wünschen sey. -Nachdem sie ihre Hülfe zugesagt, rückte man hinter den -Vater und brachte ihn endlich zu der Erklärung, daß -sie in dieser Sache freie Hand haben sollten. Mutter -und Sohn beriethen sich, und der unerwartete Besuch -bei Frau von Holdingen war die Eröffnung des Feldzugs.</p> - -<p>Anna sagte ihrer Mutter natürlich nichts von ihrer -Muthmaßung, die ja auch eine trügerische seyn konnte, -und so knüpfte sich zwischen den beiden Familien eine -Beziehung, die verschiedene wechselseitige Besuche zur -Folge hatte. Bei diesen warf aber August von Pranger -seiner Ausersehenen zuletzt so glühend zärtliche Blicke -zu, daß ein Zweifel über seine Gefühle nicht mehr möglich -war. Anna mußte fürchten, daß es von Blicken -zu Worten kommen würde, und sie faßte den Entschluß, -seine Krankheit vor dem eigentlichen Ausbruch durch -abkühlende Mittel zu heilen. Als er das nächstemal -sich zu entschieden huldigenden Reden verstieg, behandelte -sie dieß als eine galante Sprechübung, rühmte -ihn wegen seiner Einfälle, rieth ihm aber, im Ausdruck -nicht zu weit zu gehen, da die Uebertreibung der Zierlichkeit -schaden müßte. Erneuten Versicherungen setzte sie -erneuten Spott entgegen. Ein Unbefangener hätte dabei -in ihren Zügen nicht nur die vollkommenste Gleichgültigkeit, -sondern zugleich eine Andeutung von Geringschätzung -erblicken müssen; aber Verliebte sind dafür bekannt, -daß sie alles, was überhaupt noch einer Auslegung -fähig ist, zur ihren Gunsten auslegen. Der junge Herr -sah in der scherzenden Abweisung nichts als eine Art -von Koketterie, die ihn locken wolle, und er beschloß, -dem vorausgesetzten Wunsche zu entsprechen.</p> - -<p>Eines Tages begab er sich ohne Begleitung nach -dem Landhause. Er wußte es zu machen, daß er mit -Anna allein im Garten war, und ergoß sein Herz in -einer leidenschaftlichen Erklärung, die mit der Bitte -um ihre Liebe und ihre Hand schloß. Anna, die von -ihren Mitteln doch eine andere Wirkung erwartet hatte, -war hochbetroffen. Der Ausdruck ihres errötheten Gesichts -verrieth, daß sich nicht nur die Liebende, sondern -auch der Sprößling einer alten Familie beleidigt fühlte, -und mit dem Stolz beider erwiederte sie: „Herr von -Pranger, Sie wissen, daß ich mit meinem Vetter, dem -Herrn von Waldfels, verlobt bin. Sie haben selbst -die Ehre gehabt, den Baron zu sehen und kennen zu -lernen. Und nun frag’ ich Sie: was hat Ihnen den -Muth gegeben, der Braut eines solchen Mannes einen -solchen Antrag zu machen?“ Der junge Mensch sah sie -bestürzt an. Anna fuhr fort: „Ich kann mir denken, -daß ein längeres Verweilen in unserem Hause Ihnen -nicht angenehm seyn wird. Nehmen Sie die Ueberzeugung -mit sich, daß dieser Vorgang für die ganze -Welt ein Geheimniß bleiben wird, nur für meine -Mutter nicht, der ich ihn mitzutheilen verpflichtet bin.“ -— Nun regte sich der Stolz auch in dem Abgewiesenen; -er suchte seinem glühenden Gesicht den Ausdruck der -Geringschätzung zu geben, verbeugte und entfernte sich.</p> - -<p>Anna ging zu ihrer Mutter und erzählte ihr das -Erlebniß. Die Baronin hörte mit Entrüstung zu und -sagte zuletzt: „Das war also der Grund dieser plötzlichen -Freundlichkeit? Ich hätte mir’s denken sollen, daß irgend -etwas Unedles dahinter verborgen war.“ Mit trübem -Lächeln setzte sie hinzu: „Wie unersättlich diese Menschen -sind! Sie haben dem jungen Mann sein Stammgut -abgenommen, und nun wollen sie ihm auch die Verlobte -nehmen!“ — Anna bemerkte mit Ernst: „Für -diese Absicht, glaub’ ich, sind sie genug, vielleicht zu -sehr gestraft.“ — —</p> - -<p>Die kleine Episode hatte für die Baronin doch eine -nachtheilige Folge: der Aufenthalt im Landhause begann -ihr verleidet zu werden. Schon das Gerede, das ihr -plötzlicher Bruch mit der Familie Pranger veranlaßte, -mußte ihr unangenehm seyn. Dazu kam aber noch, -daß diese Familie sich anstrengte, die erlittene Niederlage -durch Siege auf einem andern Gebiete wieder gut -zu machen, und daß ihr dieß vollkommen gelang. Es -gab jetzt zu Waldfels mehr Festlichkeiten, als anfangs -im Plane lag, und Speisen und Getränke wurden immer -vortrefflicher. Die Wirthe bemühten sich nun auch -mehr, die Gäste artig zu behandeln, alle Glieder der -Familie nahmen sich möglichst zusammen, und bald -ertönte die ganze Gegend von ihrem Lob. Es traten -geschworene Anhänger des Hauses Pranger auf, die den -Chef desselben viel höher stellten, als den verstorbenen -Baron, die Mutter als die ausgezeichnetste Dame und -die drei Kinder als die liebenswürdigsten Sterblichen -priesen. Der Reichthum hat so viele Hülfsmittel!</p> - -<p>Als die Baronin von dem Zulauf und dem Vergnügen -in Waldfels hörte, hatte sie eine verdrießliche -Empfindung. Sie konnte sich nicht enthalten, mißliebige -Bemerkungen über die gebildete Welt der Umgegend -zu machen und Einzelne zu nennen, von denen -sie das wiederholte Erscheinen im Schlosse nicht erwartet -hätte. Anna versetzte lächelnd: „Kannst du dich darüber -wundern, daß diesen Herrn der Wein noch eben -so gut schmeckt wie früher? Und wenn sie den Wirth -dafür loben, so ist das hübsch: es beweist, daß sie -dankbar sind.“ — „Allerdings,“ erwiederte die Mutter. -„Wer diesen Leuten gut zu essen und zu trinken gibt, -der ist ihr Götze, und dem Götzen wird geräuchert. -Aber Herrn von A. und Herrn von O. hätt’ ich’s nicht -zugetraut.“ — Anna wiegte das Haupt und schwieg.</p> - -<p>Bald erfuhr man, daß August von Pranger einer -neuen und milderen Schönheit, der Tochter des Herrn -von A. seine Huldigung zuwende. Die Baronin sagte -lächelnd zu Anna: „Er hat sich getröstet.“ — „Gott -sey Dank,“ versetzte diese heiter, „daß ich ihn nicht -mehr auf dem Gewissen habe.“ — Eine Woche später -wurde bekannt, daß Herr von O. sich mit Fräulein -von Pranger verlobt habe und die Hochzeit noch in -diesem Jahre gefeiert werden solle. Die Baronin sagte: -„Nun begreif’ ich die eifrigen Besuche dieses Herrn bei -dem Bankier und finde sie verständig. Er braucht einen -solchen Schwiegervater.“ Ein Verziehen der Oberlippe -zeigte jedoch an, daß ihr diese Nachricht übel gemundet -hatte. Ihre gute Laune verlor sich mehr und mehr. -Wenn wir bedenken, daß sie in der zweiten Hälfte des -Lebens stand und sich auf bloße Hoffnungen angewiesen -sah, während ihre Gegner reeller Güter sich erfreuten, so -werden wir ihre Stimmung begreifen. Anna mußte sich -Mühe geben, den Geist der Mutter oben zu erhalten; -allein glücklicherweise kam ihr das Schicksal zu Hülfe.</p> - -<p>An einem Herbstmorgen wurde dem guten Mädchen -ein Brief überbracht, bei dessen Anblick ihre Augen -strahlten. Er war von Arthur, aus London datirt und -die ersten Worte ein freudiger Zuruf. Die Glückliche -verschlang ihn und eilte jubelnd damit zur Mutter. -Diese las und ihr Gesicht klärte sich einigermaßen auf. -„Es ist gut,“ sagte sie zuletzt; „aber nach der Freude, -die du gezeigt hast, würde ich schon die Meldung eines -glücklichen Resultats erwartet haben.“ — „O,“ rief -das Mädchen, „ich bin damit vollkommen zufrieden!“</p> - -<p>Die Stellen des Briefes, die für uns von Interesse -sind, lauteten: „Ich bin in einer eigenen Lage. Ich -möchte dir täglich schreiben, wie ich immer an dich -denke; allein ich müßte dann von meinem Thun und -Treiben reden, müßte dir Gedanken mittheilen, die sich -darauf beziehen — und ich hab’ nun einmal das Gelübde -gethan zu schweigen. Laß mich dem gefaßten -Entschluß treu bleiben, wie es auch mit den Gründen -dazu beschaffen sey. Unser Schicksal ist ungewöhnlich, -mag es auch unser Verhältniß und unser Verhalten -seyn. Ich habe dein geliebtes Bild stets vor Augen, -all mein Dichten und Trachten bezieht sich auf dich, -jede Mühe wird mir durch dich versüßt, meine ganze -Existenz durch dich verklärt. Wenn du wüßtest, wie -oft ich mich glücklich preise und wie ich dir danke!..... -Ich kann dir nun melden, daß ich meinen vorläufigen -Zweck hier erreicht habe und in den nächsten Tagen -unter guten Anzeichen an den Ort meiner Bestimmung -abgehe. Es wird eine weite Reise seyn, und lange -kann es dauern, bis ein zweites Schreiben von mir in -deine Hände kommen wird. Aber ich spreche dir nicht -Muth zu; ich weiß ja, daß du mir vertraust, und für -diejenigen, die sich lieben und vertrauen, ist die Entfernung -nichts, denn sie sind im Geist innigst beisammen. -Was hilft es, wenn man sich leiblich nahe ist -und in Gedanken getrennt? Wenn ich aber dein Bild -im Herzen hege, wenn ich fühle, daß du mich im Herzen -trägst, wenn ich mit dir rede, Gedanken tausche, -dann empfind’ ich eine unaussprechliche Lust. Und ich -weiß dann: was im Geist ist, das wird für die, welche -ausharren, zuletzt in Wirklichkeit seyn.“</p> - -<p>Ich überlasse den Leserinnen die Entscheidung, ob -dieser Brief trotz der Schlichtheit seiner Sprache nicht -darnach angethan war, das Mädchen zu beglücken. Für -die Mutter, die nur relativ zufrieden gestellt war, hatte -das gewogene Schicksal noch eine andere Gabe bereit. -Zwei Tage später wurde ihr amtlich gemeldet, daß ihr -die verstorbene Frau von B. das Gut Schönbach vermacht -habe. Sie empfand große Freude und eine unendliche -Beruhigung. Nun war die Tochter gesichert! -Und selbst wenn Arthur ohne Erfolg heimkehrte, war -die Verbindung der Kinder möglich. Allerdings war -Schönbach nur ein kleines Gut, es hatte kein volles -Hundert Morgen Landes; aber die Einkünfte reichten -doch für den Anfang hin und Arthur hatte einen Ausgangspunkt -für weitere Unternehmungen. Wie schön -war es von der hochbetagten Verwandten, daß sie sich -vor ihrem Ende noch ihrer erinnert hatte! Um so schöner, -als die seltsame Frau vor mehreren Jahren ihr eine -Aeußerung übel genommen und den Verkehr mit ihr -abgebrochen hatte. Die Baronin wurde durch die Vorstellung -dieser Großmuth so gerührt, daß ihr Thränen -in die Augen kamen, die freilich bald wieder versiegten. -Mit beinahe kindlicher Lebhaftigkeit theilte sie der von -einem Spaziergang heimkehrenden Tochter die gute Neuigkeit -und ihren Entschluß mit, das Landhaus zu verkaufen -und schon diesen Herbst nach dem fünfundzwanzig Meilen -südlicher gelegenen Schönbach zu ziehen. Anna war sehr -erfreut; sie sah, daß die gute Mutter nun wieder Boden -unter sich fühlte, daß ihr heiterer Sinn wiedergekehrt -war, um sie hoffentlich nicht wieder zu verlassen. Der -neue Beweis eines günstigen Schicksals erhob ihre Seele. -Wie gern hätte sie dem Geliebten die Nachricht mitgetheilt, -ihn vielleicht zurückgerufen! Aber sie kannte seine -Adresse nicht und mußte ihn seinen Gang gehen lassen.</p> - -<p>Die erste Person, welche die Baronin mit dem -Glücksfall und ihrem Vorhaben bekannt machte, war -der Rentier. Dieser fügte dem Ausdruck seiner Freude -die Bitte hinzu, das Landhaus ihm zu überlassen, und -stellte zugleich ein Angebot, welches die Baronin für -so günstig hielt, daß sie den Handel auf der Stelle -abschloß. Mit baarem Geld versehen und um so vergnügter -bereitete sie sich vor, die Erbschaft anzutreten -und die Uebersiedelung zu bewerkstelligen. Sechs Wochen -später finden wir sie in Schönbach eingerichtet. Das -sogenannte Schlößchen war ein zweistockiges Haus am -Ende des gleichnamigen Dorfes. Links und gegenüber -lagen die nöthigen Wirthschaftsgebäude, rechts ein -ziemlich großer Garten. Mutter und Tochter bewohnten -die Zimmer des obern Stocks, die Räume des untern -dienten den Bedürfnissen der Haushaltung.</p> - -<p>Der Eintritt in andere Verhältnisse hat für ein -lebendiges Menschenherz immer etwas Erfreuliches, um -so mehr, wenn man einer unangenehmen Situation entgangen -ist. Man hat neue Anschauungen, macht neue -Bekanntschaften, sieht neue Arbeiten vor sich, und das -Neue zeigt in der Regel zuerst die schönere Seite. — -Die Baronin fühlte sich als Gutseigenthümerin gar -wohl. Sie hatte einen Haushalt von acht Köpfen unter -ihrem Befehl: einen Baumeister, zwei Knechte, zwei -Mägde, einen Jungen, eine Köchin, die zugleich Kammerjungfer -war, und den alten Diener. Die neuen -Leute schienen brav und geschickt; der Baumeister namentlich -zeigte großen Eifer für seinen Dienst. Scheuer, -Böden und Keller waren gut versehen, das Vieh gesund. -Der Winter stand vor der Thür, aber man war auf -ihn gerüstet.</p> - -<p>Der Winter war ziemlich streng, die Familie Monate -hindurch eingeschneit. In der Einsamkeit, die nur -durch wenige Besuche unterbrochen wurde, trat der in -Anna liegende Hang zum Nachdenken hervor, und sie -fand eine Lust darin, sich ihm hinzugeben. Beziehungen, -in denen man sich auf Glauben und Hoffen angewiesen -sieht, begünstigen ohnehin die Einkehr in sich -selbst und die Vergeistigung des Menschen. Die höchsten -Wünsche, die man hegt, finden jetzt nur Befriedigung -im Seelenleben; wie natürlich, daß man dieses pflegt -und hochhält. Und je mehr man äußerlich entbehrt, -desto mehr gewinnt man innerlich. Je weniger man -von der sinnlichen Wirklichkeit ergriffen ist, desto freier -entfalten sich die Blüthen des Geistes. Wenn aber der -Mann durch das Nachdenken über sich selbst, über Gott -und Welt, rechtshin oder linkshin, zu dieser oder jener -eigenthümlichen Ansicht geführt werden kann, so wird -die weibliche Seele in der Regel zu einer religiösen -Anschauung gelangen. Die Lehren der Religion werden -ihr auf dem Wege des Nachdenkens entgegen kommen -und der Lohn desselben wird seyn, daß sie in jene Lehren -eine tiefere Einsicht gewinnt, daß sie in ihr lebendig, -ihr wahres Eigenthum werden. — Das war bei -Anna der Fall. Die Frucht ihres Nachdenkens bestand -darin, daß das Verhältniß zu Gott, welches dem Christen -durch seinen Glauben geboten und in gewissem -Sinn anerzogen wird, für sie ein selbstständig gesuchtes -und erlangtes wurde, daß ihr in dem, was sie bisher -nur kindlich geglaubt hatte, ein neues Licht aufging, -welches sie in ihrem Glauben befestigte.