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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Aus dem Morgenlande - Altes und Neues - -Author: Heinrich Brugsch - -Annotator: Ludwig Pietsch - -Release Date: October 15, 2019 [EBook #60501] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so weit wie - möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler wurden - stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche - Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. - Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im - Text mehrmals auftreten. - - Im Abschnitt ‚Die älteste Rechenkunst‘ wurden zwei der angeführten - Zahlenverhältnisse sinngemäß korrigiert. Der Übersichtlichkeit - halber wurde das Inhaltsverzeichnis an den Anfang des Texts, die - Buchwerbung ‚Helios-Klassiker-Ausgaben‘ dagegen an das Ende des - Buches verschoben. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den - folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet: - - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - -[Illustration: Heinrich Brugsch-Pascha.] - - - - - Aus dem Morgenlande. - - Altes und Neues - - von - - Prof. ~Dr.~ H. Brugsch-Pascha. - - Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers - - von - - Ludwig Pietsch. - - Mit Porträt und 7 Abbildungen. - - Leipzig - - Druck und Verlag von Philipp Reclam jun. - - - - -Aus dem Morgenlande. - - - - -Inhaltsverzeichnis. - - - Seite - - - Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch 5 - - - Die Symbolik der Farben 13 - - Die älteste Rechenkunst 25 - - Der Hypnotismus bei den Alten 43 - - Litteraten zur Moseszeit 53 - - Zur ältesten Zeitrechnung 62 - - Die sieben Hungerjahre 75 - - Zur ältesten Geschichte des Goldes 90 - - Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit 101 - - Eine Blitzstudie 128 - - Der große königliche Gräberfund 140 - - Die großen Ramessiden 170 - - Pyramiden mit Inschriften 176 - - Im Faijum 192 - - - - -Heinrich Brugsch-Pascha. - - -Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung -ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit -gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in -früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar -1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch, -geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast -noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten, -als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte, -plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für -die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes -ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage -gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt -gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten -Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene -dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen -bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein -heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil -betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an -andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über -Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer, -die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen, -Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte -Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für -diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf -ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen -zu fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der -Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut -geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der -altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft. -Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten -lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er -eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander -von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen, -unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe -dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner -Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll, -so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine -der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des -jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte -dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig -geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den -Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und -Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende -Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene -Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft -der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich -dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm -IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm -ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen, -und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um -seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und -die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen -Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese -Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten -französischen Ägyptologen +Mariette-Bey+ zu machen, der damals -eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt -der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort -entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen -schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei -wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans -Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des -deutschen Forschers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer -Entzifferung boten. - -Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete -sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-, -Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten. -Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen -Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des -Nilthales fort. -- Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische -Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854 -zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in -jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an -der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche -sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er -zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten -der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er -nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach -Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines -Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen -Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm -empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des -Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten -französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese -von ihm veröffentlichte „~Histoire d’Égypte~“ ist die Grundlage -seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte -Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. -- Den wieder Heimgekehrten -trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte -dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen -fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein -hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und -der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere -Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich -melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren -Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und -ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam -eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen.... - -In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen sorgen- und -mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine -Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner -Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten. -Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte -glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren -Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen -Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der -anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf -die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und -Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse -in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt -worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der -preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten, -und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur -Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte -er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der -reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen -seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die -verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen. -Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs -äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand -gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet. -Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich -seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine -wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris -fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals -erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen -als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng -wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche -er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd, -übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk -seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der -alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem -noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. -- Aber langes ruhiges -Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen. -Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts, -der Stellung, der Thätigkeit. In demselben Jahr 1868 erging an ihn -eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach -Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner -herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen, -zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ -Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber, -seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte -dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael -Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des -höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung -des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten -Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte -Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen -zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere -Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe -berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt -nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der -altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die -Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu -der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und -Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen -wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef -es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später -auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil. -Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf -die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und -Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis -der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies -sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen -Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und -dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte -deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten, -und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt. -Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese -letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich -Brugsch sehr wesentlich beigetragen. - -Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas -und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens -in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte -und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener -Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der -Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben -so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums, -der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des -Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit -dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und -seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von -organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat -Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur -Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während -alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche -Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben, -ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch -wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension --- darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden. - -Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache -und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren -Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich -Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen -lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat -Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten -Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben. - -Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar -haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen -Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten -Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und -Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion, -Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von -dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert, -vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner -geworben und mächtig dazu beigetragen, das Bewußtsein von ihrer -Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu -erhalten. - -Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er -sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen -fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch -dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden. -Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht. -Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine -Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit -auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und -Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte -Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er -nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf, -ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen -Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen -Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und -ein anderes: „Die Muse von Teheran“. - -In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise -als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten -Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen -gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der -Berliner Universität als +Privatdocent+. Die durch Lepsius’ Tod -erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig -besetzt. -- Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und -teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen -Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und -Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst -nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und -allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala -nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von -den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist. - -In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören -Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten -Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme -wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze -Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener -so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die seine, scheint -sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten -Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von -der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden, -mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in -welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet -bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese -dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte -Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen. -Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als -Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf -sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt -worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der -Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist -der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug. -Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten -hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas -Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und -zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft -ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien -der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater -nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten -Augenärzte wirkt. -- Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch -bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem -Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die -professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten -frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben, -der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in -dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft -nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist. - - +Ludwig Pietsch.+ - - - - -Aus dem Morgenlande. - - - - -Die Symbolik der Farben. - - -Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische -Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern -herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im -Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue, -das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb, -die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der -Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln, -vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen -Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen -das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen, -verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen -schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um -nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser -hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder -schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter -stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will. - -Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren -brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn -dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird. -Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik -eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem -feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben -äußerte, weil ihm eine schwarze Weste, statt einer gewünschten -rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir -darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz -anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen, -daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich -zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des -Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt. - -Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor -allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe -auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen -Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den -blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung -verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen -Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals -preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie -manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des -Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue -im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten -nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen -Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in -dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn -ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die -ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der -Farbensymbolik zu wenden. - -Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung -mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik, -welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen -haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen. - -Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan, -auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt habe, um klassische -Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder -Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf -den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift -ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf -dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie -überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde -wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten -Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu -Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu -gewinnen. - -Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem -Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser -anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen. -Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge -und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen -fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz -Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen, -diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold -würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben -bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens -das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes -inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht -zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung. - -Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die -Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor -Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung -bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, an der -Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. Ich wähle -eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für alle ähnlichen -gelten darf: 1) +Silber+, 2) +Gold+, 3) +Saphir+ oder +Lasurstein+, -4) +Smaragd+, 5) +Eisen+, 6) +Kupfer+, 7) +Blei+, 8) +Smirgel+. Da -in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen -eigentümlichen +Farbe+ dem Beschauer vor Augen geführt werden, so läßt -sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß, -Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer -altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur -Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb, -Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die -beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin -in sich. - -Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines -besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als -+heilige+ betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge giebt die -Reihe an: +Weiß+, +Grün+, +Hellrot+, +Dunkelrot+, während in einer -jüngeren Epoche das +Hellrot+ durch +Hellblau+ verdrängt wurde. Die -Teppiche, Vorhänge, Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den -Turmflügeln der Tempel mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um -zum heiligen Gebrauch verwertet werden zu können. - -Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben -vorgeschrieben waren: +Weiß+, +Blau+, +Dunkelrot+ und +Hochrot+, welche -bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und der Priesterkleidung -ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine symbolische Bedeutung -eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es auch den Auslegern noch -nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen endgültig zu führen. Der -Unterschied zwischen den ägyptischen vier heiligen Farben und den -ebräischen berührt lediglich die Farbe des +Grünen+, welche bei den -Israeliten durch +Blau+ ersetzt ward. - -Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyptischen -Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck -der +Farbe+ zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt -ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die -des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung -für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff, -ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man -auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der -Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die -heiligen Tiere (von jeder Gattung +vier+), deren Farbe durch eine -priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale -ihrer Heiligkeit angesehen wurden. - -Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen -Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben -dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die -Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe -der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der -Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf -Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf -Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde. - -Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische -Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach -den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben, -stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf -Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der -Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß, -den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche -man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf -die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das -dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über dasselbe. Dem -Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt -rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen -oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren -Umgang. Aus diesem Grunde opferte man +rotfarbige+ Tiere, um dem -unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde -zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine +rötliche+ Kuh als -Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde. -Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue -Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten. - -Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch -die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der -sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe -der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und -was dergleichen Überlieferungen mehr sind. - -Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß -die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere -Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der -Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt, -jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene. -Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe -das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte. -Soweit nach den Alten. - -Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache -der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe -unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen -inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben -folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala. - -1) +Weiß.+ Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle -im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren gegenüber. Beim -anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die -Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das -„helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch -die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine -Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem -Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit -anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem -Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung -des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph -nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die -„Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch, -der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder -weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl -„glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und -„prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land -Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum -„prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen -Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel -„glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird -ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte, -mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht -und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der -Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht, -daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines -uralten Ursprungs rühmen dürfen. - -2) +Gelb.+ Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten -Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der -sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des -Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet. -Die ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein -Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften -Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen, -wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein -typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte -dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold -am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen -unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände, -welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die -vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das -Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der -Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu -verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher -Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe. - -3) +Dunkelblau+, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder -des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt, -sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als -Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen -Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser -Pflanze den Beinamen +Dar-neken+, d. h. „vor Schaden bewahrend“. -Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium -in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau -von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder -einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die -Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer -Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd, -jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte -sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf -die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse -fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels -oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle -sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein -für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer -Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein -probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern. - -4) +Grün+, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den -Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische -Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis -zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als -Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der -Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die -Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward -deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von -alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie -Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist -blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des -Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten, -weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die -grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb -ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen -Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an -Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des -Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen -Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha -wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich -nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“ -Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und -sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen, -welche die Ägypter, besonders die Frauenwelt, an ihren Fingern, oder -auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden -nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung. - -5) +Rot.+ Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den -Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein, -die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im -Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten -und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des -Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung -beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen -läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne -und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend -rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig -unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose, -verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den -mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen -Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das -sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde -warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte, -betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die -wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am -Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung -der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von -Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter -sühnte Verbrechen und Sünde. - -In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war -die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen, -abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche -verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als -Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde -bis zum Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer -steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen -lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein -kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch -nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses -in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken -des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz -am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar; -man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf -das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf, -sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie -hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist, -werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die -in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der -bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die -Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im -Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze +rot+ -gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der -heiligen Sühne diente. - -Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene -Vorschrift „von der +rötlichen+ Kuh und dem Sprengwasser“, um sich -die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte -ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt -war. - -Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den -Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in -das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das -Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln -gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn. - -6) +Schwarz.+ Die symbolische Bedeutung dieser Farbe wird am -besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt -Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von -den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen -gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt -erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens, -ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz -erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer, -gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein -anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und -ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache -des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden. - -Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt -einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern -sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die -Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales -vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht -überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das -tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste -hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen -Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb, -Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die -Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach -ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge -vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der -Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen -Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies -auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant, -Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger -Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen, bei bunten Zeugstoffen u. -s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich -jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung -und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische -Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte -man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das -seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als -Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer -verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte -in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog -den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“, -so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa -durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen -erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es -klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht -überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer -Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe -dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in -innigstem Zusammenhang. - - - - -Die älteste Rechenkunst. - - -So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach -den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen, -so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von -jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten -Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen -Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem das Zeichen der -Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so -tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst -auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle -Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage -zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen -Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen. - -Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin -zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten -Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege -erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in -langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation -zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das -Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt -kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer -und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des -Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber -erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es -noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als -mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet -wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen -Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern -bezeichnet werden. - -Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen -belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker, -ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets, -um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen -Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer -derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner -ausführlicheren Erörterung. - -Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen -anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe -ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen -ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei, -drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte -von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in -Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen -von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s. -w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder -der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden -Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen -möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen -darzustellen. Ein liegender Strich -- z. B. vertrat die Stelle von -|||, oder 4, zwei übereinander liegende = die Stelle von 2×4 Strichen, -oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen -Bezeichnungsweise. - -War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden, -so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle, -nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser -„Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete. -~Ro~ 3, ~ro~ 4, ~ro~ 20, ~ro~ 124 hieß soviel als ein Drittel, ein -Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte hatte man ein -eigenes Zeichen erfunden, ebenso für 2/3 und wenige andere Brüche. Im -übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also 1/3, 1/4, 1/5 u. -s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer als 1 war, nahm -man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in solche mit dem -Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. So wurde 3/4 -einfach in die Brüche 1/2 und 1/4 zerlegt, die in der schriftlichen -Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige Zerlegung -nicht immer durchführbar, so ließ man den letzten kleinsten Bruch ganz -aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen kleinen -Fehler. - -Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer -Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen, -in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns -Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der -altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen -Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde -bescheidenere Dimensionen an. - -Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die -ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen -Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen -durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre -arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in -methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die -vielfach geübte Praxis der Vermessung. - -Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege -der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den -Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen -Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater -der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der -an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende -Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich -ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch -verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen, -seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen -betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem -klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das -gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei. - -Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese eine Thatsache -anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen -Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem -gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt -sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und -zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes -durchzuführen, und zwar auf +Grund der Lehren der europäischen -Feldmeßkunst+, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren -ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen -Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen -hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und -beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben. - -Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen -Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die -wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen -+Massahin+ oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche -Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar -auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach -uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren -Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder -eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten +Kassabeh+ -(3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen -ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen. - -Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne -Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren -sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der -halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei -dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des -geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler -sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem -vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf seine besondere -Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider -gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur -bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat, -führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in -Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern. - -Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und -die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik -änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen -+Harpedonapten+ oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis -zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So -befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf -den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des -heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben -der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch -darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten -die Seite mit Hilfe der Formel (2 + 2)/2 × (2 + 2)/2 richtig auf 4 □ -Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende -Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel (2 + -2)/2 × (20 + 20)/2 = 40 □ Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges -Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4 -Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: (21 + 20)/2 × -(4 + 4)/2 = 82 □ Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die -Zahl 81,18 □ Ruten ergiebt. - -Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines -vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im -höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von -Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher -Gestalt angewendet, nur mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten -Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu -einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort -„nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines -gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite -findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: (1 + 0)/2 × (1 + 1)/2 = 1/2 □ -Rute, für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute -und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich -(1 + 0)/2 × (2 + 2)/2 = 1 □ Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt -des ersteren 0,433 gegen 0,5 □ Ruten, und der des letzteren 0,968 -gegen 1 □ Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen, -die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer -Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich -aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben -und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische -Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des -urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine -gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen. - -Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die -bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage -unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die -britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in -einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen -den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch -hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen -Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den -Haufen geworfen zu werden! - -Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe, -befindet sich im Britischen Museum zu London, ist in hieratischen -Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb -in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus -von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die -Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg) -bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des -Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur -Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten -Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze -bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen -Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000 -Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines -kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen -erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und -den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in -wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit -den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der -dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen -Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem -Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als -Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64 □ Ruten. Das ist -sein Flächeninhalt.“ - -Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich -von der wirklich richtigen Zahl (64,0224 □ Ruten) auf Grund unserer -modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so -bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt. - -Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig -entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf -die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung -seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der -verschiedenen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger -Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer -Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies -bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der -Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln -der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes -niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge -ein. - -Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen -und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu -verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die -Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und -Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen -auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein -Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil -erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der -Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und -selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu -sagen pflegt, selber in die Brüche geriet. - -Nur +ein+ Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht -nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der -kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen -in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die -Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte. -So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von -welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche -1/10 und 1/5 durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen 1/16, 1/32, -2/320 und 1/8, 1/16, 4/320 gleichsam umschrieben wieder. Durch eine -leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der -Richtigkeit beider Ansätze. - -Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung die -Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der -gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich -geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines -bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit -Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche 1/2, 1/24 und -1/384 (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben. -Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte -Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen -selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und -ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige -Wertgrößen von vornherein verständlich. - -Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig -bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche -noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber -auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es -sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der -altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der -Eingeborenen den Namen der +indischen Rechnung+, obgleich ich -keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag. - -Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen -mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist -wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend -einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß -nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon -bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere -Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche -Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen -+Kirat+ tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede -Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen -Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel -durch 6, ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet -zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der -koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche 1/2, 1/8, 1/12, -so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und -zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich -allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus -ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten -Brüchen fortgeführt wird. - -Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum -vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele, -in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von -Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne -Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen -320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen 1/2, -1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64, 4/320, 3/320, 2/320, 1/320 entsprechen. Die -Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen -der Brüche 1/10 und 1/5 in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür -sprechende Zeugnisse. - -1/16 + 1/32 + 2/320 an Stelle des einfachen Bruches 1/10, besagen -nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32 -Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um 1/10 derselben, handeln -soll. - -Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser -Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit -zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie -es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber -trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel -der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein -glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem -Rechte als die +älteste Rechentafel der Welt+ überhaupt bezeichnen -darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird. - -Es war im April des laufenden Jahres 1891 als während meines -Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei -beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten -Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt -vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und -mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte -der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln -hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes, -und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine -Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um -sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu -tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem -Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint -und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat. -Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald -herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern -in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer -Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist -nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal -wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die -vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande -beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen, -die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind -und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa -der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß -aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen -Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche -identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten, -nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das -angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und -wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen -selber in jene uralte Zeit zu versetzen. - -Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen, -und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit -zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen -teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an -seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war -offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine -Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die -kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen -mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung -und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich -mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet -sagen mußte. - -Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild -neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel -bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in -sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu -einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden -fünf: 1 : 1/3, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen -ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen, -so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen, -die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den -zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden. - -Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel -die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung -nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe. - -Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne -Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse -deutlicher hervortreten zu lassen: - - 1 : 10 - 10 : 100 - 20 : 200 - 2 : 20 - 1 : (20 + 10 + 2)/320 (= 1/10) - 2 : (40 + 20 + 4)/320 (= 1/5) - 4 : (80 + 40 + 5 + 3)/320 (= 2/5) - 8 : (160 + 80 + 10 + 5 + 1/1)/320 (= 4/5) - -Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden -Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden -Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte -vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise -durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür, -in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : 1/3 beginnen, und -deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die -folgende Übertragung zeigt: - - 1 : 1/3 - 2 : 2/3 - 4 : 1-1/3 - 5 : 1-2/3 - 10 : 3-1/3 - 20 : 5 + 1-2/3 (= 6-2/3) - 40 : 10 + 3-1/3 (= 13-1/3) - 80 : 20 + 5 + 1-2/3 (= 26-2/3) - 160 : 40 + 10 + 2 + 1-1/3 (= 53-1/3) - 320 : 80 + 20 + 5 + 1-2/3 (= 106-2/3) - -Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um -Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht -teilbaren Zahl bestand. In einem solchen Falle versuchte man mit -Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten -Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den -beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema -1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe. - - 1 : 11 - 10 : 110 - 20 : 220 - 2 : 22 - 4 : 44 - 8 : 88 - 11 : 121 - 1 : (20 + 5 + 4)/320 (= 29/320) 1/11 - 2 : (40 + 10 + 5 + 3)/320 (= 58/320) 1/6 + 1/66 (= 2/11) - 4 : (80 + 20 + 10 + 5 + 1)/320 (= 116/320) 1/3 + 1/33 (= 4/11) - 8 : (160 + 40 + 20 + 10 + 2)/320 (= 232/320) 2/3 1/22 1/66 (= 8/11) - -In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch 1/11 und -seine vielfachen 2/11, 4/11, 8/11, das Ergebnis bilden. Thatsächlich -führte aber das System auf den Hauptbruch 29/320 an Stelle des -erwarteten 29/319 = 1/11. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen, -wies jedoch durch ein dahingestelltes 1/11 auf die Erkenntnis des -Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem -die Brüche 2/11, 4/11, 8/11 nach der üblichen Methode in solche mit dem -Zähler 1 zerlegt sind. - -Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich -als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe: - - 7 : 1 - 1/4 : 1/28 - 1/2 : 1/14 - 1 : (40 + 5-1/2)/320 (= 91/640) - 2 : (80 + 10 + 1)/320 (= 91/320) - 4 : (160 + 20 + 2)/320 (= 182/320) - -An Stelle des Bruches 91/640 hätte man 91/637 erwartet, um die -Proportionszahl 1/7 zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes -unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in -denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige -Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320 -und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse -ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war. -Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den 1/384 -Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund -der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren -Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= 1/2), 80 (= 1/4), 40 (= -1/8), 20 (= 1/16), 10 (= 1/32), 5 (= 1/64), 4, 3, 2, 1 darstellen, -haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende -Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf -die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen -Einheitsgrößen der Maße des Raumes. - -Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von -Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen -des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen -meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten -fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich -auf der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen -welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich -lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge, -1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Hin, entsprechen also genau den oben -angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der -ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man -ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber -eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug -mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher -des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der -eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen -Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden -von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen -Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als -eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer -Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt, -deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit -Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z. -B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten -Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt -der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand. - -Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten -Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen -160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für -sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als 1/320 betrachtet, -dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte. -Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen -Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung -der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung), -deren Teilstücke nach dem allgemeinen Schema, wie ich es kurz vorher -wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen -Maße darstellten, d. h. 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32, 1/64 Kubikelle oder -mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin. - -Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie -das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem -modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines -Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet. -Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die -Decimalberechnung ersetzt haben. - -Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus -der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und -deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen -sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das -kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße, -besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums. -Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit -des Feldmaßes in 1/2, 1/4, 1/8, 1/16, 1/32 geteilt, mit andern Worten, -dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit -Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag. - -Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken -bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte -sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in -der Ordnung 360, 60, 1, 1/60, 1/360 darstellten. Die geschichtliche -Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten -hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte -Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den -ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten -beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von -Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als -eine unentschiedene und schwebende Frage bezeichnet werden. Auf -alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von -Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe, -uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit -zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten -glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die -Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen -mit Erfolg durchzuführen. - - - - -Der Hypnotismus bei den Alten. - - -Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu -versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen, -welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig -sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen -die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen. -Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen -ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen -vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und -seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und -wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind -die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden. - -Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon -in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an +Mesmer+ -und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt -worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt -wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den -Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf -+Cagliostro+, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des -vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum -Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San -Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten -Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen -und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum -dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man -gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus -in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten -öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles -für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den -überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich -oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben -verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen, -wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben -wird. - -Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man -wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um -sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung -zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. -Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen, -welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen -Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher -fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer -Zeitrechnung, in welchem die sogenannte +Gnosis+ in vollster -Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem -Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen -Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen -und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf -diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt -einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der Gnostiker, welche sich -vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter -Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen -ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame -Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der -Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten -Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den -Willen des Beschwörenden auszuführen. - -Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle und -dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, galten -als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen Museen -aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags als beredte -Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue Vorschriften -über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So sollte z. B. ein -goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und vor jedem Unglück -bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der das geschnittene -Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen Schwanz biß, -darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben die drei Namen -+Abrasax+, +Jao+ und +Sabaoth+. Selbst jüdische Gottesgelehrte und -christliche Bischöfe standen nicht an, der Dämonenlehre ihren Beifall -zu schenken, denn sie spielen in ihren Äußerungen und Schriften bei -passender Gelegenheit häufig darauf an. Die Gnostiker schienen niemals -in Verlegenheit zu sein, um selbst das Unmöglichste zu erreichen. Es -gab förmliche Rezepte um glücklich zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen -und Haß hervorzurufen, um Träume zu haben und Träume zu senden, mit -einem Worte, um jeden Wunsch in Erfüllung zu bringen. Sie legten damit -den eigentlichen Grund zu dem im Mittelalter allgemein verbreiteten -Glauben an eine höhere Magie und wenn in ihren Schriften auch keine -Vorschriften darüber enthalten sind, wie man schlechte Metalle in Gold -verwandeln könne, so sind die Rezepte in den gnostischen Schriften -um so zahlreicher, welche von der Mischung der Metalle handeln und -chemische Prozesse berühren. - -Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in -Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man -das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde -in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür -liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich -näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das -Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von -Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen -von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der ~materia -medica~ verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge -in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen -Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger -der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den -wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem -Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen. - -Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe, -ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap. -~A~. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er -ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener -Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter. -Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge -bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche -Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig -bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein -Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst -nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken. -Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitterung der -ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker -bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt, -insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis, -Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig. - -Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in -Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen, -merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche -auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf -geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen -zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht -erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort -erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine -andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die -eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte. - -Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat, -unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen -Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt -sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den -zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen. -„Ich bin +Horus+,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder -(~sic~) der Göttin +Isis+, geboren von +Isis+, der herrliche Knabe, -welchen +Isis+ liebt und welcher nach seinem Vater +Osiris-Onnofer+ -begehrt“. Dem Dämon wird somit die Täuschung zugemutet, als sei der -Beschwörende der ägyptische Gott +Horus+ in eigener Person, um seiner -Dienstfertigkeit einen besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige -Widerspenstigkeit durch das Gewicht der Autorität zu brechen. Den -Zweck der Beschwörung bildet in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie -gesagt, die Absicht, den citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen -Rede zu stehen. - -Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine Zauberschale -und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein -neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach -ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein -reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, -und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon -oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die -betreffenden Fragen zu beantworten. - -Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher -Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die -weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung -bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der -ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „+zu veranlassen, daß -es seine Augen schließe+“. War dies erreicht worden, so rief es der -Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „+er -veranlaßte, daß es seine Augen öffne+“. Das Kind mußte sagen, was -es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der -vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht. - -Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des -Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer -Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein -ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die -Ägypter den +kleinen Kindern+ (+Paidaria+) eine wahrsagende -Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen, -die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen. - -Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber -ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches -von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das -Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne -und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache -aus, die Beschwörungen gerichtet werden, wobei wiederum das Kind die -Rolle des Mediums übernehmen mußte. - -Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in -der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu -verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in -wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe. - -„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine -rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h. -frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle. -Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser -gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein -Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten -einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen -und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine -längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu -sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du -das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so -rufe sofort den Namen +Heue+ aus, zu sieben Malen, und befrage es -nach allem, was du willst.“ - - * * * * * - -„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man -weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle -sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit -vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen -gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann -stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe -ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn -die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und -frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute -die Götter in dem Umkreis der Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in -Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“ - - * * * * * - -„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen -beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß -ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in -welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen -ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in -Schlaf und +stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken+. Indem -du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her, -und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand -u. s. w.“ - - * * * * * - -„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“ - -„~+Tete-Ik-Tatak+~ u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was -ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin +Horus+, -das Kind in Mendes, denn ich bin +Isis+, die Wissende. Was ich mit -meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“ - -„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen -Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf -einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. -- Stelle ihn -auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue -vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten -neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen -beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über -den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet -sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der -Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine -Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle -lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten: -„Dann frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles -Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“ - - * * * * * - -Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich -hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen -konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor: - -„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß -herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei +Log+ (ein -besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin. -Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden -hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen -Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den -Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu -sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage -es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des -Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich: -+~Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe~+, bis sie dir auf alle -vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“ - - * * * * * - -Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den -Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende -Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange. - -„Du bist +~Boel~+ (3 Mal zu sagen) ~ï-ï-ï-a-a-a Tat-Tat-Tat~, der, -welcher allein das Licht spendet, der Urheber des Feuers, in dessen -Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. Du lebendiger, -unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer ruhst, der im -Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels bildet, in -dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, steige heraus aus -dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, sofort! Laß es -mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe ihn zu fragen, -sofort! Sonst werde ich dich verachten am Himmel im Angesicht der -Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, werde ich dich -verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im Angesicht dessen, -welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt und in dessen Hand -die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. ~Peperi-Pater-Emphe~, -der zweimal große Gott, in dessen Hand der schöne Stab ist, du, welcher -einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn ein Gott entstehen ließ. - -„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine -Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich -hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach -allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort! - -„Großer Gott, ~+Sisaoth-Achrempto+~, komme hier herein aus dem -Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von ~+Kabaon+~ ruhst. -~+Takrtat+~, der welcher nicht stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt, -tritt herein! Nahe dich, großer +~Boel-Arbeth bai nuthi~+, du großer -Gott, nahe dich +~Boel-Tat~+, nahe dich +~Boel~+! - -„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und -frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein -gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur -Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du -Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott, -in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich -befragen wird. - -„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat -und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe -schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des -Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen, -sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst -auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es -in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden Spruch her, -nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem -es sie schaut: +~Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet~+.“ - -Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige -Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die -Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht -nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an -die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie -das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das -den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum -mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich -verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues -im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba. - - - - -Litteraten zur Moseszeit. - - -Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete -der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und -keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder -Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in -der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum -und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken, -erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die -materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues -zuzuführen. - -Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes, -ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der -Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der -schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene -Wirklichkeit oder eine nur eingebildete phantastische berühren. Die -Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum -Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische -Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt. - -Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur -in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der -vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen, -durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen -eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher -auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium -des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen -und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis -zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte -Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die -entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der -älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus -den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten -Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das -begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt -mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis -hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche -Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und -Urbegriffen zurück. - -Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben -Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie -ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen. -Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit -einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in -formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn -die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen, -kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des Schriftstellers und -sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung -und Bildung bedingt. Allein von +diesem+ Standpunkte aus darf -sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne -ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit -dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten -Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist -des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von -geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb -derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen -und die Nachlebenden ist die Schrift. - -Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem -größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen -Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet, -das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach -die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei -weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag -erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung -der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten -Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial, -auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz, -die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu -litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in -überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe -versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten -des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen: -„Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der -Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem -ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des -heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und -rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben. - -Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das -ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert -dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand -oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald -die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte -Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten -hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur -Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von -Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein -kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei -Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel -aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute -eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot, -des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten -Schriftentums, wie es in den „+Häusern der Bücherrollen+“ oder -den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl -niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen -Bibliothek zu Berlin „~Nutrimentum spiritus~“ von Friedrich dem -Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung -ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen -Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der -ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern -man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten -Glauben schenken darf. - -Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines -„+Schreibers+“, ~scriptor~, oder schriftkundigen Mannes, und empfing -seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere -Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums -steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „+göttlichen -Dingen+“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn -die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche nach der Versicherung -des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens -bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde, -die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die -Kunst und die Musik. - -Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im -Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher -Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf -theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten -Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der -Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar -betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten -Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus -zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit -anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst -Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung -nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif -Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die -Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und -empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft -und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte -deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du -morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere -Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache -erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt, -deren Thor Ali ist.“ - -In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den -mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden -und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben -beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des -Schicksals des Menschen tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse -seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke. - -Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der -priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit -war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde -nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und -Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse -haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche -Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen -Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender -Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die -Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen -Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande -die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche -Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer -Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas -eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der -Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v. -Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und -Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit -dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich -gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die -Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“ -fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten -Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln -enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem -„+Hören+“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr -als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke -seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen -Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien -des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der -kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem -Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und -den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe -an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und -an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem -Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die -Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit -dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm -und Ehre ein und -- wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten -zu setzen -- er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit -verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser, -zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu -warnen. - -Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen -Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person -des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete, -besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als -solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man -nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige -Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis -des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten -von elegantem Stil“. Man rühmt die „+Süßigkeit+“, das heißt die -Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu -stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits -entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in -keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem -vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward. -Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche -Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück -ist allzu zusammengestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender -Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen; -ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und -er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine -Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir -in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern. -Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst -dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch -dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt -er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse -dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner -Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten, -das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben -auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein -Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines -Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum -Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht -die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen -Namen stinkend gemacht.