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-The Project Gutenberg EBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Brugsch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Aus dem Morgenlande
- Altes und Neues
-
-Author: Heinrich Brugsch
-
-Annotator: Ludwig Pietsch
-
-Release Date: October 15, 2019 [EBook #60501]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
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- ####################################################################
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
- Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie
- möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden
- stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
- Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
- Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im
- Text mehrmals auftreten.
-
- Im Abschnitt ‚Die älteste Rechenkunst‘ wurden zwei der angeführten
- Zahlenverhältnisse sinngemäß korrigiert. Der Übersichtlichkeit
- halber wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Texts, die
- Buchwerbung ‚Helios-Klassiker-Ausgaben‘ dagegen an das Ende des
- Buches verschoben.
-
- Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere
- Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den
- folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
-
- Fettdruck: =Gleichheitszeichen=
- gesperrt: +Pluszeichen+
- Antiqua: ~Tilden~
-
- ####################################################################
-
-
-
-
-[Illustration: Heinrich Brugsch-Pascha.]
-
-
-
-
- Aus dem Morgenlande.
-
- Altes und Neues
-
- von
-
- Prof. ~Dr.~ H. Brugsch-Pascha.
-
- Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers
-
- von
-
- Ludwig Pietsch.
-
- Mit Porträt und 7 Abbildungen.
-
- Leipzig
-
- Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.
-
-
-
-
-Aus dem Morgenlande.
-
-
-
-
-Inhaltsverzeichnis.
-
-
- Seite
-
-
- Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch 5
-
-
- Die Symbolik der Farben 13
-
- Die älteste Rechenkunst 25
-
- Der Hypnotismus bei den Alten 43
-
- Litteraten zur Moseszeit 53
-
- Zur ältesten Zeitrechnung 62
-
- Die sieben Hungerjahre 75
-
- Zur ältesten Geschichte des Goldes 90
-
- Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit 101
-
- Eine Blitzstudie 128
-
- Der große königliche Gräberfund 140
-
- Die großen Ramessiden 170
-
- Pyramiden mit Inschriften 176
-
- Im Faijum 192
-
-
-
-
-Heinrich Brugsch-Pascha.
-
-
-Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung
-ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit
-gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in
-früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar
-1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch,
-geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast
-noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten,
-als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte,
-plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für
-die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes
-ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage
-gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt
-gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten
-Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene
-dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen
-bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein
-heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil
-betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an
-andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über
-Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer,
-die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen,
-Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte
-Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für
-diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf
-ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen
-zu fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der
-Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut
-geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der
-altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft.
-Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten
-lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er
-eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander
-von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen,
-unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe
-dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner
-Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll,
-so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine
-der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des
-jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte
-dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig
-geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den
-Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und
-Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende
-Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene
-Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft
-der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich
-dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm
-IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm
-ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen,
-und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um
-seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und
-die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen
-Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese
-Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten
-französischen Ägyptologen +Mariette-Bey+ zu machen, der damals
-eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt
-der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort
-entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen
-schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei
-wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans
-Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des
-deutschen Forschers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer
-Entzifferung boten.
-
-Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete
-sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-,
-Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten.
-Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen
-Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des
-Nilthales fort. -- Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische
-Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854
-zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in
-jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an
-der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche
-sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er
-zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten
-der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er
-nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach
-Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines
-Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen
-Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm
-empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des
-Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten
-französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese
-von ihm veröffentlichte „~Histoire d’Égypte~“ ist die Grundlage
-seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte
-Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. -- Den wieder Heimgekehrten
-trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte
-dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen
-fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein
-hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und
-der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere
-Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich
-melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren
-Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und
-ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam
-eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen....
-
-In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen sorgen- und
-mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine
-Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner
-Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten.
-Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte
-glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren
-Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen
-Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der
-anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf
-die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und
-Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse
-in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt
-worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der
-preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten,
-und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur
-Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte
-er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der
-reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen
-seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die
-verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen.
-Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs
-äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand
-gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet.
-Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich
-seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine
-wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris
-fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals
-erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen
-als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng
-wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche
-er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd,
-übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk
-seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der
-alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem
-noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. -- Aber langes ruhiges
-Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen.
-Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts,
-der Stellung, der Thätigkeit. In demselben Jahr 1868 erging an ihn
-eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach
-Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner
-herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen,
-zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ
-Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber,
-seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte
-dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael
-Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des
-höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung
-des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten
-Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte
-Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen
-zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere
-Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe
-berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt
-nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der
-altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die
-Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu
-der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und
-Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen
-wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef
-es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später
-auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil.
-Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf
-die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und
-Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis
-der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies
-sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen
-Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und
-dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte
-deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten,
-und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt.
-Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese
-letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich
-Brugsch sehr wesentlich beigetragen.
-
-Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas
-und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens
-in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte
-und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener
-Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der
-Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben
-so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums,
-der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des
-Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit
-dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und
-seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von
-organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat
-Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur
-Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während
-alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche
-Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben,
-ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch
-wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension
--- darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden.
-
-Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache
-und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren
-Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich
-Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen
-lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat
-Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten
-Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben.
-
-Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar
-haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen
-Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten
-Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und
-Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion,
-Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von
-dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert,
-vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner
-geworben und mächtig dazu beigetragen, das Bewußtsein von ihrer
-Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu
-erhalten.
-
-Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er
-sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen
-fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch
-dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden.
-Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht.
-Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine
-Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit
-auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und
-Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte
-Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er
-nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf,
-ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen
-Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen
-Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und
-ein anderes: „Die Muse von Teheran“.
-
-In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise
-als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten
-Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen
-gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der
-Berliner Universität als +Privatdocent+. Die durch Lepsius’ Tod
-erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig
-besetzt. -- Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und
-teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen
-Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und
-Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst
-nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und
-allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala
-nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von
-den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.
-
-In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören
-Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten
-Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme
-wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze
-Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener
-so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die seine, scheint
-sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten
-Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von
-der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden,
-mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in
-welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet
-bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese
-dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte
-Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen.
-Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als
-Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf
-sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt
-worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der
-Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist
-der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug.
-Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten
-hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas
-Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und
-zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft
-ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien
-der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater
-nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten
-Augenärzte wirkt. -- Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch
-bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem
-Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die
-professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten
-frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben,
-der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in
-dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft
-nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.
-
- +Ludwig Pietsch.+
-
-
-
-
-Aus dem Morgenlande.
-
-
-
-
-Die Symbolik der Farben.
-
-
-Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische
-Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern
-herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im
-Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue,
-das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb,
-die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der
-Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln,
-vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen
-Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen
-das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen,
-verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen
-schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um
-nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser
-hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder
-schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter
-stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.
-
-Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren
-brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn
-dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird.
-Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik
-eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem
-feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben
-äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten
-rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir
-darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz
-anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen,
-daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich
-zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des
-Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.
-
-Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor
-allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe
-auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen
-Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den
-blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung
-verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen
-Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals
-preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie
-manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des
-Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue
-im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten
-nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen
-Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in
-dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn
-ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die
-ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der
-Farbensymbolik zu wenden.
-
-Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung
-mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik,
-welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen
-haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.
-
-Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan,
-auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt habe, um klassische
-Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder
-Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf
-den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift
-ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf
-dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie
-überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde
-wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten
-Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu
-Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu
-gewinnen.
-
-Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem
-Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser
-anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen.
-Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge
-und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen
-fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz
-Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen,
-diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold
-würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben
-bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens
-das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes
-inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht
-zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.
-
-Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die
-Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor
-Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung
-bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, an der
-Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. Ich wähle
-eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für alle ähnlichen
-gelten darf: 1) +Silber+, 2) +Gold+, 3) +Saphir+ oder +Lasurstein+,
-4) +Smaragd+, 5) +Eisen+, 6) +Kupfer+, 7) +Blei+, 8) +Smirgel+. Da
-in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen
-eigentümlichen +Farbe+ dem Beschauer vor Augen geführt werden, so läßt
-sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß,
-Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer
-altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur
-Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb,
-Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die
-beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin
-in sich.
-
-Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines
-besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als
-+heilige+ betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge giebt die
-Reihe an: +Weiß+, +Grün+, +Hellrot+, +Dunkelrot+, während in einer
-jüngeren Epoche das +Hellrot+ durch +Hellblau+ verdrängt wurde. Die
-Teppiche, Vorhänge, Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den
-Turmflügeln der Tempel mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um
-zum heiligen Gebrauch verwertet werden zu können.
-
-Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben
-vorgeschrieben waren: +Weiß+, +Blau+, +Dunkelrot+ und +Hochrot+, welche
-bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und der Priesterkleidung
-ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine symbolische Bedeutung
-eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es auch den Auslegern noch
-nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen endgültig zu führen. Der
-Unterschied zwischen den ägyptischen vier heiligen Farben und den
-ebräischen berührt lediglich die Farbe des +Grünen+, welche bei den
-Israeliten durch +Blau+ ersetzt ward.
-
-Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyptischen
-Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck
-der +Farbe+ zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt
-ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die
-des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung
-für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff,
-ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man
-auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der
-Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die
-heiligen Tiere (von jeder Gattung +vier+), deren Farbe durch eine
-priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale
-ihrer Heiligkeit angesehen wurden.
-
-Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen
-Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben
-dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die
-Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe
-der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der
-Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf
-Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf
-Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.
-
-Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische
-Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach
-den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben,
-stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf
-Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der
-Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß,
-den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche
-man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf
-die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das
-dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über dasselbe. Dem
-Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt
-rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen
-oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren
-Umgang. Aus diesem Grunde opferte man +rotfarbige+ Tiere, um dem
-unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde
-zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine +rötliche+ Kuh als
-Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde.
-Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue
-Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.
-
-Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch
-die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der
-sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe
-der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und
-was dergleichen Überlieferungen mehr sind.
-
-Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß
-die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere
-Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der
-Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt,
-jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene.
-Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe
-das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte.
-Soweit nach den Alten.
-
-Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache
-der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe
-unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen
-inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben
-folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.
-
-1) +Weiß.+ Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle
-im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim
-anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die
-Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das
-„helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch
-die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine
-Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem
-Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit
-anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem
-Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung
-des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph
-nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die
-„Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch,
-der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder
-weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl
-„glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und
-„prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land
-Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum
-„prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen
-Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel
-„glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird
-ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte,
-mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht
-und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der
-Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht,
-daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines
-uralten Ursprungs rühmen dürfen.
-
-2) +Gelb.+ Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten
-Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der
-sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des
-Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet.
-Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein
-Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften
-Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen,
-wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein
-typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte
-dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold
-am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen
-unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände,
-welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die
-vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das
-Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der
-Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu
-verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher
-Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.
-
-3) +Dunkelblau+, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder
-des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt,
-sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als
-Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen
-Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser
-Pflanze den Beinamen +Dar-neken+, d. h. „vor Schaden bewahrend“.
-Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium
-in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau
-von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder
-einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die
-Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer
-Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd,
-jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte
-sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf
-die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse
-fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels
-oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle
-sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein
-für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer
-Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein
-probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.
-
-4) +Grün+, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den
-Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische
-Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis
-zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als
-Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der
-Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die
-Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward
-deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von
-alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie
-Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist
-blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des
-Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten,
-weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die
-grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb
-ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen
-Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an
-Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des
-Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen
-Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha
-wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich
-nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“
-Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und
-sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen,
-welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder
-auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden
-nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.
-
-5) +Rot.+ Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den
-Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein,
-die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im
-Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten
-und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des
-Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung
-beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen
-läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne
-und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend
-rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig
-unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose,
-verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den
-mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen
-Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das
-sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde
-warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte,
-betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die
-wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am
-Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung
-der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von
-Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter
-sühnte Verbrechen und Sünde.
-
-In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war
-die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen,
-abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche
-verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als
-Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde
-bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer
-steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen
-lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein
-kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch
-nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses
-in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken
-des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz
-am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar;
-man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf
-das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf,
-sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie
-hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist,
-werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die
-in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der
-bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die
-Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im
-Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze +rot+
-gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der
-heiligen Sühne diente.
-
-Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene
-Vorschrift „von der +rötlichen+ Kuh und dem Sprengwasser“, um sich
-die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte
-ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt
-war.
-
-Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den
-Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in
-das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das
-Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln
-gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.
-
-6) +Schwarz.+ Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am
-besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt
-Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von
-den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen
-gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt
-erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens,
-ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz
-erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer,
-gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein
-anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und
-ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache
-des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.
-
-Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt
-einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern
-sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die
-Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales
-vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht
-überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das
-tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste
-hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen
-Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb,
-Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die
-Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach
-ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge
-vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der
-Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen
-Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies
-auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant,
-Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger
-Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u.
-s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich
-jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung
-und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische
-Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte
-man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das
-seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als
-Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer
-verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte
-in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog
-den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“,
-so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa
-durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen
-erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es
-klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht
-überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer
-Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe
-dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in
-innigstem Zusammenhang.
-
-
-
-
-Die älteste Rechenkunst.
-
-
-So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach
-den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen,
-so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von
-jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten
-Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen
-Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem das Zeichen der
-Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so
-tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst
-auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle
-Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage
-zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen
-Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.
-
-Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin
-zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten
-Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege
-erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in
-langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation
-zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das
-Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt
-kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer
-und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des
-Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber
-erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es
-noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als
-mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet
-wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen
-Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern
-bezeichnet werden.
-
-Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen
-belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker,
-ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets,
-um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen
-Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer
-derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner
-ausführlicheren Erörterung.
-
-Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen
-anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe
-ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen
-ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei,
-drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte
-von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in
-Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen
-von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s.
-w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder
-der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden
-Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen
-möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen
-darzustellen. Ein liegender Strich -- z. B. vertrat die Stelle von
-|||, oder 4, zwei übereinander liegende = die Stelle von 2×4 Strichen,
-oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen
-Bezeichnungsweise.
-
-War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden,
-so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle,
-nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser
-„Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete.
-~Ro~ 3, ~ro~ 4, ~ro~ 20, ~ro~ 124 hieß soviel als ein Drittel, ein
-Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte hatte man ein
-eigenes Zeichen erfunden, ebenso für 2/3 und wenige andere Brüche. Im
-übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also 1/3, 1/4, 1/5 u.
-s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer als 1 war, nahm
-man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in solche mit dem
-Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. So wurde 3/4
-einfach in die Brüche 1/2 und 1/4 zerlegt, die in der schriftlichen
-Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige Zerlegung
-nicht immer durchführbar, so ließ man den letzten kleinsten Bruch ganz
-aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen kleinen
-Fehler.
-
-Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer
-Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen,
-in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns
-Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der
-altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen
-Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde
-bescheidenere Dimensionen an.
-
-Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die
-ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen
-Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen
-durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre
-arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in
-methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die
-vielfach geübte Praxis der Vermessung.
-
-Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege
-der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den
-Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen
-Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater
-der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der
-an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende
-Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich
-ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch
-verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen,
-seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen
-betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem
-klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das
-gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei.
-
-Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese eine Thatsache
-anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen
-Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem
-gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt
-sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und
-zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes
-durchzuführen, und zwar auf +Grund der Lehren der europäischen
-Feldmeßkunst+, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren
-ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen
-Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen
-hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und
-beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben.
-
-Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen
-Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die
-wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen
-+Massahin+ oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche
-Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar
-auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach
-uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren
-Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder
-eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten +Kassabeh+
-(3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen
-ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen.
-
-Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne
-Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren
-sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der
-halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei
-dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des
-geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler
-sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem
-vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf seine besondere
-Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider
-gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur
-bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat,
-führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in
-Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern.
-
-Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und
-die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik
-änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen
-+Harpedonapten+ oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis
-zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So
-befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf
-den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des
-heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben
-der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch
-darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten
-die Seite mit Hilfe der Formel (2 + 2)/2 × (2 + 2)/2 richtig auf 4 □
-Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende
-Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel (2 +
-2)/2 × (20 + 20)/2 = 40 □ Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges
-Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4
-Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: (21 + 20)/2 ×
-(4 + 4)/2 = 82 □ Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die
-Zahl 81,18 □ Ruten ergiebt.
-
-Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines
-vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im
-höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von
-Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher
-Gestalt angewendet, nur mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten
-Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu
-einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort
-„nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines
-gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite
-findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: (1 + 0)/2 × (1 + 1)/2 = 1/2 □
-Rute, für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute
-und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich
-(1 + 0)/2 × (2 + 2)/2 = 1 □ Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt
-des ersteren 0,433 gegen 0,5 □ Ruten, und der des letzteren 0,968
-gegen 1 □ Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen,
-die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer
-Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich
-aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben
-und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische
-Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des
-urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine
-gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen.
-
-Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die
-bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage
-unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die
-britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in
-einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen
-den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch
-hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen
-Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den
-Haufen geworfen zu werden!
-
-Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe,
-befindet sich im Britischen Museum zu London, ist in hieratischen
-Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb
-in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus
-von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die
-Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg)
-bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des
-Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur
-Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten
-Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze
-bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen
-Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000
-Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines
-kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen
-erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und
-den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in
-wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit
-den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der
-dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen
-Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem
-Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als
-Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64 □ Ruten. Das ist
-sein Flächeninhalt.“
-
-Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich
-von der wirklich richtigen Zahl (64,0224 □ Ruten) auf Grund unserer
-modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so
-bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt.
-
-Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig
-entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf
-die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung
-seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der
-verschiedenen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger
-Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer
-Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies
-bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der
-Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln
-der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes
-niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge
-ein.
-
-Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen
-und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu
-verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die
-Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und
-Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen
-auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein
-Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil
-erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der
-Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und
-selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu
-sagen pflegt, selber in die Brüche geriet.
-
-Nur +ein+ Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht
-nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der
-kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen
-in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die
-Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte.
-So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von
-welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche
-1/10 und 1/5 durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen 1/16, 1/32,
-2/320 und 1/8, 1/16, 4/320 gleichsam umschrieben wieder. Durch eine
-leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der
-Richtigkeit beider Ansätze.
-
-Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung die
-Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der
-gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich
-geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines
-bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit
-Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche 1/2, 1/24 und
-1/384 (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben.
-Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte
-Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen
-selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und
-ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige
-Wertgrößen von vornherein verständlich.
-
-Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig
-bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche
-noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber
-auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es
-sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der
-altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der
-Eingeborenen den Namen der +indischen Rechnung+, obgleich ich
-keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag.
-
-Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen
-mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist
-wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend
-einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß
-nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon
-bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere
-Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche
-Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen
-+Kirat+ tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede
-Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen
-Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel
-durch 6, ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet
-zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der
-koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche 1/2, 1/8, 1/12,
-so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und
-zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich
-allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus
-ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten
-Brüchen fortgeführt wird.
-
-Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum
-vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele,
-in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von
-Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne
-Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen
-320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen 1/2,
-1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64, 4/320, 3/320, 2/320, 1/320 entsprechen. Die
-Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen
-der Brüche 1/10 und 1/5 in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür
-sprechende Zeugnisse.
-
-1/16 + 1/32 + 2/320 an Stelle des einfachen Bruches 1/10, besagen
-nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32
-Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um 1/10 derselben, handeln
-soll.
-
-Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser
-Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit
-zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie
-es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber
-trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel
-der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein
-glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem
-Rechte als die +älteste Rechentafel der Welt+ überhaupt bezeichnen
-darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird.
-
-Es war im April des laufenden Jahres 1891 als während meines
-Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei
-beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten
-Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt
-vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und
-mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte
-der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln
-hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes,
-und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine
-Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um
-sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu
-tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem
-Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint
-und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat.
-Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald
-herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern
-in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer
-Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist
-nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal
-wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die
-vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande
-beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen,
-die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind
-und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa
-der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß
-aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen
-Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche
-identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten,
-nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das
-angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und
-wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen
-selber in jene uralte Zeit zu versetzen.
-
-Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen,
-und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit
-zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen
-teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an
-seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war
-offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine
-Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die
-kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen
-mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung
-und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich
-mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet
-sagen mußte.
-
-Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild
-neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel
-bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in
-sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu
-einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden
-fünf: 1 : 1/3, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen
-ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen,
-so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen,
-die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den
-zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden.
-
-Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel
-die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung
-nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe.
-
-Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne
-Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse
-deutlicher hervortreten zu lassen:
-
- 1 : 10
- 10 : 100
- 20 : 200
- 2 : 20
- 1 : (20 + 10 + 2)/320 (= 1/10)
- 2 : (40 + 20 + 4)/320 (= 1/5)
- 4 : (80 + 40 + 5 + 3)/320 (= 2/5)
- 8 : (160 + 80 + 10 + 5 + 1/1)/320 (= 4/5)
-
-Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden
-Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden
-Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte
-vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise
-durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür,
-in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : 1/3 beginnen, und
-deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die
-folgende Übertragung zeigt:
-
- 1 : 1/3
- 2 : 2/3
- 4 : 1-1/3
- 5 : 1-2/3
- 10 : 3-1/3
- 20 : 5 + 1-2/3 (= 6-2/3)
- 40 : 10 + 3-1/3 (= 13-1/3)
- 80 : 20 + 5 + 1-2/3 (= 26-2/3)
- 160 : 40 + 10 + 2 + 1-1/3 (= 53-1/3)
- 320 : 80 + 20 + 5 + 1-2/3 (= 106-2/3)
-
-Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um
-Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht
-teilbaren Zahl bestand. In einem solchen Falle versuchte man mit
-Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten
-Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den
-beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema
-1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe.
-
- 1 : 11
- 10 : 110
- 20 : 220
- 2 : 22
- 4 : 44
- 8 : 88
- 11 : 121
- 1 : (20 + 5 + 4)/320 (= 29/320) 1/11
- 2 : (40 + 10 + 5 + 3)/320 (= 58/320) 1/6 + 1/66 (= 2/11)
- 4 : (80 + 20 + 10 + 5 + 1)/320 (= 116/320) 1/3 + 1/33 (= 4/11)
- 8 : (160 + 40 + 20 + 10 + 2)/320 (= 232/320) 2/3 1/22 1/66 (= 8/11)
-
-In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch 1/11 und
-seine vielfachen 2/11, 4/11, 8/11, das Ergebnis bilden. Thatsächlich
-führte aber das System auf den Hauptbruch 29/320 an Stelle des
-erwarteten 29/319 = 1/11. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen,
-wies jedoch durch ein dahingestelltes 1/11 auf die Erkenntnis des
-Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem
-die Brüche 2/11, 4/11, 8/11 nach der üblichen Methode in solche mit dem
-Zähler 1 zerlegt sind.
-
-Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich
-als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe:
-
- 7 : 1
- 1/4 : 1/28
- 1/2 : 1/14
- 1 : (40 + 5-1/2)/320 (= 91/640)
- 2 : (80 + 10 + 1)/320 (= 91/320)
- 4 : (160 + 20 + 2)/320 (= 182/320)
-
-An Stelle des Bruches 91/640 hätte man 91/637 erwartet, um die
-Proportionszahl 1/7 zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes
-unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in
-denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige
-Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320
-und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse
-ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war.
-Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den 1/384
-Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund
-der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren
-Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= 1/2), 80 (= 1/4), 40 (=
-1/8), 20 (= 1/16), 10 (= 1/32), 5 (= 1/64), 4, 3, 2, 1 darstellen,
-haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende
-Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf
-die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen
-Einheitsgrößen der Maße des Raumes.
-
-Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von
-Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen
-des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen
-meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten
-fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich
-auf der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen
-welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich
-lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge,
-1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Hin, entsprechen also genau den oben
-angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der
-ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man
-ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber
-eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug
-mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher
-des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der
-eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen
-Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden
-von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen
-Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als
-eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer
-Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt,
-deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit
-Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z.
-B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten
-Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt
-der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand.
-
-Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten
-Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen
-160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für
-sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als 1/320 betrachtet,
-dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte.
-Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen
-Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung
-der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung),
-deren Teilstücke nach dem allgemeinen Schema, wie ich es kurz vorher
-wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen
-Maße darstellten, d. h. 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Kubikelle oder
-mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin.
-
-Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie
-das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem
-modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines
-Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet.
-Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die
-Decimalberechnung ersetzt haben.
-
-Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus
-der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und
-deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen
-sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das
-kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße,
-besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums.
-Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit
-des Feldmaßes in 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32 geteilt, mit andern Worten,
-dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit
-Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.
-
-Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken
-bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte
-sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in
-der Ordnung 360, 60, 1, 1/60, 1/360 darstellten. Die geschichtliche
-Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten
-hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte
-Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den
-ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten
-beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von
-Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als
-eine unentschiedene und schwebende Frage bezeichnet werden. Auf
-alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von
-Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe,
-uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit
-zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten
-glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die
-Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen
-mit Erfolg durchzuführen.
-
-
-
-
-Der Hypnotismus bei den Alten.
-
-
-Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu
-versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen,
-welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig
-sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen
-die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen.
-Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen
-ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen
-vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und
-seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und
-wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind
-die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.
-
-Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon
-in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an +Mesmer+
-und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt
-worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt
-wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den
-Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf
-+Cagliostro+, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des
-vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum
-Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San
-Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten
-Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen
-und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum
-dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man
-gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus
-in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten
-öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles
-für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den
-überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich
-oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben
-verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen,
-wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben
-wird.
-
-Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man
-wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um
-sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung
-zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen.
-Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen,
-welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen
-Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher
-fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer
-Zeitrechnung, in welchem die sogenannte +Gnosis+ in vollster
-Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem
-Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen
-Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen
-und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf
-diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt
-einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich
-vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter
-Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen
-ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame
-Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der
-Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten
-Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den
-Willen des Beschwörenden auszuführen.
-
-Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und
-dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten
-als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen
-aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte
-Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften
-über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein
-goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück
-bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene
-Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß,
-darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen
-+Abrasax+, +Jao+ und +Sabaoth+. Selbst jüdische Gottesgelehrte und
-christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall
-zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei
-passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals
-in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es
-gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen
-und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit
-einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit
-den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten
-Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine
-Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold
-verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften
-um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und
-chemische Prozesse berühren.
-
-Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in
-Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man
-das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde
-in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür
-liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich
-näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das
-Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von
-Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen
-von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der ~materia
-medica~ verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge
-in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen
-Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger
-der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den
-wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem
-Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.
-
-Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe,
-ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap.
-~A~. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er
-ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener
-Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter.
-Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge
-bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche
-Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig
-bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein
-Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst
-nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken.
-Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der
-ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker
-bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt,
-insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis,
-Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.
-
-Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in
-Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen,
-merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche
-auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf
-geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen
-zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht
-erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort
-erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine
-andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die
-eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.
-
-Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat,
-unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen
-Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt
-sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den
-zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen.
-„Ich bin +Horus+,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder
-(~sic~) der Göttin +Isis+, geboren von +Isis+, der herrliche Knabe,
-welchen +Isis+ liebt und welcher nach seinem Vater +Osiris-Onnofer+
-begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der
-Beschwörende der ägyptische Gott +Horus+ in eigener Person, um seiner
-Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige
-Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den
-Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie
-gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen
-Rede zu stehen.
-
-Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale
-und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein
-neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach
-ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein
-reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums,
-und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon
-oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die
-betreffenden Fragen zu beantworten.
-
-Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher
-Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die
-weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung
-bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der
-ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „+zu veranlassen, daß
-es seine Augen schließe+“. War dies erreicht worden, so rief es der
-Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „+er
-veranlaßte, daß es seine Augen öffne+“. Das Kind mußte sagen, was
-es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der
-vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.
-
-Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des
-Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer
-Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein
-ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die
-Ägypter den +kleinen Kindern+ (+Paidaria+) eine wahrsagende
-Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen,
-die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.
-
-Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber
-ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches
-von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das
-Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne
-und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache
-aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die
-Rolle des Mediums übernehmen mußte.
-
-Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in
-der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu
-verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in
-wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.
-
-„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine
-rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h.
-frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle.
-Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser
-gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein
-Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten
-einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen
-und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine
-längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu
-sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du
-das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so
-rufe sofort den Namen +Heue+ aus, zu sieben Malen, und befrage es
-nach allem, was du willst.“
-
- * * * * *
-
-„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man
-weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle
-sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit
-vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen
-gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann
-stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe
-ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn
-die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und
-frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute
-die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in
-Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“
-
- * * * * *
-
-„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen
-beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß
-ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in
-welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen
-ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in
-Schlaf und +stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken+. Indem
-du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her,
-und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand
-u. s. w.“
-
- * * * * *
-
-„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“
-
-„~+Tete-Ik-Tatak+~ u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was
-ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin +Horus+,
-das Kind in Mendes, denn ich bin +Isis+, die Wissende. Was ich mit
-meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“
-
-„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen
-Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf
-einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. -- Stelle ihn
-auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue
-vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten
-neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen
-beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über
-den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet
-sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der
-Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine
-Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle
-lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten:
-„Dann frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles
-Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“
-
- * * * * *
-
-Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich
-hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen
-konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:
-
-„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß
-herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei +Log+ (ein
-besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin.
-Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden
-hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen
-Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den
-Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu
-sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage
-es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des
-Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich:
-+~Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe~+, bis sie dir auf alle
-vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“
-
- * * * * *
-
-Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den
-Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende
-Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.
-
-„Du bist +~Boel~+ (3 Mal zu sagen) ~ï-ï-ï-a-a-a Tat-Tat-Tat~, der,
-welcher allein das Licht spendet, der Urheber des Feuers, in dessen
-Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. Du lebendiger,
-unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer ruhst, der im
-Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels bildet, in
-dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, steige heraus aus
-dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, sofort! Laß es
-mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe ihn zu fragen,
-sofort! Sonst werde ich dich verachten am Himmel im Angesicht der
-Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, werde ich dich
-verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im Angesicht dessen,
-welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt und in dessen Hand
-die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. ~Peperi-Pater-Emphe~,
-der zweimal große Gott, in dessen Hand der schöne Stab ist, du, welcher
-einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn ein Gott entstehen ließ.
-
-„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine
-Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich
-hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach
-allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!
-
-„Großer Gott, ~+Sisaoth-Achrempto+~, komme hier herein aus dem
-Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von ~+Kabaon+~ ruhst.
-~+Takrtat+~, der welcher nicht stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt,
-tritt herein! Nahe dich, großer +~Boel-Arbeth bai nuthi~+, du großer
-Gott, nahe dich +~Boel-Tat~+, nahe dich +~Boel~+!
-
-„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und
-frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein
-gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur
-Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du
-Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott,
-in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich
-befragen wird.
-
-„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat
-und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe
-schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des
-Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen,
-sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst
-auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es
-in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden Spruch her,
-nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem
-es sie schaut: +~Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet~+.“
-
-Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige
-Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die
-Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht
-nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an
-die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie
-das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das
-den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum
-mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich
-verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues
-im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.
-
-
-
-
-Litteraten zur Moseszeit.
-
-
-Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete
-der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und
-keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder
-Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in
-der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum
-und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken,
-erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die
-materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues
-zuzuführen.
-
-Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes,
-ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der
-Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der
-schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene
-Wirklichkeit oder eine nur eingebildete phantastische berühren. Die
-Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum
-Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische
-Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.
-
-Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur
-in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der
-vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen,
-durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen
-eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher
-auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium
-des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen
-und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis
-zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte
-Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die
-entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der
-älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus
-den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten
-Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das
-begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt
-mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis
-hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche
-Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und
-Urbegriffen zurück.
-
-Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben
-Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie
-ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen.
-Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit
-einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in
-formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn
-die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen,
-kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des Schriftstellers und
-sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung
-und Bildung bedingt. Allein von +diesem+ Standpunkte aus darf
-sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne
-ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit
-dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten
-Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist
-des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von
-geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb
-derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen
-und die Nachlebenden ist die Schrift.
-
-Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem
-größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen
-Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet,
-das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach
-die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei
-weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag
-erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung
-der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten
-Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial,
-auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz,
-die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu
-litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in
-überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe
-versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten
-des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen:
-„Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der
-Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem
-ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des
-heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und
-rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.
-
-Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das
-ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert
-dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand
-oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald
-die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte
-Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten
-hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur
-Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von
-Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein
-kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei
-Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel
-aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute
-eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot,
-des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten
-Schriftentums, wie es in den „+Häusern der Bücherrollen+“ oder
-den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl
-niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen
-Bibliothek zu Berlin „~Nutrimentum spiritus~“ von Friedrich dem
-Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung
-ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen
-Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der
-ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern
-man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten
-Glauben schenken darf.
-
-Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines
-„+Schreibers+“, ~scriptor~, oder schriftkundigen Mannes, und empfing
-seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere
-Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums
-steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „+göttlichen
-Dingen+“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn
-die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche nach der Versicherung
-des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens
-bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde,
-die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die
-Kunst und die Musik.
-
-Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im
-Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher
-Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf
-theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten
-Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der
-Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar
-betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten
-Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus
-zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit
-anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst
-Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung
-nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif
-Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die
-Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und
-empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft
-und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte
-deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du
-morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere
-Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache
-erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt,
-deren Thor Ali ist.“
-
-In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den
-mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden
-und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben
-beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des
-Schicksals des Menschen tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse
-seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.
-
-Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der
-priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit
-war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde
-nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und
-Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse
-haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche
-Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen
-Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender
-Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die
-Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen
-Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande
-die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche
-Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer
-Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas
-eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der
-Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v.
-Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und
-Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit
-dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich
-gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die
-Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“
-fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten
-Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln
-enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem
-„+Hören+“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr
-als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke
-seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen
-Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien
-des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der
-kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem
-Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und
-den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe
-an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und
-an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem
-Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die
-Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit
-dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm
-und Ehre ein und -- wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten
-zu setzen -- er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit
-verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser,
-zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu
-warnen.
-
-Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen
-Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person
-des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete,
-besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als
-solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man
-nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige
-Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis
-des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten
-von elegantem Stil“. Man rühmt die „+Süßigkeit+“, das heißt die
-Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu
-stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits
-entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in
-keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem
-vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward.
-Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche
-Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück
-ist allzu zusammengestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender
-Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen;
-ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und
-er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine
-Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir
-in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern.
-Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst
-dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch
-dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt
-er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse
-dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner
-Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten,
-das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben
-auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein
-Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines
-Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum
-Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht
-die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen
-Namen stinkend gemacht.“
-
-In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der
-Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten
-sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller
-mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch
-erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es
-außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen
-und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die
-Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die
-semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und
-die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder
-nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine
-wahre Sucht nach dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach
-der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache
-zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt
-beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit
-diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten
-Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden
-Wörtern, deren Anwendung dem +gebildeten+ Litteraten unerläßlich
-schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit
-dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit
-denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem
-Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.
-
-An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein
-bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen
-und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die
-Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden
-ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des
-in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs
-warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben
-suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu
-seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz
-entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel.
-Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin
-Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König
-Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter
-und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den
-Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v.
-Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur
-Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige
-längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher,
-und die geschichtlichen Lücken durch romanhafte Erzählungen und
-Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein
-wenig vorher fällt.
-
-Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser
-Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten
-die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst
-in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten
-Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs
-Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht
-vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ,
-so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück
-aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen
-erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen
-Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.
-
-
-
-
-Zur ältesten Zeitrechnung.
-
-
-Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der
-laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend
-ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein
-für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen
-Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung
-erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer
-Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle
-kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode
-der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so
-langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu
-begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die
-historische Zeitmessung umfassen.
-
-Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher
-unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus
-der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen
-Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch
-die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu
-erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste
-Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe
-zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf
-ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart
-aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu
-überliefern.
-
-Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames
-Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch
-einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das
-zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten
-Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten
-und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung,
-welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft
-zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und
-wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und
-gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der
-Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres,
-dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder
-eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des
-Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461
-Wandeljahre ausfüllten.
-
-Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher
-eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen
-christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie,
-wobei die genaue Kenntnis des Anfangstages der betreffenden Ära als
-die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der
-Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor
-Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung
-Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des
-Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober
-312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des
-Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des
-Sonnenjahres von 365-1/4 Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn
-unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der
-Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622),
-die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16.
-Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali
-genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den
-Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der
-jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren
-Anfang nimmt.
-
-Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den
-gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden
-(julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden,
-wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen
-Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder
-Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche
-Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis
-für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für
-den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der
-korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer
-Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes
-Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit
-auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu
-können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer
-Zeitrechnung ist der Gebrauch einer angewandten Ära in keinem Falle
-nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen,
-welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde:
-der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten
-Untersuchungen bilden.
-
-Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche
-Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter
-gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung
-irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher
-erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen
-Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren
-erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung
-der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von
-keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die
-Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen
-gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts
-v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des
-Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil,
-wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit
-Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen
-Nachfolgern bezeichnet.
-
-Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche
-chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen
-nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen
-zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen,
-werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben,
-wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in
-allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so
-ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach
-einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn
-als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen
-Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner
-Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener
-König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die
-Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König
-war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um
-der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche
-die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen
-nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten
-hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von
-Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie
-in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein
-Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte
-Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren,
-Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und
-schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche
-Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten
-des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob
-man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige
-mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug
-auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind,
-so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der
-ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen
-zu können.
-
-Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho
-aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die
-Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der
-ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen
-beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern
-auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals
-verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu
-gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden
-die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller
-Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte.
-Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung
-von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so
-daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher,
-wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene
-Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg
-nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern
-5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die
-Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige
-übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die
-Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der
-Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft
-ausgeübt hatten.
-
-Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller
-chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher,
-wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho,
-um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte
-Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie
-der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr
-von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen
-Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe
-aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß
-derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und
-erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an
-seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen
-Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer
-christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch
-vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal
-und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit
-dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges
-Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in
-einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der
-achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren
-1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die
-Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine
-verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene
-Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der
-Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages
-des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24.
-Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in
-den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche
-des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem
-Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer
-Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20.
-März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf
-Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das
-Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius
-1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl
-entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben
-zu behandeln sind.
-
-Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen
-Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher
-leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt
-worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von
-Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden
-hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die
-unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der
-Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese astronomischen
-Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse
-dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers
-berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken
-Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von
-8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr.
-bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit,
-an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese
-Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber
-leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur
-zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet
-sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung
-war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß
-das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in
-dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit
-angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der
-genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der
-Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen.
--- Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33,
-zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der
-astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe
-Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die
-biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung
-vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer
-eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen
-Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters
-geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten
-will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein
-anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von
-~Dr.~ W. Meyer (s. S. 307 ff.).
-
-Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit eine besondere
-Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den asiatisch-babylonischen
-Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt ist durch die
-Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell el-Amarna, von
-denen der größere Teil in den Besitz der Berliner Museen gelangt ist,
-die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs Burnaburiasch, oder,
-wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit dem ägyptischen König
-Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der eben genannte ägyptische
-Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. aufgeführt wird, so
-liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das Jahr 1400 oder etwas
-später anzusetzen.
-
-Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns
-die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die
-chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine
-andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß
-uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt
-hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der
-Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten
-der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute
-Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben
-erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem
-(unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens
-und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den
-Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche
-ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches
-über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen
-und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet
-enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den
-Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen
-Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden
-Residenzstädte, verhinderten eine parteilose Kritik und damit die
-chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen
-Königsreihen.