</p> - -<p>Es wäre eine schöne Aufgabe für den Denker, die -verschiedenen Arten, wie die Menschen sich zu Gott verhalten -können, im Zusammenhang darzustellen und zu -beurtheilen. Welch eine Reihe von Möglichkeiten — -von der Denkweise, die vor der Welt Gott nicht sieht, -ohne sich ihm ganz entziehen zu können, bis zu derjenigen, -die vor Gott die Welt nicht sieht! Von der -Religiosität solcher, die sich begnügen, Gott die äußere -Ehre zu erweisen und sich nur in der Noth von Herzen -an ihn wenden können, bis zu der Innigkeit des Frommen -und Weisen, der erkennend und liebend in Gott -lebt! Wie viele Abstufungen sind in jeder Hauptrichtung -möglich, und wie erscheint jede derselben in der Wirklichkeit -motivirt und charakteristisch! — Die Religiosität, -die ihrer selbst mächtig, die der Gerechtigkeit und Milde -gegen die Welt fähig ist, ohne an Kraft und Wärme -zu verlieren, wird immer als das Ziel des Menschen -erkannt werden. Die Gesinnung, die sich in und mit -dieser Religiosität erzeugt, bewährt sich als ein Segen -für jede, auch für die beste Natur; denn auch in der -besten Natur sind Gefühle und Neigungen, denen man -sich arglos hingeben kann, die aber erst eine Prüfung -auszuhalten und eine Richtung zu empfangen haben. -Durch die Richtung auf das religiöse Ziel werden die -selbstsüchtigen Triebe zurückgedrängt, die guten geklärt -und erhöht und der Geist tüchtig gemacht für alle Beziehungen -des Lebens.</p> - -<p>Als der Winter seinem Ende nahte, konnte Anna -bei einem Einblick in ihr Inneres erkennen, daß mit ihr -eine Verwandlung vorgegangen war. Ihr Vertrauen -auf Gott war befestigt und klar geworden. In der -Prüfung, der sie sich früher nur unterworfen hatte, -erkannte sie den heilvollen Zweck und pries den Willen, -der sie dazu berufen. Der Glaube an den entfernten -Verlobten, an seine Liebe und Treue, an sein Glück, -an die Krönung ihrer gemeinsamen Wünsche, hatte -einen wesentlich heitern Charakter erhalten, und nicht -selten war es ihr, als ob alles, was sie hoffte, schon -erfüllt wäre.</p> - -<p>Der Frühling kam und entfaltete sich bald in aller -Schönheit. Der Mai verdiente dießmal seinen Namen -des Wonnemonats, was bekanntlich nicht in jedem Jahr -der Fall ist. Es begann die arbeit- und freudenreiche -Zeit des Dorflebens. Mutter und Tochter theilten sich -in die Pflichten der Herrschaft. Jene behielt sich das -oberste Regiment vor und notirte Ausgaben und Einnahmen; -die Tochter leitete die Arbeiten im Garten. -Mit Hülfe des alten Dieners und einer Magd war sie -hier so thätig, daß nach einiger Zeit Küchen- und Ziergewächse, -Bäume, Sträucher und Spaliere gleich gut -im Stande waren. Ihre Spaziergänge liebte sie nach -ihren eigenen Feldstücken zu richten, und wenn ihr eines -üppig entgegen glänzte, so wurde das Wohlgefallen an -seiner Schönheit noch gar sehr durch den Gedanken erhöht, -daß Boden und Frucht ihr gehörten. Es war -ein neues, angenehmes und heimliches Gefühl für sie. -Die Heuernte, eine der fröhlichsten Arbeiten, wenn sie -vom Wetter begünstigt wird, begleitete sie von Anfang -bis zu Ende.</p> - -<p>Bei diesen Beschäftigungen war es natürlich, daß -sie mit verschiedenen Dorfleuten näher bekannt wurde. -Sie fand unter Weibern und Mädchen solche, mit denen -gut verkehren war, die sie zu sich einlud und selber -besuchte. Man unterhielt sich über Haus- und Feldwirthschaft, -über gewöhnliche und ungewöhnliche dörfliche -Vorgänge. Anna freute sich, von dem Leben und -Treiben ihrer Bekanntschaften, von Leid und Freud -dieser Existenzen eine Anschauung zu erhalten. Sie mußte -über sich selber lächeln, wenn sie bedachte, daß sie eines -solchen Umgangs noch vor einem Jahr nicht fähig gewesen -wäre und in der Mitte der Bäuerinnen schwerlich -ein anderes Gefühl gehabt hätte, als das des Höherstehens -und der Herablassung. Jetzt bewirkte die Gemeinsamkeit -der ökonomischen Interessen eine gewisse -Sympathie und Vertrautheit, und sie fühlte, daß ein -solches Verhältniß nicht nur besser, sondern auch nützlicher -sey. Ganz mit Recht; das bloße Herabsehen läßt -geistig arm, das Herabsteigen zu wohlwollender Theilnahme -befreit und bereichert. — Nach und nach hatten -sich auch verschiedene andere Bekanntschaften mit gebildeten -Familien der Umgegend geknüpft. Es fanden sich -ältere und junge Männer in Schönbach ein, die der -Baronin ihren Respekt, der schönen Tochter galante -Aufmerksamkeit bezeigten. Die beiden Damen konnten -nicht umhin, zuweilen an geselligen Partien Theil zu -nehmen, und sahen, daß es ihnen eben so wenig an -Unterhaltung wie an Arbeit fehlte.</p> - -<p>In der letzten Zeit wurde das frohe Leben in Schönbach -nur dadurch gestört, daß von Arthur keine Nachricht -einging. Obwohl Anna nach dem ersten Brief sich -darein ergeben hatte, lange ohne Kunde zu bleiben, obwohl -sie mit Vertrauen und Muth gerüstet war, so -fing sie doch endlich an besorgt zu werden. Das Ziel -seiner Reise mochte seyn, welches es wollte, für den -Fall glücklicher Erreichung desselben sollte eine Meldung -schon eingetroffen seyn. War das Schreiben verloren -gegangen? Oder hielt sich Arthur gar nicht verpflichtet, -seine Ankunft zu melden? Wollte er erst ein glückliches -Ergebniß seiner Unternehmung abwarten? — Die Beruhigung -der Verlobten erfolgte jedoch bald, indem der -ersehnte Brief ankam. Er war aus <em class="gesperrt">Calcutta</em>, bezog -sich auf ein früheres, von dort abgesandtes Schreiben -und bestätigte somit die erste Vermuthung Annas. Die -Hauptstellen darin lauteten:</p> - -<p>„Ich lebe ganz der Thätigkeit, die ich mir erwählt. -Mit jedem Tag wird sie mir interessanter und lieber. -Wenn man die Gabe besitzt, sich von einer Unternehmung -eine schöne Vorstellung zu machen, so hat man -freilich bei der Ausführung noch gar manche Probe zu -bestehen. Denn hier gibt es Arbeit und Mühe und -unangenehme Erfahrungen. Die Begeisterung entflieht -zuweilen gänzlich und man hat Augenblicke, wo man -von dem Gefühl gepeinigt wird, als habe man sich in -der Wahl seines Berufs vergriffen. Doch das dauert -nicht; es ist nur der Rauch, der aufsteigt, so lange die -Flamme das Holz noch nicht ganz ergriffen hat. Die Arbeit -wird geläufiger, man fühlt sich den Schwierigkeiten gewachsen, -und nun stellt sich auch die Freude wieder ein; -man findet, daß die erwählte Thätigkeit in der Wirklichkeit -so schön ist, wie sie in der Vorstellung war, ja -schöner noch. — Ich stehe im Anfang, und doch habe -ich schon eine so fröhliche Ansicht gewonnen. Das ist -mir Bürge, daß ich sie nicht mehr verliere, daß mein -Beruf mir halten werde, was ich mir davon versprochen..... -Wie entzückend ist es, die ersten Schritte -gelingen zu sehen zu einem muthig gesteckten Ziel und -bei jedem Schritt die Empfindung zu haben, daß er -näher dem Momente bringt, wo die Träume eines liebevollen -Herzens sich erfüllen werden! O theure Braut! -mein Metier kann sich freilich nicht schmeicheln, daß ich -es um seiner selbst willen liebe. Hinter all meinem -Thun und Treiben glänzt mir die Sonne eines glücklichen -Wiedersehens und vergoldet seine Umrisse. Aber -in diesem Schein liebe ich es doch und die Wirkung -ist dieselbe.“</p> - -<p>Als das glückliche Mädchen ihren Brief der Mutter -zeigte, rief diese beim ersten Blick in ihn: „Ah, Calcutta!“ -Sie las ihn mit Aufmerksamkeit und gab ihn -mit ernster, aber zufriedener Miene wieder zurück. Nicht -länger stand sie an, gegen die Tochter ihre Meinung -über den erwählten Beruf Arthurs auszusprechen. Er -sey offenbar in die indisch brittische Armee getreten und -habe eine Carrière eingeschlagen, die zwar der Gefahren -mancherlei, aber dafür auch die Hoffnung ungewöhnlicher -Erfolge biete. Das Blut der Waldfels habe sein -Recht verlangt und sie wolle es nicht tadeln. Eben -darum hätte er aber keine Ursache gehabt, die Wahl -dieses Berufs ihnen zu verschweigen. Wenn die Gefahr -auf dem Pfade der Ehre liege, so sey sie kein Schreckbild -für ein edelgeborenes Weib. — Anna schwieg; sie -konnte die Sicherheit der Mutter nicht theilen, wußte -aber auch keine andere bestimmte Ansicht entgegenzustellen. -Sie fühlte nur, was der Geliebte auch erwählt -hatte, es war das Rechte.</p> - -<p>In ihrer Antwort schilderte sie ihm auf seinen -Wunsch genau, was sie bisher erlebt und gethan; sie -war mit Liebe ausführlich. Nach einem reizenden Gemälde -des Lebens in Schönbach erklärte sie ihm, daß -er nun die Wahl habe zwischen großen Hoffnungen und -einem bescheidenen Besitz. Sie sage ihm dieß nur für -den Fall, daß die Aussichten in der Fremde sich trübten, -und habe keineswegs die Absicht, ihn von dem einmal -gefaßten Entschluß abzubringen.</p> - -<p>Zur Erhaltung der Heiterkeit, die mit dem Briefe -Arthurs im Hause der Baronin eingekehrt war, trug -nicht wenig bei, daß die Getreideernte eben so glücklich -von statten ging, wie die Heuernte, zuletzt auch die -Einsammlung der Herbstfrüchte. Frau von Holdingen -war sehr zufrieden gestellt und lernte eine neue Schönheit -der Landwirthschaft in guten Einnahmen kennen, -die nach und nach in ihre Kasse flossen. Anna, die -es sich nicht versagen konnte, den Arbeiten zu folgen, -hatte trotz der Schutzmittel gegen die Sonne einen etwas -gebräunten Teint erhalten. Die Mutter schüttelte lächelnd -den Kopf und meinte, sie sey eine ganze Bäuerin -geworden. Die eleganten Herrn der Umgegend schienen -sie aber nicht weniger reizend zu finden, als vorher, -und ein malender Dilettant, der sie einmal im Obstgarten -sah, rief enthusiastisch: Pomona! —</p> - -<p>In ähnlicher Art wie das eben geschilderte vergingen -vier Jahre. Es waren in ökonomischer Hinsicht gute -Jahre, wo beim Gedeihen des Ganzen einzelnes Unglück -in Feld und Stall nicht in Betracht kommen konnte. -Frau von Holdingen sah sich nicht nur in den Stand -gesetzt, ihre häusliche Einrichtung zu verbessern und zu -verfeinern, sondern zuletzt auch eine Summe Geldes -auszuleihen. — Sie hatte dabei ein höchst behagliches -Gefühl und blickte mit um so größerer Sicherheit in -die Zukunft, als auch die Nachrichten von Arthur fortwährend -günstig lauteten. — Von diesem liefen jährlich -in der Regel zwei Schreiben ein, theils aus Calcutta, -theils aus andern ostindischen Plätzen. Sie -zeugten von der Unwandelbarkeit seiner Gesinnung, von -der guten Laune, womit er die Mühen seines Berufes -ertrug, von seinem immer vorwärts strebenden Geist. -In dem ersten hatte er den Damen zu der Erwerbung -von Schönbach gratulirt, aber heiter hinzugefügt, daß -er sich nun erst recht aufgefordert fühle, für ein gehöriges -Aequivalent zu sorgen. Die letzten Briefe meldeten, -daß er viel im Lande herumgekommen, manche -Gefahr bestanden und zu einem ansehnlichen Posten vorgerückt -sey. Frau von Holdingen sah dadurch ihre Ansicht -vollkommen bestätigt, fand es aber um so unbegreiflicher, -daß er aus der Wahl seines Standes auch -jetzt noch ein Geheimniß machen wolle und nicht einmal -jenen ansehnlichen Posten, zu dem er sich aufgeschwungen, -näher bezeichne. Anna setzte den Geliebten in -Kenntniß von allem, was in ihrem Kreise geschah, und -machte ihm bei natürlichen Anlässen auch Mittheilungen -über ihr inneres Leben. Wenn sich diese Verlobten nun -auch nicht so häufig schreiben konnten, wie andere, so -waren ihre wenigen Briefe doch um so gehaltvoller und -gedankenreicher.</p> - -<p>Bei längerer Muße, zumal in Winterszeiten, ermangelte -die Mutter nicht, an der weiteren Ausbildung -ihrer Tochter für das höhere gesellige Leben zu arbeiten. -Sie hatte die Freude, sich von dieser in Sprachen und -sonstigen literarischen Kenntnissen eingeholt, zum Theil -überflügelt zu sehen; aber noch immer vermißte sie -manches in den Stücken, die zur Repräsentation gehören. -Als sie einmal wieder eine Ausstellung zu machen hatte -und eine Ermahnung folgen ließ, antwortete Anna mit -einem Lächeln, das zu sagen schien, die Mutter lege diesen -Dingen eine zu große Wichtigkeit bei. Die Baronin -aber bemerkte gleichfalls heiter: „Man muß auf alles -gerüstet seyn. Wenn dein Bräutigam mit einem Nabobsvermögen -zurückkehrt und eine seinem Reichthum -entsprechende Stellung im Vaterlande erlangt, so soll -er eine Frau haben, die ihm durch die Würde und -Grazie ihrer Erscheinung Ehre zu machen versteht.“</p> - -<p>Die Gunst des Schicksals hat auf die meisten Herzen -eine sichermachende Wirkung. Es gehört schon eine -eigenthümliche Erfahrung und eine Gewohnheit des -Nachdenkens dazu, wenn man in der Mitte guter Tage -an die bösen denkt, die kommen möchten, und sich -darauf gefaßt macht. Die hoffende und vertrauende -Natur wird das in der Regel vergessen und glauben, -was heute war, müsse auch morgen seyn, und doch ist -die ungetrübte Dauer der Wohlfahrt das Seltene, ihre -Störung das Gewöhnliche im Leben.</p> - -<p>Der sechste Frühling, den Mutter und Tochter in -ihrem Besitzthum verlebten, war von besonderer Schönheit. -In den ersten Tagen des Mai sagte Anna zum -Baumeister: „Wir werden ein sonniges Jahr haben.“ -Dieser versetzte bedenklich: „Wenn wir nur nicht zu viel -Sonne bekommen! Unsere Felder können eher noch einen -nassen als einen gar zu trockenen Jahrgang ertragen, -und ich fürchte —“ — „Keine schlimme Prophezeihung!“ -fiel Anna ein. „Es ist noch immer recht geworden.“ — -„Eben deßwegen,“ meinte der Baumeister, „kann es -auch einmal schief gehen. Doch wir wollen das Beste -hoffen.