“ - -In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der -Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten -sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller -mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch -erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es -außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen -und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die -Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die -semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und -die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder -nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine -wahre Sucht nach dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach -der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache -zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt -beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit -diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten -Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden -Wörtern, deren Anwendung dem +gebildeten+ Litteraten unerläßlich -schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit -dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit -denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem -Namen der schönen Litteratur zusammenfassen. - -An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein -bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen -und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die -Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden -ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des -in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs -warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben -suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu -seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz -entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel. -Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin -Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König -Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter -und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den -Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v. -Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur -Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige -längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher, -und die geschichtlichen Lücken durch romanhafte Erzählungen und -Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein -wenig vorher fällt. - -Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser -Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten -die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst -in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten -Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs -Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht -vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ, -so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück -aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen -erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen -Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten. - - - - -Zur ältesten Zeitrechnung. - - -Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der -laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend -ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein -für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen -Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung -erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer -Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle -kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode -der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so -langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu -begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die -historische Zeitmessung umfassen. - -Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher -unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus -der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen -Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch -die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu -erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste -Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe -zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf -ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart -aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu -überliefern. - -Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames -Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch -einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das -zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten -Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten -und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung, -welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft -zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und -wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und -gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der -Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres, -dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder -eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des -Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461 -Wandeljahre ausfüllten. - -Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher -eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen -christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie, -wobei die genaue Kenntnis des Anfangstages der betreffenden Ära als -die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der -Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor -Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung -Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des -Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober -312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des -Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des -Sonnenjahres von 365-1/4 Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn -unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der -Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622), -die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16. -Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali -genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den -Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der -jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren -Anfang nimmt. - -Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den -gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden -(julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden, -wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen -Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder -Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche -Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis -für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für -den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der -korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer -Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes -Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit -auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu -können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer -Zeitrechnung ist der Gebrauch einer angewandten Ära in keinem Falle -nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen, -welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde: -der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten -Untersuchungen bilden. - -Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche -Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter -gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung -irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher -erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen -Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren -erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung -der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von -keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die -Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen -gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts -v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des -Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil, -wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit -Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen -Nachfolgern bezeichnet. - -Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche -chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen -nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen -zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen, -werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben, -wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in -allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so -ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach -einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn -als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen -Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner -Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener -König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die -Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König -war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um -der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche -die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen -nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten -hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von -Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie -in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein -Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte -Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren, -Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und -schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche -Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten -des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob -man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige -mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug -auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind, -so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der -ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen -zu können. - -Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho -aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die -Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der -ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen -beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern -auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals -verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu -gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden -die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller -Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte. -Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung -von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so -daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher, -wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene -Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg -nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern -5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die -Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige -übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die -Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der -Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft -ausgeübt hatten. - -Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller -chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher, -wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho, -um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte -Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie -der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr -von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen -Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe -aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß -derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und -erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an -seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen -Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer -christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch -vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal -und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit -dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges -Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in -einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der -achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren -1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die -Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine -verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene -Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der -Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages -des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24. -Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in -den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche -des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem -Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer -Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20. -März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf -Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das -Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius -1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl -entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben -zu behandeln sind. - -Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen -Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher -leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt -worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von -Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden -hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die -unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der -Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese astronomischen -Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse -dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers -berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken -Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von -8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr. -bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit, -an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese -Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber -leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur -zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet -sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung -war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß -das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in -dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit -angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der -genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der -Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen. --- Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33, -zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der -astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe -Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die -biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung -vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer -eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen -Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters -geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten -will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein -anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von -~Dr.~ W. Meyer (s. S. 307 ff.). - -Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit eine besondere -Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den asiatisch-babylonischen -Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt ist durch die -Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell el-Amarna, von -denen der größere Teil in den Besitz der Berliner Museen gelangt ist, -die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs Burnaburiasch, oder, -wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit dem ägyptischen König -Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der eben genannte ägyptische -Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. aufgeführt wird, so -liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das Jahr 1400 oder etwas -später anzusetzen. - -Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns -die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die -chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine -andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß -uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt -hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der -Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten -der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute -Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben -erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem -(unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens -und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den -Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche -ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches -über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen -und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet -enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den -Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen -Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden -Residenzstädte, verhinderten eine parteilose Kritik und damit die -chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen -Königsreihen. - -Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der -ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum -Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die -Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern -hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was -ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten -Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die -wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der -Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die -äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte. - -Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die -ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen -Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr. -hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen -Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem -ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein -eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade -als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei -ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl -betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am -südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das -Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf -dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen -Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden -erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit -festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt -und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die -Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes chronologisches -Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den -Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren. - -Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede -Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der -Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch -eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines -chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der -armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen -Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert -werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen -chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu -gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der -assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des -Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr. -Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten -Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht. - -Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher -am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien -seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem -Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische -bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich -zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von -Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem -Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde -gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen -Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen -Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur -Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs -jedesmal als ein volles betrachtete und von dem Jahresanfang an -datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage -an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall -kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche -Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den -julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus -benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am -9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem -genauen Datum der Nachwelt zu überliefern. - -Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon -und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar -desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte -die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche -die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet. -Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem -deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie -heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der -zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit -Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie -zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer -im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben -ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten -englischen Abhandlung (~the real chronology and the true history -+of the Babylonian Dynasties+~) die chronologische Berechnung -auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den -Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v. -Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen, -der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der -babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht, -welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften -ägyptischen Dynastie hineinfällt. Hiermit ist die Geschichte an den -Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen, -denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische -Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und -sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt, -versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher -fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin, -dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs -Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist. - -Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten -Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen -geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und -uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ -richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern, -daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie -die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind, -unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der -Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle -eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch -diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte -babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen -Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt -gemeldet haben. - -Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen -Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn -die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen -nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen -den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen -einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern -der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben -vorläufig nur den Wert mehr oder weniger vollständiger Annalen und -Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit -der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten -Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten -Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt -und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte -der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in -welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in -seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während -die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr -zugewiesene Rolle erfüllt. - - - - -Die sieben Hungerjahre. - - -Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das -unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie -immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag. -Selbst ein +Voltaire+ fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen, -daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die -Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte -Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben, -der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und -zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias -dereinst hervorgehen sollte. - -Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze -Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße -anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung, -der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet -Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in -seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen -Offenbarungen widmete. - -In der zwölften +Sure+ des erwähnten Buches, überschrieben: -„Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit -den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir -deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich -sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine -der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht -aufmerksam gewesen.“ - -Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese -Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher -Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß -hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes -hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten -Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen -werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in -welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt, -woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat. -Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine -berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man -versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu -schaffen habe. - -Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer -aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die -leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres -Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen -versucht. - -„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau -des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu -sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und -wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume. - -„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um -sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer -jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich -ihnen! - -„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre -Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern -ein verehrungswürdiger Engel!“ - -„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich -so getadelt.“ - -In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen -die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche -Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und -es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes -einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und -Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr -beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit. - -Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in -den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande -Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich -durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition -von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen -Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der -Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu -schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde -nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen -die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander. -Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen -gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm -gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber, -einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden -senkt. - -Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte als eine -Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau -ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph, -die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von -der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm -lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen -sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen! - -Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine -vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht -angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das -Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus -mit den Angaben der Denkmäler decken. - -Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein -zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes -oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens -tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die -eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe -geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage -auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne -gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde. - -Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von -den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen -und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen -Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische -Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring -(+Tabacat+) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und -kleidete ihn mit weißer Seide (+schesch+, nach Luther, richtiger: -in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“ - -Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die Denkmäler -in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach -Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch -in der altägyptischen Sprache mit dem Worte ~tabacat~ bezeichnet, -wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus -feinster Byssosleinewand (+sches+) und die unvermeidliche „goldene -Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und -vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um -den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen -Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein. - -Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem -altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name -und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven -asiatischer Abkunft verleiht. - -Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan -zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn +Zaphnathpaneach+, was -freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch -„heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen -Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache -zusammengesetzte Name: „+Es sprach Gott: Er lebe.+“ - -Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine, -welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände. -Josephs Ernennung zum +Ab+ -- Luther hat das ägyptische Wort -für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten --- ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als -das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen -und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen +Mamelucken+) -bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel -der heutigen +Abdar+ in den Palästen der orientalischen Fürsten -die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den -Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung -der „Beschließer“, und zwar mit dem Siegel Pharaos, den Wert eines -Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand. - -Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade -durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum -+Adon+ von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen -Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort +Adon+ in sich, -des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben -Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten -Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen -des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“. -Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos -von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein -denn du.“ - -So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe -Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über -mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des -+Hri-pir+ oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und -der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete. - -Der ägyptische Name Josephs: „+Zaphnathpaneach+“ und die zweimal -in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen +Potiphar+ -und +Potiphera+, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der -Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der -Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den -älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung -nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im -+neunten Jahrhundert+ v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre -+nach+ den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf. - -Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen -Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die -vorhandenen schriftlichen Überlieferungen, deren ältere und jüngere -Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim -und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet, -wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche -ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn -überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten -Standpunkte aus behandelt hat. - -Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige -Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung, -unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und -das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte. - -Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist -auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen, -in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch -in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine -Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit -anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des -vierten ägyptischen Königs +Uenephes+ oder +Venephis+ in der -manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine -Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie -sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der -Frage, die mich beschäftigt. - -Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer -zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem -Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange -Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist -das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen -Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der -Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im -Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum. - -Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern ägyptischen -Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene -so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen -Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen -Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von -Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler -das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten -Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von -hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln. - -Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte -Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das -sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel -schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und -mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen -Standort. - -In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien -für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen -Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile -des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische -Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die -Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu -erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann -- ein wenig stark als -eine bloße Garnison auf der schmalen Insel -- die unter dem ersten -Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von -Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie -vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung -gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig -geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit -des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache -niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken -bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer -Truppenkörper. - -Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden -Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi, -die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in -Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis -zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es -waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira -oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer -zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa -hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer -Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre -Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen -Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung -fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte. -Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der -altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären. -Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten -und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort -+topazin+ erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der -Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so -ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen -Sprache des Nuba +tabe-sun+ den Sinn von so viel als „du suchtest“ -besitzt. - -Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte -Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen -Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit -nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst -die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts -ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall. - -In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein -König Ägyptens in altertümlicher pharaonischer Tracht, welcher drei -Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel -und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa -genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen -Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis -an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl -jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte -Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind. - -Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis -von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis, -welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren. -Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem -König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“ - -Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen -Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster -Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment -in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst -wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann. - -„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher -Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen -Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft -des Königs zu teil. - -„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es -ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum -weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht -eingetreten ist. - -„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine -Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an -seinem Nächsten. - -„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind -vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einher und die Alten, ihre -Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem -Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen. - -„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden -aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden -war, ist aufgezehrt.“ - -Der Brief des Königs an den Fürsten von Elephantine +Madir+ oder -+Matir+, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den -ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit -einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen -Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten -angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie -das Volk zu Pharao um Brot.“ - -In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch -die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet, -daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher -in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf -nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit -sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine -Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des -Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit. - -„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des -Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an -derselben und wie ist seine Gestalt?“ - -Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu -gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten. -Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im -einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit -den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher -der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es -ist die erste Stadt und der erste Gau, nach dem Negerlande Wawa zu, -der Anfang des ägyptischen Reiches. - -„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit -der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen -das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte. - -„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste, -welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“ - -Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des -Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei -Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis -in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche -erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen -Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores -mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit -auf.“ - -In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch -mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter -über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in -ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen -verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet -wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit -geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach -aufgeführt. - -Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die -Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich -aus, nachdem ich solches gehört habe.“ - -Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten -Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott -ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König -erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in -Demut an. Sein Auge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also -erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der -dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu -fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine -Seele ein.‘“ - -Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede -und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl -alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles -Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da -Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles -millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben -die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn -aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den -Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die -Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen -(d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“ - -Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen -Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar -anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich -seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar -zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der -eigentliche Zweck der ganzen Inschrift. - -„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam -wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“ - -„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der -göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis, -dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als -Dank für das, was du mir thun wirst.‘“ - -Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln -zu den üblichen Festopfern und zur standesgemäßen Ernährung der -Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben. - -In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen, -Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben -werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges, -sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere -an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte -Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit, -aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem -Priestertume an. - -König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister -zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift -eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der -heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten. - -Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil -als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen -sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer -Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es -aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen. - -Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien -aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das -Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei -dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der -Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein, -Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte. -Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet, -die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer, -unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des -Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den -Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der -Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch -oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die -Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen -Personen spielt. - -Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die -Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz. -Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des -Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller -Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer -erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie -den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der -König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen -wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist, -wie es früher der Fall gewesen war.“ - -Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen -Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des -königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten. - -Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal -mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze -knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in -Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der -Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte, -dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen -beiden. Joseph weilte etwa um 1800-1700 v. Chr. an den Ufern des Niles, -während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein -Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die -Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von -Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste -Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt. - -Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schriftstil, da beide -einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi -Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz -Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten -und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen -Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts -entzogen waren. - -Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den -ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck -zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein -siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge -dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung -des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte -Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden -Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war -beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf -eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde -in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen. - - - - -Zur ältesten Geschichte des Goldes. - - -Das Gold ist das edelste Metall, welches noch heute im Handel und -Wandel den höchsten Wertmesser der Abschätzung bildet. Das war bereits -in den ältesten Zeiten der menschlichen Geschichte der Fall, in welchen -das Gold an der Spitze aller übrigen Metalle stand und die Sehnsucht -nach seinem Besitze das menschliche Herz erfüllte. Sein Glanz wurde mit -dem Leuchten des Sonnenstrahls verglichen und die Ägypter gingen so -weit, sogar die Körperhaut des Sonnengottes als goldig zu bezeichnen im -Gegensatz zu den bleichen Knochen seines Leibes, für welche sie die -Farbe des Elektrums wählten, einer Mischung von Gold und Silber, das in -natürlichem Zustand in Flüssen und in Bergwerken vorkommt und nicht mit -dem gleichnamigen Worte für den Bernstein verwechselt werden darf. - -Neben der Eigenschaft des Glanzes haftete nach dem Glauben der alten -Ägypter dem Golde eine typhonische, d. h. schädliche und Verderben -bringende bei, welche sich merkwürdig genug in dem Urteil über das -Gold bei den Mohammedanern wieder findet. Es wird nämlich den frommen -Anhängern des Islam empfohlen und die Empfehlung meist auch befolgt, -vor dem Gebete alle goldenen Gegenstände am Körper, wie z. B. goldene -Uhren und Ringe, hübsch beiseite zu legen, um nicht satanischen -Einflüssen anheim zu fallen. - -Der Goldschmied gehörte zu den ältesten Künstlern der Welt. Wenn wir -auch nicht in der Lage sind, die verschiedenen Verrichtungen seiner -Arbeit auf Grund vorhandener Abbildungen eingehender zu beurteilen, so -beweisen die in ägyptischen Sammlungen ausgestellten Gegenstände aus -Gold einen hohen Grad seiner Kunstfertigkeit. Der uralte ägyptische -Gott Ptah, welchen die Griechen mit ihrem Hephaistos, die Römer mit -ihrem Vulkan zusammenstellten, galt in Memphis als der Schutzpatron -der Goldschmiede, sein besonderes Heiligtum führte deshalb den Namen -der Goldschmiede, und sein jedesmaliger Oberpriester die Bezeichnung -eines „Werkmeisters“ im Dienste des Gottes. Memphis hatte für die -Goldschmiedekunst eine hervorragende Bedeutung und noch in den Zeiten -der Ptolemäer befand sich in dieser Stadt eine Münzstätte des Reiches. -Daß Memphis in der Schmelzkunst von Metallen überhaupt einen besonderen -Vorrang einnahm, beweisen die zu Tausenden vorhandenen Bronzen, welche -in der Wüste in der Nähe des Serapeums bei Memphis noch heute gefunden -werden. Es giebt einzelne Stellen, in welchen Bronzestatuetten zu -Hunderten im Sande verscharrt liegen. - -Es ist eine auffallende Erscheinung, daß bei der Aufzählung von -Metallen, edlen und unedlen, nicht nur dieselbe Reihenfolge von -den Ägyptern beobachtet wurde, sondern daß sich mitten in dieselbe -zwei Minerale eingeschoben finden, welche man zu den kostbaren -Steinen rechnete und in den älteren Zeiten der Geschichte Ägyptens, -nachweisbar bis zum sechzehnten Jahrhundert hinauf, wie Gold und -Silber als Tauschmittel benutzte und deshalb wie die Edelmetalle nach -ihren Gewichten in Pfunden und Loten in Ganzen und Bruchteilen näher -bestimmte. Das waren der dunkelblaue Lasurstein und der grüne Malachit. -Man begreift diese Einschiebung sofort, sobald man das Prinzip der -alten Ägypter erkannt hat, Reihen von Mineralien nach ihrer +Farbe+ -zu ordnen, und zwar in der Folge von +Weiß+ (Silber), +Gelb+ (Gold), -+dunkelblau+ (Lasurstein), +Grün+ (Malachit), +Wasserblau+ (Eisen), -+Rot+ (Kupfer) und +dunkelgrau+ (Blei). Die Anordnung entspricht im -allgemeinen der Folge der Farben auf einer Palette im ägyptischen -Museum von Berlin. Von der Farbe selbst sind die uralten Namen für das -Silber als „das Weiße“, und für den Lasurstein und den Malachit als -„das Dunkelblaue“ und „das Grüne“ abgeleitet. In bunten Abbildungen -erscheinen in der That Waffen, Schmucksachen, Geräte u. s. w. aus -Metallen oder Edelsteinen in der angeführten Färbung: goldene Ringe -gelb, silberne schneeweiß, eiserne Kriegshelme, Schwerter, Beile, -Lanzenspitzen hellblau, kupferne Helme und Waffen, Sägen, Sicheln, -Messer, Spiegel u. s. w. rot ausgemalt. Für die Geschichte und das -Vorkommen der Metalle bieten derartige buntfarbige Gemälde ein sehr -wertvolles Material zur Beurteilung ihres ältesten Vorkommens und ihrer -ältesten Verwendung. - -Das Zeichen für Gold stellt sich in der ägyptischen Hieroglyphik -in Gestalt eines langen zusammengelegten Zeugstückes dar, das an -den beiden Enden erfaßt wurde, um aus dem darin enthaltenen klein -gestampften Golderz das Edelmetall durch Schwenken auszuwaschen. Die -Anwesenheit von Wasser darin wird in den Zeichnungen nicht selten durch -herabfließende Tropfen angedeutet, um an die Goldwäsche zu erinnern. - -Die älteste Wiege des Goldes, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen, -darf nur in den „Goldgebirgen“ gesucht werden, welche auf der -asiatischen und afrikanischen Seite der Küsten des Roten Meeres sich -von Nord nach Süd entlang ziehen und bereits in den Urzeiten der -Geschichte von menschlichen Händen mit Hilfe einfacher Werkzeuge -ausgebeutet wurden. Auch in den Betten der Flüsse, deren Quellen -in goldhaltigen Bergen entsprangen, lagerte sich von der Natur -ausgewaschenes Gold in Staubform und in körniger Gestalt ab, wie es -noch in der Gegenwart auf einzelnen ostafrikanischen Gebieten, wie z. -B. in Fazoglu und in dem noch wenig erforschten Lande Kafa im Süden -Abessiniens in mehr oder weniger großen Mengen gefunden wird und als -Tauschmittel bei dem Handelsverkehr nach außen hin dient. - -Die ostafrikanischen Goldlager wurden bereits in der ersten Hälfte des -dritten Jahrtausends von den alten Ägyptern ausgebeutet und ausgenutzt -und in den folgenden Jahrhunderten in so ausgiebiger Weise durch -fortgesetzten Bergbau erschöpft, daß heutigestags in der Epoche des -Dampfes und der Maschinen wenig mehr an Ort und Stelle zu gewinnen -sein dürfte. Über die Hauptörtlichkeiten, an welchen sich Goldlager -befinden, ist man nicht bloß durch inschriftliche Zeugnisse auf das -Vollkommenste unterrichtet, sondern die alten Goldgebirge öffnen noch -in der Gegenwart ihre Eingänge den Reisenden, welche vom Nile oder von -der Küste des Roten Meeres durch die einsamen vegetationsleeren Thäler -der Wüstengebirge ihren Weg einschlagen. Das nördlichste Goldgebirge -auf der arabischen Seite Ägyptens lag an der mit reichen Inschriften -versehenen Bergstraße, welche von der Stadt Koptos am Nile in der -Richtung nach dem Thale von Hammamat bis zu dem heute Kosseir genannten -Hafenplatze am Roten Meere führte. Die eigentlichen Goldminen, deren -Dasein durch eine Expedition amerikanischer Offiziere im Dienste des -damaligen Chedives von Ägypten Ismael im Jahre 1875 wieder aufgefunden -wurden, lagen in einem Wadi Namens Fanachir. Das daselbst gewonnene -Gold führte nach der Stadt am Nil, welche den Ausgangspunkt der -Wanderung der Bergleute bildete, die Bezeichnung „des Goldes von -Koptos“. Ein neues Goldgebirge erstreckte sich im Süden des vorigen; es -lag in der Nähe des Gebel Zebara, nach dem Roten Meere zu. Der Kopf der -Straße begann gleichfalls auf dem östlichen Ufer des Niles, gegenüber -der von den Griechen und Römern Apollinopolis genannten Stadt (das -heutige Edfu), welche ihren Namen auf den des Goldes übertrug. - -Eine dritte Station lag acht bis zehn Meilen in südlicher Richtung vom -Gebel Zebara. Der Weg dorthin nahm seinen Anfang von der am rechten -Nilufer gelegenen Stadt Ombos (heute als Kum Ombu oder „Schutthügel -Ombu“ bekannt), deren Namen gerade so viel als „Goldstadt“ bezeichnet. -Die alte Straße der Goldgräber folgte in etwas südlicher Ablenkung -gleich hinter Ombos der Richtung nach dem alten Hafen von Berenice, in -dessen Nähe die Spuren der im Altertum von den Ägyptern ausgebeuteten -Goldminen zu suchen sind. - -Die ägyptische Südgrenze begann in der Nähe des eben genannten -Hafenplatzes und zog sich in westlicher Richtung nach der alten Stadt -Syene, dem heutigen Assuan, gegenüber der Insel Elephantine hin. Im -Süden davon lag das gebirgreiche, aber wüste Gebiet der nubischen -Landschaft zwischen dem Nile und dem Roten Meere, deren Bewohner zu -den echten Negerstämmen gezählt wurden. Von dem am Nil gelegenen Orte -Kuban aus bietet sich der Zugang zu dem verzweigten Thalsystem der -sogenannten Etbaye-Landschaft, in welchem die Goldminen von Ollaki, -schwer zugänglich für den gewöhnlichen Reisenden, an die Zeiten -uralter Anbauten erinnern. Im Anfang der dreißiger Jahre unseres -Jahrhunderts wurden sie von dem Franzosen Linant und dem Engländer -Bonomi wieder aufgefunden und dadurch die Angaben der Denkmäler -über das Vorhandensein von Gold in der nubischen Landschaft auf das -Überraschendste bestätigt. Das hier gefundene Edelmetall führte nach -dem ägyptischen Namen Kusch für Äthiopien, von dem die östliche -nubische Landschaft einen Teil bildete, die Bezeichnung „des Goldes -von Kusch“. Die Ausbeute dieser Minen muß erstaunlich groß gewesen -sein, da schon Inschriften vom dritten Jahrtausend des äthiopischen -Goldes gedenken, auch als Tributgegenstand der dem ägyptischen -Scepter unterworfenen Völker, und die Darstellungen, vom sechzehnten -Jahrhundert v. Chr. an, eine Fülle von kunstreichen Gegenständen in -Gold erkennen lassen, welche die Fürsten des Landes Kusch dem zu -ihrer Zeit regierenden Pharao als Geschenke darbrachten. Noch nach -dem zehnten Jahrhundert, in der Epoche unseres Mittelalters, wurden -die alten Bergwerke von den Arabern ausgebeutet, was nicht geschehen -sein würde, wenn die Arbeiten in den Minen keinen Gewinn ergeben haben -würden. - -Die Untersuchungen der einzelnen Goldminen, sowohl in Ägypten als in -Nubien, durch europäische Reisende haben die Beweise für einen regen -Verkehr in der Nähe derselben im Altertume geliefert. Ganz abgesehen -von dem regelrechten Anbau fand man die wohl erhaltenen Reste von -heiligen Grotten und Götterkapellen, von Arbeiterwohnungen, ferner -Cisternenanlagen, darunter sogar artesische Brunnen, Granitmahlsteine, -Granitrinnen zum Auswaschen des zerstampften Golderzes und was sonst -zu der Bearbeitung desselben gehörte, in großer Menge vor. Daß eine -solche Kolonie von Bergleuten und Arbeitern, der Mehrzahl nach aus -Kriegsgefangenen, Sklaven und Verbrechern bestehend, in den heißen -Wüstenthälern kein angenehmes Dasein führte, ist selbstverständlich -und wird durch die lebendige Schilderung ihres Elends aus der Feder -eines klassischen Gewährsmannes, des Schriftstellers Diodor, vollauf -bestätigt. - -In den ägyptischen Archiven befanden sich farbig ausgeführte Pläne auf -Papyrus, welche mit erklärenden Texten versehen, die Konfiguration der -Gebirge, die Straßen und Seitenwege, die Brunnen und Arbeiterwohnungen, -die Kultusstätten, die Arbeiterwohnstätten, ja selbst die von den -Königen aufgeführten Gedächtnissteine in Bild und Schrift wiedergaben. -Bruchstücke derartiger Pläne, aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr. -herrührend, werden in dem ägyptischen Museum von Turin als besondere -Merkwürdigkeiten den Besuchern gezeigt. - -Es ist mir keine inschriftliche Überlieferung bekannt, welche, mit -Ausnahme der in Gold gezahlten oder richtiger gesagt abgewogenen -Tribute, von Erwerbungen dieses Edelmetalls aus vorderasiatischen -Gebieten spräche. Dagegen melden inschriftliche Denkmäler und -Papyrusurkunden von ägyptischen Ophirfahrten zur See, welche außer -wertvollen Bodenerzeugnissen, an ihrer Spitze der kostbare Weihrauch, -Gold von den südlichsten Küstengebieten des Roten Meeres nach der -Residenz der Pharaonen im Nilthale einführten. Tritt in den älteren -Texten die allgemeine Bezeichnung Puone für das ferne Reiseziel im -Süden ein, so vermehren sich die Namen in den späteren Jahrhunderten -bis zu dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hin. Die Westküste -Jemens mit ihren Goldländern Saba, Havila, Parvaim und Uphas, wie sie -in der Bibel genannt werden, lieferten bekanntlich das Edelmetall nach -Palästina, das durch phönizische Kaufleute, die von Tyrus in erster -Linie, auf den Markt gebracht wurde. Man wird kaum fehl gehen, auch für -Ägypten die südarabische Bezugsquelle vorauszusehen, sicherlich in den -späteren Zeiten der Geschichte des Pharaonenreiches. - -Bereits im dreizehnten Jahrhundert, in welchem Pharao Ramses III. als -ein starker und mächtiger König die Zügel der Regierung in seiner -Faust hielt, ward das Gold in besonderen Sorten teils seinem Ursprung, -teils seiner Reinheit und Zusammensetzung mit anderen Metallen nach -in verschiedene Sorten geteilt und danach aufgeführt. Im allgemeinen -trennte man „das Berggold“, das aus den goldhaltigen Erzen in den -Minen gefunden wurde, von dem „Wassergolde“, das aus dem Sande -der Flüsse und Bäche des Sudan herausgewaschen wurde. Im übrigen -unterschied man äthiopisches, ägyptisches (aus den obengenannten -Städten) und arabisches Gold -- das Vaterland des arabischen war in -den Gegenden der Weihrauchterrassen -- ferner „feines“ (wörtlicher: -gutes, vollkommenes), „weißes Gold“, „Zweidrittel-Gold“ (wahrscheinlich -eine mit anderen Metallen gemischte Sorte), außerdem +Ketem+ -oder vorderasiatisches Gold, dessen Name nicht ägyptischen, sondern -semitischen Ursprunges ist, und andere Sorten, deren Name noch nicht -hinlänglich klar ist. So viel steht fest, daß diese und andere -Bezeichnungen auf eine genaue Kenntnis der Feinheit des Goldes bei den -alten Ägyptern hinweisen und metallurgische Studien voraussetzen. - -In unverarbeitetem Zustande erscheint das gelbe Edelmetall in Barren -und in Ringform bald von größerem, bald von kleinerem Umfang. Das -Gewicht derselben ging von einer bestimmten Grundgewichtseinheit aus, -die gesetzlich normiert war und dem einzelnen Stücke die Bedeutung -unseres Geldes verlieh. Als ich im Jahre 1889 vom ältesten Geldgewicht -in den Sonntagsbeilagen der Vossischen Zeitung mehrere allgemein -interessierende Angaben auf Grund eigener Untersuchungen zum besten -gab, hatte ich das Silbergewicht zum Ausgang meiner Betrachtungen -gewählt und die Übereinstimmung seiner Gewichtseinheit (= 1-1/5 -ägyptische Lot oder 10,91 Gramm) mit dem babylonischen schweren -Silbergewicht besonders hervorgehoben. Es knüpfen sich daran Fragen von -großer kulturhistorischer Bedeutung, die von der Zeit der geschlagenen -Münze an von entscheidender, tief einschneidender Wirkung sind. In -letzter Instanz tritt dabei die Frage in den Vordergrund: Waren die -Ägypter oder waren die Babylonier die ersten Erfinder des Geldgewichts -in Silber, d. h. hat ein Volk von dem andern die Gewichtsbestimmung -entlehnt und danach ein eigentümliches Rechensystem aufgebaut oder -haben beide Völker von einem vorhistorischen Volke unbekannten Namens -und unbekannter Abstammung die wichtige Erfindung empfangen und -rechnungsmäßig als Tauschmittel im Verkehr verwertet? - -War ich zur Zeit der Veröffentlichung meines ersten Artikels in -der glücklichen Lage gewesen, die Grundeinheit des Silbergewichtes -genau bestimmen und auf unser modernes Grammgewicht zurückführen zu -können, so fehlten mir damals alle notwendigen Unterlagen, um in -ähnlicher Weise dem Goldgewicht die entsprechenden Zahlen gegenüber -zu stellen. Diese Lücke ist ausgefüllt, seitdem durch zwei aus dem -ägyptischen Altertum uns überkommene Goldgewichtsstücke, von denen das -eine und größere erst vor Kurzem in den Besitz des Berliner Museums -gelangt ist, und durch überlieferte Goldgewichtsberechnungen, aus dem -sechzehnten und aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr., sich mir -die Gelegenheit dargeboten hat, in unbestreitbarer Weise auch für -das Gold die altägyptische Grundgewichtseinheit fixieren zu können. -Dieselbe betrug 1-4/5 altägyptische Lot oder 16,37 Gramm, entsprach -daher dem 1/50 Teile einer Goldmine von 90 Lot (= 818,63 Gramm) und -den 1/3000 eines Goldtalentes von 5400 Lot (= 49,1179 Kilogramm). Die -Hälften dieser angeführten Gewichtsstücke, welche sich zugleich auf -das System der sogenannten +schweren+ Goldmine nach babylonischer -Rechnungsweise bezogen, also die Zahlen 8,18, 409,31 Gramm und 24,55 -Kilogramm, stellen die Grundeinheiten der +leichten+ Goldmine vor. -Ihr kleinstes Stück im Gewicht von 8,18 Gramm Gold sei der Vergleichung -halber dem Gewichte der 20 Mark-Goldmünze von 7,96 Gramm und dem -englischen Pfund Sterling-Stück von 7,98 Gramm an die Seite gesetzt, -um eine annähernd richtige Vorstellung seiner Schwere zu erwecken. Es -erscheint nicht überflüssig hinzuzufügen, daß die Anwendung dieses -kleinsten Stückes von 8,18 Gramm Gewicht sich in Goldberechnungen -aus der Zeit des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. auf ägyptischen -Denkmälern vorfindet. - -Was den angeführten altägyptischen Goldzahlen das höchste Interesse -verleiht, ist die von Herrn ~Dr.~ C. F. Lehmann, einem der -babylonischen Keilschrift kundigen Gelehrten aus Berlin, vor etwas -länger als einem Jahre nachgewiesene Thatsache, daß sich die alten -Babylonier zur Bestimmung der Schwere eines Gegenstandes eines -Normalgewichtes bedienten, dessen leichte Mine auf Grund von drei -noch vorhandenen und in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrten -Stücken im Durchschnitt 491-1/5 Gramm betrug. Diese Gewichte, in -den Trümmerstätten des südlichen Babylonien aufgefunden, sind aus -einem dunkelgrünen harten Stein gefertigt, tragen Aufschriften in -Keilzeichen und gehören nach der Meinung des gelehrten Forschers -mindestens dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends an. Da -nach dem babylonischen Rechnungssystem die Goldmine um ein Sechstel -kleiner als die allgemeine Gewichtsmine war, so muß dieser Betrag, ca. -81-9/10 Gramm, von der Gewichtsmine (491-1/5 Gramm) abgezogen werden, -um die Schwere der Goldmine festzustellen. Man gelangt somit zu der -babylonischen Zahl von 409-3/10 Gramm, welche der ägyptischen, im -Betrage von 409-31/100 Gramm, auf das Genaueste entspricht. - -Ein so merkwürdiges Zusammentreffen, welches ich in meinen früheren -Untersuchungen auch in Bezug auf das ägyptische und babylonische -Silbergewicht nachgewiesen habe, kann nicht in einem bloßen Zufall -gesucht werden, sondern beruht auf gemeinsamen Grundlagen der Maß- und -Gewichtseinheiten im Handelsverkehr der ältesten Welt. Die geträumte -Abgeschlossenheit der großen Kulturstaaten an den Ufern des Niles -in Afrika und zu beiden Seiten des Euphrats, auf asiatischem Boden, -muß anderen, richtigen Vorstellungen in Zukunft den Platz räumen, -wenn auch die Streitfrage nach den ältesten Erfindern der Maß- und -Gewichtssysteme vorläufig unerledigt bleiben mag. Für Ägypten -spricht das hohe Alter aufgefundener Steingewichte, welche in die -Zeiten der Pyramidenbauten hinaufreichen, für Babylon vor allem das -weit verbreitete sexagesimale Teilsystem, das ~Dr.~ J. Brandis in -seinem berühmt gewordenen Werke: Das Münz-, Maß- und Gewichtswesen -in Vorderasien (Berlin 1866) aus den geschlagenen Münzen, bis zu -den klassischen Völkern des Altertums hin, in überzeugender Weise -nachgewiesen hat. Daß Babylonien und die im Westen davon gelegenen -Völker und Länder Vorderasiens, einschließlich der Inseln des -östlichen Mittelmeeres, mindestens vier bis fünf Jahrhunderte vor -den trojanischen Zeiten mit Ägypten im engsten Verkehr standen, das -bezeugen ja vor allem die in Tell El-Amarna auf ägyptischer Erde in -unseren Tagen aufgefundenen keilschriftlichen Thontafeln mit ihren für -die Kulturgeschichte jener Epoche so merkwürdigen Korrespondenzen von -Hof zu Hof und mit ihrem regelmäßigen Botenpostdienst von den oberen -Euphratgebieten an bis nach den fernen Nilufern im Süden hin. Politik -und Handelsverkehr beherrschten schon damals die Welt und Gold und -Silber, wohl geprüft und abgewogen und in den Schatzhäusern der Könige -lagernd, bildete den von Jedermann verstandenen Maßstab des Reichtums -der Großen der Erde. - -Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen -Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit -den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit, -welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht -steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu -rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig -Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen -trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten -Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten, -die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor -dem Beginn unserer Zeitrechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung -und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen -der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger -wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer -Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und -im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am -Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg -entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und -das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des -Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise -mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer -wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem -Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche -ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere -Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird -unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der -menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger. -Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an -Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte -bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen. - - - - -Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit. - - -Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der -Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in -feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen -ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu -geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren -ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem Wohle der -Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch -die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und -priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen -wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit -erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den -versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft -derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung -nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in -die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft -zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für -die spätesten Geschlechter niedergelegt. - -Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist, -folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden, -die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart -als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich -abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen -der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei -Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des -Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben -und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von -vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen -symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat, -sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht. - -Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den -Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward, -dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird -erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet -habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden -zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in -Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde. Die Regionen des -sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach -den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie -man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier -und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung -nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in -der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt -des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der -Feldfrüchte angefüllt. - -Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“ -dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen, -nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der -Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche -über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen -Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und -Weise, in welcher jedes von den drei Thoren -- mehr ließ derselbe -etruskische Ritus nicht zu -- bei der Gründung seiner künftigen Stelle -nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des -Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb -tragen durch das Wort ~portare~ ausgedrückt wird, so leitete man -das Wort ~porta~ für das Thor von jenem Zeitworte ab. - -Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen -Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es -ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche -Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa -anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die -Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin -- und zwar in -den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als -ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte -aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der -Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Verbindung bringen -zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen -plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen. - -Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale -die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt- -und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um -wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen -Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages -hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale -fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit -eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite -Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am -Landungsplatze angepflockt lag. - -Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten -Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte -spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart -die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden -einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg, -und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der -nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit -einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte -mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse -führenden nächsten Seitenweg. - -So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte, -gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet, -zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus -umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits -einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und -dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete -+Nâbut+ der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen -als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber. - -„~Es-salam aleïk~“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu, -indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden -Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß -die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte -Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein -Segen!“ - -„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher -Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern -einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf. -Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung -- das bekannte -Backschisch -- für meine Vermittelung zukommen lasset.“ - -Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte -einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von -seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher -zu prüfen. - -Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch -dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war -mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch -sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die -Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in -schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen -Königs sprang mir sofort in die Augen. - -Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine -angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten -- meine ganze -Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden -- stürzte ich über Stock -und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und -in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu -rücken. - -Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der -kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit -welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes -auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und -Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier, -den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden -Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst -den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den -leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu -genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich -wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem -Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und -sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als -Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige, -deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen -Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich -bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr -4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich -vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes -Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges -Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der -berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter -Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von +On+ in -der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen -Inschriften den vorher genannten König +Usortisen+ I. als Urheber -preist. - -Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres -gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen -vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein. - -Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch -beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung -übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen -Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte -von Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder -des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären -sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in -höchsteigener Person „+die Ausspannung der Meßschnur+“, d. h. um -nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung. - -Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu -erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte, -sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem -gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade, -um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der -Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir -gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche -der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig -Jahrhunderten voranging. - -Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den -altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an -Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet, -die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen -enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden -Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am... -Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der -Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des -Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar -leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um -sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“ - -„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden: -den Freunden, den..... des königlichen Hauses und den (sonstigen) -Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“ - -„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte -die Ausschachtung des Erdbodens.“ - -„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis -als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“ - -„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes..... -aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“ - -Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die -sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn -der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem -er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung -öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle. - -Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf -der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem -sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten, -also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei -dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht. -Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um -die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an -deinem Gotteshause zu vollziehen.“ - -Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der -hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen -Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten, -seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen -Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit -sofort in Angriff nehmen zu lassen. - -Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze. -Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute -standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über -die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in -den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen war, ging seine -Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge] -um.“ - -Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften -Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen -darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles -als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf -welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte. - -Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein -in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch -im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen, -seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten -Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe -der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung -vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten -Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem -König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien -der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich -veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand -entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen -und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache -der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden. - -Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in -vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen -die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen. -Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen -Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes -die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den -Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten -Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte +Meßschnur+ und -der +Pflock+ bilden dabei die Hauptsache. - -Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei -vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten -baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst -im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen -wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem -Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet, -so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige -Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament -stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift -vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der -Kirche auf einem Felsen. - -Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes -auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei -ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm -zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in -erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen -Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll -auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage -zu schaffen. - -Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen, -um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen -Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß -sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben, -des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat, -Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts -verloren haben. - -Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung -in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz -unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers -Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G. -Schweinfurth (in Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich -folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte -Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels -einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre -Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit -dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte. -Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die -alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie -längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den -entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des -großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung -oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“ - -Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus -einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem -seines Thrones verlustig gegangenen +Chedive Ismaël+ Pascha -kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten -lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser -der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar -mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß -bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser -die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden -bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand, -Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in -Ägypten.“ - -Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur -bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem -Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der -Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom -Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit +einem+ -Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und -abzublättern imstande war. Bekanntlich ist das ganze Nilthal derart -mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des -Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter -für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen. - -Der Grundstein war es daher im Altertum +nicht+, welcher bei -der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle -spielte, sondern der +Aufriß des Baugrundes+ auf dem Erdboden -mit Hilfe der +Meßschnur+ und des +Holzpflockes+, wobei die -+Erdhacke+, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes, -die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse +Gestirne des -Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung+ des zukünftigen Gebäudes -dienten. - -Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen -Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage -eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten -Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn -behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches, -welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige +Usortisen+ -I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor -mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit -festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus -mit der Überschrift: „+Über die Ausspannung der Meßschnur und das -Einpfählen des Pflockes+“ zu thun in der Lage war. - -Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß -des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem -würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner -altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze -Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu -richten. - -Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber -gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter -erkennen, mitten unter den zahlreichen Darstellungen, fast durchweg -mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer -Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle -einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des -zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes -Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden. - -In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den -ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus, -als auch in Nubien -- ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden -Zeugen an -- tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines -hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger -in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der -einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines -keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres -Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den -hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben. - -Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin, -welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die -Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel -übrig. Es handelt sich um die Göttin +Chawi+, die treue Behüterin -aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den -Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden, -der heiligen Bücherei. Sie wird als „+die erste Schreiberin+“ -und als „+die Königin der Bibliothek+“ tausendfältig gepriesen. -Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der -Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens -dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen -Überlieferungen der Vorzeit verfahre. - -Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten -beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott +Thot+, der -ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes, -welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen -überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen -den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu -werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde -lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen -zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom -Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen -Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem -er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches -vorschriftsmäßig Folge leistet. - -In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor -Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht, -hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke -durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines -Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick, -welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des -Bauterrains diente. - -Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer -in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein -Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu -können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem, -selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“ -übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt -habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für -die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der -Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes -mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt. - -Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte -Handlung konnte zunächst nicht an jedem beliebigen Tage geschehen, -sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der -Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des -Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem -sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für -den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine -merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets -wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der -Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu -unterscheiden) verbunden war. - -In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen, -pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche -Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person -ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der -Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der -ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott -wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen. - -Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in -den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen -beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung -des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus -Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und -inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber -ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles -zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das -Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus -den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen -Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem -eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der -dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person -der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund -der Bildwerke trat. - -Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem -eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“ -würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein -und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können. -Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen -darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von -Apollinopolis magna (heute +Edfu+ genannt) in Oberägypten den -vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das -Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt. - -Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf -Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den -Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und -schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und -gelesen habe. - -Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen -Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach -althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der -Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und -Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen. - -In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die -folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den -Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der -Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet -am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und -stecke die vier Enden des Tempels ab.“ - -Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der -Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen -Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem -Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als -das nördlichste Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen -dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der -astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei -für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur -vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente. - -Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung -der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit -inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als -„Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten -als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere -Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals -verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem -Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten -Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert: -„auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet, -darum heißt sie die Beste mit Namen.“ - -Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung -seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach Einpfählung -der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als zweite -Handlung die +Ausschachtung der Erde+ an den für die Fundamentierung -genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese Arbeit in -feierlicher Weise ein. Er trägt die +Erdhacke+ des ältesten ägyptischen -Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig den Boden zum guten -Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der Götter auf, wozu -er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und bewässere ihn -zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke Festigkeit zu -verleihen.