-
-Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der
-ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum
-Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die
-Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern
-hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was
-ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten
-Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die
-wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der
-Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die
-äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.
-
-Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die
-ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen
-Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr.
-hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen
-Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem
-ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein
-eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade
-als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei
-ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl
-betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am
-südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das
-Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf
-dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen
-Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden
-erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit
-festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt
-und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die
-Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes chronologisches
-Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den
-Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.
-
-Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede
-Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der
-Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch
-eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines
-chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der
-armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen
-Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert
-werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen
-chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu
-gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der
-assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des
-Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr.
-Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten
-Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.
-
-Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher
-am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien
-seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem
-Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische
-bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich
-zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von
-Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem
-Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde
-gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen
-Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen
-Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur
-Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs
-jedesmal als ein volles betrachtete und von dem Jahresanfang an
-datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage
-an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall
-kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche
-Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den
-julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus
-benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am
-9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem
-genauen Datum der Nachwelt zu überliefern.
-
-Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon
-und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar
-desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte
-die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche
-die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet.
-Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem
-deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie
-heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der
-zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit
-Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie
-zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer
-im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben
-ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten
-englischen Abhandlung (~the real chronology and the true history
-+of the Babylonian Dynasties+~) die chronologische Berechnung
-auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den
-Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v.
-Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen,
-der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der
-babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht,
-welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften
-ägyptischen Dynastie hineinfällt. Hiermit ist die Geschichte an den
-Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen,
-denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische
-Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und
-sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt,
-versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher
-fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin,
-dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs
-Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist.
-
-Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten
-Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen
-geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und
-uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ
-richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern,
-daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie
-die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind,
-unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der
-Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle
-eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch
-diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte
-babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen
-Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt
-gemeldet haben.
-
-Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen
-Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn
-die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen
-nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen
-den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen
-einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern
-der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben
-vorläufig nur den Wert mehr oder weniger vollständiger Annalen und
-Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit
-der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten
-Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten
-Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt
-und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte
-der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in
-welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in
-seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während
-die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr
-zugewiesene Rolle erfüllt.
-
-
-
-
-Die sieben Hungerjahre.
-
-
-Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das
-unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie
-immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag.
-Selbst ein +Voltaire+ fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen,
-daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die
-Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte
-Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben,
-der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und
-zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias
-dereinst hervorgehen sollte.
-
-Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze
-Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße
-anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung,
-der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet
-Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in
-seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen
-Offenbarungen widmete.
-
-In der zwölften +Sure+ des erwähnten Buches, überschrieben:
-„Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit
-den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir
-deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich
-sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine
-der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht
-aufmerksam gewesen.“
-
-Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese
-Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher
-Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß
-hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes
-hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten
-Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen
-werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in
-welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt,
-woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat.
-Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine
-berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man
-versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu
-schaffen habe.
-
-Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer
-aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die
-leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres
-Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen
-versucht.
-
-„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau
-des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu
-sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und
-wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.
-
-„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um
-sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer
-jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich
-ihnen!
-
-„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre
-Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern
-ein verehrungswürdiger Engel!“
-
-„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich
-so getadelt.“
-
-In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen
-die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche
-Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und
-es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes
-einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und
-Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr
-beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.
-
-Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in
-den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande
-Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich
-durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition
-von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen
-Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der
-Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu
-schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde
-nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen
-die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander.
-Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen
-gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm
-gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber,
-einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden
-senkt.
-
-Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte als eine
-Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau
-ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph,
-die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von
-der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm
-lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen
-sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!
-
-Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine
-vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht
-angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das
-Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus
-mit den Angaben der Denkmäler decken.
-
-Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein
-zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes
-oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens
-tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die
-eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe
-geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage
-auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne
-gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.
-
-Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von
-den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen
-und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen
-Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische
-Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring
-(+Tabacat+) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und
-kleidete ihn mit weißer Seide (+schesch+, nach Luther, richtiger:
-in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“
-
-Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die Denkmäler
-in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach
-Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch
-in der altägyptischen Sprache mit dem Worte ~tabacat~ bezeichnet,
-wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus
-feinster Byssosleinewand (+sches+) und die unvermeidliche „goldene
-Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und
-vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um
-den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen
-Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.
-
-Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem
-altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name
-und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven
-asiatischer Abkunft verleiht.
-
-Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan
-zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn +Zaphnathpaneach+, was
-freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch
-„heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen
-Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache
-zusammengesetzte Name: „+Es sprach Gott: Er lebe.+“
-
-Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine,
-welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände.
-Josephs Ernennung zum +Ab+ -- Luther hat das ägyptische Wort
-für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten
--- ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als
-das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen
-und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen +Mamelucken+)
-bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel
-der heutigen +Abdar+ in den Palästen der orientalischen Fürsten
-die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den
-Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung
-der „Beschließer“, und zwar mit dem Siegel Pharaos, den Wert eines
-Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.
-
-Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade
-durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum
-+Adon+ von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen
-Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort +Adon+ in sich,
-des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben
-Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten
-Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen
-des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“.
-Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos
-von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein
-denn du.“
-
-So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe
-Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über
-mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des
-+Hri-pir+ oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und
-der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.
-
-Der ägyptische Name Josephs: „+Zaphnathpaneach+“ und die zweimal
-in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen +Potiphar+
-und +Potiphera+, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der
-Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der
-Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den
-älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung
-nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im
-+neunten Jahrhundert+ v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre
-+nach+ den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.
-
-Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen
-Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die
-vorhandenen schriftlichen Überlieferungen, deren ältere und jüngere
-Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim
-und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet,
-wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche
-ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn
-überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten
-Standpunkte aus behandelt hat.
-
-Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige
-Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung,
-unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und
-das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.
-
-Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist
-auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen,
-in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch
-in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine
-Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit
-anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des
-vierten ägyptischen Königs +Uenephes+ oder +Venephis+ in der
-manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine
-Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie
-sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der
-Frage, die mich beschäftigt.
-
-Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer
-zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem
-Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange
-Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist
-das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen
-Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der
-Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im
-Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.
-
-Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern ägyptischen
-Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene
-so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen
-Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen
-Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von
-Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler
-das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten
-Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von
-hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.
-
-Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte
-Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das
-sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel
-schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und
-mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen
-Standort.
-
-In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien
-für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen
-Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile
-des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische
-Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die
-Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu
-erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann -- ein wenig stark als
-eine bloße Garnison auf der schmalen Insel -- die unter dem ersten
-Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von
-Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie
-vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung
-gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig
-geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit
-des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache
-niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken
-bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer
-Truppenkörper.
-
-Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden
-Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi,
-die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in
-Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis
-zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es
-waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira
-oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer
-zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa
-hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer
-Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre
-Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen
-Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung
-fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte.
-Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der
-altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären.
-Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten
-und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort
-+topazin+ erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der
-Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so
-ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen
-Sprache des Nuba +tabe-sun+ den Sinn von so viel als „du suchtest“
-besitzt.
-
-Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte
-Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen
-Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit
-nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst
-die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts
-ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.
-
-In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein
-König Ägyptens in altertümlicher pharaonischer Tracht, welcher drei
-Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel
-und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa
-genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen
-Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis
-an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl
-jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte
-Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.
-
-Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis
-von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis,
-welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren.
-Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem
-König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“
-
-Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen
-Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster
-Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment
-in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst
-wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann.
-
-„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher
-Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen
-Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft
-des Königs zu teil.
-
-„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es
-ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum
-weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht
-eingetreten ist.
-
-„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine
-Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an
-seinem Nächsten.
-
-„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind
-vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einher und die Alten, ihre
-Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem
-Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen.
-
-„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden
-aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden
-war, ist aufgezehrt.“
-
-Der Brief des Königs an den Fürsten von Elephantine +Madir+ oder
-+Matir+, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den
-ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit
-einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen
-Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten
-angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie
-das Volk zu Pharao um Brot.“
-
-In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch
-die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet,
-daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher
-in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf
-nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit
-sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine
-Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des
-Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit.
-
-„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des
-Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an
-derselben und wie ist seine Gestalt?“
-
-Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu
-gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten.
-Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im
-einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit
-den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher
-der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es
-ist die erste Stadt und der erste Gau, nach dem Negerlande Wawa zu,
-der Anfang des ägyptischen Reiches.
-
-„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit
-der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen
-das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte.
-
-„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste,
-welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“
-
-Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des
-Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei
-Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis
-in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche
-erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen
-Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores
-mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit
-auf.“
-
-In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch
-mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter
-über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in
-ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen
-verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet
-wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit
-geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach
-aufgeführt.
-
-Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die
-Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich
-aus, nachdem ich solches gehört habe.“
-
-Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten
-Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott
-ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König
-erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in
-Demut an. Sein Auge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also
-erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der
-dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu
-fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine
-Seele ein.‘“
-
-Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede
-und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl
-alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles
-Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da
-Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles
-millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben
-die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn
-aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den
-Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die
-Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen
-(d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“
-
-Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen
-Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar
-anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich
-seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar
-zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der
-eigentliche Zweck der ganzen Inschrift.
-
-„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam
-wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“
-
-„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der
-göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis,
-dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als
-Dank für das, was du mir thun wirst.‘“
-
-Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln
-zu den üblichen Festopfern und zur standesgemäßen Ernährung der
-Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.
-
-In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen,
-Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben
-werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges,
-sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere
-an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte
-Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit,
-aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem
-Priestertume an.
-
-König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister
-zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift
-eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der
-heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.
-
-Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil
-als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen
-sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer
-Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es
-aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.
-
-Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien
-aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das
-Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei
-dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der
-Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein,
-Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte.
-Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet,
-die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer,
-unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des
-Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den
-Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der
-Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch
-oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die
-Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen
-Personen spielt.
-
-Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die
-Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz.
-Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des
-Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller
-Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer
-erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie
-den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der
-König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen
-wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist,
-wie es früher der Fall gewesen war.“
-
-Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen
-Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des
-königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten.
-
-Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal
-mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze
-knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in
-Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der
-Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte,
-dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen
-beiden. Joseph weilte etwa um 1800-1700 v. Chr. an den Ufern des Niles,
-während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein
-Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die
-Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von
-Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste
-Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt.
-
-Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schriftstil, da beide
-einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi
-Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz
-Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten
-und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen
-Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts
-entzogen waren.
-
-Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den
-ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck
-zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein
-siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge
-dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung
-des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte
-Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden
-Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war
-beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf
-eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde
-in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen.
-
-
-
-
-Zur ältesten Geschichte des Goldes.
-
-
-Das Gold ist das edelste Metall, welches noch heute im Handel und
-Wandel den höchsten Wertmesser der Abschätzung bildet. Das war bereits
-in den ältesten Zeiten der menschlichen Geschichte der Fall, in welchen
-das Gold an der Spitze aller übrigen Metalle stand und die Sehnsucht
-nach seinem Besitze das menschliche Herz erfüllte. Sein Glanz wurde mit
-dem Leuchten des Sonnenstrahls verglichen und die Ägypter gingen so
-weit, sogar die Körperhaut des Sonnengottes als goldig zu bezeichnen im
-Gegensatz zu den bleichen Knochen seines Leibes, für welche sie die
-Farbe des Elektrums wählten, einer Mischung von Gold und Silber, das in
-natürlichem Zustand in Flüssen und in Bergwerken vorkommt und nicht mit
-dem gleichnamigen Worte für den Bernstein verwechselt werden darf.
-
-Neben der Eigenschaft des Glanzes haftete nach dem Glauben der alten
-Ägypter dem Golde eine typhonische, d. h. schädliche und Verderben
-bringende bei, welche sich merkwürdig genug in dem Urteil über das
-Gold bei den Mohammedanern wieder findet. Es wird nämlich den frommen
-Anhängern des Islam empfohlen und die Empfehlung meist auch befolgt,
-vor dem Gebete alle goldenen Gegenstände am Körper, wie z. B. goldene
-Uhren und Ringe, hübsch beiseite zu legen, um nicht satanischen
-Einflüssen anheim zu fallen.
-
-Der Goldschmied gehörte zu den ältesten Künstlern der Welt. Wenn wir
-auch nicht in der Lage sind, die verschiedenen Verrichtungen seiner
-Arbeit auf Grund vorhandener Abbildungen eingehender zu beurteilen, so
-beweisen die in ägyptischen Sammlungen ausgestellten Gegenstände aus
-Gold einen hohen Grad seiner Kunstfertigkeit. Der uralte ägyptische
-Gott Ptah, welchen die Griechen mit ihrem Hephaistos, die Römer mit
-ihrem Vulkan zusammenstellten, galt in Memphis als der Schutzpatron
-der Goldschmiede, sein besonderes Heiligtum führte deshalb den Namen
-der Goldschmiede, und sein jedesmaliger Oberpriester die Bezeichnung
-eines „Werkmeisters“ im Dienste des Gottes. Memphis hatte für die
-Goldschmiedekunst eine hervorragende Bedeutung und noch in den Zeiten
-der Ptolemäer befand sich in dieser Stadt eine Münzstätte des Reiches.
-Daß Memphis in der Schmelzkunst von Metallen überhaupt einen besonderen
-Vorrang einnahm, beweisen die zu Tausenden vorhandenen Bronzen, welche
-in der Wüste in der Nähe des Serapeums bei Memphis noch heute gefunden
-werden. Es giebt einzelne Stellen, in welchen Bronzestatuetten zu
-Hunderten im Sande verscharrt liegen.
-
-Es ist eine auffallende Erscheinung, daß bei der Aufzählung von
-Metallen, edlen und unedlen, nicht nur dieselbe Reihenfolge von
-den Ägyptern beobachtet wurde, sondern daß sich mitten in dieselbe
-zwei Minerale eingeschoben finden, welche man zu den kostbaren
-Steinen rechnete und in den älteren Zeiten der Geschichte Ägyptens,
-nachweisbar bis zum sechzehnten Jahrhundert hinauf, wie Gold und
-Silber als Tauschmittel benutzte und deshalb wie die Edelmetalle nach
-ihren Gewichten in Pfunden und Loten in Ganzen und Bruchteilen näher
-bestimmte. Das waren der dunkelblaue Lasurstein und der grüne Malachit.
-Man begreift diese Einschiebung sofort, sobald man das Prinzip der
-alten Ägypter erkannt hat, Reihen von Mineralien nach ihrer +Farbe+
-zu ordnen, und zwar in der Folge von +Weiß+ (Silber), +Gelb+ (Gold),
-+dunkelblau+ (Lasurstein), +Grün+ (Malachit), +Wasserblau+ (Eisen),
-+Rot+ (Kupfer) und +dunkelgrau+ (Blei). Die Anordnung entspricht im
-allgemeinen der Folge der Farben auf einer Palette im ägyptischen
-Museum von Berlin. Von der Farbe selbst sind die uralten Namen für das
-Silber als „das Weiße“, und für den Lasurstein und den Malachit als
-„das Dunkelblaue“ und „das Grüne“ abgeleitet. In bunten Abbildungen
-erscheinen in der That Waffen, Schmucksachen, Geräte u. s. w. aus
-Metallen oder Edelsteinen in der angeführten Färbung: goldene Ringe
-gelb, silberne schneeweiß, eiserne Kriegshelme, Schwerter, Beile,
-Lanzenspitzen hellblau, kupferne Helme und Waffen, Sägen, Sicheln,
-Messer, Spiegel u. s. w. rot ausgemalt. Für die Geschichte und das
-Vorkommen der Metalle bieten derartige buntfarbige Gemälde ein sehr
-wertvolles Material zur Beurteilung ihres ältesten Vorkommens und ihrer
-ältesten Verwendung.
-
-Das Zeichen für Gold stellt sich in der ägyptischen Hieroglyphik
-in Gestalt eines langen zusammengelegten Zeugstückes dar, das an
-den beiden Enden erfaßt wurde, um aus dem darin enthaltenen klein
-gestampften Golderz das Edelmetall durch Schwenken auszuwaschen. Die
-Anwesenheit von Wasser darin wird in den Zeichnungen nicht selten durch
-herabfließende Tropfen angedeutet, um an die Goldwäsche zu erinnern.
-
-Die älteste Wiege des Goldes, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen,
-darf nur in den „Goldgebirgen“ gesucht werden, welche auf der
-asiatischen und afrikanischen Seite der Küsten des Roten Meeres sich
-von Nord nach Süd entlang ziehen und bereits in den Urzeiten der
-Geschichte von menschlichen Händen mit Hilfe einfacher Werkzeuge
-ausgebeutet wurden. Auch in den Betten der Flüsse, deren Quellen
-in goldhaltigen Bergen entsprangen, lagerte sich von der Natur
-ausgewaschenes Gold in Staubform und in körniger Gestalt ab, wie es
-noch in der Gegenwart auf einzelnen ostafrikanischen Gebieten, wie z.
-B. in Fazoglu und in dem noch wenig erforschten Lande Kafa im Süden
-Abessiniens in mehr oder weniger großen Mengen gefunden wird und als
-Tauschmittel bei dem Handelsverkehr nach außen hin dient.
-
-Die ostafrikanischen Goldlager wurden bereits in der ersten Hälfte des
-dritten Jahrtausends von den alten Ägyptern ausgebeutet und ausgenutzt
-und in den folgenden Jahrhunderten in so ausgiebiger Weise durch
-fortgesetzten Bergbau erschöpft, daß heutigestags in der Epoche des
-Dampfes und der Maschinen wenig mehr an Ort und Stelle zu gewinnen
-sein dürfte. Über die Hauptörtlichkeiten, an welchen sich Goldlager
-befinden, ist man nicht bloß durch inschriftliche Zeugnisse auf das
-Vollkommenste unterrichtet, sondern die alten Goldgebirge öffnen noch
-in der Gegenwart ihre Eingänge den Reisenden, welche vom Nile oder von
-der Küste des Roten Meeres durch die einsamen vegetationsleeren Thäler
-der Wüstengebirge ihren Weg einschlagen. Das nördlichste Goldgebirge
-auf der arabischen Seite Ägyptens lag an der mit reichen Inschriften
-versehenen Bergstraße, welche von der Stadt Koptos am Nile in der
-Richtung nach dem Thale von Hammamat bis zu dem heute Kosseir genannten
-Hafenplatze am Roten Meere führte. Die eigentlichen Goldminen, deren
-Dasein durch eine Expedition amerikanischer Offiziere im Dienste des
-damaligen Chedives von Ägypten Ismael im Jahre 1875 wieder aufgefunden
-wurden, lagen in einem Wadi Namens Fanachir. Das daselbst gewonnene
-Gold führte nach der Stadt am Nil, welche den Ausgangspunkt der
-Wanderung der Bergleute bildete, die Bezeichnung „des Goldes von
-Koptos“. Ein neues Goldgebirge erstreckte sich im Süden des vorigen; es
-lag in der Nähe des Gebel Zebara, nach dem Roten Meere zu. Der Kopf der
-Straße begann gleichfalls auf dem östlichen Ufer des Niles, gegenüber
-der von den Griechen und Römern Apollinopolis genannten Stadt (das
-heutige Edfu), welche ihren Namen auf den des Goldes übertrug.
-
-Eine dritte Station lag acht bis zehn Meilen in südlicher Richtung vom
-Gebel Zebara. Der Weg dorthin nahm seinen Anfang von der am rechten
-Nilufer gelegenen Stadt Ombos (heute als Kum Ombu oder „Schutthügel
-Ombu“ bekannt), deren Namen gerade so viel als „Goldstadt“ bezeichnet.
-Die alte Straße der Goldgräber folgte in etwas südlicher Ablenkung
-gleich hinter Ombos der Richtung nach dem alten Hafen von Berenice, in
-dessen Nähe die Spuren der im Altertum von den Ägyptern ausgebeuteten
-Goldminen zu suchen sind.
-
-Die ägyptische Südgrenze begann in der Nähe des eben genannten
-Hafenplatzes und zog sich in westlicher Richtung nach der alten Stadt
-Syene, dem heutigen Assuan, gegenüber der Insel Elephantine hin. Im
-Süden davon lag das gebirgreiche, aber wüste Gebiet der nubischen
-Landschaft zwischen dem Nile und dem Roten Meere, deren Bewohner zu
-den echten Negerstämmen gezählt wurden. Von dem am Nil gelegenen Orte
-Kuban aus bietet sich der Zugang zu dem verzweigten Thalsystem der
-sogenannten Etbaye-Landschaft, in welchem die Goldminen von Ollaki,
-schwer zugänglich für den gewöhnlichen Reisenden, an die Zeiten
-uralter Anbauten erinnern. Im Anfang der dreißiger Jahre unseres
-Jahrhunderts wurden sie von dem Franzosen Linant und dem Engländer
-Bonomi wieder aufgefunden und dadurch die Angaben der Denkmäler
-über das Vorhandensein von Gold in der nubischen Landschaft auf das
-Überraschendste bestätigt. Das hier gefundene Edelmetall führte nach
-dem ägyptischen Namen Kusch für Äthiopien, von dem die östliche
-nubische Landschaft einen Teil bildete, die Bezeichnung „des Goldes
-von Kusch“. Die Ausbeute dieser Minen muß erstaunlich groß gewesen
-sein, da schon Inschriften vom dritten Jahrtausend des äthiopischen
-Goldes gedenken, auch als Tributgegenstand der dem ägyptischen
-Scepter unterworfenen Völker, und die Darstellungen, vom sechzehnten
-Jahrhundert v. Chr. an, eine Fülle von kunstreichen Gegenständen in
-Gold erkennen lassen, welche die Fürsten des Landes Kusch dem zu
-ihrer Zeit regierenden Pharao als Geschenke darbrachten. Noch nach
-dem zehnten Jahrhundert, in der Epoche unseres Mittelalters, wurden
-die alten Bergwerke von den Arabern ausgebeutet, was nicht geschehen
-sein würde, wenn die Arbeiten in den Minen keinen Gewinn ergeben haben
-würden.
-
-Die Untersuchungen der einzelnen Goldminen, sowohl in Ägypten als in
-Nubien, durch europäische Reisende haben die Beweise für einen regen
-Verkehr in der Nähe derselben im Altertume geliefert. Ganz abgesehen
-von dem regelrechten Anbau fand man die wohl erhaltenen Reste von
-heiligen Grotten und Götterkapellen, von Arbeiterwohnungen, ferner
-Cisternenanlagen, darunter sogar artesische Brunnen, Granitmahlsteine,
-Granitrinnen zum Auswaschen des zerstampften Golderzes und was sonst
-zu der Bearbeitung desselben gehörte, in großer Menge vor. Daß eine
-solche Kolonie von Bergleuten und Arbeitern, der Mehrzahl nach aus
-Kriegsgefangenen, Sklaven und Verbrechern bestehend, in den heißen
-Wüstenthälern kein angenehmes Dasein führte, ist selbstverständlich
-und wird durch die lebendige Schilderung ihres Elends aus der Feder
-eines klassischen Gewährsmannes, des Schriftstellers Diodor, vollauf
-bestätigt.
-
-In den ägyptischen Archiven befanden sich farbig ausgeführte Pläne auf
-Papyrus, welche mit erklärenden Texten versehen, die Konfiguration der
-Gebirge, die Straßen und Seitenwege, die Brunnen und Arbeiterwohnungen,
-die Kultusstätten, die Arbeiterwohnstätten, ja selbst die von den
-Königen aufgeführten Gedächtnissteine in Bild und Schrift wiedergaben.
-Bruchstücke derartiger Pläne, aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr.
-herrührend, werden in dem ägyptischen Museum von Turin als besondere
-Merkwürdigkeiten den Besuchern gezeigt.
-
-Es ist mir keine inschriftliche Überlieferung bekannt, welche, mit
-Ausnahme der in Gold gezahlten oder richtiger gesagt abgewogenen
-Tribute, von Erwerbungen dieses Edelmetalls aus vorderasiatischen
-Gebieten spräche. Dagegen melden inschriftliche Denkmäler und
-Papyrusurkunden von ägyptischen Ophirfahrten zur See, welche außer
-wertvollen Bodenerzeugnissen, an ihrer Spitze der kostbare Weihrauch,
-Gold von den südlichsten Küstengebieten des Roten Meeres nach der
-Residenz der Pharaonen im Nilthale einführten. Tritt in den älteren
-Texten die allgemeine Bezeichnung Puone für das ferne Reiseziel im
-Süden ein, so vermehren sich die Namen in den späteren Jahrhunderten
-bis zu dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hin. Die Westküste
-Jemens mit ihren Goldländern Saba, Havila, Parvaim und Uphas, wie sie
-in der Bibel genannt werden, lieferten bekanntlich das Edelmetall nach
-Palästina, das durch phönizische Kaufleute, die von Tyrus in erster
-Linie, auf den Markt gebracht wurde. Man wird kaum fehl gehen, auch für
-Ägypten die südarabische Bezugsquelle vorauszusehen, sicherlich in den
-späteren Zeiten der Geschichte des Pharaonenreiches.
-
-Bereits im dreizehnten Jahrhundert, in welchem Pharao Ramses III. als
-ein starker und mächtiger König die Zügel der Regierung in seiner
-Faust hielt, ward das Gold in besonderen Sorten teils seinem Ursprung,
-teils seiner Reinheit und Zusammensetzung mit anderen Metallen nach
-in verschiedene Sorten geteilt und danach aufgeführt. Im allgemeinen
-trennte man „das Berggold“, das aus den goldhaltigen Erzen in den
-Minen gefunden wurde, von dem „Wassergolde“, das aus dem Sande
-der Flüsse und Bäche des Sudan herausgewaschen wurde. Im übrigen
-unterschied man äthiopisches, ägyptisches (aus den obengenannten
-Städten) und arabisches Gold -- das Vaterland des arabischen war in
-den Gegenden der Weihrauchterrassen -- ferner „feines“ (wörtlicher:
-gutes, vollkommenes), „weißes Gold“, „Zweidrittel-Gold“ (wahrscheinlich
-eine mit anderen Metallen gemischte Sorte), außerdem +Ketem+
-oder vorderasiatisches Gold, dessen Name nicht ägyptischen, sondern
-semitischen Ursprunges ist, und andere Sorten, deren Name noch nicht
-hinlänglich klar ist. So viel steht fest, daß diese und andere
-Bezeichnungen auf eine genaue Kenntnis der Feinheit des Goldes bei den
-alten Ägyptern hinweisen und metallurgische Studien voraussetzen.
-
-In unverarbeitetem Zustande erscheint das gelbe Edelmetall in Barren
-und in Ringform bald von größerem, bald von kleinerem Umfang. Das
-Gewicht derselben ging von einer bestimmten Grundgewichtseinheit aus,
-die gesetzlich normiert war und dem einzelnen Stücke die Bedeutung
-unseres Geldes verlieh. Als ich im Jahre 1889 vom ältesten Geldgewicht
-in den Sonntagsbeilagen der Vossischen Zeitung mehrere allgemein
-interessierende Angaben auf Grund eigener Untersuchungen zum besten
-gab, hatte ich das Silbergewicht zum Ausgang meiner Betrachtungen
-gewählt und die Übereinstimmung seiner Gewichtseinheit (= 1-1/5
-ägyptische Lot oder 10,91 Gramm) mit dem babylonischen schweren
-Silbergewicht besonders hervorgehoben. Es knüpfen sich daran Fragen von
-großer kulturhistorischer Bedeutung, die von der Zeit der geschlagenen
-Münze an von entscheidender, tief einschneidender Wirkung sind. In
-letzter Instanz tritt dabei die Frage in den Vordergrund: Waren die
-Ägypter oder waren die Babylonier die ersten Erfinder des Geldgewichts
-in Silber, d. h. hat ein Volk von dem andern die Gewichtsbestimmung
-entlehnt und danach ein eigentümliches Rechensystem aufgebaut oder
-haben beide Völker von einem vorhistorischen Volke unbekannten Namens
-und unbekannter Abstammung die wichtige Erfindung empfangen und
-rechnungsmäßig als Tauschmittel im Verkehr verwertet?
-
-War ich zur Zeit der Veröffentlichung meines ersten Artikels in
-der glücklichen Lage gewesen, die Grundeinheit des Silbergewichtes
-genau bestimmen und auf unser modernes Grammgewicht zurückführen zu
-können, so fehlten mir damals alle notwendigen Unterlagen, um in
-ähnlicher Weise dem Goldgewicht die entsprechenden Zahlen gegenüber
-zu stellen. Diese Lücke ist ausgefüllt, seitdem durch zwei aus dem
-ägyptischen Altertum uns überkommene Goldgewichtsstücke, von denen das
-eine und größere erst vor Kurzem in den Besitz des Berliner Museums
-gelangt ist, und durch überlieferte Goldgewichtsberechnungen, aus dem
-sechzehnten und aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr., sich mir
-die Gelegenheit dargeboten hat, in unbestreitbarer Weise auch für
-das Gold die altägyptische Grundgewichtseinheit fixieren zu können.
-Dieselbe betrug 1-4/5 altägyptische Lot oder 16,37 Gramm, entsprach
-daher dem 1/50 Teile einer Goldmine von 90 Lot (= 818,63 Gramm) und
-den 1/3000 eines Goldtalentes von 5400 Lot (= 49,1179 Kilogramm). Die
-Hälften dieser angeführten Gewichtsstücke, welche sich zugleich auf
-das System der sogenannten +schweren+ Goldmine nach babylonischer
-Rechnungsweise bezogen, also die Zahlen 8,18, 409,31 Gramm und 24,55
-Kilogramm, stellen die Grundeinheiten der +leichten+ Goldmine vor.
-Ihr kleinstes Stück im Gewicht von 8,18 Gramm Gold sei der Vergleichung
-halber dem Gewichte der 20 Mark-Goldmünze von 7,96 Gramm und dem
-englischen Pfund Sterling-Stück von 7,98 Gramm an die Seite gesetzt,
-um eine annähernd richtige Vorstellung seiner Schwere zu erwecken. Es
-erscheint nicht überflüssig hinzuzufügen, daß die Anwendung dieses
-kleinsten Stückes von 8,18 Gramm Gewicht sich in Goldberechnungen
-aus der Zeit des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. auf ägyptischen
-Denkmälern vorfindet.
-
-Was den angeführten altägyptischen Goldzahlen das höchste Interesse
-verleiht, ist die von Herrn ~Dr.~ C. F. Lehmann, einem der
-babylonischen Keilschrift kundigen Gelehrten aus Berlin, vor etwas
-länger als einem Jahre nachgewiesene Thatsache, daß sich die alten
-Babylonier zur Bestimmung der Schwere eines Gegenstandes eines
-Normalgewichtes bedienten, dessen leichte Mine auf Grund von drei
-noch vorhandenen und in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrten
-Stücken im Durchschnitt 491-1/5 Gramm betrug. Diese Gewichte, in
-den Trümmerstätten des südlichen Babylonien aufgefunden, sind aus
-einem dunkelgrünen harten Stein gefertigt, tragen Aufschriften in
-Keilzeichen und gehören nach der Meinung des gelehrten Forschers
-mindestens dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends an. Da
-nach dem babylonischen Rechnungssystem die Goldmine um ein Sechstel
-kleiner als die allgemeine Gewichtsmine war, so muß dieser Betrag, ca.
-81-9/10 Gramm, von der Gewichtsmine (491-1/5 Gramm) abgezogen werden,
-um die Schwere der Goldmine festzustellen. Man gelangt somit zu der
-babylonischen Zahl von 409-3/10 Gramm, welche der ägyptischen, im
-Betrage von 409-31/100 Gramm, auf das Genaueste entspricht.
-
-Ein so merkwürdiges Zusammentreffen, welches ich in meinen früheren
-Untersuchungen auch in Bezug auf das ägyptische und babylonische
-Silbergewicht nachgewiesen habe, kann nicht in einem bloßen Zufall
-gesucht werden, sondern beruht auf gemeinsamen Grundlagen der Maß- und
-Gewichtseinheiten im Handelsverkehr der ältesten Welt. Die geträumte
-Abgeschlossenheit der großen Kulturstaaten an den Ufern des Niles
-in Afrika und zu beiden Seiten des Euphrats, auf asiatischem Boden,
-muß anderen, richtigen Vorstellungen in Zukunft den Platz räumen,
-wenn auch die Streitfrage nach den ältesten Erfindern der Maß- und
-Gewichtssysteme vorläufig unerledigt bleiben mag. Für Ägypten
-spricht das hohe Alter aufgefundener Steingewichte, welche in die
-Zeiten der Pyramidenbauten hinaufreichen, für Babylon vor allem das
-weit verbreitete sexagesimale Teilsystem, das ~Dr.~ J. Brandis in
-seinem berühmt gewordenen Werke: Das Münz-, Maß- und Gewichtswesen
-in Vorderasien (Berlin 1866) aus den geschlagenen Münzen, bis zu
-den klassischen Völkern des Altertums hin, in überzeugender Weise
-nachgewiesen hat. Daß Babylonien und die im Westen davon gelegenen
-Völker und Länder Vorderasiens, einschließlich der Inseln des
-östlichen Mittelmeeres, mindestens vier bis fünf Jahrhunderte vor
-den trojanischen Zeiten mit Ägypten im engsten Verkehr standen, das
-bezeugen ja vor allem die in Tell El-Amarna auf ägyptischer Erde in
-unseren Tagen aufgefundenen keilschriftlichen Thontafeln mit ihren für
-die Kulturgeschichte jener Epoche so merkwürdigen Korrespondenzen von
-Hof zu Hof und mit ihrem regelmäßigen Botenpostdienst von den oberen
-Euphratgebieten an bis nach den fernen Nilufern im Süden hin. Politik
-und Handelsverkehr beherrschten schon damals die Welt und Gold und
-Silber, wohl geprüft und abgewogen und in den Schatzhäusern der Könige
-lagernd, bildete den von Jedermann verstandenen Maßstab des Reichtums
-der Großen der Erde.
-
-Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen
-Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit
-den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit,
-welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht
-steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu
-rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig
-Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen
-trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten
-Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten,
-die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor
-dem Beginn unserer Zeitrechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung
-und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen
-der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger
-wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer
-Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und
-im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am
-Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg
-entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und
-das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des
-Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise
-mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer
-wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem
-Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche
-ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere
-Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird
-unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der
-menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger.
-Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an
-Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte
-bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen.
-
-
-
-
-Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit.
-
-
-Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der
-Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in
-feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen
-ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu
-geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren
-ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem Wohle der
-Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch
-die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und
-priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen
-wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit
-erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den
-versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft
-derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung
-nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in
-die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft
-zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für
-die spätesten Geschlechter niedergelegt.
-
-Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist,
-folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden,
-die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart
-als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich
-abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen
-der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei
-Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des
-Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben
-und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von
-vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen
-symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat,
-sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.
-
-Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den
-Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward,
-dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird
-erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet
-habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden
-zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in
-Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde. Die Regionen des
-sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach
-den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie
-man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier
-und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung
-nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in
-der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt
-des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der
-Feldfrüchte angefüllt.
-
-Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“
-dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen,
-nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der
-Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche
-über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen
-Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und
-Weise, in welcher jedes von den drei Thoren -- mehr ließ derselbe
-etruskische Ritus nicht zu -- bei der Gründung seiner künftigen Stelle
-nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des
-Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb
-tragen durch das Wort ~portare~ ausgedrückt wird, so leitete man
-das Wort ~porta~ für das Thor von jenem Zeitworte ab.
-
-Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen
-Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es
-ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche
-Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa
-anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die
-Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin -- und zwar in
-den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als
-ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte
-aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der
-Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Verbindung bringen
-zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen
-plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.
-
-Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale
-die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt-
-und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um
-wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen
-Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages
-hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale
-fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit
-eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite
-Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am
-Landungsplatze angepflockt lag.
-
-Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten
-Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte
-spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart
-die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden
-einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg,
-und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der
-nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit
-einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte
-mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse
-führenden nächsten Seitenweg.
-
-So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte,
-gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet,
-zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus
-umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits
-einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und
-dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete
-+Nâbut+ der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen
-als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.
-
-„~Es-salam aleïk~“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu,
-indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden
-Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß
-die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte
-Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein
-Segen!“
-
-„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher
-Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern
-einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf.
-Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung -- das bekannte
-Backschisch -- für meine Vermittelung zukommen lasset.“
-
-Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte
-einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von
-seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher
-zu prüfen.
-
-Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch
-dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war
-mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch
-sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die
-Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in
-schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen
-Königs sprang mir sofort in die Augen.
-
-Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine
-angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten -- meine ganze
-Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden -- stürzte ich über Stock
-und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und
-in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu
-rücken.
-
-Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der
-kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit
-welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes
-auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und
-Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier,
-den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden
-Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst
-den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den
-leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu
-genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich
-wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem
-Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und
-sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als
-Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige,
-deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen
-Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich
-bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr
-4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich
-vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes
-Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges
-Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der
-berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter
-Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von +On+ in
-der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen
-Inschriften den vorher genannten König +Usortisen+ I. als Urheber
-preist.
-
-Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres
-gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen
-vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.
-
-Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch
-beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung
-übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen
-Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte
-von Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder
-des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären
-sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in
-höchsteigener Person „+die Ausspannung der Meßschnur+“, d. h. um
-nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.
-
-Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu
-erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte,
-sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem
-gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade,
-um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der
-Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir
-gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche
-der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig
-Jahrhunderten voranging.
-
-Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den
-altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an
-Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet,
-die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen
-enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden
-Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am...
-Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der
-Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des
-Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar
-leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um
-sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“
-
-„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden:
-den Freunden, den..... des königlichen Hauses und den (sonstigen)
-Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“
-
-„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte
-die Ausschachtung des Erdbodens.“
-
-„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis
-als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“
-
-„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes.....
-aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“
-
-Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die
-sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn
-der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem
-er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung
-öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle.
-
-Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf
-der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem
-sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten,
-also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei
-dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht.
-Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um
-die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an
-deinem Gotteshause zu vollziehen.“
-
-Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der
-hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen
-Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten,
-seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen
-Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit
-sofort in Angriff nehmen zu lassen.
-
-Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze.
-Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute
-standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über
-die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in
-den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen war, ging seine
-Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge]
-um.“
-
-Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften
-Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen
-darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles
-als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf
-welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.
-
-Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein
-in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch
-im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen,
-seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten
-Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe
-der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung
-vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten
-Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem
-König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien
-der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich
-veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand
-entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen
-und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache
-der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.
-
-Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in
-vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen
-die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen.
-Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen
-Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes
-die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den
-Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten
-Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte +Meßschnur+ und
-der +Pflock+ bilden dabei die Hauptsache.
-
-Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei
-vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten
-baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst
-im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen
-wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem
-Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet,
-so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige
-Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament
-stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift
-vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der
-Kirche auf einem Felsen.
-
-Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes
-auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei
-ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm
-zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in
-erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen
-Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll
-auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage
-zu schaffen.
-
-Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen,
-um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen
-Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß
-sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben,
-des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat,
-Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts
-verloren haben.
-
-Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung
-in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz
-unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers
-Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G.
-Schweinfurth (in Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich
-folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte
-Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels
-einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre
-Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit
-dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte.
-Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die
-alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie
-längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den
-entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des
-großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung
-oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“
-
-Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus
-einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem
-seines Thrones verlustig gegangenen +Chedive Ismaël+ Pascha
-kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten
-lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser
-der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar
-mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß
-bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser
-die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden
-bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand,
-Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in
-Ägypten.“
-
-Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur
-bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem
-Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der
-Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom
-Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit +einem+
-Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und
-abzublättern imstande war. Bekanntlich ist das ganze Nilthal derart
-mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des
-Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter
-für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.
-
-Der Grundstein war es daher im Altertum +nicht+, welcher bei
-der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle
-spielte, sondern der +Aufriß des Baugrundes+ auf dem Erdboden
-mit Hilfe der +Meßschnur+ und des +Holzpflockes+, wobei die
-+Erdhacke+, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes,
-die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse +Gestirne des
-Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung+ des zukünftigen Gebäudes
-dienten.
-
-Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen
-Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage
-eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten
-Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn
-behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches,
-welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige +Usortisen+
-I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor
-mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit
-festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus
-mit der Überschrift: „+Über die Ausspannung der Meßschnur und das
-Einpfählen des Pflockes+“ zu thun in der Lage war.
-
-Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß
-des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem
-würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner
-altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze
-Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu
-richten.
-
-Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber
-gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter
-erkennen, mitten unter den zahlreichen Darstellungen, fast durchweg
-mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer
-Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle
-einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des
-zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes
-Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.
-
-In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den
-ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus,
-als auch in Nubien -- ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden
-Zeugen an -- tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines
-hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger
-in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der
-einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines
-keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres
-Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den
-hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.
-
-Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin,
-welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die
-Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel
-übrig. Es handelt sich um die Göttin +Chawi+, die treue Behüterin
-aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den
-Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden,
-der heiligen Bücherei. Sie wird als „+die erste Schreiberin+“
-und als „+die Königin der Bibliothek+“ tausendfältig gepriesen.
-Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der
-Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens
-dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen
-Überlieferungen der Vorzeit verfahre.
-
-Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten
-beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott +Thot+, der
-ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes,
-welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen
-überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen
-den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu
-werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde
-lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen
-zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom
-Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen
-Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem
-er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches
-vorschriftsmäßig Folge leistet.
-
-In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor
-Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht,
-hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke
-durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines
-Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick,
-welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des
-Bauterrains diente.
-
-Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer
-in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein
-Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu
-können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem,
-selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“
-übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt
-habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für
-die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der
-Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes
-mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt.
-
-Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte
-Handlung konnte zunächst nicht an jedem beliebigen Tage geschehen,
-sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der
-Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des
-Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem
-sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für
-den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine
-merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets
-wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der
-Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu
-unterscheiden) verbunden war.
-
-In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen,
-pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche
-Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person
-ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der
-Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der
-ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott
-wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen.
-
-Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in
-den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen
-beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung
-des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus
-Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und
-inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber
-ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles
-zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das
-Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus
-den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen
-Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem
-eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der
-dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person
-der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund
-der Bildwerke trat.
-
-Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem
-eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“
-würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein
-und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können.
-Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen
-darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von
-Apollinopolis magna (heute +Edfu+ genannt) in Oberägypten den
-vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das
-Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt.
-
-Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf
-Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den
-Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und
-schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und
-gelesen habe.
-
-Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen
-Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach
-althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der
-Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und
-Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen.
-
-In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die
-folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den
-Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der
-Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet
-am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und
-stecke die vier Enden des Tempels ab.“
-
-Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der
-Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen
-Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem
-Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als
-das nördlichste Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen
-dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der
-astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei
-für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur
-vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente.
-
-Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung
-der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit
-inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als
-„Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten
-als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere
-Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals
-verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem
-Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten
-Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert:
-„auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet,
-darum heißt sie die Beste mit Namen.“
-
-Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung
-seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach Einpfählung
-der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als zweite
-Handlung die +Ausschachtung der Erde+ an den für die Fundamentierung
-genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese Arbeit in
-feierlicher Weise ein. Er trägt die +Erdhacke+ des ältesten ägyptischen
-Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig den Boden zum guten
-Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der Götter auf, wozu
-er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und bewässere ihn
-zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke Festigkeit zu
-verleihen.“
-
-Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb
-eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher
-mit Wasser zu befeuchten.
-
-Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener Tiefe
-ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine
-Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder
-Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das
-Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in
-den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem
-Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um
-die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das
-oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf
-Fundamenten aus Sand.
-
-Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann
-der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah
-dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und
-an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren
-Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war
-verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den
-Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen
-zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in
-der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem
-hinzu, daß die Ziegel mit +gehacktem Stroh+ vermischt wurden, um
-ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon
-an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6-7): „Darum befahl Pharao
-desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und
-sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß
-sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen,
-wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh
-zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18).
-
-Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten
-Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein
-gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er
-außerdem in seiner eigenen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und
-damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich
-führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des
-Tempels fest zu gründen.“
-
-In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und
-selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens
-durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von
-Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die
-Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit
-an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der
-himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer
-Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte
-in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich
-vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen,
-um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild
-in sich schließt.“
-
-Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die
-zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das
-Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen
-im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines
-Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in
-Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus
-Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach
-Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die
-Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine,
-welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du
-meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an
-den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“
-
-Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze
-unter den vier Ecksteinen des Tempels von Tentyra suchen. Des Sängers
-Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in
-Gold und Edelstein.
-
-An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche
-als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten
-darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an
-bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König
-übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines
-geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand
-prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich
-mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit
-meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal
-gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“
-
-Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines
-Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf
-ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer
-Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden,
-um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über
-die folgenden Handlungen zu gewinnen.
-
-Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt
-ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu
-befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim
-einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache
-kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden.
-Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer
-Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer
-Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und
-Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des
-Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche
-Waschmittel.
-
-Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese Thätigkeit,
-wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war.
-Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit
-des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine
-unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze
-Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung
-hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen
-Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war
-streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An
-hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward
-deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher
-eintritt, sei viermal rein!“
-
-In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig,
-welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist,
-der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und
-dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den
-Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher
-Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des
-Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu,
-an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und
-Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige
-beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber
-als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken.
-Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen
-an größter Lauterkeit.“
-
-Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die
-mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt.
-
-Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde
-in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen
-Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des
-abgebildeten Herrschers fallen eine Menge von Kügelchen -- eben jene
-Natronkügelchen -- abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte
-Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen.
-
-Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen
-als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen
-variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze
-abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen
-Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten
-Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen,
-nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um
-den Tempel durch den König vollzogen.
-
-Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden
-Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig
-läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung
-einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“,
-wie er inschriftlich bezeichnet wird.
-
-Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden
-des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen
-an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher
-der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und
-mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner
-Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein
-längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere
-mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am
-Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen
-Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die
-gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen.
-
-Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an
-seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung.
-In dem einen Beispiel spricht der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm
-aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder
-jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis
-zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne
-Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der
-Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine
-Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken
-befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige
-entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine
-Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen.
-Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania)
-in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne,
-wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre
-aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“
-
-Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen
-Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in
-eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder,
-wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten
-Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben.
-In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider
-ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die
-nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile
-desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten
-Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise
-die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus
-Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König
-Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des
-Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet
-Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift
-auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon geliebte
-König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“
-
-Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert
-für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich,
-und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das
-ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die
-Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte
-der Menschheit gefällt hat.
-
-„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets
-gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von
-gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt,
-bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen
-Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die
-Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben
-Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie
-entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen,
-sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind.
-
-„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig
-Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht
-nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der
-Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und
-es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und
-befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“
-
-In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der
-gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine
-Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in
-Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine
-besondere Erwähnung verdient.
-
-„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die
-großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen
-zu verknüpfen. Noch in unsern Tagen rufen Gedächtnisinschriften an
-sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück
-und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände
-werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt,
-woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst,
-sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern,
-dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller
-Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die
-Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie
-schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich
-habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den
-Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken,
-fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben
-gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen.
-
-„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König
-oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll,
-in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise
-vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die
-Scheinhandlung der Arbeit.“
-
-Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an
-Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die
-Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis
-zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel
-den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns
-zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden
-Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind.
-
-Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein
-Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig
-noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein
-ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund
-das Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer
-münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten
-„Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte
-Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der
-sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von
-Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32
-Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung
-festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal
-in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer
-umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10-1/2 :
-2-1/2 Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und
-von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt,
-so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte.
-Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den
-überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem
-Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der
-Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der
-Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist.
-
-Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden
-Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem
-Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus
-einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus
-rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet,
-geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem
-einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein
-im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen
-Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan
-fertiggestellt wurde.
-
-Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt ägyptischen
-Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht
-im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen
-Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer
-einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache
-sofort.
-
-Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus
-Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu
-ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die
-Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche
-der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene
-in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete
-Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer
-Anwesenheit mit den Worten: „+Der Aufseher spricht zu den Bauleuten:
-Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!+“ Es sind
-genau dieselben biblischen Worte: „+Ihr seid müßig, müßig seid
-ihr!+“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der
-Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde
-mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber
-leider vergeblich, vorzutragen.
-
-Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel
-gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit
-noch in den Kinderschuhen ging -- und die heutigen Morgenländer haben
-sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt -- mochte die sonderbare
-Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu
-rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung
-erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen
-Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus.
-
-
-
-
-Eine Blitzstudie.
-
-
-Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu
-beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende
-Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung
-den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit
-spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der
-peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.
-
-Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der
-Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um
-einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen
-in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen
-finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr
-gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher
-bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers
-einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ,
-um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.
-
-Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das
-Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei
-einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu
-beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten
-zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als
-wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften
-die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener
-einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen
-kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu
-besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube
-immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts in einem
-zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den
-finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend
-Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so
-lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube
-seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden
-weiter entwickelt.
-
-Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise
-auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und
-die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie
-dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu
-werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte,
-Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das
-„Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche
-Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes
-gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.
-
-Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale
-Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem
-Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit
-auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin
-Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit
-kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem
-man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz
-verschont geblieben war.
-
-Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes
-hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied
-man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen
-herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom
-Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen.
-Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die
-irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man ging noch weiter
-und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht
-an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im
-kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt
-sind.
-
-Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei
-der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer
-des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von
-dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen
-Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in
-die Erscheinung trat.
-
-Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der
-Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und
-Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen
-nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das
-Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet
-haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert
-worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich
-bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er
-irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun
-verabsäumt hatte.
-
-Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in
-seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem
-Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze
-gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei
-man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag,
-an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage -- wer
-denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? -- und daß
-man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das
-Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen
-bestätigten, anerkennen zu müssen.
-
-Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf
-Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen, dürfen
-als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern
-sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von
-den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker
-oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen
-Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten
-auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze
-Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.
-
-Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S.
-169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein
-eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu
-einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination
-(das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine
-tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises.
-Die Blitzschauer (+Fulguratoren+) beschäftigten sich mit Erforschung
-der Blitze, dem +Herabziehen+ und dem +Abwenden+ derselben. -- So
-entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher Gewitterbeobachtungen.“
-
-Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die Etrusker
-den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord -- Ost -- Süd --
-West -- Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile gespalten.
-Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie die +linke+
-Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten die östlichen
-Weltteile als die +linke+), die acht aus der entgegengesetzten Seite
-befindlichen Teile die +rechte+ Seite. Die Blitze zur Linken sah man
-als glückbringend an, die Blitze zur Rechten, im Nordwesten, als
-Unheil verkündigend. Blitze aus anderen Himmelsrichtungen galten als
-indifferent.
-
-Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder
-Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun
-Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter
-ein dreifacher Blitz zugeschrieben wurde, so daß im ganzen elf
-Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem
-Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie
-dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den
-aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen,
-von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.
-
-Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach
-tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen
-konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die
-Fulguratoren vorgeblich den Blitz +herabzuziehen+ vermochten.
-In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen
-Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich
-die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den
-Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte
-hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und +leitenden+
-Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die
-+einzige+ Angabe beim +Ktesias+ aufzufinden vermocht.
-
-Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen
-vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise
-in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in
-der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz
-von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig
-erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei
-eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon)
-und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt,
-Gewölk, Hagel und +Blitzstrahlen abwendeten+. Er habe, so fügt
-er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen
-Augen das Experiment gemacht.“
-
-Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der
-Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden
-des Blitzes spricht, mit größter Deutlichkeit auf die Kenntnis der
-Blitzableitungstheorie auf Grund +leitender Metalle+ hin.
-
-Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den
-Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die
-Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den
-Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch
-eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu
-beweisen.
-
-Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch
-den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin
-aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen
-Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist
-aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen
-der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn
-man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.
-
-In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der
-Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei
-den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch
-zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein
-zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete.
-Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter-
-oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg
-nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.
-
-Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit
-Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt,
-wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den
-Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben.
-Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine
-ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den
-Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden auf rechteckiger Grundlage
-ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind
-31-1/2 Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine
-Seitenbreite von 12 Ellen oder 6-1/3 Meter.
-
-Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen
-Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine
-eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach
-unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen
-Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und
-die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in
-Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels
-des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag
-wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen
-habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme
-ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch
-klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen
-zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen
-mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.
-
-Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration
-gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich
-zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu
-beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch
-in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von
-Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen
-Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der
-Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.
-
-Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus
-Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften
-aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die
-Zahl derselben sich auf +vier+ beschränkte und daß die Stoffe +rot+,
-+weiß+, +blau+ und +grün+ gefärbt waren, mit anderen Worten, daß es
-vorgeschrieben war, den vier +heiligen+ Farben den Vorzug zu geben.
-Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß auch im ebräischen Kultus,
-wie es aus alttestamentlichen Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur
-allein die vier heiligen Farben +rot+, +blau+, +karmesin+ und +weiß+
-für die Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von
-Jerusalem gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.
-
-In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die
-beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine
-Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen
-mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben,
-wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse
-in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der
-Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe
-Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus
-(des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem
-Platze, +um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden+. Zeugstoffe
-in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an ihrer
-Spitze.“
-
-An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich
-auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den
-Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem
-+Asch+holze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten
-aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine
-besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum
-Himmelsgewölbe und sind +mit Kupfer des Landes beschlagen+.“
-
-Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise
-an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der
-deutlich ausgesprochenen Absicht, +die Ungewitter zu schneiden+,
-konnten nichts anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen
-sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine
-andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte,
-welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem
-angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit
-und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren
-Blitzableiter erklärt haben.
-
-Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite
-Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch
-nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen
-vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe
-zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch
-aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um
-das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen
-Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare,
-deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung
-als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.
-
-Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von
-Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der
-noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in
-der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne
-Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21-1/4 Meter, wie alle Obelisken
-endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte
-Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte
-+Benben+ bezeichnen.
-
-Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken
-eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion
-regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim
-Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die
-Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich:
-„Er (der König) hat zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem
-Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist
-aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten,
-hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen
-sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten
-aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden
-Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher
-nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende
-Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem
-Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein
-Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den
-steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und
-Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich
-zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen
-Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen
-Überzug aus +vergoldetem Kupfer+. Diese Vermutung findet nämlich
-durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit
-erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.
-
-Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich
-vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der
-Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken,
-also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine +kupferne Kappe+ über
-dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif
-herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es
-stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus
-einem Edelmetall, sondern aus +reinstem Kupfer+ bestand, das
-eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.
-
-Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter
-gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen
-nach dem Nilthale zuströmte, ist es kaum anzunehmen, daß die Könige
-so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer
-Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug
-erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom
-Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine
-Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige
-jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen,
-besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und
-Außergewöhnlichen aufzudrücken.
-
-Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus
-Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser
-wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche
-die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es
-dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber,
-daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis
-der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich
-hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum,
-bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten
-Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten
-gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.
-
-Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen
-der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das
-wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte
-(II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von
-Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man,
-besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit,
-sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe
-am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal
-deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die
-Erscheinung treten dürften.
-
-Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheimlichen
-Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen
-Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben,
-Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes,
-Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen
-Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten
-Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte
-und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der
-sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in
-unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:
-
- Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,
- Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.
-
-Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der
-Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der
-intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse
-Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.
-
-Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis
-und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende
-Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen
-beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit
-ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in
-symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.
-
-Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und
-Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb
-geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man
-versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich
-auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen
-Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen
-Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König
-der Tempelwelt wachen.“
-
-
-
-
-Der große königliche Gräberfund.
-
-
-Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte
-Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug,
-welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet
-seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen
-ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit
-in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für
-ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit
-nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern -- nach
-den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen -- sie führten wahre
-Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren.
-Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles
-dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war.
-Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was
-man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles
-Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von
-denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur
-hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß,
-wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.
-
-Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten
-auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können
-während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten
-historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen
-den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen
-Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen
-Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen,
-überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden
-durch das verständnisvoll geschriebene Wort.
-
-Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei
-Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie
-handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an
-zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung
-die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote:
-Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in
-Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen
-Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu
-führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den
-Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen
-Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in
-reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil
-heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese
-Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung
-von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren.
-Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der
-Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit.
-Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene
-Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den
-Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.
-
-Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der
-gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an
-den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden
-haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren
-Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung
-auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was
-man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen
-Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten,
-in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.
-
-Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten, wenn ich irgend
-wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind
-keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind
-(teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig
-mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl
-Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen
-Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein
-wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein
-ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar
-verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und
-Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden
-hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen
-stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte:
-wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch
-das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das
-Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche
-sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden
-nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen
-konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen
-finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben
-wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen
-und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe
-des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche
-Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich
-zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles
-mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine
-reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse
-Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und
-geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers
-und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner
-Umgebung ungemein begünstigte. So haben wir heute Gelegenheit, da,
-wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der
-Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der
-Welt mehr zu finden ist.
-
-Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die
-Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich
-gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach
-Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher
-überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der
-ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der
-Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem
-Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl
-die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der
-Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000-2000 v. Chr. und
-die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um
-das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König
-Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch
-durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten
-Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage
-war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in
-den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.
-
-Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören -- ich spreche
-zunächst von denen der Könige -- wurden am Rande der Wüste in
-Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie
-sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von
-Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher
-Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte
-Landschaft des Fajum hinein.
-
-Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel
-genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr
-genau, wenn sie auch in betreff der einzelnen Königsnamen sich
-bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber
-der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben,
-sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche
-beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig
-späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu
-überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel
-hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese
-kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht
-genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten
-aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die
-Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.
-
-Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf,
-so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren
-Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in
-Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.
-
-Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß
-der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen
-Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache
-viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe
-(Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden
-Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache,
-dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3-4
-Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien
-aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine,
-welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen.
-In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und
-schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser
-wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft
-und in den Sarkophag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock
-ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen
-einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so
-war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die
-Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls
-durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche
-eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser
-Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten
-abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben
-nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo
-sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch
-darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für
-diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es
-eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.
-
-Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab
-des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde.
-Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere
-Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide,
-wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.
-
-Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine
-Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war
-es ihm gestattet -- die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte
-eines jeden Königs zu bauen begonnen -- so ließ er einen zweiten Mantel
-herumlegen, etwa in einem Abstande von 5-10 Fuß von der Kern-Pyramide,
-dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich
-das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im
-Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen
-Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben
-außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale
-Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chronologischen
-Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine
-Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen
-sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den
-Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum
-in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung,
-die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz
-geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch
-eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der
-ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat.
-Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden
-fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden
-sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten
-Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer
-Fürsten.
-
-Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die
-Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen?
-Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte
-Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von
-Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen?
-Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien
-her das Wort zu reden.
-
-So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts -- ich
-meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre -- für den Bau der Pyramiden,
-für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch
-für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar
-deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine
-einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen
-habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag
-ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand
-der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich
-den betreffenden König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben
-sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin
-war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach
-historische Namen beizulegen.
-
-Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten
--- es ist in den Monaten Februar und März gewesen -- wurden durch
-Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten,
-mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller
-Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld
-so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten
-konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser
-Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und
-in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche
-hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in
-einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die
-Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da
-die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des
-Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen.
-Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu
-nehmen genötigt war.
-
-[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.=
-Vertikaldurchschnitt.]
-
-[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.=
-Horizontaldurchschnitt.
-
-1 Eingang. -- 2 u. 4 Gänge. -- 3 Fallthür. -- 5 Grabkammer. -- 6 Kammer
-mit dem Sarkophag.]
-
-Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte
-zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde
-arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des
-Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den
-übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der
-Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften,
-welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn
-auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem
-ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte,
-konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die
-Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen
-großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen Reise des
-verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß
-nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als
-Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des
-göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der
-Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen
-Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur
-ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist
-seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren
-im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode,
-seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe
-der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten
-sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen.
-Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung
-des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten
-wandelnd, legt er die Reise der Toten zurück. Dies ist das Thema, der
-Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen
-Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei
-zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen
-Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch
-für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben.
-Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem
-Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die
-unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt
-beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.
-
-Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche
-kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das
-Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.
-
-Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu
-unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll
-dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende
-Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen,
-d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.
-
-Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300
-v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne
-+Mehti-em-saf+ angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber
-in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten
-Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst
-in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind,
-sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben,
-die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande
-zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu
-bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten
-und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten
-nicht gescheut haben, um bis zu der Sarkophagkammer vorzudringen,
-woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.
-
-Als ich die Grabkammer der +Phiops+pyramide erreicht hatte,
-überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der
-Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen
-worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse
-von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß
-meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „+Di harir+“, d. h.:
-„Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide
-nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas
-gewandert.
-
-In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf
-dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches
-Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner
-Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein
-feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen
-wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der
-ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich
-sie in der Pyramide des +Phiops+ entdeckt hatte. Die Mumie wurde
-nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch
-befindet.
-
-Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen
-Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden
-gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher
-nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig
-vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf
-die berühmte Pyramide von +Meidum+, die in der That noch nicht
-geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern
-entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur
-einigermaßen darin vorzudringen.
-
-Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den
-Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine
-Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau
-gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung
-begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die
-größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter
-hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die
-Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die
-Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde
-zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen
-Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen -- und das ist
-doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!
-
-[Illustration: =Privatgrab aus dem Alten Reiche.=
-
-~a~ Kapelle. -- ~b~ Schacht. -- ~c~ Grabkammer. -- ~d~ Sarkophag.]
-
-Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten,
-daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der
-Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse
-aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben
-Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch
-vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen.
-Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. --
-Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in
-der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in
-Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten
-wiederkehrt.
-
-Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben
--- die Wüste ist ja Felsboden -- dann unten in diesem sogenannten
-+Brunnen+, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt
-und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war,
-wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer
-abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt
-anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt
-ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung
-des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder
-weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem
-Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie
-so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie,
-hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen
-versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die
-Totenopfer spenden konnten.
-
-Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten
-ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur
-Epoche der thebanischen Könige.
-
-Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden
-und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir
-wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß
-nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes
-überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen
-Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie
-bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben
-ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak
--- er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden -- und
-daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung
-zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese
-Königsgräber vorhanden).
-
-Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist
-eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden,
-um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen
-Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so
-nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der
-Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die
-Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt
-haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte
-lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges,
-welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen
-Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein,
-anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens.
-Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das
-noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare
-Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist,
-welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses
-Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan
-mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten.
-Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach
-diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen
-mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt,
-folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste,
-welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer
-Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für
-den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein
-fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen
-man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer
-sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des
-„goldenen Saals“.
-
-[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.=
-Vertikaldurchschnitt.]
-
-[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.=
-Horizontaldurchschnitt.
-
-1-4 Korridore. -- 5 Der Wartesaal. -- 6 Der goldene Saal. -- 7
-Korridor. -- 8 Die Schatzkammer.]
-
-Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der
-saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder
-Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen
-dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man
-es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen
-Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“,
-befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein
-Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen,
-seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben
-zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken
-hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem
-selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während
-die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit
-Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.
-
-Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich
-wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten,
-welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten.
-Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert,
-nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint.
-Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das
-Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche
-zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen,
-welcher bestimmten Art sie waren.
-
-Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist
-von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr
-vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und
-zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder
-zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern
-selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte
-diese doch nicht verhindern -- kommt es ja doch auch in unseren
-aufgeklärten Zeiten vor -- daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um
-die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen.
-Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah,
-ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage
-vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück
-in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe
-um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX.
-einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer
-herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet
-gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die
-ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden.
-Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es
-wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das
-älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten
-selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt
-wurde.
-
-Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller,
-Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber
-der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.
-
-Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen,
-daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische
-Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren
-und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die
-Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder
-irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den
-der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden
-ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten,
-ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.
-
-Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur
-fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen
-sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.
-
-Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen --
-man konnte ja nicht anders -- daß der Inhalt jener Gräber, die heute
-offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß
-man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin
-fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen
-Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der
-berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger,
-waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage
-noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?
-
-Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende
-und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben
-Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art
-angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich
-hier um Könige handle, die in den Gräbern von +Biban-el-moluk+
--- so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber -- beigesetzt worden
-waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf
-den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der
-thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten
-Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts
-und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer
-Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu
-sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. --
-Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals
-nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er
-stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.
-
-Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher
-Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber
-das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue
-Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses
-und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der
-kostbaren Fundgrube zu öffnen.
-
-[Illustration: =Aufgebahrte Mumie des Osiris.=]
-
-Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein
-arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in
-Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben
-hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher
-den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem
-geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt
-Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher
-einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei
-seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde
-ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an
-dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen
-Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber
-der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste
-derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari
-befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten
-Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah,
-etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten
-Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In
-der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung
-zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch
-ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in
-die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter
-weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An
-gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur
-die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht
-ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der
-Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet
-gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die
-Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu
-einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80
-Meter Länge.
-
-„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis
-zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und
-gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag
-in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt.
-Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt
-an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den
-Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des
-Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen
-mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im
-Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach
-Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet
-und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den
-ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine
-Ecke geworfen hätte.
-
-„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe
-ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts
-zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die
-Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines
-Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche
-Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe:
-Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu,
-Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das
-Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim
-ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie.
-Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben
-schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei
-oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die
-Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und
-von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte
-Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II.
-der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu
-sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie
-er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume,
-wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen
-war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.
-
-„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die
-Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des
-Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich
-ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt
-wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten,
-Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg
-in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin
-befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed
-Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der
-Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten
-sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen
-Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit
-waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur
-zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen
-mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits
-des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen,
-welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten
-sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird
-man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und
-der Julihitze bedeuten mußte.
-
-„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor
-bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei
-Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige
-Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort
-mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von
-Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils,
-folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei
-dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei
-Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul
-hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher
-der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem
-Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch
-demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf
-einige schöne Entdeckungen hoffen. -- Mit so thätigen und ergebenen
-Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl
-erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie
-des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den
-wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet.
-Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren
-Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich
-für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der
-Wissenschaft erwiesen haben.“
-
-Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung
-der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der
-Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten
-gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume
-ausgebessert oder zerbrochen -- sie lassen den Stil der 18. und 19.
-Dynastie erkennen -- zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges
-Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die
-Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.
-
-Särge der ersten Gruppe:
-
-1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des
-Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne
-eine sichtbare Aufschrift.
-
-2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus
-demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter
-Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben
-1,8 Meter.
-
-3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).
-
-4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des
-Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68
-Meter lang.
-
-5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere
-1,65 Meter lang.
-
-6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs
-Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.
-
-7. Sarg der Prinzessin Sitamun.
-
-8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin
-Miritamun bestimmt.
-
-9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich
-als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des
-Königs“ bezeichnet.
-
-10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao
-Amenophis I.
-
-11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter
-der Vorhergehenden.
-
-12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.
-
-13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper
-des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.
-
-14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.
-
-15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der
-Königin Haitschepsu lautend.
-
-16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers
-Thutmos III.
-
-17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere
-noch nicht wiedererkannt.
-
-18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen
-Sesostris.
-
-19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. -- Sesostris der
-Griechen -- Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.
-
-Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von
-hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster
-Gegenstände, welche derselben Periode angehören.
-
-Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20.
-Dynastie an (1100-1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des
-Amon“, der Lokalgottheit Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten.
-Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und
-Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder
-dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:
-
-1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).
-
-2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.
-
-3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter
-lang.
-
-4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).
-
-5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter
-lang).
-
-6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der
-Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).
-
-7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).
-
-8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens
-Tanhirit.
-
-9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.
-
-10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).
-
-11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des
-Prinzen Zotptahefanch.
-
-Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen
-lassen.
-
-Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des
-Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die
-eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung
-aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem
-Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische
-von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere
-mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine
-einbalsamierte Gazelle, das Lieblingstier einer der Prinzessinnen,
-fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.
-
-Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der
-oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende
-Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk
-besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben
-den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz
-gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise
-beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist
-bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten
-der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden
-Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so
-reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte,
-welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu
-öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die
-darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten
-Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die
-Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt,
-daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten
-der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in
-Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den
-Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten
-Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen
-ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die
-zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen.
-Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren
-Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts
-anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in
-dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk
-in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der thebanischen Ebene zu
-überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen
-Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor
-Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone
-mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige
-drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den
-modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer
-königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum
-in Bulak anzutreten.
-
-Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die
-Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe
-königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt
-erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen
-Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist
-auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in
-Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten
-berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber
-als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn
-der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien
-eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf
-und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle.
-Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten
-wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher
-erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige
-trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.
-
-Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren
-durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner
-Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber
-ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des
-Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz
-neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und an die
-Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige
-Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den
-Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu
-bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß
-die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während
-des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die
-Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr
-mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte,
-ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die
-eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen
-zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten
-ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie
-abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das
-ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle
-groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und
-spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du
-tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren
-Gastgelagen.“
-
-Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung
-schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten
-Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen
-Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen
-ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen
-Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche
-Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren
-irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische
-Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die
-Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die
-veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form
-und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen.
-Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vornehmen,
-schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter
-von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin
-des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder
-Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete
-ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt
-wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß
-der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann
-gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein
-Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu
-schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu
-feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten
-die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden
-weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll
-Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern
-darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um
-ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre
-Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern
-und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden
-bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches
-zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir
-nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich
-betreten habe diese Grabeswelt.
-
-„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe
-dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer
-des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier
-weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle
-zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt
-vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder
-menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand
-vermag sich seiner zu erwehren.“
-
-Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn
-ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte
-Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus
-ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des
-ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des
-Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische
-freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit
-den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende
-bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der
-Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte
-Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen
-ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Die großen Ramessiden.
-
-
-Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes
-zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in
-Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl
-hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei
-der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris
-der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich
-publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr
-morgens.
-
-Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe
-entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst
-den übrigen Mumien königlicher Herkunft aufbewahrt werden, tragen
-die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der
-äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233,
-setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper
-wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das
-Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem
-das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die
-Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde
-die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine
-Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt
-war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle
-durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden
-und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte.
-Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist
-mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual
-vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil
-Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben
-und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen
-befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche
-viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte,
-deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite
-geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.
-
-„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter
-lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen
-Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare,
-spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und
-bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter
-Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der
-Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig,
-schmal, die Augenbrauen treten im Bogen hervor, das Auge ist klein,
-die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht
-eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind
-hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf
-abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der
-breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt;
-er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem
-Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber
-weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während
-der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten
-Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie
-das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter
-lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken
-darauf.“
-
-Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche
-Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig
-intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität,
-aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches
-noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil
-des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat
-die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit
-beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der
-Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme
-über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot
-gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und
-so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und
-Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die
-Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die
-Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in
-der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67
-Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben
-mußte.
-
-Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum
-eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von
-wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem
-Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem
-orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher
-Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man
-erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte
-Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf
-dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter
-lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten
-Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs
-Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der
-Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt
-Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in
-seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin
-dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari)
-gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung
-dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in
-seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die
-Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern.
-Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte
-begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen
-und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.
-
-Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech
-durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das
-mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen
-Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich
-endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen
-Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt
-auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns,
-daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem
-Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift
-lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes
-Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf
-daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei
-Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste,
-aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der
-Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war
-aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus
-verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und
-die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden:
-das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das
-Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ
-der Chediw den Saal.
-
-Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen
-und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der
-Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine
-datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons
-und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch
-vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge
-sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu
-einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen.
-Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine
-Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr
-hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen
-der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger
-hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger
-schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber
-fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung
-ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger
-vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von
-Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen
-weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten
-Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern
-gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne
-von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken,
-unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große
-Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke
-des Todes fettleibig.
-
-Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem
-und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt
-intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger
-breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II.
-gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber:
-Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an
-den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in
-schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit
-weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es
-in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen
-Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses
-II. gab.
-
-Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen
-in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das
-Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege
-und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn
-unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben
-schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden
-als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.
-
-
-
-
-Pyramiden mit Inschriften.
-
-
-Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten
-Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf
-geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang
-ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den
-ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre
-Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren.
-Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines
-kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen
-darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß
-ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige
-unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer
-in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite
-her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer
-führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von
-Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den
-größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu
-öffnen.
-
-Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre
-Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem
-Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten
-nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb
-weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie
-in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem
-innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der
-königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden
-sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus
-vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch hoher Wert
-zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den
-unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen
-Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?
-
-Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die
-eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer
-so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit
-der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber
-beschäftigt.
-
-Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden,
-welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere
-Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder
-inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der
-pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte
-der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter
-über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des
-verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger
-Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher
-Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden
-entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser
-Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die
-beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.
-
-Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen
-übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater
-der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an
-der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch
-zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi
-Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie
-viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau
-der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte
-1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte
-zwanzig Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so
-hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048
-Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die
-erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine
-außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze
-Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale
-eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist.
-Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge
-aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt
-er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise
-ausgesonnen.
-
-Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor
-des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener
-Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren
-Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das
-also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste.
-+Mariettes+ Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade
-erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen
-Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher
-den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische
-Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser
-Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten,
-die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie
-bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß
-dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in
-Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie
-hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben,
-deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer
-unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften
-bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab
-es sich, daß die in Rede stehende Pyramide einem Könige angehöre,
-dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca.
-3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den
-Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide
-als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau
-als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr
-beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner
-Zeit gleichlautete.
-
-Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris -- und zwar
-in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach
-seiner Landung in Alexandrien überfallen -- fühlte er noch so viel
-Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres
-Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte
-aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten
-Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide
-durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem
-Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines
-Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.
-
-Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir
-uns beide durch die durchbohrte Öffnung -- die Steinblöcke über unsern
-Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei
-der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen --
-und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die
-plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände
-des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite
-nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein
-eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen
-Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein
-wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer
-Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer
-Umhüllung beraubte Mumie des Pharao, der sich nach altägyptischer
-Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen
-lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in
-schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des
-Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an
-einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach
-seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf
-das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis
-der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene
-Pyramide gehörte einem Könige an.
-
-Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten
-geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten
-königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände
-hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen
-Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze
-dahinter verborgen sein müßten.
-
-Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die
-in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu
-durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu
-vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten
-Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung
-von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem
-Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes
-unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung
-unter den Händen der früheren Eröffner.
-
-Herr +Maspero+, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab,
-um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen,
-die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen
-Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung
-zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine
-Übertragung ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die
-Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne
-Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden
-Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd
-richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.
-
-Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache
-festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher
-gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt
-ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte
-angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes
-hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen
-verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die
-sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die
-ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige
-Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen,
-Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel
-einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen
-wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen
-hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner
-altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.
-
-Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder
-nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie
-sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein
-die Bezeichnung „+das Buch+“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit
-seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren
-und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale
-die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst
-eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine
-ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne
-Litteratur im Märchen und Roman zum Durchbruch kam, hielt an dem
-unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das
-Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte
-der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der
-Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen,
-was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit
-der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre
-Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen
-Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende
-Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in
-den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name
-seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“
-u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein
-auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte,
-die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern
-Privatpersonen zuzuschreiben.
-
-Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise
-zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem
-Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu
-erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem
-Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln
-zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten
-Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes
-ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener
-anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in
-einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und
-Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung,
-und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von
-eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die
-Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben
-nach dem Tode in stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies
-mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint
-darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten
-Jenseits.
-
-Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem
-Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten
-einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel
-des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst
-die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden
-des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der
-Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die
-Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“
-bestehen.
-
-An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und
-Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um
-durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem
-Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen)
-Sonnenstadt +On+ gesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem
-Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig
-die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen
-und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um
-diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das
-Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen,
-auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die
-Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des
-Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen
-und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung
-der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des
-Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“
-(genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der
-Götter und Toten -- sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen
--- und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste
-Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen
-Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die
-schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an
-der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten
-der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte.
-
-Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und
-seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus
-dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin
-auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie
-zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott
-befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu
-einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner
-Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es
-wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und
-sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und
-immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine
-magischen Wirkungen nicht verfehlt.
-
-Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es
-selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung
-kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als
-der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise
-die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder
-Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige
-Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen
-ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder,
-wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach
-dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der
-Götter und Menschen, Gott +Set+-Typhon, hauste darin, um seine
-schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen.
-Dagegen war der Leuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt,
-durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in
-großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen
-die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit, +Thot+,
-angefangen.
-
-So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen
-philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug
-auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt
-andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich
-auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und
-Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten
-der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und
-die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen
-Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die
-Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren
-Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und
-wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den
-Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen
-Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen
-Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“
-zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von
-Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken.
-Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren,
-daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches
-Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis
-in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner
-des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier,
-unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln
-in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch
-keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse
-werden der Reihe nach aufgezählt, und neben dem Bier wird der Wein und
-die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken
-und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und
-zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe,
-welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten.
-Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht.
-
-Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der
-Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten
-irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich
-auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte
-nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten
-Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung
-zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher
-Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen
-Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne
-je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des
-menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet
-auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes,
-er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert
-an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt
-sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil,
-er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem
-gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen
-Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart
-und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt
-abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und
-auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein
-Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern
-Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und
-Schützerin alltäglich erstanden. Im jungen Horus verkörperte sich die
-Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als
-nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes.
-
-Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den
-Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes
-Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die
-Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du
-leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des
-Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient
-dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein
-Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus
-gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter
-dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt
-ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones
-des Osiris. -- Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. -- Du
-steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung
-nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir
-die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der
-Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er
-berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er
-setzt dich auf den Thron des Osiris.“
-
-In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder
-neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen
-und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit
-des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das
-Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der
-Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich
-zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen
-Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter
-liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte
-durch eine rätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung
-zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande,
-im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten
-vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die
-himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum
-vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar.
-Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte
-der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in
-den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der
-anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am
-äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise
-der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris
-thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am
-Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die
-Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für
-die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit.
-
-Lange vor dem Dichter Homer, welcher dem Himmelsgewölbe den Beinamen
-des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung
-geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum.
-Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten
-und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen,
-ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am
-Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein
-eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller
-Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen
-den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor
-oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten
-biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des
-Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt
-als der Erfinder der Eisenschmiedekunst) setzen für das höchste
-Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In
-listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die
-ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe
-nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch
-darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten
-werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei
-religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre
-Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr.
-erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer
-zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen
-wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in
-dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine
-Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung
-bei Fieberhitze empfohlen wird.
-
-Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den
-ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt
-darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig
-gefolgt sei.
-
-Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen
-genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so
-wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten
-ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt
-war (~bi-ni-pe~), welches wörtlich so viel als „Wunderding“,
-„Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in
-den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz
-allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter
-oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne
-Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.