“</p> - -<p>Der Himmel erfüllte nicht, was der gefällige Mann -hoffte, sondern was der erfahrene fürchtete. Nach wenigen -Wochen schon konnte sich Anna von den schlimmen -Wirkungen der alleinherrschenden Sonne überzeugen. -Die Feldfrüchte hatten eben zu der Zeit keinen Regen -erhalten, wo sie dessen am meisten bedurften; sie waren -zum großen Theil verdorrt, selbst auf den besten Plätzen -verkümmert. Und das Jahr behauptete den einmal angenommenen -Charakter. Regentage waren selten, die -heißen schienen kein Ende nehmen zu wollen. Bäche -trockneten ein, der Boden bekam Risse, die Natur verschmachtete. -Wie sehnsüchtig sahen die armen Bewohner -der Gegend nach einer Wolke zum Himmel auf! Wie -freuten sie sich, wenn sie endlich erschien und sich ausbreitete! -Aber sie ging, wie sie gekommen, und später -erfuhr man, daß sie ihren Segen anderswo niedergeströmt -hatte. — Das Sonnenlicht, das die Welt -verschönt und Aug und Herz erquickt, wurde den -Menschen eine Qual, sein Wieder- und Wiedererscheinen -fürchterlich.</p> - -<p>Es war ein Mißjahr und hatte rings bedeutende -Verluste zur Folge. Die Baronin, bei welcher die Ausgaben -die Einnahmen ebenfalls erklecklich überstiegen, -mußte die angelegte Summe zurückfordern und großentheils -verbrauchen. Glücklicherweise hatten die benutzten -guten Jahre die bemittelteren Familien in den Stand -gesetzt, ein Fehljahr auszuhalten; die Noth wurde nicht -so groß, als man besorgte, und an Frau von Holdingen -kamen von armen Familien des Dorfes nur so viele -Bittgesuche, als sie allenfalls befriedigen konnte. Sie -wurde von der Tochter angetrieben, so viel als möglich -zu thun; denn für diese hatte der Sommer wenigstens -<em class="gesperrt">eine</em> herrliche Frucht gebracht: ein Schreiben Arthurs, -worin er meldete, daß ihn das Glück auf’s neue begünstigt, -und daß er, wenn es so fortfahre, die geliebte -Braut in zwei bis drei Jahren hoffe wiedersehen zu -können. Ihr gerührtes Herz fühlte sich nun um so -mehr gedrängt, zu helfen und Freude zu machen, wo -sie konnte.</p> - -<p>Der in diesem Jahre vergebens erflehte Regen kam -im nächsten Frühling reichlich; schöne Tage fehlten nicht, -man konnte sich ein fruchtbares Jahr versprechen. Leider -überwog der Regen nach und nach, die schönen Tage -wurden eine Ausnahme, der Segen des Feldes drohte -in Nässe zu verkommen. Neue und schwerere Sorgen -ängstigten die Herzen der Landleute. Es war nicht bloß -der Schmerz über den Verlust, der sie quälte, es war -auch das uneigennütze Leid: die Früchte, die so schön -gewachsen, so kläglich verderben zu sehen. Und dieses -Leid erneuerte sich fortwährend; denn es ist dem Landmann -unmöglich, ein für allemal zu resigniren. Sobald -die Wolken sich wieder ein wenig verziehen, hofft er -wieder, und die Nichterfüllung schmerzt auf’s neue. Das -stete Dunkel der Regentage wirkt an sich niederschlagend, -und man möchte verzweifeln, wenn man es jeden Morgen -die Welt verdüstern sieht.</p> - -<p>Frau von Holdingen wurde in große Betrübniß versetzt. -Sie konnte im Fall eines neuen Fehljahres Noth -und Verlegenheit nicht vermeiden, und diese Vorstellung -entriß ihr nicht selten unmuthsvolle Ausrufungen. Anna -machte die Beobachtung, daß die Dorfleute das drohende -Unglück mit mehr Ruhe ertrugen, und daß ihre Klagen -gelassener waren, als die der Mutter. Sie wunderte -sich über diesen Umstand, der doch ganz natürlich war. -Diejenigen, die mehr gewohnt sind, ihren Willen und -ihre Wünsche geltend zu machen, empfinden es um so -schmerzlicher, wenn das Geschick sich ihnen entgegenstellt, -während Schultern, die für gewöhnlich mit Lasten beschwert -sind, einmal außergewöhnlich noch mehr tragen -können.</p> - -<p>Endlich hellte der Himmel sich auf und es kam eine -Reihe schöner Tage. Das Wort des Baumeisters, daß -die Felder von Schönbach noch eher Nässe als Dürre -ertragen könnten, bewährte sich. Manches war verdorben, -das übrige erholte sich wieder. Die Getreideernte -begann und die Gesichter erheiterten sich, denn die Frucht -war besser, als man erwartet hatte; aber kaum hatte -man ein Drittel davon eingebracht, als ein Wetter am -Himmel aufzog und ein Hagelschlag der stärksten Art -alles, was noch draußen stand, im Lauf einer Viertelstunde -vernichtete.</p> - -<p>Wer ein solches Ereigniß miterlebt hat, der kann -sich sagen, daß er die schrecklichste Erfahrung des Landmanns -kennen gelernt. Was als bloße Vorstellung die -Seele erbangen macht, das steht als grausame, unwiderrufliche -Wirklichkeit vor Augen! Der herbste Verlust -wird zugleich unter den erschütterndsten Formen -erlitten! Dießmal wurde das ohnehin Fürchterliche des -Schauspiels noch dadurch erhöht, daß die ungewöhnlich -großen Hagelkörner auch die Ziegel auf den Dächern -zerschlugen und das Zerknallen und Herabstürzen derselben -das Getöse des Sturmes noch schauerlicher machte. -Es war den armen Bewohnern des Dorfes, als ob -die Welt untergehen sollte. Frau von Holdingen und -Anna hatten sich bei den Händen gefaßt; ihre Gesichter -waren erbleicht und ihre Seelen rangen mit dem Schrecken. -Als die Betroffenen den Schaden besichtigten, erneuerte -sich der Jammer: die Wirklichkeit übertraf die schlimmsten -Befürchtungen. Ein so vollkommener Verlust hat -aber wenigstens das Gute, daß man die Pein des -Verlierens mit einemmal absolvirt. Man hat in dieser -Richtung nichts mehr zu hoffen, aber auch nichts mehr -zu fürchten; die Sache ist abgethan und in dem gefolterten -Herzen kann die Ruhe der Entsagung Platz -nehmen. So fügten sich nun die armen Landleute in -das Unabänderliche und suchten zu retten, was noch zu -retten war.</p> - -<p>Auch die Baronin trug das vollendete Unglück besser -als das drohende, und war zunächst bemüht, die Mittel -zur Fortführung ihres Haushalts herbeizuschaffen. Sie -bedurfte einer namhaften Geldsumme und erhielt sie -von dem befreundeten Rentier, mit dem sie von Zeit -zu Zeit Briefe gewechselt hatte. Als der Bedarf durch -Einkäufe gedeckt war, sah sie der Zukunft mit ruhigerem -Herzen entgegen. — Es war dennoch ein trauriger -Herbst. Zu dem trüben Gefühl, das eine verkümmerte -Wirthschaft erregt und erhält, kam eine neue, schwerere -Sorge. Seit dem vorigen Sommer war keine Nachricht -von Arthur eingegangen. Man konnte freilich denken, -daß wieder ein Brief verloren gegangen sey, oder daß -der Verlobte Gründe gehabt habe, die Absendung eines -Berichts zu verzögern. Allein in Folge des erlebten -Unglücks und der Noth, welche die beiden Frauen mit -Augen sahen, ohne ihr abhelfen zu können, waren ihre -Seelen der Furcht zugänglicher geworden; sie ängstigten -sich durch düstere Vorstellungen, über die sie sich nur -mit Anstrengung wieder zu erheben vermochten.</p> - -<p>Am Ausgang dieser Jahreszeit erhielten sie von dem -Rentier eine Nachricht, die auch nur einen unerfreulichen -Eindruck auf sie machen konnte. Herr von Pranger, -dessen Vermögensverhältnisse durch die Lebensweise -der Familie schon angegriffen waren, hatte in Folge -großer Verluste, die er bei zwei Bankerotten erlitten, -seine Zahlungen einstellen müssen; das Gut Waldfels -befand sich in den Händen seiner Gläubiger. „Auch -andere Leute haben Unglück,“ sagte Anna zur Mutter. -„Mich dauert die Familie und namentlich die gute Frau.“ -— „Und mich,“ bemerkte die Mutter, „dauert auch die -schöne Besitzung, die jetzt dem Schicksal der Zertrümmerung -schwerlich entgehen wird. Doch — das Unglück -mag seinen Lauf nehmen!“</p> - -<p>Die moralische und religiöse Kraft Annas wurde -im Laufe des Winters auf die stärkste Probe gestellt. -Sie erhielt keine Nachricht von dem Geliebten. Die -Annahme, daß auch ihn ein Unglück betroffen habe, -mußte für Anna an Wahrscheinlichkeit gewinnen, und -sie erfuhr dabei, daß auch der festeste Wille nicht im -Stande ist, das angefochtene Menschengemüth immer -aufrecht zu erhalten; daß die Kraft des Menschen im -glücklichsten Falle nur so weit reicht, aus den Niederlagen -sich wieder zu erheben und weiter zu kämpfen. -Ihr Leben wurde ein Wechsel von unüberwindlicher -Trauer und von stiller Ergebung und Erhebung des -Geistes. Wer Gott vertrauen gelernt, der wird sich -freilich in dem Glauben, daß zuletzt alles ein gutes -Ende finden werde, nicht erschüttern lassen; aber er -muß darum nicht für nothwendig halten, daß schon im -irdischen Leben die Krönung seiner Wünsche erfolgen -werde. Für dieses Leben kann er, wie ja so viele -seiner Mitmenschen, zum Unglück, zur Entsagung verurtheilt -seyn. Je inniger er aber an jenen Wünschen -hängt, um so peinvoller wird es für ihn seyn, an ihrer -Erfüllung verzweifeln zu müssen, und nur in den geistigsten -Momenten wird er seine Schmerzen unter sich -drängen können.</p> - -<p>Die Gemüthsbewegungen, denen das gute Mädchen -ausgesetzt war, griffen zuletzt auch ihre Gesundheit an. -Sie verlor die Farbe und die zierliche Rundung ihrer -Wangen, den Glanz ihres Auges. Die Mutter sah sie -mit Blicken tiefen Kummers an. Ein so edles Kind, -ein so herrliches Geschöpf, sollte es wirklich um das -Glück des Lebens betrogen und dem Leide geweiht seyn? -— Traurig senkte sie das Haupt und ein schmerzlicher -Seufzer entrang sich der Brust.</p> - -<p>Es war nur eine Mehrung ihrer Betrübniß, als -ein wohlhabender adeliger Gutsbesitzer aus der Nachbarschaft, -der Anna schon früher eine gewisse Aufmerksamkeit -gewidmet hatte, durch eine Verwandte anfragen -ließ, ob sie seine Bewerbung mit günstigen Augen ansehen -würde. Aus den Reden der Dame ging hervor, -daß sowohl sie als ihr Cousin das Verhältniß Annas -gelöst, d. h. von dem entfernten Verlobten aufgegeben -glaubten und eben dadurch sich zu der Anfrage ermuthigt -fühlten. Frau von Holdingen schüttelte bei dieser Eröffnung -den Kopf und schwieg kummervoll. Den Mund -Annas umspielte ein eigenes Lächeln und sie erwiederte: -„Ich danke Herrn von ** für seine gütige Gesinnung; -aber mein Verhältniß mit Arthur von Waldfels ist -nicht gelöst und wird sich niemals lösen. Ich weiß, -daß er gesinnt ist wie ich, daß er Treue halten wird -bis zum letzten Athemzug. Wenn er aber todt wäre, -so würde ich dennoch ihm und nie einem andern gehören.“ -— —</p> - -<p>Endlich begann ein neuer Frühling, und zwar so -schön, daß auch die bedrücktesten Seelen sich etwas erleichtert -fühlen mußten. Ein guter Jahrgang war an -der Zeit und alle Anzeichen verhießen ihn. Als Frau -von Holdingen bei einem gelegentlichen Blick in die -leere Scheuer den Kopf schüttelte, sagte der Baumeister, -der es bemerkt hatte: „Sie wird wieder voll werden. -Ich prophezeie dießmal ein Jahr wie das erste, -das Sie in Schönbach zugebracht haben.“</p> - -<p>Die Prophezeiung traf ein, und doch sollte sich -die erste Versicherung als eine Täuschung erweisen. In -einer Nacht des Mai wurden die Bewohner des Schlößchens -durch Feuerlärm geweckt. Es brannte im Nachbarhause. -Als die Baronin aus dem Fenster sah, hatte -die Flamme bereits auch ihre Wirthschaftsgebäude ergriffen. -Mit größter Mühe wurden die Ställe geräumt -und das Wohnhaus gerettet; von Scheuer und Viehhaus -blieben nur die Mauern übrig. — Es heißt, kein -Unglück komme allein, und dieser Spruch hat eine reiche -Erfahrung für sich. Man kann die Thatsache aus der -Natur und dem Zweck des Unglücks erklären, oft aber -enthält das erste schon einfach den Keim des folgenden -in sich. Im gegenwärtigen Fall hatte der Brand zu -dem Hagelschaden eine genaue Beziehung. Frau von -Holdingen hatte die zerschlagenen Ziegeldächer an den -Wirthschaftsgebäuden vorläufig nur mit Stroh decken -lassen und die rechte Wiederherstellung besseren Zeiten -vorbehalten. Das Stroh hatte Feuer gefangen, wo -Ziegel ohne Zweifel widerstanden hätten, bis Hülfe gekommen -wäre; und so war der erste Verlust an dem -zweiten Schuld geworden.</p> - -<p>Das Wohlwollen, das die Baronin bei verschiedenen -Gelegenheiten den Dorfleuten bewiesen hatte, wurde ihr -jetzt vergolten. Die bemittelten Familien erboten sich -eifrig, das obdachlose Vieh in ihre Ställe aufzunehmen. -Gerührt machte sie von dem Anerbieten Gebrauch und -im Anschauen der herzlichen Theilnahme fiel ein Schein -des Trostes in ihre Seele. Aber dieser verschwand bald -wieder. Die schlimmste Frucht des fortgesetzten Unglücks -ist der Wahn, daß man ganz von Gott verlassen und -einer unheilbringenden Macht verfallen sey. Wenn ein -solcher Mißglaube in edlen Herzen nicht Wohnung nehmen -kann, so kann er sie doch in einzelnen Momenten -anfallen und zu Boden drücken. Noch immer war keine -Nachricht von Arthur eingetroffen! Mußten die Frauenseelen, -die all ihr Glück auf ihn gesetzt hatten, nicht -endlich von Verzweiflung ergriffen werden? Mußte das -Schreckbild seines Untergangs dem geängsteten Mädchen -nicht näher und näher treten? Als der Dorfbote von -der Post noch einmal zurück kam, ohne das ersehnte -Schreiben mitzubringen, war die Kraft der Armen erschöpft -und ohne Widerstand brach sie zusammen. Ihre -Thränen flossen, als ob sie die Seele in ihnen hinströmen -wollte. Die Mutter richtete sie auf und mit -der Stärke der Pflicht und der Liebe hielt sie das unglückliche -Kind in den Armen.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>VI.</h3> -</div> - -<p>Die Stürme des Herzens gleichen in ihrer Wirkung -den Gewitterstürmen. Sie vertreiben aus der Atmosphäre -der Seele die niederdrückende Schwüle und schaffen -Raum für ein stilles und mildes inneres Leben. In -einem Anfall von Verzweiflung, der in einen Strom -von Thränen endet, wird eine Last abgeworfen. Was -dem Menschen vorher unmöglich war, das wird ihm -dann leicht, was er vorher mit größter Anstrengung -nicht von sich zu erlangen vermochte, das kommt beinahe -von selber. Es ist dieß mit ein Beweis, daß im Menschen -eine Natur wohnt, die ihr eigenes Leben hat und -nicht berufen zu seyn scheint, dem Geiste jederzeit Gehorsam -zu leisten.