“ - -Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb -eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher -mit Wasser zu befeuchten. - -Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener Tiefe -ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine -Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder -Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das -Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in -den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem -Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um -die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das -oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf -Fundamenten aus Sand. - -Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann -der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah -dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und -an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren -Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war -verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den -Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen -zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in -der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem -hinzu, daß die Ziegel mit +gehacktem Stroh+ vermischt wurden, um -ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon -an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6-7): „Darum befahl Pharao -desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und -sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß -sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen, -wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh -zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18). - -Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten -Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein -gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er -außerdem in seiner eigenen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und -damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich -führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des -Tempels fest zu gründen.“ - -In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und -selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens -durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von -Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die -Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit -an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der -himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer -Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte -in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich -vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen, -um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild -in sich schließt.“ - -Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die -zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das -Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen -im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines -Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in -Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus -Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach -Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die -Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine, -welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du -meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an -den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“ - -Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze -unter den vier Ecksteinen des Tempels von Tentyra suchen. Des Sängers -Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in -Gold und Edelstein. - -An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche -als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten -darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an -bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König -übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines -geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand -prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich -mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit -meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal -gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“ - -Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines -Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf -ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer -Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden, -um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über -die folgenden Handlungen zu gewinnen. - -Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt -ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu -befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim -einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache -kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden. -Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer -Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer -Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und -Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des -Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche -Waschmittel. - -Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese Thätigkeit, -wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war. -Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit -des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine -unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze -Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung -hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen -Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war -streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An -hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward -deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher -eintritt, sei viermal rein!“ - -In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig, -welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist, -der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und -dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den -Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher -Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des -Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu, -an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und -Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige -beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber -als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken. -Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen -an größter Lauterkeit.“ - -Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die -mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt. - -Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde -in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen -Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des -abgebildeten Herrschers fallen eine Menge von Kügelchen -- eben jene -Natronkügelchen -- abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte -Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen. - -Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen -als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen -variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze -abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen -Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten -Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen, -nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um -den Tempel durch den König vollzogen. - -Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden -Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig -läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung -einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“, -wie er inschriftlich bezeichnet wird. - -Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden -des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen -an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher -der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und -mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner -Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein -längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere -mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am -Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen -Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die -gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen. - -Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an -seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung. -In dem einen Beispiel spricht der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm -aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder -jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis -zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne -Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der -Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine -Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken -befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige -entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine -Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen. -Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania) -in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne, -wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre -aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“ - -Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen -Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in -eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder, -wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten -Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben. -In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider -ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die -nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile -desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten -Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise -die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus -Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König -Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des -Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet -Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift -auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon geliebte -König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“ - -Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert -für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich, -und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das -ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die -Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte -der Menschheit gefällt hat. - -„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets -gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von -gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt, -bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen -Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die -Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben -Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie -entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen, -sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind. - -„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig -Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht -nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der -Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und -es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und -befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“ - -In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der -gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine -Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in -Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine -besondere Erwähnung verdient. - -„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die -großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen -zu verknüpfen. Noch in unsern Tagen rufen Gedächtnisinschriften an -sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück -und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände -werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt, -woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst, -sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern, -dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller -Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die -Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie -schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich -habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den -Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken, -fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben -gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen. - -„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König -oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll, -in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise -vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die -Scheinhandlung der Arbeit.“ - -Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an -Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die -Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis -zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel -den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns -zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden -Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind. - -Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein -Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig -noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein -ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund -das Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer -münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten -„Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte -Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der -sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von -Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32 -Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung -festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal -in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer -umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10-1/2 : -2-1/2 Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und -von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt, -so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte. -Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den -überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem -Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der -Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der -Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist. - -Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden -Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem -Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus -einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus -rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet, -geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem -einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein -im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen -Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan -fertiggestellt wurde. - -Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt ägyptischen -Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht -im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen -Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer -einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache -sofort. - -Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus -Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu -ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die -Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche -der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene -in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete -Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer -Anwesenheit mit den Worten: „+Der Aufseher spricht zu den Bauleuten: -Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!+“ Es sind -genau dieselben biblischen Worte: „+Ihr seid müßig, müßig seid -ihr!+“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der -Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde -mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber -leider vergeblich, vorzutragen. - -Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel -gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit -noch in den Kinderschuhen ging -- und die heutigen Morgenländer haben -sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt -- mochte die sonderbare -Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu -rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung -erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen -Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus. - - - - -Eine Blitzstudie. - - -Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu -beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende -Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung -den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit -spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der -peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken. - -Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der -Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um -einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen -in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen -finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr -gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher -bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers -einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ, -um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen. - -Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das -Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei -einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu -beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten -zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als -wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften -die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener -einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen -kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu -besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube -immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts in einem -zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den -finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend -Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so -lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube -seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden -weiter entwickelt. - -Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise -auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und -die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie -dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu -werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte, -Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das -„Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche -Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes -gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen. - -Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale -Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem -Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit -auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin -Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit -kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem -man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz -verschont geblieben war. - -Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes -hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied -man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen -herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom -Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen. -Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die -irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man ging noch weiter -und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht -an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im -kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt -sind. - -Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei -der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer -des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von -dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen -Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in -die Erscheinung trat. - -Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der -Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und -Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen -nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das -Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet -haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert -worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich -bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er -irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun -verabsäumt hatte. - -Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in -seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem -Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze -gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei -man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag, -an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage -- wer -denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? -- und daß -man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das -Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen -bestätigten, anerkennen zu müssen. - -Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf -Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen, dürfen -als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern -sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von -den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker -oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen -Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten -auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze -Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt. - -Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S. -169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein -eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu -einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination -(das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine -tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises. -Die Blitzschauer (+Fulguratoren+) beschäftigten sich mit Erforschung -der Blitze, dem +Herabziehen+ und dem +Abwenden+ derselben. -- So -entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher Gewitterbeobachtungen.“ - -Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die Etrusker -den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord -- Ost -- Süd -- -West -- Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile gespalten. -Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie die +linke+ -Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten die östlichen -Weltteile als die +linke+), die acht aus der entgegengesetzten Seite -befindlichen Teile die +rechte+ Seite. Die Blitze zur Linken sah man -als glückbringend an, die Blitze zur Rechten, im Nordwesten, als -Unheil verkündigend. Blitze aus anderen Himmelsrichtungen galten als -indifferent. - -Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder -Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun -Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter -ein dreifacher Blitz zugeschrieben wurde, so daß im ganzen elf -Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem -Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie -dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den -aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen, -von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet. - -Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach -tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen -konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die -Fulguratoren vorgeblich den Blitz +herabzuziehen+ vermochten. -In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen -Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich -die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den -Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte -hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und +leitenden+ -Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die -+einzige+ Angabe beim +Ktesias+ aufzufinden vermocht. - -Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen -vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise -in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in -der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz -von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig -erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei -eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon) -und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt, -Gewölk, Hagel und +Blitzstrahlen abwendeten+. Er habe, so fügt -er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen -Augen das Experiment gemacht.“ - -Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der -Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden -des Blitzes spricht, mit größter Deutlichkeit auf die Kenntnis der -Blitzableitungstheorie auf Grund +leitender Metalle+ hin. - -Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den -Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die -Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den -Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch -eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu -beweisen. - -Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch -den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin -aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen -Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist -aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen -der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn -man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest. - -In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der -Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei -den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch -zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein -zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete. -Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter- -oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg -nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm. - -Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit -Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt, -wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den -Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben. -Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine -ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den -Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden auf rechteckiger Grundlage -ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind -31-1/2 Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine -Seitenbreite von 12 Ellen oder 6-1/3 Meter. - -Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen -Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine -eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach -unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen -Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und -die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in -Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels -des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag -wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen -habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme -ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch -klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen -zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen -mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben. - -Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration -gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich -zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu -beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch -in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von -Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen -Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der -Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht. - -Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus -Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften -aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die -Zahl derselben sich auf +vier+ beschränkte und daß die Stoffe +rot+, -+weiß+, +blau+ und +grün+ gefärbt waren, mit anderen Worten, daß es -vorgeschrieben war, den vier +heiligen+ Farben den Vorzug zu geben. -Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, daß auch im ebräischen Kultus, -wie es aus alttestamentlichen Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur -allein die vier heiligen Farben +rot+, +blau+, +karmesin+ und +weiß+ -für die Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von -Jerusalem gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden. - -In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die -beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine -Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen -mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben, -wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse -in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der -Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe -Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus -(des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem -Platze, +um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden+. Zeugstoffe -in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an ihrer -Spitze.“ - -An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich -auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den -Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem -+Asch+holze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten -aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine -besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum -Himmelsgewölbe und sind +mit Kupfer des Landes beschlagen+.“ - -Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise -an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der -deutlich ausgesprochenen Absicht, +die Ungewitter zu schneiden+, -konnten nichts anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen -sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine -andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte, -welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem -angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit -und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren -Blitzableiter erklärt haben. - -Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite -Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch -nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen -vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe -zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch -aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um -das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen -Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare, -deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung -als Blitzableiter bemerkenswert erscheint. - -Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von -Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der -noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in -der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne -Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21-1/4 Meter, wie alle Obelisken -endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte -Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte -+Benben+ bezeichnen. - -Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken -eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion -regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim -Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die -Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich: -„Er (der König) hat zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem -Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist -aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten, -hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen -sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten -aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden -Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher -nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende -Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten -Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem -Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein -Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den -steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und -Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich -zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen -Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen -Überzug aus +vergoldetem Kupfer+. Diese Vermutung findet nämlich -durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit -erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung. - -Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich -vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der -Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken, -also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine +kupferne Kappe+ über -dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif -herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es -stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus -einem Edelmetall, sondern aus +reinstem Kupfer+ bestand, das -eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde. - -Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter -gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen -nach dem Nilthale zuströmte, ist es kaum anzunehmen, daß die Könige -so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer -Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug -erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom -Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine -Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige -jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen, -besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und -Außergewöhnlichen aufzudrücken. - -Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus -Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser -wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche -die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es -dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber, -daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis -der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich -hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum, -bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten -Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten -gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel. - -Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen -der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das -wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte -(II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von -Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man, -besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit, -sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe -am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal -deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die -Erscheinung treten dürften. - -Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheimlichen -Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen -Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben, -Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes, -Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen -Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten -Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte -und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der -sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in -unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt: - - Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche, - Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen. - -Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der -Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der -intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse -Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel. - -Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis -und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende -Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen -beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit -ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in -symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen. - -Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und -Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb -geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man -versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich -auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen -Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen -Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König -der Tempelwelt wachen.“ - - - - -Der große königliche Gräberfund. - - -Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte -Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug, -welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet -seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen -ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit -in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für -ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit -nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern -- nach -den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen -- sie führten wahre -Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren. -Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles -dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war. -Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was -man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles -Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von -denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur -hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß, -wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden. - -Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten -auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können -während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten -historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen -den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen -Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen -Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen, -überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden -durch das verständnisvoll geschriebene Wort. - -Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei -Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie -handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an -zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung -die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote: -Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in -Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen -Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu -führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den -Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen -Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in -reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil -heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese -Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung -von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren. -Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der -Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit. -Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene -Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den -Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet. - -Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der -gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an -den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden -haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren -Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung -auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was -man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen -Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten, -in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen. - -Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten, wenn ich irgend -wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind -keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind -(teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig -mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl -Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen -Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein -wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein -ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar -verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und -Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden -hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen -stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte: -wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch -das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das -Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche -sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden -nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen -konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen -finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben -wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen -und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe -des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche -Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich -zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles -mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine -reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse -Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und -geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers -und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner -Umgebung ungemein begünstigte. So haben wir heute Gelegenheit, da, -wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der -Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der -Welt mehr zu finden ist. - -Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die -Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich -gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach -Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher -überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der -ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der -Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem -Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl -die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der -Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000-2000 v. Chr. und -die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um -das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König -Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch -durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten -Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage -war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in -den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen. - -Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören -- ich spreche -zunächst von denen der Könige -- wurden am Rande der Wüste in -Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie -sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von -Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher -Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte -Landschaft des Fajum hinein. - -Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel -genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr -genau, wenn sie auch in betreff der einzelnen Königsnamen sich -bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber -der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben, -sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche -beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig -späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu -überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel -hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese -kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht -genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten -aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die -Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte. - -Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf, -so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren -Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in -Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis. - -Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß -der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen -Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache -viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe -(Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden -Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache, -dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3-4 -Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien -aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine, -welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen. -In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und -schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser -wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft -und in den Sarkophag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock -ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen -einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so -war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die -Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls -durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche -eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser -Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten -abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben -nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo -sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch -darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für -diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es -eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden. - -Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab -des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde. -Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere -Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide, -wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt. - -Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine -Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war -es ihm gestattet -- die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte -eines jeden Königs zu bauen begonnen -- so ließ er einen zweiten Mantel -herumlegen, etwa in einem Abstande von 5-10 Fuß von der Kern-Pyramide, -dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich -das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im -Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen -Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben -außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale -Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chronologischen -Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine -Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen -sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den -Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum -in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung, -die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz -geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch -eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der -ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat. -Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden -fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden -sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten -Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer -Fürsten. - -Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die -Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen? -Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte -Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von -Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen? -Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien -her das Wort zu reden. - -So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts -- ich -meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre -- für den Bau der Pyramiden, -für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch -für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar -deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine -einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen -habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag -ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand -der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich -den betreffenden König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben -sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin -war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach -historische Namen beizulegen. - -Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten --- es ist in den Monaten Februar und März gewesen -- wurden durch -Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten, -mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller -Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld -so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten -konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser -Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und -in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche -hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in -einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die -Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da -die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des -Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen. -Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu -nehmen genötigt war. - -[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.= -Vertikaldurchschnitt.] - -[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Alten Reiche.= -Horizontaldurchschnitt. - -1 Eingang. -- 2 u. 4 Gänge. -- 3 Fallthür. -- 5 Grabkammer. -- 6 Kammer -mit dem Sarkophag.] - -Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte -zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde -arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des -Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den -übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der -Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften, -welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn -auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem -ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte, -konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die -Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen -großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen Reise des -verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß -nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als -Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des -göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der -Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen -Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur -ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist -seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren -im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode, -seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe -der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten -sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen. -Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung -des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten -wandelnd, legt er die Reise der Toten zurück. Dies ist das Thema, der -Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen -Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei -zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen -Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch -für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben. -Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem -Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die -unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt -beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert. - -Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche -kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das -Jenseits nach dem Tode zusammenstellen. - -Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu -unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll -dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende -Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen, -d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter. - -Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300 -v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne -+Mehti-em-saf+ angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber -in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten -Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst -in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind, -sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben, -die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande -zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu -bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten -und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten -nicht gescheut haben, um bis zu der Sarkophagkammer vorzudringen, -woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten. - -Als ich die Grabkammer der +Phiops+pyramide erreicht hatte, -überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der -Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen -worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse -von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß -meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „+Di harir+“, d. h.: -„Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide -nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas -gewandert. - -In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf -dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches -Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner -Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein -feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen -wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der -ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich -sie in der Pyramide des +Phiops+ entdeckt hatte. Die Mumie wurde -nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch -befindet. - -Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen -Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden -gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher -nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig -vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf -die berühmte Pyramide von +Meidum+, die in der That noch nicht -geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern -entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur -einigermaßen darin vorzudringen. - -Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den -Kern der Grabkammer umhüllen, ist so gewaltig, daß man sich keine -Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau -gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung -begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die -größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter -hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die -Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die -Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde -zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen -Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen -- und das ist -doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist! - -[Illustration: =Privatgrab aus dem Alten Reiche.= - -~a~ Kapelle. -- ~b~ Schacht. -- ~c~ Grabkammer. -- ~d~ Sarkophag.] - -Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten, -daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der -Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse -aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben -Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch -vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen. -Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. -- -Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in -der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in -Ägypten. Es ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten -wiederkehrt. - -Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben --- die Wüste ist ja Felsboden -- dann unten in diesem sogenannten -+Brunnen+, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer ausgemeißelt -und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche eingesargt war, -wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine Ziegelsteinmauer -abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte ohne Gewalt -anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder Schutt -ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der Stellung -des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr oder -weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus einem -Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber war sie -so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine Familie, -hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem Felsen -versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse die -Totenopfer spenden konnten. - -Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten -ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur -Epoche der thebanischen Könige. - -Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden -und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir -wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß -nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes -überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen -Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie -bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben -ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak --- er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden -- und -daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung -zunächst ihre Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese -Königsgräber vorhanden). - -Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist -eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden, -um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen -Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so -nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der -Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die -Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt -haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte -lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges, -welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen -Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein, -anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens. -Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das -noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare -Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist, -welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses -Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan -mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten. -Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach -diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen -mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt, -folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste, -welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer -Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für -den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein -fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen -man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer -sechs, in welchem der Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des -„goldenen Saals“. - -[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.= -Vertikaldurchschnitt.] - -[Illustration: =Ein Königsgrab aus dem Neuen Reiche.= -Horizontaldurchschnitt. - -1-4 Korridore. -- 5 Der Wartesaal. -- 6 Der goldene Saal. -- 7 -Korridor. -- 8 Die Schatzkammer.] - -Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung der -saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder -Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen -dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man -es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen -Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“, -befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein -Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen, -seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben -zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken -hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem -selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während -die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit -Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward. - -Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich -wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten, -welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten. -Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert, -nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint. -Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das -Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche -zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen, -welcher bestimmten Art sie waren. - -Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist -von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr -vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und -zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder -zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern -selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte -diese doch nicht verhindern -- kommt es ja doch auch in unseren -aufgeklärten Zeiten vor -- daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um -die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen. -Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah, -ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage -vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück -in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe -um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX. -einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer -herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet -gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die -ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden. -Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es -wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das -älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten -selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt -wurde. - -Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller, -Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber -der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte. - -Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen, -daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische -Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren -und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die -Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder -irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den -der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden -ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten, -ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken. - -Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen hat, nur -fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen -sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen. - -Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen -- -man konnte ja nicht anders -- daß der Inhalt jener Gräber, die heute -offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß -man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin -fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen -Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der -berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger, -waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage -noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden? - -Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende -und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben -Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art -angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich -hier um Könige handle, die in den Gräbern von +Biban-el-moluk+ --- so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber -- beigesetzt worden -waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf -den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der -thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten -Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts -und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer -Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu -sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. -- -Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals -nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er -stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand. - -Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher -Einmischung durch Drohungen und Versprechungen einem jener Araber -das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue -Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses -und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der -kostbaren Fundgrube zu öffnen. - -[Illustration: =Aufgebahrte Mumie des Osiris.=] - -Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein -arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in -Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben -hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher -den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem -geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt -Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher -einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei -seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde -ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an -dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen -Ebene scheidet, bildet zwischen dem Assassif- und dem Thale der Gräber -der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste -derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari -befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten -Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah, -etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten -Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In -der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung -zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch -ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in -die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter -weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An -gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur -die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht -ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der -Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet -gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die -Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu -einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80 -Meter Länge. - -„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis -zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und -gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag -in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt. -Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt -an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den -Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des -Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen -mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im -Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang bei seiner Biegung nach -Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet -und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den -ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine -Ecke geworfen hätte. - -„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe -ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts -zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die -Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines -Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche -Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe: -Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu, -Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das -Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim -ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie. -Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben -schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei -oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die -Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und -von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte -Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II. -der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu -sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie -er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume, -wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen -war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte. - -„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die -Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des -Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich -ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt -wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten, -Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg -in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin -befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed -Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der -Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten -sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen -Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit -waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur -zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen -mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits -des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen, -welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten -sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird -man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und -der Julihitze bedeuten mußte. - -„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor -bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei -Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige -Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort -mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von -Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils, -folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei -dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei -Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul -hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher -der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem -Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch -demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf -einige schöne Entdeckungen hoffen. -- Mit so thätigen und ergebenen -Leuten als die sind, welche ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl -erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie -des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den -wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet. -Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren -Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich -für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der -Wissenschaft erwiesen haben.“ - -Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung -der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der -Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten -gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume -ausgebessert oder zerbrochen -- sie lassen den Stil der 18. und 19. -Dynastie erkennen -- zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges -Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die -Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen. - -Särge der ersten Gruppe: - -1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des -Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne -eine sichtbare Aufschrift. - -2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus -demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter -Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben -1,8 Meter. - -3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang). - -4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des -Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68 -Meter lang. - -5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere -1,65 Meter lang. - -6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs -Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter. - -7. Sarg der Prinzessin Sitamun. - -8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin -Miritamun bestimmt. - -9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich -als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des -Königs“ bezeichnet. - -10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao -Amenophis I. - -11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter -der Vorhergehenden. - -12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter. - -13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper -des Erstgenannten nicht mehr vorhanden. - -14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II. - -15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der -Königin Haitschepsu lautend. - -16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers -Thutmos III. - -17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere -noch nicht wiedererkannt. - -18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen -Sesostris. - -19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. -- Sesostris der -Griechen -- Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses. - -Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von -hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster -Gegenstände, welche derselben Periode angehören. - -Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20. -Dynastie an (1100-1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des -Amon“, der Lokalgottheit Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten. -Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und -Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder -dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende: - -1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang). - -2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang. - -3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter -lang. - -4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang). - -5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter -lang). - -6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der -Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang). - -7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang). - -8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens -Tanhirit. - -9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni. - -10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang). - -11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des -Prinzen Zotptahefanch. - -Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen -lassen. - -Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des -Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die -eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung -aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem -Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische -von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere -mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine -einbalsamierte Gazelle, das Lieblingstier einer der Prinzessinnen, -fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor. - -Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der -oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende -Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk -besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben -den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz -gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise -beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist -bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten -der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden -Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so -reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte, -welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu -öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die -darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten -Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die -Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt, -daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten -der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in -Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den -Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten -Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen -ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die -zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen. -Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren -Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts -anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in -dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk -in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der thebanischen Ebene zu -überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen -Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor -Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone -mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige -drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den -modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer -königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum -in Bulak anzutreten. - -Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die -Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe -königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt -erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen -Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist -auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in -Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten -berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber -als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn -der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien -eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf -und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle. -Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten -wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher -erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige -trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren. - -Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren -durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner -Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber -ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des -Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz -neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und an die -Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige -Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den -Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu -bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß -die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während -des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die -Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr -mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte, -ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die -eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen -zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten -ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie -abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das -ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle -groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und -spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du -tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren -Gastgelagen.“ - -Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung -schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten -Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen -Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen -ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen -Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche -Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren -irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische -Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die -Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die -veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form -und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen. -Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vornehmen, -schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter -von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin -des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder -Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete -ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt -wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß -der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann -gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein -Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu -schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu -feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten -die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden -weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll -Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern -darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um -ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre -Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern -und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden -bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches -zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir -nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich -betreten habe diese Grabeswelt. - -„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe -dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer -des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier -weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle -zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt -vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder -menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand -vermag sich seiner zu erwehren.“ - -Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn -ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte -Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus -ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des -ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des -Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische -freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit -den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende -bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der -Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte -Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen -ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde. - -[Illustration] - - - - -Die großen Ramessiden. - - -Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes -zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in -Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl -hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei -der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris -der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich -publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr -morgens. - -Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe -entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst -den übrigen Mumien königlicher Herkunft aufbewahrt werden, tragen -die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der -äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233, -setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper -wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das -Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem -das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die -Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde -die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine -Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt -war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle -durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden -und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte. -Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist -mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual -vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil -Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben -und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen -befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche -viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte, -deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite -geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein. - -„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter -lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen -Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare, -spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und -bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter -Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der -Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig, -schmal, die Augenbrauen treten im Bogen hervor, das Auge ist klein, -die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht -eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind -hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf -abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der -breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt; -er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem -Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber -weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während -der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten -Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie -das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter -lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken -darauf.