-
-Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit
-geschenkt, um daran den Nachweis zu führen, welche Bedeutung den
-Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit
-innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf,
-daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird,
-bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher
-ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der
-Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die
-Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an
-der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist
-daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken
-ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist
-und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das
-Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte
-eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der
-Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten
-waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt
-worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es
-Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem
-Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der
-Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern
-des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten
-als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die
-Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum
-und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern
-werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der
-Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten,
-das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das
-Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen
-und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals
-einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die
-Pyramidentexte es nicht verschmäht hatten, mitten in das uralte
-Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen
-die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen
-bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist
-unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in
-der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern
-zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.
-
-Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt
-der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den
-Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch
-so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen
-Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der
-Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß
-auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen
-klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich
-ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von
-diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der
-ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete
-älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine
-Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die
-weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte,
-sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider
-Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu
-seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht
-war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter
-des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem
-selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die
-Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der
-beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.
-
-
-
-
-Im Faijum.
-
-
-Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von
-Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut
-deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen
-Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert
-Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die
-winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt
-dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen
-geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die
-gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern
-der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung
-des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem
-Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der
-Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500
-v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal -- es ist derselbe,
-welcher heute den Namen des Josephskanals trägt -- in das Sandbecken
-der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu
-befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten.
-Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten
-lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der
-ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen
-Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge
-der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher
-Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen
-hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln
-und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des
-von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an
-bis zum Plinius hin ist das klassische Altertum darüber einig, daß
-der +Mörissee+ (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte
-~meri~ für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes
-Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist
-heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung
-~jom~, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz
-Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch
-noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.
-
-Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer
-Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen
-worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche
-besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat,
-nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung
-der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können.
-Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von
-Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge
-eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem
-Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach
-Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und
-daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit
-sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande
-sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste
-Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung
-in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur
-Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines
-künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts
-steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen
-Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier
-Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das
-andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar
-herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen,
-in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Deltagebiet stets ein
-erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch
-ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten
-gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue
-Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben
-und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.
-
-Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der
-heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern
-die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen
-hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten
-Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß
-es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene
-Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das
-ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.
-
-Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt
-desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier
-Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis
-zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man
-besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug
-und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich
-von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu
-überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen
-von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische
-Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und
-„der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi
-an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder
-unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den
-fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt,
-man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen,
-wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von
-dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute
-vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so
-beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer
-Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed,
-wo fährst du hin? -- Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der
-Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. -- So sei dir Heil auf der Reise
-beschieden! -- O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! -- Mein
-Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu
-haben. -- Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“
-schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander
-rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen
-zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt
-die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko,
-denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit
-Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse
-und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg
-öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten
-hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende
-Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit
-einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen
-in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen
-kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und
-wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es
-vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden
-zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger
-Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom
-eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur
-Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide,
-welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide,
-beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie
-dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose, als
-habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu
-versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst
-seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem
-die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres
-rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter
-tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte
-derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König
-+Snofru+ nennen, den Vorgänger Königs +Chufu+-Cheops, den
-Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie
-sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes
-genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit
-Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen
-Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.
-
-Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte
-der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden
-derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer
-sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten
-Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in
-westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die
-Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen.
-Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken
-den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen
-Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden
-Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit
-ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben
-und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht
-der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum
-schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische
-Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen
-Straßen der Städte noch auf offenen Feldwegen umzusehen, um einem
-vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines
-Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder
-links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der
-geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter
-ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart
-fesselt ihren geistigen Blick.
-
-Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen
-Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen,
-dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten
-der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich
-durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt,
-durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch,
-Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des
-„Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller
-Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen
-lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der
-Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit
-vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten
-Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten
-Faijum bildet.
-
-Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“
-einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an
-dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen
-Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege
-aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es
-sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie,
-dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000
-Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der
-Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die
-Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in
-Augenschein zu nehmen. Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die
-segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf
-die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser
-Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne
-Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, +Lahun+
-weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er
-ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung ~La-hunet~, d. i.
-„die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form
-in dem Namen des Labyrinths, d. i. ~Lapi-ro-hinet~, „der Tempel
-der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom
-Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der
-Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung,
-woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des
-ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere
-mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber
-dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen
-Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes
-abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz
-verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung
-gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker
-wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe,
-allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von
-der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige
-Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas
-halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von
-Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn
-nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst
-poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen
-Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen
-Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne
-betrachtet den Eindruck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe
-lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie
-Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern
-sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.
-
-Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem +Bahr-bela-ma+,
-welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt
-reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke
-durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit
-verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle
-entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte,
-welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag,
-allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit
-üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres
-Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer
-nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen
-die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen
-Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen.
-Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein
-ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens
-offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt
-ägyptischen bemerkenswert absticht.
-
-Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich
-erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau
-mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter
-abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der
-Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten
-Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach
-einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen.
-Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten
-hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche
-überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei
-Eseljungen sitzen wir endlich im Sattel und haben Gelegenheit, ein
-wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten.
-Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken
-eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns
-klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links
-von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden
-Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die
-kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig
-neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder
-Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist
-barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen
-den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal,
-auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken --
-ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale -- sind in kurzen
-Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt
-führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern
-vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und
-lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände
-auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am
-letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den
-Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus,
-neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße
-dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden
-oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen
-leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die
-über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den
-feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.
-
-Die Stadt selber, man merkt es ihr an, war weder schön noch ist sie
-es jetzt, der echte morgenländische Charakter haftet ihr an, aber
-sie scheint sich emporzuringen und ein wenig veredeln zu wollen.
-Der Wohlstand hat sich einzelne aus weißen Kalksteinblöcken
-zusammengefügte Häuser geschaffen und das in Medineh angesessene
-Europäertum, an ihrer Spitze die nie fehlende, überaus thätige,
-schaffende und schachernde griechische Kolonie, hat sich auch beim
-Bau ihrer Wohnstätten zu europäischen Mustern emporgeschwungen.
-Selbst ein Gasthof mit griechischer Firma ist in den letzten Jahren
-entstanden, und ich kann versichern, daß Zimmer und Verpflegung mehr
-als bloß bescheidenen Ansprüchen genügen. Die eine Seite des Hauses
-liegt sogar an einem breiten, aus dem Josephskanal abgeleiteten
-Wasserbecken, an dessen Rändern männiglich seine Waschungen vollzieht
-und sich ohne Rücksicht auf die vorüberziehenden Straßengänger in
-höchster Ungeniertheit unter der Tagessonne badet. Die Bazare der
-Stadt sind dunkel und schattig, die ausgelegten Waren vermögen nur den
-Eingeborenen anzulocken und die Käufer sind bei weitem anziehender
-in ihrem Gebahren beim Kaufen und Feilschen als der Kaufmann und
-seine Bude. Da sitzen sechs Bauernweiber auf dem Erdboden vor dem
-engen Laden eines Kastenmachers, klatschen in die Hände und singen
-Freudenlieder dazu, weil ihr männlicher Beistand soeben den Kauf eines
-buntangestrichenen Koffers als Hochzeitsgabe für eines der Weiblein
-abgeschlossen hat. Es ist herzerfreuend derartigen Straßenscenen in
-unserer verwöhnten Welt zu begegnen, und ich pflege gern stehen zu
-bleiben, um den Unterhaltungen dieser ungeschminkten Naturmenschen zu
-lauschen.
-
-Die Leute der Stadt bedienen sich nur bei weiteren Ausflügen des Esels,
-seltener des Pferdes als Reittier. Die Einführung des +Karro+
-oder kleinrädrigen Lastwagens, der natürlich als Hauptstraße den
-Schienenweg einschlägt, ist jungen Datums, aber geradezu unerhört ist
-der Anblick eines zweirädrigen Vehikels, auf welchem ein griechischer
-„Bauunternehmer“ seine Besorgungen in und außerhalb der Stadt zu
-machen den Vorzug hat. Das Volk auf der Gasse starrt das Wundergefährt
-mit großen Augen an und äußert darüber sein wohlbekanntes: „Was Gott
-nicht alles geschehen läßt.“ Der Unternehmer zu Wagen ist nicht der
-einzige in seiner Art, denn es regt sich mächtig im Faijum und alle
-Tage treten neue Schöpfungen zu Tage. Der fruchtbare Boden birgt Gold
-in sich und jede Spekulation zur Ausbeutung desselben trägt ihren
-reichlichen Gewinn. Sollte man es beispielsweise glauben, daß selbst
-mit deutschem Gelde und durch deutsche Unternehmer von Medineh aus neue
-Schienenwege in das Innere des Faijum gebaut worden sind? Das Herz
-hüpfte mir vor Freude im Leibe, als ich diese Thatsache an Ort und
-Stelle von allen Seiten bestätigt fand.
-
-Die Stadt Medineh, deren Einwohnerzahl mir aus dem Munde des Herrn
-Bürgermeisters selber in kürzester Fassung auf 50 -- er meinte
-natürlich 50000 damit -- angegeben worden ist, hat wie jede Stadt des
-Morgenlandes ihre besonderen Merkwürdigkeiten, die dem ankommenden
-wißbegierigen Fremden gern und willig gezeigt werden. Mit Vorliebe
-führt man den Wandersmann von draußen nach einer verfallenen Moschee
-am andern Ende der Stadt, dorthin, wo die schönste Aussicht ist, von
-der ich oben gesprochen habe. Besagtes Gebäude, vor langem von dem
-ägyptischen Sultan Kait Bey gegründet, ist mit Hilfe einer Reihe
-antiker Marmorsäulen nebst ihren Kapitälen aufgeführt worden, die man
-aus der nahegelegenen Ruinenstätte Arsinoe, der griechisch-ägyptischen
-Vorgängerin von Medineh, hierher geschleppt hatte. Das wäre allerdings
-nichts besonders Merkwürdiges, denn ähnliche Verwendungen antiken
-Baumateriales finden sich in sonstigen Städten des Orients vor, das
-Merkwürdige vielmehr besteht in einer weißen von grünen Flecken
-durchzogenen Marmorsäule und ihrem Gegenüber, deren Farbe ich leider
-vergessen habe. Beide Säulen haben die Eigenschaft eines medizinischen
-Wunders. Man höre nur. Die Säule Nr. 1, an deren Fuße eine Menge
-frisch ausgedrückter Limonen liegen, zeigte bis auf 4 Fuß Höhe eine
-dicke Kruste heruntergelaufenen Menschenblutes. Auf meine Frage nach
-dem Ursprunge dieses edlen Saftes wurde mir von meinen sämtlichen
-mohammedanischen Begleitern die verbürgte Erklärung gegeben, daß
-jene Säule bis zur Stunde die Eigenschaft besitze, jede Art innerer
-Krankheiten zu heilen. Das Rezept sei folgendes: Man zerdrücke an der
-Säule eine Limone und lecke so lange auf der benetzten Fläche, bis das
-klare Blut aus der Zunge an dem Marmor entlang läuft. Die Krankheit
-weiche danach sofort, wie tausendfältige Kuren bewiesen hätten. Weniger
-anstrengend ist die Kur an der Säule Nr. 2. Wer von Gliederschmerzen
-und Rheumatismus geplagt sei, lege den Rücken an die Säule, reibe
-ihn ein paarmal daran und -- ~probatum est~, die Heilung sei
-augenblicklich vollbracht. Ich lobte und dankte Gott mit den Gläubigen
-des Propheten und hütete mich wohlweislich, auch nur den mindesten
-Zweifel an der Heilkraft der beiden medizinischen Säulen auszusprechen.
-
-Die heutige Stadt Medineh an den Wassern des Josephkanals ist die
-modernste Auflage ihrer älteren und ältesten Vorgängerin Krokodilopolis
-oder „der Krokodilstadt“, die einer der Ptolemäer nach dem Namen
-seiner Schwester in Arsinoe umtaufte. Die älteste Stadt befand sich
-etwa eine halbe Stunde nördlich von dem heutigen Orte, die folgenden
-Ansiedlungen aus den Zeiten der späteren Pharaonen, der Perser,
-Griechen, Römer, Kopten und Araber bauten sich in der Richtung nach
-Süden bis in die Nähe des jetzigen Medineh auf. Die Trümmerstätte
-aller dieser untergegangenen Städte mit ihren Tempeln, Wohngebäuden,
-öffentlichen Werken, Säulen, Statuen und allen Erzeugnissen der Kunst
-und Industrie bis zu den beschriebenen Papyri hin, ist heutzutage von
-mächtigem Umfang. Ich brauchte volle anderthalb Stunden, um sie in
-ziemlich schnellem Schritte zu umgehen. Nicht weniger als dreizehn
-hohe Berge von Schutthaufen, von denen ein jeder seinen eigenen
-Namen bei den Einwohnern von Medineh führt, erheben sich auf dem
-mit Scherben und Bauresten bedeckten Boden der Vorzeit und täglich
-treten neue Funde zu Tage, welche der Zufall oder Ausgrabungen
-aufdecken. Der Handel mit Altertümern ist daher an Ort und Stelle
-in Schwung und ich darf mit vollem Rechte behaupten, daß sogar der
-größte Teil der in den Hauptstädten Ägyptens, besonders in Kairo
-und Alexandrien, feilgebotenen Antiken, vor allem in Töpferware
-und Papyri, seinen Ursprung aus dieser Ruinenstätte herleitet. Daß
-seltsame Verwechselungen bei der Abschätzung der gewonnenen Funde
-vorkommen, mag folgendes Beispiel lehren. Bei meinem Besuche der
-Ruinen näherten sich meiner Person zwei wohlgekleidete Bürger in
-langem Kaftan und weißem Turban, von denen der jüngere in seiner Hand
-einen zierlich in ein weißes Tuch eingewickelten Gegenstand trug. Nach
-gegenseitiger Begrüßung machten sie mir den Vorschlag, gegen eine
-Barzahlung von 10 Pfund Sterling in Gold, das sind 200 Mark, eine in
-ihrem Besitze befindliche höchst wertvolle Antike zu erwerben. Es
-fehlte wenig, daß ich in ein helles Lachen ausgebrochen wäre, nachdem
-es sich herausstellte, daß der teure Schatz aus ältester Vorzeit
-nichts mehr und nichts weniger als die Hälfte eines zerbrochenen
-kleinen Porzellanengels war, wie man ihn auf unsern Jahrmärkten für
-10 Pfennige erstehen kann. Ich bedauerte mit verbindlichstem Danke
-keine Verwendung für das seltene Kleinod zu haben und wir segneten
-uns beim gegenseitigen Abschied voneinander. Derartigen Mißgriffen
-begegnet man häufig bei den Eingeborenen, ohne daß man bei ihnen
-beabsichtigte Täuschung voraussetzen dürfte. Es fehlt ihnen aber jede
-Vorbildung, um den Unterschied zwischen Altem und Modernem heraus zu
-erkennen, sobald es sich um Gegenstände außerhalb ihrer gewöhnlichen
-Anschauungssphäre handelt. Da lobe ich mir Meister +Mahmud+ in
-der ehrsamen Stadt Medineh, den lustigsten aller Antiquare, den ich
-je in der Welt gesehen. Sein Haus, inmitten der Stadt gelegen, ist
-eine wahre Fundgrube für den Altertumsforscher, denn alles, was dem
-Bauernvolke und den Städtern auf der weit ausgedehnten Ruinenstätte
-an Antiken in die Hände fällt, wandert sofort in das Museum Meisters
-+Mahmud+. Es ist wahr, der biedere Mann kann weder schreiben noch
-lesen, aber er hat einen ausgezeichneten Kennerblick für das Echte
-und Gute und hält die ganze ägyptische Mythologie wie am Schnürchen.
-Freilich hat er sich seine eigene Terminologie zurechtgelegt, aber
-man versteht sie, sobald man nur eine halbe Stunde mit ihm verkehrt
-hat. Allerdings sind seine Sammlungen nicht geordnet, denn die Antiken
-bedecken haufenweise den Fußboden und die langen Tischbretter, aber
-er weiß die Hauptsachen mit seinen zwickernden Augen zu finden und
-herauszufischen und den uneingeweihten Reisenden nebenbei durch sein
-scheinbar unverfängliches Wesen arg zu täuschen. Zwischen den echten
-Dingen blenden wunderbar glänzende Nachahmungen durch ihre seltsamen
-Darstellungen in Begleitung uralter Königsnamen und gerade für diese
-Werke der modern arabischen Kunstfertigkeit findet Mahmud die meisten
-Abnehmer zu den höchsten Preisen. Natürlich giebt er vor, nichts
-darüber zu wissen, aber er verrät sich selber, denn ein schelmisches
-Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er einen willigen Käufer gefunden zu
-haben glaubt. Das gehört einmal zum Leben der Großstadt, zu welcher das
-moderne Arsinoe emporzusteigen ganz ernste Anläufe nimmt. Wie wäre es
-z. B. sonst möglich, daß über vielen Kaufläden und Hausthüren Schilder
-mit Namen und Titeln prangen, die neben dem Arabischen die Umschrift
-und Übersetzung in das Französische und Englische erkennen lassen,
-obgleich ich keinen einzigen Franzosen und Engländer, nicht einmal
-eine englische Rotjacke, in Medineh zu Gesicht bekommen habe. Offenbar
-bereitet man sich für die Zukunft vor, ohne sich vorläufig weder für
-den einen, noch für den anderen zu entscheiden.
-
-Es hält schwer in der ersten Nacht seines Weilens in Medineh sich
-eines ruhigen Schlafes zu erfreuen, denn die Wasser rauschen, die
-Schöpfräder knarren, die Hunde bellen und die Wächter führen so laute
-Unterhaltungen vor den Häusern, daß es ein wahres Kunststück ist,
-die Augen in den ersten Stunden der Nacht schließen zu können. Die
-nächtliche Kühle macht sich hier mehr als sonst in dem Lande der
-Ägypter fühlbar und es empfiehlt sich daher, sich durch warme Decken
-zu schützen. Das Klima ist im übrigen vorzüglich, die Sommerhitze
-nicht übermäßig stark und die heißen Südwinde, die sogenannten
-Chamsin, sind ein unbekanntes Ding. Haben die Leute von Stande, mit
-denen ich zu verkehren Gelegenheit fand, wahr geredet, so wären
-ansteckende Krankheiten, wie Cholera und Pest, niemals in das Faijum
-eingezogen. Ob auch die Influenza vor Illahun Halt gemacht hat,
-habe ich nicht erfahren können, obgleich sie im ganzen Nilthale,
-wenn auch in milder Form, vorläufig wenigstens, bei Jung und Alt
-aufgetreten ist. Rechnet man noch die Rosengärten, Weinberge und
-Obstbaumanpflanzungen zu den Wohlthaten der menschlichen Existenz,
-so ließe es sich im Faijum herrlich und in Freuden leben. Vorläufig
-hat der Zug der Reisenden sich bisher wenig nach dem Faijum gelenkt.
-Gewöhnlich sind es die Jagdliebhaber, welche die Richtung über Medineh
-nach dem Hörnersee einschlagen, um Hyänen, Schakale, Luchse, wilde
-Katzen oder sonstiges Raubzeug zu schießen, oder auf Wasservögel zu
-jagen und die wohlschmeckenden Fische im See zu fangen, die mit den
-Nilfischen keinerlei Verwandtschaft zeigen sollen. Soll ich vollständig
-in meinem Berichte über das Faijum sein, so darf ich nicht vergessen,
-daß sogar die Aussprache des Arabischen für mein Gehör dialektische
-Verschiedenheiten von der Kairenser Sprache darbietet und daß, nebenbei
-bemerkt, die Bewohner des Faijum sich einer Redefülle befleißigen, die
-mit frommen und erbaulichen Phrasen gespickt ist. In den Gebräuchen
-bei öffentlichen Aufzügen, wie bei Hochzeiten, Beschneidungen und
-Bestattungen offenbaren sich gleichfalls Verschiedenheiten von den
-Sitten bei den übrigen Ägyptern. Alles in allem lohnt es sich, einen
-Abstecher nach dem Faijum von Kairo aus zu unternehmen, um sich von
-der Eigenart dieser Oase und ihrer Bewohner durch den Augenschein zu
-überzeugen. Wer den Versuch machen will, wird sich reichlich belohnt
-fühlen, doch vergesse er nicht, sich mit ausreichenden Geldmitteln zu
-versehen. Auch im Faijum giebt es keine billige Zeit mehr und an den
-gesegneten Ufern des Josephskanals kennt man so gut wie in Kairo nur
-hohe und höchste Preise. Der Fremde ist eben nur dazu da, um weidlich
-ausgeplündert zu werden.
-
-Bei meiner Abreise von Medineh genoß ich auf einer Bank vor
-dem bescheidenen Bahnhofsgebäude sitzend, noch eines rührenden
-Schauspieles. Der Zug wurde in fünf Minuten erwartet und das
-einheimische Volk mit seinen Bündeln auf dem Rücken belagerte
-bereits die Eingangsthür des hölzernen Gitterverschlages. Da saßen
-in gemächlicher Ruhe sechs tief verhüllte Weiber auf dem staubigen
-Boden mitten zwischen den Schienen, auf welchen der erwartete Zug in
-der nächsten Minute eintreffen sollte, scheinbar unbekümmert um ihr
-nächstes Schicksal. Zum Glück bemerkte ein Wärter noch rechtzeitig
-das Gefahrdrohende ihrer Lage. „O ihr Weiber,“ herrschte er sie mit
-keifender Stimme an, „steht auf, steht auf, denn der Zug wird gleich da
-sein.“ -- „Darum sitzen wir hier, um ihn nicht zu versäumen,“ erwiderte
-eine der verhüllten Schönen. Das Pfeifen der bereits heranbrausenden
-Lokomotive belehrte sie eines Besseren, sie räumten eiligst das Feld
-und der Zug zog langsam in die kleine Halle ein. Ich drückte mein
-Erstaunen über die unglaubliche Bahnfreiheit dem Herrn Inspektor
-aus. Mit aller Ruhe gab er mir die trostreiche Antwort zurück: „Es
-schadet dir ja nichts, mein Herr, und was willst du, die Weiber sind
-eben wie das liebe Vieh, das die Gefahr erst merkt, wenn sie ihnen
-vor der Nase steht. Und Gott ist barmherzig. Wir haben bisher kein
-Unglück zu beklagen gehabt.“ Mir ging die Sache über den Spaß, ich
-drehte den rauschenden Wassern den Rücken zu, bestieg mein Coupé, in
-welchem ein zerlumpter Junge mit einem Flederwisch die Staubdecke von
-den Lederkissen säuberte, und empfahl meine Seele dem Allerbarmer.
-Glücklich und wohlbewahrt langte ich mit geschwärztem Gesicht abends 7
-Uhr pünktlich auf dem Bahnhofe Bulak ed-dakrur auf der linken Nilseite
-in der Chalifenstadt an.
-
-
-Ende.
-
-
-
-
-Helios-Klassiker-Ausgaben.
-
-
- ~L.~ = biegsamer Leinenband.
- ~Ld.~ = biegsamer Lederband mit Goldschnitt.
-
- =Börnes= gesammelte Schriften. 3 Bände. ~L.~ M. 5.--
-
- =Byrons= sämtliche Werke. 3 Bände ~L.~ M. 5.--
-
- =Chamissos= sämtl. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
- -- poetische und erzählende Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.25.
-
- =Eichendorffs= ges. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.--, ~Ld.~ M. 7.--
-
- =Gaudys= ausgewählte Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50.
-
- =Geibels= ausgew. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
- =Goethes= Werke in 4 Hauptbänden. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- Preis der Ergänzungsbände (bisher 4 erschienen) in ~L.~ je M.
- 1.25, in ~Ld.~ je M. 3.50.
-
- =Grabbes= sämtliche Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50.
-
- =Grillparzers= sämtl. Werke. 3 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.--
-
- =Hauffs= sämtliche Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.--, ~Ld.~ M. 8.--
-
- =Hebbels= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- 2 Ergänzungs-Bände. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
- =Heines= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- =Herders= ausgewählte Werke. 3 Bände. ~L.~ M. 5.--
-
- =Kleists= sämtliche Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.50, ~Ld.~ M. 3.75.
-
- =Körners= sämtliche Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.40, ~Ld.~ M. 3.50.
-
- =Lenaus= sämtliche Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.50, ~Ld.~ M. 3.75.
-
- =Lessings= Werke. 3 Bände. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.--
-
- -- poetische und dramatische Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.75.
-
- =Longfellows= sämtliche poetische Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50.
-
- =Ludwigs= ausgewählte Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.75, ~Ld.~ M. 4.--
-
- =Miltons= poetische Werke. 1 Band. ~L.~ M. 2.--
-
- =Molières= sämtliche Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50.
-
- =Mörikes= sämtliche Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
- =Reuters= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 6.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- -- ausgewählte Werke. 2 Bände ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 8.--
-
- =Rückerts= ausgew. Werke. 3 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.--
-
- =Schillers= sämtl. Werke. 4 Hauptbde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- -- -- 4 Hauptbde. u. 2 Ergänz.-Bde. ~L.~ M. 7.50, ~Ld.~ M. 20.--
-
- =Shakespeares= sämtl. dram. Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.--
-
- =Stifters= ausgew. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
- =Uhlands= gesammelte Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.--
-
-
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-
-Aus Ph. Reclams Universal-Bibliothek.
-
-Preis jeder Nummer 20 Pfennig.
-
-
- =Alt=, Das Klima. Nr. 5431/32. Geb. 80 Pf. In Leder oder Pergament M.
- 1.80.
-
- =Brugsch-Pascha=, Aus dem Morgenlande. Altes und Neues. Nr. 3151/52.
- Geb. 80 Pf.
-
- =Fallmerayer=, Der heilige Berg Athos. Schilderung. Nr. 5048.
-
- =Forster=, Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland,
- England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790. Nr. 4729/30.
- 4731/32. 4733/34. Zusammen geb. M. 1.75.
-
- =Günther=, Geschichte der Naturwissenschaften. Nr. 5069/70. 5071-74.
- Zus. geb. M. 1.50. In Leder oder Pergament M. 3.--.
-
- =Haeckel=, Natur und Mensch. Nr. 5404/5. Geb. 80 Pf. In Leder oder
- Pergament M. 1.80.
-
- =Humboldt=, Ansichten der Natur. Nr. 2948-50. Geb. M. 1.--.
-
- =Katscher=, Aus China. Skizzen u. Bilder. Nr. 2256. 4131.
-
- =Kennan=, Zeltleben in Sibirien und Abenteuer bei den Korjäken und
- anderen Stämmen Kamtschatkas und Nordasiens. Nr. 2795-97. Geb. M.
- 1.--.
-
- -- Sibirien. Schilderungen. Nr. 2741/42. 2775/76. 2883. Geb. M. 1.50.
-
- -- Russische Gefängnisse. Schilderungen. Nr. 2924. Geb. 60 Pf.
-
- =Pahde=, Meereskunde. Nr. 5632-34. Geb. M. 1.--. In Leder oder
- Pergament M. 2--.
-
- =Stanley=, Wie ich Livingstone fand. Reisen, Abenteuer und
- Entdeckungen in Zentral-Afrika. Mit einer Karte. Nr. 2909-13. Geb. M.
- 1.50.
-
- =Wieleitner=, Schnee und Eis der Erde. Nr. 5521-23. Geb. M. 1.--. In
- Leder oder Pergament M. 2.--.
-
- =Woenig=, Am Nil. Bilder aus der Kulturgeschichte des alten Ägyptens
- 3000-1000 v. Chr. Nr. 2888. 3084. 3837.
-
- -- „Hej, die Pußta!“ Bilder aus der ungarischen Tiefebene. Nr. 3633.
-
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-Reclams Universum
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- Autoren und interessanten illustrierten Artikeln aus allen
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- Leben“ -- „Romanbibliothek“ und prachtvolle zum Teil mehrfarbige
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-Kreuzbandsendung nach den übrigen Ländern einschl. Porto 8 Mk. Die auf
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-
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-
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-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-}
-
- </style>
- </head>
-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Brugsch
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Aus dem Morgenlande
- Altes und Neues
-
-Author: Heinrich Brugsch
-
-Annotator: Ludwig Pietsch
-
-Release Date: October 15, 2019 [EBook #60501]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-
-<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p>
-
-<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so
-weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler
-wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche
-Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert.
-Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im Text
-mehrmals auftreten.</p>
-
-<p class="p0">Im Abschnitt ‚<a href="#Die_aelteste_Rechenkunst">Die älteste Rechenkunst</a>‘ wurden
-zwei der angeführten
-Zahlenverhältnisse sinngemäß korrigiert. Der Übersichtlichkeit
-halber wurde das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a> an den Anfang des Texts, die
-Buchwerbung ‚<a href="#Helios_Klassiker_Ausgaben">Helios-Klassiker-Ausgaben</a>‘ dagegen an das Ende des Buches
-verschoben.</p>
-
-<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen
-in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden
-Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im
-jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original
-<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in
-serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt
-erscheinen.</span></p>
-
-</div>
-
-<div class="figcenter break-before">
- <a id="frontispiz" name="frontispiz">
- <img class="mtop1" src="images/frontispiz.jpg"
- alt="" /></a>
- <p class="s3 center">Heinrich Brugsch-Pascha.</p>
-</div>
-
-<div class="titel">
-
-<h1 class="mtop3">Aus dem Morgenlande.</h1>
-
-<p class="s3 center mtop2">Altes und Neues</p>
-
-<p class="s4 center mtop2">von</p>
-
-<p class="s3 center mtop2">Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> H.
-Brugsch-Pascha.</p>
-
-<p class="s5 center mtop3">Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers</p>
-
-<p class="s5 center mtop1">von</p>
-
-<p class="s4 center mtop1">Ludwig Pietsch.</p>
-
-<p class="s5 center mtop3">Mit Porträt und 7 Abbildungen.</p>
-
-<hr class="titel" />
-
-<p class="s3 center">Leipzig</p>
-
-<p class="s4 center mtop1">Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</p>
-
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="s4 center mtop3 mbot2 padtop3"><b>Aus dem Morgenlande.</b></p>
-
-<hr class="r5" />
-
-<h2 class="nopad" id="Inhaltsverzeichnis"><span class="s5">Inhaltsverzeichnis.</span></h2>
-
-</div>
-
-<table summary="Inhaltsverzeichnis">
- <tr>
- <td class="vat s5">
- &nbsp;
- </td>
- <td class="vab s5">
- <div class="right">Seite</div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Heinrich_Brugsch-Pascha">5</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td colspan="2">
- <hr class="r10" />
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die Symbolik der Farben
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_Symbolik_der_Farben">13</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die älteste Rechenkunst
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_aelteste_Rechenkunst">25</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der Hypnotismus bei den Alten
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Der_Hypnotismus_bei_den_Alten">43</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Litteraten zur Moseszeit
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Litteraten_zur_Moseszeit">53</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Zur ältesten Zeitrechnung
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zur_aeltesten_Zeitrechnung">62</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die sieben Hungerjahre
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_sieben_Hungerjahre">75</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Zur ältesten Geschichte des Goldes
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Zur_aeltesten_Geschichte_des_Goldes">90</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Feier_der_Grundsteinlegungen_in_aeltester_Zeit">101</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Eine Blitzstudie
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Eine_Blitzstudie">128</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Der große königliche Gräberfund
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Der_grosse_koenigliche_Graeberfund">140</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Die großen Ramessiden
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Die_grossen_Ramessiden">170</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Pyramiden mit Inschriften
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Pyramiden_mit_Inschriften">176</a></div>
- </td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="vat">
- Im Faijum
- </td>
- <td class="vab">
- <div class="right"><a href="#Im_Faijum">192</a></div>
- </td>
- </tr>
-</table>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Heinrich_Brugsch-Pascha">Heinrich Brugsch-Pascha.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung
-ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit
-gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in
-früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar
-1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch,
-geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast
-noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten,
-als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte,
-plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für
-die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes
-ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage
-gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt
-gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten
-Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene
-dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen
-bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein
-heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil
-betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an
-andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über
-Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer,
-die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen,
-Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte
-Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für
-diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf
-ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen
-zu<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der
-Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut
-geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der
-altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft.
-Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten
-lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er
-eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander
-von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen,
-unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe
-dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner
-Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll,
-so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine
-der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des
-jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte
-dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig
-geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den
-Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und
-Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende
-Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene
-Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft
-der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich
-dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm
-IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm
-ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen,
-und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um
-seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und
-die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen
-Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese
-Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten
-französischen Ägyptologen <em class="gesperrt">Mariette-Bey</em> zu machen, der damals
-eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt
-der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort
-entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen
-schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei
-wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans
-Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des
-deutschen For<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>schers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer
-Entzifferung boten.</p>
-
-<p>Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete
-sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-,
-Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten.
-Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen
-Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des
-Nilthales fort. &mdash; Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische
-Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854
-zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in
-jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an
-der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche
-sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er
-zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten
-der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er
-nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach
-Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines
-Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen
-Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm
-empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des
-Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten
-französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese
-von ihm veröffentlichte „<span class="antiqua">Histoire d’Égypte</span>“ ist die Grundlage
-seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte
-Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. &mdash; Den wieder Heimgekehrten
-trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte
-dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen
-fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein
-hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und
-der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere
-Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich
-melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren
-Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und
-ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam
-eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen....</p>
-
-<p>In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> sorgen- und
-mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine
-Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner
-Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten.
-Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte
-glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren
-Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen
-Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der
-anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf
-die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und
-Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse
-in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt
-worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der
-preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten,
-und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur
-Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte
-er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der
-reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen
-seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die
-verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen.
-Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs
-äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand
-gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet.
-Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich
-seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine
-wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris
-fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals
-erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen
-als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng
-wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche
-er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd,
-übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk
-seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der
-alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem
-noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. &mdash; Aber langes ruhiges
-Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen.
-Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts,
-der Stellung, der Thätigkeit. In<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> demselben Jahr 1868 erging an ihn
-eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach
-Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner
-herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen,
-zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ
-Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber,
-seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte
-dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael
-Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des
-höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung
-des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten
-Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte
-Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen
-zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere
-Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe
-berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt
-nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der
-altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die
-Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu
-der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und
-Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen
-wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef
-es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später
-auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil.
-Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf
-die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und
-Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis
-der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies
-sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen
-Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und
-dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte
-deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten,
-und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt.
-Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese
-letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich
-Brugsch sehr wesentlich beigetragen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p>Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas
-und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens
-in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte
-und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener
-Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der
-Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben
-so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums,
-der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des
-Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit
-dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und
-seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von
-organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat
-Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur
-Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während
-alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche
-Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben,
-ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch
-wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension
-&mdash; darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden.</p>
-
-<p>Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache
-und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren
-Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich
-Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen
-lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat
-Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten
-Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben.</p>
-
-<p>Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar
-haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen
-Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten
-Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und
-Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion,
-Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von
-dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert,
-vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner
-geworben und mächtig dazu bei<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>getragen, das Bewußtsein von ihrer
-Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu
-erhalten.</p>
-
-<p>Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er
-sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen
-fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch
-dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden.
-Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht.
-Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine
-Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit
-auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und
-Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte
-Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er
-nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf,
-ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen
-Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen
-Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und
-ein anderes: „Die Muse von Teheran“.</p>
-
-<p>In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise
-als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten
-Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen
-gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der
-Berliner Universität als <em class="gesperrt">Privatdocent</em>. Die durch Lepsius’ Tod
-erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig
-besetzt. &mdash; Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und
-teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen
-Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und
-Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst
-nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und
-allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala
-nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von
-den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.</p>
-
-<p>In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören
-Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten
-Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme
-wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze
-Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener
-so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> seine, scheint
-sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten
-Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von
-der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden,
-mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in
-welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet
-bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese
-dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte
-Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen.
-Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als
-Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf
-sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt
-worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der
-Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist
-der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug.
-Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten
-hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas
-Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und
-zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft
-ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien
-der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater
-nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten
-Augenärzte wirkt. &mdash; Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch
-bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem
-Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die
-professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten
-frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben,
-der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in
-dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft
-nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.</p>
-
-<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ludwig Pietsch.</em></p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p class="s1 center mtop3">Aus dem Morgenlande.</p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_Symbolik_der_Farben">Die Symbolik der Farben.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische
-Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern
-herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im
-Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue,
-das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb,
-die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der
-Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln,
-vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen
-Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen
-das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen,
-verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen
-schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um
-nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser
-hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder
-schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter
-stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.</p>
-
-<p>Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren
-brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn
-dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird.
-Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik
-eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem
-feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben
-äußerte, weil ihm eine schwarze Weste,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> statt einer gewünschten
-rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir
-darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz
-anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen,
-daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich
-zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des
-Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.</p>
-
-<p>Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor
-allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe
-auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen
-Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den
-blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung
-verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen
-Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals
-preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie
-manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des
-Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue
-im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten
-nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen
-Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in
-dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn
-ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die
-ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der
-Farbensymbolik zu wenden.</p>
-
-<p>Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung
-mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik,
-welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen
-haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.</p>
-
-<p>Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan,
-auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> habe, um klassische
-Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder
-Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf
-den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift
-ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf
-dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie
-überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde
-wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten
-Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu
-Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu
-gewinnen.</p>
-
-<p>Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem
-Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser
-anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen.
-Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge
-und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen
-fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz
-Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen,
-diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold
-würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben
-bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens
-das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes
-inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht
-zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.</p>
-
-<p>Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die
-Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor
-Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung
-bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände,
-an der Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden.
-Ich wähle eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für
-alle ähn<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>lichen gelten darf: 1) <em class="gesperrt">Silber</em>, 2) <em class="gesperrt">Gold</em>,
-3) <em class="gesperrt">Saphir</em> oder <em class="gesperrt">Lasurstein</em>, 4) <em class="gesperrt">Smaragd</em>, 5)
-<em class="gesperrt">Eisen</em>, 6) <em class="gesperrt">Kupfer</em>, 7) <em class="gesperrt">Blei</em>, 8) <em class="gesperrt">Smirgel</em>. Da
-in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen
-eigentümlichen <em class="gesperrt">Farbe</em> dem Beschauer vor Augen geführt werden, so
-läßt sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß,
-Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer
-altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur
-Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb,
-Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die
-beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin
-in sich.</p>
-
-<p>Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines
-besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als
-<em class="gesperrt">heilige</em> betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge
-giebt die Reihe an: <em class="gesperrt">Weiß</em>, <em class="gesperrt">Grün</em>, <em class="gesperrt">Hellrot</em>,
-<em class="gesperrt">Dunkelrot</em>, während in einer jüngeren Epoche das <em class="gesperrt">Hellrot</em>
-durch <em class="gesperrt">Hellblau</em> verdrängt wurde. Die Teppiche, Vorhänge,
-Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den Turmflügeln der Tempel
-mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um zum heiligen Gebrauch
-verwertet werden zu können.</p>
-
-<p>Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben
-vorgeschrieben waren: <em class="gesperrt">Weiß</em>, <em class="gesperrt">Blau</em>, <em class="gesperrt">Dunkelrot</em> und
-<em class="gesperrt">Hochrot</em>, welche bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und
-der Priesterkleidung ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine
-symbolische Bedeutung eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es
-auch den Auslegern noch nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen
-endgültig zu führen. Der Unterschied zwischen den ägyptischen vier
-heiligen Farben und den ebräischen berührt lediglich die Farbe des
-<em class="gesperrt">Grünen</em>, welche bei den Israeliten durch <em class="gesperrt">Blau</em> ersetzt ward.</p>
-
-<p>Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyp<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>tischen
-Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck
-der <em class="gesperrt">Farbe</em> zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt
-ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die
-des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung
-für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff,
-ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man
-auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der
-Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die
-heiligen Tiere (von jeder Gattung <em class="gesperrt">vier</em>), deren Farbe durch eine
-priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale
-ihrer Heiligkeit angesehen wurden.</p>
-
-<p>Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen
-Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben
-dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die
-Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe
-der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der
-Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf
-Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf
-Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.</p>
-
-<p>Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische
-Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach
-den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben,
-stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf
-Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der
-Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß,
-den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche
-man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf
-die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das
-dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über das<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>selbe. Dem
-Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt
-rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen
-oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren
-Umgang. Aus diesem Grunde opferte man <em class="gesperrt">rotfarbige</em> Tiere, um dem
-unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde
-zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine <em class="gesperrt">rötliche</em> Kuh als
-Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde.
-Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue
-Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.</p>
-
-<p>Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch
-die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der
-sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe
-der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und
-was dergleichen Überlieferungen mehr sind.</p>
-
-<p>Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß
-die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere
-Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der
-Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt,
-jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene.
-Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe
-das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte.
-Soweit nach den Alten.</p>
-
-<p>Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache
-der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe
-unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen
-inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben
-folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.</p>
-
-<p>1) <em class="gesperrt">Weiß.</em> Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle
-im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> gegenüber. Beim
-anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die
-Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das
-„helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch
-die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine
-Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem
-Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit
-anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem
-Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung
-des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph
-nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die
-„Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch,
-der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder
-weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl
-„glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und
-„prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land
-Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum
-„prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen
-Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel
-„glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird
-ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte,
-mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht
-und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der
-Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht,
-daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines
-uralten Ursprungs rühmen dürfen.</p>
-
-<p>2) <em class="gesperrt">Gelb.</em> Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten
-Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der
-sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des
-Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet.
-Die<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein
-Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften
-Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen,
-wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein
-typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte
-dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold
-am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen
-unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände,
-welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die
-vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das
-Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der
-Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu
-verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher
-Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.</p>
-
-<p>3) <em class="gesperrt">Dunkelblau</em>, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder
-des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt,
-sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als
-Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen
-Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser
-Pflanze den Beinamen <em class="gesperrt">Dar-neken</em>, d. h. „vor Schaden bewahrend“.
-Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium
-in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau
-von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder
-einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die
-Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer
-Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd,
-jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte
-sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf
-die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span>
-fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels
-oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle
-sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein
-für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer
-Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein
-probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.</p>
-
-<p>4) <em class="gesperrt">Grün</em>, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den
-Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische
-Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis
-zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als
-Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der
-Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die
-Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward
-deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von
-alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie
-Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist
-blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des
-Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten,
-weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die
-grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb
-ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen
-Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an
-Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des
-Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen
-Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha
-wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich
-nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“
-Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und
-sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen,
-welche die Ägypter, besonders die<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Frauenwelt, an ihren Fingern, oder
-auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden
-nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.</p>
-
-<p>5) <em class="gesperrt">Rot.</em> Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den
-Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein,
-die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im
-Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten
-und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des
-Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung
-beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen
-läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne
-und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend
-rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig
-unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose,
-verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den
-mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen
-Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das
-sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde
-warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte,
-betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die
-wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am
-Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung
-der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von
-Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter
-sühnte Verbrechen und Sünde.</p>
-
-<p>In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war
-die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen,
-abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche
-verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als
-Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde
-bis zum<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer
-steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen
-lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein
-kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch
-nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses
-in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken
-des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz
-am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar;
-man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf
-das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf,
-sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie
-hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist,
-werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die
-in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der
-bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die
-Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im
-Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze <em class="gesperrt">rot</em>
-gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der
-heiligen Sühne diente.</p>
-
-<p>Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene
-Vorschrift „von der <em class="gesperrt">rötlichen</em> Kuh und dem Sprengwasser“, um sich
-die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte
-ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt
-war.</p>
-
-<p>Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den
-Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in
-das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das
-Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln
-gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.</p>
-
-<p>6) <em class="gesperrt">Schwarz.</em> Die symbolische Bedeutung dieser Farbe<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> wird am
-besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt
-Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von
-den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen
-gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt
-erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens,
-ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz
-erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer,
-gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein
-anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und
-ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache
-des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.</p>
-
-<p>Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt
-einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern
-sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die
-Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales
-vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht
-überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das
-tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste
-hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen
-Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb,
-Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die
-Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach
-ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge
-vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der
-Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen
-Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies
-auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant,
-Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger
-Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> bei bunten Zeugstoffen u.
-s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich
-jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung
-und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische
-Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte
-man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das
-seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als
-Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer
-verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte
-in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog
-den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“,
-so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa
-durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen
-erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es
-klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht
-überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer
-Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe
-dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in
-innigstem Zusammenhang.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_aelteste_Rechenkunst">Die älteste Rechenkunst.</h2>
-
-</div>
-
-<p>So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach
-den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen,
-so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von
-jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten
-Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen
-Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> das Zeichen der
-Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so
-tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst
-auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle
-Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage
-zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen
-Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.</p>
-
-<p>Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin
-zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten
-Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege
-erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in
-langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation
-zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das
-Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt
-kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer
-und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des
-Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber
-erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es
-noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als
-mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet
-wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen
-Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern
-bezeichnet werden.</p>
-
-<p>Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen
-belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker,
-ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets,
-um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen
-Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer
-derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner
-ausführlicheren Erörterung.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p>
-
-<p>Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen
-anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe
-ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen
-ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei,
-drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte
-von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in
-Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen
-von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s.
-w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder
-der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden
-Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen
-möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen
-darzustellen. Ein liegender Strich &mdash; z. B. vertrat die Stelle von
-<span class="line1">|||</span>, oder 4, zwei übereinander liegende <span class="s3 vat line1">=</span> die Stelle von 2×4 Strichen,
-oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen
-Bezeichnungsweise.</p>
-
-<p>War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden,
-so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle,
-nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser
-„Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete.
-<span class="antiqua">Ro</span> 3, <span class="antiqua">ro</span> 4, <span class="antiqua">ro</span> 20, <span class="antiqua">ro</span> 124 hieß soviel als
-ein Drittel, ein Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte
-hatte man ein eigenes Zeichen erfunden, ebenso für <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span> und wenige
-andere Brüche. Im übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also
-<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>, &frac14;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> u. s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer
-als 1 war, nahm man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in
-solche mit dem Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab.
-So wurde &frac34; einfach in die Brüche &frac12; und &frac14; zerlegt, die in der
-schriftlichen Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige
-Zerlegung nicht immer durchführbar, so ließ<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> man den letzten kleinsten
-Bruch ganz aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen
-kleinen Fehler.</p>
-
-<p>Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer
-Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen,
-in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns
-Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der
-altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen
-Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde
-bescheidenere Dimensionen an.</p>
-
-<p>Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die
-ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen
-Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen
-durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre
-arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in
-methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die
-vielfach geübte Praxis der Vermessung.</p>
-
-<p>Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege
-der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den
-Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen
-Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater
-der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der
-an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende
-Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich
-ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch
-verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen,
-seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen
-betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem
-klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das
-gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei.</p>
-
-<p>Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> eine Thatsache
-anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen
-Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem
-gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt
-sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und
-zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes
-durchzuführen, und zwar auf <em class="gesperrt">Grund der Lehren der europäischen
-Feldmeßkunst</em>, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren
-ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen
-Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen
-hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und
-beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben.</p>
-
-<p>Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen
-Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die
-wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen
-<em class="gesperrt">Massahin</em> oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche
-Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar
-auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach
-uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren
-Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder
-eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten <em class="gesperrt">Kassabeh</em>
-(3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen
-ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen.</p>
-
-<p>Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne
-Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren
-sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der
-halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei
-dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des
-geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler
-sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem
-vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> seine besondere
-Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider
-gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur
-bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat,
-führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in
-Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern.</p>
-
-<p>Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und
-die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik
-änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen
-<em class="gesperrt">Harpedonapten</em> oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis
-zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So
-befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf
-den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des
-heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben
-der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch
-darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten
-die Seite mit Hilfe der Formel <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span
-class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span
-class="denominator">2</span></span> richtig auf 4
-<img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende
-Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span
-class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(20 + 20)</span><span
-class="denominator">2</span></span> = 40 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges
-Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4
-Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: <span class="hfrac"><span class="numerator">(21 + 20)</span><span
-class="denominator">2</span></span> ×
-<span class="hfrac"><span class="numerator">(4 + 4)</span><span
-class="denominator">2</span></span> = 82 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die
-Zahl 81,18 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten ergiebt.</p>
-
-<p>Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines
-vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im
-höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von
-Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher
-Gestalt angewendet, nur<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten
-Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu
-einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort
-„nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines
-gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite
-findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: <span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 0)</span><span
-class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 1)</span><span
-class="denominator">2</span></span> = &frac12; <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute,
-für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute
-und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich
-<span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 0)</span><span
-class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span
-class="denominator">2</span></span> = 1 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt
-des ersteren 0,433 gegen 0,5 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten, und der des letzteren 0,968
-gegen 1 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen,
-die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer
-Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich
-aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben
-und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische
-Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des
-urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine
-gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen.</p>
-
-<p>Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die
-bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage
-unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die
-britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in
-einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen
-den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch
-hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen
-Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den
-Haufen geworfen zu werden!</p>
-
-<p>Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe,
-befindet sich im Britischen Museum zu London,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> ist in hieratischen
-Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb
-in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus
-von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die
-Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg)
-bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des
-Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur
-Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten
-Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze
-bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen
-Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000
-Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines
-kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen
-erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und
-den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in
-wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit
-den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der
-dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen
-Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem
-Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als
-Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten. Das ist
-sein Flächeninhalt.“</p>
-
-<p>Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich
-von der wirklich richtigen Zahl (64,0224 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten) auf Grund unserer
-modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so
-bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt.</p>
-
-<p>Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig
-entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf
-die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung
-seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der
-verschiede<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>nen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger
-Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer
-Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies
-bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der
-Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln
-der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes
-niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge
-ein.</p>
-
-<p>Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen
-und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu
-verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die
-Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und
-Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen
-auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein
-Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil
-erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der
-Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und
-selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu
-sagen pflegt, selber in die Brüche geriet.</p>
-
-<p>Nur <em class="gesperrt">ein</em> Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht
-nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der
-kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen
-in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die
-Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte.
-So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von
-welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche
-<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span>,
-<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> gleichsam umschrieben wieder. Durch eine
-leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der
-Richtigkeit beider Ansätze.</p>
-
-<p>Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> die
-Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der
-gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich
-geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines
-bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit
-Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche &frac12;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">24</span></span> und
-<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">384</span></span> (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben.
-Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte
-Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen
-selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und
-ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige
-Wertgrößen von vornherein verständlich.</p>
-
-<p>Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig
-bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche
-noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber
-auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es
-sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der
-altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der
-Eingeborenen den Namen der <em class="gesperrt">indischen Rechnung</em>, obgleich ich
-keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag.</p>
-
-<p>Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen
-mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist
-wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend
-einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß
-nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon
-bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere
-Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche
-Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen
-<em class="gesperrt">Kirat</em> tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede
-Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen
-Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel
-durch 6,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet
-zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der
-koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche &frac12;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">12</span></span>,
-so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und
-zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich
-allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus
-ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten
-Brüchen fortgeführt wird.</p>
-
-<p>Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum
-vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele,
-in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von
-Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne
-Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen
-320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen &frac12;,
-&frac14;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">64</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">3</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> entsprechen. Die
-Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen
-der Brüche <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür
-sprechende Zeugnisse.</p>
-
-<p><span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span> + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span> + <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> an Stelle des einfachen Bruches <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span>, besagen
-nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32
-Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span> derselben, handeln
-soll.</p>
-
-<p>Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser
-Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit
-zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie
-es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber
-trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel
-der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein
-glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem
-Rechte als die <em class="gesperrt">älteste Rechentafel der Welt</em> überhaupt bezeichnen
-darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird.</p>
-
-<p>Es war im April des laufenden Jahres 1891 als<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> während meines
-Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei
-beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten
-Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt
-vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und
-mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte
-der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln
-hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes,
-und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine
-Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um
-sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu
-tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem
-Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint
-und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat.
-Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald
-herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern
-in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer
-Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist
-nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal
-wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die
-vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande
-beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen,
-die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind
-und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa
-der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß
-aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen
-Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche
-identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten,
-nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das
-angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und
-wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen
-selber in jene uralte Zeit zu versetzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p>
-
-<p>Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen,
-und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit
-zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen
-teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an
-seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war
-offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine
-Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die
-kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen
-mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung
-und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich
-mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet
-sagen mußte.</p>
-
-<p>Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild
-neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel
-bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in
-sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu
-einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden
-fünf: 1 : <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen
-ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen,
-so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen,
-die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den
-zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden.</p>
-
-<p>Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel
-die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung
-nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe.</p>
-
-<p>Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne
-Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse
-deutlicher hervortreten zu lassen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 10
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 10
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 100
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 20
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 200
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 20
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">20 + 10 + 2</span><span
-class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 20 + 4</span><span
-class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 4
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">80 + 40 + 5 + 3</span><span
-class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 8
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">160 + 80 + 10 + 5 + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">1</span></span></span><span
-class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span>)
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden
-Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden
-Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte
-vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise
-durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür,
-in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span> beginnen, und
-deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die
-folgende Übertragung zeigt:</p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 4
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 5
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 10
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 3<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 20
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- (= 6<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 40
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 10 + 3<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- (= 13<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 80
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 20 + 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- (= 26<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 160
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 40 + 10 + 2 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- (= 53<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 320
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 80 + 20 + 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- (= 106<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>)
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um
-Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht
-teilbaren Zahl bestand. In einem solchen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Falle versuchte man mit
-Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten
-Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den
-beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema
-1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe.</p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 11
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 10
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 110
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 20
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 220
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 22
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 4
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 44
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 8
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 88
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 11
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 121
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">20 + 5 + 4</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">29</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 10 + 5 + 3</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">58</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">6</span></span>
- + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">66</span></span>
- (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 4
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">80 + 20 + 10 + 5 + 1</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">116</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">33</span></span>
- (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>)
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 8
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">160 + 40 + 20 + 10 + 2</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">232</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span>
- + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">22</span></span>
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">66</span></span>
- (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>)
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span> und
-seine vielfachen <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>, das Ergebnis bilden. Thatsächlich
-führte aber das System auf den Hauptbruch <span class="nobreak"><span class="zaehler">29</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> an Stelle des
-erwarteten <span class="nobreak"><span class="zaehler">29</span>&frasl;<span class="nenner">319</span></span> = <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen,
-wies jedoch durch ein dahingestelltes <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span> auf die Erkenntnis des
-Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem
-die Brüche <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>&frasl;<span class="nenner">11</span></span> nach der üblichen Methode in solche mit dem
-Zähler 1 zerlegt sind.</p>
-
-<p>Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich
-als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p>
-
-<div class="centre-container">
- <div class="centred">
-<div class="csstab">
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 7
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- 1
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">4</span></span>
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">28</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">2</span></span>
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">14</span></span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 1
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 5<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">2</span></span></span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">91</span><span
-class="denominator">640</span></span><span class="s2 vat">)</span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 2
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">80+ 10 + 1</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">91</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span>
- </div>
- </div>
- <div class="cssrow">
- <div class="csscell right">
- 4
- </div>
- <div class="csscell center">
- &nbsp;:&nbsp;
- </div>
- <div class="csscell">
- <span class="hfrac1"><span class="numerator">160+ 20 + 2</span><span
-class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">182</span><span
-class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span>
- </div>
- </div>
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>An Stelle des Bruches <span class="nobreak"><span class="zaehler">91</span>&frasl;<span class="nenner">640</span></span> hätte man <span class="nobreak"><span class="zaehler">91</span>&frasl;<span class="nenner">637</span></span> erwartet, um die
-Proportionszahl <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">7</span></span> zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes
-unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in
-denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige
-Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320
-und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse
-ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war.
-Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">384</span></span>
-Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund
-der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren
-Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= &frac12;), 80 (= &frac14;), 40 (=
-<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>), 20 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>), 10 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span>), 5 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">64</span></span>), 4, 3, 2, 1 darstellen,
-haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende
-Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf
-die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen
-Einheitsgrößen der Maße des Raumes.</p>
-
-<p>Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von
-Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen
-des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen
-meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten
-fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich
-auf<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen
-welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich
-lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge,
-&frac12;, &frac14;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">64</span></span> Hin, entsprechen also genau den oben
-angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der
-ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man
-ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber
-eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug
-mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher
-des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der
-eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen
-Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden
-von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen
-Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als
-eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer
-Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt,
-deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit
-Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z.
-B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten
-Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt
-der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand.</p>
-
-<p>Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten
-Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen
-160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für
-sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">320</span></span> betrachtet,
-dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte.
-Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen
-Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung
-der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung),
-deren Teilstücke nach dem allge<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>meinen Schema, wie ich es kurz vorher
-wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen
-Maße darstellten, d. h. &frac12;, &frac14;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">64</span></span> Kubikelle oder
-mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin.</p>
-
-<p>Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie
-das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem
-modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines
-Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet.
-Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die
-Decimalberechnung ersetzt haben.</p>
-
-<p>Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus
-der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und
-deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen
-sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das
-kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße,
-besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums.
-Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit
-des Feldmaßes in &frac12;, &frac14;, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">32</span></span> geteilt, mit andern Worten,
-dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit
-Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.</p>
-
-<p>Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken
-bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte
-sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in
-der Ordnung 360, 60, 1, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">60</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">360</span></span> darstellten. Die geschichtliche
-Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten
-hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte
-Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den
-ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten
-beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von
-Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als
-eine unentschiedene und schwe<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>bende Frage bezeichnet werden. Auf
-alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von
-Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe,
-uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit
-zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten
-glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die
-Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen
-mit Erfolg durchzuführen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_Hypnotismus_bei_den_Alten">Der Hypnotismus bei den Alten.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu
-versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen,
-welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig
-sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen
-die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen.
-Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen
-ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen
-vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und
-seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und
-wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind
-die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.</p>
-
-<p>Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon
-in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an <em class="gesperrt">Mesmer</em>
-und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt
-worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt
-wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den
-Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf
-<em class="gesperrt">Cag<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>liostro</em>, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des
-vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum
-Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San
-Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten
-Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen
-und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum
-dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man
-gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus
-in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten
-öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles
-für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den
-überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich
-oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben
-verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen,
-wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben
-wird.</p>
-
-<p>Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man
-wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um
-sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung
-zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen.
-Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen,
-welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen
-Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher
-fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer
-Zeitrechnung, in welchem die sogenannte <em class="gesperrt">Gnosis</em> in vollster
-Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem
-Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen
-Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen
-und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf
-diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt
-einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Gnostiker, welche sich
-vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter
-Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen
-ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame
-Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der
-Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten
-Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den
-Willen des Beschwörenden auszuführen.</p>
-
-<p>Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle
-und dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt,
-galten als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen
-Museen aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags
-als beredte Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue
-Vorschriften über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So
-sollte z. B. ein goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und
-vor jedem Unglück bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der
-das geschnittene Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen
-Schwanz biß, darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben
-die drei Namen <em class="gesperrt">Abrasax</em>, <em class="gesperrt">Jao</em> und <em class="gesperrt">Sabaoth</em>. Selbst
-jüdische Gottesgelehrte und christliche Bischöfe standen nicht an,
-der Dämonenlehre ihren Beifall zu schenken, denn sie spielen in ihren
-Äußerungen und Schriften bei passender Gelegenheit häufig darauf an.
-Die Gnostiker schienen niemals in Verlegenheit zu sein, um selbst
-das Unmöglichste zu erreichen. Es gab förmliche Rezepte um glücklich
-zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen und Haß hervorzurufen, um Träume
-zu haben und Träume zu senden, mit einem Worte, um jeden Wunsch in
-Erfüllung zu bringen. Sie legten damit den eigentlichen Grund zu dem
-im Mittelalter allgemein verbreiteten Glauben an eine höhere Magie
-und wenn in ihren Schriften auch keine Vorschriften darüber enthalten
-sind, wie man schlechte Metalle in Gold verwandeln könne, so sind die
-Rezepte in den gnosti<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>schen Schriften um so zahlreicher, welche von der
-Mischung der Metalle handeln und chemische Prozesse berühren.</p>
-
-<p>Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in
-Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man
-das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde
-in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür
-liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich
-näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das
-Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von
-Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen
-von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der <span class="antiqua">materia
-medica</span> verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge
-in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen
-Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger
-der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den
-wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem
-Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.</p>
-
-<p>Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe,
-ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap.
-<span class="antiqua">A</span>. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er
-ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener
-Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter.
-Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge
-bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche
-Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig
-bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein
-Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst
-nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken.
-Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitte<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>rung der
-ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker
-bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt,
-insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis,
-Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.</p>
-
-<p>Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in
-Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen,
-merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche
-auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf
-geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen
-zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht
-erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort
-erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine
-andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die
-eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.</p>
-
-<p>Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat,
-unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen
-Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt
-sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den
-zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen.
-„Ich bin <em class="gesperrt">Horus</em>,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder
-(<span class="antiqua">sic</span>) der Göttin <em class="gesperrt">Isis</em>, geboren von <em class="gesperrt">Isis</em>, der
-herrliche Knabe, welchen <em class="gesperrt">Isis</em> liebt und welcher nach seinem
-Vater <em class="gesperrt">Osiris-Onnofer</em> begehrt“. Dem Dämon wird somit die
-Täuschung zugemutet, als sei der Beschwörende der ägyptische Gott
-<em class="gesperrt">Horus</em> in eigener Person, um seiner Dienstfertigkeit einen
-besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige Widerspenstigkeit durch
-das Gewicht der Autorität zu brechen. Den Zweck der Beschwörung bildet
-in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie gesagt, die Absicht, den
-citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen Rede zu stehen.</p>
-
-<p>Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Zauberschale
-und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein
-neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach
-ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein
-reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums,
-und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon
-oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die
-betreffenden Fragen zu beantworten.</p>
-
-<p>Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher
-Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die
-weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung
-bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der
-ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „<em class="gesperrt">zu veranlassen, daß
-es seine Augen schließe</em>“. War dies erreicht worden, so rief es der
-Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „<em class="gesperrt">er
-veranlaßte, daß es seine Augen öffne</em>“. Das Kind mußte sagen, was
-es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der
-vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.</p>
-
-<p>Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des
-Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer
-Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein
-ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die
-Ägypter den <em class="gesperrt">kleinen Kindern</em> (<em class="gesperrt">Paidaria</em>) eine wahrsagende
-Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen,
-die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.</p>
-
-<p>Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber
-ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches
-von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das
-Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne
-und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache
-aus, die Beschwörungen gerichtet werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> wobei wiederum das Kind die
-Rolle des Mediums übernehmen mußte.</p>
-
-<p>Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in
-der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu
-verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in
-wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.</p>
-
-<p>„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine
-rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h.
-frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle.
-Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser
-gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein
-Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten
-einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen
-und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine
-längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu
-sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du
-das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so
-rufe sofort den Namen <em class="gesperrt">Heue</em> aus, zu sieben Malen, und befrage es
-nach allem, was du willst.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man
-weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle
-sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit
-vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen
-gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann
-stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe
-ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn
-die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und
-frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute
-die Götter in dem Umkreis der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in
-Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen
-beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß
-ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in
-welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen
-ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in
-Schlaf und <em class="gesperrt">stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken</em>. Indem
-du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her,
-und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand
-u. s. w.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“</p>
-
-<p>„<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Tete-Ik-Tatak</span></em> u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was
-ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin <em class="gesperrt">Horus</em>,
-das Kind in Mendes, denn ich bin <em class="gesperrt">Isis</em>, die Wissende. Was ich mit
-meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“</p>
-
-<p>„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen
-Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf
-einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. &mdash; Stelle ihn
-auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue
-vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten
-neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen
-beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über
-den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet
-sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der
-Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine
-Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle
-lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten:
-„Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles
-Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich
-hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen
-konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:</p>
-
-<p>„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß
-herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei <em class="gesperrt">Log</em>
-(ein besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin.
-Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden
-hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen
-Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den
-Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu
-sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage
-es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des
-Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich:
-<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe</span></em>, bis sie dir auf alle
-vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den
-Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende
-Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.</p>
-
-<p>„Du bist <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel</span></em> (3 Mal zu sagen) <span class="antiqua">ï-ï-ï-a-a-a
-Tat-Tat-Tat</span>, der, welcher allein das Licht spendet, der Urheber des
-Feuers, in dessen Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt.
-Du lebendiger, unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer
-ruhst, der im Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels
-bildet, in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist,
-steige heraus aus dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde,
-sofort! Laß es mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe
-ihn zu fragen, sofort! Sonst werde ich dich verachten am<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Himmel im
-Angesicht der Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes,
-werde ich dich verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im
-Angesicht dessen, welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt
-und in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h.
-<span class="antiqua">Peperi-Pater-Emphe</span>, der zweimal große Gott, in dessen Hand der
-schöne Stab ist, du, welcher einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn
-ein Gott entstehen ließ.</p>
-
-<p>„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine
-Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich
-hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach
-allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!</p>
-
-<p>„Großer Gott, <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Sisaoth-Achrempto</em></span>, komme hier
-herein aus dem Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von
-<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Kabaon</span></em> ruhst. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Takrtat</span></em>, der welcher nicht
-stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt, tritt herein! Nahe dich, großer
-<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel-Arbeth bai nuthi</span></em>, du großer Gott, nahe dich
-<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel-Tat</span></em>, nahe dich <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel</span></em>!</p>
-
-<p>„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und
-frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein
-gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur
-Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du
-Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott,
-in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich
-befragen wird.</p>
-
-<p>„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat
-und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe
-schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des
-Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen,
-sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst
-auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es
-in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Spruch her,
-nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem
-es sie schaut: <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet</span></em>.“</p>
-
-<p>Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige
-Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die
-Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht
-nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an
-die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie
-das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das
-den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum
-mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich
-verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues
-im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Litteraten_zur_Moseszeit">Litteraten zur Moseszeit.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete
-der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und
-keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder
-Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in
-der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum
-und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken,
-erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die
-materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues
-zuzuführen.</p>
-
-<p>Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes,
-ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der
-Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der
-schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene
-Wirklichkeit oder eine<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> nur eingebildete phantastische berühren. Die
-Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum
-Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische
-Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.</p>
-
-<p>Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur
-in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der
-vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen,
-durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen
-eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher
-auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium
-des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen
-und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis
-zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte
-Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die
-entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der
-älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus
-den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten
-Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das
-begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt
-mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis
-hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche
-Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und
-Urbegriffen zurück.</p>
-
-<p>Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben
-Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie
-ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen.
-Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit
-einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in
-formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn
-die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen,
-kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> Schriftstellers und
-sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung
-und Bildung bedingt. Allein von <em class="gesperrt">diesem</em> Standpunkte aus darf
-sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne
-ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit
-dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten
-Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist
-des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von
-geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb
-derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen
-und die Nachlebenden ist die Schrift.</p>
-
-<p>Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem
-größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen
-Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet,
-das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach
-die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei
-weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag
-erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung
-der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten
-Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial,
-auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz,
-die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu
-litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in
-überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe
-versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten
-des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen:
-„Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der
-Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem
-ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des
-heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und
-rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p>
-
-<p>Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das
-ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert
-dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand
-oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald
-die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte
-Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten
-hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur
-Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von
-Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein
-kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei
-Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel
-aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute
-eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot,
-des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten
-Schriftentums, wie es in den „<em class="gesperrt">Häusern der Bücherrollen</em>“ oder
-den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl
-niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen
-Bibliothek zu Berlin „<span class="antiqua">Nutrimentum spiritus</span>“ von Friedrich dem
-Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung
-ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen
-Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der
-ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern
-man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten
-Glauben schenken darf.</p>
-
-<p>Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines
-„<em class="gesperrt">Schreibers</em>“, <span class="antiqua">scriptor</span>, oder schriftkundigen Mannes, und empfing
-seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere
-Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums
-steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „<em class="gesperrt">göttlichen
-Dingen</em>“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn
-die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> nach der Versicherung
-des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens
-bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde,
-die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die
-Kunst und die Musik.</p>
-
-<p>Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im
-Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher
-Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf
-theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten
-Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der
-Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar
-betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten
-Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus
-zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit
-anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst
-Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung
-nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif
-Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die
-Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und
-empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft
-und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte
-deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du
-morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere
-Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache
-erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt,
-deren Thor Ali ist.“</p>
-
-<p>In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den
-mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden
-und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben
-beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des
-Schicksals des Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse
-seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.</p>
-
-<p>Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der
-priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit
-war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde
-nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und
-Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse
-haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche
-Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen
-Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender
-Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die
-Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen
-Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande
-die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche
-Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer
-Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas
-eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der
-Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v.
-Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und
-Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit
-dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich
-gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die
-Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“
-fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten
-Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln
-enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem
-„<em class="gesperrt">Hören</em>“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr
-als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke
-seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen
-Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span>
-des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der
-kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem
-Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und
-den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe
-an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und
-an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem
-Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die
-Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit
-dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm
-und Ehre ein und &mdash; wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten
-zu setzen &mdash; er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit
-verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser,
-zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu
-warnen.</p>
-
-<p>Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen
-Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person
-des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete,
-besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als
-solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man
-nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige
-Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis
-des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten
-von elegantem Stil“. Man rühmt die „<em class="gesperrt">Süßigkeit</em>“, das heißt die
-Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu
-stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits
-entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in
-keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem
-vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward.
-Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche
-Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück
-ist allzu zusammen<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>gestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender
-Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen;
-ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und
-er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine
-Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir
-in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern.
-Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst
-dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch
-dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt
-er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse
-dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner
-Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten,
-das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben
-auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein
-Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines
-Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum
-Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht
-die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen
-Namen stinkend gemacht.“</p>
-
-<p>In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der
-Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten
-sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller
-mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch
-erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es
-außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen
-und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die
-Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die
-semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und
-die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder
-nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine
-wahre Sucht nach<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach
-der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache
-zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt
-beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit
-diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten
-Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden
-Wörtern, deren Anwendung dem <em class="gesperrt">gebildeten</em> Litteraten unerläßlich
-schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit
-dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit
-denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem
-Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.</p>
-
-<p>An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein
-bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen
-und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die
-Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden
-ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des
-in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs
-warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben
-suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu
-seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz
-entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel.
-Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin
-Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König
-Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter
-und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den
-Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v.
-Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur
-Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige
-längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher,
-und die geschichtlichen Lücken<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> durch romanhafte Erzählungen und
-Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein
-wenig vorher fällt.</p>
-
-<p>Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser
-Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten
-die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst
-in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten
-Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs
-Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht
-vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ,
-so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück
-aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen
-erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen
-Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zur_aeltesten_Zeitrechnung">Zur ältesten Zeitrechnung.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der
-laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend
-ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein
-für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen
-Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung
-erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer
-Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle
-kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode
-der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so
-langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu
-begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die
-historische Zeitmessung umfassen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p>
-
-<p>Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher
-unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus
-der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen
-Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch
-die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu
-erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste
-Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe
-zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf
-ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart
-aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu
-überliefern.</p>
-
-<p>Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames
-Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch
-einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das
-zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten
-Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten
-und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung,
-welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft
-zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und
-wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und
-gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der
-Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres,
-dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder
-eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des
-Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461
-Wandeljahre ausfüllten.</p>
-
-<p>Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher
-eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen
-christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie,
-wobei die genaue Kennt<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>nis des Anfangstages der betreffenden Ära als
-die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der
-Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor
-Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung
-Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des
-Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober
-312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des
-Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des
-Sonnenjahres von 365&frac14; Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn
-unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der
-Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622),
-die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16.
-Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali
-genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den
-Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der
-jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren
-Anfang nimmt.</p>
-
-<p>Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den
-gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden
-(julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden,
-wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen
-Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder
-Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche
-Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis
-für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für
-den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der
-korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer
-Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes
-Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit
-auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu
-können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer
-Zeitrechnung ist der Gebrauch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> einer angewandten Ära in keinem Falle
-nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen,
-welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde:
-der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten
-Untersuchungen bilden.</p>
-
-<p>Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche
-Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter
-gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung
-irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher
-erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen
-Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren
-erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung
-der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von
-keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die
-Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen
-gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts
-v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des
-Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil,
-wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit
-Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen
-Nachfolgern bezeichnet.</p>
-
-<p>Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche
-chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen
-nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen
-zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen,
-werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben,
-wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in
-allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so
-ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach
-einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn
-als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner
-Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener
-König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die
-Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König
-war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um
-der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche
-die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen
-nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten
-hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von
-Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie
-in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein
-Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte
-Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren,
-Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und
-schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche
-Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten
-des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob
-man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige
-mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug
-auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind,
-so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der
-ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen
-zu können.</p>
-
-<p>Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho
-aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die
-Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der
-ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen
-beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern
-auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals
-verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden
-die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller
-Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte.
-Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung
-von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so
-daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher,
-wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene
-Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg
-nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern
-5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die
-Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige
-übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die
-Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der
-Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft
-ausgeübt hatten.</p>
-
-<p>Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller
-chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher,
-wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho,
-um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte
-Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie
-der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr
-von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen
-Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe
-aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß
-derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und
-erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an
-seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen
-Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer
-christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch
-vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit
-dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges
-Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in
-einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der
-achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren
-1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die
-Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine
-verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene
-Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der
-Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages
-des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24.
-Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in
-den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche
-des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem
-Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer
-Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20.
-März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf
-Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das
-Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius
-1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl
-entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben
-zu behandeln sind.</p>
-
-<p>Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen
-Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher
-leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt
-worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von
-Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden
-hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die
-unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der
-Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> astronomischen
-Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse
-dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers
-berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken
-Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von
-8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr.
-bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit,
-an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese
-Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber
-leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur
-zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet
-sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung
-war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß
-das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in
-dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit
-angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der
-genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der
-Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen.
-&mdash; Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33,
-zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der
-astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe
-Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die
-biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung
-vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer
-eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen
-Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters
-geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten
-will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein
-anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von
-<span class="antiqua">Dr.</span> W. Meyer (s. S. 307 ff.).</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p>
-
-<p>Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit
-eine besondere Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den
-asiatisch-babylonischen Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt
-ist durch die Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell
-el-Amarna, von denen der größere Teil in den Besitz der Berliner
-Museen gelangt ist, die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs
-Burnaburiasch, oder, wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit
-dem ägyptischen König Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der
-eben genannte ägyptische Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III.
-aufgeführt wird, so liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das
-Jahr 1400 oder etwas später anzusetzen.</p>
-
-<p>Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns
-die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die
-chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine
-andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß
-uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt
-hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der
-Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten
-der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute
-Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben
-erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem
-(unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens
-und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den
-Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche
-ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches
-über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen
-und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet
-enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den
-Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen
-Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden
-Residenzstädte, verhinderten eine partei<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>lose Kritik und damit die
-chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen
-Königsreihen.</p>
-
-<p>Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der
-ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum
-Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die
-Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern
-hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was
-ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten
-Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die
-wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der
-Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die
-äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.</p>
-
-<p>Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die
-ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen
-Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr.
-hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen
-Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem
-ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein
-eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade
-als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei
-ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl
-betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am
-südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das
-Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf
-dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen
-Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden
-erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit
-festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt
-und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die
-Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> chronologisches
-Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den
-Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.</p>
-
-<p>Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede
-Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der
-Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch
-eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines
-chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der
-armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen
-Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert
-werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen
-chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu
-gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der
-assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des
-Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr.
-Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten
-Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.</p>
-
-<p>Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher
-am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien
-seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem
-Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische
-bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich
-zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von
-Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem
-Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde
-gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen
-Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen
-Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur
-Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs
-jedesmal als ein volles be<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>trachtete und von dem Jahresanfang an
-datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage
-an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall
-kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche
-Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den
-julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus
-benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am
-9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem
-genauen Datum der Nachwelt zu überliefern.</p>
-
-<p>Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon
-und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar
-desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte
-die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche
-die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet.
-Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem
-deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie
-heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der
-zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit
-Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie
-zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer
-im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben
-ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten
-englischen Abhandlung (<span class="antiqua">the real chronology and the true history</span>
-<em class="gesperrt"><span class="antiqua">of the Babylonian Dynasties</span></em>) die chronologische Berechnung
-auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den
-Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v.
-Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen,
-der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der
-babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht,
-welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften
-ägyptischen Dynastie hinein<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>fällt. Hiermit ist die Geschichte an den
-Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen,
-denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische
-Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und
-sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt,
-versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher
-fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin,
-dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs
-Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist.</p>
-
-<p>Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten
-Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen
-geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und
-uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ
-richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern,
-daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie
-die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind,
-unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der
-Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle
-eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch
-diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte
-babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen
-Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt
-gemeldet haben.</p>
-
-<p>Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen
-Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn
-die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen
-nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen
-den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen
-einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern
-der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben
-vorläufig nur den Wert mehr oder<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> weniger vollständiger Annalen und
-Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit
-der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten
-Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten
-Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt
-und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte
-der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in
-welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in
-seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während
-die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr
-zugewiesene Rolle erfüllt.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_sieben_Hungerjahre">Die sieben Hungerjahre.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das
-unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie
-immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag.
-Selbst ein <em class="gesperrt">Voltaire</em> fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen,
-daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die
-Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte
-Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben,
-der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und
-zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias
-dereinst hervorgehen sollte.</p>
-
-<p>Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze
-Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße
-anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung,
-der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span>
-Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in
-seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen
-Offenbarungen widmete.</p>
-
-<p>In der zwölften <em class="gesperrt">Sure</em> des erwähnten Buches, überschrieben:
-„Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit
-den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir
-deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich
-sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine
-der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht
-aufmerksam gewesen.“</p>
-
-<p>Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese
-Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher
-Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß
-hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes
-hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten
-Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen
-werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in
-welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt,
-woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat.
-Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine
-berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man
-versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu
-schaffen habe.</p>
-
-<p>Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer
-aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die
-leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres
-Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen
-versucht.</p>
-
-<p>„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau
-des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu
-sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und
-wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um
-sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer
-jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich
-ihnen!</p>
-
-<p>„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre
-Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern
-ein verehrungswürdiger Engel!“</p>
-
-<p>„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich
-so getadelt.“</p>
-
-<p>In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen
-die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche
-Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und
-es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes
-einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und
-Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr
-beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.</p>
-
-<p>Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in
-den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande
-Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich
-durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition
-von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen
-Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der
-Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu
-schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde
-nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen
-die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander.
-Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen
-gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm
-gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber,
-einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden
-senkt.</p>
-
-<p>Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> als eine
-Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau
-ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph,
-die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von
-der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm
-lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen
-sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!</p>
-
-<p>Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine
-vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht
-angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das
-Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus
-mit den Angaben der Denkmäler decken.</p>
-
-<p>Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein
-zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes
-oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens
-tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die
-eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe
-geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage
-auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne
-gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.</p>
-
-<p>Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von
-den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen
-und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen
-Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische
-Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring
-(<em class="gesperrt">Tabacat</em>) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und
-kleidete ihn mit weißer Seide (<em class="gesperrt">schesch</em>, nach Luther, richtiger:
-in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“</p>
-
-<p>Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Denkmäler
-in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach
-Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch
-in der altägyptischen Sprache mit dem Worte <span class="antiqua">tabacat</span> bezeichnet,
-wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus
-feinster Byssosleinewand (<em class="gesperrt">sches</em>) und die unvermeidliche „goldene
-Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und
-vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um
-den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen
-Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.</p>
-
-<p>Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem
-altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name
-und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven
-asiatischer Abkunft verleiht.</p>
-
-<p>Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan
-zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn <em class="gesperrt">Zaphnathpaneach</em>, was
-freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch
-„heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen
-Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache
-zusammengesetzte Name: „<em class="gesperrt">Es sprach Gott: Er lebe.</em>“</p>
-
-<p>Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine,
-welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände.
-Josephs Ernennung zum <em class="gesperrt">Ab</em> &mdash; Luther hat das ägyptische Wort
-für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten
-&mdash; ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als
-das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen
-und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen <em class="gesperrt">Mamelucken</em>)
-bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel
-der heutigen <em class="gesperrt">Abdar</em> in den Palästen der orientalischen Fürsten
-die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den
-Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung
-der „Beschließer“, und zwar mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Siegel Pharaos, den Wert eines
-Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.</p>
-
-<p>Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade
-durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum
-<em class="gesperrt">Adon</em> von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen
-Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort <em class="gesperrt">Adon</em> in sich,
-des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben
-Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten
-Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen
-des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“.
-Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos
-von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein
-denn du.“</p>
-
-<p>So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe
-Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über
-mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des
-<em class="gesperrt">Hri-pir</em> oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und
-der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.</p>
-
-<p>Der ägyptische Name Josephs: „<em class="gesperrt">Zaphnathpaneach</em>“ und die zweimal
-in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen <em class="gesperrt">Potiphar</em>
-und <em class="gesperrt">Potiphera</em>, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der
-Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der
-Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den
-älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung
-nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im
-<em class="gesperrt">neunten Jahrhundert</em> v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre
-<em class="gesperrt">nach</em> den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.</p>
-
-<p>Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen
-Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die
-vorhandenen schriftlichen Überlieferungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> deren ältere und jüngere
-Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim
-und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet,
-wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche
-ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn
-überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten
-Standpunkte aus behandelt hat.</p>
-
-<p>Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige
-Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung,
-unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und
-das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.</p>
-
-<p>Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist
-auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen,
-in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch
-in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine
-Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit
-anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des
-vierten ägyptischen Königs <em class="gesperrt">Uenephes</em> oder <em class="gesperrt">Venephis</em> in der
-manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine
-Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie
-sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der
-Frage, die mich beschäftigt.</p>
-
-<p>Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer
-zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem
-Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange
-Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist
-das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen
-Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der
-Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im
-Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.</p>
-
-<p>Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> ägyptischen
-Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene
-so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen
-Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen
-Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von
-Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler
-das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten
-Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von
-hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.</p>
-
-<p>Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte
-Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das
-sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel
-schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und
-mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen
-Standort.</p>
-
-<p>In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien
-für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen
-Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile
-des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische
-Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die
-Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu
-erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann &mdash; ein wenig stark als
-eine bloße Garnison auf der schmalen Insel &mdash; die unter dem ersten
-Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von
-Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie
-vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung
-gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig
-geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit
-des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache
-niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken
-bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer
-Truppenkörper.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p>Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden
-Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi,
-die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in
-Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis
-zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es
-waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira
-oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer
-zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa
-hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer
-Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre
-Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen
-Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung
-fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte.
-Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der
-altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären.
-Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten
-und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort
-<em class="gesperrt">topazin</em> erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der
-Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so
-ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen
-Sprache des Nuba <em class="gesperrt">tabe-sun</em> den Sinn von so viel als „du suchtest“
-besitzt.</p>
-
-<p>Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte
-Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen
-Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit
-nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst
-die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts
-ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.</p>
-
-<p>In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein
-König Ägyptens in altertümlicher pharao<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>nischer Tracht, welcher drei
-Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel
-und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa
-genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen
-Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis
-an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl
-jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte
-Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.</p>
-
-<p>Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis
-von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis,
-welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren.
-Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem
-König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“</p>
-
-<p>Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen
-Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster
-Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment
-in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst
-wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann.</p>
-
-<p>„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher
-Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen
-Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft
-des Königs zu teil.</p>
-
-<p>„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es
-ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum
-weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht
-eingetreten ist.</p>
-
-<p>„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine
-Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an
-seinem Nächsten.</p>
-
-<p>„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind
-vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einher<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> und die Alten, ihre
-Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem
-Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen.</p>
-
-<p>„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden
-aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden
-war, ist aufgezehrt.“</p>
-
-<p>Der Brief des Königs an den Fürsten von Elephantine <em class="gesperrt">Madir</em> oder
-<em class="gesperrt">Matir</em>, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den
-ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit
-einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen
-Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten
-angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie
-das Volk zu Pharao um Brot.“</p>
-
-<p>In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch
-die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet,
-daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher
-in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf
-nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit
-sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine
-Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des
-Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit.</p>
-
-<p>„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des
-Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an
-derselben und wie ist seine Gestalt?“</p>
-
-<p>Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu
-gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten.
-Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im
-einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit
-den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher
-der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es
-ist die erste Stadt und der erste<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Gau, nach dem Negerlande Wawa zu,
-der Anfang des ägyptischen Reiches.</p>
-
-<p>„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit
-der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen
-das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte.</p>
-
-<p>„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste,
-welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“</p>
-
-<p>Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des
-Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei
-Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis
-in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche
-erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen
-Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores
-mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit
-auf.“</p>
-
-<p>In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch
-mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter
-über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in
-ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen
-verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet
-wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit
-geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach
-aufgeführt.</p>
-
-<p>Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die
-Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich
-aus, nachdem ich solches gehört habe.“</p>
-
-<p>Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten
-Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott
-ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König
-erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in
-Demut an. Sein<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Auge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also
-erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der
-dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu
-fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine
-Seele ein.‘“</p>
-
-<p>Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede
-und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl
-alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles
-Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da
-Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles
-millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben
-die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn
-aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den
-Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die
-Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen
-(d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“</p>
-
-<p>Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen
-Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar
-anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich
-seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar
-zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der
-eigentliche Zweck der ganzen Inschrift.</p>
-
-<p>„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam
-wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“</p>
-
-<p>„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der
-göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis,
-dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als
-Dank für das, was du mir thun wirst.‘“</p>
-
-<p>Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln
-zu den üblichen Festopfern und zur<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> standesgemäßen Ernährung der
-Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.</p>
-
-<p>In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen,
-Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben
-werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges,
-sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere
-an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte
-Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit,
-aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem
-Priestertume an.</p>
-
-<p>König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister
-zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift
-eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der
-heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.</p>
-
-<p>Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil
-als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen
-sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer
-Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es
-aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.</p>
-
-<p>Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien
-aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das
-Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei
-dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der
-Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein,
-Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte.
-Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet,
-die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer,
-unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des
-Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den
-Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span>
-Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch
-oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die
-Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen
-Personen spielt.</p>
-
-<p>Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die
-Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz.
-Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des
-Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller
-Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer
-erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie
-den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der
-König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen
-wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist,
-wie es früher der Fall gewesen war.“</p>
-
-<p>Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen
-Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des
-königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten.</p>
-
-<p>Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal
-mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze
-knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in
-Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der
-Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte,
-dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen
-beiden. Joseph weilte etwa um 1800&ndash;1700 v. Chr. an den Ufern des Niles,
-während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein
-Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die
-Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von
-Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste
-Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt.</p>
-
-<p>Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schrift<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>stil, da beide
-einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi
-Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz
-Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten
-und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen
-Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts
-entzogen waren.</p>
-
-<p>Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den
-ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck
-zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein
-siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge
-dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung
-des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte
-Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden
-Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war
-beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf
-eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde
-in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Zur_aeltesten_Geschichte_des_Goldes">Zur ältesten
-Geschichte des Goldes.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das Gold ist das edelste Metall, welches noch heute im Handel und
-Wandel den höchsten Wertmesser der Abschätzung bildet. Das war bereits
-in den ältesten Zeiten der menschlichen Geschichte der Fall, in welchen
-das Gold an der Spitze aller übrigen Metalle stand und die Sehnsucht
-nach seinem Besitze das menschliche Herz erfüllte. Sein Glanz wurde mit
-dem Leuchten des Sonnenstrahls verglichen und die Ägypter gingen so
-weit, sogar die Körperhaut des Sonnengottes als goldig zu bezeichnen im
-Gegensatz zu den bleichen Knochen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> seines Leibes, für welche sie die
-Farbe des Elektrums wählten, einer Mischung von Gold und Silber, das in
-natürlichem Zustand in Flüssen und in Bergwerken vorkommt und nicht mit
-dem gleichnamigen Worte für den Bernstein verwechselt werden darf.</p>
-
-<p>Neben der Eigenschaft des Glanzes haftete nach dem Glauben der alten
-Ägypter dem Golde eine typhonische, d. h. schädliche und Verderben
-bringende bei, welche sich merkwürdig genug in dem Urteil über das
-Gold bei den Mohammedanern wieder findet. Es wird nämlich den frommen
-Anhängern des Islam empfohlen und die Empfehlung meist auch befolgt,
-vor dem Gebete alle goldenen Gegenstände am Körper, wie z. B. goldene
-Uhren und Ringe, hübsch beiseite zu legen, um nicht satanischen
-Einflüssen anheim zu fallen.</p>
-
-<p>Der Goldschmied gehörte zu den ältesten Künstlern der Welt. Wenn wir
-auch nicht in der Lage sind, die verschiedenen Verrichtungen seiner
-Arbeit auf Grund vorhandener Abbildungen eingehender zu beurteilen, so
-beweisen die in ägyptischen Sammlungen ausgestellten Gegenstände aus
-Gold einen hohen Grad seiner Kunstfertigkeit. Der uralte ägyptische
-Gott Ptah, welchen die Griechen mit ihrem Hephaistos, die Römer mit
-ihrem Vulkan zusammenstellten, galt in Memphis als der Schutzpatron
-der Goldschmiede, sein besonderes Heiligtum führte deshalb den Namen
-der Goldschmiede, und sein jedesmaliger Oberpriester die Bezeichnung
-eines „Werkmeisters“ im Dienste des Gottes. Memphis hatte für die
-Goldschmiedekunst eine hervorragende Bedeutung und noch in den Zeiten
-der Ptolemäer befand sich in dieser Stadt eine Münzstätte des Reiches.
-Daß Memphis in der Schmelzkunst von Metallen überhaupt einen besonderen
-Vorrang einnahm, beweisen die zu Tausenden vorhandenen Bronzen, welche
-in der Wüste in der Nähe des Serapeums bei Memphis noch heute gefunden
-werden. Es giebt einzelne Stellen, in welchen Bronzestatuetten zu
-Hunderten im Sande verscharrt liegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p>
-
-<p>Es ist eine auffallende Erscheinung, daß bei der Aufzählung von
-Metallen, edlen und unedlen, nicht nur dieselbe Reihenfolge von
-den Ägyptern beobachtet wurde, sondern daß sich mitten in dieselbe
-zwei Minerale eingeschoben finden, welche man zu den kostbaren
-Steinen rechnete und in den älteren Zeiten der Geschichte Ägyptens,
-nachweisbar bis zum sechzehnten Jahrhundert hinauf, wie Gold und
-Silber als Tauschmittel benutzte und deshalb wie die Edelmetalle
-nach ihren Gewichten in Pfunden und Loten in Ganzen und Bruchteilen
-näher bestimmte. Das waren der dunkelblaue Lasurstein und der grüne
-Malachit. Man begreift diese Einschiebung sofort, sobald man das
-Prinzip der alten Ägypter erkannt hat, Reihen von Mineralien nach ihrer
-<em class="gesperrt">Farbe</em> zu ordnen, und zwar in der Folge von <em class="gesperrt">Weiß</em> (Silber),
-<em class="gesperrt">Gelb</em> (Gold), <em class="gesperrt">dunkelblau</em> (Lasurstein), <em class="gesperrt">Grün</em>
-(Malachit), <em class="gesperrt">Wasserblau</em> (Eisen), <em class="gesperrt">Rot</em> (Kupfer) und
-<em class="gesperrt">dunkelgrau</em> (Blei). Die Anordnung entspricht im allgemeinen der
-Folge der Farben auf einer Palette im ägyptischen Museum von Berlin.
-Von der Farbe selbst sind die uralten Namen für das Silber als „das
-Weiße“, und für den Lasurstein und den Malachit als „das Dunkelblaue“
-und „das Grüne“ abgeleitet. In bunten Abbildungen erscheinen in
-der That Waffen, Schmucksachen, Geräte u. s. w. aus Metallen oder
-Edelsteinen in der angeführten Färbung: goldene Ringe gelb, silberne
-schneeweiß, eiserne Kriegshelme, Schwerter, Beile, Lanzenspitzen
-hellblau, kupferne Helme und Waffen, Sägen, Sicheln, Messer, Spiegel u.
-s. w. rot ausgemalt. Für die Geschichte und das Vorkommen der Metalle
-bieten derartige buntfarbige Gemälde ein sehr wertvolles Material zur
-Beurteilung ihres ältesten Vorkommens und ihrer ältesten Verwendung.</p>
-
-<p>Das Zeichen für Gold stellt sich in der ägyptischen Hieroglyphik
-in Gestalt eines langen zusammengelegten Zeugstückes dar, das an
-den beiden Enden erfaßt wurde, um aus dem darin enthaltenen klein
-gestampften Golderz das Edelmetall<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> durch Schwenken auszuwaschen. Die
-Anwesenheit von Wasser darin wird in den Zeichnungen nicht selten durch
-herabfließende Tropfen angedeutet, um an die Goldwäsche zu erinnern.</p>
-
-<p>Die älteste Wiege des Goldes, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen,
-darf nur in den „Goldgebirgen“ gesucht werden, welche auf der
-asiatischen und afrikanischen Seite der Küsten des Roten Meeres sich
-von Nord nach Süd entlang ziehen und bereits in den Urzeiten der
-Geschichte von menschlichen Händen mit Hilfe einfacher Werkzeuge
-ausgebeutet wurden. Auch in den Betten der Flüsse, deren Quellen
-in goldhaltigen Bergen entsprangen, lagerte sich von der Natur
-ausgewaschenes Gold in Staubform und in körniger Gestalt ab, wie es
-noch in der Gegenwart auf einzelnen ostafrikanischen Gebieten, wie z.
-B. in Fazoglu und in dem noch wenig erforschten Lande Kafa im Süden
-Abessiniens in mehr oder weniger großen Mengen gefunden wird und als
-Tauschmittel bei dem Handelsverkehr nach außen hin dient.</p>
-
-<p>Die ostafrikanischen Goldlager wurden bereits in der ersten Hälfte des
-dritten Jahrtausends von den alten Ägyptern ausgebeutet und ausgenutzt
-und in den folgenden Jahrhunderten in so ausgiebiger Weise durch
-fortgesetzten Bergbau erschöpft, daß heutigestags in der Epoche des
-Dampfes und der Maschinen wenig mehr an Ort und Stelle zu gewinnen
-sein dürfte. Über die Hauptörtlichkeiten, an welchen sich Goldlager
-befinden, ist man nicht bloß durch inschriftliche Zeugnisse auf das
-Vollkommenste unterrichtet, sondern die alten Goldgebirge öffnen noch
-in der Gegenwart ihre Eingänge den Reisenden, welche vom Nile oder von
-der Küste des Roten Meeres durch die einsamen vegetationsleeren Thäler
-der Wüstengebirge ihren Weg einschlagen. Das nördlichste Goldgebirge
-auf der arabischen Seite Ägyptens lag an der mit reichen Inschriften
-versehenen Bergstraße, welche von der Stadt Koptos am Nile in der
-Richtung nach dem Thale von Hammamat bis zu dem heute Kosseir genannten
-Hafenplatze am Roten Meere führte. Die eigentlichen Goldminen, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span>
-Dasein durch eine Expedition amerikanischer Offiziere im Dienste des
-damaligen Chedives von Ägypten Ismael im Jahre 1875 wieder aufgefunden
-wurden, lagen in einem Wadi Namens Fanachir. Das daselbst gewonnene
-Gold führte nach der Stadt am Nil, welche den Ausgangspunkt der
-Wanderung der Bergleute bildete, die Bezeichnung „des Goldes von
-Koptos“. Ein neues Goldgebirge erstreckte sich im Süden des vorigen; es
-lag in der Nähe des Gebel Zebara, nach dem Roten Meere zu. Der Kopf der
-Straße begann gleichfalls auf dem östlichen Ufer des Niles, gegenüber
-der von den Griechen und Römern Apollinopolis genannten Stadt (das
-heutige Edfu), welche ihren Namen auf den des Goldes übertrug.</p>
-
-<p>Eine dritte Station lag acht bis zehn Meilen in südlicher Richtung vom
-Gebel Zebara. Der Weg dorthin nahm seinen Anfang von der am rechten
-Nilufer gelegenen Stadt Ombos (heute als Kum Ombu oder „Schutthügel
-Ombu“ bekannt), deren Namen gerade so viel als „Goldstadt“ bezeichnet.
-Die alte Straße der Goldgräber folgte in etwas südlicher Ablenkung
-gleich hinter Ombos der Richtung nach dem alten Hafen von Berenice, in
-dessen Nähe die Spuren der im Altertum von den Ägyptern ausgebeuteten
-Goldminen zu suchen sind.</p>
-
-<p>Die ägyptische Südgrenze begann in der Nähe des eben genannten
-Hafenplatzes und zog sich in westlicher Richtung nach der alten Stadt
-Syene, dem heutigen Assuan, gegenüber der Insel Elephantine hin. Im
-Süden davon lag das gebirgreiche, aber wüste Gebiet der nubischen
-Landschaft zwischen dem Nile und dem Roten Meere, deren Bewohner zu
-den echten Negerstämmen gezählt wurden. Von dem am Nil gelegenen Orte
-Kuban aus bietet sich der Zugang zu dem verzweigten Thalsystem der
-sogenannten Etbaye-Landschaft, in welchem die Goldminen von Ollaki,
-schwer zugänglich für den gewöhnlichen Reisenden, an die Zeiten
-uralter Anbauten erinnern. Im Anfang der dreißiger Jahre unseres<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span>
-Jahrhunderts wurden sie von dem Franzosen Linant und dem Engländer
-Bonomi wieder aufgefunden und dadurch die Angaben der Denkmäler
-über das Vorhandensein von Gold in der nubischen Landschaft auf das
-Überraschendste bestätigt. Das hier gefundene Edelmetall führte nach
-dem ägyptischen Namen Kusch für Äthiopien, von dem die östliche
-nubische Landschaft einen Teil bildete, die Bezeichnung „des Goldes
-von Kusch“. Die Ausbeute dieser Minen muß erstaunlich groß gewesen
-sein, da schon Inschriften vom dritten Jahrtausend des äthiopischen
-Goldes gedenken, auch als Tributgegenstand der dem ägyptischen
-Scepter unterworfenen Völker, und die Darstellungen, vom sechzehnten
-Jahrhundert v. Chr. an, eine Fülle von kunstreichen Gegenständen in
-Gold erkennen lassen, welche die Fürsten des Landes Kusch dem zu
-ihrer Zeit regierenden Pharao als Geschenke darbrachten. Noch nach
-dem zehnten Jahrhundert, in der Epoche unseres Mittelalters, wurden
-die alten Bergwerke von den Arabern ausgebeutet, was nicht geschehen
-sein würde, wenn die Arbeiten in den Minen keinen Gewinn ergeben haben
-würden.</p>
-
-<p>Die Untersuchungen der einzelnen Goldminen, sowohl in Ägypten als in
-Nubien, durch europäische Reisende haben die Beweise für einen regen
-Verkehr in der Nähe derselben im Altertume geliefert. Ganz abgesehen
-von dem regelrechten Anbau fand man die wohl erhaltenen Reste von
-heiligen Grotten und Götterkapellen, von Arbeiterwohnungen, ferner
-Cisternenanlagen, darunter sogar artesische Brunnen, Granitmahlsteine,
-Granitrinnen zum Auswaschen des zerstampften Golderzes und was sonst
-zu der Bearbeitung desselben gehörte, in großer Menge vor. Daß eine
-solche Kolonie von Bergleuten und Arbeitern, der Mehrzahl nach aus
-Kriegsgefangenen, Sklaven und Verbrechern bestehend, in den heißen
-Wüstenthälern kein angenehmes Dasein führte, ist selbstverständlich
-und wird durch die lebendige Schilderung ihres Elends aus der Feder
-eines klassischen Gewährsmannes, des Schriftstellers Diodor, vollauf
-bestätigt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p>
-
-<p>In den ägyptischen Archiven befanden sich farbig ausgeführte Pläne auf
-Papyrus, welche mit erklärenden Texten versehen, die Konfiguration der
-Gebirge, die Straßen und Seitenwege, die Brunnen und Arbeiterwohnungen,
-die Kultusstätten, die Arbeiterwohnstätten, ja selbst die von den
-Königen aufgeführten Gedächtnissteine in Bild und Schrift wiedergaben.
-Bruchstücke derartiger Pläne, aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr.
-herrührend, werden in dem ägyptischen Museum von Turin als besondere
-Merkwürdigkeiten den Besuchern gezeigt.</p>
-
-<p>Es ist mir keine inschriftliche Überlieferung bekannt, welche, mit
-Ausnahme der in Gold gezahlten oder richtiger gesagt abgewogenen
-Tribute, von Erwerbungen dieses Edelmetalls aus vorderasiatischen
-Gebieten spräche. Dagegen melden inschriftliche Denkmäler und
-Papyrusurkunden von ägyptischen Ophirfahrten zur See, welche außer
-wertvollen Bodenerzeugnissen, an ihrer Spitze der kostbare Weihrauch,
-Gold von den südlichsten Küstengebieten des Roten Meeres nach der
-Residenz der Pharaonen im Nilthale einführten. Tritt in den älteren
-Texten die allgemeine Bezeichnung Puone für das ferne Reiseziel im
-Süden ein, so vermehren sich die Namen in den späteren Jahrhunderten
-bis zu dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hin. Die Westküste
-Jemens mit ihren Goldländern Saba, Havila, Parvaim und Uphas, wie sie
-in der Bibel genannt werden, lieferten bekanntlich das Edelmetall nach
-Palästina, das durch phönizische Kaufleute, die von Tyrus in erster
-Linie, auf den Markt gebracht wurde. Man wird kaum fehl gehen, auch für
-Ägypten die südarabische Bezugsquelle vorauszusehen, sicherlich in den
-späteren Zeiten der Geschichte des Pharaonenreiches.</p>
-
-<p>Bereits im dreizehnten Jahrhundert, in welchem Pharao Ramses III. als
-ein starker und mächtiger König die Zügel der Regierung in seiner
-Faust hielt, ward das Gold in besonderen Sorten teils seinem Ursprung,
-teils seiner Reinheit und Zusammensetzung mit anderen Metallen nach
-in ver<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>schiedene Sorten geteilt und danach aufgeführt. Im allgemeinen
-trennte man „das Berggold“, das aus den goldhaltigen Erzen in den
-Minen gefunden wurde, von dem „Wassergolde“, das aus dem Sande
-der Flüsse und Bäche des Sudan herausgewaschen wurde. Im übrigen
-unterschied man äthiopisches, ägyptisches (aus den obengenannten
-Städten) und arabisches Gold &mdash; das Vaterland des arabischen war in
-den Gegenden der Weihrauchterrassen &mdash; ferner „feines“ (wörtlicher:
-gutes, vollkommenes), „weißes Gold“, „Zweidrittel-Gold“ (wahrscheinlich
-eine mit anderen Metallen gemischte Sorte), außerdem <em class="gesperrt">Ketem</em>
-oder vorderasiatisches Gold, dessen Name nicht ägyptischen, sondern
-semitischen Ursprunges ist, und andere Sorten, deren Name noch nicht
-hinlänglich klar ist. So viel steht fest, daß diese und andere
-Bezeichnungen auf eine genaue Kenntnis der Feinheit des Goldes bei den
-alten Ägyptern hinweisen und metallurgische Studien voraussetzen.</p>
-
-<p>In unverarbeitetem Zustande erscheint das gelbe Edelmetall in Barren
-und in Ringform bald von größerem, bald von kleinerem Umfang. Das
-Gewicht derselben ging von einer bestimmten Grundgewichtseinheit aus,
-die gesetzlich normiert war und dem einzelnen Stücke die Bedeutung
-unseres Geldes verlieh. Als ich im Jahre 1889 vom ältesten Geldgewicht
-in den Sonntagsbeilagen der Vossischen Zeitung mehrere allgemein
-interessierende Angaben auf Grund eigener Untersuchungen zum besten
-gab, hatte ich das Silbergewicht zum Ausgang meiner Betrachtungen
-gewählt und die Übereinstimmung seiner Gewichtseinheit (= 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span>
-ägyptische Lot oder 10,91 Gramm) mit dem babylonischen schweren
-Silbergewicht besonders hervorgehoben. Es knüpfen sich daran Fragen von
-großer kulturhistorischer Bedeutung, die von der Zeit der geschlagenen
-Münze an von entscheidender, tief einschneidender Wirkung sind. In
-letzter Instanz tritt dabei die Frage in den Vordergrund: Waren die
-Ägypter oder waren die Babylonier die ersten Erfinder des Geldgewichts
-in Silber,<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> d. h. hat ein Volk von dem andern die Gewichtsbestimmung
-entlehnt und danach ein eigentümliches Rechensystem aufgebaut oder
-haben beide Völker von einem vorhistorischen Volke unbekannten Namens
-und unbekannter Abstammung die wichtige Erfindung empfangen und
-rechnungsmäßig als Tauschmittel im Verkehr verwertet?</p>
-
-<p>War ich zur Zeit der Veröffentlichung meines ersten Artikels in
-der glücklichen Lage gewesen, die Grundeinheit des Silbergewichtes
-genau bestimmen und auf unser modernes Grammgewicht zurückführen zu
-können, so fehlten mir damals alle notwendigen Unterlagen, um in
-ähnlicher Weise dem Goldgewicht die entsprechenden Zahlen gegenüber
-zu stellen. Diese Lücke ist ausgefüllt, seitdem durch zwei aus dem
-ägyptischen Altertum uns überkommene Goldgewichtsstücke, von denen das
-eine und größere erst vor Kurzem in den Besitz des Berliner Museums
-gelangt ist, und durch überlieferte Goldgewichtsberechnungen, aus dem
-sechzehnten und aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr., sich mir
-die Gelegenheit dargeboten hat, in unbestreitbarer Weise auch für
-das Gold die altägyptische Grundgewichtseinheit fixieren zu können.
-Dieselbe betrug 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> altägyptische Lot oder 16,37 Gramm, entsprach
-daher dem <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">50</span></span> Teile einer Goldmine von 90 Lot (= 818,63 Gramm) und
-den <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3000</span></span> eines Goldtalentes von 5400 Lot (= 49,1179 Kilogramm). Die
-Hälften dieser angeführten Gewichtsstücke, welche sich zugleich auf
-das System der sogenannten <em class="gesperrt">schweren</em> Goldmine nach babylonischer
-Rechnungsweise bezogen, also die Zahlen 8,18, 409,31 Gramm und 24,55
-Kilogramm, stellen die Grundeinheiten der <em class="gesperrt">leichten</em> Goldmine vor.
-Ihr kleinstes Stück im Gewicht von 8,18 Gramm Gold sei der Vergleichung
-halber dem Gewichte der 20 Mark-Goldmünze von 7,96 Gramm und dem
-englischen Pfund Sterling-Stück von 7,98 Gramm an die Seite gesetzt,
-um eine annähernd richtige Vorstellung seiner Schwere zu erwecken. Es
-erscheint nicht überflüssig hinzuzufügen, daß die Anwendung dieses
-kleinsten Stückes von 8,18 Gramm<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Gewicht sich in Goldberechnungen
-aus der Zeit des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. auf ägyptischen
-Denkmälern vorfindet.</p>
-
-<p>Was den angeführten altägyptischen Goldzahlen das höchste Interesse
-verleiht, ist die von Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> C. F. Lehmann, einem der
-babylonischen Keilschrift kundigen Gelehrten aus Berlin, vor etwas
-länger als einem Jahre nachgewiesene Thatsache, daß sich die alten
-Babylonier zur Bestimmung der Schwere eines Gegenstandes eines
-Normalgewichtes bedienten, dessen leichte Mine auf Grund von drei
-noch vorhandenen und in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrten
-Stücken im Durchschnitt 491<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> Gramm betrug. Diese Gewichte, in
-den Trümmerstätten des südlichen Babylonien aufgefunden, sind aus
-einem dunkelgrünen harten Stein gefertigt, tragen Aufschriften in
-Keilzeichen und gehören nach der Meinung des gelehrten Forschers
-mindestens dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends an. Da
-nach dem babylonischen Rechnungssystem die Goldmine um ein Sechstel
-kleiner als die allgemeine Gewichtsmine war, so muß dieser Betrag, ca.
-81<span class="nobreak"><span class="zaehler">9</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span> Gramm, von der Gewichtsmine (491<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">5</span></span> Gramm) abgezogen werden,
-um die Schwere der Goldmine festzustellen. Man gelangt somit zu der
-babylonischen Zahl von 409<span class="nobreak"><span class="zaehler">3</span>&frasl;<span class="nenner">10</span></span> Gramm, welche der ägyptischen, im
-Betrage von 409<span class="nobreak"><span class="zaehler">31</span>&frasl;<span class="nenner">100</span></span> Gramm, auf das Genaueste entspricht.</p>
-
-<p>Ein so merkwürdiges Zusammentreffen, welches ich in meinen früheren
-Untersuchungen auch in Bezug auf das ägyptische und babylonische
-Silbergewicht nachgewiesen habe, kann nicht in einem bloßen Zufall
-gesucht werden, sondern beruht auf gemeinsamen Grundlagen der Maß- und
-Gewichtseinheiten im Handelsverkehr der ältesten Welt. Die geträumte
-Abgeschlossenheit der großen Kulturstaaten an den Ufern des Niles
-in Afrika und zu beiden Seiten des Euphrats, auf asiatischem Boden,
-muß anderen, richtigen Vorstellungen in Zukunft den Platz räumen,
-wenn auch die Streitfrage nach den ältesten Erfindern der Maß- und
-Gewichtssysteme vorläufig<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> unerledigt bleiben mag. Für Ägypten spricht
-das hohe Alter aufgefundener Steingewichte, welche in die Zeiten
-der Pyramidenbauten hinaufreichen, für Babylon vor allem das weit
-verbreitete sexagesimale Teilsystem, das <span class="antiqua">Dr.</span> J. Brandis in
-seinem berühmt gewordenen Werke: Das Münz-, Maß- und Gewichtswesen
-in Vorderasien (Berlin 1866) aus den geschlagenen Münzen, bis zu
-den klassischen Völkern des Altertums hin, in überzeugender Weise
-nachgewiesen hat. Daß Babylonien und die im Westen davon gelegenen
-Völker und Länder Vorderasiens, einschließlich der Inseln des
-östlichen Mittelmeeres, mindestens vier bis fünf Jahrhunderte vor
-den trojanischen Zeiten mit Ägypten im engsten Verkehr standen, das
-bezeugen ja vor allem die in Tell El-Amarna auf ägyptischer Erde in
-unseren Tagen aufgefundenen keilschriftlichen Thontafeln mit ihren für
-die Kulturgeschichte jener Epoche so merkwürdigen Korrespondenzen von
-Hof zu Hof und mit ihrem regelmäßigen Botenpostdienst von den oberen
-Euphratgebieten an bis nach den fernen Nilufern im Süden hin. Politik
-und Handelsverkehr beherrschten schon damals die Welt und Gold und
-Silber, wohl geprüft und abgewogen und in den Schatzhäusern der Könige
-lagernd, bildete den von Jedermann verstandenen Maßstab des Reichtums
-der Großen der Erde.</p>
-
-<p>Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen
-Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit
-den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit,
-welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht
-steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu
-rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig
-Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen
-trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten
-Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten,
-die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor
-dem Beginn unserer Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>rechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung
-und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen
-der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger
-wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer
-Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und
-im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am
-Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg
-entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und
-das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des
-Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise
-mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer
-wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem
-Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche
-ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere
-Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird
-unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der
-menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger.
-Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an
-Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte
-bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Feier_der_Grundsteinlegungen_in_aeltester_Zeit">Feier
-der Grundsteinlegungen in ältester Zeit.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der
-Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in
-feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen
-ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu
-geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren
-ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Wohle der
-Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch
-die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und
-priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen
-wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit
-erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den
-versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft
-derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung
-nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in
-die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft
-zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für
-die spätesten Geschlechter niedergelegt.</p>
-
-<p>Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist,
-folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden,
-die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart
-als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich
-abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen
-der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei
-Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des
-Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben
-und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von
-vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen
-symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat,
-sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.</p>
-
-<p>Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den
-Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward,
-dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird
-erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet
-habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden
-zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in
-Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde.<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> Die Regionen des
-sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach
-den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie
-man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier
-und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung
-nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in
-der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt
-des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der
-Feldfrüchte angefüllt.</p>
-
-<p>Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“
-dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen,
-nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der
-Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche
-über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen
-Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und
-Weise, in welcher jedes von den drei Thoren &mdash; mehr ließ derselbe
-etruskische Ritus nicht zu &mdash; bei der Gründung seiner künftigen Stelle
-nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des
-Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb
-tragen durch das Wort <span class="antiqua">portare</span> ausgedrückt wird, so leitete man
-das Wort <span class="antiqua">porta</span> für das Thor von jenem Zeitworte ab.</p>
-
-<p>Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen
-Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es
-ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche
-Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa
-anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die
-Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin &mdash; und zwar in
-den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als
-ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte
-aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der
-Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>bindung bringen
-zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen
-plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.</p>
-
-<p>Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale
-die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt-
-und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um
-wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen
-Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages
-hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale
-fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit
-eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite
-Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am
-Landungsplatze angepflockt lag.</p>
-
-<p>Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten
-Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte
-spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart
-die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden
-einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg,
-und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der
-nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit
-einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte
-mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse
-führenden nächsten Seitenweg.</p>
-
-<p>So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte,
-gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet,
-zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus
-umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits
-einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und
-dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete
-<em class="gesperrt">Nâbut</em> der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen
-als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p>
-
-<p>„<span class="antiqua">Es-salam aleïk</span>“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu,
-indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden
-Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß
-die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte
-Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein
-Segen!“</p>
-
-<p>„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher
-Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern
-einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf.
-Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung &mdash; das bekannte
-Backschisch &mdash; für meine Vermittelung zukommen lasset.“</p>
-
-<p>Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte
-einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von
-seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher
-zu prüfen.</p>
-
-<p>Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch
-dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war
-mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch
-sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die
-Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in
-schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen
-Königs sprang mir sofort in die Augen.</p>
-
-<p>Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine
-angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten &mdash; meine ganze
-Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden &mdash; stürzte ich über Stock
-und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und
-in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu
-rücken.</p>
-
-<p>Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der
-kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit
-welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes
-auf dem Gebiete der Kunst<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und
-Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier,
-den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden
-Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst
-den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den
-leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu
-genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich
-wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem
-Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und
-sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als
-Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige,
-deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen
-Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich
-bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr
-4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich
-vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes
-Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges
-Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der
-berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter
-Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von <em class="gesperrt">On</em> in
-der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen
-Inschriften den vorher genannten König <em class="gesperrt">Usortisen</em> I. als Urheber
-preist.</p>
-
-<p>Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres
-gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen
-vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.</p>
-
-<p>Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch
-beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung
-übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen
-Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte
-von<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder
-des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären
-sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in
-höchsteigener Person „<em class="gesperrt">die Ausspannung der Meßschnur</em>“, d. h. um
-nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.</p>
-
-<p>Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu
-erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte,
-sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem
-gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade,
-um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der
-Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir
-gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche
-der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig
-Jahrhunderten voranging.</p>
-
-<p>Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den
-altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an
-Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet,
-die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen
-enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden
-Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am ...
-Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der
-Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des
-Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar
-leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um
-sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“</p>
-
-<p>„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden:
-den Freunden, den ..... des königlichen Hauses und den (sonstigen)
-Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“</p>
-
-<p>„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte
-die Ausschachtung des Erdbodens.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p>
-
-<p>„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis
-als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“</p>
-
-<p>„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes .....
-aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“</p>
-
-<p>Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die
-sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn
-der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem
-er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung
-öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle.</p>
-
-<p>Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf
-der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem
-sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten,
-also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei
-dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht.
-Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um
-die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an
-deinem Gotteshause zu vollziehen.“</p>
-
-<p>Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der
-hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen
-Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten,
-seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen
-Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit
-sofort in Angriff nehmen zu lassen.</p>
-
-<p>Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze.
-Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute
-standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über
-die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in
-den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> war, ging seine
-Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge]
-um.“</p>
-
-<p>Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften
-Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen
-darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles
-als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf
-welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.</p>
-
-<p>Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein
-in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch
-im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen,
-seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten
-Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe
-der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung
-vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten
-Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem
-König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien
-der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich
-veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand
-entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen
-und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache
-der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.</p>
-
-<p>Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in
-vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen
-die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen.
-Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen
-Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes
-die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den
-Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten
-Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte <em class="gesperrt">Meßschnur</em> und
-der <em class="gesperrt">Pflock</em> bilden dabei die Hauptsache.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p>
-
-<p>Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei
-vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten
-baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst
-im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen
-wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem
-Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet,
-so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige
-Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament
-stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift
-vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der
-Kirche auf einem Felsen.</p>
-
-<p>Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes
-auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei
-ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm
-zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in
-erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen
-Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll
-auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage
-zu schaffen.</p>
-
-<p>Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen,
-um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen
-Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß
-sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben,
-des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat,
-Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts
-verloren haben.</p>
-
-<p>Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung
-in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz
-unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers
-Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G.
-Schweinfurth (in<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich
-folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte
-Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels
-einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre
-Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit
-dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte.
-Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die
-alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie
-längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den
-entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des
-großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung
-oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“</p>
-
-<p>Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus
-einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem
-seines Thrones verlustig gegangenen <em class="gesperrt">Chedive Ismaël</em> Pascha
-kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten
-lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser
-der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar
-mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß
-bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser
-die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden
-bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand,
-Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in
-Ägypten.“</p>
-
-<p>Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur
-bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem
-Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der
-Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom
-Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit <em class="gesperrt">einem</em>
-Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und
-abzublättern imstande war. Bekanntlich ist<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> das ganze Nilthal derart
-mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des
-Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter
-für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.</p>
-
-<p>Der Grundstein war es daher im Altertum <em class="gesperrt">nicht</em>, welcher bei
-der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle
-spielte, sondern der <em class="gesperrt">Aufriß des Baugrundes</em> auf dem Erdboden
-mit Hilfe der <em class="gesperrt">Meßschnur</em> und des <em class="gesperrt">Holzpflockes</em>, wobei die
-<em class="gesperrt">Erdhacke</em>, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes,
-die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse <em class="gesperrt">Gestirne des
-Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung</em> des zukünftigen Gebäudes
-dienten.</p>
-
-<p>Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen
-Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage
-eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten
-Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn
-behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches,
-welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige <em class="gesperrt">Usortisen</em>
-I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor
-mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit
-festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus
-mit der Überschrift: „<em class="gesperrt">Über die Ausspannung der Meßschnur und das
-Einpfählen des Pflockes</em>“ zu thun in der Lage war.</p>
-
-<p>Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß
-des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem
-würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner
-altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze
-Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu
-richten.</p>
-
-<p>Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber
-gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter
-erkennen, mitten unter den zahlreichen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Darstellungen, fast durchweg
-mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer
-Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle
-einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des
-zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes
-Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.</p>
-
-<p>In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den
-ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus,
-als auch in Nubien &mdash; ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden
-Zeugen an &mdash; tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines
-hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger
-in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der
-einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines
-keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres
-Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den
-hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.</p>
-
-<p>Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin,
-welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die
-Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel
-übrig. Es handelt sich um die Göttin <em class="gesperrt">Chawi</em>, die treue Behüterin
-aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den
-Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden,
-der heiligen Bücherei. Sie wird als „<em class="gesperrt">die erste Schreiberin</em>“
-und als „<em class="gesperrt">die Königin der Bibliothek</em>“ tausendfältig gepriesen.
-Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der
-Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens
-dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen
-Überlieferungen der Vorzeit verfahre.</p>
-
-<p>Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten
-beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott <em class="gesperrt">Thot</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> der
-ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes,
-welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen
-überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen
-den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu
-werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde
-lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen
-zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom
-Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen
-Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem
-er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches
-vorschriftsmäßig Folge leistet.</p>
-
-<p>In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor
-Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht,
-hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke
-durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines
-Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick,
-welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des
-Bauterrains diente.</p>
-
-<p>Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer
-in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein
-Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu
-können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem,
-selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“
-übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt
-habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für
-die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der
-Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes
-mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt.</p>
-
-<p>Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte
-Handlung konnte zunächst nicht an jedem belie<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>bigen Tage geschehen,
-sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der
-Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des
-Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem
-sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für
-den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine
-merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets
-wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der
-Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu
-unterscheiden) verbunden war.</p>
-
-<p>In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen,
-pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche
-Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person
-ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der
-Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der
-ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott
-wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen.</p>
-
-<p>Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in
-den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen
-beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung
-des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus
-Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und
-inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber
-ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles
-zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das
-Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus
-den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen
-Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem
-eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der
-dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person
-der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund
-der Bildwerke trat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p>
-
-<p>Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem
-eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“
-würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein
-und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können.
-Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen
-darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von
-Apollinopolis magna (heute <em class="gesperrt">Edfu</em> genannt) in Oberägypten den
-vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das
-Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt.</p>
-
-<p>Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf
-Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den
-Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und
-schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und
-gelesen habe.</p>
-
-<p>Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen
-Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach
-althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der
-Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und
-Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen.</p>
-
-<p>In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die
-folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den
-Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der
-Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet
-am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und
-stecke die vier Enden des Tempels ab.“</p>
-
-<p>Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der
-Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen
-Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem
-Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als
-das nördlichste<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen
-dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der
-astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei
-für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur
-vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente.</p>
-
-<p>Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung
-der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit
-inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als
-„Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten
-als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere
-Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals
-verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem
-Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten
-Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert:
-„auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet,
-darum heißt sie die Beste mit Namen.“</p>
-
-<p>Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung
-seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach
-Einpfählung der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als
-zweite Handlung die <em class="gesperrt">Ausschachtung der Erde</em> an den für die
-Fundamentierung genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese
-Arbeit in feierlicher Weise ein. Er trägt die <em class="gesperrt">Erdhacke</em> des
-ältesten ägyptischen Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig
-den Boden zum guten Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der
-Götter auf, wozu er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und
-bewässere ihn zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke
-Festigkeit zu verleihen.“</p>
-
-<p>Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb
-eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher
-mit Wasser zu befeuchten.</p>
-
-<p>Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Tiefe
-ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine
-Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder
-Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das
-Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in
-den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem
-Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um
-die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das
-oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf
-Fundamenten aus Sand.</p>
-
-<p>Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann
-der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah
-dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und
-an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren
-Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war
-verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den
-Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen
-zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in
-der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem
-hinzu, daß die Ziegel mit <em class="gesperrt">gehacktem Stroh</em> vermischt wurden, um
-ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon
-an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6&ndash;7): „Darum befahl Pharao
-desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und
-sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß
-sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen,
-wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh
-zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18).</p>
-
-<p>Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten
-Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein
-gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er
-außerdem in seiner eige<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>nen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und
-damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich
-führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des
-Tempels fest zu gründen.“</p>
-
-<p>In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und
-selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens
-durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von
-Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die
-Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit
-an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der
-himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer
-Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte
-in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich
-vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen,
-um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild
-in sich schließt.“</p>
-
-<p>Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die
-zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das
-Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen
-im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines
-Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in
-Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus
-Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach
-Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die
-Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine,
-welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du
-meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an
-den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“</p>
-
-<p>Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze
-unter den vier Ecksteinen des Tempels von<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Tentyra suchen. Des Sängers
-Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in
-Gold und Edelstein.</p>
-
-<p>An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche
-als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten
-darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an
-bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König
-übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines
-geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand
-prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich
-mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit
-meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal
-gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“</p>
-
-<p>Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines
-Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf
-ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer
-Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden,
-um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über
-die folgenden Handlungen zu gewinnen.</p>
-
-<p>Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt
-ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu
-befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim
-einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache
-kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden.
-Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer
-Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer
-Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und
-Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des
-Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche
-Waschmittel.</p>
-
-<p>Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> Thätigkeit,
-wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war.
-Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit
-des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine
-unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze
-Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung
-hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen
-Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war
-streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An
-hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward
-deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher
-eintritt, sei viermal rein!“</p>
-
-<p>In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig,
-welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist,
-der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und
-dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den
-Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher
-Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des
-Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu,
-an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und
-Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige
-beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber
-als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken.
-Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen
-an größter Lauterkeit.“</p>
-
-<p>Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die
-mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt.</p>
-
-<p>Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde
-in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen
-Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des
-abgebildeten Herrschers fallen eine Menge<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> von Kügelchen &mdash; eben jene
-Natronkügelchen &mdash; abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte
-Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen.</p>
-
-<p>Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen
-als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen
-variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze
-abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen
-Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten
-Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen,
-nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um
-den Tempel durch den König vollzogen.</p>
-
-<p>Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden
-Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig
-läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung
-einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“,
-wie er inschriftlich bezeichnet wird.</p>
-
-<p>Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden
-des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen
-an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher
-der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und
-mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner
-Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein
-längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere
-mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am
-Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen
-Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die
-gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen.</p>
-
-<p>Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an
-seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung.
-In dem einen Beispiel spricht<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm
-aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder
-jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis
-zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne
-Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der
-Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine
-Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken
-befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige
-entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine
-Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen.
-Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania)
-in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne,
-wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre
-aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“</p>
-
-<p>Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen
-Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in
-eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder,
-wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten
-Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben.
-In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider
-ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die
-nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile
-desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten
-Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise
-die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus
-Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König
-Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des
-Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet
-Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift
-auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> geliebte
-König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“</p>
-
-<p>Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert
-für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich,
-und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das
-ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die
-Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte
-der Menschheit gefällt hat.</p>
-
-<p>„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets
-gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von
-gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt,
-bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen
-Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die
-Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben
-Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie
-entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen,
-sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind.</p>
-
-<p>„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig
-Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht
-nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der
-Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und
-es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und
-befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“</p>
-
-<p>In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der
-gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine
-Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in
-Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine
-besondere Erwähnung verdient.</p>
-
-<p>„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die
-großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen
-zu verknüpfen. Noch in unsern<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> Tagen rufen Gedächtnisinschriften an
-sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück
-und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände
-werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt,
-woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst,
-sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern,
-dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller
-Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die
-Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie
-schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich
-habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den
-Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken,
-fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben
-gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen.</p>
-
-<p>„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König
-oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll,
-in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise
-vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die
-Scheinhandlung der Arbeit.“</p>
-
-<p>Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an
-Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die
-Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis
-zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel
-den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns
-zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden
-Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind.</p>
-
-<p>Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein
-Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig
-noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein
-ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund
-das<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer
-münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten
-„Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte
-Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der
-sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von
-Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32
-Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung
-festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal
-in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer
-umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10&frac12; : 2&frac12;
-Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und
-von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt,
-so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte.
-Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den
-überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem
-Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der
-Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der
-Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist.</p>
-
-<p>Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden
-Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem
-Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus
-einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus
-rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet,
-geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem
-einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein
-im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen
-Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan
-fertiggestellt wurde.</p>
-
-<p>Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> ägyptischen
-Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht
-im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen
-Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer
-einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache
-sofort.</p>
-
-<p>Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus
-Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu
-ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die
-Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche
-der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene
-in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete
-Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer
-Anwesenheit mit den Worten: „<em class="gesperrt">Der Aufseher spricht zu den Bauleuten:
-Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!</em>“ Es sind
-genau dieselben biblischen Worte: „<em class="gesperrt">Ihr seid müßig, müßig seid
-ihr!</em>“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der
-Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde
-mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber
-leider vergeblich, vorzutragen.</p>
-
-<p>Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel
-gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit
-noch in den Kinderschuhen ging &mdash; und die heutigen Morgenländer haben
-sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt &mdash; mochte die sonderbare
-Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu
-rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung
-erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen
-Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Eine_Blitzstudie">Eine Blitzstudie.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu
-beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende
-Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung
-den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit
-spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der
-peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.</p>
-
-<p>Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der
-Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um
-einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen
-in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen
-finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr
-gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher
-bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers
-einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ,
-um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.</p>
-
-<p>Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das
-Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei
-einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu
-beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten
-zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als
-wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften
-die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener
-einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen
-kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu
-besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube
-immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> in einem
-zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den
-finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend
-Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so
-lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube
-seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden
-weiter entwickelt.</p>
-
-<p>Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise
-auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und
-die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie
-dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu
-werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte,
-Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das
-„Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche
-Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes
-gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.</p>
-
-<p>Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale
-Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem
-Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit
-auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin
-Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit
-kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem
-man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz
-verschont geblieben war.</p>
-
-<p>Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes
-hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied
-man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen
-herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom
-Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen.
-Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die
-irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> ging noch weiter
-und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht
-an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im
-kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt
-sind.</p>
-
-<p>Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei
-der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer
-des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von
-dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen
-Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in
-die Erscheinung trat.</p>
-
-<p>Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der
-Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und
-Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen
-nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das
-Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet
-haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert
-worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich
-bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er
-irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun
-verabsäumt hatte.</p>
-
-<p>Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in
-seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem
-Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze
-gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei
-man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag,
-an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage &mdash; wer
-denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? &mdash; und daß
-man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das
-Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen
-bestätigten, anerkennen zu müssen.</p>
-
-<p>Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf
-Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> dürfen
-als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern
-sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von
-den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker
-oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen
-Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten
-auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze
-Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.</p>
-
-<p>Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S.
-169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein
-eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu
-einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination
-(das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine
-tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises.
-Die Blitzschauer (<em class="gesperrt">Fulguratoren</em>) beschäftigten sich mit
-Erforschung der Blitze, dem <em class="gesperrt">Herabziehen</em> und dem <em class="gesperrt">Abwenden</em>
-derselben. &mdash; So entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher
-Gewitterbeobachtungen.“</p>
-
-<p>Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die
-Etrusker den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord &mdash; Ost
-&mdash; Süd &mdash; West &mdash; Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile
-gespalten. Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie
-die <em class="gesperrt">linke</em> Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten
-die östlichen Weltteile als die <em class="gesperrt">linke</em>), die acht aus der
-entgegengesetzten Seite befindlichen Teile die <em class="gesperrt">rechte</em> Seite.
-Die Blitze zur Linken sah man als glückbringend an, die Blitze zur
-Rechten, im Nordwesten, als Unheil verkündigend. Blitze aus anderen
-Himmelsrichtungen galten als indifferent.</p>
-
-<p>Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder
-Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun
-Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter
-ein dreifacher Blitz zugeschrieben<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> wurde, so daß im ganzen elf
-Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem
-Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie
-dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den
-aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen,
-von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.</p>
-
-<p>Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach
-tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen
-konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die
-Fulguratoren vorgeblich den Blitz <em class="gesperrt">herabzuziehen</em> vermochten.
-In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen
-Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich
-die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den
-Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte
-hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und <em class="gesperrt">leitenden</em>
-Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die
-<em class="gesperrt">einzige</em> Angabe beim <em class="gesperrt">Ktesias</em> aufzufinden vermocht.</p>
-
-<p>Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen
-vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise
-in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in
-der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz
-von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig
-erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei
-eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon)
-und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt,
-Gewölk, Hagel und <em class="gesperrt">Blitzstrahlen abwendeten</em>. Er habe, so fügt
-er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen
-Augen das Experiment gemacht.“</p>
-
-<p>Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der
-Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden
-des Blitzes spricht, mit größter Deut<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>lichkeit auf die Kenntnis der
-Blitzableitungstheorie auf Grund <em class="gesperrt">leitender Metalle</em> hin.</p>
-
-<p>Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den
-Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die
-Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den
-Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch
-eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu
-beweisen.</p>
-
-<p>Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch
-den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin
-aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen
-Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist
-aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen
-der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn
-man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.</p>
-
-<p>In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der
-Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei
-den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch
-zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein
-zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete.
-Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter-
-oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg
-nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.</p>
-
-<p>Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit
-Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt,
-wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den
-Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben.
-Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine
-ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den
-Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> auf rechteckiger Grundlage
-ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind
-31&frac12; Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine
-Seitenbreite von 12 Ellen oder 6 <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>&frasl;<span class="nenner">3</span></span> Meter.</p>
-
-<p>Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen
-Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine
-eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach
-unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen
-Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und
-die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in
-Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels
-des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag
-wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen
-habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme
-ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch
-klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen
-zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen
-mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.</p>
-
-<p>Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration
-gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich
-zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu
-beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch
-in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von
-Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen
-Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der
-Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.</p>
-
-<p>Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus
-Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften
-aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die
-Zahl derselben sich auf <em class="gesperrt">vier</em> be<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>schränkte und daß die Stoffe
-<em class="gesperrt">rot</em>, <em class="gesperrt">weiß</em>, <em class="gesperrt">blau</em> und <em class="gesperrt">grün</em> gefärbt waren, mit
-anderen Worten, daß es vorgeschrieben war, den vier <em class="gesperrt">heiligen</em>
-Farben den Vorzug zu geben. Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall,
-daß auch im ebräischen Kultus, wie es aus alttestamentlichen
-Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur allein die vier heiligen
-Farben <em class="gesperrt">rot</em>, <em class="gesperrt">blau</em>, <em class="gesperrt">karmesin</em> und <em class="gesperrt">weiß</em> für die
-Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von Jerusalem
-gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.</p>
-
-<p>In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die
-beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine
-Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen
-mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben,
-wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse
-in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der
-Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe
-Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus
-(des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem
-Platze, <em class="gesperrt">um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden</em>.
-Zeugstoffe in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an
-ihrer Spitze.“</p>
-
-<p>An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich
-auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den
-Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem
-<em class="gesperrt">Asch</em>holze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten
-aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine
-besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum
-Himmelsgewölbe und sind <em class="gesperrt">mit Kupfer des Landes beschlagen</em>.“</p>
-
-<p>Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise
-an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der
-deutlich ausgesprochenen Absicht, <em class="gesperrt">die Ungewitter zu schneiden</em>,
-konnten nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen
-sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine
-andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte,
-welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem
-angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit
-und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren
-Blitzableiter erklärt haben.</p>
-
-<p>Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite
-Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch
-nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen
-vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe
-zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch
-aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um
-das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen
-Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare,
-deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung
-als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.</p>
-
-<p>Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von
-Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der
-noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in
-der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne
-Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21&frac14; Meter, wie alle Obelisken
-endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte
-Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte
-<em class="gesperrt">Benben</em> bezeichnen.</p>
-
-<p>Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken
-eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion
-regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim
-Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die
-Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich:
-„Er (der König) hat<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem
-Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist
-aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten,
-hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen
-sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten
-aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden
-Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher
-nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende
-Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten
-Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem
-Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein
-Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den
-steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und
-Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich
-zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen
-Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen
-Überzug aus <em class="gesperrt">vergoldetem Kupfer</em>. Diese Vermutung findet nämlich
-durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit
-erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.</p>
-
-<p>Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich
-vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der
-Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken,
-also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine <em class="gesperrt">kupferne Kappe</em> über
-dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif
-herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es
-stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus
-einem Edelmetall, sondern aus <em class="gesperrt">reinstem Kupfer</em> bestand, das
-eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.</p>
-
-<p>Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter
-gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen
-nach dem Nilthale zuströmte, ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> kaum anzunehmen, daß die Könige
-so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer
-Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug
-erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom
-Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine
-Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige
-jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen,
-besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und
-Außergewöhnlichen aufzudrücken.</p>
-
-<p>Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus
-Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser
-wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche
-die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es
-dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber,
-daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis
-der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich
-hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum,
-bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten
-Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten
-gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.</p>
-
-<p>Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen
-der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das
-wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte
-(II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von
-Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man,
-besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit,
-sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe
-am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal
-deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die
-Erscheinung treten dürften.</p>
-
-<p>Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheim<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>lichen
-Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen
-Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben,
-Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes,
-Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen
-Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten
-Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte
-und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der
-sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in
-unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:</p>
-
-<div class="poetry-container s5">
- <div class="poetry">
- <div class="verse">Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,</div>
- <div class="verse">Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.</div>
- </div>
-</div>
-
-<p>Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der
-Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der
-intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse
-Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.</p>
-
-<p>Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis
-und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende
-Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen
-beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit
-ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in
-symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.</p>
-
-<p>Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und
-Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb
-geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man
-versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich
-auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen
-Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen
-Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König
-der Tempelwelt wachen.“</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Der_grosse_koenigliche_Graeberfund">Der
-große königliche Gräberfund.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte
-Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug,
-welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet
-seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen
-ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit
-in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für
-ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit
-nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern &mdash; nach
-den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen &mdash; sie führten wahre
-Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren.
-Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles
-dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war.
-Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was
-man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles
-Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von
-denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur
-hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß,
-wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.</p>
-
-<p>Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten
-auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können
-während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten
-historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen
-den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen
-Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen
-Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen,
-überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden
-durch das verständnisvoll geschriebene Wort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p>
-
-<p>Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei
-Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie
-handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an
-zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung
-die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote:
-Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in
-Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen
-Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu
-führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den
-Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen
-Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in
-reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil
-heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese
-Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung
-von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren.
-Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der
-Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit.
-Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene
-Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den
-Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.</p>
-
-<p>Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der
-gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an
-den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden
-haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren
-Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung
-auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was
-man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen
-Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten,
-in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.</p>
-
-<p>Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten,<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> wenn ich irgend
-wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind
-keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind
-(teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig
-mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl
-Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen
-Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein
-wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein
-ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar
-verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und
-Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden
-hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen
-stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte:
-wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch
-das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das
-Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche
-sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden
-nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen
-konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen
-finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben
-wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen
-und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe
-des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche
-Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich
-zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles
-mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine
-reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse
-Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und
-geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers
-und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner
-Umgebung ungemein begünstigte. So haben<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> wir heute Gelegenheit, da,
-wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der
-Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der
-Welt mehr zu finden ist.</p>
-
-<p>Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die
-Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich
-gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach
-Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher
-überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der
-ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der
-Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem
-Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl
-die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der
-Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000&ndash;2000 v. Chr. und
-die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um
-das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König
-Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch
-durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten
-Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage
-war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in
-den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.</p>
-
-<p>Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören &mdash; ich spreche
-zunächst von denen der Könige &mdash; wurden am Rande der Wüste in
-Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie
-sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von
-Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher
-Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte
-Landschaft des Fajum hinein.</p>
-
-<p>Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel
-genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr
-genau, wenn sie auch in betreff der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> einzelnen Königsnamen sich
-bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber
-der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben,
-sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche
-beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig
-späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu
-überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel
-hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese
-kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht
-genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten
-aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die
-Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.</p>
-
-<p>Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf,
-so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren
-Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in
-Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.</p>
-
-<p>Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß
-der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen
-Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache
-viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe
-(Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden
-Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache,
-dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3&ndash;4
-Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien
-aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine,
-welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen.
-In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und
-schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser
-wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft
-und in den Sarko<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>phag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock
-ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen
-einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so
-war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die
-Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls
-durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche
-eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser
-Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten
-abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben
-nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo
-sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch
-darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für
-diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es
-eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.</p>
-
-<p>Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab
-des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde.
-Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere
-Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide,
-wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.</p>
-
-<p>Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine
-Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war
-es ihm gestattet &mdash; die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte
-eines jeden Königs zu bauen begonnen &mdash; so ließ er einen zweiten Mantel
-herumlegen, etwa in einem Abstande von 5&ndash;10 Fuß von der Kern-Pyramide,
-dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich
-das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im
-Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen
-Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben
-außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale
-Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chrono<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>logischen
-Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine
-Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen
-sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den
-Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum
-in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung,
-die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz
-geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch
-eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der
-ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat.
-Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden
-fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden
-sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten
-Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer
-Fürsten.</p>
-
-<p>Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die
-Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen?
-Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte
-Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von
-Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen?
-Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien
-her das Wort zu reden.</p>
-
-<p>So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts &mdash; ich
-meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre &mdash; für den Bau der Pyramiden,
-für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch
-für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar
-deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine
-einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen
-habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag
-ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand
-der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich
-den betreffenden<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben
-sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin
-war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach
-historische Namen beizulegen.</p>
-
-<p>Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten
-&mdash; es ist in den Monaten Februar und März gewesen &mdash; wurden durch
-Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten,
-mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller
-Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld
-so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten
-konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser
-Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und
-in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche
-hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in
-einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die
-Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da
-die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des
-Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen.
-Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu
-nehmen genötigt war.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-149" name="illu-149">
- <img class="mtop1" src="images/illu-149.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem
- Alten Reiche.</b> <span class="s5">Vertikaldurchschnitt.</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-150" name="illu-150">
- <img class="mtop1" src="images/illu-150.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem
- Alten Reiche.</b> <span class="s5">Horizontaldurchschnitt.</span><br />
- <span class="s5">1 Eingang. &mdash; 2 u. 4 Gänge. &mdash; 3 Fallthür.
- &mdash; 5 Grabkammer. &mdash; 6 Kammer mit dem Sarkophag.</span></p>
-</div>
-
-<p>Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte
-zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde
-arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des
-Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den
-übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der
-Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften,
-welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn
-auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem
-ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte,
-konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die
-Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen
-großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span><br /><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Reise des
-verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß
-nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als
-Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des
-göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der
-Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen
-Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur
-ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist
-seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren
-im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode,
-seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe
-der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten
-sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen.
-Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung
-des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten
-wandelnd, legt er die Reise der Toten<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> zurück. Dies ist das Thema, der
-Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen
-Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei
-zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen
-Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch
-für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben.
-Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem
-Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die
-unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt
-beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.</p>
-
-<p>Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche
-kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das
-Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.</p>
-
-<p>Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu
-unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll
-dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende
-Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen,
-d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.</p>
-
-<p>Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300
-v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne
-<em class="gesperrt">Mehti-em-saf</em> angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber
-in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten
-Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst
-in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind,
-sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben,
-die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande
-zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu
-bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten
-und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten
-nicht gescheut haben, um bis<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> zu der Sarkophagkammer vorzudringen,
-woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.</p>
-
-<p>Als ich die Grabkammer der <em class="gesperrt">Phiops</em>pyramide erreicht hatte,
-überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der
-Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen
-worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse
-von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß
-meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „<em class="gesperrt">Di harir</em>“, d. h.:
-„Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide
-nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas
-gewandert.</p>
-
-<p>In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf
-dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches
-Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner
-Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein
-feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen
-wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der
-ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich
-sie in der Pyramide des <em class="gesperrt">Phiops</em> entdeckt hatte. Die Mumie wurde
-nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch
-befindet.</p>
-
-<p>Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen
-Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden
-gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher
-nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig
-vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf
-die berühmte Pyramide von <em class="gesperrt">Meidum</em>, die in der That noch nicht
-geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern
-entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur
-einigermaßen darin vorzudringen.</p>
-
-<p>Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den
-Kern der Grabkammer umhüllen, ist so<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> gewaltig, daß man sich keine
-Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau
-gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung
-begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die
-größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter
-hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die
-Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die
-Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde
-zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen
-Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen &mdash; und das ist
-doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-153" name="illu-153">
- <img class="mtop1" src="images/illu-153.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Privatgrab aus dem
- Alten Reiche.</b><br />
- <span class="s5"><span class="antiqua">a</span> Kapelle. &mdash; <span class="antiqua">b</span> Schacht. &mdash; <span class="antiqua">c</span> Grabkammer. &mdash;
-<span class="antiqua">d</span> Sarkophag.</span></p>
-</div>
-
-<p>Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten,
-daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der
-Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse
-aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben
-Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch
-vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen.
-Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. &mdash;
-Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in
-der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in
-Ägypten. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten
-wiederkehrt.</p>
-
-<p>Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben
-&mdash; die Wüste ist ja Felsboden &mdash; dann unten in diesem sogenannten
-<em class="gesperrt">Brunnen</em>, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer
-ausgemeißelt und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche
-eingesargt war, wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine
-Ziegelsteinmauer abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte
-ohne Gewalt anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder
-Schutt ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der
-Stellung des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr
-oder weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus
-einem Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber
-war sie so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine
-Familie, hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem
-Felsen versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse
-die Totenopfer spenden konnten.</p>
-
-<p>Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten
-ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur
-Epoche der thebanischen Könige.</p>
-
-<p>Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden
-und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir
-wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß
-nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes
-überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen
-Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie
-bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben
-ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak
-&mdash; er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden &mdash; und
-daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung
-zunächst ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese
-Königsgräber vorhanden).</p>
-
-<p>Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist
-eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden,
-um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen
-Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so
-nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der
-Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die
-Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt
-haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte
-lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges,
-welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen
-Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein,
-anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens.
-Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das
-noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare
-Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist,
-welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses
-Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan
-mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten.
-Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach
-diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen
-mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt,
-folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste,
-welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer
-Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für
-den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein
-fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen
-man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer
-sechs, in welchem der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des
-„goldenen Saals“.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-156a" name="illu-156a">
- <img class="mtop1" src="images/illu-156a.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem
- Neuen Reiche.</b> <span class="s5">Vertikaldurchschnitt.</span></p>
-</div>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-156b" name="illu-156b">
- <img class="mtop1" src="images/illu-156b.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem
- Neuen Reiche.</b> <span class="s5">Horizontaldurchschnitt.</span><br />
- <span class="s5">1&ndash;4 Korridore. &mdash; 5 Der Wartesaal. &mdash; 6 Der goldene Saal. &mdash; 7
-Korridor. &mdash; 8 Die Schatzkammer.</span></p>
-</div>
-
-<p>Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> der
-saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder
-Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen
-dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man
-es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen
-Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“,
-befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein
-Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen,
-seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben
-zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken
-hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem
-selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während
-die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit
-Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.</p>
-
-<p>Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich
-wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten,
-welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten.
-Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert,
-nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint.
-Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das
-Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche
-zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen,
-welcher bestimmten Art sie waren.</p>
-
-<p>Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist
-von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr
-vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und
-zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder
-zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern
-selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte
-diese doch nicht verhindern &mdash; kommt es ja doch auch in<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> unseren
-aufgeklärten Zeiten vor &mdash; daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um
-die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen.
-Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah,
-ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage
-vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück
-in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe
-um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX.
-einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer
-herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet
-gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die
-ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden.
-Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es
-wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das
-älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten
-selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt
-wurde.</p>
-
-<p>Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller,
-Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber
-der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.</p>
-
-<p>Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen,
-daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische
-Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren
-und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die
-Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder
-irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den
-der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden
-ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten,
-ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.</p>
-
-<p>Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hat, nur
-fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen
-sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.</p>
-
-<p>Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen &mdash;
-man konnte ja nicht anders &mdash; daß der Inhalt jener Gräber, die heute
-offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß
-man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin
-fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen
-Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der
-berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger,
-waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage
-noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?</p>
-
-<p>Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende
-und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben
-Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art
-angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich
-hier um Könige handle, die in den Gräbern von <em class="gesperrt">Biban-el-moluk</em>
-&mdash; so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber &mdash; beigesetzt worden
-waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf
-den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der
-thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten
-Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts
-und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer
-Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu
-sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. &mdash;
-Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals
-nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er
-stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.</p>
-
-<p>Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher
-Einmischung durch Drohungen und Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>sprechungen einem jener Araber
-das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue
-Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses
-und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der
-kostbaren Fundgrube zu öffnen.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-160" name="illu-160">
- <img class="mtop1" src="images/illu-160.jpg" alt="" /></a>
- <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Aufgebahrte Mumie des
- Osiris.</b></p>
-</div>
-
-<p>Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein
-arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in
-Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben
-hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher
-den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem
-geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt
-Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher
-einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei
-seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde
-ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an
-dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen
-Ebene scheidet, bildet zwischen dem<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> Assassif- und dem Thale der Gräber
-der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste
-derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari
-befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten
-Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah,
-etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten
-Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In
-der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung
-zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch
-ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in
-die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter
-weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An
-gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur
-die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht
-ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der
-Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet
-gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die
-Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu
-einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80
-Meter Länge.</p>
-
-<p>„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis
-zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und
-gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag
-in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt.
-Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt
-an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den
-Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des
-Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen
-mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im
-Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> bei seiner Biegung nach
-Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet
-und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den
-ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine
-Ecke geworfen hätte.</p>
-
-<p>„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe
-ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts
-zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die
-Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines
-Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche
-Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe:
-Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu,
-Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das
-Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim
-ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie.
-Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben
-schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei
-oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die
-Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und
-von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte
-Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II.
-der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu
-sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie
-er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume,
-wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen
-war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.</p>
-
-<p>„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die
-Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des
-Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich
-ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>
-wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten,
-Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg
-in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin
-befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed
-Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der
-Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten
-sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen
-Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit
-waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur
-zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen
-mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits
-des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen,
-welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten
-sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird
-man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und
-der Julihitze bedeuten mußte.</p>
-
-<p>„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor
-bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei
-Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige
-Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort
-mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von
-Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils,
-folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei
-dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei
-Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul
-hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher
-der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem
-Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch
-demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf
-einige schöne Entdeckungen hoffen. &mdash; Mit so thätigen und ergebenen
-Leuten als die sind, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl
-erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie
-des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den
-wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet.
-Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren
-Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich
-für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der
-Wissenschaft erwiesen haben.“</p>
-
-<p>Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung
-der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der
-Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten
-gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume
-ausgebessert oder zerbrochen &mdash; sie lassen den Stil der 18. und 19.
-Dynastie erkennen &mdash; zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges
-Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die
-Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.</p>
-
-<p>Särge der ersten Gruppe:</p>
-
-<p>1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des
-Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne
-eine sichtbare Aufschrift.</p>
-
-<p>2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus
-demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter
-Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben
-1,8 Meter.</p>
-
-<p>3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).</p>
-
-<p>4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des
-Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68
-Meter lang.</p>
-
-<p>5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere
-1,65 Meter lang.</p>
-
-<p>6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs
-Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p>
-
-<p>7. Sarg der Prinzessin Sitamun.</p>
-
-<p>8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin
-Miritamun bestimmt.</p>
-
-<p>9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich
-als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des
-Königs“ bezeichnet.</p>
-
-<p>10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao
-Amenophis I.</p>
-
-<p>11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter
-der Vorhergehenden.</p>
-
-<p>12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.</p>
-
-<p>13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper
-des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.</p>
-
-<p>14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.</p>
-
-<p>15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der
-Königin Haitschepsu lautend.</p>
-
-<p>16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers
-Thutmos III.</p>
-
-<p>17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere
-noch nicht wiedererkannt.</p>
-
-<p>18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen
-Sesostris.</p>
-
-<p>19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. &mdash; Sesostris der
-Griechen &mdash; Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.</p>
-
-<p>Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von
-hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster
-Gegenstände, welche derselben Periode angehören.</p>
-
-<p>Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20.
-Dynastie an (1100&ndash;1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des
-Amon“, der Lokalgottheit<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten.
-Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und
-Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder
-dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:</p>
-
-<p>1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).</p>
-
-<p>2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.</p>
-
-<p>3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter
-lang.</p>
-
-<p>4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).</p>
-
-<p>5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter
-lang).</p>
-
-<p>6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der
-Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).</p>
-
-<p>7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).</p>
-
-<p>8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens
-Tanhirit.</p>
-
-<p>9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.</p>
-
-<p>10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).</p>
-
-<p>11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des
-Prinzen Zotptahefanch.</p>
-
-<p>Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen
-lassen.</p>
-
-<p>Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des
-Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die
-eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung
-aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem
-Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische
-von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere
-mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine
-einbalsamierte Gazelle, das Lieblings<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>tier einer der Prinzessinnen,
-fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.</p>
-
-<p>Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der
-oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende
-Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk
-besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben
-den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz
-gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise
-beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist
-bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten
-der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden
-Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so
-reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte,
-welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu
-öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die
-darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten
-Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die
-Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt,
-daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten
-der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in
-Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den
-Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten
-Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen
-ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die
-zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen.
-Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren
-Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts
-anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in
-dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk
-in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> thebanischen Ebene zu
-überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen
-Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor
-Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone
-mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige
-drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den
-modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer
-königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum
-in Bulak anzutreten.</p>
-
-<p>Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die
-Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe
-königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt
-erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen
-Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist
-auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in
-Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten
-berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber
-als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn
-der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien
-eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf
-und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle.
-Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten
-wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher
-erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige
-trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.</p>
-
-<p>Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren
-durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner
-Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber
-ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des
-Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz
-neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> an die
-Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige
-Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den
-Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu
-bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß
-die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während
-des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die
-Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr
-mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte,
-ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die
-eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen
-zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten
-ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie
-abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das
-ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle
-groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und
-spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du
-tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren
-Gastgelagen.“</p>
-
-<p>Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung
-schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten
-Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen
-Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen
-ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen
-Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche
-Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren
-irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische
-Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die
-Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die
-veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form
-und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen.
-Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vor<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>nehmen,
-schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter
-von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin
-des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder
-Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete
-ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt
-wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß
-der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann
-gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein
-Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu
-schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu
-feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten
-die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden
-weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll
-Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern
-darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um
-ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre
-Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern
-und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden
-bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches
-zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir
-nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich
-betreten habe diese Grabeswelt.</p>
-
-<p>„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe
-dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer
-des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier
-weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle
-zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt
-vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder
-menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand
-vermag sich seiner zu erwehren.“</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p>
-
-<p>Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn
-ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte
-Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus
-ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des
-ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des
-Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische
-freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit
-den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende
-bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der
-Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte
-Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen
-ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.</p>
-
-<div class="figcenter">
- <a id="illu-170" name="illu-170">
- <img class="mtop1" src="images/illu-170.jpg" alt="Skarabäus" /></a>
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<h2 class="nobreak" id="Die_grossen_Ramessiden">Die großen Ramessiden.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes
-zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in
-Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl
-hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei
-der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris
-der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich
-publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr
-morgens.</p>
-
-<p>Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe
-entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst
-den übrigen Mumien königlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Herkunft aufbewahrt werden, tragen
-die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der
-äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233,
-setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper
-wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das
-Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem
-das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die
-Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde
-die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine
-Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt
-war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle
-durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden
-und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte.
-Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist
-mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual
-vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil
-Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben
-und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen
-befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche
-viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte,
-deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite
-geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.</p>
-
-<p>„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter
-lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen
-Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare,
-spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und
-bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter
-Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der
-Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig,
-schmal, die Augenbrauen treten im Bogen her<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>vor, das Auge ist klein,
-die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht
-eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind
-hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf
-abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der
-breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt;
-er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem
-Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber
-weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während
-der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten
-Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie
-das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter
-lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken
-darauf.“</p>
-
-<p>Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche
-Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig
-intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität,
-aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches
-noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil
-des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat
-die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit
-beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der
-Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme
-über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot
-gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und
-so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und
-Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die
-Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die
-Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in
-der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67
-Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben
-mußte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p>
-
-<p>Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum
-eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von
-wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem
-Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem
-orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher
-Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man
-erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte
-Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf
-dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter
-lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten
-Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs
-Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der
-Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt
-Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in
-seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin
-dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari)
-gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung
-dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in
-seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die
-Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern.
-Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte
-begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen
-und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.</p>
-
-<p>Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech
-durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das
-mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen
-Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich
-endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen
-Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> Amon sitzt
-auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns,
-daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem
-Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift
-lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes
-Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf
-daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei
-Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste,
-aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der
-Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war
-aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus
-verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und
-die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden:
-das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das
-Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ
-der Chediw den Saal.</p>
-
-<p>Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen
-und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der
-Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine
-datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons
-und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch
-vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge
-sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu
-einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen.
-Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine
-Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr
-hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen
-der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger
-hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger
-schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber
-fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Höhlung
-ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger
-vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von
-Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen
-weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten
-Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern
-gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne
-von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken,
-unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große
-Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke
-des Todes fettleibig.</p>
-
-<p>Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem
-und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt
-intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger
-breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II.
-gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber:
-Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an
-den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in
-schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit
-weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es
-in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen
-Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses
-II. gab.</p>
-
-<p>Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen
-in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das
-Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege
-und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn
-unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben
-schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden
-als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Pyramiden_mit_Inschriften">Pyramiden mit Inschriften.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten
-Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf
-geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang
-ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den
-ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre
-Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren.
-Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines
-kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen
-darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß
-ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige
-unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer
-in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite
-her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer
-führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von
-Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den
-größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu
-öffnen.</p>
-
-<p>Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre
-Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem
-Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten
-nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb
-weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie
-in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem
-innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der
-königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden
-sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus
-vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> hoher Wert
-zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den
-unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen
-Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?</p>
-
-<p>Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die
-eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer
-so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit
-der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber
-beschäftigt.</p>
-
-<p>Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden,
-welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere
-Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder
-inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der
-pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte
-der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter
-über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des
-verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger
-Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher
-Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden
-entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser
-Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die
-beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.</p>
-
-<p>Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen
-übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater
-der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an
-der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch
-zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi
-Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie
-viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau
-der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte
-1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte
-zwanzig<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so
-hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048
-Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die
-erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine
-außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze
-Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale
-eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist.
-Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge
-aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt
-er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise
-ausgesonnen.</p>
-
-<p>Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor
-des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener
-Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren
-Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das
-also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste.
-<em class="gesperrt">Mariettes</em> Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade
-erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen
-Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher
-den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische
-Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser
-Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten,
-die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie
-bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß
-dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in
-Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie
-hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben,
-deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer
-unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften
-bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab
-es sich, daß die in Rede stehende<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Pyramide einem Könige angehöre,
-dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca.
-3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den
-Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide
-als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau
-als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr
-beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner
-Zeit gleichlautete.</p>
-
-<p>Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris &mdash; und zwar
-in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach
-seiner Landung in Alexandrien überfallen &mdash; fühlte er noch so viel
-Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres
-Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte
-aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten
-Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide
-durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem
-Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines
-Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.</p>
-
-<p>Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir
-uns beide durch die durchbohrte Öffnung &mdash; die Steinblöcke über unsern
-Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei
-der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen &mdash;
-und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die
-plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände
-des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite
-nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein
-eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen
-Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein
-wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer
-Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer
-Umhüllung beraubte Mumie des Pharao,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> der sich nach altägyptischer
-Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen
-lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in
-schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des
-Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an
-einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach
-seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf
-das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis
-der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene
-Pyramide gehörte einem Könige an.</p>
-
-<p>Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten
-geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten
-königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände
-hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen
-Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze
-dahinter verborgen sein müßten.</p>
-
-<p>Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die
-in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu
-durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu
-vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten
-Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung
-von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem
-Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes
-unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung
-unter den Händen der früheren Eröffner.</p>
-
-<p>Herr <em class="gesperrt">Maspero</em>, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab,
-um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen,
-die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen
-Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung
-zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine
-Übertragung<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die
-Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne
-Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden
-Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd
-richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.</p>
-
-<p>Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache
-festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher
-gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt
-ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte
-angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes
-hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen
-verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die
-sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die
-ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige
-Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen,
-Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel
-einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen
-wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen
-hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner
-altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.</p>
-
-<p>Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder
-nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie
-sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein
-die Bezeichnung „<em class="gesperrt">das Buch</em>“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit
-seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren
-und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale
-die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst
-eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine
-ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne
-Litteratur im Märchen und Roman zum<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Durchbruch kam, hielt an dem
-unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das
-Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte
-der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der
-Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen,
-was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit
-der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre
-Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen
-Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende
-Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in
-den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name
-seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“
-u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein
-auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte,
-die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern
-Privatpersonen zuzuschreiben.</p>
-
-<p>Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise
-zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem
-Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu
-erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem
-Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln
-zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten
-Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes
-ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener
-anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in
-einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und
-Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung,
-und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von
-eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die
-Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben
-nach dem Tode<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> in stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies
-mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint
-darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten
-Jenseits.</p>
-
-<p>Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem
-Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten
-einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel
-des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst
-die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden
-des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der
-Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die
-Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“
-bestehen.</p>
-
-<p>An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und
-Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um
-durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem
-Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen)
-Sonnenstadt <em class="gesperrt">On</em> gesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem
-Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig
-die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen
-und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um
-diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das
-Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen,
-auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die
-Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des
-Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen
-und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung
-der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des
-Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“
-(genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der
-Götter und Toten &mdash; sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen
-&mdash;<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste
-Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen
-Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die
-schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an
-der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten
-der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte.</p>
-
-<p>Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und
-seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus
-dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin
-auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie
-zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott
-befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu
-einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner
-Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es
-wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und
-sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und
-immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine
-magischen Wirkungen nicht verfehlt.</p>
-
-<p>Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es
-selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung
-kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als
-der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise
-die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder
-Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige
-Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen
-ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder,
-wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach
-dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der
-Götter und Menschen, Gott <em class="gesperrt">Set</em>-Typhon, hauste darin, um seine
-schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen.
-Dagegen war der<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Leuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt,
-durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in
-großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen
-die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit, <em class="gesperrt">Thot</em>,
-angefangen.</p>
-
-<p>So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen
-philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug
-auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt
-andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich
-auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und
-Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten
-der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und
-die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen
-Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die
-Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren
-Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und
-wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den
-Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen
-Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen
-Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“
-zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von
-Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken.
-Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren,
-daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches
-Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis
-in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner
-des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier,
-unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln
-in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch
-keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse
-werden der Reihe nach auf<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>gezählt, und neben dem Bier wird der Wein und
-die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken
-und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und
-zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe,
-welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten.
-Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht.</p>
-
-<p>Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der
-Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten
-irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich
-auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte
-nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten
-Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung
-zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher
-Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen
-Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne
-je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des
-menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet
-auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes,
-er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert
-an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt
-sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil,
-er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem
-gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen
-Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart
-und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt
-abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und
-auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein
-Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern
-Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und
-Schützerin alltäglich erstanden. Im<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> jungen Horus verkörperte sich die
-Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als
-nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes.</p>
-
-<p>Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den
-Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes
-Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die
-Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du
-leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des
-Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient
-dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein
-Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus
-gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter
-dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt
-ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones
-des Osiris. &mdash; Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. &mdash; Du
-steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung
-nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir
-die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der
-Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er
-berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er
-setzt dich auf den Thron des Osiris.“</p>
-
-<p>In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder
-neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen
-und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit
-des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das
-Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der
-Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich
-zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen
-Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter
-liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte
-durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> rätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung
-zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande,
-im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten
-vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die
-himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum
-vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar.
-Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte
-der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in
-den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der
-anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am
-äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise
-der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris
-thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am
-Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die
-Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für
-die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit.</p>
-
-<p>Lange vor dem Dichter Homer, welcher dem Himmelsgewölbe den Beinamen
-des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung
-geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum.
-Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten
-und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen,
-ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am
-Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein
-eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller
-Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen
-den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor
-oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten
-biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des
-Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt
-als der Erfinder der Eisen<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>schmiedekunst) setzen für das höchste
-Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In
-listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die
-ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe
-nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch
-darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten
-werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei
-religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre
-Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr.
-erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer
-zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen
-wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in
-dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine
-Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung
-bei Fieberhitze empfohlen wird.</p>
-
-<p>Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den
-ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt
-darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig
-gefolgt sei.</p>
-
-<p>Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen
-genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so
-wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten
-ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt
-war (<span class="antiqua">bi-ni-pe</span>), welches wörtlich so viel als „Wunderding“,
-„Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in
-den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz
-allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter
-oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne
-Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.</p>
-
-<p>Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit
-geschenkt, um daran den Nachweis zu führen,<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> welche Bedeutung den
-Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit
-innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf,
-daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird,
-bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher
-ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der
-Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die
-Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an
-der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist
-daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken
-ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist
-und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das
-Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte
-eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der
-Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten
-waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt
-worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es
-Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem
-Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der
-Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern
-des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten
-als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die
-Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum
-und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern
-werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der
-Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten,
-das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das
-Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen
-und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals
-einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die
-Pyramidentexte es nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> verschmäht hatten, mitten in das uralte
-Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen
-die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen
-bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist
-unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in
-der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern
-zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.</p>
-
-<p>Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt
-der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den
-Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch
-so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen
-Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der
-Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß
-auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen
-klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich
-ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von
-diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der
-ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete
-älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine
-Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die
-weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte,
-sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider
-Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu
-seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht
-war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter
-des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem
-selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die
-Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der
-beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.</p>
-
-<div class="chapter">
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span></p>
-
-<h2 class="nobreak" id="Im_Faijum">Im Faijum.</h2>
-
-</div>
-
-<p>Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von
-Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut
-deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen
-Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert
-Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die
-winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt
-dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen
-geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die
-gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern
-der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung
-des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem
-Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der
-Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500
-v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal &mdash; es ist derselbe,
-welcher heute den Namen des Josephskanals trägt &mdash; in das Sandbecken
-der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu
-befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten.
-Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten
-lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der
-ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen
-Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge
-der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher
-Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen
-hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln
-und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des
-von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an
-bis zum Plinius hin ist das<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> klassische Altertum darüber einig, daß
-der <em class="gesperrt">Mörissee</em> (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte
-<span class="antiqua">meri</span> für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes
-Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist
-heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung
-<span class="antiqua">jom</span>, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz
-Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch
-noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.</p>
-
-<p>Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer
-Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen
-worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche
-besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat,
-nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung
-der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können.
-Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von
-Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge
-eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem
-Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach
-Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und
-daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit
-sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande
-sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste
-Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung
-in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur
-Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines
-künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts
-steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen
-Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier
-Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das
-andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar
-herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen,
-in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Delta<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>gebiet stets ein
-erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch
-ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten
-gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue
-Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben
-und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.</p>
-
-<p>Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der
-heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern
-die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen
-hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten
-Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß
-es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene
-Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das
-ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.</p>
-
-<p>Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt
-desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier
-Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis
-zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man
-besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug
-und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich
-von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu
-überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen
-von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische
-Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und
-„der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi
-an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder
-unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den
-fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt,
-man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen,
-wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von
-dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span>
-vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so
-beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer
-Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed,
-wo fährst du hin? &mdash; Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der
-Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. &mdash; So sei dir Heil auf der Reise
-beschieden! &mdash; O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! &mdash; Mein
-Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu
-haben. &mdash; Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“
-schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander
-rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen
-zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt
-die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko,
-denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit
-Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse
-und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg
-öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten
-hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende
-Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit
-einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen
-in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen
-kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und
-wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es
-vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden
-zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger
-Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom
-eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur
-Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide,
-welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide,
-beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie
-dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> als
-habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu
-versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst
-seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem
-die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres
-rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter
-tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte
-derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König
-<em class="gesperrt">Snofru</em> nennen, den Vorgänger Königs <em class="gesperrt">Chufu</em>-Cheops, den
-Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie
-sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes
-genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit
-Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen
-Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.</p>
-
-<p>Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte
-der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden
-derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer
-sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten
-Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in
-westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die
-Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen.
-Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken
-den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen
-Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden
-Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit
-ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben
-und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht
-der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum
-schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische
-Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen
-Straßen der Städte noch auf offenen<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> Feldwegen umzusehen, um einem
-vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines
-Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder
-links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der
-geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter
-ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart
-fesselt ihren geistigen Blick.</p>
-
-<p>Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen
-Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen,
-dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten
-der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich
-durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt,
-durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch,
-Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des
-„Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller
-Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen
-lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der
-Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit
-vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten
-Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten
-Faijum bildet.</p>
-
-<p>Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“
-einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an
-dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen
-Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege
-aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es
-sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie,
-dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000
-Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der
-Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die
-Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in
-Augenschein zu nehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die
-segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf
-die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser
-Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne
-Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, <em class="gesperrt">Lahun</em>
-weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er
-ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung <span class="antiqua">La-hunet</span>, d. i.
-„die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form
-in dem Namen des Labyrinths, d. i. <span class="antiqua">Lapi-ro-hinet</span>, „der Tempel
-der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom
-Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der
-Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung,
-woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des
-ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere
-mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber
-dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen
-Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes
-abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz
-verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung
-gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker
-wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe,
-allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von
-der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige
-Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas
-halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von
-Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn
-nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst
-poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen
-Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen
-Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne
-betrachtet den Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>druck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe
-lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie
-Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern
-sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.</p>
-
-<p>Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem <em class="gesperrt">Bahr-bela-ma</em>,
-welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt
-reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke
-durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit
-verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle
-entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte,
-welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag,
-allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit
-üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres
-Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer
-nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen
-die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen
-Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen.
-Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein
-ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens
-offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt
-ägyptischen bemerkenswert absticht.</p>
-
-<p>Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich
-erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau
-mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter
-abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der
-Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten
-Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach
-einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen.
-Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten
-hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche
-überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei
-Eseljungen sitzen wir endlich im<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> Sattel und haben Gelegenheit, ein
-wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten.
-Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken
-eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns
-klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links
-von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden
-Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die
-kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig
-neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder
-Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist
-barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen
-den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal,
-auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken &mdash;
-ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale &mdash; sind in kurzen
-Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt
-führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern
-vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und
-lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände
-auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am
-letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den
-Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus,
-neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße
-dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden
-oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen
-leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die
-über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den
-feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.</p>
-
-<p>Die Stadt selber, man merkt es ihr an, war weder schön noch ist sie
-es jetzt, der echte morgenländische Charakter haftet ihr an, aber
-sie scheint sich emporzuringen und ein wenig veredeln zu wollen.
-Der Wohlstand hat sich einzelne aus weißen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> Kalksteinblöcken
-zusammengefügte Häuser geschaffen und das in Medineh angesessene
-Europäertum, an ihrer Spitze die nie fehlende, überaus thätige,
-schaffende und schachernde griechische Kolonie, hat sich auch beim
-Bau ihrer Wohnstätten zu europäischen Mustern emporgeschwungen.
-Selbst ein Gasthof mit griechischer Firma ist in den letzten Jahren
-entstanden, und ich kann versichern, daß Zimmer und Verpflegung mehr
-als bloß bescheidenen Ansprüchen genügen. Die eine Seite des Hauses
-liegt sogar an einem breiten, aus dem Josephskanal abgeleiteten
-Wasserbecken, an dessen Rändern männiglich seine Waschungen vollzieht
-und sich ohne Rücksicht auf die vorüberziehenden Straßengänger in
-höchster Ungeniertheit unter der Tagessonne badet. Die Bazare der
-Stadt sind dunkel und schattig, die ausgelegten Waren vermögen nur den
-Eingeborenen anzulocken und die Käufer sind bei weitem anziehender
-in ihrem Gebahren beim Kaufen und Feilschen als der Kaufmann und
-seine Bude. Da sitzen sechs Bauernweiber auf dem Erdboden vor dem
-engen Laden eines Kastenmachers, klatschen in die Hände und singen
-Freudenlieder dazu, weil ihr männlicher Beistand soeben den Kauf eines
-buntangestrichenen Koffers als Hochzeitsgabe für eines der Weiblein
-abgeschlossen hat. Es ist herzerfreuend derartigen Straßenscenen in
-unserer verwöhnten Welt zu begegnen, und ich pflege gern stehen zu
-bleiben, um den Unterhaltungen dieser ungeschminkten Naturmenschen zu
-lauschen.</p>
-
-<p>Die Leute der Stadt bedienen sich nur bei weiteren Ausflügen des Esels,
-seltener des Pferdes als Reittier. Die Einführung des <em class="gesperrt">Karro</em>
-oder kleinrädrigen Lastwagens, der natürlich als Hauptstraße den
-Schienenweg einschlägt, ist jungen Datums, aber geradezu unerhört ist
-der Anblick eines zweirädrigen Vehikels, auf welchem ein griechischer
-„Bauunternehmer“ seine Besorgungen in und außerhalb der Stadt zu
-machen den Vorzug hat. Das Volk auf der Gasse starrt das Wundergefährt
-mit großen Augen an und äußert darüber sein wohlbekanntes: „Was Gott
-nicht alles geschehen läßt.“ Der Unternehmer zu Wagen ist nicht der
-einzige in seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Art, denn es regt sich mächtig im Faijum und alle
-Tage treten neue Schöpfungen zu Tage. Der fruchtbare Boden birgt Gold
-in sich und jede Spekulation zur Ausbeutung desselben trägt ihren
-reichlichen Gewinn. Sollte man es beispielsweise glauben, daß selbst
-mit deutschem Gelde und durch deutsche Unternehmer von Medineh aus neue
-Schienenwege in das Innere des Faijum gebaut worden sind? Das Herz
-hüpfte mir vor Freude im Leibe, als ich diese Thatsache an Ort und
-Stelle von allen Seiten bestätigt fand.</p>
-
-<p>Die Stadt Medineh, deren Einwohnerzahl mir aus dem Munde des Herrn
-Bürgermeisters selber in kürzester Fassung auf 50 &mdash; er meinte
-natürlich 50000 damit &mdash; angegeben worden ist, hat wie jede Stadt des
-Morgenlandes ihre besonderen Merkwürdigkeiten, die dem ankommenden
-wißbegierigen Fremden gern und willig gezeigt werden. Mit Vorliebe
-führt man den Wandersmann von draußen nach einer verfallenen Moschee
-am andern Ende der Stadt, dorthin, wo die schönste Aussicht ist, von
-der ich oben gesprochen habe. Besagtes Gebäude, vor langem von dem
-ägyptischen Sultan Kait Bey gegründet, ist mit Hilfe einer Reihe
-antiker Marmorsäulen nebst ihren Kapitälen aufgeführt worden, die man
-aus der nahegelegenen Ruinenstätte Arsinoe, der griechisch-ägyptischen
-Vorgängerin von Medineh, hierher geschleppt hatte. Das wäre allerdings
-nichts besonders Merkwürdiges, denn ähnliche Verwendungen antiken
-Baumateriales finden sich in sonstigen Städten des Orients vor, das
-Merkwürdige vielmehr besteht in einer weißen von grünen Flecken
-durchzogenen Marmorsäule und ihrem Gegenüber, deren Farbe ich leider
-vergessen habe. Beide Säulen haben die Eigenschaft eines medizinischen
-Wunders. Man höre nur. Die Säule Nr. 1, an deren Fuße eine Menge
-frisch ausgedrückter Limonen liegen, zeigte bis auf 4 Fuß Höhe eine
-dicke Kruste heruntergelaufenen Menschenblutes. Auf meine Frage nach
-dem Ursprunge dieses edlen Saftes wurde mir von meinen sämtlichen
-mohammedanischen Begleitern die verbürgte Erklärung gegeben, daß
-jene Säule<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> bis zur Stunde die Eigenschaft besitze, jede Art innerer
-Krankheiten zu heilen. Das Rezept sei folgendes: Man zerdrücke an der
-Säule eine Limone und lecke so lange auf der benetzten Fläche, bis das
-klare Blut aus der Zunge an dem Marmor entlang läuft. Die Krankheit
-weiche danach sofort, wie tausendfältige Kuren bewiesen hätten. Weniger
-anstrengend ist die Kur an der Säule Nr. 2. Wer von Gliederschmerzen
-und Rheumatismus geplagt sei, lege den Rücken an die Säule, reibe
-ihn ein paarmal daran und &mdash; <span class="antiqua">probatum est</span>, die Heilung sei
-augenblicklich vollbracht. Ich lobte und dankte Gott mit den Gläubigen
-des Propheten und hütete mich wohlweislich, auch nur den mindesten
-Zweifel an der Heilkraft der beiden medizinischen Säulen auszusprechen.</p>
-
-<p>Die heutige Stadt Medineh an den Wassern des Josephkanals ist die
-modernste Auflage ihrer älteren und ältesten Vorgängerin Krokodilopolis
-oder „der Krokodilstadt“, die einer der Ptolemäer nach dem Namen
-seiner Schwester in Arsinoe umtaufte. Die älteste Stadt befand sich
-etwa eine halbe Stunde nördlich von dem heutigen Orte, die folgenden
-Ansiedlungen aus den Zeiten der späteren Pharaonen, der Perser,
-Griechen, Römer, Kopten und Araber bauten sich in der Richtung nach
-Süden bis in die Nähe des jetzigen Medineh auf. Die Trümmerstätte
-aller dieser untergegangenen Städte mit ihren Tempeln, Wohngebäuden,
-öffentlichen Werken, Säulen, Statuen und allen Erzeugnissen der Kunst
-und Industrie bis zu den beschriebenen Papyri hin, ist heutzutage von
-mächtigem Umfang. Ich brauchte volle anderthalb Stunden, um sie in
-ziemlich schnellem Schritte zu umgehen. Nicht weniger als dreizehn
-hohe Berge von Schutthaufen, von denen ein jeder seinen eigenen
-Namen bei den Einwohnern von Medineh führt, erheben sich auf dem
-mit Scherben und Bauresten bedeckten Boden der Vorzeit und täglich
-treten neue Funde zu Tage, welche der Zufall oder Ausgrabungen
-aufdecken. Der Handel mit Altertümern ist daher an Ort und Stelle
-in Schwung und ich darf mit vollem Rechte behaupten, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> sogar der
-größte Teil der in den Hauptstädten Ägyptens, besonders in Kairo
-und Alexandrien, feilgebotenen Antiken, vor allem in Töpferware
-und Papyri, seinen Ursprung aus dieser Ruinenstätte herleitet. Daß
-seltsame Verwechselungen bei der Abschätzung der gewonnenen Funde
-vorkommen, mag folgendes Beispiel lehren. Bei meinem Besuche der
-Ruinen näherten sich meiner Person zwei wohlgekleidete Bürger in
-langem Kaftan und weißem Turban, von denen der jüngere in seiner Hand
-einen zierlich in ein weißes Tuch eingewickelten Gegenstand trug. Nach
-gegenseitiger Begrüßung machten sie mir den Vorschlag, gegen eine
-Barzahlung von 10 Pfund Sterling in Gold, das sind 200 Mark, eine in
-ihrem Besitze befindliche höchst wertvolle Antike zu erwerben. Es
-fehlte wenig, daß ich in ein helles Lachen ausgebrochen wäre, nachdem
-es sich herausstellte, daß der teure Schatz aus ältester Vorzeit
-nichts mehr und nichts weniger als die Hälfte eines zerbrochenen
-kleinen Porzellanengels war, wie man ihn auf unsern Jahrmärkten für
-10 Pfennige erstehen kann. Ich bedauerte mit verbindlichstem Danke
-keine Verwendung für das seltene Kleinod zu haben und wir segneten
-uns beim gegenseitigen Abschied voneinander. Derartigen Mißgriffen
-begegnet man häufig bei den Eingeborenen, ohne daß man bei ihnen
-beabsichtigte Täuschung voraussetzen dürfte. Es fehlt ihnen aber jede
-Vorbildung, um den Unterschied zwischen Altem und Modernem heraus zu
-erkennen, sobald es sich um Gegenstände außerhalb ihrer gewöhnlichen
-Anschauungssphäre handelt. Da lobe ich mir Meister <em class="gesperrt">Mahmud</em> in
-der ehrsamen Stadt Medineh, den lustigsten aller Antiquare, den ich
-je in der Welt gesehen. Sein Haus, inmitten der Stadt gelegen, ist
-eine wahre Fundgrube für den Altertumsforscher, denn alles, was dem
-Bauernvolke und den Städtern auf der weit ausgedehnten Ruinenstätte
-an Antiken in die Hände fällt, wandert sofort in das Museum Meisters
-<em class="gesperrt">Mahmud</em>. Es ist wahr, der biedere Mann kann weder schreiben noch
-lesen, aber er hat einen ausgezeichneten Kennerblick für das Echte
-und Gute und hält die ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> ägyptische Mythologie wie am Schnürchen.
-Freilich hat er sich seine eigene Terminologie zurechtgelegt, aber
-man versteht sie, sobald man nur eine halbe Stunde mit ihm verkehrt
-hat. Allerdings sind seine Sammlungen nicht geordnet, denn die Antiken
-bedecken haufenweise den Fußboden und die langen Tischbretter, aber
-er weiß die Hauptsachen mit seinen zwickernden Augen zu finden und
-herauszufischen und den uneingeweihten Reisenden nebenbei durch sein
-scheinbar unverfängliches Wesen arg zu täuschen. Zwischen den echten
-Dingen blenden wunderbar glänzende Nachahmungen durch ihre seltsamen
-Darstellungen in Begleitung uralter Königsnamen und gerade für diese
-Werke der modern arabischen Kunstfertigkeit findet Mahmud die meisten
-Abnehmer zu den höchsten Preisen. Natürlich giebt er vor, nichts
-darüber zu wissen, aber er verrät sich selber, denn ein schelmisches
-Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er einen willigen Käufer gefunden zu
-haben glaubt. Das gehört einmal zum Leben der Großstadt, zu welcher das
-moderne Arsinoe emporzusteigen ganz ernste Anläufe nimmt. Wie wäre es
-z. B. sonst möglich, daß über vielen Kaufläden und Hausthüren Schilder
-mit Namen und Titeln prangen, die neben dem Arabischen die Umschrift
-und Übersetzung in das Französische und Englische erkennen lassen,
-obgleich ich keinen einzigen Franzosen und Engländer, nicht einmal
-eine englische Rotjacke, in Medineh zu Gesicht bekommen habe. Offenbar
-bereitet man sich für die Zukunft vor, ohne sich vorläufig weder für
-den einen, noch für den anderen zu entscheiden.</p>
-
-<p>Es hält schwer in der ersten Nacht seines Weilens in Medineh sich
-eines ruhigen Schlafes zu erfreuen, denn die Wasser rauschen, die
-Schöpfräder knarren, die Hunde bellen und die Wächter führen so laute
-Unterhaltungen vor den Häusern, daß es ein wahres Kunststück ist,
-die Augen in den ersten Stunden der Nacht schließen zu können. Die
-nächtliche Kühle macht sich hier mehr als sonst in dem Lande der
-Ägypter fühlbar und es empfiehlt sich daher, sich durch warme Decken
-zu schützen. Das Klima ist im übrigen vorzüglich, die Sommer<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>hitze
-nicht übermäßig stark und die heißen Südwinde, die sogenannten
-Chamsin, sind ein unbekanntes Ding. Haben die Leute von Stande, mit
-denen ich zu verkehren Gelegenheit fand, wahr geredet, so wären
-ansteckende Krankheiten, wie Cholera und Pest, niemals in das Faijum
-eingezogen. Ob auch die Influenza vor Illahun Halt gemacht hat,
-habe ich nicht erfahren können, obgleich sie im ganzen Nilthale,
-wenn auch in milder Form, vorläufig wenigstens, bei Jung und Alt
-aufgetreten ist. Rechnet man noch die Rosengärten, Weinberge und
-Obstbaumanpflanzungen zu den Wohlthaten der menschlichen Existenz,
-so ließe es sich im Faijum herrlich und in Freuden leben. Vorläufig
-hat der Zug der Reisenden sich bisher wenig nach dem Faijum gelenkt.
-Gewöhnlich sind es die Jagdliebhaber, welche die Richtung über Medineh
-nach dem Hörnersee einschlagen, um Hyänen, Schakale, Luchse, wilde
-Katzen oder sonstiges Raubzeug zu schießen, oder auf Wasservögel zu
-jagen und die wohlschmeckenden Fische im See zu fangen, die mit den
-Nilfischen keinerlei Verwandtschaft zeigen sollen. Soll ich vollständig
-in meinem Berichte über das Faijum sein, so darf ich nicht vergessen,
-daß sogar die Aussprache des Arabischen für mein Gehör dialektische
-Verschiedenheiten von der Kairenser Sprache darbietet und daß, nebenbei
-bemerkt, die Bewohner des Faijum sich einer Redefülle befleißigen, die
-mit frommen und erbaulichen Phrasen gespickt ist. In den Gebräuchen
-bei öffentlichen Aufzügen, wie bei Hochzeiten, Beschneidungen und
-Bestattungen offenbaren sich gleichfalls Verschiedenheiten von den
-Sitten bei den übrigen Ägyptern. Alles in allem lohnt es sich, einen
-Abstecher nach dem Faijum von Kairo aus zu unternehmen, um sich von
-der Eigenart dieser Oase und ihrer Bewohner durch den Augenschein zu
-überzeugen. Wer den Versuch machen will, wird sich reichlich belohnt
-fühlen, doch vergesse er nicht, sich mit ausreichenden Geldmitteln zu
-versehen. Auch im Faijum giebt es keine billige Zeit mehr und an den
-gesegneten Ufern des Josephskanals kennt man so gut wie in Kairo nur<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-hohe und höchste Preise. Der Fremde ist eben nur dazu da, um weidlich
-ausgeplündert zu werden.</p>
-
-<p>Bei meiner Abreise von Medineh genoß ich auf einer Bank vor
-dem bescheidenen Bahnhofsgebäude sitzend, noch eines rührenden
-Schauspieles. Der Zug wurde in fünf Minuten erwartet und das
-einheimische Volk mit seinen Bündeln auf dem Rücken belagerte
-bereits die Eingangsthür des hölzernen Gitterverschlages. Da saßen
-in gemächlicher Ruhe sechs tief verhüllte Weiber auf dem staubigen
-Boden mitten zwischen den Schienen, auf welchen der erwartete Zug in
-der nächsten Minute eintreffen sollte, scheinbar unbekümmert um ihr
-nächstes Schicksal. Zum Glück bemerkte ein Wärter noch rechtzeitig
-das Gefahrdrohende ihrer Lage. „O ihr Weiber,“ herrschte er sie mit
-keifender Stimme an, „steht auf, steht auf, denn der Zug wird gleich da
-sein.“ &mdash; „Darum sitzen wir hier, um ihn nicht zu versäumen,“ erwiderte
-eine der verhüllten Schönen. Das Pfeifen der bereits heranbrausenden
-Lokomotive belehrte sie eines Besseren, sie räumten eiligst das Feld
-und der Zug zog langsam in die kleine Halle ein. Ich drückte mein
-Erstaunen über die unglaubliche Bahnfreiheit dem Herrn Inspektor
-aus. Mit aller Ruhe gab er mir die trostreiche Antwort zurück: „Es
-schadet dir ja nichts, mein Herr, und was willst du, die Weiber sind
-eben wie das liebe Vieh, das die Gefahr erst merkt, wenn sie ihnen
-vor der Nase steht. Und Gott ist barmherzig. Wir haben bisher kein
-Unglück zu beklagen gehabt.“ Mir ging die Sache über den Spaß, ich
-drehte den rauschenden Wassern den Rücken zu, bestieg mein Coupé, in
-welchem ein zerlumpter Junge mit einem Flederwisch die Staubdecke von
-den Lederkissen säuberte, und empfahl meine Seele dem Allerbarmer.
-Glücklich und wohlbewahrt langte ich mit geschwärztem Gesicht abends 7
-Uhr pünktlich auf dem Bahnhofe Bulak ed-dakrur auf der linken Nilseite
-in der Chalifenstadt an.</p>
-
-<p class="s5 center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende</em>.</p>
-
-<div class="reklame" id="Helios_Klassiker_Ausgaben">
- <div class="reklame1">
- <div class="reklame2">
-<div class="inhalt">
-
-<p class="s2 center"><b>Helios-Klassiker-Ausgaben.</b></p>
-
-<p class="s5 center"><span class="antiqua">L.</span> = biegsamer
-Leinenband.</p>
-
-<p class="s5 center mbot2"><span class="antiqua">Ld.</span> = biegsamer
-Lederband mit Goldschnitt.</p>
-
-<p><b>Börnes</b> gesammelte Schriften. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;</p>
-
-<p><b>Byrons</b> sämtliche Werke. 3 Bände <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;</p>
-
-<p><b>Chamissos</b> sämtl. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-7.&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; poetische und erzählende Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.25.</p>
-
-<p><b>Eichendorffs</b> ges. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-7.&mdash;</p>
-
-<p><b>Gaudys</b> ausgewählte Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p>
-
-<p><b>Geibels</b> ausgew. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-7.&mdash;</p>
-
-<p><b>Goethes</b> Werke in 4 Hauptbänden. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-14.&mdash;</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>Preis der Ergänzungsbände (bisher 4 erschienen) in <span class="antiqua">L.</span> je M.
-1.25, in <span class="antiqua">Ld.</span> je M. 3.50.</p></div>
-
-<p><b>Grabbes</b> sämtliche Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p>
-
-<p><b>Grillparzers</b> sämtl. Werke. 3 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span>
-M. 10.&mdash;</p>
-
-<p><b>Hauffs</b> sämtliche Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-8.&mdash;</p>
-
-<p><b>Hebbels</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-14.&mdash;</p>
-
-<div class="blockquot">
-
-<p>2 Ergänzungs-Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 7.&mdash;</p></div>
-
-<p><b>Heines</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-14.&mdash;</p>
-
-<p><b>Herders</b> ausgewählte Werke. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;</p>
-
-<p><b>Kleists</b> sämtliche Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-3.75.</p>
-
-<p><b>Körners</b> sämtliche Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.40, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-3.50.</p>
-
-<p><b>Lenaus</b> sämtliche Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-3.75.</p>
-
-<p><b>Lessings</b> Werke. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 10.&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; poetische und dramatische Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.75.</p>
-
-<p><b>Longfellows</b> sämtliche poetische Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p>
-
-<p><b>Ludwigs</b> ausgewählte Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.75, <span class="antiqua">Ld.</span>
-M. 4.&mdash;</p>
-
-<p><b>Miltons</b> poetische Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.&mdash;</p>
-
-<p><b>Molières</b> sämtliche Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p>
-
-<p><b>Mörikes</b> sämtliche Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-7.&mdash;</p>
-
-<p><b>Reuters</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 6.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-14.&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; ausgewählte Werke. 2 Bände <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 8.&mdash;</p>
-
-<p><b>Rückerts</b> ausgew. Werke. 3 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-10.&mdash;</p>
-
-<p><b>Schillers</b> sämtl. Werke. 4 Hauptbde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;,
-<span class="antiqua">Ld.</span> M. 14.&mdash;</p>
-
-<p>&mdash; &mdash; 4 Hauptbde. u. 2 Ergänz.-Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 7.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-20.&mdash;</p>
-
-<p><b>Shakespeares</b> sämtl. dram. Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.&mdash;,
-<span class="antiqua">Ld.</span> M. 14.&mdash;</p>
-
-<p><b>Stifters</b> ausgew. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M.
-7.&mdash;</p>
-
-<p><b>Uhlands</b> gesammelte Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span>
-M. 7.&mdash;</p>
-
-</div>
- </div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="reklame">
- <div class="reklame1">
-<div class="inhalt">
-
-<p class="s2 center"><b>Aus Ph. Reclams Universal-Bibliothek.</b></p>
-
-<p class="s5 center bdb">Preis jeder Nummer 20 Pfennig.</p>
-
-<p class="padtop1"><b>Alt</b>, Das Klima. Nr. 5431/32. Geb. 80 Pf. In Leder oder
-Pergament M. 1.80.</p>
-
-<p><b>Brugsch-Pascha</b>, Aus dem Morgenlande. Altes und Neues. Nr.
-3151/52. Geb. 80 Pf.</p>
-
-<p><b>Fallmerayer</b>, Der heilige Berg Athos. Schilderung. Nr. 5048.</p>
-
-<p><b>Forster</b>, Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern,
-Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790. Nr.
-4729/30. 4731/32. 4733/34. Zusammen geb. M. 1.75.</p>
-
-<p><b>Günther</b>, Geschichte der Naturwissenschaften. Nr. 5069/70.
-5071&ndash;74. Zus. geb. M. 1.50. In Leder oder Pergament M. 3.&mdash;.</p>
-
-<p><b>Haeckel</b>, Natur und Mensch. Nr. 5404/5. Geb. 80 Pf. In Leder
-oder Pergament M. 1.80.</p>
-
-<p><b>Humboldt</b>, Ansichten der Natur. Nr. 2948&ndash;50. Geb. M. 1.&mdash;.</p>
-
-<p><b>Katscher</b>, Aus China. Skizzen u. Bilder. Nr. 2256. 4131.</p>
-
-<p><b>Kennan</b>, Zeltleben in Sibirien und Abenteuer bei den Korjäken
-und anderen Stämmen Kamtschatkas und Nordasiens. Nr. 2795&ndash;97. Geb.
-M. 1.&mdash;.</p>
-
-<p>&mdash; Sibirien. Schilderungen. Nr. 2741/42. 2775/76. 2883. Geb. M.
-1.50.</p>
-
-<p>&mdash; Russische Gefängnisse. Schilderungen. Nr. 2924. Geb. 60 Pf.</p>
-
-<p><b>Pahde</b>, Meereskunde. Nr. 5632&ndash;34. Geb. M. 1.&mdash;. In Leder oder
-Pergament M. 2&mdash;.</p>
-
-<p><b>Stanley</b>, Wie ich Livingstone fand. Reisen, Abenteuer und
-Entdeckungen in Zentral-Afrika. Mit einer Karte. Nr. 2909&ndash;13. Geb.
-M. 1.50.</p>
-
-<p><b>Wieleitner</b>, Schnee und Eis der Erde. Nr. 5521&ndash;23. Geb. M.
-1.&mdash;. In Leder oder Pergament M. 2.&mdash;.</p>
-
-<p><b>Woenig</b>, Am Nil. Bilder aus der Kulturgeschichte des alten
-Ägyptens 3000&ndash;1000 v. Chr. Nr. 2888. 3084. 3837.</p>
-
-<p>&mdash; „Hej, die Pußta!“ Bilder aus der ungarischen Tiefebene. Nr. 3633.</p>
-
-</div>
- </div>
-</div>
-
-<div class="reklame">
-
-<p class="s1 center"><b class="s2">Reclams</b><br />
-<b class="s2">Universum</b></p>
-
-<div class="schmal">
-
-<p class="s2 center"><b>Moderne illustrierte Wochenschrift</b></p>
-
-<p class="p0 s4"><b>Reicher Inhalt und vornehme Ausstattung haben Reclams Universum zu der
-anerkannten Lieblingszeitschrift der gebildeten Gesellschaftskreise
-des In- und Auslandes gemacht! Reclams Universum bietet seinen Lesern
-neben spannenden Romanen und Novellen erster Autoren und interessanten
-illustrierten Artikeln aus allen Wissensgebieten eine aktuelle reich
-illustrierte Weltrundschau, ferner drei wertvolle Beilagen: „Für unsere
-Frauen“ &mdash; „Wissen und Leben“ &mdash; „Romanbibliothek“ und prachtvolle zum
-Teil mehrfarbige Kunstblätter.</b></p>
-
-</div>
-
-<p class="s3 center"><b>Vierteljahrspreis</b></p>
-
-<p class="center"><b>ohne Zustellungsgebühr für 13 Hefte in Deutschland 4 Mk. Bei
-Kreuzbandsendung nach den übrigen Ländern einschl. Porto 8 Mk. Die auf
-feinstes Papier gedruckte Luxusausgabe kostet ohne Zustellungsgebühr
-vierteljährlich 6 Mk.</b></p>
-
-<p class="s3 center"><b>Probehefte geg. Einsend. von 20 Pf. Porto direkt vom Verlag von Philipp
-Reclam jun. in Leipzig</b></p>
-
-</div>
-
-<hr class="r65" />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Brugsch
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE ***
-
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-such as creation of derivative works, reports, performances and
-research. They may be modified and printed and given away--you may do
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-redistribution.
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-Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
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-Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
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-from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
-posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
-and distributed to anyone in the United States without paying any fees
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-work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
-Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
-1.E.9.
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-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
-must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
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-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
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-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
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-Gutenberg-tm License.
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-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
-copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
-request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
-form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
-License as specified in paragraph 1.E.1.
-
-1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
-performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
-unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
-
-1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
-access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
-that
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- the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
- you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
- owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
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- must be paid within 60 days following each date on which you
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