</p> - -<p>Zwei Tage später, um die Mittagsstunde, finden wir -Mutter und Tochter im gemeinschaftlichen Zimmer des -Schlößchens. Anna war in eine Ecke des Sophas gelehnt, -ihr Gesicht war bleich, aber es drückte eine Melancholie -aus, die nicht ohne einen gewissen Schein von -Heiterkeit war — die Frucht der Ergebung. Wenn der -Verlust eines theuren Wesens die Seele in tiefe Trauer -versetzt, so weiß der Glaube ja, daß dieses Wesen nicht -für immer verloren ist, und das Gefühl des Besitzes -über die Welt hinaus wirft ein sanftes Licht in das -Dunkel des Leids. Aber das Herz der Liebenden war -auch durch die Hoffnung erhellt, welche nicht abließ, -sich wieder und wieder in ihr zu erheben. Es war ein -sonderbarer Zustand: eine Entsagung durch Hoffnung, -und eine Hoffnung durch Entsagung gedämpft; ein -Schweben durch eine milde Region der Trauer, deren -Ende als Möglichkeit vor der Seele steht.</p> - -<p>Die Mutter sah das schweigende Kind mit tiefer -Besorgniß an. Sie erblickte in ihr nur ein hinwelkendes -Bild der Resignation, und bei dem plötzlich aufsteigenden -Gedanken, daß der Anfang einer Krankheit -da seyn könnte, die sie dem Grabe zuführen müßte, -fuhr sie erschreckt zusammen.</p> - -<p>In diesem Augenblick trat der alte Diener ein und -meldete einen Fremden, der sich Theodor Schmidt nenne -und die gnädige Frau um einige Minuten Gehör bitte. -— „Vielleicht ein Zimmermeister aus der Nachbarschaft, -der sich um den Bau bewerben will. Führ’ ihn her!“ -— Als der Fremde erschien, sah die Baronin gleich, daß -sie sich geirrt hatte. Es war ein elegant gekleideter -Mann in den Dreißigen, dessen Haltung den feiner -Gebildeten, dessen Figur und Dialekt den Norddeutschen -verriethen. Der Fremde begann: „Ich habe —“ einen -Blick auf Anna werfend, hielt er jedoch inne, zog die -Hand, die er der Brusttasche genähert hatte, wieder -zurück und sagte nach kurzem Bedenken: „Ich habe -Ihnen eine gute Nachricht zu überbringen.“ — Anna -sah ihn an; die Mutter erwiederte: „Eine gute Nachricht? -Zögern Sie nicht, werther Herr, wir bedürfen -einer solchen.“ — Der Fremde fuhr fort: „Ich bin -beauftragt von dem Herrn Baron von Waldfels —“ -Anna, die keinen Blick von ihm verwendet hatte, rief: -„Arthur von Waldfels? — Er lebt? Er ist gesund?“ -— „Er lebt und ist gesund,“ erwiederte der Fremde. -„Er befindet sich in Deutschland und ich bin beauftragt, -die verehrten Damen zu ersuchen, meine Begleitung zu -ihm anzunehmen.“ — Anna starrte ihn an; das Zuviel -des Glücks machte sie mißtrauisch, aber das ehrliche Gesicht -des Fremden tröstete sie wieder. „Ist es möglich?“ -rief sie, indem eine glühende Röthe ihre Wangen übergoß, -„ist es möglich?“ — Der Fremde nahm einen -Brief aus der Tasche und übergab ihn Anna. Diese -öffnete ihn und las und Entzücken leuchtete aus ihrem -Gesicht.</p> - -<p>Der Brief lautete: „Auf dem Boden des deutschen -Vaterlandes, aus seiner ersten Handelsstadt, begrüße -ich dich, Geliebteste, und die innig verehrte Mutter. Ich -lebe des Glaubens, daß dieser Brief die theuersten -Wesen, die ich auf der Erde habe, gesund antreffen -wird und bereit, mein Glück zu theilen. Ich bin -wiedergekehrt, nachdem ich den Zweck, um dessen willen -ich ausgegangen bin, erreicht habe, mit tiefem Dank -gegen den Himmel, der meine Thätigkeit über Erwarten -gesegnet hat. Der Ueberbringer, mein Sekretär, dessen -Treue erprobt ist, wird dich und die geliebte Mutter zu -mir geleiten. Folge ihm und erfahre bei deiner Ankunft, -warum es mir nicht möglich war, selber zu dir zu eilen.“</p> - -<p>Frau von Holdingen hatte die Tochter, als sie den -Brief nahm und öffnete, mit der höchsten Spannung -betrachtet; auch ihr war das Glück zu unerwartet gekommen, -als daß sie sich dem Glauben daran sogleich -hätte hingeben können. Aber durch die Wonne der -Liebenden sah sie die Nachricht bestätigt und Thränen -füllten die Augen der geprüften Frau. Sie trat näher; -Anna rief mit himmlischer Freude: „Es ist wahr! -Mutter, liebe Mutter!“ und fiel ihr um den Hals. -Lange hielten sie sich umfaßt. Die Ueberglückliche weinte -am treuen Mutterherzen und ihre Thränen wollten kein -Ende nehmen. Endlich richtete sie sich auf und sagte: -„Das vollkommenste Glück, ein Glück, das mir keinen -Wunsch mehr übrig läßt, war mir aufgespart — und -ich hatte den Glauben daran verloren und war verzweifelt! -Ich habe die Probe nicht ausgehalten, auf die -ich gestellt wurde, und bin beschämt!“</p> - -<p>Im Laufe des Gesprächs vernahmen sie, daß der -Sekretär schon längere Zeit in Arthurs Diensten stehe. -Die Mutter forderte ihn wie gelegentlich auf, etwas -von den Schicksalen des Barons mitzutheilen. Aber -jener versetzte, er bedaure, diesem Wunsche nicht entsprechen -zu können; die Erzählung seiner Schicksale habe -sich Herr von Waldfels selber vorbehalten. — „Ah,“ -rief die Baronin heiter, „noch immer geheimnißvoll! — -Nun,“ setzte sie mit Selbstgefühl hinzu, „wir glauben -die Hauptsache errathen zu haben und können uns für -das Uebrige noch einige Tage gedulden.“</p> - -<p>Am andern Morgen fuhr ein Postillon mit einem -stattlichen Reisewagen vor, den Arthur den Damen entgegengeschickt -hatte. Unter fröhlichem Blasen ging es -durch das Dorf, wo die am Wege stehenden Leute -Grüße und Glückwünsche nachriefen. Bald rollte der -Wagen auf der weißen Landstraße fort. Mit welcher -Heiterkeit sah Anna die schönen Saaten, den grünen -Wald und alles, was sich ihren Blicken darbot! Wie -freundlich und wie heimlich sprach sie alles an! — -Sie saß da so leicht, mit so edler und freier Haltung, -daß Wagen und Pferde für sie erfunden zu seyn und -keine höhere Aufgabe zu haben schienen, als ihr zu -dienen.</p> - -<p>Am zweiten Nachmittag fuhren sie durch eine Gegend, -die den Damen bekannt war. Etwa drei Meilen weiter -nach Westen lag das Thal mit Waldfels und dem -Landhause. Anna sah hinüber und konnte nicht umhin, -ein Bedauern zu empfinden, daß dem Bräutigam das -schöne Gut seiner Ahnen verloren seyn sollte. Vor -Kurzem hatte ein Besucher nach Schönbach die Nachricht -gebracht, daß die Besitzung wieder verkauft worden sey. -Sie hatte dieß unbewegt vernommen; wie konnte für -die Tiefbetrübte eine solche Veränderung Bedeutung -haben? Aber im Glück regen sich neue Bedürfnisse; -wenn die großen Wünsche erfüllt sind, dann tauchen die -kleineren wieder auf, denn die Menschenseele strebt nach -dem Vollkommenen. Jetzt, mit den höchsten Geschenken -des Himmels begnadigt, empfand sie in der That ein -Verlangen nach dem Besitz von Waldfels, und es that -ihr ernstlich leid, ihm entsagen zu müssen.</p> - -<p>Die Seitenstraße, die nach dem Thale führte und -zunächst einen kleinen Hügel hinanstieg, wurde sichtbar. -Anna machte die Mutter darauf aufmerksam. Diese, -ihre Gedanken errathend, rief in bedauerndem Tone: -„’s ist Schade!“ — Die Anschauung ihres Gefühls an -der Mutter brachte aber das Mädchen zur Selbsterkenntniß -und sie sagte: „Was doch die Menschen ungenügsam -sind! Ich habe das Höchste erlangt — ein Glück, dessen -ich mich unwerth fühlte und das ich nicht tragen zu -können glaubte; und jetzt wünsche ich eine Zugabe! — -— Weg mit den Augen!“ sagte sie zu sich selbst und -richtete die Blicke die Linie entlang, auf der sie dem -Geliebten näher kommen sollte.</p> - -<p>In andere Gedanken verloren, gewahrte sie es nicht, -daß der Postillon in die Seitenstraße einbog; aber Frau -von Holdingen rief: „Was ist das?“ und sah den Sekretär -mit betroffen fragendem Blick an. Dieser versetzte -mit einem Lächeln: „Wir fahren die rechte Straße, -gnädige Frau.“ — Anna, die den Ausruf der Mutter -und diese Antwort vernommen hatte, sah, wo -sie war, und wie ein elektrischer Funke zuckte eine -Ahnung durch ihre Seele. Der neue Käufer von Waldfels -war Arthur! Sie sollte den Geliebten in der Besitzung -seiner Ahnen wiedersehen — auch ihr letzter -Wunsch sollte erfüllt werden! Mit erglühten Wangen -faßte sie die Hände der Mutter und sah in ein Antlitz, -aus dem ihr derselbe Glaube entgegen blickte. Und -dieser Glaube wurde vom Abgesandten bestätigt — durch -Schweigen. — Wie wonnig klopfte das Herz der Liebenden, -wie selig lächelte sie, als der Wagen weiter und -weiter rollte und sie dem Bräutigam näher und näher -brachte! Endlich fuhren sie in das Thal ein, das im -reichen Schmuck des Frühlings prangte. Der letzte -Zweifel schwand. Sie sahen das Landhaus, sie sahen -das Städtchen, aber ihre Blicke richteten sich nach Waldfels. -Dort lag es, überglänzt von der Abendsonne, -das Schloß mit dem Park, die Krone des Dorfs. Das -Posthorn schmetterte — wie anders klangen jetzt seine -Töne zum Wiedersehen, als vor Jahren zum Abschied! -Der Wagen rollte in die alte Allee, dem Thore zu, das -mit Blumen geziert hersah.</p> - -<p>Ein schlanker Mann, in eleganter, einfacher Kleidung, -eilte ihnen entgegen und rief: „Willkommen!“ Es -war Arthur. Der Wagen hielt. Anna, von der Rechten -des Geliebten ergriffen, flog an seine Brust. Es war -kein Traum! Sie hielten sich in ihren Armen, ihre Herzen -schlugen an einander — ihr Glück war vollendet! -Ein Wunder der staunenden Seele, war es helle, klare, -selige Wirklichkeit! — Anna erhob ihr Haupt, Freudenthränen -rollten aus ihren Augen, die an dem Geliebten -hingen. Arthur streichelte die Thränen von ihren Wangen -und sah sie aus feuchten Augen mit unendlicher -Liebe an. Dann sagte er in herzlichem Ton: „Siehst -du, Anna? unser Vertrauen hat uns doch nicht betrogen! -Die muthig unternommene Arbeit ist gesegnet worden; -Alles ist erreicht, was wir gehofft haben, ja mehr -als das; der Himmel ist mir günstig gewesen um deinetwillen -— selbst über meine Träume hinaus!“ — Anna -rief: „Was soll ich thun, Arthur, um so viel Glück zu -verdienen?“ — „Bleibe, wie du bist!“ erwiederte dieser -liebevoll.</p> - -<p>Die Baronin stand vor ihnen. Arthur ergriff ihre -Hand, umarmte sie und rief: „Verzeihen Sie, liebe -Mutter!“ — Diese erwiederte gerührt: „Der Braut gebührt -der Vorrang. — Meine Augen haben das Schönste -gesehen, was eine Mutter sehen kann — Ihre Liebe zu -Anna ist dieselbe geblieben.“</p> - -<p>Aus dem Thor, durch das der leere Wagen gefahren -war, kamen der Rentier und der Pfarrer von -Waldfels. Von Arthur geführt, begab sich die Gesellschaft -in den Hof, wo die Damen von der Dienerschaft -ehrerbietig begrüßt wurden. Die Glücklichen erkannten -in allem die Zeichen des wiederhergestellten Glanzes, und -von welchen Empfindungen mußten sie bewegt seyn, als -sie nach so vielen Jahren zum erstenmal wieder in das -schöne Schloß eintraten!</p> - -<p>Nach einer halben Stunde finden wir den kleinen -Kreis in einem Zimmer vereinigt, dessen Wände mit -den Familienbildern des Hauses Waldfels geschmückt -waren und dessen Altan und Fenster die Aussicht in den -Park boten. Während das verlobte Paar sich mit dem -Geistlichen, der Rentier mit dem Sekretär unterhielt, -saß die Baronin allein an der Seite und ließ ihre Blicke -von Arthur zu einem Bilde gleiten, das einen stattlichen -Krieger aus dem siebzehnten Jahrhundert vorstellte. Ihr -schien, als ob ihr künftiger Schwiegersohn keinem seiner -Ahnen mehr gliche als diesem, und sie fand es nun um -so begreiflicher, daß die kriegerische Neigung desselben in -ihm wieder erwacht sey. Arthurs Glieder waren beinahe -so kräftig wie die des alten Generals, und sein Gesicht -eben so gebräunt. Allerdings fehlte ihm die gewaltige -Narbe, welche die Stirn des Vorfahren zierte, und wir -können nicht verschweigen, daß die Baronin gleich nach -der ersten Begrüßung in dem Gesicht des Wiedergekehrten -nach einem solchen Zeugniß der Tapferkeit gesucht hatte. -Allein es gibt glückliche Soldaten, die das Privilegium -zu haben scheinen, unverwundet zu bleiben, und zu -diesen mußte der Baron gehören. Die Neugierde, die -sie bis jetzt unterdrückt hatte, regte sich aber bei dieser -Vergleichung auf’s neue. Sie widerstand jetzt nicht -länger, und zu der Gruppe tretend, erinnerte sie Arthur -daran, daß er ihnen eine Erzählung seiner Schicksale -und seiner <em class="gesperrt">Thaten</em> schuldig sey. „Oder,“ setzte sie -lächelnd hinzu, „wäre die Zeit dazu noch immer nicht -gekommen?“ — „In der That, noch nicht ganz,“ erwiederte -Arthur. „Wir haben bis zum Abendessen nur -noch eine halbe Stunde, mein Bericht wird aber ziemlich -lange dauern und ich will ihn daher Ihnen und -mir erst nach einer entsprechenden Stärkung zumuthen. -Ich mache Ihnen aber einen andern Vorschlag. Haben -Sie die Güte, uns etwas von der letzten Zeit in Schönbach -zu erzählen, von der wir hier nur sehr wenig und -gar nichts Bestimmtes wissen.“</p> - -<p>Die Baronin erklärte sich bereit. Nach einer kurzen -Einleitung schilderte sie die Regentage und den Hagelschlag -des vorigen Jahrs. Sie zeigte sich dabei in ökonomischen -Ausdrücken so bewandert, daß Arthur sich -nicht enthalten konnte, nach dem Bedauern ihres Unglücks -auch seine Bewunderung ihrer landwirthschaftlichen -Kenntnisse auszusprechen, was sie indeß mit einem -leichten Achselzucken hinnahm, vielleicht um damit anzudeuten, -daß die Kenntniß jener Ausdrücke noch lange -nicht die Oekonomin mache. Als sie der Sorgen wegen -des Ausbleibens einer Nachricht erwähnte, war Arthur -betroffen. „Wie!“ rief er aus, „Sie haben meinen -letzten Brief nicht erhalten?“ — Die Baronin erwiederte -mit Bedeutung: „Wir haben keinen Brief von Ihnen -erhalten seit mehr als anderthalb Jahren.