“ - -Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche -Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig -intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität, -aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches -noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil -des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat -die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit -beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der -Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme -über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot -gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und -so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und -Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die -Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die -Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in -der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67 -Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben -mußte. - -Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum -eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von -wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem -Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem -orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher -Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man -erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte -Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf -dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter -lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten -Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs -Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der -Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt -Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in -seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin -dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari) -gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung -dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in -seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die -Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern. -Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte -begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen -und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran. - -Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech -durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das -mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen -Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich -endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen -Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott Amon sitzt -auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns, -daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem -Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift -lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes -Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf -daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei -Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste, -aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der -Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war -aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus -verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und -die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden: -das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das -Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ -der Chediw den Saal. - -Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen -und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der -Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine -datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons -und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch -vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge -sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu -einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen. -Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine -Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr -hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen -der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger -hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger -schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber -fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die Höhlung -ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger -vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von -Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen -weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten -Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern -gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne -von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken, -unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große -Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke -des Todes fettleibig. - -Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem -und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt -intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger -breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II. -gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber: -Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an -den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in -schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit -weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es -in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen -Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses -II. gab. - -Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen -in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das -Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege -und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn -unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben -schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden -als merkwürdige Antika betrachtet zu werden. - - - - -Pyramiden mit Inschriften. - - -Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten -Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf -geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang -ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den -ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre -Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren. -Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines -kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen -darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß -ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige -unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer -in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite -her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer -führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von -Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den -größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu -öffnen. - -Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre -Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem -Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten -nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb -weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie -in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem -innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der -königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden -sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus -vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch hoher Wert -zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den -unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen -Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums? - -Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die -eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer -so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit -der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber -beschäftigt. - -Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden, -welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere -Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder -inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der -pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte -der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter -über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des -verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger -Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher -Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden -entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser -Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die -beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten. - -Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen -übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater -der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an -der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch -zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi -Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie -viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau -der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte -1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte -zwanzig Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so -hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048 -Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die -erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine -außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze -Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale -eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist. -Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge -aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt -er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise -ausgesonnen. - -Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor -des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener -Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren -Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das -also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste. -+Mariettes+ Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade -erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen -Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher -den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische -Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser -Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten, -die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie -bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß -dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in -Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie -hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben, -deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer -unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften -bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab -es sich, daß die in Rede stehende Pyramide einem Könige angehöre, -dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca. -3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den -Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide -als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau -als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr -beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner -Zeit gleichlautete. - -Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris -- und zwar -in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach -seiner Landung in Alexandrien überfallen -- fühlte er noch so viel -Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres -Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte -aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten -Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide -durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem -Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines -Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen. - -Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir -uns beide durch die durchbohrte Öffnung -- die Steinblöcke über unsern -Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei -der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen -- -und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die -plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände -des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite -nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein -eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen -Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein -wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer -Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer -Umhüllung beraubte Mumie des Pharao, der sich nach altägyptischer -Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen -lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in -schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des -Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an -einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach -seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf -das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis -der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene -Pyramide gehörte einem Könige an. - -Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten -geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten -königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände -hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen -Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze -dahinter verborgen sein müßten. - -Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die -in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu -durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu -vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten -Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung -von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem -Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes -unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung -unter den Händen der früheren Eröffner. - -Herr +Maspero+, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab, -um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen, -die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen -Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung -zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine -Übertragung ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die -Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne -Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden -Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd -richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen. - -Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache -festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher -gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt -ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte -angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes -hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen -verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die -sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die -ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige -Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen, -Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel -einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen -wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen -hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner -altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln. - -Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder -nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie -sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein -die Bezeichnung „+das Buch+“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit -seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren -und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale -die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst -eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine -ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne -Litteratur im Märchen und Roman zum Durchbruch kam, hielt an dem -unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das -Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte -der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der -Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen, -was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit -der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre -Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen -Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende -Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in -den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name -seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“ -u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein -auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte, -die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern -Privatpersonen zuzuschreiben. - -Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise -zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem -Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu -erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem -Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln -zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten -Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes -ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener -anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in -einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und -Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung, -und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von -eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die -Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben -nach dem Tode in stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies -mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint -darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten -Jenseits. - -Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem -Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten -einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel -des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst -die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden -des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der -Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die -Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“ -bestehen. - -An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und -Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um -durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem -Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen) -Sonnenstadt +On+ gesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem -Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig -die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen -und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um -diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das -Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen, -auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die -Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des -Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen -und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung -der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des -Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“ -(genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der -Götter und Toten -- sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen --- und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste -Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen -Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die -schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an -der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten -der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte. - -Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und -seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus -dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin -auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie -zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott -befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu -einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner -Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es -wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und -sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und -immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine -magischen Wirkungen nicht verfehlt. - -Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es -selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung -kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als -der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise -die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder -Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige -Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen -ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder, -wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach -dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der -Götter und Menschen, Gott +Set+-Typhon, hauste darin, um seine -schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen. -Dagegen war der Leuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt, -durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in -großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen -die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit, +Thot+, -angefangen. - -So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen -philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug -auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt -andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich -auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und -Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten -der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und -die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen -Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die -Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren -Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und -wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den -Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen -Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen -Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“ -zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von -Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken. -Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren, -daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches -Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis -in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner -des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier, -unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln -in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch -keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse -werden der Reihe nach aufgezählt, und neben dem Bier wird der Wein und -die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken -und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und -zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe, -welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten. -Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht. - -Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der -Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten -irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich -auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte -nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten -Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung -zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher -Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen -Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne -je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des -menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet -auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes, -er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert -an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt -sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil, -er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem -gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen -Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart -und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt -abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und -auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein -Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern -Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und -Schützerin alltäglich erstanden. Im jungen Horus verkörperte sich die -Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als -nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes. - -Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den -Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes -Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die -Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du -leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des -Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient -dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein -Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus -gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter -dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt -ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones -des Osiris. -- Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. -- Du -steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung -nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir -die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der -Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er -berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er -setzt dich auf den Thron des Osiris.“ - -In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder -neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen -und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit -des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das -Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der -Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich -zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen -Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter -liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte -durch eine rätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung -zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande, -im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten -vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die -himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum -vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar. -Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte -der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in -den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der -anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am -äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise -der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris -thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am -Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die -Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für -die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit. - -Lange vor dem Dichter Homer, welcher dem Himmelsgewölbe den Beinamen -des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung -geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum. -Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten -und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen, -ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am -Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein -eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller -Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen -den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor -oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten -biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des -Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt -als der Erfinder der Eisenschmiedekunst) setzen für das höchste -Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In -listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die -ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe -nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch -darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten -werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei -religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre -Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. -erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer -zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen -wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in -dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine -Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung -bei Fieberhitze empfohlen wird. - -Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den -ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt -darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig -gefolgt sei. - -Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen -genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so -wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten -ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt -war (~bi-ni-pe~), welches wörtlich so viel als „Wunderding“, -„Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in -den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz -allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter -oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne -Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben. - -Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit -geschenkt, um daran den Nachweis zu führen, welche Bedeutung den -Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit -innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf, -daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird, -bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher -ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der -Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die -Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an -der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist -daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken -ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist -und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das -Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte -eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der -Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten -waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt -worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es -Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem -Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der -Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern -des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten -als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die -Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum -und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern -werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der -Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten, -das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das -Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen -und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals -einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die -Pyramidentexte es nicht verschmäht hatten, mitten in das uralte -Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen -die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen -bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist -unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in -der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern -zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren. - -Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt -der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den -Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch -so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen -Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der -Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß -auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen -klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich -ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von -diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der -ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete -älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine -Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die -weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte, -sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider -Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu -seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht -war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter -des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem -selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die -Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der -beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen. - - - - -Im Faijum. - - -Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von -Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut -deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen -Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert -Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die -winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt -dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen -geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die -gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern -der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung -des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem -Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der -Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500 -v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal -- es ist derselbe, -welcher heute den Namen des Josephskanals trägt -- in das Sandbecken -der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu -befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten. -Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten -lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der -ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen -Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge -der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher -Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen -hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln -und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des -von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an -bis zum Plinius hin ist das klassische Altertum darüber einig, daß -der +Mörissee+ (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte -~meri~ für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes -Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist -heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung -~jom~, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz -Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch -noch im heutigen Ägypten selber bewahrt. - -Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer -Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen -worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche -besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat, -nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung -der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können. -Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von -Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge -eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem -Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach -Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und -daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit -sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande -sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste -Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung -in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur -Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines -künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts -steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen -Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier -Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das -andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar -herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen, -in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Deltagebiet stets ein -erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch -ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten -gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue -Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben -und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen. - -Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der -heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern -die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen -hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten -Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß -es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene -Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das -ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird. - -Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt -desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier -Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis -zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man -besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug -und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich -von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu -überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen -von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische -Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und -„der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi -an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder -unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den -fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt, -man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen, -wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von -dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute -vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so -beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer -Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed, -wo fährst du hin? -- Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der -Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. -- So sei dir Heil auf der Reise -beschieden! -- O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! -- Mein -Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu -haben. -- Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“ -schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander -rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen -zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt -die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko, -denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit -Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse -und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg -öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten -hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende -Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit -einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen -in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen -kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und -wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es -vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden -zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger -Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom -eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur -Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide, -welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide, -beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie -dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose, als -habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu -versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst -seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem -die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres -rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter -tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte -derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König -+Snofru+ nennen, den Vorgänger Königs +Chufu+-Cheops, den -Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie -sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes -genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit -Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen -Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens. - -Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte -der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden -derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer -sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten -Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in -westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die -Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen. -Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken -den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen -Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden -Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit -ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben -und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht -der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum -schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische -Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen -Straßen der Städte noch auf offenen Feldwegen umzusehen, um einem -vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines -Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder -links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der -geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter -ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart -fesselt ihren geistigen Blick. - -Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen -Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen, -dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten -der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich -durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt, -durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch, -Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des -„Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller -Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen -lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der -Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit -vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten -Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten -Faijum bildet. - -Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“ -einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an -dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen -Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege -aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es -sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie, -dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000 -Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der -Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die -Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in -Augenschein zu nehmen. Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die -segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf -die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser -Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne -Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, +Lahun+ -weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er -ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung ~La-hunet~, d. i. -„die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form -in dem Namen des Labyrinths, d. i. ~Lapi-ro-hinet~, „der Tempel -der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom -Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der -Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung, -woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des -ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere -mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber -dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen -Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes -abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz -verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung -gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker -wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe, -allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von -der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige -Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas -halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von -Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn -nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst -poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen -Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen -Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne -betrachtet den Eindruck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe -lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie -Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern -sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen. - -Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem +Bahr-bela-ma+, -welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt -reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke -durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit -verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle -entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte, -welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag, -allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit -üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres -Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer -nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen -die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen -Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen. -Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein -ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens -offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt -ägyptischen bemerkenswert absticht. - -Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich -erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau -mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter -abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der -Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten -Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach -einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen. -Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten -hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche -überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei -Eseljungen sitzen wir endlich im Sattel und haben Gelegenheit, ein -wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten. -Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken -eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns -klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links -von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden -Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die -kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig -neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder -Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist -barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen -den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal, -auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken -- -ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale -- sind in kurzen -Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt -führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern -vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und -lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände -auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am -letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den -Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus, -neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße -dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden -oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen -leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die -über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den -feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen. - -Die Stadt selber, man merkt es ihr an, war weder schön noch ist sie -es jetzt, der echte morgenländische Charakter haftet ihr an, aber -sie scheint sich emporzuringen und ein wenig veredeln zu wollen. -Der Wohlstand hat sich einzelne aus weißen Kalksteinblöcken -zusammengefügte Häuser geschaffen und das in Medineh angesessene -Europäertum, an ihrer Spitze die nie fehlende, überaus thätige, -schaffende und schachernde griechische Kolonie, hat sich auch beim -Bau ihrer Wohnstätten zu europäischen Mustern emporgeschwungen. -Selbst ein Gasthof mit griechischer Firma ist in den letzten Jahren -entstanden, und ich kann versichern, daß Zimmer und Verpflegung mehr -als bloß bescheidenen Ansprüchen genügen. Die eine Seite des Hauses -liegt sogar an einem breiten, aus dem Josephskanal abgeleiteten -Wasserbecken, an dessen Rändern männiglich seine Waschungen vollzieht -und sich ohne Rücksicht auf die vorüberziehenden Straßengänger in -höchster Ungeniertheit unter der Tagessonne badet. Die Bazare der -Stadt sind dunkel und schattig, die ausgelegten Waren vermögen nur den -Eingeborenen anzulocken und die Käufer sind bei weitem anziehender -in ihrem Gebahren beim Kaufen und Feilschen als der Kaufmann und -seine Bude. Da sitzen sechs Bauernweiber auf dem Erdboden vor dem -engen Laden eines Kastenmachers, klatschen in die Hände und singen -Freudenlieder dazu, weil ihr männlicher Beistand soeben den Kauf eines -buntangestrichenen Koffers als Hochzeitsgabe für eines der Weiblein -abgeschlossen hat. Es ist herzerfreuend derartigen Straßenscenen in -unserer verwöhnten Welt zu begegnen, und ich pflege gern stehen zu -bleiben, um den Unterhaltungen dieser ungeschminkten Naturmenschen zu -lauschen. - -Die Leute der Stadt bedienen sich nur bei weiteren Ausflügen des Esels, -seltener des Pferdes als Reittier. Die Einführung des +Karro+ -oder kleinrädrigen Lastwagens, der natürlich als Hauptstraße den -Schienenweg einschlägt, ist jungen Datums, aber geradezu unerhört ist -der Anblick eines zweirädrigen Vehikels, auf welchem ein griechischer -„Bauunternehmer“ seine Besorgungen in und außerhalb der Stadt zu -machen den Vorzug hat. Das Volk auf der Gasse starrt das Wundergefährt -mit großen Augen an und äußert darüber sein wohlbekanntes: „Was Gott -nicht alles geschehen läßt.“ Der Unternehmer zu Wagen ist nicht der -einzige in seiner Art, denn es regt sich mächtig im Faijum und alle -Tage treten neue Schöpfungen zu Tage. Der fruchtbare Boden birgt Gold -in sich und jede Spekulation zur Ausbeutung desselben trägt ihren -reichlichen Gewinn. Sollte man es beispielsweise glauben, daß selbst -mit deutschem Gelde und durch deutsche Unternehmer von Medineh aus neue -Schienenwege in das Innere des Faijum gebaut worden sind? Das Herz -hüpfte mir vor Freude im Leibe, als ich diese Thatsache an Ort und -Stelle von allen Seiten bestätigt fand. - -Die Stadt Medineh, deren Einwohnerzahl mir aus dem Munde des Herrn -Bürgermeisters selber in kürzester Fassung auf 50 -- er meinte -natürlich 50000 damit -- angegeben worden ist, hat wie jede Stadt des -Morgenlandes ihre besonderen Merkwürdigkeiten, die dem ankommenden -wißbegierigen Fremden gern und willig gezeigt werden. Mit Vorliebe -führt man den Wandersmann von draußen nach einer verfallenen Moschee -am andern Ende der Stadt, dorthin, wo die schönste Aussicht ist, von -der ich oben gesprochen habe. Besagtes Gebäude, vor langem von dem -ägyptischen Sultan Kait Bey gegründet, ist mit Hilfe einer Reihe -antiker Marmorsäulen nebst ihren Kapitälen aufgeführt worden, die man -aus der nahegelegenen Ruinenstätte Arsinoe, der griechisch-ägyptischen -Vorgängerin von Medineh, hierher geschleppt hatte. Das wäre allerdings -nichts besonders Merkwürdiges, denn ähnliche Verwendungen antiken -Baumateriales finden sich in sonstigen Städten des Orients vor, das -Merkwürdige vielmehr besteht in einer weißen von grünen Flecken -durchzogenen Marmorsäule und ihrem Gegenüber, deren Farbe ich leider -vergessen habe. Beide Säulen haben die Eigenschaft eines medizinischen -Wunders. Man höre nur. Die Säule Nr. 1, an deren Fuße eine Menge -frisch ausgedrückter Limonen liegen, zeigte bis auf 4 Fuß Höhe eine -dicke Kruste heruntergelaufenen Menschenblutes. Auf meine Frage nach -dem Ursprunge dieses edlen Saftes wurde mir von meinen sämtlichen -mohammedanischen Begleitern die verbürgte Erklärung gegeben, daß -jene Säule bis zur Stunde die Eigenschaft besitze, jede Art innerer -Krankheiten zu heilen. Das Rezept sei folgendes: Man zerdrücke an der -Säule eine Limone und lecke so lange auf der benetzten Fläche, bis das -klare Blut aus der Zunge an dem Marmor entlang läuft. Die Krankheit -weiche danach sofort, wie tausendfältige Kuren bewiesen hätten. Weniger -anstrengend ist die Kur an der Säule Nr. 2. Wer von Gliederschmerzen -und Rheumatismus geplagt sei, lege den Rücken an die Säule, reibe -ihn ein paarmal daran und -- ~probatum est~, die Heilung sei -augenblicklich vollbracht. Ich lobte und dankte Gott mit den Gläubigen -des Propheten und hütete mich wohlweislich, auch nur den mindesten -Zweifel an der Heilkraft der beiden medizinischen Säulen auszusprechen. - -Die heutige Stadt Medineh an den Wassern des Josephkanals ist die -modernste Auflage ihrer älteren und ältesten Vorgängerin Krokodilopolis -oder „der Krokodilstadt“, die einer der Ptolemäer nach dem Namen -seiner Schwester in Arsinoe umtaufte. Die älteste Stadt befand sich -etwa eine halbe Stunde nördlich von dem heutigen Orte, die folgenden -Ansiedlungen aus den Zeiten der späteren Pharaonen, der Perser, -Griechen, Römer, Kopten und Araber bauten sich in der Richtung nach -Süden bis in die Nähe des jetzigen Medineh auf. Die Trümmerstätte -aller dieser untergegangenen Städte mit ihren Tempeln, Wohngebäuden, -öffentlichen Werken, Säulen, Statuen und allen Erzeugnissen der Kunst -und Industrie bis zu den beschriebenen Papyri hin, ist heutzutage von -mächtigem Umfang. Ich brauchte volle anderthalb Stunden, um sie in -ziemlich schnellem Schritte zu umgehen. Nicht weniger als dreizehn -hohe Berge von Schutthaufen, von denen ein jeder seinen eigenen -Namen bei den Einwohnern von Medineh führt, erheben sich auf dem -mit Scherben und Bauresten bedeckten Boden der Vorzeit und täglich -treten neue Funde zu Tage, welche der Zufall oder Ausgrabungen -aufdecken. Der Handel mit Altertümern ist daher an Ort und Stelle -in Schwung und ich darf mit vollem Rechte behaupten, daß sogar der -größte Teil der in den Hauptstädten Ägyptens, besonders in Kairo -und Alexandrien, feilgebotenen Antiken, vor allem in Töpferware -und Papyri, seinen Ursprung aus dieser Ruinenstätte herleitet. Daß -seltsame Verwechselungen bei der Abschätzung der gewonnenen Funde -vorkommen, mag folgendes Beispiel lehren. Bei meinem Besuche der -Ruinen näherten sich meiner Person zwei wohlgekleidete Bürger in -langem Kaftan und weißem Turban, von denen der jüngere in seiner Hand -einen zierlich in ein weißes Tuch eingewickelten Gegenstand trug. Nach -gegenseitiger Begrüßung machten sie mir den Vorschlag, gegen eine -Barzahlung von 10 Pfund Sterling in Gold, das sind 200 Mark, eine in -ihrem Besitze befindliche höchst wertvolle Antike zu erwerben. Es -fehlte wenig, daß ich in ein helles Lachen ausgebrochen wäre, nachdem -es sich herausstellte, daß der teure Schatz aus ältester Vorzeit -nichts mehr und nichts weniger als die Hälfte eines zerbrochenen -kleinen Porzellanengels war, wie man ihn auf unsern Jahrmärkten für -10 Pfennige erstehen kann. Ich bedauerte mit verbindlichstem Danke -keine Verwendung für das seltene Kleinod zu haben und wir segneten -uns beim gegenseitigen Abschied voneinander. Derartigen Mißgriffen -begegnet man häufig bei den Eingeborenen, ohne daß man bei ihnen -beabsichtigte Täuschung voraussetzen dürfte. Es fehlt ihnen aber jede -Vorbildung, um den Unterschied zwischen Altem und Modernem heraus zu -erkennen, sobald es sich um Gegenstände außerhalb ihrer gewöhnlichen -Anschauungssphäre handelt. Da lobe ich mir Meister +Mahmud+ in -der ehrsamen Stadt Medineh, den lustigsten aller Antiquare, den ich -je in der Welt gesehen. Sein Haus, inmitten der Stadt gelegen, ist -eine wahre Fundgrube für den Altertumsforscher, denn alles, was dem -Bauernvolke und den Städtern auf der weit ausgedehnten Ruinenstätte -an Antiken in die Hände fällt, wandert sofort in das Museum Meisters -+Mahmud+. Es ist wahr, der biedere Mann kann weder schreiben noch -lesen, aber er hat einen ausgezeichneten Kennerblick für das Echte -und Gute und hält die ganze ägyptische Mythologie wie am Schnürchen. -Freilich hat er sich seine eigene Terminologie zurechtgelegt, aber -man versteht sie, sobald man nur eine halbe Stunde mit ihm verkehrt -hat. Allerdings sind seine Sammlungen nicht geordnet, denn die Antiken -bedecken haufenweise den Fußboden und die langen Tischbretter, aber -er weiß die Hauptsachen mit seinen zwickernden Augen zu finden und -herauszufischen und den uneingeweihten Reisenden nebenbei durch sein -scheinbar unverfängliches Wesen arg zu täuschen. Zwischen den echten -Dingen blenden wunderbar glänzende Nachahmungen durch ihre seltsamen -Darstellungen in Begleitung uralter Königsnamen und gerade für diese -Werke der modern arabischen Kunstfertigkeit findet Mahmud die meisten -Abnehmer zu den höchsten Preisen. Natürlich giebt er vor, nichts -darüber zu wissen, aber er verrät sich selber, denn ein schelmisches -Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er einen willigen Käufer gefunden zu -haben glaubt. Das gehört einmal zum Leben der Großstadt, zu welcher das -moderne Arsinoe emporzusteigen ganz ernste Anläufe nimmt. Wie wäre es -z. B. sonst möglich, daß über vielen Kaufläden und Hausthüren Schilder -mit Namen und Titeln prangen, die neben dem Arabischen die Umschrift -und Übersetzung in das Französische und Englische erkennen lassen, -obgleich ich keinen einzigen Franzosen und Engländer, nicht einmal -eine englische Rotjacke, in Medineh zu Gesicht bekommen habe. Offenbar -bereitet man sich für die Zukunft vor, ohne sich vorläufig weder für -den einen, noch für den anderen zu entscheiden. - -Es hält schwer in der ersten Nacht seines Weilens in Medineh sich -eines ruhigen Schlafes zu erfreuen, denn die Wasser rauschen, die -Schöpfräder knarren, die Hunde bellen und die Wächter führen so laute -Unterhaltungen vor den Häusern, daß es ein wahres Kunststück ist, -die Augen in den ersten Stunden der Nacht schließen zu können. Die -nächtliche Kühle macht sich hier mehr als sonst in dem Lande der -Ägypter fühlbar und es empfiehlt sich daher, sich durch warme Decken -zu schützen. Das Klima ist im übrigen vorzüglich, die Sommerhitze -nicht übermäßig stark und die heißen Südwinde, die sogenannten -Chamsin, sind ein unbekanntes Ding. Haben die Leute von Stande, mit -denen ich zu verkehren Gelegenheit fand, wahr geredet, so wären -ansteckende Krankheiten, wie Cholera und Pest, niemals in das Faijum -eingezogen. Ob auch die Influenza vor Illahun Halt gemacht hat, -habe ich nicht erfahren können, obgleich sie im ganzen Nilthale, -wenn auch in milder Form, vorläufig wenigstens, bei Jung und Alt -aufgetreten ist. Rechnet man noch die Rosengärten, Weinberge und -Obstbaumanpflanzungen zu den Wohlthaten der menschlichen Existenz, -so ließe es sich im Faijum herrlich und in Freuden leben. Vorläufig -hat der Zug der Reisenden sich bisher wenig nach dem Faijum gelenkt. -Gewöhnlich sind es die Jagdliebhaber, welche die Richtung über Medineh -nach dem Hörnersee einschlagen, um Hyänen, Schakale, Luchse, wilde -Katzen oder sonstiges Raubzeug zu schießen, oder auf Wasservögel zu -jagen und die wohlschmeckenden Fische im See zu fangen, die mit den -Nilfischen keinerlei Verwandtschaft zeigen sollen. Soll ich vollständig -in meinem Berichte über das Faijum sein, so darf ich nicht vergessen, -daß sogar die Aussprache des Arabischen für mein Gehör dialektische -Verschiedenheiten von der Kairenser Sprache darbietet und daß, nebenbei -bemerkt, die Bewohner des Faijum sich einer Redefülle befleißigen, die -mit frommen und erbaulichen Phrasen gespickt ist. In den Gebräuchen -bei öffentlichen Aufzügen, wie bei Hochzeiten, Beschneidungen und -Bestattungen offenbaren sich gleichfalls Verschiedenheiten von den -Sitten bei den übrigen Ägyptern. Alles in allem lohnt es sich, einen -Abstecher nach dem Faijum von Kairo aus zu unternehmen, um sich von -der Eigenart dieser Oase und ihrer Bewohner durch den Augenschein zu -überzeugen. Wer den Versuch machen will, wird sich reichlich belohnt -fühlen, doch vergesse er nicht, sich mit ausreichenden Geldmitteln zu -versehen. Auch im Faijum giebt es keine billige Zeit mehr und an den -gesegneten Ufern des Josephskanals kennt man so gut wie in Kairo nur -hohe und höchste Preise. Der Fremde ist eben nur dazu da, um weidlich -ausgeplündert zu werden. - -Bei meiner Abreise von Medineh genoß ich auf einer Bank vor -dem bescheidenen Bahnhofsgebäude sitzend, noch eines rührenden -Schauspieles. Der Zug wurde in fünf Minuten erwartet und das -einheimische Volk mit seinen Bündeln auf dem Rücken belagerte -bereits die Eingangsthür des hölzernen Gitterverschlages. Da saßen -in gemächlicher Ruhe sechs tief verhüllte Weiber auf dem staubigen -Boden mitten zwischen den Schienen, auf welchen der erwartete Zug in -der nächsten Minute eintreffen sollte, scheinbar unbekümmert um ihr -nächstes Schicksal. Zum Glück bemerkte ein Wärter noch rechtzeitig -das Gefahrdrohende ihrer Lage. „O ihr Weiber,“ herrschte er sie mit -keifender Stimme an, „steht auf, steht auf, denn der Zug wird gleich da -sein.“ -- „Darum sitzen wir hier, um ihn nicht zu versäumen,“ erwiderte -eine der verhüllten Schönen. Das Pfeifen der bereits heranbrausenden -Lokomotive belehrte sie eines Besseren, sie räumten eiligst das Feld -und der Zug zog langsam in die kleine Halle ein. Ich drückte mein -Erstaunen über die unglaubliche Bahnfreiheit dem Herrn Inspektor -aus. Mit aller Ruhe gab er mir die trostreiche Antwort zurück: „Es -schadet dir ja nichts, mein Herr, und was willst du, die Weiber sind -eben wie das liebe Vieh, das die Gefahr erst merkt, wenn sie ihnen -vor der Nase steht. Und Gott ist barmherzig. Wir haben bisher kein -Unglück zu beklagen gehabt.“ Mir ging die Sache über den Spaß, ich -drehte den rauschenden Wassern den Rücken zu, bestieg mein Coupé, in -welchem ein zerlumpter Junge mit einem Flederwisch die Staubdecke von -den Lederkissen säuberte, und empfahl meine Seele dem Allerbarmer. -Glücklich und wohlbewahrt langte ich mit geschwärztem Gesicht abends 7 -Uhr pünktlich auf dem Bahnhofe Bulak ed-dakrur auf der linken Nilseite -in der Chalifenstadt an. - - -Ende. - - - - -Helios-Klassiker-Ausgaben. - - - ~L.~ = biegsamer Leinenband. - ~Ld.~ = biegsamer Lederband mit Goldschnitt. - - =Börnes= gesammelte Schriften. 3 Bände. ~L.~ M. 5.-- - - =Byrons= sämtliche Werke. 3 Bände ~L.~ M. 5.-- - - =Chamissos= sämtl. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - -- poetische und erzählende Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.25. - - =Eichendorffs= ges. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.--, ~Ld.~ M. 7.-- - - =Gaudys= ausgewählte Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50. - - =Geibels= ausgew. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - =Goethes= Werke in 4 Hauptbänden. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - Preis der Ergänzungsbände (bisher 4 erschienen) in ~L.~ je M. - 1.25, in ~Ld.~ je M. 3.50. - - =Grabbes= sämtliche Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50. - - =Grillparzers= sämtl. Werke. 3 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.-- - - =Hauffs= sämtliche Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.--, ~Ld.~ M. 8.-- - - =Hebbels= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - 2 Ergänzungs-Bände. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - =Heines= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - =Herders= ausgewählte Werke. 3 Bände. ~L.~ M. 5.-- - - =Kleists= sämtliche Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.50, ~Ld.~ M. 3.75. - - =Körners= sämtliche Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.40, ~Ld.~ M. 3.50. - - =Lenaus= sämtliche Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.50, ~Ld.~ M. 3.75. - - =Lessings= Werke. 3 Bände. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.-- - - -- poetische und dramatische Werke. 1 Band. ~L.~ M. 1.75. - - =Longfellows= sämtliche poetische Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50. - - =Ludwigs= ausgewählte Werke. 1 Bd. ~L.~ M. 1.75, ~Ld.~ M. 4.-- - - =Miltons= poetische Werke. 1 Band. ~L.~ M. 2.-- - - =Molières= sämtliche Werke. 2 Bände. ~L.~ M. 3.50. - - =Mörikes= sämtliche Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - =Reuters= sämtliche Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 6.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - -- ausgewählte Werke. 2 Bände ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 8.-- - - =Rückerts= ausgew. Werke. 3 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 10.-- - - =Schillers= sämtl. Werke. 4 Hauptbde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - -- -- 4 Hauptbde. u. 2 Ergänz.-Bde. ~L.~ M. 7.50, ~Ld.~ M. 20.-- - - =Shakespeares= sämtl. dram. Werke. 4 Bde. ~L.~ M. 5.--, ~Ld.~ M. 14.-- - - =Stifters= ausgew. Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 3.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - =Uhlands= gesammelte Werke. 2 Bde. ~L.~ M. 2.50, ~Ld.~ M. 7.-- - - - - -Aus Ph. Reclams Universal-Bibliothek. - -Preis jeder Nummer 20 Pfennig. - - - =Alt=, Das Klima. Nr. 5431/32. Geb. 80 Pf. In Leder oder Pergament M. - 1.80. - - =Brugsch-Pascha=, Aus dem Morgenlande. Altes und Neues. Nr. 3151/52. - Geb. 80 Pf. - - =Fallmerayer=, Der heilige Berg Athos. Schilderung. Nr. 5048. - - =Forster=, Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, Holland, - England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790. Nr. 4729/30. - 4731/32. 4733/34. Zusammen geb. M. 1.75. - - =Günther=, Geschichte der Naturwissenschaften. Nr. 5069/70. 5071-74. - Zus. geb. M. 1.50. In Leder oder Pergament M. 3.--. - - =Haeckel=, Natur und Mensch. Nr. 5404/5. Geb. 80 Pf. In Leder oder - Pergament M. 1.80. - - =Humboldt=, Ansichten der Natur. Nr. 2948-50. Geb. M. 1.--. - - =Katscher=, Aus China. Skizzen u. Bilder. Nr. 2256. 4131. - - =Kennan=, Zeltleben in Sibirien und Abenteuer bei den Korjäken und - anderen Stämmen Kamtschatkas und Nordasiens. Nr. 2795-97. Geb. M. - 1.--. - - -- Sibirien. Schilderungen. Nr. 2741/42. 2775/76. 2883. Geb. M. 1.50. - - -- Russische Gefängnisse. Schilderungen. Nr. 2924. Geb. 60 Pf. - - =Pahde=, Meereskunde. Nr. 5632-34. Geb. M. 1.--. In Leder oder - Pergament M. 2--. - - =Stanley=, Wie ich Livingstone fand. Reisen, Abenteuer und - Entdeckungen in Zentral-Afrika. Mit einer Karte. Nr. 2909-13. Geb. M. - 1.50. - - =Wieleitner=, Schnee und Eis der Erde. Nr. 5521-23. Geb. M. 1.--. In - Leder oder Pergament M. 2.--. - - =Woenig=, Am Nil. Bilder aus der Kulturgeschichte des alten Ägyptens - 3000-1000 v. Chr. Nr. 2888. 3084. 3837. - - -- „Hej, die Pußta!“ Bilder aus der ungarischen Tiefebene. Nr. 3633. - - - - -Reclams Universum - - -Moderne illustrierte Wochenschrift - - Reicher Inhalt und vornehme Ausstattung haben Reclams Universum - zu der anerkannten Lieblingszeitschrift der gebildeten - Gesellschaftskreise des In- und Auslandes gemacht! Reclams Universum - bietet seinen Lesern neben spannenden Romanen und Novellen erster - Autoren und interessanten illustrierten Artikeln aus allen - Wissensgebieten eine aktuelle reich illustrierte Weltrundschau, - ferner drei wertvolle Beilagen: „Für unsere Frauen“ -- „Wissen und - Leben“ -- „Romanbibliothek“ und prachtvolle zum Teil mehrfarbige - Kunstblätter. - - -Vierteljahrspreis - -ohne Zustellungsgebühr für 13 Hefte in Deutschland 4 Mk. Bei -Kreuzbandsendung nach den übrigen Ländern einschl. Porto 8 Mk. Die auf -feinstes Papier gedruckte Luxusausgabe kostet ohne Zustellungsgebühr -vierteljährlich 6 Mk. - -Probehefte geg. Einsend. von 20 Pf. Porto direkt vom Verlag von Philipp -Reclam jun. in Leipzig - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Brugsch - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE *** - -***** This file should be named 60501-0.txt or 60501-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/0/60501/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. 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Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/60501-0.zip b/old/60501-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 522ec2f..0000000 --- a/old/60501-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h.zip b/old/60501-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index 03c3799..0000000 --- a/old/60501-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/60501-h.htm b/old/60501-h/60501-h.htm deleted file mode 100644 index caf1338..0000000 --- a/old/60501-h/60501-h.htm +++ /dev/null @@ -1,8084 +0,0 @@ -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - <head> - <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8" /> - <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - <title> - The Project Gutenberg eBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Ferdinand Karl Brugsch. - </title> - <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> - <style type="text/css"> - -body { - margin-left: 10%; 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You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Aus dem Morgenlande - Altes und Neues - -Author: Heinrich Brugsch - -Annotator: Ludwig Pietsch - -Release Date: October 15, 2019 [EBook #60501] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> - -<p class="s3 center"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></p> - -<p class="p0">Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe so -weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische Fehler -wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und altertümliche -Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert. -Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, wenn diese im Text -mehrmals auftreten.</p> - -<p class="p0">Im Abschnitt ‚<a href="#Die_aelteste_Rechenkunst">Die älteste Rechenkunst</a>‘ wurden -zwei der angeführten -Zahlenverhältnisse sinngemäß korrigiert. Der Übersichtlichkeit -halber wurde das <a href="#Inhaltsverzeichnis">Inhaltsverzeichnis</a> an den Anfang des Texts, die -Buchwerbung ‚<a href="#Helios_Klassiker_Ausgaben">Helios-Klassiker-Ausgaben</a>‘ dagegen an das Ende des Buches -verschoben.</p> - -<p class="p0">Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Passagen -in <span class="antiqua">Antiquaschrift</span> werden im vorliegenden -Text kursiv dargestellt. <span class="nohtml">Abhängig von der im -jeweiligen Lesegerät installierten Schriftart können die im Original -<em class="gesperrt">gesperrt</em> gedruckten Passagen gesperrt, in -serifenloser Schrift, oder aber sowohl serifenlos als auch gesperrt -erscheinen.</span></p> - -</div> - -<div class="figcenter break-before"> - <a id="frontispiz" name="frontispiz"> - <img class="mtop1" src="images/frontispiz.jpg" - alt="" /></a> - <p class="s3 center">Heinrich Brugsch-Pascha.</p> -</div> - -<div class="titel"> - -<h1 class="mtop3">Aus dem Morgenlande.</h1> - -<p class="s3 center mtop2">Altes und Neues</p> - -<p class="s4 center mtop2">von</p> - -<p class="s3 center mtop2">Prof. <span class="antiqua">Dr.</span> H. -Brugsch-Pascha.</p> - -<p class="s5 center mtop3">Mit einer Lebensbeschreibung des Verfassers</p> - -<p class="s5 center mtop1">von</p> - -<p class="s4 center mtop1">Ludwig Pietsch.</p> - -<p class="s5 center mtop3">Mit Porträt und 7 Abbildungen.</p> - -<hr class="titel" /> - -<p class="s3 center">Leipzig</p> - -<p class="s4 center mtop1">Druck und Verlag von Philipp Reclam jun.</p> - -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="s4 center mtop3 mbot2 padtop3"><b>Aus dem Morgenlande.</b></p> - -<hr class="r5" /> - -<h2 class="nopad" id="Inhaltsverzeichnis"><span class="s5">Inhaltsverzeichnis.</span></h2> - -</div> - -<table summary="Inhaltsverzeichnis"> - <tr> - <td class="vat s5"> - - </td> - <td class="vab s5"> - <div class="right">Seite</div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Heinrich Brugsch-Pascha. Von Ludwig Pietsch - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Heinrich_Brugsch-Pascha">5</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td colspan="2"> - <hr class="r10" /> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die Symbolik der Farben - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_Symbolik_der_Farben">13</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die älteste Rechenkunst - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_aelteste_Rechenkunst">25</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der Hypnotismus bei den Alten - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Der_Hypnotismus_bei_den_Alten">43</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Litteraten zur Moseszeit - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Litteraten_zur_Moseszeit">53</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Zur ältesten Zeitrechnung - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zur_aeltesten_Zeitrechnung">62</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die sieben Hungerjahre - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_sieben_Hungerjahre">75</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Zur ältesten Geschichte des Goldes - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Zur_aeltesten_Geschichte_des_Goldes">90</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Feier der Grundsteinlegungen in ältester Zeit - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Feier_der_Grundsteinlegungen_in_aeltester_Zeit">101</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Eine Blitzstudie - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Eine_Blitzstudie">128</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Der große königliche Gräberfund - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Der_grosse_koenigliche_Graeberfund">140</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Die großen Ramessiden - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Die_grossen_Ramessiden">170</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Pyramiden mit Inschriften - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Pyramiden_mit_Inschriften">176</a></div> - </td> - </tr> - <tr> - <td class="vat"> - Im Faijum - </td> - <td class="vab"> - <div class="right"><a href="#Im_Faijum">192</a></div> - </td> - </tr> -</table> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Heinrich_Brugsch-Pascha">Heinrich Brugsch-Pascha.</h2> - -</div> - -<p>Das physiologische Kapitel von den geistigen Anlagen und der Vererbung -ist, trotzdem wir in unserem Wissen von der Natur so herrlich weit -gekommen sind, noch immer ein so dunkles und geheimnisvolles, wie je in -früheren „dunkeln“ Zeiten. Wie kam der Knabe, welcher am 18. Februar -1827 zu Berlin dem braven Unteroffizier bei den Garde-Ulanen, Brugsch, -geboren wurde, dazu, während seine großen geistigen Fähigkeiten fast -noch unerweckt und von anderen kaum geahnt in seiner Seele ruhten, -als er noch die mittleren Klassen des Kölnischen Gymnasiums besuchte, -plötzlich von einer alles andere zurückdrängenden Leidenschaft für -die Geschichte, die Kunst und Schriftwerke des alten Pharaonenlandes -ergriffen zu werden? Es war, als ob eine ganz besondere Anlage -gerade für diesen Zweig der Altertumswissenschaft in ihn gelegt -gewesen wäre. Die erste Lektüre des Abschnittes über Ägypten im alten -Herodot, welchen der des Griechischen noch nicht mächtig gewordene -dreizehnjährige Schüler in deutscher Übersetzung zufällig zu lesen -bekam, entschied über sein ganzes ferners Leben und Streben. Ein -heißes Verlangen, sich über alles, was jenes alte Wunderland am Nil -betraf, zu unterrichten, ergriff ihn. Er gab Unterrichtsstunden an -andere Schüler, um sich die Mittel zu verschaffen, sich Bücher über -Ägypten zu erwerben. Die Königliche Sammlung ägyptischer Altertümer, -die damals noch in dem, heute vom Hohenzollernmuseum eingenommenen, -Schloßpavillon von Monbijou aufgestellt war, wurde der letzte -Aufenthalt des Schülers. Sein ernster Eifer und seine Begeisterung für -diese Denkmale machte den Direktor der Sammlung, Prof. Passalacqua, auf -ihn aufmerksam. Er suchte den jungen Brugsch in seinen Bestrebungen -zu<span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span> fördern; lehrte ihn die Arbeiten Champolions, die Entzifferung der -Hieroglyphenschrift und deren Grammatik, kennen. Mit dieser vertraut -geworden, warf Brugsch sich auf das Studium der demotischen, d. h. der -altägyptischen Volkssprache und Schrift, mit gleicher Leidenschaft. -Bald lernte er diese Zeichen auf Steininschriften und Papyrusresten -lesen und entziffern. Ja noch als Schüler des Gymnasiums verfaßte er -eine Grammatik der demotischen Sprache der alten Ägypter. Alexander -von Humboldt, der hochherzige Förderer aller geistigen Bestrebungen, -unterstützte den jugendlichen Gelehrten mit den zur Herausgabe -dieser Arbeit erforderlichen Geldmitteln. Wenn Lepsius, der Berliner -Ägyptologe, ein abfälliges Urteil über dieselbe abgegeben haben soll, -so fand sie dafür in Paris eine desto ehrenvollere Aufnahme. Eine -der ersten Autoritäten, Vicomte E. de Rougé, spendete dem Werk des -jungen Deutschen die wärmste Anerkennung. Vor seinen Lehrern hatte -dieser merkwürdige Gymnasiast jene Studien und Arbeiten vollständig -geheim zu halten gewußt. Sie sahen ihn nur besonders auf den -Gebieten der Sprachen, der Geschichte, Geographie, Mathematik und -Naturwissenschaften während dieser Zeit überraschend schnelle glänzende -Fortschritte machen, ohne zu ahnen, welche Bedeutung er durch eigene -Kraft, heimlich studierend und arbeitend, in der Specialwissenschaft -der ägyptischen Altertumskunde erworben hatte. Das Glück gesellte sich -dem Talent und dem Fleiß. Direktor Passalacqua machte Friedrich Wilhelm -IV. auf Brugsch und seine Arbeiten aufmerksam. Der König gewährte ihm -ein reiches Stipendium, um seinen Universitätsstudien obzuliegen, -und nach deren Absolvierung eine neue königliche Unterstützung, um -seinen sehnsüchtigsten Wunsch zu erfüllen, Ägypten zu bereisen und -die gewaltigen Denkmale der Pharaonenzeit in ihrer Heimat mit eigenen -Augen zu sehen und zu studieren. Im Jahre 1852 trat Brugsch diese -Reise an. Er hatte das Glück, in Kairo die Bekanntschaft des berühmten -französischen Ägyptologen <em class="gesperrt">Mariette-Bey</em> zu machen, der damals -eben in der Nähe des Dorfes Sakkarah bei der ungeheuern Totenstadt -der Hauptstadt des alten Reiches, Memphis, die Ausgrabung des dort -entdeckten grandiosen unterirdischen Felsengrabes mit den kolossalen -schwarzen Granitsarkophagen der heiligen Apisstiere leitete. Dabei -wurde auch eine außerordentliche Menge demotischer Inschrifttexte ans -Licht gefördert, welche dem Scharfsinn und dem gelehrten Wissen des -deutschen For<span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span>schers reichen Anlaß zur glänzenden Bethätigung bei ihrer -Entzifferung boten.</p> - -<p>Acht Monate verweilte er dort in der Gesellschaft Mariettes und widmete -sich mit voller Hingebung diesen für die altägyptische Sprach-, -Geschichts- und Landeskunde unschätzbar wichtig gewordenen Arbeiten. -Erst dann setzte er seine Studienreise nach Oberägypten zu den anderen -Tempelpalästen, den Denkmalen und Felsengräbern am Wüstenrande des -Nilthales fort. — Zwei Jahre lang hatte ihn dieser ägyptische -Aufenthalt von der Heimat fern gehalten. Nach Berlin im Jahre 1854 -zurückgekehrt, wurde Brugsch vom Könige und Alexander von Humboldt in -jeder Weise ausgezeichnet. Er habilitierte sich als Privatdocent an -der Universität, und es fehlte ihm nicht an begabten Schülern, welche -sein Werk erfolgreich fortgesetzt haben. Seine Studien arbeitete er -zu einem großen historisch-geographischen Werk über das alte Ägypten -der Pharaonenzeit aus. Noch eine zweite Reise dorthin unternahm er -nicht lange nach jener ersten. Diesmal machte er die Nilfahrt nach -Oberägypten auf einem viceköniglichen Dampfer in Gesellschaft seines -Freundes Mariette, der eben damals mit der Begründung des ägyptischen -Museums zu Bulak bei Kairo beschäftigt war. Durch Humboldt warm -empfohlen, machte Brugsch damals die persönliche Bekanntschaft des -Chedive Said-Pascha, der ihm die Mittel zur Herausgabe seines ersten -französisch geschriebenen Versuchs einer Geschichte Ägyptens gab. Diese -von ihm veröffentlichte „<span class="antiqua">Histoire d’Égypte</span>“ ist die Grundlage -seines späteren 1879 erschienenen umfassenden Werkes „Geschichte -Ägyptens unter den Pharaonen“ geworden. — Den wieder Heimgekehrten -trafen herbe Schicksalsschläge. Sein Vater starb, und dieser Tod legte -dem Sohne die Pflicht der Sorge für eine geliebte Mutter und einen -fünfzehn Jahre jüngeren Bruder auf. Ein Jahr später schied auch sein -hochherziger greiser Gönner Alexander von Humboldt aus dem Leben, und -der königliche Schützer und Förderer des Gelehrten, dessen besondere -Wissenschaft nicht zu denen gehört, welche ihren Jüngern als reichlich -melkende Kühe dienen können, verfiel jener schweren unheilbaren -Gehirnkrankheit, die seinen reichen Geist für immer in Nacht hüllte und -ihn stumpf und tot für alles geistige Leben um ihn herum machte. Es kam -eine schwere Zeit für den Schützling des unglücklichen Monarchen....</p> - -<p>In ganz ungeahnter Weise sollte Brugsch aus diesem engen<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> sorgen- und -mühevollen Leben in der Heimat herausgerissen werden. Er nahm eine -Einladung des ihm wohlwollenden Herrn von Minutoli an, ihn auf seiner -Gesandtschaftsreise nach Teheran zum Schah von Persien zu begleiten. -Jener erlag auf derselben einer tödlichen Krankheit. Brugsch trotzte -glücklich allen Anstrengungen und Gefahren dieser Reise, von deren -Verlauf sein 1862 veröffentlichtes Buch: „Die Reise der preußischen -Gesandtschaft nach Persien“ ein getreues fesselndes Bild giebt. Der -anscheinend mit seinem ganzen Denken der Gegenwart abgewendete, auf -die Beschäftigung mit einer seit Jahrtausenden versunkenen Welt und -Kultur sich konzentrierende Gelehrte war durch die Verhältnisse -in eine praktische, halb diplomatische Thätigkeit hineingedrängt -worden. Dem von Persien unbefriedigt Zurückgekehrten wurde von der -preußischen Regierung die Stelle eines Konsuls in Kairo angeboten, -und er nahm sie in der Hoffnung an, so die beste Gelegenheit zur -Fortsetzung seiner ägyptischen Studien zu erhalten. Aber bald mußte -er die Unmöglichkeit erkennen, zugleich zweien Herren zu dienen, der -reinen Wissenschaft und den Konsulatsamtspflichten. Letztere nahmen -seine ganze Zeit in Anspruch; um so mehr als gerade damals (1865) die -verheerende Choleraepidemie und eine furchtbare Teuerung ausbrachen. -Die großen Schwierigkeiten seiner Stellung wurden dadurch aufs -äußerste gesteigert. Er hatte den schlimmsten Gefahren tapfer Stand -gehalten. Aber die Konsulatsthätigkeit war ihm gründlich verleidet. -Er legte sein Amt nieder mit der Absicht, dauernd in Frankreich -seinen Wohnsitz aufzuschlagen, da sich im Vaterlande für seine -wissenschaftliche Kraft keine Verwendung zu finden schien. In Paris -fand er desto schmeichelhafteres Entgegenkommen. Aber gerade damals -erging an Brugsch die Königliche Berufung an die Universität Göttingen -als ordentlicher Professor. Nun endlich konnte er wieder seine streng -wissenschaftlichen Arbeiten aufnehmen. Die Lehrthätigkeit, welche -er mit großem Erfolge, eine Schar von Hörern um sich versammelnd, -übte, ging damit Hand in Hand. Dort hat er 1868 das großartige Werk -seines Wörterbuchs der demotischen und der Hieroglyphenschrift der -alten Ägypter vollendet, das vier Bände umfaßt, welche er seitdem -noch durch drei Supplementbände ergänzt hat. — Aber langes ruhiges -Verharren in derselben Stellung ist ihm niemals beschieden gewesen. -Sein ganzes reiches Leben zeigt einen beständigen Wechsel des Orts, -der Stellung, der Thätigkeit. In<span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span> demselben Jahr 1868 erging an ihn -eine Einladung des damaligen Chedive von Ägypten, Ismael Pascha, nach -Kairo zurückzukehren und in ägyptische Dienste zu treten, um in seiner -herrlichen Hauptstadt eine ägyptische Akademie ins Leben zu rufen, -zu organisieren und zu leiten. Mit Königlicher Bewilligung verließ -Brugsch, auf welchen das Nilland immer wieder seinen alten Zauber, -seine unwiderstehliche Anziehungskraft ausübte, Göttingen und folgte -dem verlockenden Ruf. Seine Bemühungen, die Absicht und Idee Ismael -Paschas zu realisieren, blieben nicht erfolglos. Das folgende Jahr des -höchsten Glanzes der Regierung des Chedive, das Jahr der Eröffnung -des Suezkanals im Beisein der Souveräne und aller glänzendsten -Repräsentanten der Bildung und des Geistes Europas und Amerikas, führte -Brugsch auf ägyptischem Boden in mannigfache persönliche Beziehungen -zu jenen erlauchten Gästen. Wurde es auch durch nicht eben lautere -Mittel verhindert, daß er, der wie kein Zweiter für eine solche Aufgabe -berufen und geeignet war, unseren Kronprinzen auf seiner Nilfahrt -nach Oberägypten als sachkundigster Führer durch jene Wunderwelt der -altpharaonischen Riesendenkmäler begleitete, so ward ihm dafür die -Genugthuung, sich eingeladen zu sehen, den Kaiser von Österreich zu -der und durch die Nekropole des alten Memphis mit ihren Pyramiden und -Grabtempeln zu geleiten. An ehrenden Auszeichnungen für die hohen -wissenschaftlichen Verdienste seines Führers ließ Kaiser Franz Josef -es nicht fehlen. Wie des Vaters Gunst, so wurde dem Gelehrten später -auch die des Sohnes, des Kronprinzen Rudolf, im vollen Maß zu teil. -Auf dessen Reise nach Oberägypten im Jahre 1881 hat Brugsch ihn auf -die dringende Einladung des liebenswürdigen Prinzen als Führer und -Dolmetscher begleitet. Uns Deutschen, die wir durch das große Ereignis -der Eröffnung des Suezkanals nach Ägypten geführt worden waren, erwies -sich unser berühmter Landsmann, in seiner hochangesehenen, wichtigen -Stellung im ägyptischen Staatsdienst allzeit hilfreich, förderlich und -dienstbereit. Er öffnete uns sein Haus, in dessen Räumen wir, echte -deutsche Heimatluft atmend, das Weihnachtsfest jenes Jahres feierten, -und sammelte durch sein ganzes Bezeigen feurige Kohlen auf unser Haupt. -Zu dem unvergänglichen Glanz und Reiz, der in unserer Erinnerung diese -letzten Monate des Jahres 1869 umstrahlt und schmückt, hat Heinrich -Brugsch sehr wesentlich beigetragen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Er blieb während der folgenden Jahre bis zur Abdankung Ismael Paschas -und zum Siege der britischen Intriguen und Vergewaltigungen Ägyptens -in dem Dienste des Chedive. Als dessen Generalkommissar organisierte -und leitete er jene wundervolle ägyptische Abteilung der Wiener -Weltausstellung im Jahre 1873, und ebenso drei Jahre später die der -Ausstellung zu Philadelphia. Jede dieser großen Aufgaben, die eben -so gründliche, wissenschaftliche Kenntnis des ägyptischen Altertums, -der pharaonischen wie der arabischen und mameluckischen Zeiten des -Nillandes und ihrer Denkmale, eine gleich innige Vertrautheit mit -dem Leben, der Kultur, der Thätigkeit des ägyptischen Volkes und -seiner Regierung in der Gegenwart, und dazu noch einen hohen Grad von -organisatorischem Talent und praktischem Geschick erforderten, hat -Brugsch vollendet und in wahrhaft vornehmer Weise im Sinne und zur -Zufriedenheit seines Auftraggebers zu lösen verstanden. Aber während -alle, die damals das Vertrauen des Chedive genossen und einflußreiche -Stellungen bei ihm bekleideten, sich auf seine Kosten bereichert haben, -ist Brugsch ohne Vermögen, wie er in dessen Dienst getreten war, auch -wieder aus Ägypten gegangen. Der Titel Pascha und eine kleine Pension -— darauf beschränkt sich der Lohn, der ihm geworden.</p> - -<p>Noch mehrfach begleitete er, als mit Land und Leuten, mit der Sprache -und den Denkmalen vertrautester Führer, europäische Fürsten auf ihren -Reisen durch Ägypten und auch wohl Syrien; so den Großherzog Friedrich -Franz von Mecklenburg-Schwerin; so den Prinzen Friedrich Karl. Einen -lebendigen und anregend geschriebenen Bericht über diese Reise hat -Brugsch in einem durch Major von Garnier mit Zeichnungen geschmückten -Buch: „Prinz Friedrich Karls Reise im Morgenlande“ gegeben.</p> - -<p>Solche Reisen und jene zeitraubenden Arbeiten als Ausstellungskommissar -haben ihn dennoch nie dauernd von seiner streng wissenschaftlichen -Thätigkeit abzulenken vermocht. Durch seine immer fortgesetzten -Forschungen und litterarischen Veröffentlichungen über die Himmels- und -Erdkunde, Zeitrechnung, Geschichte, Sprache, Philosophie, Religion, -Poesie und Kunst der alten Ägypter hat er damals die Kenntnisse von -dieser ehrwürdigen ältesten Kultur der Welt fort und fort erweitert, -vertieft und bereichert, seiner Wissenschaft neue Freunde und Bekenner -geworben und mächtig dazu bei<span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span>getragen, das Bewußtsein von ihrer -Bedeutung und Wichtigkeit zu verbreiten und in seinem Volk lebendig zu -erhalten.</p> - -<p>Als Brugsch aus dem ägyptischen Dienst geschieden war, ließ er -sich in seiner Vaterstadt Berlin nieder, um hier unabhängig seinen -fachwissenschaftlichen und litterarischen Arbeiten zu leben. Doch auch -dann war ihm längere ununterbrochene Seßhaftigkeit nicht beschieden. -Jener Reise mit dem Prinzen Friedrich Karl haben wir bereits gedacht. -Als zwei Jahre später die Regierung des Deutschen Reiches wieder eine -Gesandtschaft nach Persien abordnete, lenkte sich ihre Aufmerksamkeit -auf Brugsch, der, von seiner früheren Mission her mit Land und -Leuten vertraut, der persischen Sprache mächtig, ganz als der rechte -Mann erschien, diese Gesandtschaft als Dolmetscher zu begleiten. Er -nahm diesen Auftrag an, welcher ihm zum Titel Legationsrat verhalf, -ihn während neun Monaten fern von der Heimat hielt und zur vollen -Zufriedenheit der Regierung von ihm erledigt wurde. Die litterarischen -Früchte dieser Reise sind das kleine Buch: „Im Lande der Sonne“, und -ein anderes: „Die Muse von Teheran“.</p> - -<p>In Berlin lebt Brugsch seit seiner Rückkehr von dieser Reise -als Privatmann. Der berühmte Gelehrte, der als eine der ersten -Fachautoritäten in der wissenschaftlichen Welt aller Kulturnationen -gilt, das Mitglied der meisten Akademien des Auslandes, liest an der -Berliner Universität als <em class="gesperrt">Privatdocent</em>. Die durch Lepsius’ Tod -erledigte Professur der ägyptischen Altertumskunde wurde anderweitig -besetzt. — Einen Lieblingsgegenstand seiner neueren Studien und -teils fachwissenschaftlichen, teils populär gehaltenen litterarischen -Arbeiten bildet die antike Metrologie, die Kunde von den Maßen und -Gewichten der alten Völker. In diesen Arbeiten hat er es zuerst -nachgewiesen, daß das in der ganzen antiken Welt gebräuchlich und -allgemein gültig gewesene Teilungssystem nach der sexagesimalen Skala -nicht, wie vordem angenommen wurde, von den Babyloniern, sondern von -den Ägyptern zuerst erdacht und durch sie verbreitet worden ist.</p> - -<p>In der Geschichte der deutschen „Gelehrten-Republik“ gehören -Männer von dem Naturell und den zum Teil durch dasselbe bedingten -Schicksalen unseres Brugsch zu den Seltenheiten. Eine solche enorme -wissenschaftliche Arbeit, ein so tiefes Versenken in eine, die ganze -Geisteskraft in Anspruch nehmende Disciplin und ein dadurch errungener -so großer Schatz von umfassender Gelehrsamkeit, wie die<span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span> seine, scheint -sich kaum vereinigen zu lassen mit seinem so wechselvollen, bewegten -Dasein und allen jenen von dem ruhigen, wissenschaftlichen Studium, von -der Forschung und der Verarbeitung ihrer Resultate weit abliegenden, -mannigfachen Thätigkeiten, zu denen er gedrängt gewesen ist, und in -welchen er sich stets und überall gleich tüchtig und ausgezeichnet -bewährt hat. Es gehörte eine so ganz eigenartige Organisation wie diese -dazu, um so Widerstrebendes in sich zu vereinigen, so entgegengesetzte -Qualitäten in sich zu gleich reifer Entwickelung gelangen zu lassen. -Um so merkwürdiger und bewundernswerter will uns das erscheinen, als -Brugsch bereits frühe in seinem Leben die Bürde der Familiensorgen auf -sich genommen hat, denen durch den Tod des Vaters noch neue hinzugefügt -worden sind. Wenn seine Nachkommenschaft auch nicht die ganze Zahl der -Kinder seines großen älteren Kollegen Theodor Mommsen erreicht, so ist -der Besitz von acht Söhnen und zwei Töchtern immerhin stattlich genug. -Wie trefflich er die Vaterstelle an seinem jüngsten Bruder vertreten -hat, beweist die Thatsache, daß derselbe es unter Brugsch-Paschas -Leitung bis zum Konservator des Ägyptischen Museums in Kairo-Bulak und -zur Würde eines Bey gebracht hat, und sein Name für immer verknüpft -ist mit dem großartigen und unschätzbaren Funde der Königsmumien -der Ramessiden. Auch der älteste Sohn aus erster Ehe war dem Vater -nach Ägypten gefolgt, wo er höchst segensreich als einer der ersten -Augenärzte wirkt. — Naturell und Schicksal haben Brugsch-Pascha auch -bis auf diesen Tag glücklich bewahrt vor jener Verknöcherung, jenem -Zunftstaube, jenem Gelehrtendünkel, jener Pedanterie, von denen die -professionellen Leuchten der Wissenschaft in Deutschland sich so selten -frei zu halten wissen. Er ist ein ganzer und freier Mensch geblieben, -der das Leben kennt und in dem der Gegenwart so heimisch ist, wie in -dem des Altertums, und dem wohl in den Tiefen seiner Wissenschaft -nichts verborgen, aber auch nichts Menschliches fremd ist.</p> - -<p class="right mright2 mtop1"><em class="gesperrt">Ludwig Pietsch.</em></p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p class="s1 center mtop3">Aus dem Morgenlande.</p> - -<h2 class="nobreak" id="Die_Symbolik_der_Farben">Die Symbolik der Farben.</h2> - -</div> - -<p>Bis in die Gegenwart hinein haben die Farben eine symbolische -Auffassung bewahrt, deren Ursprung sich nicht erst seit gestern -herschreibt. Wir verbinden mit Weiß die Vorstellung der Unschuld, im -Grün erscheint uns das Symbol der Hoffnung, im Blau das der Treue, -das Rot beziehen wir auf die Liebe, der Haß erscheint als Gelb, -die Bescheidenheit als Silbergrau, die Trauer als Schwarz. In der -Umgangssprache bis zum Volkstümlichen hin reden wir von Gelbschnäbeln, -vom roten Hahn auf dem Dache, von einer roten Gesinnung, vom blauen -Montag, lassen ein „so blau“ hören, sprechen von grünen Jungen, kennen -das Dichterwort: grau sei alle Theorie, hüten uns jemand anzuschwärzen, -verabscheuen den schwarzen Verrat, den schwärzesten Undank, sehen -schwarz und was dergleichen Beispiele mehr sind. Im Morgenlande, um -nur auf zwei hervorragende Redensarten im Munde der Araber und Perser -hinzuweisen, heißt: das Gesicht oder den Bart jemandes weiß oder -schwarz machen, je nachdem man eine damit gemeinte Person ehren, heiter -stimmen, erfreuen oder sie beleidigen, kränken, trübselig stimmen will.</p> - -<p>Alles das ist so wohl bekannt, daß ich kein Wort darüber zu verlieren -brauche. Die Farbe hat eine symbolische Bedeutung gewonnen, deren Sinn -dem Hörenden sofort klar wird und von niemand mißverstanden wird. -Selbst in der Wahl der Farbe unserer Tracht spielt die Farbensymbolik -eine besondere Rolle. Wenn wir von jenem Knaben lesen, der an dem -feierlichen Begräbnis seines Großvaters keine Freude mehr zu haben -äußerte, weil ihm eine schwarze Weste,<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> statt einer gewünschten -rotfarbigen vom Schneider gemacht werden sollte, so lächeln wir -darüber, weil es die Sitte erheischt, eine Trauerkleidung in Schwarz -anzulegen, aber dennoch übersehen es selbst gebildete Leute bisweilen, -daß eine schwarze Kravatte und schwarze Handschuhe ebenso unentbehrlich -zur Trauerkleidung sind, da Weiß einmal die Farbe der Freude und des -Festlichen geworden ist, die sich wenig zur Trauer schickt.</p> - -<p>Soll ich von der Symbolik der Augenfarben reden, so müßte ich mich vor -allem an die Dichter wenden, welche gerade dieses Thema mit Vorliebe -auszubeuten pflegen. Ich rufe meinen Lieblingspoeten und langjährigen -Freund von Bodenstedt als Zeugen für alle übrigen an, daß aus den -blauen Augen die Treue spricht, braune Augen schelmische Gesinnung -verrät, graue Augen Schlauheit weissagen und der schwarzen Augen -Gefunkel wie Gottes Wege dunkel sei. Grüne Augen habe ich niemals -preisen hören; der böse Leumund findet Katzenartiges darin, gerade wie -manche so ungerecht sind, aus der roten oder rötlichen Färbung des -Haares Eigenschaften seines Trägers herauszulesen, die zur blauen Treue -im Gegensatze stehen. Andere, ja selbst ganze Zeitalter, urteilten -nicht nur billiger, sondern erklärten gerade diese Färbung als einen -Vorzug der körperlichen Schönheit. Die Meinungen gehen also auch in -dieser Frage bisweilen auseinander, und es wird entschuldbar sein, wenn -ich den Versuch wage, der Sache auf den Grund zu gehen und mich an die -ältesten Vertreter oder richtiger gesagt, an die wirklichen Urheber der -Farbensymbolik zu wenden.</p> - -<p>Ich überspringe Jahrtausende und teile am Schlusse meiner Betrachtung -mit meinen Lesern das Erstaunen über die Erbschaft der Farbensymbolik, -welche wir Jüngste von den ältesten Vätern des Kulturlebens übernommen -haben und bis zur Stunde mit aller Treue pflegen.</p> - -<p>Ich versetze mich zuerst nach der Stätte der heutigen Stadt Hamadan, -auf welcher ich selbst einige Zeit verlebt<span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span> habe, um klassische -Überlieferungen über ihre Vorgängerin, die Hauptstadt der alten Meder -Agbatana oder Ekbatana, das Achmata der Bibel, aufzuwärmen. Bis auf -den unverrückbaren Berg mit seinem Sonnenaltar und seiner Keilschrift -ist von der stolzen Königsburg der Mederfürsten weder ein Stein auf -dem andern, noch ein Stein überhaupt übrig. Es bleibt der Phantasie -überlassen, nach der Schilderung Herodots die vom Boden der Erde -wie weggeblasene Burg von neuem aufzubauen und die modernen bunten -Fayencemauern in den Palästen des heutigen Schahynschah von Persien zu -Hilfe zu nehmen, um eine richtige Vorstellung des vollendeten Werkes zu -gewinnen.</p> - -<p>Herodot erzählt, der Mederkönig Dejokes (um 700 v. Chr.) habe auf einem -Hügel in Agbatana eine Burg und im Anschluß daran seine Schatzhäuser -anlegen und beide von einem siebenfachen Mauerringe umgeben lassen. -Die Zinnen der einzelnen Ringmauern hätten besondere Metallüberzüge -und Färbungen erhalten und zwar der Reihe nach von innen nach außen -fortschreitend: „Gold, Silber, Mennigrot, Blau, Purpur, Schwarz -Weiß“. Die gelehrte Welt ist schon längst auf den Gedanken verfallen, -diese Farben auf die sieben Planeten der Alten zu beziehen. Das Gold -würde der Sonne, das Silber dem Monde entsprechen. Die übrigen Farben -bleiben für die fünf eigentlichen Planeten übrig, von denen wenigstens -das Rot für den Planeten Mars und das Weiß für die Venus ein altes -inschriftliches Zeugnis erhält. Auf alle Fälle waren die Farben nicht -zufällig gewählt, sondern besaßen eine jede ihre symbolische Bedeutung.</p> - -<p>Der Reichtum der altägyptischen Inschriftenwelt gestattet uns, die -Farben und ihre Reihenfolge bis in das achtzehnte Jahrhundert vor -Christi hinauf in unwiderleglicher Weise festzustellen. Ihre Anordnung -bildete geradezu das Prinzip, nach welchem farbige Gegenstände, -an der Spitze alle Mineralien, in den Texten hergezählt wurden. -Ich wähle eines der vollständigsten Beispiele, das als Muster für -alle ähn<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>lichen gelten darf: 1) <em class="gesperrt">Silber</em>, 2) <em class="gesperrt">Gold</em>, -3) <em class="gesperrt">Saphir</em> oder <em class="gesperrt">Lasurstein</em>, 4) <em class="gesperrt">Smaragd</em>, 5) -<em class="gesperrt">Eisen</em>, 6) <em class="gesperrt">Kupfer</em>, 7) <em class="gesperrt">Blei</em>, 8) <em class="gesperrt">Smirgel</em>. Da -in den bunten Darstellungen diese Metalle und Steine unter der ihnen -eigentümlichen <em class="gesperrt">Farbe</em> dem Beschauer vor Augen geführt werden, so -läßt sich daraus der Schluß auf die folgende Farbenreihe ziehen: Weiß, -Gelb, Dunkelblau, Grün, Hellblau, Rot, Grau und Schwarz. Auf einer -altägyptischen Malerpalette des Berliner Museums enthalten die zur -Aufnahme der Farben bestimmten Vertiefungen der Reihe nach: Weiß, Gelb, -Grün, Hellblau, Rot, Schwarz, schließen also eine Bestätigung für die -beliebte Anordnung der Farben von der hellsten bis zur dunkelsten hin -in sich.</p> - -<p>Von den eben besprochenen Farben waren es vier, welche sich eines -besonderen Vorzuges erfreuten und im Tempeldienst geradezu als -<em class="gesperrt">heilige</em> betrachtet und geehrt wurden. Ihre Namen und Folge -giebt die Reihe an: <em class="gesperrt">Weiß</em>, <em class="gesperrt">Grün</em>, <em class="gesperrt">Hellrot</em>, -<em class="gesperrt">Dunkelrot</em>, während in einer jüngeren Epoche das <em class="gesperrt">Hellrot</em> -durch <em class="gesperrt">Hellblau</em> verdrängt wurde. Die Teppiche, Vorhänge, -Gewänder und Flaggen an den Mastbäumen vor den Turmflügeln der Tempel -mußten vorschriftsmäßig diese Farben zeigen, um zum heiligen Gebrauch -verwertet werden zu können.</p> - -<p>Es ist gewiß nicht zufällig, daß auch bei den Ebräern vier Kultusfarben -vorgeschrieben waren: <em class="gesperrt">Weiß</em>, <em class="gesperrt">Blau</em>, <em class="gesperrt">Dunkelrot</em> und -<em class="gesperrt">Hochrot</em>, welche bei den Teppichen, Vorhängen des Tempels und -der Priesterkleidung ihre Verwendung fanden. Daß jeder Farbe eine -symbolische Bedeutung eigen gewesen war, liegt auf der Hand, wenn es -auch den Auslegern noch nicht gelungen ist, die Beweise im einzelnen -endgültig zu führen. Der Unterschied zwischen den ägyptischen vier -heiligen Farben und den ebräischen berührt lediglich die Farbe des -<em class="gesperrt">Grünen</em>, welche bei den Israeliten durch <em class="gesperrt">Blau</em> ersetzt ward.</p> - -<p>Bevor ich zur Symbolik der Farben nach den altägyp<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>tischen -Überlieferungen übergehe, sei mir ein Wort über den ältesten Ausdruck -der <em class="gesperrt">Farbe</em> zunächst vergönnt. Die altägyptische Sprache setzt -ein altes Wort dafür ein, dessen Grundbedeutung „Haut“ ist, sowohl die -des Menschen, als die des Tieres. Die Verschiedenheit der Hautfärbung -für das menschliche Auge führte auf den allgemeinen Farbenbegriff, -ohne Rücksicht auf den farbentragenden Gegenstand selber. Daß man -auch bei den Tieren auf die besondere Färbung der Haut, genauer der -Haare, der Federn oder des glatten Felles, acht hatte, beweisen die -heiligen Tiere (von jeder Gattung <em class="gesperrt">vier</em>), deren Farbe durch eine -priesterliche Kommission genau untersucht und als äußerliche Merkmale -ihrer Heiligkeit angesehen wurden.</p> - -<p>Die wenigen Andeutungen, welche sich in den Büchern der Heiligen -Schrift darüber finden, lassen die symbolischen Bedeutungen der Farben -dennoch mit aller Klarheit durchblicken. Die Engel, aber auch die -Priester, trugen weiße Kleider, denn weiß und unbefleckt ist die Farbe -der Sündlosigkeit und Reinheit, wie Rot die Farbe des Blutes und der -Sünde, daher die des Drachen (Satan). Die schwarze Farbe wies auf -Trauer und Elend hin, während Dunkelblau, die Farbe des Himmels, auf -Pracht und Herrlichkeit und das Falbe auf den Tod bezogen wurde.</p> - -<p>Schon den Griechen, welche Ägypten besuchten oder über ägyptische -Dinge schrieben, fiel der ausgedehnte Symbolismus der Farben nach -den priesterlichen Anschauungen auf. Was sie darüber gemeldet haben, -stimmt auf das Vollständigste mit den neuesten Untersuchungen auf -Grund der lesbar gewordenen altägyptischen Quellen überein. Den in der -Oberwelt weilenden Horus oder den ägyptischen Apollon malte man weiß, -den unterweltlichen Osiris schwarz. Schwarze Byssusgewänder, welche -man beim Anfange des Winters und der zunehmenden Kürze der Tage auf -die vergoldete Isiskuh legte, galten als Zeichen der Trauer um das -dahinschwindende Licht und den Sieg der Finsternis über das<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>selbe. Dem -Anubis opferte man einen weißen Hahn, um anzudeuten, daß die Oberwelt -rein und klar sei. Menschen von feuerfarbigem, gelblichem Aussehen -oder mit rotem Haarwuchs sah man als typhonisch an und mied ihren -Umgang. Aus diesem Grunde opferte man <em class="gesperrt">rotfarbige</em> Tiere, um dem -unheilvollen Gotte ein Leid anzuthun und sich von der eigenen Sünde -zu reinigen, gerade wie bei den Ebräern eine <em class="gesperrt">rötliche</em> Kuh als -Sühn- und Reinigungsopfer durch Feuersglut in Asche verwandelt wurde. -Dem Kataraktengotte und Urheber der Nilflut verlieh man eine blaue -Hautfarbe, um dadurch auf seine das Wasser anziehende Kraft hinzudeuten.</p> - -<p>Hauptsächlich waren es die Sonnengötter und Sonnenbilder, welche durch -die Farbensymbolik ausgezeichnet wurden. Typhon als Vertreter der -sengenden Sonnenglut erhielt einen feuerfarbigen Anstrich, die Scheibe -der Wintersonne wurde dunkelblau, die sommerliche Sonne hell gemalt und -was dergleichen Überlieferungen mehr sind.</p> - -<p>Es geht, wie gesagt, aus den übereinstimmenden Nachrichten hervor, daß -die Ägypter die ersten waren, welche der Farbensymbolik ihre besondere -Aufmerksamkeit zugewandt haben. Die weiße Farbe galt dem Tage und der -Oberwelt, die schwarze oder dunkelblaue der Nacht und der Unterwelt, -jene der Freude über das Dasein, diese der Trauer um das Abgeschiedene. -Feuerrot symbolisierte die heiße dauernde Sonnenglut, die blaue Farbe -das Wasser, daneben Rot und Gelb oder Falb das typhonisch Sündhafte. -Soweit nach den Alten.</p> - -<p>Ich wende mich der Denkmälersprache zu, welche zur Farbensprache -der damaligen Zeit die ausgedehntesten Beiträge liefert, beinahe -unerschöpfliche, erinnert man sich an die Masse des vorhandenen -inschriftlichen Materials. Bei der Betrachtung der einzelnen Farben -folge ich durchaus der altägyptischen Farbenskala.</p> - -<p>1) <em class="gesperrt">Weiß.</em> Das Wort dafür bezeichnete zunächst nur das Helle -im Gegensatz zum Dunklen, das Lichte dem Finsteren<span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span> gegenüber. Beim -anbrechenden Tage wird die Erde „hell“ und die Sonne „erhellt“ die -Welt durch ihre Strahlen, die wie „Gold“, d. h. in Gelb leuchten. Das -„helle“ Metall ist das Silber, der „helle“ Stein der weiße Quarz. Auch -die Mondgöttin heißt die „Helle“. Ein alter Weisheitslehrer, der seine -Lebenserfahrungen auf Papyrus niedergeschrieben hatte, empfiehlt seinem -Leser: „Hell sei dein Antlitz, so lange du dein Dasein hast,“ mit -anderen Worten, zeige ein heiteres und freundliches Angesicht. Aus dem -Begriff des Hellen entwickelte sich erst in zweiter Linie die Bedeutung -des Weißen als Farbe. Eine Byssusart, dieselbe, mit welcher Joseph -nach seiner Erhöhung auf Befehl Pharaos bekleidet wurde, heißt die -„Weiße“, desgleichen wird eine Antilopenart, die Zwiebel, die Milch, -der Kalkstein u. s. w. als weiß bezeichnet. Die Verbindung „hell oder -weiß machen“ eine Person oder einen Gegenstand, bedeutete ebensowohl -„glanzvoll machen, erleuchten, verherrlichen“, als „aufklären“ und -„prächtig ausstatten“. Von einem Könige heißt es, er habe das Land -Ägypten „glanzvoll gemacht“, von einem andern, er habe ein Heiligtum -„prächtig hergestellt“, von einer priesterlichen Person, sie habe einen -Tempel mit silbernen Gefäßen, Rindern, Gänsen und zahlreichem Geflügel -„glanzvoll ausgestattet“. Ein Vorsteher von Propheten oder Dienern wird -ein „Aufklärer“ der Propheten oder Diener genannt. Mit einem Worte, -mit dem Hellen und Weißen verknüpfte sich die Vorstellung der Pracht -und Herrlichkeit, welche frei von Flecken und Makel bis zur Farbe der -Bekleidung hin das innere Hellsein auch äußerlich bezeugte. Man sieht, -daß unsere weißen Kleider, Krawatten, Westen und Handschuhe sich eines -uralten Ursprungs rühmen dürfen.</p> - -<p>2) <em class="gesperrt">Gelb.</em> Als Metall erscheint das Gelb in seiner leuchtendsten -Form als das Gold, in seiner Auffassung als Edelstein als Topas, der -sehr häufig in der Aufzählung mineralischer Substanzen die Stelle des -Goldes vertritt. Die Strahlen der Sonne werden als „golden“ bezeichnet. -Die<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> ägyptische Hathor-Venus ward als „die goldene“ angerufen und ein -Horus-Apollo als „goldener“ verherrlicht. Trotz dieser schmeichelhaften -Vergleiche, welche dem Golde die Bedeutung des Glanzvollsten verliehen, -wohnte dennoch dem gelben verlockenden Scheine des Goldenen ein -typhonischer Nebensinn bei. Bei den Opfern, welche dem Sonnengotte -dargebracht wurden, ermahnte man die den Gott Verehrenden, kein Gold -am Leibe zu tragen. Noch bis zur Stunde entäußern sich die Orthodoxen -unter den Anhängern des Islam sämtlicher goldenen Gegenstände, -welche sie bei sich führen, bevor sie sich dazu anschicken, die -vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Auf dem gelben Golde ruht das -Auge des Neides und der böse Blick kann nach den Darstellungen der -Morgenländer nicht dazu beitragen, dem Betenden Heil und Segen zu -verleihen. In unserer eigenen Farbensymbolik verknüpft sich in gleicher -Weise der Begriff des Neides mit der Vorstellung der gelben Farbe.</p> - -<p>3) <em class="gesperrt">Dunkelblau</em>, die Farbe des Saphirs und des Lasursteins oder -des Lapis-Lazuli, war bei den alten Ägyptern nicht nur geschätzt, -sondern allgemein beliebt. In der Pflanzenwelt erscheint sie als -Indigo, welcher bis in die Gegenwart hinein zum Färben der gewöhnlichen -Hausgewänder in Blusenform benutzt wird. Die alten Ägypter gaben dieser -Pflanze den Beinamen <em class="gesperrt">Dar-neken</em>, d. h. „vor Schaden bewahrend“. -Wie ich nebenher bemerken will, gehörte die Umgegend der Stadt Pelusium -in Unterägypten zu denjenigen Landstrichen, in welchen der Anbau -von Indigo und die Herstellung der damit blau gefärbten Gewänder -einen Hauptgegenstand der Industrie bildete. Als im Mittelalter die -Kreuzfahrer die ägyptische Küste berührten, erstanden sie bei ihrer -Landung im Hafen von Pelusium, in der Nähe des heutigen Port-Saïd, -jene blauen Gewänder, welche sie über ihre Rüstung warfen. Man nannte -sie Pelusia nach dem Namen des Ortes und der Name hat sich bis auf -die heutigen Tage in dem wohlbekannten französischen Worte Bluse<span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span> -fortgepflanzt. Die altägyptischen Texte gaben der Göttin des Himmels -oder dem Himmel selbst den Beinamen der „Dunkelblauen“, womit alle -sonstigen Deuteleien über die symbolische Bedeutung dieser Farbe ein -für allemal beseitigt sind. Das Tragen dunkelblauer Steine, an ihrer -Spitze der Saphir, und das Anlegen dunkelblauer Gewänder galt als ein -probates Mittel, sich den himmlischen Schutz zu sichern.</p> - -<p>4) <em class="gesperrt">Grün</em>, die beliebteste Farbe in Ägypten, bildet den -Gegenstand vieler inschriftlichen Hinweise auf seine symbolische -Bedeutung. Grünfarbige Mineralien, vom Smaragd und Malachit an bis -zum Kupfergrün hin, und vor allem die grüne Pflanzenwelt galten als -Sinnbild der Erfüllung in Aussicht stehender Hoffnungen, die von der -Saat auf dem Felde ihren Ausgang nahmen. Die grüne Saat verheißt die -Ernte, eine frohe Hoffnung auf den Eintritt des Segens. Grün ward -deshalb das Symbol der Freude und der Lust, und bei den Ägyptern von -alters her „grünte“ selbst das Herz beim Anblick des „gleich wie -Smaragd leuchtenden Ackerbodens“. Ausdrücke wie: „Der Himmel ist -blau und die Erde grünt“ dienen in den Texten der Steinschriften des -Tempels von Dendera nicht selten zur Umschreibung der freudigsten, -weil hoffnungsreichsten Stimmung von Göttern und Menschen. Die -grüngesichtige Hathor-Venus der ägyptischen Denkmälerwelt hatte deshalb -ihre eigene Bedeutung, gerade wie das ihr geheiligte Land des grünen -Gesteines des Malachit, womit im höchsten Altertume bereits der an -Kupferminen und an Grünsteinbrüchen reiche Gebirgsteil in der Nähe des -Berges Sinai bezeichnet wurde. Der Name Malachit, von den Griechen -Molochit getauft, findet sich in der Keilschrift in der Gestalt Melucha -wieder, worunter man dieselbe Gebirgsgegend verstand. Wie man sich -nach diesen Auseinandersetzungen überzeugen wird, ist unsere „grüne“ -Hoffnung nichts weniger als modernen Ursprungs. Die Ringsteine und -sonstigen Schmuckgegenstände aus Smaragd oder grünfarbigen Steinen, -welche die Ägypter, besonders die<span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> Frauenwelt, an ihren Fingern, oder -auf der Brust, oder an den Armen so häufig zu tragen pflegten, finden -nach diesen Andeutungen ihre genügende Erklärung.</p> - -<p>5) <em class="gesperrt">Rot.</em> Als typische Vertreter der roten Farbe galten bei den -Ägyptern das Kupfer, der Rubin und sonstiges rotfarbiges Gestein, -die Feuerflamme (hochrot), das geronnene Blut (dunkelrot) und die im -Zorn geröteten Augen und Gesichtszüge. Feine Beobachter der toten -und lebendigen Gegenstände der Natur, hatten die alten Bewohner des -Nilthales der roten Farbe schon frühzeitig eine symbolische Bedeutung -beigelegt, deren Inbegriff sich in den kurzen Worten darstellen -läßt: der durch Blut zu sühnende Zorn des Göttlichen, die Blutsühne -und damit die Versöhnung durch Verzeihung der Sünde. Die brennend -rote Liebe unserer Gegenwart war der ägyptischen Altzeit vollständig -unbekannt, weil das sichtbare Symbol derselben, die rotfarbige Rose, -verhältnismäßig spät in Ägypten eingeführt worden war. Nach den -mythologischen Inschriften der Denkmäler wurde ein Teil der sündigen -Menschheit durch den Sonnenkönig Re durch Feuer vernichtet, das -sein in eine Rachegöttin verwandeltes Auge auf die Kinder der Erde -warf. Nachdem sein Zorn sich in Barmherzigkeit umgewandelt hatte, -betäubte der Lichtgott Re durch den „blutroten“ Saft von Alraunen die -wütende Göttin und der übriggebliebene Teil der Menschheit wurde am -Leben erhalten. Die Menschheit selber übernahm fortan die Bestrafung -der Sünder durch ihre Verfolgung und Vernichtung mit Hilfe von -Wurfgeschossen und Keulen, und das vergossene Blut der Übelthäter -sühnte Verbrechen und Sünde.</p> - -<p>In späterer Zeit trat das Tier an die Stelle des Menschen, doch war -die Wahl der Tiere von ihrer Hautfarbe, der roten oder rötlichen, -abhängig. Das Blut des Tieres und sein durch Feuer zu Asche -verbrannter Leib, auf welche die Sünde des Menschen fiel, diente als -Reinigungsmittel für den Opfernden und sühnte die begangene Sünde -bis zum<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> Totschlag hin. In einem bis zum heutigen Tage hin auf einer -steinernen Tempelwand erhaltenen Text in hieroglyphischen Schriftzügen -lesen wir mit aller Deutlichkeit des Verständnisses das Folgende: „Ein -kräftiges, unverschnittenes Rind, dessen Nase der Arbeitsring noch -nicht durchbrochen hat, gelte als das große Sühneopfer des Gotteshauses -in der angemessenen Zeit des Jahres. Man reinige es im Wasserbecken -des Gotteshauses in aller Frühe, man beseitige darin seinen Schmutz -am Kopfe und man putze seine Klauen mit Palmbaumbast ganz und gar; -man betrete das wohlgewaschene Schlachthaus und strecke das Rind auf -das Holzbrett hin. Der Schlächter trete heran, trenne seinen Kopf, -sein Herz, seine Vorderschenkel und seine Hinterkeulen ab, trage sie -hinaus und reinige sein Messer mit Wasser. Was übrig geblieben ist, -werde fortgenommen und durch den Verbrenner in Asche verwandelt, die -in einen großen Krug gethan werde. Man setze ihn im Schatzhause in der -bestimmten Zeit des Jahres nieder.“ Im Anschlusse daran werden die -Vorschriften zu einer Salbe geliefert, welche mit den Blättern der im -Morgenlande noch jetzt allgemein bekannten Hennehpflanze <em class="gesperrt">rot</em> -gefärbt wurde und mit der Asche des Rindes vermischt den Zwecken der -heiligen Sühne diente.</p> - -<p>Man vergleiche damit die im 19. Kapitel des 4. Buches Moses enthaltene -Vorschrift „von der <em class="gesperrt">rötlichen</em> Kuh und dem Sprengwasser“, um sich -die volle Überzeugung zu verschaffen, daß auch im altebräischen Kulte -ein ganz ähnlicher Gebrauch zur „Entsündigung“ gesetzmäßig festgestellt -war.</p> - -<p>Ich habe kaum weiteres meinen Auslassungen hinzuzufügen, um den -Symbolismus der roten Farbe nach den Anschauungen der alten Ägypter in -das rechte Licht zu stellen. Sie galt als Zeichen der Sühne durch das -Blut. Die rote Farbe der Decken und Gewänder in den ägyptischen Tempeln -gewinnt hierdurch ihren hohen symbolischen Sinn.</p> - -<p>6) <em class="gesperrt">Schwarz.</em> Die symbolische Bedeutung dieser Farbe<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> wird am -besten durch ihr fast ausschließliches Vorkommen in der Gräberwelt -Ägyptens festgestellt. Der an den Decken einzelner Königsgräber, von -den Pyramiden an, gemalte Nachthimmel ist schwarz mit fünfzackigen -gelben Sternen daran, die Götter und die übrigen Bewohner der Unterwelt -erscheinen in schwarzer Färbung. Die Tageshelle, die Farbe des Lebens, -ist verschwunden und durch die tiefste Finsternis ersetzt. Schwarz -erscheint allenthalben als die Farbe des Todes und der düsteren Trauer, -gerade wie noch in unserer eigenen Gegenwart. Ich habe darüber kein -anderes Wort zu verlieren, denn die Sache ist allgemein bekannt, und -ich kann mich mit dem in aller Kürze gegebenen Hinweis auf die Sprache -des Schwarzen im ältesten Ägypten bescheiden.</p> - -<p>Wie sehr die Vorstellung der Farbe auf das altägyptische Gemüt -einwirkte und zu welchen tiefsinnigen Vergleichen und Stimmungsbildern -sie Veranlassung gab, kann nur derjenige ermessen, welcher in die -Sprache und das Schrifttum der ältesten Bewohner des Nilthales -vollkommen eingeweiht ist. Der Symbolismus der Farbe bricht -überall durch, und es wäre eine der dankenswertesten Aufgaben, das -tausendfältig zerstreute Material zu sammeln, um bis in das Einzelnste -hinein die Fäden der Gedankenrichtung zu verfolgen. Unter allen -Umständen müssen die Grundfarben und ihre uralte Skala: Weiß, Gelb, -Blau, Grün, Rot, Schwarz als Ausgangspunkt angesehen werden, da die -Betrachtung und die Aufzählung aller Erzeugnisse der Natur nicht nach -ihrem Werte, sondern nach ihrer Färbung in der angeführten Reihenfolge -vor sich ging. Handelte es sich um Metalle, so führte man sie in der -Ordnung des hellen oder weißen Silbers, des gelben Goldes, des blauen -Eisens, des Kupfergrün, des roten Kupfers, des grauschwarzen Bleies -auf. War von Steinen die Rede, so folgte man der Anordnung: Diamant, -Topas, Saphir, Smaragd, Rubin, Turmalin oder sonst ein dunkelfarbiger -Edel- oder Halbedelstein. Bei Pflanzennamen,<span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span> bei bunten Zeugstoffen u. -s. w. schlug man denselben Weg ein, und die Anschauung vertiefte sich -jedesmal in einen Symbolismus, der bis auf die Farbe der Bekleidung -und der Schmuckgegenstände am menschlichen Leibe seine abergläubische -Wirkung ausübte und aus der Farbe Glück und Unheil herauslas. Legte -man den Toten schwarzfarbige Käfersteine auf den Leib, so hatte das -seinen guten Grund. Für die Lebenden wäre ein schwarzer Schmuck als -Unglück weissagend angesehen worden. Wenn auf dem Leichensteine einer -verstorbenen vornehmen Ägypterin der Dame unter anderen die Worte -in den Mund gelegt werden: „Ich hielt mich fern vom Quarz und zog -den Grünstein (Smaragd oder welch immer grünfarbiger Stein) vor“, -so hatten sie dadurch einem Gedanken Ausdruck gegeben, den ich etwa -durch „was mir Unglück bringen konnte, vermied ich, was mir Hoffnungen -erweckte, trug ich an mir“ deute. Auch aus diesem Beispiel tritt es -klar hervor, daß sich die Farbensprache bis zur Stunde noch lange nicht -überlebt hat. Kannte man auch schon im Altertum das, was wir in unserer -Gegenwart als Modefarbe bezeichnen, so war die Wahl der Grundfarbe -dennoch keine beliebige, sondern stand mit dem Symbolismus der Farbe in -innigstem Zusammenhang.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_aelteste_Rechenkunst">Die älteste Rechenkunst.</h2> - -</div> - -<p>So geläufig uns heutzutage die Rechenkunst geworden ist und so einfach -den Kindern der Gegenwart die dafür aufgestellten Regeln erscheinen, -so wenig dürfen wir zu dem Glauben berechtigt sein, als sei es von -jeher so gewesen und diese Kunst nur wie eine Erbschaft aus ältesten -Zeiten anzusehen. Erst seit der Einführung der sogenannten arabischen -Ziffern für das dekadische Zahlensystem, in welchem<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> das Zeichen der -Null und die Stellung der Zahlen in ihrer Aufeinanderfolge eine so -tief einschneidende Bedeutung gewann, befand sich die Rechenkunst -auf der ganzen Höhe ihrer Aufgabe. Von dieser Zeit an waren alle -Schwierigkeiten beseitigt, mit welchen die Menschheit der früheren Tage -zu kämpfen hatte, um die Zahl zu beherrschen und die verschiedenen -Rechenoperationen ohne die kleinsten Irrtümer auszuführen.</p> - -<p>Was heute von Schule und Haus an bis zum großen Lebensmarkte hin -zu einer alltäglichen Gewohnheit geworden ist und mit der größten -Leichtigkeit durchgeführt wird, konnte vordem nur auf mühsamem Wege -erreicht werden, wobei alle Hilfsmittel erschöpft wurden, um in -langsam tastender Weise das Resultat einer beliebigen Rechenoperation -zu gewinnen. Die Finger der beiden Hände genügten anfangs für das -Zusammenziehen kleiner Zahlenposten, einen erweiterten Fortschritt -kennzeichnet die Anwendung von Steinchen (Calculi nannten sie die Römer -und leiteten davon den Ausdruck Calculare für die Operationen des -Rechnens ab), deren sich die ältesten Rechenmeister bedienten, aber -erst die Einführung des sogenannten Abakus oder Rechenbrettes, wie es -noch heutigestags in Rußland und in den Bazaren des Morgenlandes als -mechanisches Hilfsmittel bei den gewöhnlichsten Berechnungen verwendet -wird, muß als der erste Schritt zu einer vereinfachten systematischen -Behandlung der Zahlen auf dekadischer Grundlage bei Griechen und Römern -bezeichnet werden.</p> - -<p>Vor der Einführung der arabischen Ziffern, wie wir sie zu nennen -belieben, bedienten sich die eben erwähnten beiden Kulturvölker, -ähnlich wie beispielsweise die Ebräer, der Buchstaben ihres Alphabets, -um die Einer, Zehner, Hunderter, Tausender u. s. w. der dekadischen -Zahlenreihen für das Auge erkennbar anzudeuten. Das Beschwerliche einer -derartigen Bezeichnungsweise liegt auf der Hand und bedarf keiner -ausführlicheren Erörterung.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span></p> - -<p>Das älteste Kulturvolk der Erde, oder die Ägypter, schlug einen -anderen Weg ein, indem es für jede Einheit einer dekadischen Reihe -ein besonderes Zeichen schuf, dessen Wiederholung die Vielfachen -ausdrückte. Ein stehender Strich besaß den Wert unserer Zahl 1, zwei, -drei u. s. w. bis neun nebeneinander stehende Linien hatten die Werte -von 2, 3 u. s. w. bis 9. Für 10 bildete man ein eigenes Zeichen in -Hufeisengestalt, dessen Wiederholung in derselben Weise die vielfachen -von 10 bis 90 dem Auge sichtbar darstellte, ebenso für 100, 1000 u. s. -w. bis zu einer Million hin. In der Kursivschrift der Hieroglyphen oder -der sogenannten hieratischen Schrift suchte man die dem Schreibenden -Zeit raubenden Wiederholungen der einzelnen dekadischen Zahlzeichen -möglichst zu vermeiden und sie für das Auge durch ein einziges Zeichen -darzustellen. Ein liegender Strich — z. B. vertrat die Stelle von -<span class="line1">|||</span>, oder 4, zwei übereinander liegende <span class="s3 vat line1">=</span> die Stelle von 2×4 Strichen, -oder mit anderen Worten der Zahl 8 nach ihrer hieroglyphischen -Bezeichnungsweise.</p> - -<p>War es erforderlich in irgend einer Inschrift von Brüchen zu reden, -so spielten auch darin dieselben Bezeichnungen der Zahlen ihre Rolle, -nur setzte man ihnen das Wörtchen ro voran, welches soviel als unser -„Teil“, oder besser -tel, am Schlusse eines Zahlwortes bezeichnete. -<span class="antiqua">Ro</span> 3, <span class="antiqua">ro</span> 4, <span class="antiqua">ro</span> 20, <span class="antiqua">ro</span> 124 hieß soviel als -ein Drittel, ein Viertel, ein Zwanzigstel, ein 124stel. Für die Hälfte -hatte man ein eigenes Zeichen erfunden, ebenso für <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> und wenige -andere Brüche. Im übrigen kannte man nur Brüche mit dem Zähler 1, also -<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>, ¼, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> u. s. w. Zum Ausdruck solcher Brüche, deren Zähler größer -als 1 war, nahm man einfach seine Zuflucht zur Zerlegung derselben in -solche mit dem Zähler 1, deren Summe den gewünschten Hauptbruch ergab. -So wurde ¾ einfach in die Brüche ½ und ¼ zerlegt, die in der -schriftlichen Darstellung hintereinander fortliefen. War eine derartige -Zerlegung nicht immer durchführbar, so ließ<span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span> man den letzten kleinsten -Bruch ganz aus dem Spiele und übersah lieber den dadurch entstandenen -kleinen Fehler.</p> - -<p>Wie beschwerlich und zugleich zeitraubend die Bezeichnungen einer -Reihe größerer Zahlen, vielleicht dazu noch mit hinzugefügten Brüchen, -in einer hieroglyphischen Darstellung sein mußten, das beweisen uns -Hunderte und aber Hunderte von Beispielen auf den steinernen Wänden der -altägyptischen Tempel und Gräber. Nur auf den hieratisch geschriebenen -Papyrusrollen nimmt ihre Darstellung aus dem oben angeführten Grunde -bescheidenere Dimensionen an.</p> - -<p>Und dennoch haben nicht nur die jüngeren, sondern bereits die -ältesten Ägypter es fertig gebracht, trotz ihrer unbeholfenen -Zahlenbezeichnungen nicht nur die verzwicktesten Rechenoperationen -durchzuführen, sondern in Gestalt gewählter Beispiele ihre -arithmetischen Lehrsätze der Mit- und Nachwelt zur Nachachtung in -methodischer Weise zu enthüllen. Den ersten Anstoß dazu gab die -vielfach geübte Praxis der Vermessung.</p> - -<p>Schon die Griechen lebten der Überzeugung, daß in Ägypten die Wiege -der Feldmeßkunst gestanden habe und daß diese Kunst von dort zu den -Hellenen gekommen sei. Das gesteht als einer der ältesten Zeugen -Herodot (II. 109.) ausdrücklich zu. Als Grund dafür giebt der Vater -der Geschichte die Notwendigkeit einer alljährlichen Berichtigung der -an den König zu entrichtenden Steuerquote an, weil die eintretende -Überschwemmung von den vermessenen Äckern der Einwohner gelegentlich -ein Stück loszureißen pflege und den Ertrag derselben dadurch -verringere. Um diesen Unterschied in gerechter Weise festzustellen, -seien die königlichen Feldmesser mit der Nachmessung von Amts wegen -betraut worden. Aber auch sonst fehlt es nicht an Zeugnissen aus dem -klassischen Altertume, daß nicht bloß die Feldmeßkunst, sondern das -gesamte Rechenwesen auf altägyptische Ursprünge zurückzuführen sei.</p> - -<p>Ich will an dieser Stelle und gleichsam in Parenthese<span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span> eine Thatsache -anführen, welche die neueste Geschichte Ägyptens seit der englischen -Okkupation betrifft und mit der herodotischen Bemerkung in einem -gewissen Zusammenhange steht. Seit einigen Jahren beschäftigt -sich die britische Verwaltung im Nilthale mit der schwierigen und -zeitraubenden Aufgabe, eine Vermessung des gesamten urbaren Landes -durchzuführen, und zwar auf <em class="gesperrt">Grund der Lehren der europäischen -Feldmeßkunst</em>, da nähere Prüfungen des Katasters der früheren -ägyptischen Verwaltung Ungenauigkeiten in den Angaben der vermessenen -Feldstücke herausgestellt haben. Die aus den europäischen Berechnungen -hervorgehenden Unterschiede waren bald größer, bald kleiner und -beeinflußten damit die Höhe der den Besitzern auferlegten Abgaben.</p> - -<p>Aber dennoch war es nicht eine bloße Willkür, welche den ägyptischen -Vermessungen zu Grunde lag. Erst in diesem Jahre hat sich nämlich die -wunderliche Thatsache herausgestellt, daß die modernen ägyptischen -<em class="gesperrt">Massahin</em> oder Feldmesser, meistens Kopten, d. h. christliche -Nachkommen der alten Ägypter, sich eines Systems bedienten, das zwar -auf Grund seiner fehlerhaften Anlage unrichtig, seinem Ursprunge nach -uralt, mit andern Worten urägyptisch ist. In welcher sonderbaren -Weise die modernen Feldmesser, welche sich eines Rohrstabes oder -eines Palmenzweiges in der Länge einer sogenannten <em class="gesperrt">Kassabeh</em> -(3,55 Meter) bei ihrer Arbeit zu bedienen pflegen, ihre Operationen -ausführten, mögen die folgenden Beispiele beweisen.</p> - -<p>Um den Flächeninhalt eines beliebigen Dreiecks festzustellen, ohne -Rücksicht auf dessen Gestalt in Bezug auf die Winkel, multiplizieren -sie nach alter Gewohnheit die halbe Länge der kleinsten Seite mit der -halben Summe der Längen der beiden übrigen Seiten. Der Irrtum bei -dieser Art der Berechnung erreicht nicht selten das Vierfache des -geometrisch bestimmten wirklichen Wertes, so daß der Steuerzahler -sich im höchsten Maße benachteiligt sehen mußte. Bei einem -vierseitigen Feldstücke, wiederum ohne Rücksicht auf<span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span> seine besondere -Gestaltung, multiplizieren sie die Hälfte der Längensummen je beider -gegenüberliegender Seiten miteinander. Eine solche Methode ergiebt nur -bei einem Viereck oder Rechteck das geometrisch richtige Resultat, -führt aber bei allen übrigen vierseitigen Feldstücken, z. B. in -Trapezform, zu den gröbsten Irrtümern.</p> - -<p>Selbst die späteren Niederlassungen der Hellenen in Ägypten und -die Bekanntschaft mit den Fortschritten der angewandten Mathematik -änderten nichts an den herkömmlichen Gewohnheiten der ägyptischen -<em class="gesperrt">Harpedonapten</em> oder Feldmesser, Gewohnheiten, die sich bis -zur Stunde unter den modernen Ägyptern fortgepflanzt haben. So -befinden sich beispielsweise lange hieroglyphische Inschriften auf -den Mauerwänden des Tempels von Edfu, deren Inhalt die Größe des -heiligen Tempelgutes nach Zahl und Maß der Äcker auf Grund der Angaben -der Feldmesser betrifft. Die nun 2000 Jahre alte Methode kehrt auch -darin wieder. So wird darin ein quadratisches Feldstück von 2 Ruten -die Seite mit Hilfe der Formel <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span -class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span -class="denominator">2</span></span> richtig auf 4 -<img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten berechnet und ebenso ein rechteckiges, dessen gegenüberliegende -Seiten die Längen von 2 und 20 Ruten betrugen, durch die Formel <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span -class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(20 + 20)</span><span -class="denominator">2</span></span> = 40 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten bestimmt, aber für ein trapezförmiges -Feldstück mit den gegenüberliegenden Seitenlängen 21 zu 20 und 4 zu 4 -Ruten findet sich irrtümlich dieselbe Formel angewendet: <span class="hfrac"><span class="numerator">(21 + 20)</span><span -class="denominator">2</span></span> × -<span class="hfrac"><span class="numerator">(4 + 4)</span><span -class="denominator">2</span></span> = 82 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten, während die geometrische Berechnung dafür die -Zahl 81,18 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten ergiebt.</p> - -<p>Dieselbe Formel, welche der Berechnung des Flächeninhaltes eines -vierseitigen Feldes ohne Rücksicht auf seine besondere Gestalt im -höchsten Altertum zu Grunde lag, findet sich in den Hunderten von -Beispielen der Edfuer Inschriften auch auf jedes Dreieck irgend welcher -Gestalt angewendet, nur<span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span> mit dem Unterschiede, daß die der kleinsten -Seite gegenüber liegende Spitze des Dreiecks, gleichsam die vierte, zu -einem mathematischen Punkte zusammengeschrumpfte Linie, durch das Wort -„nichts“ ersetzt wurde. Wir würden dafür 0 sagen. Zur Berechnung eines -gleichseitigen Dreiecks von je einer Rute Längenausdehnung der Seite -findet sich daher der gewöhnliche Ansatz: <span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 0)</span><span -class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 1)</span><span -class="denominator">2</span></span> = ½ <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute, -für ein gleichschenkliges Dreieck mit der Grundlinie einer Rute -und der Schenkellänge von 2 Ruten tritt der gleiche Ansatz ein, nämlich -<span class="hfrac"><span class="numerator">(1 + 0)</span><span -class="denominator">2</span></span> × <span class="hfrac"><span class="numerator">(2 + 2)</span><span -class="denominator">2</span></span> = 1 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute. Thatsächlich beträgt aber der Inhalt -des ersteren 0,433 gegen 0,5 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten, und der des letzteren 0,968 -gegen 1 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Rute. Die Fehler, welche aus dieser Methode entspringen, -die noch in den Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfange unserer -Zeitrechnung ihre Verwendung fand, sind genau dieselben, welche sich -aus den gleichen Ansätzen der modernen Feldmesser in Ägypten ergeben -und welche mit allem Rechte die englische Verwaltung durch geometrische -Nachmessung zu beseitigen bemüht ist, um einen genauen Kataster des -urbaren Landes im Nilthale ein für allemal festzustellen und eine -gerechte Verteilung der Besteuerung bebauter Felder herbeizuführen.</p> - -<p>Eine derartige Berechnung für alle Fälle verstößt gegen die -bekanntesten und einfachsten Regeln der Geometrie, wie sie heutzutage -unseren Kindern in der Schule gelehrt werden und rechtfertigt die -britische Rektifizierung, aber sie findet ihr ältestes Vorbild in -einem altägyptischen Papyrus, dessen Abfassung in die Zeiten zwischen -den Jahren 1800 und 2000 v. Chr. fällt. Beinahe 4000 Jahre hindurch -hatte sich danach die einseitige Lehre bis zu den modernen ägyptischen -Feldmessern fortgepflanzt, um schließlich von den Engländern über den -Haufen geworfen zu werden!</p> - -<p>Der altägyptische Papyrus, auf welchen ich soeben angespielt habe, -befindet sich im Britischen Museum zu London,<span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span> ist in hieratischen -Schriftzügen abgefaßt, mit mathematischen Figuren versehen und deshalb -in die Wissenschaft unter dem Namen des mathematischen Papyrus -von London eingeführt. Aus seinem reichen Inhalt, der durch die -Behandlung eines deutschen Gelehrten (Prof. Eisenlohr in Heidelberg) -bekannter geworden ist, hebe ich nur hervor, daß die Berechnung des -Flächeninhaltes von Feldstücken und des kubischen Inhaltes meist zur -Aufnahme von Getreide bestimmter hohler Räume bis zu den kleinsten -Maßen hin den Hauptgegenstand der an Beispielen erläuterten Lehrsätze -bildet. Wie nahe man aber in einzelnen Fällen der geometrischen -Wahrheit war, dafür spricht vor allem die bereits vor fast 4000 -Jahren aufgestellte Formel zur Berechnung des Flächeninhalts eines -kreisförmigen Feldstückes. Aus den im Papyrus vorgelegten Beispielen -erhellt, daß man von dem Durchmesser des Kreises ein Neuntel abzog und -den übrig bleibenden Rest mit sich selbst multiplizierte. Ich führe in -wörtlicher Übersetzung ein Beispiel an, dem ein Kreis beigefügt ist mit -den Schriftzeichen für „9 Ruten“ (oder Kassabeh) in seinem Innern. Der -dazu gehörige Text lautet wie folgt: „Berechnung eines kreisförmigen -Feldes von 9 Ruten (Durchmesser). Es wird die Frage nach seinem -Flächeninhalt gestellt. Ziehe bei dir sein Neuntel ab, das ist 1. Als -Rest bleibt 8. Multipliziere 8 mal 8. Das Facit ist 64 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten. Das ist -sein Flächeninhalt.“</p> - -<p>Man muß billig erstaunt sein, daß dies Resultat sich nur unmerklich -von der wirklich richtigen Zahl (64,0224 <img class="h0_6em" src="images/quadrat.jpg" alt="Quadrat-" />Ruten) auf Grund unserer -modernen Methode unterscheidet, in welcher die Zahl π eine so -bedeutungsvolle Rolle für die Kreisberechnung spielt.</p> - -<p>Die Beispiele, so viel deren in dem uralten Papyrus ziffernmäßig -entwickelt werden, beziehen sich mit äußerst geringen Ausnahmen auf -die praktische Thätigkeit des Ackerbauers in Bezug auf die Vermessung -seiner Felder und die räumliche Bestimmung der für die Aufnahme der -verschiede<span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span>nen Getreidesorten errichteten Speicher oder sonstiger -Baulichkeiten mit Hilfe der bestehenden großen Getreidemaße und ihrer -Unterabteilungen. Das waren unentbehrliche Geschäfte gerade wie dies -bis zur heutigen Stunde in ganz Ägypten und in der übrigen Welt der -Fall ist. Daß man schon sehr frühzeitig daran dachte, die Hauptregeln -der Vermessungskunst für den alltäglichen Gebrauch des Landmannes -niederzuschreiben, dafür tritt der Londoner Papyrus als redender Zeuge -ein.</p> - -<p>Soweit wir gegenwärtig in der Lage sind, die Textworte zu verstehen -und die Berechnungen von Zahl und Maß bis in ihre Einzelheiten zu -verfolgen, stellt sich als allgemeines und zweifelloses Ergebnis die -Thatsache heraus, daß die in dem Papyrus niedergelegten Regeln und -Methoden mit ihren als Erläuterung dienenden zahlreichen Beispielen -auf einer verständigen Grundlage beruhen und durchaus nicht an ein -Zeitalter der menschlichen Kindheit erinnern. Es ist im Gegenteil -erstaunlich, wie man ohne die Kenntnis des Stellenwertes der -Zahlenreihen die verwickeltsten Rechnungen durchzuführen vermochte und -selbst bei Bruchberechnungen nur in äußerst seltenen Fällen, wie man zu -sagen pflegt, selber in die Brüche geriet.</p> - -<p>Nur <em class="gesperrt">ein</em> Umstand bleibt dabei auffällig, daß man nämlich nicht -nur die einfachsten Brüche mit dem Zähler Eins, die man in der -kürzesten Weise zu bezeichnen imstande war, in den häufigsten Fällen -in kleinere Brüche mit demselben Zähler Eins zerlegte, sondern die -Nenner in ein gewisses abhängiges Zahlenverhältnis zu einander stellte. -So finden sich beispielsweise in einer mir vorliegenden Rechnung, von -welcher weiter unten ausführlicher noch die Rede sein wird, die Brüche -<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> durch die nebeneinanderstehenden Bruchzahlen <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span>, -<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> gleichsam umschrieben wieder. Durch eine -leicht ausführbare Nachrechnung überzeugt man sich sofort von der -Richtigkeit beider Ansätze.</p> - -<p>Es diene zum Verständnis dieser auffallenden Erscheinung<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> die -Bemerkung, daß die Bezeichnung jener Teilbrüche nicht mit Hilfe der -gewöhnlichen Zahlzeichen, sondern durch Schriftcharaktere vor sich -geht, von denen jedes einzelne ein besonderes Wort zum Ausdruck eines -bestimmten Hohlmaßes darstellt. Es ist etwa so als wollte man mit -Bezug auf unser älteres Getreidemaß-System die Brüche ½, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">24</span></span> und -<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">384</span></span> (Wispel) mit den Worten: Malter, Scheffel und Metze wiedergeben. -Es ist sofort ersichtlich, daß diese Wörter der Reihe nach bestimmte -Bruchteile des Wispels andeuten, ohne daß dies zunächst aus ihrem Namen -selber hervorgeht. Für denjenigen, welcher mit den Getreidemaßen und -ihren Verhältnissen zu einander vertraut ist, sind ihre ziffernmäßige -Wertgrößen von vornherein verständlich.</p> - -<p>Ich fühle mich bei dieser Gelegenheit veranlaßt, auf eine wenig -bekannte, sehr eigentümliche Rechnungsmethode überzugehen, welche -noch heutzutage von den koptischen Schreibern der Regierung, aber -auch sonst im gewöhnlichen Lebensverkehr ausgeübt wird, sobald es -sich um Rechnungen mit Brüchen handelt. Diese Methode, welche mit der -altägyptischen die größte Verwandtschaft besitzt, führt im Munde der -Eingeborenen den Namen der <em class="gesperrt">indischen Rechnung</em>, obgleich ich -keinen Grund für ihren Ursprung anzugeben vermag.</p> - -<p>Einleitend mache ich darauf aufmerksam, daß man bei Unterhaltungen -mit den modernen Ägyptern sehr häufig die Redensart vernimmt: das ist -wie die Elle, oder das paßt wie die 24, um die Genauigkeit irgend -einer Angabe im Besonderen zu bestätigen. Man muß dazu wissen, daß -nicht nur bei den gegenwärtigen Bewohnern im Nilthale, sondern schon -bei den alten und ältesten Ägyptern die Elle eine ganz besondere -Heiligkeit besaß, und daß man sie damals wie noch heute in 24 gleiche -Teile teilte, welche im Altertume „Finger“ hießen und jetzt den Namen -<em class="gesperrt">Kirat</em> tragen. Nicht nur die Einheit der Elle, sondern jede -Einheit überhaupt wird von den heutigen Ägypter als aus 24 gleichen -Teilen bestehend betrachtet, so daß ihre Hälfte durch 12, ihr Viertel -durch 6,<span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span> ihr Sechstel durch 4, ihr Achtel durch 3 u. s. w. bezeichnet -zu werden pflegt. Handelt es sich in den modernen Berechnungen der -koptischen Schreiber z. B. um die Summierung der Brüche ½, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">12</span></span>, -so addiert man die Teilstücke der Elle: 12 + 3 + 2 = 17 zusammen, und -zieht daraus die rechnungsmäßigen Schlüsse. Da ja der Bruch für sich -allein wieder als eine neue Einheit betrachtet wird, so entsteht daraus -ein weit verzweigtes Rechnungssystem, welches bis zu den kleinsten -Brüchen fortgeführt wird.</p> - -<p>Ganz ähnliche Anschauungen herrschten bereits im höchsten Altertum -vor, wenigstens in Bezug auf die überlieferten zahlreichen Beispiele, -in welchen es sich bis zu den Brüchen hin um die Berechnungen von -Hohlmaßen für Getreide, Flüssigkeiten u. s. w. handelte. Jede einzelne -Maßeinheit wurde in 320 gleiche Teile geteilt, wobei die ganzen Zahlen -320, 160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2, 1 unserer 1 und den Brüchen ½, -¼, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">64</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">3</span>⁄<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">320</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> entsprechen. Die -Beispiele, welche ich oben angeführt hatte, nämlich die Zerlegungen -der Brüche <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span></span> und <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> in ihre besonderen Teilstücke, liefern dafür -sprechende Zeugnisse.</p> - -<p><span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span> + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span> + <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> an Stelle des einfachen Bruches <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span></span>, besagen -nichts weiter, als daß es sich um die Summierung von 20 + 10 + 2 = 32 -Teilstücken der 320 der Grundeinheit, d. h. um <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span></span> derselben, handeln -soll.</p> - -<p>Der Papyrus von London führt zahlreiche Beispiele dieser -Rechnungsmethoden an, die, wie angegeben ist, etwa in die Zeit -zwischen 1800 und 2000 v. Chr. fallen. Das ist ein hohes Alter, wie -es nur von wenigen Handschriften in der Welt übertroffen wird, aber -trotzdem bietet die merkwürdige Urkunde nicht das älteste Beispiel -der besprochenen Rechnungsmethode dar. Erst vor kurzem hat mich ein -glücklicher Zufall ein Schriftstück kennen gelehrt, das ich mit vollem -Rechte als die <em class="gesperrt">älteste Rechentafel der Welt</em> überhaupt bezeichnen -darf, wie es der Leser des weiteren sehen wird.</p> - -<p>Es war im April des laufenden Jahres 1891 als<span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span> während meines -Aufenthaltes im Museum von Gizeh mein Blick zufällig auf zwei -beschriebene Holztafeln fiel, die sich in einer der obersten -Abteilungen eines Kastens mit ägyptischen Antiken halb versteckt -vorfanden. Auf meine Bitte wurden sie aus ihrem Verließe geholt und -mir die Gelegenheit geboten, sie in aller Ruhe unter dem Lichte -der klaren ägyptischen Sonne zu prüfen. Jede der beiden Tafeln -hat eine Länge von etwa einem Fuße, die Höhe eines halben Fußes, -und auf beiden befindet sich an der oberen Längsseite eine kleine -Öffnung, als ob man ehemals eine Schnur dadurch gezogen habe, um -sie mit Bequemlichkeit, etwa wie ein Schüler seine Rechentafel, zu -tragen oder an einen Nagel aufzuhängen. Beide Tafeln sind mit einem -Gipsstuck überzogen gewesen, der vollständig geglättet erscheint -und heutzutage eine schmutzige, wachsgelbe Färbung angenommen hat. -Sie waren auf beiden Seiten beschrieben, wobei es sich mir bald -herausstellte, daß die dick aufgetragenen Züge fast nur Ziffern -in kolonnenartig angeordneten Berechnungen enthielten. Ein großer -Teil der Schrift erscheint verwischt, allein dieser Übelstand ist -nicht beklagenswert, da derselbe Gegenstand meist drei- bis viermal -wiederholt entgegentritt, so daß eine gegenseitige Prüfung die -vollständige Herstellung der Grundrechnung gestattet. An dem Rande -beider Tafeln befinden sich lange Namensverzeichnisse von Personen, -die, wie die Zahlzeichen, in altertümlicher Schrift ausgeführt sind -und deren Ursprung nur der elften oder zwölften Dynastie, d. h. etwa -der Mitte des 3. Jahrtausends, angehören kann. Das geht nicht bloß -aus dem Schriftcharakter selber, sondern noch vielmehr aus einzelnen -Namensformen hervor, welche mit denen bekannter Könige jener Epoche -identisch sind. Ich nenne an dieser Stelle die drei auffallendsten, -nämlich Entef, Amenemhet und Ufurtisen. Es kann somit über das -angegebene Alter jener merkwürdigen Tafeln kein Zweifel obwalten und -wir sind dadurch in die Lage gebracht, den Ursprung der Rechnungen -selber in jene uralte Zeit zu versetzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span></p> - -<p>Der Fundort der beiden erwähnten Rechentafeln war ein Grab gewesen, -und es läßt sich nach sonstigen Vorgängen und Beispielen mit -zweifellosester Gewißheit annehmen, daß sie als Erinnerungen an einen -teuren Toten, der Mumie desselben beigegeben waren, um vielleicht an -seine letzte Thätigkeit im Rechenfache auf Erden zu erinnern. Es war -offenbar ein Schüler, der das Zeitliche gesegnet hatte, ohne seine -Studien auf dem bezeichneten Gebiete vollendet haben zu können. Die -kleinen Fehler und Irrtümer nämlich, welche in den einzelnen Kolonnen -mit unterlaufen, die Wiederholungen der Abschrift derselben Rechnung -und sonstige Indizien weisen darauf hin, daß der ehemals Lebende sich -mitten in der Schulung befand, als er plötzlich seinem Leben Valet -sagen mußte.</p> - -<p>Ein näheres Studium der Kolonnen, die ziemlich regellos und wild -neben- und untereinander fortlaufen und die beiden Seiten jeder Tafel -bedecken, läßt mit aller Bestimmtheit feststellen, daß es sich in -sämtlichen Rechnungen um die Proportion gewisser Zahlenreihen zu -einander handelte. Als Anfangsproportionen erscheinen die folgenden -fünf: 1 : <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>, 1 : 7, 1 : 10, 1 : 11, 1 : 13. Obgleich die Zahlen -ohne besondere Rechnungszeichen neben- und untereinander erscheinen, -so lehrt schon der erste Blick, daß Zahlenverhältnisse vorliegen, -die in fortlaufender Stufenfolge von den einfachen Zahlen bis zu den -zusammengesetzten Brüchen hin entwickelt werden.</p> - -<p>Ich führe als erstes, weil durchsichtigstes und einfachstes Beispiel -die Verhältnisse von 1 : 10 an, die ich in nachstehender Übertragung -nach dem Ziffernbilde der Tafeln wiedergebe.</p> - -<p>Vervollständigt ist dies Bild durch mich selbst nur durch das moderne -Zeichen der Proportion, um auch für das Auge die einzelnen Verhältnisse -deutlicher hervortreten zu lassen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 10 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 10 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 100 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 20 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 200 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 20 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">20 + 10 + 2</span><span -class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">10</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 20 + 4</span><span -class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 4 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">80 + 40 + 5 + 3</span><span -class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">5</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 8 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">160 + 80 + 10 + 5 + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">1</span></span></span><span -class="denominator">320</span></span> (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">5</span></span>) - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p>Man überzeugt sich, auf welchem rationellen, wenn auch zeitraubenden -Umwege mit Hilfe der Teilzahl 320, in ihrer fortschreitenden -Entwickelung von Stufe zu Stufe, man es erreichte, die Bruchwerte -vollkommen zu beherrschen und ihre Multiplikation in leichtester Weise -durchzuführen. Noch viel beredter spricht ein anderer Ansatz dafür, -in welchem die Verhältnisse nach der Proportion 1 : <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> beginnen, und -deren fortschreitendes Schema nach dem mir vorliegenden Texte die -folgende Übertragung zeigt:</p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 4 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 5 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 10 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 3<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 20 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - (= 6<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 40 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 10 + 3<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - (= 13<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 80 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 20 + 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - (= 26<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 160 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 40 + 10 + 2 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - (= 53<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 320 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 80 + 20 + 5 + 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - (= 106<span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span>) - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p>Das System der 320 begegnete nicht selten Schwierigkeiten, um -Brüche auszudrücken, deren Nenner aus einer wenig oder gar nicht -teilbaren Zahl bestand. In einem solchen<span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span> Falle versuchte man mit -Annäherungswerten auszukommen, etwa nach Art unserer abgekürzten -Decimalbrüche. Ein lehrreiches Beispiel gewährt die dreimal auf den -beiden Tafeln wiederholte Reihe der Proportionen nach dem Grundschema -1 : 11, welche ich in nachstehender Umschrift wiedergebe.</p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 11 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 10 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 110 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 20 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 220 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 22 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 4 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 44 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 8 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 88 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 11 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 121 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">20 + 5 + 4</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">29</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">11</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 10 + 5 + 3</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">58</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">6</span></span> - + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">66</span></span> - (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 4 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">80 + 20 + 10 + 5 + 1</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">116</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">33</span></span> - (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>) - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 8 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">160 + 40 + 20 + 10 + 2</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">232</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> - + <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">22</span></span> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">66</span></span> - (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>) - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p>In den letzten vier Zeilen sollten rechnungsmäßig der Bruch <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">11</span></span> und -seine vielfachen <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>, das Ergebnis bilden. Thatsächlich -führte aber das System auf den Hauptbruch <span class="nobreak"><span class="zaehler">29</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> an Stelle des -erwarteten <span class="nobreak"><span class="zaehler">29</span>⁄<span class="nenner">319</span></span> = <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>. Man ließ ihn unbeschadet des Fehlers stehen, -wies jedoch durch ein dahingestelltes <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">11</span></span> auf die Erkenntnis des -Fehlers hin, ebenso auch in den folgenden drei Zeilen, worin außerdem -die Brüche <span class="nobreak"><span class="zaehler">2</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">11</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">8</span>⁄<span class="nenner">11</span></span> nach der üblichen Methode in solche mit dem -Zähler 1 zerlegt sind.</p> - -<p>Ähnlich verhält es sich mit der Proportionsreihe, an deren Spitze sich -als Schema 7 : 1 befindet und die ich in genauer Umschrift wiedergebe:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span></p> - -<div class="centre-container"> - <div class="centred"> -<div class="csstab"> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 7 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - 1 - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">4</span></span> - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">28</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">2</span></span> - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">14</span></span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 1 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">40 + 5<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">2</span></span></span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">91</span><span -class="denominator">640</span></span><span class="s2 vat">)</span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 2 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">80+ 10 + 1</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">91</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> - </div> - </div> - <div class="cssrow"> - <div class="csscell right"> - 4 - </div> - <div class="csscell center"> - : - </div> - <div class="csscell"> - <span class="hfrac1"><span class="numerator">160+ 20 + 2</span><span -class="denominator">320</span></span> <span class="s2 vat">(</span>= <span class="hfrac1"><span class="numerator">182</span><span -class="denominator">320</span></span><span class="s2 vat">)</span> - </div> - </div> -</div> - </div> -</div> - -<p>An Stelle des Bruches <span class="nobreak"><span class="zaehler">91</span>⁄<span class="nenner">640</span></span> hätte man <span class="nobreak"><span class="zaehler">91</span>⁄<span class="nenner">637</span></span> erwartet, um die -Proportionszahl <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">7</span></span> zu gewinnen. Der kleine Fehler blieb indes -unbeachtet, sowohl hier als in den beiden darauf folgenden Stufen (in -denen er sich verdoppeln und vervierfachen mußte) um nicht unnötige -Rechnungsschwierigkeiten in das System hineinzutragen, in welchem 320 -und die Unterabteilungen nicht bloße Zahlen, sondern Maßverhältnisse -ausdrücken, mit welchen der Landmann gewohnheitsmäßig vertraut war. -Auch unsere Bauern reden von einer Metze, ohne dabei an den <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">384</span></span> -Teil des Wispels zu denken. Die 320 Teilstücke, aus welchen auf Grund -der ältesten ägyptischen Vorstellungen ein Ganzes bestand und deren -Haupteinheiten sich in Reihenfolge 160 (= ½), 80 (= ¼), 40 (= -<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>), 20 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>), 10 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span>), 5 (= <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">64</span></span>), 4, 3, 2, 1 darstellen, -haben für das gesamte Rechenwesen der alten Ägypter eine weittragende -Bedeutung gehabt, insoweit sich dasselbe, wie bemerkt, zunächst auf -die Berechnung hohler Räume bezog ohne Rücksicht auf die verschiedenen -Einheitsgrößen der Maße des Raumes.</p> - -<p>Als lehrreiches Beispiel dafür dient ein in demselben Museum von -Gizeh aufbewahrter Metallbecher aus einer der späteren Epochen -des ägyptischen Altertums, dessen Inhalt nach den Untersuchungen -meines Bruders Emil Bey 0,23 Liter in sich faßt. Von oben nach unten -fortlaufend und nach dem Boden zu immer kleiner werdend befinden sich -auf<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> der Innen- und Außenseite desselben Ringe eingegraben, zwischen -welchen erklärende hieroglyphische Textworte und Bruchziffern deutlich -lesbar angebracht sind. Sie lauten, in der angegebenen Reihenfolge, -½, ¼, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">64</span></span> Hin, entsprechen also genau den oben -angeführten Teilstücken. Mit dem Worte Hin, das sich außerdem in der -ebräischen Sprache in derselben Gestalt erhalten hat, bezeichnete man -ein Grundhohlmaß, das nach den sehr genauen Untersuchungen darüber -eine Fassung von 0,454 Liter besaß. Die Hälfte desselben betrug -mithin 0,227. Damit stimmt der oben besprochene geaichte Metallbecher -des Museums von Gizeh wohl überein, dessen Inhalt auf Grund der -eingegrabenen Inschriften die Hälfte eines Hin in sich faßte. In allen -Zeiten der ägyptischen Geschichte erscheint der Name Hin in Tausenden -von Texten wieder, um die kleinsten Grundeinheiten aller räumlichen -Maße zu bezeichnen, gerade wie wir in unseren Tagen das Litermaß als -eine solche auffassen. In den verschiedenen Sammlungen ägyptischer -Altertümer werden meist aus Alabaster angefertigte Gefäße aufbewahrt, -deren Aufschrift nicht selten den räumlichen Inhalt derselben mit -Hilfe des Hinmaßes anzeigt. Man begegnet Angaben darauf, wie z. -B. 9, 11, 21, 40 Hin, in einzelnen Fällen sogar mit hinzugefügten -Bruchteilen dahinter, welche die Beweise liefern, daß man den Inhalt -der bezüglichen Gefäße auf ihre Fassung genau zu prüfen verstand.</p> - -<p>Das Maß des Hin, das für sich allein nach dem allgemein eingeführten -Rechnungssystem in 320 kleinste Teilstücke mit den Unterabteilungen -160, 80, 40, 20, 10, 5, 4, 3, 2 und 1 zerfiel, wurde anderseits für -sich allein als ein kleinstes Teilstück, d. h. als <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">320</span></span> betrachtet, -dessen Einheit somit das 320fache von 0,454 Liter in sich fassen mußte. -Die vollzogene Rechnung führt auf ein größtes räumliches Maß, dessen -Inhalt sich auf 145,35 Liter berechnet. Das ist aber genau die Fassung -der altägyptischen Kubikelle (von 0,527 Meter Längenausdehnung), -deren Teilstücke nach dem allge<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>meinen Schema, wie ich es kurz vorher -wiederholt habe, die hauptsächlichsten Unterabteilungen der ägyptischen -Maße darstellten, d. h. ½, ¼, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">64</span></span> Kubikelle oder -mit anderen Worten 160, 80, 40, 20, 10 und 5 Hin.</p> - -<p>Ich habe kaum nötig, darauf hinzuweisen, welche merkwürdige Analogie -das altägyptische System der Getreide- und Flüssigkeitsmaße mit unserem -modernen darbietet, in welchem bekanntlich das Liter den Raum eines -Kubikdecimeters oder den tausendsten Teil eines Kubikmeters bezeichnet. -Der Unterschied liegt allein in der Teilzahl 320, welche wir durch die -Decimalberechnung ersetzt haben.</p> - -<p>Die Zahl 320, welche bereits auf den beiden ältesten Rechentafeln aus -der Mitte des dritten Jahrtausends v. Chr. zum Vorschein kommt und -deren Ursprung sicherlich in ein noch höheres Zeitalter zu versetzen -sein dürfte, hatte ihre nachgewiesene Bedeutung nicht nur für das -kubische Maß, sondern auch für die Berechnung der Flächenmaße, -besonders der Feldmaße, in den Zeiten des ägyptischen Altertums. -Erhaltene Inschriften liefern die Beweise, daß die größte Grundeinheit -des Feldmaßes in ½, ¼, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">8</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">16</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">32</span></span> geteilt, mit andern Worten, -dabei dasselbe Prinzip verfolgt wurde, welches dem uralten System mit -Hilfe der leicht teilbaren Zahl 320 zu Grunde lag.</p> - -<p>Einen merkwürdigen Gegensatz zu dieser Zahl und ihren Teilstücken -bildete die von dem alten Kulturvolke der Babylonier angewandte -sexagesimale Rechnungsmethode, in welcher sich die Hauptstufen in -der Ordnung 360, 60, 1, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">60</span></span>, <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">360</span></span> darstellten. Die geschichtliche -Bedeutung dieses Systems, dessen Spuren sich bis in unsere Zeiten -hin verfolgen lassen, ist weltbekannt. Es beherrschte die gesamte -Kulturwelt des Altertums und verbreitete sich von Volk zu Volk auf den -ältesten Handelsstraßen zu Wasser und zu Lande. Ob es auch Ägypten -beeinflußt hatte oder ob im Verlaufe der späteren Geschichte von -Ägypten aus der Anstoß dazu gegeben worden ist, muß vorläufig als -eine unentschiedene und schwe<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>bende Frage bezeichnet werden. Auf -alle Fälle haben die ältesten Rechentafeln der Welt im Museum von -Gizeh, welche ich zum Gegenstande dieser Betrachtung gewählt habe, -uns die Gelegenheit geboten, Lichtblicke in eine ferne Vergangenheit -zu werfen, in welcher der menschliche Scharfsinn die Schwierigkeiten -glücklich zu überwinden verstand, mit ganzen und gebrochenen Zahlen die -Grundoperationen des Rechenwesens ohne auffällige Fehler im einzelnen -mit Erfolg durchzuführen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Der_Hypnotismus_bei_den_Alten">Der Hypnotismus bei den Alten.</h2> - -</div> - -<p>Der Hypnotismus oder die Kunst geeignete Personen in Schlaf zu -versetzen und sie in diesem Zustande zu Handlungen zu bewegen, -welche von dem ausgesprochenen Willen des Hypnotiseurs abhängig -sind, hat in den neuesten Zeiten durch öffentliche Schaustellungen -die allgemeine Aufmerksamkeit im höchsten Grade auf sich gezogen. -Die Meinung, daß bei den Versuchen in kleineren und größeren Kreisen -ein verabredetes Einverständnis zwischen den beteiligten Personen -vorliege, ist durch die Thatsachen vollständig widerlegt worden, und -seitdem die medizinische Wissenschaft, auf Grund strenger Prüfungen und -wiederholter Experimente, die Thatsachen ihrerseits bestätigt hat, sind -die Zweifel daran als unberechtigt angesehen worden.</p> - -<p>Man hat sich bei dieser Gelegenheit mit Recht daran erinnert, daß schon -in den vorangehenden Jahrhunderten, man braucht nur an <em class="gesperrt">Mesmer</em> -und den Mesmerismus zu denken, ähnliche Erscheinungen festgestellt -worden sind, die freilich auf übernatürliche Ursachen zurückgeführt -wurden und die Träger der geheimnisvollen Kraft geradezu in den -Ruf von Geisterbeschwörern brachten. Der bekannte Abenteurer Graf -<em class="gesperrt">Cag<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>liostro</em>, welcher sein Unwesen in der letzten Hälfte des -vorigen Jahrhunderts in den Hauptstädten Europas trieb, in Rom zum -Tode verurteilt wurde, jedoch begnadigt im Jahre 1795 im Fort San -Leon als Gefangener starb, kann als der Typus dieser sogenannten -Wundermänner angesehen werden. Man ist noch weiter zurückgegangen -und hat die Vermutung ausgesprochen, daß bereits dem Altertum -dieselben Erscheinungen nicht unbekannt gewesen seien, indem man -gewisse Arten von Orakeln und den Tempelschlaf mit dem Hypnotismus -in unmittelbaren Zusammenhang setzte. Die in den letzten Zeiten -öffentlich ausgesprochenen Ansichten darüber haben in der That vieles -für sich, aber die Schlüsse sind nur allgemeine, denn sie gehen von den -überlieferten Erscheinungen aus, deren nicht überlieferte, absichtlich -oder unabsichtlich verschwiegene Ursache den Ursprung derselben -verdunkelt, d. h. den vorausgesetzten Zustand hypnotisierter Menschen, -wie er heutigestags selbst von den wissenschaftlichen Größen zugegeben -wird.</p> - -<p>Ich bleibe beim Altertume stehen, um die Beweise zu liefern, daß man -wirklich einzelne Individuen in Schlaf zu versetzen vermochte, um -sich derselben als Medien zu bedienen und durch sie eine Verbindung -zwischen einer übernatürlichen Welt mit der sinnlichen herzustellen. -Die Thatsache wird durch den Inhalt einer langen Papyrusrolle erwiesen, -welche in ägyptischer Volksschrift abgefaßt und mit vielen griechischen -Beischriften versehen ist. Nach dem Urteile gelehrter Forscher -fällt ihre Abfassung in die Mitte des dritten Jahrhunderts unserer -Zeitrechnung, in welchem die sogenannte <em class="gesperrt">Gnosis</em> in vollster -Blüte stand und die Anhänger derselben, die Gnostiker, je nach dem -Gründer und dem Systeme ihrer Schule, sich bemühten, die heidnischen -Mythen und die Gottheiten und Dämonen, vorzüglich der ägyptischen -und syrischen Tempelwelt, mit dem Christentum zu verquicken und auf -diesem verkehrten Wege in die Tiefen der Erkenntnis von Gott und Welt -einzudringen. Die hinterlassenen Schriften der<span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> Gnostiker, welche sich -vor allem an die Namen der Stifter der einzelnen Schulen und berühmter -Theosophen wie Marcus, Valentin, Basilides, Jamblichus knüpfen, lassen -ein ganzes Geisterreich erkennen, in welchem die Dämonen wie gehorsame -Diener und Vermittler zwischen dem „großen Gotte“ und dem Anhänger der -Gnosis auftreten. Durch geheimnisvolle Mittel, auch die schrecklichsten -Drohungen gehörten dazu, wurden sie gezwungen zu erscheinen und den -Willen des Beschwörenden auszuführen.</p> - -<p>Mystische Namen und Titel spielten hierbei eine bedeutende Rolle -und dieselben, ihren gemalten oder geschnittenen Bildern beigefügt, -galten als Schutzmittel gegen alles Unheil. Die in den europäischen -Museen aufbewahrten gnostischen Steine können noch heutigestags -als beredte Zeugen jener wunderlichen Lehren dienen, welche genaue -Vorschriften über die Ausführung derartiger Talismane enthalten. So -sollte z. B. ein goldener Ring von ganz besonderer Wirkung sein und -vor jedem Unglück bewahren, an welchem ein Jaspis gefaßt war, der -das geschnittene Bild einer Schlange zeigte, die sich in den eigenen -Schwanz biß, darüber die Sonne, zwei Sterne und den Mond und daneben -die drei Namen <em class="gesperrt">Abrasax</em>, <em class="gesperrt">Jao</em> und <em class="gesperrt">Sabaoth</em>. Selbst -jüdische Gottesgelehrte und christliche Bischöfe standen nicht an, -der Dämonenlehre ihren Beifall zu schenken, denn sie spielen in ihren -Äußerungen und Schriften bei passender Gelegenheit häufig darauf an. -Die Gnostiker schienen niemals in Verlegenheit zu sein, um selbst -das Unmöglichste zu erreichen. Es gab förmliche Rezepte um glücklich -zu sein, um Gegenliebe zu gewinnen und Haß hervorzurufen, um Träume -zu haben und Träume zu senden, mit einem Worte, um jeden Wunsch in -Erfüllung zu bringen. Sie legten damit den eigentlichen Grund zu dem -im Mittelalter allgemein verbreiteten Glauben an eine höhere Magie -und wenn in ihren Schriften auch keine Vorschriften darüber enthalten -sind, wie man schlechte Metalle in Gold verwandeln könne, so sind die -Rezepte in den gnosti<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>schen Schriften um so zahlreicher, welche von der -Mischung der Metalle handeln und chemische Prozesse berühren.</p> - -<p>Die Alchimie, die Mutter unserer Chemie, ging mit der Magie Hand in -Hand und es setzt in Erstaunen, mit welcher Auswahl von Mitteln man -das gesteckte Ziel zu erreichen glaubte. Selbst die Heilkunde wurde -in das Bereich der gnostischen Schulen gezogen. Die Beweise dafür -liegen in derselben Papyrusrolle vor, mit welcher ich mich gleich -näher beschäftigen werde. Es fehlt z. B. nicht an Rezepten, um das -Blut zu stillen, nicht an anderen, welche sich auf die Beseitigung von -Ohren-, Augen- und Fußleiden beziehen, auch nicht an Beschreibungen -von Pflanzen und Mineralien, welche auf das Gebiet der <span class="antiqua">materia -medica</span> verweisen. Die Gnosis umfaßte eben die Erkenntnis der Dinge -in ihrem letzten Grunde und ihre Verbindung mit dem Namen „des großen -Gottes“, unter welchem das Dämonenreich als Vermittler mit dem Anhänger -der Gnosis stehend angesehen wurde. Der Hypnotismus gehörte zu den -wirksamsten Mitteln, um diese Verbindung herzustellen und auf dem -Gebiete der Wünsche und des Wissens die wirksamsten Erfolge zu erzielen.</p> - -<p>Der ägyptische Papyrus, von dem ich am Eingange gesprochen habe, -ist seit dem Jahre 1829 Eigentum des Museums (eingetragen als Pap. -<span class="antiqua">A</span>. Nr. 65) in der niederländischen Universitätsstadt Leiden. Er -ward in Theben entdeckt und gelangte durch Ankauf in den Besitz jener -Sammlung. Seine Länge beträgt 3,14 Meter, seine Höhe 25 Centimeter. -Von beiden Seiten mit zierlichen Schriftzügen in enger Zeilenfolge -bedruckt, hat er beim Aufrollen den Anfang eingebüßt. Es sind deutliche -Spuren vorhanden, daß sich der ehemalige Besitzer desselben häufig -bedienen mußte, denn er ist abgegriffen und danach zu urteilen sein -Inhalt häufig gelesen worden. Der Name des Verfassers oder selbst -nur der des Abschreibers oder Besitzers ist nirgends zu entdecken. -Vielleicht stand er am Anfange und ist bei der Zersplitte<span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>rung der -ersten Seite verloren gegangen. Daß er für ägyptische Gnostiker -bestimmt war, darüber läßt die Sprache und selbst auch der Inhalt, -insofern er die Namen von ägyptischen Gottheiten wie Osiris, Isis, -Horus, Anubis, Seth u. a. m. berührt, keinen Zweifel übrig.</p> - -<p>Unter den mannigfaltigen Vorschriften, welche größtenteils in -Gestalt von Beschwörungen und Zaubermitteln den Inhalt des langen, -merkwürdigen Schriftstücks bilden, befinden sich auch solche, welche -auf die Erscheinung von Dämonen hinauslaufen. Die Geister werden auf -geheimnisvolle Weise gerufen und genötigt, Antwort auf gestellte Fragen -zu geben. Dabei wird stillschweigend vorausgesetzt, daß sie nicht -erscheinen wollen oder eine ungenügende Antwort oder gar keine Antwort -erteilen. Für diesen möglichen Fall wird außer der Grundformel eine -andere Beschwörung empfohlen oder selbst eine dritte und vierte, die -eine unfehlbare Wirkung erzielen sollte.</p> - -<p>Der Beschwörende, welcher die vorgeschriebenen Worte herzusagen hat, -unter welchen bekannte und unbekannte Namen aus allen möglichen -Sprachen als eigentlicher Mittelpunkt der Zauberei dienen, führt -sich selbst unter der Bezeichnung irgend einer Gottheit auf, um den -zitierten Dämon zu veranlassen, den ihm erteilten Befehl auszuführen. -„Ich bin <em class="gesperrt">Horus</em>,“ so sagt er z. B. an einer Stelle, „der Bruder -(<span class="antiqua">sic</span>) der Göttin <em class="gesperrt">Isis</em>, geboren von <em class="gesperrt">Isis</em>, der -herrliche Knabe, welchen <em class="gesperrt">Isis</em> liebt und welcher nach seinem -Vater <em class="gesperrt">Osiris-Onnofer</em> begehrt“. Dem Dämon wird somit die -Täuschung zugemutet, als sei der Beschwörende der ägyptische Gott -<em class="gesperrt">Horus</em> in eigener Person, um seiner Dienstfertigkeit einen -besonderen Nachdruck zu geben und seine etwaige Widerspenstigkeit durch -das Gewicht der Autorität zu brechen. Den Zweck der Beschwörung bildet -in einer ganzen Reihe von Beispielen, wie gesagt, die Absicht, den -citierten Geist zu zwingen, auf gewisse Fragen Rede zu stehen.</p> - -<p>Als notwendigster Apparat zu der Zauberei gehörte eine<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span> Zauberschale -und eine neue Lampe aus Metall oder Thon, in welcher sich Öl und ein -neuer Docht befinden mußte, ferner zwei neue Kisten, welche, nach -ihrer Verwendung zu urteilen, als Stühle dienten, und schließlich ein -reiner, unschuldiger Knabe. Das Kind vertrat die Stelle des Mediums, -und aus seinem Munde vernahm der Beschwörer, ob der gerufene Dämon -oder die Dämonen zur Stelle waren, zugleich auch ihre Geneigtheit, die -betreffenden Fragen zu beantworten.</p> - -<p>Aus den Beispielen, von denen ich mehrere unten in deutscher -Übertragung vorgelegt habe, wird der Leser eine Vorstellung über die -weiteren notwendigen Vorbereitungen gewinnen. Der Hauptakt der Handlung -bestand zunächst darin, das Kind zu hypnotisieren oder, wie der -ägyptische Text sich öfters wörtlich ausdrückt, „<em class="gesperrt">zu veranlassen, daß -es seine Augen schließe</em>“. War dies erreicht worden, so rief es der -Beschwörer wieder wach oder, wie es im ägyptischen Stile heißt, „<em class="gesperrt">er -veranlaßte, daß es seine Augen öffne</em>“. Das Kind mußte sagen, was -es (im Schlafe) gesehen und gehört habe, und damit war der Zweck der -vollzogenen Beschwörung oder Hypnotisierung erreicht.</p> - -<p>Das „reine unschuldige Kind“ spielt in allen Beispielen die Rolle des -Mediums; weshalb? läßt sich leicht behaupten, da ein griechischer -Schriftsteller (Plutarch), welcher über ägyptische Glaubenslehren ein -ganzes Werk niedergeschrieben hat, ausdrücklich versichert, daß die -Ägypter den <em class="gesperrt">kleinen Kindern</em> (<em class="gesperrt">Paidaria</em>) eine wahrsagende -Kraft beilegten und als Vorzeichen besonders die Ausrufungen nähmen, -die sie beim Spielen in den Tempeln zufällig hören ließen.</p> - -<p>Die von mir beschriebene Handlung fand gewöhnlich in einem sauber -ausgewaschenen und abseits gelegenen Zimmer des Hauses statt, welches -von der angezündeten Lampe erhellt wurde. Nur der Beschwörer und das -Kind waren die einzigen gegenwärtigen Personen. Aber auch an die Sonne -und den Mond konnten von der höchsten Stelle im Hause, also vom Dache -aus, die Beschwörungen gerichtet werden,<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> wobei wiederum das Kind die -Rolle des Mediums übernehmen mußte.</p> - -<p>Mit diesen notwendigen Erklärungen vertraut, wird der Leser sich in -der Lage befinden, ohne Schwierigkeit die nachfolgenden Beispiele zu -verstehen, welche ich dem Papyrus des Leidener Museums entlehnt und in -wortgetreuer deutscher Übersetzung wiedergegeben habe.</p> - -<p>„Nachdem du eine neue Lampe gebracht hast, in welche man keine -rotfarbige Erde hineingethan hatte, so ziehe einen sauberen (d. h. -frischen) Docht ein und fülle sie mit dem besten und reinsten Öle. -Stelle sie in ein abseits gelegenes Zimmer, das mit Seifenwasser -gereinigt worden ist. Stelle sie auf einen neuen Kasten, bringe ein -Kind herbei und lasse es seinen Platz auf einem andern neuen Kasten -einnehmen, der Lampe gegenüber. Laß den Schlaf über sein Auge kommen -und sprich über es das, was oben geschrieben steht (nämlich eine -längere Beschwörungsformel mit einer Menge wunderlicher Namen) zu -sieben Malen. Hast du es wieder erweckt, dann sage zu ihm: „Sahst du -das Licht?“ Antwortet es: „Ich sah kein Licht vom Lampenschein,“ so -rufe sofort den Namen <em class="gesperrt">Heue</em> aus, zu sieben Malen, und befrage es -nach allem, was du willst.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Hast du eine saubere und geputzte Lampe herbeigebracht, in welche man -weder rote Farbenerde noch Gummiwasser hineingethan hatte, so fülle -sie mit dem besten Öle oder auch mit ätherischem Öle. Umwickle sie mit -vier unangebrannten Zeugstreifen und hänge sie an eine nach dem Morgen -gelegene Wand auf an einen Pflock aus dem Holze des Lorbeerbaumes. Dann -stelle den Knaben vor sie hin, der sei aber rein und unschuldig. Bringe -ihn mit deiner Hand in Schlaf und zünde die Lampe an. Rufe über ihn -die Beschwörungsformel aus bis zu sieben Malen. Erwecke ihn wieder und -frage ihn also: ‚Was hast du gesehen?‘ Antwortet er: ‚Ja! ich schaute -die Götter in dem Umkreis der<span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> Lampe‘, so werden sie ihm Rede stehen in -Bezug auf alles, um was sie befragt werden.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Nachdem du einen reinen Knaben herbeigeholt hast, lege ihm einen -beschriebenen Talisman (?) an, stelle ihn der Sonne gegenüber und laß -ihn seinen Platz auf einem neuen Kasten einnehmen in der Stunde, in -welcher die Sonne aufgeht. Sobald ihre volle Scheibe emporgestiegen -ist, so laß einen Leinwandsack auf seinen Rücken legen. Bringe ihn in -Schlaf und <em class="gesperrt">stelle dich mit deinen Füßen auf seinen Rücken</em>. Indem -du den Spruch über ihn thust, streiche über seinen Kopf hin und her, -und zwar mit deinem Sonnenfinger (Zeigefinger?) an deiner rechten Hand -u. s. w.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>„Beschreibung der Zauberlampe für den Knaben.“</p> - -<p>„<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Tete-Ik-Tatak</span></em> u. s. w. Möchte mir Antwort auf alles, was -ich fragen werde, zu teil werden, sofort! Denn ich bin <em class="gesperrt">Horus</em>, -das Kind in Mendes, denn ich bin <em class="gesperrt">Isis</em>, die Wissende. Was ich mit -meinem Munde sage, das geschieht. Sieben Mal (dies) zu sprechen.“</p> - -<p>„Nachdem du ein neues Gefäß herbeigebracht hast, thue einen frischen -Docht in dasselbe, der aus einem Tempel herrührt. Stelle das Gefäß auf -einen neuen Kasten, der aus der Vorratskammer herrührt. — Stelle ihn -auf und weise dem Gefäße seinen Platz auf seiner Oberfläche an. Thue -vom besten Öle in dasselbe, oder auch Rosenöl. Stelle einen zweiten -neuen Kasten als Sitz für dich auf und laß den Knaben zwischen deinen -beiden Füßen stehen. Dann sage den oben niedergeschriebenen Spruch über -den Knaben her, wobei dein Auge auf den Spiegel seines Auges gerichtet -sei. Dann thue Myrrhe auf einem Weidenbaumblatt auf den oberen Teil der -Lampe. Sobald du es in einem Zimmer ausführst, so sei es finster, seine -Thüröffnung nach dem Osten oder dem Süden gerichtet und keine Stelle -lasse den Erdboden erkennen u. s. w.“ Der Text endet mit den Worten: -„Dann<span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span> frage ihn: ‚Was hast du gesehen?‘ und er wird dir über alles -Mitteilung geben, worüber du ihm Fragen stellen wirst.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Es ist nicht zu übersehen, daß auch der Beschwörer selber sich -hypnotisieren (lassen?) und damit die Rolle des Knaben übernehmen -konnte. Das geht mit größter Klarheit z. B. aus folgender Stelle hervor:</p> - -<p>„Begieb dich in ein sauberes Zimmer, bringe ein metallenes Gefäß -herbei, wasche es mit Seifenwasser aus und thue zwei <em class="gesperrt">Log</em> -(ein besonderes Maß) Öl hinein und stelle es auf den Erdboden hin. -Darauf zünde eine metallene Lampe an und setze sie auf den Erdboden -hin, neben das metallene Gefäß. Nachdem du dich mit einem linnenen -Gewande bekleidet hast, bleibe bei dem Zaubergerät und sage den -Spruch hinein in das Zaubergerät, mit geschlossenem Auge, bis zu -sieben Malen. Hast du deine Augen wieder geöffnet, so befrage -es über alles, was du wünschst. Wünschst du, daß die Götter des -Zaubergeräts zu dir reden sollen, mit ihrem Munde, so sprich: -<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Joa-Iph-Eoe-Kintathur-Naphar-Aphoe</span></em>, bis sie dir auf alle -vorgelegten Fragen Antwort geben werden.“</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Um eine Vorstellung von den Drohungen zu geben, welche gelegentlich den -Dämonen gegenüber ausgestoßen wurden, wähle ich zum Schluß das folgende -Beispiel in seinem ganzen Zusammenhange.</p> - -<p>„Du bist <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel</span></em> (3 Mal zu sagen) <span class="antiqua">ï-ï-ï-a-a-a -Tat-Tat-Tat</span>, der, welcher allein das Licht spendet, der Urheber des -Feuers, in dessen Munde das Feuer ist, welches des Rauches entbehrt. -Du lebendiger, unsterblicher Gott, du großer Gott, der du im Feuer -ruhst, der im Pfuhle des Feuers weilt, welches das Meer des Himmels -bildet, in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, -steige heraus aus dem Pfuhle jenes Feuers, erscheine du diesem Kinde, -sofort! Laß es mir Antwort geben auf alles, was ich im Begriff stehe -ihn zu fragen, sofort! Sonst werde ich dich verachten am<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> Himmel im -Angesicht der Sonne, werde ich dich verachten im Angesicht des Mondes, -werde ich dich verachten auf der Erde, werde ich dich verachten im -Angesicht dessen, welcher auf dem Stabe weilt und den Rauch erzeugt -und in dessen Hand die Jugend und die Kraft des Gottes ist, d. h. -<span class="antiqua">Peperi-Pater-Emphe</span>, der zweimal große Gott, in dessen Hand der -schöne Stab ist, du, welcher einen Gott entstehen läßt, ohne daß ihn -ein Gott entstehen ließ.</p> - -<p>„Schenke die Stärke der Augen diesem Kinde, welches meine -Zauberschüssel heute trägt, damit es dich sehe, damit seine Ohren dich -hören. Indem du sprichst, frage es nach allen Angelegenheiten und nach -allen Dingen, um welche ich es befragen wollte, sofort!</p> - -<p>„Großer Gott, <span class="antiqua"><em class="gesperrt">Sisaoth-Achrempto</em></span>, komme hier -herein aus dem Pfuhl jenes Feuers, du, der du auf dem Berge von -<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Kabaon</span></em> ruhst. <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Takrtat</span></em>, der welcher nicht -stirbt, sondern in Ewigkeit hinlebt, tritt herein! Nahe dich, großer -<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel-Arbeth bai nuthi</span></em>, du großer Gott, nahe dich -<em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel-Tat</span></em>, nahe dich <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Boel</span></em>!</p> - -<p>„Indem du dies siebenmal über das Kind sagst, erwecke es wieder und -frage es, ob das Licht da war. Wenn das Licht nicht zum Vorschein -gekommen war, so laß das Kind mit seinem eigenen Munde also zur -Lampe reden: „Wachse, o du Licht, erhebe dich, du Licht, leuchte, du -Licht, erscheine du Licht des Gottes, damit ich salben kann den Gott, -in dessen Hand das Schicksal des heutigen Tages liegt und der mich -befragen wird.</p> - -<p>„Sobald er sich diesem Kinde in der betreffenden Stunde offenbart hat -und sobald du dies über das Kind gesprochen hast, laß es auf die Lampe -schauen. Erlaube nicht, daß es nach einem (andern) Gegenstande des -Hauses, außer der Lampe allein, schaue. Sollte es nicht danach schauen, -sondern sich umdrehen, so thue alles, was folgt. Wenn du bestehst -auf deine Befragung, so kehre es (das Kind) nach dir um, bringe es -in Schlaf und sage über es den andern unten folgenden<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> Spruch her, -nämlich, während die Götter ankommen und das Kind sich umwendet, indem -es sie schaut: <em class="gesperrt"><span class="antiqua">Archechemphe-Zeu-Hele-Satrapermet</span></em>.“</p> - -<p>Die Lichterscheinungen, welche das Kind sieht, bilden eine ständige -Beigabe in den merkwürdigen Texten. Sie sind ein Anzeichen, daß die -Dämonen erschienen sind, um ihre Hilfe anzubieten. Ich habe nicht -nötig, auf manche Einzelheiten noch besonders hinzuweisen, welche an -die modernen Manipulationen beim Hypnotisieren lebhaft erinnern, wie -das Streichen mit der Hand, das Fixieren des Auges und anderes, das -den Beweis für die wirkliche Kenntnis des Hypnotisierens im Altertum -mindestens im dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wesentlich -verstärkt. Alles ist schon einmal dagewesen und es giebt nichts neues -im Lichte der Sonne sagt ja schon Ben-Akiba.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Litteraten_zur_Moseszeit">Litteraten zur Moseszeit.</h2> - -</div> - -<p>Langjährige Untersuchungen und gründliche Forschungen auf dem Gebiete -der Sprachwissenschaft haben die Beweise geliefert, daß kein Gebot und -keine Macht der Welt imstande ist, der Sprache ein neues Urwort oder -Wurzelelement hinzuzufügen. Die Sprachen wachsen, d. h. sie nehmen in -der geschichtlichen Entwickelung ihres Bestehens an Formenreichtum -und Formenschönheit zu, aber neue Wurzeln in ihren Boden zu senken, -erscheint ebenso unmöglich, als den Elementen, aus welchen die -materielle Welt zusammengesetzt ist, ein vorher unbekanntes, neues -zuzuführen.</p> - -<p>Der Litterat, der gebildete Schriftsteller im besten Sinne des Wortes, -ist der Pfleger der Sprache. Er tritt aus dem beschränkten Kreise der -Sprache des ungebildeten Volkes heraus und veredelt dieselbe in der -schriftlichen Darstellung seiner Gedanken, mögen dieselben die gegebene -Wirklichkeit oder eine<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> nur eingebildete phantastische berühren. Die -Formenvollendung und der schwunghafte Ausdruck seiner Sprache bis zum -Wortklang hin wird sich in dem Maße steigern, als die dichterische -Stimmung ihn gleichsam zu den Sternen erhebt.</p> - -<p>Auch nach einer anderen Richtung hin wird die zunehmende Kultur -in Verbindung mit der wissenschaftlichen Erkenntnis im Laufe der -vorwärtsschreitenden Zeit eine Art von Umbildung der Sprache schaffen, -durch welche einer großen Zahl ihrer Wörter neben ihrer ursprünglichen -eine neue, abgeleitete Bedeutung verliehen wird. Den späteren Forscher -auf dem Gebiete der modernen Sprachwissenschaft ruft daher das Studium -des Wortes die ältesten Zustände und die einfachsten Erfahrungen -und Kenntnisse einer längst vergangenen Vorzeit in das Gedächtnis -zurück. Die Elle, die Hand, der Finger, der Fuß, die Spanne, bekannte -Maßbezeichnungen in der Sprache der Metrologen, gehen auf die -entsprechenden Teile des menschlichen Körpers zurück, nach welchen der -älteste Mensch Längen zu messen gewohnt war. So entwickelte sich aus -den einfachen, erfahrungsmäßig gewonnenen Kenntnissen der ältesten -Schiffahrt zur See die Wissenschaft der Astronomie u. s. w., wobei das -begriffliche Wachstum der alten Sprache des Handwerks gleichen Schritt -mit der vorwärtsschreitenden, wissenschaftlich begründeten Erkenntnis -hielt. Selbst die einer fremden Sprache entlehnte wissenschaftliche -Terminologie führt im letzten Grunde zu einfachen Urwörtern und -Urbegriffen zurück.</p> - -<p>Auch der Pfleger des Schrifttums, der Litterat, kann sich denselben -Voraussetzungen nicht entziehen und dem Jüngsten unserer Zeit muß, wie -ein Urvater in nebelhafter Ferne, der älteste Litterat gegenüberstehen. -Bevor ich ihn suche und finde, wird einem jeden die Wahrscheinlichkeit -einleuchten, daß man bei der Beurteilung seiner Leistungen in -formaler Beziehung nicht den modernen Maßstab anlegen darf, denn -die Entwickelung des Schrifttums ist abhängig von der zeitlichen, -kulturgeschichtlichen und nationalen Stellung des<span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> Schriftstellers und -sein Gedankenkreis durch seine nächste Umgebung und seine Erziehung -und Bildung bedingt. Allein von <em class="gesperrt">diesem</em> Standpunkte aus darf -sein hinterlassenes Werk dem modernen Urteil unterzogen werden, ohne -ein Hindernis zu bieten, die Schärfe des menschlichen Gedankens mit -dem heutigen Maßstabe zu messen. Unter allen litterarisch gebildeten -Völkern und zu allen Zeiten der Kulturgeschichte ist der Geist -des Menschen derselbe geblieben, nur abhängig, wie gesagt, von -geschichtlichen Epochen und der sprachlichen Entwickelung innerhalb -derselben. Die erste Offenbarung seines Daseins für die Zeitgenossen -und die Nachlebenden ist die Schrift.</p> - -<p>Ein berühmter Gelehrter, R. Lepsius, hat die Einleitung zu einem -größeren Werke über die Chronologie der alten Ägypter einen eigenen -Abschnitt über das Alter der Geschichte dieses Volkes gewidmet, -das seiner wohlerwogenen und durch Beweise gestützten Meinung nach -die Anfänge der Geschichte aller übrigen Kulturvölker der Welt bei -weitem überragt und durch gleichzeitige, bis auf den heutigen Tag -erhaltene inschriftliche Überlieferungen gestützt wird. Die Erfindung -der Buchstabenschrift und die Bearbeitung der massenhaft im alten -Nilthale wachsenden Papyruspflanze zu einem passenden Schreibmaterial, -auf welches sich leichter und schneller als auf Stein und Holz, -die Schriftzüge hinwerfen lassen, forderten schon frühzeitig zu -litterarischen Leistungen auf, wie sie uns in der Gegenwart in -überkommenen zahlreichen Beispielen vorliegen. Man wird beinahe -versucht, wenn auch in einem anderen Sinne, den lebenden Soldaten -des Schrifttums die bekannten Worte Napoleon Bonapartes zuzurufen: -„Soldaten von der Feder, sechs Jahrtausende schauen von der Spitze der -Pyramide der Litteratur auf euch nieder. Darum vorwärts!“ Wer nach dem -ältesten Litteraten aussucht, kann ihn zunächst nur an den Ufern des -heiligen Nilstroms finden und damit glaube ich den einzig sichern und -rechten Boden für meine Betrachtung gewonnen zu haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span></p> - -<p>Kein Volk der Erde war so schreiblustig und schreibselig wie das -ägyptische; der Besuch eines jeden ägyptischen Museums liefert -dafür die vollgültigsten Zeugnisse. Ob Stein, ob Holz, ob Leinwand -oder Papyrus, alles ist mit Schriftzügen bedeckt, die uns bald -die Hieroglyphe, bald eine für die Schnellschrift hergestellte -Kursivschrift vor Augen führen. Der letzteren oder der sogenannten -hieratischen Schrift bedienten sich die ältesten Litteraten zur -Abfassung ihrer Werke auf Papyrus. Ein Schreibrohr, eine Art von -Palette aus Holz mit eingeschnittenen runden Farbennäpfen und ein -kleines Wassergefäß vertraten die Stelle von Tinte und Feder. Alle drei -Instrumente miteinander verbunden bildeten nebst einer Schreibtafel -aus Holz oder der Papyrusrolle mit ihrem Bandstreifen die Attribute -eines schriftkundigen Mannes, nicht weniger auch des Gottes Thot, -des ägyptischen Hermes, des Erfinders der Schrift und des gesamten -Schriftentums, wie es in den „<em class="gesperrt">Häusern der Bücherrollen</em>“ oder -den Bibliotheken der Tempel in einer größeren oder kleineren Auswahl -niedergelegt war. Es ist bekannt, daß die Inschrift an der königlichen -Bibliothek zu Berlin „<span class="antiqua">Nutrimentum spiritus</span>“ von Friedrich dem -Großen, wenn auch nach einer schlechten französischen Übersetzung -ihrer griechischen Fassung, der Aufschrift einer altägyptischen -Tempelbücherei entlehnt ist, welche Ramses II. auf der Westseite der -ehemaligen Residenzstadt Theben der Ramessiden gestiftet hatte, wofern -man der Überlieferung des griechischen Schriftstellers Diodor guten -Glauben schenken darf.</p> - -<p>Der altägyptische Litterat führte die gewöhnlichste Bezeichnung eines -„<em class="gesperrt">Schreibers</em>“, <span class="antiqua">scriptor</span>, oder schriftkundigen Mannes, und empfing -seinen ersten Unterricht in den Tempelschulen des Landes. Seine weitere -Ausbildung in den verschiedenen Fächern des gelehrten Schriftentums -steuerte zunächst der heiligen Wissenschaft oder den „<em class="gesperrt">göttlichen -Dingen</em>“ zu, ohne das man darüber das Irdische verloren hätte. Denn -die 42 sogenannten hermetischen Bücher, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> nach der Versicherung -des Bischofs Clemens von Alexandrien den Inbegriff des höheren Wissens -bildeten, behandelten neben den göttlichen Dingen auch die Gesetzkunde, -die Kosmographie, die Geographie, die Topographie, die Astronomie, die -Kunst und die Musik.</p> - -<p>Wenn noch bis zum heutigen Tage bei den Bekennern des Islams im -Morgenlande das gesamte Schrifttum in den Händen priesterlicher -Personen ruht und die Bildung von der Volksschule an sich auf -theologischem Boden aufbaut, so wird dennoch, wie bei den alten -Ägyptern, in der geistigen Entwickelung des Einzelnen die Pflege der -Wissenschaft und der Litteratur mit dem religiösen Wissen als vereinbar -betrachtet. Denn nach den großen Lehrern der Anhänger des Propheten -Mohammed sind die Kenntnisse, welche der Mensch zu erwerben vermag, aus -zwei Quellen abzuleiten: aus dem Verstande und aus dem Glauben, mit -anderen Worten: aus dem weltlichen Wissen und aus der Religion. Selbst -Mohammed, dessen Gefährten und Schüler in seiner unmittelbaren Umgebung -nur aus litterarisch gebildeten Arabern bestanden (der erste Chalif -Moawiju war sein Schreiber gewesen) that den Ausspruch: „Suchet die -Wissenschaft zu erlernen und wenn ihr sie in China finden solltet“, und -empfahl jedem unter den Gläubigen: „Arbeite auf Erden, um Wissenschaft -und irdische Güter zu erwerben, als wenn du ewig leben solltest, richte -deine Handlungen im Hinblick auf das zukünftige Leben ein, als wenn du -morgen sterben müßtest.“ Seinen Schwiegersohn Ali, welcher besondere -Verdienste um die litterarische Entwickelung der arabischen Sprache -erworben hatte, ehrte er durch die Worte: „Das Wissen ist eine Stadt, -deren Thor Ali ist.“</p> - -<p>In ganz ähnlicher Weise finden wir bei den alten Ägyptern den -mythologischen Glauben mit der Erkenntnis durch die Vernunft verbunden -und die litterarische Leistung nur insofern durch den Glauben -beeinflußt, als das Walten des Göttlichen in den Vordergrund des -Schicksals des Menschen<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> tritt. Das Gute findet seinen Lohn, das Böse -seine Strafe. Das ist der allgemeinste Grundgedanke.</p> - -<p>Die litterarische Ausbildung der Söhne aus den besseren Ständen in der -priesterlichen Schule nahm mit der Schrift ihren Anfang. Die Arbeit -war nicht leicht, denn mehr als 1500 Zeichen mußten in ihrem Bilde -nach ihrer kursiven Form erlernt werden, damit ihre Buchstaben- und -Silbenwerte und ihre Rolle als stumme Deutzeichen im Gedächtnisse -haften blieben. Im Grunde genommen mußte eigentlich die übliche -Schreibweise eines jeden einzelnen Wortes bis zu den grammatischen -Formen hin dem Schüler geläufig sein. Die Schriftstücke hervorragender -Litteraten dienten beim praktischen Unterricht als Muster für die -Schrift und den Stil und diktierte Texte stellten die erworbenen -Kenntnisse auf die Probe. Der Lehrer verbesserte auf dem oberen Rande -die vorhandenen Fehler, die meistens schlechte Schrift und falsche -Zeichen betrafen. Selbst das Verhören eines Wortes unaufmerksamer -Schüler läßt sich noch heutigestags nachweisen, da die Museen Europas -eine nicht geringe Zahl derartiger Schülerarbeiten auf Papyrus aus der -Zeit des vierzehnten und der unmittelbar nachfolgenden Jahrhunderte v. -Chr. enthalten. Der angehende Litterat, welcher sich durch Fleiß und -Aufmerksamkeit auszeichnete, ward gelobt, der faule getadelt, oder mit -dem Stock gezüchtigt, denn, wie es in einem der Schriftstücke wörtlich -gesagt wird: „die Ohren des Knaben sitzen auf seinem Rücken“. Die -Schule selbst hieß deshalb „das Haus der Züchtigung“ und „züchtigen“ -fiel mit der Vorstellung des Lehrens zusammen. Nach wiederholten -Stellen in einem uralten Schriftstücke, das allgemeine Lebensregeln -enthält und dem Ende des vierten Jahrtausends angehört, sah man in dem -„<em class="gesperrt">Hören</em>“ oder dem Gehorsam die höchste Tugend des Knaben. Mehr -als ein Jahrtausend später empfahl ein Vater in einem Schriftstücke -seinem Sohne die litterarische Ausbildung, indem er in drastischen -Beispielen und Schilderungen auf die Beschwerden und Plackereien<span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span> -des menschlichen Handwerkes hinwies. Ein Litterat, welcher in der -kriegerischen Epoche Ramses II. um 1300 v. Chr. lebte und zu seinem -Bedauern die Neigung des jüngeren Nachwuchses für den Soldatenstand und -den Ackerbau wahrnahm, erinnert in einem noch erhaltenen Papyrusbriefe -an die Leiden eines ägyptischen Lieutenants während eines Feldzuges und -an die unvermeidlichen Verluste des Landmannes infolge von ungünstigem -Wetter, Viehsterben, Diebstählen und gewaltsamen Bedrückungen durch die -Steuerbeamten Pharaos. Wie ganz anders, so schließt er, steht es mit -dem Litteraten! Er hat Freude an seiner Arbeit, sie bringt ihm Ruhm -und Ehre ein und — wie um einen Trumpf auf die ausgespielten Karten -zu setzen — er braucht keine Abgaben zu leisten. Zu gleicher Zeit -verfehlt er nicht, die jungen Litteraten vor dem Besuch der Bierhäuser, -zumal solcher mit Mädchenbedienung und Musikantengesellschaft, zu -warnen.</p> - -<p>Die übergroße Schreiberzunft, welche in allen Zeiten der ägyptischen -Geschichte ihre besonderen Dienste der Tempelverwaltung, der Person -des Nomarchen oder des Gaugrafen und dem königlichen Hofe leistete, -besaß litterarisch mehr oder weniger gebildete Vertreter, welche als -solche besondere Beinamen und ehrenvolle Bezeichnungen empfingen. Man -nannte sie „Schreiber, welche die Sachen kennen“, d. h. sachkundige -Litteraten, oder „Schreiber, welche die Schwierigkeiten der Erkenntnis -des Himmels, der Erde und der Tiefe beherrschen“, auch wohl „Litteraten -von elegantem Stil“. Man rühmt die „<em class="gesperrt">Süßigkeit</em>“, das heißt die -Anmut ihrer Sprache im schriftlichen Ausdruck und findet es nicht zu -stark, diese Süßigkeit mit der des Honigs zu vergleichen. Anderseits -entging die Mittelmäßigkeit litterarischer Leistungen dem Tadel in -keiner Weise, wenn er auch nach einem vorhandenen Beispiel aus dem -vierzehnten Jahrhundert v. Chr. in höflicher Form ausgedrückt ward. -Ein hervorragender Litterat leitet seine Antwort auf die schriftliche -Mitteilung eines Kollegen mit der kurzen Kritik ein: „Dein Schriftstück -ist allzu zusammen<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>gestoppelt. Es ist ein Ballast hochtrabender -Redensarten, deren Deutung der Lohn derer sein mag, die danach suchen; -ein Ballast, welchen du nach deinem Belieben aufgeladen hast“, und -er schließt mit den Worten: „Sehr unbedeutend ist es, was über deine -Zunge läuft, und ganz verwirrt sind deine Sätze. Du kommst zu mir -in einer Hülle von Verdrehungen und mit einem Ballast von Fehlern. -Du zerreißt die Worte, wie es dir in den Sinn kommt, und du bemühst -dich nicht, ihre Kraft bei dir selber herauszufinden. Eile stürmisch -dahin und du wirst nicht ankommen u. s. w.“ Wie zur Beruhigung fügt -er hinzu: „Besänftige dein Herz, dein Herz sei wohlgemut und lasse -dir den Appetit nicht vergehen.“ Immer noch nicht zu Ende mit seiner -Kritik, wiederholt er später aufs neue: „Was deine Worte enthalten, -das ist alles zusammen auf meiner Zunge und ist sitzen geblieben -auf meiner Lippe. Ein Durcheinander ist es, wenn man sie hört. Ein -Ungebildeter vermag sie nicht zu deuten. Sie sind wie die Sprache eines -Unterägypters mit einem Bewohner von Elephantine.“ Er bittet ihn zum -Schluß seine kritischen Bemerkungen nicht mißdeuten zu wollen und nicht -die Behauptung aufzustellen: „Du hast vor allen anderen Menschen meinen -Namen stinkend gemacht.“</p> - -<p>In der bezeichneten Epoche, welche gleichzeitig mit der -Lebensgeschichte des jüdischen Gesetzgebers Moses dasteht, richteten -sich die litterarischen Bestrebungen der damals lebenden Schriftsteller -mit Vorliebe auf die Eleganz des Briefstiles, wie eine Menge noch -erhaltene Muster auf Papyrus es beweisen. Zu dieser Eleganz gehörte es -außerdem, sich semitischer Lehnwörter und Schreibweisen zu bedienen -und die echt ägyptischen Ausdrücke dafür beiseite zu schieben. Die -Jahrhunderte hindurch fortgesponnenen Kriege der Ägypter gegen die -semitischen Völker Vorderasiens, der anwachsende Handelsverkehr und -die Niederlassung semitischer Familien im Nilthale, deren Mitglieder -nicht selten vornehme Ämter am Hofe Pharaos bekleideten, hatten eine -wahre Sucht nach<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span> dem Fremdwort erzeugt, welcher dreitausend Jahre nach -der ägyptischen Ramessidenzeit die Neigung unserer deutschen Sprache -zu französischen Einmengseln ebenbürtig zur Seite steht. Wie gesagt -beschönigten die ägyptischen Musterschriftsteller der damaligen Zeit -diese Verunstaltung der eigenen Muttersprache in der auffälligsten -Weise und fanden geradezu Geschmack an den eingeführten fremden -Wörtern, deren Anwendung dem <em class="gesperrt">gebildeten</em> Litteraten unerläßlich -schien, wenigstens in dem Briefstil, wie er uns in vielen Proben mit -dem Namen der Schriftsteller vorliegt. Denn anders verhielt es sich mit -denjenigen Leistungen der ägyptischen Litteratur, die wir unter dem -Namen der schönen Litteratur zusammenfassen.</p> - -<p>An der Spitze derselben stand das Märchen und der Roman, deren Dasein -bereits die Überlieferungen griechischer Schriftsteller vermuten lassen -und deren Wirklichkeit die aufgefundenen Papyrustexte beweisen. Die -Erzählung Strabos von der rotwangigen Rhodopis, welcher beim Baden -ein Adler den niedlichsten aller Schuhe raubte und in den Schoß des -in Memphis zufällig im Freien sitzenden und Recht sprechenden Königs -warf, der von dem Schuh entzückt, die Trägerin desselben allenthalben -suchen ließ und sie endlich in der Stadt Naukratis entdeckt und zu -seiner Gemahlin erkoren habe, ist dem altägyptischen Märchenschatz -entlehnt und erinnert Zug um Zug an unser deutsches Aschenbrödel. -Die Geschichten von Rampsinit und seinem Baumeister, von der Königin -Nitokris, der Rächerin ihres Gemahles an seinen Mördern, vom König -Cheops, dem Pyramidenerbauer, und seiner allzu liebenswürdigen Tochter -und manche andere Überlieferung aus griechischer Feder bildeten den -Hauptinhalt alter Romane, die noch in den letzten Jahrhunderten v. -Chr. im Munde der Ägypter fortlebten oder neben der Tierfabel zur -Unterhaltung gelesen wurden. Man hatte das Zeitalter der uralten Könige -längst vergessen, aber auch das schon ein ganzes Jahrtausend früher, -und die geschichtlichen Lücken<span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> durch romanhafte Erzählungen und -Märchen ausgefüllt, deren Ursprung in die Ramessidenepoche oder ein -wenig vorher fällt.</p> - -<p>Die Erzeugnisse der schönen Litteratur wurden von den Ägyptern dieser -Epoche, in der Moseszeit, mit besonderer Vorliebe gelesen und bildeten -die Papyrusschätze der Bücherei einer jeden gebildeten Familie. Selbst -in dem wie eine zweite Wohnung nach dem Hinscheiden ausgestatteten -Grabgemach dieses und jenes vornehmen Ägypters fehlten keineswegs -Abschriften litterarischer Meisterwerke und wenn man sie auch nicht -vom Anfang bis zum Schluß auf dem teuren Papyrus niederschreiben ließ, -so sollte wenigstens der auf ein rohes, ungeglättetes Kalksteinstück -aufgetragene Anfang des Werkes an die gute Absicht der Hinterbliebenen -erinnern, ihrem teuren Toten die Gelegenheit der litterarischen -Unterhaltung in seiner einsamen zweiten Wohnung zu bieten.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zur_aeltesten_Zeitrechnung">Zur ältesten Zeitrechnung.</h2> - -</div> - -<p>Nichts ist uns in der Gegenwart bekannter als die Anwendung der -laufenden Jahreszahlen unserer christlichen Zeitrechnung, um irgend -ein Ereignis mit zweifelloser Bestimmtheit und jedem verständlich ein -für allemal zeitlich festzustellen. Die bestehende Form eines festen -Sonnenjahres und die wissenschaftlich begründete Lehre der Zeitmessung -erlaubt es außerdem bis zur Sekunde hin den Moment des Eintritts einer -Thatsache mit astronomischer Zuverlässigkeit anzugeben und für alle -kommenden Geschlechter zu überliefern. Aber so einfach auch die Methode -der strengsten Zeitmessung uns in der Gegenwart erscheinen mag, so -langer Erfahrungen bedurfte es, um die Wissenschaft der Chronologie zu -begründen, deren besondere Teile die mathematisch-astronomische und die -historische Zeitmessung umfassen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span></p> - -<p>Ihre Entstehung verdankt diese wichtige und dem Geschichtsforscher -unentbehrliche Wissenschaft zunächst dem Bedürfnis, Ereignisse aus -der Vergangenheit durch ein berechenbares Datum der zeitlichen -Vergessenheit zu entreißen oder eine Begebenheit in der Gegenwart durch -die Angabe von Jahr und Tag einer laufenden Ära für die Zukunft zu -erhalten. Dem ersten Geschichtsschreiber mußte sie als die notwendigste -Grundlage seiner Schilderungen erscheinen, sobald seine Aufgabe -zeitlich fern liegende Thatsachen berührte und sobald es ihm darauf -ankam, die genaue Zeitbestimmung durch Rückrechnung von der Gegenwart -aus mit gewissenhafter Treue den zukünftigen Lesern seiner Werke zu -überliefern.</p> - -<p>Ein großes und in der Geschichte des eigenen Volkes bedeutsames -Ereignis gab den ersten Gedanken an die Stiftung und den Gebrauch -einer Ära ein, welche den Ausgangspunkt aller Berechnungen für das -zeitliche Eintreffen späterer Begebenheiten bildete. Zu den ältesten -Versuchen dieser Art gehört der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten -und der Anfang des Exils in der Bibel. Die notwendige Voraussetzung, -welche auch bei der Gründung irgend einer Ära vorangehen muß, betrifft -zunächst die Jahresform selber, welche der Ära zu Grunde liegt und -wie sie mehr oder weniger vollkommen im bürgerlichen Leben gang und -gäbe war. Die ältesten Völker, aber auch noch heute die Anhänger der -Religion des Islam, bedienten sich erwiesenermaßen eines Mondjahres, -dessen Monate sich von einem Neumonde bis zum andern erstreckten, oder -eines sogenannten Wandeljahres von 365 Tagen, ohne den Vierteltag des -Sonnenjahres, so daß am Schlusse 365 × 4 = 1460 Sonnenjahre gerade 1461 -Wandeljahre ausfüllten.</p> - -<p>Die Zurückführung irgend einer Zeitangabe aus dem Altertum, welcher -eine Ära zu Grunde liegt, auf Tag, Monat und Jahr unserer eigenen -christlichen Zeitrechnung ist Gegenstand der berechnenden Chronologie, -wobei die genaue Kennt<span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>nis des Anfangstages der betreffenden Ära als -die notwendige Vorbedingung gilt. Zu den bekanntesten und in der -Geschichte am häufigsten erwähnten Ären gehören aus der Epoche vor -Christi Geburt die der Olympiaden (776 eingesetzt), der Gründung -Roms (21. Aprilis 753), des Königs Nabonassar (26. Februar 747), des -Philippus (12. November 324), der Seleukiden (in Syrien 1. Oktober -312), die antiochisch-cäsarische (1. Oktober 48), die Ära des -Augustus und die alexandrinische (29. August 30, mit der Form des -Sonnenjahres von 365¼ Tagen), und aus den Epochen nach dem Beginn -unserer christlichen Zeitrechnung: die Ära des Diokletian oder der -Märtyrer (29. August 284), der Flucht Mohammeds (14./15. Juli 622), -die persische Ära des Königs Jezdegird, des letzten Sassaniden (16. -Juni 632) und des Königs Dschelal ed-Din Melek Schah, daher Dschelali -genannt (15. März 1079). Erst vom elften Jahrhundert an kam bei den -Israeliten die Ära von Erschaffung der Welt in Gebrauch, die nach der -jüdischen Rechnung am 6.-7. Oktober 3761 vor Christi Geburt ihren -Anfang nimmt.</p> - -<p>Es ist, wie gesagt, die Aufgabe der berechnenden Chronologie, den -gegebenen Tag aus irgend einer dieser Ären in dem entsprechenden -(julianischen) Datum unserer eigenen christlichen Ära wiederzufinden, -wobei die Astronomie ein wichtiges Hilfsmittel für die genauen -Bestimmungen bildet. Gelegentlich überlieferte Sonnen- oder -Mondfinsternisse und sonst auf die Bewegung der Gestirne bezügliche -Zeitangaben aus einer der angeführten Ären vollenden den Beweis -für das genau Zutreffende in den ausgeführten Berechnungen. Für -den Geschichtsforscher bieten die vergleichenden Tabellen der -korrespondierenden Jahre und Jahresanfänge, wie sie in unserer -Gegenwart in vielfachen Bearbeitungen vorliegen, ein ausgezeichnetes -Mittel, um die chronologischen Feststellungen mit Leichtigkeit -auszuführen oder einen begangenen Irrtum als Fehler nachweisen zu -können. Jenseits des achten Jahrhunderts vor dem Anfang unserer -Zeitrechnung ist der Gebrauch<span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span> einer angewandten Ära in keinem Falle -nachweisbar. Die Chronologie ist deshalb auf Kombinationen angewiesen, -welche heutzutage in der Geschichte der ältesten Völker der Erde: -der Ägypter, Babylonier und Assyrer, den Gegenstand der gelehrten -Untersuchungen bilden.</p> - -<p>Der Grund für diese Erscheinung ist leicht einzusehen. Die eigentliche -Geschichtsschreibung hatte vor dieser Zeit noch keinen Vertreter -gefunden. Wir besitzen nicht einmal die zusammenhängende Darstellung -irgend eines Teiles aus dem historischen Leben eines der vorher -erwähnten Völker, und die Inschriften auf den noch erhaltenen -Steindenkmälern, Papyrusrollen und Thontafeln lassen keine Spuren -erkennen, welche, und am allerwenigsten, auf eine kritische Behandlung -der Zeitgeschichte hinwiesen. Die Aufgabe des Historikers war von -keinem gelöst worden, der in jenen ältesten Kulturreichen die -Geschichte seines Volkes und seiner Zeit aus eigenem Augenschein kennen -gelernt hatte. Erst mit Herodot, in der Mitte des fünften Jahrhunderts -v. Chr., bricht sich die Geschichtsschreibung im höheren Sinne des -Wortes ihre Bahn und behandelt ihren Stoff mit selbständigem Urteil, -wie es dem damaligen Zeitalter der Menschheit entsprach. Nicht mit -Unrecht wird Herodot deshalb als der Vater der Geschichte von seinen -Nachfolgern bezeichnet.