“ — Arthur -saß mit dem Ausdruck tiefen Bedauerns da und sagte: -„Ich bin sehr zu tadeln. Bei solcher Entfernung sollte -man Nachrichten dieser Art in zwei oder drei nacheinander -abgehende Briefe niederlegen, da die Möglichkeit -des Verlustes um so viel näher liegt. Aber das Glück -hatte mich verwöhnt: ich dachte nicht daran. — In -diesem Schreiben,“ fuhr er zu Anna gewendet fort, -„hatte ich dir gemeldet, daß ich Anstalt machte, meine -Angelegenheiten in Ostindien zu ordnen und nach Europa -zurückzukehren. Ausdrücklich war darin bemerkt, daß -von dort aus kein Brief mehr nachfolgen würde.“ — -Nach einer Pause begann die Baronin: „Eine Schilderung, -wie wir unter solchen Umständen den Winter -verlebten, will ich Ihnen erlassen.“ — Arthur, die Hand -der Geliebten fassend, rief herzlich: „Verzeih mir!“ — -Zuletzt schilderte sie den Brand in Schönbach, und die -Männer äußerten ihre Verwunderung über diese Steigerung -betrübender Erlebnisse. Arthur sagte: „Das Schicksal -hat ungleich getheilt. Sie haben das Unglück gehabt -und ich das Glück. Aber,“ setzte er hinzu, „mein -Glück ist im Stande, Ihr Unglück zu decken.“ — „Es ist -eigen,“ bemerkte Anna; „ich möchte mir jetzt das Unglück -der letzten Jahre nicht nehmen lassen, sogar die Sorge und -die Angst nicht, die ich um deinetwillen empfunden. Nur -das erlebte Leid beruhigt das Herz bei allzugroßer Freude.“ -— „Dieß,“ setzte der Geistliche hinzu, „ist unter andern -der Zweck des Leides in der Welt. Aber in der Regel -dankt man dem lieben Gott für das Mittel erst später.“</p> - -<p>Nach Tisch saßen sie wieder in dem heimlichen Zimmer -beisammen. Während des Essens hatte ein kurzer Gewitterregen -die Natur erfrischt und balsamische Luft -strömte durch die offenen Fenster. Die Sonne war -unter-, der Mond aufgegangen, aber noch herrschte der -Glanz im Westen. Niemand achtete der Schönheit des -Abends; die Geister waren gespannt auf die Erzählung -Arthurs. Dieser, neben Anna sitzend, begann endlich, -indem er das Wort zunächst an die Baronin richtete.</p> - -<p>„Sie wissen, daß mein Weg zuerst nach London -ging. Dort lebte ein Kaufmann, ein Großhändler, den -mein Vater vor etwa zehn Jahren sich verpflichtet hatte, -indem er ihm bei einer Ehrensache einen wesentlichen -Dienst leistete. Ich wußte dieß aus einem Dankschreiben, -das sich unter den nachgelassenen Papieren fand, hatte -mich brieflich an diesen Mann gewendet und Rath und -Hülfe war mir zugesagt worden. In London stellte ich -mich ihm vor. Ich fand einen rüstigen Fünfziger, der -mich mit großem Wohlwollen aufnahm. Dadurch ermuthigt, -theilte ich ihm sogleich mit, was in meinem -Briefe schon angedeutet war: daß ich den Entschluß gefaßt -habe, Kaufmann zu werden.“</p> - -<p>Die Baronin wollte bei diesen Worten ihren Ohren -nicht trauen. „Wie?“ rief sie, „Kaufmann? — daran -dachten Sie? — Doch,“ setzte sie hinzu, indem sie sich -bezwang, „ich will Sie nicht unterbrechen.“ — Arthur, -der bei diesem erwarteten Ausruf ein Lächeln nicht unterdrücken -konnte, fuhr fort: „Herr Goodman — dieß -war der Name des Kaufmanns — sah mich prüfend an -und sagte dann mit Ernst: „Ich begreife, daß Sie einen -Stand ergreifen wollen, in welchem Sie das Glück, das -Sie suchen, am schnellsten und sichersten erreichen zu -können glauben. Allein es ist möglich, lieber Freund, -daß Sie diese Laufbahn gar viel anders finden, als Sie -erwarten, und es ist meine Pflicht, Sie darauf aufmerksam -zu machen. Das Erlernen der Kaufmannschaft -hat für eine gewisse Art von Menschen seine großen -Unannehmlichkeiten. Ob Sie in Ihrem Alter und — wie -er lächelnd hinzusetzte — als deutscher Edelmann dabei -aushalten, das ist noch die Frage. Aber angenommen -Sie bleiben standhaft und erlangen eine Stellung, in -der Ihre Arbeit sich lohnt, so haben Sie bei der consequentesten -Thätigkeit und Umsicht auch noch ungewöhnliches -Glück nöthig, wenn Sie das Ziel, das ich aus -Ihrem Brief kenne, endlich erreichen wollen. Ist Ihnen -das Glück nicht günstig, werden Ihnen bloß die Früchte -des Fleißes zu Theil, so verfehlen Sie Ihren Zweck.“</p> - -<p>„Gut,“ rief hier die Baronin, „das schreckte Sie ab -und Sie suchten —“ — „Keineswegs,“ fiel Arthur ein, -„das schreckte mich nicht ab, denn ich war auf solche -Einwendungen vorbereitet. Ich erwiederte mit Entschiedenheit, -mein Entschluß sey reiflich erwogen, ich fühle -mich zu dieser Thätigkeit hingezogen und habe mehr Vorkenntnisse, -als er mir vielleicht zutraue; Mühen und -Anstrengungen vermöchten mich nicht abzuschrecken und -ich könne mich des Glaubens nicht erwehren, daß ich -auf diesem Wege erreichen werde, was ich suche. Herr -Goodman, der mich mit Ruhe angehört hatte, ergriff -nun meine Hand mit jener männlichen Herzlichkeit, welche -der Engländer denjenigen zeigt, die ihm gefallen. „Wenn -das ist,“ versetzte er, dann will ich nicht mehr abmahnen, -sondern helfen.“ Er hielt Wort — und Arthur Waldfels -trat als Lehrling in seine Handlung ein.</p> - -<p>Diese Eröffnung machte auf die Baronin und Anna -einen gleich starken, aber sehr verschiedenen Eindruck. -Die Verlobte, die sich zwar immer zu der Annahme der -Mutter geneigt, aber sich nie ganz für sie entschieden -hatte, war bei den ersten Worten Arthurs im Klaren. -Gehörte nun auch nach ihrer Ansicht ein ungewöhnlicher -Entschluß dazu, einen solchen Stand zu ergreifen, so -war die Ausführung nur ein Beweis mehr für die Tiefe -und Innigkeit seiner Liebe. In ihr erweckte daher diese -Mittheilung nur Rührung, und aus ihren Mienen sprach -eine herzliche Genugthuung. Frau von Holdingen dagegen -erschien ganz außer Fassung gebracht. Mit der -Röthe der Verlegenheit auf ihrem Gesicht rief sie: „Kaufmannslehrling! -— ein Baron von Waldfels — — -Ah,“ setzte sie nach einem Moment auf die Ahnenbilder -deutend hinzu, „was würden diese da zu einem solchen -Schritt ihres Abkömmlings gesagt haben!“ — „Diese -da,“ entgegnete Arthur, „würden sich wohl nicht in der -Lage befinden, von Ihnen gegenwärtig angerufen zu -werden, wenn ich jenen Schritt nicht gethan hätte!“</p> - -<p>Die Baronin war bei allen ihren Lieblingsanschauungen, -wie dem Leser schon bekannt ist, eine verständige -und keineswegs unpraktische Frau. Von dem Gewicht -dieser Entgegnung getroffen und an die guten Folgen -des seltsamen Unternehmens erinnert, faßte sie sich und -erwiederte lächelnd: „Es mag wahr seyn. Am Ende -gilt hier das Wort: der Zweck —“ — „Heiligt das -Mittel?“ fiel Arthur ein. „In diesem Falle gewiß! -Erlauben Sie mir übrigens, Sie auf das letzte der von -Ihnen angerufenen Bilder aufmerksam zu machen: es -stellt eine Dame vor, die, wie Sie sich erinnern werden, -von Kaufleuten abstammt.“ — „Es ist wahr,“ rief -die Baronin, auf welche das Bekannte, an das Arthur -sie mahnte, wie eine Enthüllung wirkte. „Der Genius -der Mutter hat in Ihnen gesiegt!“ — „Und dem Himmel -sey dafür gedankt!“ versetzte Arthur; „denn der Genius -meines Vaters — mit aller Hochachtung sey von ihm -gesprochen — hätte mich schwerlich nach Waldfels zurückgeführt.“ -— Die Baronin, welche die Wahrheit -dieses Wortes zugeben mußte, schwieg. Sie nahm sich -zusammen und sagte dann mit Anmuth: „Verzeihen Sie -meine Verwunderung über Ihren Entschluß, dessen Ungewöhnlichkeit -Sie selber nicht läugnen werden. Sie -haben reussirt — das ist die Hauptsache.“</p> - -<p>„Im Vorgefühl des Erfolgs,“ bemerkte Arthur, -„wurde ich Kaufmann. Da ich gegen Herrn Goodman -meine Ehre verpfändet hatte, so erfüllte ich alle meine -Pflichten, auch die unerfreulichen, gewissenhaft. Mancher -Auftrag schien mir nur ertheilt zu werden, um -meine Geduld zu prüfen; ich bestand die Probe. Meine -wissenschaftliche Bildung, meine Vorkenntnisse und eine -gewisse Anlage zum praktischen Denken förderten mich -rasch. Ich begriff den Zweck dessen, was ich treiben -sollte, und lernte um so leichter. Ich hatte den Zusammenhang -der verschiedenen Arbeiten vor Augen, und -die einzelnen erschienen mir um so interessanter. Es -dünkte mich, als ob jeder Tag mich weiter brächte, und -schon jetzt machte ich die angenehme Erfahrung, daß das -Schwierige mir geläufig wurde. — Sie sehen aus allem, -daß ich ein ungewöhnlicher Lehrling war; ich hatte -auch ein ungewöhnliches Schicksal. Noch war kein Vierteljahr -verflossen, als mich Goodman zu sich rufen ließ, -meine Ausdauer, meine Gewandtheit hervorhob und zu -dem Schluß kam, daß ich verdiene, ein Kaufmann zu -werden. (Hier konnte sich Frau von Holdingen nicht -enthalten, ein wenig die Achseln zu zucken.) Er eröffnete -mir, daß er mich in eine Stelle bringen könne, die mich -unter glücklichen Umständen rasch fördern werde, — in -die Stelle eines Commis bei einem Geschäftsfreund in -Calcutta. Ich war auf’s angenehmste überrascht. Ostindien -war das Land meiner kaufmännischen Träume -und ich sah in diesem Ruf eine besonders günstige Vorbedeutung. -Goodman hatte mir Aufträge in seinem Interesse -zu ertheilen und rüstete mich mit den nöthigen -Geldern aus. Ich beeilte mich, dieses erste Resultat -nach Deutschland zu melden, und ein rascher Segler -trug Cäsar und sein Glück.“</p> - -<p>„Die Fahrt ging verhältnißmäßig schnell und ohne -besondere Abenteuer vorüber — die „Stadt der Paläste“ -lag vor mir. Ich erinnere mich noch wohl der zauberhaften -Empfindung beim ersten Anblick und des Staunens, -welches Tage lang bei mir anhielt. Eine Stadt, -welche mit der Pracht Europas und der Pracht Asiens -die Augen blendet — die Vereinigung der wunderbarsten -Contraste — der Versammlungsort von Repräsentanten -aller Nationen, aller Religionen und aller Stände -— der Schauplatz der mannigfaltigsten und seltsamsten -Gesichter, Figuren und Trachten im Rahmen einer tropischen -Natur! — Es steht wie ein Mährchen vor den -Augen, aber dieses Mährchen ist Wirklichkeit! — Doch,“ -unterbrach sich der Erzähler mit einem Lächeln, „ich -muß der Lust zu schildern Widerstand leisten, wenn ich -meinen Bericht heute noch zu Ende bringen soll. Also -zur Sache!“</p> - -<p>„Ich wurde von dem Handelsfreunde meines Londoner -Beschützers, Herrn Warren, gütig empfangen, -besorgte mit seiner Hülfe die übernommenen Aufträge -und trat als letzter Commis in ein großartiges Geschäft -ein. Die neuen Verhältnisse machten neue Anstrengungen -nöthig; aber ich ließ es daran nicht fehlen und orientirte -mich bald. Das Talent — Sie erlauben mir -schon, mir so etwas beizulegen — und die Liebe zur -Sache erleichtern jede Arbeit. Man hat damit schon -vorher eine Ahnung von dem, was man sich zu eigen -machen soll; man sucht und man findet. Je weiter man -vorrückt, je klarer und angenehmer wird die Thätigkeit. -Für Leute, die reflektiren — und als guter Deutscher -gehör’ ich zu diesen — hat die Beobachtung eines so -bedeutenden Handelshauses an sich großen Reiz. Wie -in einem gut regierten Staate thut jeder an seiner Stelle -seine Pflicht, und das Haupt, allein oder mit Hülfe des -Fähigsten, lenkt das Ganze und läßt Gedanken ausführen -zum Gedeihen des Ganzen. Man benützt die -Schöpfungen der Vorfahren, Erfindungen und Einrichtungen, -welche dazu dienen, die Geschäfte zu vereinfachen -und zu erleichtern. Wohlgeführte Bücher bewirken eine -Art von Allwissenheit; sie befähigen den Kaufmann, -über den Stand der mannigfaltigsten Geschäfte und Beziehungen -sich jederzeit Rechenschaft zu geben. Der Geist -herrscht, der Stoff ist bewältigt. Es ist ein Gefühl, -ganz ähnlich dem eines Generals, der eine Armee kommandirt, -oder dem eines Künstlers, der seinem Gegenstand -Form und Schönheit gibt.“ Arthur hielt ein -wenig inne und richtete seinen Blick auf den Rentier, -dessen Gesicht bei den letzten Worten, im Andenken an -die Zeiten, wo er selber als Buchhalter wirkte, sich angenehm -aufgeklärt hatte. Die beiden Geschäftsleute -nickten einander zu und Arthur nahm seine Erzählung -wieder auf.</p> - -<p>„Ich arbeitete mich rasch empor. Warren, den mein -Eifer freute, begünstigte mich ungewöhnlich. In den -ersten dritthalb Jahren fungirte ich als Korrespondent -und als Reisender. Bei einer Handlung, die jährlich -Millionen umsetzte, dürfen Sie hier an nichts Kleinliches -denken. Ich vermittelte bedeutende Geschäfte, lernte -Land und Menschen kennen, lernte die Sprache des -Landes und konnte unserem Hause manchen guten Dienst -leisten. Gestützt auf solide Kenntnisse regte sich mein -Geist und ich hatte <em class="gesperrt">Ideen</em>. Warren hörte sie, hieß sie -gut, und sie bewährten sich. Wir ersahen hie und dort -unsern Vortheil, kauften wohlfeil ein, verkauften theuer -und machten großen Gewinn.“</p> - -<p>Bei dieser Mittheilung war die Baronin bedenklich -geworden, und unwillkürlich rief sie: „Aber Sie werden -doch nicht —“ — Sie hielt inne, das Wort wollte nicht -über die Zunge. — „Betrogen haben?