</p> - -<p>Die Denkmäler lassen es durchaus nicht an Nachrichten fehlen, welche -chronologische Bestimmungen enthalten, aber diese Bestimmungen reichen -nicht aus, um für die zusammenhängende Chronologie als feste Grundlagen -zu dienen. Die Zeitangaben, wenn solche überhaupt zum Vorschein kommen, -werden nach Tag, Monat und Jahr des regierenden Königs angegeben, -wobei nicht einmal die Sicherheit der Jahreszahl der Regierung in -allen Fällen unbezweifelt bleibt. Um mit den Ägyptern anzufangen, so -ist es eine erwiesene Thatsache, daß bis zu den Ptolemäern hin nach -einer gewissen Reihe von Jahren der Regierung des Vaters der Sohn -als Mitregent auftrat und die Jahre seiner späteren selbständigen<span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> -Herrschaft nach dem Tode des Vaters von dem Zeitpunkt seiner -Mitregentschaft zählte. Es ist ebenso erwiesen, daß ein vertriebener -König nach dem Sturze seines königlichen Gegners wiederkehrte und die -Regierungsjahre desselben seinem eigenen Konto hinzufügte. Jeder König -war der Stifter seiner eigenen Ära, die mit seinem Tode erlosch, um -der Ära seines Nachfolgers den Platz einzuräumen. Gesamtsummen, welche -die Regierung mehrerer Könige, etwa einer Dynastie, umfassen, kommen -nirgends zum Vorschein, mit einer einzigen Ausnahme, des berühmten -hieratischen Papyrus der ägyptischen Königsreihen (im Museum von -Turin), welcher in seinem zerstückelten Zustande der Chronologie -in ihrem Zusammenhange keine Dienste zu leisten vermag. Was sein -Fund wahrscheinlich macht, betrifft das schon im Altertum gefühlte -Bedürfnis, die Namen der Könige und ihre Regierungsdauer nach Jahren, -Monaten und Tagen anzugeben, nach Dynastien zusammenzustellen und -schließlich summarisch zu berechnen. Die Tempelarchive mußten manche -Materialien dazu enthalten, wenn auch bereits in den späteren Zeiten -des Altertums vieles im Strom der Zeiten verloren gegangen war. Ob -man schon damals die Fremdherrschaften und die Reihe der Gegenkönige -mitgezählt hatte, ist wiederum eine offene Frage. So genau wir in Bezug -auf einzelne Könige über die Dauer ihrer Herrschaft unterrichtet sind, -so wenig reicht dies aus, um mehr als ihre relative Stellung in der -ganzen Reihe der übrigen von chronologischem Standpunkte aus beurteilen -zu können.</p> - -<p>Das Werk eines griechisch gebildeten Ägypters, des Priesters Manetho -aus der unterägyptischen Stadt Sebennytus, welches derselbe über die -Geschichte der Ägypter in griechischer Sprache in den Zeiten der -ersten Ptolemäer niedergeschrieben hatte, ist nur in schalen Auszügen -beim Josephus und bei einzelnen christlichen Kirchenschriftstellern -auf uns gekommen. Abschreiber haben Namen und Zahlen des Originals -verdorben und jüdische oder christliche Geschichtsschreiber zu<span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> -gunsten der eigenen Sache manches darin entstellt. Immerhin bilden -die überlieferten Fragmente in unserer Zeit die Grundlagen aller -Versuche eines chronologischen Aufbaues der ägyptischen Geschichte. -Den ersten Schwierigkeiten begegnet man in der Annahme oder Abweisung -von Nebendynastien; die einen kämpfen dafür, die andern dagegen, so -daß die Differenzen über 2000 Jahre auseinander gehen. Jeder Forscher, -wie dies wirklich und mit Recht bemerkt worden ist, trägt seine eigene -Chronologie in der Tasche. Der erste König Ägyptens, Menes, bestieg -nach A. Böckh 5702, nach Lepsius 3892, nach Bunsen 3623, nach andern -5613, 4455, 4157, 3917 u. s. w. den Thron. Wo herrscht auch nur die -Wahrscheinlichkeit einer annähernd richtigen Bestimmung? Das einzige -übereinstimmende Ergebnis der gelehrten Untersuchungen läuft auf die -Erkenntnis hinaus, daß die ägyptischen Könige bereits jenseits der -Grenzscheide des vierten Jahrtausends im Nilthale ihre Herrschaft -ausgeübt hatten.</p> - -<p>Nur dem Mangel einer festen Ära ist diese Unsicherheit aller -chronologischen Bestimmungen zuzuschreiben. Man begreift es daher, -wenn der Priester und nachherodotische Geschichtsschreiber Manetho, -um diesem Mangel abzuhelfen, zuerst den Versuch wagte, die sogenannte -Sothis- oder Hundssternperiode für die berechnende Chronologie -der ägyptischen Dynastien zu verwerten. Das ägyptische Wandeljahr -von 365 Tagen begann mit dem 19./20. Juli (julianisch), an dessen -Morgendämmerung die Sothis oder der Hundsstern in nächster Sonnennähe -aufging. Der fehlende Vierteltag zum Sonnenjahr war schuld, daß -derselbe Stern jedesmal nach vier Jahren einen Tag später aufging und -erst nach 365×4 oder 1460 Sonnenjahren = 1461 Wandeljahren wieder an -seine alte Kalenderstelle zurückkehrte. Das war nach den historischen -Überlieferungen in dem Jahre 1322 vor und 139 nach dem Anfang unserer -christlichen Zeitrechnung geschehen, also der Berechnung nach auch -vorher in den Jahren 2784 und 4245. Aber kein gleichzeitiges Denkmal<span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> -und keine Inschrift erwähnt dieses Zusammentreffens, noch wird es mit -dem Namen irgend eines Königs in Verbindung gesetzt. Nur ein einziges -Mal wird der Frühaufgang des Hundssterns am 328. Tage des Jahres in -einem unbekannten Regierungsjahre Königs Thotmosis III. (aus der -achtzehnten Dynastie) auf einem Denkmale erwähnt, was nur in den Jahren -1477 bis 1474 stattfinden konnte. Eine so wertvolle Angabe, welche die -Wissenschaft einem ganz zufälligen Funde auf der Insel Elephantine -verdankt, kann in keiner Weise durch die wirklich ausgesprochene -Voraussetzung hinfällig werden, daß der Steinschneider sich in der -Bezeichnung der Monatszahl geirrt und den 328. an Stelle des 298. Tages -des Jahres eingesetzt habe. Zwei Neumonde, welche aus dem 23. und 24. -Regierungsjahre desselben Königs nach ihrem Tages- und Monatsdatum in -den Inschriften gelegentlich aufgeführt werden, stehen mit der Epoche -des erwähnten Königs nach dem Frühaufgang des Hundssterns in festem -Zusammenhang. Mit ihrer Hilfe ist es gelungen, infolge astronomischer -Berechnungen die genaue Regierungszeit Pharaos Thotmosis III. (vom 20. -März 1503 bis zum 14. Februar 1449) festzustellen. Böckh hatte auf -Grund seiner chronologischen Behandlung der manethonischen Listen das -Jahr 1586 als den Anfang seiner Regierung herausgerechnet, Lepsius -1597, beide sich daher um 83, bez. 94 Jahre von der wirklichen Zahl -entfernt, zur Warnung, mit welcher Vorsicht die manethonischen Angaben -zu behandeln sind.</p> - -<p>Welche Dienste nicht nur in diesem Falle, sondern bei vielen ähnlichen -Gelegenheiten die berechnende Astronomie dem Geschichtsforscher -leistet, ist längst anerkannt und oben von mir bereits angeführt -worden. Die in historischen Überlieferungen enthaltenen Angaben von -Sonnen- und Mondfinsternissen bis zu den vergangenen Jahrtausenden -hinauf sind es hauptsächlich, deren astronomische Bestimmung die -unverrückbaren festen Punkte in der Geschichte der Vergangenheit der -Völker geliefert hat. Mit welcher Mühe und Arbeit diese<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> astronomischen -Berechnungen jedoch verbunden sind, um die Sicherheit der Ergebnisse -dem Geschichtsschreiber zu Gebote zu stellen, das mag Th. von Oppolzers -berühmtes Werk „Kanon der Finsternisse“ beweisen, welches in 242 dicken -Foliobänden 10 Millionen Ziffern in sich schließt und die Daten von -8000 Sonnen- und 5200 Mondfinsternissen in der Zeit von 1207 v. Chr. -bis zum Jahre 2163 n. Chr. umfaßt. Es bedurfte einer ungeheuren Arbeit, -an der sich zehn gelehrte Rechner jahrelang beteiligten, um diese -Verzeichnisse herzustellen. Aber ihr Nutzen für den Geschichtsschreiber -leuchtet ein, sobald man die Beispiele näher prüft. Wir führen nur -zwei davon an. Die älteste Erwähnung einer Sonnenfinsternis findet -sich in dem chinesischen Werke Schu-king vor. Nach Oppolzers Rechnung -war sie am 22. Oktober des Jahres 2137 v. Chr. eingetreten, so daß -das Jahr 2141 den Anfang der Regierung des Kaisers Tschung-Khang, in -dessen 5. Jahre sie sich ereignet haben sollte, mit aller Notwendigkeit -angiebt. Nach der historischen Überlieferung der Chinesen hatte der -genannte Kaiser im Jahre 2158 den Thron bestiegen, es ist daher bei der -Differenz von 17 Jahren ein Fehler in der Überlieferung zu berichtigen. -— Nach den Andeutungen der Bibel wurde der Heiland am 3. April 33, -zur Osterzeit, gegen Abend an einem Freitage gekreuzigt. Auf Grund der -astronomischen Berechnung ging genau an demselben Tage und um dieselbe -Tageszeit der Mond zur Hälfte verfinstert auf, so daß hierdurch die -biblische Überlieferung von der plötzlich eingetretenen Verfinsterung -vollkommen bestätigt wird. Über den richtigen Anfangspunkt unserer -eigenen christlichen Ära können daher nach dieser astronomischen -Feststellung keine Zweifel mehr bestehen, wie sie thatsächlich öfters -geäußert worden sind. Dem Leser, der sich hierüber näher unterrichten -will, empfehlen wir ein in Berlin soeben erschienenes ungemein -anziehendes Werk, „Die Entstehung der Erde und des Irdischen“, von -<span class="antiqua">Dr.</span> W. Meyer (s. S. 307 ff.).</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span></p> - -<p>Die Epoche des Königs Thotmosis III. hat in neuester Zeit -eine besondere Wichtigkeit durch ihre Beziehung zu den -asiatisch-babylonischen Zeitverhältnissen gewonnen, seitdem es geglückt -ist durch die Entzifferung der keilinschriftlichen Tafeln aus Tell -el-Amarna, von denen der größere Teil in den Besitz der Berliner -Museen gelangt ist, die Gleichzeitigkeit des babylonischen Königs -Burnaburiasch, oder, wie J. Oppert den Namen liest, Purnapuryas mit -dem ägyptischen König Amenophis IV. außer Zweifel zu stellen. Da der -eben genannte ägyptische Fürst als der dritte Nachfolger Thotmosis III. -aufgeführt wird, so liegt es nahe, die Zeit des Babyloniers gegen das -Jahr 1400 oder etwas später anzusetzen.</p> - -<p>Ganz abgesehen von dem verderbten Zustande, in welchem uns -die Auszügler des Geschichtswerkes des Priesters Manetho die -chronologischen Königstafeln desselben hinterlassen haben, tritt eine -andere Frage in den Vordergrund selbst unter der Voraussetzung, daß -uns jene Listen mit ihren Namen und Zahlen vollständig unversehrt -hinterlassen worden wären. Sie betrifft die Zuverlässigkeit der -Angaben des gelehrten Priesters in allem, was die älteren Zeiten -der ägyptischen Geschichte angeht, mit anderen Worten die absolute -Genauigkeit seiner Zahlen in dem selbst geschaffenen Rahmen der oben -erwähnten Sothisperioden. Man darf daher einen Unterschied zwischen dem -(unverfälschten) Werke Manethos und der wirklichen Geschichte Ägyptens -und seiner Könige machen. Es ist kaum anzunehmen, daß sich in den -Archiven der Tempel zur Ptolemäerzeit Urkunden befunden haben, welche -ohne jede Lücke die Namen und Regierungsdauer der Könige des Reiches -über das sechzehnte Jahrhundert hinaus bis zu den Pyramidenkönigen -und bis zum ersten König Menes mit historischer Treue aufgezeichnet -enthielten. Im einzelnen mochte manches wertvolle und wichtige den -Inhalt der Überlieferungen bilden, aber schon die dynastischen -Interessen, im Anschluß an das ehrgeizige Priestertum der wechselnden -Residenzstädte, verhinderten eine partei<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>lose Kritik und damit die -chronologische Genauigkeit der ägyptischen Geschichte mit ihren langen -Königsreihen.</p> - -<p>Je mehr wir Einsicht in das Leben jener ältesten Epochen der -ägyptischen Geschichte gewinnen, je mehr kommt die Vorstellung zum -Durchbruch, daß die Gelehrten der späteren Zeiten sich weniger um die -Zahlen als vielmehr um die Abstammung ihrer Dynasten bis zu den Göttern -hinauf gekümmert und durch cyklische Rechnungen ergänzt hatten, was -ihnen der Mangel an wohlerhaltenen Aufzeichnungen aus den ältesten -Perioden der Geschichte der Könige ihres Landes vorenthielt. Die -wirklichen Zahlen rücken immer tiefer, und wir werden vielleicht zu der -Einsicht kommen, daß im Lande der Pharaonen das Jahr 3000 v. Chr. die -äußerste Grenze aller wirklichen historischen Personen bilden dürfte.</p> - -<p>Die Geschichte der Babylonier und Assyrer leidet ähnlich wie die -ägyptische an dem Mangel eines zusammenhängenden chronologischen -Systems, sobald man über die Zeit des achten Jahrhunderts v. Chr. -hinausgeht. Aber es muß zugestanden werden, daß den beiden asiatischen -Kulturvölkern ein entschieden anderer Geist inne wohnte, als er dem -ägyptischen Stamme eigen war. Das historische Bewußtsein und ein -eigener Sinn für den Zeitwert beherrschte sie in weit höherem Grade -als die Ägypter, und bis auf das räumliche Maß hin offenbarte sich bei -ihnen die Neigung nach strenger Genauigkeit in allem, was die Zahl -betraf. Die Tausende von Thontafeln, welche aus dem Schoße der Erde am -südlichen Euphrat und auf den Ebenen im Norden dieses Stromes an das -Tageslicht gestiegen sind, geben Zeugnis davon, denn sie enthalten auf -dem historischen Gebiete Angaben, wie sie niemals auf den ägyptischen -Denkmälern aufgetaucht sind noch jemals auftauchen dürften. Werden -erst die Namen der Könige ihrer Lesung nach mit zweifelloser Gewißheit -festgestellt und alle Überlieferungen chronologischer Natur gesammelt -und an richtiger Stelle eingesetzt worden sein, so wird sich für die -Geschichte von Babel und Assur ein ganz anderes<span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> chronologisches -Bild entwickeln, als es, bis jetzt wenigstens, die Angaben auf den -Denkmälern Ägyptens zu liefern imstande waren.</p> - -<p>Aber auch an den Ufern des Euphrat und des Tigris bildete jede -Einzelregierung eine besondere Ära für sich, wobei die Summe der -Regierungen der ganzen Dynastie als Probe für die Rechnung galt. Durch -eine Liste assyrischer Könige, welcher ursprünglich die Angaben eines -chaldäischen Priesters, Berossos, zu Grunde lagen und die sich in der -armenischen Übertragung des Eusebius und beim Syncellus mit vielen -Fehlern in der Abschrift erhalten hat, kann der Beweis geliefert -werden, in welcher Art diese Verzeichnisse angeordnet waren, um einen -chronologischen Gesamtüberblick bis in die mythischen Zeiten hinauf zu -gestatten. Nach J. Opperts neuesten Berechnungen umfaßt diese Liste der -assyrischen Dynastien, wie sie in dem verloren gegangenen Werke des -Berossos verzeichnet standen, den Zeitraum von 2506 bis 606 v. Chr. -Wir lassen es natürlich dahingestellt sein, inwieweit die vorgelegten -Berechnungen des französischen Akademikers zutreffen oder nicht.</p> - -<p>Wir verdanken erst dem Mathematiker und Astronomen Ptolemäus, welcher -am Anfang des zweiten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung in Alexandrien -seinen gelehrten Studien lebte, die Kenntnis einer Ära, die nach dem -Namen des babylonischen Königs Nabonassar als die nabonassarische -bezeichnet wird und mit dem 26. Februar 747 v. Chr. begann. Obgleich -zunächst Nabonassar und seine unmittelbaren Nachfolger dem Reiche von -Babylon und von Assur angehörten, so hatte Ptolemäus dennoch seinem -Kanon der Könige die Form des ägyptischen Wandeljahres zu Grunde -gelegt, so daß das Jahr nur aus 365 Tagen ohne den überschüssigen -Vierteltag bestand. In der Berechnung der Regierungen der einzelnen -Könige folgte er außerdem dem Beispiel der Ägypter (wenigstens zur -Ptolemäerzeit), indem er das Jahr der Thronbesteigung eines Königs -jedesmal als ein volles be<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>trachtete und von dem Jahresanfang an -datierte, ohne Rücksicht auf die Monate und Tage vom Neujahrstage -an, welche noch seinem Vorgänger angehörten und die somit in Wegfall -kamen. Sein Kanon erhielt dadurch eine sehr einfache und übersichtliche -Gestalt und gestattet uns die chronologischen Reduktionen auf den -julianischen Kalender mit vollster Sicherheit durchzuführen. Ptolemäus -benutzte diese feste Ära z. B. um die am 19.-20. März 721 und die am -9. März und 1. September 720 eingetretenen Mondfinsternisse nach ihrem -genauen Datum der Nachwelt zu überliefern.</p> - -<p>Eine merkwürdige Bestätigung seines Kanons der Könige von Babylon -und Assyrien, welche vom Jahre 747 an (genauer vom 26. Februar -desselben) bis zum Anfang der Perser-Dynastie regiert hatten, lieferte -die Entdeckung (1884) einer keilinschriftlichen Königsliste, welche -die Wissenschaft dem englischen Gelehrten Theo G. Pinches schuldet. -Ihr Wert kann nicht hoch genug abgeschätzt werden. Von unserem -deutschen Assyriologen Prof. Schrader kritisch behandelt, bildet sie -heute die feste Grundlage der babylonischen Königsreihen von der -zweiten Periode an bis zum Untergange des babylonischen Reiches. Mit -Einschluß der letzten, aus den Perserkönigen bestehenden Dynastie -zählt die keilinschriftliche Urkunde zehn Dynastien auf, deren Dauer -im einzelnen wie im ganzen genau nach Jahren und Monaten angegeben -ist. Prof. J. Oppert hat in einer im Jahre 1888 veröffentlichten -englischen Abhandlung (<span class="antiqua">the real chronology and the true history</span> -<em class="gesperrt"><span class="antiqua">of the Babylonian Dynasties</span></em>) die chronologische Berechnung -auf Grund der keilinschriftlichen Angaben vorgelegt und danach den -Umfang derselben auf den Zeitraum zwischen den Jahren 2506 und 538 v. -Chr. zurückgeführt. Man wird die Wichtigkeit dieses Fundes begreifen, -der mit einem Schlage ein helles Licht in das zeitliche Dunkel der -babylonischen Könige geworfen hat und bis in eine Epoche zurückgeht, -welche nach gewöhnlicher Annahme etwa in die Zeit der zwölften -ägyptischen Dynastie hinein<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>fällt. Hiermit ist die Geschichte an den -Ufern des Euphrat und ihre Berechnung noch lange nicht abgeschlossen, -denn sie überragt die Grenze des Jahres 2506 bis in eine mythische -Vorzeit hinein. Die beiden letzten Jahrtausende dieser langen und -sagenhaften Periode von 39180 Jahren, deren J. Oppert gedenkt, -versteigen sich bis zur ägyptischen Pyramidenzeit. Es steht sicher -fest, daß die beiden Fürsten von Agade, Sargon I. und Naram-Sin, -dem 38. Jahrhundert v. Chr. angehören, wenn einer Angabe des Königs -Nabonidus darüber Glauben zu schenken ist.</p> - -<p>Die neueste Entdeckung auf Grund einer glücklich entzifferten -Keilinschrift hat für die Geschichte Babyloniens einen festen Rahmen -geschaffen, welcher den Mangel einer Ära einigermaßen ersetzt und -uns gestattet, geschehene und gemeldete Ereignisse mit einem relativ -richtigen Zeitmesser abzuschätzen. Gerade deshalb ist es zu bedauern, -daß durch eine Lücke nach den ersten sechs Königen der dritten Dynastie -die Namen und Jahreszahlen einer Reihe von Königen ausgefallen sind, -unter welchen der obengenannte Burnaburiasch oder Purnapuryas, der -Zeitgenosse des ägyptischen Königs Amenophis IV. notwendig seine Stelle -eingenommen haben dürfte. Vielleicht daß ein anderer späterer Fund auch -diese offene Stelle ausfüllen wird. Vorläufig behauptet die entdeckte -babylonische Königsliste ihre erste Stelle unter allen chronologischen -Denkmälern, welche von den ältesten Zeiten der Weltgeschichte überhaupt -gemeldet haben.</p> - -<p>Überlieferte Königsreihen nebst der Dauer der Regierungen der einzelnen -Fürsten bilden freilich noch keine Geschichte in unserem Sinne, denn -die Begebenheiten, welche damit in Verbindung gesetzt worden, betreffen -nur die Könige und ihre Thaten und überlassen es dem Forscher, zwischen -den Zeilen zu lesen und aus seinen Vermutungen und Schlußfolgerungen -einen geschichtlichen Hintergrund aufzubauen. Die auf den Denkmälern -der ältesten Kulturvölker der Erde enthaltenen Nachrichten haben -vorläufig nur den Wert mehr oder<span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> weniger vollständiger Annalen und -Chroniken, die mit jeder Einzelregierung abgeschlossen sind. Erst mit -der Schöpfung der Ären oder der auf gelehrter Forschung begründeten -Systeme der Zeitmessung von einem chronologisch fest bestimmten -Zeitpunkte an tritt die eigentliche Geschichtsschreibung in die Welt -und die pragmatische Behandlung gewinnt die Oberhand. Die Geschichte -der einzelnen Völker verkettet sich zu einem großen Gesamtbilde, in -welchem sich das staatliche und das Kulturleben der Menschheit in -seinen Wechselwirkungen und in seiner Entwickelung abspiegelt, während -die Ära als genauer und unverrückbarer Zeiger an der Weltuhr die ihr -zugewiesene Rolle erfüllt.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_sieben_Hungerjahre">Die sieben Hungerjahre.</h2> - -</div> - -<p>Die Geschichte Josephs in Ägypten ist und wird für alle Zeiten das -unerreichte Muster der morgenländischen Erzählungskunst bleiben, wie -immer man auch über die eigentliche Zeit ihrer Abfassung denken mag. -Selbst ein <em class="gesperrt">Voltaire</em> fühlte sich zu dem Bekenntnis gedrungen, -daß sie bewunderungswürdig und ihr kein ähnliches Beispiel an die -Seite zu stellen sei. Fesselnd und anmutig entwickelt die Geschichte -Josephs die außerordentlichen Schicksale eines ebräischen Hirtenknaben, -der sich bis zum Großwesir am Hofe Pharaos emporgeschwungen hatte und -zum Ahnherrn eines ganzen Volkes wurde, aus dessen Mitte der Messias -dereinst hervorgehen sollte.</p> - -<p>Der Reiz des Altertümlichen und des Morgenländischen, welcher die ganze -Erzählung von Anfang bis zum Ende durchweht, wirkt in gleichem Maße -anziehend auf den Leser ohne Unterschied des Glaubens, der Abstammung, -der Heimat und der Zeit. Selbst der Stifter des Islam, der Prophet<span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span> -Mohammed, fühlte sich von ihrem Inhalt so überwältigt, daß er ihr in -seinem Religionsbuche des Koran ein eigenes Kapitel der göttlichen -Offenbarungen widmete.</p> - -<p>In der zwölften <em class="gesperrt">Sure</em> des erwähnten Buches, überschrieben: -„Joseph, der Friede sei mit ihm“, beginnt er seine Erzählung mit -den Worten: „Dies sind die Zeichen des deutlichen Buches, das wir -deshalb in arabischer Sprache geoffenbaret, damit es euch verständlich -sei. Wir wollen dir durch Offenbarung dieser Sure des Koran eine -der herrlichsten Geschichten erzählen, auf welche du früher nicht -aufmerksam gewesen.“</p> - -<p>Die geschichtliche Offenbarung, welche er im Anschluß an diese -Einleitung seinen Lesern zu Herzen führt, folgt mit ziemlicher -Genauigkeit dem biblischen Berichte, nur mit dem Unterschiede, daß -hier und da Einzelheiten übersprungen sind, an deren Stellen anderes -hinzugefügt ist. So berichtet Mohammed, daß nach den sieben guten -Jahren und nach den sieben Jahren der Hungersnot „ein Jahr kommen -werde, in welchem es den Menschen nicht an Regen mangeln wird, und in -welchem sie Wein genug auspressen werden.“ Es bleibe dahingestellt, -woher der Stifter der Religion des Islam diese Zuthat geschöpft hat. -Ägyptisch ist sie auf alle Fälle nicht, denn der Regen ist keine -berechtigte Eigentümlichkeit in der Natur des Nilthales, und man -versteht es schwer, was der Weinbau mit dem Ende der Hungersnot zu -schaffen habe.</p> - -<p>Eigene Erfindung, aber ganz im grübelnden Sinne der Morgenländer -aufgefaßt, ist die merkwürdige Einschiebung im Koran, durch welche die -leichtfertige Frau des Potiphar ihren Fehltritt gegen die Ehre ihres -Mannes vor den Weibern ihrer Stadt zu rechtfertigen oder zu beschönigen -versucht.</p> - -<p>„Aber die Frauen in der Stadt, so erzählt Mohammed, sagten: Die Frau -des vornehmsten Mannes forderte ihren jungen Sklaven auf, mit ihr zu -sündigen und er hat die Liebe für sich in ihrem Herzen angefacht und -wir sahen sie nun in offenbarem Irrtume.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>„Als sie diese spöttischen Reden hörte, da schickte sie zu ihnen, um -sie zu einem für sie bereiteten Gastmahle einzuladen und legte einer -jeden ein Messer vor und sagte dann zu Joseph: Komm und zeige dich -ihnen!</p> - -<p>„Als sie ihn nun sahen, da priesen sie ihn sehr, schnitten sich in ihre -Hände und sagten: Bei Gott! das ist kein menschliches Wesen, sondern -ein verehrungswürdiger Engel!“</p> - -<p>„Darauf sagte sie: Seht, das ist derjenige, um dessentwillen ihr mich -so getadelt.“</p> - -<p>In denjenigen Ländern des Ostens, in welchen das Verbot des Islam gegen -die bildende und malende Kunst, insoweit sie die gotteslästerliche -Nachahmung lebender Wesen betrifft, keine Beachtung mehr findet, und -es dem Künstler frei steht, mit der einzigen Ausnahme des Gesichtes -einer für heilig angesehenen Person, auch das Lebende mit Pinsel und -Farbe wiederzugeben, bildet die angeführte Stelle des Koran einen sehr -beliebten Vorwurf der künstlerischen Thätigkeit.</p> - -<p>Ich hatte oft Gelegenheit, auf meinen Wanderungen im Lande Iran in -den Häusern selbst hochgestellter Personen von geistlichem Stande -Wandgemälden gegenüberzustehen, deren Gegenstand mir anfänglich -durchaus unverständlich war. Man stelle sich eine farbige Komposition -von mindestens hundert Personen vor, die sämtlich dem schönen -Geschlecht angehören und von denen jede, mit einem Messer in der -Hand, damit beschäftigt ist, einen Apfel zu schälen und in Stücke zu -schneiden. Aus den Fingern fallen reichliche Blutstropfen zur Erde -nieder. Aus Mangel an der richtigen perspektivischen Auffassung sitzen -die Gruppen der Frauen nicht nebeneinander, sondern übereinander. -Die Augen der versammelten Damenwelt sind auf ein schönes Pärchen -gerichtet, das über den Köpfen aller nebeneinander sitzt. Eine vornehm -gekleidete Frau wirft einen süßzärtlichen Blick auf ihr Gegenüber, -einen schönen rotwangigen Jüngling, der bescheiden das Auge zu Boden -senkt.</p> - -<p>Das alles, was der Künstler damit sagen wollte, sollte<span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span> als eine -Illustration zu der angeführten Koranstelle dienen. Die vornehme Frau -ist Madame Potiphar, der junge Mann neben ihr der schöne Sklave Joseph, -die versammelte Damenwelt stellt die eingeladenen Gäste dar, welche von -der Schönheit des Jünglings so berückt sind, daß sie kein Auge von ihm -lassen können und sich beim Apfelschälen in die Finger schneiden. Mögen -sich unsere Künstler ein Beispiel daran nehmen!</p> - -<p>Man ist schon längst darauf aufmerksam geworden und hat es als eine -vollendete Bestätigung der Wahrheit des biblischen Berichtes mit Recht -angesehen, daß gewisse Einzelheiten der Erzählung so weit sie das -Verhältnis Josephs zu dem Pharao seiner Zeit berühren, sich durchaus -mit den Angaben der Denkmäler decken.</p> - -<p>Dazu gehörte die Auslegung von Träumen fürstlicher Personen. Ein -zukünftiger Pharao, dessen Haupt dereinst die weiße Krone des Südlandes -oder Oberägyptens und die rote Krone des Nordlandes oder Unterägyptens -tragen sollte, sah im Traume zwei Schlangen neben sich, von denen die -eine mit der weißen, die andere mit der roten Königskrone auf dem Kopfe -geschmückt war. Als er aus dem Schlafe erwachte, warf er die Frage -auf „Warum ist mir dies geworden?“ Der Traum wurde ihm in dem Sinne -gedeutet, daß er über das ganze Ägypterland herrschen würde.</p> - -<p>Das Wohlgefallen, welches Pharao an der Auslegung seines Traumes von -den sieben fetten und sieben mageren Kühen und von den sieben vollen -und sieben leeren Kornähren empfand, erhielt nach der biblischen -Erzählung seinen äußerlichen Beweis durch eine echt ägyptische -Investitur. Die Bibel sagt es mit klaren Worten: „Und that seinen Ring -(<em class="gesperrt">Tabacat</em>) von seiner Hand, und gab ihn Joseph an seine Hand, und -kleidete ihn mit weißer Seide (<em class="gesperrt">schesch</em>, nach Luther, richtiger: -in ein Byssosgewand) und hing ihm eine goldene Kette um den Hals.“</p> - -<p>Genau ebenso verfuhr die ägyptische Majestät, wie es die<span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span> Denkmäler -in Bild und Wort bezeugen, sobald sie das Verdienst eines Mannes nach -Gebühr zu belohnen im Begriff stand. Der königliche Siegelring, auch -in der altägyptischen Sprache mit dem Worte <span class="antiqua">tabacat</span> bezeichnet, -wurde dem zukünftigen Würdenträger verliehen, ihm ein Festgewand aus -feinster Byssosleinewand (<em class="gesperrt">sches</em>) und die unvermeidliche „goldene -Kette“, an Stelle unserer modernen Ordensdekorationen, feierlichst und -vor versammeltem Volke überreicht. Das Umbinden der goldenen Kette um -den Hals bildete sogar einen sehr beliebten Vorwurf des hierarchischen -Ehrgeizes bis in die Gräberwelt hinein.</p> - -<p>Viel bedeutungsvoller, weil die genaueste Kenntnis mit dem -altägyptischen Titelwesen vorauszusetzen ist, sind dagegen der Name -und die Bezeichnungen der Würden, welche Pharao dem ehemaligen Sklaven -asiatischer Abkunft verleiht.</p> - -<p>Der König wählt für ihn einen ägyptischen Namen aus, den Joseph fortan -zu führen ermächtigt wird. Er nennt ihn <em class="gesperrt">Zaphnathpaneach</em>, was -freilich unser Luther irrtümlich, älteren Auslegungen folgend, durch -„heimlicher Rat“ verdeutscht hat. Sinnvoll, wie alle ägyptischen -Eigennamen bedeutet der aus mehreren Wörtern der ägyptischen Sprache -zusammengesetzte Name: „<em class="gesperrt">Es sprach Gott: Er lebe.</em>“</p> - -<p>Unter den Würden, welche Pharao dem jungen Beamten verlieh, ist keine, -welche in den ägyptischen Inschriften nicht ihr Gegenstück fände. -Josephs Ernennung zum <em class="gesperrt">Ab</em> — Luther hat das ägyptische Wort -für das gleichlautende ebräische mit dem Sinne von „Vater“ gehalten -— ist gleichbedeutend mit unserem deutschen „Beschließer“, und als -das hohe Amt jener in der nächsten Umgebung des Pharao befindlichen -und häufig aus gekauften Sklaven (den modernen <em class="gesperrt">Mamelucken</em>) -bestehenden Hofdienerschaft zu bezeichnen, denen nach dem Beispiel -der heutigen <em class="gesperrt">Abdar</em> in den Palästen der orientalischen Fürsten -die Sorge überlassen blieb, das königliche Eigentum bis zu den -Speisen und Getränken hin unter Siegel zu halten. Daß die Stellung -der „Beschließer“, und zwar mit dem<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span> Siegel Pharaos, den Wert eines -Vertrauenspostens hatte, liegt nach dem Gesagten auf der Hand.</p> - -<p>Joseph erhält einen noch höheren Beweis der pharaonischen Gnade -durch seine Erhebung „zum Fürsten in ganz Ägyptenland“, genauer zum -<em class="gesperrt">Adon</em> von ganz Ägypten oder des Stellvertreters, denn diesen -Sinn schließt das wiederum echt ägyptische Wort <em class="gesperrt">Adon</em> in sich, -des Regenten selber. Auch dieser Titel, und zwar genau in derselben -Fassung, kehrt auf einzelnen Denkmälern zur Bezeichnung des höchsten -Amtes im Staate wieder, häufig genug mit dem Zusatz hinter dem Namen -des altägyptischen Reichskanzlers: „Der Zweite nach dem König“. -Dasselbe sagte auch die biblische Überlieferung mit den Worten Pharaos -von Joseph aus: „allein des königlichen Stuhles will ich höher sein -denn du.“</p> - -<p>So erscheint Joseph auf Grund seiner Titel als ein Vertrauter am Hofe -Pharaos, dem die Verwaltung des königlichen Hauses („Du sollst über -mein Haus sein“, ganz in Übereinstimmung mit dem ägyptischen Titel des -<em class="gesperrt">Hri-pir</em> oder der über das Haus gesetzt ist) übergeben war, und -der als erster Reichsbeamter die höchste Stelle im Staate bekleidete.</p> - -<p>Der ägyptische Name Josephs: „<em class="gesperrt">Zaphnathpaneach</em>“ und die zweimal -in der heiligen Schrift wiederkehrenden Eigennamen <em class="gesperrt">Potiphar</em> -und <em class="gesperrt">Potiphera</em>, altägyptisch: Petiphera „das Geschenk der -Sonne“, haben ihre eigene Bedeutung für die äußerste Grenze der -Abfassung der biblischen Erzählung vom Joseph in Ägypten. Sie sind den -älteren Epochen der Denkmälerwelt vollständig ihrer ganzen Bildung -nach unbekannt und treten als Namen echter Ägypter zum erstenmale im -<em class="gesperrt">neunten Jahrhundert</em> v. Chr., also etwa volle Tausend Jahre -<em class="gesperrt">nach</em> den in der Schrift geschilderten Begebenheiten auf.</p> - -<p>Frühestens in dieser Zeit hatte der unbekannte mit ägyptischen -Verhältnissen so wohl vertraute Herausgeber der Geschichte Josephs die -vorhandenen schriftlichen Überlieferungen,<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> deren ältere und jüngere -Redaktionen die Verschiedenheit in der Anwendung der Gottesnamen Elohim -und Jehovah in erster Linie verraten, zu einem Ganzen verarbeitet, -wie es den Lesern der Bibel späterhin geboten ward. Die Namen, welche -ich soeben angeführt habe, beruhten auf seiner Erfindung, wie er denn -überhaupt Ägypten und die ägyptische Hofhaltung von seinem späten -Standpunkte aus behandelt hat.</p> - -<p>Es tritt die Frage nahe, in welcher Zeit und unter welchem Könige -Ägyptens Joseph gelebt haben möge, d. h. also unter einer Regierung, -unter welcher der Nil sieben Jahre lang seine Schuldigkeit zu thun und -das Land zu überschwemmen verabsäumt hatte.</p> - -<p>Von Jahren der Hungersnot, sogar von „vielen Jahren des Hungers“ ist -auf den Denkmälern in einzelnen Inschriften die Rede. Die paar Stellen, -in welchen sich diese allgemeinen Andeutungen vorfinden, gehen jedoch -in die ältere Periode der ägyptischen Geschichte zurück, ohne eine -Gewähr dafür zu bieten, daß dies ausschließlich nur für die Altzeit -anzunehmen sei. Die Notiz, welche irgend ein Gelehrter dem Namen des -vierten ägyptischen Königs <em class="gesperrt">Uenephes</em> oder <em class="gesperrt">Venephis</em> in der -manethonischen Königsliste beigeschrieben hat: „zu dessen Zeit eine -Hungersnot wütete“, ist ebenso nebelhaft als der König, auf welchen sie -sich bezieht, und hat scheinbar keine Bedeutung zur Entscheidung der -Frage, die mich beschäftigt.</p> - -<p>Aber anders sieht es mit einem Denkmale aus, das soeben erst einer -zweitausendjährigen Vergessenheit entrissen und auf photographischem -Wege zur Kenntnis der gelehrten Welt gebracht worden ist. Die lange -Inschrift, welche den Gegenstand meiner Betrachtung bilden soll, ist -das Neueste und das Wertvollste, was seit langem den ägyptologischen -Wissenschaften geboten worden ist, denn gerade sieben Jahre der -Hungersnot finden sich darin ausdrücklich erwähnt und zwar im -Zusammenhange mit einem geschichtlichen Datum.</p> - -<p>Bekanntlich bildet der erste Wasserfall bei der modern<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> ägyptischen -Stadt Assuan, der älteren Stadt Syene, deren ägyptischer Name Siwene -so viel als „Handelsplatz“ bezeichnet, die Südgrenze des ägyptischen -Reiches. Sie liegt am rechten Ufer des Nils in einer palmenreichen -Gegend; in ihrer Nähe befinden sich die weltberühmten Steinbrüche von -Rosengranit, aus welchen die pharaonischen Baumeister und Künstler -das Hartmaterial zu ihren Werken zu beziehen pflegten. Die riesigsten -Blöcke, ich habe nur an die Obelisken zu erinnern, fanden ihren Weg von -hier aus nach den nördlich im Lande gelegenen Städten und Tempeln.</p> - -<p>Gegenüber von Syene breitete sich die gleichfalls von Palmen bekränzte -Insel Elephantine aus, offenbar so benannt als Stapelplatz für das -sudanesische Elfenbein. Die Tempelbauten, welche meist die Insel -schmückten, sind bis auf wenige Überreste vom Erdboden verschwunden und -mächtige Scherbenhaufen allein bezeichnen heutzutage ihren ehemaligen -Standort.</p> - -<p>In den Zeiten der späteren ägyptischen Dynastien, als Äthiopien -für Ägypten so gut wie verloren war und Einfälle der dunklen -Bevölkerung, nach der ägyptischen Grenze hin, die südlichsten Teile -des Pharaonenreiches bedrohten, befand sich regelmäßig eine ägyptische -Garnison auf Elephantine, um die Grenze zu decken und über die -Sicherheit der Gegend zu wachen. Schon der alte Herodot weiß davon zu -erzählen, denn er berichtet von 240000 Mann — ein wenig stark als -eine bloße Garnison auf der schmalen Insel — die unter dem ersten -Psammetichos, um die Mitte des siebenten Jahrhunderts v. Chr., von -Elephantine über die Grenze nach Äthiopien hinein abzogen, weil sie -vergeblich nach dreijährigem Aufenthalte auf ihre endliche Ablösung -gewartet hatten und des königlich ägyptischen Dienstes überdrüssig -geworden waren. Griechen und Römer setzten die alte Gewohnheit -des Garnisondienstes fort und Hunderte in griechischer Sprache -niedergeschriebene Sold- und Steuerquittungen auf Scherbenstücken -bezeugen in Schrift und Sprache die Anwesenheit ausländischer -Truppenkörper.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<p>Der Hauptstock der Bevölkerung der Insel und der gegenüberliegenden -Stadt Syene bestand aus dunkelfarbigen Äthiopen vom Stamme der Kensi, -die nordwärts bereits etwa in der Nähe der heutigen Stadt Edfu in -Oberägypten ihre nördlichsten Ansiedlungen besaßen und südwärts bis -zum zweiten Wasserfall bei dem heutigen Wadi Halfa sich ausdehnten. Es -waren die Vorfahren der in der Gegenwart unter dem Namen der Berabira -oder Barberiner bekannten Bevölkerung, die längs der schmalen Nilufer -zwischen den vorher genannten Punkten und südlich über Wadi Halfa -hinaus bis nach Dongola hinauf ansässig sind und mit schweizerischer -Anhänglichkeit ihre traurige, wenn auch sonnige Heimat lieben. Ihre -Sprache, das sogenannte Nuba, scheint die Tochter des ehemaligen -Äthiopischen zu sein, das in Meroë die Hauptstätte seiner Entwickelung -fand und sich bis zu den Küsten des Roten Meeres hin ausdehnte. -Wenigstens lassen sich mehrere von den Alten überlieferte Wörter der -altäthiopischen Sprache nur mit Hilfe des modernen Nuba erklären. -Wenn beispielsweise Plinius den Namen der häufig von Nebeln umhüllten -und daher von den Schiffen gesuchten Topasen-Insel durch das Wort -<em class="gesperrt">topazin</em> erklärt, das in der Sprache der Troglodyten oder der -Höhlenbewohner in der Nähe der Küste so viel als „suchen“ bedeute, so -ist diese Erklärung vollkommen zutreffend, da noch in der heutigen -Sprache des Nuba <em class="gesperrt">tabe-sun</em> den Sinn von so viel als „du suchtest“ -besitzt.</p> - -<p>Es erklärt sich hieraus zur Genüge, daß im Altertum das sogenannte -Vorder- oder Oberland oder die nubische Provinz des ägyptischen -Reiches nicht mit der Insel- und Hauptstadt Elephantine, sondern weit -nördlicher ihren Anfang nahm, etwa in der Nähe von Edfu, woselbst -die dunkelfarbige Bevölkerung die ägyptische „rote“ Rasse nordwärts -ablöste. Das ist auch heutigestags der Fall.</p> - -<p>In der Abbildung über der obenerwähnten Felseninschrift erscheint ein -König Ägyptens in altertümlicher pharao<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>nischer Tracht, welcher drei -Gottheiten ein Rauchopfer darbringt. Die Beischrift nennt seine Titel -und Namen. Es ist König Toser, sonst auch in den Königslisten Toser-Sa -genannt, ein König der dritten Dynastie nach der manethonischen -Königsliste, in welcher er unter der griechischen Umschrift Tosortasis -an der bezeichneten Stelle wieder erscheint. Er gehört unter die Zahl -jener sagenhaften Herrscher, von welchen bis auf die oben erwähnte -Inschrift noch keine Denkmäler entdeckt worden sind.</p> - -<p>Ihm gegenüber befindet sich der widderköpfige Kataraktengott Chnubis -von Elephantine in Begleitung von zwei Göttinnen, Satis und Anukis, -welche die Nilschwelle, die kommende und die gewordene, symbolisieren. -Der Gott verspricht nach den Worten des neben ihm stehenden Textes dem -König: „Ich schenke dir die Überschwemmung für jedes Jahr.“</p> - -<p>Der darunter eingemeißelte, aus nicht weniger als zweiunddreißig langen -Kolumnen bestehende Text ist schon durch seine Einleitung von höchster -Bedeutung für die sieben Jahre der Hungersnot unter Josephs Regiment -in Ägypten, wie es der Leser selber aus der folgenden, möglichst -wörtlichen Übertragung der ersten vier Zeilen beurteilen kann.</p> - -<p>„Im Jahre 18 der Regierung des Königs Tosertasis, damals, als erblicher -Fürst und Regent der Städte des Südens und Landpfleger der nubischen -Völker in Elephantine Madir war, da wurde diesem die folgende Botschaft -des Königs zu teil.</p> - -<p>„Ich trage Kummer um den Thronsitz und die Insassen des Palastes. Es -ist in Trauer versenkt meine Seele wegen des übergroßen Unglücks, darum -weil die Nilflut in meiner Regierungszeit sieben Jahre lang nicht -eingetreten ist.</p> - -<p>„Es herrscht Mangel an Getreide, es fehlen die Kräuter, und es ist eine -Leere an allem, was zur Speisung dient. Jedermann wird ein Räuber an -seinem Nächsten.</p> - -<p>„Man will sich vorwärts bewegen, kann aber nicht gehen. Das Kind -vergießt Thränen, der Jüngling schleicht einher<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> und die Alten, ihre -Seele ist niedergebeugt, ihre Beine sind zusammengekrümmt und auf dem -Boden ausgestreckt, und ihre Hände ruhen im Busen.</p> - -<p>„Die Großen des Reiches sind ratlos. Die Vorratskisten werden -aufgerissen, aber nur Luft ist ihr Inhalt, denn alles, was vorhanden -war, ist aufgezehrt.“</p> - -<p>Der Brief des Königs an den Fürsten von Elephantine <em class="gesperrt">Madir</em> oder -<em class="gesperrt">Matir</em>, dessen Name ziemlich unägyptisch lautet und an den -ebräischen Eigennamen Matri (I. Sam. 10, 21) erinnert, beginnt also mit -einer Schilderung des allgemeinen Elends infolge der siebenjährigen -Hungersnot, die in der Bibel (I. Mos. 41, 56) mit den kurzen Worten -angedeutet ist: „Da nun das ganze Ägyptenland auch Hunger litt, schrie -das Volk zu Pharao um Brot.“</p> - -<p>In der weiteren Entwickelung der Inschriften wird der Leser durch -die Fortsetzung des pharaonischen Sendschreibens davon unterrichtet, -daß der König sich an denjenigen seiner Gouverneure wendete, welcher -in Elephantine, d. h. in der Nähe der vermeintlichen Nilquellen auf -nubischem Gebiete seines Amtes waltete, um die Ursache der seit -sieben Jahren fehlenden Überschwemmung des Stromes zu erfahren. Seine -Hauptfrage berührte zwei sehr wesentliche Punkte, die Stelle des -Ursprungs des Niles und das Wesen der daselbst verehrten Gottheit.</p> - -<p>„Sage mir, so schreibt er, wo ist die Stätte der Entstehung des -Nilstromes, welcher Gott oder welche Göttin ist der Schutzpatron (?) an -derselben und wie ist seine Gestalt?“</p> - -<p>Madir machte sich auf den Weg, um zum Hofe des Königs in Memphis zu -gelangen und seinem Herrn und Gebieter persönlich Bericht abzustatten. -Seine Schilderung ist fast von dichterischem Schwunge und verrät im -einzelnen manches Altertümliche in Form und Fassung. Er leitet sie mit -den Worten ein: „Es liegt eine Stadt inmitten des Stromes, bei welcher -der Nil zum Vorschein kommt. Elephantine heißt sie von alters her. Es -ist die erste Stadt und der erste<span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span> Gau, nach dem Negerlande Wawa zu, -der Anfang des ägyptischen Reiches.</p> - -<p>„Es ist die hohe gewölbte Treppe, auf welcher der Sonnengott zur Zeit -der Frühlingsgleiche nach ihrer Rechnung emporsteigt, um allen Menschen -das Leben zu fristen. Anmutig zu leben, so heißt diese seine Wohnstätte.</p> - -<p>„Die beiden Quelllöcher, also heißt das Gewässer. Das sind die Brüste, -welche allem Gedeihen schenken. Sie sind das Ruhebett für den Nil.“</p> - -<p>Nach vervollständigter Schilderung fährt er fort, um die Natur des -Niles und des Schutzgottes Chnubis weiter auszumalen: „Er steigt (bei -Elephantine) achtundzwanzig Ellen empor und er sinkt bei Diospolis -in Unterägypten bis auf sieben Ellen. Die Sonne der Frühlingsgleiche -erscheint dort als Gott Chnubis. Er schlägt den Boden mit seinen -Fußsohlen und es mehrt sich die Fülle. Er öffnet den Riegel des Thores -mit eigener Hand und die Thüren seines Wasserspundes thun sich weit -auf.“</p> - -<p>In der weiteren Fortsetzung seines Berichtes, die sich zunächst noch -mit dem Wesen des Gottes beschäftigt, ergeht sich der Berichterstatter -über die Insel und die Reichtümer der natürlichen Produkte in -ihrer Umgebung. Vor allem sind es die Edelsteine und das zum Bauen -verwendbare Material in den Gebirgen, welchen die Beschreibung gewidmet -wird. Jedes Erzeugnis wird mit botanischer und zoologischer Genauigkeit -geschildert und jede einzelne Pflanze und Steinart ihrem Namen nach -aufgeführt.</p> - -<p>Der König ist entzückt von der Darstellung und fühlt sich für die -Zukunft beruhigt. „Meine Seele ist froh, so drückt er sich wörtlich -aus, nachdem ich solches gehört habe.“</p> - -<p>Er begiebt sich nach Elephantine, um dem ihm bis dahin unbekannten -Gotte durch Opfer und Gebete seine Huldigung zu bezeugen, und der Gott -ist nicht unempfänglich für diese königliche Verehrung. Der König -erzählte: „Ich fand den Gott vor mir stehen, und ich betete ihn in -Demut an. Sein<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span> Auge that sich auf, sein Herz ward gerührt, und also -erscholl seine Stimme: ‚Ich bin der göttliche Baumeister (Chnum), der -dich erschaffen hat. Meine Hände ruhten auf dir, um deinen Körper zu -fügen und deinem Leibe Gesundheit zu verleihen. Ich flößte dir deine -Seele ein.‘“</p> - -<p>Der Gott erleuchtete den Pharao über sein Wesen in längerer Rede -und fährt darauf fort: „Ich werde für dich die Nilflut ohne Fehl -alljährlich eintreten lassen, und sie soll sich niederlassen auf alles -Land. Es soll sprossen der Pflanzenwuchs, und sich beugen, was da -Mehl trägt. Der göttliche Segen soll auf allen Dingen ruhen und alles -millionenfach nach der Elle des Jahres sich mehren. Voll sollen haben -die Untergebenen und die Zuversicht in ihrer Seele samt ihrem Herrn -aufleben. Vorübergehen soll das Elend. War der Mangel bisher in den -Vorratskammern, so soll nun das Ägyptervolk auf das Feld gehen. Die -Auen werden strahlen und das Getreide soll auserlesen werden. Grünen -(d. h. erfreut sein) sollen ihre Herzen mehr als je vorher.“</p> - -<p>Einem solchen Versprechen gegenüber gewinnt der König seinen ganzen -Mut wieder. Seine Worte, die sich den vorangehenden unmittelbar -anschließen, sagen dies auf das Klarste, geben aber auch zugleich -seinen Entschluß kund, sich dem Gotte für alle Zukunft hin dankbar -zu erweisen. Und das war, um es gleich von vornherein zu sagen, der -eigentliche Zweck der ganzen Inschrift.</p> - -<p>„Ich fühle mich erweckt bei der Aussicht auf die Pflanze. Mein Mut kam -wieder und ins Gleichgewicht trat meine Niedergeschlagenheit.“</p> - -<p>„Ich erließ folgenden Befehl an der Stelle, wo mein Vater, der -göttliche Baumeister weilt: ‚Ich, der König, gewähre dir, Gott Chnubis, -dem Herrn des Kataraktenlandes auf nubischem Gebiete, den Unterhalt als -Dank für das, was du mir thun wirst.‘“</p> - -<p>Der „Unterhalt“ Gottes lief auf eins hinaus mit den notwendigen Mitteln -zu den üblichen Festopfern und zur<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> standesgemäßen Ernährung der -Priester und zu sonstigen zum Tempelkult erforderlichen Ausgaben.</p> - -<p>In diesem Falle sollte im Umkreise von zwanzig ägyptischen Meilen, -Schoinen nannten sie die Griechen, der Zehent für alle Zeiten erhoben -werden. Diese heilige Abgabe ist nicht bloß ägyptischen Ursprunges, -sondern auch bei semitischen und indogermanischen Völkern, ich erinnere -an die Ebräer und an die alten Deutschen, Brauch gewesen. Der zehnte -Teil der Einkünfte aus den Bodenprodukten, aus der Gewerbsthätigkeit, -aus der Kriegsbeute u. s. w. gehörte der Gottheit und ihrem -Priestertume an.</p> - -<p>König Toser fühlte sich beflissen, den Zehent dem göttlichen Baumeister -zukommen zu lassen und so erfährt man aus dem Wortlaut der Inschrift -eine Menge von Einzelheiten, die einen Einblick in die Auflage der -heiligen Steuer nach ägyptischem Brauche gestatten.</p> - -<p>Zunächst sind es die Bauern, die von ihren Ernten den zehnten Teil -als jährliche Abgabe an den Gott entrichten sollten. Ihnen schließen -sich die Jäger, Vogelfänger und Fischer an, denen der Zehent ihrer -Jagdbeute in gleicher Absicht auferlegt wurde. Dem Viehzüchter wird es -aufgegeben, jedes zehnte Kalb als Opfertier abstempeln zu lassen.</p> - -<p>Viel wichtiger ist der darauf folgende Zehent auf alle von Äthiopien -aus nach Ägypten importierte Waren. Elephantine bildete das -Hauptsteueramt an der Grenze. Die eingeführten Produkte werden bei -dieser Veranlassung der Reihe nach in der Inschrift aufgeführt. An der -Spitze der äthiopischen Landeserzeugnisse stehen: Gold, Elfenbein, -Ebenholz und sonstige wertvolle Hölzer und Pflanzen oder deren Früchte. -Ausdrücklich wird von Pharao an die Zollbeamten die Mahnung gerichtet, -die Kaufleute, seien es Äthiopier oder Ägypter oder wer immer, -unangetastet zu lassen, nichts von ihnen zu fordern, da der Zehent des -Imports voll und ganz dem Schatzhause des Gottes angehöre. Auch den -Karawanenführern wird der Rat erteilt, jede Art von Bestechung der<span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span> -Beamten zu unterlassen. Eine deutliche Anspielung auf den Backschisch -oder das übliche „Geschenk“, das im modernen Orient bis in die -Gegenwart hinein bekanntlich eine Hauptrolle im Verkehr mit amtlichen -Personen spielt.</p> - -<p>Eine weitere Einnahmequelle aus dem Zehenten bilden hiernach die -Abgaben der Arbeiter und Künstler in Metallen, Stein und Holz. -Ausgenommen sollen davon die Künstler sein, welche im Dienste des -Gottes stehen und für den Tempel heilige Bildsäulen und Geräte aller -Art herstellen. Sie werden nicht nur als befreit von jeder Steuer -erklärt, sondern auch für befugt erachtet, für sich und ihre Familie -den Unterhalt aus dem Schatzhause des Gottes zu beziehen. Als ob der -König auf frühere bessere Zustände des Tempelkultus hätte hinweisen -wollen, setzte er hinzu: „Es sei reichlich, was in deinem Tempel ist, -wie es früher der Fall gewesen war.“</p> - -<p>Zum Schlusse wird vorgeschrieben, das königliche Dekret auf einen -Stein an hervorragender Stelle niederzuschreiben, um den Namen des -königlichen Stifters der Schenkung für ewige Zeiten zu erhalten.</p> - -<p>Das große Interesse, welches sich an dieses inschriftliche Denkmal -mitten in dem Kataraktengebiete an der ägyptisch-nubischen Grenze -knüpft, besteht vor allem in der Erwähnung der sieben Hungerjahre in -Verbindung mit dem Namen eines uralten Königs. Daß dieser nicht der -Pharao gewesen sein konnte, unter welchem Joseph in Ägypten lebte, -dagegen spricht vor allem der gewaltige Zeitunterschied zwischen -beiden. Joseph weilte etwa um 1800–1700 v. Chr. an den Ufern des Niles, -während Pharao Toser mehr als 3000 Jahre v. Chr. im Ägyptenlande sein -Regiment führte. Aber ebensowenig darf angenommen werden, daß die -Inschrift vom Jahre 18 der Regierung dieses Königs auf dem Felsen von -Sehêl wirklich aus der Zeit desselben stamme. Das wäre das älteste -Denkmal menschlicher Erinnerung auf der ganzen Erde überhaupt.</p> - -<p>Dagegen spricht vor allem die Sprache und der Schrift<span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span>stil, da beide -einer Epoche angehören, die in die Jahrhunderte unmittelbar vor Christi -Geburt fällt, als die griechischen Könige in der modernen Residenz -Alexandrien längst nicht mehr an den Gott von Elephantine dachten -und vor allem als dem Tempel und der Priesterschaft des göttlichen -Baumeisters auf der Insel Elephantine die Mittel des Unterhalts -entzogen waren.</p> - -<p>Den Priestern dieser Epoche lag aber daran, das Anrecht auf den -ehemaligen Zehent in irgend einer legalen Weise wieder zum Ausdruck -zu bringen. Man benutzte dazu eine uralte Legende, die sich an ein -siebenjähriges Ausbleiben der Nilüberschwemmung und an die infolge -dessen entstandene Hungersnot knüpfte, angeblich unter der Regierung -des Königs Toser, um den Nachweis zu führen, daß der vernachlässigte -Kult des Gottes Chnubis, des Urhebers der alljährlich eintretenden -Nilflut, die Ursache des Elends gewesen sei. Mit einem Worte, man war -beflissen, den verlorenen Zehent dem Gedächtnis der lebenden Könige auf -eine unverfängliche Weise aufs neue einzuprägen und die Erzählung wurde -in den Stein gemeißelt, um als modernes Memento zu dienen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Zur_aeltesten_Geschichte_des_Goldes">Zur ältesten -Geschichte des Goldes.</h2> - -</div> - -<p>Das Gold ist das edelste Metall, welches noch heute im Handel und -Wandel den höchsten Wertmesser der Abschätzung bildet. Das war bereits -in den ältesten Zeiten der menschlichen Geschichte der Fall, in welchen -das Gold an der Spitze aller übrigen Metalle stand und die Sehnsucht -nach seinem Besitze das menschliche Herz erfüllte. Sein Glanz wurde mit -dem Leuchten des Sonnenstrahls verglichen und die Ägypter gingen so -weit, sogar die Körperhaut des Sonnengottes als goldig zu bezeichnen im -Gegensatz zu den bleichen Knochen<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span> seines Leibes, für welche sie die -Farbe des Elektrums wählten, einer Mischung von Gold und Silber, das in -natürlichem Zustand in Flüssen und in Bergwerken vorkommt und nicht mit -dem gleichnamigen Worte für den Bernstein verwechselt werden darf.</p> - -<p>Neben der Eigenschaft des Glanzes haftete nach dem Glauben der alten -Ägypter dem Golde eine typhonische, d. h. schädliche und Verderben -bringende bei, welche sich merkwürdig genug in dem Urteil über das -Gold bei den Mohammedanern wieder findet. Es wird nämlich den frommen -Anhängern des Islam empfohlen und die Empfehlung meist auch befolgt, -vor dem Gebete alle goldenen Gegenstände am Körper, wie z. B. goldene -Uhren und Ringe, hübsch beiseite zu legen, um nicht satanischen -Einflüssen anheim zu fallen.</p> - -<p>Der Goldschmied gehörte zu den ältesten Künstlern der Welt. Wenn wir -auch nicht in der Lage sind, die verschiedenen Verrichtungen seiner -Arbeit auf Grund vorhandener Abbildungen eingehender zu beurteilen, so -beweisen die in ägyptischen Sammlungen ausgestellten Gegenstände aus -Gold einen hohen Grad seiner Kunstfertigkeit. Der uralte ägyptische -Gott Ptah, welchen die Griechen mit ihrem Hephaistos, die Römer mit -ihrem Vulkan zusammenstellten, galt in Memphis als der Schutzpatron -der Goldschmiede, sein besonderes Heiligtum führte deshalb den Namen -der Goldschmiede, und sein jedesmaliger Oberpriester die Bezeichnung -eines „Werkmeisters“ im Dienste des Gottes. Memphis hatte für die -Goldschmiedekunst eine hervorragende Bedeutung und noch in den Zeiten -der Ptolemäer befand sich in dieser Stadt eine Münzstätte des Reiches. -Daß Memphis in der Schmelzkunst von Metallen überhaupt einen besonderen -Vorrang einnahm, beweisen die zu Tausenden vorhandenen Bronzen, welche -in der Wüste in der Nähe des Serapeums bei Memphis noch heute gefunden -werden. Es giebt einzelne Stellen, in welchen Bronzestatuetten zu -Hunderten im Sande verscharrt liegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a></span></p> - -<p>Es ist eine auffallende Erscheinung, daß bei der Aufzählung von -Metallen, edlen und unedlen, nicht nur dieselbe Reihenfolge von -den Ägyptern beobachtet wurde, sondern daß sich mitten in dieselbe -zwei Minerale eingeschoben finden, welche man zu den kostbaren -Steinen rechnete und in den älteren Zeiten der Geschichte Ägyptens, -nachweisbar bis zum sechzehnten Jahrhundert hinauf, wie Gold und -Silber als Tauschmittel benutzte und deshalb wie die Edelmetalle -nach ihren Gewichten in Pfunden und Loten in Ganzen und Bruchteilen -näher bestimmte. Das waren der dunkelblaue Lasurstein und der grüne -Malachit. Man begreift diese Einschiebung sofort, sobald man das -Prinzip der alten Ägypter erkannt hat, Reihen von Mineralien nach ihrer -<em class="gesperrt">Farbe</em> zu ordnen, und zwar in der Folge von <em class="gesperrt">Weiß</em> (Silber), -<em class="gesperrt">Gelb</em> (Gold), <em class="gesperrt">dunkelblau</em> (Lasurstein), <em class="gesperrt">Grün</em> -(Malachit), <em class="gesperrt">Wasserblau</em> (Eisen), <em class="gesperrt">Rot</em> (Kupfer) und -<em class="gesperrt">dunkelgrau</em> (Blei). Die Anordnung entspricht im allgemeinen der -Folge der Farben auf einer Palette im ägyptischen Museum von Berlin. -Von der Farbe selbst sind die uralten Namen für das Silber als „das -Weiße“, und für den Lasurstein und den Malachit als „das Dunkelblaue“ -und „das Grüne“ abgeleitet. In bunten Abbildungen erscheinen in -der That Waffen, Schmucksachen, Geräte u. s. w. aus Metallen oder -Edelsteinen in der angeführten Färbung: goldene Ringe gelb, silberne -schneeweiß, eiserne Kriegshelme, Schwerter, Beile, Lanzenspitzen -hellblau, kupferne Helme und Waffen, Sägen, Sicheln, Messer, Spiegel u. -s. w. rot ausgemalt. Für die Geschichte und das Vorkommen der Metalle -bieten derartige buntfarbige Gemälde ein sehr wertvolles Material zur -Beurteilung ihres ältesten Vorkommens und ihrer ältesten Verwendung.</p> - -<p>Das Zeichen für Gold stellt sich in der ägyptischen Hieroglyphik -in Gestalt eines langen zusammengelegten Zeugstückes dar, das an -den beiden Enden erfaßt wurde, um aus dem darin enthaltenen klein -gestampften Golderz das Edelmetall<span class="pagenum"><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span> durch Schwenken auszuwaschen. Die -Anwesenheit von Wasser darin wird in den Zeichnungen nicht selten durch -herabfließende Tropfen angedeutet, um an die Goldwäsche zu erinnern.</p> - -<p>Die älteste Wiege des Goldes, um mich dieses Ausdrucks zu bedienen, -darf nur in den „Goldgebirgen“ gesucht werden, welche auf der -asiatischen und afrikanischen Seite der Küsten des Roten Meeres sich -von Nord nach Süd entlang ziehen und bereits in den Urzeiten der -Geschichte von menschlichen Händen mit Hilfe einfacher Werkzeuge -ausgebeutet wurden. Auch in den Betten der Flüsse, deren Quellen -in goldhaltigen Bergen entsprangen, lagerte sich von der Natur -ausgewaschenes Gold in Staubform und in körniger Gestalt ab, wie es -noch in der Gegenwart auf einzelnen ostafrikanischen Gebieten, wie z. -B. in Fazoglu und in dem noch wenig erforschten Lande Kafa im Süden -Abessiniens in mehr oder weniger großen Mengen gefunden wird und als -Tauschmittel bei dem Handelsverkehr nach außen hin dient.</p> - -<p>Die ostafrikanischen Goldlager wurden bereits in der ersten Hälfte des -dritten Jahrtausends von den alten Ägyptern ausgebeutet und ausgenutzt -und in den folgenden Jahrhunderten in so ausgiebiger Weise durch -fortgesetzten Bergbau erschöpft, daß heutigestags in der Epoche des -Dampfes und der Maschinen wenig mehr an Ort und Stelle zu gewinnen -sein dürfte. Über die Hauptörtlichkeiten, an welchen sich Goldlager -befinden, ist man nicht bloß durch inschriftliche Zeugnisse auf das -Vollkommenste unterrichtet, sondern die alten Goldgebirge öffnen noch -in der Gegenwart ihre Eingänge den Reisenden, welche vom Nile oder von -der Küste des Roten Meeres durch die einsamen vegetationsleeren Thäler -der Wüstengebirge ihren Weg einschlagen. Das nördlichste Goldgebirge -auf der arabischen Seite Ägyptens lag an der mit reichen Inschriften -versehenen Bergstraße, welche von der Stadt Koptos am Nile in der -Richtung nach dem Thale von Hammamat bis zu dem heute Kosseir genannten -Hafenplatze am Roten Meere führte. Die eigentlichen Goldminen, deren<span class="pagenum"><a name="Seite_94" id="Seite_94">[S. 94]</a></span> -Dasein durch eine Expedition amerikanischer Offiziere im Dienste des -damaligen Chedives von Ägypten Ismael im Jahre 1875 wieder aufgefunden -wurden, lagen in einem Wadi Namens Fanachir. Das daselbst gewonnene -Gold führte nach der Stadt am Nil, welche den Ausgangspunkt der -Wanderung der Bergleute bildete, die Bezeichnung „des Goldes von -Koptos“. Ein neues Goldgebirge erstreckte sich im Süden des vorigen; es -lag in der Nähe des Gebel Zebara, nach dem Roten Meere zu. Der Kopf der -Straße begann gleichfalls auf dem östlichen Ufer des Niles, gegenüber -der von den Griechen und Römern Apollinopolis genannten Stadt (das -heutige Edfu), welche ihren Namen auf den des Goldes übertrug.</p> - -<p>Eine dritte Station lag acht bis zehn Meilen in südlicher Richtung vom -Gebel Zebara. Der Weg dorthin nahm seinen Anfang von der am rechten -Nilufer gelegenen Stadt Ombos (heute als Kum Ombu oder „Schutthügel -Ombu“ bekannt), deren Namen gerade so viel als „Goldstadt“ bezeichnet. -Die alte Straße der Goldgräber folgte in etwas südlicher Ablenkung -gleich hinter Ombos der Richtung nach dem alten Hafen von Berenice, in -dessen Nähe die Spuren der im Altertum von den Ägyptern ausgebeuteten -Goldminen zu suchen sind.</p> - -<p>Die ägyptische Südgrenze begann in der Nähe des eben genannten -Hafenplatzes und zog sich in westlicher Richtung nach der alten Stadt -Syene, dem heutigen Assuan, gegenüber der Insel Elephantine hin. Im -Süden davon lag das gebirgreiche, aber wüste Gebiet der nubischen -Landschaft zwischen dem Nile und dem Roten Meere, deren Bewohner zu -den echten Negerstämmen gezählt wurden. Von dem am Nil gelegenen Orte -Kuban aus bietet sich der Zugang zu dem verzweigten Thalsystem der -sogenannten Etbaye-Landschaft, in welchem die Goldminen von Ollaki, -schwer zugänglich für den gewöhnlichen Reisenden, an die Zeiten -uralter Anbauten erinnern. Im Anfang der dreißiger Jahre unseres<span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span> -Jahrhunderts wurden sie von dem Franzosen Linant und dem Engländer -Bonomi wieder aufgefunden und dadurch die Angaben der Denkmäler -über das Vorhandensein von Gold in der nubischen Landschaft auf das -Überraschendste bestätigt. Das hier gefundene Edelmetall führte nach -dem ägyptischen Namen Kusch für Äthiopien, von dem die östliche -nubische Landschaft einen Teil bildete, die Bezeichnung „des Goldes -von Kusch“. Die Ausbeute dieser Minen muß erstaunlich groß gewesen -sein, da schon Inschriften vom dritten Jahrtausend des äthiopischen -Goldes gedenken, auch als Tributgegenstand der dem ägyptischen -Scepter unterworfenen Völker, und die Darstellungen, vom sechzehnten -Jahrhundert v. Chr. an, eine Fülle von kunstreichen Gegenständen in -Gold erkennen lassen, welche die Fürsten des Landes Kusch dem zu -ihrer Zeit regierenden Pharao als Geschenke darbrachten. Noch nach -dem zehnten Jahrhundert, in der Epoche unseres Mittelalters, wurden -die alten Bergwerke von den Arabern ausgebeutet, was nicht geschehen -sein würde, wenn die Arbeiten in den Minen keinen Gewinn ergeben haben -würden.</p> - -<p>Die Untersuchungen der einzelnen Goldminen, sowohl in Ägypten als in -Nubien, durch europäische Reisende haben die Beweise für einen regen -Verkehr in der Nähe derselben im Altertume geliefert. Ganz abgesehen -von dem regelrechten Anbau fand man die wohl erhaltenen Reste von -heiligen Grotten und Götterkapellen, von Arbeiterwohnungen, ferner -Cisternenanlagen, darunter sogar artesische Brunnen, Granitmahlsteine, -Granitrinnen zum Auswaschen des zerstampften Golderzes und was sonst -zu der Bearbeitung desselben gehörte, in großer Menge vor. Daß eine -solche Kolonie von Bergleuten und Arbeitern, der Mehrzahl nach aus -Kriegsgefangenen, Sklaven und Verbrechern bestehend, in den heißen -Wüstenthälern kein angenehmes Dasein führte, ist selbstverständlich -und wird durch die lebendige Schilderung ihres Elends aus der Feder -eines klassischen Gewährsmannes, des Schriftstellers Diodor, vollauf -bestätigt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span></p> - -<p>In den ägyptischen Archiven befanden sich farbig ausgeführte Pläne auf -Papyrus, welche mit erklärenden Texten versehen, die Konfiguration der -Gebirge, die Straßen und Seitenwege, die Brunnen und Arbeiterwohnungen, -die Kultusstätten, die Arbeiterwohnstätten, ja selbst die von den -Königen aufgeführten Gedächtnissteine in Bild und Schrift wiedergaben. -Bruchstücke derartiger Pläne, aus dem vierzehnten Jahrhundert v. Chr. -herrührend, werden in dem ägyptischen Museum von Turin als besondere -Merkwürdigkeiten den Besuchern gezeigt.</p> - -<p>Es ist mir keine inschriftliche Überlieferung bekannt, welche, mit -Ausnahme der in Gold gezahlten oder richtiger gesagt abgewogenen -Tribute, von Erwerbungen dieses Edelmetalls aus vorderasiatischen -Gebieten spräche. Dagegen melden inschriftliche Denkmäler und -Papyrusurkunden von ägyptischen Ophirfahrten zur See, welche außer -wertvollen Bodenerzeugnissen, an ihrer Spitze der kostbare Weihrauch, -Gold von den südlichsten Küstengebieten des Roten Meeres nach der -Residenz der Pharaonen im Nilthale einführten. Tritt in den älteren -Texten die allgemeine Bezeichnung Puone für das ferne Reiseziel im -Süden ein, so vermehren sich die Namen in den späteren Jahrhunderten -bis zu dem Anfang unserer christlichen Zeitrechnung hin. Die Westküste -Jemens mit ihren Goldländern Saba, Havila, Parvaim und Uphas, wie sie -in der Bibel genannt werden, lieferten bekanntlich das Edelmetall nach -Palästina, das durch phönizische Kaufleute, die von Tyrus in erster -Linie, auf den Markt gebracht wurde. Man wird kaum fehl gehen, auch für -Ägypten die südarabische Bezugsquelle vorauszusehen, sicherlich in den -späteren Zeiten der Geschichte des Pharaonenreiches.</p> - -<p>Bereits im dreizehnten Jahrhundert, in welchem Pharao Ramses III. als -ein starker und mächtiger König die Zügel der Regierung in seiner -Faust hielt, ward das Gold in besonderen Sorten teils seinem Ursprung, -teils seiner Reinheit und Zusammensetzung mit anderen Metallen nach -in ver<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>schiedene Sorten geteilt und danach aufgeführt. Im allgemeinen -trennte man „das Berggold“, das aus den goldhaltigen Erzen in den -Minen gefunden wurde, von dem „Wassergolde“, das aus dem Sande -der Flüsse und Bäche des Sudan herausgewaschen wurde. Im übrigen -unterschied man äthiopisches, ägyptisches (aus den obengenannten -Städten) und arabisches Gold — das Vaterland des arabischen war in -den Gegenden der Weihrauchterrassen — ferner „feines“ (wörtlicher: -gutes, vollkommenes), „weißes Gold“, „Zweidrittel-Gold“ (wahrscheinlich -eine mit anderen Metallen gemischte Sorte), außerdem <em class="gesperrt">Ketem</em> -oder vorderasiatisches Gold, dessen Name nicht ägyptischen, sondern -semitischen Ursprunges ist, und andere Sorten, deren Name noch nicht -hinlänglich klar ist. So viel steht fest, daß diese und andere -Bezeichnungen auf eine genaue Kenntnis der Feinheit des Goldes bei den -alten Ägyptern hinweisen und metallurgische Studien voraussetzen.</p> - -<p>In unverarbeitetem Zustande erscheint das gelbe Edelmetall in Barren -und in Ringform bald von größerem, bald von kleinerem Umfang. Das -Gewicht derselben ging von einer bestimmten Grundgewichtseinheit aus, -die gesetzlich normiert war und dem einzelnen Stücke die Bedeutung -unseres Geldes verlieh. Als ich im Jahre 1889 vom ältesten Geldgewicht -in den Sonntagsbeilagen der Vossischen Zeitung mehrere allgemein -interessierende Angaben auf Grund eigener Untersuchungen zum besten -gab, hatte ich das Silbergewicht zum Ausgang meiner Betrachtungen -gewählt und die Übereinstimmung seiner Gewichtseinheit (= 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> -ägyptische Lot oder 10,91 Gramm) mit dem babylonischen schweren -Silbergewicht besonders hervorgehoben. Es knüpfen sich daran Fragen von -großer kulturhistorischer Bedeutung, die von der Zeit der geschlagenen -Münze an von entscheidender, tief einschneidender Wirkung sind. In -letzter Instanz tritt dabei die Frage in den Vordergrund: Waren die -Ägypter oder waren die Babylonier die ersten Erfinder des Geldgewichts -in Silber,<span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> d. h. hat ein Volk von dem andern die Gewichtsbestimmung -entlehnt und danach ein eigentümliches Rechensystem aufgebaut oder -haben beide Völker von einem vorhistorischen Volke unbekannten Namens -und unbekannter Abstammung die wichtige Erfindung empfangen und -rechnungsmäßig als Tauschmittel im Verkehr verwertet?</p> - -<p>War ich zur Zeit der Veröffentlichung meines ersten Artikels in -der glücklichen Lage gewesen, die Grundeinheit des Silbergewichtes -genau bestimmen und auf unser modernes Grammgewicht zurückführen zu -können, so fehlten mir damals alle notwendigen Unterlagen, um in -ähnlicher Weise dem Goldgewicht die entsprechenden Zahlen gegenüber -zu stellen. Diese Lücke ist ausgefüllt, seitdem durch zwei aus dem -ägyptischen Altertum uns überkommene Goldgewichtsstücke, von denen das -eine und größere erst vor Kurzem in den Besitz des Berliner Museums -gelangt ist, und durch überlieferte Goldgewichtsberechnungen, aus dem -sechzehnten und aus dem dreizehnten Jahrhundert v. Chr., sich mir -die Gelegenheit dargeboten hat, in unbestreitbarer Weise auch für -das Gold die altägyptische Grundgewichtseinheit fixieren zu können. -Dieselbe betrug 1<span class="nobreak"><span class="zaehler">4</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> altägyptische Lot oder 16,37 Gramm, entsprach -daher dem <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">50</span></span> Teile einer Goldmine von 90 Lot (= 818,63 Gramm) und -den <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3000</span></span> eines Goldtalentes von 5400 Lot (= 49,1179 Kilogramm). Die -Hälften dieser angeführten Gewichtsstücke, welche sich zugleich auf -das System der sogenannten <em class="gesperrt">schweren</em> Goldmine nach babylonischer -Rechnungsweise bezogen, also die Zahlen 8,18, 409,31 Gramm und 24,55 -Kilogramm, stellen die Grundeinheiten der <em class="gesperrt">leichten</em> Goldmine vor. -Ihr kleinstes Stück im Gewicht von 8,18 Gramm Gold sei der Vergleichung -halber dem Gewichte der 20 Mark-Goldmünze von 7,96 Gramm und dem -englischen Pfund Sterling-Stück von 7,98 Gramm an die Seite gesetzt, -um eine annähernd richtige Vorstellung seiner Schwere zu erwecken. Es -erscheint nicht überflüssig hinzuzufügen, daß die Anwendung dieses -kleinsten Stückes von 8,18 Gramm<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> Gewicht sich in Goldberechnungen -aus der Zeit des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. auf ägyptischen -Denkmälern vorfindet.</p> - -<p>Was den angeführten altägyptischen Goldzahlen das höchste Interesse -verleiht, ist die von Herrn <span class="antiqua">Dr.</span> C. F. Lehmann, einem der -babylonischen Keilschrift kundigen Gelehrten aus Berlin, vor etwas -länger als einem Jahre nachgewiesene Thatsache, daß sich die alten -Babylonier zur Bestimmung der Schwere eines Gegenstandes eines -Normalgewichtes bedienten, dessen leichte Mine auf Grund von drei -noch vorhandenen und in wissenschaftlichen Sammlungen aufbewahrten -Stücken im Durchschnitt 491<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> Gramm betrug. Diese Gewichte, in -den Trümmerstätten des südlichen Babylonien aufgefunden, sind aus -einem dunkelgrünen harten Stein gefertigt, tragen Aufschriften in -Keilzeichen und gehören nach der Meinung des gelehrten Forschers -mindestens dem Anfang des zweiten vorchristlichen Jahrtausends an. Da -nach dem babylonischen Rechnungssystem die Goldmine um ein Sechstel -kleiner als die allgemeine Gewichtsmine war, so muß dieser Betrag, ca. -81<span class="nobreak"><span class="zaehler">9</span>⁄<span class="nenner">10</span></span> Gramm, von der Gewichtsmine (491<span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">5</span></span> Gramm) abgezogen werden, -um die Schwere der Goldmine festzustellen. Man gelangt somit zu der -babylonischen Zahl von 409<span class="nobreak"><span class="zaehler">3</span>⁄<span class="nenner">10</span></span> Gramm, welche der ägyptischen, im -Betrage von 409<span class="nobreak"><span class="zaehler">31</span>⁄<span class="nenner">100</span></span> Gramm, auf das Genaueste entspricht.</p> - -<p>Ein so merkwürdiges Zusammentreffen, welches ich in meinen früheren -Untersuchungen auch in Bezug auf das ägyptische und babylonische -Silbergewicht nachgewiesen habe, kann nicht in einem bloßen Zufall -gesucht werden, sondern beruht auf gemeinsamen Grundlagen der Maß- und -Gewichtseinheiten im Handelsverkehr der ältesten Welt. Die geträumte -Abgeschlossenheit der großen Kulturstaaten an den Ufern des Niles -in Afrika und zu beiden Seiten des Euphrats, auf asiatischem Boden, -muß anderen, richtigen Vorstellungen in Zukunft den Platz räumen, -wenn auch die Streitfrage nach den ältesten Erfindern der Maß- und -Gewichtssysteme vorläufig<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span> unerledigt bleiben mag. Für Ägypten spricht -das hohe Alter aufgefundener Steingewichte, welche in die Zeiten -der Pyramidenbauten hinaufreichen, für Babylon vor allem das weit -verbreitete sexagesimale Teilsystem, das <span class="antiqua">Dr.</span> J. Brandis in -seinem berühmt gewordenen Werke: Das Münz-, Maß- und Gewichtswesen -in Vorderasien (Berlin 1866) aus den geschlagenen Münzen, bis zu -den klassischen Völkern des Altertums hin, in überzeugender Weise -nachgewiesen hat. Daß Babylonien und die im Westen davon gelegenen -Völker und Länder Vorderasiens, einschließlich der Inseln des -östlichen Mittelmeeres, mindestens vier bis fünf Jahrhunderte vor -den trojanischen Zeiten mit Ägypten im engsten Verkehr standen, das -bezeugen ja vor allem die in Tell El-Amarna auf ägyptischer Erde in -unseren Tagen aufgefundenen keilschriftlichen Thontafeln mit ihren für -die Kulturgeschichte jener Epoche so merkwürdigen Korrespondenzen von -Hof zu Hof und mit ihrem regelmäßigen Botenpostdienst von den oberen -Euphratgebieten an bis nach den fernen Nilufern im Süden hin. Politik -und Handelsverkehr beherrschten schon damals die Welt und Gold und -Silber, wohl geprüft und abgewogen und in den Schatzhäusern der Könige -lagernd, bildete den von Jedermann verstandenen Maßstab des Reichtums -der Großen der Erde.</p> - -<p>Es giebt eben nichts Neues hinieden. Die wissenschaftlichen -Entzifferungs-Fortschritte in unseren Tagen, im Zusammenhang mit -den hinterlassenen Erbschaften einer längst vergessenen Vorzeit, -welche aus dem Boden der Erde der ältesten Kulturländer an das Licht -steigen, lassen Blicke in eine Ferne werfen, die uns täglich näher zu -rücken scheint, und reißen die Grenzen nieder, welche das schulmäßig -Klassische von dem eingebildeten Barbarentum der vorklassischen Epochen -trennt. Die Erfindungen und Entdeckungen auf den verschiedensten -Gebieten der menschlichen Kultur zeigen bereits in den ältesten Zeiten, -die nicht allein nach Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden vor -dem Beginn unserer Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span>rechnung zählen, eine Höhe der Entwickelung -und eine Schärfe der Auffassung und Beobachtung, die uns Epigonen -der Weltgeschichte um so mehr in Erstaunen versetzt, je weniger -wir selber noch nicht in der Lage sind, die äußerste Grenze ihrer -Anfänge zu bestimmen. Jahrtausende vor unseren eigenen Tagen und -im besonderen Falle vor der Einführung des metrischen Systems, am -Schlusse des vergangenen Jahrhunderts, hatte man bereits den Weg -entdeckt, das Grundlängenmaß in dem Durchmesser der Sonnenscheibe und -das Grundgewicht in der Schwere des Wassers, welches den Kubus des -Grundlängenmaßes und seine Teilstücke ausfüllte, in konstanter Weise -mit Hilfe der Zahl festzustellen und das zufällig Verlorene immer -wieder von neuem aufzufinden. Aber aus welchem Volke und in welchem -Lande erstand der erste Entdecker einer so folgenreichen Idee, welche -ihren siegreichen Umzug durch die ganze Welt hielt und bis in unsere -Zeiten hinein ihre Bedeutung nicht verleugnet hat? Die Frage wird -unbeantwortet bleiben, denn sie liegt jenseits aller Anfänge der -menschlichen Geschichte und nur die Sage berührt sie mit leisem Finger. -Die Altvorderen wußten es selber nicht mehr und setzten Götternamen an -Stelle von menschlichen ein. Was wir als Normalmaße bezeichnen, hatte -bei ihnen die Bedeutung des Heiligen gewonnen.</p> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Feier_der_Grundsteinlegungen_in_aeltester_Zeit">Feier -der Grundsteinlegungen in ältester Zeit.</h2> - -</div> - -<p>Die noch heutzutage beobachtete gute Sitte und Gewohnheit, bei der -Aufführung monumentaler Bauten die Legung des ersten Grundsteines in -feierlicher Weise zu vollziehen, um dem zukünftigen Werke von seinen -ersten Anfängen an den Segen des Himmels gleichsam mit auf den Weg zu -geben, ist so allbekannt, daß kein Wort darüber weiter zu verlieren -ist. Mögen die Bauwerke kirchlichen oder öffentlichen, dem<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> Wohle der -Menschheit gewidmeten Zwecken dienen, die Weihe, welche ihnen durch -die vollzogene Feierlichkeit in Gegenwart allerhöchster, höchster und -priesterlicher Personen und der Vertreter des Baugewerkes verliehen -wird, verfehlt kaum je ihres tiefen Eindruckes. Die Feierlichkeit -erinnert an die Taufe, durch welche das neugeborene Kind von den -versammelten andächtig gestimmten Zeugen der Religionsgemeinschaft -derselben übergeben wird. An Glückwünschen fehlt es bei dieser Handlung -nicht, ebensowenig an Geschenken der Liebe und Freundschaft, um dem in -die Welt eintretenden Täufling als Angedenken für die späteste Zukunft -zu dienen. Auch in den Grundstein werden die Gaben der Erinnerung für -die spätesten Geschlechter niedergelegt.</p> - -<p>Die Feierlichkeit, welche mit der Grundsteinlegung verbunden ist, -folgt alten Bräuchen und ist mit gewissen Förmlichkeiten verbunden, -die aus früheren Zeiten herstammen und noch in unserer Gegenwart -als unerläßlich betrachtet werden. Die Vermauerung der schriftlich -abgefaßten historischen Bauurkunde und des Verzeichnisses der Namen -der anwesenden Zeugen nach ihrer eigenen Unterschrift, die drei -Hammerschläge, das Streichen mit der Maurerkelle, das Senken des -Steines, gewisse Formeln, welche ihrem Wortlaut nach vorgeschrieben -und nur abzulesen sind, dies alles und manches andere führt von -vornherein zu dem Schlusse, daß die Grundsteinlegung einen sinnreichen -symbolischen Aktus darstellt, den nicht erst die Neuzeit erfunden hat, -sondern der in längst vergangene Zeiten zurückreicht.</p> - -<p>Daß etwas Ähnliches nicht nur im Mittelalter, sondern bereits in den -Zeiten der Griechen und Römer in ähnlicher Weise vollzogen ward, -dürfte ziemlich bekannt sein. Selbst der Jugend auf der Schulbank wird -erzählt, in welcher Weise Romulus die älteste Stadt Rom gegründet -habe, indem er mit einem Pfluge die Grenzen derselben in den Erdboden -zog. Die Gelehrten wissen es genauer, daß Rom wie jede Stadt in -Latium nach „etruskischem Ritus“ gegründet wurde.<span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> Die Regionen des -sogenannten Templum oder des eigentlichen Innern der Stadt wurden nach -den Himmelsgegenden hin durch den Augurenstab bezeichnet, ähnlich wie -man den Lagerraum abzustecken pflegte, der Gründer spannte einen Stier -und eine Kuh vor den Pflug und führte denselben, dabei die Richtung -nach rechts einschlagend. War das Quadrat der zukünftigen Stadt in -der angegebenen Weise abgefurcht, so wurde gerade im Mittelpunkt -des Stadtvierecks eine Grube ausgehöhlt und mit den Erstlingen der -Feldfrüchte angefüllt.</p> - -<p>Mochten auch sonstige Einzelheiten des sogenannten „etruskischen Ritus“ -dem Gedächtnis entschwunden sein oder in den Überlieferungen fehlen, -nichtsdestoweniger hatten die Schriftsteller der späteren Zeiten der -Römergeschichte über eine Anzahl von Nachrichten zu verfügen, welche -über die altertümlichen Förmlichkeiten bei der Gründung der ewigen -Stadt keinen Zweifel übrig ließen. Dazu gehörten auch die Art und -Weise, in welcher jedes von den drei Thoren — mehr ließ derselbe -etruskische Ritus nicht zu — bei der Gründung seiner künftigen Stelle -nach bezeichnet wurde. Der Pflüger unterbrach dreimal das Geschäft des -Furchens und trug den Pflug in der Hand. Da im Lateinischen das Verb -tragen durch das Wort <span class="antiqua">portare</span> ausgedrückt wird, so leitete man -das Wort <span class="antiqua">porta</span> für das Thor von jenem Zeitworte ab.</p> - -<p>Das wäre das älteste Beispiel einer Gründung, wenn auch einer ganzen -Stadt, aus den sogenannten klassischen Zeiten des Altertums, aber es -ist nicht das älteste, das uns in der Welt überhaupt durch schriftliche -Überlieferungen bezeugt ist. Ich werde den Beweis führen, daß etwa -anderthalb Jahrtausende vor der Aufführung Roms von einer Gründung die -Rede ist, deren Bauurkunde in unserer Weltstadt Berlin — und zwar in -den Räumen der ägyptischen Abteilung unserer königlichen Museen, als -ein wertvoller Schatz aus den ältesten Zeiten aller Menschengeschichte -aufbewahrt wird, obgleich es mir eigentlich leid thut, mit der -Geschichte ihrer Erwerbung meinen eigenen Namen in Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>bindung bringen -zu müssen. Jedenfalls gehört er zur Sache und ich finde keinen -plausiblen Grund, die Erwähnung desselben zu umgehen.</p> - -<p>Es war im Jahre 1858, im Monat November, als ich zum zweitenmale -die gewaltige Ruinenstätte der ehemaligen altägyptischen Haupt- -und Residenzstadt Theben an den Ufern des Niles besuchte, um -wissenschaftlichen Forschungen obzuliegen und die umfangreichen -Trümmerfelder nach allen Richtungen hin zu durchstreifen. Eines Tages -hatte mich über meinen Arbeiten der Abend überrascht, die Schakale -fingen bereits an ihr widerliches Geheul hören zu lassen und mit -eiligen Schritten kehrte ich zu Fuß von dem Gebirge auf der Westseite -Thebens nach dem Flusse zurück, an dessen Ufer mein Nilschiff am -Landungsplatze angepflockt lag.</p> - -<p>Immer tiefer wurden die dunklen Schatten, welche sich über die letzten -Reste der einst mächtigen Stadt ausbreiteten, und ich wanderte -spornstreichs auf den letzten Feldwegen dahin, welche in der Gegenwart -die Stelle der alten Straßen der stolzen Residenz der Ramessiden -einnehmen. Die Fledermäuse huschten gespenstisch über mich hinweg, -und der Uhu seufzte seinen düstern Totenruf aus dem Laubdickicht der -nächsten Sykomore dem müden Wanderer entgegen. Es war mir selber mit -einem Worte überaus unheimlich zu Mute. Zu meinem Schrecken versperrte -mir plötzlich ein vermummtes menschliches Wesen den nach dem Flusse -führenden nächsten Seitenweg.</p> - -<p>So viel ich bei der herrschenden Dunkelheit zu erkennen vermochte, -gehörte der würdige Thebaner, denn einem solchen war ich begegnet, -zur Klasse der vorgeschrittensten Weißbärte. Ein faltenreicher Burnus -umhüllte seinen ganzen Körper, denn bei 16 Grad Wärme friert es bereits -einen Thebaner in der winterlichen Jahreszeit, und ein langer und -dicker, an beiden Enden mit Eisen beschlagener Stock, der gefürchtete -<em class="gesperrt">Nâbut</em> der Araber, diente ihm als Stütze, wie in anderen Fällen -als gefährliche Waffe einem Angreifer gegenüber.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span></p> - -<p>„<span class="antiqua">Es-salam aleïk</span>“, „Heil sei mit dir!“ rief er mir zu, -indem er stille stand und mich verhinderte, den vor mir liegenden -Seitenweg einzuschlagen. Ordnungsmäßig gab ich auf den Friedegruß -die gewohnheitsmäßige, aber diesmal in höflichster Weise verlängerte -Antwort: „Und mit dir sei der Friede und Gottes Barmherzigkeit und sein -Segen!“</p> - -<p>„Habt Ihr Lust, fuhr er nach dieser Einleitung und fast mit ängstlicher -Stimme fort, eine Antika zu kaufen? Sie gehört nicht mir, sondern -einem meiner Brüder, der krank darnieder liegt und des Geldes bedarf. -Vielleicht daß Ihr mir noch eine besondere Belohnung — das bekannte -Backschisch — für meine Vermittelung zukommen lasset.“</p> - -<p>Bei diesen Worten schob er die Hand unter die Falten des Burnus, holte -einen in Fetzen eingewickelten Gegenstand hervor, den er langsam von -seiner schmutzigen Umhüllung befreite und mir überreichte, um ihn näher -zu prüfen.</p> - -<p>Ich zündete den Stumpf einer Kerze an, die ich bei dem Besuch -dunkler Grabkammern stets bei mir zu tragen pflegte, und maßlos war -mein Erstaunen, als ich in der Antika ein zusammengerolltes, durch -sein hohes Alter hart und steif gewordenes Pergament erkannte. Die -Innenseite, wie ich gleichzeitig entdeckte, war mit Schriftzeichen in -schwarzer und roter Farbe bemalt und der Name eines uralten ägyptischen -Königs sprang mir sofort in die Augen.</p> - -<p>Wir wurden schnell handelseins, selbst das Backschisch fand seine -angemessene Erledigung, und mit eilenden Schritten — meine ganze -Müdigkeit war wie durch Zauber entschwunden — stürzte ich über Stock -und Stein nach dem Ufer, um meinem Schatze bei heller Beleuchtung und -in aller Muße in dem Salon meines Nilschiffes näher auf den Leib zu -rücken.</p> - -<p>Wem die Glücksgöttin das große Los über nacht in den Schoß wirft, der -kann noch lange nicht die begeisterungsvolle Freude empfinden, mit -welcher den Antiquar die plötzliche Hebung eines wertvollen Schatzes -auf dem Gebiete der Kunst<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> und Wissenschaft erfüllt. Selbst Hunger und -Durst wird in den Hintergrund gedrängt vor der sehnsüchtigen Wißbegier, -den plötzlich und unvermutet gewonnenen Schatz einer prüfenden -Durchsicht zu unterziehen. Für diesen Abend hatte mein Koch umsonst -den Tisch bereitet. Ein Glas Nilwasser genügte vollständig, um den -leiblichen Bedürfnissen nach Speise und Trank für den Augenblick zu -genügen. Mein Geist schwebte über allem Irdischen und versetzte mich -wie im Fluge zurück nach den Anfängen des dritten Jahrtausends vor dem -Beginn unserer christlichen Zeitrechnung, als Pharao Amenemes I. und -sein Sohn und Nachfolger Usortisen I. gemeinschaftlich regierten als -Stifter jener glanzvollen zwölften Dynastie altägyptischer Könige, -deren Größe und Ruhm eine Glanzepoche innerhalb der ägyptischen -Geschichte bildet. Habe ich in meiner nach Generationen zeitlich -bestimmten Königstafel jenen Herrschern ein Alter von ungefähr -4400 Jahren vor unseren eigenen Tagen angewiesen, so kann ich mich -vielleicht um ein paar Jahrhunderte, aber nicht um ein ganzes -Jahrtausend geirrt haben. Ein bleibendes Denkmal und ein ehrwürdiges -Wahrzeichen jener Epoche, von welcher die Lederrolle spricht, ist der -berühmte Obelisk von Heliopolis, welcher noch gegenwärtig als letzter -Rest des vom Erdboden verschwundenen Sonnentempels von <em class="gesperrt">On</em> in -der Nähe von Kairo, bei Matarijeh, aufrecht dasteht und in seinen -Inschriften den vorher genannten König <em class="gesperrt">Usortisen</em> I. als Urheber -preist.</p> - -<p>Die augenblickliche Prüfung der wertvollen Urkunde, die ich ihres -gebrechlichen Zustandes wegen nur teilweise aufzurollen und zu lesen -vermochte, weihte mich in folgende Thatsachen ein.</p> - -<p>Im dritten Jahre der Regierung des erwähnten Königs (die historisch -beglaubigte Mitregierung seines Vaters Amenemes I. ist in der Datierung -übergangen worden) rief der König seinen Rat zusammen, um dessen -Meinung über seine Absicht zu hören, dem Sonnengotte auf der Stätte -von<span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> Heliopolis ein würdiges Heiligtum zu errichten. Die Mitglieder -des hohen Rates billigen den Entschluß ihres Herrschers und erklären -sich mit seinem Plane einverstanden. Der König vollzieht darauf in -höchsteigener Person „<em class="gesperrt">die Ausspannung der Meßschnur</em>“, d. h. um -nach unserer Weise zu reden, die feierliche Grundsteinlegung.</p> - -<p>Meine erste Sorge war es, die kostbare Urkunde meinem Vaterlande zu -erhalten, und es dauerte nicht lange, bis daß ich die Freude hatte, -sie im Besitze unserer königlichen Museen zu wissen. Es war seitdem -gelungen, das spröde Leder zu erweichen, wenigstens bis zu dem Grade, -um nach allen Seiten hin das Lesen der Schriftzüge zu ermöglichen. Der -Inhalt liegt somit der Forschung auf dem bequemsten Wege vor und wir -gewinnen zunächst eine genauere Einsicht in die Verhandlung, welche -der Grundsteinlegung eines monumentalen Gebäudes vor mehr als vierzig -Jahrhunderten voranging.</p> - -<p>Die Sprache, in welcher das Schriftstück abgefaßt ist, zeigt den -altertümlichen Charakter ihrer Zeit, gewinnt aber gerade dadurch an -Reiz für uns Epigonen der Weltgeschichte. Es sei mir darum gestattet, -die wichtigsten Teile des auf zwei Seiten verteilten 39 Zeilen -enthaltenden Textes in einer möglichst dem Wortsinn sich annähernden -Übersetzung vorzulegen. Die Urkunde beginnt: „Im dritten Jahre, am ... -Tage des dritten Monats der Überschwemmungsjahreszeit, unter der -Regierung des Königs von Ober- und Unterägypten Choper-ke-re, des -Sohnes der Sonne Usortisen I., des Triumphators, der ewig und immerdar -leben wird, schmückte sich der König mit der Doppelkrone Ägyptens, um -sich im Thronsaal zu einer Sitzung niederzulassen.“</p> - -<p>„Die Beratung mit denjenigen, welche sich in seiner Umgebung befanden: -den Freunden, den ..... des königlichen Hauses und den (sonstigen) -Würdenträgern, betraf eine zu gründende bauliche Anlage.“</p> - -<p>„Die Reden fielen, abwechselnd hörte man sie und die Beratung berührte -die Ausschachtung des Erdbodens.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span></p> - -<p>„Der König erging sich über den Nutzen von Arbeiten, deren Gedächtnis -als Beweis vortrefflichster Handlungen der Nachwelt dastehen sollte.“</p> - -<p>„Ich will ein Denkmal ausführen (so sprach er) und ein dauerndes ..... -aufstellen dem leuchtenden Sonnengotte Horus zu Ehren.“</p> - -<p>Seine weitere Rede versteigt sich zu einer dichterischen Sprache, die -sich in Lobeserhebungen auf den Lichtgott erschöpft, als dessen Sohn -der König sich betrachtet, der ihn auf den Königsstuhl gesetzt und dem -er durch Opfer und Weihgeschenke seine Dankbarkeit und seine Verehrung -öffentlich zu bezeigen sich verpflichtet fühle.</p> - -<p>Der hohe Rat bleibt die Antwort darauf nicht schuldig, denn im Verlauf -der Urkunde heißt es weiter: „Da redeten die Freunde des Königs, indem -sie an ihren Gott (d. h. den Herrscher) eine Erwiderung richteten, -also: „Der Überfluß ruht in deinem Munde und die Sättigung steht bei -dir, du königlicher Gebieter! Deine Absichten seien verwirklicht. -Schmücke dich mit der Doppelkrone der Herrschaft über Süd und Nord, um -die Grundsteinlegung (wörtlicher: die Ausspannung der Meßschnur) an -deinem Gotteshause zu vollziehen.“</p> - -<p>Damit ist auch ihre Rede noch nicht zu Ende. Der Panegyrikus der -hohen Beamten richtet sich nunmehr an den König selber, um seinen -Entschluß zur Anlage des Bauwerkes zu preisen und ihm anzuraten, -seinem Oberschatzmeister sofort den Befehl zu erteilen, die nötigen -Vorkehrungen zu treffen, die Bauhandwerker herbeizurufen und die Arbeit -sofort in Angriff nehmen zu lassen.</p> - -<p>Der Schluß, wenn auch kürzer als alles Übrige gefaßt, krönt das Ganze. -Er lautet: „Der König schmückte sich mit dem Federndiadem und die Leute -standen neben ihm. Der oberste Schriftgelehrte las aus dem Buche über -die Ausspannung der Meßschnur und die Einpfählung des Holzpflockes in -den Erdboden. Nachdem das für diesen Tempel vollzogen<span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> war, ging seine -Majestät von dannen und wandte sich angesichts der [versammelten Menge] -um.“</p> - -<p>Trotz der besonderen Schwierigkeiten, welche neben lückenhaften -Stellen die Entzifferung und Auslegung der Bauurkunden im einzelnen -darbietet, darf die richtige Auffassung des rein historischen Teiles -als vollkommen gesichert betrachtet werden und gerade diese ist es, auf -welche ich die besondere Aufmerksamkeit des Lesers richten möchte.</p> - -<p>Zunächst erscheint die pharaonische Majestät durchaus nicht als ein -in seinem Willen unbeschränkter Autokrat. Wie im Kriege, so ist auch -im Frieden der König durch das herkömmliche Recht darauf angewiesen, -seine Pläne und Absichten einem hohen Rate, der aus den vornehmsten -Beamten, den sogenannten Freunden (den gleichbedeutenden Philoi am Hofe -der späteren Ptolemäerfürsten) an seinem Hofe bestand, zur Begutachtung -vorzulegen, wie es der Fall lehrt, bis zu der beabsichtigten -Ausführung eines monumentalen Werkes hin. Das dienstbereite und dem -König ergebene Beamtentum, meist aus den die Würden erbenden Familien -der altägyptischen Aristokratie hervorgegangen, wird kaum je sich -veranlaßt gefühlt haben, dem Willen des Pharao einen offenen Widerstand -entgegenzusetzen, aber nach Sitte und Brauch war der Fall vorgesehen -und die selbständige Ausführung der königlichen Entschlüsse eine Sache -der Unmöglichkeit. Der formalen Beratung mußte Genüge geleistet werden.</p> - -<p>Bei der Grundsteinlegung der monumentalen Werke war der König in -vollster Staatstracht in eigener Person anwesend, um mit eigenen Händen -die Meßschnur auszuspannen und den Pflock in den Erdboden zu schlagen. -Gleichzeitig öffnete der „oberste Schriftgelehrte“ am königlichen -Hofe eine Papyrusrolle, um für das Ceremoniell des feierlichen Aktes -die erforderlichen Anweisungen zu geben. Und damit bin ich auf den -Punkt gelangt, für die Gründungsfeierlichkeiten die anziehendsten -Aufschlüsse der Denkmäler zu bieten. Die erwähnte <em class="gesperrt">Meßschnur</em> und -der <em class="gesperrt">Pflock</em> bilden dabei die Hauptsache.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span></p> - -<p>Zur Erläuterung und zum besseren Verständnis des Nachfolgenden sei -vorausgeschickt, daß bei der Ausführung selbst die umfangreichsten -baulichen Anlagen im alten und, wie ich gleich hinzufügen will, selbst -im modernen Ägypten die solide Fundamentierung, nach unseren Begriffen -wenigstens, eine untergeordnete Rolle spielte. Baute man auf felsigem -Grunde, wie ihn die Wüste durch ihren Kalksteinboden darbietet, -so begnügte man sich damit, das Gestein zu ebnen und zufällige -Vertiefungen durch Mauerwerk auszufüllen. Ein so natürliches Fundament -stellt alles künstlich hergestellte in den Hintergrund und man begreift -vollkommen den Sinn des biblischen Gleichnisses von dem Bauen der -Kirche auf einem Felsen.</p> - -<p>Anders lag die Sache, sobald es sich um die Ausführung eines Bauwerkes -auf dem schlammigen Boden des Nilthales selber handelte. Auch hierbei -ließ man die künstliche Fundamentierung aus dem Spiel, sondern nahm -zu dem Hilfsmittel seine Zuflucht, den vermessenen Baugrund in -erforderlicher Tiefe und Breite auszuschachten, den entstandenen hohlen -Raum mit genäßtem Wüstensand oder gestoßenen Scherben und Geröll -auszufüllen, um für den beabsichtigten Bau die nötige feste Grundlage -zu schaffen.</p> - -<p>Man könnte geneigt sein, ein solches Verfahren mißfällig zu beurteilen, -um nicht von oberflächlichen oder gar liederlichen und kenntnislosen -Baumeistern zu sprechen, allein die Beobachtung hat gelehrt, daß -sämtliche Bauten, die uns erhalten geblieben sind und welche Erdbeben, -des Menschen Hand und der nagende Zahn der Zeit verschont hat, -Jahrtausende überdauert und an Festigkeit ihrer Fundamentierung nichts -verloren haben.</p> - -<p>Die schlagendsten Beweise für die angeführte Art der Fundamentierung -in altägyptischer Zeit haben die so umfangreichen und von ganz -unerwarteten Erfolgen gekrönten Nachgrabungen des Engländers -Flinders Petrie in Ägypten geliefert, über welche mein Freund G. -Schweinfurth (in<span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> Petermanns Mitteilungen, 1890, Heft 2) wörtlich -folgende Bemerkung macht: „In Tanis sowohl wie zu Naucratis hatte -Petrie ausfindig gemacht, daß, wo nicht gerade Wüstenboden und Fels -einen sicheren Baugrund gewährten, die alten Tempelerbauer ihre -Mauern auf eine Lage von Sand (5 Meter) zu fundieren pflegten, mit -dem man eine entsprechende Ausschachtung des Nilthons gefüllt hatte. -Diese Eigentümlichkeit gestattet, innerhalb des Kulturlandes die -alten Mauerwerke auch an solchen Stellen genau festzustellen, wo sie -längst abgetragen und zerstört worden sind. Durch Sondierung nach den -entsprechenden Sandlagern vermochte Flinders Petrie im Bezirk des -großen Tempels von Arsinoë (in der Landschaft des Fajum) die Richtung -oder Ausdehnung der Tempelmauern leichter festzustellen.“</p> - -<p>Den praktischen Nutzen dieses Verfahrens lernte ich selbst erst aus -einer Unterhaltung mit dem vorletzten Vicekönig von Ägypten, dem -seines Thrones verlustig gegangenen <em class="gesperrt">Chedive Ismaël</em> Pascha -kennen. „Wie sonderbar, bemerkte er mir eines Tages, daß die in Ägypten -lebenden Europäer sich darauf versteifen, bei dem Bau ihrer Häuser -der europäischen Gewohnheit zu folgen und Fundamentierungen, sogar -mit Kellerräumen darin, anzulegen. Sie scheinen nicht zu wissen, daß -bei jeder alljährlich eintretenden Überschwemmung das Grundwasser -die Fundamentierung durchzieht und der sich im ägyptischen Erdboden -bildende Salpeter allmählich die solidesten Steine zerfrißt. Sand, -Sand, das ist und bleibt das beste Fundament zu einem Hausbau in -Ägypten.“</p> - -<p>Der Fürst hatte so unrecht nicht, denn ich konnte erfahrungsmäßig nur -bestätigen, daß in dem von mir in Kairo bewohnten und nach europäischem -Muster gebauten Hause die Kalksteinblöcke und das Ziegelwerk der -Kellerräume trotz der wenigen Jahre seit Aufführung des Hauses vom -Salpeter in so starkem Maße angefressen waren, daß ich mit <em class="gesperrt">einem</em> -Finger ganze Lagen der Außenseiten mit Leichtigkeit abzulösen und -abzublättern imstande war. Bekanntlich ist<span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> das ganze Nilthal derart -mit Salpeter geschwängert, daß die Regierung an verschiedenen Orten des -Landes künstliche Bassins mit Erdumwallungen anlegen ließ, um Salpeter -für die Zubereitung von Schießpulver zu gewinnen.</p> - -<p>Der Grundstein war es daher im Altertum <em class="gesperrt">nicht</em>, welcher bei -der Feierlichkeit der Taufe eines Denkmales eine besondere Rolle -spielte, sondern der <em class="gesperrt">Aufriß des Baugrundes</em> auf dem Erdboden -mit Hilfe der <em class="gesperrt">Meßschnur</em> und des <em class="gesperrt">Holzpflockes</em>, wobei die -<em class="gesperrt">Erdhacke</em>, das älteste Ackerwerkzeug des ägyptischen Landmannes, -die Stelle des Zeichenstiftes vertrat und gewisse <em class="gesperrt">Gestirne des -Himmels als Kompaß für die Achsenrichtung</em> des zukünftigen Gebäudes -dienten.</p> - -<p>Damit ist der Weg zum vollsten Verständnis der zahlreichen bildlichen -Darstellungen und Inschriften geöffnet, welche mit der Feier der Anlage -eines monumentalen Werkes in Zusammenhang stehen und die unerwartetsten -Einblicke in die Einzelheiten dieser Feier gestatten. Ich darf kühn -behaupten, daß ich heutzutage imstande bin, den Inhalt jenes Buches, -welches der „oberste Schriftgelehrte“ seinem Könige <em class="gesperrt">Usortisen</em> -I. bei Veranlassung der Anlage eines Sonnentempels in Heliopolis vor -mehr als vierzig Jahrhunderten vorlas, mit derselben Genauigkeit -festzustellen, wie er es selber mit Hilfe seines beschriebenen Papyrus -mit der Überschrift: „<em class="gesperrt">Über die Ausspannung der Meßschnur und das -Einpfählen des Pflockes</em>“ zu thun in der Lage war.</p> - -<p>Und dieser Inhalt soll die nächste Fortsetzung und den Schluß -des von mir gewählten Themas bilden. Vor der Hand bin ich meinem -würdigen Thebaner noch einmal dankbar, mir durch den Verkauf seiner -altersgrauen Lederrolle den ersten Anstoß gegeben zu haben, meine ganze -Aufmerksamkeit genau von damals an auf das altägyptische Baugewerk zu -richten.</p> - -<p>Die Denkmäler, soweit uns ihre letzten Reste ein Urteil darüber -gestatten, lassen in Bild und Wort die Gewohnheit der alten Ägypter -erkennen, mitten unter den zahlreichen<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> Darstellungen, fast durchweg -mythologischen Inhalts, dem Gedächtnis des historischen Aktes ihrer -Grundsteinlegung durch den königlichen Erbauer eine besondere Stelle -einzuräumen. Für die älteren Zeiten, wobei ich an die letzte Hälfte des -zweiten Jahrtausends v. Chr. denke, schlug man ein ziemlich abgekürztes -Verfahren ein, um die Thatsache den späteren Geschlechtern zu melden.</p> - -<p>In diesem Falle, und sowohl in Ägypten, wie beispielshalber auf den -ausgedehnten Trümmerresten der Tempelbauten in Theben und Abydus, -als auch in Nubien — ich führe das Heiligtum bei Amada als redenden -Zeugen an — tritt uns das Bild des Königs im vollsten Schmucke seines -hohen Amtes entgegen, um die ihm zugeteilte Rolle als Grundsteinleger -in der vorgeschriebenen Weise auszuführen. Er hält nämlich in der -einen Hand einen langen Stock oder Pflock, auf den er mit Hilfe eines -keulenartigen Holzes, des Vorgängers und Stellvertreters unseres -Hammers, Schläge vollzieht, augenscheinlich in der Absicht, den -hölzernen Pfahl in den Erdboden einzutreiben.</p> - -<p>Ihm gegenüber steht eine weibliche Figur im Schmucke einer Göttin, -welche einen zweiten Pfahl mit der Holzkeule in die Erde schlägt. Die -Inschriften lassen über Namen und Bedeutung jenes Wesens keinen Zweifel -übrig. Es handelt sich um die Göttin <em class="gesperrt">Chawi</em>, die treue Behüterin -aller schriftlichen Überlieferungen und die Personifikation der in den -Tempeln aufbewahrten Papyrusrollen oder, nach unserer Art zu reden, -der heiligen Bücherei. Sie wird als „<em class="gesperrt">die erste Schreiberin</em>“ -und als „<em class="gesperrt">die Königin der Bibliothek</em>“ tausendfältig gepriesen. -Die Verbindung ihres Bildes mit der Darstellung des Königs bei der -Grundsteinlegung sollte zum symbolischen Ausdruck des Gedankens -dienen, daß Pharao als Gründer des Baues genau nach den schriftlichen -Überlieferungen der Vorzeit verfahre.