“ ergänzte Arthur -heiter. „Mit nichten, verehrte Frau! — Erlauben -Sie mir, bei dieser Gelegenheit überhaupt mich der -Kaufmannschaft anzunehmen. Daß im Handel betrogen -wird, ja, daß der Handel zum Betrug reizt, will ich -nicht läugnen. Aber der Betrug ist hier, wie auf andern -Gebieten, nur ein Surrogat für mangelnde positive -Eigenschaften. Um als Kaufmann etwas zu erwerben, -muß man Kenntnisse, Verstand, Einfälle, Muth -und Glück haben. Wer dieß nicht hat und doch zu etwas -kommen will, der wird sich auf Betrug legen. In -der Regel wird aber gerade der Betrüger die kleinen und -mittelmäßigen, der begabte und muthige Kaufmann dagegen -die großen Geschäfte machen. Nur muß man die -Dinge sehen, wie sie sind. Wenn ich ein Auge habe auf -die politischen und merkantilischen Ereignisse, wenn ich -in die Zukunft sehe, ihre Bedürfnisse erkenne und zu -rechter Zeit mich in den Stand setze, sie zu befriedigen, -so bin ich ein guter Geschäftsmann und kein Betrüger. -Wenn ich mir Waaren verschaffe, wo sie billig, und sie -dahin fördere, wo sie theuer sind, benachtheilige ich -weder Verkäufer noch Käufer, im Gegentheil, ich diene -beiden und verdiene ihren Dank. Ich nehme von dem, -der abgeben will, und gebe ab an den, der nehmen -will; ich befriedige die Wünsche beider und nütze beiden. -Der Gewinn, der dabei abfällt, gebührt mir von Rechtswegen, -denn ich habe gethan, was ihn zur Folge hat, -und niemand gehindert, dasselbe zu thun. — Shakespeare, -wie Sie wissen, nennt seinen Kaufmann von Venedig -einen <em class="gesperrt">königlichen</em> Kaufmann. Kann man denken, -daß Antonio sich mit Betrug abgegeben hat? Aber solcher -königlichen Kaufleute gibt es jetzt mehr als jemals. -Es gibt Männer, die sich an dem Handel betheiligen -mit dem vollen Bewußtseyn der segensreichen Wirkungen -desselben für die Welt, Männer, deren Reichthum die -Frucht ihrer Einsicht und ihres Fleißes ist und die von -ihm noch dazu den achtungswerthesten Gebrauch machen.“</p> - -<p>„Ich geb’ es zu,“ erwiederte die Baronin, „und sehe -nun wohl, zu welchen Kaufleuten Sie sich gesellt haben.“ -— Arthur fuhr fort: „Die Folge meiner Dienstleistungen -war, daß mir Warren sein ganzes Vertrauen schenkte. -Er gab mir davon den sprechendsten Beweis, indem er -mich zu dem Posten eines Disponenten oder Handlungsvorstehers -erhob.“ — „Das also,“ fiel die Baronin lächelnd -ein, „war der bedeutende Posten, zu dem Sie -sich emporgeschwungen haben? Ich will Ihnen gestehen, -ich dachte, Sie wären wenigstens Major geworden. -Nachdem ich Ihren ersten Brief aus Calcutta gelesen, -glaubte ich nämlich nicht anders, als Sie hätten den -Militärstand ergriffen.“ — „Damit sagen Sie mir nichts -Neues,“ versetzte Arthur. „Ich konnte das schon lange -aus Annas Briefen abnehmen. Allein gestatten Sie -mir eine Bemerkung. Wenn ich auch Geld und Gunst -genug gehabt hätte, um die dort gewöhnliche Zahl oder -Unzahl von Concurrenten aus dem Felde zu schlagen -und eine Lieutenantsstelle zu erlangen, so wäre ich dadurch -in derselben Zeit doch schwerlich in den Stand -gesetzt worden, mit solchen Erübrigungen nach Hause zu -kehren. Ich will nicht läugnen, daß man auch als -Offizier in Indien sein Glück machen kann, zumal wenn -man in dieser Eigenschaft mit irgend einem diplomatischen -Posten betraut wird; allein immer bleibt der Unterschied, -daß der Offizier, wenn nicht außergewöhnliche Einflüsse -im Spiele sind, die Gaben der Fortuna erwarten -muß, während der Kaufmann ihnen entgegen gehen kann. -Ich fühlte einen Drang, selbstständiger zu handeln, meine -Gedanken rascher zu verwerthen, und wählte den Stand -des Kaufmanns.“</p> - -<p>„Das mag seyn,“ erwiederte die Baronin; „allein ich -wurde zu meiner Annahme durch den Glauben verleitet, -Offizier zu werden läge dem Baron Waldfels am nächsten.“ -— „Ich begreife das,“ versetzte Arthur. „In -Deutschland sieht man das so an, aber in England und -in Indien hat man dafür einen andern Standpunkt.“ -— Anna, die mit großer Aufmerksamkeit zugehört hatte, -wagte hier die Mutter daran zu erinnern, daß das indische -Reich einer Gesellschaft von Kaufleuten seine -Gründung verdanke und noch von einer solchen regiert -werde. „Die Armee steht im Dienste der Compagnie, -sie wird von einem Manne befehligt, den diese gewählt -hat, und es ist wohl natürlich, daß die Machthaber sich -nicht unter ihren Dienern fühlen, wie ehrenvoll die -Stellung derselben auch seyn mag.“</p> - -<p>Frau von Holdingen erröthete ein wenig. Es war -ihr begegnet, was so oft geschieht: sie kannte die Thatsachen, -aber sie hatte nie diese Folgerung daraus gezogen. -Arthur bemerkte: „Allerdings regiert in Indien -eine Handelsgesellschaft, wenn auch nicht absolut, und -diese Gesellschaft hat nicht nur Diener aus den ersten -Familien Englands, sie hat auch Fürsten und Könige -des Landes unter sich und schreibt ihnen die Wege vor, -die sie wandeln sollen. Daß bei solchen Verhältnissen -der Kaufmann, zumal wenn er Aktien der Compagnie -besitzt, ein nicht geringes Selbstgefühl hat, ist schwerlich -zu verwundern. Doch,“ setzte er hinzu, „das hat er -auch in Deutschland, und man gönnt es ihm, wenn er -reich ist.“ — „Nun wohl,“ rief die Baronin nicht ohne -eine gewisse gute Laune, „ich bin überwunden und Ihre -Erzählung wird von jetzt an vor meinen Einreden sicher -seyn.“ — „Ich bitte Sie um das Gegentheil,“ versetzte -Arthur. „Wenn mein Bericht Anlaß zu einer interessanten -Erörterung gibt, so ist es um so besser. Lassen -Sie mich übrigens bei dieser Gelegenheit noch gestehen, -daß der Stolz der Geburt — und zwar nicht nur der, -den man zeigen zu können glaubt, sondern auch der, -den man innerlich hegt und aus Klugheit hinter Höflichkeit -verbirgt — daß dieser Stolz, sage ich, für den, der -nachzudenken pflegt, eben in Indien einer starken Probe -ausgesetzt ist. Wenn man den Kastengeist in seiner vollendetsten -Ausbildung und mit all seinen Folgen erblickt, -wenn man jenen Stolz an Persönlichkeiten wahrnimmt, -bei denen er uns absurd und lächerlich erscheint, -wenn man überhaupt die verschiedensten Menschen mit -den verschiedensten Prätensionen hervortreten sieht, die -man schwach finden muß, so kann man sich wohl fragen, -ob man nicht Ursache hat, das eigene Selbstgefühl eben -so zu beurtheilen.“</p> - -<p>Die Baronin mußte ihre Zusage schon jetzt brechen, -indem sie sich nicht enthalten konnte, zu rufen: „Wie, -wollen Sie Geburt und Stand für nichts erklären?“ — -„Keineswegs,“ erwiederte Arthur mit Ernst. „In einer -Welt, wo sich jeder seiner Vorzüge freut und sich etwas -darauf zu gute thut, freue ich mich auch dessen, was -mir zu Theil geworden ist, und namentlich des Glücks, -unter meinen Vorfahren Männer zu wissen, die sich in -Krieg und Frieden ausgezeichnet und das Ansehen verdient -haben, dessen sie genossen. Ich sehe mit Liebe -und Stolz auf die Bilder, die ihre Züge bewahren, -und danke Gott, daß der Boden, auf dem sie gewandelt -sind, wieder mein Eigenthum geworden ist. Baron -Waldfels,“ setzte er heiter hinzu, „klingt schön, und ich -freue mich, so genannt zu werden.“ — „Gut!“ rief die -Baronin ebenfalls heiter; „aber? — denn ein Aber wird -doch nicht fehlen.“ — „Aber,“ fuhr Arthur fort, „indem -ich mich dieser Empfindung hingebe, sind meine -Augen offen für die Vorzüge Anderer, ich bewundere -diejenigen, mit welchen Gott die Geister und Herzen der -Menschen ausgestattet hat, und ich empfinde Hochachtung, -wo ich unter andern Umständen vielleicht nur eine gönnerhafte -Billigung hätte blicken lassen, die uns nicht -mehr zu Gesichte steht. Ich will es Ihnen gestehen, ich -hatte dazu einen gewissen Hang und es war gut, daß -ich durch das Schicksal davon geheilt wurde.“ — „Ich -habe zwar,“ versetzte die Baronin, „von einem solchen -Hang nichts bemerkt; indessen wollen wir Ihr Wort -gelten lassen und dafür um die Fortsetzung Ihrer Geschichte -bitten.“</p> - -<p>Arthur begann wieder: „Es war ein Beweis großen -Vertrauens, daß mich Warren so jung auf diesen Posten -erhob; allein ich kann sagen, daß ich es rechtfertigte. -Die Geschäfte gingen lebhafter als je und ich nützte dem -Hause auf mannigfaltige Weise. Da ich einen Gehalt -hatte, um den mich ein Major hätte beneiden können, -der Chef des Hauses mir überdieß einen Antheil an dem -Gewinn bewilligte, so gediehen dabei auch meine eigenen -Angelegenheiten und ich sammelte mir, was bei uns ein -Vermögen seyn würde, dort aber freilich nicht viel heißen -will. Dennoch konnte ich damit etwas thun, was mich -außerordentlich freute und immer meine schönste Erinnerung -von jenem Lande bleiben wird.“</p> - -<p>Als Arthur hier eine kleine Pause machte, sahen ihn -die Zuhörer erwartungsvoll an, und er fuhr fort: „Nicht -lange nach meiner Ankunft in Calcutta hatte ich die -Bekanntschaft eines Kaufmanns gemacht, der um etliche -Jahre älter war als ich, eine anmuthige Frau und reizende -Kinder hatte. Ich kam oft in sein Haus, denn -es gehört zu meinen größten Genüssen, Glückliche zu -sehen, und namentlich eine glückliche Familie. Im Lauf -der Zeit wurde aus der Bekanntschaft wahre, herzliche -Freundschaft. Mackenzie war ein Engländer von der -besten Art, jeder Zoll ein Gentleman, und besonders -unter den Seinen von dem angenehmsten Humor und -der größten Liebenswürdigkeit. Eines Abends, als ich -ihn aufsuchte, traf ich ihn in seinem Zimmer allein und -sehr niedergeschlagen. Er wollte eine Zeitlang nicht mit -der Sprache heraus; endlich gestand er mir, daß er in -jüngster Zeit einen großen Verlust erlitten habe und daß -gegenwärtig beinahe sein ganzes Vermögen einem Schiff -anvertraut sey, das er mit einer Ladung Baumwolle nach -Europa geschickt habe und mit Manufakturwaaren zurück -erwarte. Ich tröstete ihn, so gut ich konnte, und es -gelang mir, ihn wieder aufzuheitern. Bald darauf kam -ein Gerücht zu meinen Ohren, das Schiff Mackenzie’s -sey verunglückt. Ich ging sogleich zu ihm und fand ihn -in stummer Verzweiflung. Auch er wußte nichts Bestimmtes, -aber er sah voraus, daß in Folge dieses Gerüchts -Forderungen bei ihm eingehen würden, denen -gegenüber er sich für insolvent erklären müsse. Mein -Entschluß war gleich gefaßt; ich eilte nach Hause und -bald konnte ich dem Bedrängten nicht nur mein Vermögen, -sondern auch eine namhafte Summe von Warren -zur Verfügung stellen. Die ängstlichen Gläubiger -wurden befriedigt und mein Freund war gerettet.“</p> - -<p>„Ah,“ rief die Baronin, „da sieht man den Edelmann -unter den Kaufleuten!“ — Arthur erwiederte: -„Es wäre schlimm für die gedrängten Kaufleute, wenn -nur die Barone unter ihnen einer solchen Handlung -fähig wären! — Uebrigens hatte diese Aushülfe die -Folgen der feinsten Spekulation: sie war es, die mein -Glück entschied. Das Schiff Mackenzies war allerdings -einem heftigen Sturm ausgesetzt gewesen, aber es hatte -ihn bestanden und lief eine Woche später glücklich ein. -Freude und Wohlstand kehrten mit ihm wieder. Mein -Freund, dessen erhobener Geist sich jetzt mit kühnen -Entwürfen trug, bat mich dringend, mich mit ihm zu -verbinden, und da ein vor kurzem angekommener Verwandter -Warrens nach meiner Stelle trachtete, so gab -ich nach. Wir strengten unser Talent an, wir wagten -und wir gewannen. — Ach, liebe Mutter,“ fuhr der -Erzähler fort, „welchen Reiz hat das Leben eines Kaufmanns! -In welcher Spannung wird er erhalten und -in welches Entzücken kann er versetzt werden! Nichts -gleicht der Freude, die er empfindet, wenn ein wohlberechnetes, -aber immer noch gewagtes Unternehmen -gelingt und der Segen desselben in goldener Wirklichkeit -in sein Haus einzieht.“</p> - -<p>Annas Gesicht erheiterte sich bei diesen Worten und -sie sagte: „Es scheint doch, daß du nach und nach gelernt -hast, dein Metier um seiner selbst willen zu lieben.“ -— „In gewissem Sinn allerdings,“ erwiederte Arthur, -„ich will es nicht läugnen; aber doch nicht eigentlich. -Der Beweis liegt vor. Als ich das Vermögen, das ich -in die Handlung meines Freundes gebracht hatte, um -das Vierfache gemehrt sah und hinreichend fand, um -denen, die mich so großmüthig hatten ziehen lassen, ein -angenehmes und würdiges Loos zu schaffen, da sagte -ich zu mir selber: Genug! und kündigte dem Freund -meinen Entschluß an, nach Deutschland zurückzukehren.“ -— Ein Blick von Liebe und Dankbarkeit war die Antwort -der Verlobten, ein beifälliges Kopfnicken verrieth -die Empfindung der Baronin.</p> - -<p>„Mackenzie bot alle Kraft der Ueberredung auf, -mich zurückzuhalten. Er rief: Das Glück ist für uns, -noch einige Jahre und wir sind Millionäre! Obwohl -diese Aussicht reizend und die Liebe, die mein Freund -für mich an den Tag legte, rührend war, so blieb ich -dennoch fest, wobei ich übrigens gern gestehe, daß das -Gewicht des Hauptgrundes, der mich nach Hause trieb, -durch das einiger andern noch verstärkt wurde.“ — -„Und die sind?“ fragte die Baronin. — „Zunächst das -Klima, das zu einem Leben nöthigt, in welchem die -Sinne eine größere Rolle spielen, als einem Deutschen -von meinem Schlage lieb seyn kann. Wir haben dort -Monate der schönsten und angenehmsten Witterung; -aber auf sie folgt eine heiße Zeit, gegen deren Gipfelpunkte -die heißen Tage in Deutschland Kinderspiel sind, -und die Glut wird endlich durch eine Regenzeit gekühlt, -deren stärkste Ergießungen die Welt scheinen ertränken -zu wollen. Die Feinde der Menschheit unter den Insekten -und Amphibien bedrohen und verfolgen uns fast -unausgesetzt, und man kann Dinge erleben, die an eine -Landplage Egyptens erinnern. Allerdings wissen sich -die Reichen gegen die Unbilden der Natur zu schützen, -und es ist interessant, die verschiedenen Mittel kennen -zu lernen, durch welche man jene lästigen Erscheinungen -zu beseitigen oder zu mildern sucht. Die Häuser erhalten -durch solche Einrichtungen einen neuen Zuwachs von -Prunk und einen sehr eigenthümlichen Charakter. Allein -diese Rücksichtnahme auf materielle Anfechtungen und -die Erholungen, die man sich dabei gönnen zu müssen -glaubt, machen selber materiell, und es gehört ein fester -Wille dazu, wie er nicht jedermanns Sache ist, um den -Kopf oben zu halten und den verschiedenen Reizungen -zu widerstehen. — Was mich betrifft, so war ich von -einem Gedanken erfüllt und durch eine, ich darf wohl -sagen fieberhafte Thätigkeit in Anspruch genommen. Ich -ging also durch die Ausflüsse des Klimas hindurch zu -dem Ziel hin, das ich als Leitstern vor Augen hatte. -Mein Wille und mein Streben hoben meine Körperkraft -und ließen mich die Anfälle der tropischen Natur überwinden. -Aber zuletzt war ich doch froh bei dem Gedanken, -den Anstrengungen und Aufregungen des dortigen Lebens -zu entgehen und zu einer geistigeren Existenz in -das Vaterland zurückkehren zu können.“ — „Das leuchtet -ein,“ bemerkte die Baronin.</p> - -<p>„Ein anderer Grund lag in den politischen Verhältnissen -des Landes. Ich bin zwar ein zu guter Germane -und glaube zu sehr an einen vernünftigen Gang -der Geschichte, als daß ich die Herrschaft der Engländer -in Indien für ein Uebel und nicht vielmehr für einen -Erfolg im Interesse des Menschengeschlechts halten sollte. -Ich kenne auch wohl die Anstalten, die man in’s Leben -gerufen hat, um jene Herrschaft im Sinne des Geistes -und der Kultur zu rechtfertigen. Aber bis jetzt sind -mit ihr immer noch gewaltige Mißbräuche verbunden, -Mißbräuche auf Kosten der Eingeborenen, von denen -auch nicht abzusehen ist, wann sie ein Ende finden -können und werden. Ich will ein andermal Beispiele -geben und Sie werden mir dann zugestehen, daß das -englische Indien kein Land ist, wo ein Mann von -meiner Lebensanschauung wünschen konnte, Hütten zu -bauen.“</p> - -<p>„Ich begreife das,“ nahm jetzt der Pfarrer das -Wort, „freue mich aber, daß Sie über das englische -Regiment nicht den Stab zu brechen haben. Denn wir -müssen an dem Glauben festhalten, daß die Herrschaft -eines christlichen Volks und die geistigen Güter, die sie -mitbringen, dem beherrschten Lande zuletzt immer zum -Segen gereichen werden.“</p> - -<p>„Hoffen wir das und glauben wir, daß die Keime, -die jetzt vorhanden sind, nach und nach sich entfalten -werden. Aber mein Herz trachtete endlich aus diesen -Verhältnissen heraus, nach dem Aufenthalt im Vaterlande, -wo das Christenthum das Leben zwar auch noch -lange nicht ganz nach seinen Grundsätzen gemodelt hat, -aber in der Umbildung doch schon weiter gekommen ist. -— Meine Sehnsucht nach der Heimath,“ fuhr der Erzähler -zu Anna gewendet fort, „wurde hauptsächlich -durch die Briefe angefacht und gemehrt, die ich aus -Schönbach erhielt und die mir in der Glut meiner -Thätigkeit die köstlichste Erquickung waren. Wie reizend -die Schilderung des äußern Lebens, wie schön und ergreifend -die Mittheilungen aus dem innern! — Da es -mir nicht einfallen konnte, dich und die Mutter nach -Indien zu rufen, so blieb mir nichts übrig, als nach -erreichtem Zwecke zu euch nach Deutschland zu eilen. — -Ich stellte meinem Freund alle diese Verhältnisse vor -und überzeugte ihn; und mit demselben Eifer, mit -welchem er sich zuerst meiner Abreise widersetzt hatte, -förderte er sie nun. Das Vermögen, das ich mir im -Schweiß meines Angesichts erworben hatte, wurde mir -in London und Hamburg zur Verfügung gestellt; ich -nahm Abschied und bestieg das Schiff, das mich nach -Europa führen sollte. — Darf ich dir gestehen, daß ich -in den letzten Tagen, wo meine Seele bei dem Gedanken -jauchzte, dich und meine Freunde in Deutschland -wiederzusehen, doch Augenblicke hatte, wo ich Bedauern -empfand, von dem Feld meiner Thaten auf -immer scheiden zu müssen? — Mein Leben ist im Vaterland, -und ihm will ich dienen, nachdem ich mir die -Mittel verschafft habe, es in meinem Sinne zu thun. -Aber nie werde ich jenes Land vergessen mit den Wundern -seiner Natur und seiner alten Kunst! Nie die gewaltigen -Eindrücke auf meinen Reisen und die Abenteuer, -die ich erlebte! Nie die kolossale Thätigkeit der -Hauptstadt und die großartigen Erscheinungen ihres -Weltverkehrs!“</p> - -<p>Als Arthur nach diesen mit Wärme gesprochenen -Worten innehielt, benützte Frau von Holdingen die -Gelegenheit, zu fragen, wie es sich denn mit den Gefahren -verhalte, die er in jenem Lande bestanden habe. -Sie wolle bekennen, durch diese Nachricht hauptsächlich -in ihrer Meinung bestärkt worden zu seyn, daß er in -der Armee diene. Arthur erwiederte: „In einem Lande, -wo es Löwen, Tiger und Schlangen erster Größe gibt, -in welchem, wie Sie aus den Zeitungen erfahren haben -werden, ein Geheimbund von Schwärmern existirt, die -ihrer Gottheit durch Mordthaten zu huldigen suchen, -und wo der Reisende fast ausschließlich auf Selbsthülfe -angewiesen ist, da braucht man keineswegs Militär zu -seyn, um in Lebensgefahr zu gerathen. Ich werde -Ihnen die Abenteuer gelegentlich mittheilen, die mir -aufstießen, und kann Ihnen jetzt schon sagen, daß ich -mich dabei auf eine Weise aus der Affaire gezogen -habe, die eines Cavaliers nicht ganz unwürdig war.“</p> - -<p>„Nun, Gott sey Dank,“ fiel Anna ein, „du bist -jetzt zu Schiff und hast dieses Land hinter dir!“ — -„Ja,“ versetzte Arthur, „ich bin zu Schiff, ich segle -nach Europa mit dem Landsmanne, den ihr hier seht -und der mir in den letzten Jahren der treueste Gehülfe -war. Die Reise ging auch dießmal ohne jedes außergewöhnliche -Erlebniß von Statten. Wir fuhren zuerst -nach London. Da ich Goodman wieder einen kaufmännischen -Gefallen hatte erweisen können, so empfing -er mich mit doppelter Freude und war stolz auf seinen -Zögling. — Von London aus, wo ich mehrere Tage -verweilen mußte, schrieb ich an unsern würdigen Freund -Hellmuth. — Was man wünscht, das glaubt man gern. -Ich konnte nicht umhin zu hoffen, daß Waldfels wieder -zu erlangen seyn würde; und da man in solchen -Fällen eine gewisse ahnungsvolle Aengstlichkeit hat, so -bat ich unsern Freund, mein Anerbieten sogleich Herrn -von Pranger mitzutheilen. Mein Brief kam zu rechter -Zeit, denn schon waren die Gläubiger im Begriff, es -an einen Liebhaber abzugeben.“</p> - -<p>„So ist es,“ bemerkte der Rentier auf einen fragenden -Blick der Baronin. „Da mir aber der Herr -Baron den unkaufmännischen Auftrag gegeben hatte, -genau denselben Preis, den er dafür erhalten, wieder -zu bieten, so war es mir leicht, den Concurrenten aus -dem Felde zu schlagen. Die runde Summe trug übrigens -dazu bei, Herrn von Pranger den Vergleich mit seinen -Gläubigern zu erleichtern und ihm die Fortführung -seines Geschäfts möglich zu machen.“</p> - -<p>„Das hör’ ich gerne,“ rief Anna. „Möge ihm der -Verkauf des Gutes so wohl gedeihen, wie dir,“ sagte -sie zu Arthur. — Dieser nickte und fuhr fort: „Die -Nachricht von dem Abschluß des Kaufs traf mich in -Hamburg. Ich sandte Herrn Schmidt nach Schönbach -und eilte nach Waldfels, um es würdig zu machen für -den Einzug meiner theuersten Gäste. — Daß ich diese -gesund und froh wiedergesehen habe, das ist die Krone -meines Glücks — und Gott möge es mir erhalten!“</p> - -<p>Nach diesen herzlich und feierlich gesprochenen Worten -trat eine Stille in der Versammlung ein, indem alle -den Empfindungen sich hingaben, welche die Erzählung -in ihnen angeregt hatte. Dann ergriff Arthur auf’s -neue das Wort und sagte: „Wenn ich zurückdenke an -die Zeit des letzten Abschiednehmens, so kommt mir -alles, was unterdessen geschehen ist, wie ein Traum -vor. Ich frage mich, wie das, was jetzt als eine Thatsache -vor mir liegt, möglich gewesen, und erschüttert -danke ich dem Himmel, der solche Wunder an mir gethan -hat. Der Instinkt, der mich beherrschte, hat mich -richtig geleitet; das Bild meiner Phantasie ist eine -Wahrheit geworden. Ich habe alles, was mir zur -Freude des Lebens nothwendig ist, ich bin in den -Stand gesetzt, meinem Vaterlande und meinen Freunden -nach meiner Neigung zu dienen. Und dieses Glück habe -ich mir erkämpft, es ruht auf Arbeiten, deren Erinnerung -mich erfreut und erhebt, und die mir Bürge seyn -dürfen, daß ich mir’s auch erhalten werde. O meine -Freunde! ihr werdet mir glauben, wenn ich euch sage, -daß ich mich jetzt ohne Vergleich glücklicher fühle, als -wenn mir der Wohlstand, dessen ich mich erfreue, geschenkt -worden wäre. Gesegnet sey das Mißgeschick, -gesegnet sey die Nothwendigkeit, die mich zwang, durch -eigene Kraft mir Güter zu erwerben, die ich nun im -tiefsten Sinne des Wortes <em class="gesperrt">mein</em> nennen kann!“</p> - -<p>Einer unwillkürlichen Regung folgend, richtete er -dann seine Blicke auf das Porträt des Vaters, auf -welches eben der Schein der Lampe fiel. Der Baron, -der in seiner besten Zeit und in der schönsten Stimmung -gemalt worden war, sah mit frohem Selbstgefühl -auf die Gesellschaft, und dem phantasiebegabten Betrachter -konnte es scheinen, als ob ihn die Erzählung -des Sohnes mit freudiger Theilnahme erfüllt hätte. -Arthurs Augen glänzten; nie waren die liebenswürdigen -Eigenschaften des Vaters so klar und rein vor seiner -Seele gestanden, als in diesem Augenblick. Die Gesellschaft -errieth und begriff seine Gefühle. Mit heiterer -Miene wandte er sich zu der Baronin und sagte mit -der Laune eines liebevollen Gemüthes: „Werden Sie -mich jetzt absolviren, beste Mutter? Werden Sie mir -verzeihen, daß ich ein so ungewöhnliches Mittel ergriffen -habe, mein Wort zu halten?“ — „O,“ rief die Baronin -mit freundschaftlichem Vorwurf, „wollen Sie mich -beschämen? Sie sind gerechtfertigt durch den Erfolg, -der Ihr Unternehmen krönte, und wir müssen Sie preisen, -das Mittel gewählt zu haben, das zum Ziel führte.“</p> - -<p>Der erreichte Zweck hatte in der That seine Wirkung -auf die Seele der Baronin schon vollständig geübt, -das Mittel glänzte verschönt in den Strahlen seines -Lichtes. In dem Vergnügen, das sie nun empfand, -begegnete es ihr, den Schwiegersohn zu fragen: warum -er denn aus seinem Projekt ein Geheimniß gemacht und -sie nicht gleich in dasselbe eingeweiht habe? Hier konnten -Arthur und Anna nicht umhin, sich lächelnd anzusehen, -und jener versetzte: „Ich habe nicht zu hoffen gewagt, -daß meine Wahl schon vor dem Erfolg Gnade vor -Ihren Augen finden würde, und hielt es für sicherer, -zu schweigen.“ — Die Baronin hatte den Humor zu -erwiedern: „Sie mögen Recht gehabt haben.“ —</p> - -<p>Es war unvermerkt spät geworden. Der Mond -stand hoch am Himmel, der Zeiger der Uhr wies auf -eilf. Arthur trat zu einem Wandschrank, nahm ein -Papier heraus und sagte wiederkehrend zu Frau von -Holdingen: „Für heute hab’ ich noch eine Bitte an Sie. -Ich bin zwar aus Indien nicht als Millionär, aber -doch mit einem Vermögen zurückgekehrt, das durch den -Wiederkauf von Waldfels noch nicht erschöpft ist. Erlauben -Sie mir nun, daß ich auch Ihnen ein Geschenk -mache, wodurch Sie wieder das werden, was Sie zur -Zeit meiner Abreise gewesen sind: die Eigenthümerin -der kleinen, zierlichen Villa, in der wir so schöne Stunden -verlebt haben. Es ist jetzt für uns eine Zeit der -Restauration; und wenn Sie auch später mit uns das -Schloß bewohnen werden, so müssen Sie uns doch, wie -früher, in den geweihten Räumen zuweilen bewirthen -können.“ Er übergab ihr das Dokument und die Baronin -erwiederte: „Ich nehme das Geschenk an und danke -Ihnen von Herzen für Ihre Aufmerksamkeit. Ich irre -mich wohl nicht, wenn ich annehme, daß dort heute schon -alles zu unserer Aufnahme bereit ist?“ — „Allerdings,“ -versetzte Arthur. Die Baronin drückte ihm die Hand.</p> - - -<div class="chapter"> -<h3>VII.</h3> -</div> - -<p>Wie man sich denken kann, hatte schon die Ankunft -Arthurs und sein Einzug in Waldfels die Bewohner -der Umgegend in große Aufregung versetzt. Als man -aber bald nachher von den Vorbereitungen zu seiner -Vermählung Kunde bekam, steigerte sich die Theilnahme -auf’s Höchste. Dasselbe herzliche Mitgefühl äußerte sich -in allen Schichten der Bevölkerung, und da es sich -gleich von Anfang sehr entschieden aussprach, so wurde -auch von Seiten der früher geschworenen Anhänger des -Hauses Pranger kein Mißton laut, vielmehr machten -sie Anstalten sich zu bekehren.</p> - -<p>Am meisten Vergnügen herrschte vielleicht im Dorfe -Waldfels selber. Die ererbte Anhänglichkeit der Bauern -hätte sich bei diesem Anlaß auch bewährt, wenn der -Sprößling der alten Familie, der in sein Erbe zurückkehrte, -ohne persönliche Vorzüge gewesen wäre. Wie -freuten sie sich nun erst der Wiederkehr eines so liebenswürdigen -und gefeierten Herrn! Wie freuten sie sich -seines Reichthums, seines Ansehens, seiner schönen -Braut! Denn das hat der Träger eines alten Namens, -wenn er ihm Ehre macht durch Eigenschaften -des Geistes und Herzens, vor allen andern einmal voraus: -man findet seine Erfolge durchaus in der Ordnung -und hat selber ein Gefühl der Befriedigung, wenn -er Glücksgüter erwirbt, die seinem Rang entsprechen.</p> - -<p>Eine eigene Tonleiter von Empfindungen sollte bei -dieser Gelegenheit der Oberst von Waldfels durchlaufen. -Arthur hatte ihm seine Schicksale in einem Schreiben -mitgetheilt, das aus dem Städtchen datirt und bestimmt -war, ihn zu necken, indem das angenehme Resultat -erst in den letzten Zeilen erwähnt wurde. Bei dem -Worte „Kaufmannslehrling“ und „Handlungsdiener“ -gerieth der alte Krieger in eine schwer zu beschreibende -Entrüstung. Seine Augen funkelten, seine Hände zitterten -und er machte eine Bewegung, als wollte er den -Brief wegwerfen. Allein die Neugierde bewog ihn fortzufahren -und sein Blut begann ruhiger zu fließen, als -er von Rupien und Pfunden las. Im Ueberfliegen der -letzten Seite erhellten sich seine Züge mehr und mehr, -und als er an die Nachricht von der Wiedererwerbung -des Gutes kam, stieß er einen Freudenschrei aus. Er -las noch einmal, athmete tief auf und schüttelte dann -lächelnd den Kopf, indem er sagte: „Wer hätte dem -Jungen das zugetraut? — Zwar Verstand hat er immer -gehabt und Obstination wie ein Satan! — Kaufmann! -Verwünschter Einfall! — Aber die Hauptsache -ist, daß er den Rupienbaum geschüttelt hat, wie die -Engländer zu sagen pflegen. So oder so! Er ist der -Baron von Waldfels und — beim Teufel! er ist zu -rechter Zeit gekommen!