</p> - -<p>Bisweilen tritt eine zweite göttliche Gestalt den oben erwähnten -beiden zur Seite. Es ist der ibisköpfige Gott <em class="gesperrt">Thot</em>,<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> der -ägyptische Hermes, die Personifikation der Weisheit und des Verstandes, -welche der Lichtgott durch seinen himmlischen Vertreter dem Menschen -überlieferte, um in Schrift und Wort und in allen seinen Handlungen -den Gesetzen des ewig Wahren, Schönen und Guten allzeit gerecht zu -werden. Der verborgene Sinn, welcher der Gesamtdarstellung zu Grunde -lag, ist, auch ohne die erklärenden Beischriften zu den Darstellungen -zu kennen, ein sehr einfacher und natürlicher: der König, selber vom -Lichtgotte abstammend, denn er bezeichnet sich regelmäßig als dessen -Sohn, handelt bei der Grundsteinlegung mit Weisheit und Verstand, indem -er den Überlieferungen des von Gott herabgesendeten heiligen Buches -vorschriftsmäßig Folge leistet.</p> - -<p>In sämtlichen Darstellungen, welche uns die beschriebene Scene vor -Augen führen und an denen der Laie meist verständnislos vorübergeht, -hat der Bildhauer und Maler das Mittelstück der beiden Holzpflöcke -durch eine weißfarbige Schnur umspannt, die sich in Gestalt eines -Ovales um beide Hölzer windet. Es ist die Meßschnur oder der Meßstrick, -welcher, um die Pflöcke gelegt, zur mathematisch genauen Absteckung des -Bauterrains diente.</p> - -<p>Bereits den Griechen war die Geschicklichkeit der ägyptischen Geometer -in der Vermessung von Grund und Boden sehr wohl bekannt und ein -Demokritos fand eine besondere Befriedigung darin sich rühmen zu -können, in seiner eigenen Geschicklichkeit in dieser Kunst von keinem, -selbst nicht von den ägyptischen Harpedonapten oder „Seilausspannern“ -übertroffen zu sein. Das griechische Wort, welches ich eben angeführt -habe, ist eine genaue Übersetzung des ägyptischen Ausdruckes für -die Vermessung, der ganz dasselbe besagt und das, was wir unter der -Grundsteinlegung verstehen, wörtlicher als „Vermessung“ des Baugrundes -mit Hilfe des Meßstrickes erscheinen läßt.</p> - -<p>Die von dem König in eigener Person nach uraltem Brauch ausgeführte -Handlung konnte zunächst nicht an jedem belie<span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>bigen Tage geschehen, -sondern die Tagwahl war dafür vorgeschrieben. Das Fest der -Grundsteinlegung oder richtiger gesagt: „Der Ausspannung des -Meßstrickes“ durfte nur an einem Neumonde, in späterer Zeit an einem -sechsten Tage des Mondmonats, stattfinden, der als glückbringend für -den Fortgang und die Zukunft des Bauwerkes angesehen ward. Es ist eine -merkwürdige Sitte, die nicht durch Inschriften, sondern nur durch stets -wiederkehrende Darstellungen bestätigt wird, daß das Fest mit der -Köpfung eines Vogels (die besondere Art des Tieres ist nicht genauer zu -unterscheiden) verbunden war.</p> - -<p>In den Texten, welche sich mit der angegebenen Feier beschäftigen, -pflegen die Könige den Göttern gegenüber eine ausführliche -Ruhmredigkeit zu entwickeln, die Festlichkeiten in eigener Person -ausgeführt zu haben, um sich des Dankes wie der Belohnung der -Himmlischen zu versichern. Der Gedanke entspricht dem Gefühle der -ägyptischen Frömmigkeit und Neigung, möglichst zahlreiche Gott -wohlgefällige Werke ins Leben zu rufen.</p> - -<p>Zeigen die Tempelwände aus älteren Zeiten eine gewisse Kargheit in -den Vorstellungen und Inschriften, welche sich auf Tempelgründungen -beziehen und beschränken sie sich fast nur auf das Bild der Ausspannung -des Meßstrickes, so entwickeln im Gegensatz dazu die Bauten aus -Ptolemäer- und Römerzeit eine Fülle von bildlichen Darstellungen und -inschriftlichen Überlieferungen, die kaum glaubhaft erscheint, aber -ganz dem Charakter jener späteren Zeiten entspricht. Sie geben alles -zum Besten und schwatzen alles aus, was das heilige Buch über das -Fest der Grundsteinlegung in sich schloß. Es hält nicht schwer daraus -den Schluß zu ziehen, daß die priesterlichen Urheber jener jungen -Darstellungen sich beflissen fühlten, den Tempeln und damit ihrem -eigenen persönlichen Ansehen ein gewisses Relief durch die Menge der -dargestellten und beschriebenen Scenen zu verleihen, wobei die Person -der regierenden Fürsten, bis zum Kaiser Nero hin, stets in den Vorgrund -der Bildwerke trat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span></p> - -<p>Wir können getrost die Behauptung aufstellen, daß dies zu unserem -eigenen Glücke geschah, denn das Buch „von der Meßstrick-Ausspannung“ -würde uns seinem Inhalte nach ganz ungenügend erschlossen worden sein -und Lücken darbieten, die nur der Zufall hätte ausfüllen können. -Daß man in jenen späten Zeiten Abschriften der alten Traditionen -darüber besaß, dafür liefert ein Verzeichnis der Tempelbibliothek von -Apollinopolis magna (heute <em class="gesperrt">Edfu</em> genannt) in Oberägypten den -vollen Beweis. Es wird darin eine Papyrusrolle mit der Aufschrift: „Das -Buch von der Gründung eines Tempels“ besonders angemerkt.</p> - -<p>Ich folge der Reihe nach den einzelnen Handlungen, welche sich auf -Grund der Überlieferungen in Bild und Wort aus jenen Zeiten auf den -Tempelwänden in unsere eigene Epoche hinein gerettet haben, und -schildere als treuer Berichterstatter, was ich daraus gesehen und -gelesen habe.</p> - -<p>Der erste Akt der Vorstellungen betrifft den Hauptteil der ganzen -Feierlichkeit: die Ausspannung des Meßstrickes, wobei nach -althergebrachter Vorschrift der König der himmlischen Chawi oder der -Göttin der heiligen Tradition gegenübersteht. Beide halten Pflock und -Hammer (das oben beschriebene Schlaginstrument) in ihren Händen.</p> - -<p>In einer der Darstellungen mit Inschriften werden dem Könige die -folgenden Worte in den Mund gelegt: „Ich habe den Pflock und den -Hammer gefaßt und ich halte den Meßstrick gemeinschaftlich mit der -Göttin Chawi. Ich betrachte den Lauf der Sterne und mein Auge haftet -am Gestirn des Großen Bären. Ich zähle die Zeit an der Wasseruhr und -stecke die vier Enden des Tempels ab.“</p> - -<p>Der Tempel von Edfu, von dessen Gründung die Rede ist, liegt in der -Achse von Nord nach Süd oder, wie einzelne Inschriften an seinen -Wänden es sonst ausdrücken, er streckt sich vom Großen Bären nach dem -Siriusstern aus. Der Sirius galt als südlichste, der Große Bär als -das nördlichste<span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> Sternbild am Himmel. Die angeführten Worte gewinnen -dadurch ihr volles Verständnis. Der König bestimmte auf dem Wege der -astronomischen Beobachtung die Achse des zukünftigen Tempels, wobei -für die Bewegung und Stellung der beiden Sternbilder die Wasseruhr zur -vorgeschriebenen Zeitbestimmung diente.</p> - -<p>Der Meßstrick beruhte seinem Maße nach auf der Länge und der Einteilung -der altägyptischen sogenannten heiligen Elle. Dies gab Gelegenheit -inschriftlich auch dieses Maßes zu gedenken, wobei der Gott Thot, als -„Vermesser dieses Landes“ besonders noch hervorgehoben, in den Texten -als ihr Erfinder hingestellt wird. Die Elle selbst hatte ihre besondere -Bezeichnung als Bauelle; sie hieß „die Beste“. Da die Ägypter niemals -verlegen waren, den Namen irgend eines Gegenstandes auf etymologischem -Wege zu erklären, so wurde auch in diesem Falle der angeführten -Benennung ein angemessener Wortursprung abgerungen. Man versichert: -„auf das beste sind alle Ellenverhältnisse dieses Tempels eingerichtet, -darum heißt sie die Beste mit Namen.“</p> - -<p>Nach der Vermessung des Baugrundes des Tempels und der Bestimmung -seiner Achsenrichtung auf astronomischem Wege, sowie nach -Einpfählung der Holzpfosten an seinen vier Hauptecken, erscheint als -zweite Handlung die <em class="gesperrt">Ausschachtung der Erde</em> an den für die -Fundamentierung genau abgegrenzten Stellen. Der König leitet auch diese -Arbeit in feierlicher Weise ein. Er trägt die <em class="gesperrt">Erdhacke</em> des -ältesten ägyptischen Feldbaues in seinen Händen und hackt eigenhändig -den Boden zum guten Beispiel für seine Nachfolger und zur Freude der -Götter auf, wozu er die Worte spricht: „Ich hacke den Boden auf und -bewässere ihn zur Genüge, um dem für ewige Dauer bestimmten Werke -Festigkeit zu verleihen.“</p> - -<p>Der Staub beim Erdhacken ist in Ägypten gewaltig, und es ist deshalb -eine weise Vorsicht, die der König befolgt, das trockene Terrain vorher -mit Wasser zu befeuchten.</p> - -<p>Dritte Handlung. Der Boden ist in vorgeschriebener<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> Tiefe -ausgeschachtet (die Nachgrabungen bei einzelnen Tempeln haben eine -Tiefe von 5 Metern erwiesen) und wird mit Sand und Geröll oder -Scherben ausgefüllt. Der König verrichtet auch dies Geschäft und das -Bild zeigt ihn mit einem Sandfasse in den Händen, dessen Inhalt er in -den hohlen Raum schüttet. Die begleitende Inschrift spricht von „dem -Ausschütten des Sandes und vom Ausfüllen des Schachtes mit Geröll, um -die Fundamentierung des Tempels herzustellen.“ Ich verweise auf das -oben Gesagte und berufe mich auf meine Bemerkung über das Bauen auf -Fundamenten aus Sand.</p> - -<p>Nachdem die feste Grundlage für das Werk geschaffen worden ist, kann -der eigentliche Bau seinen Anfang nehmen. In ältesten Zeiten geschah -dies nicht mit Hilfe von behauenen Steinen, sondern der gestrichene und -an der Sonne getrocknete Erdziegel vertrat die Stelle des solideren -Steinmaterials. Aber alter Sitte blieb man treu, denn der König war -verpflichtet, wie es die bildlichen Darstellungen beweisen, den -Nilschlamm des Bodens, den zunächst die vollzogenen Ausschachtungen -zu Tage gefördert hatten, mit Wasser zu befeuchten, zu kneten und in -der hölzernen Ziegelform zu streichen. Einzelne Beischriften fügen dem -hinzu, daß die Ziegel mit <em class="gesperrt">gehacktem Stroh</em> vermischt wurden, um -ein festes Bindemittel herzustellen und erinnern dadurch allein schon -an die bekannte Bibelstelle (2. Mos. 5., 6–7): „Darum befahl Pharao -desselbigen Tages den Vögten des Volkes und ihren Amtleuten, und -sprach: Ihr sollt dem Volke nicht mehr Stroh sammeln und geben, daß -sie Ziegel brennen (der Urtext sagt nur Ziegel machen, nicht brennen, -wie Luther übersetzt) wie bisher. Lasset sie selbst hingehen und Stroh -zusammenlesen“ (zu vergl. auch die Verse 10, 15, 16, 18).</p> - -<p>Nach den Abbildungen streicht der König, angethan mit dem schönsten -Königsschmuck und selbst die hohe Krone auf seinem Haupte, wie ein -gewöhnlicher Tagelöhner seine Ziegel. Seine Thätigkeit bezeugt er -außerdem in seiner eige<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>nen Rede: „Ich habe die Ziegelform genommen und -damit den Ziegel gestrichen und habe die Erde mit Wasser gemengt. Ich -führte eine Bauhütte auf, um das Haus herzustellen und das Viereck des -Tempels fest zu gründen.“</p> - -<p>In der Kaiserzeit verstanden es die Priester Ägyptens höflich und -selbst höfisch zu sein und das unsaubere Geschäft des Ziegelstreichens -durch römische Cäsaren wie Augustus, Tiberius und Nero (im Tempel von -Tentyra) gleichsam zu parfümieren. In der Darstellung, welche die -Imperatoren als Ziegelstreicher erscheinen läßt, um ihre Bauthätigkeit -an dem Heiligtum der größten und vollkommensten aller Göttinnen, der -himmlischen Hathor oder ägyptischen Aphrodite-Urania, in symbolischer -Weise zu kennzeichnen, werden ihnen die an die Göttin gerichteten Worte -in den Mund gelegt: „Ich habe Erde genommen und Myrrhe erfaßt, ich -vermischte Weihrauch mit Wein, ich habe nach der Ziegelform gegriffen, -um Ziegel für den Aufbau des Heiligtums zu streichen, welches dein Bild -in sich schließt.“</p> - -<p>Auch bei einer andern ähnlichen Gelegenheit offenbart sich die -zartfühlende Rücksicht der priesterlichen Schmeichler gegen das -Cäsarentum. Zu den pharaonischen Arbeiten bei den Grundsteinlegungen -im Nilthal gehörte auch das Steinetragen zum Bau. Das Geschäft eines -Steinträgers konnte man unmöglich respektshalber dem Autokrator in -Rom zumuten und so verwandelte man den Erdziegel zu einem Ziegel aus -Gold und Edelgestein, welchen zum Bau des Tempels die Majestät nach -Darstellung und Beischrift der ägyptischen Aphrodite zuträgt. Die -Überschrift zu dem kurzen Text lautete: „Die Darreichung der Steine, -welche in die Erde gethan werden. Text: Ich habe vor dein Angesicht, du -meine Königin, Ziegel aus Gold und Edelstein herbeigetragen, und sie an -den vier Ecken deiner Wohnstätte niedergelegt.“</p> - -<p>Bei Nachgrabungen würde man vergeblich auf die angedeuteten Schätze -unter den vier Ecksteinen des Tempels von<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> Tentyra suchen. Des Sängers -Höflichkeit allein erfand die glanzvolle Wandelung des Nilschlammes in -Gold und Edelstein.</p> - -<p>An die Handlung des Ziegelstreichens schließt sich eine neue, welche -als die Fortsetzung und selbst als Schluß der Gesamtdarstellung gelten -darf, insoweit sie die Bauthätigkeit, von der Grundsteinlegung an -bis zur Vollendung des Werkes, im Sinne der Arbeit umfaßt. Der König -übernimmt die Rolle des Maurers, welcher zuletzt mit Hilfe eines -geraden Stockes die senkrechte Richtung der aufgeführten Mauerwand -prüft. Dazu des Fürsten eigene Worte: „Ich habe den Stock genommen. Ich -mauerte die Wohnung der herrlichen Göttin auf, ich gründete sie mit -meinen eigenen Händen. Ich habe meiner holdseligen Mutter ein Denkmal -gesetzt, das ansehnlicher ist als die den Göttern geweihten Stätten.“</p> - -<p>Um das Gesamtbild der Teilnahme, welche der König dem Bau eines -Tempels erwies, durch die beiden Schlußakte zu vervollständigen, darf -ich als gewissenhafter Schilderer der Darstellungen und als getreuer -Dolmetscher der Inschriften es nicht verabsäumen, auch davon zu reden, -um den Leser in den Stand zu setzen, eine vollständige Einsicht über -die folgenden Handlungen zu gewinnen.</p> - -<p>Der Tempel ist im Bau vollendet, aber von innen und außen bedeckt -ihn der Schmutz der Maurerschwalbe. Es thut daher not, ihn davon zu -befreien, bevor der zukünftige himmlische Bewohner in sein neues Heim -einzieht. Mit Besen und Seife, um nach unserer Redeweise die Hauptsache -kurz zu bezeichnen, muß eine Generalreinigung vorgenommen werden. -Das Natronsalz, das an gewissen Stellen in Oberägypten in besonderer -Güte gefunden und ausgelaugt wurde, vertrat dabei die Stelle unserer -Seife. Es kam in Kügelchen in den Handel und diente zum Waschen und -Säubern unreiner Räumlichkeiten und Gegenstände. Bei der Reinigung des -Neubaues war es daher selbstverständlich das unfehlbare landesübliche -Waschmittel.</p> - -<p>Es mag auffallen, daß die regierende Majestät auch diese<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span> Thätigkeit, -wenn auch nur in symbolischer Weise, auszuführen berufen war. -Allein man muß berücksichtigen, daß von den Ägyptern die Reinheit -des Tempels mit der Reinheit des göttlichen Wesens in eine -unmittelbare Beziehung gesetzt wurde, und daß dem Herrscher die ganze -Verantwortlichkeit zufiel, dem Gotteshause auch nach dieser Richtung -hin seine höchste Aufmerksamkeit zu schenken. Selbst dem unreinen -Menschen ward der Eintritt in den Tempel nicht gestattet, und es war -streng vorgeschrieben, einen solchen Besucher auszuschließen. An -hervorragenden Stellen auf den Wänden und Säulen des Tempels ward -deshalb dem Besucher inschriftlich entgegengerufen: „Ein jeder, welcher -eintritt, sei viermal rein!“</p> - -<p>In dieser Beziehung ist eine lange Inschrift ungemein merkwürdig, -welche auf eine Thürwand in der Nähe des Brunnens eingemeißelt ist, -der sich auf der östlichen Seite des Tempels von Edfu befindet und -dessen Aufbau in die Zeit der Ptolemäer-Geschichte fällt. Ich gebe den -Inhalt des kurzen schönen Textes in möglichst wortgetreuer deutscher -Übertragung wieder: „Aufruf an die Propheten der Stadt der Erhebung des -Horus (Apollo) auf den Thron, an die großen heiligen Väter von Edfu, -an die Hallenbewohner des goldenen Horus und an die Pastophoren und -Priester von Edfu. Jeder, welcher in dieses Thor eintritt, beseitige -beim Eintritt die Unsauberkeit, denn Gott ist die Lauterkeit lieber -als Millionen von Reichtümern und als Hunderttausende von Goldstücken. -Seine Sättigung ist in der Wahrheit und sein Herz findet Wohlgefallen -an größter Lauterkeit.“</p> - -<p>Es liegt auf der Hand, daß auch in diesen Worten der Grundgedanke: die -mit der physischen Reinheit verbundene moralische, versteckt liegt.</p> - -<p>Die Reinigung des vollendeten Tempelbaues durch den König wurde -in einer eigenen, aber für den Kenner nicht mißverständlichen -Art im Bilde dargestellt. Aus der rechten Hand der Person des -abgebildeten Herrschers fallen eine Menge<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> von Kügelchen — eben jene -Natronkügelchen — abwärts, um die im kleinen in die Wand skulpierte -Zeichnung des Heiligtums zu umkreisen.</p> - -<p>Wie alle übrigen Beischriften, welche den oben geschilderten Handlungen -als erklärender Text dienen, in ihren Ausdrücken und Wendungen -variieren, um der Einförmigkeit von Wiederholungen die Spitze -abzubrechen, so zeigen auch die zu den Bildern der Reinigung gehörigen -Legenden Verschiedenheiten, die nur das Wort, nicht aber den gemeinten -Sinn verändern. Nebenbei bemerkt wurde das Streuen der Natronkügelchen, -nach dem Inhalt der Beischriften, während eines viermaligen Umganges um -den Tempel durch den König vollzogen.</p> - -<p>Nach Vollendung dieses gleichfalls aus dem höchsten Altertum stammenden -Brauches, der in seiner Symbolik an Sinnigkeit nichts zu wünschen übrig -läßt, trat der letzte und wahrscheinlich feierlichste Akt der Stiftung -einer Wohnung Gottes ein: „Die Übergabe des Hauses an seinen Herrn“, -wie er inschriftlich bezeichnet wird.</p> - -<p>Die Scenerie nimmt in den Darstellungen auf den steinernen Wänden -des Tempels den Ausdruck des Pomphaften und besonders Feierlichen -an. Man erblickt den König in seinem vollsten Ornat als Beherrscher -der Welten im Süden und im Norden. Die altertümliche buntfarbige und -mit Buntstickerei geschmückte königliche Schürze tritt an seiner -Körpermitte in steifer Haltung hervor. Zwei eigentümliche Stäbe, ein -längerer und ein kürzerer, ruhen in seiner linken Hand, der kürzere -mit einem kugelartigen Aufsatz, der längere mit einem Blumenkelche am -Mittelstück. Des Königs rechte Hand streckt sich nach den göttlichen -Insassen des Tempels aus, als wolle sie mit dieser Geste die -gesprochenen Worte begleiten oder bekräftigen.</p> - -<p>Der Rede geht die Überschrift voraus: „Die Übergabe des Hauses an -seinen Herrn“. Die darauf folgenden Worte variieren in ihrer Fassung. -In dem einen Beispiel spricht<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span> der Herrscher: „Ich strecke meinen Arm -aus nach der Vollendung des Werkes. Es sei die Wohnung (dieser oder -jener) Gottheit übergeben.“ In einem andern steigert sich die Rede bis -zur Schwulstigkeit. Es heißt darin z. B.: „Schön ist es, dies schöne -Haus, das seinesgleichen in Ägypten nicht findet. Die Göttin der -Überlieferungen gründete es und der Gott der Weisheit leitete seine -Bauregeln und die himmlischen Baumeister bauten es. Seine vier Ecken -befinden sich an den ihnen angewiesenen Stellen und alles Zugehörige -entspricht der Berechnung. Seine Gründung war ein Fest, seine -Ausführung eine Freude, seine Vollendung ist ein Tanzen und Springen. -Tritt ein (die Rede richtete sich an die ägyptische Aphrodite Urania) -in dasselbe mit frohem Herzen, denn Götter und Göttinnen sind in Wonne, -wenn du in ihm gleichwie die leuchtende Sonne in der Lichtsphäre -aufgehst, und alle Menschen sind voll Bewunderung bei deinem Anblick.“</p> - -<p>Die verschiedenen Instrumente, deren sich der König bei den einzelnen -Handlungen der Gründung eines Tempels bediente, sobald er dieselbe in -eigener Person vollzog, wurden in die Fundamentierung gesenkt oder, -wenn das nicht, mindestens in eigens zu diesem Zweck angefertigten -Miniaturexemplaren in dem Sande unterhalb der Steinmauern übergeben. -In beiden Fällen wurden sie mit Inschriften versehen, welche, leider -ohne Angabe von Daten, den Namen des königlichen Bauherrn und die -nähere Bezeichnung des neu gegründeten Heiligtums oder einzelner Teile -desselben enthielten. In den Museen Europas und in der hochberühmten -Sammlung ägyptischer Altertümer in Kairo befindet sich beispielsweise -die Hacke und verschiedene Zimmermannswerkzeuge aus Holz und aus -Bronze (Beil, Stemmmeißel, Glätteisen u. s. w.), deren sich der König -Thuthmosis III. (1503 bis 1449 v. Chr.) bei der Grundsteinlegung des -Tempels Amon-toser auf der Westseite von Theben (im heutigen Medinet -Abu) eigenhändig bedient hatte. Das nämlich sagt deutlich die Inschrift -auf den einzelnen Werkzeugen: „Thuthmosis III., der vom Amon<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> geliebte -König, als er den Meßstrick zur Gründung von Amon-toser ausspannte.“</p> - -<p>Daß diese und ähnliche Reliquien aus so alten Zeiten einen hohen Wert -für die allgemeine Kulturgeschichte besitzen, ist selbstverständlich, -und man darf nicht anstehen, dem geistvollen Urteil beizupflichten, das -ein gelehrter französischer Ägyptolog, der verstorbene Chabas, über die -Ideenverwandtschaft in den ältesten und jüngsten Zeiten der Geschichte -der Menschheit gefällt hat.</p> - -<p>„Stets gleichen Schwächen unterworfen,“ so führt er aus, „stets -gleichen Gefahren ausgesetzt, unterthan gleichen Schrecknissen, von -gleichen Leidenschaften beherrscht, durch gleiche Hoffnungen angeregt, -bewegt sich der Mensch von Jahrhundert zu Jahrhundert in dem gleichen -Geleise. Unablässig richtet er seine Kräfte und seinen Geist auf die -Beseitigung derselben Hindernisse, auf die Befriedigung derselben -Bedürfnisse. Aus der Anwendung dieses Gesetzes instinktiver Analogie -entspringen analoge Thatsachen, die äußerst auffallend erscheinen, -sobald sie durch lange Zwischenräume voneinander getrennt sind.</p> - -<p>„Die Erforscher der ägyptischen Denkmäler und Schriften geben häufig -Gelegenheit, diesem eigentümlichen Zusammenhange näher zu treten, nicht -nur in Bezug auf die Grundanschauungen, sondern auch auf die Form der -Ausdrücke, auf die Gleichnisse des Stiles, auf Idiotismen u. s. w., und -es widerfährt ihnen nicht selten, sich bei Redensarten überrascht und -befangen zu fühlen, deren Fassung ihnen durchaus modern erscheint.“</p> - -<p>In Bezug auf den von mir selber behandelten Gegenstand führt der -gelehrte Schriftsteller seinen Gedanken darüber weiter aus: „Meine -Aufmerksamkeit wurde erweckt, seitdem ich eine analoge Thatsache in -Gebräuchen festzustellen vermochte, die so auffallend ist, daß sie eine -besondere Erwähnung verdient.</p> - -<p>„Die Gründer von Städten und Denkmälern waren stets darauf bedacht, die -großen Werke, welche ihnen den Ursprung verdankten, mit ihrem Namen -zu verknüpfen. Noch in unsern<span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> Tagen rufen Gedächtnisinschriften an -sichtbarster Stelle den Namen der Gründer in die Erinnerung zurück -und zu dem Zweck geschlagene Medaillen, Münzen und andere Gegenstände -werden in den Grundstein oder sonst einen versteckten Platz gelegt, -woselbst die ferne Zukunft, nach dem Untergange des Denkmals selbst, -sie wiederzufinden vermag. Diese Gewohnheit wurde von den Ägyptern, -dem Volke großer Bauwerke, ebenfalls beobachtet. Die Pharaos aller -Epochen setzen mit Vorliebe ein ganz persönliches Verdienst in die -Ausführung umfangreicher, auf ihren Befehl entstandener Arbeiten; sie -schrieben allenthalben: ‚Ich habe gegründet, ich habe errichtet, ich -habe gebaut.‘ Niemals findet sich der Name des Baumeisters auf den -Denkmälern vor. In den Weihinschriften, welche die Mauern schmücken, -fleht der König die Götter an, an der Wohnung, die er ihnen eben -gewidmet habe, seinen Namen zu verewigen.</p> - -<p>„Aber die Analogie bleibt nicht dabei stehen. Wie noch heute der König -oder die Person, unter deren Schutz ein Denkmal errichtet werden soll, -in feierlicher Weise den ersten Stein dazu legt, in gleicher Weise -vollzogen bei der Ausschachtung für das Fundament die Pharaos die -Scheinhandlung der Arbeit.“</p> - -<p>Mein Aufsatz über den in Rede stehenden Gegenstand wird an -Vollständigkeit nur gewinnen, wenn ich eine Bemerkung über die -Zeitdauer der Arbeit an einem Tempelbau, von seiner Gründung an bis -zu seiner letzten Vollendung hin, hinzufüge. Ich wähle als Beispiel -den großen Tempel des ägyptischen Lichtgottes Horus von Edfu, da uns -zufällig die Hauptdaten für die einzelnen Phasen des fortschreitenden -Werkes in den darauf eingegrabenen Inschriften erhalten sind.</p> - -<p>Der Tempel mit Einschluß seiner gewaltigen Umfassungsmauer bedeckt ein -Areal von nahe 5970 Meter im Geviert. Er zeigt in seiner gegenwärtig -noch ziemlich gut erhaltenen Anlage alle Bestandteile, aus denen ein -ägyptisches Heiligtum von größerer Ausdehnung bestand: im Hintergrund -das<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> Allerheiligste mit einem Umgang, in welchen 13 Seitengemächer -münden, davor und nur durch den breiten Raum des sogenannten -„Opfertischsaales“ getrennt, eine von 12 Säulen in 3 Reihen gestützte -Halle, vor dieser, mit einer Doppelstellung von 12 Säulen, der -sogenannte „Vorsaal“, an den sich, immer in der Achsenrichtung von -Nord nach Süd, der offene Vorhof mit einem Umgang oder Peristil von 32 -Säulen anschließt, vor welchem sich die beiden, wie zur Verteidigung -festungsartig gebauten, mächtigen Pylonenflügel mit dem Hauptportal -in ihrer Mitte lagern: die sämtlichen Räumlichkeiten von einer Mauer -umschlossen, deren Länge, Breite, Höhe und Dicke (47 : 22 : 10½ : 2½ -Meter) nichts zu wünschen übrig läßt, und das alles von außen und -von innen mit eingemeißelten Inschriften und Darstellungen bedeckt, -so daß auch nicht ein einziger leerer Raum aufzufinden sein dürfte. -Eine leichte Berechnung auf Grund der chronologischen Angaben in den -überlieferten Bauurkunden verschafft die Gewißheit, daß das Werk in dem -Zeitraum von genau 180 Jahren 3 Monaten und 14 Tagen, von dem Datum der -Grundsteinlegung, oder dem 23. August 237 v. Chr. an gerechnet, in der -Ptolemäerepoche ausgeführt worden ist.</p> - -<p>Das Obeliskenpaar, welches gewohnheitsmäßig vor dem Tempel zu beiden -Seiten des Haupteinganges seinen Platz fand, fehlte auch diesem -Heiligtume nicht, ist aber gegenwärtig vom Erdboden verschwunden. Aus -einer zufälligen Angabe, die sich auf einem der größten Obelisken aus -rötlichem Granit von Assuan von über 50 Meter Höhe eingegraben findet, -geht mit aller Zuverlässigkeit hervor, daß dieser Koloß von einem -einzigen, spiegelglatt polierten und mit Inschriften bedeckten Stein -im sechzehnten Jahrhundert v. Chr. in dem kaum glaublich geringen -Zeitraum von nur 7, sage sieben Monaten in dem Steinbruch von Assuan -fertiggestellt wurde.</p> - -<p>Als ich seinerzeit meinem thebanischen Führer, einem echt<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> ägyptischen -Fellach, von dieser erstaunlichen Thatsache Kunde gab, schien er nicht -im geringsten darüber verwundert zu sein. Mit einer bezeichnungsvollen -Armbewegung, welche das Schlagen andeuten sollte, wies er nach einer -einsam stehenden Dattelpalme hin. Ich verstand seine stumme Sprache -sofort.</p> - -<p>Bei den öffentlichen Arbeiten der modernen Ägypter treibt der aus -Zweigen des Palmbaumes zugestutzte Stock die säumigen Tagelöhner zu -ihrem Werke an. Ob es auch im Altertum geschah? Sicherlich ja! Die -Darstellungen, welche in einem thebanischen Grabe, just aus der Epoche -der Aufführung des Obeliskenriesen von Karnak, bauende Kriegsgefangene -in farbigen Bildern vor Augen führen, lassen mit Stöcken bewaffnete -Aufseher erkennen, und eine Beischrift bestätigt den Zweck ihrer -Anwesenheit mit den Worten: „<em class="gesperrt">Der Aufseher spricht zu den Bauleuten: -Ich habe meinen Stock in meiner Hand, seid nicht müßig!</em>“ Es sind -genau dieselben biblischen Worte: „<em class="gesperrt">Ihr seid müßig, müßig seid -ihr!</em>“ welche Pharao den durch Schläge mißhandelten Amtleuten der -Kinder Israel zurief, als sie vor Pharao traten, um ihre Beschwerde -mit der Klage: „Warum willst du mit deinen Knechten also fahren?“ aber -leider vergeblich, vorzutragen.</p> - -<p>Ein ägyptisch-arabisches Sprichwort sagt: Der Stock sei vom Himmel -gekommen, und sie sprechen aus eigener Erfahrung. Als die Menschheit -noch in den Kinderschuhen ging — und die heutigen Morgenländer haben -sie bis zur Stunde noch nicht abgelegt — mochte die sonderbare -Himmelsgabe wirksam sein, um jene großen Werke der Vorzeit ins Leben zu -rufen, deren letzte Reste uns noch heute mit Staunen und Bewunderung -erfüllen. Als Trost für die Leiden einer längst dahingegangenen -Menschheit reicht dieses Staunen nicht aus.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Eine_Blitzstudie">Eine Blitzstudie.</h2> - -</div> - -<p>Unter den Erscheinungen atmosphärischer Natur, welche der Mensch zu -beobachten Gelegenheit findet, nimmt das Gewitter eine hervorragende -Stelle ein. Während die einen am offenen Fenster in ruhiger Stimmung -den zuckenden Blitzen und dem rollenden Donner ihre Aufmerksamkeit -spenden, bemächtigt sich anderer das beklemmende Gefühl der -peinlichsten Furcht. Blitz und Donner erfüllt sie mit Schrecken.</p> - -<p>Besonders nervenschwache und ängstliche Personen pflegen es wie der -Vogel Strauß zu machen, der seinen Kopf in den Sand stecken soll, um -einer ihm drohenden Gefahr zu entgehen. Sie kriechen ins Bett, steigen -in den Keller nieder oder verbergen sich sonst wo in abgeschlossenen -finsteren Räumen der eigenen Häuslichkeit. Ich kannte sogar einen sehr -gelehrten Doktor der Philosophie, einen Mann in den Dreißigern, welcher -bei einem nahenden Gewitter sich in das Kleiderspind seines Zimmers -einzwängte und die Thüren desselben mit aller Vorsicht zusperren ließ, -um dem Anblick eines sich entladenden Gewitters zu entgehen.</p> - -<p>Greift die alte ehrwürdige Großmutter zum Gesangbuch, um durch das -Herlispeln eines passenden Liedes den Zorn des lieben Herrgottes bei -einem heranziehenden Gewitter in andächtigster Kirchenstimmung zu -beschwichtigen und für sich und ihr Haus den Schutz des Allerhöchsten -zu erflehen, so ist das rührend, aber lange nicht so schlimm, als -wenn in manchen von der aufgeklärten Stadt fern gelegenen Ortschaften -die Kirchenglocken in Bewegung gesetzt werden oder der und jener -einen sogenannten Donnerkeil in die Hand nimmt, in der Meinung, einen -kräftigen Talisman gegen alle Blitzschäden an seiner werten Person zu -besitzen. In diesen und ähnlichen Fällen treibt der böse Aberglaube -immer noch sein Spiel und läßt den Sohn unseres Jahrhunderts<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> in einem -zweifelhaften Lichte der eigenen Aufklärung erscheinen. Wenn aus den -finsteren Zeiten des Mittelalters und aus dem Altertum vor zweitausend -Jahren uns von ähnlichen Dingen und Anschauungen gemeldet wird, so -lächeln wir wohl darüber, vergessen es aber, daß auch der Aberglaube -seine Geschichte hat, die sich bis zur Stunde mitten unter uns Lebenden -weiter entwickelt.</p> - -<p>Die Alten waren gute Beobachter der Natur und wenn sie beispielsweise -auch keine richtigen Vorstellungen über die elektrische Kraft und -die sogenannten schlechten oder guten Leiter besaßen, so wußten sie -dennoch, daß gewisse Stoffe vom Blitze selten oder gar nicht berührt zu -werden pflegen. Darf man dem römischen Verfasser einer Naturgeschichte, -Plinius, Glauben schenken, so blieb der Lorbeerbaum, der Adler und das -„Meerkalb“ vom Blitze verschont, weshalb, wie er bemerkt, ängstliche -Leute bei einem Donnerwetter unter ein aus der Haut des Meerkalbes -gefertigtes Zelt gern ihre Zuflucht nahmen.</p> - -<p>Auch daß hohe Gegenstände, besonders in gewissen Gegenden, die fatale -Eigenschaft besaßen, den Blitz anzuziehen, war den Römern nach dem -Zeugnis desselben Plinius nicht unbekannt. In Italien hörte man damit -auf, das zwischen der Stadt Terracina und dem Tempel der Göttin -Feronia, in der Nähe des heutigen Lago di Ferona gelegene Gebiet mit -kriegerischen Zwecken dienenden hohen Türmen zu versehen, seitdem -man die böse Erfahrung gemacht hatte, daß auch nicht einer vom Blitz -verschont geblieben war.</p> - -<p>Über die Entstehung, Richtung, Wirkung und Bedeutung des Blitzes -hatte man eigentümliche Vorstellungen bei den Römern. So unterschied -man beispielsweise Blitze, welche aus den höheren Himmelsregionen -herniederprasselten, und sogenannte irdische oder saturnische, vom -Erdgott Saturn also bezeichnet, welche aus dem Erdboden hervorgingen. -Die aus der Wolkenregion niederstrahlenden sollten eine schiefe, die -irdischen Blitze eine gerade Richtung haben. Aber man<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> ging noch weiter -und sprach von Familien- und Staatsblitzen, wobei man durchaus nicht -an die Donnerwetter dachte, durch welche die Häupter der Regierung im -kleinen und im großen von Zeit zu Zeit die Luft zu reinigen gewohnt -sind.</p> - -<p>Im Gegenteil, diese beiden Blitzsorten wurden als Vorbedeutungen bei -der Inangriffnahme von Zukunftsplänen angesehen, und zwar auf die Dauer -des ganzen Lebens für den Begründer einer Familie, auf die Dauer von -dreißig Jahren bei der Entladung eines Staatsblitzes, mit der einzigen -Ausnahme, sobald ein solcher bei der Gründung von Kolonialstädten in -die Erscheinung trat.</p> - -<p>Das alles wurde so ernsthaft genommen, daß man sich häufig in der -Lage befand, zu eigenem Frommen den Blitz vom Himmel durch Gebete und -Zauberformeln sogar zu erflehen, wofür es an historischen Beispielen -nicht mangelt. Der König Porsenna von Volsinii verstand es, das -Kunststück wirksam auszuführen, was vor ihm bereits Numa geleistet -haben soll. Als aber Tullus Hostilius, wie getreulich überliefert -worden ist, seinem Vorgänger dasselbe Kunststück nachzumachen sich -bemühte, da erschlug ihn der zur Stelle erschienene Blitz, weil er -irgend etwas bei der Ausführung der vorgeschriebenen Bräuche zu thun -verabsäumt hatte.</p> - -<p>Plinius, der von diesen Ereignissen schriftliche Nachrichten in -seiner Naturgeschichte hinterlassen hat, scheint so entzückt von dem -Fortschritt der Wissenschaft bezüglich der Vorbedeutung der Blitze -gewesen zu sein, daß er sich gegen die Zweifler daran ereifert. Sei -man doch zu seiner Zeit so weit gekommen, daß man nicht nur den Tag, -an welchem die Gewitter eintreffen, mit Bestimmtheit voraussage — wer -denkt dabei nicht an unsern modernsten Unwetterpropheten? — und daß -man ferner so weit gekommen sei, die Vorbedeutung der Blitze für das -Schicksal des Privatmannes und des Staates, wie es zahllose Erfahrungen -bestätigten, anerkennen zu müssen.</p> - -<p>Die Blitztheorien, insofern sie sich ganz insbesondere auf -Vorbedeutungen im Familien- und staatlichen Leben beziehen,<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> dürfen -als keine römische Erfindung oder Entdeckung angesehen werden, sondern -sie waren als Erbteil einer hochheiligen Wissenschaft den Römern von -den „düsteren und strengen“ Etruskern überkommen. Die Etrusker, Tusker -oder wie man sie immer bezeichnet hatte, die Träger einer selbständigen -Kultur, waren in vorrömischer Zeit in Italien eingewandert und hatten -auf religiöse Anschauungen, auf Staatseinrichtungen und auf das ganze -Leben der späteren Römer einen nachhaltigen Einfluß ausgeübt.</p> - -<p>Wie es Alexander von Humboldt im zweiten Bande seines „Kosmos“ S. -169 mit kurzen, aber treffenden Worten geschildert hat, „war ein -eigentümlicher Charakterzug des tuskischen Stammes die Neigung zu -einem innigen Verkehr mit gewissen Naturerscheinungen. Die Divination -(das Geschäft der ritterlichen Priesterkaste) veranlaßte eine -tägliche Beobachtung der meteorologischen Prozesse des Luftkreises. -Die Blitzschauer (<em class="gesperrt">Fulguratoren</em>) beschäftigten sich mit -Erforschung der Blitze, dem <em class="gesperrt">Herabziehen</em> und dem <em class="gesperrt">Abwenden</em> -derselben. — So entstanden offizielle Verzeichnisse täglicher -Gewitterbeobachtungen.“</p> - -<p>Zur besseren Orientierung bei ihren Gewitterstudien hatten die -Etrusker den Himmel in 16 Teile geteilt, in der Richtung Nord — Ost -— Süd — West — Nord, jeder einzelne Teil wurde wiederum in 4 Teile -gespalten. Die ersten acht, nach Osten hin liegenden Teile nannten sie -die <em class="gesperrt">linke</em> Seite der Welt (auch die alten Ägypter bezeichneten -die östlichen Weltteile als die <em class="gesperrt">linke</em>), die acht aus der -entgegengesetzten Seite befindlichen Teile die <em class="gesperrt">rechte</em> Seite. -Die Blitze zur Linken sah man als glückbringend an, die Blitze zur -Rechten, im Nordwesten, als Unheil verkündigend. Blitze aus anderen -Himmelsrichtungen galten als indifferent.</p> - -<p>Auf Grund der Bücher, welche den etruskischen Fulguratoren oder -Blitzschauern als Leitfaden ihrer Wissenschaft dienten, waren es neun -Götter, welche Blitze schleuderten, wobei dem Götterkönig Jupiter -ein dreifacher Blitz zugeschrieben<span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span> wurde, so daß im ganzen elf -Götterblitze vorhanden waren. Die Römer beschieden sich mit zweien, dem -Tagblitze, welchen sie dem Jupiter, und dem Nachtblitze, welchen sie -dem Gotte der Unterwelt Summanus zuschrieben. Auch die Lehre von den -aus Himmelshöhe niedersteigenden und den sogenannten irdischen Blitzen, -von welchen vorher die Rede war, wird als etruskisch bezeichnet.</p> - -<p>Viel mehr als der abgehäutete Eselskopf, durch den man sich nach -tuskischen Religionsgebräuchen vor einem Ungewitter schützen -konnte, würde uns die Art und Weise interessieren, durch welche die -Fulguratoren vorgeblich den Blitz <em class="gesperrt">herabzuziehen</em> vermochten. -In den Anmerkungen zu der Humboldtschen Stelle über die etruskischen -Blitzbanner, welche ich wörtlich wiedergegeben habe, findet sich -die Klage ausgesprochen, daß nach dieser Richtung hin von den -Fulguralbüchern nichts auf uns gekommen sei. Der große Gelehrte -hat dagegen über den Verkehr zwischen Blitz und <em class="gesperrt">leitenden</em> -Metallen als wichtigste Notiz aus dem Altertum eine, wenn auch nur die -<em class="gesperrt">einzige</em> Angabe beim <em class="gesperrt">Ktesias</em> aufzufinden vermocht.</p> - -<p>Der bekannte griechische Geschichtsschreiber dieses Namens, dessen -vollständige Werke verloren gegangen sind und nur noch auszugsweise -in Bruchstücken vorliegen, lebte als Leibarzt am persischen Hofe in -der Stadt Susa, woselbst er Gelegenheit fand, einen reichen Schatz -von Beobachtungen und Erfahrungen zu sammeln. Unter seinen zufällig -erhaltenen Nachrichten findet sich auch die folgende vor: „Er habe zwei -eiserne Schwerter besessen, Geschenke des Königs (Artaxerxes Mnemon) -und dessen Mutter (Parysatis), Schwerter, welche in die Erde gepflanzt, -Gewölk, Hagel und <em class="gesperrt">Blitzstrahlen abwendeten</em>. Er habe, so fügt -er hinzu, die Wirkung selbst gesehen, da der König zweimal vor seinen -Augen das Experiment gemacht.“</p> - -<p>Lassen wir das Gewölk und den Hagel, die nicht seltenen Begleiter der -Gewitter, beiseite, so weist die Stelle, welche von einem Abwenden -des Blitzes spricht, mit größter Deut<span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>lichkeit auf die Kenntnis der -Blitzableitungstheorie auf Grund <em class="gesperrt">leitender Metalle</em> hin.</p> - -<p>Zählte unser großer Landsmann Alexander von Humboldt noch zu den -Lebenden, so würde ich ihm die Überraschung bereitet haben, die -Kenntnis dieser Theorie im Altertume, mindestens schon in den -Jahrhunderten unmittelbar vor dem Anfang unserer Zeitrechnung, durch -eine Zahl inschriftlicher, nicht mißzuverstehender Zeugnisse zu -beweisen.</p> - -<p>Ich habe kaum ein Wort über die Erfindung des Blitzableiters durch -den amerikanischen Staatsmann und Schriftsteller Benjamin Franklin -aus dem vorigen Jahrhundert und über die Konstruktion eines solchen -Apparates zu verlieren nötig. Alle Welt kennt den Blitzableiter, ist -aber überzeugt, daß seine Erfindung zu den Errungenschaften im Rahmen -der Neuzeit gehört. Vielleicht wird man anders darüber urteilen, wenn -man meine folgende Auseinandersetzung mit Aufmerksamkeit liest.</p> - -<p>In meiner Arbeit „Zur ältesten Geschichte der Feier der -Grundsteinlegungen“ ließ ich die Bemerkung mit unterlaufen, daß es bei -den alten Ägyptern Brauch war, den Eingang zu den Heiligtümern durch -zwei hohe festungsartig gebaute Türme zu decken, deren Verbindung ein -zwischen ihnen liegendes großes Thor, der sogenannte Pylon, bildete. -Zur Rechten und zur Linken des Pylon standen zwei Obelisken und Götter- -oder Königsbilder aus Stein, zwischen welchen der Wanderer seinen Weg -nach dem gleich dahinter sich öffnenden Thoreingang nahm.</p> - -<p>Bei den vollendeten Bauten sind die Außenseiten der Pylonentürme mit -Darstellungen und hieroglyphischen Inschriften im großen Stil bedeckt, -wobei der königliche Gründer und die Hauptgottheiten des Tempels den -Vorwurf des Künstlers und des Schreibers in Bild und Wort abgaben. -Über den Umfang der Flächen, welche zu bedecken waren, mag man eine -ungefähr richtige Vorstellung gewinnen, wenn ich als Beispiel den -Tempel von Edfu wähle. Jeder von den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> auf rechteckiger Grundlage -ausgeführten Türmen hatte eine Höhe von 60 ägyptischen Ellen, das sind -31½ Meter, eine Fassadenbreite von 21 Ellen oder 11 Meter und eine -Seitenbreite von 12 Ellen oder 6 <span class="nobreak"><span class="zaehler">1</span>⁄<span class="nenner">3</span></span> Meter.</p> - -<p>Bis zum fünfzehnten Jahrhundert hinauf lassen die noch vorhandenen -Turmpaare auf ihrer Vorderseite je zwei in die verbauten Steine -eingehauene Rinnen erkennen, welche wie eine Gosse von oben nach -unten laufen und zur Aufnahme von irgend einem langen, stangenartigen -Gegenstand von gewaltiger Dicke bestimmt waren. Über die Natur und -die Bestimmung desselben kann kein Zweifel obwalten, da eine in -Farben ausgeführte Zeichnung der Pylontürme an der Wand eines Tempels -des Mondgottes auf der Ostseite Thebens bis auf den heutigen Tag -wohlerhalten vorliegt. Die Rinnen, von denen ich soeben gesprochen -habe, sind in der Zeichnung durch mächtig hohe, roh behauene Baumstämme -ausgefüllt, welche die Zinnen der Türme weit überragen. Sie sind durch -klammerartige Vorrichtungen an der Rinne befestigt, und ihre Spitzen -zeigen bunte Zeugstoffe als Flaggenschmuck. Ich habe deshalb diesen -mastartig gestalteten Baumstämmen den Namen „Flaggenbäume“ gegeben.</p> - -<p>Man könnte daran denken, daß es sich hierbei einfach um eine Dekoration -gehandelt habe, um der massigen Fassade einen malerischen Anstrich -zu verleihen und die toten glatten Flächenwände einigermaßen zu -beleben. Freistehende Mastbäume mit bunten Wimpeln dienen ja noch -in der Gegenwart bei festlichen Gelegenheiten zur Ausschmückung von -Plätzen und Straßen und hohe Fahnenstangen mit buntfarbigen nationalen -Flaggen werden von uns zu dem gleichen Zweck an den Dächern oder an der -Vorderseite von Bauwerken und Häusern angebracht.</p> - -<p>Bei den Ägyptern war die Zahl und die Farbe der Flaggenbänder aus -Zeugstoff keine zufällige oder beliebige. Ich habe nach den Inschriften -aus vorchristlicher Zeit anderwärts die Beweise geliefert, daß die -Zahl derselben sich auf <em class="gesperrt">vier</em> be<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>schränkte und daß die Stoffe -<em class="gesperrt">rot</em>, <em class="gesperrt">weiß</em>, <em class="gesperrt">blau</em> und <em class="gesperrt">grün</em> gefärbt waren, mit -anderen Worten, daß es vorgeschrieben war, den vier <em class="gesperrt">heiligen</em> -Farben den Vorzug zu geben. Es ist gewiß nicht ein bloßer Zufall, -daß auch im ebräischen Kultus, wie es aus alttestamentlichen -Überlieferungen deutlich hervorgeht, nur allein die vier heiligen -Farben <em class="gesperrt">rot</em>, <em class="gesperrt">blau</em>, <em class="gesperrt">karmesin</em> und <em class="gesperrt">weiß</em> für die -Priesterkleidung, die Vorhänge und die Teppiche im Tempel von Jerusalem -gesetzlich zur Auswahl gestellt wurden.</p> - -<p>In einzelnen Inschriften aus den Zeiten der Ptolemäer werden die -beflaggten Mastbäume, welche beispielsweise am Tempel von Edfu eine -Höhe von mindestens 32 Metern oder von beinahe 100 Fuß erreichen -mußten, auf den Tempelwänden in sehr genauer Weise beschrieben, -wobei sich eine ganz verwundersame Thatsache herausstellt. Ich lasse -in möglichst getreuer deutscher Übertragung den Wortlaut einer der -Inschriften von Edfu für die Sache selber sprechen: „Dies ist der hohe -Pylonbau des Gottes von Edfu, am Hauptsitze des leuchtenden Horus -(des ägyptischen Apollon). Mastbäume befinden sich paarweise an ihrem -Platze, <em class="gesperrt">um das Ungewitter an der Himmelshöhe zu schneiden</em>. -Zeugstoffe in weißer, grüner, blauer und roter Farbe befinden sich an -ihrer Spitze.“</p> - -<p>An einer anderen Stelle, in einer längeren Bauschrift, welche sich -auf dasselbe Heiligtum bezieht, werden die Flaggenmaste an den -Türmen mit folgenden Worten beschrieben: „Ihre Mastbäume aus dem -<em class="gesperrt">Asch</em>holze (gewöhnlich wird dieser Name auf einen bestimmten -aus dem Auslande geholten Baum, nach der Mehrzahl der Ausleger eine -besondere Akazienart, nach anderen die Ceder bezogen) reichen bis zum -Himmelsgewölbe und sind <em class="gesperrt">mit Kupfer des Landes beschlagen</em>.“</p> - -<p>Vier mit Kupfer beschlagene, etwa 100 Fuß hohe Mastbäume, die paarweise -an den beiden Turmwänden vor den Tempeln aufgestellt wurden, in der -deutlich ausgesprochenen Absicht, <em class="gesperrt">die Ungewitter zu schneiden</em>, -konnten nichts<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> anderes als Blitzableiter im großen Stil gewesen -sein. Das scheint mir so klar auf der Hand zu liegen, daß kaum eine -andere Deutung möglich ist. Ich sehe außerdem, daß sämtliche Gelehrte, -welche auf die von mir zuerst entdeckten, veröffentlichten und in dem -angegebenen Sinne erklärten Inschriften aufmerksam geworden sind, mit -und ohne Erwähnung meines Namens, sich für den ältesten nachweisbaren -Blitzableiter erklärt haben.</p> - -<p>Der Gegenstand ist damit noch nicht abgeschlossen, sondern eine zweite -Form von Blitzableitern und in der oben erwähnten Inschrift, wenn auch -nur mit den kurzen Worten geschildert: „Zwei große Obelisken prangen -vor ihnen (den Mastbäumen), um das Ungewitter in der Himmelshöhe -zu schneiden.“ Was vorher als der eigentliche Zweck der hoch -aufgerichteten mit Kupfer beschlagenen Mastbäume durch den Ausdruck „Um -das Ungewitter zu schneiden,“ d. h. durch Ableitung des elektrischen -Funkens, findet hier aufs neue seine Anwendung auf die Obeliskenpaare, -deren Erwähnung durch einen besonderen Umstand für die Nebenauffassung -als Blitzableiter bemerkenswert erscheint.</p> - -<p>Schon um das Jahr 2000 v. Chr. gehörte die Aufstellung von -Obeliskenpaaren vor den Tempeln zu einer gewohnheitsmäßigen Sitte. Der -noch in unserer Gegenwart aufrechtstehende Obelisk von Heliopolis, in -der Nähe von Kairo, rührt aus dieser alten Epoche her. Das steinerne -Ungetüm hat eine Höhe von etwas über 21¼ Meter, wie alle Obelisken -endigt seine Spitze in eine kleine Pyramide oder das sogenannte -Pyramidion, welches die ägyptischen Inschriften mit dem Worte -<em class="gesperrt">Benben</em> bezeichnen.</p> - -<p>Nach dem klaren Wortlaut einer Reihe auf verschiedene Obelisken -eingegrabener Texte in Hieroglyphenschrift wurde das Pyramidion -regelmäßig mit sogenanntem Elektrongolde überzogen, das beim -Sonnenschein einen blendenden Glanz meilenweit ausstrahlte. Die -Sockelinschrift auf einem thebanischen Obelisken meldet es wörtlich: -„Er (der König) hat<span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> zwei große Obelisken anfertigen lassen aus rotem -Granit vom Südlande (aus Syene, dem heutigen Assuan). Ihre Spitze ist -aus Elektrongold, welches die Fürsten aller Länder geliefert hatten, -hergestellt und wird auf viele Meilen hin geschaut, wenn ihre Strahlen -sich über die Erde ergießen, nachdem die Sonne, sobald sie im Osten -aufgegangen ist, zwischen ihnen beiden leuchtet.“ Auf einem der beiden -Obelisken von Alexandrien, es handelt sich um denselben, welcher -nach New York überführt worden ist, findet sich die entsprechende -Angabe vor, daß der König Thutmosis III., aus dem fünfzehnten -Jahrhundert v. Chr., „zwei große Obelisken anfertigen ließ mit einem -Pyramidion aus Elektrongold.“ Ich lasse es bei diesen Beispielen sein -Bewenden haben, da ähnlich lautende urkundliche Angaben sich auf den -steinernen Spitzsäulen bis zu den altägyptischen Obelisken in Rom und -Konstantinopel hin in vielen Beispielen vorfinden. Sie dienen sämtlich -zur Bestätigung der Thatsache, daß die Spitzen der Obelisken einen -Überzug von Gold trugen oder, was wahrscheinlicher sein dürfte, einen -Überzug aus <em class="gesperrt">vergoldetem Kupfer</em>. Diese Vermutung findet nämlich -durch folgende, bei einem arabischen Schriftsteller aus älterer Zeit -erhaltene Überlieferung ihre Bestätigung.</p> - -<p>Derselbe erzählt in seiner Beschreibung der damals noch reichlich -vorhandenen Denkmäler auf dem Boden der alten Sonnenstadt, in der -Nähe von Kairo, daß man auf der Spitze des oben erwähnten Obelisken, -also in einer Höhe von über 60 Fuß, eine <em class="gesperrt">kupferne Kappe</em> über -dem Pyramidion entdeckt habe, die der zur Zeit regierende Chalif -herabnehmen ließ, mit der Weisung, sie näher zu untersuchen. Es -stellte sich bald heraus, daß die Kappe nicht, wie man hoffte, aus -einem Edelmetall, sondern aus <em class="gesperrt">reinstem Kupfer</em> bestand, das -eingeschmolzen und zur Prägung von Kupfergeld verwendet wurde.</p> - -<p>Bei allem Reichtum, welcher infolge siegreicher Feldzüge der Ägypter -gegen das Ausland in den Glanzperioden der Geschichte der Pharaonen -nach dem Nilthale zuströmte, ist es<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span> kaum anzunehmen, daß die Könige -so verschwenderisch freigebig gewesen sein sollten, die Spitzen ihrer -Obelisken mit echtem Golde zu überziehen. Ein vergoldeter Kupferüberzug -erfüllte denselben Zweck, und wenn die Inschriften unablässig nur vom -Elektrongolde sprechen, so darf man nicht vergessen, daß Prahlerei eine -Eigenschaft der alten Ägypter war, und daß die herrschenden Könige -jede sich darbietende Gelegenheit ergriffen, um ihren Handlungen, -besonders den Gottheiten gegenüber, den Stempel des Großartigen und -Außergewöhnlichen aufzudrücken.</p> - -<p>Eine vergoldete Kupferspitze auf einer riesengroßen Spitzsäule aus -Granit stellte einen Blitzableiter dar, wie man ihn sich nicht besser -wünschen konnte. War es auch nicht der Hauptzweck, welchen als solche -die Aufstellung von Obelisken vor den Tempeltürmen erfüllte, so war es -dennoch ein Nebenzweck, dem sie dienten, und die Beobachtung selber, -daß der Blitz dadurch angezogen wurde, mußte sehr bald zur Erkenntnis -der Anziehungskraft vergoldeter Metallspitzen auf einem ungewöhnlich -hohen Gegenstande, sei es eine steinerne Säule, sei es ein Mastbaum, -bei einem vorkommenden Gewitter führen. Die Blitzableiter im größten -Stile, den je die Welt gesehen, „schnitten das Gewitter“ und dienten -gleichzeitig zum Schutze der zu ihren Füßen liegenden Tempel.</p> - -<p>Ägypten gehört nicht zu denjenigen Ländern, in welchen Entladungen -der atmosphärischen Elektricität häufig zu beobachten sind. Das -wußten schon die Alten, und Plinius führt in seiner Naturgeschichte -(II., 50) ganz richtig die Gründe an, welche der Entwickelung von -Gewitterbildungen im Nilthale entgegenstehen. Dennoch hat man, -besonders im Frühjahr und im Herbst, nicht allzu selten Gelegenheit, -sehr starke, wenn auch kurz andauernde Gewitter zu beobachten. Ich habe -am ersten Katarakt, ferner in Edfu, Theben, Kairo und am Suezkanal -deren erlebt, wie sie selten in unserer nordischen Heimat in die -Erscheinung treten dürften.</p> - -<p>Für die alten Ägypter hatten die Gewitter einen unheim<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>lichen -Beigeschmack. Man schrieb sie nämlich, wie alles dem regelmäßigen -Verlaufe der natürlichen Dinge im Kosmos Entgegenstehende (Erdbeben, -Stürme, Hagelschlag, Sonnen- und Mondfinsternis, Abnahme des Mondes, -Verkürzung der Tage beim Eintritt des Winters u. s. w.), dem bösen -Dämon Typhon zu, dem seinem guten Bruder Osiris feindlich gesinnten -Gotte, der vor allem das Dörrende, Versengende, Verbrennende liebte -und daher feuerfarbig dargestellt wurde. In dem notwendigen Kampfe der -sich entgegenstehenden Naturkräfte siegte aber Osiris über Typhon, in -unserem Falle die reine Atmosphäre über das Ungewitter. Euripides singt:</p> - -<div class="poetry-container s5"> - <div class="poetry"> - <div class="verse">Vom Guten nicht gesondert ist das Schädliche,</div> - <div class="verse">Vielmehr gemischt aus beiden sprießt das Wohlergehen.</div> - </div> -</div> - -<p>Diesem ernsten Grundgedanken folgte auch der ägyptische Geist in der -Auffassung des Guten der Notwendigkeit des Bösen gegenüber, in der -intellektuellen Welt wie in den kosmischen Erscheinungen, und der böse -Blitz bildete keine Ausnahme von der allgemeinen Regel.</p> - -<p>Im Kampfe traten dem guten Osiris seine beiden Schwestern Isis -und Nephthys als helfende, stützende, beschützende, ablenkende -Bundesgenossinnen zur Seite. In den bildlichen Darstellungen erscheinen -beide Göttinnen zur Rechten und zur Linken ihres Bruders, ihn mit -ihren Flügelpaaren deckend und behütend, um ihr helfendes Wirken in -symbolischer Weise zum Ausdruck zu bringen.</p> - -<p>Die vor den Tempeleingängen paarweise aufgestellten Obelisken und -Mastbäume, in ihrer Eigenschaft als Blitzableiter, wurden deshalb -geradezu als das Schwesterpaar Isis und Nephthys aufgefaßt und man -versteht nunmehr den geheimnisvollen Sinn einer Inschrift, welcher sich -auf die Wetterbrecher bezieht. „Die mit Kupfer beschlagenen paarweisen -Mastbäume, welche zum Himmel hinaufreichen, sind die beiden großen -Schwestern Isis und Nephthys, welche Osiris behüten und über den König -der Tempelwelt wachen.“</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Der_grosse_koenigliche_Graeberfund">Der -große königliche Gräberfund.</h2> - -</div> - -<p>Es geht ein wohlthuender, weil urmenschlicher Zug durch das gesamte -Altertum, sowohl das klassische wie das nichtklassische, ein Zug, -welcher uns noch heutzutage zur höchsten Dankbarkeit verpflichtet -seiner historischen Folgen wegen: ich meine die Pietät der Alten gegen -ihre Verstorbenen, eine Pietät, welche bei den Völkern der Vorzeit -in den Vordergrund ihrer Anschauungen tritt. Sie bauten Gräber für -ihre Toten, welche nicht darauf berechnet waren, nur eine kurze Zeit -nach dem Tode fortzudauern und dann zu vergehen, sondern — nach -den Mitteln, wie sie ihnen zu Gebote standen — sie führten wahre -Grabdenkmäler auf, welche für eine lange Dauer hergerichtet waren. -Sie betteten ihre Toten in diese Grabstätten und gaben ihnen alles -dasjenige mit, was ihnen im Leben auf Erden lieb und wert gewesen war. -Dieser Pietät verdanken wir heutzutage die Kenntnis alles dessen, was -man mit dem Namen der Privataltertümer bezeichnet, freilich auch vieles -Historische darunter, und wir haben dadurch Kenntnis von Details, von -denen uns die Überlieferungen z. B. der Klassiker auch keine Spur -hinterlassen haben. Es bewahrheitet sich auch hier das alte Wort, daß, -wenn die Menschen schweigen, die Steine reden werden.</p> - -<p>Wenn irgend ein Volk des Altertums sich in der Pietät gegen seine Toten -auszeichnete, so waren es vor allen übrigen die Ägypter. Wir können -während des Zeitraumes von vierzig Jahrhunderten, von den ältesten -historischen, schriftlich vorhandenen Denkmälerepochen an bis gegen -den Anfang unserer Zeitrechnung hin, diese Pietät verfolgen in allen -Perioden ihrer Geschichte und in allen Landschaften des eigentlichen -Ägyptens; wir haben Gelegenheit, diese Pietät jederzeit nachzuweisen, -überall ihre Spuren aufzudecken und zu gleicher Zeit belebt zu finden -durch das verständnisvoll geschriebene Wort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span></p> - -<p>Es gab bei den alten Ägyptern ein religiöses Gesetz, welches drei -Forderungen an den sittlichen Menschen stellte. In erster Linie -handelte es sich darum, die Götter zu preisen und ihnen zu danken, an -zweiter Stelle die Menschen zu lieben und zuletzt als dritte Bedingung -die Toten zu ehren. Praktisch übertragen lauteten dieselben Gebote: -Alles zu thun im Leben, was den Göttern lieb und angenehm war; in -Bezug auf die Menschen: zu spenden dem Hungrigen Brot, dem Durstigen -Wasser, dem Nackten Kleider und den Verirrten auf den rechten Weg zu -führen; in Bezug auf die Toten: schöne Gräber herzurichten und den -Verstorbenen an den Festtagen des ägyptischen Jahres die regelmäßigen -Totenopfer darzubringen. Und dieses letzte Gebot wurde in Ägypten in -reichster und ausgedehntester Weise befolgt. Die Gräber sind zum Teil -heute noch, wenn auch nur in Ruinen, vorhanden, aber selbst diese -Trümmer sind bedeutsam genug, um uns einigermaßen eine Vorstellung -von der Pracht und Herrlichkeit der Stätten der Toten zu gewähren. -Damit hing zusammen, daß nach ägyptischer Anschauung die Häuser der -Lebendigen nichts weiter sein sollten als Antichambres der Ewigkeit. -Deshalb finden wir in Ägypten unendlich wenig Sorgfalt auf das eigene -Haus, destomehr aber auf die „Wohnungen der Ewigkeit“, wie sie auf den -Denkmälern heißen, d. h. auf die Gräber, verwendet.</p> - -<p>Wenn heutzutage ein Reisender (ein wissenschaftlicher sowohl wie der -gewöhnliche Tourist) seine Nilfahrt durch Ägypten zurücklegt und an -den Hauptstellen, an welchen sich in der Altzeit große Städte befunden -haben, die Altertümer, wie sie noch vorhanden sind, einer näheren -Prüfung unterzieht, so drängt sich ihm unwillkürlich die Beobachtung -auf, daß er eigentlich keine wertvollen Überreste von dem findet, was -man heutzutage Städte, Häuser und Wohnungen nennt; daß die vorhandenen -Altertümer sich nur beschränken: in erster Linie auf die Tempelbauten, -in zweiter auf die zahlreichen Grabanlagen.</p> - -<p>Ich bin im Zweifel und würde in Verlegenheit geraten,<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> wenn ich irgend -wo die Ruinen eines ägyptischen Königspalastes nennen sollte. Es sind -keine vorhanden. Es giebt zwar Bauten, die aus Ziegeln aufgeführt sind -(teils im Ofen gebrannt, teils nur durch Sonnenhitze getrocknet, häufig -mit königlichen Namen gestempelt), sie sind ausgedehnt, können wohl -Königspalästen angehört haben, aber es fehlen alle inschriftlichen -Beweise, daß in der That dieses oder jenes derartige Gebäude ein -wirklicher Königspalast gewesen war. Die Paläste, wären sie aus Stein -ausgeführt gewesen, könnten doch nicht von der Erde ganz und gar -verschwunden sein; denn dasselbe Material, aus dem z. B. Tempel und -Gräber erbaut waren, war dauerhaft, weil es Jahrtausende überwunden -hat. Es müßte also eine ähnliche Erhaltung auch bei den Königspalästen -stattgefunden haben, wie es eben nicht der Fall ist. Mit einem Worte: -wie die Alten melden und Augenzeugen es sahen, war das Wohnhaus, auch -das Pharaos, nichts anderes als eine Herberge auf Erden, während das -Haus der Ewigkeit, das Grab, die alleinige Stätte war, auf welche -sich alle Sorgfalt der Erhaltung ausdehnte. Die Gräber selbst wurden -nicht nur dauerhaft hergestellt, so daß sie Jahrtausende bestehen -konnten, wie wir es in den Inschriften als Hoffnung ausgesprochen -finden, sondern es war auch das jedem zugängliche Innere derselben -wie eine heilige Kapelle mit bilderreichen farbigen Darstellungen -und Inschriften geschmückt. Die Körper der Toten wurden in der Tiefe -des Felsens am Ende eines Schachtes in eine stille, unzugängliche -Kammer gelegt, aber ihr Grab, in auffallender Weise gleichsam häuslich -zugerichtet. Man gab den Verstorbenen für die ewige Ruhestätte alles -mit, was ihnen auf Erden lieb und wert gewesen war, außerdem eine -reiche Auswahl von Talismanen und Totenschriften, wie das religiöse -Gesetz es erforderte, und so ruhten die Mumien wohlverwahrt und -geschützt, zumal in einem Klima, welches die Erhaltung des Körpers -und der altertümlichen, oft sehr gebrechlichen Gegenstände in seiner -Umgebung ungemein begünstigte. So haben<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> wir heute Gelegenheit, da, -wo man überhaupt noch Gräber vorfindet, in einer Weise die Pietät der -Ägypter gegen ihre Toten kennen zu lernen, wie sie kaum sonst in der -Welt mehr zu finden ist.</p> - -<p>Wenn man von Ägypten spricht, muß man wohl unterscheiden, daß die -Geschichte des Volkes, welches einst in diesem Lande glücklich -gelebt, außerordentliches gewirkt und viel geschaffen hat, nicht nach -Jahrhunderten, sondern nach Jahrtausenden zählt. Wir müssen daher -überall, wo wir Tempelbauten und Grabanlagen begegnen, auf Grund der -ägyptischen Altertumskunde und Geschichte die vorhandenen Denkmäler der -Vorzeit nach großen Perioden voneinander sondern. So auch in unserem -Falle. Ich unterscheide in Bezug auf den Gräberbau, welcher sowohl -die Königs- als auch Privatgräber betrifft, zwei Epochen: die der -Pyramiden bauenden Könige (von Memphis) etwa von 3000–2000 v. Chr. und -die der thebanischen Fürsten, welche um das Jahr 1800 beginnt und um -das Jahr 1000 abschließt, etwa in den Zeitläuften, in welchen König -Salomo regierte. Diese Epochen sind nicht nur zeitlich, sondern auch -durch lokale Eigentümlichkeiten voneinander abgegrenzt, im engsten -Zusammenhange mit den Terrainverhältnissen, je nachdem man in der Lage -war, die Gräber auf dem glatten Boden der Wüste oder als Schachte in -den Gebirgen (meist auf dem Westufer des Nils) anzulegen.</p> - -<p>Die Gräber, welche der memphitischen Periode angehören — ich spreche -zunächst von denen der Könige — wurden am Rande der Wüste in -Pyramidengestalt erbaut. Der Zahl nach gegen siebzig, erstreckten sie -sich auf einer Ausdehnung von zwanzig deutschen Meilen, gegenüber von -Kairo, auf der linken (der libyschen) Seite des Nils in westlicher -Richtung von dem arabischen Dorfe Gizeh beginnend bis in die sogenannte -Landschaft des Fajum hinein.</p> - -<p>Diese Königsgräber sind allen Lesern wohl bekannt. Es sind die viel -genannten und viel besuchten Pyramiden. Schon die Alten wußten sehr -genau, wenn sie auch in betreff der<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> einzelnen Königsnamen sich -bisweilen geirrt haben, daß die Pyramiden nichts weiter als Gräber -der Könige waren. Sie beschreiben uns den Bau einzelner derselben, -sie nennen uns königliche Namen und sie erwähnen Einzelheiten, welche -beweisen, daß sie von den damaligen Ägyptern, aus einer verhältnismäßig -späteren Periode, sagenhafte Erinnerungen empfingen, die sie uns getreu -überlieferten. Aus diesen Traditionen geht im allgemeinen so viel -hervor, daß ungeheure Menschenmassen damit beschäftigt waren, diese -kolossalen Bauten aufzuführen, daß die arbeitenden Scharen schlecht -genährt waren, daß die Könige, welche die größten Pyramiden hatten -aufführen lassen, verachtet und gehaßt wurden und ähnliches, wie es die -Überlieferung im Volke nach späten Jahren sich eben zurechtgelegt hatte.</p> - -<p>Fassen wir zunächst die Pyramiden nach ihrem äußeren Erscheinen auf, -so zeigt sich, daß sie in Bezug auf die Höhe in einem sonderbaren -Mißverhältnisse zu einander stehen und damit im Zusammenhange auch in -Bezug auf die Ausdehnung ihrer Basis.</p> - -<p>Die Untersuchungen einzelner dieser Riesenbauten haben erwiesen, daß -der Kern einer jeden Pyramide sich genau in der Mitte der ganzen -Anlage befindet. Ebenso genau wurde im Centrum des Kernes die einfache -viereckige Grabkammer angelegt mit Hilfe gewaltiger Monolithe -(Kalkstein oder Granit), mit dem Granit-Sarkophage des betreffenden -Königs an der westlichen Wandseite, und gedeckt mit einem Spitzdache, -dessen Steine gleichfalls aus Werkstücken von ungeheurer Länge (3–4 -Meter) bestanden. Diese kolossalen Werkstücke, oft zu zweien und dreien -aufeinandergelegt, hatten den Zweck, die gewaltige Schwere der Steine, -welche die Pyramide von der Spitze an bildet, entlasten zu helfen. -In diese Kammer führt, und immer von nordwärts her, ein langer und -schmaler Gang, und zwar zunächst in schräg laufender Richtung. Dieser -wurde, nachdem die Leiche des Königs in die Pyramide hineingeschafft -und in den Sarko<span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span>phag gelegt war, durch einen mächtigen Fallblock -ein für allemal abqesperrt. Auch dieser besteht aus einem behauenen -einzigen Granitstein. Ging man weiter in die Pyramide hinein, so -war da, wo ein zweiter wagrecht angelegter Gang, der bis in die -Grabkammer führte, begann, ein zweites Thor, welches gleichfalls -durch eine Granitfallthüre geschlossen wurde, nachdem man die Leiche -eingesargt hatte und nach dem Ausgang zurückgekehrt war. Dieser -Gang wurde bisweilen durch eine dritte Fallthüre für ewige Zeiten -abgesperrt. Indessen ist sie bei einzelnen Pyramiden nicht allenthalben -nachweisbar. Hatte man die Fallsteine heruntergelassen, so wurde da, wo -sich der erste Fallstein am Haupteingange befand, die Pyramide durch -darübergelegte Steinplatten in einer Weise ergänzt, daß eigentlich für -diejenigen, welche die Stelle des Eingangs nicht genauer kannten, es -eine reine Unmöglichkeit war, die Öffnung der Pyramide zu finden.</p> - -<p>Ich verweise bei dieser Beschreibung auf die Pyramide, welche das Grab -des Königs Phiops enthält und welche im März 1881 aufgedeckt wurde. -Diese Pyramide ist, wie die Abbildung zeigt, zerstört; nur der untere -Teil des Steinbaues ist erhalten. Sie zeigt die Urform einer Pyramide, -wie sie sich aus einzelnen Beispielen als Typus feststellen läßt.</p> - -<p>Die erste Pyramide war verhältnismäßig klein, d. h. sie hatte etwa eine -Höhe von 80 Fuß. Lebte ein königlicher Erbauer längere Zeit und war -es ihm gestattet — die Gräber wurden stets beim Regierungsantritte -eines jeden Königs zu bauen begonnen — so ließ er einen zweiten Mantel -herumlegen, etwa in einem Abstande von 5–10 Fuß von der Kern-Pyramide, -dann einen dritten und vierten Mantel. Auf diese Weise erklärt sich -das Gesetz, daß wenigstens im allgemeinen die Höhe der Pyramide im -Verhältnisse zur Regierungsdauer ihres Erbauers steht. Die neuerlichen -Eröffnungen der Pyramiden, von denen ich noch sprechen werde, haben -außerdem ein zweites Gesetz feststellen lassen, daß nämlich die lokale -Folge der Pyramiden von Norden nach Süden hin der chrono<span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span>logischen -Folge der Könige entspricht, d. h. der älteste König hatte seine -Pyramide im höchsten Norden errichtet und seine Nachfolger schlossen -sich in der Richtung von Norden nach Süden an, wie sie eben in den -Regierungen nacheinander herrschten. Das ist ein wichtiges Faktum -in historischer Beziehung; denn es zeigt uns, daß die Entwickelung, -die geschichtliche Aufeinanderfolge der Pyramiden, durch ein Gesetz -geregelt war. Wie hier im kleinen, so zeigt sich auch im großen durch -eine analoge Betrachtung, daß überhaupt der kulturhistorische Gang der -ägyptischen Geschichte die Richtung von Norden nach Süden genommen hat. -Wir besitzen die ältesten Denkmäler im Norden. Je weiter wir nach Süden -fortschreiten, um so jünger werden die Denkmäler; die jüngsten befinden -sich in Äthiopien, die Pyramiden von Meroë, die letzten und spätesten -Ausläufer des altägyptischen Kulturdaseins in den Zeiten einheimischer -Fürsten.</p> - -<p>Diese Thatsache ist deshalb bemerkenswert, weil man noch immer die -Frage aufstellt: Ist denn die ägyptische Kultur von Afrika gekommen? -Ist sie eine echt afrikanische? Oder sind die Ägypter eingewanderte -Völker, welche von Norden her über die Völkerstraße der Landenge von -Suez kamen und nach dem Nilthale ein fremdes Kulturleben übertrugen? -Die historische Folge der Denkmäler scheint der Einwanderung von Asien -her das Wort zu reden.</p> - -<p>So sehr man sich in einer gewissen Epoche unseres Jahrhunderts — ich -meine die Dreißiger- und Vierzigerjahre — für den Bau der Pyramiden, -für die innere Konstruktion derselben interessierte, so war es doch -für die größere Zahl der Gelehrten ein trockenes Studium, und zwar -deshalb, weil keine der damals geöffneten Pyramiden auch nur eine -einzige Inschrift enthielt. Die Gänge, von denen ich vorher gesprochen -habe, zeigten glatte Wände, die Grabkammern waren leer, der Sarkophag -ohne Inschriften. Nur auf einzelnen Bausteinen fanden sich von der Hand -der Schreiber hingemalte oder hingekritzelte Namen, welche vermutlich -den betreffenden<span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> König, welcher in der Pyramide bestattet war, angeben -sollten. Wir haben vier oder fünf solcher Namen gefunden, und daraufhin -war man imstande, diesen wenigen Pyramiden ihren Erbauern nach -historische Namen beizulegen.</p> - -<p>Erst im Anfange des Jahres 1881, während meiner Anwesenheit in Ägypten -— es ist in den Monaten Februar und März gewesen — wurden durch -Araber, welche sich freiwillig dieser Aufgabe unterzogen hatten, -mehrere Pyramiden geöffnet, unter ihnen drei, welche sich voller -Inschriften befanden. Das Faktum war so außergewöhnlich und die Geduld -so sehr auf die Probe gestellt, daß ich kaum die Minute abwarten -konnte, in der es mir gestattet sein sollte, in die erste dieser -Pyramiden einzutreten und die Texte mit eigenen Augen zu schauen. Und -in der That waren die Gänge und die Grabkammer der Pyramide, welche -hier in einer Abbildung vorliegt, mit Inschriften bedeckt, und zwar in -einer Fülle von Inschriften, die mich auf das äußerste überraschte. Die -Araber hatten den alten Eingang durch Steine versperrt gefunden und da -die Pyramide oben zerfallen war, es weislich vorgezogen, die Blöcke des -Spitzdaches zu durchbrechen und wie in einen Krater hineinzusteigen. -Von oben her erreichten sie die Grabkammer, welchen Weg auch ich zu -nehmen genötigt war.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-149" name="illu-149"> - <img class="mtop1" src="images/illu-149.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem - Alten Reiche.</b> <span class="s5">Vertikaldurchschnitt.</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-150" name="illu-150"> - <img class="mtop1" src="images/illu-150.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem - Alten Reiche.</b> <span class="s5">Horizontaldurchschnitt.</span><br /> - <span class="s5">1 Eingang. — 2 u. 4 Gänge. — 3 Fallthür. - — 5 Grabkammer. — 6 Kammer mit dem Sarkophag.</span></p> -</div> - -<p>Aber meine Hoffnung, in den grün ausgemalten Inschriften auf Texte -zu stoßen, welche geschichtliche Überlieferungen enthielten, wurde -arg getäuscht. Die einzige historische Beigabe gewährte der Name des -Königs in Begleitung aller seiner Titel, welcher hier und in den -übrigen von mir besuchten Pyramiden genau aufgeführt war. Auch der -Sarkophag enthielt auf dem Deckel und an den Seiten Inschriften, -welche wiederum nur Namen und Titel in aller Länge und Breite, wenn -auch in schönsten hieroglyphischen Charakteren, enthielten. Nachdem -ich die frisch geöffneten Pyramiden der Reihe nach untersucht hatte, -konnte ich feststellen, daß die zahllosen Texte, mit welchen die -Wände bedeckt sind, die wiederholten Abschriften eines einzigen -großen Buches darstellen, welches von der zukünftigen<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span><br /><span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> Reise des -verstorbenen Königs im Jenseits handelt. Ich muß dabei bemerken, daß -nach ägyptischer Anschauungsweise das Leben des einzelnen Menschen als -Abbild des Sonnenlaufes angesehen ward. Die Seele ist ein Ausfluß des -göttlichen Lichtstrahles, aufgefaßt in materieller Weise als Sonne. Der -Sonnenstrahl, himmlischen Ursprungs, tritt in den Leib des geborenen -Erdenkindes ein und nach der Auflösung des Körpers kehrt er zurück zur -ewigen Gottheit, zum Urquell des Lichtes. Des Menschen Lebenslauf ist -seinem Inhalte nach ein Stück Sonnendasein: der Mensch wird geboren -im Osten und geht unter im Westen wie die Sonne. Nach seinem Tode, -seinem Untergange im Westen, muß der menschliche Lichtträger dem Laufe -der Sonne in der Nachtregion folgen, um am Ausgangspunkte im Osten -sich mit der Gottheit zu vereinen und in das ewige Licht aufzugehen. -Seine Wanderung nach diesem Ziele schlägt die umgekehrte Richtung -des Lebenslaufes von Osten nach Westen ein. Von Westen nach Osten -wandelnd, legt er die Reise der Toten<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> zurück. Dies ist das Thema, der -Grundtext mit seinen einzelnen Unterabteilungen, welcher in diesen -Inschriften behandelt wird. Es kommen natürlich eine Menge Dinge dabei -zum Vorschein, welche für die spezielle Wissenschaft der altägyptischen -Lehre vom Dasein nach dem Tode von besonderem Nutzen sind, aber doch -für die allgemeine historische Wissenschaft nur geringen Wert haben. -Es werden z. B. Gestirne genannt, welche dem Verstorbenen auf seinem -Wege von Westen nach Osten zu schauen vergönnt wird, es werden die -unterirdischen Regionen und die Bewohner dieser himmlischen Nachtwelt -beschrieben und vieles andere nebenbei in dunkler Sprache geschildert.</p> - -<p>Wir können aus einer Vergleichung dieser Texte uns eine lehrreiche -kritische Ausgabe des altägyptischen Buches von dem Glauben über das -Jenseits nach dem Tode zusammenstellen.</p> - -<p>Ist nach dieser Seite hin der Inhalt dieses Buches von nicht zu -unterschätzender Wichtigkeit, so wird er außerdem bedeutungsvoll -dadurch, daß zum erstenmale in diesem Buche große, zusammenhängende -Stücke in einer Sprache vorliegen, von der wir sonst sehr wenig wissen, -d. i. von der ältesten Gestalt der Sprache der Ägypter.</p> - -<p>Als ich zunächst die Pyramide des Königs Phiops (gegen 3300 -v. Chr) betrat und nach ihr eine zweite, welche seinem Sohne -<em class="gesperrt">Mehti-em-saf</em> angehört, fand ich, daß in früheren Zeiten Räuber -in beiden furchtbar gehaust hatten. Es ist bekannt, daß die meisten -Pyramiden heute geöffnet sind, es ist ebenso bekannt, daß nicht erst -in neuerer Zeit diese Wiedereröffnungen vor sich gegangen sind, -sondern daß schon Perser, Griechen, Römer und Araber versucht haben, -die Pyramideneingänge meist mit großer Mühe und großem Kostenaufwande -zu sprengen, um sich der von ihnen darin vermuteten Schätze zu -bemächtigen. Wir wissen sogar die Namen zweier Kalifen aus dem neunten -und elften Jahrhundert, welche die kostspieligen Zerstörungsarbeiten -nicht gescheut haben, um bis<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> zu der Sarkophagkammer vorzudringen, -woselbst sie außer geringen Schätzen wenig vorgefunden hatten.</p> - -<p>Als ich die Grabkammer der <em class="gesperrt">Phiops</em>pyramide erreicht hatte, -überzeugte ich mich sofort, daß die Pyramide bereits geöffnet, der -Schatz gehoben und die Leiche beraubt und in Stücke zerbrochen -worden war. Alles, was sich vorfand, war eine Hand und eine Masse -von Leinwand, aber die letztere von einer solchen Feinheit, daß -meine Araber in den Ausruf ausbrachen: „<em class="gesperrt">Di harir</em>“, d. h.: -„Das ist Seide“. Sie war in der That so zart und glänzend, wie Seide -nur immerhin sein kann. Proben davon sind in einzelne Museen Europas -gewandert.</p> - -<p>In der zweiterwähnten Pyramide fand ich die Mumie des Königs auf -dem Boden des Sarkophages, auf Steinen liegen, ein orientalisches -Zeichen der Mißachtung. Die Mumie war beraubt. Sie gehörte nach meiner -Untersuchung an Ort und Stelle einem jungen Manne an von ungemein -feiner Muskulatur, mittlerer Größe, lockigem Haare und war vollkommen -wohl erhalten. Neben dieser Mumie lag gleichfalls ein Haufen der -ehemaligen Umhüllung, aus denselben feinen Stoffen bestehend, wie ich -sie in der Pyramide des <em class="gesperrt">Phiops</em> entdeckt hatte. Die Mumie wurde -nach dem Museum in Bulak transportiert, wo sie sich gegenwärtig noch -befindet.</p> - -<p>Das ist der historische Gewinn, den die Eröffnung der beschriebenen -Pyramiden in diesem letzten Jahre gegeben hat. Die Arbeiten werden -gegenwärtig fortgesetzt und man hofft, vielleicht auf eine bisher -nicht aufgebrochene Pyramide zu stoßen, deren Inhalt noch vollständig -vorhanden sein wird. Vor allem richtet sich die Aufmerksamkeit auf -die berühmte Pyramide von <em class="gesperrt">Meidum</em>, die in der That noch nicht -geöffnet zu sein scheint, aber so große Schwierigkeiten den Arbeitern -entgegenstellt, daß man vielleicht ein Jahr brauchen wird, um auch nur -einigermaßen darin vorzudringen.</p> - -<p>Die Masse der Steine, welche zum Bau der Pyramiden gehörten und den -Kern der Grabkammer umhüllen, ist so<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span> gewaltig, daß man sich keine -Vorstellung machen kann, wie viel Steine zu einem derartigen Bau -gehören. Ich will nur, um annähernd diese Steinmassen der Vorstellung -begreiflich zu machen, eine Vergleichung anführen. Wenn man sich die -größte Pyramide, die des Cheops, welche heute eine Höhe von 137 Meter -hat, aus hohlem Blech geformt denkt, so würde man sie bequem über die -Kuppel des St. Peter in Rom setzen können. Und wenn man ferner die -Steine, welche den Inhalt dieser Pyramide bilden, zusammenfügen würde -zu einer Mauer von 3 Fuß Höhe, so reichen die Steine dieser einen -Pyramide aus, um eine Mauer um ganz Frankreich zu ziehen — und das ist -doch gewiß eine Ausdehnung, welche erklecklich ist!</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-153" name="illu-153"> - <img class="mtop1" src="images/illu-153.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Privatgrab aus dem - Alten Reiche.</b><br /> - <span class="s5"><span class="antiqua">a</span> Kapelle. — <span class="antiqua">b</span> Schacht. — <span class="antiqua">c</span> Grabkammer. — -<span class="antiqua">d</span> Sarkophag.</span></p> -</div> - -<p>Wenn die alten Pyramidenkönige in dieser Weise ihre Gräber bauten, -daß die eigentliche Grabkammer inmitten auf dem felsigen Boden der -Wüste stand und daß zum Schutze derselben eine derartige Steinmasse -aufgetürmt war, so lag dem Baue der Gräber von Privatleuten derselben -Epoche ein anderes System zu Grunde. Der Privatmann, wenn auch -vornehmen Ranges, konnte oder durfte sich keine Pyramide bauen. -Andererseits sollten die Gräber vor Eröffnung bewahrt bleiben. — -Es wurde mit Rücksicht darauf eine Anlage geschaffen, die ich in -der Abbildung dargestellt habe, nach einem der erhaltenen Gräber in -Ägypten. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> ist dies der Typus, welcher bei allen diesen Bauten -wiederkehrt.</p> - -<p>Es wurde zunächst ein tiefer Schacht in den Boden der Wüste eingegraben -— die Wüste ist ja Felsboden — dann unten in diesem sogenannten -<em class="gesperrt">Brunnen</em>, der vertikal läuft, eine horizontale Kammer -ausgemeißelt und dort der Sarkophag aufgestellt. Nachdem die Leiche -eingesargt war, wurde die Kammer durch eine Steinwand, meist eine -Ziegelsteinmauer abgeschlossen, so daß niemand mehr hineingehen konnte -ohne Gewalt anzuwenden. Der ganze Brunnen wurde mit Geröll, Sand oder -Schutt ausgefüllt und darüber eine Kapelle errichtet, die je nach der -Stellung des Verstorbenen oder je nach den Wünschen der Familie mehr -oder weniger geräumig war. Sie konnte aus einem Zimmer bestehen, aus -einem Saale mit Säulen, aus zwei, drei, vier Gemächern, immerhin aber -war sie so eingerichtet, daß die Nachkommen des Verstorbenen, seine -Familie, hineingehen und über dem Grabe desselben, das tief in dem -Felsen versteckt lag, die Gebete aussprechen und seinem Gedächtnisse -die Totenopfer spenden konnten.</p> - -<p>Das ist etwa, was über die älteste Pyramidenform und über die ältesten -ägyptischen Gräber zu sagen ist. Ich komme nun zur zweiten Epoche, zur -Epoche der thebanischen Könige.</p> - -<p>Die ägyptischen Könige, welche die ersten zwölf Dynastieen bilden -und deren Residenz in Memphis war, hatten abgewirtschaftet. Wir -wissen nicht, wie es gekommen ist, aber das eine steht fest, daß -nach Abschluß dieser ältesten Königshäuser des Menschengeschlechtes -überhaupt plötzlich in Theben ein neues Reich erstand, die thebanischen -Dynastieen umfassend, welche als die 17., 18., 19., 20., 21. Dynastie -bezeichnet zu werden pflegen, daß man in der Residenzstadt Theben -ein großes Reichsheiligtum gründete, den berühmten Tempel von Karnak -— er ist noch heute in seinen großartigen Ruinen vorhanden — und -daß die Könige nach herkömmlicher Weise beim Antritt der Regierung -zunächst ihre<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span> Gräber zu bauen nicht unterließen (noch heute sind diese -Königsgräber vorhanden).</p> - -<p>Pyramiden konnte man nicht mehr errichten. Die Westseite Thebens ist -eingeschlossen von hohen Gebirgen, es war daher kein Raum vorhanden, -um Pyramiden im Maßstabe der alten Grabdenkmäler der memphitischen -Könige aufführen zu können. Denn es rücken die Felsen im Westen so -nahe an den Fluß heran, daß die Pyramiden die ganze Westseite der -Stadt ausgefüllt haben würden. Aber selbst in diesem Falle würde die -Höhe der nahen Bergwände den Eindruck der Pyramidenbauten abgeschwächt -haben. Man wählte deshalb die Berge selbst als Gräberstellen und bohrte -lange Schachte in einem Seitenthale des thebanischen Westgebirges, -welches ausschließlich dazu bestimmt war, die Gräber der thebanischen -Könige zu enthalten. Diese Schachte gehen tief in den Berg hinein, -anfangs abwärts und dann in gerader Richtung in die Tiefe des Felsens. -Ich liefere die ausführlichere Beschreibung eines dieser Gräber, das -noch heute von den Reisenden besucht wird, weil durch eine wunderbare -Fügung des Schicksals sein alter Plan uns erhalten geblieben ist, -welchen der ägyptische Architekt, der mit der Ausführung dieses -Grabbaues beauftragt war, auf einen Papyrus hingemalt hatte. Der Plan -mit seinen Beischriften und Maßangaben ist fast vollständig erhalten. -Die berühmte Papyrusrolle befindet sich im Museum zu Turin. Nach -diesem Aufriß antiken Datums, der nur mit geringfügigen Ausnahmen -mit dem vorliegenden Risse nach heutigen Aufnahmen übereinstimmt, -folgen zunächst vier Korridore in gleicher Richtungsachse. Der erste, -welcher den eigentlichen Eingang in das Grab bildet, ist von geringer -Länge. Von ihm aus geht der Weg abschüssig bis zum vierten hin, für -den bequemeren Transport des Sarkophages hergerichtet; dann folgt ein -fünftes Zimmer, sonderbarerweise das „Wartezimmer“ benannt (in welchen -man etwas warten soll, bevor man das folgende betritt); hierauf Zimmer -sechs, in welchem der<span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> Sarkophag in der Mitte steht oder das Zimmer des -„goldenen Saals“.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-156a" name="illu-156a"> - <img class="mtop1" src="images/illu-156a.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem - Neuen Reiche.</b> <span class="s5">Vertikaldurchschnitt.</span></p> -</div> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-156b" name="illu-156b"> - <img class="mtop1" src="images/illu-156b.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Ein Königsgrab aus dem - Neuen Reiche.</b> <span class="s5">Horizontaldurchschnitt.</span><br /> - <span class="s5">1–4 Korridore. — 5 Der Wartesaal. — 6 Der goldene Saal. — 7 -Korridor. — 8 Die Schatzkammer.</span></p> -</div> - -<p>Im Hintergrunde desselben erscheint eine neue Fortsetzung<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> der -saalartigen Räume als Nr. 7 oder das „Zimmer der Statuetten oder -Statuen“ und zuletzt ein Zimmer (Nr. 8), die „Schatzkammer“. Die Namen -dieser am Schlusse der Reihe aufgeführten Anlagen beweisen, daß man -es hier mit bestimmten Gegenständen zu thun hat, die in den einzelnen -Gemächern niedergelegt waren. Im Zimmer 6, dem „goldenen Saale“, -befand sich meist alles, was dem Könige im Leben angehört hatte: sein -Mobiliar, seine Waffen, seine Stöcke, seine Keulen, seine Peitschen, -seine für Speise und Trank bestimmten Geräte u. s. w. Was er im Leben -zum eigenen Gebrauch besessen oder getragen hatte, bis zu den Perücken -hin, wurde nach seinem Tode in diese Grabkammer gelegt. In diesem -selben Zimmer standen die Gegenstände um den Sarkophag herum, während -die Leiche, in eingeschachtelten Holz- und Kartonsärgen liegend, mit -Kränzen und Blumenzweigen bedeckt ward.</p> - -<p>Im Zimmer 7, welches zwei Seitenkammern zeigt, befanden sich -wahrscheinlich Statuetten und zwar jene bekannten Osiris-Statuetten, -welche das Porträt des Königs trugen, aber den Gott Osiris darstellten. -Wiederum ist er in dieser Auffassung mit der Gottheit identifiziert, -nur mit dem Unterschiede, daß er in der Gottheit aufgegangen erscheint. -Denn die Sonne als Gottheit heißt bei Nacht Osiris, bei Tage Râ. Das -Zimmer Nr. 8 enthielt dem Anscheine nach kostbare Gegenstände, welche -zum Schatze des Königs gehören mußten, ohne daß wir genauer wissen, -welcher bestimmten Art sie waren.</p> - -<p>Solche Gräber stehen heutzutage fünfundzwanzig offen; natürlich ist -von dem ehemaligen beweglichen Inhalte derselben keine Spur mehr -vorhanden. Alles ist vor langen Zeiten hinausgetragen worden, und -zwar nicht erst durch die Römer und Araber, welche absichtlich oder -zufällig die Gräber geöffnet hatten, sondern von den alten Ägyptern -selbst. So groß die Pietät derselben gegen die Toten war, so konnte -diese doch nicht verhindern — kommt es ja doch auch in<span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> unseren -aufgeklärten Zeiten vor — daß sich Spitzbuben dahinter her machten, um -die Königsgräber zu öffnen und die wohlgeborgenen Schätze zu stehlen. -Diese traurige Thatsache, auch wo, wann und durch wen solches geschah, -ist durch alte Prozeßakten auf Papyrus bezeugt, die noch heutzutage -vorhanden sind. Sogar in Wien befindet sich ein dahin gehöriges Stück -in der kaiserlichen Ambrasersammlung. Wir erfahren daraus, daß Diebe -um das Jahr 1100 v. Chr. unter der Regierung eines Königs Ramses IX. -einzelne der Gräber erbrochen hatten und Sachen aus der Grabkammer -herausgenommen, ja selbst die königlichen Leichen nicht unangetastet -gelassen, mit einem Worte Sacrilegia begangen hatten, wie sie durch die -ägyptischen Gesetze auf das schärfste verboten und bestraft wurden. -Darüber entspann sich ein großer Prozeß, die Diebe wurden verhört, es -wurden Gerichtssitzungen gehalten und das Urteil gefällt. Das ist das -älteste Beispiel von der Beraubung der Gräber in den ägyptischen Zeiten -selber und von dem ausgedehnten Prozeß, der gegen die Diebe angestrengt -wurde.</p> - -<p>Es steht fest, als Strabo, der berühmte griechische Schriftsteller, -Ägypten besuchte und nach Theben kam, standen in Theben vierzig Gräber -der Könige offen da, in die man nach Belieben eintreten konnte.</p> - -<p>Daß dies in der That der Fall war, wird heutzutage dadurch bewiesen, -daß wir in den Königsgräbern über hundert griechische und lateinische -Inschriften finden, welche von Reisenden der klassischen Zeit herrühren -und anführen: an dem und dem Tage habe ich, der Sohn des und des, die -Gräber besucht und habe an meine Frau und meine Kinder gedacht, oder -irgend ein anderer Zusatz. Wir lernen daraus den Eindruck kennen, den -der Anblick dieser merkwürdigen königlichen Grabstätten auf die Fremden -ausübte, so daß sie beim Anblick dieser Pracht nicht umhin konnten, -ihrer Familie und ihrer Freunde zu gedenken.</p> - -<p>Heutzutage sind von vierzig Gräbern, die Strabo gesehen<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> hat, nur -fünfundzwanzig zugänglich. Es müssen also noch andere Gräber verborgen -sein, welche seitdem verschüttet worden sind, um nicht hineinzudringen.</p> - -<p>Da, im Juli 1881, ereignete sich folgendes: Man hatte vorausgesehen — -man konnte ja nicht anders — daß der Inhalt jener Gräber, die heute -offen stehen, schon in uralten Zeiten von Räubern gestohlen war, daß -man sich aller jener Gegenstände bemächtigt hatte, die sich darin -fanden, so daß wir jetzt natürlich keine Spur mehr von dem ehemaligen -Inhalt dieser Gräber vorfinden würden. Könige, wie Ramses II., der -berühmte Sesostris der Griechen, und seine Vorgänger und Nachfolger, -waren längst in Staub zerfallen. Wer sollte ahnen, daß sie heutzutage -noch in ihren letzten Resten vorhanden sein würden?</p> - -<p>Schon vor sechs oder sieben Jahren hatten wissenschaftliche Reisende -und meine Wenigkeit selber oftmals bei einem Besuche von Theben -Gelegenheit, auf Altertümer zu stoßen, welche der verschiedensten Art -angehörten und Inschriften trugen, die darauf hinwiesen, daß es sich -hier um Könige handle, die in den Gräbern von <em class="gesperrt">Biban-el-moluk</em> -— so heißt dieses Totenthal im Munde der Araber — beigesetzt worden -waren. Es kamen Namen der seltensten Pharaonen vor, am häufigsten auf -den Osiris-Statuetten, welche sich auf die verschiedensten Könige der -thebanischen Dynastieen bezogen, besonders auf die 21. der sogenannten -Priesterkönige, von welchen massenhaft von mehreren Arabern nach rechts -und links veräußert wurden. Ich selbst hatte Gelegenheit, bei einer -Reise nach Oberägypten den Sargkasten und die Mumie eines Königs zu -sehen, der dieser thebanischen Priesterdynastie angehören mußte. — -Ich habe sogar flüchtig eine Kopie aufgenommen, konnte aber damals -nichts thun, um herauszufinden, wer den Sarg verkauft habe und woher er -stamme, da er sich im Besitze eines hohen Reisenden befand.</p> - -<p>Es war im Juli 1881, als nach diesen Vorgängen infolge obrigkeitlicher -Einmischung durch Drohungen und Ver<span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>sprechungen einem jener Araber -das lang bewahrte Geheimnis abgedrungen ward. Er gab eine genaue -Beschreibung des Fundortes der Gegenstände jenes königlichen Nachlasses -und erklärte sich bereit, der ägyptischen Behörde den Zugang zu der -kostbaren Fundgrube zu öffnen.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-160" name="illu-160"> - <img class="mtop1" src="images/illu-160.jpg" alt="" /></a> - <p class="center mbot2 no-break-before"><b>Aufgebahrte Mumie des - Osiris.</b></p> -</div> - -<p>Am 6. Juli 1881 wurde Herr E. Brugsch, mein jüngerer Bruder, und sein -arabischer Sekretär Ahmed Effendi Kamal, gleich nach ihrer Ankunft in -Theben, wohin sie sich auf Befehl des Chediws von Kairo aus begeben -hatten, von dem eben erwähnten Verräter des Versteckes, welcher -den glorreichen Namen Mohammed Ahmed Abd-er-rassul trägt, nach dem -geheimnisvollen Orte geführt. „Der altägyptische Ingenieur, bemerkt -Herr Maspero, der gegenwärtige Direktor des Museums von Bulak, welcher -einst den Versteck in dem Felsengrunde hat ausmeißeln lassen, war bei -seinem Unternehmen in der geschicktesten Weise verfahren; niemals wurde -ein Versteck besser vor Entdeckung geschützt. Die Hügelkette, welche an -dieser Stelle die Königsgräber von Bab-el-moluk von der thebanischen -Ebene scheidet, bildet zwischen dem<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> Assassif- und dem Thale der Gräber -der Königinnen eine Reihe natürlicher Kessel, von denen der bekannteste -derjenige ist, in welchem sich der Denkmalbau von Deir-el-bahari -befindet. In der Felsmauer, welche Deir-el-bahari von dem nächsten -Kessel trennt, genau hinter dem Schutthügel von Schech-Abd-el-Gurnah, -etwa 60 Meter über der bebauten Ebene, hatte man einen senkrechten -Brunnen von 11,5 Meter Tiefe gebohrt, bei einer Breite von 2 Meter. In -der Tiefe des Brunnens, an der westlichen Wand, legte man die Öffnung -zu einem Gange an, welcher 1,4 Meter breit und 80 Centimeter hoch -ist. Nach einer Ausdehnung von 7,4 Meter wendet er sich plötzlich in -die nördliche Richtung und läuft eine Strecke von ungefähr 60 Meter -weiter, nicht immer mit Beobachtung der gleichen Maßverhältnisse. An -gewissen Stellen erreicht er eine Breite von 2 Meter, an andern nur -die von 1,3 Meter. Nach der Mitte zu bereiten fünf oder sechs schlecht -ausgemeißelte Stufen auf eine deutlich wahrnehmbare Veränderung der -Bodenhöhe vor. Nach der rechten Seite liefert eine Art unvollendet -gebliebener Nische den Beweis, daß man einmal daran gedacht hatte, die -Richtung des Ganges zu verändern. Der letztere führt schließlich zu -einem länglichen viereckigen, unregelmäßigen Gemache von ungefähr 80 -Meter Länge.</p> - -<p>„Der erste Gegenstand, welcher Herrn E. Brugsch frappierte, als er bis -zur Tiefe des Brunnens hinabgestiegen war, bestand in einem weiß und -gelb ausgemalten Sargkasten, mit dem Eigennamen Nibsonu darauf. Er lag -in dem Gange, ungefähr 60 Centimeter von der Eingangsöffnung entfernt. -Ein wenig weiter davon traf er auf einen Sarg, dessen äußere Gestalt -an den Stil der 17. Dynastie (um 1800 v. Chr.) erinnerte, dann auf den -Sarg der Königin Tiua-hathor Honttaui und darnach auf den Sarg des -Königs Seti I. Über den Särgen und auf dem Boden zerstreut lagen Kästen -mit Totenstatuetten, Kanopen, Spendenkrüge aus Bronze, und ganz im -Hintergrunde, in dem Winkel, welchen der Gang<span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span> bei seiner Biegung nach -Norden bildet, das Leichenzelt der Königin Isimcheb, zusammengefaltet -und zerknittert, als ob es ein wertloser Gegenstand gewesen wäre, den -ein Priester bei seiner Hast bald hinauszukommen, nachlässig in eine -Ecke geworfen hätte.</p> - -<p>„In dem großen Gange herrschte der ganzen Länge nach dieselbe -ordnungslose Aufhäufung von Gegenständen. Man mußte kriechend vorwärts -zu kommen suchen, ohne zu wissen, wohin man die Hände legte und die -Füße setzte. Die Särge und die Mumien, bei dem matten Scheine eines -Kerzenlichtes nur flüchtig und halbwegs erkannt, trugen geschichtliche -Namen: Amenophis I., Thutmos II., in der Nische neben der Treppe: -Ahmos I. und sein Sohn Siamon, Soknunra, die Königinnen Ahhotpu, -Ahmos-Nofritari und andere. In dem Zimmer in der Tiefe hatte das -Durcheinander seinen höchsten Grad erreicht, aber man erkannte beim -ersten Blicke allenthalben den vorherrschenden Stil der 20. Dynastie. -Der Bericht Mohammed Ahmed Abd-er-rassuls, der anfänglich übertrieben -schien, war nur ein schwacher Ausdruck der Wirklichkeit. Wo ich zwei -oder drei glanzlosen Kleinkönigen zu begegnen glaubte, hatten die -Araber ein vollständiges Grabgewölbe von Pharaonen aufgegraben. Und -von welchen Pharaonen! die vielleicht allerberühmtesten der Geschichte -Ägyptens: Thutmos III. und Seti I., Ahmos der Befreier und Ramses II. -der Eroberer. Herr E. Brugsch glaubte das Spielwerk eines Traumes zu -sein, unversehens in eine ähnliche Gesellschaft hineinzufallen, und wie -er, so frage ich mich immer noch selber, ob ich wirklich nicht träume, -wenn ich sehe und berühre, was der Körper von so viel hohen Personen -war, von denen man nur die Namen zu kennen glaubte.</p> - -<p>„Zwei Stunden genügten für die erste Durchsuchung, darauf begann die -Arbeit der Bergung. Dreihundert Araber wurden durch Vermittlung des -Mudirs (Gouverneurs der Provinz) zusammengetrommelt und machten sich -ans Werk. Der Dampfer des Museums, der in größter Eile verlangt<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span> -wurde, war noch nicht angekommen; aber man hatte einen der Piloten, -Rëis Mohammed, bei der Hand, auf welchen man zählen konnte. Er stieg -in die Tiefe des Brunnens hinab und machte sich daran, den darin -befindlichen Inhalt hervorzuholen. Herr Emil Brugsch und Ahmed -Effendi Kamal übernahmen die Gegenstände, je nachdem sie aus der -Erde hervortraten, trugen sie bis zum Fuße des Hügels und legten -sie reihenweise nebeneinander hin, ohne in ihrer Überwachung einen -Augenblick nachzulassen. Achtundvierzig Stunden energischer Arbeit -waren erforderlich, um alles hervorzuholen. Aber die Aufgabe war nur -zur Hälfte gelöst. Der Leichenzug der alten Pharaonen in ihren Särgen -mußte seinen Weg mitten durch die thebanische Ebene nehmen, um jenseits -des Nils bis zu dem Dorfe Luxor zu gelangen. Mehrere von den Särgen, -welche zwölf bis sechzehn Männer kaum zu tragen vermochten, brauchten -sieben bis acht Stunden von dem Gebirge aus bis zum Flusse. Dabei wird -man sich leicht vorstellen können, was dieser Weg bei dem Staube und -der Julihitze bedeuten mußte.</p> - -<p>„Endlich gegen Abend des 11. Juli waren alle Mumien und Särge in Luxor -bei einander, sorgfältig eingewickelt in Matten und Leinenzeug. Drei -Tage später kam der Dampfer des Museums an. Nachdem die notwendige -Zeit für die Verladung nach Bulak verstrichen war, kehrte er sofort -mit seiner Fracht von Königen nach Bulak zurück. Und sonderbar! von -Luxor an bis zur Stadt Kuft hin, auf beiden Uferseiten des Nils, -folgten die Fellahfrauen mit aufgelöstem Haare und unter Klagegeschrei -dem Dampfer und die Männer feuerten Flintenschüsse ab, wie es bei -Leichenbegängnissen ihre Gewohnheit ist. Mohammed Ahmed Abd-el-russul -hat sich 500 Pfund Sterling verdient und ich habe ihn zum Aufseher -der Nachgrabungen in Theben ernennen zu müssen geglaubt. Wenn er dem -Museum mit gleicher Geschicklichkeit dient, wie er lange Zeit hindurch -demselben schlechte Dienste geleistet hat, so können wir noch auf -einige schöne Entdeckungen hoffen. — Mit so thätigen und ergebenen -Leuten als die sind, welche<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> ich gegenwärtig habe, ist es mir wohl -erlaubt, glaube ich, auf Erfolg im voraus zu rechnen. Die Energie -des Herrn Emil Brugsch, den Schwierigkeiten und mehr als das, den -wirklichen Gefahren der Lage gegenüber, ist keinen Augenblick ermattet. -Weder er, noch Ahmed Effendi Kamal, haben sich bis jetzt von ihren -Anstrengungen völlig erholt. Es ist mir angenehm, ihnen öffentlich -für den ausgezeichneten Dienst zu danken, den sie dem Museum und der -Wissenschaft erwiesen haben.“</p> - -<p>Die nach dieser lebendigen Schilderung folgende allgemeine Beschreibung -der gefundenen Altertümer giebt eine historische Übersicht der -Funde, die in zwei große Klassen unterschieden werden. Zur ersten -gehören ungefähr zwanzig Särge, zum größten Teil bereits im Altertume -ausgebessert oder zerbrochen — sie lassen den Stil der 18. und 19. -Dynastie erkennen — zur letzteren die Särge, welche ein gleichförmiges -Äußeres zeigen und der 20. Dynastie entstammen. Ich lasse die -Aufzählung der einzelnen nachstehend folgen.</p> - -<p>Särge der ersten Gruppe:</p> - -<p>1. Sarg des Königs Soknunra Tinaken der 17. Dynastie. Die Mumie des -Königs (1,85 Meter lang) ist in einen groben Stoff eingewickelt, ohne -eine sichtbare Aufschrift.</p> - -<p>2. Sarg der Dame Raai, Amme der Königin Nofritari. Die Mumie ist aus -demselben verschwunden und ersetzt durch den Körper der „Königin-Mutter -Ansri“, eine Zeitgenossin des vorhergenannten Königs. Länge desselben -1,8 Meter.</p> - -<p>3. Sarg des Königs Ahmos I. samt der Mumie (1,67 Meter lang).</p> - -<p>4. Riesiger Sarg (3,17 Meter lang) der Königin Nofritari, Gemahlin des -Königs Ahmos I., samt dem zugehörigen Einsatz. Mumie der Königin 1,68 -Meter lang.</p> - -<p>5. Sarg des Königs Amenhotpu I. (Amenophis) samt der Mumie. Letztere -1,65 Meter lang.</p> - -<p>6. Sarg mit der Mumie des Prinzen Siamun, ältesten Sohnes des Königs -Ahmos I. Länge der Mumie 0,9 Meter.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span></p> - -<p>7. Sarg der Prinzessin Sitamun.</p> - -<p>8. Sarg des „Majordomus der Königin“ Sonu, später für die Königin -Miritamun bestimmt.</p> - -<p>9. Sarg mit der Mumie der Prinzessin Sitka (1,58 Meter lang), zugleich -als „Mutter eines Königs und als Schwester und Hauptgemahlin des -Königs“ bezeichnet.</p> - -<p>10. Sarg mit der Mumie der Königin Honttimhu, Tochter des Pharao -Amenophis I.</p> - -<p>11. Sarg einer Prinzessin Namens Mashonttimhu, vielleicht der Tochter -der Vorhergehenden.</p> - -<p>12. Sarg der Königin Ahhotpu. Länge der Mumie 1,56 Meter.</p> - -<p>13. Sarg des Königs Thutmos I. mit der Mumie Königs Pinotem. Der Körper -des Erstgenannten nicht mehr vorhanden.</p> - -<p>14. Sarg und Mumie (1,77 Meter lang) Königs Thutmos II.</p> - -<p>15. Kleiner Holzkasten, mit Elfenbein ausgelegt, auf den Namen der -Königin Haitschepsu lautend.</p> - -<p>16. Sarg und die in drei Stücke zerbrochene Mumie des großen Eroberers -Thutmos III.</p> - -<p>17. Sarg, ehemals die Mumie des Königs Ramses I. enthaltend. Letztere -noch nicht wiedererkannt.</p> - -<p>18. Sarg und Mumie (1,75 Meter lang) Königs Seti I., Vaters des großen -Sesostris.