“</p> - -<p>Um den letzten Ausdruck zu verstehen, muß man -wissen, daß der Oberst sich in der Zwischenzeit wieder -seiner alten Passion, dem Spiel, ergeben hatte und -in seinen Finanzen sehr zurückgekommen war. Der -Gedanke, daß Arthur bei seinem bekannten Charakter ihm -und namentlich auch seinem herangewachsenen Sohn -unter die Arme greifen werde, hatte etwas sehr Tröstliches -für ihn. Er konnte sich nicht enthalten, eine -gewisse Hochachtung vor dem reichen Mann zu empfinden, -und war stolz, sein Oheim zu seyn.</p> - -<p>In dem Briefe nach Waldfels eingeladen, beeilte -er sich, dem freundlichen Ruf zu folgen. Auf dem -Wege traf er durch einen eigenen Zufall mit Seiner -Excellenz dem Grafen zusammen. Dieser hatte seine -Stellung in Folge der politischen Ereignisse verloren, -neuerdings aber wieder gewonnen und war nun um so -ängstlicher darauf bedacht, sie zu behaupten. Als ihm -der Oberst seine Neuigkeit mittheilte, flüsterte ihm sein -Gewissen zu, daß er in dem reich gewordenen Verwandten -einen Gegner finden könnte; er wußte sich -aber zu beherrschen und drückte mit Würde seinen freudigen -Antheil aus, indem er hinzufügte, er sey überzeugt, -daß der Baron von Waldfels durch seine ausgezeichneten -Gaben die conservative Partei verstärken -und eine Zierde derselben seyn werde. Der Oberst hatte -die Bosheit, Seiner Excellenz die Möglichkeit entgegenzuhalten, -daß Arthur im Auslande liberale Grundsätze -eingesogen haben könnte und daß ihn eben seine -unabhängige Stellung verleiten könnte, sie geltend -zu machen. Der Graf erwiederte, er werde das von -einem Baron von Waldfels nun und nimmermehr -glauben.</p> - -<p>Das Wiedersehen zwischen Oheim und Neffen war -sehr herzlich. Der Oberst, dem graue Haare jetzt ein -ehrwürdiges Aussehen gaben, schloß den Glücklichen in -seine Arme und belegte ihn mit den schönsten Namen. -Arthur richtete auch an ihn die launige Frage: „Sind -Sie mit mir zufrieden? Grollen Sie mir nicht wegen —“ -— „Lieber Neffe,“ fiel der Oberst ein, „wer so viel -Glück hat, wie du, der hätte Unrecht, nicht das Sonderbarste -und Tollste zu unternehmen. — Scherz bei -Seite: du hast deine Sache gut gemacht und ich gebe -dir meinen Beifall.“</p> - -<p>Der alte Krieger lebte im Schlosse wieder ganz auf. -Daß Waldfels der Familie gesichert war, erfüllte ihn -mit stets erneuter Genugthuung. Arthur hatte sich auf -eine gelegentliche Anspielung bereit erklärt, für seinen -jungen „Vetter“ zu sorgen, was ihm eine große Last -von seinen Schultern nahm. In der Freude seines -Herzens zeigte er gegen die Damen von Holdingen alle -Galanterie, deren er fähig war. Man hätte ihn für -ganz verwandelt halten können, wenn er die alte Kraft -des Zorns nicht zuweilen gegen irgend einen Diener -bei einem wirklichen oder vermeintlichen Fehler desselben -gezeigt hätte.</p> - -<p>Bald nach dem Oberst trat ein anderer alter -Bekannter im Schlosse auf: Herr Samuel Rosenheimer. -Die Verhältnisse des Unterhändlers hatten sich ziemlich -gebessert, er fuhr mit einem Einspänner im Land herum, -wo er verschiedenartige Geschäfte mit Glück betrieb. -Eben mit seinem jüngsten Sohn im Städtchen anwesend -konnte er dem Verlangen nicht widerstehen, dem -Herrn Baron seinen Besuch zu machen. Die Begrüßung -war sehr warm. „Herr Baron,“ begann Rosenheimer -nach den ersten Complimenten, „ich kann Ihnen versichern, -keine größere Freude hab’ ich in meinem Leben -gehabt, als wie ich gehört hab’, daß Sie wieder in -unserem Lande angekommen sind! — und wie? — Edmund,“ -rief er seinem Sohn zu, „küß dem Herrn die -Hand! ’s ist ein großer Baron — aber ein noch größerer -Kaufmann. Sieh dir ihn genau an, damit du weißt, -wie so ein Herr aussieht!“ — Der Junge gaffte den -Belobten mit einer Mischung von Dreistigkeit und -Schüchternheit an, wobei indeß die Dreistigkeit überwog. -Arthur gab ihm die Hand und der Kleine drückte -einen Schmatz darauf.</p> - -<p>„Aber sagen Sie mir, Herr Baron,“ fuhr Rosenheimer -mit galantem Lächeln fort, „wie haben Sie’s -angefangen? Wie ist’s möglich, daß man in so kurzer -Zeit ein solches Vermögen sammeln kann? — Ja, ja,“ -setzte er hinzu, „wir dürfen uns gratuliren, daß nicht -mehr Herrn Barone auf den Einfall kommen, Kaufleute -zu werden. Gott soll hüten! was würde aus -uns werden?“ — Arthur konnte nicht umhin, über diese -Art von Schmeichelei zu lachen, und meinte dann, über -das Glück eines Kaufmanns sollte sich am wenigsten -derjenige wundern, der nach allem, was man sehe, selbst -bedeutend vorwärts gekommen sey. — Rosenheimer protestirte -gewaltig gegen diese Annahme. „Rückwärts, -Herr Baron, rückwärts! — Und wie soll’s anders seyn? -Die Geschäfte gehen für unser einen alle Tage schlechter. -Kein Mensch will mehr bezahlen, und wenn man jemand -hilft, wär’s Noth, man gäb’ ihm noch Geld dafür, -daß er sich helfen läßt.“ — Er hielt ein wenig inne, -dann fuhr er mit einem gewissen Ernst fort: „Herr -Baron, weil wir gerade unter uns sind, erlauben Sie -mir ein Wort. Ich habe das Glück gehabt, Ihnen -einen Dienst zu leisten. Ich hab’s gern gethan und -ich bin dafür bezahlt worden, es fällt mir nicht ein, -Ansprüche zu machen. Aber wahr bleibt wahr: ich hab’ -doch ein klein wenig dazu beigetragen, daß Sie jetzt -wieder der Besitzer Ihres väterlichen Gutes sind, und -ich bin überzeugt, wenn Sie werden wieder Geschäfte -machen, werden Sie sich erinnern, daß es einen gewissen -Samuel Rosenheimer in der Welt gibt.“</p> - -<p>Arthur erwiederte, das Geschäftemachen habe aufgehört -und er gedenke jetzt auf seinen Lorbeeren zu ruhen. -— Rosenheimer lächelte. „Sagen Sie das einem andern, -Herr Baron! Wer einmal so gute Geschäfte gemacht -hat, wie Sie, der kann’s nicht mehr lassen! — -Und wenn Sie so gewiß, als Sie wieder Geschäfte -machen, Ihren gehorsamen Diener mit Aufträgen beehren -werden, so will ich mich glücklich schätzen.“ — -„Unter dieser Bedingung,“ versetzte Arthur, „haben Sie -mein Versprechen.“ — „Ich dank’ Ihnen,“ erwiederte -der Jude. — „Ach,“ fuhr er nach einer Pause fort, -„Sie glauben nicht, wie gern ich mit solchen Herrn zu -thun habe, wie Sie! Haben sie wieder ein Geschrei -gemacht gegen die Herrn von Adel! Ich möcht’ wissen! -Der gemeine Pöbel, der ist stolz und hoffärtig und anmaßend; -ich will die Grobheiten nicht zählen, die -ich von solchen Leuten schon hab’ verschlucken müssen. -Aber die rechten vornehmen Herrn sind freundlich und -höflich. Wer Grund hätte, stolz zu seyn, der ist’s -nicht, und wer keinen Grund hat, der ist’s. Wie -kommt das, Herr Baron?“ — „Das ist schwer zu -sagen,“ versetzte Arthur erheitert. „Vielleicht aber daher, -weil es eine Art von Schwachheit ist, stolz zu seyn -und namentlich seinen Stolz merken zu lassen, und -weil Leute von Bildung es nicht lieben, für schwach -zu gelten.“ — „Sie haben Recht,“ erwiederte der -Jude. „Bildung! — Siehst du, Edmund? Hab’ ich -dir’s nicht immer gesagt? — Herr Baron, ich danke -Ihnen nochmal und freue mich außerordentlich auf -Ihren ersten Auftrag.“ — Er fuhr sehr befriedigt nach -Hause. —</p> - -<p>Daß dem Glücklichen gehuldigt wird, ist eine bekannte -Sache. Wir erwähnen darum nur im Vorbeigehen, -daß Waldfels zu dieser Zeit eine nicht geringe -Anzahl Gäste sah, welche die Erfolge Arthurs durch -ihre Bewunderung zu illustriren suchten. Doch mögen -in wenigen Fällen so viele Gratulationen von Herzen -gegangen seyn, wie in diesem.</p> - -<p>Der Augenblick, der Arthur und Anna für immer -verbinden sollte, nahte heran. Hätten wir erwähnen -sollen, daß die Verlobte schon auf der Reise nach Waldfels -ihre ganze frühere Kraft und Frische wieder erlangt -hatte? Dergleichen sagt man sich von selbst. — Am -Tage der Trauung glänzte sie in einer Schönheit, die -selbst ihrer Mutter auffiel. Die Aufregung des Moments -gab ihrem Antlitz einen bezaubernden Ausdruck; -eine wonnige Feierlichkeit sprach aus ihrem ganzen Wesen. -Es war die vollendete Schönheit, erfüllt von dem edelsten -und lieblichsten Leben der Seele. — Wir bewohnen -eine Welt der Unvollkommenheit; aber in dieser Welt -gibt es doch Geschöpfe, die von ihrer Regel ausgenommen -zu seyn scheinen; und diese Geschöpfe haben Momente, -wo man sagen möchte: Engel des Himmels -müssen neben ihnen verlieren!</p> - -<p>Die Trauung fand in der Schloßkapelle, unter -Anwesenheit nur der nächsten Freunde statt. Der Geistliche -sprach über einen Text, der ihm Gelegenheit gab, -das Heil der Prüfungen zu schildern, die über den -Menschen verhängt werden. Es waren Gedanken, die -zum Theil schon von dem Brautpaar ausgesprochen -waren, die aber vor dem Altar, an die höchsten Gründe -angeknüpft und an den größten Beispielen bewiesen, -feierlich erhebend und ergreifend wirkten. Kein Auge -blieb ohne Thränen der Rührung.</p> - -<p>Bei dem darauf folgenden Mahle fand die Baronin -Gelegenheit, zu dem Rentier zu sagen: „Ich finde, -daß mit dem Bräutigam während seiner Abwesenheit -doch eine Veränderung vorgegangen ist. Er ist freilich -unterdessen ein Mann geworden — aber das ist es -nicht allein. Er hat in seinem Benehmen etwas Eigenthümliches, -was mir sehr gefällt; und ich glaube, man -kann sagen, er hat etwas —“ — „Von einem Engländer,“ -ergänzte der Freund. — „Allerdings,“ erwiederte -die Baronin, „und zwar erinnert er mich an -die edelsten, die ich gesehen. Doch — das ist begreiflich!“ -— Sie sah mit einem Blick inniger Liebe auf -das Brautpaar und setzte hinzu: „Er sieht so unendlich -zuverlässig aus! Mein Kind wird glücklich seyn!“ —</p> - -<p>Nach einigen Tagen befand sich die junge Frau -allein in ihrem Zimmer, mit einer weiblichen Arbeit -beschäftigt. Aus einer gewissen Erregung und einem -gelegentlichen Horchen nach der Thüre hin konnte man -schließen, daß sie jemand erwartete; und so war es. -Nach einer Weile kam Arthur und lud sie zu einem -Spaziergang ein. Lächelnd erhob sie sich, denn das -Ziel desselben war ihr nicht unbekannt. Sie gingen -durch den Park, jener Thüre zu, hinter welcher die -Anhöhen lagen. Wie anders war jetzt ihre Empfindung, -als an jenem Pfingstmontag, wo sie unter der -süßen Last einer unausgesprochenen Liebe diesen Weg -wandelten! Aber die Erinnerung daran füllte ihre Herzen -jetzt mit der reizendsten Empfindung. Von dem Hügel -sah ein zierliches Belvedere herab, das erst vor einer -halben Stunde der letzte Handwerksmann verlassen hatte, -und ein bequemer Steig führte zu ihm hinan. Arthur -hatte sein Wort von damals gehalten und Anna dankte -mit einem liebevollen Blick. Am Fuße des Hügels angekommen, -lächelte die junge Frau; sie ließ den Steig -bei Seite und lief mit jugendlicher Leichtigkeit einige -Schritte über das Haidegras hin; plötzlich glitschte sie, -stieß einen Schrei aus und fiel in die Arme Arthurs, -der ihr nachgeeilt war. Herzlich lachend klommen sie -Hand in Hand zu dem hübschen kleinen Gebäude empor. -Anna rühmte und bewunderte es und beide sahen von -ihm schweigend in das Thal hinab, das wieder im -Glanz der Abendsonne dalag. Nach einer längeren -Pause sagte Arthur mit einem Ausdruck von Laune, -durch die er den innern Ernst zu verdecken strebte: „Was -man in der Jugend wünscht, hat man im Alter die -Fülle!“ — Und Anna erwiederte: „Wir haben in früher -Jugend gewünscht, und der Himmel hat die Gnade -gehabt, uns von der Bedingung des Alters zu dispensiren.“ -— „Ja,“ sagte Arthur, „er gab uns das Glück -in der besten Zeit! Aber das soll uns nicht niederschlagen; -wir vertrauen dem Geber und wollen von -seinem Geschenk einen Gebrauch machen, durch den wir -die Gunst, wenn nicht abverdienen, doch nach Möglichkeit -rechtfertigen.“ — Die junge Frau reichte ihm -schweigend die Hand.</p> - -<div class="transnote"> -<p class="tn-header">Anmerkungen zur Transkription -</p> -<p> - Rechtschreibung und Zeichensetzung wurden übernommen, auch wenn - verschiedene Schreibweisen des gleichen Wortes nebeneinander - verwendet wurden, fehlende oder unpassende Anführungszeichen - wurden nicht korrigiert. Nur offensichtliche Druckfehler wurden - berichtigt.</p> -<p>Das Umschlagbild wurde vom Bearbeiter gestaltet und in die Public Domain eingebracht.</p> -<p class="ebook-only"> - Text, der im Original gesperrt gesetzt war, wurde hier <em class="gesperrt">fett</em> - dargestellt, da manche E-Book-Reader keinen gesperrten Text anzeigen. -</p> -</div> - -<p> </p> -<p> </p> -<hr class="full" /> -<p>***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NOVELLEN***</p> -<p>******* This file should be named 54640-h.htm or 54640-h.zip *******</p> -<p>This and all associated files of various formats will be found in:<br /> -<a href="http://www.gutenberg.org/dirs/5/4/6/4/54640">http://www.gutenberg.org/5/4/6/4/54640</a></p> -<p> -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed.</p> - -<p>Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. </p> - -<h3>Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life.</p> - -<p>Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org.</p> - -<h3>Section 3. Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws.</p> - -<p>The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact</p> - -<p>For additional contact information:</p> - -<p> Dr. Gregory B. Newby<br /> - Chief Executive and Director<br /> - gbnewby@pglaf.org</p> - -<h3>Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation</h3> - -<p>Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS.</p> - -<p>The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit <a href="http://www.gutenberg.org/donate">www.gutenberg.org/donate</a>.</p> - -<p>While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate.</p> - -<p>International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.</p> - -<p>Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. 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