</p> - -<p>19. Sarg und Mumie (1,8 Meter lang) Pharaos Ramses II. — Sesostris der -Griechen — Adoptivvaters des jüdischen Gesetzgebers Moses.</p> - -<p>Außer diesen königlichen Särgen und Mumien sind mehrere andere von -hohen Beamten gefunden worden, sowie eine Menge verschiedenartigster -Gegenstände, welche derselben Periode angehören.</p> - -<p>Die zweite Gruppe der königlichen Särge und Mumien gehören der 20. -Dynastie an (1100–1000 v. Chr.), in welcher die „Oberpropheten des -Amon“, der Lokalgottheit<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> Thebens, sich auf den Thron gesetzt hatten. -Es sind dies die sogenannten Priesterkönige, Zeitgenossen Davids und -Salomos. Die aufgefundenen Särge und Mumien der verschiedensten Glieder -dieser Priesterfamilie sind der Reihe nach folgende:</p> - -<p>1. Sarg und Mumie der Königin Notemit (1,65 Meter lang).</p> - -<p>2. Sarg Königs Pinotem, die Mumie darin 1,54 Meter lang.</p> - -<p>3. Sarg des Oberpropheten und Generals Pinotem. Die Mumie 1,72 Meter -lang.</p> - -<p>4. Sarg und Mumie der Königin Tiua-hathor Honttaui (1,55 Meter lang).</p> - -<p>5. Sarg und Mumie des Oberpropheten und Generals Masahirti (1,7 Meter -lang).</p> - -<p>6. Sarg und Mumie der Königin Makera (1,5 Meter lang) und ihrer bei der -Geburt gestorbenen Tochter Mutemhat (0,42 Meter lang).</p> - -<p>7. Sarg und Mumie der Königin Isimcheb (1,62 Meter lang).</p> - -<p>8. Sarg und Mumie einer Sängerin des Amon (1,62 Meter lang), Namens -Tanhirit.</p> - -<p>9. Sarg des Richters und Schreibers Nibsoni.</p> - -<p>10. Sarg der Prinzessin Nsi-chonsu (Mumie 1,66 Meter lang).</p> - -<p>11. Drei Särge (eingeschachtelt) mit der Mumie (1,77 Meter lang) des -Prinzen Zotptahefanch.</p> - -<p>Schließlich drei Särge, deren einstige Besitzer sich nicht nachweisen -lassen.</p> - -<p>Während die Särge der ersten Gruppe fast gar keine Gegenstände des -Totenkultus in ihrer Umgebung erkennen lassen, zeichnen sich die -eben aufgezählten durch den Reichtum ihrer besonderen Ausstattung -aus. Kisten voller Totenstatuetten, Spendenkrüge, Becher aus buntem -Glase, Körbe voller Perücken, andere mit einbalsamiertem Fleische -von Opfertieren, Früchte, Kanopen, Totenleinwand und vieles andere -mehr ward neben und auf den einzelnen Särgen aufgefunden. Selbst eine -einbalsamierte Gazelle, das Lieblings<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>tier einer der Prinzessinnen, -fand sich in einem Sargkasten in dem unterirdischen Verstecke vor.</p> - -<p>Die sehr natürliche Frage, wie es komme, daß die Särge und Mumien der -oben genannten Könige der ersten Gruppe, deren heute offen stehende -Gräber von allen Reisenden in dem Königsgräberthale von Bab-el-meluk -besucht und bewundert werden, in diesem unterirdischen Versteck neben -den späteren Priesterkönigen der 20. Dynastie ihren letzten Ruheplatz -gefunden haben, wird von Herrn Maspero scharfsinnig in einer Weise -beantwortet, der man seine Zustimmung nicht versagen dürfte. Es ist -bewiesen durch vorhandene schriftliche Zeugnisse, daß in den Zeiten -der 20. Dynastie, zwischen 1200 und 1100 v. Chr., mit dem beginnenden -Verfall der ägyptischen Großmacht die zunehmende Verarmung der einst so -reichen Bevölkerung Thebens ganze Banden von Diebsgenossen erzeugte, -welche es sich zur Aufgabe stellten, die Gräber der alten Könige zu -öffnen, die Mumien derselben ihrer Schmucksachen zu berauben und die -darin enthaltenen Gegenstände von Wert zu stehlen. Unter den letzten -Ramessiden nahm diese Raublust bereits bedenkliche Dimensionen an. Die -Diebe hatten sich in mehrere Gräber den Eingang zu verschaffen gewußt, -daraus geplündert, was zu plündern war und selbst die Heiligkeiten -der königlichen Leichen nicht geschont, indem sie dieselben in -Stücke gebrochen oder mit sich fortgeschleppt hatten. Unter den -Priesterkönigen stand das Diebsgewerbe in den Königsgräbern im höchsten -Flor. Zeitweise wurden deshalb von den erwähnten Königen Kommissionen -ernannt, welchen die Aufgabe zufiel, die Gräber zu untersuchen und die -zerfallenen oder beschädigten Teile der Särge restaurieren zu lassen. -Einzelne Inschriften auf den gefundenen Särgen der Könige der älteren -Epoche bezeugen diese Thatsache ausdrücklich. Schließlich blieb nichts -anderes übrig, als die Särge und Leichen der Pharaonen, welche sich in -dem weit abgelegenen, schwer zu bewachenden Totenthale von Bab-el-moluk -in ihrem ehemaligen Hypogeen befanden, nach der<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span> thebanischen Ebene zu -überführen und sie in dem sehr wohlversteckten, wenn auch bescheidenen -Familiengrabe der Priesterkönige in Deir-el-bahari ein für allemal vor -Beraubung und Beschädigung zu schützen. Hier fanden die großen Pharaone -mitten unter den einzelnen Mitgliedern der Familie der Priesterkönige -drei Jahrtausende lang ihre Ruhestätte, bis auch sie wieder von den -modernen Thebanern aufgespürt wurden, um zuletzt in gemeinsamer -königlicher Gesellschaft die Wanderung auf dem Dampfer nach dem Museum -in Bulak anzutreten.</p> - -<p>Einer mehr als wunderbaren Fügung des Schicksals verdanken wir die -Erhaltung und Auffindung der irdischen Überreste einer ganzen Reihe -königlicher Personen, von denen mehrere durch ihren Ruhm die Welt -erfüllt hatten und deren Gedächtnis bis zu den Zeiten des klassischen -Altertums, wenn auch in sagenhaftem Gewande, treu bewahrt war. Ist -auch der geschichtliche Gewinn, welcher mit diesem kostbaren Funde in -Verbindung steht, kein so bedeutender, wie man ursprünglich zu erwarten -berechtigt war, so müssen dennoch die aufgefundenen königlichen Leiber -als geschichtliche Reliquien ersten Ranges gelten, denen sich der Sohn -der Neuzeit nur mit höchster Achtung nahen sollte. Gegenüber den Mumien -eines Thutmes III. und eines Ramses-Sesostris hört das Staunen auf -und das Gefühl unbeschreiblichster Ehrfurcht tritt an seine Stelle. -Alle Zeitunterschiede scheinen im Anblick jener leibhaftigen Gestalten -wie ausgelöscht und man möchte den Historiker Lügen strafen, welcher -erzählt, daß mehr als dreitausend Jahre uns von den Zeiten jener Könige -trennen, deren Körper wir mit unseren Händen berühren.</p> - -<p>Die Ägypter, wie ich zum Schlusse es noch ausführen möchte, waren -durchaus keine Trappisten, wie man nach Schilderungen einzelner -Schriftsteller des Altertums zu glauben berechtigt ist. Weil sie aber -ein weises und kluges Volk waren, räumten sie der heiteren Seite des -Daseins und den unschuldigen Freuden des Lebens einen weiten Platz -neben dem Glauben an die feste Stütze ihrer Gottesverehrung und<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> an die -Fortdauer der menschlichen Seele nach dem Tode ein. Die fast übermütige -Heiterkeit des Gemütes der alten Ägypter spricht sich deutlich in den -Darstellungen und Inschriften aus, welche die Wände der Grabkapellen zu -bedecken pflegten und welchen sämtlich der Gedanke zu Grunde lag, daß -die Gottheit die Freuden des Daseins geschaffen habe, um sie während -des Daseins zu genießen. Als der griechische Reisende Herodot um die -Mitte des fünften Jahrhunderts v. Chr. Ägypten besuchte und im Verkehr -mit den damaligen Bewohnern des Landes vielfach Gelegenheit hatte, -ihre Sitten und Gewohnheiten kennen zu lernen, entging ihm nicht die -eigentümliche Art und Weise, in welcher sie selbst bei den Gastmahlen -zum Genuß der Lebensfreude sich auffordern ließen. „Bei den Gastgeboten -ihrer Reichen,“ so erzählt der Grieche, „trägt ein Mann, wenn sie -abgegessen haben, in einem Sarge ein hölzernes Totenbild herum; das -ist sehr natürlich bemalt und gearbeitet und ist gewöhnlich eine Elle -groß oder auch zwei Ellen und zeigt es einem jeglichen der Gäste und -spricht: Betrachte diesen und dann trink und sei fröhlich, denn wenn du -tot bist, so wirst du sein gleichwie dieser. Also thun sie bei ihren -Gastgelagen.“</p> - -<p>Als der griechische Genius die leuchtende Fackel der Aufklärung -schwang und eine neue Welt und ein neues geistiges Leben den uralten -Glauben der ägyptischen Altvorderen zurückdrängte in die steinernen -Denkmäler der Vorzeit, da fand die Lehre von der Zukunft des Menschen -ihren herbsten und trübsten Ausdruck in der oftmals ausgesprochenen -Überzeugung von dem Ende des Daseins nach dem Tode ohne die fröhliche -Hoffnung auf ein Fortleben in der Welt des Jenseits. Die Ägypter waren -irre geworden an ihrem Glauben, denn das griechische philosophische -Wissen hatte den Zweifel in ihre Herzen eintreten lassen. Die -Inschriften dieser Zeit gestatten uns bisweilen Einblicke in die -veränderte Anschauung von dem Leben nach dem Tode, die uns durch Form -und Inhalt noch heutigen Tages auf das höchste überraschen müssen. -Ich erinnere vor allem an den Schwanengesang einer vor<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>nehmen, -schönen und geistvollen Ägypterin Namens Taimhotep, die im Alter -von dreißig Jahren im Jahre 42 v. Chr. zu Memphis als die Gattin -des Oberpriesters Paschirenptah gestorben war. Ihr eigener Bruder -Imhotep, ein gelehrter Priester von derselben Stadt Memphis, widmete -ihr ein besonderes Denkmal, welches gegenwärtig in Paris aufbewahrt -wird. Die auf demselben befindliche Inschrift legt gegen den Schluß -der verstorbenen Dame die folgenden an ihren hinterbliebenen Mann -gerichteten Worte in den Mund: „O, mein Bruder und mein Gatte und mein -Freund, du Oberpriester von Memphis! Höre nimmer auf zu trinken und zu -schmausen, dich zu berauschen in süßer Minne und fröhliche Feste zu -feiern. Handle nach dem Wunsche deines Herzens und laß nicht eintreten -die Bekümmernis in deine Seele, so viel der Jahre du noch auf Erden -weilen wirst. Denn der Westen (die Stätte der Toten) ist eine Welt voll -Schlaf und Finsternis, ein schwerer Sitz für die Toten. Sie schlummern -darin in ihrer leibhaftigen Körpergestalt und wachen nicht auf, um -ihre Geschwister zu schauen. Sie erkennen nicht ihren Vater noch ihre -Mutter und leer ist ihr Herz von der Sehnsucht nach ihren Weibern -und nach ihren Kindern. Das lebendige Wasser auf Erden ist für jeden -bestimmt, welcher darauf lebt. Nur ich durste nach dem Wasser, welches -zu dem kommt, der auf der Erde weilt. Ich durste und das Wasser ist mir -nahe, aber ich vermag nicht mehr zu erkennen, wo ich bin, seitdem ich -betreten habe diese Grabeswelt.</p> - -<p>„Reiche mir Wasser, der du eintrittst, sprich zu mir: niemals bleibe -dir fern das Wasser! wende mein Angesicht nach der Nordseite am Ufer -des Stromes und laß sich abkühlen mein Herz in seinem Leide. Hier -weilt ein Gott, dessen Name All-Tod-kommt lautet, denn er ruft alle -zu sich und sie kommen zu ihm und geben ihre Seele dahin angsterfüllt -vor seinem Schrecken. Nicht schaut er sie an, ob sie göttliche oder -menschliche Wesen sind. Groß und Klein ist in seiner Hand und niemand -vermag sich seiner zu erwehren.“</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span></p> - -<p>Die Inschrift mit ihrer Grabesmelancholie ist echt ägyptisch, denn -ein gelehrter Priester von Memphis war ihr Verfasser, aber der alte -Geist und der Glaube der ägyptischen Vorzeit spricht nicht mehr aus -ihr. Tiefe Verzweiflung eines zerrissenen Herzens ist der Grundton des -ganzen Textes, der sich an das Irdische anklammert, um die Qualen des -Todes zu vergessen. Der Glaube der Väter war durch die griechische -freie Forschung auf das ärgste erschüttert worden. Ägypten hatte damit -den Todesstoß empfangen, der seinem geistigen Dasein ein jähes Ende -bereitete. Nur die steinernen Inschriften und die erhaltenen Leiber der -Vorfahren sind heutzutage die einzigen Zeugen, daß einstmals jener alte -Glaube von der Kraft der vollsten Überzeugung gehalten und getragen -ward. Und darin liegt die geistige Bedeutung der ägyptischen Funde.</p> - -<div class="figcenter"> - <a id="illu-170" name="illu-170"> - <img class="mtop1" src="images/illu-170.jpg" alt="Skarabäus" /></a> -</div> - -<div class="chapter"> - -<h2 class="nobreak" id="Die_grossen_Ramessiden">Die großen Ramessiden.</h2> - -</div> - -<p>Das in diesem Jahre ausgegebene Bulletin des ägyptischen Institutes -zu Kairo (2. Folge Nr. 7) enthält das genaue Protokoll, welches in -Gegenwart des Vicekönigs von Ägypten, seiner Minister und einer Anzahl -hochgestellter Persönlichkeiten, darunter Sir Henry Drummond Wolf bei -der Eröffnung der Mumien der Könige Ramses II. (des bekannten Sesostris -der klassischen Schriftsteller) und Ramses III. aufgenommen und amtlich -publiziert worden ist. Es trägt als Datum den 1. Juni 1886, 9 Uhr -morgens.</p> - -<p>Die erwähnten, zu Theben in Der-el-Bahari in einem Massengrabe -entdeckten Mumien, welche heute zu Tage im Museum von Gizeh nebst -den übrigen Mumien königlicher<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span> Herkunft aufbewahrt werden, tragen -die Nummern 5229 und 5233. Eine Inschrift in schwarzer Tinte auf der -äußeren Leichenumhüllung, in der Brustgegend, der Mumie Nr. 5233, -setzte die Thatsache außer Zweifel, daß der einbalsamierte Körper -wirklich der Person des weltberühmten Sesostris angehört habe. Das -Protokoll fährt nach dieser Feststellung wörtlich fort: „Nachdem -das Vorhandensein dieser Inschrift durch S. H. den Chediw und die -Versammlung der hochgestellten Personen im Saale beurkundet war, wurde -die erste Umhüllung beseitigt und man entdeckte nach und nach eine -Zeugbinde von etwa 0,20 Meter Breite, mit welcher der Körper umwickelt -war, darauf ein zweites genähtes Leichentuch, von Stelle zu Stelle -durch schmale Streifen zusammengehalten, dann zwei Lagen von Binden -und ein Stück feiner Leinwand, das vom Kopf bis zu den Füßen reichte. -Eine Abbildung der Himmelsgöttin Nuit, ungefähr ein Meter lang, ist -mit roter und schwarzer Farbe darauf gezeichnet, wie es das Ritual -vorschreibt. Das Profil der Göttin ist dem reinen und zarten Profil -Königs Seti I. (Vaters Ramses II.), wie es die Denkmäler von Theben -und Abydus zeigen, bis zum Verwechseln ähnlich. Ein neuer Streifen -befand sich unter diesem Schutzbilde, darauf eine Leinwandlage, welche -viereckig zusammengelegt war und Flecken der harzigen Substanz zeigte, -deren sich die Einbalsamierer bedient hatten. Als man dieselbe beiseite -geschoben hatte, kam Ramses II. zum Vorschein.</p> - -<p>„Er ist groß, wohl gebildet und von vollständigem Ebenmaß (1,72 Meter -lang). Der Kopf ist länglich, doch klein im Verhältnis zum ganzen -Körper. Der oberste Teil des Schädels liegt ganz bloß. Die Haare, -spärlich an den Schläfen, verdichten sich nach dem Nacken zu und -bilden förmliche glatte und regelrechte Flechten von etwa 0,05 Meter -Länge. Weiß im Augenblick des Todes, haben sie durch den Einfluß der -Spezereien eine hellgelbe Farbe angenommen. Die Stirn ist niedrig, -schmal, die Augenbrauen treten im Bogen her<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>vor, das Auge ist klein, -die Nase lang, dünn, gradlaufend wie die Nase der Bourbonen, leicht -eingepreßt durch den Druck bei der Umwickelung, die Schläfen sind -hohl, der Backenknochen hervorspringend, das Ohr rund und vom Kopf -abstehend, die Kinnlade stark und mächtig, das Kinn sehr lang. Der -breit gespaltene Mund ist von dicken, fleischigen Lippen eingefaßt; -er war mit einer schwarzen Masse angefüllt, von welcher ein mit dem -Meißel abgelöster Teil einige sehr abgenutzte und bröcklige, aber -weiße und wohl gehaltene Zähne erkennen ließ. Der dünne und während -der Lebenszeit sorgfältig rasierte Bart war während der letzten -Krankheit oder nach dem Tode gewachsen; die einzelnen Haare, weiß wie -das Kopfhaar, aber hart und stachlig, sind zwei bis drei Millimeter -lang. Die Haut ist von erdfahler gelber Färbung, mit schwarzen Flecken -darauf.“</p> - -<p>Alles zusammen genommen giebt das Gesicht der Mumie eine deutliche -Vorstellung von dem Gesicht des lebenden Königs: ein wenig -intelligenter Ausdruck mit einem leichten Anflug von Bestialität, -aber Stolz, Eigensinn und ein Aussehen souveräner Majestät, welches -noch unter der Einbalsamierungsschicht hervorbricht. Der übrige Teil -des Körpers ist nicht weniger gut erhalten als der Kopf, doch hat -die Verminderung der Fleischmasse das äußere Aussehen desselben weit -beträchtlicher verändert. Der Hals hat nur noch den Durchmesser der -Wirbelsäule. Die Brust ist breit, die Schultern sind hoch, die Arme -über die Brust gekreuzt, die Hände fein und mit der Hennepflanze rot -gefärbt, die Nägel sehr schön, bis zum Fleische hin beschnitten und -so sorgfältig gehalten wie die einer eleganten Dame. Schenkel und -Beine sind eingetrocknet, die Füße lang, dünn, etwas platt und wie die -Hände mit Henne gefärbt. Die Knochen sind schwach und gebrechlich, die -Muskeln infolge des zunehmenden Greisenalters geschwunden; man weiß in -der That, daß Ramses II. viele Jahre lang mit seinem Vater Sati I., 67 -Jahre allein regierte und somit beinahe als Hundertjähriger sterben -mußte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span></p> - -<p>Die Aufwickelung und Untersuchung der Mumie des Königs hatte kaum -eine Viertelstunde Zeit in Anspruch genommen. Nach einer Pause von -wenigen Augenblicken wurde gegen 10 Uhr die Mumie Nr. 5229 aus ihrem -Glasbehälter herbeigeholt. Sie war in sauberer Weise mit einem -orangefarbigen Zeugstoff umhüllt, der durch Binden aus gewöhnlicher -Leinwand zusammengehalten war. Sie trug keine sichtbare Inschrift, man -erblickte nur um den Kopf herum eine mit mystischen Figuren bedeckte -Binde. Nach Beseitigung des orangefarbigen Stoffes gewahrte man auf -dem Leichentuche aus weißer Leinwand, welches unmittelbar darunter -lag, eine vierzeilige Inschrift: „Im Jahre 13, am 28. des zweiten -Sommermonats, an diesem Tage kamen der erste Prophet des Götterkönigs -Ammon Namens Pinotem, Sohn des ersten Ammonspropheten Pionch, der -Tempelschreiber Zosersuchonsu und der Schreiber der Totenstadt -Butehamon, um den verstorbenen König Usirmari-Mianum (Ramses III.) in -seinem ehemaligen Zustand wieder herzustellen und ihn in Ewigkeit hin -dauernd zu erhalten.“ Was man anfänglich für eine Königin (Nofritari) -gehalten hatte, war somit die Leiche Ramses III. Nach Aufklärung -dieses Punktes wurde Ramses III. auf seine Füße gestellt und in -seiner Wickeltracht photographisch abkonterfeit. So kurze Zeit die -Aufnahme erforderte, so lang erschien sie den gespannten Zuschauern. -Die Aufwickelung eines der großen Eroberer der ägyptischen Geschichte -begann inmitten allgemeiner Ungeduld. Alle hatten ihre Plätze verlassen -und drängten sich unterschiedslos an die Operateure heran.</p> - -<p>Drei Bindelagen verschwanden schnell, dann bereitete eine mit Pech -durchtränkte Lage von zusammengenähtem Cannevas ein Hindernis, das -mit Hilfe des Meißels beseitigt wurde. Mitten durch die entstandenen -Öffnungen waren neue Zeuglagen sichtbar. Die Mumie schien sich -endlich unter den Händen aufzuschälen. Einige Leinwandstücke trugen -Darstellungen und Inschriften mit schwarzer Tinte: der Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> Amon sitzt -auf seinem Throne und eine Zeile Hieroglyphentext darunter belehrt uns, -daß eine fromme Person der Zeit oder eine Prinzessin aus königlichem -Blute sie habe herstellen und anbringen lassen. Die Inschrift -lautet: „Von der Sängerin des Götterkönigs Amon, des Sonnengottes -Faïlâ-atuimut, der Tochter des ersten Amonspropheten Piônch, auf -daß der Gott ihr Leben, Gesundheit und Stärke schenken möge.“ Zwei -Brustschilder lagen in den Falten des Zeugstoffes versteckt. Das erste, -aus vergoldetem Holze, zeigte nur die gewöhnliche Darstellung der -Göttin Isis und Nephthys, welche die Sonne anbeteten. Das andere war -aus reinem Golde und gehörte Ramses III. an. Eine letzte Schicht aus -verpichtem Cannevas, ein letztes Leichentuch aus rotem Zeugstoff und -die lebhafteste Enttäuschung malte sich in den Zügen aller Umstehenden: -das Gesicht war in eine feste Masse von Teer getaucht, welche das -Erkennen des Gesichts unmöglich machte. Um 11 Uhr 20 Minuten verließ -der Chediw den Saal.</p> - -<p>Die Operationen wurden am Nachmittag desselben Tages wieder aufgenommen -und am Morgen des 3. Juni fortgesetzt. Eine neue Untersuchung der -Binden ließ Inschriften auf zweien unter denselben erkennen. Die eine -datiert vom Jahre 9, die zweite vom Jahre 10 des Oberpriesters Amons -und Königs Pinotmu I. Das Pech, von einem Bildhauer am Museum durch -vorsichtige Meißelhiebe losgelöst, verschwand allmählich. Die Züge -sind weniger gut erkennbar als die Ramses II.; man kann indes bis zu -einem gewissen Punkte das Porträt des Eroberers wieder zusammenstellen. -Kopf und Gesicht sind fast vollständig abrasiert und zeigen keine -Spur von Haar oder Bart. Die Stirn, ohne weder sehr breit noch sehr -hoch zu sein, hat bessere Verhältnisse als die Ramses II.; der Bogen -der Augenbrauen ist weniger stark, die Backenknochen springen weniger -hervor, die Nase ist weniger gekrümmt, Kinn und Kinnbacken weniger -schwer. Die Augen waren vielleicht größer, aber man kann nichts darüber -fest behaupten. Die Augenlider waren ausgerissen gewesen, die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> Höhlung -ausgeleert und nachher mit Lappen ausgefüllt. Das Ohr steht weniger -vom Schädel ab als bei Ramses II., es ist durchbohrt zum Tragen von -Ohrgehängen. Der Mund ist über Gebühr groß, die dünnen Lippen lassen -weiße und gute Zahnreihen erkennen; der erste Backzahn auf der rechten -Seite scheint halb zerbrochen oder schneller abgenutzt als die andern -gewesen zu sein. Der starke und muskulöse Körper gehört einem Manne -von 60 oder 65 Jahren an. Die runzelige Haut bildet hinten am Nacken, -unter dem Kinn, an den Hüften und an den Gelenken außerordentlich große -Falten, welche übereinander gelagert sind; der König war im Augenblicke -des Todes fettleibig.</p> - -<p>Kurz, Ramses III. gleicht einer Nachahmung Ramses II. in verkleinertem -und weicherem Maßstabe; die Physiognomie ist feiner, überhaupt -intelligenter, aber der Wuchs ist weniger hoch, die Schultern weniger -breit, die Stärke war geringer. Was er selbst der Person Ramses II. -gegenüber, das ist seine Regierung der Regierung Ramses II. gegenüber: -Feldzüge, nicht mehr auswärts, in Syrien oder Äthiopien, sondern an -den Mündungen des Niles und an den Grenzen Ägyptens, Bauten, aber in -schlechtem Stil und eilig ausgeführt, ein frommes Gepränge, aber mit -weniger Mitteln, eine unbändige Eitelkeit und ein solches Verlangen es -in allem seinem berühmten Vorgänger nachzuthun, daß er selbst seinen -Söhnen und beinahe in derselben Reihenfolge die Namen der Söhne Ramses -II. gab.</p> - -<p>Die Mumien beider Könige befinden sich gegenwärtig in ihren Särgen -in einem Glaskasten des Museums von Gizeh in der Nähe von Kairo. Das -Gesicht liegt frei und die berühmten Könige und Eroberer, deren Kriege -und Siege im vierzehnten und dreizehnten Jahrhundert vor dem Beginn -unserer Zeitrechnung die Wände ihrer noch erhaltenen Tempel in Theben -schmückten, müssen es sich gefallen lassen, von neugierigen Reisenden -als merkwürdige Antika betrachtet zu werden.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Pyramiden_mit_Inschriften">Pyramiden mit Inschriften.</h2> - -</div> - -<p>Es ist heute eine ausgemachte Thatsache, daß die weltberühmten -Pyramiden Ägyptens, welche sich in einer Ausdehnung von etwa fünf -geographischen Meilen auf dem Ostrande der libyschen Wüste entlang -ziehen, westlich von der untergegangenen Hauptstadt Memphis, den -ältesten Königen der Welt einst als Grabstätten dienten. Über ihre -Bauart und ihre Steinmassen ist kaum noch ein Wort zu verlieren. -Bemerken wir nur nebenher, daß die größte derselben sich eines -kubischen Inhalts von ungefähr sieben Millionen Schiffstonnen rühmen -darf und das ist keine Kleinigkeit, mit einem Worte wir wissen, daß -ihr massiger Bau darauf berechnet war, für die Leichen der Könige -unzugängliche und unzerstörbare Grabkammern zu schaffen, deren Dauer -in Ewigkeit hin bestehen sollte. Die Gänge und zwar von der Nordseite -her, welche in das Innere der merkwürdigen Bauten bis zur Grabkammer -führten, wurden an verschiedenen Stellen durch gewaltige Blöcke von -Granit wie durch Fallgatter abgeschlossen, so daß es, besonders bei den -größeren, gewaltiger Arbeiten bedarf, um den freien Eintritt wieder zu -öffnen.</p> - -<p>Die ersten Araber, die nach der Besitznahme Ägyptens den Pyramiden ihre -Aufmerksamkeit schenkten und ihren Besuch abstatteten, standen in dem -Glauben, daß die ehemaligen Könige des Landes in den sonderbaren Bauten -nur ihre Schätze verborgen haben konnten und sie scheuten deshalb -weder Mühe noch Kosten, um jene Schätze zu heben. Freilich wurden sie -in ihren Erwartungen gründlich getäuscht, denn sie entdeckten in dem -innersten hohlen Kern der Pyramiden nur die einbalsamierten Leichen der -königlichen Erbauer und statt des gehofften kostbaren Nachlasses fanden -sie wenige Schmucksachen, Bildsäulen und Gegenstände des Totenkultus -vor, denen allerdings heutigentags ein archäologisch<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> hoher Wert -zugeschrieben werden dürfte. Aber was wußte man im neunten und den -unmittelbar darauf folgenden Jahrhunderten von der wissenschaftlichen -Bedeutung derartiger Schätze des grauesten Altertums?</p> - -<p>Unsere junge und jüngste Zeit denkt anders darüber und die -eingehendsten Untersuchungen über den Bau und die königlichen Erbauer -so gewaltiger Grabdenkmäler haben bis zur Stunde die gelehrte Welt mit -der Lösung noch mancher rätselhaft gebliebener Dunkelheiten darüber -beschäftigt.</p> - -<p>Es muß jedoch ein Übelstand an dieser Stelle hervorgehoben werden, -welcher anfangs den Forschungen auf diesem Gebiete besondere -Schwierigkeiten in den Weg legte, ich meine den Mangel jeder -inschriftlichen Überlieferung an der Außenseite oder im Innern der -pyramidalen Bauwerke, welche Auskunft über die Namen und die Geschichte -der königlichen Urheber oder über die Ansichten der ältesten Ägypter -über das Leben nach dem Tode in Verbindung mit der Person des -verstorbenen Pharao hätten geben können. Mit Ausnahme einiger weniger -Einzelheiten, die indes auf die richtige Spur mehrerer königlicher -Erbauer geleitet haben, ist so gut wie nichts an und in den Pyramiden -entdeckt worden, bis endlich im Jahre 1880 eine ganze Gruppe dieser -Grabdenkmäler ihr lang bewahrtes Stillschweigen brach und die -beschriebenen Steinwände ihren Mund öffneten.</p> - -<p>Ehe ich darauf näher eingehe, will ich es nicht mit Stillschweigen -übergehen, daß wir einem alten griechischen Schriftsteller, dem Vater -der Geschichte, Herodot, die merkwürdige Angabe verdanken, daß sich an -der Außenseite der größten aller Pyramiden, der des Königs Cheops, noch -zu seiner Zeit, d. h. in der Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christi -Geburt, eine Inschrift befunden habe, welche angeblich vermeldete, wie -viel an Rettichen, Zwiebeln und Knoblauch für die Arbeiter beim Bau -der Pyramiden darauf gegangen sei, nämlich nach griechischem Geldwerte -1600 Talente Silbers oder 7544000 Mark. Da nach seinem Berichte -zwanzig<span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> Jahre bis zur Vollendung der Pyramiden verstrichen waren, so -hatten sich die täglichen Zehrungskosten auf nicht weniger als 1048 -Mark belaufen, eine Summe, welche bei den billigen Preisen für die -erwähnten Lebensmittel vor mehr als 5000 Jahren im Lande Ägypten eine -außerordentlich große Zahl von Bauleuten voraussetzt. Aber die ganze -Geschichte ist nicht einmal wahr, da auf keinem ägyptischen Denkmale -eine ähnliche offizielle Überlieferung der Altzeit nachweisbar ist. -Der Dolmetscher, welcher Herodot begleitete, hatte ihm eine Lüge -aufgebunden und die Erklärung irgend einer Inschrift, deren Inhalt -er selber nicht zu entziffern vermochte, in unverschämter Weise -ausgesonnen.</p> - -<p>Im Januar des Jahres 1880 hatte der damals noch lebende Generaldirektor -des ägyptischen Museums in Kairo, mein im folgenden Jahre verstorbener -Freund Mariette Pascha die Öffnung einer jener verfallenen kleineren -Pyramiden angeordnet, welche die Gruppe von Sakkarah bilden. Das -also genannte Dorf liegt östlich davon, dicht am Rande der Wüste. -<em class="gesperrt">Mariettes</em> Gesundheit war damals bereits in so hohem Grade -erschüttert, daß er nicht mehr in der Lage war, den etwa vierstündigen -Weg nach dem Standorte der Pyramide zurückzulegen. Er überließ es daher -den findigen Arabern in seinem Dienste die Arbeit ohne europäische -Leitung auszuführen. Die wackeren Leute entledigten sich dieser -Aufgabe in trefflichster Weise, denn trotz aller Schwierigkeiten, -die sich ihnen in dem Haupteingange entgegenstellten, drangen sie -bis zur eigentlichen Grabkammer vor. Sie überzeugten sich zwar, daß -dieselbe etwa tausend Jahre früher von ihren eigenen Landsleuten in -Sakkarah bereits durchbohrt und vollständig ausgeraubt war, aber sie -hatten wenigstens die Überraschung eine Pyramide eröffnet zu haben, -deren innere Gänge und Grabkammer zum erstenmale die Anwesenheit einer -unglaublichen Anzahl schön eingemeißelter hieroglyphischer Inschriften -bezeugten. Nach den an Mariette mitgeteilten Abdrücken der Texte ergab -es sich, daß die in Rede stehende<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span> Pyramide einem Könige angehöre, -dessen wohlbekannter Name Pepi auf die Zeiten der 6. Dynastie (ca. -3000 v. Chr) hinwies. Mein verstorbener Freund wollte nicht an den -Pharao dieses Namens glauben, da ihm eine beschriebene Königspyramide -als eine Unmöglichkeit erschien. Er zog es vor den pyramidalen Bau -als das Grab eines Privatmannes zu betrachten, dessen Name, nach sehr -beliebten Mustern bei den alten Ägyptern, mit dem des Königs seiner -Zeit gleichlautete.</p> - -<p>Gegen Ende des Jahres 1880, nach seiner Rückkehr aus Paris — und zwar -in hoffnungslosestem Zustande, denn ein Blutsturz hatte ihn gleich nach -seiner Landung in Alexandrien überfallen — fühlte er noch so viel -Kraft in sich, unmittelbar nach seiner Ankunft in Kairo ein längeres -Gespräch mit mir über jene Pyramide zu führen. Er drückte mir die Bitte -aus, mich schleunigst nach Sakkarah zu begeben, wo nach den letzten -Meldungen seiner Ausgräber eine zweite, wiederum beschriebene, Pyramide -durchbrochen und geöffnet worden war. Es war kurze Zeit vor seinem -Tode, am 4. Januar 1881, daß ich die kleine Reise in Begleitung meines -Bruders antrat, um die neue Aufdeckung zu prüfen.</p> - -<p>Mit Hilfe der Araber und nicht ohne eigene Lebensgefahr zwängten wir -uns beide durch die durchbohrte Öffnung — die Steinblöcke über unsern -Leibern zeigten eine höchst bedrohliche Lage, denn sie konnten bei -der leisesten Berührung jeden Augenblick auf uns niederstürzen — -und erreichten durch einen langen Gang glücklich das Grabgemach. Die -plötzliche Überraschung sollte dafür um so größer sein. Die Seitenwände -des Ganges und der Grabeskammer zeigten ihrer ganzen Länge und Breite -nach einen Reichtum hieroglyphischer, in den geglätteten Kalkstein -eingemeißelter Inschriften, wie ihn ähnlich nur etwa die thebanischen -Königsgräber von Biban el-moluk erkennen lassen. Überdies stand ein -wohlerhaltener dunkelfarbiger Granitsarg in der einfachen Gestalt einer -Lade an der westlichen Wand der Grabkammer und daneben lag die ihrer -Umhüllung beraubte Mumie des Pharao,<span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> der sich nach altägyptischer -Gewohnheit schon bei seinen Lebzeiten den Grabbau hatte ausführen -lassen. Der Sarkophag, dessen Deckel zurückgeschoben war, zeigte in -schöner Ausführung der Hieroglyphenschrift die Titel und Namen des -Königs, die auch in den Wandinschriften in unzähliger Wiederholung an -einzelnen Stellen mir entgegentraten. Sie bezeichnen den König nach -seinen beiden Hauptnamen Merenre und Mehtisauf. Aus dem letzteren schuf -das griechisch abgefaßte Königsbuch Manethos den König Methesuphis -der 6. Dynastie. Die Hauptsache ward damit bewiesen: die beschriebene -Pyramide gehörte einem Könige an.</p> - -<p>Auch dieses Grab war bereits von Arabern in den früheren Jahrhunderten -geöffnet und seines beweglichen Inhaltes mit Ausnahme der nackten -königlichen Leiche beraubt worden. Selbst einzelne Stellen der Wände -hatte man durchschlagen, zum großen Schaden der darauf befindlichen -Inschriften, in der Meinung, daß die vergeblich gesuchten Schätze -dahinter verborgen sein müßten.</p> - -<p>Mariette starb und überließ seinem Nachfolger Maspero die Aufgabe, die -in der Nähe befindlichen Pyramiden derselben Gruppe von Sakkarah zu -durchbohren, um die Zahl der mit Inschriften bedeckten Pyramiden zu -vergrößern und die Kenntnis der Namen von den darin meist bestatteten -Königen zu vermehren. Das Ergebnis der Arbeiten war die Auffindung -von neuen Texten im Innern mehrerer Pyramiden, von denen drei dem -Königshause der 5. und 6. Dynastie angehörten. Keine einzige war indes -unberührt geblieben, denn man fand in jeder die Spuren arger Verwüstung -unter den Händen der früheren Eröffner.</p> - -<p>Herr <em class="gesperrt">Maspero</em>, welcher später seine ägyptische Stellung aufgab, -um nach Paris überzusiedeln, hat es sich seitdem angelegen sein lassen, -die Abschrift sämtlicher in den beschriebenen Pyramiden aufgefundenen -Texte zu veröffentlichen und mit einer fortlaufenden Übersetzung -zu versehen. Wenn es auch noch nicht an der Zeit sein dürfte, eine -Übertragung<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> ohne Lücken und Fehler zu wagen, so muß ihm dennoch die -Wissenschaft zu höchstem Danke verpflichtet sein, die Inschriften ohne -Zeitverlust bekannt gemacht und den diesen Studien ferner stehenden -Lesern die Gelegenheit geboten zu haben, eine wenigstens annähernd -richtige Vorstellung ihres Inhalts zu gewinnen.</p> - -<p>Zunächst ist durch das Studium derselben die wichtige Thatsache -festgestellt worden, daß die Sprache und Hieroglyphik, deutlicher -gesprochen die malerische Seite der letzteren, einer Epoche entlehnt -ist, welche den allerältesten Zeiten der ägyptischen Geschichte -angehört und wahrscheinlich bis zum ersten König des Landes Menes -hinaufreicht. Die Grammatik, der Wortschatz, die Satzverbindungen -verraten die ersten litterarischen Anfänge der ägyptischen Sprache, die -sich bemüht, des Ausdrucks Herr zu werden und die ärmlichen Mittel, die -ihr zu Gebote stehen nach Möglichkeit auszunutzen. Was die geistige -Ausbildung an treffender Kürze versagt, wird durch Umschreibungen, -Wiederholungen, Vergleiche und Bilder ersetzt. Selbst das Wortspiel -einer naiven Sprachanschauung und der äußere Klingklang erscheinen -wie Hilfsmittel, um den Eindruck des Dichterischen oder Feierlichen -hervorzurufen. Alles ist steif und unbeholfen, aber urwüchsig in seiner -altertümlichsten Einfachheit bei den gebotenen Sprachmitteln.</p> - -<p>Eine wechselseitige Vergleichung der Inschriften, der erhaltenen oder -nur noch in Bruchstücken vorhandenen, führt zu dem Schlusse, daß sie -sämtlich einer Sammlung von Texten angehören, welche ganz allgemein -die Bezeichnung „<em class="gesperrt">das Buch</em>“ tragen. Aber dieses „Buch“ mit -seiner ungeordneten Folge von Kapiteln oder Abschnitten, längeren -und kürzeren, besaß nach der Meinung der uralten Weisen im Nilthale -die geheimnisvollen Eigenschaften einer wirksamen Zauberei. Selbst -eine spätere Zeit der ägyptischen Entwickelung, als die Sprache eine -ausgebildetere und vollendetere Form gewonnen hatte und die schöne -Litteratur im Märchen und Roman zum<span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> Durchbruch kam, hielt an dem -unverständlichen Zauber „des Buches“ fest, sowie das Grab und das -Dasein nach dem irdischen Tode ins Spiel kam. Denn darauf beruhte -der Inhalt der Formeln und Beschwörungen, welche die Wände der -Pyramidenkammern bedecken, mit bedauernswertem Ausschluß alles dessen, -was die Zeitgeschichte der Könige betrifft. Nicht die Vergangenheit -der großen Toten, die in ihren steinernen Truhen ruhten, sondern ihre -Zukunft in einer anderen Welt bildet den Gegenstand der absonderlichen -Texte, die nebenbei als ein Schutzmittel gegen die ankämpfende -Vernichtung dienen sollten. Es ist dabei nicht zu übersehen, daß in -den Texten der königliche Titel meist schwindet und nur der bloße Name -seine Stelle findet. Man spricht von „diesem Pepi, diesem Mehtisauf“ -u. s. w., ohne diesen Namen das Wort „König“ voranzusetzen, ein -auffallender Umstand, der Mariette anfangs dazu verleitet hatte, -die Pyramiden, von denen die Rede ist, nicht Pharaonen, sondern -Privatpersonen zuzuschreiben.</p> - -<p>Der leitende Grundgedanke, welcher in dem „Buche“ in breitester Weise -zur Entwickelung kommt, ist die Vorstellung, daß der Tote nach seinem -Hinscheiden zu einem neuen Dasein ersteht. Als Vorbedingung dazu -erscheint seine Einbalsamierung und Umhüllung nach vorgeschriebenem -Brauche, sowie die Beigabe von Talismanen und sonstigen Schutzmitteln -zur Erhaltung seines Leichnams. Auch seine nach dem Leben modellierten -Bilder in Stein und Holz, welche in einem versteckten Raume des Grabes -ihre Aufstellung fanden, gaben seinem Ich eine erneuerte Form in jener -anderen Welt. Sie sicherten den Fortbestand seiner Persönlichkeit in -einem himmlischen Ägypten. Speise- und Trankopfer, Räucherwerk und -Salben galten als weitere notwendige Bestandteile der Grabausrüstung, -und die gottesdienstlichen Gebräuche bei der Bestattung, welche von -eigenen Totenpriestern ausgeführt wurden, hatten nicht minder die -Bedeutung unfehlbar wirksamer Handlungen mit Bezug auf das Fortleben -nach dem Tode<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span> in stiller Grabesnacht. Das „Buch“ berührt alles dies -mit einer peinlichen Sorgfalt und Ausführlichkeit und es erscheint -darum wie ein Ratgeber und Führer des Verstorbenen im unbekannten -Jenseits.</p> - -<p>Und dieses Jenseits ist, wie gesagt, ein himmlisches Ägypten mit seinem -Nile und seinen Kanälen, auf welchen die Gottheiten und die Verklärten -einherwandeln oder in Barken dahinziehen. Die Gaue, Städte und Tempel -des irdischen Ägypten tragen im himmlischen dieselben Namen, ja selbst -die Seen und Meere sowie die den ältesten Ägyptern bekannten Gegenden -des Auslandes kehren unter ihren gewöhnlichen Bezeichnungen in der -Geographie des Jenseits wieder, nur mit dem Unterschiede, daß die -Bewohner aus der Genossenschaft der Unsterblichen und „der Leuchtenden“ -bestehen.</p> - -<p>An ihrer Spitze thront der Sonnengott, der Vater der Götter und -Menschen, der sich an jedem neuen Morgen aus dem Ocean erhebt, um -durch die eisernen Thore im Osten, welche der Erdgott unter donnerndem -Geräusche öffnet und deren Lage in der Nähe der (himmlischen) -Sonnenstadt <em class="gesperrt">On</em> gesucht wurde, seine tägliche Fahrt auf dem -Nile anzutreten. Die Gegend des Sonnenaufgangs gewann gleichzeitig -die Bedeutung einer Örtlichkeit für die Auferstehung der Verstorbenen -und alle Mittel einer bilderreichen Sprache wurden aufgebraucht, um -diese Vorstellung zur lebendigen Anschauung zu bringen. Bald wird das -Aufsteigen in handgreiflichster Weise mit Hilfe einer Leiter vollzogen, -auf welcher der Tote das Sonnenschiff erklimmt, bald wird die -Auferstehung mit dem Aufgang oder der Geburt des Morgensternes oder des -Hundssternes oder eines anderen Gestirnes oder des Mondes verglichen -und eine Betrachtung daran geknüpft, welche sich auf die Bewegung -der Sternbilder in der oberen Himmelssphäre bezieht. Während des -Sonnenlaufes am östlichen Teile des Himmels erscheint „die Binsenwiese“ -(genauer Cypergraswiese) daselbst als ein Lieblingsaufenthalt der -Götter und Toten — sie vertritt die elysäischen Gefilde der Griechen -—<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> und auf den Inseln und Kanälen derselben herrschte die höchste -Freude der Seligen. Auch das Wort „Binsenwiese“ ist der irdischen -Geographie Ägyptens entlehnt, denn der gleiche Name bezeichnete die -schwer zugänglichen, versteckten binsen- und schilfreichen Sümpfe an -der nordöstlichen Ecke Unterägyptens, nach welchen man in den Urzeiten -der Geschichte den Aufenthalt der Seligen verlegte.</p> - -<p>Der Himmel selbst wird als die Mutter des Verstorbenen betrachtet und -seine Auferstehung aus dem Reiche des Todes als seine Wiedergeburt aus -dem Leibe seiner Himmelsmutter verherrlicht. Sie ist ihm die Führerin -auf seiner himmlischen Wanderschaft. „Sie berührt deinen Arm und sie -zeigt dir die Richtung nach der Lichtsphäre, da wo sich der Sonnengott -befindet“, meldet eine Stelle des „Buches“. Der Tote wird dadurch zu -einem „Leuchtenden“ oder verklärten Wesen, vor dem sich bei seiner -Ankunft die Scharen der Seligen demutsvoll verneigen, denn, wie es -wörtlich heißt: „Zu dir kommen die Verklärten unter Verbeugungen und -sie küssen den Boden zu deinen Füßen wegen deines Buches.“ Immer und -immer wieder ist es das Buch, welches selbst auf die Seligen seine -magischen Wirkungen nicht verfehlt.</p> - -<p>Auf seinen Wanderungen durch die Himmelsräume ist es -selbstverständlich, daß der Verklärte mit den Sternbildern in Berührung -kommt, die an der „eisernen“ Decke leuchten. Jedes Sternbild wird als -der Aufenthalt „der Seele“ eines Gottes bezeichnet; wie beispielsweise -die Seele des Osiris im Orion und die der Isis im Sirius oder -Hundsstern thronend gedacht wurde. Die genannten waren wohlthätige -Gottheiten, aber auch an bösen fehlte es nicht, die in den Gestirnen -ihre Sitze aufgeschlagen hatten. Das Sternbild des großen Bären oder, -wie die Ägypter es bezeichneten, „der Vorderschenkel“, besaß nach -dieser Richtung hin einen schlimmen Ruf, denn der Widersacher der -Götter und Menschen, Gott <em class="gesperrt">Set</em>-Typhon, hauste darin, um seine -schädlichen Ausflüsse im Himmel und auf Erden zur Geltung zu bringen. -Dagegen war der<span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> Leuchtende, welcher gleichfalls seinen Stern erhielt, -durch das magische Buch gefeit, das die Wände seiner Grabkammer in -großen Hieroglyphen bedeckte. Standen ihm doch in seinem Kampfe gegen -die Unholde die Götter zur Seite, vom Gott der Weisheit, <em class="gesperrt">Thot</em>, -angefangen.</p> - -<p>So wenig wir aus dem „Buche“ Belehrung zur Erkenntnis einer tieferen -philosophischen Gedankenwelt bei den alten Ägyptern in Bezug -auf die letzte aller Fragen schöpfen können, so anregend wirkt -andererseits sein Inhalt durch die zahllosen Angaben, welche sich -auf die Mythologie, die Geographie, die Astronomie, die Tier- und -Pflanzenkunde u. s. w. und nebenbei auch auf Sitten und Gewohnheiten -der ältesten Bewohner des Landes beziehen. Die Bezirkseinteilung und -die Hauptstädte Ägyptens mit ihren Göttern, Göttinnen und heiligen -Tieren erschienen in nichts von den späteren Zeiten verschieden, die -Sternbilder und ihre Namen, wie man sich überzeugt, waren nach ihren -Hauptgruppen schon lange vor der Erbauung der Pyramiden bekannt, und -wie noch heute, so schlichtete schon damals der angesehene Mann den -Streit um das Wasser zur Berieselung der Felder zwischen zwei hitzigen -Bauern. Allerdings klingt es nicht erbaulich und wirft einen tiefen -Schatten auf die Denkungsart der Altvordern, daß es nach dem „Buche“ -zu den Paradiesesfreuden der Gewaltigen der Erde gehörte, nach Art von -Negerkönigen die Frauen anderer Männer durch ihre Minne zu beglücken. -Viel lehrreicher ist es dagegen, aus denselben Texten zu erfahren, -daß in jenen Vorzeiten bereits die Ägypter aus Gerste ihr tägliches -Brot buken und den Spelt zur Bereitung von Bier verwendeten, das bis -in die Zeiten der Römer hinab das beliebteste Getränk der Bewohner -des Nilthales bildete und in zwei Sorten, in Weißbier und in Rotbier, -unterschieden ward. Im übrigen war nach den überlieferten Speisezetteln -in denselben Pyramidenkammern die Auswahl der Gerichte für den Tisch -keine geringe. Rindfleisch und Geflügel aller Art, Früchte und Gemüse -werden der Reihe nach auf<span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span>gezählt, und neben dem Bier wird der Wein und -die Milch als labendes Getränk genannt. Auch für Salben und Schminken -und für die Bekleidung war schon damals reichlichst gesorgt, und -zahlreich sind die Bezeichnungen der ein- und buntfarbigen Zeugstoffe, -welche die Weberinnen für den Bedarf der Landesbewohner anfertigten. -Aber die Wohlgerüche Arabiens kannte man damals noch nicht.</p> - -<p>Die Texte der Pyramiden stellen den Glauben außer Zweifel, daß der -Dahingeschiedene in seinem Pyramidenhause nach seinem vollendeten -irdischen Dasein sich eines neuen Lebens erfreute, das er körperlich -auf Erden, seelisch im Himmel weiter führte. Aber die Seele vermochte -nach ihrem Belieben sich mit dem Leibe zu vereinigen und den erstarrten -Gliedmaßen und dem stillstehenden Herzen Gelenkigkeit und Bewegung -zu verleihen. „Du lebst und du stirbst nicht,“ rufen in mehrfacher -Wiederholung die Inschriften aus und das Leben war ganz nach irdischen -Vorbildern eingerichtet. Der wiedererweckte Tote ißt und trinkt, ohne -je zu hungern noch zu dürsten, er empfindet alle Bedürfnisse des -menschlichen Leibes, er wandelt auf seinen Füßen einher, er verrichtet -auf den elysäischen Gefilden die üblichen Arbeiten des Landmannes, -er kämpft mit Speer, Pfeil und Beil gegen die Feinde an, er feiert -an den Festtagen des ägyptischen Kalenders frohe Feste, er vergnügt -sich an der Jagd, am Vogelfang, am Fischen und an sonstiger Kurzweil, -er gleicht mit einem Worte dem frommen König Osiris, der nach seinem -gewaltsamen Tode zum erstenmale den Aufgang zum Lichte am östlichen -Himmel vollzog und dem Gerechten als Vorbild diente in Gegenwart -und Zukunft, auf Erden und im Himmel. Der aus der irdischen Welt -abgeschiedene Mensch ging geradezu in dem Wesen des Osiris auf und -auch ihm sollte zu teil werden, was dem Gotte beschieden war, dem sein -Sohn Horus (die neugeborene Sonne) als Rächer und seine Schwestern -Isis und Nephthys (die Flügel der Morgenröte) als Schirmerin und -Schützerin alltäglich erstanden. Im<span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> jungen Horus verkörperte sich die -Wiedergeburt des Vaters, in den beiden Göttinnen zugleich die Natur als -nährende Amme, denn sie heißen die Sängerinnen des Gottes.</p> - -<p>Diese Andeutungen werden ausreichen, um über dunkle Stellen in den -Pyramidentexten, wie beispielsweise die folgende, ein aufklärendes -Licht zu verbreiten. An den verstorbenen König Pepi z. B. wird die -Anrede gerichtet: „O Pepi! du hast dich auf den Weg gemacht, du -leuchtest und du bist machtvoll wie der Gott. Ein Stellvertreter des -Osiris ruft deine Seele dir in deinem Innern und deine Macht dient -dir zum Schutze. Deine Krone ist dir auf deinem Haupte und dein -Kopftuch hängt auf deiner Schulter nieder. Dein Angesicht ist geradeaus -gerichtet. Deine Verehrer befinden sich vor dir, deine Diener hinter -dir. Die Edlen des Gottes vor dir sie geben das Zeichen: es kommt -ein Gott, es kommt ein Gott, es kommt dieser Pepi wegen des Thrones -des Osiris. — Isis redet dich an, Nephthys spricht zu dir. — Du -steigst empor zu deiner Himmelsmutter und sie zeigt dir die Richtung -nach der Lichtschöne, da wo der Sonnengott weilt. Es öffnen sich dir -die Thürflügel des Himmels und es thun sich dir auf die Pforten der -Wasserquelle. Du findest den Sonnengott, er steht da als dein Hüter. Er -berührt dir deinen Arm und er ist dein Führer in den Himmelsräumen. Er -setzt dich auf den Thron des Osiris.“</p> - -<p>In diesem Tone geht es Seiten lang weiter, aber man müßte bei jeder -neuen Wendung stehen bleiben, um die Dunkelheit, welche sich an Namen -und Vorstellungen knüpfen, mit größerer oder geringerer Sicherheit -des Verständnisses zu erleuchten. Herr Maspero hat, wie gesagt, das -Mögliche geleistet, als er das kühne Wagstück ausführte, den Inhalt der -Pyramidentexte durch eine wortgetreue Übertragung den Lesern zugänglich -zu machen. Es bleibt der Zukunft vorbehalten, die noch unverstandenen -Einzelheiten zu berichtigen oder ihren Sinn zu erläutern. Die Ägypter -liebten es z. B. in ihrer mythologischen Sprache gewöhnliche Worte -durch eine<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> rätselhafte, nur von dem Eingeweihten gekannte Bezeichnung -zu ersetzen. Nur auf Umwegen ist die heutige Wissenschaft imstande, -im Einzelfalle den Schlüssel zur Lösung zu finden. Vorläufig bieten -vor allem die zahlreichen mystischen Namen, unter welchen die -himmlischen Bewohner aufgeführt werden, das thatsächliche Hindernis zum -vollkommenen Verständnis des ganzen Inhaltes der Pyramidentexte dar. -Aber auch das wird mit der Zeit beseitigt werden und die ältesten Texte -der Welt werden ein ungeahntes Licht auf die menschlichen Zustände in -den Urzeiten der Geschichte im Nilthale werfen und damit vor allem der -anthropologischen Forschung ein unerwartetes Material zuführen. Wenn am -äußersten Horizonte aller geschichtlichen Erinnerungen beispielsweise -der Himmel ein eisernes Gewölbe und der Stuhl, auf welchem Osiris -thront, ein eiserner genannt wird, wenn von den eisernen Thüren am -Firmament die Rede ist, die sich dem Verstorbenen öffnen, so hat die -Erwähnung dieses Metalles durchaus keine nebensächliche Bedeutung für -die Kulturentwickelung der ältesten Menschheit.</p> - -<p>Lange vor dem Dichter Homer, welcher dem Himmelsgewölbe den Beinamen -des eisernen schenkte, war den ältesten Ägyptern dieselbe Vorstellung -geläufig, denn die Pyramidentexte geben keinem Zweifel darüber Raum. -Ja sie gehen noch weiter und lassen dies Metall aus dem stärksten -und gewaltigsten Gotte, dem ägyptischen Typhon-Set, hervorgehen, -ganz im Einklang mit einer griechischen Überlieferung, wonach man am -Nil das Eisen mit dem Namen des Knochens des Set belegt habe. Ein -eiserner Himmel setzt die Bekanntschaft mit diesem härtesten aller -Metalle voraus, und es tritt die Frage näher, ob nicht, entgegen -den bisherigen Ansichten darüber, das Eisen nach der Steinzeit vor -oder neben dem Kupfer und vor Bronze bekannt war. Auch die ältesten -biblischen Nachrichten über das Vorkommen und die Bearbeitung des -Eisens (Thubalkain, wie aus dem 1. Buche Mose 4, 22 hervorgeht, galt -als der Erfinder der Eisen<span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>schmiedekunst) setzen für das höchste -Altertum eine allgemein verbreitete Anwendung des Eisens voraus. In -listenförmigen Aufzählungen der Metalle, wie sie gelegentlich die -ägyptischen Denkmäler- und Papyrusinschriften bieten, folgen der Reihe -nach: Gold, Silber, Eisen, Bronze, Kupfer, Blei. Das Eisen nimmt auch -darin seine berechtigte Stelle ein. Bereits in den Pyramidentexten -werden hakenförmige Instrumente aus Eisen aufgezählt, die bei -religiösen Handlungen (z. B. bei der sogenannten Mundöffnung) ihre -Verwendung fanden. In den Zeiten des sechzehnten Jahrhunderts v. Chr. -erscheinen eiserne Gefäße erwähnt und Pharao heißt: „Die eiserne Mauer -zum Schutze Ägyptens.“ Selbst zu medizinischen Zwecken wurde das Eisen -wie noch in unseren Tagen verwertet, wenigstens nach einer Angabe in -dem medizinischen Papyrus von Berlin zu schließen, wonach z. B. eine -Mischung von Eisenrost mit Nilwasser als äußerliches Mittel zur Heilung -bei Fieberhitze empfohlen wird.</p> - -<p>Der Name und die Anwendung dieses Metalles war, wie man sieht, von den -ältesten Zeiten an den Ägyptern durchaus geläufig, und nichts läßt -darauf schließen, daß in Ägypten die Eisenzeit der Bronzezeit notwendig -gefolgt sei.</p> - -<p>Man könnte vielleicht der Meinung sein, daß es sich in allen -genannten Beispielen nur um Meteoreisen handele und daß dies um so -wahrscheinlicher sei, als die Bezeichnung des Eisens in der ältesten -ägyptischen Sprache durch ein zusammengesetztes Wort ausgedrückt -war (<span class="antiqua">bi-ni-pe</span>), welches wörtlich so viel als „Wunderding“, -„Wundergabe des Himmels“ bedeutet. Allein es ist zu bedenken, daß in -den Zeiten der Griechen und Römer derselbe Ausdruck für das Eisen ganz -allgemein gebraucht war und daß in der Sprache der christlichen Ägypter -oder der Kopten dasselbe Wort im Sinne von Eisen fortbestand, ohne -Rücksicht auf den meteorischen oder tellurischen Ursprung desselben.</p> - -<p>Ich habe dem Beispiele des Eisens meine besondere Aufmerksamkeit -geschenkt, um daran den Nachweis zu führen,<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> welche Bedeutung den -Pyramidentexten für die allgemeine Kulturgeschichte der Menschheit -innewohnt. An Hunderten von Stellen drängt sich die Überzeugung auf, -daß jene Texte, deren erstaunliches Alter von niemand bezweifelt wird, -bereits in den Abschluß einer großen Kulturepoche gehören, in welcher -ein zweigeteiltes Ägypten mit einem einzigen Herrn und König an der -Spitze bestand. Schon damals war nach Andeutungen in jenen Texten die -Ostgrenze Unterägyptens durch Festungswerke geschützt, welche sich an -der Spitze der nördlichsten Bucht des Roten Meeres erhoben. Es ist -daraus ersichtlich, daß diese Bucht an dem heutigen Krokodilbecken -ihren Anfang nahm, das in der Mitte der Landenge von Suez gelegen ist -und in der Wasserlinie des Suezkanals aufgegangen ist. Auch für das -Vorkommen der ältesten Pflanzenwelt bieten dieselben Pyramidentexte -eine reiche Ausbeute der Forschung dar. Der Ackerbau war auf der -Kultur von Weizen, Gerste und Spelt begründet. Die Getreidesorten -waren längst von dem Euphratgebiete her nach Ägypten eingeführt -worden, ebenso der Anbau der Leinpflanze und des Weinstockes, wie es -Prof. Schweinfurth durch seine eingehenden Untersuchungen auf dem -Gebiete der Pflanzengeschichte wahrscheinlich gemacht hat. Auch der -Papyrus und der Lotos, sowie eine Reihe von Binsengräsern an den Ufern -des Niles und in den Seen und Sümpfen werden in den Pyramidentexten -als allgemein bekannt angenommen und unter den Bäumen sehen wir die -Dattelpalme, die Sykomore, den Feigenbaum, die Persea, den Moringabaum -und Stachelakazien in den Vordergrund treten. Unter den Vierfüßern -werden der Elefant, das Nilpferd, der Löwe, die Hyäne, der Fuchs, der -Luchs, Antilopen, Gazellen, Hasen und als gezähmte mehrere Rinderarten, -das Schaf, die Ziege, der Esel, der Hund, die Katze, aber weder das -Pferd noch das Kamel in denselben uralten Texten erwähnt. An Schlangen -und giftigem Gewürm aller Art besaß die ägyptische Erde von damals -einen gewaltigen Überfluß, denn nur dadurch erklärt es sich, daß die -Pyramidentexte es nicht<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> verschmäht hatten, mitten in das uralte -Totenbuch eine ganze Reihe von Beschwörungen einzutragen, welche gegen -die Bisse und Stiche des das Leben und die Gesundheit des Menschen -bedrohenden Gewürmes gerichtet waren. Die Formeln schließen meist -unverständliche Redensarten und Wörter in sich, wie sie nicht bloß in -der ältesten Zeit den Zauberern eigen waren, um ein drohendes Übel fern -zu halten und in wirksamster Weise abzuwehren.</p> - -<p>Und gerade dieser Zauber ist es, der dem ganzen übrigen Inhalt -der Pyramidentexte ihren Grundcharakter verleiht. Es macht den -Eindruck, als seien die unbekannten Verfasser der kulturhistorisch -so merkwürdigen Überlieferungen aus der ältesten geschichtlichen -Vergangenheit Ägyptens wahre Hexenmeister gewesen, die nach der -Volksmeinung es verstanden, unter priesterlichem Namen ihren Einfluß -auf die beängstigten Gemüter der Menge auszuüben und unter dem hellen -klaren Lichte der ägyptischen Sonne die Mächte der Finsternis sich -ihrem Willen unterthan zu machen. Das „Buch“ der Pyramidentexte ist von -diesem Standpunkte aus ein eigentliches Zauberbuch, mit welchem der -ägyptische Gottesglaube seinen ersten Einzug in die kaum gegründete -älteste Kulturwelt hält. Der ägyptische Staat ist gestiftet, seine -Provinzen, deren Hauptstädte sind festgestellt, der König trägt die -weiße Krone der Südwelt und die rote der Nordwelt auf seinem Haupte, -sein Hof ist von Edlen und Dienern bevölkert, die Bewohner beider -Landesteile beugen sich vor seinem Throne und „berühren die Erde zu -seinen Füßen mit ihrer Nasenspitze,“ aber seine eigentliche Macht -war in der Vorstellung begründet, daß er als Nachkomme und Vertreter -des Lichtgottes auf Erden der Oberste aller Zauberer sein müsse, dem -selbst nach seinem Tode ein Dasein höherer Art beschieden sei. Über die -Fragen nach dem Wo und Wie? sollte das „Buch“ in den Grabkammern der -beschriebenen Pyramiden eine unfehlbare Antwort erteilen.</p> - -<div class="chapter"> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span></p> - -<h2 class="nobreak" id="Im_Faijum">Im Faijum.</h2> - -</div> - -<p>Abseits von dem eigentlichen Nilthale in westlicher Richtung von -Mittelägypten gelegen bildet das sogenannte Faijum oder auf gut -deutsch „das Seeland“ eine große rings von Höhenzügen der libyschen -Wüste umschlossene Oase von etwas mehr als 1200 Kilometer ins Geviert -Flächeninhalt. Der Strom der Reisenden, welche Jahr aus Jahr ein die -winterliche Pilgerfahrt auf dem heiligen Strome zurücklegen, berührt -dies schöne Stück Erde nur selten, das unter sämtlichen Provinzen -geradezu als die Perle bezeichnet zu werden verdient. Und nicht die -gütige Mutter Natur hat ihr freiwillig diesen Vorzug verliehen, sondern -der Mensch vor mehr als viertausend Jahren war es, der die Schöpfung -des Faijum ins Leben rief und eine sandige unfruchtbare Oase zu einem -Paradiese umwandelte. Wie dies geschehen, das haben die Forschungen der -Gelehrten mit großem Scharfsinn nachgewiesen. Bereits um das Jahr 2500 -v. Chr. war vom Nilstrome ein wasserreicher Kanal — es ist derselbe, -welcher heute den Namen des Josephskanals trägt — in das Sandbecken -der späteren Oase eingeleitet worden, um den dürren Erdboden zu -befruchten und auf die Wüste die Schlammdecke des Niles auszubreiten. -Der Segen des Werkes ließ nicht auf sich warten, denn reiche Ernten -lohnten den Fleiß des Landmannes. Es war zugleich ein Triumph der -ältesten Kunst des Wasserbaues, diesen Kanal mit einem künstlichen -Wasserbecken von gewaltiger Ausdehnung zu verbinden. Die darin infolge -der jährlichen Nilüberschwemmungen angesammelte Wassermenge, welcher -Schleusenwerke den freien Abzug strahlenförmig nach allen Richtungen -hin gestatteten, reichte aus, um das gesamte „Seeland“ zu berieseln -und in den Jahren der Not vielleicht dem Nil selbst einen Teil des -von demselben empfangenen Geschenkes zurückzugeben. Vom Herodot an -bis zum Plinius hin ist das<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> klassische Altertum darüber einig, daß -der <em class="gesperrt">Mörissee</em> (so nannte man ihn nach einem ägyptischen Worte -<span class="antiqua">meri</span> für einen See oder Wasserbecken) ein hervorragendes -Wunderwerk sei, das seinesgleichen in der Welt suchte. Der See ist -heutzutage vollständig verschwunden und nur seine koptische Bezeichnung -<span class="antiqua">jom</span>, d. h. der See, das Meer, in dem heutigen Namen der Provinz -Faijum oder Faijom hat die Erinnerung an sein ehemaliges Dasein auch -noch im heutigen Ägypten selber bewahrt.</p> - -<p>Zu den Vermutungen über die eigentliche Lage des Sees welche von einer -Reihe namhafter Gelehrter älterer und jüngerer Zeit ausgesprochen -worden sind, ist in den letzten Jahren eine neue getreten, welche -besonders in Ägypten selber ein gewisses Aufsehen erregt hat, -nachdem die englische Verwaltung des Landes ihr die Berechtigung -der Wahrscheinlichkeit und Möglichkeit nicht hat absprechen können. -Ein amerikanischer Kapitän Whitehouse, welcher seit einer Reihe von -Jahren seinen Winteraufenthalt in Kairo aufgeschlagen hat, ist infolge -eifriger Nachforschungen und Vermessungen an Ort und Stelle zu dem -Schlusse gelangt, daß der alte Mörissee seine größte Ausdehnung nach -Südost in dem heutigen sogenannten Wadi Rayan gehabt haben müsse, und -daß seine Wiederherstellung nur eine Frage des Geldes und der Zeit -sei. Die Engländer sind praktische Leute und sie würden hier zu Lande -sicherlich nicht den Ideen und Arbeiten des Amerikaners ihre vollste -Aufmerksamkeit geschenkt haben, wenn dieselben nicht ihre Begründung -in den Thatsachen fänden. Vorläufig ist der Kostenüberschlag zur -Herstellung und Füllung des Wasserbeckens von Rayan mittelst eines -künstlichen Kanals auf 1700000 Lstr. abgeschätzt worden und nichts -steht der Schöpfung des neuen Sees mehr im Wege, sobald die englischen -Wasserbaumeister sich überzeugt haben sollten, daß die Anlage zweier -Riesenreservoirs, das eine in Nubien zwischen Kalabscheh und Philä, das -andere in Ägypten bei Selseleh, sich zu kostspielig oder unausführbar -herausstellen sollte. Alle drei Projekte haben den Zweck zu erfüllen, -in den Zeiten des tiefen Wasserstandes für das Delta<span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span>gebiet stets ein -erforderliches Quantum von Wasser in Bereitschaft zu halten und durch -ein eigenartiges Schleusensystem den Abfluß einer nutzlos vergeudeten -gewaltigen Wassermenge in das Meer zu verhindern. Selbst der neue -Mörissee des Herrn Whitehouse würde diesen Hauptzweck zu erfüllen haben -und seinen verschollenen Vorgänger riesenhaft übertreffen.</p> - -<p>Wie dem auch sein möge, das eine steht unbestritten fest, daß der -heutige Josephskanal mit seinen Schleusen und verästelten Wasseradern -die Rolle des vergangenen Mörissees in glücklichster Weise übernommen -hat und daß infolge dessen die moderne Seeprovinz zu den fruchtbarsten -Gebieten des ägyptischen Reiches gehört. Ich bedaure aufrichtig, daß -es mir erst im Jahre 1892 vergönnt gewesen ist, ihr durch eigene -Anschauung auch meinerseits dieses Zeugnis ausstellen zu können, das -ihr von allen europäischen Reisenden zugestanden wird.</p> - -<p>Der Weg von Kairo nach dem Herzen des Faijum, d. h. der Hauptstadt -desselben mit dem Namen Medineh, d. h. „Stadt“, dauert kaum vier -Stunden. Nach zweistündiger Fahrt auf der oberägyptischen Eisenbahn bis -zu dem Orte El-Wasta tritt für den Reisenden ein Wagenwechsel ein. Man -besteigt nach einer Viertelstunde Rast den nach Medineh abgehenden Zug -und hat schon auf dem kleinen Bahnhofe von El-Wasta Gelegenheit, sich -von der veränderten Lage der Dinge oft in handgreiflichster Weise zu -überzeugen. Die europäische Eigenart, welche in Kairo und an sonstigen -von unsern Reisenden viel besuchten Plätzen Oberägyptens das arabische -Element zurückdrängt, geht bis zur Sprache hin in die Brüche und -„der Sohn des Landes“, vom hochmütig sich spreizenden jungen Effendi -an bis zum grobkörnigen Fellachen hin, läßt seine berechtigten oder -unberechtigten Eigenschaften mit allem Nachdruck des Besonderen den -fremden Einwanderer fühlen. Man schreit und ruft, man keift und lärmt, -man schiebt und drängt sich durcheinander, man besetzt die Wagen, -wie es einem gefällt, bis endlich der Zug ins Rollen kommt und von -dem Schaffner eine Sichtung des Ungehörigen in allerletzter Minute<span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span> -vorgenommen wird. Hält der Zug an der nächsten Station still, so -beginnt das Schreien und Drängen von neuem und das Lexikon arabischer -Liebenswürdigkeit tönt in unsere Ohren: „Friede sei mit dir, Mohammed, -wo fährst du hin? — Auch mit dir sei der Friede, ich fahre nach der -Stadt, um meinen Esel zu verkaufen. — So sei dir Heil auf der Reise -beschieden! — O mein Herrgott! mein Retter und Bewahrer! — Mein -Brüderchen, du bist ausgestiegen, ohne deine Fahrkarte abgegeben zu -haben. — Hier ist sie, mein Bruder! Möge Gott dich segnen u. s. w.“ -schwirrt es durch die stauberfüllte Luft, während alles durcheinander -rennt und stürmt, um bald den Ausgang, bald den Eingang von Wagen -zu Wagen zu suchen. Auf der Plattform, am Ende der Waggons, fehlt -die schützende Brüstung, aber man übersieht schnell dieses Manko, -denn ein helles Lachen ergießt sich über den Frengi, welchen es mit -Entsetzen erfüllt, daß der hölzerne Fußboden unter ihm klaffende Risse -und Öffnungen zeigt, welche die freie Aussicht auf den Schienenweg -öffnen, so frei, daß selbst der Staub durch die gähnenden Spalten -hindurchwirbelt. Und welcher Staub erfüllt die im Coupé herrschende -Atmosphäre! Gesicht und Hände, Kleider und Gepäckstücke, alles ist mit -einer grauen Decke überzogen und zahllose Fliegen vermehren die Plagen -in dem oberägyptischen Waggon, den unsere europäischen Bahnverwaltungen -kaum mehr für reparaturfähig halten dürften. Die Wagen krachen und -wanken, daß man seekrank zu werden vermeint, aber lustig geht es -vorwärts vom Nil aus über die grüne Fläche mit ihren Dörfern und Herden -zu beiden Seiten des Schienenweges, bis nach kaum viertelstündiger -Fahrt die Ränder der Wüste erscheinen, welche das Faijum vom -eigentlichen Nilthale trennen. Im hellen Sonnenglanze strahlte zur -Rechten in kaum einstündiger Entfernung jene merkwürdige Pyramide, -welcher die Araber den Namen der Lügen-, d. h. Vexierpyramide, -beigelegt haben. Auf den vielfachen Windungen des Niles erscheint sie -dem Schiffer auf dem Strome in allen Richtungen der Windrose,<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> als -habe sie es darauf abgesehen ihn zu foppen und ihn in die Täuschung zu -versetzen, als käme er nicht von der Stelle. Das Grabdenkmal hat erst -seit vorigem Jahre eine hohe historische Bedeutung gewonnen, nachdem -die Nachgrabungen des findigen Engländers Petrie die Lösung ihres -rätselhaften Ursprunges der Wissenschaft geliefert haben. Dreißig Meter -tief unter dem Boden der Wüste und dicht vor der Pyramide entdeckte -derselbe einen Tempel, dessen Inschriften als ihren Erbauer einen König -<em class="gesperrt">Snofru</em> nennen, den Vorgänger Königs <em class="gesperrt">Chufu</em>-Cheops, den -Urheber der höchsten Pyramide von Gizeh. Die Pyramide von Meidum, wie -sie heute nach der Bezeichnung des zu ihren Füßen liegenden Dorfes -genannt wird, ist somit das älteste Baudenkmal der Welt und mit -Ehrfurcht begrüßen wir diesen Markstein am Horizonte aller menschlichen -Erinnerungen durch die staubigen Fenster des rollenden Marterkastens.</p> - -<p>Der kleine Zug zwängt sich bald durch die künstlichen Einschnitte -der Wüste hindurch, bald bewegt er sich frei auf dem flachen Boden -derselben, um eine kleine Stunde lang dem Reisenden den Genuß einer -sandigen Einöde und ihrer Schrecken zu bieten. Auf dem höchsten -Punkte des Plateaus malen sich die grünen Ränder des Faijum in -westlicher Richtung am Himmel ab und mit Bequemlichkeit läßt sich die -Gesamtausdehnung dieser fruchtbaren Provinz vom Wagen aus überschauen. -Allmählich unterbrechen kleine mit Pflanzenwuchs bedeckte Strecken -den sandigen Boden, und der Verkehr zeigt sich in allen möglichen -Gestalten. Am wenigsten erwünscht erscheinen uns die wandernden -Büffel, Rinder, Kamele, Pferde, Esel, Schafe und Ziegen, welche mit -ihren Führern und Reitern den Schienenweg vor uns eingeschlagen haben -und sicher durch den Eisenbahnzug zermalmt werden würden, wenn nicht -der schrille Pfiff der Lokomotive ihnen das Warnungszeichen zum -schleunigen Abzug gäbe. Auch darin verleugnet sich der orientalische -Charakter durchaus nicht. Niemand pflegt sich weder in den engen -Straßen der Städte noch auf offenen<span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span> Feldwegen umzusehen, um einem -vom Rücken aus kommenden Hindernis auszuweichen. Es bedarf erst eines -Anrufes von hinten her, um im gegebenen Falle je nach rechts oder -links auszubiegen. Dieselbe Erscheinung wiederholt sich selbst in der -geschichtlichen Entwickelung der morgenländischen Völker. Was hinter -ihnen liegt, kümmert sie blutwenig, und nur der Moment der Gegenwart -fesselt ihren geistigen Blick.</p> - -<p>Immer deutlicher und zahlreicher werden die Spuren des vegetativen -Lebens, wenn es auch zunächst nur vereinzelt stehende Palmen, -dorniges Gestrüpp und rohrartige Gewächse sind, die zu beiden Seiten -der eisernen Straße den sandigen Boden der Wüste schmücken. Endlich -durchqueren wir einen mächtig breiten, 8 bis 10 Meter hohen Erdspalt, -durch dessen Mitte sich Wasserstreifen entlang ziehen. Schilfgebüsch, -Tamarisken und Strauchwerk aller Art bedecken den feuchten Boden des -„Fluß ohne Wasser“ genannten Erdspaltes, dessen Ränder mit aller -Deutlichkeit die Ablagerungen eines ehemals mächtigen Stromes erkennen -lassen. Der Spalt zieht sich in Windungen an dem westlichen Rande der -Wüste entlang und endigt schließlich in nördlicher Richtung, nicht weit -vom sogenannten „Hörnersee“ (Birket el-Qurun), jenem langgestreckten -Seebecken mit salzigem Wasser, das die westliche Grenze des gesamten -Faijum bildet.</p> - -<p>Wir lassen die Frage unerörtert, ob wir in diesem „wasserlosen Flusse“ -einen Abflußkanal des ehemaligen Mörissees erkennen müssen, der an -dem Plateau der Wüste von Hawara und Illahun vorüberzog, auf dessen -Höhe wir in etwa ein- und zweistündiger Entfernung vom Schienenwege -aus die massigen dunklen Überreste von zwei Pyramiden erkennen. Es -sind die riesigen Grabbauten von zwei Königen der zwölften Dynastie, -dem vierten und sechsten derselben, welche einst, d. h. vor etwa 4000 -Jahren ihre Residenz im Herzen des Faijum aufgeschlagen hatten. Von der -Pyramide von Illahun aus hat der Besucher die beste Gelegenheit, die -Abbiegung des Josephskanals in die östliche Thalspalte des Faijum in -Augenschein zu nehmen.<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span> Mehr als irgendwo in der Welt zeigt sich die -segensreiche Wirkung des Wassers und nun gar erst des Nilwassers, auf -die Fruchtbarkeit des Bodens und wäre es eine Wüstenei, wie an dieser -Stelle am Fuße der Pyramide von Illahun. Schon der scheinbar moderne -Name Illahun oder, ohne den angefügten arabischen Artikel, <em class="gesperrt">Lahun</em> -weist auf einen uralten Ursprung der Anlage des Kanals zurück, denn er -ist seiner ehemaligen ägyptischen Bezeichnung <span class="antiqua">La-hunet</span>, d. i. -„die Mündung des Kanals“ entlehnt, die sich in ihrer griechischen Form -in dem Namen des Labyrinths, d. i. <span class="antiqua">Lapi-ro-hinet</span>, „der Tempel -der Kanalmündung“ wiederfindet. Thatsächlich lag der vollständig vom -Erdboden verschwundene Bau, welcher diesen Namen trug, im Süden der -Pyramide von Hawara, mit anderen Worten in der Nähe der Kanalmündung, -woselbst es dem Engländer Petrie geglückt ist, den Grundplan des -ehemals weltberühmten Gebäudes wiederherzustellen. Doch ich verliere -mich in die vergangenen Zeiten und springe von der Gegenwart ab, aber -dennoch ist diese unzertrennlich in Ägypten von den mehrtausendjährigen -Geschichten, die sich auf dem Boden dieses merkwürdigen Landes -abgespielt haben und die dem Modernen gerade einen besonderen Reiz -verleihen. Ich weiß wohl, daß ein englischer Diplomat die Äußerung -gethan haben soll, daß er das ganze ägyptische Altertum zum Henker -wünsche, da es den Grund zu vielen politischen Scherereien abgebe, -allein es wird ihm kaum der Trost beschieden sein, seine Meinung von -der Mehrzahl seiner eigenen Landsleute geteilt zu sehen. Das heutige -Ägypten würde trotz seines Bodenreichtums und seines milden Klimas -halber kaum eine besondere Anziehungskraft auf die Tausende von -Reisenden ausüben, welche alljährlich ihre Nilreise antreten, wenn -nicht seine Altertümer und seine Geschichte einen so mächtigen, selbst -poetischen Reiz auf die Phantasie ausübten. Nur von der geschichtlichen -Ferne aus gesehen erhält das gegenwärtige Ägypten seinen idealen -Wert, gerade wie die Städte und Dörfer im Nilthale nur aus der Ferne -betrachtet den Ein<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>druck des Malerischen hervorrufen. In der Nähe -lösen sich die Bilder in Schutt, Schmutz, Fetzen und Elend auf und wie -Nebelgestalten zerrinnen die zauberhaftesten Lichteffekte vor unsern -sehenden Augen zu glanz- und farblosen Tönen.</p> - -<p>Die Fahrt hinter dem „Flusse ohne Wasser“ oder dem <em class="gesperrt">Bahr-bela-ma</em>, -welche in einer kleinen halben Stunde zurückgelegt ist, entschädigt -reichlich für die toten Eindrücke inmitten der wenn auch kurzen Strecke -durch die Wüste. Das frische Leben voller Saft und Kraft einer mit -verschwenderischer Hand spendenden Natur tritt uns an jeder Stelle -entgegen, denn soweit das Auge bis zu den Bergzügen am Horizonte, -welche den Thalkessel des Faijum einschließen, zu reichen vermag, -allenthalben wird es durch den Anblick wundervoll grüner Ebenen mit -üppigstem Baumwuchs entzückt. Der Schienenweg durchzieht ein wahres -Eden und wir sind überrascht durch die wechselvollsten Bilder einer -nichts weniger als ägyptischen Landschaft. Allenthalben fließen -die Wasser zwischen den Feldern und Baumpflanzungen und von allen -Richtungen her tönt uns das Knarren gewaltiger Wasserräder entgegen. -Die Dörfer, aus ungebrannten Erdziegeln aufgeführt, bewahren allein -ihren ägyptischen Charakter, nur die Bewohner des gesegneten Ländchens -offenbaren in ihren Zügen einen besonderen Typus, der von dem echt -ägyptischen bemerkenswert absticht.</p> - -<p>Der Bahnhof der Hauptstadt der Oase des Faijum, Medineh, ist endlich -erreicht und der Zug fährt in die offene Halle ein, welche ein Holzbau -mit Satteldach überschattet. Der Zugang ist durch ein Holzgitter -abgesperrt und nach europäischem Muster fordert der Portier an der -Thür dem Reisenden die Fahrkarte ab. Wir sind dem stauberfüllten -Waggon mit einem „Gott seis gedankt!“ entstiegen und müssen uns nach -einem Esel umsehen, um den kurzen Weg nach der Stadt zurückzulegen. -Das Grautier ist leichter gefunden als bestiegen, denn die zerlumpten -hohen Sättel sind schlecht gegürtet und die Steigbügel, wenn solche -überhaupt vorhanden sind, haben ungleiche Länge. Mit Hilfe von zwei -Eseljungen sitzen wir endlich im<span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span> Sattel und haben Gelegenheit, ein -wenig aufzuatmen und die Umgebung des Bahnhofs näher zu betrachten. -Ein unentwirrbares Knäuel von tausend Dingen, alles in Staubwolken -eingehüllt, erschwert die Prüfung der Einzelheiten, nur soviel wird uns -klar, daß ein Güterschuppen fehlt und daß der Raum rechts und links -von den Schienen zur Aufspeicherung der ankommenden und abgehenden -Güter und Waren dient. Der Schienenweg selber bildet auch hier die -kürzeste Straße nach der Stadt, und Mensch und Tier wandern lustig -neben den rollenden Eisenbahnzügen einher, ohne daß Barrieren oder -Bahnwärter für die öffentliche Sicherheit Sorge trügen. Gott ist -barmherzig und mit Ihm, dem Retter, läßt sich alles wagen. Wir schlagen -den Seitenweg linker Hand ein und begrüßen bald den Josephskanal, -auf dessen Rücken beladene Schiffe dahinziehen. Hölzerne Brücken — -ein unerhörter Anblick im eigentlichen Nilthale — sind in kurzen -Entfernungen über den Kanal geschlagen, der mitten durch die Stadt -führt, um am entgegengesetzten Ende derselben an den letzten Häusern -vorüberzuziehen. Der Anblick hat hier etwas ungemein malerisches und -lohnt allein eine Reise nach dem Faijum. Die dunklen Häuserwände -auf der einen Seite des Kanals, die üppige Vegetation, und nicht am -letzten, wundervolles Palmengebüsch am andern Ufer sind wie für den -Dichter geschaffen und fesseln das entzückte Auge. Und weiter hinaus, -neben Feldern, Gärten und Gräberruinen zieht der Kanal seine Straße -dahin, um innerhalb eines großen ummauerten Beckens sein Ende zu finden -oder vielmehr um als Josephskanal seinen Namen zu verlieren. Schleusen -leiten seine angesammelte Wassermenge durch mehrere Kanäle dahin, die -über das ganze Faijum ihr Netz ausspannen und dem Hinterlande den -feuchten Segen der Fruchtbarkeit zuführen.</p> - -<p>Die Stadt selber, man merkt es ihr an, war weder schön noch ist sie -es jetzt, der echte morgenländische Charakter haftet ihr an, aber -sie scheint sich emporzuringen und ein wenig veredeln zu wollen. -Der Wohlstand hat sich einzelne aus weißen<span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span> Kalksteinblöcken -zusammengefügte Häuser geschaffen und das in Medineh angesessene -Europäertum, an ihrer Spitze die nie fehlende, überaus thätige, -schaffende und schachernde griechische Kolonie, hat sich auch beim -Bau ihrer Wohnstätten zu europäischen Mustern emporgeschwungen. -Selbst ein Gasthof mit griechischer Firma ist in den letzten Jahren -entstanden, und ich kann versichern, daß Zimmer und Verpflegung mehr -als bloß bescheidenen Ansprüchen genügen. Die eine Seite des Hauses -liegt sogar an einem breiten, aus dem Josephskanal abgeleiteten -Wasserbecken, an dessen Rändern männiglich seine Waschungen vollzieht -und sich ohne Rücksicht auf die vorüberziehenden Straßengänger in -höchster Ungeniertheit unter der Tagessonne badet. Die Bazare der -Stadt sind dunkel und schattig, die ausgelegten Waren vermögen nur den -Eingeborenen anzulocken und die Käufer sind bei weitem anziehender -in ihrem Gebahren beim Kaufen und Feilschen als der Kaufmann und -seine Bude. Da sitzen sechs Bauernweiber auf dem Erdboden vor dem -engen Laden eines Kastenmachers, klatschen in die Hände und singen -Freudenlieder dazu, weil ihr männlicher Beistand soeben den Kauf eines -buntangestrichenen Koffers als Hochzeitsgabe für eines der Weiblein -abgeschlossen hat. Es ist herzerfreuend derartigen Straßenscenen in -unserer verwöhnten Welt zu begegnen, und ich pflege gern stehen zu -bleiben, um den Unterhaltungen dieser ungeschminkten Naturmenschen zu -lauschen.</p> - -<p>Die Leute der Stadt bedienen sich nur bei weiteren Ausflügen des Esels, -seltener des Pferdes als Reittier. Die Einführung des <em class="gesperrt">Karro</em> -oder kleinrädrigen Lastwagens, der natürlich als Hauptstraße den -Schienenweg einschlägt, ist jungen Datums, aber geradezu unerhört ist -der Anblick eines zweirädrigen Vehikels, auf welchem ein griechischer -„Bauunternehmer“ seine Besorgungen in und außerhalb der Stadt zu -machen den Vorzug hat. Das Volk auf der Gasse starrt das Wundergefährt -mit großen Augen an und äußert darüber sein wohlbekanntes: „Was Gott -nicht alles geschehen läßt.“ Der Unternehmer zu Wagen ist nicht der -einzige in seiner<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> Art, denn es regt sich mächtig im Faijum und alle -Tage treten neue Schöpfungen zu Tage. Der fruchtbare Boden birgt Gold -in sich und jede Spekulation zur Ausbeutung desselben trägt ihren -reichlichen Gewinn. Sollte man es beispielsweise glauben, daß selbst -mit deutschem Gelde und durch deutsche Unternehmer von Medineh aus neue -Schienenwege in das Innere des Faijum gebaut worden sind? Das Herz -hüpfte mir vor Freude im Leibe, als ich diese Thatsache an Ort und -Stelle von allen Seiten bestätigt fand.</p> - -<p>Die Stadt Medineh, deren Einwohnerzahl mir aus dem Munde des Herrn -Bürgermeisters selber in kürzester Fassung auf 50 — er meinte -natürlich 50000 damit — angegeben worden ist, hat wie jede Stadt des -Morgenlandes ihre besonderen Merkwürdigkeiten, die dem ankommenden -wißbegierigen Fremden gern und willig gezeigt werden. Mit Vorliebe -führt man den Wandersmann von draußen nach einer verfallenen Moschee -am andern Ende der Stadt, dorthin, wo die schönste Aussicht ist, von -der ich oben gesprochen habe. Besagtes Gebäude, vor langem von dem -ägyptischen Sultan Kait Bey gegründet, ist mit Hilfe einer Reihe -antiker Marmorsäulen nebst ihren Kapitälen aufgeführt worden, die man -aus der nahegelegenen Ruinenstätte Arsinoe, der griechisch-ägyptischen -Vorgängerin von Medineh, hierher geschleppt hatte. Das wäre allerdings -nichts besonders Merkwürdiges, denn ähnliche Verwendungen antiken -Baumateriales finden sich in sonstigen Städten des Orients vor, das -Merkwürdige vielmehr besteht in einer weißen von grünen Flecken -durchzogenen Marmorsäule und ihrem Gegenüber, deren Farbe ich leider -vergessen habe. Beide Säulen haben die Eigenschaft eines medizinischen -Wunders. Man höre nur. Die Säule Nr. 1, an deren Fuße eine Menge -frisch ausgedrückter Limonen liegen, zeigte bis auf 4 Fuß Höhe eine -dicke Kruste heruntergelaufenen Menschenblutes. Auf meine Frage nach -dem Ursprunge dieses edlen Saftes wurde mir von meinen sämtlichen -mohammedanischen Begleitern die verbürgte Erklärung gegeben, daß -jene Säule<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> bis zur Stunde die Eigenschaft besitze, jede Art innerer -Krankheiten zu heilen. Das Rezept sei folgendes: Man zerdrücke an der -Säule eine Limone und lecke so lange auf der benetzten Fläche, bis das -klare Blut aus der Zunge an dem Marmor entlang läuft. Die Krankheit -weiche danach sofort, wie tausendfältige Kuren bewiesen hätten. Weniger -anstrengend ist die Kur an der Säule Nr. 2. Wer von Gliederschmerzen -und Rheumatismus geplagt sei, lege den Rücken an die Säule, reibe -ihn ein paarmal daran und — <span class="antiqua">probatum est</span>, die Heilung sei -augenblicklich vollbracht. Ich lobte und dankte Gott mit den Gläubigen -des Propheten und hütete mich wohlweislich, auch nur den mindesten -Zweifel an der Heilkraft der beiden medizinischen Säulen auszusprechen.</p> - -<p>Die heutige Stadt Medineh an den Wassern des Josephkanals ist die -modernste Auflage ihrer älteren und ältesten Vorgängerin Krokodilopolis -oder „der Krokodilstadt“, die einer der Ptolemäer nach dem Namen -seiner Schwester in Arsinoe umtaufte. Die älteste Stadt befand sich -etwa eine halbe Stunde nördlich von dem heutigen Orte, die folgenden -Ansiedlungen aus den Zeiten der späteren Pharaonen, der Perser, -Griechen, Römer, Kopten und Araber bauten sich in der Richtung nach -Süden bis in die Nähe des jetzigen Medineh auf. Die Trümmerstätte -aller dieser untergegangenen Städte mit ihren Tempeln, Wohngebäuden, -öffentlichen Werken, Säulen, Statuen und allen Erzeugnissen der Kunst -und Industrie bis zu den beschriebenen Papyri hin, ist heutzutage von -mächtigem Umfang. Ich brauchte volle anderthalb Stunden, um sie in -ziemlich schnellem Schritte zu umgehen. Nicht weniger als dreizehn -hohe Berge von Schutthaufen, von denen ein jeder seinen eigenen -Namen bei den Einwohnern von Medineh führt, erheben sich auf dem -mit Scherben und Bauresten bedeckten Boden der Vorzeit und täglich -treten neue Funde zu Tage, welche der Zufall oder Ausgrabungen -aufdecken. Der Handel mit Altertümern ist daher an Ort und Stelle -in Schwung und ich darf mit vollem Rechte behaupten, daß<span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> sogar der -größte Teil der in den Hauptstädten Ägyptens, besonders in Kairo -und Alexandrien, feilgebotenen Antiken, vor allem in Töpferware -und Papyri, seinen Ursprung aus dieser Ruinenstätte herleitet. Daß -seltsame Verwechselungen bei der Abschätzung der gewonnenen Funde -vorkommen, mag folgendes Beispiel lehren. Bei meinem Besuche der -Ruinen näherten sich meiner Person zwei wohlgekleidete Bürger in -langem Kaftan und weißem Turban, von denen der jüngere in seiner Hand -einen zierlich in ein weißes Tuch eingewickelten Gegenstand trug. Nach -gegenseitiger Begrüßung machten sie mir den Vorschlag, gegen eine -Barzahlung von 10 Pfund Sterling in Gold, das sind 200 Mark, eine in -ihrem Besitze befindliche höchst wertvolle Antike zu erwerben. Es -fehlte wenig, daß ich in ein helles Lachen ausgebrochen wäre, nachdem -es sich herausstellte, daß der teure Schatz aus ältester Vorzeit -nichts mehr und nichts weniger als die Hälfte eines zerbrochenen -kleinen Porzellanengels war, wie man ihn auf unsern Jahrmärkten für -10 Pfennige erstehen kann. Ich bedauerte mit verbindlichstem Danke -keine Verwendung für das seltene Kleinod zu haben und wir segneten -uns beim gegenseitigen Abschied voneinander. Derartigen Mißgriffen -begegnet man häufig bei den Eingeborenen, ohne daß man bei ihnen -beabsichtigte Täuschung voraussetzen dürfte. Es fehlt ihnen aber jede -Vorbildung, um den Unterschied zwischen Altem und Modernem heraus zu -erkennen, sobald es sich um Gegenstände außerhalb ihrer gewöhnlichen -Anschauungssphäre handelt. Da lobe ich mir Meister <em class="gesperrt">Mahmud</em> in -der ehrsamen Stadt Medineh, den lustigsten aller Antiquare, den ich -je in der Welt gesehen. Sein Haus, inmitten der Stadt gelegen, ist -eine wahre Fundgrube für den Altertumsforscher, denn alles, was dem -Bauernvolke und den Städtern auf der weit ausgedehnten Ruinenstätte -an Antiken in die Hände fällt, wandert sofort in das Museum Meisters -<em class="gesperrt">Mahmud</em>. Es ist wahr, der biedere Mann kann weder schreiben noch -lesen, aber er hat einen ausgezeichneten Kennerblick für das Echte -und Gute und hält die ganze<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> ägyptische Mythologie wie am Schnürchen. -Freilich hat er sich seine eigene Terminologie zurechtgelegt, aber -man versteht sie, sobald man nur eine halbe Stunde mit ihm verkehrt -hat. Allerdings sind seine Sammlungen nicht geordnet, denn die Antiken -bedecken haufenweise den Fußboden und die langen Tischbretter, aber -er weiß die Hauptsachen mit seinen zwickernden Augen zu finden und -herauszufischen und den uneingeweihten Reisenden nebenbei durch sein -scheinbar unverfängliches Wesen arg zu täuschen. Zwischen den echten -Dingen blenden wunderbar glänzende Nachahmungen durch ihre seltsamen -Darstellungen in Begleitung uralter Königsnamen und gerade für diese -Werke der modern arabischen Kunstfertigkeit findet Mahmud die meisten -Abnehmer zu den höchsten Preisen. Natürlich giebt er vor, nichts -darüber zu wissen, aber er verrät sich selber, denn ein schelmisches -Lächeln umspielt seinen Mund, wenn er einen willigen Käufer gefunden zu -haben glaubt. Das gehört einmal zum Leben der Großstadt, zu welcher das -moderne Arsinoe emporzusteigen ganz ernste Anläufe nimmt. Wie wäre es -z. B. sonst möglich, daß über vielen Kaufläden und Hausthüren Schilder -mit Namen und Titeln prangen, die neben dem Arabischen die Umschrift -und Übersetzung in das Französische und Englische erkennen lassen, -obgleich ich keinen einzigen Franzosen und Engländer, nicht einmal -eine englische Rotjacke, in Medineh zu Gesicht bekommen habe. Offenbar -bereitet man sich für die Zukunft vor, ohne sich vorläufig weder für -den einen, noch für den anderen zu entscheiden.</p> - -<p>Es hält schwer in der ersten Nacht seines Weilens in Medineh sich -eines ruhigen Schlafes zu erfreuen, denn die Wasser rauschen, die -Schöpfräder knarren, die Hunde bellen und die Wächter führen so laute -Unterhaltungen vor den Häusern, daß es ein wahres Kunststück ist, -die Augen in den ersten Stunden der Nacht schließen zu können. Die -nächtliche Kühle macht sich hier mehr als sonst in dem Lande der -Ägypter fühlbar und es empfiehlt sich daher, sich durch warme Decken -zu schützen. Das Klima ist im übrigen vorzüglich, die Sommer<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>hitze -nicht übermäßig stark und die heißen Südwinde, die sogenannten -Chamsin, sind ein unbekanntes Ding. Haben die Leute von Stande, mit -denen ich zu verkehren Gelegenheit fand, wahr geredet, so wären -ansteckende Krankheiten, wie Cholera und Pest, niemals in das Faijum -eingezogen. Ob auch die Influenza vor Illahun Halt gemacht hat, -habe ich nicht erfahren können, obgleich sie im ganzen Nilthale, -wenn auch in milder Form, vorläufig wenigstens, bei Jung und Alt -aufgetreten ist. Rechnet man noch die Rosengärten, Weinberge und -Obstbaumanpflanzungen zu den Wohlthaten der menschlichen Existenz, -so ließe es sich im Faijum herrlich und in Freuden leben. Vorläufig -hat der Zug der Reisenden sich bisher wenig nach dem Faijum gelenkt. -Gewöhnlich sind es die Jagdliebhaber, welche die Richtung über Medineh -nach dem Hörnersee einschlagen, um Hyänen, Schakale, Luchse, wilde -Katzen oder sonstiges Raubzeug zu schießen, oder auf Wasservögel zu -jagen und die wohlschmeckenden Fische im See zu fangen, die mit den -Nilfischen keinerlei Verwandtschaft zeigen sollen. Soll ich vollständig -in meinem Berichte über das Faijum sein, so darf ich nicht vergessen, -daß sogar die Aussprache des Arabischen für mein Gehör dialektische -Verschiedenheiten von der Kairenser Sprache darbietet und daß, nebenbei -bemerkt, die Bewohner des Faijum sich einer Redefülle befleißigen, die -mit frommen und erbaulichen Phrasen gespickt ist. In den Gebräuchen -bei öffentlichen Aufzügen, wie bei Hochzeiten, Beschneidungen und -Bestattungen offenbaren sich gleichfalls Verschiedenheiten von den -Sitten bei den übrigen Ägyptern. Alles in allem lohnt es sich, einen -Abstecher nach dem Faijum von Kairo aus zu unternehmen, um sich von -der Eigenart dieser Oase und ihrer Bewohner durch den Augenschein zu -überzeugen. Wer den Versuch machen will, wird sich reichlich belohnt -fühlen, doch vergesse er nicht, sich mit ausreichenden Geldmitteln zu -versehen. Auch im Faijum giebt es keine billige Zeit mehr und an den -gesegneten Ufern des Josephskanals kennt man so gut wie in Kairo nur<span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> -hohe und höchste Preise. Der Fremde ist eben nur dazu da, um weidlich -ausgeplündert zu werden.</p> - -<p>Bei meiner Abreise von Medineh genoß ich auf einer Bank vor -dem bescheidenen Bahnhofsgebäude sitzend, noch eines rührenden -Schauspieles. Der Zug wurde in fünf Minuten erwartet und das -einheimische Volk mit seinen Bündeln auf dem Rücken belagerte -bereits die Eingangsthür des hölzernen Gitterverschlages. Da saßen -in gemächlicher Ruhe sechs tief verhüllte Weiber auf dem staubigen -Boden mitten zwischen den Schienen, auf welchen der erwartete Zug in -der nächsten Minute eintreffen sollte, scheinbar unbekümmert um ihr -nächstes Schicksal. Zum Glück bemerkte ein Wärter noch rechtzeitig -das Gefahrdrohende ihrer Lage. „O ihr Weiber,“ herrschte er sie mit -keifender Stimme an, „steht auf, steht auf, denn der Zug wird gleich da -sein.“ — „Darum sitzen wir hier, um ihn nicht zu versäumen,“ erwiderte -eine der verhüllten Schönen. Das Pfeifen der bereits heranbrausenden -Lokomotive belehrte sie eines Besseren, sie räumten eiligst das Feld -und der Zug zog langsam in die kleine Halle ein. Ich drückte mein -Erstaunen über die unglaubliche Bahnfreiheit dem Herrn Inspektor -aus. Mit aller Ruhe gab er mir die trostreiche Antwort zurück: „Es -schadet dir ja nichts, mein Herr, und was willst du, die Weiber sind -eben wie das liebe Vieh, das die Gefahr erst merkt, wenn sie ihnen -vor der Nase steht. Und Gott ist barmherzig. Wir haben bisher kein -Unglück zu beklagen gehabt.“ Mir ging die Sache über den Spaß, ich -drehte den rauschenden Wassern den Rücken zu, bestieg mein Coupé, in -welchem ein zerlumpter Junge mit einem Flederwisch die Staubdecke von -den Lederkissen säuberte, und empfahl meine Seele dem Allerbarmer. -Glücklich und wohlbewahrt langte ich mit geschwärztem Gesicht abends 7 -Uhr pünktlich auf dem Bahnhofe Bulak ed-dakrur auf der linken Nilseite -in der Chalifenstadt an.</p> - -<p class="s5 center mtop2 mbot3"><em class="gesperrt">Ende</em>.</p> - -<div class="reklame" id="Helios_Klassiker_Ausgaben"> - <div class="reklame1"> - <div class="reklame2"> -<div class="inhalt"> - -<p class="s2 center"><b>Helios-Klassiker-Ausgaben.</b></p> - -<p class="s5 center"><span class="antiqua">L.</span> = biegsamer -Leinenband.</p> - -<p class="s5 center mbot2"><span class="antiqua">Ld.</span> = biegsamer -Lederband mit Goldschnitt.</p> - -<p><b>Börnes</b> gesammelte Schriften. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—</p> - -<p><b>Byrons</b> sämtliche Werke. 3 Bände <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—</p> - -<p><b>Chamissos</b> sämtl. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -7.—</p> - -<p>— poetische und erzählende Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.25.</p> - -<p><b>Eichendorffs</b> ges. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -7.—</p> - -<p><b>Gaudys</b> ausgewählte Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p> - -<p><b>Geibels</b> ausgew. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -7.—</p> - -<p><b>Goethes</b> Werke in 4 Hauptbänden. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -14.—</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>Preis der Ergänzungsbände (bisher 4 erschienen) in <span class="antiqua">L.</span> je M. -1.25, in <span class="antiqua">Ld.</span> je M. 3.50.</p></div> - -<p><b>Grabbes</b> sämtliche Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p> - -<p><b>Grillparzers</b> sämtl. Werke. 3 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> -M. 10.—</p> - -<p><b>Hauffs</b> sämtliche Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -8.—</p> - -<p><b>Hebbels</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -14.—</p> - -<div class="blockquot"> - -<p>2 Ergänzungs-Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 7.—</p></div> - -<p><b>Heines</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -14.—</p> - -<p><b>Herders</b> ausgewählte Werke. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—</p> - -<p><b>Kleists</b> sämtliche Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -3.75.</p> - -<p><b>Körners</b> sämtliche Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.40, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -3.50.</p> - -<p><b>Lenaus</b> sämtliche Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -3.75.</p> - -<p><b>Lessings</b> Werke. 3 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 10.—</p> - -<p>— poetische und dramatische Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.75.</p> - -<p><b>Longfellows</b> sämtliche poetische Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p> - -<p><b>Ludwigs</b> ausgewählte Werke. 1 Bd. <span class="antiqua">L.</span> M. 1.75, <span class="antiqua">Ld.</span> -M. 4.—</p> - -<p><b>Miltons</b> poetische Werke. 1 Band. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.—</p> - -<p><b>Molières</b> sämtliche Werke. 2 Bände. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50.</p> - -<p><b>Mörikes</b> sämtliche Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -7.—</p> - -<p><b>Reuters</b> sämtliche Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 6.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -14.—</p> - -<p>— ausgewählte Werke. 2 Bände <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. 8.—</p> - -<p><b>Rückerts</b> ausgew. Werke. 3 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -10.—</p> - -<p><b>Schillers</b> sämtl. Werke. 4 Hauptbde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, -<span class="antiqua">Ld.</span> M. 14.—</p> - -<p>— — 4 Hauptbde. u. 2 Ergänz.-Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 7.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -20.—</p> - -<p><b>Shakespeares</b> sämtl. dram. Werke. 4 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 5.—, -<span class="antiqua">Ld.</span> M. 14.—</p> - -<p><b>Stifters</b> ausgew. Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 3.50, <span class="antiqua">Ld.</span> M. -7.—</p> - -<p><b>Uhlands</b> gesammelte Werke. 2 Bde. <span class="antiqua">L.</span> M. 2.50, <span class="antiqua">Ld.</span> -M. 7.—</p> - -</div> - </div> - </div> -</div> - -<div class="reklame"> - <div class="reklame1"> -<div class="inhalt"> - -<p class="s2 center"><b>Aus Ph. Reclams Universal-Bibliothek.</b></p> - -<p class="s5 center bdb">Preis jeder Nummer 20 Pfennig.</p> - -<p class="padtop1"><b>Alt</b>, Das Klima. Nr. 5431/32. Geb. 80 Pf. In Leder oder -Pergament M. 1.80.</p> - -<p><b>Brugsch-Pascha</b>, Aus dem Morgenlande. Altes und Neues. Nr. -3151/52. Geb. 80 Pf.</p> - -<p><b>Fallmerayer</b>, Der heilige Berg Athos. Schilderung. Nr. 5048.</p> - -<p><b>Forster</b>, Ansichten vom Niederrhein, von Brabant, Flandern, -Holland, England und Frankreich im April, Mai und Junius 1790. Nr. -4729/30. 4731/32. 4733/34. Zusammen geb. M. 1.75.</p> - -<p><b>Günther</b>, Geschichte der Naturwissenschaften. Nr. 5069/70. -5071–74. Zus. geb. M. 1.50. In Leder oder Pergament M. 3.—.</p> - -<p><b>Haeckel</b>, Natur und Mensch. Nr. 5404/5. Geb. 80 Pf. In Leder -oder Pergament M. 1.80.</p> - -<p><b>Humboldt</b>, Ansichten der Natur. Nr. 2948–50. Geb. M. 1.—.</p> - -<p><b>Katscher</b>, Aus China. Skizzen u. Bilder. Nr. 2256. 4131.</p> - -<p><b>Kennan</b>, Zeltleben in Sibirien und Abenteuer bei den Korjäken -und anderen Stämmen Kamtschatkas und Nordasiens. Nr. 2795–97. Geb. -M. 1.—.</p> - -<p>— Sibirien. Schilderungen. Nr. 2741/42. 2775/76. 2883. Geb. M. -1.50.</p> - -<p>— Russische Gefängnisse. Schilderungen. Nr. 2924. Geb. 60 Pf.</p> - -<p><b>Pahde</b>, Meereskunde. Nr. 5632–34. Geb. M. 1.—. In Leder oder -Pergament M. 2—.</p> - -<p><b>Stanley</b>, Wie ich Livingstone fand. Reisen, Abenteuer und -Entdeckungen in Zentral-Afrika. Mit einer Karte. Nr. 2909–13. Geb. -M. 1.50.</p> - -<p><b>Wieleitner</b>, Schnee und Eis der Erde. Nr. 5521–23. Geb. M. -1.—. In Leder oder Pergament M. 2.—.</p> - -<p><b>Woenig</b>, Am Nil. Bilder aus der Kulturgeschichte des alten -Ägyptens 3000–1000 v. Chr. Nr. 2888. 3084. 3837.</p> - -<p>— „Hej, die Pußta!“ Bilder aus der ungarischen Tiefebene. Nr. 3633.</p> - -</div> - </div> -</div> - -<div class="reklame"> - -<p class="s1 center"><b class="s2">Reclams</b><br /> -<b class="s2">Universum</b></p> - -<div class="schmal"> - -<p class="s2 center"><b>Moderne illustrierte Wochenschrift</b></p> - -<p class="p0 s4"><b>Reicher Inhalt und vornehme Ausstattung haben Reclams Universum zu der -anerkannten Lieblingszeitschrift der gebildeten Gesellschaftskreise -des In- und Auslandes gemacht! Reclams Universum bietet seinen Lesern -neben spannenden Romanen und Novellen erster Autoren und interessanten -illustrierten Artikeln aus allen Wissensgebieten eine aktuelle reich -illustrierte Weltrundschau, ferner drei wertvolle Beilagen: „Für unsere -Frauen“ — „Wissen und Leben“ — „Romanbibliothek“ und prachtvolle zum -Teil mehrfarbige Kunstblätter.</b></p> - -</div> - -<p class="s3 center"><b>Vierteljahrspreis</b></p> - -<p class="center"><b>ohne Zustellungsgebühr für 13 Hefte in Deutschland 4 Mk. Bei -Kreuzbandsendung nach den übrigen Ländern einschl. Porto 8 Mk. Die auf -feinstes Papier gedruckte Luxusausgabe kostet ohne Zustellungsgebühr -vierteljährlich 6 Mk.</b></p> - -<p class="s3 center"><b>Probehefte geg. Einsend. von 20 Pf. Porto direkt vom Verlag von Philipp -Reclam jun. in Leipzig</b></p> - -</div> - -<hr class="r65" /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Aus dem Morgenlande, by Heinrich Brugsch - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUS DEM MORGENLANDE *** - -***** This file should be named 60501-h.htm or 60501-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/0/5/0/60501/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. 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It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> diff --git a/old/60501-h/images/cover.jpg b/old/60501-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 614dba2..0000000 --- a/old/60501-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/frontispiz.jpg b/old/60501-h/images/frontispiz.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 9010b4d..0000000 --- a/old/60501-h/images/frontispiz.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-149.jpg b/old/60501-h/images/illu-149.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index e112022..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-149.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-150.jpg b/old/60501-h/images/illu-150.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index dee854f..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-150.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-153.jpg b/old/60501-h/images/illu-153.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index abe5c1c..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-153.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-156a.jpg b/old/60501-h/images/illu-156a.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index eff61b1..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-156a.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-156b.jpg b/old/60501-h/images/illu-156b.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index b75758c..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-156b.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-160.jpg b/old/60501-h/images/illu-160.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a175569..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-160.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/illu-170.jpg b/old/60501-h/images/illu-170.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 82c6701..0000000 --- a/old/60501-h/images/illu-170.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/60501-h/images/quadrat.jpg b/old/60501-h/images/quadrat.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index a833f3b..0000000 --- a/old/60501-h/images/quadrat.jpg +++ /dev/null |
